Die Bauunternehmerin Karin Neudorf ist verzweifelt. Nach einer Affäre wurde sie von ihrem Liebhaber erpresst. Nun fürchtet sie, dass der Mann zurückgekehrt ist, um weitere Zahlungen zu verlangen. Ihre Ehe und der Ruf ihrer Firma stehen auf dem Spiel. In ihrer Not wendet sie sich an die Detektei Kleemeyer. Christopher Diecks beginnt zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen ihn zu Gerrit Rust, einem jungen Mann, der seine verschwundene Cousine sucht. Sie wurde zuletzt auf einer Baustelle der Neudorf-Hochtiefbau gesehen. Christopher vermutet eine Verbindung zwischen den Ereignissen. Die Suche nach Beweisen bringt ihn schon bald in große Gefahr.

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ISBN: 978-9925-33-154-3

Seiten: 328

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Lara Möller

Lara Möller
Lara Möller wurde 1978 in Hamburg geboren und ist gelernte Schifffahrtskauffrau. Ihre Faszination für das Rollenspiel ShadowRun und die begleitenden Romane führte schließlich zu ihrem Entschluss, selbst ernsthaft mit dem Schreiben zu beginnen. Während ihrer Ausbildung und in den folgenden Jahren veröffentlichte sie drei ShadowRun-Romane und zwei Kurzgeschichten. Mittlerweile konzentriert sie sich auf Krimis und Thriller und unternimmt gelegentliche Ausflüge in die SF. Wenn die Autorin in ihrer Freizeit nicht gerade an einer neuen Geschichte arbeitet, plant sie den nächsten Wanderurlaub und hält sich mit Fahrradfahren, Fitnesstraining und Heavy-Metal-Konzerten in Form.

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Leseprobe

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Prolog
November 2014

Ich hasse diese Stadt!
   Missmutig klappte Simon den Kragen seiner Winterjacke hoch. Tiefe Pfützen bedeckten den unebenen Boden. Schlamm spritzte auf seine hellen Turnschuhe. Feuchtigkeit drang an den Nähten ins Innere, durchnässte die Socken und verwandelte seine Füße in Eisklötze. Der Wind trug Nieselregen und den Geruch von feuchtem Beton heran. Schon an den ersten Tagen zeigte sich der November von der schlechtesten Seite. Trüb, regnerisch, kalt.
   Hamburg, meine Perle …
   Für andere vielleicht. Ihn hielt nichts hier. Sobald er das nötige Geld aufgetrieben hatte, würde er abhauen. Nach Mallorca oder auf die Kanaren. Von vorn anfangen. Alles anders machen. Alles besser machen.
   »Komm schon, drinnen ist es trocken.« Nina war vorausgelaufen und wartete ungeduldig vor einem hohen Metallzaun. Dahinter lagen Stapel von Holzbrettern, verrostete Metallstangen und Reihen ehemals weißer Steine, die durch den stetigen Regen grau verfärbt waren. Eine Schautafel zeigte das computersimulierte Bild eines Hotels, dessen gläserne Fassade im Sonnenschein glitzerte.
   Skeptisch betrachtete er die anderthalb Stockwerke, die aus der riesigen Baugrube ragten. Blanker Beton hinter Baugerüsten, Pfeiler, Fensteröffnungen, ein Labyrinth aus tragenden Mauern, Treppen, die ins Nichts führten.
   Mitten in der Baustelle stand ein gelber Kran, dessen Ausleger hoch über allem schwebte. Die tief hängenden Wolken schienen ihn verschlingen zu wollen.
   Eine scharfe Windböe fuhr in seine Kleider und zerzauste ihm das Haar. Das durchdringende Tuten eines Schiffshorns ertönte. Er wandte sich um. Jenseits des weitläufigen Brachlandes lag die Elbe. Nina liebte den Hafen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Rieke hatten sie an den Landungsbrücken Bier getrunken und dabei die Fähren und Barkassen beim An- und Ablegen beobachtet. Danach waren sie zum Gelände des Fischmarkts gegangen, vorbei am Trockendock von Blohm & Voss, das auf der anderen Seite des Flusses lag, und weiter die Große Elbstraße entlang. Bald würde es dunkel werden.
   »Lass uns zum Hauptbahnhof fahren«, schlug Simon vor. »Da ist es wärmer.«
   Rieke hatte schon vor einer Weile die Lust an diesem Ausflug verloren und sich auf den Weg zur nächsten S-Bahn-Station gemacht. Sie stand bestimmt mit einem heißen Kaffee in der Wandelhalle und schnorrte Zigaretten oder Kleingeld von den Passanten. Simon stand der Sinn nach härteren Getränken als Kaffee. In seiner Jackentasche klirrten bei jedem Schritt leise leere Kornfläschchen.
   »Nee, da hängt Paul rum.« Ninas Kopf verschwand fast unter der Kapuze ihrer Winterjacke, sodass er ihren abweisenden Gesichtsausdruck nur erahnen konnte. »Den Blödmann will ich nicht sehen.« Sie streckte ihm eine behandschuhte Hand entgegen. »Komm, das wird lustig!«
   Simon seufzte. Auf einer verlassenen Baustelle herumzuschleichen, entsprach nicht seiner Vorstellung von lustig. Allerdings zog er es einer Begegnung mit Paul definitiv vor.
   Nina hob einen Teil des mobilen Zauns aus seiner Verankerung. Er blickte sich besorgt um.
   »Was ist mit den Kameras?« Überall hingen Warnhinweise, dass die Baustelle per Video überwacht wurde.
   »Hab noch nie eine gesehen. Sei kein Feigling!«
   Bevor er protestieren konnte, streifte Nina ihren Rucksack ab und schlüpfte durch die Lücke. Sie huschte in den Schutz der Mauern und winkte ihn grinsend heran, euphorisiert vom Kitzel des Verbotenen. Simon ergab sich in sein Schicksal. Rasch folgte er Nina. Sie belohnte ihn mit einem wunderschönen Lächeln. Ihre blauen Augen strahlten und ihre Wangen waren gerötet von der Kälte. Er versuchte, sie zu küssen. Sie schob ihn kichernd zurück und verschwand in dem steinernen Labyrinth. Er lief ihr nach, verlor sie aus den Augen und versuchte, dem Echo ihrer Schritte zu folgen. Schließlich fand er sie in einer windgeschützten Ecke. Vor ihr erstreckte sich eine unbebaute Fläche, die einmal ein Innenhof oder Parkplatz sein würde. In der Mitte der Fläche stand der massive Fuß des Krans. Es war ein beeindruckender Anblick. Simon trat ins Freie und legte den Kopf in den Nacken. Sah hoch, an dem gelb angestrichenen Stahl entlang, bis in den bleigrauen Himmel. Die Perspektive machte ihn schwindelig. Der Kran schien sich zu neigen, als würde er gleich auf ihn niederstürzen.
   Nina zog ihn in den Schutz der Mauern. Sie zündete sich eine Zigarette an und schob die Kapuze zurück. Rabenschwarzes, von hellblauen Strähnen durchzogenes Haar fiel ihr bis über die Schultern. In diesem Moment sah sie sehr jung aus. Er fragte sich, ob sie wirklich Neunzehn war. Paul wäre nie mit einer Minderjährigen ins Bett gegangen, dafür war der viel zu vorsichtig. Simon wurde bald fünfundzwanzig. Den Altersunterschied fand er in Ordnung. Er nahm die Zigarette von Nina entgegen, inhalierte den Rauch und blies ihn durch die Nase aus. Danach versuchte er wieder, Nina zu küssen. Diesmal ließ sie ihn gewähren. Ihre Lippen waren warm und weich. Das Piercing in ihrer Zunge klickte gegen seine Zähne. Als er den Reißverschluss ihrer Jacke öffnen wollte, schob sie seine Hand entschieden weg.
   Er unterdrückte einen frustrierten Laut. Wozu brachte sie ihn sonst hierher?
   Nina holte eine Wolldecke aus dem Rucksack und legte sie zusammengefaltet auf den blanken Betonboden. Die Decke bot genug Platz, um eng nebeneinanderzusitzen. Simon spürte den harten Untergrund durch das raue Material und dachte an Sonne, Strand und kristallklares Wasser.
   Nina reichte ihm eine Dose Bier und öffnete danach eine zweite. Sie tranken schweigend. Teilten sich die nächste Zigarette. Der Wind pfiff durch die Baustelle, doch in ihrer Ecke waren sie vor ihm geschützt.
   »Sobald das Hotel fertig ist«, verkündete Nina unvermittelt, »miete ich mir ein Zimmer im obersten Stockwerk. Die schönste Suite, die sie haben. Ich werde mich vom Zimmerservice verwöhnen lassen, eine Massage im Spa buchen und im Restaurant das teuerste Gericht bestellen.«
   »Woher kriegst du die Kohle?«
   »Ich überfalle eine Bank«, erwiderte sie mit kindlicher Entschlossenheit.
   »Ganz allein?«
   »Du kannst mir gern helfen.«
   Simon nahm den letzten Zug von der Zigarette. »Mach ich.«
   Er schnippte den Stummel achtlos weg und holte sein Smartphone aus der Hosentasche. Die Kamera war schnell eingeschaltet. Nina kuschelte sich an ihn. Er legte den Arm um sie, spürte ihren warmen Atem auf der Wange und versuchte vergeblich, das Smartphone ruhig zu halten. Schließlich drückte er den Auslöser. Das Ergebnis war ein reichlich verwackeltes Selfie. Nina nahm ihm das Smartphone aus der Hand. Ihr Foto sah wesentlich besser aus. Während sie es zufrieden betrachtete, fragte sich Simon, ob es eine gute Idee war, etwas mit der Ex-Freundin des Typen anzufangen, dem er eine Menge Kohle schuldete. Wahrscheinlich wäre es ratsam, sie loszuwerden und abzuhauen. Bevor Paul ihm seine Schläger auf den Hals hetzte.
   »In drei Wochen wird sich alles ändern.«
   Er runzelte die Stirn. »Was passiert in drei Wochen?«
   Nina schien ihn nicht gehört zu haben. Ihre Stimme nahm einen verträumten Klang an. »Ich melde mich in der Abendschule an und hole meinen Realschulabschluss nach. Danach mache ich eine Ausbildung zur Fotografin. In ein paar Jahren reise ich um die Welt und verkaufe meine Bilder an bekannte Magazine. Ich werde nicht als Kassiererin im Supermarkt enden!«
   Er kannte dieses Gerede. Viele seiner Kumpels laberten ähnliches Zeug, meistens, wenn sie high oder besoffen waren. Ehrgeizige Zukunftspläne, aus denen nie etwas wurde.
   »Was passiert in drei Wochen? Hast du …?«
   Abrupt richtete sich Nina auf. Sie legte ihm die Hand auf den Mund. Horchte angestrengt. Er horchte ebenfalls. Schritte hallten im Labyrinth der Baustelle wider.
   Der Sicherheitsdienst? Die Polizei? Er konnte sich keine weitere Strafanzeige leisten! Nina hob den Zeigefinger an die Lippen und blickte vorsichtig um die Mauerecke.

Kapitel 1
Dezember 2014

»Ich werde verfolgt.«
   Karin Neudorf hielt ihre elegante Handtasche fest umklammert. Zahlreiche Ringe zierten ihre schlanken Finger. Ihre Perlenkette passte perfekt zu den Ohrringen. Wie die Handtasche perfekt zu ihrem dunkelblauen Kostüm passte.
   »Ich weiß, es klingt albern. Vielleicht bilde ich es mir auch bloß ein, aber … Sie hielt inne. Ein unsicheres Lächeln huschte über ihre dunkelroten Lippen.
   »Das klingt ganz bestimmt nicht albern.« Christopher öffnete eine Flasche Mineralwasser. Er drehte die Gläser um, die in der Mitte des Tisches auf einem Tablett standen, und schenkte ihnen ein. Er war nervös. Martin Kleemeyer, sein Chef und Inhaber der Detektei Kleemeyer, führte in diesen Minuten eine Observierung durch. Andi, der dritte Mann im Bunde, lag mit Fieber im Bett. Deshalb blieb es an diesem frühen Dezemberabend ihm vorbehalten, eine mögliche neue Klientin zu befragen. Das erste Kundengespräch, das er allein führte. Er befeuchtete seine Kehle mit einem Schluck Wasser. Nahm Block und Kugelschreiber zur Hand und lächelte sein Gegenüber aufmunternd an.
   »Warum beginnen Sie nicht von vorn?«
   Karin Neudorf legte die Handtasche beiseite. Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, in der es silbrig glänzte. Er schätzte sie auf Anfang oder Mitte fünfzig.
   »Vor einer Woche ist mir ein Mann aufgefallen, der den Eingang unserer Firma beobachtet hat. Mein Büro befindet sich im Erdgeschoss, mit freiem Blick auf die andere Straßenseite. Trotz der Kälte stand der Mann bestimmt eine Stunde in einem der Hauseingänge. Nach einem Telefonat mit seinem Handy ist er schließlich verschwunden. Am folgenden Tag wartete er vor einem Café, in dem ich gelegentlich meine Mittagspause verbringen. Und vorgestern …« Sie stockte. »Vorgestern habe ich ihn in der Nähe unseres Hauses gesehen. Wir wohnen weit von der Firma entfernt, das kann kein Zufall sein! Außerdem ist mir ein Wagen aufgefallen, von dem ich glaube, dass er mir folgt.«
   »Farbe?«
   »Dunkelgrün.«
   »Marke oder Kennzeichen?«
   »Der Fahrer hat Abstand gehalten. Vielleicht bilde ich mir alles ein«, wiederholte sie zweifelnd.
   Christopher machte sich Notizen. »Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass es derselbe Mann ist?«
   »Seine Kleidung. Er trug jedes Mal eine dunkelgraue Jacke und dunkle Jeans. Sein Gesicht war unter einer Schirmmütze und der Kapuze seiner Jacke verborgen. Ich glaube, er ist jung. Um die dreißig.«
   »Wie kommen Sie darauf?«
   Sie zögerte. »Die Art, wie er sich bewegt?«
   Eine sonderbare Antwort.
   »Was machen Sie beruflich?«
   Karin Neudorf hatte den Termin telefonisch mit Martin vereinbart, ihm jedoch keine Details zu ihrer Person mitteilen wollen. Sie hatte sogar einen falschen Nachnamen angegeben und ihren echten erst vorhin preisgegeben.
   »Ich bin seit zehn Jahren Geschäftsführerin der Neudorf-Hochtiefbau. Nach dem Tod meines Vaters habe ich die Firma übernommen. Richard, mein Mann, kümmert sich um das Tagesgeschäft und Banktermine. Ich führe die Vorgespräche und Vertragsverhandlungen mit den Großkunden und bin für die PR und alle personellen Belange zuständig.«
   »Das klingt nach viel Arbeit.«
   »Die Auftragslage ist sehr gut. Wir wachsen stetig und haben mittlerweile Geschäftsbereiche an neun deutschen und zwei europäischen Standorten eröffnet. Im kommenden Jahr wird Neudorf-Hochtiefbau an zahlreichen Großbauprojekten beteiligt sein.«
   »Europaweit?«
   »Weltweit.«
   Christopher hob die Augenbrauen. »Beeindruckend.«
   »Danke.«
   »Also ist Vermögen im Spiel.«
   Ein strenger Zug erschien um Karin Neudorfs Mundwinkel.
   »Wir haben uns unseren Lebensstil hart erarbeitet.«
   »Zweifellos. Ich nehme an, Ihr Mann hat nach der Heirat Ihren Namen angenommen?«
   »Wir haben das gemeinsam entschieden. Der Name Neudorf besitzt seit über sechzig Jahren einen hervorragenden Ruf in der Branche. Ein Re-Branding stand nie zur Debatte.«
   Christopher nahm einen Schluck Wasser und überlegte, welche Fragen er als Nächstes stellen sollte. Für diesen Fall gab es keine Checkliste, auf die er zurückgreifen konnte. Was ihm half, war seine Vorliebe für Krimis. Es gab viele Bücher und Filme, in denen Polizisten gegen Erpresser ermittelten.
   »Gibt es einen Grund, warum Sie jemand verfolgen sollte?« Die Frage war gut. Ihm fielen weitere ein.
   »Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass es um Sie persönlich geht? Der Beobachter könnte ebenso an Ihrem Mann interessiert sein. Was veranlasst Sie dazu, statt der Polizei einen Privatdetektiv einzuschalten?« Er hielt inne. Die arme Frau sollte eine Gelegenheit bekommen, zu antworten.
   Karin Neudorf blickte auf ihre manikürten Fingernägel.
   Sie wirkte … schuldbewusst.
   Ihm dämmerte plötzlich, in welche Richtung sich dieses Gespräch entwickeln würde.
   Die Art, auf die er sich bewegt …
   »Ich habe einen Fehler gemacht.« Kühle Sachlichkeit lag in Karin Neudorfs Stimme. Sie sah ihn an und dieselbe kühle Sachlichkeit fand sich in ihrem Blick wieder. »Ich bin häufig auf Geschäftsreise. Richard arbeitet zwölf bis vierzehn Stunden am Tag. Manchmal sehen wir uns wochenlang kaum. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, wie sich das auf unser Privatleben auswirkt. Vor einem halben Jahr hatte ich eine Affäre mit einem jungen Mann. Seine Aufmerksamkeit schmeichelte mir. Als er mich um Geld bat, habe ich mich von ihm getrennt. Daraufhin hat er mich erpresst. Mit Fotos, die er heimlich von mir aufgenommen hat. Ekelhafte, respektlose Bilder. Ich habe ihn bezahlt und er ist verschwunden.«
   »Vermuten Sie, er möchte sein Konto wieder aufstocken?«
   »Ich würde es ihm zutrauen.«
   »Wie heißt er?«
   »Sven Mayer.«
   Christopher notierte den Namen und versah ihn mit einem Fragezeichen. Ob der echt war?
   »Kennen Sie seine Adresse?«
   »Nein. Wir haben uns in Hotels getroffen.«
   Der Klassiker.
   Er überflog seine Notizen. Das Verhalten des angeblichen Verfolgers erschien ihm merkwürdig. Handelte es sich tatsächlich um den ehemaligen Liebhaber und Erpresser, konnte er Karin Neudorf leicht kontaktieren und eine weitere Bezahlung verlangen. Warum Zeit damit verschwenden, sie zu beobachten?
   Vielleicht war das die Taktik. Eine Entdeckung bewusst herausfordern und Karin Neudorf auf diese Weise Angst machen. Ihren Widerstand brechen.
   Seine nächste Frage war sehr persönlich, verletzend sogar, aber leider unvermeidbar. »Gibt es mehr als einen möglichen Kandidaten für eine Erpressung?«
   Empörung blitzte in Karin Neudorfs Augen auf. »Nein! Wie können Sie …!« Sie zügelte sich, gewann ihre Haltung zurück. »Es war die erste und einzige Affäre meines Lebens. Eine schreckliche Dummheit, die ich mir niemals verzeihen werde!«
   »Haben Sie Kinder?«
   »Was hat das mit meinem Anliegen zu tun?«
   »Vermutlich nichts. Ich möchte mir lediglich ein Bild von Ihrer familiären Situation machen.«
   »Wir haben einen Sohn, Wilhelm.«
   Christopher stockte kurz beim Schreiben. Wilhelm. Der arme Kerl.
   »Wie alt ist er?«
   »Fünfunddreißig.«
   »Arbeitet Wilhelm für Ihre Firma?«
   »Nein. Er arbeitet als Grafikdesigner in Berlin. Er geht seinen eigenen Weg.«
   Im letzten Satz klang ein Echo verletzter Gefühle und tiefer Enttäuschung wider. Der Stammhalter, der sich weigerte, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Ohne ihn zu kennen, verspürte Christopher eine gewisse Sympathie für den Mann.
   »Möglicherweise werden Sie aus einem anderen Grund beobachtet. Manchmal wenden sich Gläubiger an die Eltern, wenn Kinder ihre Schulden nicht begleichen können.«
   »Mein Sohn ist kein Spieler und er nimmt keine Drogen! Er verschwendet seine Zeit auch nicht in zwielichtigen Etablissements, falls Sie darauf hinauswollen.«
   Wie Karin Neudorf dies aus der Ferne beurteilen wollte, war ihm schleierhaft. Er setzte ein doppeltes Fragezeichen hinter den Namen des Sohns.
   »Ahnt Ihr Ehemann vielleicht etwas von der Affäre? Könnte es sein, dass er Sie von einem Privatdetektiv beschatten lässt? Um herauszufinden, ob Sie ihn betrügen?«
   Karin Neudorf dachte darüber nach. Sie schüttelte den Kopf. »Ich war sehr diskret.«
   »Sind Sie sicher?«
   »Ja.« Ihre Gesichtszüge wurden weicher. Tränen glänzten in ihren Augen. »Ich liebe Richard über alles. Bitte helfen Sie mir, diese Sache aufzuklären, bevor er davon erfährt. Es würde ihn zerstören!«
   Christopher zog den Karton mit Kosmetiktüchern heran.
   Der stand, wie Mineralwasser und Gläser, bei jedem Kundengespräch auf dem Tisch.
   Karin Neudorf nahm eines der Tücher heraus und betupfte ihre Augenwinkel. Der Gefühlsausbruch war ihr sichtlich unangenehm.
   Er spendete keine tröstenden Worte. Ihre Verzweiflung änderte nichts an der Tatsache, dass sie selbst für diese Situation verantwortlich war.
   »Wie lautet die Adresse Ihrer Firma?«
   Sie holte eine Visitenkarte aus ihrem Portemonnaie. Mit dem Kugelschreiber notierte sie etwas auf der Rückseite.
   »Das ist unsere Privatanschrift.«
   Er las die Karte. Das Büro der Neudorf-Hochtiefbau befand sich in der Hafen-City. Die andere Adresse in Blankenese.
   »Ich muss den Fall mit meinem Chef besprechen. Vorher kann ich leider keine Zusage machen.«
   Martin besaß die nötige Erfahrung, um abzuwägen, ob sie ohne Andi einen weiteren Fall stemmen konnten.
   »Ich verstehe.« Der Unterton in Karin Neudorfs Stimme ließ erkennen, dass sie nicht daran gewöhnt war, vertröstet zu werden.
   »Gibt es eine Telefonnummer, unter der wir Sie diskret erreichen können?«
   Sie gab ihm eine Handynummer, die er ebenfalls auf der Visitenkarte notierte.
   »Hat Herr Kleemeyer Ihnen unsere Konditionen genannt? Stundentarife, Wochenendzuschlag, Abrechnung der Spesen?«
   Gewöhnlich erledigte Martin das am Anfang, um Klienten ein klares Bild über die anfallenden Kosten zu geben.
   Karin Neudorf nickte.
   »Eine abschließende Frage: Wie sind Sie auf die Detektei Kleemeyer gekommen?«
   »Über ein Bewertungsportal im Internet. Ihre Firma hat sehr gute Referenzen. Und Ihr Büro befindet sich außerhalb meines üblichen Wirkungskreises.«
   Das glaubte er gern. St. Georg lag nicht nur geografisch weit von Blankenese entfernt.
   »Wir melden uns morgen bei Ihnen. Sollte Sie der Erpresser in der Zwischenzeit kontaktieren, empfehle ich Ihnen dringend, zur Polizei zu gehen.«
   »Nein. Je mehr Menschen davon erfahren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Medien informiert. Ich muss an den Ruf der Firma denken!«
   »Der Erpresser kann die Medien selbst informieren. Gleichgültig, wie viel Geld Sie ihm zahlen. Sind diese Leute einmal auf den Geschmack gekommen, bluten sie ihre Opfer gewöhnlich bis auf den letzten Cent aus. Möglicherweise sucht sich der Erpresser auch die nächste Frau, weil er bei Ihnen mit seiner Masche durchgekommen ist. Möchten Sie dafür verantwortlich sein?«
   Karin Neudorf erhob sich mit verkniffener Miene. »Ich habe bereits ein hinreichend schlechtes Gewissen, Herr Diecks. Sie brauchen es nicht noch schlimmer zu machen.«
   Er stand ebenfalls auf. »Es geht nicht darum, Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, ich …«
   Sie funkelte ihn an. »Denken Sie, es fällt mir leicht, hierherzukommen? Ich habe den schlimmsten Fehler meines Lebens begangen und kann mir weitaus angenehmeres vorstellen, als meine Verfehlungen mit einem …«, sie musterte ihn blitzschnell von oben bis unten, »… wildfremden Menschen zu teilen, der sich ohne das geringste Verständnis seine Meinung bildet.« Sie deutete auf die Tür. »Ich möchte gehen.«
    Er starrte sein Gegenüber sprachlos an und streckte die Hand nach der Klinke aus.
   Während er Frau Neudorf an der Garderobe in den Mantel half, bestellte Cindy, die brünette Empfangsdame/Sekretärin/Buchhalterin ein Taxi.
   Jemand wie Karin Neudorf lief kaum bei Dunkelheit in Absatzschuhen über den Steindamm, um am Hauptbahnhof die S-Bahn nach Blankenese zu nehmen.
   Wenig später klingelte der Taxifahrer an der Tür. Christopher gab der möglicherweise neuen Klientin der Detektei Kleemeyer zum Abschied die Hand. Ihre Finger waren eiskalt. Im letzten Moment erinnerte er sich an die Visitenkarten in seiner Hosentasche. Er reichte ihr eine.
   »Die sollten Sie nicht offen herumliegen lassen.«
   Karin Neudorf steckte das Pappkärtchen ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. »Auf Wiedersehen, Herr Diecks.«
   Er schloss die Tür hinter ihr und wandte sich um.
   Cindy musterte ihn prüfend.
   Anstelle einer Antwort auf ihre stumme Frage atmete er geräuschvoll aus.
   »So schlimm?«
   »Mhm.«
   Einer Eingebung folgend, ging er rasch zurück ins Besprechungszimmer. Aus dem Fenster sah er hinaus auf die ruhige Rostocker Straße. Zwei Stockwerke tiefer stieg Karin Neudorf in das wartende Taxi. Im Schein der Straßenlaternen fielen ihm keine verdächtigen Personen oder dunkelgrüne Fahrzeuge auf.
   Während das Taxi davonfuhr, lockerte er den Knoten seiner Krawatte. Karin Neudorfs Geschichte interessierte ihn. Gleichzeitig präsentierte sie ein moralisches Dilemma. Wahrscheinlich konnte er sie deshalb nicht leiden.
   Er nahm die benutzten Gläser und stellte sie in der Küche in den Geschirrspüler. Als er aus dem kleinen Raum kam, zog Cindy gerade ihre Jacke an. Die Uhr über der Eingangstür zeigte achtzehn Uhr.
   Er wünschte ihr einen schönen Feierabend.
   »Und du hab eine schöne Nacht.« Sie bedachte ihn mit einem mitleidvollen Blick.
   »Vielen Dank.« Er lächelte tapfer.
   In zwei Stunden würde er Martin bei der Observierung unterstützen und bis zum Morgen ein Fachgeschäft für Fitnessgeräte beobachten, in dem möglicherweise gestohlene Elektrogeräte die Hände wechselten. Ein bekanntes Hamburger Technikhaus verdächtigte einen seiner Lageristen, mit einer Diebesbande gemeinsame Sache zu machen. Seit einigen Monaten wurden regelmäßig Lieferwagen mit Fernsehern, BluRay-Playern und Stereoanlagen überfallen. Der Lagerist versorgte die Bande anscheinend mit Informationen, um die Diebstähle gezielt durchführen zu können.
   Nach zwei Wochen Observierungsarbeit identifizierten Martin und Andi das Sportgeschäft als wahrscheinlichen Umschlagplatz. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis sie die Diebe auf frischer Tat ertappten. Deshalb verspürte Christopher trotz der Aussicht auf eine schlaflose Nacht eine gewisse freudige Anspannung.
   Sobald Cindy gegangen war, holte er Block und Stift aus dem Besprechungszimmer. Es blieb ausreichend Zeit, um ein Gesprächsprotokoll zu verfassen. Vorher verlangte allerdings sein knurrender Magen nach Nahrung. Er schenkte sich in der Küche einen Becher Kaffee ein und gab Milch und Zucker dazu.
   Den Rest des schwarzen Wachmachers füllte er in eine Thermosflasche um. Danach nahm er eine Vorratsdose aus dem Kühlschrank. Er suchte Besteck und Servietten zusammen und trug alles zu seinem Schreibtisch. Während der Laptop hochfuhr, schob er sich zwei Servietten in den Kragen. Die Ärmel krempelte er bis zu den Ellenbogen hoch. Weiße Hemden zogen Flecken magisch an. Zumindest seine.
   Amüsiert strich er das doppelte Lätzchen glatt.
   Dass er eines Tages wieder zum Schlipsträger werden würde …
   Seit seinem ersten großen Fall im Sommer war einiges passiert. Martin Kleemeyer hatte einen Mitarbeiter an die Konkurrenz verloren und ihm daraufhin einen festen Vertrag angeboten. Die Auftragslage reichte nicht für eine Vollzeitstelle. Also arbeitete Christopher an drei Tagen in der Woche und half aus, wenn jemand krank war oder im Urlaub. Die Wochenstunden und Arbeitszeiten variierten stark. Gestern war er morgens um neun Uhr in die Detektei gekommen, heute um siebzehn Uhr. Er verfügte über einen eigenen Schreibtisch samt Laptop und Telefon, bearbeitete eigene Akten, besaß einen Stapel Visitenkarten und neuerdings zwei Anzüge, mehrere Hemden, Krawatten und ein Paar dunkelbraune Halbschuhe. In der Kleidung fühlte er sich wie ein Clown, doch der professionelle Eindruck zählte. Die Klienten nahmen ihn ernst. Jedenfalls ernster als einen tätowierten Typ in Jeans und T-Shirt.
   Er zog den Deckel von der Plastikdose. Beim Anblick der mit Fleisch und Gemüsepaste gefüllten Teigröllchen lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Sein Stiefvater Henry hatte am Vortag neue Rezepte für den Catering-Service des Cinque Terre ausprobiert und ihm großzügig die Reste überlassen. Obwohl Christopher stärker bei der Detektei eingespannt war, ließ er es sich nicht nehmen, regelmäßig in Henrys italienischem Restaurant zu kellnern. Oder gemeinsam mit seiner Halbschwester Jasmin die Bestellungen vom Catering-Service auszuliefern. Für ihn war das bezahlte Familienzeit.
   Er spießte ein Teigröllchen auf und biss genüsslich hinein. Die Arbeit für das Umzugsunternehmen war in den vergangenen Monaten hingegen auf der Strecke geblieben. Eine nötige Veränderung. Er vermisste den Kontakt zu den früheren Kollegen und die Kameraderie. Was er nicht vermisste, waren die schmerzenden Knochen. Sein Rücken und die Knie dankten es ihm, nicht mehr ständig das Gewicht von Sofas oder Kühlschränken mehrere Stockwerke rauf oder runter tragen zu müssen. Seine Hosen saßen zwar etwas strammer, seitdem sein Sportprogramm nicht mehr sechs bis acht Umzüge pro Woche beinhaltete, dafür besuchte er zum Ausgleich ein Fitnessstudio. Und er lernte bei einem Selbstverteidigungskurs, wie man Angreifer davon abhielt, einem die Finger auszurenken. Oder einen zu betäuben und in unterirdische Verstecke zu verschleppen …
   Sofort sprudelten Bilder aus seinem Gedächtnis an die Oberfläche. Gerüche, Gefühle, beklemmende Erinnerungen.
   Er schüttelte sie ab. Wollte sich nicht mit ihnen beschäftigen. Stattdessen aß er das letzte Teigröllchen, spülte mit einem Schluck Kaffee nach und zog seine Notizen heran. Gewissenhaft füllte er das Gesprächsprotokoll aus. Mit dem Vier-Finger-Suchsystem klappte das Tippen recht flott. Zufrieden mit dem Ergebnis druckte er die Seiten für die Akte aus. Das Konzept des papierlosen Büros hielt leider nur zögerlich Einzug in die Räume der Detektei Kleemeyer.
   Eine Kopie des Protokolls schickte er an Martins E-Mail-Adresse. Falls seinen Chef später die Langeweile plagte.
   Nach einem Blick auf die Uhr schaltete er den Laptop aus. Zeit, sich umzuziehen.
   Er holte eine Sporttasche unter dem Schreibtisch hervor und ging ins Badezimmer. Hemd, Hose und Krawatte hängte er über einen Bügel an der Innenseite der Tür. Aus der Sporttasche holte er bequeme Kleidung, ein paar dicke Socken und zu guter Letzt die warme Funktionsunterwäsche, die ihm sein bester Freund Jacobi nach dem letzten Skiurlaub überlassen hatte. Hosenbeine und Ärmel waren einige Zentimeter zu kurz, doch sie erfüllte ihren Zweck.
   Er zog das Longsleeve über und lächelte. Cobi lag in diesen Minuten vermutlich mit seiner sexy Kite-Lehrerin im Bett und stellte Dinge an, bei denen einem garantiert nicht kalt wurde. Seine sporadischen SMS ließen jedenfalls keine Zweifel daran, dass er den Kurzurlaub an der Ostsee genoss.
   Schön warm eingepackt ging Christopher in den Ruheraum, der sich rechts von der Küche befand. Dort stand neben einem Bett und einem Wäscheschrank auch ein massiver Safe.
   Er öffnete ihn und holte einen Rucksack heraus, in dem ein handlicher Camcorder und eine weniger handliche, sehr teure Fotokamera lagen. Die Akkus und Ersatzakkus waren geladen und neue Speicherkarten eingelegt worden.
   Nach einem Ausflug auf die Toilette zog er Winterstiefel an und nahm seine gefütterte Jacke. Die Thermosflasche und eine Wasserflasche verstaute er in den Außentaschen.
   Mit dem Rucksack über der Schulter verließ er die Detektei.
   Auf dem Weg durchs Treppenhaus klingelte sein Smartphone.
   »Bin gleich beim Wagen, Martin.«
   »Wie ist das Gespräch gelaufen?« Sein Chef klang erschöpft. Die Observierungen der vergangenen Tage und Nächte forderten ihren Tribut.
   »Interessante Geschichte. Ich habe dir vorhin das Protokoll gemailt.«
   Christopher öffnete die Haustür. Kalte Luft schlug ihm entgegen. Es versprach eine frostige Nacht zu werden. »Unsere Klientin hat vor einigen Monaten ihren Ehemann betrogen. Der Liebhaber hat Geld von ihr erpresst. Sie vermutet, dass er sie verfolgt, um eine Nachzahlung zu fordern. Die Dame heißt übrigens Neudorf und nicht Krause.«
   »Ein falscher Name? Wie originell. Gibt es Fotos oder Filmmaterial?«
   »Fotos. Wohl recht eindeutige Aufnahmen.« Er ging zügig auf einen schwarzen VW Golf zu. Solange Andi krank war, durfte er den Wagen fahren. »Könnte eine zeitaufwendige Angelegenheit werden. Ich weiß nicht, ob wir das zu zweit schaffen.« Er öffnete den Kofferraum des Golfs und nahm zwei Wolldecken heraus. Die würde er später brauchen.
   Martin seufzte. »Ich lese mir das Gesprächsprotokoll gleich durch. Welchen Eindruck hat die Frau auf dich gemacht?«
   »Verzweifelt, beschämt, wütend. Eine auf Kontrolle bedachte Geschäftsfrau, die sich in eine unkontrollierbare Situation gebracht hat. Nicht wirklich sympathisch.«
   »Hängt dein Urteil zufällig damit zusammen, dass sie ihren Mann betrogen hat?«
   »Keine Ahnung, was du meinst.«
   Leises Lachen drang an sein Ohr. »In unserem Job musst du über diesen Dingen stehen, Topher. Würden die Menschen keine Dummheiten begehen, könnten wir am Monatsende unsere Miete nicht zahlen.«
   »Das ändert nichts an ihrem Verhalten.«
   »Richtig. Allerdings klingt die Frau nicht wie eine Serienbetrügerin, die sich jedem dahergelaufenen Kerl an den Hals wirft. Anders als eine gewisse junge Dame, die du einmal sehr intim kanntest.«
   Christopher beförderte die Wolldecken schwungvoll auf die Rückbank des Golfs. »Wie läuft die Observierung?«
   Martin verstand den Wink und ließ ihm den abrupten Themenwechsel durchgehen.
   »Unser Lagerist ist nach der Arbeit direkt nach Hause gefahren. Seitdem starre ich auf die Lichterkette in seiner Hecke.«
   »Klingt spannend.«
   »Kaum auszuhalten.«
   »Ich melde mich, wenn ich in Position bin.«
   »Mach das. Und Topher?«
   »Ja?«
   »Schön wach bleiben.«
   »Keine Sorge, ich habe Cindys Kaffee dabei.«
   »Dann kann nichts schiefgehen.«
   Er legte auf und steckte das Smartphone in die Freisprechanlage am Armaturenbrett. Die Getränke und den Rucksack verstaute er im Fußraum vor dem Beifahrersitz.
   Das Navi hatte Andi mit nach Hause genommen, aus Sorge, jemand könnte es stehlen. Christopher benötigte es ebenso wenig wie den Stadtplan im Handschuhfach. Durch die zahlreichen Fahrten für das Umzugsunternehmen kannte er Hamburgs Straßen besser als mancher Taxifahrer.
   Trotz der abendlichen Stunde dauerte die Fahrt in den Norden gut fünfzig Minuten. In der Nähe des Flughafens blockierte ein defekter Lkw eine Spur und sorgte für Rückstau und ein wildes Hupkonzert.
   Schließlich bog er von der Holsteiner Chaussee in den Flagentwiet ein und befand sich im gleichnamigen Gewerbegebiet. Im Schein der Straßenlaternen hielt er nach dem Sportgeschäft Ausschau. Kurz vor der nächsten Kreuzung entdeckte er es auf der linken Straßenseite. Nach einem prüfenden Blick in den Rückspiegel verlangsamte er das Tempo. Das Geschäft war geschlossen, die einzige Beleuchtung ein rot leuchtender Stern, der innen im Schaufenster über einer Ansammlung von Hanteln baumelte.
   Ein kläglicher Versuch, Weihnachtsstimmung zu erzeugen.
   Er wendete hinter der Kreuzung, fuhr zurück und fand eine Parklücke dem Geschäft schräg gegenüber. Zwischen einem Kombi und einem Transporter fiel der Golf nicht auf.
   Nach einem Testlauf mit dem Camcorder machte Christopher noch einige Probebilder mit der Kamera. Zufrieden legte er beide Geräte griffbereit auf den Beifahrersitz. Seine Jacke drapierte er als Sichtschutz darüber.
   In einem Fach in der Fahrertür steckte ein Klemmbrett mit Blankovordrucken für das Überwachungsprotokoll. Er nahm es heraus und notierte mit einem Kugelschreiber Adresse, Datum und Uhrzeit. Danach schickte er per SMS eine Statusmeldung an Martin.
    Seine erste lange Nachtobservierung …
   Er brachte den Fahrersitz in eine bequemere Position und lehnte sich zurück.

Die Zeit verstrich langsam. Während das Wageninnere allmählich auskühlte, machte er alle halbe Stunde dieselbe Notiz auf dem Überwachungsprotokoll: Keine Vorkommnisse. Dazu die jeweilige Zeitangabe. Gelegentlich löste er den Blick vom Geschäft, um zu überprüfen, ob sich verdächtige Fahrzeuge oder Personen näherten.
   Nach und nach erloschen die Lichter in den Gebäuden entlang der Straße. Der Verkehr nahm ab. Es wurde still. Eine unwirkliche Atmosphäre legte sich über das Gewerbegebiet.
   Er schraubte die Thermosflasche auf und goss sich heißen Kaffee ein.
   Die größte Herausforderung in diesem Job war nicht die mühsame Recherche, schwierige Kunden oder die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Es war die Monotonie. Die Langeweile.
   Das stundenlange, häufig vergebliche Warten.
   Wie um diesen Gedanken zu widerlegen, durchbrach ein leises »Ping« die Stille.
   Vorsichtig wechselte er den Deckel der Thermosflasche in die linke Hand und griff nach seinem Smartphone. Eine SMS war eingegangen.
   Romy.
   Habt ihr die bösen Jungs schon erwischt?
   Er lächelte und schrieb eine Antwort:
   Nein. Ich starre seit zweieinhalb Stunden auf ein Schaufenster und friere mir den Hintern ab.
   Die Antwort kam prompt. Armer Hase :-)
   Zuerst war er empört. Dann musste er lachen. Er tippte:
   Hase??? Niemand hätte es gewagt, Philip Marlowe Hase zu nennen!!!
   Ein erneutes »Ping«.
   Armer Topher?
   Das Verlangen, Romy anzurufen, ihre Stimme zu hören, wurde fast unerträglich. Doch die Arbeit ging vor. Deshalb fiel seine Antwort kurz aus:
   :-) Ich melde mich morgen bei dir.
   Sei vorsichtig!
   Bin ich. Schlaf gut.
   Du lieber nicht ;-).
   Es juckte ihm in den Fingern, eine Antwort zu geben.
   Weiter zu schreiben, bis die Nacht vorbei war.
   Er legte das Smartphone beiseite und konzentrierte sich auf die Überwachung. Das Kribbeln in seinem Bauch ließ allmählich nach. Seine Gedanken blieben bei Romy. Gegen Mitternacht dachte er daran, wie es wäre, neben ihr zu liegen. Ihre Nähe zu spüren, die Wärme ihres Körpers.
   Sie waren seit drei Monaten ein Paar. Miteinander geschlafen hatten sie noch nicht. Obwohl er es sich sehnlichst wünschte. Aber Romy brauchte Zeit. Sie musste Vertrauen fassen, um diese Art von Nähe zuzulassen.
   Es lag nicht an ihm. Es lag an dem miesen, wertlosen Dreckskerl, der ihr irgendwann in der Vergangenheit Gewalt angetan hatte. Christopher kannte keine Einzelheiten, weil sie nicht darüber sprach. Die Hinweise ließen keine Zweifel daran, dass ihr etwas Furchtbares zugestoßen war.
   Es machte ihn zornig und es machte ihm Angst. Weil er alles richtigmachen wollte. Was wahrscheinlich unmöglich war.
   Er schüttelte den Kopf, um die finsteren Gedanken abzuschütteln.
   Außen auf der Windschutzscheibe hatte sich inzwischen eine feine Eisschicht gebildet. Er zog die warme Jacke an und dachte daran, wie viele Menschen in Hamburg diese Nacht im Freien verbrachten.
   Ob es Rudi gut ging?
   Der stets freundliche Rudi und seine Schnauzer-Hündin Tessa gehörten zum beweglichen Inventar der Reeperbahn. Christopher begegnete ihnen gewöhnlich mehrmals in der Woche, wenn Rudi die Mülleimer nach leeren Flaschen durchsuchte. Seit ungefähr drei Wochen fehlten die beiden. Allmählich machte er sich Sorgen. Vielleicht war Rudi in einer Notunterkunft außerhalb von St. Pauli untergekommen. Oder er verbrachte die kalte Jahreszeit bei der älteren Dame, die ihn regelmäßig mit Futter für Tessa versorgte. Im letzten Winter hatte sie die beiden in ihrem Gartenhäuschen übernachten lassen.
   An eine weitere Alternative wollte er lieber nicht denken: dass Rudi etwas zugestoßen war.
   Gegen halb drei, als selbst die Nacht zu schlafen schien, meldete sich seine Blase. Je mehr er sie zu ignorieren versuchte, desto stärker musste er. Schließlich stieg er widerwillig aus. Die klirrende Kälte nahm ihm fast den Atem. Rasch schloss er die Fahrertür und huschte hinter den Transporter. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, bevor die Dinge funktionierten. Es war einfach verflucht kalt. Um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen und die Muskeln zu lockern, vollführte er einige Dehn- und Streckübungen.
   Sobald er wieder im Golf saß, breitete er die Wolldecken über sich aus und trank mehr Kaffee. Allmählich wurde ihm wieder warm. Und mit der Wärme kam die Müdigkeit. Sie legte sich wie Blei auf seine Augenlider.
   Um nicht einzuschlafen, rief er Martin an.
   Sein Chef nahm das Gespräch sofort entgegen. »Geht es los?«
   »Nein. Hier ist alles ruhig.«
   Ein Seufzen. »Hier auch. Der gute Herr Heinze fährt meist gegen halb sieben zur Arbeit. Wenn bis dahin nichts passiert, brechen wir ab.«
   »Alles klar.«
   Ein Blick auf die Uhr. Noch drei Stunden. Er gähnte.

Langsam kam wieder Leben in das Gewerbegebiet. Die ersten Fahrzeuge fuhren vorbei. Fenster erhellten sich.
   Der Himmel blieb hingegen tiefschwarz.
   Um kurz vor sechs hielt ein Kastenwagen vor dem Sportgeschäft. Christophers Puls schoss in die Höhe. Sein übermüdetes Gehirn drehte schlagartig auf Hochtouren. Hektisch brachte er die Kamera in Anschlag, knipste in schneller Folge vier Fotos. Bevor er erkannte, dass es sich um das Fahrzeug einer Reinigungsfirma handelte.
   Ein Mann in einem hellen Overall stieg aus. Er holte Eimer, Wischmopp und andere Putzutensilien aus dem Wagen.
   Christopher hielt alles bildlich fest. Wie der Mann das Fahrzeug abschloss, schwer beladen zum Geschäft ging und die Eingangstür aufschloss. Im Inneren wurde das Licht eingeschaltet. Kurz darauf wischte der Mann den Fußboden.
   Zwanzig Minuten später verließ er das Geschäft wieder. Ohne verdächtige Kartons unter den Armen. Er verstaute die Putzutensilien im Wagen und fuhr davon.
   Christopher sank leicht enttäuscht in den Fahrersitz zurück. Zumindest war er nun hellwach.
   Um Punkt halb sieben rief Martin an.
   Herr Heinze war soeben zur Arbeit gefahren.
   »Hier hat sich nichts Aufregendes getan«, gab Christopher zurück. »Vorhin hat ein Mitarbeiter einer Reinigungsfirma das Geschäft geputzt. Ich habe Fotos gemacht.«
   »Gut. Die sehen wir uns später an. Fahr nach Hause, Topher. Es war eine lange Nacht.«
   Lang und ergebnislos. Er rieb sich das Gesicht. Der Adrenalinschub war längst verpufft. »Wann soll ich nachher ins Büro kommen?«
   »Um sechzehn Uhr reicht. Wir können die Fotos sichten und über Frau Neudorf sprechen.«
   »In Ordnung.«

In der beginnenden Rushhour fuhr er zurück nach St. Pauli. An einer roten Ampel schrieb er Romy eine Nachricht.
   Bin auf dem Weg nach Hause.
   Sie benutzte das Handy nicht als Wecker, es würde sie nicht stören. Kurz darauf piepte sein Smartphone.
   Frühstück bei mir?
   Gleichzeitig zu fahren und SMS zu schreiben, war nie eine gute Idee. In seinem Zustand schon gar nicht. Also rief er Romy kurzerhand an.
   »Guten Morgen, Mr. Marlowe«, meldete sich eine verschlafene Stimme.
   »Habe ich dich mit der SMS geweckt?«
   »Ich habe das Handy extra angelassen. Falls dir bei der Arbeit langweilig wird.«
   Ein wohliges Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus.
   »Soll ich frische Brötchen mitbringen?«
   »Oh ja! Wann bist du da?«
   »Gegen Viertel nach sieben.«
   Aus der Leitung drang ein unterdrücktes Gähnen. »Ich kann nicht versprechen, dass ich bis dahin präsentabel bin.«
   »Ich nehme dich auch in Schlafanzug und Wollsocken.«
   Romys Kichern machte ihm deutlich, wie anzüglich seine Antwort interpretiert werden konnte.
   »Das habe ich eben nicht gesagt!«, protestierte er.
   »Ich hab‘s aber gehört.«

Als Christopher endlich die Reeperbahn erreichte, flimmerten die Ränder seines Sichtfelds. Er hielt sich nicht lange mit der Parkplatzsuche auf, sondern nahm den erstbesten. Mit langsamen, fahrigen Bewegungen packte er die Ausrüstung zusammen und stieg aus. Müdigkeit und Kälte ließen ihn frösteln. Irgendwo weiter die Straße herunter gab es einen Bäcker. Er schulterte den Rucksack und wankte los.
   Obwohl es erst Anfang Dezember war, blinkte in vielen Fenstern Weihnachtsdekoration. In einem Hauseingang schliefen zwei Obdachlose. Unter all den Schlafsäcken und Decken war nicht zu erkennen, ob es sich um Männer oder Frauen handelte.
   Beim Bäcker kaufte Christopher fünf gemischte Brötchen. Sie kamen frisch auf dem Ofen, und ihr Duft weckte sein Hungergefühl.
   Schließlich stand er vor Romys Haustür. Erschöpft und trotzdem voller Vorfreude. Er klingelte.
   Die Gegensprechanlage knisterte.
   »Wer da?«
   »Die Brötchen.«
   Ein Kichern. »Bitte in den zweiten Stock.«
   Er schleppte sich die Treppe hinauf. Die vielen Kleidungsschichten waren plötzlich viel zu warm.
   Romy wartete an der offenen Wohnungstür. Sie trug ein bequem aussehendes, schwarzes Kleid und knallrote Kuschelsocken. Ihre großen, braunen Augen musterten ihn mit einem Blick, in dem Mitgefühl und Belustigung lagen.
   »Du siehst so müde aus«, wisperte sie. »Du hättest ins Bett gehen sollen.«
   »Ich wollte lieber hier sein«, gab er ebenso leise zurück.
   Sie lächelte verschmitzte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Sein Herz begann zu rasen. Alle Sinne konzentrierten sich auf Romys weiche, warme Lippen, ihren Geruch, ihren Körper, der sich an seinen schmiegte. Die Brötchentüte entglitt seinen Fingern und fiel zu Boden. Romy unterdrückte ein Kichern. Sie löste sich von ihm und strich ihm liebevoll die Haare aus dem Gesicht.
   »Komm rein.«
   Mit einer eleganten Bewegung griff sie nach der Brötchentüte und huschte in die Küche. Atemlos blickte Christopher ihr nach. Er wollte mit Romy schlafen. So sehr, dass es wehtat.
   Er sammelte sich, streifte die Sohlen der Winterstiefel an der Fußmatte ab und betrat die kleine, wunderbar warme Wohnung. An der Garderobe stellte der den Rucksack ab und zog Stiefel, Jacke und Pullover aus.
   In der Küche goss Romy heißes Wasser aus einem Wasserkocher in zwei Becher. Am Küchenfenster und der Balkontür klebten selbst gebastelte Sterne aus buntem Papier. Unter der Deckenlampe schwebte ein Mobile mit unterschiedlich großen Schneeflocken. Schön weihnachtlich.
   »Du bekommst einen Entspannungstee«, verkündete Romy. »Damit du nachher gut schlafen kannst.«
   »Das sollte kein Problem sein.« Er schob sich auf einen Stuhl an den Holztisch, der den wenigen Platz in der Küche fast vollständig ausfüllte. Beim Anblick von Marmelade, Aufschnitt, Käse, Butter und frischen Brötchen knurrte sein Magen vernehmlich. Sein Kopf wollte sich auf die Tischplatte legen und die Augen schließen.
   Sobald Romy saß, reichte er ihr den Brötchenkorb und nahm sich danach selbst eines.
   Während er die Brötchenhälften mit Butter bestrich und mit Salami belegte, berichtete er von der vergangenen Nacht. Endlose Stunden der Langeweile in wenige Sätze komprimiert.
   »Mir würde für so etwas die Geduld fehlen«, gestand Romy. »Ich musste einmal sechs Stunden am Flughafen warten, weil unsere Maschine defekt war und kein Ersatzflugzeug zur Verfügung stand. Am Ende kannte ich jedes Geschäft im Abflugbereich. Wenn ich mir vorstelle, die ganze Nacht in einem Auto zu sitzen und auf ein Gebäude zu starren …«
   »Gehört halt zum Job.« Herzhaft biss Christopher ins Brötchen, genoss die wunderbare Mischung aus frisch gebackenem Teig, Butter und Salami. Er trank einen Schluck Tee. Der schmeckte besser als erwartet. Ohne Zucker allerdings etwas bitter.
   Eine Weile aßen sie schweigend. Es fiel ihm immer schwerer, den Blick zu fokussieren. Im Kampf gegen die Müdigkeit zeichnete sich eindeutig ein Gewinner ab. Auch Romys Gegenwart, die seinen Körper gewöhnlich mit aufputschenden Hormonen und Endorphinen flutete, half nicht mehr.
   »Ich bin noch nie geflogen«, brachte er nach einem weiteren Schluck Tee hervor.
   Romy sah ihn verblüfft an. »Warum nicht?«
   Er zuckte mühsam die Achseln. »Mir gefällt es in Hamburg, ich muss nicht ständig woanders hin. Außerdem gibt es schöne Urlaubsziele, die man mit dem Zug oder dem Auto erreichen kann.«
   Sie fixierte ihn mit übertriebenem Ernst. Schien angestrengt nachzudenken. »Ich mag dich trotzdem«, erwiderte sie endlich mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
   »Gott sei Dank!« Die ironische Antwort sollte seine Erleichterung verbergen.
   Caro, seine Ex, hatte für sein mangelndes Interesse am Fliegen kein Verständnis gehabt. Sie wollte die Welt bereisen, nach Hawaii fliegen, Australien, Neuseeland, Afrika, in die USA. Weil alle anderen es taten. Alle anderen besaßen auch schicke Autos, teure Möbel und Designerklamotten. Er hätte Caro viel früher sagen sollen, dass sie gern mit all den anderen zusammen sein konnte, wenn ihr Statussymbole so wichtig waren. Bis heute rätselte er über seine Dummheit, eine Beziehung mit ihr anzufangen.
   Erschöpft rieb er sich die Augen. Sein Hirn sendete wirre Gedanken.
   »Topher?« Romy musterte ihn zärtlich. »Du solltest dich hinlegen.«
   »Ich mache mich gleich auf den Weg.«
   Seine Wohnung lag keine zehn Gehminuten entfernt. Trotzdem sträubte sich alles in ihm bei dem Gedanken, wieder in die Kälte hinaus zu müssen.
   »So habe ich das nicht gemeint.« Sie stand auf und nahm seine Hand. Er erhob sich ebenfalls, folgte ihr verwundert. Sie führte ihn ins Schlafzimmer. Ein breites Bett füllte den winzigen Raum zur Hälfte aus. Einladend stand es da, die Bettdecke zum Auslüften zurückgeschlagen. Er blinzelte, unsicher, ob er richtig verstand. Bis Romy ihn sanft anschob.
   »Du kannst hier schlafen.« Sie sammelte rasch einige Kleidungsstücke zusammen und ließ ihn allein.
   Er betrachtete leicht schwankend das Bett. Es war nicht das, woran er in dieser Nacht gedacht hatte, aber es war ziemlich gut. Er zog sich bis auf Unterhose und T-Shirt aus und sank mit einem Seufzer ins Bett. Einige Momente lang schmerzten sämtliche Muskeln. Danach kam die Entspannung. Erleichtert atmete er aus und schloss die Augen. Das Kissen duftete nach Romys Haarshampoo. Die Matratze senkte sich. Warme Finger strichen ihm über das Haar. Weiche Lippen hauchten einen Kuss auf seine Wange.

Kapitel 2

Das Geräusch eines Staubsaugers weckte ihn. Eine Weile lag er mit geschlossenen Augen da. Hörte dem Dröhnen aus der angrenzenden Wohnung zu. Wer immer das Gerät benutzte, versuchte entweder, die Farbe von den Fußleisten zu kratzen oder war auf etwas oder jemanden gehörig sauer. Er vergrub das Gesicht im Kissen. Atmete ein letztes Mal Romys Duft ein und setzte sich auf. Er fühlte sich einigermaßen ausgeruht, aber geistige Höchstleistungen würde er heute nicht vollbringen. Der Radiowecker auf dem Nachttisch zeigte kurz nach vierzehn Uhr. Er streckte sich. Hier und knackte es leise. Verspannte Muskeln protestierten. Als er die Vorhänge öffnete, fiel fahles Tageslicht herein. Wie die Küche ging auch das Schlafzimmer auf den Hinterhof. Zwischen den kahlen Ästen einer ausladenden Kastanie war der Himmel zu sehen. Graue Wolken kündigten Regen an. Er öffnete das Fenster einen Spalt, streckte prüfend die Hand hinaus. Die Luft war kühl. Keine Minusgrade.
   Er schlug die Bettdecke zurück und schüttelte das Kissen auf. Seine Kleidung hing auf Bügeln am Kleiderschrank.
   Am Bündchen seiner Cordhose war mit einer Büroklammer ein Zettel befestigt.
   Ein Brötchen ist noch übrig.
   Bring den Schlüssel später im Laden vorbei.
   Lächelnd legte er den Zettel aufs Bett und zog Hose und Socken an. Nach einer Katzenwäsche im Badezimmer ging er in die Küche. Der Tisch lehnte zusammengeklappt neben der Balkontür. Der Brötchenkorb stand auf dem Kühlschrank. Daneben Becher, Brett und Besteck. Ein starker Kaffee wäre schön gewesen, doch Romy trank ausschließlich Tee. Also nahm er Pfefferminztee. Während das Wasser im Wasserkocher heiß wurde, betrachtete er den Adventskalender, der über dem Kühlschrank hing. Es war ein altmodischer Kalender, der eine Winterlandschaft zeigte, über der ein einzelner Stern funkelte. Anstelle von Schokolade verbargen sich weihnachtliche Motive hinter den Türchen. Vier waren geöffnet.
   Der Kalender stammte aus einem Laden in der Langen Reihe. Ein spontaner Kauf für ein paar Euro. Die Wirkung des einfachen Geschenks war verblüffend gewesen. Romy hatte ihn angestrahlt, als wäre es der größte Schatz der Welt.
   Während der Tee zog, bestrich Christopher das Brötchen mit Butter und belegte es mit Käse. Mit Brett und Becher in den Händen schlenderte er ins Wohnzimmer.
   In dem kleinen Raum war es seit einigen Tagen noch enger geworden. Beim Fenster standen neuerdings ein Tisch mit einer Nähmaschine und eine Schneiderpuppe. Romy arbeitete in ihrer Freizeit gebrauchte Kleidung aus der Zweiten Hand um und peppte sie mit bunten Stoffen und fantasievollen Accessoires auf. Ihre Kreationen kamen bei der Kundschaft großartig an. Was Romy sehr glücklich machte und ihn sehr stolz auf seine Freundin.
   Seine Freundin …
   Was für ein Wunder.
   Er stellte das Frühstück auf dem Couchtisch ab und setzte sich aufs Sofa. Es war ein sonderbares Gefühl, allein in ihrer Wohnung zu sein. Theoretisch in jede Schublade und hinter jede Tür sehen zu können. Praktisch würde er es nie tun. Romy vertraute ihm, ihre Privatsphäre nicht zu verletzen. Eines Tages würde sie ihm hoffentlich auch bei einer anderen Sache vertrauen.

Die altmodische Glocke über der Eingangstür der Zweiten Hand klingelte bei seinem Eintreten. Irma, Romys Chefin, blickte von ihrer Arbeit am Kassentisch auf. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der älteren Frau aus.
   »Schätzchen!« Sie legte einen Stapel Zettel beiseite und kam auf ihn zu. »Lass dich drücken.«
   »Hallo, Irma.« Er beugte sich herab, um sie zu umarmen.
   Im Hintergrund war das Rattern einer Nähmaschine zu hören.
   »Wie geht es dir, Liebchen? Du siehst müde aus.«
   »Es war eine lange Nacht.«
   »Das darf nicht zu oft vorkommen. Sonst muss ich mit deinem Chef schimpfen!«
   Er schmunzelte.
   Wieder erklang das Rattern aus dem Raum hinter der Kasse. Er strich Irma über den Arm und ging um den Tisch herum. Im Türrahmen blieb er stehen.
   Romy saß in dem mit Regalen und Kartons vollgestellten Lager und nähte auf einer alten Nähmaschine zwei Stoffbahnen zusammen.
   Als spürte sie seine Anwesenheit, blickte sie auf.
   »Hi!« Ihr Lächeln ließ seine Knie weich werden. »Hast du gut geschlafen?«
    »Hervorragend. Bis zur Staubsaugerattacke aus der Nebenwohnung.«
   Romy rollte die Augen. »Frau Wittich. Die wirft auch abends um elf ihre Waschmaschine an.« Sie stand auf und umarmte ihn. »Tut mir leid.«
   »Macht nichts.« Er gab ihr einen Kuss. »Ganz schön riskant, einen Privatdetektiv allein in deiner Wohnung zu lassen.«
   »Ach, die Leichen liegen alle im Keller. An die kommst du nicht ran.«
   »Vorsicht, ich kann Schlösser knacken.«
   Romy musterte ihn mit gespielter Schärfe. »Lügner.«
   Er grinste und reichte ihr den Schlüsselbund. »Erwischt.«
   »Sehen wir uns morgen Abend beim Sport?«
   »Auf jeden Fall. Ich freue mich darauf, von Mark durch die Mangel gedreht zu werden.«
   Der Selbstverteidigungskurs wurde von Mark Brenner geleitet, seinem Erzfeind aus Schultagen. Keine Trainingsstunde verlief ohne verbalen Schlagabtausch und blaue Flecke.
   »Ihr benehmt euch erstaunlich zivilisiert. Fast wie erwachsene Männer.«
   »Nur, wenn du dabei bist.« Er küsste seine Freundin auf die Nasenspitze. »Bis morgen Abend.«

Kurz vor sechzehn Uhr traf er in der Detektei ein.
   Cindy schrieb Rechnungen. Martin brütete an seinem Schreibtisch über Unterlagen. Er sah übernächtigt aus, doch summte beim Lesen vergnügt vor sich hin.
   »Woher die gute Laune?«, erkundigte sich Christopher anstelle einer Begrüßung.
   Sein Chef lächelte verschmitzt. »Ich habe einen Ersatz für Andi gefunden. Nur für ein paar Tage, aber es bedeutet, dass wir uns um Frau Neudorf kümmern können.«
   »Jemand von der Zeitarbeit?«
   »Viel besser. Ein ehemaliger Schulfreund leitet eine Firma für Personen- und Objektschutz. Er schuldet mir einen Gefallen und hat sich bereit erklärt, mir einen seiner Mitarbeiter auszuleihen. Kostenlos.« Martin lehnte sich zufrieden in seinem Bürostuhl zurück.
   »Das muss ein großer Gefallen sein.«
   »Sagen wir, ich habe ihn vor einer privaten Dummheit bewahrt.«
   »Verstehe. Hast du Frau Neudorf die gute Nachricht schon mitgeteilt?«
   »Wir haben heute Vormittag telefoniert. Sie war sehr erleichtert.« Martin schnappte sich seinen leeren Becher.
   Christopher stellte den Rucksack mit dem Überwachungsequipment ab und folgte ihm in die Küche.
   »Ich weiß, was du denkst«, fuhr sein Chef fort, während er sich Kaffee nachschenkte. »Gewöhnlich helfen wir Menschen, die betrogen werden. Diesmal helfen wir eben jemandem, der betrogen hat. Ich bestreite nicht, dass Frau Neudorf einen Fehler gemacht hat, aber diesem Erpresser muss das Handwerk gelegt werden. Oder möchtest du, dass ihr Ehemann aus der Zeitung von der Affäre erfährt?«
   »Natürlich nicht.«
   »Konzentriere dich darauf.« Martin füllte einen zweiten Becher und reichte ihn weiter. »Unsere neue Klientin lässt dir übrigens etwas ausrichten.«
   »Ich bin gespannt.«
   »Sie möchte sich für ihr Verhalten entschuldigen. Die Angelegenheit ist sehr belastend für sie. Es tut ihr leid, dass sie sich im Ton vergriffen hat.«
   Das überraschte Christopher.
   »Hat sie dich beleidigt?«, hakte Martin nach.
   »Nein. Nicht wirklich.« Er winkte ab. »Vergessen wir’s.«
   »Na, gut. Da du die Ermittlungen übernimmst, solltet ihr euch vertragen.«
   »Was?« Ihm blieb der Mund offen stehen. »Ich soll den Fall allein betreuen?«
   »Ich werde dich unterstützen, wo ich kann. Aber solange wir Herrn Heinze und seine Diebesbande nicht auf frischer Tat ertappt haben, müssen wir uns aufteilen.« Martin musterte ihn ernst. »Ich habe absolutes Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten, Topher. Das solltest du auch haben.«
   »Danke. Also …, danke.«
   »Morgen geht es los. Recherche, Überwachung, das volle Programm. Falls du Fragen hast oder Probleme auftauchen, bin ich jederzeit für dich da.«
   Während sein Chef fröhlich pfeifend zurück zu seinem Schreibtisch schlenderte, blieb Christopher leicht benommen in der Küche stehen.
   Sein erster eigener Fall als Privatdetektiv!
   Er allein trug die Verantwortung für den positiven oder negativen Ausgang der Ermittlungen. Eine einschüchternde Vorstellung. Gleichzeitig freute er sich über Martins Lob, und die Gelegenheit, sich zu beweisen.
   Er nahm einige Schlucke vom Kaffee und ließ die Neuigkeit sacken. Anschließend sichtete er gemeinsam mit Martin die Fotos vom Sportgeschäft. Der Mitarbeiter der Reinigungsfirma wirkte legitim. Eine Recherche im Internet brachte sie auf die Website der Firma. Mit einem Anruf, in dem er Interesse an den Dienstleistungen vortäuschte, überzeugte sich Martin davon, dass es sich um keine fiktive Telefonnummer handelte. Ob der Mann während seiner Anwesenheit im Geschäft telefoniert oder Kartons mit Diebesgut sortiert hatte, konnten sie natürlich nicht sagen.
   Christopher schrieb ein Protokoll der nächtlichen Observierung. Danach las er seine Notizen von dem Gespräch mit Karin Neudorf durch und überlegte die weitere Vorgehensweise. Als es nichts mehr für ihn zu tun gab, schickte Martin ihn nach Hause.
   Auf dem Weg durchs Treppenhaus hörte er den Summer der Eingangstür. Kurz darauf kam ihm eine schlanke, hochgewachsene Frau entgegen. Sie mochte Anfang oder Mitte zwanzig sein und besaß ein offenes, freundliches Gesicht. Unter ihrer dunklen Mütze lugten honigblonde Haarsträhnen hervor. Eine Hand am Treppengeländer, nahm sie dynamisch immer zwei Stufen auf einmal.
   Er trat beiseite, um sie vorbeizulassen. Sie lächelte. Er lächelte zurück. Blickte ihr nach.
   Auf dem Rücken ihrer blauen Winterjacke prangte in Weiß der Schriftzug ProSec – Personen- und Objektschutz. Seine Augen weitete sich. Die Schritte der jungen Frau verstummten eine Etage über ihm, dort, wo die Eingangstür zur Detektei lag. Sein Lächeln wurde zu einem spitzbübischen Grinsen. Wenn das die angekündigte Verstärkung war, würde er zu gern Martins Gesichtsausdruck sehen!

Kapitel 3
Drei Tage später

»Deinen Job möchte ich haben!« Jacobi nippte an seinem Kaffee und lehnte sich im Sessel zurück. »Auf Kosten anderer in Restaurants abhängen und gelegentlich eine Notiz machen. Leicht verdientes Geld.«
   »Du kannst gern die nächste Nachtschicht übernehmen«, erwiderte Christopher, ohne den Blick von der anderen Straßenseite zu nehmen. Dort lag die Tea Lounge, in der Karin Neudorf mit ihrer Freundin zu Mittag aß.
   Wie sie es jeden Freitag tat.
   Hinterher standen Besprechungen und Telefonkonferenzen auf dem Plan. Außerdem ein externer Kundentermin in der Innenstadt. Anschließend traf sie sich mit einer anderen Freundin in einem Fitnessstudio in Blankenese.
   Karin Neudorfs Leben folgte einem straffen Ablauf. Berufliche und private Verpflichtungen hielten sie ständig auf Trab. Kaum Gelegenheit, die Beine hochzulegen und zur Abwechslung einmal an nichts zu denken.
   Vielleicht lag genau darin der Sinn …
   »Nein, danke«, holte Jacobi ihn zurück in die Gegenwart. »Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.«
   »Und davon eine Menge.«
   Cobi musste nicht von dem Kurzurlaub an der Ostsee berichten. Seine Augenringe sprachen Bände.
   »Charmant, Topher. Echt charmant.«
   »Kim hat dich offensichtlich gut beschäftigt.«
   Cobi wurde knallrot. Anstelle einer Antwort brachte er nur ein jungenhaftes Grinsen zustande.
   Das war neu.
   Normalerweise packte sein bester Freund sofort sämtliche Details auf den Tisch. Ohne einen Anflug von Verlegenheit.
   Draußen eilte ein Mann in dunkler Jacke vorbei. Christopher behielt ihn im Auge, bis er aus dem Sichtfeld verschwand.
   Ihr Tisch war der bestmögliche Beobachtungsposten im Restaurant. Von den unterschiedlichen Sitzpositionen aus konnten sie durch die verglaste Front fast den gesamten Straßenabschnitt überblicken. Obwohl Jacobi die Observierung lediglich als spannende Urlaubsaktivität betrachtete, schätzte Christopher seine Hilfe. Vier Augen sahen bekanntlich mehr als zwei, und zwei ins Gespräch vertiefte Männer erregten weniger Aufmerksamkeit als ein einzelner, der stumm aus dem Fenster starrte.
   Jacobi räusperte sich. »Kim hat gefragt, ob ich über Silvester zu ihr nach Greifswald komme. Wenn das Wetter stimmt, organisiert sie mit ihren Kollegen von der Kite-Schule eine Strandparty.«
   »Ach, eine Strandparty? Was hast du ihr geantwortet?«
   »Ich habe zugesagt, was sonst. Eventuell fahre ich früher hin. Ich habe zwischen den Feiertagen frei und …«
   Der Rest des Satzes blieb im Raum hängen.
   »Du willst Weihnachten mit Kim verbringen? Karpfen Blau mit ihren Eltern essen, Bescherung unterm Weihnachtsbaum?«
   Jacobis Augen wurden groß. »Nein! Nein, nein, nein, nein! Wir werden …« Er verstummte. Die Bedienung näherte sich.
   Die junge Frau stellte lächelnd einen Teller mit Tomaten-Mozzarella-Ravioli vor Christopher hin.
   »Guten Appetit.«
   »Danke schön.«
   Im Gegensatz zu Jacobi gönnte er sich ein ordentliches Mittagessen. Die Zeit bis zur nächsten Gelegenheit konnte lang werden.
   »Wir werden keine Familienzusammenführung an Heiligabend veranstalten«, stellte Jacobi klar. »Darauf haben Kim und ich beide keine Lust. Außerdem habe ich ihre Eltern bereits getroffen«, fügte er leiser hinzu. Als wäre es ihm peinlich.
   »Wow! Dass ich den Tag erleben darf, an dem du eine feste Freundin hast!«
   Sein Freund hob in einer Geste der Ratlosigkeit die Hände.
   »Keine Ahnung, wie das passieren konnte.«
   »Willkommen in deinem neuen Leben, Kumpel.« Christopher schob sich belustigt einige Ravioli in den Mund.
   »Vielen Dank. Wie laufen eigentlich die Trainingsstunden mit Mark?«
   »Er nutzt jede Gelegenheit, um mir eins mitzugeben. Aber mittlerweile kenne ich seine Tricks.«
   Das war maßlos übertrieben. Mark Brenner konnte ihn mit dem kleinen Finger auf die Matte befördern.
   Jacobi lachte leise. »Die herrliche Ironie! Machst du dir keine Sorgen wegen Romy? Die beiden sind offenbar ganz dicke.«
   »Mark ist verheiratet und hat eine kleine Tochter.«
   »Der Typ hat eine Frau gefunden? Erstaunlich!«
   »Tja, selbst die, von denen man es nie vermuten würde … «
   »Halt die Klappe.«
   Während Christopher aß und Jacobi Kaffee trank, beobachteten sie das Gebäude auf der anderen Straßenseite. Von Zeit zu Zeit betraten oder verließen Gäste die Tea Lounge.
   Die wenigen Menschen, die sich trotz des kalten Nieselwetters in diesen Teil der Hafen-City wagten, waren zumeist Touristen. Falls es einen heimlichen Beobachter gab, verbarg er sich geschickt. Was sich links und rechts des Restaurants abspielte, konnten sie leider nicht sehen.
   Sobald Christopher aufgegessen und mit einem Schluck Mineralwasser nachgespült hatte, griff er nach seiner Jacke.
   »Ich gehe kurz telefonieren. Kannst du mir einen Kaffee bestellen?«
   »Klar.«
   Vor der Tür traf ihn eine nasskalte Windböe. Er klappte die Kapuze seiner Jacke hoch und tat, als würde er etwas auf seinem Smartphone suchen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er rechts von sich eine Bewegung. Jemand stand im Windschatten des Gebäudes. Er hob das Smartphone ans Ohr und ging zur Ecke. Dort stand dick eingepackt eine der Kellnerinnen. Zwischen den Fingern hielt sie eine Zigarette.
   Sie nickte ihm zu, drückte den Zigarettenstummel in einem mitgebrachten Aschenbecher aus und verschwand im Personaleingang. Sonst war niemand zu sehen.
   Er wandte sich um und schlenderte mit dem Smartphone am Ohr am Restaurant vorbei. Sein Blick glitt über die nähere Umgebung. Wanderte die Gebäude entlang und blieb an dem Koloss hängen, der am Ende der Straße aufragte.
   Die Elbphilharmonie. Das neue Wahrzeichen der Stadt.
   Ein Millionengrab aus Stahl, Beton und Glas.
   Zugegeben, es war ein beeindruckendes Bauwerk, das dort auf seinem mächtigen Sockel thronte; die unzähligen, geschwungenen Fensterscheiben matt gegen den grauen Himmel.
   Eigentlich hätte das Bauwerk 2010 eröffnet werden sollen. Vier Jahre später war kein baldiges Ende der Arbeiten in Sicht. Stattdessen stritten sich Architekten, Bauherren und Baufirma darum, wer was verzögert oder falsch geplant hatte.
   In ein paar Jahren, wenn das Opernhaus endlich eröffnet war, würde niemand mehr nach den Kosten fragen. Touristen und Hamburger würden in Scharen in die Elbphilharmonie strömen und zu überirdischen Preisen die hoffentlich überirdische Akustik genießen.
   Er erreichte die andere Seite des Gebäudes.
   Kein Beobachter lag auf der Lauer. Also lehnte er sich an die Hausecke und wählte Martins Nummer.
   »Hallo, Topher«, meldete sich sein Chef. »Wie läuft die Observierung?«
   »Bisher hat er sich nicht gezeigt.«
   Christopher folgte Karin Neudorf seit drei Tagen wie der sprichwörtliche Schatten. Allmählich fragte er sich, ob die Frau nicht doch eine zu rege Fantasie besaß. Schuldgefühle konnten paranoid machen.
   »Wie schlägt sich unsere neue Mitstreiterin im Kampf gegen das Unrecht?«
   Die junge Frau aus dem Treppenhaus war tatsächlich Andis Ersatz gewesen. Martin hatte, milde ausgedrückt, überrascht auf die Verstärkung reagiert, die so gar nicht seiner Vorstellung entsprach. Cindys Erzählung zufolge wäre ihm fast der Kaffeebecher aus der Hand gefallen.
   »Tara macht sich bestens. Ein kluges Mädel. Neugierig, geduldig, mit dem Herzen am richtigen Fleck.«
   »Vor ein paar Tagen klang das anders.«
   »Ja, gut, ich habe mich eventuell von gewissen Äußerlichkeiten beeinflussen lassen.«
   »In dir steckt eben ein kleiner Chauvie.«
   »Hey, so spricht man nicht mit seinem Chef!« Doch in Martins Stimme lag ein Schmunzeln. »Der vorletzte Kandidat war übrigens eine Niete. Keine Ähnlichkeit mit dem möglichen Erpresser.«
   »Überraschung.«
    Sie bezweifelten, dass Sven Mayer der richtige Name des ehemaligen Liebhabers war. Überprüfen mussten sie es trotzdem. Die sozialen Medien boten eine Flut an frei verfügbaren Informationen. Eine enorme Arbeitserleichterung für jeden Privatdetektiv. Acht der zehn Verdächtigen im Hamburger Raum konnte er nach der Sichtung von Fotos ausschließen. Martin half ihm bei den letzten Kandidaten.
   »Wie benimmt sich dein Azubi?«, erkundigte sich sein Chef.
   »Jacobi glaubt, ich würde den ganzen Tag in Restaurants sitzen und mein Geld mit Nichtstun verdienen.«
   »Das nenne ich eine klare Analyse der Situation.«
   Christopher lachte. »Was ist mit dem Sohn? Käme er als Erpresser infrage?«
   »Wilhelm Neudorf arbeitet für eine Berliner Werbeagentur, wohnt mit seiner Freundin zur Miete und fährt einen zwölf Jahre alten Opel. Keine Auffälligkeiten im Lebenslauf. Außer der einen, dass er kein Interesse am Familienunternehmen zeigt. Falls Sohnemann über seine Verhältnisse lebt, weiß er es geschickt zu verbergen.«
   »Also schließen wir ihn als Verdächtigen aus?«
   »Vorerst.«
   »Schade.«
   Eine Spur weniger. Andererseits gut für Karin Neudorf.
   Wer möchte schon vom eigenen Sohn erpresst werden?
   »Ich nehme mir den letzten Kandidaten vor«, erwiderte Martin. »Viel Erfolg bei der Überwachung.«
   »Danke.«
   Christopher beendete das Telefonat. Er steckte das Smartphone ein, wandte sich um und erstarrte.
   Wo zuvor die Kellnerin ihre Zigarette geraucht hatte, stand ein Mann in schwarzer Jeans und dunkelgrauer Jacke. Er hielt den Blick fest auf die Tea Lounge gerichtet. Unter seiner Kapuze lugte der Schirm einer Baseballkappe hervor.
   Rasch senkte Christopher den Kopf. Widerstand dem Impuls, Deckung zu suchen, und den Beobachter dadurch vielleicht auf sich aufmerksam zu machen. Stattdessen rief er Jacobi an.
   »Der Typ steht hier draußen«, flüsterte er. »Rechts neben dem Eingang.«
   »Was? Ernsthaft?« Die Stimme seines Freundes rutschte vor Aufregung in eine höhere Tonlage. »Ich kann niemanden sehen. Was soll ich tun?«
   »Trink meinen Kaffee, ehe er kalt wird. Ich kann nicht wieder reinkommen, sonst verscheuche ich ihn womöglich.«
   »Du frierst dir den Hintern ab!«
   »Gehört zum Job. Bleib sitzen und lass dir nichts anmerken. Ich melde mich wieder.«
   Er legte auf und ging langsam nach links.
   Der Eingang des nächsten Gebäudes lag leicht zurückversetzt. Ausreichend Platz, um sich zu verbergen. Mit dem Rücken zur Haustür blieb er stehen. Hoffentlich wollte in nächster Zeit niemand das Gebäude betreten oder verlassen.
   Zehn kalte Minuten später vermeldete sein Smartphone eine Textnachricht. Karin Neudorf wollte zurück ins Büro.
   Er bat sie per SMS um ein paar Minuten Geduld.
   Danach schrieb er Jacobi. Sein Freund sollte die Rechnung bezahlen und ihm anschließend Bescheid geben.
   Es dauerte, ehe die Antwort kam. Das Restaurant war voll besetzt und die Bedienungen im Stress.
   Er gab Karin Neudorf grünes Licht. Ohne ihr von dem Beobachter zu erzählen. Sie sollte sich natürlich verhalten. Hinterher rief er Jacobi an.
   »Frau Neudorf verlässt die Tea Lounge. Der Typ hängt sich bestimmt an sie dran. Wir folgen Ihnen in sicherem Abstand.«
   »Verstanden.« Jacobi klang nicht mehr aufgeregt, sondern konzentriert.
   »Sie kommen raus.«
   Die Freundinnen verabschiedeten sich mit Küsschen und gingen in entgegengesetzte Richtungen davon.
   Schon setzte sich der Beobachter in Bewegung. Er wechselte die Straßenseite und befand sich damit hinter Frau Neudorf.
   Sie würde ihn nur sehen, wenn sie sich umdrehte.
   Christopher zählte stumm bis zehn, bevor er aus seinem Versteck trat. Jacobi wartete im Eingangsbereich des Restaurants. Gemeinsam folgten sie den beiden. Um einen besseren Überblick zu haben, blieben sie auf ihrer Straßenseite.
   »Was passiert, wenn er uns entdeckt?«, fragte Jacobi leise.
   »Wir gehen zufällig in dieselbe Richtung. Der zieht bestimmt keine Pistole und schießt wild um sich.«
   »Ich komme mir vor, als ob ein Schild an meiner Stirn klebt, auf dem Ich folge dir steht.«
   Dieses Gefühl kannte er. Die Sorge, aufzufliegen. Sich erklären zu müssen. Im schlimmsten Fall eins auf die Schnauze zu bekommen.
   Letzteres war ihm bisher zum Glück noch nicht passiert.
   Vor ihnen überquerte Karin Neudorf die Straße, gefolgt vom Beobachter. Nun gingen sie all auf derselben Seite. Hübsch aufgereiht, wie an einer Perlenschnur.
   Hinter der nächsten Kreuzung tauchte die Zentrale der Neudorf-Hochtiefbau auf. Der schwarze Golf stand dem Gebäude schräg gegenüber.
   Christopher wechselte mit Jacobi die Straßenseite und legte einen Schritt zu. Er wollte den Wagen erreichen, bevor Karin Neudorf das Gebäude betrat und sich der Beobachter ein neues Versteck suchte.
   Er öffnete gerade die Fahrertür, als Frau Neudorf im Eingang der Zentrale verschwand.
   Der Beobachter ging weiter. Zu einem dunkelgrünen Wagen, der ein Stück entfernt am Straßenrand parkte.
   Jackpot!
   Sie beeilten sich, einzusteigen.
   Ehe er den Sicherheitsgurt schließen konnte, stieß sein bester Freund ihn von der Seite an.
   »Hey, guck mal!«
   Der Beobachter stieg nicht auf der Fahrerseite ein, sondern auf der Beifahrerseite.
   »Der ist nicht allein«, bemerkte Jacobi.
   Christopher schnallte sich an und startete den Wagen.
   »Notier das Kennzeichen.«
   Jacobi nahm rasch einen Notizblock samt Stift aus einer Ablage im Armaturenbrett.
   Sobald sich der andere Wagen in Bewegung setzte, lenkte Christopher den Golf aus der Parklücke. Es herrschte zu wenig Verkehr, um dicht aufzuschließen. Deshalb folgte er in großem Abstand. An der nächsten Ampel gab es keine andere Möglichkeit, als direkt hinter dem grünen Wagen zu halten. Es war ein alter Dacia, übersät mit Kratzern und Dellen.
   Wie sein Vordermann, setzte Christopher den rechten Blinker. Danach steckte er sein Smartphone in die Freisprechanlage und rief Martin an.
   »Wir haben sie«, verkündete er. »Ich bin an dem dunkelgrünen Wagen dran.«
   »Was meinst du mit ‚sie‘?«, fragte sein Chef verwundert.
   »Die sind zu zweit. Der Mann mit der Schirmmütze ist Karin Neudorf gefolgt, die andere Person hat offenbar das Firmengebäude beobachtet.«
   »Das klingt organisiert. Vielleicht hat Richard Neudorf doch Verdacht geschöpft und wir haben es mit Kollegen zu tun.«
   »Möglich. Wie weit bist du mit dem letzten Kandidaten?«
   »Oh, der sitzt bestimmt nicht in dem Wagen.«
   »Woher weißt du das?«
   »Weil er mich gerade in einem Bus der Linie 4 durch Eimsbüttel chauffiert.«
   »Der Mann ist Busfahrer?«
   »So sieht’s aus.«
   Die Ampel sprang um. Christopher bog hinter den Verdächtigen ab und befand sich auf einer viel befahrenen Straße.
   Hier würde es leichter sein, am Dacia dranzubleiben. Trotzdem musste er aufpassen, das Fahrzeug nicht an einer Ampel oder beim Abbiegen aus den Augen zu verlieren.
   »Der Mann könnte die Aktion problemlos vom Bus aus übers Handy koordinieren«, gab er zu bedenken. »Allerdings wäre es ein ziemlicher Aufwand, um an mehr Kohle zu kommen.«
   Martin gab einen zustimmenden Laut von sich. »Ich beobachte ihn weiter. Bleib du am Wagen dran.«
   »Jacobi hat das Kennzeichen notiert. Kannst du es überprüfen?«
   »Schwierig. Mein Kontakt ist im Winterurlaub. Kannst du deine Beziehungen zur Polizei spielen lassen?«
   »Kommissar von Evert hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass er kein Auskunftsbüro ist.« Nach Monaten der Funkstille wäre die Frage nach einem Fahrzeughalter ein denkbar schlechter Neueinstieg.
   Obwohl er gern wüsste, wie es Felix von Evert ging. Er mochte den Mann. Sie teilten ein gefährliches Geheimnis. Vielleicht hatten sie deshalb den Kontakt einschlafen lassen.
   »Gib mir das Kennzeichen. Ich sehe, was ich machen kann.«
   Jacobi las die Buchstaben und Ziffern laut vom Notizblock ab und fügte den Fahrzeugtyp hinzu.
   Sicherheitshalber wiederholte Martin alles. »Lass mich wissen, wohin die Männer gefahren sind. Und Topher …«
   »Keine Risiken eingehen«, vollendete er den Satz.
   »Irgendwie kann ich dir das nicht oft genug sagen.« Nach diesen Worten legte sein Chef auf.
   Jacobi runzelte die Stirn. »Was meint Martin damit?«
   »Gar nichts«, wiegelte Christopher ab. »Kleiner Scherz.«
   Vor ihnen fuhr der dunkelgrüne Dacia auf eine Brücke zu. Sie folgten dem Verkehrsstrom hoch über die Häuser und rauschten kurz darauf über die Nordkanalstraße.
   Beim Berliner Tor verlor Christopher den Anschluss. Verzweifelt beobachtete er, wie der anderen Wagen bei Gelb über die unübersichtliche Kreuzung sauste. Er bremste scharf ab, um nicht bei Rot weiterzufahren.
   Jacobi richtete sich im Beifahrersitz auf, reckte den Hals.
   »Ich sehe ihn! Er wartet an der nächsten Ampel.«
   Christopher lockerte den Griff ums Lenkrad. Ruhe bewahren!
   Sobald die Ampel auf Grün umsprang, gab er Gas. Während Jacobi das andere Fahrzeug im Auge behielt, arbeitete er sich Spurwechsel für Spurwechsel näher heran.
   »Kann man dich eigentlich stundenweise mieten?«, fragte er Jacobi.
   Der grinste. »Kommt auf die Bezahlung an.«
   »Die ist echt mies.«
   Sie lachten. Mehr vor Erleichterung, als über den Scherz.
   Die Fahrt ging weiter nach Osten. Über die Eiffe-Straße und die Bergedorfer Straße. Hinweisschilder zur A 1 tauchten auf.
   »Wo wollen die hin?«, fragte Jacobi verwundert.
   »Keine Ahnung.«
   Sie fuhren über eine Brücke, die die mehrspurige A 1 überspannte. Endlich setzte ihr Vordermann den Blinker und bog in eine Seitenstraße ein. Die verlief erst parallel zur Bergedorfer Straße, schließlich in einem Tunnel darunter hindurch und nach Norden. Hinter kahlen Bäumen ragten hohe Gebäude auf. Links erstreckte sich ein Wohnblock fast über die gesamte Länge des Straßenabschnitts.
   Jacobi blickte sich ratlos um. »Wo sind wir?«
   Christopher überlegte. In dieser Gegend war er noch nie gewesen. Aber geografisch …
   »Ich glaube, in Mümmelmannsberg.«
   »Oh. Wie schön. Bist du sicher?«
   »Ziemlich.«
   Er folgte dem Konvoi der Fahrzeuge in einen Kreisverkehr und verließ das Rund wie alle anderen an der zweiten Ausfahrt.
   »Hätte nicht gedacht, dass ich mal hierherkommen würde«, bemerkte Jacobi mit sichtlichem Unbehagen.
   »Dieser Job erweitert den Horizont ungemein.« Christophers Bemerkung war ernst gemeint.
   Er erinnerte sich lebhaft an die verächtlichen Kommentare seines Vaters über kriminelle Arbeitslose, die in den Betonburgen von Mümmelmannsberg hausen und ihr Leben vertun. Bildungsferne Schichten, ohne Aussicht auf Karriere. Hartz-IV-Empfänger, die neue Hartz-IV-Empfänger hervorbrachten.
   Weisheiten wie diese verkündete sein Erzeuger gern in Nobelrestaurants. Bei einem guten Glas Wein und mit einer Überheblichkeit, die einen zur Weißglut treiben konnte.
   Natürlich mied sein Vater Mümmelmannsberg wie die Pest. Meinungsbildung aus der Tageszeitung.
   Drei Fahrzeuge vor ihnen bog der dunkelgrüne Dacia plötzlich schwungvoll auf den Parkplatz einer Ladenzeile ein.
   Christopher verspürte einen Stich von Panik. Bis er eine Lücke am Straßenrand entdeckte. Er blinkte und lenkte den Golf hinein.
   Der Beobachter und der Fahrer stiegen aus. Sie gingen zu einer Billardhalle, die zwischen einer Drogerie und einem Supermarkt lag. Der Beobachter verdeckte den Fahrer fast vollständig. Lediglich eine helle Hose war zu sehen.
   »Und nun?«, erkundigte sich Jacobi.
   Gute Frage. Sollte er den Männern folgen?
   Falls sie ihren Auftraggeber trafen, könnte er die Ermittlungen heute abschließen.
   Wollten sie nach getaner Arbeit bloß bei einer Runde Billard entspannen, sähe er zumindest ihre Gesichter.
   Er löste seinen Sicherheitsgurt. »Nun muss ich dringend auf die Toilette.«
   Jacobi musterte ihn verwirrt. Endlich verstand er.
   »Ist das nicht zu riskant? Ich will keine Vorurteile schüren, aber in dieser Gegend in eine Billardhalle zu marschieren, um wildfremde Leute auszuspionieren …«
   »Ich bin vorsichtig.«
   »Und wenn dich der Typ beim Restaurant gesehen hat? Er könnte dich wiedererkennen.«
   Ein guter Einwand. Christophers Blick wanderte zur Billardhalle und zurück zu seinem besten Freund.
   Der hob fragend die Augenbrauen.
   »Gib mir deine Jacke und die Mütze.«
   Jacobis blaue Daunenjacke unterschied sich deutlich von seiner längeren, schwarzen Kapuzenjacke.
   »Meinetwegen. Aber pass auf, die ist nagelneu.«
   »Ich werde versuchen, nicht zu bluten.«
   »Haha.«
   Sie tauschten die Kleidungsstücke. Die graue Wollmütze verdeckte einigermaßen seine roten Haare.
   »Setz dich ans Steuer.« Er nahm sein Smartphone aus der Freisprechanlage. »Falls wir schnell abhauen müssen.«
   »Allmählich verstehe ich, was Martin vorhin gemeint hat.«
   »Ich bin vorsichtig, versprochen.«
   Er ließ ein Auto vorbeifahren und stieg aus. Die Hände in den Jackentaschen vergraben, den Kopf gegen den kalten Wind gesenkt, joggte er zur Ladenzeile.
   Große Fenster gewährte einen Blick ins Innere der Billardhalle. Links vom Eingang saß ein Mann hinter einem Empfangstresen und blätterte in einer Zeitschrift. Neben dem Tresen standen ein Kühlschrank und zwei Automaten für Heißgetränke und Süßigkeiten. Davor Bistrotische und Hocker. Die Billardtische befanden sich weiter hinten in dem lang gezogenen Raum.
   Bei seinem Eintreten wandte der Mann am Tresen den Kopf. Er war Anfang dreißig, hatte schwarze Haare, blaue Augen und ein offenes, sympathisches Gesicht.
   »Hi. Willst du ’ne Runde spielen?«
   »Moin. Äh, nein.« Christopher bemühte sich, verlegen zu wirken. »Ist mir echt unangenehm, aber darf ich eure Toilette benutzen? Ich muss gleich auf die Autobahn und die Fahrt ist ziemlich lang. Ich bezahle auch dafür.«
   Aus den Augenwinkeln sah er zwei ältere Männer, die an einem der Billardtische standen und Bier tranken. Dahinter umringte eine Gruppe junger Männer einen Kickertisch.
   »Kein Problem.« Sein Gegenüber deutete mit einer Kopfbewegung in den Raum. «Rechts um die Ecke. Ist umsonst.«
   »Super, vielen Dank!«
   Um keine Zweifel an der Dringlichkeit seines Anliegens aufkommen zu lassen, ging er zügig auf die Billardtische zu.
   Die Biertrinker musterten ihn interessiert.
   Die Gruppe am Kickertisch war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihn zu beachten. Vier der sechs jungen Männer lieferten sich ein verbissenes Duell. Begleitet von Flüchen und derben Sprüchen ließen sie mit ruckartigen Bewegungen die kleinen Plastikfußballer kreisen und hämmerten den Ball über das Spielfeld.
   Beim Anblick des fünften Mannes verspürte Christopher ein Kribbeln der Euphorie.
   Der Beobachter!
   Er hatte die Jacke ausgezogen und die Kappe abgenommen. Seine Haare waren braun, die Gesichtszüge kantig. Unter seinem Longsleeve zeichneten sich beeindruckende Armmuskeln ab.
   Neben ihm saß auf einem Barhocker ein schlanker, blonder Mann in einer hellen Hose und dunklem Pullover.
   Das musste der Fahrer sein. Er war Mitte oder Ende zwanzig, mit weichen Gesichtszügen. Obwohl er das Spiel am Kickertisch verfolgte, wirkte er abwesend.
   Christopher entdeckte die Tür mit dem WC-Schild und öffnete sie. Vom Korridor dahinter gingen vier weitere Türen mit Schildern ab. Links lagen die Toiletten, rechts ein Büro und ein Lagerraum.
   Er betrat die Herrentoilette und verschwand in einer der Kabinen. Rasch schrieb er Jacobi eine SMS.
   Bin auf dem Klo. Gib mir Bescheid, falls sie rauskommen.
   Die Bestätigung war ein hochgereckter Daumen.
   Angespannt wartete er, bis eine angemessene Zeit verstrichen war. Schließlich verließ er die Toilette und kehrte zurück in die Billardhalle. Das Fußballduell war weiterhin in vollem Gang. Nach ein paar Schritten hielt er inne und lehnte sich dem Kickertisch gegenüber an die Wand. Er holte sein Smartphone hervor, tat, als würde er eine Nachricht lesen. Stattdessen schaltete er die Kamera ein.
   Niemand aus der Sechsergruppe beachtete ihn, während er das Gerät ausrichtete. Er zoomte näher heran und machte eine Reihe von Aufnahmen. Den blonden Fahrer und zwei der anderen erwischte er lediglich im Profil. Schließlich steckte er das Smartphone ein. Ohne die Gruppe eines Blickes zu würdigen, ging er zurück zum Empfangstresen. Dort lud gerade ein Pizzabote eine Reihe von Kartons ab.
   »Hey, Leute«, rief der Mann hinterm Empfangstresen quer durch den Raum. »Mittagessen ist da.«
   Christopher blickte wie beiläufig über die Schulter.
   Der blonde Fahrer setzte sich in Bewegung.
   Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie einen Schokoriegel aus dem Süßigkeitenautomaten zu ziehen. Um den Fahrer aus der Nähe zu sehen. Doch das Risiko, später wiedererkannt zu werden, erschien ihm zu groß.
   Also verließ er die Billardhalle.
   »Hast du was herausgefunden?«, erkundigte sich Jacobi aufgeregt, sobald er auf dem Beifahrersitz saß.
   »Ich habe Fotos.«
   Jacobi betrachtete die Aufnahmen. »Ich hätte mir vor Angst in die Hose gemacht.«
   »Irgendwas passt nicht zusammen.« Christopher blickte nachdenklich zur Billardhalle.
   »Was meinst du?«
   »Keine Ahnung. Nur so ein Gefühl.«
   Er nahm das Smartphone und verschickte die Fotos an Martin. Mit der Bitte, sie an Karin Neudorf weiterzuleiten.
   »Was machen wir jetzt?«, wollte Jacobi wissen.
   »Wir warten.«
   In der folgenden halben Stunde passierte nichts.
   Sie tauschten die Jacken und beobachteten die Billardhalle. Der Verkehr auf der Hauptstraße nahm stetig zu.
   Der Parkplatz vor der Ladenzeile füllte sich allmählich mit Fahrzeugen. Die meisten Leute kauften in der Drogerie und im Supermarkt ein; einige in einem Ramschladen für Haushaltswaren und Dekoartikel. Unmengen von Einkaufstüten verschwanden in Kofferräumen. Man konnte meinen, morgen bräche der Notstand aus. Christopher erwog einen Positionswechsel. Irgendwann würde auffallen, dass ihr Wagen noch an derselben Stelle stand.
   »Ich glaube, ich überlege mir das mit der Kündigung«, brach Jacobi die Stille. »Diese Observierungen sind echt öde.«
   Durch die Arbeit für die Spedition war er an ein ganz anderes Stresslevel gewöhnt. An hektischen Tagen führte Cobi in einer halben Stunde ein Dutzend Telefonate und schrieb nebenbei dieselbe Anzahl an E-Mails.
   Wie um ihn eines Besseren zu belehren, trat der blonde Fahrer aus der Billardhalle. Über der Schulter trug er eine Kameratasche. Allerdings stieg er nicht in den grünen Dacia, sondern ging über den Parkplatz. Nach wenigen Metern bog er rechts in eine Seitenstraße ab.
   Christopher öffnete die Beifahrertür.
   »Ich folge ihm. Behalte die Billardhalle im Auge. Ruf mich an, falls sich was tut. Ich melde mich, falls ich dich brauche.«
   Sein Freund nickte, überrumpelt von der plötzlichen Aktivität. Christopher stieg aus und lief zur nächsten Straßenecke.
   Der Fahrer ging ein Stück voraus. Gut so. Außer ihnen war niemand zu Fuß unterwegs und er wollte nicht auffallen. Er klappte die Kapuze hoch und passte sein Schritttempo dem des anderen Mannes an. Bald bog der Blonde links ab. Einige Minuten später wandte er sich nach rechts.
   Sie befanden sich nun in einer ruhigen Wohngegend. Die Straße war zu beiden Seiten von vier- und fünfstöckigen Gebäuden gesäumt, zumeist rostrote Klinkerbauten mit weißen Fensterrahmen. Hinter zahlreichen Scheiben blinkte Weihnachtsbeleuchtung. Es sah hübsch aus, wenn auch gleichförmig. Ihm fiel die Stille auf. Keine Passanten, keine fahrenden Autos, keine spielenden Kinder.
   Der Blonde folgte dem Verlauf der Straße, die einen weiten Bogen beschrieb. Unvermittelt wandte er sich nach rechts und verschwand zwischen den Häusern.
   Innerlich fluchte Christopher. Er lief los. Erreichte die Stelle, an der der Mann verschwunden war.
   Blickte sich suchend um.
   Zwischen den Häusern gab es einen Durchgang.
   Nach kurzem Zögern folgte er dem gepflasterten Weg zur Rückseite des Wohnblocks. Er fand keinen engen, dunklen Innenhof vor, wie er es erwartete. Stattdessen erstreckte sich vor ihm eine großzügig angelegte, von Bäumen und Sträuchern gesäumte Rasenfläche.
   Keine Spur von dem Fahrer.
   Langsam ging er weiter. Die rückwärtigen Hauseingänge waren nicht in einer Linie angeordnet. Einige lagen nach hinten versetzt, es gab Ecken und Winkel, in denen man sich verbergen konnte.
   Er blieb stehen, sah sich unschlüssig um.
   Plötzlich ein Geräusch. Irgendwo vor ihm. Es klang wie ein Schlüsselbund, der zu Boden fiel.
   Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er schlich weiter.
   Sah vorsichtig um die nächste Ecke.
   Wenige Meter entfernt verschwand eine Person in schwarzer Jacke und heller Hose in einem Hauseingang. Er wartete ab. Wollte sicher sein, dass der Mann nicht wieder aus dem Gebäude kam. Schließlich trat er näher. Schmierereien bedeckten das Klingelbrett. Die Namen der Bewohner standen auf vorgedruckten Schildern, von denen einige übermalt waren. Er machte ein Foto und speicherte den Straßennamen und die Hausnummer in seinem Smartphone.
   Damit besaß er Bilder der Verdächtigen und kannte das Kennzeichen und die Adresse des Fahrers. Keine schlechte Ausbeute für einen Tag.
   Sein Smartphone vibrierte.
   »Gerade sind zwei Typen aus der Billardhalle gekommen«, berichtete Jacobi. »Die stehen neben dem grünen Wagen und rauchen. Sieht aus, als würden sie auf jemanden warten.«
   »Ich bin dem Fahrer bis zu seiner Wohnung gefolgt. Vielleicht will er nur die Kameratasche abladen und kommt danach zurück.«
   »Mach dich lieber unsichtbar!«
   »Bin dabei.« Mit dem Smartphone am Ohr ging Christopher zum gepflasterten Weg zurück. Er trat aus dem Durchgang und sah sich nach einem Versteck um. Hauseingänge bargen stets das Risiko, von einem Anwohner überrascht zu werden.
   Auf der anderen Straßenseite stand ein Wohnmobil.
   Vielleicht dort.
   »Einer von denen hat eben eine Nachricht bekommen«, informierte ihn Jacobi.
   Christopher blickte über die Schulter zum Durchgang. »Ich melde mich wieder.« Er legte auf und ging auf dem gepflasterten Weg zurück, bis er die Rückseite des Wohnblocks einsehen konnte. Im Schutz des Gebäudes wartete er ab.
   Kurze Zeit später erschien der Fahrer.
   Christopher verließ sein Versteck, huschte aus dem Durchgang und machte sich auf den Rückweg zur Billardhalle.
   Als er sich an der nächsten Straßenecke unauffällig umsah, entdeckte er den Blonden ein Stück hinter sich.
   Zufrieden ging er weiter. Es gab mehr als eine Methode, jemanden zu beschatten.
   Kurz bevor sie den Parkplatz erreichten, rief er Jacobi an. »Ich bin gleich da. Wie sieht es vor der Billardhalle aus?«
   »Die sind mittlerweile zu dritt. Planen wohl einen Gruppenausflug.«
   »Ich habe den Fahrer im Schlepptau. Sobald die eingestiegen sind …« Christopher stockte. Inzwischen konnte er den Parkplatz einsehen. Eine der Personen, die neben dem Dacia standen, war der freundliche junge Mann vom Tresen.
   »Mist.« Er hielt inne und wandte dem Parkplatz den Rücken zu.
   »Was ist los?«
   »Mit einem von denen habe ich mich unterhalten. Wenn er mich wiedererkennt, könnte es problematisch werden.« Denn Christopher sollte inzwischen auf der Autobahn fahren.
   »Und jetzt?«
   »Werden wir sie wahrscheinlich verlieren.«
   Er sah den Blonden näherkommen und wechselte die Straßenseite.
   »Soll ich dem Wagen folgen?« Jacobi klang leicht überfordert.
   »Nein. Lass uns abwarten, was passiert. Bis gleich.«
   Er beendete das Gespräch und beobachtete das Geschehen auf dem Parkplatz.
   Der Blonde wurde von den Wartenden begrüßt. Nach einem kurzen Wortwechsel stieg er zusammen mit dem Beobachter und einem Dritten in den Dacia ein. Der junge Mann vom Tresen wartete, bis das Fahrzeug auf die Hauptstraße eingebogen war. Danach verschwand er in der Billardhalle.
   Christopher blickte dem davonfahrenden Wagen nach.
   Mist. Aber gut, bis zu diesem Zeitpunkt war der Tag äußerst erfolgreich verlaufen. Er ging zum Golf zurück.
   Sobald er auf dem Beifahrersitz saß, bedachte Jacobi ihn mit einem entschuldigenden Blick.
   Er lächelte. »Keine Sorge, die kriegen wir. Ich weiß, wo der Fahrer wohnt, und Martin kann über das Kennzeichen seinen Namen herausfinden. Alles wunderbar.«
   Christopher brachte seinen Chef telefonisch auf den neuesten Stand und beendete die Überwachung.
   Jacobi lenkte den Golf zurück zur Innenstadt.
   Martin hatte mit Karin Neudorf bereits einen Gesprächstermin für den morgigen Vormittag vereinbart. Ein Privatdetektiv kannte keine Wochenenden.
   Da er den Wagen am nächsten Tag brauchte, fuhren sie zum Hamburger Berg. Jacobi fand einen Parkplatz in einer Seitenstraße, stellte den Motor ab und blieb einige Momente schweigend sitzen. Schließlich wandte er den Kopf.
   »Das war ein cooler Tag. Der Job ist eindeutig nichts für mich, aber zu dir passt er perfekt. Hat Spaß gemacht, dich in deinem Element zu sehen.«
   Christopher grinste. »Danke.«
   »Halt mich auf dem Laufenden. Ich will wissen, ob ihr die Typen erwischt.«
   »Geht klar.«
   Sie stiegen aus und verabschiedeten sich mit einem Handschlag und einer Umarmung. Er sah seinem Freund nach und fühlte sich voller Energie. Den heutigen Abend wollte er auf keinen Fall allein verbringen. Deshalb war sein Ziel nicht seine Wohnung, sondern die Zweite Hand.
   Romy arbeitete freitags gewöhnlich bis zwanzig Uhr.
   Er setzte all seinen Charme bei Irma ein und schaffte es, sie eine Stunde früher loszueisen.
   Er holte Romy pünktlich ab und entführte sie nach Altona, ins Restaurant seines Stiefvaters. Obwohl sämtliche Tische im Cinque Terre besetzt oder reserviert waren, brachte sie einer der Kellner mit einem verschwörerischen Augenzwinkern zu einem Zweiertisch am Fenster. Henry kam sogar aus der Küche, um sie zu begrüßen. Er mochte Romy sehr und freute sich, für eine echte Italienerin kochen zu dürfen. Das Essen schmeckte hervorragend und es gelang Christopher, nicht ständig zu überprüfen, ob die anderen Gäste zufrieden wirkten. Nach dem Hauptgang wurde ihnen anstatt der Rechnung von Jasmin ein leckeres Dessert serviert. Ein wunderschöner Abend, den er perfekt abschließen wollte.
   Sie fuhren zurück nach St. Pauli und gingen auf das Heiligengeistfeld. Für eine Fahrt im Riesenrad, ehe der Winterdom seine Zelte abbrach.
   Das Wetter war auf ihrer Seite. Zwischen den Wolken funkelten vereinzelte Sterne. Romy hielt seine Hand und sah fasziniert auf die erleuchtete Stadt hinab.
   Er bestaunte hingegen seine wunderschöne Freundin.
   Nach der Fahrt schlenderten sie trotz der Kälte über den Dom und genossen die Atmosphäre. Das Dröhnen der Musik, den Duft von gebrannten Mandeln, die Stimmen der Losverkäufer, die im Stakkato »Gewinne, Gewinne, Gewinne« anpriesen, das Kreischen der Fahrgäste, die in den schnellen Fahrgeschäften herumgewirbelt wurden.
   Schließlich war es Zeit für das Feuerwerk. Sie fanden einen Platz in der Menge und verfolgten staunend das farbenfrohe, lautstarke Spektakel. Christopher hielt Romy fest im Arm und fühlte sich glücklicher als je zuvor in seinem Leben.

Kapitel 4

Am Samstagmorgen saßen Christopher und Martin im Besprechungszimmer der Detektei und sichtete ein letztes Mal die Fotos vom Vortag. Auf Martins Notizblock stand in krakeliger Handschrift der Name David Kepler. Der Besitzer des dunkelgrünen Dacia. Trotz Winterurlaubs hatte der Polizeikontakt ausgeholfen.
   Der Name Kepler fand sich ebenfalls auf dem Foto vom Klingelbrett wieder.
   Dem Busfahrer war Martin gestern bis zu einem Wohnhaus in Lurup gefolgt. Anschließend hatte er alle Bilder und Informationen an Karin Neudorf geschickt.
   Um Punkt zehn Uhr aktivierte Martin seinen Skype-Account und wählte den Decknamen, unter dem ihre Klientin angemeldet war. Ein zweites persönliches Treffen hielt er für zu riskant. Der Beobachter könnte Verdacht schöpfen. Die Verbindung wurde hergestellt.
   Karin Neudorf blickte ihnen perfekt frisiert und geschminkt entgegen. Trotzdem wirkte sie übernächtigt. Vielleicht lag es auch an der weißen Wand in ihrem Rücken.
   Von welchem Ort aus sie wohl dieses Gespräch führte?
   »Guten Morgen, Frau Neudorf«, begann Martin.
   »Guten Morgen, Herr Kleemeyer. Herr Diecks.« Ihr Blick ruhte etwas länger auf Christopher.
   Er nickte ihr zu. »Guten Morgen.«
   »Konnten Sie die Fotos sichten?«, erkundigte sich sein Chef.
   »Ja.« Sie hielt inne. Die Spannung stieg. »Ich habe keinen der Männer wiedererkannt.«
   Sie wirkte so enttäuscht, wie sich Christopher fühlte.
   Martins Schultern sackten nach unten. »Wirklich nicht?«
   »Ich werde kaum das Gesicht des Mannes vergessen, der mich auf diese furchtbare Weise gedemütigt hat.«
   »Was ist mit David Kepler?«, hakte Christopher nach.
   »Den Namen habe ich nie zuvor gehört.«
   »Sind Sie absolut sicher, dass ihr Mann nichts von der Affäre weiß? Könnte er ein Telefonat belauscht haben oder eine SMS gelesen? Oder eine E-Mail?«
   Schwelte erst ein Verdacht, überschritten manche Menschen jede Grenze, um die Wahrheit herauszufinden.
   Karin Neudorf bekam wieder diesen verkniffenen Gesichtsausdruck. »Ich weiß es nicht.«
   Martin räusperte sich. »Wir sind trotzdem einen Schritt weitergekommen. Herr Diecks und ich setzen die Ermittlungen fort. Sollte Ihnen irgendetwas auffallen oder einfallen, gleichgültig, wie unbedeutend es erscheint, sind wir jederzeit für Sie erreichbar. Falls der Erpresser persönlich mit Ihnen in Kontakt tritt, geben Sie uns bitte sofort Bescheid. Abgesehen davon, empfehle ich Ihnen, Ihrem Alltag zu folgen. Ihr Leben dreht sich nicht nur um diesen Mann. Blicken Sie nach vorn. Wir kommen der Sache gewiss auf die Spur.«
   Karin Neudorfs Augen bekamen einen feuchten Glanz.
   »Danke, Herr Kleemeyer.«
   »Wie sieht Ihre Planung für das Wochenende aus?«
   »Ich arbeite heute bis mittags im Büro. Den Rest des Tages verbringe ich mit meinem Sohn. Wilhelm hat sich zu einem spontanen Besuch angekündigt. Wir werden einige Weihnachtsmärkte besuchen. Für den Abend habe ich einen Tisch in einem Restaurant in der Innenstadt reserviert. Morgen fahren wir nach Lübeck, um uns dort die Märkte anzusehen.«
   Martin notierte den Namen des Restaurants und die Uhrzeit der Reservierung. Hinterher besprach er mit Karin Neudorf, auf welchem Weihnachtsmarkt sie den morgigen Ausflug mit ihrem Sohn beginnen sollte. Es würde schwierig werden, in der Menge einen Beobachter zu entdecken. Die Märkte waren bei Hamburgern und Touristen gleichermaßen beliebt. Kurz vor Weihnachten drängten sich außerdem die Geschenkejäger in der Innenstadt.
   »Ich denke nicht, dass wir Sie am Sonntag nach Lübeck begleiten werden. Welche Termine haben Sie für die nächste Woche geplant?«
   »Montag früh fliege ich geschäftlich nach München. Am Abend reise ich weiter nach Köln. Der Rückflug nach Hamburg ist für Mittwochmorgen gebucht.«
   »Können wir Sie während der Reise erreichen?«
   »Tagsüber wird es schwierig sein. Im absoluten Notfall kontaktieren Sie bitte meine Assistentin Frieda Hessland. Sie wird mir eine Nachricht zukommen lassen. Seien Sie auf jeden Fall diskret!«
   »Selbstverständlich. Wollen wir ein Codewort oder einen Codenamen vereinbaren?«
   Karin Neudorf überlegte. »Sagen Sie, es handle sich um ein neues Projekt in Fulda. Ein Hotel am Hauptbahnhof. Ich informiere Frieda, dass sich möglicherweise jemand bei ihr meldet.«
   »Einverstanden. Wir werden den Namen Thomsen verwenden.«

Nach dem Gespräch herrschte zunächst nachdenkliches Schweigen im Besprechungszimmer.
   »Irgendetwas passt nicht zusammen.« Christophers Bauchgefühl sendete eindeutige Signale. Entweder übersahen sie ein Detail oder ihnen fehlten wichtige Informationen.
   Martin nickte. »Ich übernehme für heute die Observierung der Neudorfs. Unser diebischer Lagerist und seine Komplizen haben bisher nie am Wochenende zugeschlagen. Wir können Herrn Heinze wohl eine Weile sich selbst überlassen.«
   »Kann Tara nicht aushelfen?«
   »Leider nein. An Wochenenden steht sie aus privaten Gründen nicht zur Verfügung.«
   »Henry hat mich für die Spätschicht eingeteilt. Bis fünfzehn Uhr kann ich David Kepler beschatten, danach muss ich los.«
   »In Ordnung. Idealerweise führen nachher alle Pfade auf einem der Weihnachtsmärkte zusammen. In dem Fall können wir entscheiden, ob wir in die Offensive gehen und die Männer konfrontieren.«
   »Die beiden sind garantiert keine Privatdetektive.«
   »Zumindest besitzt dieser David Kepler keine Lizenz.«
   Sein erstaunter Gesichtsausdruck entlockte Martin ein Lächeln. »Mein Kontakt kann mehr, als die Namen von Fahrzeughaltern feststellen.«
   »Vielleicht unterstützen sie einen Privatdetektiv. Soll bekanntlich vorkommen.«
   »Fürchtest du Konkurrenz?«
   »Von den beiden?«
   »Diese Bescheidenheit!«
   Christopher schob grinsend seinen Stuhl zurück. »Ich mache mich auf den Weg.«
   Martin erhob sich ebenfalls. »Andi ist ab Montag wieder einsatzbereit. Die Lage sollte sich also entspannen. Nach diesem Fall kannst du gern einige Tage freinehmen.«
   »Ist nicht nötig.«
   »Du hast dir eine Pause verdient. Sonst muss ich dir bei all den Überstunden demnächst einen Vollzeitvertrag anbieten.«
   »Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst.«
   Sein Chef lachte. »Abwarten.«
   Während Christopher im Golf in Richtung Mümmelmannsberg fuhr, dachte er über Martins Anmerkung mit dem Vollzeitvertrag nach. Erstaunlicherweise versetzte ihn die Vorstellung nicht in Euphorie. Im Gegenteil verspürte er einen seltsamen Widerwillen. Dabei wäre eine Vollzeitstelle die Anerkennung, die er sich sehnlichst wünschte.
   Oder von der er geglaubt hatte, sie sich zu wünschen.
   Was störte ihn auf einmal daran?
   Bevor er der Frage auf den Grund gehen konnte, erreichte er die Autobahnbrücke, über die Jacobi und er am Vortag gefahren waren. Hinter der Brücke bog er ab, fuhr unter der Bergedorfer Straße hindurch und folgte dem Verlauf der Kandinskyallee durch den Kreisverkehr.
   Bald kam er zu der Ladenzeile, in der die Billardhalle lag. Im Vorbeifahren hielt er nach dem grünen Dacia Ausschau. Keine Spur von dem Fahrzeug.
   Also bog er in die nächste Seitenstraße und fuhr die Strecke ab, die er gestern zu Fuß gegangen war.
   Auf der rechten Straßenseite tauchte der Häuserblock auf, in dem David Kepler wohnte.
   Er setzte den Blinker und suchte vergeblich nach einer Parklücke. Die Fahrzeuge standen dicht an dicht.
   Im Schritttempo fuhr er an dem Durchgang vorbei, der zur Rückseite des Wohnblocks führte, und entdeckte den Dacia.
   David Kepler war anscheinend zu Hause. Er wollte gerade wenden, um sein Glück am anderen Ende der Straße zu versuchen, als vor ihm eine Frau zielstrebig auf eines der geparkten Autos zuging. Er wartete, bis sie davongefahren war, und parkte ein. Nach einer Statusmeldung an Martin stieg er aus.
   Mittlerweile rieselten winzige Schneeflöckchen vom Himmel. Sie legten sich wie ein feiner Film auf die Gehwegplatten. Zum Glück trug er Winterstiefel mit gutem Profil. Er zog sich die Kapuze über den Kopf und ging zum Durchgang. Einige Fenster in den umliegenden Häusern waren erhellt. Hier und da blinkte Weihnachtsbeleuchtung.
   Stille umgab ihn.
   Jedenfalls bis er zur Rückseite des Wohnblocks kam.
   In einer der Wohnungen fand ein lautstarker Streit zwischen einem Mann und einer Frau statt, an dem die ganze Nachbarschaft teilhaben durfte.
   Jenseits der Rasenfläche und der kahlen Bäume standen keine Häuser mehr. Stattdessen Wiesen und Felder; weite Landschaft, über der stahlgraue Wolken hingen.
   Nirgendwo eine Möglichkeit, sich zu verbergen.
   Langsam ging er weiter.
   Die vormals unverständlichen Worte der Streitenden wurden deutlicher. Es ging um Geld. Um Mietrückstände und Schulden.
   Je näher er dem Haus kam, in dem David Kepler wohnte, desto lauter wurden die Stimmen.
   Den nächsten Satz der Frau, abgefeuert wie ein Torpedo, hörte er ganz klar: »Gerrit landet immer auf den Füßen, während du auf der Strecke bleibst!«
   »Gerry hat nichts damit zu tun!« Die Stimme des Mannes.
   »Gerry hat alles damit zu tun! Du verschwendest deine Zeit mit dieser sinnlosen Suche, anstatt dich auf den Arsch zu setzen und endlich einen vernünftigen Job zu finden! Wir sind mit der Miete im Rückstand. Das Arbeitsamt schickt ständig Briefe. Wie lange soll das weitergehen? Bis wir auf der Straße sitzen? Du hast eine Ehefrau und eine Tochter, David. Übernimm endlich Verantwortung! Gerrit braucht sich keine Sorgen zu machen. Der organisiert sich selbst vom beschissenen Knast aus einen Job!« Den letzten Satz schrie die Frau.
   Eine Zimmertür wurde zugeknallt. Ein Baby begann zu weinen.
   Christopher befand sich nun direkt vor David Keplers Hauseingang. Im ersten Stock drang durch einen Fensterspalt das schrille Weinen.
   Der Name Kepler stand auf einem der unteren Klingelschilder. Wenn die Reihenfolge der Nachnamen der Anordnung der Wohnungen entsprach, wohnte David Kepler im ersten oder zweiten Stock. Probeweise drückte er gegen die Eingangstür. Sie gab nach. Er schob die Tür weiter auf und lauschte. Das Baby war gedämpft zu hören.
   Im ersten oder zweiten Stock.
   Wenn er sich beeilte, würde er schnell wieder draußen sein.
   Er betrat das Treppenhaus. Kontrollierte zügig die Klingelschilder im Erdgeschoss und huschte hoch in den ersten Stock.
   Die Wohnung, aus der das Weinen kam, lag der Treppe schräg gegenüber. Das Türschild besaß die Form einer weißen Wolke. Zwischen bunten Punkten stand in schwarzer Schreibschrift David, Jill & Nicky Kepler.
   Volltreffer!
   Sofort trat Christopher den Rückzug an. Während er die Treppe herunterlief, überschlugen sich seine Gedanken.
   Wer war Gerrit? Welche sinnlose Suche meinte die Frau? Er zog die Eingangstür auf, im festen Vorhaben, sich irgendwo zu verstecken und das Haus zu beobachten. Über ihm wurde abermals eine Tür zugeschlagen.
   War das Geräusch aus dem ersten Stock gekommen?
   Er blickte hinauf, wich dabei zurück.
   »Vorsicht«, hörte er eine männliche Stimme hinter sich.
   Er sah sich um, setzte zu einer Entschuldigung an, und erstarrte. Wenige Meter entfernt stand der blonde Fahrer. Mit einer Einkaufstüte in der einen Hand und einer zweiten Tüte auf dem Arm.
   David Kepler.
   David Kepler?
   Nein, David war oben in der Wohnung und stritt sich mit seiner Frau!
   Christopher stand mit offenem Mund da, während er versuchte, die neuen Informationen zu verarbeiten.
   Sein Gegenüber musterte ihn irritiert. »Stimmt was nicht?«
   Die Haustür wurde geöffnet.
   Er drehte sich automatisch um. Und sah sich dem dunkelhaarigen jungen Mann aus der Billardhalle gegenüber. Der am Empfangstresen gestanden und ihm erlaubt hatte, die Toilette zu benutzen.
   Das war David Kepler!
   Er saß so was von tief in der Patsche!
   Der Dunkelhaarige musterte ihn durchdringend. »Ich kenne dich! Du warst gestern in der Billardhalle. Du bist Gerry gefolgt.« Triumphierend sah er zu dem Blonden. »Ich hab’s dir gesagt! Der Typ ist dir nachgegangen!« Seine Miene verfinsterte sich plötzlich. »Warst du in meinem Haus? Spionierst du uns hinterher?«
   Christopher hob beschwichtigend die Hände. »Ich kann …«
   David Kepler trat blitzschnell vorn. Wollte ihn packen. Reflexartig wich er seitlich aus und versetzte seinem Angreifer einen kräftigen Stoß. David Kepler prallte gegen die Hauswand, taumelte zurück.
   Christopher rannte los. Vorbei an dem Blonden, der im selben Moment die Einkaufstüten fallen ließ. Er hetzte den Weg entlang, schoss aus dem Durchgang und bog scharf nach rechts ab. Auf den rutschigen Steinplatten verlor er fast das Gleichgewicht. Er schlitterte gegen ein parkendes Fahrzeug, stieß sich ab und rannte weiter.
   Hinter sich vernahm er ein dumpfes Geräusch, gefolgt von einem lauten Fluch.
   David Kepler war ausgerutscht. Das Aufstehen würde ihn kostbare Sekunden kosten. Christopher konnte den schwarzen Golf bereits sehen.
   Gleich würde er in Sicherheit sein!
   Seine Erleichterung verwandelte sich in Entsetzen, als vor ihm plötzlich der blonde Fahrer zwischen den Gebäuden hervorkam. Sie hatten ihn in die Zange genommen!
   Verzweifelt schätzte er den Abstand zum Golf erneut ein.
   Der Blonde würde ihn vorher erwischen.
   Und David Kepler holte auf.
   Rasch vergewisserte er sich, dass die Fahrbahn frei war.
   Er rannte zwischen zwei parkenden Fahrzeugen hindurch, überquerte die Straße und lief zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
   Natürlich versuchte David Kepler, ihm den Weg abzuschneiden. Dabei rutschte er auf seinen Turnschuhen fast ein zweites Mal aus.
   Christopher zog an ihm vorbei.
   Nun saßen ihm beide Verfolger im Nacken.
   Hektisch suchte er die Umgebung nach einem Fluchtweg ab. Solange er sich im Sichtfeld der Männer befand, nützte ihm kein Versteck.
   Weiter vorn zweigte links eine Seitenstraße ab. Die würde ihn zurück zur Kandinskyallee bringen, in eine belebtere Gegend. Dort gäbe es Zeugen, falls er das Wettrennen verlor.
   Er sprintete in die Seitenstraße. Seine Lunge brannte. Sein Herz hämmerte in der Brust und die Muskeln in seinen Beinen schmerzten von der Anstrengung. Er wurde unfreiwillig langsamer. Warf einen Blick über die Schulter.
   Zuerst kam David Kepler um die Ecke. Humpelnd, das Gesicht verzerrt, die rechte Wange blutverschmiert.
   Wenn der Typ ihn erwischte, war er geliefert!
   An der nächsten Straßenecke stand ein Transporter halb auf dem Gehweg. Daneben drei Männer und ein Sammelsurium von Lampen, Stühlen und Plastikkisten. Ein Umzug.
   Christopher überlegte, ob er weiterlaufen oder um Hilfe bitten sollte.
   »Hey! Olli!«, brüllte David Kepler hinter ihm. »Haltet den Typ fest!«
   Einer der drei Männer blickte sich um.
   »Haltet den Scheißkerl auf!«
   Sofort verstellte der Angesprochene Christopher den Weg.
   Als er ausweichen wollte, trat einer der anderen Männer auf die Fahrbahn. Er breitete die Arme aus, als wollte er ein flüchtendes Rind aufhalten. Der Blonde wechselte die Straßenseite und lief nun rechts von ihm.
   Es gab keinen Ausweg mehr.
   Christopher blieb stehen, schwitzend und keuchend vor Anstrengung. Obwohl er nichts dringender brauchte als Sauerstoff, schnürte ihm die Furcht die Kehle zu.
   Wie sollte er sich gegen fünf Angreifer verteidigen?
   Sie würden ihn krankenhausreif prügeln!
   Plötzlich spürte er eine Präsenz hinter sich. Er fuhr herum, entdeckte David Kepler und schrak zurück. Allein deshalb traf ihn der Faustschlag mit weniger Wucht im Gesicht.
   Der Schmerz ließ ihn trotzdem Sterne sehen. Ein zweiter Schlag traf ihn in den Magen. Diesmal mit voller Kraft.
   Er brach zusammen. Blieb gekrümmt liegen und kämpfte würgend gegen den Brechreiz an. Seine linke Wange brannte wie Feuer. Pochender Schmerz wogte über sein Gesicht. Jemand packte ihn am Kragen, zerrte ihn hoch.
   Voller Panik hob er die Arme vors Gesicht, um sich vor dem nächsten Schlag zu schützen.
   »Stopp!«, befahl eine männliche Stimme. »Es reicht!«
   Quälende Sekunden lang geschah nichts. Endlich wurde er losgelassen. Er sackte zurück auf den Gehweg.
   »Danke für eure Hilfe, Leute«, sagte dieselbe Stimme. »Wir haben alles im Griff.«
   »Sicher, Gerry?«
   »Ja, danke, Olli. Gut, dass ihr in der Nähe wart.«
   »Für dich immer, Mann, weißt ja. Wenn der Typ euch weiter Ärger macht …«
   »Wird er nicht.« Unter die Freundlichkeit mischte sich Anspannung. »Ist alles gut.«
   Trotz der Angst und Schmerzen wagte Christopher einen vorsichtigen Blick. Er musste einige Male blinzeln, ehe sich der verschwommene Film vor seinen Augen auflöste.
   Der Blonde, Gerry, Gerrit, stand neben ihm.
   Einige Schritte entfernt wartete David Kepler, die rechte Wange von einer blutenden Schürfwunde verunziert. Seine Jeans war am rechten Oberschenkel und Knie feucht.
   Dicht hinter Christopher standen die drei anderen Männer.
   Sie überwachten jede seiner Bewegungen. Aggressivität und Kampflust lagen in der Luft. Er fing Gerrits Blick auf. Was er in den Augen des Blonden las, bestätigte seine Befürchtung.
   Die Situation konnte jeden Moment kippen.
   »Was hat der Typ getan?«, erkundigte sich dieser Olli mit lauerndem Unterton. »Hat der was mit Nina zu tun?«
   »Nein.« Gerrits Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Sein Lächeln wirkte bemüht. »Geht um was anderes.«
   Wer war Nina?
   Christopher zuckte zusammen, als Gerrit ihm die Hand entgegenstreckte. Zögernd ergriff er sie.
   Obwohl sein Gegenüber kleiner und schlanker war, zog er ihn scheinbar mühelos auf die Beine. Beim Hochkommen vollführte sein Mageninhalt eine Reihe von Saltos. Während er schwankend gegen die Übelkeit ankämpfte, verabschiedeten sich Gerrit und die Helfer mit einem Ritual aus Händeschütteln und Schulterklopfen.
   David Kepler rührte keinen Muskel. Wie ein Wachhund fixierte er seinen Gefangenen.
   Nachdem sich die drei Männer zum Transporter zurückgezogen hatten, wandte Gerrit seine Aufmerksamkeit Christopher zu.
   Sein Gesichtsausdruck war ernst, aber nicht feindselig.
   »Wir sollten uns unterhalten.«

Kapitel 5

Gerrit nahm ihn beim Arm wie ein Polizist einen Gefangenen. Unter den aufmerksamen Blicken der Helfer überquerten sie die Straße. Mit einigem Abstand humpelte David Kepler hinter ihnen her. Er wollte wohl einen möglichen Fluchtversuch vereiteln. Christopher dachte nicht daran, zu fliehen. Er wollte herausfinden, was hier vor sich ging.
   »Wer ist Nina?« Kurz wurde der Griff um seinen Oberarm fester. »Wohin gehen wir?«
   Beharrliches Schweigen. Doch er ahnte es bereits.

Diesmal stand eine ältere Frau hinter dem Empfangstresen der Billardhalle. Sie trug eine aus der Form geratene graue Strickjacke und hatte die wasserstoffblonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Verblüfft riss sie die Augen auf, als sie die Neuankömmlinge sah.
   »Was habt ihr denn angestellt?« Ein osteuropäischer Akzent klang in ihrer Stimme mit.
   »Kleine Meinungsverschiedenheit«, wiegelte Gerrit ab. Er ließ Christopher demonstrativ los. »Alles geklärt.«
   Im Hintergrund standen die Biertrinker vom Vortag an einem der Billardtische. Sie verfolgten aufmerksam das Geschehen.
   »Keinen Ärger in meinem Laden!« Die Frau hob mahnend den Zeigefinger. »Du kennst die Regeln.«
   Gerrit lächelte. »Und ich würde sie niemals brechen.«
   »Gut so. Euer Tisch ist frei. Ich sehe mir gleich Davids Wange an.« Wie alle anderen, sprach sie den Vornamen mit langem »A« aus und nicht auf die amerikanische Weise.
   »Danke, Ljuba.«
   Sie gingen an den Biertrinkern vorbei, zu dem Kickertisch, an dem die Gruppe gestern gespielt hatte.
   Gerrit deutete auf einen der Barhocker, die aufgereiht an der Wand standen.
   Christopher nahm Platz und lehnte sich zurück, um den Druck von seinem Magen zu nehmen. Ihm war immer noch leicht übel.
   David Kepler bezog beim Kickertisch Position. Die Arme neben dem Körper, die Finger leicht geschlossen. Bereit für den nächsten Schlag.
   Gerrit flüsterte seinem grimmigen Freund etwas ins Ohr, gab ihm einen Klaps gegen die Brust und verschwand durch die Tür, hinter der die Toiletten lagen.
   Es folgte angespanntes Schweigen.
   Christopher vermied es, sein Gegenüber anzusehen. Wollte keine Angriffsfläche bieten.
   Am Empfang füllte die grellblonde Ljuba Eiswürfel aus einer großen Tüte in zwei kleinere um.
   Er hoffte, eine davon sei für ihn bestimmt. Seine linke Wange fühlte sich heiß und geschwollen an.
   Davids lädiertes Gesicht benötigte ebenfalls Kühlung. Und ein Pflaster. Die blutige Schramme sah schmerzhaft aus.
   Als könnte sie Gedanken lesen, holte Ljuba einen Erste-Hilfe-Kasten unter dem Tresen hervor.
   David sah sie näherkommen und trat rasch auf ihn zu.
   Christopher hob in einer besänftigenden Geste die Hände. »Ich will keinen Ärger, okay?«
   »Was hast du von dem Streit gehört?« Davids Stimme klang bedrohlich ruhig.
   Christopher schluckte trocken. »Ein paar Sätze.«
   »Über Gerry?«
   Er nickte.
   »Wenn du ein Wort davon in seiner Gegenwart wiederholst, breche ich dir den Hals, kapiert?«
   Er nickte erneut.
   »Keine Schlägerei!« Ljuba legte die letzten Meter mit schnellen Schritten zurück. Sie funkelte David wütend an. »Sonst fliegst du raus und jemand anders übernimmt deine Schichten!«
   David bedachte ihn mit einem warnenden Blick und trat zurück.
   »Setz dich dort hin.« Ljuba deutete auf einen der freien Hocker. David gehorchte.
   »Hier.« Sie reichte Christopher eine der mit Eiswürfeln gefüllten Plastiktüten und einige Servietten. »Ich bin Ljuba«, fügte sie freundlich hinzu.
   »Christopher.« Wenn David und Gerrit seinen Namen herausfinden wollten, brauchte sie ihm lediglich das Portemonnaie abzunehmen. »Vielen Dank.«
   Er wickelte die Tüte in die Servietten ein und hielt sie vorsichtig gegen seine lädierte Wange. Angenehme Kühle breitete sich aus.
   Henry würde sich bedanken, wenn er mit diesem Gesicht im Restaurant auftauchte! Hoffentlich hatte Jasmin ihr Schminktäschchen dabei. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie eine seiner Blessuren unter Make-up verschwinden ließ.
   Ljuba stellte den Erste-Hilfe-Koffer auf dem Kickertisch ab. Sie besprühte ein Taschentuch mit Desinfektionsmittel und betupfte damit behutsam die Schramme auf Davids Wange.
   Dabei murmelte sie Worte in einer fremden Sprache, deren Bedeutung man selbst ohne Übersetzung verstehen konnte.
   Als sie gerade ein passendes Pflaster zurechtschnitt, kam Gerrit zurück. Er trug eine Flasche Cola und drei Plastikbecher.
   »Ich bezahle die später«, sagte er an Ljuba gewandt.
   Sie nickte und drückte David Pflaster, Servietten und die zweite Tüte mit Eiswürfeln in die Hand. »Lass die Wunde an der Luft trocknen. Das Pflaster kannst du später draufkleben.« Ein strenger Blick in die Runde. »Klärt das friedlich. Ihr seid erwachsene Männer, keine Schläger!«
   Ljuba klappte den Erste-Hilfe-Koffer zu und ließ sie allein.
   Missmutig sah David ihr nach. Er wickelte die Tüte mit den Eiswürfeln in die Servietten ein und hielt sie sich gegen die Wange. Zu zweit gaben sie bestimmt ein hübsches Bild ab, wie sie so nebeneinandersaßen; jeweils mit einem Ice-Pack.
   Christopher brannten unzählige Fragen auf der Zunge. Doch er traute sich nicht, sie zu stellen. Gerrit ergriff schließlich die Initiative. Er öffnete die Colaflasche und füllte die Plastikbecher mit der sprudelnden Flüssigkeit. Den ersten reichte er Christopher, den zweiten David. Mit dem dritten Becher in der Hand lehnte er sich gegen den Kickertisch.
   »Mein Name ist Gerrit Rust, das ist David Kepler. Wie heißt du?«
   »Christopher Diecks.«
   Gerrit nahm einen Schluck Cola und setzte den Becher auf dem Rand des Kickers ab. »Wir würden sehr gern wissen, warum du mir gestern gefolgt bist und was du heute bei Davids Wohnhaus wolltest.«
   Um Zeit zu gewinnen, betrachtete Christopher die dunkle Flüssigkeit in seinem Becher. Er wollte weder die Identität seiner Klientin preisgeben noch den Auftrag. Allerdings würde er seine Fragen nicht klären können, wenn er schwieg.
   »Ich dachte, du seist David. Deshalb bin ich dir gefolgt.«
   Seine Gesprächspartner tauschten verblüffte Blicke.
   »Du fährst seinen Wagen, besitzt einen Schlüssel zu seiner Wohnung und auf dem Klingelschild steht Kepler. Was sollte ich sonst denken?«
   Der Fehler war es gewesen, kein Foto von David Kepler zu besorgen. Eine schmerzhafte Lektion, sich in Zukunft nicht auf das scheinbar Offensichtliche zu verlassen.
   »Moment.« David runzelte die Stirn. »Woher weißt du, dass es mein Wagen ist?«
   Die Antwort auf diese Frage würde ihn nicht beliebter machen. »Wir haben das Kennzeichen überprüfen lassen.«
   »Ihr habt was?« David stand abrupt auf. Dabei schwappte Cola über seine Hand. Fluchend stellte er den Becher auf dem Barhocker ab.
   Gerrit musterte Christopher durchdringend. »Erklär uns das.«
   »Ja«, knurrte David, während er sich die Hand an der Hose abtrocknete. »Bevor ich dir noch eine reinhaue.«
   »Ich bin Privatdetektiv. Ich arbeite an einem Fall.«
   David lachte ungläubig auf. »Der war gut!«
   Gerrit wirkte hingegen ehrlich interessiert.
   Also holte er eine Visitenkarte aus seinem Portemonnaie.
   Gerrit studierte die Angaben und gab die Karte an David weiter. Der sah zweifelnd zu seinem Freund hinüber.
   »Vergiss es. Der Typ wird uns nicht helfen können.«
   »Wobei helfen?«
   Die Frage wurde ignoriert.
   »Wir haben keine Kohle, um ihn zu bezahlen«, setzte David nach.
   Gerrit nahm die Visitenkarte zurück und steckte sie ein. »Wir suchen seit Wochen nach Nina. Die Polizei hat den Fall abgehakt, ihre Eltern interessiert es nicht und ihre sogenannten Freunde sind nutzlos. Wir brauchen Hilfe!«
   »Von einem Privatdetektiv? Der befragt dieselben Leute wie wir, was soll das bringen? Wir finden Nina allein.«
   »Ach, ja?« Gerrit breitete die Arme aus. »Wo denn?«
   Christopher hob die Hand mit der Eiswürfeltüte. Als würde er sich in der Schule melden.
   Die beiden verstummten.
   »Legen wir die Karten auf den Tisch. Ihr unterstützt mich bei meinem Fall und ich versuche, euch zu helfen.«
   David erkannte die Zustimmung im Blick seines Freundes und verzog das Gesicht. »Von mir aus. Fang an, Privatdetektiv.«
    Christopher nahm zuerst einen großen Schluck Cola. Um Magen und Nerven zu beruhigen. Es galt so viel wie möglich herauszufinden und dabei so wenig wie möglich preiszugeben. Er legte das Ice-Pack auf einen freien Hocker und schob die kalte Hand zum Aufwärmen unter den Oberschenkel.
   »Ihr fangt an. Wer ist Nina?«
   Gerrit missfiel es sichtlich, dass er den Spieß umdrehte.
   »Nina ist meine Cousine. Sie ist seit gut einem Monat spurlos verschwunden. David hilft mir bei der Suche nach ihr. Wir haben eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben, Ninas Freunde befragt, ihre Arbeitskollegen und die Mitbewohnerinnen ihrer WG. Abgesehen von zwei vagen Hinweisen ist nichts dabei herausgekommen.«
   »Zwei guten Hinweisen«, widersprach David.
   »Die Vermutungen einer Freundin und das Gefasel eines Junkies.«
   »Jojos Geschichte passt zu dem, was Rieke erzählt hat.«
   »Falls Rieke die Wahrheit sagt.«
   »Warum sollte sie lügen?«
   »Weil sie ziemlich viel erzählt, wenn der Tag lang ist.«
   Christopher räusperte sich vernehmlich und gewann die Aufmerksamkeit der beiden zurück. »Nina ist seit einem Monat verschwunden. Wann, wo und von wem wurde sie zuletzt gesehen?«
   Nach einer stummen Verständigung antwortete David.
   »Keine Ahnung. Laut Rieke hat sich Nina kurz vor ihrem Verschwinden von ihrem Freund Paul getrennt und was mit einem gewissen Simon angefangen. Den kennt wiederum Paul, was die Sache kompliziert machte. Rieke hat Simon ein einziges Mal getroffen. An dem Tag waren sie zu dritt am Hafen. Nina hat sie irgendwann weggeschickt, um mit Simon ungestört ein bisschen Spaß zu haben.«
   Gerrit räusperte sich vernehmlich.
   David warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. »Ich sag bloß, wie es war. Nina wollte Simon zu einer Baustelle bringen, auf der sie gelegentlich rumhängt. Am nächsten Morgen hat sie sich bei der Arbeit krankgemeldet und ist seitdem nicht mehr erschienen.«
   »Woher wisst ihr das?«
   »Nina und Rieke arbeiten im selben Supermarkt.«
   »Sind sie eng befreundet?«
   »Wohl kaum. Rieke hat Nina zwei Tage nach dem Treffen eine SMS geschickt, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Sie hat keine Antwort bekommen und sich nicht weiter darum gekümmert.«
   Das zeugte in der Tat nicht von tiefer Zuneigung. Eine echte Freundin wäre spätestens an diesem Punkt besorgt gewesen.
   Er nahm noch einen Schluck Cola. Das überzuckerte Getränk wirkte. Sein Magen beruhigte sich und sein Gehirn lief mittlerweile voll im Detektiv-Modus.
   »Zwischen dem Besuch bei der Baustelle und dem nächsten Morgen ist demnach etwas Gravierendes vorgefallen.«
   Eine verlassene Baustelle, keine Zeugen, da konnte sich ein bisschen Spaß schnell zu etwas anderem entwickeln.
   Er fing Gerrits Blick auf. Die Finsternis, die sich in den Augen seines Gegenübers widerspiegelte, war beunruhigend. Unter der ruhigen Oberfläche brodelte es gewaltig.
   »Wo liegt diese Baustelle?«, lenkte er rasch ab.
   »An der Großen Elbstraße«, antwortete David.
   »Wart ihr dort?«
   »Ich habe mich umgesehen. Falls da etwas passiert ist, wurden die Spuren durch die Bauarbeiten längst verwischt. Als Versteck taugt das Gebäude nicht. Zu viel Betrieb, zu viele Kameras.«
   »Was ist mit den Mitbewohnerinnen ihrer WG? Könnten die etwas wissen?«
   »Nina verbringt viel Zeit draußen oder bei Freunden. Sie kommt meist nur zum Schlafen nach Hause.«
   »Fehlen Sachen von ihr? Kleidung, Schuhe? Ein Rucksack oder eine Sporttasche?«
   Es wäre ein Hinweis darauf, dass es ihre eigene Entscheidung gewesen war, zu verschwinden.
   David zuckte die Achseln. »Können die Mitbewohnerinnen nicht sagen. Nina hat pünktlich ihren Mietanteil gezahlt, alles andere interessierte die beiden nicht.«
   Klasse. Worin lag der Zweck einer WG, wenn man nicht aufeinander achtete?
   »Hat dieser Simon eine Idee, wo sie sein könnte?«
   »Falls wir ihn finden, fragen wir ihn.«
   Christopher hob erstaunt die Augenbrauen. »Simon ist auch verschwunden?«
   »Wissen wir nicht«, antwortete Gerrit. »Laut Jojo hält er sich häufig beim Hauptbahnhof auf und hängt mit den Punks und Straßenkids ab. Besonders am Monatsende. Wenn ihm die Kohle für Alkohol und Drogen fehlt, schnorrt er sich das Geld von den Passanten zusammen.«
   »Sympathisch.«
   »Jojo hat ihn seit einer Weile nicht gesehen. David hat die Punks nach Simon und Nina gefragt, aber die waren wenig mitteilsam.«
   »Habt ihr ein Foto von Simon?«
   »Nein.«
   »Kennt ihr seinen Nachnamen?« Die Antwort war ein Kopfschütteln. »Was ist mit Ninas Ex, diesem Paul? Wenn Simon und er befreundet sind …«
   »Die beiden sind keine Freunde. Simon schuldet Paul anscheinend Geld. Keine Ahnung, wie viel und wofür.«
   David Kepler schnaubte verächtlich. »Paul soll ein ganz mieser Typ sein. Vertickt Drogen und Medikamente und vergibt Kredite zu horrenden Zinsen. Wer nicht zahlt, bekommt es mit seinen Schlägern zu tun. Falls Paul weiß, wo Simon steckt, wird er es uns nicht erzählen. Der will bloß seine Kohle.«
   Nina, Simon, Jojo, Paul. Informationen über Informationen. Wie hing all das mit Karin Neudorf zusammen?
   »Du hast gesagt, die Polizei hat Ninas Fall abgehakt«, wandte er sich an Gerrit.
   »Die Bullen denken, dass Nina und Simon entweder zusammen abgehauen sind oder in einem Drogenloch versackt. Denen ist Nina egal. Sie ist eine Verliererin, die durch die Maschen des Systems gefallen ist.«
   Eine herbe Anschuldigung. »Wie kommt die Polizei zu der Theorie?«
   Gerrit brach den Augenkontakt, sah auf seine Schuhe und wieder zu Christopher. »Nina hat familiäre Probleme. Sie ist früher von zu Hause weggelaufen, hat auf der Straße gelebt, geklaut und Drogen genommen. Inzwischen ist sie einigermaßen stabil, aber es fällt ihr schwer, ihr Leben zu organisieren. Sie braucht …« Er suchte nach den passenden Worten. »Unterstützung. Was sie nicht braucht, sind Typen wie Simon und Paul, die sie zurück in den Dreck ziehen!«
   »Wie alt ist Nina?«
   »Neunzehn.« Gerrit holte sein Smartphone hervor. Er strich einige Male über das Display und zeigte ihm das Foto eines hübschen Mädchens mit schwarzen, von grünen Strähnen durchzogenen Haaren, und strahlend blauen Augen.
   »Ist einige Jahre her. Nina trägt jetzt hellblaue Strähnen.«
   Christopher betrachtete das Foto. Das Mädchen war im gleichen Alter wie seine Halbschwester Jasmin.
   Die nächste Frage musste er leider stellen.
   »Besteht eine Möglichkeit, dass die Polizei recht hat?«
   »Nein! Nina wäre niemals verschwunden, ohne mir vorher Bescheid zu geben. Und von den Drogen ist sie runter!«
   Dafür bewegte sie sich in äußerst bedenklichen Kreisen.
   »Hat die Polizei versucht, ihr Handy zu orten?«
   »Ja, ohne Erfolg.«
   »Wann hast du sie zuletzt gesehen?«
   »Vor sechs Wochen.«
   »Obwohl ihr euch so nahesteht?«
   Schlagartig kehrte die Finsternis in Gerrits Augen zurück. Sein Tonfall wurde scharf. »Ich war verhindert.«
   »Okay. Entschuldige die Frage.«
   Christopher fing David Keplers warnenden Blick auf. Ihm kam die Bemerkung von Davids Ehefrau während des Streits in den Sinn:
   Der organisiert sich selbst vom beschissenen Knast aus einen Job …
   Natürlich! Gerrit Rust saß im Gefängnis, als seine Cousine verschwand.
   Automatisch ratterte eine Liste möglicher Straftaten durch Christophers Kopf. Körperverletzung stand ganz oben.
   Da war er in eine schöne Sache hineingeraten!
   Er leerte seinen Becher und nahm wieder das Ice-Pack.
   Durch das viele Sprechen verstärkte sich das Pochen in seiner Wange. Ein unangenehmer Spannungsschmerz breitete sich hinter seinen Schläfen aus.
   »Was ist mit diesem Jojo? Weshalb passt seine Geschichte zu der von Rieke?«
   Gerrit und David tauschten erneut Blicke.
   »Kommt schon, Leute!« Die Kopfschmerzen zerrten an seinem Geduldsfaden. »Ohne Informationen kann ich euch nicht helfen!«
   Gerrit seufzte. »Simon hat vor Jojo damit angegeben, bald an eine Menge Geld zu kommen. Genug Bares, um nach Mallorca oder auf die Kanaren auszuwandern. Zu dem Zeitpunkt war Simon wohl ziemlich high. Jojo ist auf Crack, der braucht ständig Geld. Deshalb hat er Simon bearbeitet, um herauszufinden, ob er von dem angeblichen Geldsegen profitieren kann.«
   Christopher hielt unwillkürlich den Atem an. Jetzt kam die Information, die ihm fehlte. Die Verbindung zwischen Karin Neudorf und Gerrits Suche. Er spürte es ganz deutlich!
   »Also erzählt Simon von dieser Baufirma, die Dreck am Stecken haben soll. Irgendein mieses Ding, für das er sie bluten lassen will. Der große Zahltag, auf den er …«
   Der Rest des Satzes verschwamm. Heißes Kribbeln breitete sich in Christophers Eingeweiden aus.
   Neudorf-Hochtiefbau!
   Gerrit musterte ihn irritiert. »Was ist los?«
   »Ich hab’s«, sagte er mehr zu sich selbst. Ein triumphierendes Lächeln umspielte seine Lippen. Karin Neudorf ahnte nicht, wie falsch sie mit ihrer Vermutung lag. Es ging um keinen Erpresser, sondern …
   Halt! Es ging sehr wohl um einen Erpresser. Allerdings nicht um ihren ehemaligen Liebhaber, sondern um diesen Simon.
   Warum wusste Karin Neudorf nichts davon?
   Womit wollte Simon die Firma erpressen?
   Irgendein mieses Ding …
   Der Abstecher auf die Baustelle! Das gravierende Ereignis, nach dem sich Nina krankgemeldet hatte!
    David Kepler schnippte ungeduldig mit den Fingern. »Hey, Privatdetektiv, aufwachen!«
   Christophers Hochgefühl erhielt einen Dämpfer. Bisher war seine Strategie der sparsamen Worte aufgegangen. Nun würde er einige sorgsam gehütete Informationen preisgeben müssen.
   »Eure Überwachungsaktion ist aufgeflogen«, erwiderte er vage. »Ein Mitarbeiter von Neudorf-Hochtiefbau hat mehrfach verdächtige Personen beobachtet, die sich in der Nähe der Zentrale und an anderen Orten aufhielten. Meine Detektei wurde damit beauftragt, den Grund dafür herauszufinden.«
   Diese Neuigkeiten mussten seine Gesprächspartner erst einmal verarbeiten.
   »Du arbeitest für Neudorf-Hochtiefbau?«, fragte David Kepler schließlich mit scharfem Unterton.
   »Ja.«
   »Spitzenmäßig!« David warf sein Ice-Pack verärgert auf einen Hocker. »Und wir Idioten haben dem Typ gerade alles erzählt! Sobald der hier raus ist, wird er zu seinen Auftraggebern laufen und uns verpfeifen!«
   »Wird er nicht«, gab Gerrit Rust ruhig zurück. Sein Blick hielt Christophers fest. »Er wird uns helfen, Nina zu finden.«
   »Warum sollte er das tun?«
   »Weil er die Wahrheit erfahren möchte.«
   Treffender hätte Christopher es nicht ausdrücken können. Leider steckte er mitten in einem Interessenkonflikt. Seine Auftraggeberin war Karin Neudorf. Er konnte nicht gleichzeitig für und gegen sie ermitteln. Außerdem implizierte Gerrit und Davids Bericht mögliche Straftaten. Wollte er korrekt handeln, musste er Karin Neudorf die Ergebnisse der Recherche mitteilen und die Polizei informieren. Etwas in ihm sträubte sich dagegen. Es erschien ihm zu früh. Zu riskant. Wenn sie unbedacht vorgingen, konnten mögliche Beweise verloren gehen oder vernichtet werden.
   Falls Simon und Nina die Neudorfs erfolgreich erpresst hatten, waren sie vielleicht mit dem Geld auf die Kanaren abgehauen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Nina meldete sich nicht, weil sie alle Brücken zu ihrem alten Leben abbrechen wollte. Vielleicht versteckten sich die beiden auch irgendwo anders. Warteten ab, bis sich die Aufregung legte und sie das Geld unbemerkt ausgeben konnten. Oder sie waren getrennte Wege gegangen. Und Nina wollte sich melden, konnte es jedoch nicht.
   All das setzte voraus, dass die Erpressung kein Hirngespinst eines Junkies war.
   »Hat dieser Jojo irgendeine Andeutung gemacht, worum es bei der Erpressung ging? Haben Nina und Simon auf der Baustelle etwas beobachtet oder gehört?«
   Die Antwort war zweifaches Achselzucken.
   Er kniff die Augen zusammen und rieb sich das Nasenbein. Ohne Kopfschmerzen würde ihm das Nachdenken leichter fallen. Mittlerweile spürte er an zahlreichen anderen Stellen seines Körpers ebenfalls Schmerzen.
   »Ich muss das mit meinem Chef besprechen. Allein kann ich …«
   Ein Klingeln unterbrach ihn.
   David holte sein Handy aus der Hosentasche. Nach einem Blick aufs Display fluchte er leise. »Meine Frau.« Er entfernte sich und nahm das Gespräch entgegen. Seine Worte waren unverständlich. Der Tonfall verriet Anspannung und unterschwellige Aggression.
   Gerrit beobachtete seinen Freund mit besorgter Miene.
   Christopher überlegte, ob er die Gelegenheit nutzen sollte, um einige privatere Fragen zu stellen. Er verwarf den Gedanken. Dafür blieb später ausreichend Zeit.
   »Ist es in Ordnung, wenn ich meinen Chef anrufe?«
   Gerrit nickte.
   »Ich kann euch nichts versprechen.«
   »Ist mir klar.«
   Er versuchte es in der Detektei. Es klingelte und klingelte. Er wollte schon auflegen, als Martin endlich das Telefon abnahm.
   »Topher.« Sein Chef klang außer Atem. »Was gibt es?«
   »Du kannst dir den Ausflug zum Weihnachtsmarkt sparen. Der Fall ist gelöst.«
   Schnaufen erfüllte die Leitung. »Ist das dein Ernst?«
   »Ich habe gerade ein sehr interessantes Gespräch mit David Kepler und seinem Freund Gerrit Rust geführt.«
   »Bist du aufgeflogen?«
   »So was von.«
   »Alles in Ordnung?«
   »Ja, keine Sorge. Die beiden haben eine spannende Geschichte zu erzählen. Die solltest du dir anhören.«
   »Wo seid ihr?«
   »In der Billardhalle an der Kandinskyallee.«
   »Kannst du sie zur Detektei bringen?«
   Christopher sah zu David Kepler, der den Streit mit seiner Frau gedämpft am Telefon weiterführte. »Keine Chance.«
   »Ich komme zu euch. Gib mir eine halbe Stunde.«
   »Bis gleich.« Er legte auf. »Mein Chef ist in einer halben Stunde hier.«
   Gerrit wollte etwas erwidern, wurde jedoch von David unterbrochen. Der wirkte, als stünde er kurz vorm Explodieren.
   »Ich muss nach Hause.« David zwang sich sichtlich zur Ruhe. »Jill hat sich spontan mit einer Freundin verabredet. Ich soll auf die Kleine aufpassen. Kommst du allein klar?«
   »Sicher. Hau ab. Falls die Einkaufstüten noch vorm Haus liegen …«
   »Sammle ich sie ein. Wenn Jill mein Gesicht sieht, rastet sie gleich wieder aus.« Ein strafender Blick traf Christopher. Danach marschierte David aus der Billardhalle.
   Der Mann stand unter Dauerstrom.
   Er sah zu Gerrit. »Ich habe mindestens ein Dutzend Fragen, die ich dir stellen möchte.«
   »Leg los.«
   »Lass uns warten, bis mein Chef da ist.«
   »Meinetwegen. Was machen wir bis dahin?«
   Er überlegte und deutete auf den Kickertisch. Sein Kopf brauchte dringend eine Pause. Fußball würde ihn ablenken.
   In den folgenden Minuten lenkte ihn vor allem das Verlieren ab. Gerrit Rust besaß eindeutig die schnelleren Reflexe und schoss ein Tor nach dem anderen.
   Aber bedachte man, dass er vor nicht allzu langer Zeit auf einem Gehweg gelegen und um seine Gesundheit gefürchtet hatte, war eine Niederlage beim Tischfußball leicht zu verkraften.

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