„Sie riss schützend die Hände hoch, aber es war zu spät. Der schnelle, wuchtige Schlag traf sie seitlich am Kopf. Wie eine Stichflamme schoss der Schmerz durch ihren Körper. Blutroter Nebel brannte sich in ihre Augen und nahm ihr die Sicht. Und dann wurde alles lichtlose Nacht.“ Der Mord an einer alleinstehenden Bibliothekarin gibt der Osnabrücker Mordkommission um Hauptkommissarin Bea Agarius Rätsel auf. Die Tote wurde auf dem Gertrudenberg im Bürgerpark gefunden. In einer eigenartigen Position. Mit ihrem Hund an ihrer Seite. Nur wenig später verschwindet eine junge Studentin. Ihre Mitbewohnerin macht sich Sorgen und begibt sich auf die Suche. In einem nahen Seniorenstift fantasiert ein dämmernder Bewohner von einem „Ropenkerl“, einer Osnabrücker Sagengestalt. Pflegerin Asli Ozcan weiß nichts damit anzufangen, bis sie dem „Ropenkerl“ unvermittelt gegenübersteht ...

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9925-33-073-7
Kindle: 978-9925-33-074-4
pdf: 978-9925-33-072-0

Zeichen: 361.791

Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9925-33-071-3

Seiten: 249

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Harald Keller

Harald Keller
Harald Keller, geboren 1958 in Osnabrück. Kurven- und hürdenreicher Werdegang von der Realschule über den Einzelhandelskaufmann bis in den zweiten Bildungsweg. Von dort federnder Absprung an die Universität und Jahre später Zieldurchlauf mit Promotion. Zwecks Lebensunterhalt Taxi- und Lieferfahrer, wissenschaftlicher Assistent, schließlich und bis heute freiberuflicher Journalist und Autor. Verfasser von Sachbüchern und Romanen, Mitherausgeber, Lektor. Fotoreporter. Dozent. Gastgeber der Osnabrücker Lesebühne „Die Lese-Rampe“. Veröffentlichungen: Kultserien und ihre Stars (Reinbek 1999), Schräg, schrill, scharf und schundig. 1000 Filme zwischen Trash und Kult (Reinbek 2000), Angelina Jolie (Berlin 2001), Die Geschichte der Talkshow in Deutschland (Frankfurt/M. 2009), Ein schöner Tag für den Tod (Münster 2009), Die Nacht mit dem Holenkerl (2018) u. a.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter, oder klicken Sie auf das Buchsymbol, um sich online unser FlippingBook anzusehen.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei FlippingBook

... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Teil



Er

Verschnaufen. Wieder zu Atem kommen. Die Muskeln lockern. Das Hochgefühl genießen.
   Sein Körper ächzt noch unter der ungewohnten Anstrengung.
   Aber welch ein Genuss, wenn das Blut fühlbar durch die Adern rauscht.
   Wie die fiebrige Wärme unter die Gesichtshaut kroch … Wie das andere Leben unter seinen Händen schwand …
   Zufriedenheit durchströmt ihn vom Scheitel bis zur Sohle.
   Inzwischen ist die Morgendämmerung angebrochen. Doch hier drinnen herrscht dauernde Dunkelheit, aufgehellt nur von einem hauchdünnen Schleier aschfahlen Lichts, das von oben durch die engen Lüftungsöffnungen dringt.
   Es gefällt ihm so, immer noch. Wie damals … Hier war sein Bau, ein zufällig beim Spielen entdeckter Zufluchtsort, ein Versteck.
   Er ist es wieder. Nicht mehr geheimer Schlupfwinkel, nicht mehr Abklingbecken für die Angst, die seinen Verstand vergiftete.
   Jetzt sind es die anderen, die Angst haben müssen.
   Er wünscht sich, dass Mutter das noch erlebt hätte.


Klagelaute

Das Jaulen war schon auf halber Höhe der Wittkopstraße zu hören. Leise und entfernt, aber deutlich.
   So früh am Tag lag noch Stille über der Stadt. Kein Dauerrauschen des Verkehrs, nur einzelne Fahrzeuge. Gelegentlich ein Zug. Das abgehackte Brausen durchfahrender Güterwagen. Oder ein surrender Triebwagen der Nordwestbahn, der vom Depot im Hafen kommend mit metallischem Rumpeln das Gleis wechselte, um den Passagierdienst aufzunehmen.
   Als Anni Vahlbusch alle Häuser linker Hand mit Zeitungen versorgt und das Ende der steil ansteigenden Sackgasse erreicht hatte, hielt das durchdringende Geheul immer noch an. Sie war entschlossen, es nicht zu beachten. Die Zeitungen mussten, so lautete die Anweisung für die Zusteller, bis spätestens sieben Uhr in den Briefkästen stecken. Verspätungen bedeuteten Beschwerden. Der Job brachte nicht viel, aber als alleinerziehende Mutter war sie auf das Geld angewiesen. Sie wollte die Einnahmen keinesfalls riskieren.
   Und dann stieg sie doch hinauf in den Bürgerpark, ging unter dem herbstlichen Laubdach in die Richtung, aus der die tierischen Laute herüberdrangen. Sie musste es tun. Sie wusste, dass ihr Gewissen ihr anderenfalls tagelang keine Ruhe gelassen hätte.
   Sie fand den Hund im Rosengarten, einer von blickdichten Sträuchern gesäumten Anlage quadratischer Beete, auf denen einst tatsächlich Rosen gestanden hatten. Inzwischen waren sie aus Kostengründen mit kniehohen Buchsbaumhecken bepflanzt worden, zwischen denen das Unkraut spross. Mittendrin reckte sich ein glockenförmiges Postament, gekrönt von einer in Stein gehauenen Vase oder Amphore. Anni Vahlbusch wusste es nicht genau und war zu abgelenkt, um weitere Gedanken auf die genaue Bezeichnung zu verschwenden.
   Zu Füßen der Stele zerrte der unaufhörlich klagende Hund an seiner Leine, die am Handgelenk seines Frauchens festgeknotet war. Die Frau wandte der Säule den Rücken zu, hatte sich wohl dort angelehnt. Aber die ruckartigen Sprünge des Hundes hatten sie zu Boden gezogen. Dort lag sie jetzt, grotesk verrenkt und an den Hund gefesselt.
   Der hatte von ihr nichts mehr zu befürchten, daran gab es keinen Zweifel. Anni Vahlbusch sah die weit geöffneten, starren Augen und den klaffenden Mund unter der durchsichtigen, am Hals fest zugeschnürten Kunststofftüte.
   Ihr drehte sich der Magen um. Hastig beugte sie sich in die Büsche. Die schwere Schultertasche rutschte nach vorn, und mindestens die Hälfte des Erbrochenen ergoss sich über die Zeitungen.
   Anni Vahlbusch schniefte. Jetzt würde es doch wieder Beschwerden geben.

Im Morgengrauen

Bea Agarius saß im Schlafanzug und Morgenmantel am Frühstückstisch und löffelte den Rest ihres Müslis, während sie auf ihrem Tablet durch die Zeitungen blätterte. Sie hatte noch Zeit bis zum Arbeitsbeginn. Katharina dagegen war bereits aufgestanden und bereitete sich für den Aufbruch vor. Bea sah ihr durch die offene Tür zu, wie sie im Flur vor den Spiegel trat und den Sitz ihrer Kleidung überprüfte. Sie hatte eine gedeckte Kombination gewählt. Eine dunkle Hose mit senkrechten Abnähern, die ihr im Hüftbereich bequeme Weite gaben, ohne sie unansehnlich aufzuplustern, dazu eine schwarze Bluse. Katharina schlüpfte in ihren dunkelblauen Blazer, der mit den blauschwarzen Pumps harmonierte.
   »Du siehst wunderbar aus. Du wirst deinen Schülern und hoffentlich auch einigen Schülerinnen unanständige Träume bescheren.«
   Katharina lachte. »Die sollen sich mal lieber um ihre Hausaufgaben kümmern und lernen. Übermorgen steht ein Test an.«
   Ihre Freundin zog die Stirn kraus. »Dann bist du ja wieder das ganze Wochenende mit Korrekturen beschäftigt«, beschwerte sie sich und zog einen Flunsch.
   »Ich hoffe nicht. Lass uns mal abwarten. Irgendetwas können wir bestimmt unternehmen.«
   Bea Agarius erhob sich, um Katharina zu verabschieden. Sie trafen sich auf halbem Wege. Bea nahm Katharina am Revers und zog sie zu sich heran.
   Katharina erwiderte ihren Kuss, stieß sie dann aber sanft zurück. »Vorsicht, du ruinierst meinen Blazer.«
   »Oh, Madame, wollen wir denn heute noch auf den Laufsteg? Germany’s Next Top Teacher!«, stichelte Bea.
   In dem Moment klingelte ihr Telefon.
   Gaspard Budke meldete sich, der Leiter ihres Fachkommissariats. »Guten Morgen, Frau Agarius. Es tut mir leid, wenn ich so früh schon störe. Aber ich muss Sie zu einem Einsatz beordern.«
   Budke hielt auf Förmlichkeiten. Während sich viele der Kollegen duzten, wählte der Erste Kriminalkommissar immer die unverbindlichere Sie-Form, selbst bei engen Mitarbeitern und langjährigen Weggefährten. Zumindest in Anwesenheit anderer. Bea Agarius und ihr Kollege Sven Fehrenkämper hatten schon einmal darüber spekuliert, ob Budke hinter verschlossenen Türen vielleicht doch gelegentlich das Du anwandte …
   »Im Bürgerpark wurde eine weibliche Person tot aufgefunden. Die Kollegen von der Schutzpolizei gehen von Fremdverschulden aus. Ich habe den Erkennungsdienst bereits in Marsch gesetzt.«
   Katharina winkte. Ihre Lippen formten die Worte: »Ich fahr dann.«
   Bea Agarius hob die Hand. »Warte noch …« Dann sprach sie wieder ins Telefon. »Entschuldigung, Herr Budke, ich war kurz abgelenkt. Wo genau befindet sich die Leiche?«
   »Im sogenannten Rosengarten. Kennen Sie das Areal?«
   »Nicht so genau. Wir wohnen am anderen Ende der Stadt.«
   »Es ist nicht schwer zu finden. Die Bramscher Straße ist bekannt?«
   »Sicher.«
   »Perfekt. Wenn Sie vom Hasetor kommen, fahren Sie in die Bramscher. Dann geht gleich rechts die Wittkopstraße ab. Mehr oder weniger eine Sackgasse. An deren Ende führen einige Stufen in den Bürgerpark hinauf. Halten Sie sich halb links, dann laufen Sie auf den Rosengarten zu. Eine offene Fläche mit mehreren Beeten und so einer Art Säule in der Mitte. Sie werden es finden, die uniformierten Kollegen sind ja vor Ort.«
   »Alles so weit verstanden. Ich komme direkt hin, ohne Umweg übers Büro. Meine Lebensgefährtin kann mich im Auto mitnehmen. Sie arbeitet in der Dodesheide.«
   »Wie Sie meinen. Ich höre dann von Ihnen. Ich gebe noch KHK Fehrenkämper Bescheid. Er wird dort zu Ihnen stoßen.« Das Smartphone machte ein schluckendes Geräusch. Budke hatte abgeschaltet.
   »Ich muss los«, sagte Katharina.
   »Nein, warte. Ein Einsatz. Ich muss zur Bramscher Straße. Ist kein Umweg. Du kannst mich da absetzen.«
   Katharina sah auf ihre Uhr. »Dann beeil dich aber. Es wird wirklich Zeit …« Bea war schon unterwegs ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Katharina hörte sie von oben rufen. »Gib mir eine Minute. Bin gleich fertig.«
   »Das kommt davon, weil du morgens immer so trödelst«, lästerte Katharina.
   »Ich trödele nicht. Ich verbreite nur keine Hektik. Und anders als gewisse Leute mit hyperaktiven Neigungen nehme ich mir Zeit für mein Frühstück. Das ist nämlich gesünder.« Bea eilte ins Bad. Sie warf einen begehrlichen Blick auf die Zahnbürste, beließ es dann aber bei einem schnellen Ausspülen mit ihrem Mundwasser. Einmal gurgeln, rasch die kurzen Haare gestriegelt, dann sprang sie die schmale Treppe hinab. Das »Handwerkszeug« durfte sie nicht vergessen. Daheim verwahrte sie es in einer verschlossenen, durch einen Metallbeschlag besonders gesicherten Lade, den Dienstausweis, ihre Heckler & Koch, die Handschellen.
   Endlich war sie bereit.
   Katharinas missbilligenden Blick auf ihre ausgebeulten Hosen ignorierte sie. Sie war ihn gewohnt.
   Der Wagen parkte gleich gegenüber. Von ihrem kleinen Häuschen an der Klarastraße ging es die Sutthauser Straße hinunter auf den Wall. Wie bald jeden Morgen um diese Zeit stockte der Verkehr hinter der sanften Kurve in Höhe des Ratsgymnasiums, weil sich die Autos auf der Linksabbiegerspur Richtung Martinistraße stauten und auch die linke Geradeausspur verstopften. Viele Fahrer versuchten auszubrechen und auf die rechte Spur zu wechseln, erzwangen rabiat das Einfädeln in die engste Lücke, ohne Rücksicht auf nachfolgende Fahrzeuge.
   Bea Agarius saß auf dem Beifahrersitz und scharrte ungeduldig mit den Füßen. Vielleicht hätte sie doch wie gewohnt das Rad nehmen sollen. In diesem Moment wünschte sie sich Blaulicht und Sirene. Aber ihr gemeinsam genutzter kleiner Citroën besaß dergleichen natürlich nicht.
   Nach vier Ampelphasen hatten sie den Engpass endlich hinter sich. Von da ab ging es erstaunlich zügig voran. In zwei Minuten waren sie an der Bramscher Straße.
   »Lass mich da vorn vor dem Zebrastreifen raus«, sagte Bea. »Dann kannst du gleich geradeaus weiterfahren.«
   Sie verabschiedeten sich mit einem flüchtigen Kuss. Katharina brauste davon zu ihrer Schule, während Bea Agarius die Wittkopstraße hinaufeilte. Die Sonne erklomm gerade erst das Firmament. Scheu lugten die ersten rötlich-goldenen Strahlen über die Baumwipfel und Firste. Das altertümlich anmutende Straßenpflaster aus Kopfstein lag noch in tiefem Schatten.
   Im Vorbeilaufen bewunderte Bea die schönen Wohnhäuser rechts und links, darunter solche mit Gründerzeitfassaden, mit Anklängen von Jugendstil, mit Fachwerkgiebeln oder ganz aus elegantem Backstein, manchmal sehr verschachtelt gebaut, mit Erkern und Türmchen. Romantisch und ein wenig versponnen.
   Dann richteten sich ihre Gedanken auf das, was sie oben in der Parkanlage erwarten würde.

Stummes Zeugnis

Das nervöse Fiepen des Hundes veranlasste Beatrice Agarius, sich umzuwenden. »Der Kollege sieht nicht glücklich aus«, sagte sie mit einem Kopfnicken in Richtung des Schutzpolizisten, der sich um den Vierbeiner kümmern sollte.
   »Ein Border-Terrier«, hatte Sven Fehrenkämper erklärt. »Ein schönes Tier.«
   Der Hund wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, sprang immer wieder am Bein des Polizisten hoch und stupste ihn mit seiner feuchten Schnauze auffordernd an. Aus Sorge um seine Uniform wich der Beamte jedes Mal ein oder zwei Schritte zurück, konnte aber den übermütigen Zuneigungsbekundungen des Tieres nicht entkommen.
   »Ich weiß«, meldete Sven Fehrenkämper augenzwinkernd. »Er hat Angst vor Kötern. Genau deshalb hat er den Auftrag ja bekommen.«
   »Was für eine Gemeinheit …«
   »Nicht doch, Bea – das ist eine Ausbildungsmaßnahme! Nur zum Wohle des jungen Kollegen. Der muss es doch lernen. Ich hatte damals im Streifendienst oft mit Hunden zu tun, in allen möglichen Situationen. Besser, er gewöhnt sich dran. Ist ja auch schon dabei. Sein neuer Freund da ist so zutraulich, dass sich unser junger Kollege vermutlich noch freiwillig zur Hundestaffel melden wird.«
   »Na, ich weiß nicht …«
   Noch warteten Bea Agarius und Sven Fehrenkämper auf die Freigabe durch die Kollegen vom Erkennungsdienst, die gerade die Leiche und deren Umfeld aufmerksam untersuchten. Ein Pavillon schützte den Fundort gegen Niederschlag und herabfallendes Laub. Mobile Sichtblenden bewahrten ihn vor neugierigen Blicken und bildeten eine Barriere gegen den Zutritt unbefugter Personen.
   Die Leiche wurde vor fremden Augen verborgen. Es zählte zu den Pflichten des zuständigen Arztes, noch am Auffindeort die Temperatur des toten Körpers zu messen. Ein für die Ermittlung des Todeszeitpunkts unverzichtbarer Eingriff, eine notwendige Störung des Totenfriedens, die aus Gründen der Pietät und des Takts den Ausschluss der Öffentlichkeit verlangte.
   »Handschuhe?« Fehrenkämper hielt der Kollegin die Großpackung hin. Dankend zupfte sie ein Paar aus dem Spender. In dem Moment trat Heino Feldhaus auf sie zu. Begrüßt hatte man sich bereits. Der Notarzt kam gleich zur Sache.
   »What you see is what you get«, begann er seinen Bericht. Falls er gehofft hatte, die Kommissarin zu verwirren, ging sein Versuch ins Leere.
   »Sie sieht aus wie erstickt, und sie ist auch erstickt.« Unbeeindruckt nahm sie seine Pointe vorweg.
   Feldhaus überspielte seine Enttäuschung durch lobende Worte. »Richtig erkannt. Tod durch weiche Bedeckung, das ist schon mal klar. Die Petechien in den Augen und in der Gesichtshaut sprechen eine eindeutige Sprache. Der Kunststoffbeutel hat Speichel angenommen. Es gibt oberflächliche Druckspuren im Halsbereich, aber die haben nicht den Tod herbeigeführt. Sie lassen sich so interpretieren, dass der Täter die Frau von hinten anfiel und ihren Hals mit der Ellenbogenbeuge in die Zange nahm.« Feldhaus hob den linken Arm und führte vor, wie sich der Tathergang seiner Meinung nach abgespielt hatte. »Währenddessen oder danach hat er ihr mit der anderen Hand, vermutlich mit der rechten, den Plastiksack über den Kopf gezogen und ihr die Luft abgeschnürt. Die Ränder haben sich sichtbar in den Hals eingeschnitten, aber oberhalb der Suffusionen. Das Ersticken ist also nach dem ersten Angriff erfolgt.«
   Fehrenkämper wollte etwas sagen, aber Feldhaus hob die Hand. Seine Gelegenheit für eine Retourkutsche. »Frag gar nicht erst! Der Körper ist ausgekühlt und feucht vom Tau. Schickt die Leiche zur Obduktion. Nur die Rechtsmedizin kann euch einen halbwegs präzisen Todeszeitpunkt nennen.«
   Bea Agarius neigte den Kopf und klappte treuherzig die Lider auf und ab. »Bittöö«, bettelte sie mit gespielter mädchenhafter Koketterie. »Wenigstens ungefähr … Eine klitzekleine Schätzung. Kann auch ganz ungenau sein. Wir verraten es niemandem …«
   Feldhaus schmatzte unwillig mit dem Mundwinkel und sah noch einmal zurück zu der Toten. »Im Laufe des gestrigen Abends. Oder nachts.« Er funkelte die beiden an. »Grobe Schätzung. Schreib das ja nicht auf. Das gehört nicht in euren Bericht.«
   »Schon gut, mein Lieber. Wir brauchen ja nur eine grobe Richtung für die ersten Vernehmungen«, sagte Agarius begütigend. »Sobald der Staatsanwalt hier ist, besorgen wir uns die Obduktionsfreigabe.«
   »Wer hat Bereitschaft?«
   »Dr. Schneidling.«
   »Übrigens ist die Tat nicht direkt am Fundort erfolgt. Es gibt eindeutige Schleifspuren auf dem Boden und Abriebkratzer an den Hacken der Schuhe. Die liegen ein Stück von der Toten entfernt.« Feldhaus deutete auf die schwarzen Freizeit-Ballerinas, die gerade von einem der Kriminaltechniker fotografiert wurden. Neben den Schuhen hatte er Spurensicherungsmarker platziert. Die kleinen gelben Aufsteller trugen die Nummern achtzehn und neunzehn. Einer der flachen Schuhe war in einer der Buchsbaumhecken stecken geblieben, der andere lag gut einen halben Meter entfernt auf dem gepflasterten Gehweg, aus dessen Fugen wildes Gras spross. »Sie hat sie wohl verloren, während sie zu der Säule geschleppt wurde. Und an ihren Fersen habe ich frische Hautabschürfungen entdeckt. Als ob sie aus Gegenwehr gestrampelt hätte. Aber ich will den Kollegen nicht vorgreifen. Die werden das genauer erläutern können.«
   Ein lautes Blaffen des Hundes unterbrach ihn. Bea Agarius sah sich um. Der Terrier tänzelte unruhig um die Beine ihres Kollegen und sprang ihn immer wieder an. »Wenn das Kerlchen doch reden könnte«, murmelte sie gedankenverloren. Im nächsten Moment kam ihr eine Idee. Sie rief Jens Bredenkötter, einen Mann vom Erkennungsdienst, zu sich. »Jens, gibt es die Möglichkeit, dem Hund Spuren abzunehmen?«
   »Was meinst du?«
   »Er muss bei dem Mord dabei gewesen sein. Wenn er den Täter angesprungen hat wie hier den Kollegen, finden sich vielleicht Spuren unter seinen Pfoten. An den Krallen oder so.«
   »Genial!« Sven Fehrenkämper war begeistert. Er dachte noch einen Schritt weiter. »Und wie ist das mit den Zähnen? Vielleicht hat er zugebissen?«
   Bredenkötter runzelte die Stirn. »Wir können es versuchen. Ich hole mal mein Zeug.«
   Er kehrte mit einem Arbeitskoffer zurück und legte ihn auf einer der verwitterten Bänke ab. Pedantisch genau suchte er nach einer Stelle, die nicht mit Vogelkot gesprenkelt war. Nach kurzer Suche entnahm er dem Metallkoffer Wattestäbchen und ein Asservatenröhrchen, das er entkorkte, nachdem er frische Schutzhandschuhe übergestreift hatte. »Ihr müsst mir aber helfen«, forderte er entschieden. »Sonst geht es nicht. Am besten zuerst die Zähne.«
   Um den Hund nicht weiter aufzubringen, traten sie vorsichtig näher, während die Kommissarin dem Polizeiobermeister ihr Vorhaben erklärte. »Fass ihn bitte direkt am Halsband, damit er nicht springen kann«, bat sie den Kollegen.
   Sie kauerten sich nieder. Bea Agarius kraulte liebevoll das dichte schwarzbraune Nackenfell des Terriers, der ihr neugierig den Kopf entgegenreckte und sie aus aufgeweckten Knopfaugen ansah. Sacht strich sie mit dem Zeigefinger über seine Schnauze. Der lebhafte Vierbeiner ließ es sich gefallen.
   »Lass mich«, sagte sie zu Bredenkötter und nahm das Wattestäbchen. Der Hund schnupperte und versuchte, ihre Hand zu lecken. Sie nutzte die Gelegenheit und hielt ihm spielerisch das Stäbchen hin. Er versuchte, es zwischen seine Backenzähne zu nehmen, um darauf herumzukauen, aber sie zog den Wattebausch schnell ein Stück zurück und fuhr mit drehenden Bewegungen über die Zahnreihen. »Geschafft«, sagte sie und reichte das Stäbchen zurück an Bredenkötter, der es sorgfältig einkapselte. »Jetzt noch die Pfoten.«
   Nach einem prüfenden Blick auf den Hund ging Bredenkötter den Inhalt seines Koffers durch und entschied sich schließlich für die Blattfolie. »Vielleicht ist er dressiert«, sagte er hoffnungsvoll.
   »Versuchen wir’s«, antwortete Bea Agarius und befahl dem Hund: »Sitz! – Platz! – Mach Sitz! – Platz!«
   Der Hund hechelte und wedelte nur munter mit dem Schwanz. Der Kommissarin schien es, als sähe er sie fragend an. Sie streichelte über seinen Rücken, wiederholte ihre Befehle und drückte dabei sanft sein Hinterteil nach unten. Tatsächlich – er hockte sich auf die Hinterbeine.
   »Braaav«, lobte sie. »Guter Hund. Und kannst du auch Pfötchen geben? Gib Pfötchen!« Sie hielt ihm ihre offene Hand entgegen.
   Wieder brauchte der Hund ein wenig Nachhilfe. Vorsichtig umfasste sie seine rechte Pfote, strich mit dem Daumen über die borstigen Haare, dann hob sie das Füßchen behutsam an.
   Bredenkötter war sofort zur Stelle. Er hatte bereits die Schutzfolie abgezogen und drückte den klebrigen Träger mit kreisenden Fingern zart unter die Ballen der kleinen Tatze. Das tat nicht weh, trotzdem gefiel es dem Hund gar nicht. Er begann zu knurren und schnappte nach Bredenkötters Hand, der sie gerade noch wegziehen konnte. Mit zuckenden Bewegungen versuchte der Hund, die an der Pfote klebende Folie abzustreifen. Da das nicht gelang, biss er zu und riss wütend mit den Zähnen an dem lästigen Kunststoff.
   »Halt ihn kurz und streichel ihn«, rief Agarius dem uniformierten Kollegen zu. Mit sanften Worten versuchte sie, das Tier zu bändigen. »Ruhig, mein Lieber. Wir tun dir doch nichts. Nicht beißen … nein, nicht beißen. Komm, ich helfe dir.«
   Sie bekam sein Pfötchen zu fassen und riss mit einem Ruck die Klebefolie weg und damit auch einige Härchen heraus. Der Hund jaulte auf und schnappte erneut, aber der Biss ging ins Leere. »Tut mir leid, mein Kleiner. Aber das musste sein.«
   Der Hund winselte leise und beruhigte sich.
   »Na, das hat doch gut geklappt. Keine Verletzten, Hund und Vollzugspersonal wohlauf«, sagte Fehrenkämper in scherzhaftem Berichtston.
   »Kannst du damit was anfangen?«, fragte Agarius.
   Bredenkötter blickte skeptisch auf die zerbissene Folie. »Kann sein … Das wird sich erst im Labor zeigen.«
   »Gebt euer Bestes«, appellierte Fehrenkämper und versuchte, optimistisch zu klingen.
   Verschmitzt zog Bredenkötter beide Mundwinkel noch oben. »Wo wir sind, ist vorne. Wir kennen gar nichts anderes als Bestleistungen.«
   »Wissen wir doch«, schmeichelte Bea Agarius.
   »Wollen wir?«, fragte Fehrenkämper.
   Gerade signalisierte der Leiter des Sicherungstrupps, dass der Auffindeort jetzt freigegeben war.
   »Moment noch.« Bea Agarius nickte vielsagend in Richtung Südeingang.

Warnende Worte

Fehrenkämper folgte dem Blick der Kollegin und sah Staatsanwalt Dr. Meinhard Schneidling, der einem der Schutzpolizisten seinen Dienstausweis vorzeigte und hinter die Sichtblende vorgelassen wurde.
   »Grüße Sie«, sagte Schneidling. »Morgenstund hat Mord im Mund, oder was liegt vor?« Er rang mit seiner schlechten Laune. Der Anruf hatte ihn zu Hause erreicht, kurz vor Ende seiner Bereitschaft. Nur eine Stunde später, und die Meldung wäre an einen Kollegen gegangen.
   »Doch, leider«, antwortete Bea Agarius. »Eindeutig Fremdeinwirkung. Der Erkennungsdienst ist durch, wir wollten uns gerade einen eigenen Eindruck verschaffen.«
   »Lassen Sie sich nicht abhalten, Frau Agarius. Ich möchte inzwischen das Übergabeprotokoll einsehen. Hat schon jemand den Bestatter kontaktiert?«
   »Er ist unterwegs«, bejahte die Ermittlerin und reichte Schneidling das Formular, auf dem die Erkenntnisse des ersten Angriffs durch die Schutzpolizisten festgehalten worden waren.
   Der Staatsanwalt ging die Positionen durch. Angaben zur Auffindesituation, zu der Person, die den Fund gemeldet hatte, die Aufstellung der bisherigen Maßnahmen. Kein Eintrag in der Rubrik »Zeugen«.
   Bea Agarius hatte nach ihrem Eintreffen das Protokoll geprüft und unterzeichnet. Damit war die Verantwortung an das 1. Fachkommissariat übergegangen.
   Agarius und Fehrenkämper traten näher an die Frauenleiche heran.
   Einer der Kollegen reichte ihnen den Ausweis der Toten, der in einer dünnen Brieftasche, eher eine Art Mäppchen, im Inneren ihrer modischen Allwetterjacke gesteckt hatte.
   »Corinna Schänkenberg«, las Fehrenkämper vor. »Wohnt in der Lindenstraße. Das ist nicht weit von hier …«
   »Vermutlich war sie nur mal eben mit ihrem Hund Gassi«, überlegte Agarius, während sie eingehend den toten Körper inspizierte. Die Garderobe, körperliche Veränderungen, die Spuren der Strangulation, verursacht durch die Schnur des verschließbaren Plastiksacks. Mit dem Handy machte sie eine Reihe von Übersichts- und Nahaufnahmen.
   Staatsanwalt Schneidling gesellte sich zu ihnen. Nachdem sie ihre Untersuchungen beendet hatten, gaben die Kommissare eine rasche Zusammenfassung der ersten Erkenntnisse.
   Während der Unterhaltung fielen Bea Agarius die unsteten Augen des Staatsanwalts auf, der immer wieder über sie hinweg in Richtung der benachbarten Klinikgebäude schaute. Dann wurde ihr klar, woran Schneidling gerade dachte.
   Im selben Moment sprach er es aus. »Wir sollten umgehend die Leitung der St. Gertruden Klinik informieren.«
   Fehrenkämper sah ihn fragend an.
   »Zum Klinikum gehört eine Abteilung für forensische Psychiatrie«, erklärte Schneidling. »Als deren Einrichtung damals als Planungsvorhaben durch die Presse ging, gab es massive Einwände. Von Anwohnern und von einigen politischen Hasardeuren, die das Unbehagen der Bürger für ihre Zwecke ausschlachten wollten. Keine der Befürchtungen hat sich bewahrheitet, tatsächlich haben wir bis heute nicht einen einzigen Vorfall registriert. Aber möglicherweise kochen die Ressentiments wieder hoch, wenn dieser Mord bekannt wird. Egal, ob er mit dem Klinikum in Verbindung steht oder nicht, die Leitung sollte vorbereitet sein.«
   »Verstehe«, sagte Fehrenkämper.
   »Ich gehe gleich hinüber und spreche mit den Verantwortlichen. Ich halte es für sinnvoll, wenn Sie mich begleiten.«
   Agarius zückte ihr Telefon. »Ich gebe nur eben dem Chef Bescheid«, erklärte sie, »damit die Lagebesprechung zeitlich entsprechend angesetzt werden kann.«
   
   
   
   Die Direktionsassistentin war nicht erbaut. »Der Herr Professor hat einen eng gesteckten Tagesablauf«, belehrte sie die Besucher in missbilligendem Tonfall. »Den können wir nicht einfach umstoßen. Sie müssen einen Termin vereinbaren.«
   Die kleine Gruppe war ihr nicht geheuer. Der Mann im eleganten Anzug hätte ihren Vorstellungen von einem Behördenvertreter entsprochen, wären da nicht seine Begleiter gewesen, ein Kerl in verwaschenen schwarzen Jeans und Lederjacke und eine Frau in Hosen, die sie kaum in einem Osnabrücker Bekleidungsgeschäft gekauft haben konnte. Derart unmodische Stücke bot doch niemand an …
   »Tut uns leid, wenn wir den Terminkalender durcheinanderwerfen«, sagte Staatsanwalt Schneidling. »Es ist aber bedauerlicherweise nötig. Wir müssen Professor Gerber im Zuge einer Mordermittlung sprechen. Ich darf Ihnen versichern, es ist ganz in seinem Sinne. Er wird Ihnen das nach unserer Unterredung gewiss bestätigen.« Er sprach höflich, aber mit Nachdruck. »Bitte melden Sie uns jetzt unverzüglich an. Es ist dringend.«
   Die Vorzimmerdame griff zum Telefon.
   Nur wenige Minuten später standen sie Professor Dr. Matthias Gerber gegenüber, dem ärztlichen Direktor der St. Gertruden Klinik.
   Meinhard Schneidling setzte den Arzt ohne lange Vorrede über den Grund ihres Kommens in Kenntnis.
   »Ich muss sagen, ich teile Ihre Besorgnis«, sagte Gerber. Er unterstrich seine Worte mit einem verständnisvollen Nicken. »Und ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mir gleich Nachricht gegeben haben. Ich fürchte, wir müssen uns auf neue Angriffe von außen einstellen.« Er ließ ein leises Seufzen hören. »Diese degoutanten Pöbeleien … Es wäre schön, wenn es anders käme. Aber wir sollten gewappnet sein. Ich werde sofort unsere Öffentlichkeitsabteilung und meine Mitarbeiter unterrichten. Können Sie mich über Ihre Ermittlungen auf dem Laufenden halten?«
   »In gewissen Grenzen – ja. Umgekehrt sollten Sie uns sofort benachrichtigen, wenn es zu irgendwelchen Auffälligkeiten kommt.«
   »Das werden wir ganz sicher tun.«
   Für Professor Gerber schien die Unterredung damit beendet. Aber Bea Agarius hatte noch ein weiteres Anliegen. »Ich weiß, es ist nicht üblich, aber ich möchte Sie um einen Gefallen bitten: Würden Sie einen Blick auf die Auffindesituation werfen und Ihr Urteil abgeben? Die Umstände sind ein wenig speziell.«
   Sie hatte die kurz zuvor aufgenommenen Fotos aufgerufen und schob ihr Handy über Gerbers Schreibtisch.
   Der Klinikdirektor schüttelte bedächtig den Kopf. »Nur auf einen flüchtigen Blick hin – nein, das wäre unseriös. Eine qualifizierte Aussage ist auf die Schnelle nicht möglich«, wies er das Ansinnen zurück. Er sah auf seine Armbanduhr. »Ich müsste mich eingehender mit der Sachlage beschäftigen. Mir fehlt offen gestanden im Moment die Zeit.«
   »Es geht ja nicht um ein umfassendes Gutachten. Nur um einen ersten Kommentar. Wie würden Sie dieses Szenario interpretieren?«
   Staatsanwalt Schneidling sprang ihr bei. »Wir wissen, dass so eine frühe Einschätzung nur unscharf ausfallen kann. Aber auch damit wäre uns unter Umständen schon geholfen. Es ist doch auch in Ihrem Sinne, wenn der Täter schnell gefasst wird.«
   »Selbst damit würde ich mich auf einer spekulativen Ebene bewegen. Ich müsste mich weitaus intensiver mit den Gegebenheiten befassen, weitere Informationen heranziehen und Fakten zusammentragen …« Während er sprach, blieb sein Blick auf dem Handy haften. Er zog es heran und begann durch den Bilderkatalog zu blättern, der offenbar doch sein Interesse geweckt hatte.
   Schweigend sahen die Ermittler zu, wie Gerber einzelne Details mit einer scherenartigen Wischbewegung von Daumen und Zeigefinger vergrößerte, verschob und studierte.
   Er brummelte unverständlich vor sich hin, dann hob er die Stimme. »Hm. Man müsste mehr wissen. Über das Umfeld des Opfers …« Er klang nachdenklich. »Also gut. Aber ich kann Ihnen bestenfalls eine Tendenz anbieten, keine Stellungnahme von wissenschaftlicher Präzision. Alles unter Vorbehalt. Ich wünsche auch nicht, dass meine Äußerungen protokolliert und in die Fallakte aufgenommen werden.«
   Der Staatsanwalt ging ohne Weiteres auf die Bedingung ein.
   »Nach jetzigem Ermessen müssen wir wohl von zwei unterschiedlichen Konstellationen ausgehen. Die Frage lautet, ob Täter und Opfer zueinander in einer Beziehung standen. In dem Fall dürfte das Motiv persönlicher Natur sein. Emotionsbedingt. Also eher Hass als Habgier. Vielleicht verschmähte Liebe. Da kann ich nur spekulieren. Hat der Täter etwas mitgenommen? Eine Art Souvenir? Oder hat er etwas hinterlassen?«
   »Können wir nicht sagen«, erklärte Bea Agarius. »Wir stehen ja ganz am Anfang.«
   »Es könnte auch sein, dass er fotografiert oder gefilmt hat … Gab es Spermaspuren?«
   »Auch das wissen wir noch nicht. Wir müssen die Ergebnisse der Kriminaltechnik abwarten.«
   »Wie dem auch sein – der Kasus stellt sich jedenfalls auf andere Weise dar, wenn das Opfer zufällig ausgewählt wurde. Dann lässt das Arrangement – wie gesagt, nur unter Vorbehalt formuliert – auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung schließen. Dem Täter könnte es um Machtgefühle gehen. Oder, präziser formuliert, um ein Überlegenheitsgefühl. Durch den Akt der Tötung setzt er es durch. Er führt es der Öffentlichkeit vor Augen …«
   »Er möchte seinen Triumph vor aller Welt demonstrieren …«, warf Agarius ein.
   »Ganz genau. Und damit weiter auskosten. Im Verfolg dessen stellt er die Leiche in der vorliegenden Form aus. Sie ist sozusagen seine Trophäe. Die harmlosere Variante sieht so aus, dass manche Männer ihre schönen Frauen der Öffentlichkeit regelrecht vorführen. Im Angelsächsischen spricht man, Sie haben das gewiss schon einmal gehört, recht unverblümt vom ›Trophy Wife‹. So eine Disposition kann durchaus in psychotische Extreme expandieren … Oder denken Sie an Jäger, die nach dem Halali ihre Beute aufreihen. Sie verlängern das Hochgefühl, das sie beim Abschuss empfunden haben. Zum Triumph, das Wild überlistet zu haben, gesellt sich der Stolz gegenüber den Waidbrüdern. Je nach Persönlichkeit erzielen sie sogar erst dann Befriedigung, wenn sie die Bewunderung oder auch den Neid anderer erfahren. ›Ich habe was, was du nicht hast.‹ Das kennen Sie sicher auch von Autobesitzern …«
   »Oh ja.« Bea Agarius erinnerte sich mit gemischten Gefühlen an einschlägige Vorfälle aus ihrer Zeit im Streifendienst, unter anderem bei den berüchtigten »Carfreitagen«, wilden illegalen Autorennen der Tuning-Szene mit mehreren tausend Zuschauern auf der Pagenstecherstraße, die überregional für Schlagzeilen sorgten.
   »Folglich ist bei diesem Personenkreis häufig die Tat selbst weniger ausschlaggebend als die Reaktion darauf. Eine solche Erkenntnis kann für die Prävention von immenser Bedeutung sein. Bleiben die Reaktionen aus, wird somit die beschriebene übersteigerte Eitelkeit nicht befriedigt, und es erfolgen unter Umständen keine weiteren Taten.«
   »Also sollten wir uns bemühen, die Berichterstattung zu unterdrücken«, schloss Sven Fehrenkämper.
   »Das wird uns kaum gelingen«, wandte Staatsanwalt Schneidling ein. »Wir müssten die Pressefreiheit beschneiden. Dafür gibt es aber selbst in solchen Fällen keine Rechtsgrundlage.«
   Die Kommissare hatten aufmerksam zugehört. »Herr Professor, Sie sprechen von dem Täter. Es war also ein Mann?«, fragte Fehrenkämper.
   »Der pathologische Narzissmus, der hier gewirkt haben könnte, ist nicht geschlechterspezifisch. Theoretisch könnte es auch eine Frau gewesen sein.« Der Professor legte die Stirn in Falten. Er hatte Gefallen an seinem Thema gefunden und zunehmend lebhafter vorgetragen. Jetzt klang er leicht zerknirscht. »Ich räume ein, ich bin da ad hoc eingeschliffenen Vorurteilen aufgesessen. Diese Tat muss körperliche Kraft verlangt haben. Deshalb war ich automatisch von einem männlichen Täter ausgegangen. Das ist natürlich unangemessen. Unverzeihlich. Einer der Fallstricke allzu vorschneller Analysen …«
   »Wie passt der Hund ins Bild?«, wollte Sven Fehrenkämper wissen.
   »Sehr gut. Idealtypisch. Der Täter zeigt uns, dass er sich auch von dem Hund nicht hat aufhalten lassen. Symbolisch gesehen hat er ein wildes Tier gebändigt und stellt es nun aus. Er musste es nicht einmal töten. Aus seiner Warte ein Surplus. Es geht ihm ja um das Gefühl und um die Darstellung von Omnipotenz.« Das Gesicht des Arztes nahm einen besorgten Ausdruck an. »Das dürfte für Sie besonders wichtig sein: Gefahr entsteht aus dem Umstand, dass Gefühle mit der Zeit abklingen. Wenn dieses Szenario zutrifft, dann hat der Täter ein emotionales Hoch erlebt. Aber das hält nicht an. Er wird früher oder später seine Erfahrung wiederholen wollen. Und wieder töten.«
   Bea Agarius riskierte eine Suggestivfrage. »Haben Sie eine solche Person unter Ihren Patienten?«
   Die Antwort kam souverän. »Natürlich. Wir unterhalten eine Abteilung für forensische Psychiatrie. Aber die potenziell gefährlichen Patienten sind in geschlossenen Trakten untergebracht. Mit höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Da büxt nicht mal eben jemand aus, um im Park eine Frau umzubringen.«
   »Dürften wir Sie trotzdem bitten, zu prüfen, ob es im Haus in den letzten vierundzwanzig Stunden zu ungewöhnlichen Vorkommnissen gekommen ist?«, erkundigte sich Staatsanwalt Schneidling.
   »Dann wüsste ich längst davon«, sagte der Direktor unwillig, telefonierte aber dennoch die entsprechenden Abteilungen ab.
   Es wurden keine Unregelmäßigkeiten gemeldet.
   Dieser Auskunft zufolge waren alle Patienten dort, wo sie sein sollten.

Nachdem Professor Dr. Matthias Gerber seine Besucher zur Tür geleitet und den Staatsanwalt und die beiden Kommissare auf dem Gang verabschiedet hatte, wandte er sich zurück in Richtung seines Büros, machte aber unterwegs Halt am Schreibtisch seiner Mitarbeiterin. Er war beunruhigt und hatte einen eiligen Auftrag zu vergeben.
   »Frau Glaser, suchen Sie mir doch bitte gleich einmal heraus, wen wir im letzten Vierteljahr entlassen haben.«

Moko »Rosenstrauch«

Gaspard Budke überblickte den Besprechungsraum. Soweit er erkennen konnte, waren alle Kollegen versammelt, die er für die Mordkommission eingeteilt hatte. In jedem Fall wurde es Zeit, zu beginnen. Etwaige Nachzügler mussten sich später bei ihren Kollegen informieren.
   Budke schickte einen Gruß in die Runde. Das gedämpfte Stimmengewirr erstarb. Alle Aufmerksamkeit galt dem Leiter des 1. Fachkommissariats.
   »Wie ihr wisst, wurde uns heute Morgen ein Tötungsdelikt gemeldet. Alle Anwesenden werden für die Tätigkeit in der Mordkommission abgestellt. Das Opfer wurde oben auf dem Gertrudenberg im Parkbereich, im früheren Rosengarten, aufgefunden. Die Moko trägt dementsprechend den Namen ›Rosenstrauch‹.«
   Budkes Eröffnungen riefen leises Gemurmel hervor. »Dann begeben wir uns also auf einen dornigen Pfad«, raunte ein Witzbold.
   Der Kriminalhauptkommissar hob geringfügig die Stimme, ließ sich aber nicht weiter irritieren. »Vorweg schon mal herzlichen Dank an die Kollegen von den Fachkommissariaten 2 und 5 dafür, dass sie uns in dieser Sache unterstützen. Vonseiten der Staatsanwaltschaft ist Dr. Schneidling zuständig. Die Leitung der Moko habe ich KHK Agarius übertragen, KHK Sven Fehrenkämper fungiert als Stellvertreter. Bitte, Frau Agarius, wenn Sie übernehmen wollen …«
   Beatrice Agarius trat nach vorn. »Guten Tag zusammen. Für die Kollegen von den anderen Kommissariaten, die noch nicht mit mir zusammengearbeitet haben – ich bin die Bea.« Sie rückte den Bildschirm ihres Laptops zurecht.
   Budke hatte sie früher am Morgen telefonisch über die ihr zugewiesene Zuständigkeit unterrichtet. Ihr war nicht viel Zeit geblieben, um eine Präsentation vorzubereiten. Pragmatisch hatte sie bereits unterwegs auf dem Beifahrersitz eine Auswahl aus den Fundortfotos getroffen, sie nummeriert und in einem Ordner zusammengestellt und von ihrem Handy an ihre dienstliche Mail-Adresse geschickt. Jetzt rief sie die Bilder der Einfachheit halber direkt aus dem Programm auf. Nicht die eleganteste Art, aber für den Moment vollkommen zureichend.
   Anhand der Fotos, die hinter ihr auf der Projektionswand zu sehen waren, erläuterte sie die Umstände des Leichenfundes und dessen Besonderheiten wie die Anwesenheit des Hundes, die sich auch auf die Position der Leiche ausgewirkt hatte. Sie versammelte die wenigen bislang bekannten Fakten und wies darauf hin, dass der Tatort mit hoher Wahrscheinlichkeit im Umfeld des Fundorts zu suchen war. »Der Name des Opfers lautet Corinna Schänkenberg. Gefunden wurde sie in den frühen Morgenstunden von einer Zeitungszustellerin. Sie starb vermutlich in der Nacht oder am Vorabend. Die Leiche ist unterwegs in die Rechtsmedizin nach Oldenburg. Die Obduktion ist genehmigt und wird hoffentlich Genaueres erbringen.«
   Zu den folgenden Informationen gab es keine Abbildung. Sie waren dem Melderegisterauszug entnommen, den ihr Kollege Berthold Dieken-Uphoff besorgt und ausgedruckt hatte.
   Die Kommissarin überflog das Blatt und fasste zusammen. »Frau Schänkenberg war fünfundvierzig Jahre alt und verwitwet. Ihr deutlich älterer Ehemann Konrad ist vor zwei Jahren einer Herzkrankheit erlegen. Er war Steuerberater und hat ihr beträchtliche Mittel hinterlassen sowie das gemeinsame Haus an der Lindenstraße, in dem sie seit seinem Tod allein lebte. Nur mit ihrem Hund. Obwohl sie finanziell gut dastand, arbeitete Frau Schänkenberg halbtags als Bibliothekarin, ihrem erlernten Beruf. Das Paar hatte keine Kinder. Es gibt eine Schwester, drei Jahre jünger, die mit ihrem Mann, einem Niederländer, in der Nähe von Amsterdam wohnt. Die Mutter der Toten heißt Elfriede Pottharst, sie lebt in einem Altenstift in Bad Rothenfelde. Sie ist pflegebedürftig. Wir haben uns mit der Heimleitung in Verbindung gesetzt. Ein Seelsorger wird die Mutter über den Tod ihrer Tochter unterrichten. Eine Vernehmung der alten Dame scheint mir im Moment nicht erforderlich. Da wäre auch nicht viel zu erwarten. Sie ist wohl geistig angegriffen, auf dem Weg in die Demenz …«
   In einigen Gesichtern zeigte sich Anteilnahme.
   Die Moko-Chefin warf einen Blick in ihr aufgeschlagenes Notizbuch. »Wir haben erste Aussagen von Anwohnern. Übereinstimmungen gibt es insoweit, dass Frau Schänkenberg einigermaßen regelmäßig mit ihrem Hund spazieren ging. Morgens vor der Arbeit, häufig nachmittags und immer abends noch mal. Meist ungefähr zur selben Zeit. Nachmittags sah man sie auch mal auf der Bramscher Straße beim Einkaufen, zum Beispiel beim Bäcker Coppenrath. Sie war in der Gegend ein bekanntes Gesicht. Das heißt, wenn der Täter über ihre Gewohnheiten Bescheid wusste, könnte er ihr gezielt aufgelauert haben. Bei den räumlichen Verhältnissen oben im Park mit Büschen und Bäumen wäre ihm das sogar ziemlich leichtgefallen.« Sie illustrierte ihre Angaben mit einigen Fotos, die Ausschnitte der Parkanlage zeigten. Dort gab es rund um den Rosengarten und insbesondere an der Ostseite immergrüne Kletterpflanzen und Sträucher, die auch jetzt im Herbst noch so dicht belaubt waren, dass keine Blicke hindurchdringen konnten. »Möglich also, dass der Mörder aus dem Umfeld der Toten stammt. Oder zumindest aus dem Viertel. Wir müssen aber auch in Betracht ziehen, dass Frau Schänkenberg zufällig zum Opfer eines Spontantäters wurde. Wäre gut, wenn wir das schnellstens klären könnten. Ein Gerichtsbeschluss zur Durchsuchung ihrer Wohnung ist angefordert … «
   »Liegt vor«, rief jemand von hinten. Staatsanwalt Schneidling war unbemerkt eingetreten und hob grüßend einen Briefumschlag.
   »Also, ihr hört es. Ich werde gleich die Aufgaben im direkten Gespräch verteilen. Vorweg aber noch: Ich möchte die Kollegen Alexander Zielinski und Marianne Stühlmeyer bitten, die Führung der Fallakte zu übernehmen.« Sie suchte die Gesichter der Genannten und nahm deren zustimmende Gesten zur Kenntnis.
   »Sollen wir die niederländischen Kollegen wegen der Schwester um Amtshilfe bitten?«, wollte Fips Czierni wissen.
   »Das übernehme ich selbst«, antwortete die Chefin. »Ich kenne jemanden von der Amsterdamer Polizei persönlich. Von einer Tagung«, fügte sie geistesgegenwärtig hinzu, um Spekulationen und Gerüchten keinen Raum zu bieten. »Ich rufe Hoofdinspecteur Fassaert gleich im Anschluss mal an. Dann geht es vielleicht schneller.«
   »Ehe Sie die Besprechung beenden – ich hätte auch noch eine Sache.« Staatsanwalt Meinhard Schneidling war nach vorn gekommen. »Dieser Fall hat einen heiklen Nebenaspekt.« Schneidling legte großen Nachdruck in seine Worte. »Nicht weit vom Fundort entfernt befindet sich die St. Gertruden Klinik. Dort sind unter anderem psychisch gestörte Gewalttäter untergebracht. Das kann in Verbindung mit dem jetzigen Delikt in der Öffentlichkeit sehr schnell zu fatalen Unterstellungen und Verdächtigungen führen. Wir sollten deshalb ausgesprochen behutsam vorgehen, um keine neuerlichen Ressentiments zu entfachen. Die Kollegin Leschewski von der Pressestelle steht dort drüben. Bitte halten Sie Frau Leschewski und ihre Mitarbeiter auf dem Laufenden und wahren Sie unbedingt äußerste Diskretion, wenn Sie mit Zeugen oder anderen Beteiligten sprechen. Überlassen Sie die Kontakte zur Öffentlichkeit und zu den Medien ausschließlich Frau Leschewski.«
   Annemie Leschewski sprach noch einige Worte zur Erläuterung. »Der Hintergrund ist der, dass es in der Vergangenheit zu ausgesprochen widerwärtigen Äußerungen und regelrechter Stimmungsmache gegen die Klinik gekommen ist. Inzwischen ist das abgeklungen, und es wäre nicht wünschenswert, wenn diese völlig grundlosen Hassattacken wieder aufflammen. Gerade jetzt in der Ära des Internets. Wir können unmöglich jede Twitter- und Facebook-Behauptung korrigieren. So viele sind wir nicht.«
   »Noch ein Grund, den Täter so schnell wie möglich zu fassen«, appellierte Bea Agarius. »Los geht’s.«
   
   
   
   Die Kommissarin spürte eine brennende Welle in ihrem Inneren. Für die Dauer zweier schneller Atemzüge hatte sie das Gefühl, ihr Herz wäre aus dem Takt geraten. Kein Vorbote der Wechseljahre, das hoffte sie jedenfalls, sondern eine körperliche Reaktion auf die enorme Verantwortung, die ihr soeben noch einmal in voller Konsequenz bewusst geworden war. Man konnte nicht ausschließen, dass der Täter weiter morden würde. Zugleich bestand Gefahr, dass es an der Klinik zu Übergriffen kam.
   Die Moko-Chefin verstand es zu verbergen. Aber sie war besorgt.

Ein Charakterbild

Wie in der Besprechung angekündigt, wollte Bea Agarius zunächst das Telefonat mit dem befreundeten niederländischen Kollegen Arie Fassaert erledigen. Der Amsterdamer Hoofdinspecteur war jedoch gerade im Einsatz und nicht zu sprechen. Sie hinterließ die Bitte, dass er sie zurückrufen möge, und vergaß nicht den Hinweis, dass es sich um eine dringende dienstliche Angelegenheit handele.
   Sven Fehrenkämper stand bereits abmarschbereit in der Tür und wedelte auffordernd mit dem Durchsuchungsbeschluss.
   »Bin ja schon da«, sagte Agarius entschuldigend. »Ich wollte erst noch Arie Fassaert erreichen, aber der ist unterwegs. Ach, Amsterdam … Da würd ich gern mal wieder hin …« Sie verdrehte sehnsüchtig die Augen.
   »Wird schon. Vielleicht ergibt sich ja Gelegenheit für eine Dienstfahrt«, tröstete Fehrenkämper.
   »Glaube ich zwar nicht, bei der ganzen Sparwut. Allerdings würde ich dafür sogar freiwillig unbezahlte Überstunden leisten.«
   »Das nenne ich Einsatzfreude. Jetzt lass uns erst mal zur Lindenstraße fahren. Da ist es ja auch ganz schön.«
   Tatsächlich hatte die Osnabrücker Lindenstraße mit dem gleichnamigen Serienschauplatz aus dem Fernsehen wenig gemein. Es handelte sich um eine schmale, nur für Anlieger freigegebene Wohnstraße von vielleicht hundert Metern Länge am Hang des Gertrudenbergs, die rechtwinklig von der Süntelstraße abging und ansteigend auf den Bürgerpark zulief. Von unten gesehen wirkte sie wie eine Sackgasse, da sie vor dichtem Baumbestand endete. Die kleine Baumgruppe gehörte zu einem Privatgrundstück, vor dem man rechts wie links in die versteckt liegende Nebenstraße Am Bürgerpark abbiegen und so auf Umwegen im Bogen zur Süntelstraße zurückgelangen konnte.
   Vom Fahrwerk drangen schlagende Geräusche herauf und das Autoblech schien zu vibrieren, als der Passat über das holprige Kopfsteinpflaster rumpelte. Fehrenkämper reduzierte die Geschwindigkeit. Die meisten Häuser hier waren einst für einfache Werktätige und Handwerker gebaut worden und weniger luxuriös als die Bebauung der nahen Wittkopstraße. Einige hatten die Bombardements des Zweiten Weltkriegs überlebt. Sie stammten erkennbar aus anderen Zeiten. Andere waren modernisiert worden. Wohngebäude machten den Hauptbestand aus. Zwischen ihnen eingestreut befanden sich kleine Handwerksbetriebe, meist im Hinterhof gelegen, und Werkstätten, von denen einige in Wohnraum umgewandelt worden waren.
   Das gesuchte Haus stand ein wenig für sich und besaß nur zwei Stockwerke und eine niedrige Dachetage. Agarius und Fehrenkämper fanden einen Parkplatz fast genau vor der Tür. Fehrenkämper hatte das Schlüsselbund der ermordeten Corinna Schänkenberg von der Kriminaltechnik abgeholt, nachdem es dort auf Spuren untersucht worden war. Nach drei vergeblichen Versuchen hatte er den richtigen Schlüssel gefunden und sperrte auf.
   Sie betraten einen Korridor, der von dem kleinen, mit diagonalen Streben aus Schmiedeeisen vergitterten Fenster neben der Eingangstür nur spärlich mit Tageslicht versorgt wurde. Die Vertäfelung und die hölzerne Treppe, unter der sich ein Wandschrank befand, waren im Lauf vieler Jahre kräftig nachgedunkelt und trugen neben den bleigrauen Steinfliesen dazu bei, dass der Flur in trübem Dämmer lag. Selbst nachdem sie das Licht eingeschaltet hatten, änderte sich der Eindruck nur wenig.
   Der Treppenaufgang war gegenüber dem Eingangsbereich nach hinten versetzt, sodass vor den Stufen rechts noch Platz für ein Gäste-WC blieb. Links lag die Küche, in der dank großzügiger Fenster wesentlich bessere Lichtverhältnisse herrschten.
   »Guck dir das an«, sagte Sven Fehrenkämper. Er deutete auf die Kaffeemaschine.
   Der rote Einschaltknopf leuchtete, die Platte war heiß, der durchgelaufene Sud bis auf einen kleinen schwarzen Rest verdampft. Fehrenkämper schaltete das Gerät aus, zog die Kanne unterm Filter hervor und stellte sie auf der Anrichte auf einem gitterförmigen Silikonuntersetzer ab. »Das hätte böse ausgehen können.«
   »Die Frau wollte nicht lange wegbleiben«, überlegte Bea Agarius und sprach mehr zu sich selbst als zu ihrem Partner.
   Der Tisch war für eine Person gedeckt. Müsli und Joghurt standen bereit, ein kerniges Brot, Margarine, Käse. Die Milchprodukte alle fettarm. Corinna Schänkenberg hatte wohl gleich nach ihrer Rückkehr frühstücken wollen.
   Sie gingen weiter, um sich einen ersten Eindruck der Räumlichkeiten zu verschaffen. Im Arbeitszimmer stand noch immer fiskalische und juristische Literatur in den Regalen, darunter einige von den neuesten Vorschriften bereits überholte Sammelwerke. Eine Hinterlassenschaft des verstorbenen Steuerberaters Konrad Schänkenberg. Eine anstrengende Lektüre. Für die Witwe vielleicht ein wertvolles Andenken.
   Die Korrespondenz in den Ablagen auf dem schweren alten Schreibtisch, auf dem das moderne Telefon und der kleine Computerbildschirm und die ergonomische Tastatur wie Fremdkörper wirkten, war neueren Datums. Bea Agarius blätterte durch aktuelle Rechnungen eines Telefonunternehmens, der Stadtwerke, einer Versicherung, einer Abonnementszeitschrift. In einer Schublade fand sie einen länglichen schmalen Ordner mit Kontoauszügen. Die Abbuchungen betrafen haushaltsübliche Aufwendungen. Normale Beträge, keine ungewöhnlichen Empfänger, keine teuren Käufe oder andere auffällige Ausgaben.
   »Sie hat keine Daueraufträge erteilt, sondern bei jeder Zahlung eine einzelne Überweisung vorgenommen. Immer per Hand, kein Internetbanking«, stellte sie fest und schlussfolgerte: »Sie wollte die Kontrolle behalten.«
   Sven Fehrenkämper fand ihre Vermutung plausibel.
   Vom angrenzenden Wohnzimmer aus führten hohe Glastüren auf eine mit Blumentöpfen geschmückte Terrasse und weiter in den nach englischem Vorbild gestalteten, von Bäumen beschatteten, mit Statuen und steinernen Ruhebänkchen ausgestatteten Garten.
   Sven Fehrenkämper untersuchte das Schloss und die Zargen, öffnete die Tür, schaute auch von draußen, fand aber nicht den geringsten Hinweis, der auf einen Einbruch hingewiesen hätte.
   Wie das Arbeitszimmer, war auch der Salon mit modernen Designklassikern möbliert, die in reizvollem Kontrast standen zur Jahrhundertwende-Architektur des Gebäudes. In beiden Räumen waren die Holzböden abgeschliffen und mit hellbraunem Lack versiegelt worden. So wirkten die Aufenthaltsräume wesentlich freundlicher als der Eingangsbereich und boten einen passenden Rahmen für die Sitzgarnituren und Leuchtkörper im Bauhaus-Stil.
   Auf dem Couchtisch lagen, sorgfältig auf Kante gestapelt, einige Zeitschriften. Ein Kunstmagazin, das örtliche Stadtmagazin, die Programmzeitschrift des Fernsehsenders Arte, ein Fachblatt für Bibliothekare, obenauf die jüngste Ausgabe von »Mare«.
   »Tolle Möbel«, merkte Bea Agarius an.
   »Schon schön«, kommentierte Sven Fehrenkämper einschränkend. »Aber bei so einer Einrichtung musst du penibel Ordnung halten, sonst wirkt sie nicht. Wenn du vor dem Sofa deine Schlappen abstellst und die Strickjacke über die Lehne wirfst, wird’s schon hässlich. Richtig wohnlich ist das nicht. Man kommt sich ein bisschen vor wie im Designmuseum – Vorsicht, bloß nichts anfassen …«
   Sie musste ihm recht geben. »Nach dem, was wir bis jetzt gesehen haben, würde ich sagen, dass Corinna Schänkenberg die entsprechende Einstellung hatte. Ich glaube, sie war sehr organisiert, sehr ordnungsbewusst …« Sie wollte noch etwas anfügen, wurde aber von einem klirrenden Geräusch aus Richtung Haupteingang unterbrochen.
   Und erstarrte mitten in der Bewegung.

Griff zur Waffe

Sven Fehrenkämper legte den Zeigefinger auf die Lippen. Mit der anderen Hand griff er unter seine Jacke und löste den Druckknopf seines Pistolenholsters.
   Agarius nickte und wies mit dem Kopf in Richtung Korridor. Ihre nächsten Bewegungen verliefen wie nach Lehrbuch, präzise wie eine Musterübung an der Polizeiakademie Nienburg.
   Sie zog ihre P2000. Sven hatte seine schon in der Hand, den Zeigefinger neben dem Abzug. Die vorgeschriebene Sicherheitshaltung sollte sich noch als sinnvoll erweisen.
   Lautlos rückten sie vor. Bea Agarius deutete mit dem Daumen auf sich, dann mit dem Zeigefinger Richtung Küche. Fehrenkämper antwortete stumm, indem er Zeigefinger und Daumen zum Okay-Zeichen schloss.
   Sie huschte in den Flur und bezog Stellung hinter dem Durchgang zur Küche. Sie sank auf ihr rechtes Knie, damit Fehrenkämper in Kopfhöhe freies Schussfeld hatte, und stützte sich mit der Schulter am Türrahmen ab.
   Fehrenkämper positionierte sich hinter der Wohnzimmertür. Er bot einem etwaigen Angreifer so wenig Zielfläche wie möglich. Nur sein Kopf und der ausgestreckte Arm mit der Dienstwaffe ragten in den Korridor. All das geschah in Sekundenschnelle.
   Sie hatten gehört, wie der Riegel des Schlosses zurückschnappte. Jemand drückte die schwere Tür langsam auf. Ein gefütterter Winterstiefel mit dicker Sohle schob sich durch den Spalt, dann eine Hand, an der ein praller Einkaufsbeutel hing. Die Schulter voraus, zwängte sich laut schnaufend eine korpulente Frau in die Diele. In der anderen Hand trug sie eine weitere Tasche. Und ließ beide mit einem spitzen Aufschrei fallen, als sie sich umdrehte und in zwei Pistolenmündungen blickte.
   Ein dumpfer Knall verriet, dass ein Glasbehältnis zerborsten war. Äpfel kullerten aus einer der Taschen, Dosen rutschten heraus, ein Beutel Zitronen und die Scherben einer braunen Flasche. Milch und Sahne ergossen sich über den steinernen Boden.
   Die Frau fand ihre Fassung wieder und begann zu schreien. »Hilfe! Überfall! Zu Hilfe! Polizei!«
   Die Kommissarin richtete ihre Waffe rasch nach unten und sicherte sie. Sie konnte nicht anders, sie musste grinsen. Die Situation war zu grotesk. Wie aus einer Slapstick-Komödie.
   Fehrenkämper war einen Moment lang irritiert und warf Agarius einen beunruhigten Blick zu, wandte sich dann aber schnell wieder der Frau zu, die immer noch Hilferufe ausstieß. Er wusste sich nicht anders zu helfen und fuhr sie lautstark an: »Seien Sie ruhig! Still jetzt! Wir sind doch von der Polizei!«
   Er vergewisserte sich, dass Agarius ihre P2000 noch schussbereit hatte. Erst dann versenkte er seine Pistole im Holster, damit er die Hände freibekam, um seine Dienstmarke hervorholen zu können. »Sehen Sie her. Ich bin Hauptkommissar Fehrenkämper. Meine Kollegin ist Hauptkommissarin Agarius. Wir sind von der Polizeiinspektion Osnabrück.«
   Die übergewichtige Frau verschluckte den nächsten Schrei und musste husten. Als sie wieder zu Atem kam, nahm sie argwöhnisch Fehrenkämpers Marke in Augenschein. »Haben Sie auch einen richtigen Dienstausweis? So mit Foto und Stempel?«
   Bea Agarius musste erneut glucksen. Fehrenkämper verdrehte die Augen, zückte seinen grünen Lichtbildausweis und klappte ihn auf. »Haben wir auch, ja. Hier, bitte schön.«
   »Und die junge Frau da? Hat die auch einen?«
   »Ja, sie hat.« Bea Agarius hielt ihren Dienstausweis ausgestreckt vor sich hin, sodass die Frau ihn lesen konnte. Ihre Waffe hatte sie weggesteckt. »Und jetzt sagen Sie doch mal, wer Sie eigentlich sind und was Sie hier machen.«
   In beleidigtem Tonfall antwortete die Frau: »Ich bin Hella Schnieder und arbeite hier als Haushälterin. Wenn jemand erklären muss, was er hier macht, dann sind das doch wohl Sie. Warum sind Sie hier?« Ihr kam ein Gedanke. »Mein Gott, ist hier etwa eingebrochen worden?« Sie tat ein paar Schritte nach vorn und sah ängstlich ins Wohnzimmer.
   Die Kommissarin hob beschwichtigend die Arme. »Nein, deshalb sind wir nicht hier …«
   Hella Schnieders Gedanken wanderten von Hü nach Hott und wieder zurück. Erst jetzt kam ihr so richtig zu Bewusstsein, was geschehen war. »Jetzt gucken Sie sich diese Schweinerei an«, schimpfte sie und deutete auf die umgefallenen Einkaufstaschen. »Nur wegen Ihnen. Weil Sie die Leute so erschrecken müssen. Und weil die Frau Schänkenberg immer auf Pfandflaschen besteht. Das hat man nun davon. Mit einem Tetra Pak wäre das nicht passiert. Außerdem müsste ich nicht immer so schwer tragen … Jetzt darf ich die Sauerei wegmachen …« Empört rang sie nach Luft und machte Anstalten, umgehend mit den Aufräumarbeiten zu beginnen.
   »Lassen Sie mal«, sagte Bea Agarius und machte eine auffordernde Kopfbewegung in Fehrenkämpers Richtung. »Mein Kollege kümmert sich schon darum.«
   Sven Fehrenkämper schwankte zwischen Verwunderung und Ärger, hielt aber seine Worte zurück. Er bemerkte ihre verstohlene Geste. Sie wollte ihm etwas mitteilen. Fehrenkämper sah sie fragend an. Dann begriff er. »Wo finde ich denn Eimer und Scheuerlappen?«, erkundigte er sich in versöhnlichem Tonfall.
   »In dem Kabäusken unter der Treppe«, sagte die Haushälterin und zeigte in die entsprechende Richtung.
   »Der Herr Fehrenkämper ist Hausmann. Der kriegt das schon hin.« Sie sagte nicht die Wahrheit. Ein Hausmann war Sven Fehrenkämper sicher nicht. Aber sie hatte vollstes Vertrauen, dass es ihm gelingen würde, die Scherben zusammenzukehren und die ausgelaufenen Flüssigkeiten aufzuwischen. »Kommen Sie, lassen Sie uns in die Küche gehen. Setzen wir uns doch erst mal für einen Moment.«
   Mit einem missbilligenden Blick auf das Durcheinander am Boden legte Hella Schnieder ihren Mantel ab, hängte ihn sorgfältig an der Garderobe auf und folgte der Kommissarin in die Küche. Ihre Handtasche behielt sie bei sich. Auf den Anblick des unbenutzten Frühstücksgeschirrs reagierte sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Sie wurde bleich.
   »Möchten Sie ein Glas Wasser?«
   »Nein, danke«, antwortete die Haushälterin. Sie setzte sich gegenüber dem gedeckten Bereich an den Küchentisch, wuchtete sich aber im nächsten Moment schon wieder hoch und trat ans Ende der Arbeitsplatte. Dort stand unter den Hängeschränken ein Tablett mit mehreren Flaschen. Hella Schnieder holte ein Trinkglas aus dem Schrank und füllte es zu gut einem Drittel mit Sherry. Zwei Schlucke, und das Glas war leer. Sie atmete durch und nahm ihren Sitzplatz wieder ein.
   Das Getränk schien ihr gutgetan zu haben. Das nervöse Augenflattern hörte auf, ihre Bewegungen waren weniger fahrig. Ihre Wangen nahmen wieder Farbe an, und ihre Worte wirkten klarer.
   »Ich muss Frau Schänkenberg anrufen«, sagte sie und suchte in ihrer Handtasche nach ihrem Telefon. Ihr Ton wurde wieder kritisch. »Warum sind Sie jetzt noch mal genau hier? Und wer hat Sie überhaupt hereingelassen?«
   Bea Agarius ging zum Tablett mit den Flaschen, goss einen Sherry ein und reichte ihn der Haushälterin. »Ich fürchte, Sie können gleich noch einen davon gebrauchen.«
   Dieses Mal nippte Hella Schnieder nur. Sie sah die Kommissarin aus ängstlichen Augen an.
   »Frau Schnieder, ich muss Ihnen leider eine sehr traurige Mitteilung machen. Ihre Arbeitgeberin, Frau Schänkenberg – sie lebt nicht mehr. Sie wurde heute Morgen im Bürgerpark tot aufgefunden.«
   Hella Schnieder hob die Arme und versenkte ihr Gesicht in ihren Handflächen. So blieb sie eine ganze Weile sitzen und sagte kein Wort. Dann nahm sie das Glas und leerte es in einem Zug.
   Aus dem Flur hörten sie das dumpfe Geräusch eines metallenen Henkels, der gegen einen Plastikeimer prallte, dann das blecherne Schaben eines Kehrblechs auf steinernem Untergrund.
   »Vorsicht mit dem Kehrblech! Machen Sie ja keine Kratzer in die Fliesen!«
   »Keine Sorge, ich passe auf«, rief Sven Fehrenkämper durch die Tür. Er kam herein, füllte einen Plastikeimer in der Spüle zur Hälfte mit Wasser und verschwand wieder.
   »Es tut mir sehr leid. Ich müsste Ihnen ein paar Fragen stellen. Meinen Sie, es geht?«, nahm Bea Agarius das Gespräch wieder auf.
   »Was ist Frau Schänkenberg denn zugestoßen?«
   »Wir wissen es noch nicht genau. Das wird gerade untersucht. Wann haben Sie Frau Schänkenberg zuletzt gesehen?«
   »Letzten Freitag. Freitags bringe ich die Einkäufe fürs Wochenende und mache noch mal sauber.«
   »Was hatten Sie für einen Eindruck von ihr? Verhielt sie sich ungewöhnlich?«
   »Nein … Nicht, dass ich wüsste. Wir haben uns nur kurz gesprochen. Sie ist gleich wieder los. Sie wollte um fünf zu einer Veranstaltung in der Altstadt. In der Bücherstube. Da wurden Gedichte vorgetragen oder so was. Sie war mit einer Kollegin verabredet.«
   »Wissen Sie den Namen der Kollegin?«
   Hella Schnieder zuckte mit den Schultern. »Nein. Ich arbeite ja nur hier. Nur tagsüber. Wir waren nicht befreundet oder so. Also ihren Bekanntenkreis kenne ich kaum.«
   »Aber wenn Sie regelmäßig die Einkäufe erledigt haben, wissen Sie doch sicher, wenn Frau Schänkenberg mal Besuch bekam. Kam das vor?«
   »Manchmal kamen Kolleginnen zum Kaffee. Oder mal abends zu einem Essen im kleinen Kreis. Sie hat dann selbst gekocht. Das konnte sie gut. Auch ausländische Sachen. Das war manchmal ganz schön schwierig, die Zutaten zu bekommen, die sie mir auf den Einkaufszettel geschrieben hatte. Wo soll man denn in Osnabrück um Himmels willen – wie heißt das noch? – Pakchoi oder Zitronengras herbekommen? Unser Supermarkt hat das nicht. So was brauchte sie hin und wieder für ihre Rezepte. Dafür musste ich dann extra in die Stadt. Aber große Partys oder so hat sie nicht gefeiert.«
   »Wie sieht es mit Männerbesuchen aus?«
   Hella Schnieder sah verlegen aus dem Fenster. »Darüber möchte ich eigentlich nicht sprechen.«
   »Es könnte für uns aber wichtig sein, um zu verstehen, was Frau Schänkenberg zugestoßen ist.«
   »Ich glaube, manchmal hat ein Mann hier übernachtet. Nicht oft. Alle paar Monate mal. Oder noch seltener.«
   »Meinen Sie, es war immer derselbe Mann?«
   »Nein, eben nicht. Immer ein anderer. Aber wie gesagt, ganz, ganz selten.« Hella Schnieder war offensichtlich sehr darum bemüht, ihre Arbeitgeberin nicht in ein aus ihrer Warte unmoralisches Licht geraten zu lassen.
   »Könnte es auch eine Frau gewesen sein?«
   Hella Schnieder sah die Kommissarin erstaunt an. »Eine Frau? Im selben Bett?« Die robuste Haushälterin konnte sich offenbar nur die Paarung von Mann und Frau vorstellen.
   In die Stille drang ein leises Plätschern, als Sven Fehrenkämper im Flur den Aufnehmer auswrang.
   Die Kommissarin ließ es dabei bewenden. Sie nahm die Personalien auf, dann geleitete sie die Haushälterin zur Tür und instruierte sie eingehend, die Wohnung vorerst nicht mehr zu betreten.
   Danach half sie Fehrenkämper, der die Scherben sorgfältig aufgesammelt und auf das Kehrblech gehäuft hatte. Den Inhalt der Einkaufstaschen hatte er sortiert. Einiges war unbeschädigt geblieben, anderes musste nur gesäubert werden.
   »Was machen wir jetzt damit?«, fragte er und deutete auf das frische Obst und Gemüse.
   »Verflixt, ja. Wir hätten das Zeug der Haushälterin mitgeben sollen.« Sie ärgerte sich, dass sie nicht daran gedacht hatte.
   »Wenn wir es hierlassen, wird es vergammeln«, warnte Fehrenkämper.
   »In Ordnung«, bestimmte Agarius. »Was haltbar ist, kommt in den Kühlschrank. Das andere nehmen wir mit und verteilen es unter den Kollegen. Ich glaube, unter den gegebenen Umständen kann man das verantworten.«
   »Sehe ich auch so. Muss ja keiner erfahren.« Fehrenkämper zwinkerte schlitzohrig. »Notfalls sagen wir, es wäre beim Runterfallen komplett zermatscht und wir hätten es in den Müll geworfen.«
   Nachdem alles weggeräumt und der Flur gewischt war, schaute sich Fehrenkämper im oberen Stockwerk um. Die meisten Räume dort, Gästezimmer und Abstellkammern, waren sauber, aber mit Ausnahme des großen Badezimmers und eines Schlafzimmers offensichtlich lange nicht benutzt worden. Es gab ein paar persönliche Dinge, darunter nichts, was irgendwie Aufschluss über die dringendsten ermittlungsrelevanten Fragen gegeben hätte. Keine Hinweise auf weitere Personen.
   Inzwischen versuchte Agarius nochmals, den niederländischen Kollegen Arie Fassaert zu erreichen. Dieses Mal hatte sie Glück, allerdings war er immer noch unterwegs und mit einer Observation beschäftigt. Sie erläuterte ihm schnell den Ermittlungsanlass und bat um seine Unterstützung, die er ohne zu zögern zusagte. Alles Weitere vertagten sie auf ein späteres Telefonat.
   »Ich sitze gerade im Auto. Wir warten hier auf einen Verdächtigen«, erklärte Fassaert. Er musste laut sprechen, um den Verkehrslärm der nahen Amsterdamer Stadtautobahn zu übertönen. »Schick mir die Personendaten am besten auf mein Mobiltje.«
   Sie erledigte das sofort und wechselte dazu in die Küche. Im Sitzen ließ es sich besser tippen. Anschließend tütete sie das Glas ein, das die Haushälterin benutzt hatte. Hella Schnieders Fingerabdrücke und DNA waren damit schon mal gesichert. Sei es auch nur, damit die Kriminaltechniker sie später von anderen Spuren unterscheiden konnten.
   »Und jetzt?«, fragte Sven Fehrenkämper.
   »Zum Westerberg. Zu ihrem Arbeitsplatz.«
   Während Agarius die Eingangstür mit einem Dienstsiegel versah, das Unbefugten den Zutritt untersagte, telefonierte Fehrenkämper mit Marianne Stühlmeyer, berichtete kurz, gab die Personalien der Haushälterin Hella Schnieder durch und bat um einen Hintergrundcheck. »Außerdem soll sich die Kriminaltechnik einmal die Wohnung der Verstorbenen ansehen. Würdest du das bitte veranlassen?«
   Die Oberkommissarin versprach, sich gleich darum zu kümmern.
   Fehrenkämper ließ das Telefon in die Tasche gleiten. »Alles klar«, meldete er.
   Bea Agarius verstaute das beschlagnahmte Glas bruchsicher in ihrem Ausrüstungskoffer.
   Dann machten sie sich auf den Weg zur anderen Seite der Stadt.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.