Auf der kleinen Insel Kollerssand vor der norddeutschen Küste verschwinden aus einer psychosomatischen Klinik drei Patienten spurlos. Als ihre Leichen zerstückelt wieder auftauchen, werden Kommissar Piet Petersen und sein Kollege Hauke Hansen als Patienten auf die Insel geschleust, um verdeckt zu ermitteln. Insbesondere Petersen muss sich dort seinen ganz persönlichen Dämonen stellen, was die Ermittlungen erschwert. Nachdem eine weitere Patientin verschwindet, überschlagen sich die Ereignisse, und Hansen gerät in tödliche Gefahr.

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ISBN: 978-9925-33-142-0

Seiten: 209

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Kirsten Raab

Kirsten Raab
Kirsten Raab, Jahrgang 1970, wuchs in der Nähe von Bremerhaven an der Weser- und Nordseeküste auf dem Land auf. Bücher und Geschichten fesseln sie seit ihrer Kindheit, sodass sie schon früh begann, eigene kleine Erzählungen zu verfassen. Die gelernte Bürokauffrau lebt mit ihrem Mann in Eschborn, doch obwohl sie seit beinahe zwanzig Jahren in der Nähe von Frankfurt am Main lebt und arbeitet, hat sie die Liebe zu der Region, in der sie aufwuchs, mit dem bisweilen unwirtlichen Klima, dem rauen Charme der Menschen und dem ewigen Spiel von Wind und Gezeiten nie losgelassen.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Es war eine blöde Idee gewesen, noch einmal mit dem Hund rauszugehen. Er hätte ihn, wie sonst, einfach für sein Geschäft in den Garten lassen sollen. Aber Gabi hatte sich im Fernsehen eine Quizsendung angesehen und lauthals mitgeraten, und er hatte einfach seine Ruhe haben wollen. Also hatte er den Labradormischling an die Leine genommen und ihr gesagt, dass er noch einmal um den Block gehen würde.
   Draußen war es schon dunkel, und der Nebel, der vom Strand über den Deich kroch, umhüllte in wabernden Schwaden Haus um Haus, Straße um Straße und trübte den matten Schein der Straßenlaternen zu geisterhaftem Licht. Horst steckte die freie Hand in die Tasche und fröstelte, als die Feuchtigkeit begann, durch seine Kleidung zu kriechen. Er hatte zur Kneipe um die Ecke gewollt, um mit ein paar Bier das Ende von Gabis Sendung abzuwarten, aber Willi hatte andere Pläne.
   Willi … Er schüttelte in nostalgischer Erinnerung den Kopf. Den Namen hatte ihm Gabi gegeben. Als sie im Tierheim nach einem Hund gesucht hatten, war ihnen dieser schokoladenbraune Mischlingswelpe entgegengetapst. Gabi hatte gelacht und gemeint, der Hund würde genauso zerknautscht und irritiert aussehen wie sein Bruder Wilhelm. Nun, zwei Jahre später, sah er nicht mehr zerknautscht, verwirrt und tapsig aus, stattdessen war er genauso stur wie sein menschlicher Namensvetter. Und heute Abend wollte Willi an den Strand.
   Horst gab dem beständigen Zerren an der Leine nach und schlug den Weg zum Deich ein. Sie schlichen durch die menschenleeren Straßen wie Gespenster, der Hund immer mit der Nase am Boden, zielstrebig auf ein Ziel zusteuernd, das nur er kannte. Sie erreichten das Ende der Häuser und erklommen den Deich. Oben angekommen hielt Horst einen Moment inne und blickte hinaus aufs Meer. Oder vielmehr in die Richtung, in der normalerweise das Meer lag. Heute Abend sah er nur wabernde Nebelschwaden, die von schwachem Mondlicht erhellt wurden, und ein paar Meter des Weges vor seinen Füßen. Willi zerrte jetzt so heftig an der Leine, dass er sich die Luft abdrückte und anfing, zu keuchen. Horst hatte keine Lust, im Dunkeln auf den Hintern zu fallen, und ließ sich beim Abstieg auf der anderen Seite des Deiches Zeit.
   Schließlich hatten sie den Strand erreicht, und Horst ließ den Hund eine Weile im Sand herumschnüffeln. Dann wurde ihm das ständige, ungeduldige Zerren zu viel, und er löste die Leine. Sollte der Hund doch seinen Freiraum haben. Wenn er wie ein Verrückter durch die Gegend rasen wollte, bitte.
   Darauf hatte Willi nur gewartet. Wie der Wind stürmte er ins Wattenmeer, Nebel und Dunkelheit hatten ihn schon nach wenigen Metern verschluckt. Eine Weile hörte Horst noch das Tapsen seiner Pfoten im feuchten Schlick und das gelegentliche Spritzen einer Pfütze, begleitet von seinem begeisterten Japsen. Vermutlich wälzte er sich gerade im Matsch, was bedeutete, dass er den Hund später auch noch würde baden müssen. Er seufzte. Es war wirklich eine blöde Idee gewesen, noch einmal mit ihm rauszugehen. Schließlich herrschte Stille. Vermutlich war Willi so tief ins Watt gelaufen, dass er seine Schritte nicht mehr hören konnte. Horst wurde unruhig und pfiff nach ihm. Es blieb noch einen Moment still, dann begann der Hund beinahe hysterisch zu bellen.
   »Willi! Jetzt komm. Es ist spät.« Er pfiff noch einmal und klatschte in die Hände.
   Das Gebell hörte auf, stattdessen hörte er gelegentlich ein begeistertes Knurren, das sich langsam näherte und das der Hund immer äußerte, wenn er ein tolles Spielzeug gefunden hatte. Horst seufzte. Was Willi im Watt fand, war normalerweise algenverschmiert und modrig, und der blöde Köter würde erwarten, dass er dieses tolle, neue ‚Stöckchen‘ wieder und wieder warf, nachdem er sich ausgiebig darauf gewälzt hatte.
   Er hörte, wie das Tapsen der Pfoten im feuchten Sand näher kam, und endlich tauchte Willi schemenhaft im Nebel auf. Anscheinend hatte er einen großen Ast gefunden. So dick, dass er ihn kaum ins Maul bekam und beinahe ebenso lang wie der Hund selbst. Als Willi ihn sah, beschleunigte er seine Schritte und bellte aufgeregt, was durch den Ast in seinem Maul seltsam gedämpft klang. Horst stöhnte resigniert. Was stimmte nicht mit diesem Hund? Jeder andere brachte ein normales Stöckchen, wenn er spielen wollte, und keine halben Bäume. Willi hingegen brachte immer den längsten und dicksten Scheit Kaminholz, den er finden konnte. Auch den Größenwahn hatte der Hund offenbar mit seinem Namenspaten gemein.
   Schließlich hatte das Tier ihn erreicht und legte ihm seine Beute zu Füßen. Horst sah hinab auf die neueste Errungenschaft seines Vierbeiners und erstarrte. Vor seinen Füßen lag ein menschlicher Arm. Oder vielmehr das, was davon übrig war. Dem Zustand nach musste er schon eine Weile im Wasser gelegen haben. Er war unterhalb des Schultergelenks abgetrennt, die Hand fehlte. Sie war knapp oberhalb des Gelenks abgetrennt worden. Horst sah die bleichen Knochen aus dem vermodernden Fleisch ragen.
   Erwartungsvoll wedelnd blickte Willi zu ihm auf und grinste mit hündischem Stolz, wie es nur ein Vierbeiner vermochte. In diesem Augenblick wurde Horst klar, dass er den Rest des Abends weder in der Eckkneipe noch auf dem Sofa verbringen würde. Für den Bruchteil einer Sekunde war er versucht, den Fund seines Hundes einfach zu ignorieren und mit ihm nach Hause zu gehen. Sollte sich jemand anderes darum kümmern, doch über dreißig Dienstjahre als Feuerwehrmann verloren nicht einfach ihre Wirkung nach drei Jahren im Ruhestand. Beinahe ohne zu denken, zog er sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Polizei. Anschließend rief er Gabi an, um ihr zu sagen, dass es sicher spät werden würde.

»Können Sie uns sagen, wo genau Sie den Arm gefunden haben, Herr Meyer?«
   Horst hatte nach dem Eintreffen von Polizei und Spurensicherung auf einer Bank in der Nähe Platz genommen und beobachtete das Treiben. Man hatte Scheinwerfer am Strand aufgestellt, die die Szene in grelles Licht tauchten. Die Welt außerhalb des Lichtkreises versank in kompletter Finsternis, die Stille der Nacht verlor sich im Dröhnen des dieselbetriebenen Stromgenerators. Vor etwa zehn Minuten hatte er eine kleine Gruppe Polizisten mit einem flachen Boot und in Taucheranzügen in der Dunkelheit hinter den Scheinwerfern in Richtung Meer verschwinden sehen. Die Flut strömte in die Bucht und hatte vermutlich inzwischen den größten Teil des Watts überschwemmt.
   »Herr Meyer?« Der junge Polizist sah ihn erwartungsvoll und mit gezücktem Notizbuch an.
   Horst lachte humorlos. »Das müssen Sie ihn fragen«, sagte er und deutete auf seinen Hund, der ihm zu Füßen lag. »Er ist ins Watt gelaufen und war dort vielleicht für eine Viertelstunde verschwunden. Bei dem Nebel und der Dunkelheit war beim besten Willen nicht zu sehen, wohin er gelaufen ist. Ich habe ein paar Pfützen platschen hören, das ist alles. Schließlich ist er dann … damit … wiedergekommen.« Er machte eine vage Geste in Richtung der Stelle, an der bis vor Kurzem noch der Arm gelegen hatte. Inzwischen war er von der Spurensicherung verpackt und der Gerichtsmedizin überstellt worden.
   »Aber warum kommt er ausgerechnet mit einem Arm zurück? Sie waren früher bei der Feuerwehr, nicht wahr? Hat Ihr Hund eine Ausbildung als Leichenspürhund? Es würde den Kollegen sicher helfen, wenn er …« Der Polizist unterbrach sich, als er Horsts Kopfschütteln bemerkte.
   »Nein, er hat einfach nur gedacht, er hätte ein tolles Stöckchen gefunden.«
   Der Labrador blickte bei dem Wort Stöckchen erwartungsvoll zu ihm auf und begann, wild mit dem Schwanz zu wedeln.
   Horst tätschelte ihm bedauernd den Kopf. »Tut mir leid.« Er machte nicht klar, ob er den Polizisten oder den Hund meinte.

Kapitel 1

»Ich soll was?« Piet starrte seinen Vorgesetzten entgeistert an und fragte sich für einen Moment, ob er sich verhört hatte. Hatte Georg Felsner ihn tatsächlich gerade gebeten, verdeckt in einer Klapsmühle zu ermitteln? Ihn? Klar, war ja auch eine richtig gute Idee, ausgerechnet Piet Petersen, den Bullen, der nicht alle Tassen im Schrank hatte und noch dazu von diesem Psychokram überhaupt nichts hielt, in einer Irrenanstalt ermitteln zu lassen. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«
   Sein Vorgesetzter winkte ab. »Das ist keine Irrenanstalt, sondern eine psychosomatische Klinik. Und ich denke, du bist geradezu prädestiniert, dort zu ermitteln.« Er nickte nachdrücklich.
   Piet verzog das Gesicht. »Können das nicht Inga und Sven übernehmen?«
   Georg Felsner sah ihn streng an. »Leidest du noch unter Panikattacken?«
   Natürlich litt er noch unter Panikattacken. Als wenn Georg das nicht wüsste. Seit dem unaufgeklärten Mord an seiner Ehefrau Mara litt Piet unter Schlafstörungen und hatte beinahe jede Nacht Panikattacken. Und jeder Tote, zu dem er gerufen wurde, hatte Maras Gesicht. Er fühlte sich schuldig, auch wenn er rational wusste, dass er nichts für ihren Tod konnte. Er hob vage die Schultern.
   Felsner lächelte zufrieden. »Na also. Genau deshalb. Bei dir müssen wir uns nicht erst aufwendig eine Hintergrundgeschichte und ein Krankheitsbild überlegen. Du kannst einfach so sein, wie du immer bist. Inga und Sven sind für so eine Aufgabe noch viel zu unerfahren.«
   Piet wusste, dass Felsner mit beidem recht hatte. Es war natürlich einfacher und glaubwürdiger, mit einem echten Leiden in einer Klinik zu ermitteln. Und die jungen Kollegen Inga und Sven waren wie lange mit der Polizeischule fertig? Zwei Jahre? Oder drei? Trotzdem fühlte Piet, wie sich in seinem Magen alles zusammenkrampfte, und sein Geist flüsterte ihm ohne Pause zu, dass dies eine richtig dämliche Idee sei. »Das ist nicht fair.« Er fühlte sich ungerecht behandelt, obwohl er wusste, dass dies nicht in der Absicht seines Vorgesetzten lag.
   Felsner seufzte. »Ich kann verstehen, dass dir die Angelegenheit nicht gefällt. Sieh es als persönlichen Gefallen. Fred ist ein alter Freund. Wir kennen uns seit unserer Kindheit, und er ist wirklich verzweifelt. Ich habe ihm versprochen, dass ich meinen besten Mann schicke.«
   Piet verdrehte innerlich die Augen. Das war jetzt wirklich unfair. Georg Felsner stand als Vorgesetzter immer hundertprozentig hinter seinen Leuten. Er erwartete zwar vollen Einsatz, ging aber immer korrekt mit ihnen um und forderte nie mehr, als er sich selbst abverlangte. Ihm einen persönlichen Gefallen abzuschlagen, war quasi unmöglich. Besonders für Piet. Er hatte es Felsner zu verdanken, dass er aus der Mordkommission in Hannover ins beschauliche Söderbrock versetzt werden konnte. Er seufzte. »Was genau ist überhaupt passiert?«
   »In der psychosomatischen Klinik auf Kollerssand sind in den vergangenen zwei Monaten drei Patienten spurlos verschwunden. Da die Klinik keine geschlossene Anstalt ist und die Patienten freiwillig dort sind, war man zunächst davon ausgegangen, dass sie die Therapie abgebrochen haben und einfach gegangen sind. Die Abbrecherquote war damit zwar höher als im Durchschnitt, aber zunächst nicht besorgniserregend. Die eingeleiteten polizeilichen Ermittlungen haben auch nichts Verdächtiges ergeben. Bis in der vergangenen Woche die ersten Leichenteile im Watt gefunden wurden. Bei einigen Teilen passen die Gewebeproben zu Walter Kroek, dem Patienten, der als Erster verschwunden ist. Seine Schwester hatte ihn als vermisst gemeldet. Man hatte bei seinem Verschwinden auch einen Suizid für möglich gehalten, obwohl in seinen Klinikakten nichts darauf hingedeutet hatte. Bei den übrigen Leichenteilen wird noch geprüft, ob die Gewebeproben zu den verschwundenen Patienten passen. Aber nun ist die Sachlage natürlich eine ganz andere. Der Mann wird sich ja nicht selbst zerstückelt und im Meer versenkt haben.«
   Piet ließ diese Information einen Moment sacken. In einer psychosomatischen Klinik, noch dazu in Insellage, verschwanden Patienten, die nun nach und nach zerstückelt wiederauftauchten. Spontan würde man sofort an einen anderen Patienten denken, doch rein theoretisch war jeder dort ein Verdächtiger. Auch Georg Felsners Freund Fred Weiner, der Chefarzt der Klinik. »Woher willst du wissen, dass dein Freund nicht dahintersteckt?«
   Felsner warf ihm einen gekränkten Blick zu. »Ich kenne Fred schon mein ganzes Leben! Denkst du nicht, dass ich so etwas nicht bemerken würde?«
   Erfahrungsgemäß waren die Leute bei ihren Verwandten und Freunden fast immer blind, solange sie nicht selbst zum Opfer wurden. Dennoch nickte er. »Du hast recht. Es tut mir leid.«
   Sie schwiegen eine Weile, und die Stille senkte sich schwer über das Büro, nur unterbrochen vom leisen Ticken der Uhr, die auf Felsners Schreibtisch stand.
   Schließlich seufzte Piet. »Also gut. Aber ich mache das nicht ohne Hauke.«
   Hauke Hansen war Piets bewährter Kollege, mit dem er durch dick und dünn ging, seit Piet nach Söderbrock versetzt worden war. Er würde bei dieser Ermittlung nicht auf ihn verzichten wollen.
   Georg Felsner sah ihn erst verdutzt, dann halb belustigt an. »Hauke? Ach komm! Was sollen wir dem denn andichten? Wirkt Hauke auf dich depressiv oder gestresst?«
   »Wie wäre es, wenn er zu nett ist und ihn das stört? Dann müsste er nur ein bisschen übertreiben. Du weißt ja, wie gutmütig er sein kann.« Hansen hatte ein sonniges, freundliches Wesen und war meistens die Ruhe selbst. Er wirkte durch seine beeindruckende physische Präsenz ohnehin einschüchternd genug. Beinahe zwei Meter groß und athletisch gebaut sah er mit seinen blonden Locken und den himmelblauen Augen wie ein Wikinger aus. In jüngeren Jahren war er ein guter Handballer gewesen, und auch heute noch trainierte er regelmäßig. Dazu verfügte er über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und konnte Menschen gut einschätzen, auch wenn er nach Piets Geschmack etwas zu nachsichtig war.
   Felsner dachte über Piets Vorschlag eine Weile nach. »Also schön«, sagte er schließlich. »Aber die Neuigkeit überbringst du ihm selbst. Das ist auf deinem Mist gewachsen, nicht auf meinem.«

Hansen hatte im Grunde ähnlich reagiert wie Piet, als er ihm die Neuigkeiten unterbreitete. Nur, dass er nach seiner ungläubigen Frage: »Ich soll was?« in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Es hatte eine Weile gedauert, bis Piet ihn davon überzeugen konnte, dass er keinen Scherz mit ihm trieb.
   Als ihm schließlich dämmerte, dass Piet es ernst meinte, war er auf seinen Stuhl gesunken und hatte ihn entgeistert angestarrt. »Ihr habt sie doch nicht alle.« Mehr hatte er zu dem Thema nicht gesagt, sondern immer wieder nur den Kopf geschüttelt. Schließlich hatte er mit den Schultern gezuckt. »Okay. Wird sicher spannend werden.«
   Piet beneidete seinen Kollegen für seine unkomplizierte Art, mit den Dingen umzugehen. Er selbst haderte immer noch mit sich, auch wenn er genau wusste, dass es keine Möglichkeit gab, sich vor der Aufgabe zu drücken, die vor ihnen lag.
   Sie hatten sich in dem kleinen Besprechungsraum zu einer Einsatzbesprechung zusammengesetzt. Zwei Tage später sollten sie nach Kollerssand abreisen.
   »Okay, fangen wir an«, sagte Felsner. Er dimmte das Licht und schaltete den Videobeamer ein. Auf der Leinwand erschien eine Luftaufnahme der Insel. »Kollerssand. Etwa drei Kilometer lang, und an der breitesten Stelle ungefähr zweieinhalb Kilometer breit. Sie liegt etwa fünfzehn Kilometer vor der Küste im Wattenmeer der Wesermündung und erhebt sich an der höchsten Stelle etwa fünfzehn Meter über Normalnull. Die drei Gebäude der Klinik, und sie sind neben dem Leuchtturm und einem Bootsschuppen die einzigen Bauwerke der Insel«, Felsner drückte einen Knopf auf der Fernbedienung, und das Bild wechselte zu einer Abbildung von drei Gebäuden im Fachwerkstil, »stehen außerdem auf einer Art Wurt. Ihr braucht also keine Sorgen zu haben, dass ihr bei einer Sturmflut nasse Füße bekommt. Die Insel wurde bisher noch nie vollständig überflutet.«
   »Was ist mit dem Leuchtturm?«, fragte Hansen.
   »Dazu komme ich jetzt.«
   Das Bild wechselte wieder und zeigte einen Leuchtturm aus einer Holz-Stahl-Konstruktion. Die Grundfarbe des Bauwerks war weiß, um seine Mitte zog sich ein breiter, roter Streifen, die Laterne an der Spitze des Turms prangte ebenfalls in Rot. Direkt an den Turm angebaut war eine Art Leuchtturmwärterhaus. Allerdings wirkte es sehr klein. Zu klein, um dort einen ständig anwesenden Leuchtturmwärter zu beherbergen.
   »Der Leuchtturm von Kollerssand ist als Seezeichen voll automatisiert. In dem angebauten Haus befindet sich eine Anzahl Messinstrumente von Meteorologen der Universität. Die Patienten und Angestellten der Klinik haben keinen Zutritt zu dem Turm, sondern ausschließlich die Techniker des Wasser- und Schifffahrtsamtes sowie zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität«, fuhr Felsner fort. »Der Turm ist verschlossen, die Tür aus Stahl und sämtliche Fenster vergittert. Dies dient vor allem dem Schutz der empfindlichen und teuren Messinstrumente.«
   Das nächste Bild zeigte einen Bootsanleger, im Hintergrund konnte man unscharf einen Bootsschuppen erkennen, der selbst in der undeutlichen Auflösung alt und baufällig aussah.
   »Kollerssand wird dreimal täglich von Cuxhaven aus mit einem Versorgungsschiff angefahren, um Mitarbeiter und Patienten zur und von der Insel zu bringen. Es gibt eine ausgebaggerte Fahrrinne, die sich von Nordosten her zur Insel zieht. Ein ziemlicher Umweg, aber so ist der Zugang zur Insel unabhängig von der Tide.«
   Wieder wechselte das Bild und zeigte nun das Wattenmeer bei Niedrigwasser, aufgenommen vom Strand von Kollerssand.
   »Einem gesunden und körperlich fitten Erwachsenen ist es grundsätzlich möglich, während der Ebbe in etwa vier bis viereinhalb Stunden zu Fuß von der Insel aufs Festland zu gelangen, oder umgekehrt. Man muss dazu jedoch zwei Prile durchqueren, und wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, ist man zwischen den Prilen gefangen, wenn das Wasser wieder steigt. Den Patienten und Mitarbeitern wird nachdrücklich davon abgeraten, solche Wanderungen zu versuchen. Kommen wir nun zu eurem Einsatzgebiet.« Felsner rief ein Foto auf, das die drei Gebäude der Klinik zeigte. »Mein Schulfreund Fred Weiner hat die Klinik vor etwa zehn Jahren gemeinsam mit einem Kollegen gegründet. Es befinden sich immer etwa um die zwanzig Patienten auf der Insel, betreut von fünf Therapeuten, Fred eingeschlossen, dazu halten sich auf der Insel tagsüber eine Reihe von Verwaltungskräften, Reinigungskräften, Technikern und Küchenpersonal auf, alles in allem noch einmal zwanzig Personen. Davon verlassen die meisten die Insel nach Feierabend mit dem Abendschiff. Nur die Therapeuten, ein Haustechniker und die Schwester, die Bereitschaftsdienst haben, übernachten auf der Insel. Fred ist bis auf wenige Ausnahmen immer vor Ort.«
   »Wo übernachten die Patienten und die Angestellten?«, fragte Hansen, der sich eifrig Notizen machte.
   »Die Patienten übernachten in Doppelzimmern im Obergeschoss des Hauptgebäudes der Klinik. Die Angestellten haben einen eigenen Wohntrakt über dem Küchengebäude.« Felsner deutete auf das links vom Hauptgebäude liegende Haus.
   »Und was ist in dem anderen Haus?«, fragte Piet.
   »Das ist das ehemalige Kutschenhaus. Dort befindet sich die Sporthalle und der Technik- und Fuhrpark der Klinik, also Rasenmäher, elektrische Handwagen und so weiter. Im Obergeschoss hat Fred seine Wohnung, zusätzlich gibt es noch ein paar Notunterkünfte, sollte das Schiff aus irgendeinem Grund ausfallen.«
   Piet nickte und machte sich ebenfalls Notizen. Er hatte jetzt schon ein schlechtes Gefühl bei dem Gedanken, dort festzusitzen, ohne die Möglichkeit, die Insel jederzeit verlassen zu können.
   »Was ist mit den verschwundenen Personen?«, fragte Hansen. Er sah interessiert und enthusiastisch aus.
   Piet wünschte, er könnte seine Begeisterung teilen. Aber als Patient in eine psychosomatische Klinik, selbst wenn es nur als verdeckter Ermittler war? Nein, danke. Er seufzte.
   »Das erkläre ich als Nächstes«, sagte Felsner. Die Bilder von drei Erwachsenen erschienen auf der Leinwand. Zwei Männer und eine Frau. »Das sind Walter Kroek, Luise Warnke und Jaroslav Michalsen. Sie alle verschwanden nacheinander innerhalb von acht Wochen. Nachdem man zunächst davon ausgegangen war, dass die Patienten einfach ihre Therapie abgebrochen hatten, hielt man bei den ersten beiden Opfern auch einen Unfall oder Selbstmord für möglich, aber als zwei Wochen nach Luise Warnke auch noch Michalsen verschwand, der erst zwei Tage zuvor angekommen war, wurde man unruhig. Und als dann die Leichenteile von Kroek gefunden wurden … Nun, es ist klar, dass etwas unternommen werden muss.«
   »Aber es gab nach dem Verschwinden der Leute doch sicher eine Untersuchung?«, fragte Piet.
   »Natürlich. Insbesondere, nachdem Michalsen verschwand. Vorher ging man ja noch im schlimmsten Fall von tragischen Unglücksfällen aus. Jeder auf der Insel wurde mehrfach befragt und durchleuchtet, aber es ergab sich kein Hinweis. Und die zahlreichen Befragungen und Ermittlungen haben die Patienten dort sehr verstört und in ihrer Therapie teilweise weit zurückgeworfen. Fred denkt, es ist jemand von außerhalb, der sich auf die Insel schleicht. Ich denke aber eher, dass der Täter ein Mitarbeiter ist und wir bei den Überprüfungen etwas übersehen haben. Deshalb sollt ihr euch dort unauffällig umsehen.«
   Hauke kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe. »Wurde der Leuchtturm bei den letzten Ermittlungen untersucht? Wäre immerhin ein möglicher Tatort.«
   Das Bild wechselte noch einmal auf den Leuchtturm, während Felsner in seinen Unterlagen blätterte. »Ja. Es ist extra jemand vom Wasser- und Schifffahrtsamt dazugeholt worden, der den Turm aufgeschlossen hat. Dort wurde aber auch nichts Verdächtiges gefunden.«
   Hansen machte sich weitere Notizen. »Wie haben die Patienten auf den Fund der Leichenteile reagiert? Dass dort offensichtlich ein Serienkiller umgeht, kann sie ja nicht völlig kalt lassen.«
   Felsner nickte. »Das ist richtig. Die Patienten wurden angewiesen, sehr aufmerksam und vorsichtig zu sein, außerdem hat man die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und zwei Sicherheitsleute eingestellt, die nachts auf dem Gelände patrouillieren.«
   »Gibt es Videoüberwachung?«
   »Nur im Erdgeschoss des Hauptgebäudes und auch nur in den Fluren. Das Videomaterial ist schon überprüft worden. Wir haben nichts Verdächtiges entdecken können.«
   Piet seufzte innerlich. Echte Sicherheitsmaßnahmen existierten also praktisch nicht, und das wenige Vorhandene war bestenfalls geeignet, die Patienten zu beruhigen. »Und was ist mit den Patienten und Mitarbeitern? Was haben wir über sie für Informationen?«
   Felsner schaltete den Videobeamer ab und zog die Vorhänge zurück. Anschließend händigte er jedem einen der beiden Ordner aus, die bis dahin vor ihm auf dem Tisch gelegen hatten. »Dies sind Informationen über Patienten und Angestellte, die ich von Fred Weiner bekommen habe. Sie sind streng vertraulich.« Er sah sie nacheinander mahnend an. »Was die Patienten angeht, ist Fred an seine ärztliche Schweigepflicht gebunden. Bei den Opfern hat er allerdings alles, was helfen könnte, aufgeführt. Er geht davon aus, dass dies in ihrem Sinne ist. Bei Walter Kroek, dem ersten Opfer, hat seine Schwester der Freigabe der Informationen zugestimmt.«
   »Können wir mit ihr sprechen?«, fragte Piet, während er durch den Ordner blätterte. Er schien zu jeder Person ein Datenblatt zu enthalten, jeweils mit Namen und allgemeinen Personendaten, bei den Mitarbeitern zusätzlich noch den Beruf und die Aufgabe, die sie in der Klinik erfüllten. Bei den Patienten fand Piet noch ein kryptisches ‚Gruppe 1‘ beziehungsweise ‚Gruppe 2‘ sowie die Zimmernummer, in der die Patienten wohnten, aufgeführt. Eine Menge Lesestoff, aber nicht viel, das ihnen weiterhelfen konnte. Die Datenblätter der Opfer waren vorn im Ordner eingeheftet. Sie enthielten deutlich mehr Informationen in einer Menge medizinischem Kauderwelsch, durch das er sich später gemeinsam mit Hansen arbeiten musste.
   »Sicher«, sagte Felsner. »Sie ist ohnehin in der Gegend, um wegen des Todes ihres Bruders noch ein paar Angelegenheiten zu regeln. Ich kümmere mich darum.« Er machte sich eine Notiz.
   Hansen hatte die ganze Zeit schweigend in seinem Ordner geblättert. »Und wie genau soll das ablaufen?«
   »Es weiß nur Fred, dass ihr dort verdeckt ermittelt. Für alle anderen seid ihr normale Patienten. Fred wird es so einrichten, dass ihr beide im gleichen Zimmer untergebracht seid. Da es etwas verdächtig wäre, wenn gleich zwei Polizisten dort auftauchen, noch dazu aus dem gleichen Revier, wirst du, Hauke, dort als Landwirt einchecken. So kann man es noch als lustigen Zufall verkaufen, dass ihr euch kennt.«
   Hansen nickte nur knapp. Er war auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte eigentlich den Hof seiner Eltern übernehmen sollen. Stattdessen hatte er sich für eine Karriere bei der Polizei entschieden. In die Rolle eines Landwirts zu schlüpfen, sollte für ihn kein Problem darstellen, insbesondere, da er ohnehin viel auf dem Hof seiner Eltern und einem Gnadenhof in der Nähe von Söderbrock half. »Und wie heißt das noch mal, was ich habe?«
   »Helfersyndrom«, sagte Piet. »Dazu musst du dich nicht mal groß verstellen.«
   »Ich weiß nicht, was daran schlecht sein soll, freundlich zu sein und anderen zu helfen.« Hansen klang beleidigt.
   »Natürlich ist da nichts schlecht dran«, sagte Felsner. »Du sollst in diesem Fall auch nur ein bisschen übertreiben und dich ausgenutzt fühlen.«
   Hansen rollte mit den Augen, sagte aber nichts. Nach einem Moment sah er Piet an. »Und was hast du?«
   Piet zögerte einen Moment und wechselte einen Blick mit seinem Vorgesetzten. Der nickte unmerklich. Bisher wusste nur Felsner von den inneren Dämonen, die ihn ständig begleiteten. Vielleicht war dies eine gute Gelegenheit, Hansen einzuweihen. Sicher, Hansen wusste, dass Piet um seine Frau trauerte. Aber welches Ausmaß Trauer und Schuldgefühl hatten und wie sehr sie Piets Alltag beeinflussten und belasteten, wusste vermutlich nicht einmal Georg Felsner in vollem Umfang. Er holte tief Luft. »Ich habe eine Leichenphobie, Schlafstörungen und Panikattacken. Und außerdem Halluzinationen«, erklärte er und fühlte, wie sein Magen begann, sich zu verkrampfen.
   Hansens Augenbrauen waren nach oben gewandert. »Hui! Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?«
   »Ich wünschte, es wäre so.«
   »Das verstehe ich nicht.«
   Wieder wechselte Piet einen Blick mit seinem Vorgesetzten. Er zögerte noch einen Moment und wählte seine Worte sehr vorsichtig. »Du weißt ja, dass meine Frau ermordet worden ist und ihr Mord nie aufgeklärt wurde.«
   »Ja, sicher.«
   »Ich habe dir nie die ganze Geschichte erzählt. Ich wurde damals als ermittelnder Beamter zum Fundort einer weiblichen Leiche gerufen, und diese Tote entpuppte sich als meine Frau. Jemand hatte sie mit vierzehn Messerstichen getötet.«
   »Du liebe Güte!« Hansen war blass geworden. Er sah Piet mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitgefühl an.
   »Seitdem hat jeder Tote, zu dem ich gerufen werde, ihr Gesicht. Dass das ziemlich verstörend ist, kannst du dir sicher vorstellen. Ich leide seitdem unter Schlafstörungen und Panikattacken.« Dass er Mara auch im Alltag beinahe ständig sah, verschwieg er lieber. Er wollte nicht noch durchgeknallter wirken, als sein Kollege nun ohnehin denken würde.
   Schweigen senkte sich über den Raum. Sekunden verstrichen und wurden zu Minuten, die Stille nur unterbrochen vom Ticken der Uhr an der Wand neben der Tür und dem leisen Knacken des abkühlenden Beamers.
   »Oh, Mann«, stieß Hansen hervor. »Mich könnten sie unter solchen Umständen vermutlich gleich in die Geschlossene einweisen. Respekt, dass du das so durchstehst. Wenn ich dir irgendwie helfen kann …« Er sah Piet an, und Piet wusste, dass Hansen seine Worte ehrlich meinte.
   »Danke. Am meisten hilfst du mir, wenn du für dich behältst, was wir hier besprochen haben.«
   Georg Felsner räusperte sich. »Ihr fahrt in zwei Tagen. Seht euch die Unterlagen an und bereitet euch bestmöglich vor. Erstattet mir regelmäßig Bericht, aber passt auf, dass niemand bemerkt, dass ihr keine normalen Patienten seid. Und falls ihr etwas braucht, sprecht entweder direkt mit mir oder mit Fred Weiner. Und nur mit ihm. Viel Glück.« Er erhob sich und reichte jedem von ihnen die Hand.

*

Petersen hatte sich nach der Besprechung in Felsners Büro verabschiedet, weil er noch ein paar Dinge erledigen wollte, und Hauke blieb allein in seinem Büro zurück. Verwirrt und überwältigt von dem, was er erfahren hatte, versuchte er, das Gehörte zu verarbeiten und zu verstehen. Es dauerte eine Weile, bis sich das Durcheinander an Gedanken und Gefühlen legte. Er hatte gewusst, dass Piet durch den Mord an seiner Frau verwitwet war. Das allein musste schon eine schreckliche Erfahrung sein, einen geliebten Angehörigen auf so grausame Weise zu verlieren. Aber zu einem Tatort gerufen zu werden und dort in der Leiche die eigene Frau zu erkennen? Dieses Ausmaß an Grauen konnte er sich nicht einmal ansatzweise ausmalen. Noch dazu hatte Piet seine Frau sehr geliebt, das konnte Hauke an dem Blick erkennen, mit dem sein Kollege ihr Foto auf seinem Schreibtisch betrachtete. So voller Sehnsucht und Zärtlichkeit. Mara … Das war ihr Name gewesen.
   Hauke hatte neugierig einen Blick auf ihr Bild geworfen, als Piet noch neu im Revier gewesen war. Es zeigte seine Frau in einem Laden für Kunsthandwerk. Strahlend hielt sie eine Schnitzerei in die Kamera. Sie war groß und schlank, und unter ihrem schlichten Sommerkleid lugten ein paar wohlgeformte, sonnengebräunte Schenkel hervor. Ihr langes, dunkles Haar trug sie offen, und sie hatte ein sanftes, ebenmäßig geschnittenes Gesicht. Aber das Beeindruckendste an ihr waren ihre großen, strahlenden Augen in diesem ungewöhnlichen Veilchenblau. Sie war ohne Frage sehr schön gewesen. Und nach dem Wenigen zu urteilen, das Piet von ihr erzählt hatte, musste sie auch ein toller Mensch gewesen sein. Kein Wunder, dass er sie vermisste.
   Er seufzte. Piet hatte ihn gebeten, nicht über das zu sprechen, was er erfahren hatte. Aber wie sollte er sich ihm gegenüber verhalten, als wäre nichts geschehen? Er war zutiefst mitgenommen von dem, was er gerade gehört hatte. Zumindest in dieser Hinsicht war der Einsatz auf Kollerssand vielleicht nützlich: Wenn sich bei ihrer Rückkehr ihr Umgang miteinander verändert hatte, ließ es sich auf den Einsatz schieben. Verdeckt in einer Klapsmühle zu ermitteln, bereitete ihm Unbehagen. Er hatte bisher erst einmal verdeckt ermittelt, und das lag Jahre zurück. Und da war es um Spielmanipulation und Wettbetrug im Handball gegangen, ein Thema, mit dem er sich gut auskannte. Immerhin hatte er selbst lange in der Zweiten Bundesliga Handball gespielt. Aber in einer psychosomatischen Klinik vorzutäuschen, er sei jemand anderer? Noch dazu mit einer Krankheit, die er nicht hatte? Würde man ihn nicht sofort durchschauen?
   Er schob seine Bedenken beiseite, und um auf andere Gedanken zu kommen, blätterte er in dem Ordner, den er in der Besprechung bekommen hatte. Er enthielt nur nüchterne Eckdaten von Personen, viele ohne Gesicht, und nichts auf den Datenblättern vermittelte einen Eindruck davon, wer diese Menschen wirklich waren, was sie antrieb oder was sie mochten oder verabscheuten. Es bedeutete eine Menge Arbeit, diese nüchternen Daten mit Leben zu füllen, noch bevor sie nach Kollerssand aufbrachen. Er machte sich an die mühsame Arbeit, jeden einzelnen Namen, den er im Ordner fand, im Internet zu recherchieren. Es erstaunte ihn immer wieder, wie viel die Leute oftmals in den sozialen Netzwerken von sich preisgaben.
   Er gab den ersten Namen ein und erlebte gleich eine Enttäuschung. Über Walter Kroek ließ sich absolut nichts finden. Offenbar hatte der Mann nicht einmal gewusst, dass es so etwas wie das Internet überhaupt gab. Hoffentlich konnte seine Schwester weiterhelfen, wenn sie mit ihr sprachen.
   Der Name des zweiten Opfers, Luise Warnke, brachte schon mehr Ergebnisse. Er klickte sich durch die verschiedenen Links, die die Suchmaschine ausgespuckt hatte, und begann, sich Notizen zu machen.

*

Piet war nach der Besprechung und seinem Geständnis so aufgewühlt, dass er erst einmal Ruhe brauchte, um seine Gedanken zu ordnen. Er entschuldigte sich mit der Ausrede, noch etwas erledigen zu müssen, und fuhr nach Hause. Er wohnte direkt hinter dem Deich, und ein Spaziergang dort würde ihm jetzt sicher guttun. Herr Meyer, sein kalbsgroßer irischer Wolfshund, begrüßte ihn mit wildem Schwanzwedeln, begeistert darüber, seinen Herrn so überraschend früh wiederzusehen. Herr Meyer begleitete ihn bereitwillig, als sie gemeinsam den Deich hinaufstiegen.
   Oben angekommen wandte sich Piet um. Hinter ihm lag, nur durch einen schmalen Wirtschaftsweg vom Deich getrennt, sein kleines, reetgedecktes Haus inmitten von Wiesen und vereinzelten, windschiefen Bäumen. Ein Stück entfernt lag das Dorf mit seinen dicht gedrängten Höfen und dem spitzen Kirchturm. Dahinter verlief die Landstraße, auf der die Autos und Trecker wie in Spielzeuggröße dahinkrochen. Der Himmel darüber erstreckte sich weit und klar, gesprenkelt mit großen, wattigen Wolken. Er atmete tief ein und genoss den Geruch von Salz, Erde und feuchtem Laub, der so typisch war für diese Jahreszeit, und fühlte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel. Er wandte sich in Richtung Meer und folgte dem Weg, der sich von der Deichkrone hinunter durch die Wiesen des Deichvorlands bis ans Wasser wand. Dort blieb er einen Moment stehen. Die Tide hatte ihren niedrigsten Stand erreicht, und der graubraune Schlick des Wattenmeeres breitete sich entblößt vor ihm aus. In den verbliebenen Pfützen glitzerte die Sonne, und die Wolken, die in geschäftiger Eile über den Himmel zogen, warfen große, schnell wandernde Schatten auf das Watt. Ein Stück entfernt verlief ein Pril, in dem Möwen und kleine Küstenvögel nach Meerestieren und Muscheln fischten. Weiter hinten, im tieferen Wasser der Fahrrinne, zog ein hoch mit Containern beladenes Schiff vorbei in Richtung Nordsee. Piet folgte ihm mit seinem Blick und fragte sich, wohin es fahren mochte. Ein beständiger, kalter Wind blies vom Wasser her und brachte die Haut in seinem Gesicht zum Kribbeln.
   »Na komm, mein Junge.« Er schob die Hände tief in die Taschen seiner Jacke und schlenderte den Weg an der mit schwarzen Basaltblöcken befestigten Küstenlinie entlang.
   Herr Meyer trottete mit der Nase am Boden neben ihm her. Die Erinnerung an den unangenehmen Moment, als er Hansen die Wahrheit gesagt hatte, drängte sich wieder in seine Gedanken. Nun wusste Hauke also alles. Na ja, nicht alles, aber genug, um ihn von jetzt an für total durchgeknallt zu halten.
   »Würdest du denn denken, er wäre verrückt, wenn es umgekehrt wäre?« Mara erschien vor seinem geistigen Auge und sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an. Der Wind spielte in ihren Haaren, und Piet fühlte ein so unbändiges Verlangen, sie in die Arme zu schließen, dass es ihm fast das Herz zerriss. »Natürlich!«, hatte er ihr spontan antworten wollen, doch der Blick ihrer veilchenblauen Augen ließ ihn innehalten.
   Stimmte das? Er versuchte, die Angelegenheit aus Haukes Blickwinkel zu betrachten. Wie würde er an seiner Stelle reagieren?
   »Du solltest etwas mehr Vertrauen in die Menschen haben. Du musst nicht immer alles allein machen«, gab Mara ihm noch mit auf den Weg, dann löste sie sich in Luft auf, und Piet fühlte wieder ein dumpfes Gefühl schmerzlicher Leere in sich aufsteigen.
   Warum?, fragte er sich zum millionsten Mal. Warum du? Er seufzte und schluckte mehrmals, um den Kloß in seinem Hals zu vertreiben. Aber sie hatte einen wichtigen Punkt angesprochen. Wie würde er im umgekehrten Fall reagieren? Würde sich seine Einstellung Hauke gegenüber verändern? Er zermarterte sich eine Weile das Hirn, prüfte seine widersprüchlichen Gefühle, und kam zu keinem Ergebnis. Er seufzte. Er würde im Laufe der nächsten Tage schon merken, wie Hansen auf die Neuigkeiten reagierte. Er schob den Gedanken beiseite und dachte über die anstehende verdeckte Ermittlung nach. Er war froh, dass Hauke ihn begleitete. Vier Augen sahen mehr als zwei, und es war auch nie verkehrt, wenn man die Indizien, die man sammelte, mit jemandem analysieren konnte, der einen anderen Blick auf die Dinge hatte als man selbst. Bisher war die Zusammenarbeit mit Hauke genau deshalb so fruchtbar gewesen, weil Hansen zu manchem eine ganz andere Meinung hatte. Piet hoffte, dass ihre geballte Kombinationsgabe auch diesmal zu einem guten Ermittlungserfolg führen würde. In diesem speziellen Fall am besten zu einem besonders schnellen. Je früher sie von dieser Verrückten-Insel wieder herunterkamen, desto besser.
   Herr Meyer war seit geraumer Zeit beinahe gelangweilt neben ihm hergetrottet, doch nun erstarrte er plötzlich. Piet folgte seinem Blick. In einiger Entfernung graste eine Herde Schafe auf den Wiesen des Deichvorlandes. Der dünne Elektrozaun, der sie vom Weg trennte, war auf diese Distanz kaum zu sehen. Etwa in der Mitte zwischen ihnen und den Schafen liefen ein paar Kaninchen umher. Herr Meyer verfügte zwar über keinen besonders ausgeprägten Jagdtrieb, doch einer gelegentlichen Kaninchenhatz konnte er nicht widerstehen. »Nein«, sagte Piet streng, und Herr Meyer zog ein enttäuschtes Gesicht. Piet nahm ihn vorsichtshalber an die Leine. Er musste sich überlegen, was er mit dem Hund anstellen sollte, während er auf Kollerssand ermittelte. Mitnehmen konnte er das Tier ja nicht. Ob Dr. Wiehen ihn so lange bei sich aufnehmen würde?
   Dr. Wiehen war der Tierarzt von Söderbrock und hatte schon häufiger auf Herrn Meyer aufgepasst, wenn Piets Dienstplan es nicht erlaubte, sich um den Hund zu kümmern. Bisher allerdings nur tageweise oder für eine Nacht. Ob er ihn auch für, im schlimmsten Fall, einige Wochen bei sich aufnehmen würde? Noch ein Punkt auf seiner Liste, um den er sich kümmern musste.

Georg Felsner hatte für den nächsten Tag ein Treffen mit der Schwester von Walter Kroek, dem ersten Opfer arrangiert. Als Piet am Morgen ins Büro kam, saß Hansen schon in Arbeit vertieft hinter seinem Schreibtisch.
   »Moin«, grüßte Hansen. »Ich habe gestern Nachmittag und heute schon den ganzen Morgen über alle in diesem verdammten Ordner recherchiert. Aber wirklich schlauer bin ich nicht.« Er wirkte erschöpft und frustriert.
   Piet bekam ein schlechtes Gewissen. Er hätte diese Aufgabe mit Hansen gemeinsam erledigen sollen, stattdessen hatte er sich um private Dinge gekümmert. Er zog seinen Stuhl an Hansens Schreibtisch. »Was haben wir denn bis jetzt?«
   Hansen schob ihm den Ordner hin. Auf jedem Blatt hatte er sich Notizen gemacht, die Piet mit wachsendem schlechtem Gewissen überflog. Hauke hatte viel Arbeit investiert, das machten die zahlreichen Notizen deutlich. Etwas Interessantes, das ihnen bei den Ermittlungen weiterhelfen konnte, las er jedoch nicht. Einzig das Datenblatt von Walter Kroek war leer. »Keine Infos aufzutreiben?« Er tippte auf das Datenblatt.
   »Gar nichts.«
   »Trotzdem gute Arbeit.«
   »Ich glaube nur nicht, dass der ganze Kram uns wirklich hilft. Was nutzt es, wenn wir wissen, dass Luise Warnke offenbar eine Schwäche für niedliche Katzenvideos hatte und gern genäht hat?« Hansen rieb sich die müden Augen.
   »Man weiß nie genau, wohin einen die banalsten Informationen manchmal führen können.« Piet hoffte inständig, dass die Arbeit seines Kollegen nicht vergebens war.
   Ihr junger Kollege Sven Marwedel erschien in der Tür. »Besuch für euch. Eine Rebecca Wagner.«
   »Auf die warten wir schon.«
   Walter Kroeks Schwester war eine zierliche Frau Mitte vierzig mit mausbraunen Haaren und braunen Knopfaugen, die unruhig durch den Raum huschten. Sie wirkte wie ein verschüchtertes kleines Mädchen, als sie ihnen zur Begrüßung die Hand gab.
   »Frau Wagner, danke für Ihren Besuch«, sagte Piet, während er ihr den Mantel abnahm. »Darf ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee? Tee?«
   »Danke. Einen schwarzen Tee vielleicht, falls es nicht allzu viele Umstände macht.«
   »Milch und Zucker?«
   Sie schüttelte den Kopf und strich sich nervös eine Haarsträhne aus dem Gesicht, während sie auf dem Stuhl Platz nahm, den Hansen ihr anbot. Im Kontrast zu seiner hünenhaften Gestalt wirkte sie klein und zerbrechlich.
   Piet servierte den gewünschten Tee und brachte für Hansen und sich jeweils einen Becher Kaffee mit. »Ich möchte Ihnen erst einmal unser Beileid aussprechen.« Hansen und er setzten sich.
   »Danke.« Sie nahm ihren Becher in beide Hände und nippte vorsichtig daran. Es wirkte, als wollte sie sich daran festhalten.
   »Es muss ein ziemlicher Schock für Sie gewesen sein. Könnten Sie uns ein wenig über Ihren Bruder erzählen? Wie war er so?«
   Sie lächelte traurig und schien in ihren Erinnerungen zu suchen. »Walter war ein herzensguter Mensch, aber auch ein bisschen paranoid. Wenn bei ihm etwas schiefging, lag es garantiert daran, dass ihm absichtlich jemand schaden wollte. Ständig witterte er überall Verschwörungen gegen ihn.« Sie schüttelte den Kopf und hob in einer ratlosen Geste die Schultern. »Da konnte man reden, so viel man wollte. Da drang man einfach nicht zu ihm durch.«
   »Litt er unter Wahnvorstellungen?«
   »Nein. Er interpretierte die Dinge, die ihm passierten, einfach nur anders. Ich hatte gehofft, man könnte ihm in der Klinik helfen. Es war ein Wunder, dass er sich dazu hat überreden lassen. Aber dass er …« Sie stockte und schluckte schwer.
   Piet ließ ihr einen Moment, um ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, und blätterte in der Akte mit Hansens vielen Zusatzinformationen aus dem Internet. Das Blatt von Walter Kroek stach deutlich heraus, weil es abgesehen von jeder Menge medizinischem Fachchinesisch leer geblieben war. Ein Punkt erregte Piets Aufmerksamkeit. »In seinen Unterlagen, die wir von der Klinik bekommen haben, steht, dass er jegliche Medikation verweigert hat …«
   Kroeks Schwester lachte ein trauriges, kleines Lachen. »Das war typisch für ihn. Für ihn waren Medikamente Erfindungen der geldgierigen Pharmaindustrie, um uns noch kränker zu machen und noch mehr Geld zu verdienen. Zum Glück war er abgesehen von seiner Paranoia gesund wie ein Pferd. Ich denke, man hätte ihn nicht einmal zu Antibiotika überreden können, wenn es darauf angekommen wäre.«
   Piet unterstrich »keine Medikamente« und notierte »misstraut allem und jedem« auf dem Datenblatt. »Sie haben ihn vermisst gemeldet, weil Sie von Anfang an nicht an einen Selbstmord Ihres Bruders geglaubt haben. Warum nicht?«
   »Das hätte nicht zu ihm gepasst. Ja, er war paranoid. Aber es war quasi eine heilige Mission für ihn, den Leuten, die ihm seiner Meinung nach schaden wollten, zu zeigen, dass er sich nicht unterkriegen ließ. Warum hätte er sich da umbringen sollen?«
   Piet nickte. »Selbstmord laut Schwester unwahrscheinlich, wollte es seinen Widersachern zeigen.«
   »Frau Wagner, ich habe versucht, etwas im Internet über Ihren Bruder herauszufinden«, sagte Hansen. »Die meisten Menschen hinterlassen irgendeine digitale Spur, und sei es auch nur der Eintrag im Telefonbuch. Zu Ihrem Bruder konnte ich aber überhaupt nichts finden. Wäre es möglich, dass er noch einen anderen Namen verwendet hat?«
   Sie schüttelte den Kopf, und wieder stahl sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht. »Ich denke nicht, dass sich Walter eine falsche Identität zugelegt hätte, um im Internet zu surfen. Er hatte nicht einmal einen Computer. Er misstraute jeder Form von Datensammlung, und Computer lassen sich seiner Meinung nach immer zurückverfolgen, ganz egal, wie sehr man sich bemüht, seine Spuren zu verwischen. Nein, er war schon ärgerlich darüber, dass er ein Konto brauchte. Er bezahlte alles bar und hatte nicht einmal ein Telefon. Wenn er von einer Telefonzelle anrief – als es die noch gab –, dauerten seine Gespräche nie länger als dreißig Sekunden. Er fragte immer nur, ob wir zu Hause wären, und kam dann vorbei, um sich mit uns zu unterhalten.«
   »War er schon immer so?«, fragte Hansen.
   Wieder schüttelte sie den Kopf. Sie dachte einen Moment nach. Piet erkannte deutlich, wie schwer ihr das Gespräch fiel und konnte nicht umhin, zu bewundern, wie viel Stärke in dieser kleinen, zierlichen Frau steckte, als sie sich schließlich entschlossen aufrichtete.
   »Nein«, sagte sie. »Walter war einmal ein völlig normaler Mensch. Er war Automechaniker, und ein ziemlich guter. Er hatte einfach ein Talent dafür. Schon als Jugendlicher lag er eigentlich dauernd unter irgendeinem Auto. Dann starb vor etwa acht Jahren erst Heiko, sein Sohn, an einer Meningitis und kurz danach kam Elke, seine Frau, bei einem Unfall ums Leben. Davon hat er sich nie erholt. Damals fing er an, so misstrauisch zu werden. Über die Jahre wurde es immer schlimmer, bis er sogar seine Arbeit dadurch verlor, weil er Kollegen beschuldigte, sein Werkzeug zu manipulieren. Danach hat er sich immer mehr zurückgezogen.« Sie senkte den Kopf und zog ein Taschentuch hervor, drehte es aber nur in den Händen. Ihre dunklen Haare waren nach vorn gefallen und verbargen ihr Gesicht wie ein Vorhang. »Wir haben versucht, ihm zu helfen«, sagte sie leise. »Wir haben es wirklich versucht. Aber er hat sich völlig verschlossen. Wir sind irgendwann einfach nicht mehr an ihn herangekommen.«
   Piet hatte sich Notizen gemacht und sah nun aus den Augenwinkeln, dass Hansen ihn nachdenklich ansah. Was mochte er denken? Oh, sieh an, noch ein Freak? Er krümmte sich innerlich. Hätte er in Georgs Büro bloß seine Klappe gehalten. Aber auch er konnte sich der Ähnlichkeit in ihren Biografien nicht verschließen. Walter Kroek hatte geliebte Menschen verloren und war nach und nach immer mehr abgerutscht. Kroek hatte natürlich eine völlig andere Leidensgeschichte als er, aber er konnte verstehen, dass Hansen Parallelen erkennen mochte.
   Rebecca Wagner hatte unterdessen aus ihrer Handtasche ein Foto gezogen und reichte es Piet. »Ich weiß, dass Sie bisher nur einen Arm, ein Bein und ein Stück seines Torsos gefunden haben und dass Sie ihn nur anhand von Gewebeproben identifizieren konnten. Vielleicht hilft Ihnen das, sich ein Bild davon zu machen, was für ein Mensch er war.«
   Piet warf einen Blick auf das Foto. Es zeigte einen Mann, etwa Mitte bis Ende vierzig mit dunklen Haaren und den gleichen runden braunen Augen wie Rebecca Wagner. Er lächelte in die Kamera, doch das Lächeln erreichte nicht seine Augen, die traurig wirkten. Im Gegensatz zu seiner zierlichen Schwester sah Walter Kroek auf dem Foto deutlich größer und kräftiger aus. Er reichte Hansen das Bild.
   »Das Foto ist etwa drei Jahre alt. Aber er hat sich seitdem eigentlich nicht verändert«, erklärte sie und lächelte. »Es wurde an meinem vierzigsten Geburtstag aufgenommen.«
   »Wie groß war Ihr Bruder?«, fragte Hansen, der das Bild immer noch studierte.
   »Eins zweiundachtzig oder eins dreiundachtzig. Ich bin der Krümel in unserer Familie.«
   Piet nickte. Das Foto war der erste vernünftige Hinweis, den sie hatten. Um einen großen, kräftigen Mann wie Walter Kroek zu überwältigen, musste der Täter ihn entweder überrascht haben, was ein überlegtes Vorgehen erforderte, oder ebenfalls groß und kräftig sein. Sie suchten also vermutlich einen Mann. »Danke, Frau Wagner, das ist wirklich eine große Hilfe.«

Kapitel 2

Der Novembertag war grau und regnerisch, und ein beständiger Wind aus Nordwest türmte die Nordsee zu beachtlichen Wellen auf. Die dunklen Wolken, die in beständiger Eile über den Himmel zogen, hingen so tief, dass man beinahe unwillkürlich den Kopf einzog.
   Piet stand im Bug der MollyMo, die Hansen und ihn nach Kollerssand bringen sollte. Das Schiff stampfte mühsam gegen den Wind durch die Wellen, und die meterhoch spritzende Gischt überzog ihn mit einem beständigen Regen und machte das Deck rutschig. Er griff nach der Reling. Die düsteren Wolken über ihm passten zu seiner Stimmung, er hielt die Idee nach wie vor für Schwachsinn. Zum Glück hatte er Georg überzeugen können, Hauke mit ihm nach Kollerssand zu schicken.
   Kollerssand war im Grunde genommen nicht der richtige Ausdruck. Die titanischen Kräfte der letzten Eiszeit hatten einen Felsbrocken in der Größe eines kleinen Dorfes ausgerechnet dort abgelegt und glatt geschliffen, der Jahrtausende später die Wesermündung werden sollte. Nach und nach hatten Erde und Vegetation den Felsen überzogen und daraus eine beständige Insel gemacht, der die zahllosen Sturmfluten, die im Laufe der Geschichte immer wieder die Küstenlinie Norddeutschlands verändert hatten, kaum etwas anhaben konnten. Heute lag sie eine gute Bootsstunde vom Anleger im Hafen von Cuxhaven entfernt. Einige wenige Fischer lebten im späten Mittelalter für kurze Zeit auf der Insel und hielten dort auch etwas Vieh. Vermutlich hatten sogar die Wikinger das Eiland schon für kurze Rasten vor und nach ihren Raubzügen und Handelsfahrten genutzt. Doch wegen ihrer Abgeschiedenheit geriet die Insel nach und nach in Vergessenheit. Zu umständlich und gefahrvoll war der Weg dorthin. Ein reicher Gutsbesitzer hatte schließlich in den frühen Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf dem felsigen Eiland ein großes Anwesen als Sommerresidenz für seine Familie gebaut. Später verarmte er und musste seine Besitztümer verkaufen. Das prachtvolle Anwesen stand danach viele Jahre leer. Um die Jahrhundertwende hatte man die Gebäude saniert und ein Sanatorium für Tuberkulosekranke daraus gemacht. Nach dem Sieg über die Krankheit standen die Gebäude erneut für etliche Jahre leer, bis der Komplex schließlich durch Georg Felsners Jugendfreund Fred Weiner zu einem Ort der Erholung für die Stressgeplagten der modernen Welt wurde. Oder genauer gesagt: zu einer psychosomatischen Klinik.
   Das zänkische Gekeife der Möwen riss Piet aus seinen Gedanken. Er legte den Kopf in den Nacken und sah über sich zwei Tiere um einen Brocken Futter streiten. Der Verlierer drehte schließlich ab, und Piet folgte ihm mit seinem Blick. Der Vogel flog zum Heck des Schiffes, wo die zwei anderen Passagiere ihm und einem Schwarm Artgenossen Brocken ihres Reiseproviants zuwarfen. Er beobachtete fasziniert, wie die Tiere das Brot im Flug fingen und gierig hinunterschlangen, um sich im Anschluss mit den weniger Flinken unter ihnen um deren Beute zu balgen. Hansen stand ebenfalls an der Reling und beobachtete das Treiben. Er bemerkte Piets Blick und kam herüber.
   »Ätzendes Wetter«, sagte er, während er seine Jacke enger um sich zog und den Kragen hochschlug. Im Heck hatte er im Windschatten gestanden, doch hier vorn im Bug traf ihn die volle Wucht von Wind und Wellen. »Wollen wir nicht lieber nach unten gehen?«
   Piet bemerkte erst jetzt, dass es angefangen hatte zu regnen. Durch das beständige Sprühen der Gischt war ihm das zusätzliche Wasser von oben nicht aufgefallen. Er nickte, und sie machten sich auf den Weg unter Deck.
   Der kleine Aufenthaltsraum der MollyMo bot lediglich eine Möglichkeit, Wind und Wetter für eine Weile zu entkommen. Er war mit einer schmucklosen Eckbank und einem Tisch aus dunklem Holz eingerichtet, die am Boden verschraubt waren, um bei stärkerem Seegang nicht ins Rutschen zu geraten. Generationen von Passagieren hatten auf dem Holz zahllose Schrammen und Macken hinterlassen. Komfort suchte man auf der MollyMo vergeblich. Vor den Bullaugen-Fenstern hoben und senkten sich die Wellen der Nordsee in einem anderen Rhythmus als das Schiff. Piet fühlte, wie ihm bei dem Anblick schwindlig wurde, und wandte sich ab. Stattdessen schob er sich auf die Eckbank.
   Hansen folgte seinem Beispiel. Dann ließ er missmutig seinen Blick durch den schmucklosen Raum wandern. »Ein Königreich für einen Kaffee«, stöhnte er. »Ich hätte eine Thermoskanne voll mitnehmen sollen, wie meine Mutter gesagt hat.«
   »Auf Kollerssand werden wir hoffentlich welchen bekommen. Es ist ja nur noch …«, Piet blickte auf seine Armbanduhr, »… eine knappe Viertelstunde, schätze ich.«
   Hansen fuhr sich durch die gischt- und regenfeuchten Haare und wischte sich seine Hände an der Jeans ab. »Ich denke nicht, dass diese verdeckte Ermittlung eine gute Idee ist.«
   Piet nickte. »Da sind wir schon zu zweit.«
   »Warum haben wir uns dann überhaupt darauf eingelassen?«
   Piet hob vage die Schultern. »Kann man einem Vorgesetzten, noch dazu jemandem wie Georg, einen persönlichen Gefallen abschlagen?«
   »Stimmt wohl.« Hansen seufzte kellertief und starrte düster vor sich hin. »Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei«, ergänzte er nach einer Weile. Sie schwiegen einen Moment. »Denkst du, wir können diesem Chefarzt, diesem Freund von Georg, vertrauen? Immerhin könnte er genauso hinter den Morden stecken.«
   »Immerhin hat er Georg bekniet, jemanden zu schicken, der den Fall untersucht. Würde er das tun, wenn er selbst der Mörder wäre?«
   »Vielleicht will er ja erwischt werden.«
   Piet zuckte mit den Schultern. »Möglich. Ganz ausschließen würde ich ihn vorsichtshalber nicht. Aber kannst du dir vorstellen, dass Georg seit so vielen Jahren mit einem Mörder befreundet sein könnte, ohne Verdacht zu schöpfen?«
   Hansen wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. Als er zu einer Antwort ansetzte, flog die Tür auf, und mit einem Schwall kalter, feuchter Luft wehten begeistert plaudernd die beiden anderen Passagiere herein. Piet hatte ursprünglich geplant, sich während der Fahrt noch einmal mit Hansen über den Fall und ihre Vorgehensweise auszutauschen und die möglichen Verdächtigen in ihrem Ordner noch einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Insgesamt handelte es sich um zwei oder drei Patienten und, bis auf eine Ausnahme, jeden der etwa fünfundzwanzig bis dreißig Angestellten. Sie hatten sämtliche Patienten und Mitarbeiter, die erst nach dem Verschwinden von Walter Kroek auf die Insel gekommen waren, vorläufig ausgeschlossen. Wie hätten sie Gelegenheit haben sollen, ihn und die beiden anderen Opfer zu töten? Die Mitarbeiter, die während der Nacht nicht auf der Insel blieben, würden sie ebenfalls ausschließen können, aber hierzu wäre eine genauere Prüfung notwendig gewesen, wer infrage kam und wer nicht. Er hatte geplant, dafür die Zeit während der Überfahrt zu nutzen. Stattdessen hatte er am Anleger in Cuxhaven enttäuscht feststellen müssen, dass sie nicht die einzigen Passagiere nach Kollerssand sein würden. Mit ihnen waren noch zwei weitere Patienten an Bord: Ingrid Berger, eine große, stille Frau Mitte zwanzig und Sandra Pfeiffer, die Piet ebenfalls auf Mitte zwanzig schätzte, ein fröhlicher Kumpeltyp mit Grübchen in den Wangen. Beide hatten ihnen erzählt, dass sie wegen einer depressiven Störung nach Kollerssand fuhren. Auf Piet wirkten sie spontan ziemlich normal. Vielleicht ein bisschen überspannter als üblich, aber wer wollte da die Grenze ziehen? Aber viele Menschen mit psychischen Problemen konnten ihre Krankheit überzeugend verbergen, bis es zum völligen Zusammenbruch kam.
   Die beiden Frauen gesellten sich zu ihnen auf die Eckbank, und Sandra Pfeiffer zog aus ihrem Rucksack eine Thermoskanne hervor. »Ich habe leider nur einen Becher, aber wenn euch das nicht stört, könnt ihr gern aus meinem trinken«, bot sie an.
   Sie schüttelten einhellig in ablehnendem Dank die Köpfe, während sie sich einschenkte und sich köstlicher Kaffeeduft in der Kajüte ausbreitete. Als sie den Deckel wieder auf die Kanne schraubte, rutschte der Ärmel ihres Pullovers hoch und entblößte eine Reihe feiner silbriger Narben, die sich in einem parallelen Streifenmuster über ihren Arm zogen. Eine Ritzerin. Es musste offenbar noch eine düstere Seite von Sandra Pfeiffer geben.
   In einer unbewussten Geste zog sie den Ärmel wieder bis über das Handgelenk hinunter und nahm den Becher in beide Hände. »Oh, das tut gut«, seufzte sie, als sie an dem heißen Getränk nippte. »Und ihr seid sicher, dass ihr wirklich nicht …?«
   Sie schüttelten wieder die Köpfe.
   »Auf Kollerssand werden sie uns sicher etwas Warmes zu trinken anbieten«, erklärte Hansen.
   »Und hoffentlich auch was zu essen«, meinte Ingrid Berger. »Seit ich diese grässlichen Tabletten nehme, habe ich andauernd Hunger. Ich habe schon drei Kilo zugenommen. Wenn das so weitergeht, setze ich sie wieder ab.«
   Ein lang gezogener Ton des Signalhorns unterbrach ihre Unterhaltung und kündigte die baldige Ankunft auf Kollerssand an. Sandra Pfeiffer stürzte ihren Kaffee hinunter, verstaute den Becher in ihrem Rucksack, und alle vier suchten ihr Gepäck zusammen und begaben sich wieder an Deck.
   Der Anleger von Kollerssand bestand nur aus einem ins Watt getriebenen hölzernen Steg, der in der ausgebaggerten Fahrrinne endete. Jetzt, bei Hochwasser, lag das Deck des Schiffes höher als der Steg. Am Strand erkannte Piet den alten Bootsschuppen, den er auf den Fotos während der Einsatzbesprechung gesehen hatte. Diese Besprechung lag gerade einmal drei Tage zurück, und doch fühlte es sich an, als wäre es Wochen her. Das kleine Revier in Söderbrock erschien ihm plötzlich weit weg. Ihn fröstelte.
   Eine einsame Laterne leistete dem Schuppen am Ende des Stegs Gesellschaft. Der Anblick wirkte trostlos und abweisend, und Piet begann, sich in sein kleines, gemütliches Zuhause zurückzusehnen. Es war ein Fehler gewesen, sich auf diesen Einsatz einzulassen.
   Er beobachtete mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen, wie sich die MollyMo immer näher an den Anleger schob. Mit einem leisen Zittern stieß sie schließlich dagegen. Jemand von der Mannschaft sprang auf den Steg und legte mit überraschender Bedächtigkeit die Schiffstaue über die Polder. Anschließend stieg er zurück an Bord und schob die Gangway vom Schiff auf den Steg.
   »Vorsicht, der Steg ist rutschig«, sagte er, während er ihnen beim Überqueren der schwankenden Gangway behilflich war. »Nicht, dass Sie noch ins Wasser fallen, wo Sie doch eigentlich schon angekommen sind.« Er lachte gutmütig, verließ nach ihnen das Schiff und begann mit einem weiteren Mitglied der Crew, eine Anzahl Fässer und Kisten zu verladen, die am Ende des Stegs zur Abholung bereitstanden.
   Das Schiff brachte nicht nur die Angestellten der Klinik zur Arbeit und zurück aufs Festland, sondern diente zusätzlich als Lebensader der Insel, mit der sämtliche Güter, von Lebensmitteln bis zu Medikamenten und Möbeln, geliefert wurden.
   Piet blickte sich noch einmal um und suchte am Horizont nach der Küstenlinie des Festlands, die sich als schmaler, dunkler Streifen gegen das Grau der Nordsee abzeichnete. Dann schulterte er sein Gepäck und folgte den anderen in Richtung Klinik.
   Die Bretter knarzten unter seinen Schritten, und das Wasser unter ihm schwappte gluckernd an die hölzernen Stützpfeiler.
   Als er das Ende des Stegs erreicht hatte, erkannte Piet, dass die Laterne, die er vom Schiff aus gesehen hatte, nicht so einsam war, wie es zunächst ausgesehen hatte. Eine Anzahl Geschwister säumte gemeinsam mit ihr einen Pfad, der sich durch ein lichtes Birkenwäldchen ins Innere der Insel schlängelte. Die Zweige der Bäume ragten kahl in den Himmel und verstärkten das Gefühl von Trostlosigkeit.
   Piet sah noch einmal zurück. Die MollyMo legte schon wieder ab. Nun gab es kein Zurück mehr, sie waren auf sich gestellt. Er wechselte einen Blick mit Hansen, der ähnlich beklommen wirkte.
   Das Birkenwäldchen öffnete sich schon nach wenigen Schritten wieder, und sie traten hinaus auf den Vorplatz der Klinik. Die drei Gebäude des Komplexes lagen in einer Art Halbkreis um ein großes, kiesbestreutes Rondell. Das Hauptgebäude, das ehemalige Gutshaus, war ein zweistöckiger, lang gestreckter Fachwerkbau mit einem Nord- und einem Südflügel zu den Seiten des in der Mitte gelegenen Eingangs. Im Erdgeschoss waren die Therapieräume und die Verwaltung untergebracht, während die Patienten im Obergeschoss schliefen. Vom Südflügel verlief ein Laubengang mit einem Gewölbedach aus Mosaikglas zu einem zweiten Gebäude mit beinahe quadratischer Grundfläche. Kletterrosen berankten die gusseisernen Träger der Dachkonstruktion, die Zwischenräume hatte man im Zuge der Modernisierung verglast. Das Haus am Ende des Laubengangs war in früheren Zeiten die Küche gewesen, die man zur Reduzierung der Brandgefahr ausgelagert hatte. Als noch auf Holzöfen gekocht wurde, kam es durch Funkenflug gelegentlich vor, dass ein Feuer ausbrach. Auch heute noch lagen dort die Küche und der Speisesaal. Im Obergeschoss befanden sich die Zimmer der Ärzte und Pflegekräfte der Nachtschicht. Auf der Nordseite des Hauptgebäudes stand ein weiteres Haus mit ebenfalls etwa quadratischer Grundfläche, das ehemalige Kutschenhaus. Heute beherbergte es neben einer kleinen Sporthalle den Maschinenpark der Klinik sowie im Obergeschoss die Wohnung von Fred Weiner und einige Zimmer als Reserve. Für den Fall, dass schlechtes Wetter die Überfahrt zum Festland unmöglich machte, fanden gestrandete Mitarbeiter dort eine notdürftige Bleibe.
   Piet verharrte einen Moment. Im Hintergrund überragte der Leuchtturm mit seiner roten Spitze die Bäume, die rings um die Gebäude wuchsen. Rund um den Vorplatz trotzten ein paar dürre Rosenbüsche dem rauen Wetter. Die Säulen, die das Vordach über dem Eingang des Hauptgebäudes trugen, waren wie die Träger des Laubenganges mit Kletterrosen berankt. Auf den Fotos im Hochglanzprospekt der Klinik, die man im Sommer bei schönem Wetter aufgenommen hatte, wirkte die Atmosphäre heimelig und einladend. Jetzt, an der trüben Grenze zwischen Herbst und Winter, könnte der Eindruck nicht gegensätzlicher sein. Die Bäume reckten ihre kahlen Zweige wie dürre Finger in den Himmel, und die verdorrten Ranken der Kletterrosen glichen Tentakeln irgendeines altertümlichen Ungeheuers, das die Träger und Säulen wie in einem Würgegriff umklammerte. Unter dem grauen Himmel mit den tief hängenden Wolken wirkte die Klinik trostlos und düster und erinnerte an die Kulissen alter Gruselfilme. Ein unbehagliches Gefühl, wie von einer unbestimmten Bedrohung, kroch langsam Piets Rückgrat hinauf.
   Er sah hinüber zu Hansen, der ihn schief angrinste. Offenbar fühlte sich sein Kollege ebenfalls unbehaglich, wenn auch vermutlich aus anderen Gründen.
   »Also gut«, sagte Piet schließlich und machte einen entschlossenen Schritt vorwärts. »Und wehe, die haben da drinnen keinen Kaffee für uns.«

*

Hauke warf den Schrank zu und ließ erschöpft die Stirn gegen die Tür sinken. Ihm schwirrte der Kopf. Kaum hatten sie einen Fuß in das Hauptgebäude gesetzt, waren sie von den überraschend schnell und effizient mahlenden Mühlen der Klinikverwaltung erfasst worden. Eingangsuntersuchung, Begrüßung, Gebäudeführung, Erläuterung von Regeln und weitere Begrüßungen wechselten in so schneller Folge und ohne für ihn erkennbare Ordnung, dass er das Gefühl bekam, in irgendeine Art seltsames Kaleidoskop geraten zu sein. Schließlich hatte man ihn auf sein Zimmer gebracht, das er sich zum Glück mit Piet teilte.
   Piet war zu einem »Chefarztgespräch« mit Fred Weiner beordert worden, sein eigenes Gespräch war im Laufe des Nachmittags geplant.
   Er betrachtete das Zimmer, das in der nächsten Zeit sein Zuhause sein würde. Etwa zwei Schritte entfernt an der linken Wand stand sein Bett quer zum Raum, an der gegenüberliegenden Wand das von Piet. Dahinter folgte an jeder Wand eine Art Kommode, dann an der linken Wand ein Schreibtisch und an der rechten eine kleine Sitzgruppe mit Sofa, Sessel, Couchtisch und Fernseher. An der Stirnseite vor dem Fenster standen ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Hinter ihm befanden sich an der Rückwand des Zimmers zwei große Kleiderschränke, jeweils mit einem eingebauten kleinen Tresor. Der Boden war mit Laminat in Kirschbaumoptik ausgelegt, die Möbel in hellem Birkenholz bildeten einen hübschen Kontrast. Gemeinsam mit den sonnengelben Vorhängen verströmte der helle Ton des Holzes ein leichtes und sommerliches Ambiente, bemühte sich jedoch vergeblich, eine wirklich anheimelnde Atmosphäre zu verbreiten. Vielleicht lag es aber auch an seiner Anspannung.
   Er trat ans Fenster. Unter ihm breitete sich ein parkartig angelegter Garten aus, den eine hohe Hecke umschloss. Kieswege wanden sich zwischen Blumenbeeten, die im Sommer Rosen und andere Pflanzen beherbergten, nun jedoch ragten nur ein paar kahle Büsche aus dem matschigen Boden. Im hinteren Teil des Gartens, vor der Hecke, stand ein kleiner Pavillon, den die allgegenwärtigen Kletterrosen ebenfalls im festen Würgegriff ihrer kahlen Ranken hielten. Eine große Trauerweide, gebeugt von Jahrzehnten stürmischer Winde, schirmte ihn vor Wind und allzu neugierigen Augen ab und machte ihn bei schönerem Wetter sicher zu einem heimeligen Rückzugsort.
   Ihr Zimmer lag im Nordflügel, und Hauke erkannte am äußersten rechten Rand seines Blickfeldes den rückwärtigen Teil des Kutschenhauses, beinahe am linken Rand erhob sich der Leuchtturm von Kollerssand. Hinter der Hecke, die den Garten wie in einer schützenden Umarmung hielt, verlief der Birkenhain, der die Insel in einem dünnen Ring umschloss. Einzig im Süden, in der Nähe des Leuchtturms, verhinderte der felsige Untergrund die Invasion der sonst beinahe allgegenwärtigen Birken. Hinter ihren Zweigen ließ sich ein schmaler Strand erahnen, und dahinter wogte bis zum Horizont wie ein dunkelgrauer faltiger Stoff, an manchen Stellen metallisch schimmernd, die Nordsee. Mit einem Mal fühlte er sich sehr einsam und verlassen. Er seufzte und wandte sich wieder dem Zimmer zu. Nach einem weiteren Blick durch den Raum griff er entschlossen nach seiner Kulturtasche und trat in den Flur, von dem linker Hand ein Badezimmer mit Waschbecken, WC und Dusche abging. Nicht das Luxusbad eines Wellnesstempels, sondern das zweckmäßig eingerichtete Badezimmer einer Klinik, und im Gegensatz zum Wohnbereich versuchte das Bad nicht einmal, diesen Eindruck zu vermeiden. Der Raum war deckenhoch mit weißen Fliesen gekachelt, und es roch nach Desinfektionsmittel. In einem Regal neben der Dusche stapelten sich Handtücher mit dem eingestickten Logo der Klinik. Hauke schnitt eine Grimasse. Er öffnete den Schrank über dem Waschbecken und räumte seine wenigen Sachen in eine Hälfte.
   Er räumte gerade die letzten Utensilien ein, als sich die Zimmertür öffnete und Piet in den Flur trat. Er sah erschöpft aus. Offenbar fühlte sich nicht nur Hauke von den Eindrücken überwältigt, die seit ihrer Ankunft auf sie einstürmten.
   »Und? Wie war’s?«, erkundigte er sich.
   Piet hob vage die Schultern. »Ganz okay. Weiner macht einen halbwegs vernünftigen Eindruck, denke ich.«
   Hauke folgte ihm ins Zimmer, ließ sich auf sein Bett fallen und beobachtete Piet beim Auspacken seiner Sachen. Hosen und Hemden verschwanden in schneller Folge im Schrank, ebenso der Ordner, den sie von Georg Felsner bekommen hatten. Anschließend öffnete er den kleinen Tresor und legte seine Dienstwaffe nebst Holster und einem Päckchen Munition hinein und schloss ihn sorgfältig.
   »Denkst du, dass wir die brauchen werden?« Seine eigene Dienstwaffe ruhte ebenfalls sorgfältig verschlossen in seinem Tresor, doch bei dem Gedanken, sie zu benutzen, beschlich ihn ein beklemmendes Gefühl.
   »Ich hoffe nicht«, meinte Piet schlicht. Er blätterte durch die Unterlagen, die sie von der Klinik für ihren Aufenthalt bekommen hatten. »Ich hatte vorgehabt, unsere bisherigen Informationen gemeinsam durchzugehen, aber ich fürchte, das muss bis heute Abend warten. Laut meinem Plan habe ich in zehn Minuten ‚Kleingruppe I‘, was auch immer das sein mag. Wie sieht es bei dir aus?«
   Hauke warf einen Blick in seinen Plan. Überrascht wurde ihm bewusst, dass er ihn bis eben völlig vergessen hatte. »Kleingruppe II«, sagte er. »Wie es aussieht, haben wir nicht den gleichen Plan.« Er war enttäuscht. Er hätte sich wohler gefühlt, wenn er Piet in seiner Nähe gehabt hätte. Er fürchtete sich davor, jemanden zu spielen, der er nicht war.
   Piet schüttelte den Kopf. »Nein. Dr. Weiner hat es mir erklärt. Sie haben uns mit Absicht in unterschiedliche Gruppen gesteckt, damit wir einen besseren Überblick über alle Patienten und Therapeuten bekommen.«
   Hauke nickte und fühlte sich nur mäßig überzeugt. »Verstehe. Macht grundsätzlich auch Sinn. Aber wohl ist mir bei dem Gedanken nicht.«
   »Ich finde es eigentlich nicht schlecht«, sagte Piet und erhob sich. »So haben wir die Gelegenheit, mehr Personen in kürzerer Zeit kennenzulernen. Umso mehr Informationen können wir zusammentragen.« Er verschwand im Badezimmer, und Hauke blieb mit einem immer noch sehr unbehaglichen Gefühl zurück.

*

Piet betrat den Gruppenraum II und blickte sich um. Warum Kleingruppe I in Gruppenraum II stattfand und nicht in Gruppenraum I, mochte einer seltsamen Kliniklogik folgen, die Piet nicht verstand. Im Raum saßen in einem losen Stuhlkreis schon sechs Patienten und unterhielten sich lachend. Zu seiner Überraschung waren vier Männer darunter, zwei ungefähr in seinem Alter, dazu ein jüngerer Mann und einer eindeutig im Rentenalter. Die übrigen beiden Patienten waren junge Frauen. Piet nickte ihnen zur Begrüßung zu und setzte sich auf einen freien Platz.
   Eine junge Frau, die hinter ihm in den Raum getreten war, ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen. »Du bist neu, oder?«, fragte sie und musterte ihn neugierig. Sie war klein, zierlich und sehr schlank. Ihre mittelblonden Haare fielen in wilden Locken über ihre Schultern, und sie sah ihn mit großen grauen Augen an. Sie lächelte freundlich und ein bisschen tröstend. »Ich bin Adrienna«, stellte sie sich vor. »Und keine Sorge, es ist nicht so schlimm, wie es im Moment wirkt.«
   Piet kramte in seiner Erinnerung nach den Informationen, die sie von Fred Weiner erhalten hatten. Adrienna Lücke, fünfundzwanzig, Langzeitpatientin, fiel ihm in Stichworten ein. Sie musste schon auf der Insel gewesen sein, bevor die ersten Patienten verschwanden. Theoretisch käme sie als Verdächtige infrage, aber er bezweifelte, dass diese zierliche, junge Frau in der Lage war, einen großen und athletischen Mann wie Walter Kroek zu überwältigen.
   »Ich bin Piet.« Er lächelte schief. Das Unbehagen, das er empfand und ihm deutlich ins Gesicht geschrieben zu sein schien, musste er wenigstens nicht spielen. »Und? Bist du schon lange hier, wenn du dich so gut auskennst?«, fragte er nach einer kleinen Pause. Immerhin musste er sich so verhalten, als ob er von keinem von ihnen irgendetwas wusste.
   »Nicht ganz neun Monate«, antwortete sie und zuckte mit den Schultern, als ob es das alltäglichste der Welt wäre.
   »Adrienna gehört hier quasi zum Inventar«, kommentierte ein korpulenter Mann von der gegenüberliegenden Seite des Stuhlkreises und lachte.
   »Pass nur auf, dass du mich nicht übertrumpfst, Chris«, parierte sie grinsend und streckte ihm die Zunge heraus. »Er setzt andauernd eigenmächtig seine Medis ab und glaubt, dass es keiner merkt. Bis er wieder ein heulendes Häufchen Elend ist«, raunte sie Piet zu und schüttelte den Kopf. »Hast du Dr. Becker schon kennengelernt?«, fuhr sie dann plaudernd fort. »Manche hier finden ihn gruselig, aber ich finde ihn toll. Leider ist er sehr professionell«, ergänzte sie nach einer kleinen Pause seufzend. Ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre Lippen.
   Piet begann sich zu fragen, ob sie in ihren Therapeuten verliebt war. Er hatte gehört, dass dies gelegentlich passierte. Er erhielt seine Antwort, als zwei weitere Personen den Raum betraten und ihr Gesicht aufleuchtete. Ja, sie war definitiv verliebt. Er folgte ihrem schwärmerischen Blick.
   Dr. Sven Becker, zweiundvierzig, Psychotherapeut, arbeitet seit vier Jahren für die Klinik, ratterte sein Gedächtnis die Daten aus ihrem Fallordner herunter. Auch das Bild, das sein Datenblatt ergänzt hatte, vermutlich aus der Personalakte, flackerte kurz in Piets Gedächtnis auf. Aber nichts an diesen nüchternen Informationen hätte ihn auf die Ausstrahlung des Mannes vorbereiten können.
   Dr. Becker war etwa einen Meter fünfundachtzig groß und von drahtiger Statur. Seine Bewegungen ließen Piet vermuten, dass er irgendeine Art von Kampfsport betrieb. Sein Haar war mittelblond und von einzelnen grauen Strähnen durchzogen. Er hatte ein markantes Gesicht mit einer scharf geschnittenen Nase und war auf eine herbe Weise gut aussehend. Seine Augen hatten eine warme moosgrüne Farbe, doch in dem kalten Blick, mit dem er die Runde musterte, begann Piet unwillkürlich zu frösteln. Mit den fließenden Bewegungen eines Raubtiers griff er sich einen Stuhl, zog ihn in den Kreis und ließ sich darauf nieder. Anschließend musterte er jeden in der Runde. Piet stellten sich unwillkürlich die Nackenhaare auf. Er konnte diesen Mann nicht ausstehen, das wusste er von der ersten Sekunde an.
   Sandra Pfeiffer, die hinter Dr. Becker ins Zimmer getreten war und sich schüchtern neben Piet gesetzt hatte, schien unter seinem Blick förmlich zu schrumpfen. Was hatte einen Mann mit einer derart einschüchternden Ausstrahlung nur bewogen, Therapeut zu werden?
   »Sind wir vollzählig?« Seine Stimme klang warm, dunkel und ein wenig rauchig, und Adrienna schien auf dem Stuhl neben Piet förmlich zu zerfließen.
   »Sina fehlt, aber die ist entschuldigt. Sie hat … äh … Frauenbeschwerden. Aber sie lässt fragen, ob sie später vielleicht ein Sondereinzel bekommen kann«, informierte sie ihn.
   Becker nickte. Für einen Moment huschte ein besorgter Ausdruck über sein Gesicht, wurde aber sofort wieder durch nüchterne Sachlichkeit ersetzt. Adriennas schmachtende Blicke schien er nicht zu bemerken.
   »Wir teilen uns ein Zimmer. Sina ist schwanger, und ihr ist im Moment ständig übel«, raunte Adrienna Piet eine Erklärung für das Fehlen ihrer Freundin zu. Sie schien noch mehr sagen zu wollen, verstummte aber abrupt, als sie sich einen strafenden Blick von Dr. Becker einfing.
   »Gut. Dann können wir ja anfangen.« Dr. Becker blickte noch einmal in die Runde und musterte Piet und Sandra Pfeiffer einen Moment. »Sie beide sind neu«, sagte er. »Ich würde sagen, wir stellen uns gleich erst einmal der Reihe nach vor, dann erkläre ich Ihnen, wie wir hier in der Kleingruppe arbeiten, und danach fangen wir an. Ich bin Dr. Sven Becker, Ihr Gruppentherapeut und, ich glaube, bei beiden von Ihnen auch der Einzeltherapeut. Ich habe Medizin, Psychologie und Psychoanalytik studiert und arbeite seit vier Jahren in dieser Klinik.« Er nickte dem Nächsten in der Runde, dem älteren Herrn, aufmunternd zu.
   »Ich bin Herbert, siebenundsechzig und seit vier Wochen hier«, sagte der Mann und sah unsicher zu Boden.
   »Ich bin Chris, seit knapp zwei Monaten hier, Depression, Panikstörung«, stellte sich der korpulente Mann vor.
   »Fatma, sechs Wochen, Depression«, »Julia, vier Wochen«, »Jan, auch vier Wochen«, »Fabio, drei Wochen, Panikstörung«, folgte die Vorstellungsrunde dem Stuhlkreis. Schließlich war Adrienna an der Reihe. »Hi, ich bin Adrienna. Ich bin seit knapp neun Monaten hier. Wenn ihr also Fragen habt, kommt ruhig zu mir.« Sie lächelte Piet und Sandra Pfeiffer freundlich an.
   »Ich bin Piet, und ich bin seit heute hier«, stellte sich Piet vor, der nun an der Reihe war.
   »Und ich heiße Sandra, ich bin Ritzerin. Und ich bin auch erst heute gekommen. Dies ist aber schon meine zweite Runde hier«, schloss Sandra Pfeiffer die Vorstellungsrunde.
   Dr. Becker nickte. »Okay.« Er wandte sich ihr und Piet zu. »Dann erkläre ich kurz die Regeln. Sie sollten ja schon Bescheid wissen, Frau Pfeiffer. Was in diesem Raum besprochen wird, bleibt in diesem Raum. Auch innerhalb der Kleingruppe sollten Sie nicht außerhalb dieses Raumes über das sprechen, was Sie hier hören. Wenn Sie das Gefühl haben, darüber sprechen zu müssen, sollten Sie das im Einzelgespräch mit Ihrem jeweiligen Therapeuten, also in Ihrem Fall mit mir, tun. Wenn Ihnen ein Thema zu nah geht, können Sie den Raum jederzeit verlassen. Dann melden Sie sich aber bitte bei den Schwestern im Stationszimmer. Und sie können jederzeit Stopp sagen, wenn Sie sich bei einem Gespräch bedrängt fühlen oder das Gefühl haben, jemand tritt Ihnen zu nahe. Normalerweise beginnen wir die Kleingruppe mit einer kurzen Runde, in der wir sagen, wie es uns geht.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Aus Zeitgründen verzichten wir heute darauf und steigen gleich ein. Möchte jemand anfangen?« Er wandte sich an die Gruppe. »Und bitte nicht wieder nur Frau Lücke.«
   Adrienna zog eine Schnute und lehnte sich mit verschränkten Armen auf ihrem Stuhl zurück. Es entstand eine unangenehme Stille, die nur vom Ticken der Uhr an der Wand neben der Tür unterbrochen wurde.
   Kurz bevor das Schweigen unerträglich wurde, räusperte sich Chris. »Ich habe eine Frage«, sagte er und sah Sandra Pfeiffer an. »Du musst sie aber nicht beantworten, wenn sie dir unangenehm ist.«
   »Klar. Kein Problem.« Pfeiffer zuckte mit den Schultern.
   »Bist du masochistisch?«
   Einige in der Gruppe japsten erschrocken, andere kicherten.
   »Hey!« Becker blickte strafend in die Runde. »Herr Reblein, ich glaube kaum …«, begann er, doch Sandra Pfeiffer fiel ihm ins Wort.
   »Ist schon okay. Kein Problem. Die Frage höre ich häufiger.« Sie lächelte. »Nein, bin ich nicht.«
   »Und warum machst du das dann?« Er klang verständnislos.
   Es war auch schwer zu begreifen, was einen Menschen dazu trieb, sich selbst zu verletzen. Man merkte Sandra Pfeiffer an ihren Reaktionen an, dass dies nicht ihre erste Therapie sein konnte, denn sie blieb völlig entspannt. Keine Spur von Scham oder Unsicherheit.
   »Das hat etwas mit Kontrolle zu tun«, erklärte sie. Die Unruhe, die Rebleins Frage in der Runde ausgelöst hatte, legte sich langsam, und alle Blicke richteten sich auf Sandra Pfeiffer. »Ich habe oft das Gefühl, nicht die Kontrolle über mein Leben zu haben oder zu verlieren. Das Ritzen gibt mir ein Gefühl der Kontrolle und baut den Druck ab, den ich in mir spüre. Ich habe es dennoch schon eine Weile nicht mehr getan. Aber ich habe Angst vor einem Rückfall. Deshalb bin ich hier.«
   »Ich glaube, das Ritzen hatte bei Ihnen aber auch etwas mit Gefühlen von Wertlosigkeit und Bestrafung zu tun, nicht wahr?«, hakte Becker nach.
   Pfeiffer nickte und senkte den Kopf. »Ja, das ist richtig«, sagte sie. Dieser Teil ihrer Krankheit war ihr offenbar doch unangenehm.
   »Und wie machst du das dann?« Reblein wollte es offenbar ganz genau wissen.
   »Oh, bitte«, ging Fatma dazwischen. »Könnten wir über etwas anderes sprechen? Ansonsten würde ich gern rausgehen.« Sie war blass geworden. Die Bilder, die vermutlich bei dem Gespräch in ihrem Kopf entstanden waren, behagten ihr eindeutig nicht.
   Becker nickte, während Reblein ein enttäuschtes Gesicht zog. »Ich denke auch, dass es besser ist, wenn wir das Thema vorerst abbrechen. Hat jemand anderes ein Thema, über das er sprechen möchte?«
   Nach einem erleichterten Aufatmen senkte sich wieder Schweigen über die Runde.
   »Ich bin verwirrt«, sagte schließlich Fabio und strich sich nervös durch die dunklen Locken. Die Blicke seiner braunen Augen irrlichterten durch den Raum und verharrten dann auf dem Boden. »Warum gefällt es euch Frauen nicht, wenn man zum Ausdruck bringt, wenn man euch hübsch findet?«
   Piet hörte Adrienna neben sich kichern.
   »Was ist denn passiert?«, fragte Herbert in großväterlichem Ton.
   »Da ist doch diese neue Aushilfskraft in der Küche«, begann Fabio. Er war puterrot angelaufen und knetete an seinen Fingern. »Ich habe ihr nachgepfiffen, als sie an mir vorbeiging. Da hat sie mir eine geknallt.« Seine Wangen glühten vor Scham.
   Leises Kichern ertönte in der Runde.
   »Hey, bitte«, ging Dr. Becker dazwischen. »Wir lachen einander nicht aus.«
   Das Kichern verstummte, und es entstand wieder ein unangenehmes Schweigen. Will er nichts dazu sagen?, wunderte sich Piet. Doch Dr. Becker saß entspannt auf seinem Stuhl und blickte abwartend in die Runde.
   »Na, ist doch kein Wunder, dass sie dir eine geklebt hat. Würde ich auch tun, wenn mir einer nachpfeift. Ich bin doch kein Hund«, ergriff Julia das Wort.
   »Aber er wollte ihr doch nur ein Kompliment machen«, sprang Jan ein.
   Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über das Verhältnis von Männern und Frauen im Allgemeinen und Besonderen. Julia, Jan und Herbert bestritten das Gespräch beinahe allein, während sich die übrigen, Dr. Becker eingeschlossen, vornehm zurückhielten. Es überraschte Piet, dass sich der Therapeut so wenig in die Runde einbrachte. Er hatte erwartet, dass er mehr Analysen oder Hilfestellungen geben würde. Stattdessen griff er bestenfalls moderierend ein, wenn die Diskussion aus dem Ruder zu laufen drohte. War das normal? Lief das immer so ab? Piet überlegte kurz, Adrienna später danach zu fragen, verwarf den Gedanken aber wieder. Bei ihrer Schwärmerei für den Therapeuten würde er ohnehin keine sachliche Antwort bekommen. Immerhin hatte Hansen in diesem Moment auch seine erste Kleingruppe. Er fragte sich, wie es ihm wohl erging.

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