Lyonel Athen, Strategiechef der weltweit agierenden Winter Media Holding, hätte an diesem Tag im Bett bleiben sollen. Zunächst findet er den abgetrennten Kopf eines Menschen, nur Stunden später gerät er erneut in ein schweres Verbrechen. Zwar wurde er bislang in der Öffentlichkeit und in Kreisen der Polizei als Held gefeiert, doch die Freude währt nicht lang. Die Stimmung schlägt um, der Vorwurf von massiven Steuervergehen hängt in der Luft. Schlimmer noch: Lyonel wird sogar des Kindesmissbrauchs bezichtigt und steht zeitweise unter Mordverdacht. Sofort stellen die Medien ihn an den Pranger. Die von Missgunst und Neid genährte Kampagne zeigt rasch Wirkung. Nur seine Frau und sein engster Mitarbeiter halten noch zu ihm, aber auch ihre Liebe und Loyalität werden auf eine harte Probe gestellt. Doch Hauptkommissar Lassalle und sein Assistent müssen vorurteilsfrei ermitteln, auch wenn mehrere Spuren auf Lyonel verweisen. Stimmen die öffentlich erhobenen Vorwürfe? Steuerhinterziehung? Kindesmissbrauch? Mord? Und wer war der Mörder, wenn nicht Lyonel?

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ISBN: 978-9925-33-190-1

Seiten: 340

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Urs Freinsheimer

Urs Freinsheimer studierte in München sowie den USA. Nach seiner Promotion arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent in Hamburg, ehe er für mehrere Jahre zu einer führenden internationalen Managementberatung wechselte. Anschließend war er Strategiechef eines globalen Medienunternehmens. Seit 2006 führt er sein eigenes Unternehmen. Urs Freinsheimer, der nun in Thüringen wohnt, hat mehrere wissenschaftliche Publikationen und Sachbücher verfasst, bevor er sich dem Kriminalroman zuwandte. „Option auf den Tod“ (erschienen im April 2018) ist der erste Band einer Reihe, die auch auf den Lebenserfahrungen des Autors beruht. Das zweite Buch, „Teamwork“ (erschienen im April 2019), spielt in Wien und beschäftigt sich mit der schillernden Welt der Unternehmensberater. Der dritte Band der Reihe um Hauptkommissar Lassalle, „Deal ist Deal“ (erschienen im Juli 2019), handelt u. a. von einer Geiselnahme in einem Kindergarten. Ebenfalls abgeschlossen sind die Romane „Vierzehnheiligen“ (Erscheinungstermin bei bookshouse im März 2020) sowie „Sieben Wunder“ (Mai 2020).

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Kapitel 1
Weimar, Villa Carla
Donnerstag, 3. Januar 2008, 05:00 Uhr früh

»Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr.« Lyonel stöhnte wie ein drittklassiger Filmkomparse.
   »Aber Chérie, du hast die Welt noch nie verstanden.« Carla lächelte.
   »Philosophie, so früh am Morgen?« Er sah auf. Ihr langes brünettes Haar war noch zerzaust von der kurzen Nacht. Einige Locken fielen frech in ihr Gesicht. Müde und nach vorn gebeugt, aber wie immer bereit zu einem kecken Wortgefecht, saß sie am Frühstückstisch, ihre obligatorische Tasse Café au Lait zwischen ihren schlanken Fingern. »Du bist wunderschön, Carla, weißt du das eigentlich?«
   »Ich? Ehrlich? Nein, das wusste ich natürlich nicht. Hätte mir ja auch mal jemand früher sagen können …«
   »Früher als fünf Uhr morgens?«
   Sie spitzte die Lippen und setzte zu einer weiteren Antwort an, als es klingelte. Carla blickte auf ihre Uhr. »Das muss Isabella sein.«
   »Wer sonst würde es wohl wagen, um diese Zeit bei uns zu klingeln, mein Schatz?«
   »Kann ich ihr so aufmachen? Ich meine, in Nachthemd und Bademantel und ungeschminkt? Du bist geduscht, hast dein schickes weißes Leinenhemd aus Litauen an und bist sogar schon schlecht rasiert. Respekt.«
   Lyonel war noch zu müde für innereheliche Flirts. »Ich geh ja schon.« Leidlich resigniert stellte er seinen Cappuccino zur Seite und schlurfte zur alten hölzernen Eingangstür ihrer Villa. Er schob den schweren Riegel zur Seite und schloss auf.
   Wie erwartet stand Carlas Assistentin vor ihm. »Guten Morgen, Isabella.«
   »Guten Morgen, Lyonel. Und nochmals Entschuldigung, dass ich so früh störe. Und vielen, vielen Dank, dass Sie mich fahren. Und dass Sie keine Witze über mich machen, weil ich immer noch keinen Führerschein habe. Und das mit 28 Jahren. O mein Gott. Und dass Sie keine bösen Bemerkungen machen, dass es noch so früh ist. Oder schon so spät, je nachdem. Ich weiß dies alles sehr zu schätzen, dass Sie Ihrer Frau all das versprochen haben. Ganz ehrlich. Und das Versprechen gilt doch bestimmt auch für mich, ja? Ja klar, sonst würde es ja keinen Sinn machen. So, jetzt habe ich aber genug geredet, oder? O nein, ich habe wahrscheinlich sogar schon viel zu viel geredet, vor allem, wenn man die Uhrzeit bedenkt und …«
   »Erst ’nen Kaffee, oder geht’s gleich los, Isabella? Wir können auch unterwegs weiterreden. Kein Problem.«
   »Ich würde gern meine Chefin kurz begrüßen, natürlich nur, wenn sie bereits wach ist und mich um diese Uhrzeit schon empfangen kann, wenngleich es mir selbstverständlich auch nichts ausmachen würde, falls …«
   »Lassen Sie uns erst die Ausrüstung in den Wagen laden, dann sehen wir weiter, ja?« Lyonel hatte Isabellas Fotoausrüstung bereits am Tag zuvor bei ihr zu Hause abgeholt und in der Villa Carla hinter dem Eingang verstaut, um Zeit zu sparen, wie Carla es nannte. Warum er nicht einfach heute früh zu Isabella fahren und sie samt Ausrüstung schlichtweg abholen konnte, blieb ihm allerdings ein Rätsel. Frauenlogik. Wahrscheinlich, damit er morgens um fünf Uhr nicht über sie herfiel, wenn er mal einen Tag frei hatte? Ohne zu murren, trug er die Kameratasche, das Stativ, die Beleuchtung, den Akku und diverse Taschen zu seinem Porsche Cayenne und verstaute alles in dem geräumigen Kofferraum, als Carla die Treppe herunterkam.
   »Bonjour Isabella. Geht es dir gut? Dein großer Tag heute, ja?« Sie begrüßte ihre Mitarbeiterin freundlich wie immer.
   Lyonel sah seine Frau erstaunt an. Sie trug nun eine Designerjeans, eine weiße Bluse, hatte die Haare gekämmt und sah aus wie das blühende Leben. Wie machte sie das nur? Das waren allenfalls drei Minuten. Maximal vier oder fünf.
   »Bonjour, Carla. Danke, sehr gut. Und vielen Dank nochmals, dass Lyonel mich fährt …«
   »Ach, das macht er doch gern. Er hat heute frei, und man kennt ja die Männer. Sie müssen immer irgendetwas tun. Nicht wahr, mein Schatz?«
   »Ich kann euch hören«, sagte Lyonel, während er vier Tragetaschen auf einmal nach draußen trug und sich in seiner halb offenen gefütterten Jacke mit Handschuhen und Mütze fast wie ein Soldat an der Isonzofront fühlte, während die Damen im Entrée standen und ihm amüsiert beim Arbeiten zusahen. »Außerdem hat Isabella mir vor Kurzem bei einem Deal geholfen und ein extrem wichtiges italienisches Dokument für uns übersetzt. Danke nochmals dafür. Das war sehr hilfreich. So, die letzten Beutel mit den Taschenlampen sind auch verstaut. On y va?« Lyonel gab seiner Frau ein Küsschen, prüfte, ob er seine beiden Blackberrys und seine Schlüssel für zu Hause und das Büro dabeihatte, und öffnete Isabella die Beifahrertür seines Porsche-SUV, den er wie immer vor dem Hauseingang im Hof geparkt hatte.
   Sie bedankte sich mit einem gehauchten Merci für die Aufmerksamkeit zu dieser Uhrzeit. Wie so oft beneidete Lyonel andere Völker um ihre vielen kleinen Höflichkeitsfloskeln, die das Leben alles in allem angenehmer machten.
   Wie immer überlegte er sorgfältig, welche Musik er für die Fahrt auswählen sollte, und seien es auch nur die paar Kilometer von Weimar nach Kromsdorf. Eros, weil eine Frau mit einem italienischen Vornamen neben ihm saß? Nein, für Eros war es eindeutig zu kalt. Die Stones? Definitiv noch zu früh für Keith. Auch für alle echten Blueser. B. B. King und die anderen schliefen noch tief und fest, malte er sich aus. Queen? Queen ging immer. Er wählte die Live Killers, um wacher zu werden.
   Isabella wischte ihre langen Haare nach hinten, schnallte sich an und prüfte im Make-up-Spiegel ihr Aussehen. Anfang Januar. Zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Bei Eiseskälte. In vielerlei Hinsicht kam ihm Isabella wie die junge Carla vor. Wieder einmal eine Professorin, die ein jüngeres Ich um sich herumhaben wollte. Na ja, war letzten Endes auch nicht ganz verkehrt. Und sie waren per Du und verstanden sich blendend, gerade weil sie sich so ähnlich waren. Allerdings würde das unweigerlich bedeuten, dass Isabella mit der Schilderung ihres neuen Forschungsprojektes beginnen würde, noch ehe sie aus der Einfahrt heraus waren. Er schmunzelte.
   »… wissen wir, dass die meisten der vierundsechzig Porträtbüsten nicht von Mortaigne stammen, sondern eher von seinem wohlhabenderen Nachfolger Herzog Wilhelm Ernst. Mortaigne hat zwar die Nischen für die Büsten in Auftrag gegeben, als er 1666 den Schlosspark umgestalten ließ, aber wahrscheinlich hat sie erst sein Nachfolger anfertigen lassen. Zumindest die meisten von ihnen. Demnach stammen diese eher aus der Zeit zwischen 1692 und 1728. Spannend, oder?« Sie machte eine kurze Pause. Auch Isabella musste irgendwann einmal Luft holen, so viel war sicher.
   Lyonel grunzte zustimmend.
   »Es handelt sich insgesamt um 64 Sandsteinbüsten, 32 Europäer und 32 Orientalen.«
   »Hm …«
   »Lyonel, was denken Sie, wessen Büste da steht?«
   Nach dieser gezielten Frage fühlte sich Lyonel zu einer Antwort genötigt, wollte er nicht wie ein germanischer Barbar erscheinen. »Ende des 17. Jahrhunderts, sagen Sie? Na, dann werden es wahrscheinlich viele Regenten ab der Reformationszeit sein und schwerpunktmäßig auch Feldherren aus dem Dreißigjährigen Krieg, schätze ich. Also Karl V., Gustav II. Adolf von Schweden und Wallenstein, vermutlich. Bei den Europäern werden es wohl Büsten sein, die nach den Stichen der Zeit entstanden sind, bei den Exoten wie die Erste Sultanin oder die Türkische Edeldame aus dem Serial eher stereotype Darstellungen, richtig?«
   »Ha, Lyonel, Sie haben wohl immer heimlich Carlas Vorlesungsmanuskripte gelesen? Sie kennen sich ja ziemlich gut aus in der Geschichte, dafür, dass Sie nur Manager sind.«
   Lyonel warf ihr vom Fahrersitz aus einen ironischen Blick zu. »Sehr wohl, Miss Isabella. Wenn Sie mir nur sagen, wo ich nachher die Kisten hintragen soll? Uns schlichten Managergemütern muss man immer alles diktieren.«
   »Pardon, so war das nicht gemeint.«
   Lyonel lachte. »Keine Sorge. Ich dreh schon nicht um. Und die Büsten interessieren mich wirklich. Als Carla und ich direkt nach der Wende nach Weimar kamen, führte uns einer der ersten Spaziergänge in den Park von Kromsdorf. Wir staunten wirklich nicht schlecht, als wir die Anlage sahen, zumal wir vorher niemals etwas davon gehört hatten.«
   »Was man noch sagen muss, es sind sehr viel mehr Männer als Frauen, was für damalige Verhältnisse natürlich verständlich ist …«
   »Wir können ja einige austauschen, Isabella …«
   »Bloß nicht. Einige sind von Napoleons Truppen beschädigt worden, andere wurden sogar verschleppt. Ein Wahnsinnsaufwand, die Büsten wiederzufinden und zu restaurieren«, sagte sie, als müsste sie täglich selbst Hand anlegen und die abgeschlagenen Nasen wieder anfügen. »Diese Köpfe sind einzigartig in unserer Region, ach was, in ganz Thüringen. Und in dieser Form vielleicht sogar in Deutschland – aber dazu benötigt man weitere detaillierte Forschungen.« Während ihrer wortreichen Ausführungen fuchtelte sie, wie es Lyonel schon häufiger bei ihr beobachtet hatte, wild mit den Händen durch die Luft, als müsste sie die Bedeutung des Gesagten unbedingt auf diese Weise unterstreichen.
   »Hm.« Hoffentlich löste ihr Gefuchtel die Airbags nicht aus.
   Isabella nahm das Brummen als Aufforderung, ohne Punkt und Komma weiterzureden. Sie würde bestimmt einmal eine hervorragende Professorin, wenn sie groß war. Lyonel grinste. Er war zutiefst davon überzeugt, dass man erst ab sechs Uhr früh und bis dreiundzwanzig Uhr vollends politisch korrekt sein müsste.
   Sie erreichten die Stadtgrenze, sodass er beschleunigen konnte.
   »Ich liebe deutsche Autos«, sagte Isabella ohne Überleitung. »Sie sind schnell, sehen chic aus und sind super verarbeitet. Nichts klappert. Und wie der die Spur hält bei diesem Wetter. Bravo! Und du hast sogar meinen Derrière angewärmt, wie aufmerksam. Ich werde auch reich heiraten wie Carla. Apropos, hast du einen Bruder, Lyonel?«
   »Schon, aber den willst du nicht wirklich haben. Glaub es mir einfach«, kam es barscher zurück als beabsichtigt. »’Tschuldigung, Isabella, war nicht böse gemeint«, fügte er kleinlaut hinzu. Im Hinterkopf registrierte er, dass sie sich von nun an wohl duzten. In Thüringen wechselten die Menschen ohnehin oft zwischen Du und Sie.
   »Familie eben, verstehe schon. Das ist auf der ganzen Welt dasselbe. Oh, sieh, wir sind gleich da.«
   Elegant bog Lyonel auf den Parkplatz ein. Vor ihnen lag das alte Rittergut von Kromsdorf. Das Haupthaus war leidlich gut erhalten und Anfang der neunziger Jahre restauriert worden, wie so viele historische Gebäude in den neuen Ländern. Das Anwesen öffnete sich zum riesigen Park hin mit seinem wunderbaren alten Baumbestand. Die Sensation aber war die Mauer, die den Park von drei Seiten umrahmte. Etwas über hundert Meter lang an beiden Seiten und fast genauso breit an der Stirnseite. Isabella würde es wahrscheinlich auf den Zentimeter genau wissen.
   In jede Mauer waren Nischen eingelassen, vierundsechzig insgesamt. Von seinen Spaziergängen mit Carla erinnerte er sich, dass einige der Büsten fast zu groß für ihre Nische waren. Jedenfalls stießen die Figuren mit ihren Haaren oder Hüten bis an die Decke ihrer kleinen Behausung, was auf den modernen Betrachter unfreiwillig komisch wirkte.
   Früher war er oft mit Carla hier spazieren gegangen, meist den Goetheweg hinüber nach Tiefurt, entlang der Ilm, durch eine malerische Landschaft, manchmal sogar bis Weimar. Hier eine allein stehende alte Eiche, dort eine malerische Flussbiegung, hier eine kleine steinerne Brücke, dort eine Statue von Nike im Wald. Natürlich hatten sie auch die Büsten im Park von Kromsdorf mehrfach betrachtet und sich angeregt darüber unterhalten, vor allem über die Exoten. Aber intensiv beschäftigt hatte sich keiner von ihnen damit, bis Isabella herausfand, dass die Wissenschaft viel zu wenig über die kuriose Anlage wusste. Erst vor Kurzem waren die Büsten systematisch erfasst worden. »Du hast dir also fest vorgenommen, das Geheimnis von Kromsdorf und seinen Büsten zu lüften, ja?«
   Isabella nickte heftig. »Nicht nur Beschreibung, sondern auch Analyse. Oder gute Thesen, hat Carla gesagt.« Je näher sie ihrem Forschungsobjekt kam, desto ruhiger wurde sie erstaunlicherweise.
   »Heißt das Forschungsgebiet dann Bustologie?«, scherzte Lyonel, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Aber Isabella schien mit ihren Gedanken nun völlig in die ernsthafte Welt der Wissenschaft abgetaucht und damit unerreichbar für Manager zu sein, die müde frauenfeindliche Witze machten und dem schnöden Mammon nachjagten.
   »Gut, dass wir die Fotoausrüstung schon gestern Abend bei euch verstaut haben«, sagte sie, ohne auf seine Bemerkung einzugehen. »Es ist ja immer noch dunkel. Wollen wir die Mauern vor dem Shooting noch einmal mit den Taschenlampen abgehen?«
   »Gern. Sonnenaufgang ist um 8:15 Uhr. Das ist in etwa drei Stunden.« Er grinste.
   »Maximal zweieinhalb. Aber ich gebe zu: Eventuell sind wir ein bisschen zu früh …« Entschuldigend hob sie die Hände.
   »Ach was. Jetzt sind wir nun einmal hier und machen das Beste daraus. Außerdem habe ich diese Woche Urlaub. Keine Vorstandssitzungen, kein Aufsichtsrat, keine Committees, keine transkontinentalen Telefonate – nichts. Daher habe ich wirklich die Zeit für solche Aktionen. Und Lust hab ich auch, ganz ehrlich. Außerdem haben wir Kaffee im Auto …«
   »Auch Tee?«
   »Früchte-, Roibusch- oder schwarzen Tee, Madame?«
   Sie lachte und löste den Sicherheitsgurt.
   Gemeinsam gingen sie los und verließen den Parkplatz. Schweigend überquerten sie den Vorhof des Ritterguts. Isabella zog ihre Kapuze fester um den Kopf.
   Sie würde alles tun, um das beste Winterlicht für ihre Aufnahmen zu erhalten, dachte Lyonel und beobachtete, dass sie ein größeres Blatt aus der Innentasche ihrer Jacke zog. »Der Lageplan der Büsten?«
   Sie nickte, völlig vertieft in den Plan.
   »Und nun?«
   »Ich gehe ein paar meiner Büsten ab. Dann holen wir die Ausrüstung aus dem Wagen, was ja auch ein wenig dauern wird. Mein Plan ist, dass du sie schleppst und ich danebenstehe und dich nett anlächele, einverstanden? Und dann schießen wir die ersten Fotos, d’accord? Erst im Dunkeln, dann im fahlen Morgenlicht. So wirken meine Kinder am besten.«
   »Okay. Deine Büsten, deine Kinder, verstehe. Ich geh dann schon mal zum Wagen und hole die ersten Sachen, Miss Isabella. Zum Glück schneit es ja nicht.«
   »Vielen Dank fürs Tragen. Ich gehe den Pfad in der Mitte des Parks entlang, zum Durchbruch auf der anderen Seite. Also hundert Meter geradeaus und von da ein paar Meter nach links.«
   »Falls sich hier keine anderen Wissenschaftsteams herumschleichen, werde ich dich anhand deiner Taschenlampe wohl finden, meinst du nicht?« Lyonel ging los Richtung Cayenne. Er drehte sich kurz zu Isabella und sah, wie der Lichtkegel ihrer Taschenlampe bereits über die ersten Büsten glitt.
   Im Haupthaus ging ein Licht hinter einem Fenster im ersten Stock an. In diesem Moment erkannte Lyonel an, wie schlau es von Carla gewesen war, sicherheitshalber den Besitzer zu informieren, dass ihre Assistentin und ihr Mann am heutigen Tag frühmorgens Fotos machen würden. Niemand im Schloss müsste also befürchten, es mit Büstendieben oder Graffiti-Schmierfinken zu tun zu haben, wenn jemand den Lichtschein von Taschenlampen im Park sah. Lyonel sah gerade auf seine gefütterten Halbstiefel und freute sich darüber, wie erstaunlich warm sie seine Füße hielten, als er einen grellen Schrei hörte. »Isabella?«
   Keine Antwort. Der Kegel ihrer Taschenlampe schien nur noch ganz schwach, als ob sie auf dem Boden läge. Ob irgendein Tier sie erschreckt hatte? Schließlich war der Park von zwei Seiten offen. Es könnte ein kleiner Fuchs gewesen sein, ein Wildschwein, eine freche Eule, die sich in eine der Nischen gesetzt hatte, oder nur ein Eichhörnchen. Um diese Uhrzeit würde ihn auch jedes Viech zu Tode erschrecken, gestand er sich ein, während er bereits zu ihr rannte.
   »Isabella?« Er leuchtete in ihre Richtung und erkannte ihre Silhouette. Sie war erstarrt. War sie selbst zu einer Statue geworden, so wie bei Medusa? Mann, reiß dich zusammen! Sekunden später hatte er sie erreicht. »Isabella?« Keine Reaktion. Vorsichtig fasste er ihre Hand. Sie war wie in Trance. Er ließ sie los, bückte sich, hob ihre Taschenlampe vom Boden auf und drückte sie ihr in die leere Hand. Sie ließ es widerstandslos geschehen. Verdutzt starrte er sie an. »Was ist denn passiert? Was hat dich derart erschreckt? Ein Tier?«
   Kein Wort von ihr. Er leuchtete die Umgebung hinter und neben ihr ab, entdeckte jedoch nichts Außergewöhnliches.
   »Falsche Richtung.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
   Es dauerte ein paar Sekunden, bis er verstand. Schließlich leuchtete er die Mauer ab. Lyonel fürchtete, dass ein Vandale einige Büsten beschmiert, zerstört oder gestohlen hatte. Dies würde einen herben Rückschlag für Isabellas Projekt bedeuten, was ihre heftige Reaktion zumindest zum Teil erklärte.
   Systematisch leuchtete er die Büsten von rechts nach links an. Zuerst sah er Karl V. Fast vierzig Jahre lang Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und Herrscher über ein riesiges Reich, zudem während der Reformationszeit. Sicherlich kein leichter Job. Und Gicht hatte der auch. Trat sogar noch zu Lebzeiten zurück. Damals höchst ungewöhnlich für einen Herrscher. Lyonel schwenkte seine Lampe um wenige Grad nach links, auf Matthias. Römisch-deutscher Kaiser, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach. Vielleicht hatte sein Tod 1619 sogar einen frühen Friedensschluss verhindert. Aber darüber würde er sich später Gedanken machen. Weiter. Links daneben, das war doch Ferdinand III. Ebenfalls Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges. Hatte zwanzig Jahre lang geherrscht. Auch ein interessanter Monarch. Was man von seinem Nachbarn zur Linken mit Fug und Recht ebenfalls behaupten durfte. Kein Geringerer als Louis XIV., der Sonnenkönig.
   Als Lyonel die vierte Nische anleuchtete, schrie Isabella wieder auf. Ihr wilder Schrei, die Müdigkeit, die Kälte und die Dunkelheit forderten ihren Tribut. So dauerte es ein, zwei Sekunden, bis Lyonels Gehirn, das eine weitere Büste aus Stein erwartet hatte, das Puzzle zusammensetzte. »Das kann nicht sein!« Seine Taschenlampe fiel auf den Boden. Unwillkürlich bekreuzigte er sich, zum ersten Mal seit langer Zeit. »Lieber Gott, bitte sag mir, dass das nicht wahr ist!«

Kapitel 2
Schloss Kromsdorf, Schlosspark
Donnerstag, 3. Januar 2008, 06:00 Uhr früh

Lyonel zog Isabella vorsichtig von der Nische weg und nahm sie in den Arm. Jetzt flossen die Tränen hemmungslos, und sie begann, am ganzen Körper unkontrolliert zu zittern. Er wartete, bis sie sich gefangen hatte. »Geht es wieder? Wir müssen die Polizei holen. Es tut mir leid.«
   »Versprich mir eines: Wenn ich später auf wissenschaftlichen Kongressen Vorträge über Kromsdorf halte, erzählst du in den Pausen allen, wie tapfer ich gewesen bin, ja?«
   Lyonel nickte. »Extrem tapfer.«
   »Und wenn die fragen: Ich habe nicht geweint und mich nicht übergeben.« Sicherheitshalber hakte sie nach. »Kein bisschen, einverstanden?«
   »Einverstanden. Aber nur unter einer Bedingung: Wenn sie einen Film drüber drehen, dann darf ich den Lyonel Athen spielen, der die hübsche Assistentin im Arm hält, okay?«
   »Deal!« Sie schluchzte leise.
   »Komm, wir gehen zum Auto und ich gebe dir einen Tee. Das hilft immer. Kennt man doch aus englischen Filmen. Und die hier rennt uns ja nicht weg.«
   »Lyonel, wir müssen die Polizei anrufen.«
   »Erst der Tee, dann die Polizei, dann Carla. Das wird ein Theater …«
Lyonel öffnete Isabella die Autotür, schaltete die Sitzheizung des Beifahrersitzes ein und gab ihr einen Becher Tee. Dann kramte er seinen privaten Blackberry heraus und wählte eine vertraute Nummer. »Guten Morgen, Alexander … Ja, Erna und dir auch ein frohes neues Jahr. Du kommst gerade vom Joggen? Wunderbar, Alex. … Nein, kein Managerhumor. … Ja, ich weiß, dass Thüringer prinzipiell früh aufstehen. Ich wohne selbst seit siebzehn Jahren hier. … Du hast Urlaub, bist aber zu Hause? Wie schön.« Lyonel überlegte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, einfach die 110 anzurufen anstelle seines Freundes, auch wenn Hauptkommissar Alexander Lassalle die Stelle für die Bekämpfung von Kapitalverbrechen in Thüringen leitete. »Ja, natürlich gibt es einen Grund, warum ich dich so früh anrufe. Ich habe einen Mord zu melden. … Nein, kein verspäteter Scherz zum neuen Jahr. Ein veritabler Mord. … Woher ich das so genau weiß? Weil wir gerade einen Kopf gefunden haben. … Ja, einen menschlichen Kopf. … Nein, Alex, nur den abgetrennten Kopf. Kein Körper in der Nähe, soweit ich das erkennen konnte, nur ein Kopf. Eine Frau. … Ich glaube schon, dass sie echt ist, aber ich weiß es nicht zu einhundert Prozent. … In Kromsdorf, im Park des Schlosses. Der Kopf war in einer der Nischen neben den Statuen. Anstelle von Ludwig XIV. … Ja, der Franzose, der Sonnenkönig, genau der. … Nein, wir haben nichts angefasst. … Nein, ich habe nicht nachgesehen, ob in anderen Nischen noch weitere Köpfe oder Leichenteile stecken. Ich kann mich beherrschen. Danke schön, keine Lust. … Ja, wir warten im Auto auf dem Parkplatz, bis ihr da seid. … Nein, nicht mit Carla, mit Isabella, ihrer Assistentin. … Ja, sie ist jung und hübsch, aber nein, es ist nicht das, was du denkst. … Weil sie Fotos machen wollte von den Büsten. Sie schreibt einen Aufsatz über Kromsdorf. … Ja, sitzt neben mir. Hält sich übrigens sehr tapfer, angesichts der Umstände. … Natürlich habe ich dich als Erstes angerufen. … Nein, nicht die eins, eins, null. … Nein, Carla auch noch nicht. Darf ich das überhaupt? … Danke. … Natürlich werde ich sie zu absolutem Stillschweigen verdonnern. Klar.« Lyonel legte auf. Er sah auf die Uhr. Sechs Uhr achtzehn.
   Isabella nickte ihm dankbar zu, als er ihr einen weiteren Tee mit viel Zucker eingoss, bevor er Carlas Nummer wählte. Bereits nach zweimal Klingeln nahm seine Frau ab.
   »Hallo, Schatz. Wir … Nein, Isabella und ich haben nicht beschlossen, gemeinsam in den Westen zu fliehen. … Nein, es gab auch keinen Streit. … Oh, ich hätte es dir schon noch erzählt, wenn ich zu Wort gekommen wäre, ganz bestimmt sogar. Wir haben nämlich eine Leiche entdeckt. … Ja, ganz bestimmt ist sie tot, sonst wäre es ja keine Leiche. … Ja, ganz sicher – sie hat nämlich keinen Kopf mehr. Beziehungsweise, keinen Körper, da wir ja den Kopf gefunden haben. Zudem tiefgefroren. … Wo? In einer der Nischen im Kromsdorfer Park. … Zwischen Ferdinand III., einem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und Graf Lamoral Egmont, dem Statthalter von Flandern. Anstelle von Louis Quatorze. Der ist weg. … Nein, wir haben uns kein bisschen erschreckt, Schatz. Es handelt sich ja nur um einen abgetrennten menschlichen Kopf, aus dem … Lassen wir das. … Ja, Alex habe ich sofort angerufen. Er wird gleich da sein, mit der kompletten Kavallerie, vermute ich. Zum Glück gibt es hier ja genügend Parkplätze. … Isabella? Hat sich sehr tapfer gehalten, wirklich. … Ja, ich habe ihr einen Tee gegeben. Oh, da vorn ist schon das erste Blaulicht. Ich muss Schluss machen, mein Engel. Hab dich lieb.« Recht abrupt legte er auf.
   »Danke.« Isabella konnte nur flüstern. »Für den Tee und dafür, dass du mich nicht wie eine Idiotin dastehen lässt. Ich bin Italienerin. Wir müssen immer bella figura machen. Das ist unser Grundgesetz.«
   »Man entdeckt schließlich nicht jeden Tag einen abgeschnittenen, tiefgefrorenen Kopf, Isabella.«
   »Und wie geht es dir?«
   »Gut, danke. Na, sagen wir, den Umständen entsprechend.« Er wusste, wie lahm er klang.
   »Nein, tut es nicht. Da ist noch irgendetwas, das spüre ich. Wie lange bist du mit Carla nun zusammen?«
   »Seit der Uni. Quasi unser gesamtes Erwachsenenleben. Aber was hat das mit dem Leichenfund zu tun, bitte?«
   »Und du liebst sie wirklich, das sieht man. Das sagen alle. Du bringst ihr permanent kleine Geschenke …«
   »Und manchmal auch große …«
   Zum ersten Mal seit dem grausigen Fund lächelte Isabella zaghaft. »Und du lügst sie nie an und bist ihr immer treu, sagt man.«
   Lyonel sah Isabella verwundert von der Seite an.
   »Oh nein, das meine ich nicht. Aber warum hast du so rasch aufgelegt? Und du hast sie sogar ein bisschen angelogen. Aber warum? Da ist doch gar kein Blaulicht.«
   »Das Problem ist … Die Sache ist die … Doch, da vorn ist das Blaulicht. Ganz weit weg noch. Dahinten. Wusste ich doch, dass ich etwas gesehen habe. Bereit?«
   Der Streifenwagen hielt direkt neben Lyonels Porsche. Das Blaulicht verlieh der Szenerie etwas Bizarres. Gleichzeitig gingen die Türen des Polizeiwagens auf, und die beiden Beamten stiegen aus. Wie eingeübte Synchronschwimmer zogen sie mit identischen Bewegungen ihre Mützen auf.
   »Sie sehen ein bisschen skeptisch aus, meinst du nicht auch?« Isabella klang ängstlich.
   »Nun, sie haben entweder über Funk oder vom Chef der Kapitalverbrechen direkt die Ansage bekommen, dass zwei Bekloppte um sechs Uhr morgens bei gefühlten zehn Grad minus Fotos von steinernen Büsten machen wollten und dabei einen abgeschnittenen menschlichen Kopf gefunden haben. Am dritten Januar. Denen geht nun durch den Kopf, oh, Verzeihung, falsche Metapher, die vermuten nun, dass wir ein wenig zu viel gefeiert haben und die verarschen wollen.«
   Lyonel stieg aus und begrüßte die Polizisten. »Guten Morgen. Mein Name ist …«
   »Die Fahrzeugpapiere, bitte. Haben Sie getrunken?«
   »Ja, gern und nein.«
   »Was nun? Ja oder nein?« Der ältere der beiden Streifenbeamten wirkte verwirrt.
   »Ja, gern in Bezug auf die Fahrzeugpapiere und nein, ich habe nichts getrunken. Also nichts Alkoholisches«, antwortete Lyonel so sachlich wie möglich. Im selben Moment stieg Isabella aus.
   »Ist das die Leiche?«, fragte einer der Polizisten mit einem dümmlichen Grinsen.
   Isabella starrte ihn verwirrt an. »Nein, zum Glück nicht. Aber wir haben wirklich einen abgetrennten menschlichen Kopf gefunden. Hinten im Park, und …«
   »Was wollten Sie denn bei dem Wetter zu dieser Uhrzeit im Park, bitte?«, fuhr der andere Streifenpolizist dazwischen und musterte Isabella von oben bis unten. Dann blickte er den Porsche misstrauisch an.
   »Wir wollten Fotos der Büsten machen. Einmal im Dunkeln, dann im fahlen Morgenlicht, wenn die Büsten wie menschliche Gesichter wirken. Es ist für meinen Beitrag in …«
   »Nächstes Mal nehmt ihr euch einfach ein Zimmer«, ulkte der jüngere Polizist. Sein Kollege lachte jovial.
   »Wollen Sie die Leiche nun sehen oder nicht?«, fragte Isabella fast schon hysterisch und wühlte mit beiden Händen in ihrer Mähne.
   Die Polizisten sahen sie von oben herab an.
   »Sicher, dass es hier ’nen Kopf von ’ner Leiche gibt, mein Frollein?«
   Lyonel griff in seine Tasche. Schon hatte einer der beiden Polizisten die Hand an seiner Waffe. »Keine hektischen oder unüberlegten Bewegungen, bitte. Ich warne Sie.«
   »Keine Sorge. Ich möchte lediglich meinen Blackberry aus der Jackentasche holen und Ihnen das Foto des abgetrennten Kopfes zeigen, ja? Darf ich? Ist das in Ordnung?«
   Die Polizisten nickten. »Schaden kann es ja nicht.«
   Übervorsichtig und nur mit zwei Fingern zog Lyonel seinen Blackberry heraus, wie im Film. Er entsperrte ihn und rief die Fotogalerie auf. Die Polizisten starrten gebannt auf den kleinen Bildschirm.
   »Gut. Ich sehe Aufnahmen von ein paar Büsten und dann von einem Kopf. Könnte ein Mensch sein, könnte Plastik sein. Moderne Kunst, was weiß ich. Das ist alles und nichts. Man kann es hier auf dem kleinen Bildschirm nicht eindeutig erkennen.«
   »Der Kopf ist nur hundert Meter von hier, im Park«, klärte Isabella ihn auf.
   »Wo genau? Dann zeigen Sie mir eben die Stelle.« Der ältere der beiden Streifenbeamten wollte die Sache offensichtlich endlich hinter sich bringen.
   »Wenn Sie den Pfad in der Mitte des Parks entlanglaufen bis zum Durchlass und dann die Mauer links entlanggehen, finden Sie den menschlichen Kopf in der vierten Nische. Aber unter gar keinen Umständen gehe ich dort wieder hin.« Isabella klang wieder gewohnt energisch.
   Lyonel versuchte, die Situation zu entschärfen. »Kommen Sie, bitte. Ich zeige Ihnen die Stelle einfach.«
   Wortlos nahmen sie ihre Taschenlampen und stampften los.
   Kurz darauf waren sie dort. Die beiden Beamten leuchteten die Nische aus und suchten den Boden ab. Schweigend liefen sie neben Lyonel zu ihrem Einsatzwagen zurück und stiegen ein. Lyonel setzte sich wieder in seinen Porsche zu Isabella und beobachtete von dort, wie einer der Beamten zu seinem Funkgerät griff und eifrig hineinsprach.
   »Wie in einem Film«, kommentierte Isabella die Szene.
   »Einem schlechten Film«, ergänzte Lyonel, der Scheinwerfer näher kommen sah. »Alex oder Carla, was meinst du? Ich steige mal aus und begrüße unseren neuen Gast. Haben wir noch ausreichend Kekse da?«

Keine Minute später hielt Hauptkommissar Alexander Lassalle auf dem Parkplatz und stieg aus. Ein junger Mann mit blonden Haaren tat es ihm gleich. Sie nickten Lyonel, der vor dem Porsche wartete, knapp zu, gingen aber zuerst zu ihren Kollegen, um sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Nach ein paar Minuten stiegen die beiden Kriminalbeamten aus dem Streifenwagen aus und kamen auf Lyonel und Isabella zu, die nun ebenfalls am Cayenne lehnte.
   »Morgen, Lyonel. Ne Leiche? Aber nur der Kopf, sagst du, kein Körper? Abgetrennt? Mit den ollen Steinbüsten in eine Reihe gestellt? Tiefgefroren? Wie makaber ist das denn? Und ihr wolltet also Fotos machen für die Wissenschafts-Vogue, ne? Skurril, oder? Und Sie sind? Mein Name ist übrigens Lassalle, falls Ihnen Lyonel das nicht schon erzählt hat. Hauptkommissar Alexander Lassalle, Mordkommission. Mein Assistent.«
   »Guten Morgen, Herr Hauptkommissar, guten Morgen, Herr Kommissar«, sagte Isabella, während sie den Assistenten aufmerksam musterte. »Isabella Béranger, wie der …«
   »… wie der französische Lyriker des 19. Jahrhunderts? Vielleicht sogar eine Nachfahrin?«, fragte der Assistent freundlich. »Aber warum dann Isabella und nicht Isabelle? Beides wunderschöne Namen übrigens, finde ich.«
   »Meine Familie stammt von der Côte d’Azur. Im Zweiten Weltkrieg hat Mussolini die Städte westlich von San Remo seinem Imperium einverleibt, wenngleich nur für zwei Jahre, bis die Alliierten uns befreiten. Meine Großeltern väterlicherseits wurden beide 1942 dort geboren. Sie waren natürlich Franzosen, erhielten aber einen italienischen Pass. Seitdem ist es Sitte in unserer Familie, dass alle Mädchen italienische Vornamen erhalten. Skurril, oder?«
   Lyonel bemerkte, wie Alexander seinen Assistenten scharf von der Seite ansah. Dies ist eine Mordermittlung, kein Flirtseminar, hieß das wohl.
   »Darauf kommen wir später nochmals zurück, ja?«, sagte der Assistent.
   »Übrigens bin ich auch Assistentin. Von Carla. Also von Frau Professor Carla Keller-Bouvier, Lyonels Frau. Sie hat ihn gebeten, mich so früh morgens samt meiner Ausrüstung hierherzufahren, um die Fotos für meinen Artikel zu machen.«
   »Verstehe. Haben Sie bereits Aufnahmen des Kopfes gemacht?«, hakte Alexander nach.
   »Nein, Herr Hauptkommissar. Wir haben nur das Gelände inspiziert. Es war noch zu früh und zu dunkel für Fotos …«
   »Du, Lyonel?«
   »Ja, Alex. Aber nur mit meinem Blackberry. Hier, bitte. Und nein, ich habe sie nicht ins Netz gestellt und auch keiner Nachrichtenagentur geschickt.«
   Alexander grunzte nur. »Führ uns direkt zur Leiche, bitte. Sie können hierbleiben, wenn Sie möchten, Frau Béranger. Ist sicherlich kein schöner Anblick.«
   Alexander, sein Assistent und Lyonel marschierten schweigend durch die Winterlandschaft zu der Nische. Aus drei, vier Metern Abstand leuchteten sie den Fundort mit ihren Taschenlampen ab.
   »Assi, scheint echt zu sein. Ein menschlicher Kopf, würde ich sagen. Also Mord. Die wird ihn sich ja nicht selbst abgesägt haben. Wir starten das volle Programm.« Alexander räusperte sich.
   Beide Polizisten zogen ihre Handschuhe aus. Der Assi hatte sofort Zettel und Stift parat. Lyonel beobachtete die beiden Polizisten fasziniert.
   »Rufen Sie die Spurensicherung an. Erstens. Die Nummer haben Sie?«, fragte Alexander seinen jungen Assistenten, während er den Daumen seiner rechten Hand hob.
   »Klar, Chef, habe ich alle eingespeichert. Bin ja schon seit gestern früh dabei.«
   »Dann die Kriminaltechniker.« Alexander ließ seinen Zeigefinger folgen. »Und ruf die Bereitschaft im Präsidium an.« Der Mittelfinger. Wie so oft wechselte Alexander zwischen Sie und Du. »Weiterhin: Wir brauchen … ach ne. Learning by doing. Was müssen wir noch tun? Sie hatten inzwischen lange genug Zeit, sich einzuarbeiten.« Der Hauptkommissar schmunzelte.
   »Viertens, Vermisstenanzeigen checken, erst mal aus den neuen Ländern, zunächst mit Fokus auf Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Frau, circa fünfunddreißig«, sagte der Assistent.
   Alexander hatte bereits den Ringfinger gehoben, als er kurz innehielt. »Warum nur die neuen Länder? Von hier ist es nicht weit bis nach Hessen, Bayern oder in die Tschechei.«
   »Ja, schon. Aber ihr Haar ist grellrot gefärbt. Das trägt man, äh, Frau, eher hier, glaube ich, oder?«
   »Es geht doch nichts über gepflegte Vorurteile. Aber die müssen ja nicht zwangsläufig falsch sein. Weiter, bitte.«
   »Außerdem: Weit würde ich nicht fahren mit einem abgetrennten menschlichen Kopf in der Tupperschale. Wir haben heute den dritten Januar morgens. Ich vermute, am Neujahrstag waren jede Menge Spaziergänger hier, auch im Park. Wahrscheinlich auch gestern. Erste Januarwoche. Die Leute haben Urlaub, gehen spazieren, lassen es langsam angehen im neuen Jahr bei diesem Wetter. Der Kopf wäre bei Tageslicht auf jeden Fall entdeckt worden. Ergo wurde er wahrscheinlich gestern Abend hier platziert, richtig?«
   »Das sind auch meine Gedanken. Weiter, was noch? Die ersten Stunden sind entscheidend. Auffi geht’s, Assi.«
   »Natürlich Absperren des Tatortes, sorgfältiges Abkämmen der Umgebung, Befragung von Lyonel Athen und Isabella Béranger, Befragen der Bewohner des Haupthauses. Des Weiteren …«
   »Beginnen wir damit. Die beiden Kollegen sollen die Bewohner des Schlosses befragen. Und wir brauchen Verstärkung für die Suche. Zehn Mann wären gut, zwanzig noch besser. Leite alles ein, Assi. Ich verlasse mich auf dich.«
   Lyonel wartete, bis die Kriminalen ihren Dialog beendet hatten. »Alex. Ich habe das Gefühl, dass ich die Frau kenne.«
   Die beiden Kommissare starrten ihn ungläubig an. Alexander bellte als Erster los. »Und damit kommt der Herr erst jetzt, ja?«
   »Ich bin mir eben nicht sicher. Ich habe noch niemals einen abgetrennten menschlichen Kopf gesehen. Und ich bin kein Metzger. Ich kann nicht mal Blut sehen, wenn ich zum jährlichen Gesundheits-Check-up gehe. Ich hätte euch beinahe den Tatort vollgekotzt, als ich mit der Taschenlampe …«
   »Den Fundort, nicht den Tatort, aber sprechen Sie weiter, Herr Dr. Athen. Also, wer ist sie?« Der Assi klang eher beiläufig, nicht aufgeregt.
   »Ich glaube, in der Nische steht der Kopf meiner Steuerprüferin.«
   »Wie heißt sie?«
   »Norks. Der Vorname fällt mir im Moment leider nicht ein. Finanzamt Weimar. Zuständig für die Holding, für die Stiftung und für mich privat.«
   Schneller als Sundance Kid im Revolverduell zückte der Assistent sein Handy, rief das Präsidium an und ließ sich mit den Anschlüssen der Finanzbeamtin verbinden, sowohl privat als auch im Amt.
   »Jetzt weiß ich es wieder. Daisy Doreen.” Lyonel buchstabierte die beiden Vornamen.
   Alle starrten auf das Handy. Es läutete. Niemand nahm ab.
   »Ich lasse mir die Privatadresse geben und fahre hin, Chef, okay?«
   »Vielleicht schläft sie noch, oder sie ist in Skiurlaub. Schick ’nen Streifenwagen, die sollen uns dann Bescheid sagen. Wir richten unser provisorisches Hauptquartier im Haupthaus ein. Zumindest ist es dort warm, und wir bekommen einen guten Kaffee.«

Kapitel 3
Schloss Kromsdorf, Haupthaus
Donnerstag, 3. Januar 2008, kurz nach 07:30 Uhr

»Euren Bericht, bitte. Aber ruhig. Der Reihe nach, bitte.« Alexander schaltete sein Handy auf laut, sodass sein Assi mithören konnte, und flüsterte ihm zu. »Die Streife. Bei der Norks.«
   »Wir haben geklingelt, aber keiner hat aufgemacht. Wir haben auch mehrfach angerufen, aber keiner hat das Telefon abgenommen. Und schwupps, schon war die erste Nachbarin vor der Tür und hat uns beäugt. Sie hat Frau Norks am Neujahrstag noch gesehen, Herr Hauptkommissar. Abends, gegen 19 Uhr. Lebendig, meine ich. Was sollen wir tun?«
   »Geht um das Haus herum. Seht durch die Fenster. Los, macht hinne.« Ungeduldig wartete Alexander einige Minuten.
   »Einmal rum. Nichts zu sehen. Aber an zwei Räumen sind die Vorhänge zugezogen.«
   »Hat die hilfsbereite Nachbarin eventuell einen Schlüssel? Fürs Postholen, Blumengießen, was weiß ich?«
   »Gute Idee. Ich frage sie sofort. Bis gleich.«
   Wenige Minuten später erfolgte der zweite Anruf.
   »Sie ist nackt. Und mit den Händen an die Bettpfosten gefesselt. Ihr Kopf ist abgetrennt. Überall ist Blut. O mein Gott …«
   Alexander hielt sein Handy weg, als sich der Polizist am anderen Ende der Verbindung übergab.
   Sein Kollege übernahm das weitere Telefonat. Er berichtete mit brüchiger Stimme. »Überall Papiere. Sie stecken sogar in ihrem offenen Hals. Es sieht aus, als ob ihr Kopf aus Papier besteht, wie in einem Horrorfilm. Ich sehe Quittungen. Noch mehr Papier auf ihrem Körper.«
   »Ich war mal in Ostasien. Da liegen Japanerinnen und Koreanerinnen in diesen völlig überteuerten Restaurants nackt auf einem Tisch, überall mit Sushi drapiert. Man isst dann von ihrem Körper und macht den entsprechenden Reim. Aber dort ist das nur Gaudi. Die haben alle noch ihren Kopf«, sagte der Assi.
   Alexander sah ihn verblüfft an, während der Streifenpolizist weiter berichtete.
   »Hier sind überall Quittungen, Belege, Notizen, Ausdrucke von Mails, Herr Hauptkommissar. Überall im Schlafzimmer liegen Belege, Hunderte, ach was, vielleicht Tausende, wer weiß das schon.«
   »Bitte fasst nichts an. Ich schicke die SpuSi. Was habt ihr noch gesehen?«
   »Wir waren zuerst nebenan in ihrem Arbeitszimmer. Dort sind Dutzende von Leitzordnern aus den Regalen gezerrt und geleert worden.«
   »Gut gemacht. Wartet vor dem Haus, bis wir da sind.«

Sobald sein Assistent und Alexander vorfuhren, erstatteten die Streifenbeamten nochmals kurz Bericht. Sie waren aschfahl. Zu viert gingen sie durch das kleine Haus.
   »Die Belege wurden offensichtlich aus den Leitzordnern im Arbeitszimmer herausgerissen und auf sie geworfen«, sagte der Assi.
   Alexander korrigierte ihn sanft. »Das ist nicht ganz richtig. Nur etwa die Hälfte der Belege ist gelocht. Diese stammen aus den Leitzordnern. Die andere Hälfte, das waren Stapel. Siehst du die kleinen Staubränder auf dem Schreibtisch, auf dem Tischlein neben dem Drucker und in den Regalen, die zu niedrig sind für einen Ordner?«
   »Von mir aus. Aber was soll das bitte für eine Rolle spielen? Vermutlich irgendein modernes Sexspiel mit Fesseln und Erstickenspielen, das außer Kontrolle geraten ist, oder, Herr Hauptkommissar?«
   »Nur weil sie nackt ist, muss es kein Sexspiel gewesen sein.«
   »Na ja, sie war schon knackig, als sie noch lebte, und keine Freundin von Traurigkeit«, warf ein Streifenpolizist burschikos ein.
   Alexander stemmte seine Arme in die Hüften. »Du hast sie gekannt, die Norks?«
   »Nicht persönlich. Aber sie war doch im Netz. Kam nackisch aus der Ostsee gehüpft und wurde gefilmt. Alles tropfte und wackelte. Sie hat ja ganz schöne …«
   »Ich darf mal bitten, ja?« Mit scharfer Stimme rief der Assi den Streifenpolizisten zur Ordnung.
   »Ich meine ja nur. Das Filmchen wurde an das Fernsehen geschickt. Lief sogar in der Latenite Show, vierzigmal oder so, bis es gerichtlich gestoppt wurde. Der Moderator hat tausend Witze über sie gemacht. Daisy Doreen, Double D. Das ist die Norks. Die ist berühmt. Thüringenweit, deutschlandweit, mindestens, vielleicht sogar weltweit. Als die Latenite Show dann noch herausgefunden hat, dass Norks im Englischen oder Australischen ein Wort für Titten ist, gab es kein Halten mehr. Der Film lief und lief und lief. Die Norks wurde zum Gespött aller Leute. Selbst die Kollegen vom Finanzamt hatten den Nackedei als Bildschirmschoner. Sie sind wahrscheinlich der einzige Mann in Thüringen, der sie nicht kennt, Herr Hauptkommissar.«
   Alexander schluckte. Ihm war die generelle Entwicklung der Medien und die Tendenz hin zur sinnentleerten Entertainmentgesellschaft ohnehin ein Gräuel. »Was wissen wir noch?«
   »Sie lebte allein, sagt die Nachbarin. Hat früher im Finanzamt Weimar gearbeitet, dann von zu Hause aus, eben wegen des Filmchens, weil sie sich in der Behörde ab August quasi nicht mehr blicken lassen konnte. Mobbing twentyfour-seven. Das ging aber auch nur für ein paar Wochen oder Monate gut. Dann konnte sie auch nicht mehr in den Außendienst zu Prüfungen, weil fast alle, auf die sie traf, sie mit dem Filmchen aufgezogen haben. Die Nachbarin sagt, die Norks wurde regelrecht depressiv. Ihr Hausarzt hat sie schließlich dauerhaft krankgeschrieben, sagt sie. Burn-out.«
   »Stammen alle Belege vom selben Steuerzahler?« Wie so oft wechselte Alexander abrupt das Thema.
   »Was?«
   »Stammen alle …«
   »Ich weiß es nicht. Wer kommt denn auf so eine Idee? Ja, ich weiß, der HK AL.« Der Streifenpolizist schüttelte ungläubig den Kopf.
   Alexanders Telefon klingelte. »Der Pathos«, flüsterte er seinem Assi zu. »Ich schalte aber nicht auf laut. Er mag das nicht.« Angestrengt hörte er zu. Als er auflegte, atmete er tief durch. »Sie haben ihm den Kopf ins Labor gebracht. Er ging sofort an die Arbeit. Nach drei Minuten hat er uns folgende vorläufige Analyse geliefert …«
   »Tod durch Enthaupten?«, frotzelte einer der Streifenbeamten.
   Alexander schüttelte den Kopf. »Eben nicht! Genau das eben nicht. Es war Tod durch Ersticken. Es stecken Fragmente von Steuerunterlagen in ihrer Luftröhre, ihrer Speiseröhre und in ihrem Rachen. Partikel finden sich sehr wahrscheinlich auch in der Lunge und im Darm. Der Pathologe wird das heute noch überprüfen.«
   »Das heißt, sie hat die Steuerbelege gegessen, also verschluckt und eingeatmet, sozusagen?«
   »Ja. Daisy Norks’ Mundhöhle wurde mit Steuerunterlagen vollgestopft. Damit wurde sie erstickt. Ihr Kopf wurde erst post mortem vom Körper getrennt. Unser Pathologe prüft noch, wie genau. Aber das Abtrennen war nicht die Todesursache.«
   »Ersticken durch zerkleinerte Steuerbelege?«, echote der Assi.
   »Na, sie war beim Finanzamt. Damit kommen circa vierzig Millionen Deutsche als Täter infrage, mich eingeschlossen.« Der Streifenpolizist lachte derb.
   Alexander machte aus Prinzip keine Witze am Tatort oder über Opfer. Er kommentierte sie auch nicht. Stattdessen holte er eine Pinzette aus seiner Westentasche und hob einzelne Belege hoch. Es handelte sich um Belege verschiedener Steuerzahler. Aber fast auf jedem zweiten fand sich ein Stempel der Winter Media Holding. Auf vielen anderen stand Lyonel Athen. Auf anderen wiederum Dr. Lyonel Athen. Sorgfältig fotografierten sie alles, bevor sie die Fundstücke eintüteten.
   »Chef, was hat das zu bedeuten?«, fragte der Assi.
   »Ärger«, fasste Alexander die Situation zusammen, »sehr, sehr viel Ärger.«

Kapitel 4
Weimar, Zarenpalais, Europäisches Hauptquartier der Winter Media Holding
Donnerstag, 3. Januar 2008, kurz vor 09:00 Uhr

Anna Amalia Winter sah Lyonel mit ihrem unnachahmlichen Augenaufschlag an. »Komme eventuell später, habe Leiche gefunden«, las sie seine SMS vor, wobei sie jedes Wort einzeln betonte. Vor und nach Leiche machte sie jeweils eine kleine Pause.
   »Klingt schon seltsam, wenn man es laut liest«, gab Lyonel zu.
   »Das neue Jahr hat gerade angefangen. Heute ist erst der zweite Arbeitstag. Es ist noch nicht einmal neun Uhr früh, und mein früherer Assistent und jetziger Strategievorstand hat steht hier im Räuberzivil und hat eine Leiche gefunden. Bravo! Was ist das übrigens für ein Hemd? Leinen? Vom Bauernmarkt? Brauchen Sie eine Gehaltserhöhung, Lyonel?«, spottete die Chefin der Winter Media Holding.
   Wie machte sie das nur als Jahrgang 1925? Sie verantwortete als Vorsitzende des Aufsichtsrates die Geschäfte einer weltweit operierenden, gigantischen Holding, aber sie ließ es sich niemals nehmen, gute Geschichten anzuhören oder kleine Sticheleien zu beginnen.
   »Ich dachte, Sie wollten endlich mal Urlaub machen, wenigstens eine Woche lang, mit Carla spazieren gehen, die Garage aufräumen …«
   »Vielleicht im Sommer?«
   Anna Amalia ignorierte seine freche Antwort. »Ich nehme an, Sie haben diese bedauernswerte Isabella zu Carla gefahren, die sie nun liebevoll umsorgt, aber auch das letzte Detail aus ihr herausquetscht, in gewohnter Manier, wenn es um Kriminalfälle geht. Und dann hat Carla sie weggeschickt, wahrscheinlich mit einem Auftrag?«
   »Mit zwei Aufträgen. Ich soll den Mord an der Steuerprüferin aufklären und Carla ein Ladekabel für ihr Handy besorgen. Das alte funktioniert nicht mehr, sagt sie.«
   Als Anna Amalia lächelte, zog sich ein Meer kleiner Falten über ihr Gesicht, was sie aber nicht weniger aristokratisch aussehen ließ. »Wie dem auch sei. Dann haben Sie Ihrer Sekretärin diese SMS geschickt. Wie immer sehr präzise und kein Wort zu viel, Chapeau! Arielle hat sich übrigens fast zu Tode erschrocken und mir die SMS sofort weitergeleitet. Hm. Aber wenn Sie schon einmal im Palais sind, dann lassen Sie mich die ganze Geschichte hören, bitte«, forderte sie ihn mit sanfter Stimme, aber unerbittlich auf.
   Er berichtete ihr ausführlich.
   »Also, auf den wissenschaftlichen Aufsatz bin ich wirklich schon gespannt. Kann man diese Isabella groß herausbringen? Ist sie jung? Hübsch? Groß? Schlank? Mit hohen Wangenknochen, einem feinen Teint, wehenden Haaren und Kusslippen? Falls ja, will ich unbedingt die Buch- und Filmrechte. Ich rufe sie selbst an, ja?«
   »Sie ist schon attraktiv, hat tolle Haare und so, das kann man nicht anders sagen. Ob sie für den Film geeignet ist, weiß ich nicht. Eher fürs Theater, vermute ich. Jedenfalls wird sie keinerlei Probleme haben, sich viel Text zu merken. Sie ist eine kleine Plaudertasche. Ach, da wäre noch etwas.« Lyonel machte eine theatralische Pause.
   Anna Amalia zupfte an ihrem Cashmere-Kostüm und sah ihn mit einem ironischen Blick an.
   »Darf ich den ollen Lyonel spielen, der die Hübsche zum Fundort gefahren und den abgetrennten Kopf angeleuchtet hat?«
   »Sorry, Love. Da dachte ich an Tom oder Brad. Johnny wäre auch gut«, gab die Grande Dame der Medienwelt zurück.
   »Mist. Aber ich war so nah dran, oder?« Lyonel lachte herzlich, bevor er fortfuhr, wissend, dass es in Anna Amalias Welt immer etwas zu erledigen gab. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Anna Amalia?«
   »Nun, wir haben nächsten Montag das Strategietreffen zum Auftakt des Jahres, aber das haben Roman und Sie ja bereits perfekt vorbereitet. Ich habe mir die Charts angesehen. Good Job! Weiterhin liegen Ihre zwei größeren Deals an, Druckereien in Nordamerika und Buchverlage und -klubs in Frankreich, aber die meisten Teilnehmer sind diese Woche noch im Urlaub. Außerdem checken Sie sowieso heimlich Ihre Mails im Dreiminutentakt, hinter Carlas Rücken, auch während des Urlaubs.«
   Lyonel versuchte, so unschuldig wie irgend möglich dreinzublicken.
   »Nun, die Jahresziele für all unsere Divisions sind raus. Plus Routine, aber damit kann man Sie ja nicht schocken.« Sie überlegte. »Da wäre vielleicht noch eine klitzekleine Kleinigkeit, wenn Sie schon unvorsichtigerweise während Ihres Urlaubs im Headquarter auftauchen, ja? Könnten Sie bitte kurz nach Jena fahren und im Avalonchen-Kindergarten ein paar Pakete abgeben und ein paar nette Worte sagen?«
   »Kinder sind unsere Zukunft? Wir sollten mehr in Kindergärten investieren? Und, zum Finale, Kindergärtnerinnen verdienen eine bessere Bezahlung?«
   »Ja, ja und ja. Vielleicht sollte es mehr von Herzen kommen, wenn es keine Umstände macht …«
   »Sorry, Anna Amalia, natürlich. Ich werde mir Mühe geben und nett sein.«
   »Und Lyonel?«
   »Ja Chefin?«
   »Das sind Kindergärtnerinnen – und Kinder. Echte kleine Kinder, die lachen, wenn man Buzzi Buzzi sagt. Also keine Anglizismen, keine gewundenen Gedanken, keine Deals anbahnen, kein Sale-and-Leaseback der gesamten Kindergartenbranche und, wenn möglich, keine weiteren Leichen, ja?«
   Lyonel schnappte sich die insgesamt sechs Tüten und Taschen mit den Paketen, die in der Ecke von Anna Amalias Büro standen, jonglierte sie mehr schlecht als recht aus dem riesigen Zimmer und ging durch das Treppenhaus des Palais in Richtung Firmenparkplatz der Winter Media Holding. Als er an seinem Büro vorbeikam, entschuldigte er sich bei Arielle für die dramatische SMS und erzählte ihr und seinem Schweizer Assistenten Roman die Geschichte in wenigen Worten.
   »Es ist noch nichts im Netz darüber«, fügte Roman hinzu, der vor einem Jahr die Stelle als Lyonels Assistent angetreten hatte.
   »Keine Sorge, das wird noch kommen.« Lyonel schnappte vier Pakete und marschierte Richtung Ausgang. Ohne dazu aufgefordert worden zu sein, hatte Roman die beiden größten Pakete genommen.
   »Danke, das ist echt nett, Schwyz. Apropos, was kann ich denn im Kindergarten so erzählen?«
   »Also, wenn da Kinder und Erwachsene in einem Raum sitzen, ist es sehr schwer, den richtigen Ton zu treffen, oder? Entweder, man wendet sich an die Erwachsenen, dann ist das extrem langweilig für die Kinder. Oder man macht ein bisschen den Clown, dann hat man unter Umständen ein Problem bei den Erwachsenen mit dem Standing. In Ihrem Fall …«
   »Clown, schon verstanden. Danke. In fünfzehn Minuten bitte ein paar kluge Sätze zum Kindergartenwesen und ein paar gute Gags für die Altersklasse zwei bis sechs auf mein Blackberry, okay? Also Vorstandsniveau.«
   »Ich war der Zweitbeste meines Jahrganges an der Bocconi-Universität und soll als erste Aufgabe im neuen Jahr für unseren Strategievorstand Gags für Kleinkinder schreiben?« Roman Tausendthaler war fassungslos.
   »Das kommt eben davon, wenn man nur der Zweitbeste ist. Der Beste durfte die Pakete einpacken.« Lyonel gab ihm einen Klaps auf den Oberarm.
   Roman Tausendthaler grinste. »Ich könnte auch einen der drei Heiligen Könige geben, wenn gewünscht. Und übrigens, die Sache mit dem abgetrennten Kopf würde ich bei den Kleinen eher nicht erwähnen.«
   Gemeinsam verstauten sie die Pakete im Kofferraum und auf den Rücksitzen des Cayennes. Sekunden später fuhr Lyonel los. Er liebte die B 7 zwischen Weimar und Jena. Leicht hügelig, mit vielen Kurven, zunächst zwischen Feldern, dann entlang der Leutra im Wald. Er hörte Antenne Thüringen, den beliebten regionalen Radiosender, aber noch brachte man nichts über den spektakulären Leichenfund von Kromsdorf.

Kapitel 5
Jena, Avalonchen-Kindergarten
Donnerstag, 3. Januar 2008, 10:00 Uhr

Lyonel fand einen Parkplatz genau vor dem Kindergarten, wenngleich er seinen SUV nicht ganz innerhalb des markierten Feldes parken konnte. Der Bürzel seines Porsche Cayenne ragte deutlich über die hintere weiße Markierung hinaus. Lyonel schrieb einen Zettel, dass er im Kindergarten sei, Geschenke bringe und gleich wieder wegfahre. Er legte ihn gut sichtbar ins Fenster vor dem Fahrersitz. Er blickte auf seinen Blackberry, las die lustige Mail seines Assistenten Roman, versuchte, sich die besten Witzchen einzuprägen, verschloss seinen Wagen und packte sich wiederum mit den sechs Tragetaschen voll.
   Ächzend überquerte er die Straße und ging auf die Eingangstür des Kindergartens zu. Lyonel schmunzelte über die Einhörner-, Zwergen- und Feenbilder, die an allen Scheiben klebten und fühlte sich für einen Moment in seine eigene Kindheit in Duisburg zurückversetzt. Trotzdem war es irgendwie zu ruhig, registrierte sein Unterbewusstsein. Er konnte verstehen, dass der Spielplatz leer war um diese Jahreszeit. Zu kalt. Aber er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er ein kleines Empfangskomitee erwartet hatte, zumindest eine aufgeregte Direktorin am Eingang, sich überschwänglich für Anna Amalias großzügige Unterstützung bedankend. Doch er sah keinen einzigen Menschen. Und er hörte nichts, rein gar nichts. Kein Geschrei in einem Kindergarten? War das überhaupt rechtlich zulässig? Oder hatte sich Anna Amalia im Datum geirrt und der Kindergarten war diese Woche noch geschlossen?
   Schließlich sah er einen Schatten hinter einem der Fenster. Gott sei Dank. Nicht umsonst hergefahren.
   Zum Glück gab es eine Schwingtür am Eingang, die Lyonel öffnen konnte, indem er sich einige Taschen mit den Paketen über die Schultern warf, die anderen auf den Armen vor seinem Oberkörper jonglierte und seinen Hintern geschickt einsetzte. Mit dem Rücken stemmte er sich gegen das Glas und fiel mehr in das Gebäude, als dass er lief. Er versuchte, sein Gleichgewicht wiederzufinden, als ein schwarz gekleideter Mann ihm die Mündung einer Maschinenpistole in den Magen drückte, direkt unterhalb der Pakete.
   Ein böser Scherz? Aber Waffenattrappen in einem Kindergarten mit Einhörnern? Eher nicht. Hier herrschte noch heile Welt, und das war gut so. Also die Polizei, wegen heute früh? Irgendein Sondereinsatzkommando? Suchten die ihn? War ich nun ein Verdächtiger und stand auf der Fahndungsliste? Ein Missverständnis? Er sah sich um.
   Zwei weitere Männer kamen auf ihn zu. Ebenfalls schwarz gekleidet, mit Skimasken über den Gesichtern, aber ohne jegliche Erkennungszeichen wie POLIZEI. Einer richtete eine Pistole auf seinen Kopf, der andere nahm ihm langsam die Pakete ab. Doch kein Scherz. Irgendwie nicht sein Tag heute. Er hätte im Bett bleiben oder wirklich die Garage aufräumen sollen.
   »Wer bist du denn?«, fragte einer der Vermummten. Er klang seltsam, als ob er versuchte, einen Araber zu imitieren.
   »Guten Tag erst mal. Mein Name ist Lyonel Athen. Ich soll hier im Namen der Winter Foundation ein paar Pakete für die Kinder abgeben. Kleiner Gruß für das neue Jahr. Und einen Scheck für die Direktorin. Wenn ich allerdings ungelegen komme …«
   »Ein Witzbold, ja?« Der Größte der Vermummten trat vor. »Hände hoch und rein zu den anderen mit ihm. Los. Achmed, du bleibst beim Eingang. Gut gemacht, Bruder.«
   Achmed? Achmed aus Zeulenroda, oder was? Lyonel konnte seit jeher Dialekte und Akzente sehr gut einordnen. Das konnte ja heiter werden.
   Der Angesprochene zerrte ihn grob mit sich in den Versammlungsraum des Kindergartens. Ihm bot sich ein Bild, das sich für immer auf seiner Netzhaut einbrannte. Etwa zwanzig, fünfundzwanzig Kinder saßen auf ihren Stühlchen oder auf dem Boden, völlig verängstigt. Vielen liefen Tränen über das Gesicht. Einige zappelten, andere waren wie erstarrt. Er registrierte, dass einige der Kleinen das auszeichnete, was moderne Newspeak-Soziologen mit Migrationshintergrund umschrieben.
   Und dann sah er sie. Die Enkel des Hauptkommissars. Sie starrten ihn ebenfalls an, völlig verwirrt und überrumpelt von der Situation. Die Kleinen schienen ihn zu erkennen, denn für kurze Zeit erhellten sich ihre Gesichter. Lyonel warf ihnen vorsichtig einen Kuss zu.
   In kleinen Gruppen kauerten auch geschätzte fünfundzwanzig Erwachsene auf dem Boden, alles junge Frauen, bis auf zwei Männer und die Direktorin des Kindergartens, die er auf fünfzig, fünfundfünfzig schätzte. Lyonel lächelte tapfer. Zwei weitere Vermummte mit Waffen standen im Raum, einer ganz hinten an der Wand, einer am Fenster. Der Hintere trug eine Pumpgun. Allein er könnte in kürzester Zeit ein Massaker veranstalten. Der Mann am Fenster hatte eine Handfeuerwaffe und eine Handgranate sowie mehrere Reservemagazine am Gürtel. Also ebenfalls eine tickende Zeitbombe.
   »Hock dich da hin«, herrschte ihn einer der Geiselnehmer an. »Und komm mir nicht auf dumme Gedanken. Und gib mir sofort dein Scheißhandy.«
   Schweigend gehorchte Lyonel, gab dem Geiselnehmer seinen privaten Blackberry, behielt aber seinen beruflichen. Wie viele Männer hatte er fast ein pseudo-erotisches Verhältnis zu seinen Handys. Als bekennendem Mailjunkie wäre es ihm ohnehin sehr schwergefallen, sich davon zu trennen. Nun würde der Blackberry ihm vielleicht das Leben retten. Jedenfalls fühlte er eine Welle der Beruhigung durch seinen Körper gehen, als er, wie gewohnt, mit den Fingerkuppen dessen lederne Schutzhülle abtastete. Er ermahnte sich, Anna Amalia später von Herzen dafür zu danken, dass sie mit Nachdruck auf dieser Trennung von beruflichem und privatem Telefon bestand.
   Langsam setzte er sich neben die Direktorin. Sie hielt sich tapfer, aber er sah, dass auch sie geweint hatte. Er dachte nach. Circa fünfzig Geiseln, fünf schwer bewaffnete Geiselnehmer. Bald würden die ersten Anrufe kommen. Der Papa, der die Mama fragt, wo sie denn bleibt. Der Mann der Direktorin, der fragt, wie hoch der Scheck der Foundation dieses Jahr ausgefallen ist. Die Kleinen würden nicht mehr lange Ruhe geben. Das war die eine Seite.
   Lyonel starrte vor sich hin, während sein Hirn ratterte. Mindestens fünf schwer bewaffnete Geiselnehmer, die sich arabische Namen geben, aber einen starken südthüringischen Akzent hatten. Sie wohnten nicht in den Städten entlang der A 4, in Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar, Jena oder Gera. Zumindest diejenigen, die gesprochen hatten, kommen vom Land, vermutete er. Outback nannte er das immer im Scherz.
   Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Anführer auf ihn zukam. Er trug eine Maschinenpistole in einer Hand und hatte eine Pistole, mehrere Reservemagazine und ein riesiges Messer an seinem Gürtel. »Wieso bringst du denen Scheißpakete?«
   »Unsere gemeinnützige Stiftung fördert unter anderem diesen Kindergarten. Wir bringen jedes Jahr Pakete. Geschenke eben, und einen Scheck.«
   »Es sollten nur deutsche Kinder hier sein«, schrie der Vermummte wie besessen. »Und nur deutsche Kinder sollten Geschenke bekommen. Ist das klar?«
   Okay, daher wehte der Wind. »Es scheint, als hätten wir beide einiges zu besprechen. Lassen Sie uns in einen Nebenraum gehen, einverstanden?«
   Der Riese zückte sein Messer mit der gezackten Klinge und hielt es nur wenige Zentimeter vor Lyonels rechtes Auge. »Hast du Angst?«
   Lyonel nahm seinen Kopf so weit zurück, wie er konnte, und nickte vorsichtig.
   »Ich höre dich nicht. Hast du Angst vor mir?« Der Geiselnehmer baute sich vor ihm auf. Alle Augen waren auf ihn und Lyonel gerichtet.
   »Ja. Ja, natürlich habe ich Angst.«
   Der Riese ließ das Messer sinken.
   »Aber trotzdem würde ich gern mit Ihnen reden. Bitte.«
   Der Riese trat ihn mit seinen schweren Springerstiefeln. »Willst du immer noch mit mir reden, Arschloch?«
   »Ja, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Unter vier Augen, bitte.«
   Als Antwort schlug ihm der Riese mit der Faust ins Gesicht. Auch wenn er nicht mit voller Wucht traf, Handschuhe trug und der Winkel für einen solchen Schlag eher ungünstig war, tat es höllisch weh.
   »Was ist das überhaupt für ein Drecksname? Lyonel! Ist das jüdisch?«
   »Es ist altgermanisch. Es bedeutet der Löwenbändiger.«
   Die Direktorin warf Lyonel einen merkwürdig-fragenden Blick zu, sagte aber nichts.
   Stattdessen blaffte der Riese los. »Altgermanisch? Echt jetzt? Warum hast du das nicht gleich gesagt, Bruder? Nichts für ungut, Dicker.« Er streckte ihm seine freie Hand entgegen und half ihm auf. »Lass uns da reingehen, Nervensäge.«
   Gemeinsam gingen sie in das Büro der Direktorin. Lyonel zog sein Jackett zurecht. Der Riese sah aus dem Fenster. »Fährst du einen schwarzen Porsche, Löwenbändiger?«
   »Ja. Warum?«
   »Du blockierst mit deinem Edelgefährt die Durchfahrt für die Müllabfuhr und bekommst gerade ein Ticket vom Ordnungsamt, hahaha. Und außerdem bist du meine Geisel. Ist nicht dein Tag heute, hä?« Der Geiselnehmer kugelte sich vor Lachen, nahm hinter dem Schreibtisch Platz, legte seine Maschinenpistole neben sich und rammte das Messer mit einem gewaltigen Stoß in die Platte des Schreibtischs. Das Holz splitterte. Das Messer steckte fest. »Du hast eine Minute, Löwenbändiger. Wenn du Mist redest, steche ich dir ein Auge aus oder schieße dir ins Bein.«
   »Das ist eine AK 47, richtig?«
   »Klar. Die Beste. Unverwüstlich. Leicht zu bekommen, billig, vor allem aber leicht zu bedienen und robust. Kennst du dich mit Waffen aus?«
   »Ein bisschen. Eine AK 47 ist bestimmt genau die richtige Waffe, um den Avalonchen-Kindergarten in seine Hand zu bekommen. Und was Waffen angeht: Bald werden sie hier sein.«
   »Wer?«
   »Zunächst vielleicht das Ordnungsamt wegen meines Autos, dann ein Streifenwagen, dann das SEK. So sicher wie das Amen in der Kirche.«
   »Woher willst du das wissen, Schlaumeier?«
   »Da draußen sitzen dreißig Muttis. Mit dreißig Handys. An die sie nicht rankommen. Mit dreißig Papas, die irgendwann einmal anrufen und fragen, wo sie denn bleiben. Und alle keine Antwort erhalten.«
   »Zwanzig Papas maximal, heutzutage. Alles Schlampen.«
   »Gut, nicht alle werden in einer glücklichen Ehe leben, aber durch eine Geiselnahme wird das auch nicht besser.«
   »Genug geredet! Was hast du uns zu sagen, Löwenbändiger?«
   »Lass zumindest die Kinder frei.«
   »Warum sollte ich das tun?«
   »Weil es kleine, verängstigte Kinder sind, die niemandem etwas zuleide getan haben. Und ihr seid fünf bis an die Zähne bewaffnete Männer mit AK 47, Pumpguns und Handgranaten.«
   »Und warum hätte ich dann ’nen Dreckskindergarten einnehmen sollen, wenn ich die kleinen Scheißerchen nicht als Geiseln haben möchte, Arschloch?«
   »Wie heldenhaft ist es denn, Drei- oder Vierjährige als Geiseln zu nehmen?« Lyonel stemmte sich mit seinen Händen auf den Schreibtisch.
   Der Riese riss seine Pistole aus dem Halfter und zielte auf Lyonels Stirn. »Irgendwelche berühmten letzten Worte, bevor ich abdrücke, Löwenbändiger?«
   »Es gibt keinen Grund, jetzt schon gewalttätig zu werden. Weder die Kinder noch die anderen Geiseln stellen eine Gefahr für euch dar. Sie schaden euch eher.«
   »Hä? Geiseln nehmen ist ja wohl der Sinn einer Geiselnahme, oder?« Der Vermummte lachte herzhaft über seinen eigenen Witz.
   »Ja, aber es müssen die Richtigen sein.«
   »Kinder – Kindergarten. Passt doch, oder?«
   »Nein, das kann eurer Sache eher schaden. Insbesondere jetzt.«
   »Was meinst du mit jetzt?«
   »Wir sind noch in der Anfangsphase. Alles geht drunter und drüber, ne? Aber wenn die Kavallerie erst einmal anrückt, wird man feststellen, dass ihr kleine Kinder als Geiseln genommen habt. Das kommt nicht gut. Nicht bei der Polizei, nicht bei den Medien, nicht beim Volk, nicht mal bei deinen eigenen Leuten. Und wenn ihr einem der Kleinen etwas tut, gar ein Kind umbringt, wird der Mob euch lynchen wollen. Egal, wer ihr seid und was ihr fordert.«
   »Wenn ich keine Geiseln mehr habe, schießen die durch die Fenster.«
   »Das stimmt. Wenn die Einsatzkräfte euch umstellt haben und die Scharfschützen auf euch zielen, dann macht es aus eurer Sicht eher Sinn, mit der Ermordung einer Geisel zu drohen, oder? Aber eher mit einem erwachsenen Mann als mit kleinen Kindern, oder?«
   Der Riese überlegte. »Da ist was dran. Weiter.«
   »Also gut. Ich melde mich freiwillig dafür. Ihr erschießt mich als Ersten, wenn es sein muss. Ich werde keine Gegenwehr leisten und keine Tricks versuchen. Aber dafür habe ich einen Wunsch frei.«
   »Ist dir mal der Gedanke gekommen, dass ich dich jederzeit erschießen kann, ohne dir einen Wunsch zu erfüllen?«
   »Hast du keine germanische Ehre im Leib?« In der Vergangenheit hatte Lyonel in Verhandlungen schon oft alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen.
   Der Geiselnehmer richtete sich auf.
   Scheinbar unbeeindruckt fuhr Lyonel fort. »Hier ist mein Vorschlag: Ich …«
   Ein schwarz Vermummter stürmte in den Raum. Er trug eine Pumpgun. »Murat, die Bullen sind da.«
   »Wie viele?«
   »Nur ein Streifenwagen. Zwei Mann, Chef.«
   »Wenn sie aussteigen und auf das Gebäude zulaufen, gehst du vor die Tür und feuerst in die Luft.«
   »Direkt über ihre Köpfe oder steil in die Luft?«
   »Schon ein bisschen in ihre Richtung. Ich will sie springen sehen. Aber ich will noch keine Toten. Verstanden? Komm mit, Löwenbändiger. Den Spaß sehen wir uns gemeinsam an.«
   Der Mann mit der Pumpgun ging voraus, der Anführer mit der AK 47 hinter Lyonel.
   Kurz darauf begann das Spektakel. Der Geiselnehmer warf sich durch die Schwingtür, richtete seine Pumpgun auf die beiden perplexen Streifenbeamten, lud durch und feuerte. Der Schuss zerriss die Stille, als wäre er ein Fanal für all das Unheil, das sich über Jena zusammenbraute. Die Ladung schlug in einer Baumkrone ein. Nach der Schrecksekunde warfen sich die Beamten in Deckung und zogen ihre Waffen, doch da war der Schütze bereits wieder im sicheren Gebäude verschwunden. Die Polizisten hoben die Köpfe, sahen die zerschossenen Äste an und rannten, Deckung suchend, zurück zu ihrem Wagen. Einer scheuchte alle Fußgänger zur Seite, der andere schrie wie von Sinnen in das Funkgerät und schaltete das Blaulicht ein.
   Keine Minute später hielt der zweite Streifenwagen vor dem Kindergarten, kurz darauf der dritte. Die Frauen und Männer sprangen aus den Polizeiautos, legten sich kugelsichere Westen um und begannen, den Bereich um die Zufahrt weiträumig abzusperren. Binnen fünf Minuten trafen zwei Mannschaftswagen ein. Polizisten mit Schilden und Gewehren stiegen aus. Zügig bauten sie Barrikaden auf.
   Der Riese und Lyonel beobachteten alles vom größten Raum aus, in dem sich die über fünfzig Geiseln befanden.
   »Prima. Genauso habe ich mir das vorgestellt. Du scheinst mir nicht der Dümmste zu sein. Was wird jetzt passieren, Löwenbändiger?«
   »Ihr habt auf Polizisten geschossen. Also sperren die zunächst alles ab. Gleichzeitig funken sie alle Dienststellen an und holen Verstärkung. In ein paar Minuten kommt hier keine Maus mehr heraus. Erst kommen Streifenwagen, dann Mannschaftswagen, dann die Kripo, dann schicken die das Sondereinsatzkommando mit Scharfschützen und Sturmtruppen. Blendgranaten, Gas, das volle Programm, nehme ich an. Irgendwann kommt auch die Presse. Ein Einsatzleiter wird Kontakt mit euch aufnehmen, wahrscheinlich über das Telefon der Direktorin. Wollen wir reingehen und uns einen Kaffee machen? Das wird noch etwas dauern. Etwa zehn Minuten, schätze ich.«
   Exakt elf Minuten später läutete das Telefon. Nach dreimal Klingeln nahm der Riese ab und stellte auf laut.
   »Guten Tag. Hauptkommissar Lassalle am Apparat. Mit wem spreche ich, bitte?«
   Lyonel freute sich wie ein Kind, die vertraute Stimme zu hören.
   »Hier Murat vom Kommando Freies Arabien«, hörte Lyonel den Riesen radebrechen. Es erinnerte ihn an die UFA-Filme der fünfziger und sechziger Jahre, die manchmal noch am Sonntagnachmittag auf dritten Programmen liefen.
   »Gut, Murat vom Kommando Freies Arabien. Ich höre.«
   »Chabe Geiseln. Finfzig«, schnarrte Murat.
   »Verstanden. Sie haben fünfzig Geiseln. Und Sie nennen sich Murat.«
   »Nicht nenne Murat, cheisse Murat.«
   »Ich würde ja gern mit Ihnen reden und mitlachen. Aber Sie haben fünfzig Geiseln, ja? Wissen Sie, was das bedeutet?«
   »Viel Geiseln, viel Macht.«
   »Halten Sie Kinder als Geiseln?«
   »Chja, viele Kinder.«
   »Bitte lassen Sie zunächst alle Kinder frei. Sie erhalten im Gegenzug mich als Geisel.«
   »Chabe schon mutige Geisel. Löwenbändiger freiwillig erster Toter.« Murat legte auf, zog seine Skimaske ab und grinste Lyonel dämlich an. Sein Gesicht war braun angemalt, schlimmer als in den alten UFA-Filmen.

Kapitel 6
Weimar, Zarenpalais, Europäisches Hauptquartier der Winter Media Holding
Donnerstag, 3. Januar 2008, Vormittag

Zügig ging Roman vom Parkplatz zurück, um die Mail mit den Kinderwitzen an seinen Chef zu schreiben. Obwohl er erst seit einem Jahr hier arbeitete, hatte er sich bereits gut eingewöhnt und fühlte sich sehr wohl in der Holding, als Assistent von Lyonel Athen. Ein lustiger Typ. Extrem fleißig, Mailjunkie, klug und frech, insgesamt unkompliziert und unkonventionell. Schien nichts so recht ernst zu nehmen außer Anna Amalias Wünschen und denen seiner Frau. Vielleicht war das das Geheimnis seines Erfolges, schließlich war Lyonel Athen mit siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahren als junger Doktor der Philosophie Anna Amalias Assistent geworden und nach wenigen Jahren Strategievorstand der gesamten Winter Media Holding. Sein Chef machte Milliardendeals und verdiente Millionen. Nicht schlecht.
   Lyonel hatte ihn bereits an seinem ersten Arbeitstag gebeten, sich systematisch in die Struktur der Winter Media Holding einzulesen, sich bei den laufenden Transaktionen immer auf den Stand zu bringen und, natürlich, dabei ständig ein Auge auf seinen Mailaccount zu haben. Er räumte ihm bereits am ersten Tag Access ein, als Vertrauensvorschuss. Roman hatte das regelmäßige Abrufen von Lyonels Mails bis auf den heutigen Tag beibehalten. Sein Ritual.
   Als er das penetrante Item für einen neuen Maileingang aufleuchten sah, rief er bereits zum vierten Mal an diesem Tag Lyonels Mailkonto auf. Lyonel hatte sich anscheinend selbst eine Sprachnachricht geschickt, die ein neuartiges Programm in Schrift umwandelte. Noch handelte es sich um die Betaversion, aber Lyonel hatte ihm am Vortag bei der kurzen Begrüßung erzählt, dass man damit schon ganz ordentliche Ergebnisse erzielen könne.
   Du hast eine Minute, Löwe … (Wort unbekannt) Wenn du Mist redest, steche ich dir ein Auge aus oder schieße dir ins Bein. – Das ist eine AK 47, richtig? – Klar. Die Beste. Unverwüst… (Wort unbekannt). Leicht zu bekommen, billig, vor allem aber leicht zu bedienen und robust. Kennst du dich mit Waffen aus? – Ein bisschen. Eine AK 47 ist bestimmt genau die richtige Waffe, um den Avalon … (Wort unbekannt)-Kindergarten in seine Hand zu bekommen. Und was Waffen angeht: Bald werden sie hier sein.
   Was war das? Ein dummer Scherz, um ihn zu foppen? Oder schrieb sein Chef heimlich Kriminalromane und diktierte sie sich selbst in jeder freien Minute? Er beschloss, weiterzulesen.
   Wer? – Zunächst vielleicht das Ordnungs… (Wort unbekannt) wegen meines Autos, dann ein Streifenwagen, dann das SEK. So sicher wie das Amen in der Kirche. – Woher willst du das wissen, Schlau … (Wort unbekannt). – Da draußen sitzen dreißig Muttis. Mit dreißig Handys. An die sie nicht rankommen. Mit dreißig Papas, die irgendwann einmal anrufen und fragen, wo sie denn bleiben. Und alle keine Antwort erhalten. – Zwanzig Papas maximal, heutzutage. Alles Schlampen. – Gut, nicht alle werden in einer glücklichen Ehe leben, aber durch eine Geiselnahme wird das auch nicht besser.
   Roman runzelte die Stirn. AK 47? Avalonchen-Kindergarten? Geiselnahme? SEK? Und nochmals Geiselnahme? Ihm wurde heiß. Er rannte auf den Flur und rief nach Lyonels Sekretärin. »Arielle? Würdest du bitte mal ganz schnell kommen?«
   Lyonels Assistentin stürmte herein. Ihre Wangen waren rot. »Ich lese es auch gerade, Roman. Lyonel ist vorhin in den Avalonchen-Kindergarten nach Jena gefahren, um Geschenke der Stiftung zu bringen. Jetzt heißt es Gewehre und Geiselnahme. Ist das ein übler Scherz? Was geht da vor?« Sie biss sich auf die Lippe, bis sie blutete.
   »Du kennst ihn länger als ich. Ist das Lyonels Art von Humor?«
   »Lyonel macht über alles und jeden dumme Späße, den ganzen Tag lang, vor allem über dich und mich, aber niemals, wirklich niemals, über kleine Kinder, Behinderte, Nazis oder Juden, niemals.«
   Roman überlegte. »Wir rufen dort an, okay?«
   Arielle legte ihm einen Zettel mit der Nummer hin. Die Winter Media Holding hatte nicht umsonst den Ruf, die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Deutschlands zu beschäftigen.
   Während er wählte, lasen beide weiter.
   »Genug geredet: Was hast du uns zu sagen, Löwenbändiger? – Lass zumindest die Kinder frei. – Warum sollte ich das tun? – Weil es kleine, verängstigte Kinder sind, die niemandem etwas zuleide getan haben. Und ihr seid fünf bis an die Zähne bewaffnete Männer mit AK 47, Pumpguns (Wort überprüfen) und Handgranaten (Wort überprüfen). – Und warum hätte ich dann ’nen Dreckskindergarten (unangemessenes Wort streichen) einnehmen sollen, wenn ich die kleinen Scheißerchen (unangemessenes Wort streichen) nicht als Geiseln haben möchte, Arschloch (unangemessenes Wort streichen)?«
   Roman legte wieder auf. »Okay, Arielle, das reicht. Das ist kein Krippenspiel.«
   »Wir rufen Hauptkommissar Lassalle an. Der wird wissen, was zu tun ist.«

Kapitel 7
Erfurt, Polizeipräsidium, Einsatzzentrale der Sonderkommission Caput
Donnerstag, 3. Januar 2008, Vormittag

Obwohl er nach seiner Rückkehr in das Präsidium sofort wieder bis über beide Ohren in den Ermittlungen der SoKo zum Fall Caput steckte, nahm Alexander sein Telefon ab, als er Lyonels Büronummer auf seinem Display sah.
   »Arielle hier, Lyonels Assistentin. Ich schalte Sie auf Lautsprecher, ja? Neben mir sitzt Roman Tausendthaler, sein Assistent. Übrigens, guten Tag Herr Hauptkommissar.«
   »Hat Lyonel noch einen Kopf gefunden?« Alexander polterte los, wie so oft ohne jegliche Begrüßung.
   »Nein, aber unsere Nachricht ist nicht weniger schlimm. Wir vermuten, dass Lyonel gerade als Geisel genommen wurde …«
   »Sie wissen wahrscheinlich, dass wir alle Hände voll zu tun haben wegen des abgetrennten Kopfes? Das ist jetzt kein Spaß zum neuen Jahr, ne?«
   »… wie gesagt, als Geisel genommen wurde. Zusammen mit etwa fünfzig weiteren Personen«, fuhr Arielle unbeeindruckt fort.
   »Fünfzig? Habt ihr getrunken?«
   »Davon zwanzig kleine Kinder«, warf Roman ein. »Das scheint kein Spaß zu sein, Herr Hauptkommissar.«
   »Okay«, antwortete Alexander nun völlig ernst. »Ich höre. Wie kommen Sie darauf?«
   »Lyonel ist über seinen privaten Blackberry nicht erreichbar. Den schaltet er allenfalls auf einer Beerdigung aus. Weiterhin hat er seinen beruflichen Blackberry auf Aufnahme geschaltet und mit einem neuen Schreibprogramm verknüpft.«
   »Das bedeutet?«
   »Wir sehen als Text am Bildschirm, was er hört.«
   »Und was hört er? Beziehungsweise was seht ihr?«
   »Geiselnahme im Kindergarten, bewaffnete Männer, fünfzig Geiseln, AK 47, Pumpgun, Handgranate.«
   »Das klingt nicht gut. Wo ist er?«
   »Im Avalonchen-Kindergarten in Jena …«
*


»Alle Mann sofort ruhig sein«, brüllte sein Assi durch den Raum der SoKo Caput. »Chef! Höchste Alarmstufe.«
   Blitzartig verstummten alle Gespräche und Telefonate. Niemand tippte mehr. Zwei Dutzend Beamte sahen den neuen Assi an.
   »Schießerei vor einem Kindergarten in Jena. Die haben mit einer Pumpgun auf eine Streife geschossen. Scharfe Munition. Wahrscheinlich Geiselnahme. Unter Umständen viele Personen.«
   Alexander drehte sich zu seinem Assistenten. »Es sind circa fünfzig Geiseln, Assi, circa fünfzig. Du übernimmst den Kopf, also die SoKo Caput. Ich fahre nach Jena. Erna?« Es war das erste Mal in all seinen Dienstjahren, dass Alexander, der Schläger, Vergewaltiger, Entführer, Totschläger und Mörder überführt hatte, ohne jemals auch nur seine Stimme zu heben, im Präsidium nach seiner Frau und Sekretärin schrie. Sofort kam sie angerannt.
   »Alex?«
   »Übernimm das Telefonat, bitte. Da dran sind Arielle und Roman, Lyonels linke und rechte Hand, sozusagen. Durch irgendeine Zaubersoftware haben wir eine Mitschrift von den Gesprächen im Kindergarten. Informier den Präsidenten. Stellt eine zweite SoKo zusammen. Holt alle Reserven, die wir haben. Aus ganz Thüringen. Und vom Bund. Wenn es sein muss, sogar aus Sachsen. Holt das SEK. Wir brauchen Scharfschützen und einen Verhandler.«
   »Lyonel wäre gut«, warf Erna ein.
   »Lyonel ist bereits vor Ort, allerdings als Geisel. Das ist die gute Nachricht, Erna. Die schlechte: Es ist unser Kindergarten in Jena.«
   »Der Avalonchen-Kindergarten?« Erna wurde blass. Dann fing sie sich, ergriff das nächste Telefon und begann im gewohnten Stakkato, Alexanders Befehle an alle zuständigen Stellen durchzugeben.
   Alexander hastete in sein Dienstzimmer, holte zum ersten Mal seit Menschengedenken seine kugelsichere Kevlarweste aus dem Schrank, nahm seine Dienstwaffe an sich und steckte vier Reservemagazine ein, als der Polizeipräsident eintrat.
   »Alexander, ziehst du in den Krieg?«
   »Meine Enkel sind im Avalonchen-Kindergarten.«
   »Ich hab’s gerade gehört. Aber dann bist du befangen und kannst dort keinesfalls die Einsatzleitung übernehmen. Sorry, Alexander. Ich muss dich aufhalten.«
   »Versuch es besser erst gar nicht«, raunzte Alexander und schob seinen Dienstherrn zur Seite.

Kapitel 8
Jena, Avalonchen-Kindergarten
Donnerstag, 3. Januar 2008, später Vormittag

Der Riese zerrte Lyonel am Arm. »Komm mit. Sie sind da.«
   »Das war zu erwarten. Was ist dein Plan, Murat? Ich darf doch Du sagen, ne? Als Erstes werden sie uns umzingeln und von der Welt abschneiden, wie gesagt. Zufahrten, vielleicht auch Wasser, Strom, Internet, was weiß ich. Vielleicht sollten wir alle nochmals Pipi machen …«
   Der Geiselnehmer lachte schallend.
   »Dann werden sie Scharfschützen postieren. Sobald sie alle von euch gleichzeitig im Visier haben …« Lyonel krümmte seinen Zeigefinger, um seine Botschaft zu unterstreichen. »Peng. Aus die Maus.«
   »Das können die nicht tun. Wir haben Geiseln!«, herrschte ihn Murat an.
   »Gerade, um die Geiseln zu retten …«
   »Die wissen nicht, wie viele wir sind.«
   »Dann schätzen sie eben. Vier, fünf, sechs Mann – was macht das schon für einen Unterschied? Also circa ein halbes Dutzend Männer. Mit Waffen. Mit echten, geladenen Waffen. Ihr habt bereits auf Polizisten geschossen. Mit scharfer Munition. Das war eine Kriegserklärung.«
   Der Riese sah auf die Spitzen seiner Springerstiefel.
   »Was sind eigentlich eure Forderungen?«
   »Wir wollen uns als Muslime verkleiden. So sind wir auch hier reinspaziert, mit wallenden Gewändern und langen Bärten. Dann denken die, die Ausländer haben unsere deutschen Kinder gefangen genommen. Es wird einen Aufschrei geben in ganz Deutschland. Ach was – im ganzen Abendland.«
   Fünf arische Landeier wollten einen auf Muslim machen. Fünf Geiselnehmer mit angeklebten Bärten, angemalten Gesichtern und geliehenen Beduinenkleidern. »Das bedeutet, ihr wollt auch so wieder rausspazieren, ne?«
   Der Anführer nickte.
   »Habt ihr eine Erklärung für die Presse vorbereitet?«
   Der Anführer pochte stolz auf seine Jacke.
   »Geldforderung?«
   »Kann nicht schaden, zusätzlich, oder?«
   »Wie viel?«
   »Zehn Millionen. Bar. In gebrauchten Scheinen. Wie im Film. Was meinst du?«
   »Lassen wir das für einen Moment außen vor, ja? Über Geld kann man immer reden. Aber die da draußen wollen keine Trittbrettfahrer ermutigen. Das muss man ruhig und überlegt angehen.«
   Der Riese nickte.
   »Und dann das Wichtigste: die Flucht.«
   »Wir fliehen nicht«, sagte der Geiselnehmer und ließ seine Faust auf den Tisch niedersausen.
   Ein Brieföffner, die Rolle mit Tesafilm und die Tasse mit den Buntstiften fielen auf den Boden. Sie sahen den Gegenständen wie hypnotisiert nach.
   Lyonel hob die Hände. »Schon gut. Verstanden. Keine Flucht, kein Rückzug. Abmarsch?«
   »Abmarsch gefällt mir. Weiter!«
   »Do ut des, wie schon die Römer sagten.«
   »Scheißausländer!«
   »Die alten Römer, meine ich. Cäsar, Augustus?«
   »Hm«, kam es vielsagend zurück.
   »Do ut des, haben die gesagt. Man muss etwas geben, um etwas zu erhalten.«
   »Mir doch egal. Scheißausländer. Und du kriegst jetzt gleich ’ne Kugel in deinen Schädel. Der ist eh zu voll. Da ist zu viel Wissen drin. Da muss mal Luft ran.« Der Riese lachte über seinen Scherz und zielte auf Lyonels Kopf.
   »Immerhin hieß Deutschland ja dreihundert Jahre lang Heiliges Römisches Reich deutscher Nation …« Lyonel gelang es, die Worte Römisches und Deutscher zu betonen.
   »Echt jetzt? Das ist gut. Das gefällt mir.«
   »Unser Herrscher war zwischen 1495 und 1806 jeweils römischer König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation …«
   »Weil wir Germanen das Römische Reich besiegt haben. Wir haben uns die Kaiserkrone genommen. Mit dem Schwert in der Hand. Aber dein Reich da, das klingt fetzig. Du bist nicht dumm. Was willst du geben, was nehmen?«
   »Am besten, wir geben denen wenig und nehmen viel, ja?«
   »Guter Plan. Den melde ich zum Patent an. Wie soll das gehen?«
   »Na, die Kinder werden doch bald plärren und kreischen und aufs Töpfchen müssen. Das willst du dir doch nicht antun, oder?«
   »Nicht wirklich. Was willst du, Schlauli? Raus damit.«
   »Gib mir so viele Kinder, wie ich tragen kann. Und ich verhandle das mit dem Geld und mit dem freien Abzug für euch.«
   »So, jetzt reicht es mir mit deinen Sprüchen. Du gehst mir allmählich auf die Nerven. Wieso rede ich überhaupt mit dir?« Der Riese zog seine Pistole mit Schalldämpfer und schoss ansatzlos, ohne zu zielen. Die Kugel zischte knapp an Lyonel vorbei und schlug hinter ihm in der Wand ein.
   Lyonel saß ihm gegenüber, starr vor Schrecken. Alles war sehr schnell gegangen.
   »Also, du hast nicht einmal gezuckt. Mut hast du, das muss man dir lassen. Los, erzähl mir deine letzte Geschichte. Dann entscheide ich, ob du leben darfst oder sterben wirst. Achmed, Uthman, kommt rein. Ihr seid meine Zeugen.«
   Die beiden Angesprochenen bauten sich hinter Lyonel auf.
   »Kennt ihr die deutscheste aller Sagen? Das Nibelungenlied?« Lyonel drehte sich um, aber sofort wurde sein Kopf wieder nach vorn geschoben.
   »Ja, kennen wir. Ist gut. Ritter und Hunnen und so. Scheißhunnen«, gab der Anführer zurück.
   »Als die fiesen Hunnen unsere tapferen Ritter eingekreist hatten, weil sie hundertfach in der Übermacht waren, gewährten sie dem edlen deutschen König eine letzte Bitte. Er durfte so viele Nibelungenkinder aus dem Saal bringen, wie er tragen konnte. Also, Männer, was sagt ihr? Seid ihr echte Deutsche? Steht ihr zu unseren deutschen Werten?«
   »Ja«, kam es aus zwei Kehlen hinter ihm. »Lass ihn ein paar Gören raustragen. Das macht doch keinen Unterschied, Chef.«
   »Und warum sollte unser Held dann wieder zurückkommen?«, wollte der Anführer wissen.
   »Um noch eine Fuhre zu holen. Und weil ich euch mein Ehrenwort gebe.«
   Einer der Geiselnehmer riss Lyonel brutal an den Haaren zurück.
   »Der deutsche König durfte auch zweimal gehen«, presste Lyonel unter Schmerzen heraus.
   »Großes Ehrenwort?«
   »Ehrlich. Großes Ehrenwort«, gab Lyonel zurück. »Selbst die wilden Hunnen ließen den deutschen König zweimal laufen.«
   »Einverstanden. Das ist unsere Abmachung: Du kannst dir so viele Gören aufladen, wie du tragen kannst, und bringst sie raus. Such dir einfach welche aus. Wenn die Bullen euch abknallen: Pech gehabt. Wenn nicht, kommst du zurück und holst die zweite Fuhre. Kommst du nicht zurück nach der ersten Tour, beginnen wir mit der Erschießung der anderen Kinder. Alle zehn Minuten eines. Verstanden, Löwenbändiger?«
   »Verstanden und einverstanden.«
   »Und wenn du wiederkommst und es Ärger gibt, stirbst du als Erster. Vergiss das nicht.«
   »Wie könnte ich …«
   Flankiert von zwei Geiselnehmern, kehrte Lyonel in den großen Raum zurück. Fünfzig Augenpaare starrten ihn ängstlich an. Er räusperte sich.
   »Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Mein Name ist Lyonel Athen. Ich arbeite für die Winter Media Holding in Weimar und für unsere Stiftung. Eigentlich bin ich nur vorbeigekommen, um ein paar Geschenke abzuliefern, aber … Na ja, die Lage ist, wie sie ist. Jedenfalls haben diese Herren mir erlaubt, zunächst einige Kinder hinauszubringen, und zwar so viele, wie ich tragen kann. Ich brauche zunächst einen langen Stock, bitte.«
   Eine Mutter zeigte stumm auf einen Staubwedel. Lyonel zog sein Leinenhemd aus und band es darum. Er bat die Direktorin, später mit ihm zur Tür zu gehen und gut sichtbar die weiße Flagge zu wehen, sodass niemand aus Versehen auf sie schießen würde. Dann atmete er tief durch und ging auf die Kinderschar zu. Er wählte zunächst einen kleinen Jungen mit dunkelbrauner Haut und einer wahren Lockenpracht aus, den er von irgendwoher zu kennen glaubte, dann ein schwarzes Mädchen und schließlich noch zwei blonde Mädchen und einen blonden Jungen mit blauen Augen. Er führte die fünf zur Eingangstür. »Ich kann sie nicht alle auf einmal durch die Schwingtür tragen.«
   Achmed öffnete ihm die breite zweiflüglige Tür, die daneben lag. »Fünf Kröten auf einen Streich. Die sind bestimmt ganz schön schwer. Und du bist ein Sesselfurzer, kein Arbeiter wie wir. Keine Muskeln. Fünf auf einen Streich, pah. Das will ich sehen«, spottete der Geiselnehmer.
   Lyonel nahm von der Direktorin die provisorische weiße Flagge und trat vor die Tür. Grelle Scheinwerfer strahlten ihn an und blendeten ihn. Er fühlte, dass er im Visier von mehreren Schützen war. Seine Härchen im Nacken richteten sich auf. Er hatte Angst und schwitzte, trotz der Kälte. Nachdem er die Flagge geschwenkt hatte und kein Schuss gefallen war, gab er sie der Direktorin zurück.
   Dann begann er damit, die Kinder aufzuladen. Die Direktorin stellte die Flagge zur Seite und half ihm. Den ersten Knirps, den dunklen Jungen mit der Lockenpracht, hob er spielend hoch und setzte ihn in seinen Nacken. »Halt dich gut fest, Sarotti«, sprach Lyonel mehr zu sich selbst als zu dem Kerlchen, das sich automatisch an seinen Haaren festkrallte. Anschließend nahm er den anderen Jungen in den linken und das schwarze Mädchen in den rechten Arm.
   »Und die anderen beiden?«, fragte die Direktorin.
   »Die müsst ihr festhalten«, sagte er zu den Kleinen, die er bereits aufgeladen hatte.
   »Das können sie nicht, dafür sind sie noch viel zu klein«, belehrte sie ihn. »Sie haben keine Kinder, oder?«
   »Okay, dann wieder runter mit euch. Sie geben mir jetzt bitte die Kleinen auf die Arme, und ihr zwei klammert euch an meinen Beinen fest. Haltet euch an meinem Gürtel fest. So.« Lyonel nahm ihre Händchen und zeigte es ihnen. »Dann gibt es Zuckerwatte und Schokolade. Ihr mögt doch Zuckerwatte, ja?«
   Die Kinder nickten stumm und stiegen auf.
   »So, das Spiel beginnt. Auffi geht’s.« Aufmunternd nickte ihm die Direktorin zu.
   Lyonel lief los. Die beiden Kinder auf seinen Armen saßen bombensicher, während die beiden auf seinen Oberschenkeln schon nach wenigen Metern zu rutschen begannen. Gleichzeitig schickte er Stoßgebete zu Gott, dass der kleine Mann in seinem Nacken nicht herunterplumpsen und die beiden sich an seinem Gürtel festhalten sollten. Er schaffte mehr als zehn Meter, ehe eines der Kinder allmählich begann, den Halt zu verlieren. Der kleine blonde Junge rutschte von seinem Oberschenkel ab, Zentimeter für Zentimeter. »Halte dich fest. Du musst dich festhalten!«
   Lyonel begann zu rennen, immer geradewegs auf die Scheinwerfer. Als auch das schwarze Mädchen zu rutschen begann, tauchten plötzlich von überall her Hände auf und fischten die Kinder weg. Einige Kameras blitzten und blendeten ihn noch stärker.
   »Fünf Mann, Thüringer, vom Lande, Zeulenroda oder Greiz dem Akzent nach, rechte Szene, als Araber verkleidet. Zwei AK 47, eine Pumpgun, ein Gewehr mit Zielfernrohr, alle Mann zusätzlich mit Pistolen am Gürtel, mindestens einer mit Handgranaten, dazu noch Messer«, berichtete er dem ersten Mann in Uniform, den er schemenhaft sah.
   »Verstanden«, kam es militärisch knapp aus dem Off.
   »Alexander?« Lyonels Herz hüpfte, als er die Stimme seines Freundes erkannte, der auf ihn zukam. Dann ließ er seinen beruflichen Blackberry aus der Hosentasche gleiten und drehte sich um, Richtung Kindergarten.
   »Was hast du vor? Bist du verrückt geworden?«, rief Alexander mit Lyonels Blackberry in der einen und einem Megafon in der anderen Hand.
   »Ich muss die zweite Fuhre holen.«

Kapitel 9
Jena, Avalonchen-Kindergarten
Donnerstag, 3. Januar 2008, später Vormittag

Lyonel hörte, wie Alexander via Megafon durchgab, dass die Geisel wie vereinbart zurückkomme, um nochmals einige Kinder zu holen. Der Löwenbändiger sei weiterhin unbewaffnet und nicht verkabelt, fügte der Hauptkommissar hinzu. Lyonel verstand nur einige Wortfetzen, da sein Blut heftig in den Ohren pochte.
   Langsam ging er auf das Gebäude zu. Sicherheitshalber hob er seine leeren Hände, sodass die nervösen Geiselnehmer sie sehen konnten.
   Am Eingang warteten die tapfere Direktorin und der Mann, der sich Achmed nannte. Der Vermummte stellte seine AK 47 zur Seite und tastete Lyonel ab. »Sauber«, rief er nach hinten. »Dabei hätte ich gewettet, dass du noch ein zweites Handy hast oder verkabelt bist, Arschloch.« Er stieß Lyonel den Lauf der Maschinenpistole heftig in den Rücken und schob ihn grob in das Innere des Kindergartens.
   Als Lyonel den großen Saal betrat, ging ein Raunen durch die Menge. Einige Frauen begannen zu weinen. Eine Mutter versuchte, ihn zu berühren. Ein Geiselnehmer stieß sie heftig weg. Trotzdem konnte Lyonel ihr geflüstertes Danke hören.
   Eine andere starrte ihn bitterböse an. »Du steckst doch mit denen unter einer Decke«, schrie sie wie von Sinnen.
   »Nimm meine Kinder«, rief eine andere Frau hysterisch. »Du kannst alles von mir haben.«
   Lyonel schüttelte nur den Kopf, während er auf die Kinder zuging. Du steckst doch mit denen unter einer Decke, hallte es in seinem Kopf wider. Was für ein Wahnsinn.
   Er stellte sich vor die Kinder. Die schwerste Entscheidung seines Lebens. Denk nach, Lyonel, denk nach.
   Die Geiselnehmer würden den Kindern nichts tun, beruhigte er sich. Niemand kann kleinen Kindern etwas antun, sagten seine Engelchen auf der rechten Schulter. Können sie doch, denk an Bethlehem, widersprachen die Teufelchen auf der linken Schulter. Fuck, was sollte er nur tun?
   »Nimm jetzt die Fratzen oder lass es bleiben, Löwenbändiger«, herrschte ihn der Muratgenannte an.
   Okay. Denke logisch. Sie werden keine arisch aussehenden Kinder töten, keine blonden Mädchen mit blauen Augen. Aber sie werden mich auch nicht fünf farbige Kinder aussuchen lassen. Wie viele nicht deutsch aussehende Kinder waren überhaupt noch da?
   Lyonel nahm eine kleine Asiatin, woraufhin ihre Mutter die Hände vor das Gesicht hob und hemmungslos schluchzte. Er sah alle Mütter an. Eine attraktive Frau Mitte zwanzig sah ein wenig exotischer aus als die anderen. Er suchte nach ihrem Kind. Es könnte natürlich eine hellere Hautfarbe haben, wenn sie einen deutschen Mann hatte. Verdammte Tat, wie kam er nur auf solche Gedanken? Sollte er sich rasch noch ein Exemplar der Nürnberger Rassengesetze per Fernleihe besorgen? Lyonel hatte Internationale Politik studiert, war Kosmopolit, arbeitete oft in New York und hatte noch nie in seinem Leben in solchen Bahnen gedacht. Dann sah er die Kleine. Nummer zwei, sozusagen.
   »Genug jetzt. Du suchst ja nur die Affenkinder aus, Arschloch.« Ein wütender Murat hieb ihm die Faust mit aller Kraft in die Seite.
   Die Luft wurde aus Lyonels Körper gepresst. Wie ein Sack ging er zu Boden. Einige Kinder schrien, einige der Frauen stöhnten auf.
   Sofort richteten die Gangster ihre Waffen auf die Geiseln. Es wurde wieder ruhig.
   Mühsam stemmte sich Lyonel auf die Knie, ehe er sich wiederaufrichtete.
   »Schon wieder oben? Nicht schlecht für ein Mädchen.« Murat-Humor.
   »Noch drei«, stöhnte Lyonel.
   »Ich habe es versprochen. Noch drei. Aber ich habe nicht gesagt, dass du sie aussuchen darfst. Wer will noch mit dem Onkel raus?«
   Keines der Kinder rührte sich. Dann kam Bewegung auf. Die beiden Enkelinnen von Erna und Alexander Lassalle nahmen sich an den Händen, gingen auf Lyonel zu und griffen nach seiner Hand, weil sie ihn kannten. Mit großen, angsterfüllten Augen starrten sie ihn an. Lyonel gab jeder von ihnen ein Küsschen auf die Haare. »Bleibt immer bei mir. Euch passiert nichts. Draußen wartet schon der Opa mit Schokolade«, flüsterte er.
   »Was redet ihr da?«, schrie Murat, ging auf Lyonel zu und rammte ihm nochmals seine Faust in den Magen.
   Lyonel stöhnte und sackte erneut zusammen. Im Liegen fiel sein Blick auf ein behindertes Kind. Scheiße. Nazis, Behinderte, lebensunwertes Leben, Inklusion, schoss es ihm wie Blitze durch den Kopf. Er stand auf, ging auf den Kleinen zu und nahm ihn in die Arme.
   »Du bist eine Memme, wenn es ums Kämpfen geht. Aber du kannst eine Menge einstecken, ehrlich. Dafür kriegst du den umsonst dazu«, dröhnte Murat. »Eh lebensunwertes Leben. Nimm dir noch einen.«
   Ein kleiner Junge rannte auf ihn zu. »Komm zum Onkel, schnell. Wir machen ein Spiel.« Er nickte der Direktorin zu, die bereits mit der weißen Flagge in der Hand dastand.
   »Sie haben mein Hemd nochmals neu um den Staubwedel gebunden?« Lyonel war perplex.
   »Ich habe einen richtigen Knoten gemacht. Sieht viel besser aus so, oder?«
   »Frau Direktorin. Eines muss man Ihnen lassen. Sie sind eine coole Socke«, scherzte er, während er mit seiner kleinen Kinderarmee zur Eingangstür lief.
   Wieder öffnete ihm ein Vermummter, wieder wedelte er mit der Flagge, wieder luden sie die Kinder gemeinsam auf. Eines in den Nacken, je eines auf den linken, eines auf den rechten Arm, je eines, das sich am linken und eines, das sich am rechten Oberschenkel festkrallen, an seinem Gürtel festhalten und auf seinen Fuß stellen musste.
   »Und Nummer sechs?«, fragte er die Direktorin ratlos.
   Ohne ein Wort zu verlieren, legte sie den Kleinen quer vor seine Brust. »Er heißt Jonas. Verlieren Sie ihn nicht. Wir haben ihn alle sehr, sehr lieb.«
   »Wenn du jetzt nicht losläufst, erschieße ich dich. Wenn du unterwegs stehen bleibst, erschieße ich dich. Und wenn du eine der Gören verlierst …«
   »… erschießt du mich. Hab’s verstanden.«
   Ein wahres Blitzlichtgewitter begann.
   »Die Kameras und Fotos nerven echt. Los jetzt«, befahl der Geiselnehmer sichtlich nervös.
   »Wenn es Bumm macht oder ich falle, dann lauft zum Licht, so schnell ihr könnt«, mahnte Lyonel die Kinder.
   »Sie sind noch zu klein. Sie werden stehen bleiben und heulen. Die Nazis werden Sie wieder reinholen. Sie müssen bis ins Ziel laufen«, sagte die Direktorin in einem Ton, der vermutlich nur von alten, erfahrenen Kindergartendirektorinnen in nächtlichen Ritualen an geheimen Orten an neue, junge Kindergartendirektorinnen weitergegeben wird.
   Wie bei den Druiden. Bei dem Ton schlug man automatisch die Hacken zusammen und gehorchte. Wie machten die das nur? Lyonel setzte sich mit seiner wertvollen Fracht in Bewegung. Er jonglierte die Kinder, so gut er konnte. Doch schon nach einigen Metern begannen seine Muskeln zu schmerzen. Sein Rücken wurde hart wie ein Brett, seine Nackenmuskeln steif wie ein altes Seemannstau. Mindestens zwei Massagen, ehe ich meinen Kopf wieder drehen kann, spottete er gedanklich. Falls Sie mich vorher nicht erschießen. Ich habe höchstens ein Viertel des Weges geschafft – dieses Mal wird es wirklich knapp. Der Junge an seinem linken Bein zog panisch an seinem Gürtel und brachte Lyonel beinahe aus dem Gleichgewicht.
   Ein Drittel. Wenn ich falle, nehme ich zwei oder drei und renne auf die Polizei zu. Dann hole ich die anderen. Vielleicht schießt Alexander Nebelgranaten ab oder …
   »Bonjour, Lyonel«, hörte er eine Stimme über das Megafon.
   Carla? Carla hier?
   »Du schaffst das. Gib nicht auf. Lass sie nicht fallen«, motivierte sie ihn.
   Knapp die Hälfte erst, schätzte er. Seine linke Wade begann zu ziepen. Bitte, lieber Gott, nicht die linke Wade.
   »Hallo Kinder. Wisst ihr, was? Jeder Mensch hat einen Schwachpunkt. Bei Achilles war es die Ferse, weil seine Mutter ihn daran festhielt, als sie ihn in den heiligen Wassern des Styx taufte. Das Zauberwasser hat ihn überall unverwundbar gemacht, nur eben nicht an seiner Ferse …«
   »Geschichte?«, fiepte es von unten.
   Lyonel hatte nicht einmal bemerkt, dass er laut gesprochen hatte. »Ich kann ganz gut Geschichten erzählen …« Für einen Moment vergaß er seine Muskeln, seine Schmerzen und das Gewicht der sechs Kleinen. Mehr als die Hälfte. Jetzt war es kürzer zur Polizei als zum Haus. Eventuell schaffte er es doch.
   Im selben Moment begann es. Seine linke Wade wurde härter als ein Stein. Er riss sich zusammen und zog das Bein nach. »Verdammt, seid ihr schwer. Wie viele Fischstäbchen geben die euch denn hier?«
   »Magst du Käpt’n Iglo?« Nur ein Stimmchen von unten, aber mit das Schönste und Liebste, das Lyonel in seinem Leben gehört hatte.
   Unwillkürlich musste Lyonel lachen. Sein Körper entkrampfte sich. Er kam wieder schneller voran. »Wir schaffen das!«
   »Blödes Spiel«, maulte einer seiner Passagiere.
   »Habt ihr Lust auf Fernsehen? Meine Frau und ich machen euch Nudeln mit Tomatensoße, und wir sehen uns gemeinsam einen Zeichentrickfilm an, ja?«, presste Lyonel mit letzter Kraft heraus.
   Die Scheinwerfer wurden greller, die Blitzlichter nahmen zu. Bald sind wir da, sagte er sich. Eine halbe Minute später kam die Erlösung. Eine junge Polizistin nahm den behinderten Jungen, zwei vermummte SEK-Beamte zogen die Kleinen von seinen Oberschenkeln, Alexander Lassalle nahm seine Enkelinnen in die Arme. Der asiatische Papa griff nach seiner Tochter.
   Von seiner Last befreit, richtete sich Lyonel auf. Nur mit Hose und T-Shirt bekleidet, spürte er plötzlich die Kälte.
   »Alex. Fünf Mann, definitiv. Sie sind nicht die Hellsten. Eher Kleinkriminelle aus dem Outback, die sich über die Feiertage einen Coup ausgedacht haben, vermute ich. Einer ist über zwei Meter. Er trägt ein Tattoo. Ein Schild mit einem Kreuz. Darüber ein Ritterhelm. Hilft das?«
   »Ein Schild wie bei den Kreuzrittern, zwei Schwerter, die das Kreuz formen und ein Helm mit einem Büschel? Ein Riese aus dem Wald?«, fragte Alexander. »Ja, ihn und seine Bande kennen wir. Eigentlich Kleinkriminelle. Reichsbürger, glaube ich. Wusste gar nicht, dass sie an schwere Waffen kommen. Danke. So, jetzt nimm dir eine Decke, einen Kaffee und ruh dich aus. Genug Heldentaten für einen Tag. Und Lyonel?«
   Er hielt inne. Der Hauptkommissar kam ganz nahe an sein Ohr. »Danke. Du hast was gut bei mir. Dein Leben lang.«
   Lyonel sah, wie Carla die Beamten der Einsatztruppe zur Seite schob und auf ihn zukam.
   »Hast du an das Ladekabel gedacht, Schatz?«

Kapitel 10
Jena, Avalonchen-Kindergarten
Donnerstag, 3. Januar 2008, später Vormittag
Lyonel konnte nichts anders. Er musste herzhaft lachen. »Ach ja, deine beiden Aufträge von vorhin. Finde den Mörder von Frau Norks und bring mir ein Ladekabel für mein Handy mit. Also, den Mörder habe ich leider noch nicht. Sorry.«
   »Und mein Kabel?«
   »Mist. Habe ich dummerweise drinnen liegen lassen. Ich gehe rasch zurück und hole es, ja? Aber bitte nicht wieder mit der Serviette hauen.« Spielerisch hielt er seine Hände zum Schutz über den Kopf.
   Carlas Serviettenattacken waren in der Thüringer Männerwelt gefürchtet. Sie lächelte.
   Zärtlich nahm er sie in die Arme und strich ihr über das Haar. Er spürte, wie sehr sie seine Berührung genoss. »Schatz, ich muss jetzt wirklich.« Er hoffte inständig, es würde in Carlas Ohren weniger lahm klingen als in seinen.
   »Du musst was?«
   »Los.«
   »Wohin?«
   »Na, zurück.«
   »Du holst noch eine Fuhre?«
   Stumm schüttelte er den Kopf.
   Sie sah auf, mit Tränen in den Augen.
   »Du willst da wieder hinein? Freiwillig?«
   »Wollen? O nein. Freiwillig? Bei Gott, ich will da nicht mehr rein. Freiwillig sicher nicht. Da gibt es Schöneres.«
   Hauptkommissar Alexander Lassalle trat zu ihnen. »Nehmt euch ein Zimmer.«
   »Alexandre. Halte ihn auf. Er will da wieder hinein.«
   »Du willst nochmals zurück? Noch eine Fuhre? Du hast zehn gesagt. Ich habe sogar elf gezählt.«
   »Elf?«, hauchte Carla.
   »Ein behindertes Kind habe ich umsonst dazubekommen. Das zählt nicht, hat der Aggro-Anführer gesagt. Ich zitiere: lebensunwertes Leben. So ein Riesenarschloch.«
   »Was für Nazischweine«, sagte Carla.
   »Ich muss los.« Mit sanfter Gewalt löste Lyonel Carlas Arme.
   »Alexandre, kannst du ihm nicht ins Bein schießen oder so?«
   »Ehrlich gesagt, die Versuchung ist seit jeher groß, bei all seinen Sprüchen und so. Das wollte ich schon immer tun. Aber Erstens hat er gerade meine Enkel und neun andere Kinder da rausgeschleppt …«
   »… und zweitens gibt es nichts umsonst auf der Welt. Do ut des. Du musstest einen Preis bezahlen für die Kinder, richtig?« Carla blickte auf ihre Schuhe, wie so oft, wenn sie nachdachte.
   Lyonel schwieg und blickte ebenfalls zu Boden.
   »Merde. Du bist der Preis. Ist es nicht so?«
   Lyonel sah immer noch auf seine Schuhe, als er ein Nicken andeutete. »Deal ist Deal, Hase.«
   »Ich hasse dich. Nein, ich liebe dich. Aber immer musst du verhandeln. Kannst du nicht einmal auf das SEK warten wie jede andere Geisel?« Sie begann, mit ihren Fäusten auf ihn einzudreschen.
   »Carla, bitte«, rief Alexander Lassalle sie zur Ordnung. »Es waren anfangs etwa zwanzig Kinder, jetzt sind es elf weniger. Das macht uns eine mögliche Aktion doch viel leichter. Je weniger Geiseln, desto eher und desto besser können wir eingreifen.«
   »Noch nicht, Alex«, bat Lyonel inständig. »Die Geiselnehmer sind schwer bewaffnet und unberechenbar. Außerdem sind noch vierzig Geiseln da drin. Ab jetzt müssen wir auf Geduld spielen. Ich muss los.«
   »Bleib, bitte, spiel nicht den Helden«, flehte Carla.
   »Schatz.« Sie reagierte nicht. »Schatz. Ich bin weiß Gott kein Held. Ich friere, habe Angst und mir tut alles weh. Jeder einzelne Knochen. Aber sie haben mir gedroht. Wenn ich nicht zurückkomme, erschießen sie die Kleinen oder ihre Mamas. Alle paar Minuten eine Geisel. So einfach ist das. Ich muss jetzt wieder da rein, ob ich will oder nicht.«
   Sie nickte unter Tränen. Es gab keinen anderen Weg. Alex führte sie weg. Lyonel ging los Richtung Kindergarten. Wieder hob er die Hände, um zu signalisieren, dass er unbewaffnet war.
   Am Eingang schlug ihm Murat zur Begrüßung in den Magen. »Hat ja ganz schön gedauert, ne?«
   Wieder ging Lyonel in die Knie und schnappte nach Luft. Nur mit Mühe rappelte er sich wieder auf.
   »Durchsucht ihn. Kabel, Mikros, Waffen.«
   Zwei Vermummte tasteten Lyonel von oben bis unten ab.
   »Nichts, Chef.«
   »Gut.«
   Die Truppe ging in den großen Saal. Es wurde unruhig.
   Einer der beiden Männer meldete sich zu Wort. Er hob die Hand und wartete, bis er aufgerufen wurde wie in der Schule. »Darf ich auf die Toilette, bitte?«
   »Verkneif’s dir, Volltrottel«, schrie Murat. »Das ist eine Scheiß-Geiselnahme, kein Ausflug auf die Wartburg.«
   »Scheiße sagt man nicht«, piepste ein kleiner Junge mit strohblonden Haaren. »Das ist pfui.«
   Mehrere Kleine hoben ihre Hände.
   »Was ist jetzt schon wieder?«, schrie Murat.
   »Muss Pipi«, sagte der erste. »Ich auch«, fügte der zweite hinzu. Wie eingeübt, nahm er das Händchen des ersten in seine. Gemeinsam marschierten sie hinaus in den Flur, vorbei an zwei Wachleuten mit gezückten Waffen.
   »Löwenbändiger, Direktorin. Büro«, kommandierte Murat. Er schloss die Tür und nahm seinen gewohnten Platz am Schreibtisch ein.
   Lyonel verkniff sich ein Lächeln. Die Direktorin und er mussten vor dem Geiselnehmer Platz nehmen wie ein Paar, das verzweifelt versucht, noch einen Platz für den Nachwuchs zu ergattern.
   »Die Sache ist nicht ganz einfach. Was schlagt ihr vor?«
   »Am besten wäre es, sie ließen uns einfach alle frei«, antwortete die Direktorin, als wäre dies die normalste Sache der Welt.
   Murat stand auf, postierte sich hinter ihnen und zog seine Pistole. »Für jeden dummen Vorschlag schieße ich einem von euch einen Finger ab.«
   Ehe sie reagieren konnten, riss er die Hand der Direktorin hoch und drückte ab. Es klickte nur. Er hatte seine Waffe nicht entsichert. Die Direktorin kollabierte beinahe.
   Murat lachte. »Sie hat sich eingenässt. Sie hat sich in die Hosen geschissen – ich lach mich schlapp.« Er lief um den Schreibtisch herum, hielt ihnen die Pistole vor die Augen und entsicherte sie. Ein roter Punkt erschien an der Seite. »Seht ihr. Roter Punkt. Entsichert. Feuerbereit. Jetzt wird’s ernst. Löwenbändiger. Vorschlag.«
   »Sie haben eine Nachricht. Dort, in Ihrer Jacke. Ich kann sie der Polizei bringen.«
   Murats Gesicht nahm einen merkwürdigen Ausdruck an. Er riss Lyonels rechte Hand hoch und zielte auf seinen Mittelfinger.
   »Ich arbeite in einem Medienkonzern. Wir können die Nachricht weltweit verbreiten. Außerdem kann ich wegen der zehn Millionen Euro mit der Polizei verhandeln«, fuhr Lyonel fort.
   Murat überlegte. Seine Waffe war weiterhin auf Lyonels Mittelfinger gerichtet. »Gut. Das klingt gut. Weiter.« Murat senkte die Waffe.
   »Die Kinder werden allmählich unruhig. Sie haben sich von dem ersten Schrecken erholt. Bald werden sie weinen. Sie werden Hunger bekommen. Sie werden laufend Pipi müssen. Bald geht das Geschrei los. Definitiv.«
   Augenblicklich hob Murat seine Pistole wieder und zielte auf Lyonels Hand.
   »Du bekommst keine weiteren Geiseln. Ich bin großzügig. Sehr großzügig. Aber genug ist genug.«
   »Ich will ja gar keine Geiseln befreien.«
   »Sondern, Arschloch?«
   »Vielleicht kann man die Kinder zu ihren Müttern geben. Derzeit sitzen sie getrennt. Das sorgt für Unruhe. Wenn man sie zusammensetzt, bleiben alle hier, aber es wird deutlich ruhiger.«
   »Gut, das machen wir. Dafür hast du einen Wunsch frei. Aber nur einen ganz kleinen.«
   »Ich möchte, dass sich die Frau Direktorin frisch machen darf.«
   Murat winkte mit seiner Pistole und entließ sie. Die Direktorin eilte zu ihrer Toilette, Lyonel ging in den großen Raum.
   Er räusperte sich. »Ruhe, bitte«, begann er. Augenblicklich verstummten alle Erwachsenen. »Der Anführer der Geiselnehmer hat erlaubt, dass die Eltern von jetzt an zusammen mit ihren Kindern sitzen und …«
   Wie auf Befehl erhoben sich die Mütter sowie die beiden Väter und rannten zu ihren Kleinen.
   »Löwenbändiger! Büro!«, brüllte Murat.
   Lyonel gehorchte.
   »Das Geld. Die zehn Millionen. Wie bekommen wir die? Und keine Fisimatenten.« Um seine Macht zu unterstreichen, fuchtelte Murat mit seiner Pistole vor Lyonels Gesicht herum.
   »Mein Vorschlag: Da drin sind zwei Männer. Männer sind prinzipiell gefährlicher für euch als Frauen. Lass sie gehen. Sie sollen dem Hauptkommissar ausrichten, dass ihr zehn Millionen in kleinen Scheinen wollt und ein Fahrzeug und dass ihr eine Nachricht für die Medien habt.«
   »Gut, aber du gehst mit ihnen. Und du kommst wieder zurück, sonst knallt es hier ganz gewaltig. Zehn Millionen. In kleinen Scheinen. Keine Farbbeutel drin oder Peilsender oder so einen Scheiß. Ich habe mir fünfundzwanzig Filme über Entführungen und Banküberfälle reingepfiffen. Ich weiß, wie das läuft. Entdecke ich etwas in der Art, sterben die Kinder. Und die Frauen, verstanden? Und ich will große, schöne Wagen für die Abreise. Zwei oder drei. Für uns und die Geiseln. Und unsere Ansprache muss um die ganze Welt gehen. Heute Abend, um acht. Ich will das in der Tagesschau sehen. Ich gucke jeden Abend die Tagesschau. Um acht darf mich niemand anrufen.«
   Zwei oder drei Fluchtfahrzeuge? Jesus Christus! Das war die am schlechtesten geplante Geiselnahme aller Zeiten. Was für ein Plan war das denn? »Klingt gut.«
   »Und Löwenbändiger?«
   »Ja, bitte?«
   »Du gehst erst einmal allein. Keine Männer, keine Kinder.«
   »Und wenn die Polizei stürmt und die beiden Männer ihr von innen helfen?«
   »Von mir aus. Nimm die beiden Männer.«
   »Danke.«
   »Aber die restlichen Kinder erst, wenn ich das Geld habe. Los, hau ab, Mann.«
   »Murat?«, traute sich Lyonel, noch einmal zu fragen.
   »Was ist denn noch?«
   »Darf ich bitte meine Jacke anziehen? Es ist verdammt kalt da draußen nur im T-Shirt.«
   »Mach hinne.«
   Lyonel bat um den Text und rief die beiden Männer zu sich. Sie kamen freiwillig mit, da ihre Kinder bereits befreit waren.
   Zu dritt machten sie sich auf den Weg. Wie gewohnt, wedelte die Direktorin mit der weißen Flagge, als der kleine Trupp das Haus verließ.
   »Mein Hemd bekomme ich aber wieder, wenn alles vorbei ist. Ich hänge ein bisschen dran.«
   »Muss es aber erst waschen. Ist voller Staub.«
   »Entschuldigung. Aber wir sind uns noch gar nicht vorgestellt worden. Wie heißen Sie eigentlich?« Lyonel bemerkte, wie hölzern dies klang angesichts der Umstände.
   »Feringa. Anneliese Feringa.«
   »Wie der See bei München?«
   »Genauso.«
   »Sehr angenehm. Lyonel Athen.«
   »Ich weiß.«
   »Geht das vielleicht ein bisschen schneller?« Achmeds Stimme donnerte genauso über den Flur wie Murats.
   Lyonel lief los, die beiden Männer rechts und links neben sich. Automatisch hob er die Hände. Die beiden Männer taten es ihm gleich. Keiner hatte Lust, in dem Tumult aus Versehen erschossen zu werden.
   Kurz darauf erreichten sie die Phalanx der Polizisten, wo sie von Alexander Lassalle in Empfang genommen wurden. Lyonel war erleichtert, als der Hauptkommissar die beiden befreiten Geiseln zu den Sanitätern schickte. Und schon sah er, wie sich Carla ihren Weg durch die Uniformierten bahnte. Niemand konnte sie aufhalten.
   Zu dritt gingen sie zum Wohnwagen. »Unser Hauptquartier, bis wir was Besseres gefunden haben«, sagte Alexander. »Das ist Martin Zimmermann. Spezialist für Geiselnahmen und Entführungen. Wir hören.«
   Lyonel nickte Zimmermann zu und begann seinen Report. »Erstens: Sie wollen zehn Millionen Euro. In bar. In kleinen, gebrauchten Scheinen. Und keine Farbmarkierung oder Peilsender, sonst werden sie alle Kinder, die sie noch in ihrer Gewalt haben, erschießen. Ich sage das mit dem allergrößten Nachdruck.«
   Lassalle und Zimmermann nickten. »Weiter.«
   »Fluchtfahrzeuge. Zwei oder drei. Für fünf Geiselnehmer und Geiseln.«
   »Zwei oder drei? Für wie viele Geiseln?«, wollte Zimmermann wissen.
   »Hat der Chef nicht gesagt. Er hat gesagt, zwei oder drei. Es sollen schöne Autos sein.«
   »Selbst in einen großen Benz passen maximal fünf Personen rein, mit Waffen eher vier. Will er Busse oder was?«, hakte Alexander Lassalle nach.
   »Er hat nicht gesagt, wie viele Geiseln er mitnehmen wird. Aber ich vermute, nicht alle. Seine Vorbereitung für diese Aktion bestand darin, sich Filme über Geiselnahmen anzusehen. Hier ist nicht alles zu Ende gedacht. Das ist unsere Chance.«
   »Weiter!«
   »Drittens will er, dass folgendes Statement in der Weltpresse verbreitet wird. Vor allem in der Tagesschau, heute Abend um acht. Er sieht immer die Tagesschau und will dabei nicht gestört werden.« Lyonel holte die getippte Seite aus seiner Jacke und reichte sie Zimmermann.
   »Kein Anruf um acht«, warf Carla den bekannten Werbeslogan ein.
   Die beiden Polizisten lasen das Dokument. »Kommando freies Arabien? Gibt es das überhaupt? Wer soll das denn glauben, bitte?«
   »Der Anführer hat sich das Gesicht braun angemalt. Das habe ich gesehen, weil er seine Maske abgenommen hat. Die Gesichter der anderen nicht. Außerdem trugen sie alle wallende Gewänder bei der Geiselnahme. Die wollen sie auch wieder tragen, wenn sie das Gebäude verlassen.«
   »Was für ein Kasperletheater.« Alexander Lassalle stöhnte auf.
   »Aber hier hat der böse Räuber Waffen. Echte Waffen«, fügte Zimmermann humorlos hinzu.
   »Die nächsten Schritte?«, fragte Lassalle.
   »Wir spielen auf Zeit. Die Kinder werden quengeln. Alle müssen aufs Klo. Bald kommt der Hunger. Irgendwann das Bedürfnis nach Schlaf. Ihr besorgt Bargeld, aber bitte nicht alles auf einmal. Eventuell kann Anna Amalia aushelfen. Carla, ruf sie bitte an, wenn Alex und Herr Zimmermann einverstanden sind. Ich versuche derweil, so viele Geiseln wie möglich einzutauschen.«
   »Gut«, sagte Lassalle, »wir können auch über Telefon in Kontakt bleiben, es sei denn, du brauchst den Auslauf.«
   »Besser, wir reden, ohne dass Murat zuhört, oder?«, entgegnete Lyonel trocken. »Außerdem kann ich so Carla ab und an sehen.«
   Sie strahlte über das ganze Gesicht.
   »Übrigens, ich bin auch ausgebildeter Polizeipsychologie, Herr Athen. Und ich sage Ihnen eines: Ich mache mir Sorgen. Die Sache fängt allmählich an, Ihnen Spaß zu machen. Habe ich recht?«

Kapitel 11
Erfurt, Polizeipräsidium
Donnerstag, 3. Januar 2008, später Vormittag

Themistokles riss sich vom Bildschirm los. So spannend die Ereignisse in Jena auch waren: Er hatte eine andere Aufgabe. Als Erstes rief er in seiner Funktion als kommissarischer Leiter der SoKo Caput in der Pathologie an und meldete sich, wie es in fast allen Ländern der Welt üblich ist, mit seinem Vor- und Nachnamen, also Themistokles von Westerberg.
   »Wer ist da?«, fragte der Pathologe ungläubig.
   »Der Assi.«
   »Sag’s doch gleich«, kam es barsch zurück.
   Themistokles stöhnte und verdrehte die Augen. »Also erstens möchte ich bitte gern wissen, ob der abgetrennte Kopf definitiv zum Korpus von Daisy Norks passt und …«
   »Meinst du, hier liegen zwölf Köppe und zwölf Körper und wir spielen Memory …«
   »Genau das möchte ich wissen, so ist es. Also, ganz sachlich: Passt er, oder passt er nicht?«
   »Tschuldigung. Die ganze Aufregung. Habe zuerst befürchtet, ihr bringt mir die Kleinen aus Jena auf meinen Tisch. Da sind Alexanders Enkelinnen dabei, weißt du das überhaupt?«
   »Nicht mehr. Es wurden bereits mehr als zehn Kinder befreit, darunter die Enkelinnen des Hauptkommissars. Ich halte euch gern auf dem Laufenden, wenn …«
   »Ja. Kopf und Körper passen zusammen. Es gibt nur eine Leiche. Was noch?«
   »Wie genau wurde der Kopf abgetrennt?«
   »Mit einem Beil.«
   »Mehrere Schläge oder einer?«
   »Mehrere. Der erste Schlag traf nicht einmal richtig. Der erste und der zweite waren eher schwach, fast zaghaft. Das war kein Metzger. Und kein Mediziner. Der hat das wahrscheinlich zum ersten Mal gemacht.«
   »Das ist eine extrem wichtige Info. Danke! Besonderheiten am Beil?«
   »Wir sind noch dran.«
   »Was haben wir bis jetzt, bitte?«
   »Also, es ist definitiv kein handelsübliches Hackebeil. Nicht aus dem OBI und nicht aus dem Kaufhaus.«
   »Will heißen?«
   »Es ist handgeschmiedet. Dreihundertfünfzig Mal gefaltet oder so. Und es ist brandneu. Jedenfalls wurde es noch nie nachgeschärft und hat sozusagen noch die Originalglasur.«
   »Ein Liebhaberstück?«
   »Definitiv. Handgeschmiedete Äxte, Beile und Messer sind schließlich sauteuer.«
   Themistokles machte sich fortwährend Notizen. »Und die Steuerbelege?«
   »Sind alle getrocknet und gesäubert und auf dem Weg zu euch«, antwortete der Pathologe.
   »Nun zum Blut, bitte.«
   »Was genau willst du wissen, Assi?«
   »Die Blutgruppe des Opfers, die Menge, alle relevanten Details eben …«
   »AB positiv.«
   »Gut!«
   »Was ist daran gut?«
   »Soviel ich weiß, haben das nur vier Prozent der Menschen hier. Falls wir also Blut von einer zweiten Person am Tatort finden, haben wir eine sehr gute Chance, sie zu identifizieren.«
   »Richtig, wenn …«, stimmte der Pathologe zu. »Nun zur Menge: Salopp gesagt, jede Menge. Sie ist halb ausgelaufen. Entsprechend haben der Korpus und die Wohnung ausgesehen.«
   »Wie ein Schlachthof, das stimmt. War alles ihr Blut?«
   »Was meinst du denn?«
   »Wir haben doch vor Ort Proben genommen.«
   »Circa einhundert, ja. Danke schön nochmals dafür.«
   »Und?«
   »Wir haben zehn stichprobenartig untersucht. Alles ein und dieselbe Blutgruppe. AB positiv. Alles ihr Blut. Was hast du denn erwartet, Assi? Dass sich der Mörder schneidet und was von seinem Lebenssaft dalässt?«
   Themi machte eine lange Pause, wie er es bei seinem Lehrmeister abgeschaut hatte. Es wirkte, wie so oft.
   »Du glaubst das wirklich und willst, dass wir alle Proben untersuchen? Alle einhundert?«
   »Falls kein Länderspiel im Fernsehen läuft …«
   »Bitte grüß Alex von mir. Ich bin wirklich froh, dass den Kleinen nichts passiert ist. Und Assi?«
   »Ja?«
   »Wenn du groß bist, wirst du mal schlimmer als der Alex.« Der Pathologe lachte laut und legte auf.
   Themi schmunzelte und ging zu seiner riesigen Metaplanwand. Er machte einen Haken hinter Leiche/Kopf/Körper, schrieb handgeschmiedet und Kauf, wo? unter Tatwaffe und alle! unter Blutproben. Dann heftete er noch einige leere Zettel an. Seine beiden Mitarbeiter blickten auf.
   »Es gibt vier Blutgruppen, A, B, AB und Null sowie zwei Rhesusfaktoren, positiv und negativ. Was uns hilft, ist die ungleiche Verteilung. Beispielsweise haben fünfundachtzig Prozent der Menschen Rhesusfaktor positiv, demnach nur fünfzehn negativ. Die beiden Blutgruppen Null positiv und A positiv haben jeweils rund fünfunddreißig Prozent Anteil, jede andere Gruppe ergo im Schnitt etwa fünf von hundert, genau gesagt zwischen einem Prozent für AB negativ und neun von hundert für B positiv. Unsere Gruppe hier, AB positiv, haben vier Prozent der Menschen.«
   »Und das weißt du alles aus dem Kopf?«, fragte die junge Polizistin.
   »Nee.« Themistokles hielt mit einem schelmischen Grinsen seinen Spickzettel hoch. »Ihr wollt bestimmt wissen, was es noch zu tun gibt, ja?«
   Die beiden jungen Polizisten nickten eifrig.
   »Okay, aber ihr werdet es bereuen. Es geht um die Belege. Ich will wissen, wie viele Belege es insgesamt bei ihr in der Wohnung gibt. Von wie vielen Mandaten? Ich will eine komplette Liste. Wurden die Belege willkürlich herausgerissen und in ihren Hals gestopft und auf ihren Körper gestreut? Oder nur die der Winter Media Holding und von Lyonel Athen? Oder hauptsächlich? Welche anderen Belege gibt es? Wer macht das?«
   Der junge Polizist hob zaghaft den Arm.
   »Gut, danke. Und du?« Themistokles baute sich vor seiner Kollegin auf.
   »Lass uns nachdenken. Entweder der Täter war nackt. Dann läuft er aber Gefahr, bis zum Knie splitterfasernackt im Blut der Norks zu stehen, wenn der Postbote klingelt, mit ihrem Kopf in der Hand. Nicht gut. Oder er trug Kleider. Wahrscheinlich unter einem Schutz, einem Mantel, einem Kittel oder so. Jedenfalls hat er sich gründlich versaut. Blut kriegste nie mehr raus. Solche Mengen schon gar nicht.«
   »Was bedeutet …«
   »Dass wir jeden Altkleidercontainer kontrollieren, jede Sammelstelle im Umkreis von hundert Kilometern, alles. Wenn möglich, auch jede Mülltonne.«
   »Wie? Die werden zu unterschiedlichen Zeiten geleert. Keine Chance, die alle zu erwischen«, warf die junge Kollegin ein.
   »Guter Punkt. Wir machen Folgendes: Du rufst alle Endabnehmer an, also das Rote Kreuz und wie die alle heißen, und sagst ihnen, wir suchen nach blutverschmierter Kleidung und/oder Folie. Sie sollen sie aussortieren, eintüten und festhalten, wo und wann sie sie gefunden haben. Und lass in jeden Altkleidercontainer Thüringens Zettel einwerfen, dass die Polizei um Mithilfe bittet. Auch in Westsachsen und im südlichen Sachsen-Anhalt. Wir entwerfen gleich den Text gemeinsam. Und wirf die Zettel auch im Umkreis des Wohnortes von Frau Norks bei den Privathaushalten ein. Mach fünftausend Kopien oder so. Nimm dir so viele Kollegen, wie du brauchst. Auch die Anwärter. Falls überhaupt noch welche übrig sind, bei all dem Schlamassel in Jena.«
   »Noch etwas?«
   »Ja, ich frage mich schon die ganze Zeit, wo eigentlich Ludwig XIV. abgeblieben sein könnte.«
   Themi schrieb Belege?, Altkleider? und Ludwig XIV. auf die leeren Zettel an seiner Metaplanwand.

Kapitel 12
Jena, Avalonchen-Kindergarten
Donnerstag, 3. Januar 2008, Mittagszeit

»Huni«, piepste ein kleiner Junge. »Hogan?«, fragte er mit heller Stimme.
   »Gleich, mein Schatz.« Seine Mutter sprach mit ruhiger Stimme und strich ihm sanft über den Kopf.
   »Hun-Hun«, sagte sein Artgenosse wenige Sekunden später, wie auf Befehl.
   »Hamm-hamm«, fiel der nächste ein.
   Lyonel konnte sich angesichts des Dominoeffektes das Grinsen nicht verkneifen.
   »Hamm-hamm verstehe ich. Aber was bitte ist ein Hogan?«, wollte er wissen.
   »Joghurt«, belehrte ihn eine Mama mit einem Blick, als wäre er ein Außerirdischer mit einem nur halb ausgefüllten Asylantrag in der Hand. »Hogan ist Joghurt.«
   »Schnauze. Schnauze, allesamt. So eine Scheiße.« Murat brüllte wie ein Feldwebel auf dem Kasernenhof.
   »Scheiße sagt man nicht«, klärte der kleine Justus mit den strohblonden Haaren den Geiselnehmer nochmals auf, durchaus mit vorwurfsvollem Blick. Seine Mutter zog ihn sanft zu sich.
   »Äh, Chef. Also ich hätte auch allmählich Hunger. So ’ne Geiselnahme ist ganz schön anstrengend.«
   »Schnauze, Uthman. Jetzt wird nicht gegessen.«
   Lyonel hob die Hand.
   »Was ist nun schon wieder?« Der gestresste Murat hob seine AK 47. Er zielte auf Lyonel. »Ein falsches Wort – und das war es dann mit deinen ewigen schlauen Sprüchen, Arschloch.«
   »Arschloch sagt man auch nicht«, warf Justus altklug ein. Er würde wohl schon bald in die Schule kommen.
   »Büro?«, fragte Lyonel mit erhobenen Händen.
   Murat nickte. »Ich hätte es mir weniger anstrengend vorgestellt«, seufzte der Geiselnehmer.
   »Hast du Kinder?«, fragte Lyonel.
   Murat starrte auf den Boden. Sein Blick war völlig leer. Falsche Frage, völlig falsche Frage. Das kostete ihn einen Finger, mindestens, fürchtete er.
   »Ich hatte zwei.« Murats Stimme war gebrochen.
   Sein schwacher Punkt, ganz offensichtlich. Er hatte zwei Kinder? Hatte? Was war passiert? Scheidung? War seine Frau mit einem Araber durchgebrannt? Verdammt dünnes Eis … Vorsichtshalber schwieg Lyonel.
   Murat schien ihn überhaupt nicht zu bemerken. »Ein Junge und ein Mädchen. Sie waren Engelchen, ganz ehrlich.«
   Weinte der Geiselnehmer?
   »Der kleine Plapperhans, der immer fiepst: Scheiße sagt man nicht. So war unser Hans. Und unsere Edda hat auch immer Hogan gesagt, bis sie Joghurt sagen konnte.«
   »Joghurt ist aber auch ein schweres Wort«, stimmte ihm Lyonel zu.
   Murat nickte.
   »Was ist passiert?«
   Murat schüttelte den Kopf. Lyonel wartete. Murat würde reden.
   »Überfahren.«
   Verdammt.
   »Von einem Araber.«
   »Erzähl. Ich höre dir zu.«
   »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir machten einen Familienausflug nach Berlin. Es war meine Idee, meine Idee ganz allein. Meine Frau hat gesagt, sie sind noch zu klein für diese große Stadt. Aber ich wollte ihnen die Hauptstadt zeigen, so früh wie möglich, unsere Reichshauptstadt.«
   Lyonel verzichtete darauf, ihn zu belehren, dass es kein Reich mehr gab und hoffentlich niemals mehr eines geben würde.
   »Er hat sie überfahren.«
   »Wie schrecklich. Das tut mir so leid. Ehrlich. Wenn ich dir helfen kann …«
   »Er hat sie beide einfach überfahren. Edda war sofort tot, Hans ist im Krankenwagen gestorben. Ich war bei ihm und habe seine kleine Hand gehalten.«
   »Das ist schrecklich. Ich kann dich verstehen. Lass uns reden.«
   Murat schwieg.
   »Ich will dich nicht Murat nennen. Das passt doch gar nicht. Wie heißt du?«, bohrte Lyonel sanft nach.
   »Enrico.«
   Enrico?
   »Enrico, ich gehe nochmals raus. Ich erkläre der Polizei, unter welchem Stress du stehst. Dass du Hilfe brauchst. Die werden das verstehen. Alle Eltern werden das verstehen. Niemand wird dich anklagen. Legt eure Waffen weg, lasst die Geiseln frei. Zunächst die Kinder. Wahrscheinlich wartet draußen schon deine Frau, zusammen mit meiner. Was sagst du?«
   »Meine Frau hat sich umgebracht. Erhängt. An einem Kran. Auf ihrem Hof, bei den Eltern. Sie hing dort die ganze Nacht. An einem Kran, in der Werkstatt. Du hast es bestimmt in der Zeitung gelesen.«
   Heute war wirklich nicht sein Tag. Und dabei war er so nahe dran.
   »Der Araber ist einfach weitergefahren. Sie haben ihn später sogar identifiziert. Nummernschild mit CD drauf, auffälliges Auto und so. Der Kerl arbeitete im diplomatischen Dienst. Hat nach dem Unfall unser Land aber sofort verlassen. Nichts ist passiert, gar nichts. Ich habe nicht einmal ein Entschuldigungsschreiben von der Botschaft bekommen. Eine Entschädigung haben die mir angeboten. Also unsere, die Deutschen. Das Auswärtige Amt. Eine Entschädigung aus einem Fonds. Ob ihr Fonds auch zwei neue Kinder und eine Frau für mich hat, habe ich die gefragt. Haben die aber nicht. Nur Geld. Ich hab’s genommen und damit die Jungs und die Waffen bezahlt.«
   »Verstehe. Umso mehr gilt: Hör auf. Leg die Waffen nieder. Jetzt gleich. Gib auf. Lauf raus. Wir erklären denen alles. Heute Abend gehen wir zusammen ein Bier trinken.«
   »Ich habe dich geschlagen.«
   »Das nennst du schlagen? Meine Nichten hauen fester zu als du. Vergeben und vergessen.«
   »Und als Geisel genommen.«
   »Aber nur ganz kurz. Vergiss es. Hey, immer noch besser als drei Stunden lang Kaffee und Kuchen mit der Direktorin als Dank für die Pakete, oder?«
   Enrico schmunzelte über Lyonels müden Scherz. »Die Direktorin hat sich eingepisst.«
   »Ich kaufe ihr ein neues Kostüm. Sie wird drüber wegkommen.«
   »Ich habe zig Kinder und zig Eltern und die Kindergärtnerinnen als Geiseln genommen. Mit Waffengewalt.«
   »Schwamm drüber. Du hast deine Familie verloren. Ich rede mit denen da draußen. Gib auf, Enrico. Tu es deinen Kindern zuliebe. Tu es deiner Frau zuliebe.«
   Enrico schien zu überlegen. »Es ist zu spät. Wir ziehen das hier durch. Ich habe nichts mehr zu verlieren.«
   »Lass wenigstens den Scheiße sagt man nicht-Knirps frei. Du kannst ihm ohnehin nichts tun. Lass ihn frei, Enrico. Bitte.«
   Unendlich langsam nickte Enrico.
   Lyonel ging auf den kleinen Justus zu und streckte seine Hand aus. Der Junge krabbelte jedoch sicherheitshalber hinter seine Mama.
   »Wie heißt du denn?«, fragte Lyonel.
   »Justus.«
   »Das ist ein toller Name. Komm, wir dürfen raus.«
   »Will aber nicht«, entgegnete der Kleine trotzig.
   Lyonel starrte die Mutter verständnislos an.
   »Justus, geh mit dem Onkel spielen, ja?«, forderte diese den Filius auf.
   »Nö, keine Lust.«
   »Magst du kämpfen? Mit Schild und Schwert?«, fragte Lyonel.
   »Ritter?«
   »Ja, wie die Ritter.«
   Justus nickte.
   »Draußen hab ich alles. Sogar ein neues Holzschwert. Das schenke ich dir. Kommst du mit, Justus?«
   »Nö. Zu kalt.«
   »Wir können dir deine Jacke anziehen.« Lyonel verzweifelte beinah.
   »Nö, mag nicht.«
   Lyonel spähte vorsichtig zu Enrico, dessen Geduld sich offensichtlich dem Ende zuneigte.
   »Wir spielen Ritter. Du darfst mit dem Schwert auf mich hauen, ganz dolle, okay?«, setzte Lyonel ein letztes Mal an.
   »Nö.«
   Lyonel starrte Justus und dann dessen Mutter an.
   »Robert kann aber auch mit, ja?«, sagte Justus unvermittelt.
   Lyonel blickte zu Enrico. »Von mir aus, aber heute noch, wenn ich bitten darf«, kam es barsch von dem Anführer der Geiselnehmer.
   Justus nahm seinen Freund und Sitznachbarn Robert an der Hand. Ihre Mütter halfen ihnen in ihre Jacken. Trotzdem blieben sie stehen.
   Lyonel war dabei, die Geduld zu verlieren. »Was ist jetzt wieder?«
   »Ohne meine Mama gehe ich nicht. Man darf nicht mit Fremden gehen«, sagte Justus.
   »Ich geh auch nicht ohne meine Mutti«, fügte Robert hinzu. Kinderlogik. Unschlagbar. Flehentlich sah Lyonel zu Enrico und überlegte, ob das Blatt nun überreizt war.
   Enrico fuchtelte mit seiner AK 47 herum. »Verpisst euch endlich.«
   Keiner rührte sich.
   »Ihr sollt euch verpissen«, fluchte Enrico.
   »Pissen sagt man nicht«, piepste Justus, nahm Robert an der einen und seine Mama an der anderen Hand und marschierte los.
   Flankiert von zwei Vermummten, erreichten sie die Drehtür am Eingang. Lyonel ging als Erster hinaus und schwenkte die weiße Flagge. Wieder schossen die Fotografen ihre Aufnahmen.
   Er ging voraus, Justus, Robert und deren Mamas dicht hinter ihm. Gleich darauf erspähte er Alexander und Carla.
   »Wieder vier.« Er seufzte, als er seine wertvolle Fracht hinter die Absperrung brachte.
   »Gut«, konstatierte der Hauptkommissar und klopfte ihm auf die Schulter.
   Sofort war Carla bei ihm. »Vier? Du lässt nach. Soll ich dir einen Vitamindrink besorgen?«
   »Nicht wirklich. Zum Beispiel habe ich mir überlegt, also angesichts all der Kameras und Fotografen, dass es doch eine gute Idee wäre, jetzt, wo mein Leinenhemd aus Litauen sicherlich eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, einen Werbevertrag …«
   Carla sah ihn spöttisch an. »Du kannst es nicht lassen, oder?« Sie stupste ihn auf die Nase. »Musst du nochmals zurück, oder darfst du nach Hause, dir deine Belohnung abholen?«
   »Belohnung?«
   »Nicht das, Blödmann. Ich dachte an Spaghetti mit Tomatensoße, einen grünen Salat und ein Glas Rotwein. Maximal.«
   »Ich fürchte, daraus wird nichts. Da drin sind noch viele Kinder und Erwachsene …«
   »Herr Athen, der Typ heißt …«, begann Zimmermann.
   »Enrico. Ich weiß. Hat seine beiden Kinder bei einem Verkehrsunfall in Berlin verloren, durch einen arabischen Diplomaten, der sie einfach überfuhr, sagt er. Seine Frau hat daraufhin Selbstmord begangen. Hat sich an einem Kran erhängt.«
   »O Gott, diese Geschichte. Das stand in allen Zeitungen.« Carla stöhnte.
   »Schrecklich, ja. Aber das gibt ihm doch nicht das Recht, andere Kinder und Eltern als Geiseln zu nehmen und mit dem Tod zu bedrohen«, sagte Lassalle.
   »Es erklärt vieles«, merkte Zimmermann lakonisch an. »Dieser Enrico hat nichts mehr zu verlieren. Er ist gefährlich. Wir sollten den Sturmangriff vorbereiten.«
   »Herr Zimmermann, bitte. Ich bin dabei, eine Beziehung zu ihm aufzubauen …«
   »Das sollten Profis tun«, beharrte Zimmermann.
   »Mein Mann ist Profi. Verhandeln ist schließlich sein Beruf«, echauffierte sich Carla.
   Zimmermann zuckte zusammen, fing sich aber rasch. »Papperlapapp. Er verhandelt ja sonst nicht mit Geiselnehmern, oder? Ich gehe da nun hinein. Lassalle, Megafon. Athen, Ihr Job ist vorbei. Sie haben hier lange genug den Helden gespielt.«

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