Wenig Blut – Viele Verdächtige – Keine halben Sachen
Hauptkommissar Konrad von Kamms Weihnachtsabend ist verdorben. Nicht nur, dass ihn seine Frau betrügt, auch die Weihnachtsgans ist angebrannt. So kommt ihm der Doppelmord in einer hochherrschaftlichen Villa in München Bogenhausen gerade recht. Als er mit seinem Kollegen Ralf Utzschneider die Ermittlung beginnt, ahnt er nicht, dass die Wurzeln des Falls bis weit in die Vergangenheit zurückreichen. Bald stößt er auf eine Reihe von Verdächtigen und mit jeder Information verdichtet sich das Rätsel um die Verstorbenen. „Keine halben Sachen – Kommissar von Kamms 1. Fall“ ist ein typischer, im Stil von englischen Kriminalromanen geschriebener Roman über Habgier, Familienzwist und falsche Hoffnungen.

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ISBN: 978-9963-52-663-5

Seiten: 232

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Antonia Günder-Freytag

Antonia Günder-Freytag
Antonia Günder-Freytag, 1970 geboren, lebt mit ihrer Familie in München. Nach ihrem Debüt als Fantasy-Autorin zog es sie zu den klassischen Kriminalromanen. Inspiriert von Agatha Christie schreibt sie an einer Krimireihe um Kommissar Konrad von Kamm, der bereits seinen fünften Fall in München auflöst. Da ihr Motto „Nichts ist tödlicher als die Routine“ lautet, arbeitet sie im Moment neben ihren Krimis an einem Thriller und einem Mittelalterepos.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Gar viele Wunder melden die Mären alter Zeit
Von lobesamen Helden und heißem Kampf und Streit
Von Jubel und auch Festen, von Tränen Jammerlaut,
Von schwertgrimmen Gästen sei manches Wunder euch vertraut.


Heilig Abend 2012
19.00 Uhr, Schönstraße, Familie von Kamm

»Deine Familie kann mich mal.« Sabine steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel und blickte Konrad herausfordernd ins Gesicht.
   Er hasste es, wenn seine Frau rauchte, vor allem in der Wohnung. Dass sie es genau aus dem Grund tat, war ihm klar. Er beobachtete, wie sie die Zigarette ungelenk mit drei Fingern zu halten versuchte, dabei umständlich mit dem Feuerzeug hantierte und nahm es ihr schlussendlich aus der Hand.
   Sie öffnete protestierend den Mund, schloss ihn, als das Feuerzeug aufblitzte und er ihr Feuer gab.
   »Ich versteh das Problem nicht, Sabine.« Konrad wedelte mit einem Stapel Briefen den Qualm weg, den sie ihm entgegen blies. »Du hättest sie nur noch unterschreiben, zukleben und zum Briefkasten bringen müssen.« Er atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe.
   »Ich habe sie geschrieben, adressiert und frankiert, wo ist also verdammt noch mal dein Problem?«, setzte er hinzu und beeilte sich, Sabine nicht erst zu Wort kommen zu lassen. »Was soll jetzt meine Familie denken? Ich habe Weihnachten vergessen, oder was?«
   »Deine Familie kann mich …«
   »Das sagtest du bereits.« Er nahm sein abgegriffenes Telefonverzeichnis und das schnurlose Telefon und wechselte von der Küche ins Wohnzimmer. Es blieb ihm wohl oder übel nichts anders übrig, als seinen Verwandten persönlich ein frohes Fest zu wünschen. Genau das, was er hatte vermeiden wollen, da ihm Telefonieren ein Gräuel war. Er beschloss nach einem Blick auf die Wanduhr, zunächst seine Onkel und Tanten anzurufen und hoffte, dass diese den Weihnachtsgottesdienst besuchten.

Da er Bereitschaftsdienst hatte, schenkte er sich nur ein sehr kleines Glas Rotwein ein und ließ sich aufs Sofa fallen. Er nahm einen Schluck, ließ ihn im Mund kreisen und schloss für einen Moment die Augen. Dass seine Frau kapriziös war, war nichts Neues und doch erstaunte ihn ihr unberechenbares Wesen immer wieder. Er hatte alle Tiefen mitgemacht, nicht geklagt, sondern, im Gegenteil, geholfen, wo er konnte. Ihre Launen, ihre psychischen Talfahrten, ihre Theatralik waren ihm hinlänglich bekannt. Konrad rieb sich die Augen. Er war müde. Müde von dreiundzwanzig Jahren Ehe und von dreiundzwanzig Jahren Polizeidienst.
   Nach und nach arbeitete er den Briefstapel ab. Seine Onkel und Tanten waren, wie angenommen, in der Kirche und er sprach auf die Anrufbeantworter.
   Dann wählte er die Nummer seiner Mutter und atmete tief durch. Wie nicht anders zu erwarten, war diese sofort am Apparat. Wo sollte sie auch sonst sein? Sie war seit zehn Jahren in einem privaten Pflegeheim untergebracht.
   »Konrad! Ich hatte schon befürchtet, du hättest mich vergessen. Von dir habe ich keinen Weihnachtsgruß bekommen«, meldete sie sich.
   Konrad ließ sich tiefer ins Polster sinken. Seit achtundvierzig Jahren fürchtete er ihre mehr oder weniger stillen Vorwürfe. Er erfand eine Geschichte, die zu der fehlenden Weihnachtspost geführt hatte, hörte ihr mit halbem Ohr zu und zeichnete nebenher auf ihrem Briefkuvert. Er umgab ihren Namen, Hildegard von Kamm, mit einer Armee von Strichmännchen, die aufeinander schossen.
   Nur einmal hielt er mit dem Kugelschreiber inne. »Wie, es hat nur ein Käsebrot gegeben? Ich zahle doch nicht diesen horrenden Preis, damit ihr an Weihnachten …« Hildegard unterbrach ihn sogleich und hatte noch viele Klagen vorzutragen.
   Konrad legte das Kuvert, das nun neben ihrem Namen etliche Bildchen aufwies, zur Seite und betrachtete die übrigen Briefe. Er musste noch zwei weitere Anrufe hinter sich bringen.
   Der Duft der Weihnachtsgans erreichte das Wohnzimmer und er merkte, wie hungrig er war. »Ich kümmere mich darum, Mutter«, unterbrach er ihre Litanei. »Ganz sicher. Ja, ich versuche, noch diese Woche zu kommen. Ich muss jetzt auflegen. Es ist leider keiner meiner Briefe angekommen.«
   »Für mich hast du am wenigsten Zeit. Aber du wirst schon wissen, was du machst«, beendete seine Mutter abrupt das Telefonat und ließ ihn perplex zurück.
   Er fühlte sich dem Anklagepunkt nach schuldig und nahm sich vor, sich mehr um sie zu kümmern.
   Während er dem nächsten Freizeichen lauschte, öffnete er das Kuvert, das an sein Patenkind adressiert war, stutzte und unterbrach die Verbindung. Er hatte der Weihnachtskarte fünfzig Euro beigelegt, die jetzt fehlten. Konrad nahm den gesamten Umschlag auseinander, aber das Geld blieb verschwunden. Er riss das andere Kuvert auf, dem er ebenfalls Geld beigelegt hatte, und hielt die Luft an.
   Die Weihnachtsgans duftete nicht mehr, sein Hunger war ihm vergangen.
   Konrad atmete tief durch. Er wollte sich nicht provozieren lassen, aber ein Tatbestand blieb ein Tatbestand. In diesem Fall handelte es sich eindeutig um Diebstahl. Um zu wissen, wer der Täter war, musste er nicht Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei sein. Er wägte die verschiedenen Vorgehensweisen ab, die ihm jetzt blieben. Entweder er schlug sofort Krawall, oder verschob das Thema auf später.
   So oder so, sein Abend war verdorben.
   Die Weihnachtsgans duftete nicht mehr, sie stank verbrannt. Er sprang fluchend vom Sofa auf, eilte in die Küche. Wo steckte Sabine? Ein Blick bestätigte ihm, dass sie nicht in der Küche war, ein weiterer, dass sie sich nicht im Schlafzimmer befand. Er schaltete den Ofen aus, öffnete die Balkontür und versuchte, sich zu beruhigen. Was er durch das Fenster des Backofens gesehen hatte, ließ Übles vermuten. Die Gans war schwarz. Er wandte sich in Richtung Schlafzimmer, um dort ebenfalls die Fenster zu öffnen. Die Tür, die die Küche von Schlafzimmer trennte, stand offen. Hundertmal hatte er darum gebeten, die Tür zu schließen, wenn gekocht wurde. Tausendmal. Jetzt stand die Tür auf, das Schlafzimmer war verqualmt und von Sabine keine Spur. Es blieb, sofern sie nicht unbemerkt die Wohnung verlassen hatte, nur eine Möglichkeit. Das Badezimmer. Konrad schlich in den Flur und lauschte. Aus dem Bad war nichts zu vernehmen. Automatisch machte er sich Sorgen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Sabine sich etwas antäte. Er hob die Hand, zum Klopfen bereit, da hörte er sie lachen. Er drückte sein Ohr an die Tür.
   »Jedes Weihnachten. Ich verspreche dir, jedes Weihnachten. Ich zieh nur noch das Essen durch, dann komme ich.« Wieder das Gelächter.
   Konrad erstarrte. Nicht, dass er es nicht geahnt hätte, nicht, dass er davor seine Augen verschlossen gehalten hätte, er wusste es. Er wusste es seit Wochen, aber er hatte es nicht wahr haben wollen. Ausgerechnet jetzt, was hieß ausgerechnet, er konnte Weihnachten nicht leiden, musste er der Wahrheit ins Auge blicken. Seine Frau ging fremd.
   Er schlich zurück in die Küche und schloss die Balkontür. Dann ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und starrte die Weihnachtsgans an, die genauso angekohlt war wie er.

Im Reiche der Burgunden wuchs ein Mägdelein;
Fürwahr, nichts konnte schöner in allen Landen sein.
Krimhild war sie geheißen. Um dieses schöne Weib
Sollt´ es vielen Recken dereinst an Leben gehn und Leib.

Heilig Abend 2012
20.00 Uhr, Möhlstraße, Familie Kurz

Helene Koch zupfte an der Tischdecke, die faltenfrei auf der gedeckten Festtafel lag. Seit einunddreißig Jahren war sie Angestellte im Hause der Familie Kurz, aber so etwas war noch nie vorgefallen.
   »Wir sollten anfangen.« Heinrich Kurz blickte auf die Wanduhr, die ihr monotones Ticken von sich gab und nickte bekräftigend.
   Helene stellte ihr halb volles Champagnerglas ab und ging darauf in die Küche. Sie war froh, der angespannten Atmosphäre zu entkommen. Hier unten lief im Gegensatz zum Musikzimmer, wo sich die Familie versammelt hatte, alles nach Plan. Die Gans schmorte im Ofen vor sich hin, das Blaukraut war nicht angebrannt und die Knödel in Form. Helene war nicht in Form. Sie spürte jeden Knochen. Sorgsam füllte sie die Karottencremesuppe aus dem Topf in die Porzellanschüssel und wischte einen Tropfen, der auf dem Rand gelandet war, mit ihrer Schürze weg. Sie hatte bereits weniger Suppe zubereitet als in den letzten Jahren. Ob es nicht trotzdem zu viel war? Wahrscheinlich würde sie die Hälfte entsorgen.
   Die Suppe wurde schweigend eingenommen. Helene sah auf Maximilians verwaisten Platz und wunderte sich, wo er blieb. Man konnte viel über Maximilian Kurz sagen, aber nicht, dass er sich je unentschuldigt verspätete.
   Heinrich, der betont langsam löffelte und dabei die Augenbraue vorwurfsvoll nach oben zog, dachte anscheinend dasselbe. Helene folgte seinem Blick, der über die leeren Stühle wanderte. Vor siebzehn Jahren hatten die Dinge anders ausgesehen. Damals war der Tisch bis auf den letzten der acht Plätze belegt gewesen.

Dr. Martin Kurz, der Zweitgeborene und Justiziar des Familienunternehmens, hatte als Erster aufgegessen, legte den Löffel zur Seite und schob seinen Stuhl zurück.
   Seine Mutter, Gudrune Kurz, hatte ihre Suppe nicht angerührt.
   Helene machte sich Sorgen. Wenn Frau Direktor nichts aß, würde sie innerhalb der nächsten halben Stunde vollkommen betrunken sein. Helene wusste, dass sie schon den ganzen Tag über getrunken hatte. Wie immer an Weihnachten.
   Heinrich tupfte sich die Mundwinkel ab »Wie jedes Jahr ausgezeichnet, Helene.«
   Helene dankte leise und stand auf. Sie räumte die Teller ab, stellte sie zusammen mit der Suppenschüssel auf ein Tablett und teilte frische Teller für den Hauptgang aus. »Soll ich den Wein öffnen?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort kannte.
   »Danke, Helene.« Heinrich erhob sich, um seines Amtes zu walten. Martin war ebenfalls aufgestanden. »Lass Onkel, ich übernehme das.«
   Helene grinste gegen ihren Willen. Jedes Jahr dasselbe Spiel und immer ging es gleich aus. Heinrich würde sich das Öffnen der Flaschen nicht nehmen lassen. Er war der Hausvorstand und dabei blieb es. Sie zögerte einen Moment, bevor sie Maximilians unbenutzten Suppenteller wegnahm und durch einen flachen Teller ersetzte. Dann wandte sie sich mit Absicht an Gudrune, um sie aus ihrem düsteren Brüten zu holen. »Haben Sie noch einen Wunsch, Frau Direktor?«
   Gudrune schreckte aus ihren Gedanken auf. »Nein, danke, Helene. Das heißt, wenn Sie so gut sein könnten und die Terrassentür …«
   Helene war das Zittern, das Gudrunes Hand durchlief, nicht entgangen und sie wusste, dass es nicht nur am übermäßigen Alkoholkonsum lag. Die Ärzte hatten Parkinson diagnostiziert und jeden Alkohol verboten. Sie öffnete die Terrassentür, die in den Garten führte, und genoss den kühlen Luftstrom. Der Karottencremesuppe war eine anständige, einheizende Portion scharfer Ingwer beigemischt, was der Tatsache entsprang, dass das Musikzimmer früher eiskalt gewesen war. Eiskalt, bis Nadja die Fenster richten ließ.
   Helene maß Martin mit einem kurzen Seitenblick und fragte sich, ob er seine Exfrau vermisste. So, wie er jetzt scherzend am Musikflügel stand und sich mit seinem Onkel unterhielt, bereitete ihm die Trennung keinen Kummer.
   »Warum sitzt du auch so nah am Feuer, Mutter? Draußen hat es zehn Grad plus und hier drinnen herrscht eine Bullenhitze. Dir muss ja zu heiß sein.«
   Helene sah, wie Gudrune ihre Stirn runzelte und trotzig näher ans Feuer rückte. Helene nahm das beladene Tablett und verließ den Raum. Was jetzt kam, konnte sie sich vorstellen.

Es war halb neun, als sich Helene ihren ersten Schnaps eingoss und das Telefon läutete.
   Sie trank einen Schluck, goss die Suppe in den Ausguss und nahm den Hörer ab.
   »Dir auch, mein Lieber, dir auch. Nein, du störst nicht. Die Bescherung fällt heuer aus. Wie es hier geht?« Helene versuchte, nicht so genervt zu klingen, wie ihr zumute war. »Begrüßungschampagner und Karottencremesuppe habe ich schon hinter mich gebracht. Alles läuft nach Zeitplan.« Helene freute sich über den Anruf und merkte, wie sich ihre Laune besserte. »Wenn ich es einrichten kann, werde ich nächstes Weihnachten bei dir sein. Es werden ja immer weniger, die ich bekochen muss. Heute sind sie nur zu dritt.« Helene rührte das Blaukraut um. »Heinrich, der alte Meckerer, Martin, mittlerweile ohne Frau, und natürlich Frau Direktor.« Helene lauschte und schüttelte den Kopf. »Nein, Maximilian ist noch nicht da«, erklärte sie und stellte den Ofen ab. »Jetzt gibt es den Gänsebraten, ich bereite den Kirchgängern noch den Nachtisch vor, mache den Abwasch und verschwinde ins Bett.« Helene unterdrückte ein Gähnen. »Wir hören uns morgen, mein Lieber. Ja, ganz sicher.« Helene legte lächelnd den Hörer auf seinen Platz zurück, als sie den ersten Knall hörte.
   Es war kurz vor neun.
   Als der zweite Knall folgte, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl. Sie stellte die Gans warm und lief nach oben.
   Im Musikzimmer lagen zwei Männer auf dem Boden. Helene sah vom einen zum anderen und verstand nicht, was sie sah. Erst beim zweiten Blick klärten sich ihre Gedanken. Sie setzte ihre Brille auf und erkannte das Blut, das über ihren sorgsam gepflegten Stäbchenholzparkettboden lief. Da erst verstand sie.
   Gudrune Kurz saß in der gleichen Haltung vor dem Kamin, wie Helene es in Erinnerung hatte. Sie hielt einen Cognacschwenker in der Hand, der zitterte. Sonst bewegte sich nichts im Raum.

Siegfried hieß er selber, der junge schöne Mann
So schön, dass ich´s mit Worten euch nimmer sagen kann.
Stark, hoch und herrlich erwuchs des Jünglings Leib;
Rechte Augenweide bot er manchem holden Weib.

Vor siebzehn Jahren
Weihnachten 1995

Helene summte ein Weihnachtslied und stellte erstaunt fest, dass sie, obwohl die Uhr über dem Kamin kurz vor acht Uhr abends anzeigte, in feierlicher Stimmung war. In wenigen Minuten würden die Familienmitglieder im Musikzimmer eintreffen und der Frieden, der jetzt noch über dem imposanten Raum lag, wäre gestört.
   Helene überprüfte vielleicht das zwanzigste Mal, ob die breite gläserne Flügeltür, die zur Freitreppe in den Garten führte, wirklich verschlossen war und hielt ihre Hand an die Rahmen. Die Fenster sollten erneuert werden, stellte sie zum vielleicht hundertsten Mal fest und sah kopfschüttelnd zum Weihnachtsbaum, an dem schon alle Kerzen brannten und deren Lichter flackerten. Derjenige, der mit dem Rücken zur Gartentür sitzen würde, würde spätestens nach der Suppe frieren. Sie trug Angoraunterwäsche, da sie sich ausmalen konnte, dass es ihr Platz sein würde.
   Seit Jahren durfte sie Weihnachten mit der Familie essen, aber es war kein Privileg. Ganz im Gegenteil. Sie wusste, dass man sie nur dazu einlud, damit ein Außenstehender die Animositäten, die durch das enge Aufeinandersitzen angeheizt wurden, unterband.
   Sie warf einen prüfenden Blick durch den behaglichen Raum. Der alte Parkettboden glänzte mit dem Geschirr auf dem Tisch um die Wette. Auch die Gläser auf dem Musikflügel funkelten und warteten auf den Champagner, der neben ihnen bereitstand. Helene war versucht, die Flasche zu öffnen, damit das alljährlich lächerliche Gerangel der Männer ausfiel. Sie entschied sich dagegen, da sie wusste, dass ihr eine voreilig geöffnete Flasche, und damit ein Bruch der Gepflogenheiten, übel genommen werden würde.
   Helene strich über ihren dunklen Rock. Auf eine Schürze hatte sie heute verzichtet. Sie fuhr sich über ihre Haare, die tadellos fest in einem dicken Haarknoten steckten, und atmete tief durch. Trotz der dicken Eichentüren konnte sie das Klappern und Poltern der Schritte vernehmen, die von der Haupttreppe kamen. Sie erhaschte einen kurzen Lacher und wandte sich der Tür zu, um sie zu öffnen. Der Luftzug, der ins Zimmer stieß, ließ die Flammen der Kerzen erzittern und das Feuer im Kamin loderte auf. Einen Moment wirkte das Musikzimmer auf sie wie der Vorhof zur Hölle. Dass ihre Assoziation eher etwas mit den zu erwartenden Personen zu tun hatte, als mit dem Raum an sich, war ihr klar. Helene straffte die Schultern, um die Familienmitglieder zu empfangen.
   Aus dem spärlich beleuchteten Treppenhaus kam ihr als Erstes Viktoria entgegen. Helene lächelte, als sie sie sah. Es berührte sie seltsam, dass sich Viktoria immer noch auf Weihnachten freute. Helene nickte anerkennend, als sie vor ihr zu stehen kam. Sie hatte sich schick gemacht. Das sportlich kurz geschnittene Kleid stand ihr ausgezeichnet und der dunkle Stoff ließ ihr blondes Haar und ihre Augen leuchten. Viktoria beugte sich zu Helene hinunter und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
   »Frohe Weihnachten, Helene«, wünschte sie.
   Helene wehte der dezente Duft eines vermutlich sehr teuren Parfums um die Nase.
   »Das wünsche ich Ihnen auch, Fräulein Kurz«, sagte Helene und ließ sich ihre altmodische Ausdrucksweise nicht nehmen. Sie zog Viktoria kurz, aber herzlich in die Arme.
   »Auch von mir alles Gute.« Maximilian Kurz, der älteste der drei Kinder, hatte seine Schwester zur Seite geschoben und Helene einen kameradschaftlichen Knuff in die Seite gegeben.
   »Maximilian, ich bitte dich«, erklang eine Stimme aus dem spärlich beleuchteten Vestibül. »Man wünscht sich ein Frohes Fest, vielleicht auch Frohe Weihnachten, aber nicht Alles Gute wie auf einem Kindergeburtstag.«
   »Kaum ein Unterschied, liebste Mutter.« Maximilian drehte sich zu seiner Mutter um, die eben den Raum betrat. Gudrune Kurz hielt Helene ihre Hand hin, damit diese sie begrüßen konnte und sah sich gleichzeitig im Raum um.
   »Schön, Helene. Sehr schön. Täusche ich mich, oder ist der Baum dieses Jahr kleiner?«
   Helene verschwendete keine Zeit damit, zu antworten. Diese Frage gehörte zu Weihnachten, wie die eigentümliche Art Gudrunes, zu sprechen. Sie sprach einen leicht französischen Akzent, obwohl sich keiner erklären konnte, wo sie sich diesen zugelegt haben könnte. Vielleicht war das ihre Art, daran zu erinnern, dass sie adliger Herkunft war. Ihr Maximilian klang nach Maximilá, Helene nach Älän, nur bei Viktoria war ihr nichts eingefallen. Darum hatte sie sie kurzerhand Mademoiselle genannt, Fräulein. Was ihre Brüder sofort als Anlass sahen, sie Maddy zu nennen. Die Abkürzung für Mademoiselle und mad, dem englischen Wort für verrückt.
   Gudrune ergriff Maximilians galant gereichten Arm und ließ sich zu dem Stuhl führen, auf dem sie schon die letzten achtundzwanzig Jahre Weihnachten verbracht hatte. Helene bemerkte die kleine Unsicherheit beim Hinsetzen und nahm sich vor, ein Auge auf die Dame des Hauses zu haben. Sie hoffte, nein, flehte innerlich darum, dass keine weiteren Gäste kämen. Zwar hatte sie, wie jedes Weihnachten, mehr gekocht, als die Familie essen konnte, aber dennoch wollte sie allen das peinliche Schauspiel ersparen, das alljährlich aufgeführt wurde.
   »Maximilian, erwarten Sie noch Gäste?«, erkundigte sich Helene, als sich alle soweit im Raum verteilt hatten.
   Viktoria war zum Christbaum gegangen und tippte die kleinen Figürchen an, die sie schon seit ihrer Kindheit kannte. Maximilian hatte sich in der Nähe des Flügels aufgebaut, damit er den Vorteil der Kurzstrecke hatte, wenn es um das Öffnen der Flasche ging.
   »Nein, Helene, ich erwarte heute niemanden. Du, Maddy?«
   Viktoria drehte sich um und schüttelte den Kopf. »Nein. Ich finde es unpassend, völlig fremde Menschen an Weihnachten einzuladen.«
   Dieser Seitenhieb war an Maximilian gerichtet, der die letzten Weihnachtsfeste mit dubiosen Frauenbekanntschaften aufgewartet hatte. Helene war erleichtert.
   Maximilians Flittchen, wie Gudrune die Freundinnen ihres Erstgeborenen nannte, eigneten sich nicht, um ein Weihnachtsfest im Rahmen der Familie zu feiern.
   Peinliche Stille trat ein, während die Versammelten auf die fehlenden Familienmitglieder warteten. Maximilian schien nicht weiter auf den Seitenhieb seiner Schwester eingehen zu wollen und schob die Champagnergläser, die Helene auf einem silbernen Tablett bereitgestellt hatte, umher.
   Helene knetete ihre Hände und hoffte, dass er bei dieser sinnfreien Tätigkeit nicht eines umstieß.
   Maximilian, der sich trotz seiner neunundzwanzig Jahre immer noch Kurzi nannte, war ein Tölpel, wenn es um teure Gegenstände ging. Die Goldrandgläser, die Helene für besondere Anlässe aus dem Schrank holte, fielen genau in sein Katastrophengebiet. Er war ein stattlicher Mann von einem Meter achtundneunzig, gut gebaut und sehr athletisch, aber er war ein Tollpatsch. Wenn er ruhig stand, was er selten tat, sah man es ihm nicht an, und er zog die Blicke der Frauen auf sich. Er war charmant und redegewandt, aber seine linkischen Bewegungen machten seinen ersten, souveränen Eindruck meist zunichte.
   Viktoria spielte weiterhin mit den Figuren am Baum und begrüßte sie wie alte Bekannte. Helene beobachtete, dass sie jedes mit der Fingerspitze anstupste, als ob sie eine Bestandsaufnahme machte, und sich ein entrücktes Lächeln auf ihrem Gesicht zeigte.
   »Schau mal, da ist dein Liebling«, brach Viktoria das Schweigen und tippte auf einen Posaunenengel mit Schal, der schon vor langer Zeit einen Arm verloren hatte.
   Maximilian blickte auf und zuckte mit den Achseln. Die Figuren waren damals, als sie noch Kinder waren, wie ein Magnet gewesen. Jeder hatte seinen Liebling, mit dem er am liebsten gespielt hätte, und den er nach dem Weihnachtsfest mit auf sein Zimmer nehmen wollte. Selbstverständlich war ihnen dies nie erlaubt worden. Weihnachtsschmuck, und wenn er noch so kaputt und unansehnlich war, gehörte an den Baum und danach in Kisten, die im Keller verschwanden.
   Maximilian hatte es lange aufgegeben, gegen die alten Regeln zu protestieren; gegen die unausgesprochenen Regeln des Haushaltes aufzubegehren. Die Art seines Protestes hatte sich geändert. Er zog sie ins Lächerliche. »Wenn du ihn magst, Maddy, darfst du ihn behalten.«
   Viktoria drehte sich auf ihrem flachen Absatz um und ihre Stirn umwölkte sich. »Wie kannst du das sagen?«, erboste sie sich, als es am Türrahmen klopfte und ein weiteres Familienmitglied den Raum betrat.
   Helene zuckte zusammen. Nicht nur wegen der Spannung, die kurzzeitig im Raum entstanden war, sondern, weil sie Heinrich Kurz nicht hatte kommen hören. Sie hasste das leise Auftreten, das er sich zu eigen gemacht hatte. Nicht, dass sie je etwas zu vertuschen gehabt hätte, aber sein raubtierhaftes Schleichen hatte ihr schon so manchen Schrecken versetzt.
   Heinrich nickte den Anwesenden im Raum zu, ohne jemanden Bestimmten zu meinen und ließ ein sonores Frohe Weihnachten verlauten. Dann trat er auf den Stuhl zu, auf dessen Kante es sich Gudrune bequem gemacht hatte, und nahm ihre Hand entgegen, um einen Handkuss anzudeuten. »Schön wie immer«, sagte er lächelnd.
   Helene wusste, dass dies das einzig echte Lächeln war, das sie heute Abend von ihm sehen würde. Heinrich hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Frau seines verstorbenen Bruders liebte.
   »Merci.« Gudrune ließ sich nicht weiter von ihrer Betrachtung des Kaminfeuers ablenken.
   »Wollen wir schon mal anstoßen?« Heinrich war auf die Champagnerflasche zugetreten und blickte fragend in die Runde. Sein zweiter Blick galt der goldenen Wanduhr, die trotz ihres Alters noch auf die Minute genau ging.
   »Ich denke wir sollten warten.« Maximilian, der den Griff seines Onkels zum Flaschenhals argwöhnisch betrachtete, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
   »Aber nur kurz.« Gudrune sah nun ebenfalls zur Uhr. »Die Gans wird sonst trocken und Helene zürnt mit uns.«
   Helene zupfte ein wenig an der Tischdecke herum, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Die Decke war glatt und gerade wie frisch gefallener Schnee, den es dieses Jahr nicht gab. Sie wusste, dass diese Rücksichtnahme nur ein Vorwand war. Gudrune wurde aus ganz anderen Gründen unruhig. Die leise Hintergrundmusik, Dinu Lipatti spielte Chopin, wurde nur vom Knacken des Kaminholzes und dem Ticken des goldenen Pendels der Wanduhr unterbrochen. Die Angespanntheit war, seitdem Heinrich den Raum betreten hatte, fast greifbar.
   Heinrich hatte sich gegen den Flügel gelehnt und strahlte in seinem Smoking die Gelassenheit eines Geschäftsmannes aus, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Er war weitaus kleiner als sein Neffe, aber seine Selbstsicherheit ließ ihn größer erscheinen. Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er zu Viktoria sah.
   »Die kleine Maddy. Manche Dinge ändern sich anscheinend nie.«
   »Vielleicht doch, Onkel.« Martin Kurz, der zweitälteste Sohn des Hauses, betrat, gefolgt von einem blonden Hünen, den Raum. »Wie ich sehe, hat Maximilian diesmal keine Blondine dabei, dafür ich.« Martin grinste und schob seinen Gast weiter in den Raum. »Darf ich vorstellen, Udo Seinhab.«
   Udo, der nicht erschien, als ob er gern der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wäre, lächelte und wünschte frohe Weihnachten.
   »Dann sind wir wohl vollständig«, stellte Maximilian ungerührt fest und griff nach der Champagnerflasche, die sein Onkel bereits in der Hand hielt.
   »Herzlich willkommen, Herr Seinhab.« Heinrich ließ den Korken knallen.

*

Nachdem man den Champagner im Stehen zu sich genommen hatte, bis auf Gudrune, die es bevorzugte, weiterhin auf ihrem Platz zu bleiben, setzten sich die Familienmitglieder auf ihre angestammten Plätze. Helene seufzte still. Spätestens nach der Suppe wäre sie durchgefroren. Udo stand unschlüssig im Raum, da ihm keiner einen Platz zuwies. Es waren noch zwei Plätze auf der Längsseite frei und der am unteren Ende.
   »Vater behauptete, es brächte Unglück, wenn das Tischende nicht besetzt wäre«, sagte Viktoria.
   »Dann will ich das Unglück aufhalten«, erwiderte Udo und ließ sich an Helenes ungeliebtem Platz nieder.
   Damit blieb Helene die Wahl zwischen dem Platz, der direkt mit dem Rücken am Feuer war, oder dem, der ihr den freien Blick auf den Kamin ließ. Sie lächelte Udo dankbar zu und hoffte, dass es ihm nicht allzu kalt werden würde. Dann servierte sie die Suppe und versorgte Udo mit einer extragroßen Portion, da sie der Meinung war, dass er sie brauchen würde, bevor sie sich an der Längsseite niederließ.
   Man aß schweigend. Die Stille, die durch das kollektive Suppenlöffeln entstand, war bedrückend.
   Heinrich legte als Erster den Löffel ab und sah Udo, der ihm gegenübersaß, prüfend an. »Sie studieren Jura?«
   Udo aß mit Bedacht zu Ende und legte ebenfalls seinen Löffel zur Seite. Er nahm sich die Zeit, seinen Mund mit der schneeweißen Serviette abzutupfen und schüttelte leicht den Kopf. »Nein, ich studiere nicht, also nicht im herkömmlichen Sinne.«
   Heinrich zog die linke Augenbraue ein Stück nach oben. »Und der nicht herkömmliche Sinn, woraus besteht der?«
   »Ich reise viel und kümmere mich um meinen Wald.«
   »Also studieren sie Forstwirtschaft?«, ließ Heinrich nicht locker.
   »Nicht ganz«, murmelte Udo.
   »Udo hat es nicht nötig, zu studieren«, half ihm Martin, der ebenfalls aufgegessen hatte. »Er gehört zu den wenigen Begünstigten, die, auch wenn sie nie einen Finger rühren würden, trotzdem in ewigem Wohlstand lebten.« Martin lächelte Udo zu und zuckte entschuldigend mit den Achseln.
   Heinrich lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, faltete die Hände vor seinem flachen Bauch, zog die linke Augenbraue gänzlich hoch und schwieg.
   Die anderen Familienmitglieder waren mit ihren Suppen fertig und Helene beeilte sich, die Teller abzutragen.

Als sie in der Küche stand, atmete sie tief durch und fuhr sich erneut über ihre glatten Haare, die sich nicht aus dem Dutt gelöst hatten. Allerdings hatte sie das Gefühl, dass sie ihr bereits jetzt zu Berge standen. So sehr sie Weihnachten im Kreise ihrer eigenen Familie geschätzt hatte, so sehr hasste sie dieses alljährliche Weihnachtsfest der Familie Kurz.
   In ihrer niederbayrischen Familie, die aus unzähligen Mitgliedern zu bestehen schien, wurde auch festlich gegessen, doch die Gespräche waren heiter und lustig – nicht zu sagen, manchmal sogar albern.
   Vielleicht lag es daran, dass in der Familie Kurz keine Kinder und Enkel um den Tisch sprangen. Weihnachten war immer ein Fest für Kinder, sagte sie sich und stellte die Teller in die Spüle. Sie sah kurz nach den zwei Gänsen, die friedlich im Ofen ruhten, und kehrte ins Musikzimmer zurück.

Oben hatte man mit der Bescherung angefangen, traditionell nach der Suppe und vor dem Hauptgang. Dieser Brauch ging auf den verstorbenen Hausherrn zurück, der seine Kinder nicht zu lange auf die Folter spannen wollte.
   Ein liebevoller Brauch von einem rücksichtsvollen Menschen. Rücksichtsvoll bis zu seiner letzten Tat, erinnerte sich Helene und schüttelte den dunklen Gedanken ab. Warum neigte sie an Festtagen zu düsteren Gedanken?
   Sie wurde gerade noch Zeuge, wie Maximilian seinem Onkel ein Geschenk überreichte, das von allen Kindern an ihn gerichtet war. An dem Interesse der Neffen war zu erkennen, dass Viktoria es ausgesucht hatte.
   »Mein traditioneller Lesestoff.« Heinrich öffnete vorsichtig die Klebestreifen und faltete das Geschenkpapier penibel zusammen, bevor er sich dem Buch zuwendete.
   »Die Traditionen werden hochgehalten«, flachste Maximilian und schenkte sich ein Glas Rotwein ein.
   Viktoria maß ihn mit dunklem Blick.
   »Es scheint Heinrich zuzusagen«, bemerkte sie und entspannte sich merklich. »Ich war mir nicht sicher …«, murmelte sie, brach ab und errötete.
   Martin griff nach der Tüte, die er zuvor auf dem Flügel platziert hatte. Er drückte sie seiner Mutter in die Hand. »Traditionell, Mama.«
   Gudrune lächelte maskenhaft, öffnete die Papiertüte, die mit weihnachtlichen Motiven bedruckt war, und beförderte eine Flasche Cognac ans Licht.
   »Eine nette Idee«, ließ Gudrune verlauten. »Ich danke euch, enfants. Mein Geschenk findet ihr auf euren Konten.«
   Ein kurzes, freudloses Lachen der Drei war die Antwort.
   Gudrune ließ sich von Helene ein Glas Cognac einschenken und hatte es selbst nachgefüllt, bevor sie auf ihren Platz zurückgekehrt war.
   »Gibt es sonstige Überraschungen, oder können wir Helene bitten, aufzutragen?«, tauchte Heinrich aus seiner Lektüre auf.
   »Ich hätte noch etwas.« Udo verschwand im Vestibül und nestelte kurz darauf an den Bändern von sechs Geschenktaschen.
   »Zunächst für die Dame des Hauses. Ich möchte mich bedanken, dass ich das Weihnachtsfest unter Ihrem Dach erleben darf. Besonders, weil ich hier einfach reingeschneit bin.«
   »Wenn sonst schon kein Schnee liegt«, sagte Maximilian und lachte.
   Udo trat auf Gudrune zu. Diese sah von ihm zur Tasche, nickte gnädig und nahm sie mit spitzen Fingern entgegen. Fast wäre sie ihren manikürten Nägeln entglitten.
   »Vorsichtig, Madame, zerbrechlich!« Udo griff beherzt ein.
   Das Wechselspiel auf Gudrunes Gesicht war bezeichnend. Das Wort zerbrechlich hatte ihr Interesse geweckt und sie nahm sich ihres Geschenks jetzt mit liebevoller Aufmerksamkeit an.
   »Oh, wie reizend. Ein Albert de Montaubert 1971. Wie nett. Ich danke Ihnen.« Gudrune tätschelte mit ihrer Linken Udos Arm, mit der Rechten hielt sie die teure Flasche Cognac fast wie einen Säugling an ihre Brust gedrückt.
   Udo drehte sich zu Heinrich. »Mein Dank gilt selbstverständlich auch Ihnen. Frohe Weihnachten.«
   Heinrich betrachtete den Bildband mit Kennermiene. »Ausgezeichnete Wahl, junger Mann. Ausgezeichnet. Wenn Sie mir diesen Band nicht geschenkt hätten, hätte ich ihn mir selbst besorgt.« Geschickt schlitzte Heinrich die Plastikhülle auf und begann, vorsichtig im Band zu blättern.
   Viktoria lächelte gequält, als ihr Udo ebenfalls eine Geschenktüte entgegen hielt. Dann aber entfuhr ihr ein kleiner freudiger Quietscher. Helene reckte sich ein wenig, um zu erkennen, was sie bekommen hatte. Viktoria, deren Leidenschaft die Malerei war, hielt ein paar Pinsel in der Hand. Ihr freudiger Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass Udo die richtige Marke gewählt hatte.
   Als Nächstes kam Maximilian an die Reihe, der sich sichtlich über den Seidenschal freute und ihn sofort um seinen langen Hals drapierte.
   Martin bekam ein Waffenbuch, das ihm sein Freund überreichte. Er lächelte Udo zu und dankte ihm mit einem Blick, den Helene nicht einordnen konnte.
   Zu Helenes Freude trat Udo auch auf sie zu. Noch nie in ihren langen Dienstjahren hatte Helene ein Geschenk bekommen. Eine Sondergratifikation, ein gemaltes Bild von Viktoria, aber kein Geschenk, so wie das, das nun eingewickelt vor ihr auf dem Tisch lag. Ihre Hände zitterten, als sie es öffnete. Sie hoffte, dass es sich nicht um ein Küchentuch, oder einen modernen Staubfänger handelte, da sich das Geschenk weich anfühlte.
   Die Überraschung war gelungen, die Freude ehrlich und echt. Golfhandschuhe aus feinem Leder waren es, die sie einen Augenblick später in der Hand hielt. Sie sah zu Udo auf, der vor ihr stand und unruhig von einem Fuß auf den anderen trat, und musste ihr Lächeln nicht spielen. Er hatte ihr einen wirklichen Wunsch erfüllt. So musste Weihnachten sein. Voller Freude und Überraschungen.

Der Hauptgang war keine Überraschung. Die Gans war trocken und beim Blaukraut herrschte der Nelkengeschmack vor. Wieder sagte keiner ein Wort, da man das Essen erneut still einnahm. Nachdem alle den Hauptgang beendet hatten, nur Udo hatte sich auf die obligatorische Frage, ob noch jemand nachnehmen wolle, gemeldet, räumte Helene ab und flüchtete in die Küche.
   Sie fand, sie war eine ausgezeichnete Köchin, aber die Weihnachtsgans misslang ihr regelmäßig. »Traditionell«, schimpfte sie und schenkte sich einen Birnenschnaps ein. Kaum hatte sie das Gläschen an die Lippen gesetzt, klopfte es leicht am Türrahmen. Helene drehte sich zur Anrichte, versteckte das Glas hinter einem Kochtopf und blickte zur Tür.
   »Verzeihung. Ich fürchte fast, ich habe mich auf der Suche nach der Toilette verlaufen. Das Haus ist ja riesengroß.« Udo wurde rot und Helene befürchtete, dass sie, beim Schnapsen erwischt, ebenfalls rote Backen bekommen hatte.
   »Die Toilette ist am anderen Ende des Ganges. Warten Sie, ich mache Ihnen Licht.«
   Udo lächelte dankbar und kam zu Helenes Erstaunen nach erfolgreicher Suche zu ihr zurück.
   »Ich wollte mich bei Ihnen für den Gänsebraten bedanken. Es hat mir wirklich gut geschmeckt.« Udo lehnte sich an den Türrahmen und schien es nicht eilig zu haben.
   »Fanden Sie die Gans nicht zu trocken?« Helene glaubte ihm kein Wort, auch wenn sie gut taten.
   »Ist Gänsebraten nicht immer trocken?«, fragte Udo lächelnd. »Ich persönlich würde einen Schweinebraten bevorzugen, oder …«, er verdrehte die Augen nach oben und blies unter seinen vor langer Zeit geschnittenen Pony.
   Helene schmunzelte. »Oder ein saftiges Roastbeef.«
   »Mit Bratkartoffeln und Remouladensoße. Wenn es nicht zu dreist ist«, Udo schürzte die Lippen, »dürfte ich auch ein Schlückchen von dem Klaren? Mir liegt Gefieder immer schwer im Magen.«
   Helene freute sich. Diesem Jungen schenkte sie gern einen ein. »Vorsicht. Das ist ein Selbstgebrannter aus Niederbayern. Der hat es in sich.«
   Udo schnüffelte am Glas, nippte und kippte sich den gesamten Inhalt auf einmal herunter. »Herrlich.«

Als Helene wenig später das Musikzimmer betrat, hätte sie auf den ersten Blick meinen können, es mit einer ganz normalen Familie zu tun zu haben. Maximilian saß am Flügel und spielte Mozarts achte Klaviersonate in Moll. Allerdings schnitt er gegen Lipatti, den man eben noch genießen durfte, nicht gut ab. Gudrune schien das nicht zu stören, sie bewegte ihre bleiche Hand, an der ein Solitär im Feuerschein funkelte, im Takt. Ihre geschlossenen Augen und die in Falten gelegte Stirn verrieten ihr wahres Alter und Helene wurde bewusst, dass sich ihre Chefin genug an ihrem hochprozentigen Geschenk erfreut hatte. Heinrich blätterte in seinem Bildband, die linke Augenbraue hochgezogen, als wolle er den Autor infrage stellen. Martin las ebenfalls. Wütend. Er blätterte die Seiten heftiger um, als es nötig gewesen wäre und nagte an seinem linken Zeigefinger, an dessen manikürter Spitze er sicher nichts zu nagen fand.
   Die Einzigen, die sprachen, waren Viktoria und Udo nahe am Weihnachtsbaum.
   »Deswegen nennt man Sie Maddy?« Udo tippte an einen kleinen Engel mit roten Haaren und grüner Hose.
   »Wollen wir uns nicht duzen?« Viktorias Wangen überzog ein roter Schimmer.
   »Nur, wenn ich dich auch Maddy nennen darf. Einen Weihnachtsengel für Pumuckel!« Udo grinste immer noch. »Und die anderen Engel, wer hat die gemacht?«
   »Mein Vater«, sagte Viktoria. »Wir durften ihm helfen, aber eigentlich hat er sie allein gebastelt. Sie sind nach und nach in die Familie gekommen. Jedes hat seine eigene Geschichte. Jedes sein Schicksal.«
   »Wie wir alle.« Udos Gesicht wurde ernst.
   »Dieser kleine Engel ist der Liebling von Martin.« Viktoria brachte einen pausbäckigen kleinen Jungen mit kindlich gemalten Zügen zum Schwingen, der mit angedeuteten nackten Pobacken auf einer Blüte saß. »Nicht gerade weihnachtlich, aber das sind der Papagei und der Fisch auch nicht.« Sie lachte entschuldigend.
   »Ich finde es schön, wenn eine Familie solch eine Sammlung hat. So etwas kann ich leider nicht vorweisen.« Udo machte eine Bewegung, die den Baum und den gesamten Raum einschloss.
   »Haben Sie, ich meine, feiert deine Familie nicht?« Viktoria stupste einen weiteren Engel an, der sich darauf im Kreis drehte.
   »Nicht mehr. Meine Eltern sind tot.« Udo sah betreten zu Boden, als ob er daran schuld wäre.
   »Oh.« Viktoria hielt das Kreiseln des Engels an und trat einen Schritt zurück.
   »Kein Grund, verlegen zu werden. Es ist schon lange her und ich bin mittlerweile ein großer Junge.«
   Helene betrachtete Udo aus einem neuen Blickwinkel. Sicher hatte er keine einfache Kindheit gehabt. Umso erstaunlicher, dass er sich eine gewisse Kindlichkeit erhalten hatte. Sie musste seiner letzten Aussage beipflichten. Er war ein großer Junge, auch wenn er das Erwachsenenalter längst erreicht hatte.
   Als sie zur Küchentür ging, zupfte Udo sie am Ärmel, ganz so, als würde er ihre Meinung über ihn bekräftigen. »Wann werden die Wunderkerzen angezündet?«
   »Nach der Kirche und vor dem Dessert.« Helene schmunzelte. Sie mochte Udo.
   Sie waren zu Fuß durch die erstaunlich laue Nacht zur St.-Georg-Kirche gegangen. Gudrune hatte sich entschuldigt und war zu Hause geblieben. Sie hatte Helene aufgetragen, den anderen auszurichten, ihre Hüfte schmerze bei der Kälte.
   Der Gottesdienst war Helene zu überfüllt. Die Gläubigen hatten sich rechtzeitig besonnen. Der Anstand musste gewahrt bleiben. Man kannte sich, man nickte sich zu, man wünschte sich ein frohes Fest und freute sich, dazuzugehören. Ein zur Schaustellen der Eitelkeit. Ein Aufmarschieren der Nachbarschaft, ein Beruhigen der Seele, eine Pause vom familiären Glück. In der Kirche lärmten die Kinder. Aufgedrehter, rausgeputzter und an Weihnachten in den Mittelpunkt gestellter Nachwuchs, dessen Seele die plötzliche Verweigerung des Zentrums nicht verdauen wollten.
   Nach dem Gottesdienst lärmten die Großen vor dem Portal, klopften sich die Männer kameradschaftlich auf den Rücken. Sie hatten es fast geschafft, man rief sich die Fluchtorte St. Moritz, Kitzbühel, über die Köpfe der Nachbarschaft zu.

Als Familie Kurz erneut ins Musikzimmer trat, brannten die Wunderkerzen.
   Helene war vorausgelaufen und war als ein Wunder des zeitlichen Ablaufs bezeichnet worden. Sie hatte die Kerzen am Baum erneuert, eine Schale mit dem versprochenen Dessert, in dem ebenso Wunderkerzen brannten, auf den Tisch gezaubert und war erschöpft.
   Viktoria war im Türrahmen stehen geblieben und Helene erkannte, dass sie mit den Tränen kämpfte.
   Udo ging einen Schritt auf sie zu, wurde aber von Martin zur Seite gezogen, der ihn freundschaftlich in die Rippen boxte.
   »So, jetzt hast du das Gröbste hinter dir, jetzt wird es gemütlich.« Er zog Udo auf den Stuhl neben sich. »Mutter hat sich verabschiedet, der Platz am Feuer ist frei. Am Tischende zieht es doch bekanntlich wie Hechtsuppe.«
   Helene schnaubte. Sie jedes Jahr dort zu platzieren war eine Sache, aber auch noch zuzugeben, dass es der ungemütlichste Platz des Raumes war, war eine Unverschämtheit.
   Heinrich, vermutlich durch ihr Schnauben aufmerksam geworden, legte seinen Mantel über die Stuhllehne und setzte ein falsches Lächeln auf. »Wir danken Ihnen, Helene. Sie haben sicherlich einen anstrengenden Tag hinter sich.«
   Helene hatte verstanden. Sie wünschte eine gute Nacht.

Heiligabend 2012
21.15 Uhr Möhlstraße, Familie Kurz

Als Konrad das Gartentor des Anwesens der Möhlstraße passierte, war die Polizeiarbeit bereits in vollem Gange. Er blickte an der dreistöckigen Fassade des herrschaftlichen Hauses empor, die jetzt von den blauen Lichtern der Einsatzwagen erleuchtet wurde, und schätzte, dass es von Gabriel von Seidel geplant worden war. Von Seidel, dem berühmten Architekten, der in München um 1900 auch private Villen errichtet hatte. Teure Gegend, teures Haus notierte er im Geiste und straffte die Schultern. Aus seiner Erfahrung wusste er, dass Menschen, die solche Häuser besaßen, nicht einfach zu behandeln waren.
   In seiner Studienzeit, als er noch meinte, ein hoch dotierter Psychologe zu werden, hatte er davon geträumt, in solch einem Anwesen zu wohnen. Die Träume waren dahin und ein vermeintlicher Doppelmord lag vor ihm.
   Er drehte sich zu Meier und gab Anweisung, zu bleiben, als ihn Ralph Utzschneider von hinten ansprach.
   »Scheiß Abend für einen Mord«, brummte dieser und kickte einen Stein weg, der auf der gepflasterten Auffahrt lag.
   Konrad stimmte ihm zu. »Aber an Weihnachten nicht weiter erstaunlich. Warum bist du hier? Kein Sonderurlaub wegen der Kinder?«
   Utzschneider, der sich mit Vorliebe kleidete, als ob er Kapitän eines Binnenschiffs wäre, schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Dieses Jahr hat es mich erwischt. Der Chef hat was von Gerechtigkeit gemurmelt.«
   Konrad verstand. Ihm war es seit Jahren egal, ob man ihn an Weihnachten aus dem Wohnzimmer jagte. Ganz im Gegenteil, es war ihm recht gewesen und er hatte seinem Chef angeboten, den Bereitschaftsdienst zu übernehmen, um die Familienväter und Mütter zu verschonen. Dass es Ralf Utzschneider erwischt hatte, tat ihm leid. Andererseits freute er sich, dass er mit ihm zusammenarbeite. In seiner momentanen seelischen Verfassung hätte er kaum einen anderen Kollegen ertragen. Er schätzte Utzschneiders Humor, seinen klaren Blick und die Vertrautheit, die sie über die Jahre entwickelt hatten. Er brauchte ihm nicht lange zu erklären, welche Laus ihm über die Leber gelaufen war. Ralf war über seine häuslichen Gegebenheiten im Bild. Gemeinsame Schachabende, bei denen er Wein und Utzschneider Bier getrunken hatte, hatten ihre Zungen gelöst und es gab kaum ein Detail im Leben des anderen, das nicht bekannt war.
   »Haben sich die Kinder über die Bescherung gefreut?«, versuchte Konrad von seinen Gedanken abzulenken, die geradewegs auf seine Frau zusteuerten.
   »Ja und wie. Marie hat ihr Puppenhaus sogar mit ins Bett genommen.«
   »Puppenhaus?«, fragte Konrad erstaunt. »Ist ein Puppenhaus nicht uncool?«
   »Von Barbie«, klärte ihn Utzschneider grinsend auf.
   Gemeinsam stiegen sie die drei Stufen zur Haustür hinauf, die offen stand. In dem Moment, in dem sie die Schwelle passierten, veränderte sich Utzschneiders Gesichtsausdruck und wurde professionell.
   Sie grüßten den an der Haustür postierten Beamten des Kriminaldauerdienstes, Sebastian Huber, mit dem obligatorischen »Frohe Weihnachten«, bevor Konrad die vorläufigen Erkenntnisse, die ihm am Telefon mitgeteilt worden waren, zusammenfasste.
   »Doppelmord mit Schusswaffe. Schusswechsel mit Selbstmord ist ausgeschlossen?«
   Sebastian Huber, den alle nur Huber nannten, tippte mit dem Kugelschreiber auf seine Notizen. »Nahezu.«
   Konrad betrachtete den Kollegen mit gewissem Mitleid. Noch so eine arme Wurst, die am Heiligen Abend Dienst hatte.
   Die arme Wurst leitete sie vom Eingangsportal durch eine imposante, mit riesigen Ölgemälden bestückte Halle zu einer weiß lackierten Flügeltür. »Die Toten befinden sich im Musikzimmer«, erklärte Huber mit ehrfürchtigem Tonfall.
   Das Zimmer stellte sich als ein holzgetäfelter, circa fünfzig Quadratmeter großer Raum dar, der im Moment von einer Armee weiß gekleideter Leute besiedelt war. Der Erkennungsdienst in seinen Schutzanzügen war also schon vor Ort, stellte von Kamm beruhigt fest. Er blieb vor der Türschwelle stehen, registrierte die Metallkoffer und beneidete die Beamten nicht, die sich daran machten, jeden Quadratzentimeter unter die Lupe zu nehmen. »Habt ihr schon einen Sachverständigen der Rechtsmedizin angefordert?«, fragte von Kamm in den Raum hinein, ohne jemand bestimmten anzusprechen.
   Einer der weiß gekleideten Beamten trat zur Seite und bejahte Konrads Frage. Dann gab er den Blick auf zwei Männer, die in einer Blutlache vor dem Kamin lagen, frei. Der Anblick war nichts für zartbesaitete Naturen, aber Konrad war in seinen Dienstjahren so manchen Anblick gewöhnt.
   Utzschneider, der neben ihn getreten war, sog hörbar die Luft ein. »Die Spusi waltet ihres Amtes, was tun wir?«
   Konrad riss sich vom Anblick des Zimmers los. Er hatte sich den Raum in seinen Einzelheiten eingeprägt und gerade darüber nachgedacht, dass seine gesamte Wohnung in diesen einen Raum passen würde. »Wer ist noch anwesend?«, wandte er sich an Huber, der hinter ihnen stand.
   »Die Haushälterin, eine gewisse Frau Koch, und die Hausherrin. Die ist meiner Meinung nach allerdings nicht vernehmungsfähig.«
   »Die Hausherrin heißt Kurz? War sie mit Heinrich Kurz verheiratet?«
   »Gudrune Kurz, geborene von Kupfer. Nein, die beiden waren nicht verheiratet. Heinrich Kurz ist, respektive war, ihr Schwager.«
   Der Mädchenname der Hausherrin kam Konrad entfernt bekannt vor, aber er konnte ihn im Moment nicht einordnen. Er klopfte Huber freundschaftlich auf die Schulter. Huber hatte seine Hausaufgaben gemacht.
   »Und die beiden befinden sich wo?«, wollte Utzschneider wissen.
   »Im Frühstückszimmer, gleich nebenan.« Huber zeigte auf eine weitere, von der Eingangshalle abgehende Tür, die geschlossen war.
   »Wahrscheinlich ist das Zimmer so groß wie eine Turnhalle«, murmelte Konrad und verbot sich sogleich weitere bittere Kommentare.
   Utzschneider grinste, drehte sich einmal auf seinem Absatz im Kreis und betrachtete die Halle. Dann pfiff er leise durch die Zähne. »Beeindruckend, nicht?«
   »Wenn man es mag.« Konrad ignorierte den schlossartigen Treppenaufgang und öffnete die besagte Tür.
   Das Frühstückszimmer war kleiner und weniger hochherrschaftlich als der Rest des Hauses, den er bisher gesehen hatte. Am Esstisch saßen zwei Frauen. Konrad erkannte in der rotgesichtigen Frau, die eine Schürze umgebunden hatte, die Haushälterin Frau Koch. Neben ihr saß die Hausherrin, die, schneeweiß im Gesicht, gegen die Wand starrte. Ein Beamter des Streifendienstes stand an ein Sideboard gelehnt und Utzschneider schickte ihn mit einem freundlichen Nicken nach draußen.
   Die Befragung der Hausherrin war, wie Huber bemerkt hatte, nicht möglich. Konrad fragte sich eher, ob man Frau Kurz nicht lieber in eine Klinik einliefern sollte, damit man der Dame dort den Magen auspumpte. Zuviel getrunken wäre eine maßlose Untertreibung gewesen. Sie war sturzbetrunken und konnte kaum sprechen. Was sie sagte, konnte er nicht verstehen. Das Einzige, was er verstand, war, dass sie nichts und niemanden gesehen hatte.
   Nachdem der wiederholte Vorschlag, Frau Kurz einzuliefern, erneut entrüstet abgelehnt worden war, ließ er Frau Koch ihre Chefin auf ihr Zimmer bringen. Er sah der traurig schwankenden Figur nach, die von Frau Koch gestützt wurde, und schüttelte den Kopf.
   »Hoffentlich kann wenigstens die Haushälterin präziser werden.« Utzschneider fuhr sich mit beiden Händen über sein Gesicht.
   Konrad mochte sich nicht vorstellen, wie anstrengend Weihnachten mit Kindern war. Schon ohne Kinder war sein Weihnachtstag aufreibend gewesen. Als er merkte, wie seine Gedanken die falsche Richtung nahmen, winkte Utzschneider ihm zu folgen und verließ den Frühstücksraum.
   In der Eingangshalle schlug ihnen eisige Kälte entgegen. Dem milden Abend war eine kalte Nacht gefolgt und die Eingangstür stand noch immer auf.
   Konrad klopfte an den Türrahmen des Musikzimmers, um auf sich und Utzschneider aufmerksam zu machen. Die Beamten des Erkennungsdienstes gaben ihnen zu verstehen, dass sie eintreten durften. »Habt ihr schon etwas Brauchbares?«, fragte Konrad und blickte auf die Uhr. Viele Erkenntnisse hatte er seit seinem Eintreffen noch nicht erhalten.
   Dr. Stefan Ostphal, Rechtsmediziner und alter Bekannter von ihm und Utzschneider, schloss seinen Metallkoffer und kam mit hochgezogenen Augenbrauen auf sie zu. Er schüttelte beiden die Hand. »Frohe Weihnachten erst einmal.«
   Konrad erwiderte seinen Wunsch und wackelte mit der großen Zehe. Er hoffte, dass Stefan sich kurzfassen würde. Dass er überhaupt gleich zum Punkt kam und nicht erst noch weitere Segenswünsche von sich gab. Sein stiller Wunsch wurde nicht erfüllt. Utzschneider und Stefan begannen im selben Augenblick über die Weihnachtsgeschenke ihrer Kinder und die damit verbundene Bescherung zu reden.
   Konrad merkte, dass er mit seiner Ungeduld nicht weiter kam, und sah sich zwischenzeitlich im Raum um. Der Tisch war für fünf Personen gedeckt, der Kamin war gelöscht worden und jemand bemühte sich fluchend, die Reste daraus zu bergen. Von Kamm ging auf eine Markierung zu, die auf dem Parkettboden vor der geöffneten Terrassentür angebracht worden war. Er konnte auch ohne technische Hilfsmittel einen Fußabdruck erkennen und hob den Kopf. Ein Blick in den Garten sagte ihm, dass der Erkennungsdienst auch hier tätig geworden war.
   »Was ist deiner Meinung nach geschehen?«, unterbrach er das Schwätzchen seiner Kollegen.
   Dr. Ostphal fuhr sich über den blanken Schädel und zuckte mit den Schultern. »Kann ich nicht sagen.«
   »Jetzt mach’s nicht so spannend. Ich will ja noch keine ausgewerteten Ergebnisse, nur deinen ersten Eindruck.« Konrad schätzte unvoreingenommene Meinungen, die noch nicht durch die Auswertung von tausenderlei Spuren verwässert wurden.
   »Jemand kam über die Terrassentür herein und erschoss die beiden aus nächster Nähe.«
   »Sicher?« Utzschneider besah sich jetzt ebenfalls den Fußabdruck.
   »Fast sicher. Wir haben keine Waffe gefunden, die auf einen Mord mit anschließendem Selbstmord hinweisen würde. Der Täter muss die Waffe mitgenommen haben.« Dr. Ostphal deutete in Richtung Terrassentür. »Dieser Fußabdruck auf dem ansonsten penibel sauberen Boden lässt auf einen Eindringling schließen. Sportschuhe, Größe fünfundvierzig, nach meiner vorläufigen Schätzung.«
   »Todeszeitpunkt?«, Konrad grinste, weil er wusste, dass er seinen Kollegen damit aufregen konnte.
   »Die Opfer waren noch warm, wenn du das meinst. Die Haushälterin hat die Kollegen zeitnah angerufen.«
   Wie aufs Stichwort machte Helene Koch auf sich aufmerksam. »Ich habe sofort die Polizei verständigt«, bestätigte sie.
   Utzschneider bat sie zurück ins Frühstückszimmer.

Nachdem sich alle am Tisch niedergelassen hatten, öffnete Konrad sein Notizheft und machte den Anfang. »Frau Koch, wie lange sind Sie bei der Familie Kurz in Anstellung?«
   »Seit einunddreißig Jahren«, sagte Helene, der der Schock anzusehen war. »Im Sommer werden es zweiunddreißig. Heinrich Kurz hat mich damals eingestellt, als er den Hausvorstand übernahm. Damals, ach«, Helene schloss kurz die Augen und Konrad befürchtete, dass er gleich die gesamte Familiengeschichte unterbreitet bekäme, und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jetzt und Heute.
   »Würden Sie uns bitte erzählen, wo Sie waren, als Heinrich und Dr. Martin Kurz erschossen wurden?« Konrad sah Helene in die Augen. Wachsame Augen, entschloss er. Augen, denen nichts entgeht.
   »In der Küche, ich habe mich um den Hauptgang gekümmert. Ich habe zunächst überhaupt nicht verstanden, was es mit dem Knall auf sich hat. Erst, als es das zweite Mal geknallt hat, bin ich nach oben, um nachzusehen, was passiert ist.«
   »Zeugen?«
   Helene schüttelte den Kopf. »Wer sollte denn bei mir in der Küche gewesen sein?« Dann stockte sie in der Bewegung. »Ich habe telefoniert, das heißt, ich wurde, kurz bevor es im Musikzimmer knallte, angerufen. Hilft das weiter?«
   Konrad lächelte, um Helene zu beruhigen. Das war kein wirkliches Alibi, aber erst einmal besser als nichts. Er ließ sich die Telefonnummer und Adresse des Anrufers geben.
   »Ich habe bemerkt, dass der Tisch im Musikzimmer für fünf Personen gedeckt ist. Ich nehme an, Sie haben mit der Familie gefeiert. Nach all den treuen Dienstjahren gehören Sie ja quasi mit dazu.« Konrad hoffte, dass sein Schmeicheln für ein wenig Entspannung bei seinem Gegenüber führen würde. »Wer wurde noch erwartet?«
   »Der älteste Sohn des Hauses, Maximilian Kurz.« Für einen Augenblick entspannte sich Helenes Gesicht.
   Konrad skizzierte einen Familienstammbaum in sein Heft. »Gibt es weitere Kinder? Nähere Verwandte?«
   »Viktoria, die Tochter.«
   »Die nicht erwartet wurde«, stellte Utzschneider sachlich fest.
   »Sicher nicht.« Helenes Gesicht verschloss sich und sie verschränkte die Arme vor der Brust.
   Konrad hakte nach. »Warum nicht?«
   »Weil sie bereits seit fünfzehn Jahren keinen Fuß mehr ins Haus setzt.« Helene seufzte. »Sie werden selbst darauf stoßen, darum kann ich es Ihnen gleich sagen. Es ging damals durch alle Regenbogenpressen. Viktoria hat ihre Familie des Mordes bezichtigt und jeden Kontakt abgebrochen.«
   »Sie war all die Jahre nicht mehr hier? Sind Sie sicher?« Utzschneider war seine Skepsis anzusehen. »Keine Versöhnung? Kein Wort?«
   Helene schüttelte den Kopf und schürzte die Lippen. »Kein Lebenszeichen. Der Kontakt ist auf beiden Seiten vollkommen abgebrochen.«
   Konrad überlegte. Irgendetwas fiel ihm zu dem Thema ein, er konnte es aber nicht greifen. Er machte eine Notiz und wechselte wieder zu dem verwaisten fünften Platz im Musikzimmer. »Der Sohn, Maximilian Kurz, warum war er nicht da? Hat er sich entschuldigt?«
   Helene zog ein Taschentuch aus ihrer Schürze und schnäuzte sich lautstark. »Nein, hat er nicht. Ich verstehe das auch nicht.«
   Im gleichen Moment klopfte es an der Tür. Utzschneider öffnete und stand einem Mann gegenüber, der aussah, als würde er gleich kotzen.
   »Maximilian Kurz«, meldete Sebastian Huber.
   Utzschneider trat zur Seite und ließ ihn ein. Huber hatte anscheinend noch etwas zu sagen, denn Utzschneider trat zu ihm in den Eingang und kam erst einen Moment später ins Zimmer zurück.
   »Maximilian!« Helene trat auf den Mann zu und griff ihn vorsichtig am Ärmel.
   »Was ist hier geschehen?«, flüsterte Maximilian, dessen Stimme so rau war, dass man meinen konnte, er hätte den Abend auf einem Rockkonzert mitgegrölt.
   »Wo kommen Sie jetzt her?«, stellte Konrad die Gegenfrage und zeigte ihm seinen Dienstausweis.
   Maximilian sah ihn und den Ausweis perplex an, antwortete aber ohne zu zögern. »Von draußen.«
   »Wo Sie was gemacht haben?« Konrad hasste Typen, die auf dummdreist machten. Er atmete tief durch und rief sich zur Ordnung. Er durfte seinen Groll, den er seit seiner Jugend auf reiche Söhne hatte, nicht mit in die Arbeit einfließen lassen.
   »Ich war spazieren. Könnte mir jetzt bitte jemand erklären, was hier passiert ist.« Maximilian legte seine Erschütterung ab, wie andere einen Regenmantel und wurde zu dem Mann, der sich seiner Position bewusst ist.
   Konrad steckte den Ausweis in die Innentasche seines Cordjacketts. »Es tut mir leid, Ihnen den Tod ihres Onkels und Ihres Bruders mitteilen zu müssen.« Konrad behielt sein Gegenüber genau im Blick.
   Jetzt kam es darauf an, jede Gesichtsregung aufzunehmen. Er hatte Erfahrung mit Tätern, die sich ahnungslos stellten.
   »Maximilian, es tut mir so leid«, mischte sich Helene ein und wandte sich zur Anrichte.
   »Könnte ich etwas zu trinken haben?«, bat Maximilian und hatte schneller, als er Bitte sagen konnte, einen Whiskey in der Hand.
   »Gibt es für Ihren Spaziergang Zeugen?«, fragte Utzschneider. »Reine Routinefrage, Sie verzeihen.« Utzschneider konnte Maximilian auch nicht leiden, das sah Konrad mit einem Blick.
   Maximilian verzog genervt das Gesicht, zog seinen Mantel aus, legte ihn sorgfältig über eine Lehne und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Nein, ich habe keine Zeugen für meinen Spaziergang. Ich wollte in Ruhe nachdenken, dafür nimmt man gewöhnlich keinen Zeugen mit. Wenn ich allerdings geahnt hätte, dass die Kriminalpolizei hier auftaucht, hätte ich natürlich einen mitgenommen.«
   Von Kamm war sprachlos. Maximilians Kaltschnäuzigkeit schockierte ihn. Alleine der letzte Satz war so egozentrisch, dass er für einen Moment aus dem Konzept kam.
   »Darf ich fragen, welche Schuhgröße Sie haben?«, rang sich Konrad die nächste Frage ab und setzte sich ebenfalls.
   Utzschneider blieb demonstrativ stehen.
   »Fünfundvierzig, warum? Wollen Sie mich beschuldigen?«
   Konrad blickte auf Maximilians Lackschuhe. »Sie waren also spazieren. Darf ich fragen, wo?«
   »In den Isarauen.«
   »Dafür sind Ihre Schuhe bemerkenswert sauber.« Konrad glaubte ihm kein Wort.
   »Weil ich sie geputzt habe?«
   »Sie putzen Ihre Schuhe, während Sie spazieren gehen?« Konrad wollte seinem Gegenüber gerade die Meinung sagen, als sich Helene unaufgefordert einmischte.
   »Herr Kurz pflegt stets, ein Putztuch mit sich zu tragen. Seine Schuhe sind immer tadellos«, sagte sie.
   Utzschneider brummelte irgendwas Unverständliches.
   »Wirklich«, setzte Helene hinzu.
   »Was aber immer noch nicht erklärt, warum Sie zu spät zum Essen gekommen sind, respektive überhaupt jetzt erst aufgetaucht sind«, hakte Konrad nach. »Frau Koch behauptet, dass Sie für gewöhnlich sehr pünktlich sind. Gibt es einen bestimmten Grund für Ihre Verspätung?«
   »Ja. Ich …«, Maximilian blickte von Utzschneider zu Konrad. »Das würde ich lieber nicht vor den Dienstboten besprechen.«
   Helene stand auf. »Darf ich den Herren einen Kaffee anbieten?«
   Alle bejahten. Konrad sah Helene nach, die mit geradem Rücken den Raum verließ. Helene mochte Maximilian auch nicht, mutmaßte er.
   »Also?«, forderte Konrad.
   »Ich …«, Maximilian Kurz stockte, schüttelte den Kopf und setzte neu an. »Eigentlich wäre ich heute in Gefahr gewesen, ermordet zu werden.« Maximilian versuchte ein Lächeln, das ihm gründlich misslang.
   »Sie gehen von Mord aus?«, schaltete sich Utzschneider ein. »Warum?«
   »Wovon soll ich denn sonst ausgehen? Von einem Unfall?« Maximilian lachte ein freudloses Lachen, das in der darauf folgenden Stille schwer lastete, und beeilte sich, weiterzusprechen. »Ich hatte mich verspätet und kam, als man die Bahren aus dem Haus trug. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war und kam sofort ins Haus.«
   »Was unser Kollege so nicht bestätigen kann«, spielte Utzschneider seinen Trumpf aus. »Unser Kollege sagt, dass Sie sich schon eine geraume Zeit vor dem Anwesen aufgehalten haben und erst herbeikamen, als die Toten herausgetragen worden sind. Können Sie uns erklären, warum Sie nicht gleich hergekommen sind, als Sie die Polizeiwagen vor Ihrem Haus gesehen haben? Waren Sie denn nicht neugierig, wollten Sie nicht wissen, was geschehen war? Oder wussten Sie es bereits?«
   Maximilian wechselte die Farbe. »Ich glaube, ich möchte meinen Anwalt anrufen«, murmelte er und stand auf, um sich einen weiteren Whiskey einzuschenken.
   Helene brachte den Kaffee, stellte das Tablett zittrig ab und sah mit fassungsloser Miene hinter Utzschneider und Maximilian her, die den Raum verließen.
   Konrad ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er schenkte sich Kaffee ein und machte Notizen. Hätte ihm Helene, die unruhig im Zimmer stand und nicht wusste, was sie sagen oder machen sollte, über die Schulter gesehen, wäre sie über die Karikatur, die er neben seine Aufzeichnungen malte, erstaunt gewesen. Mit nur ein paar Strichen hatte er Maximilian Kurz’ Wesen eingefangen. Ein Bild zeigte ihn mit vollem Haupthaar, Schal und arrogantem Blick. Das Zweite, ohne Haare, wie er sich hinabbeugte, um mit seinem Toupet Schuhe zu putzen.
   Konrad sah von seinem Notizbuch auf. »Können Sie sich vorstellen, dass Maximilian seinen Bruder und Onkel erschossen hat?«
   Helene wischte sich die Stirn und setzte sich. »Verzeihen Sie, aber mir zittern die Knie.«
   Konrad hatte Verständnis, blieb aber am Ball. »Können Sie?«
   Helene sah auf ihre Schuhe. »Eigentlich möchte ich dazu nichts sagen.«
   »Berufsethos, ich verstehe.« Das war erst einmal Antwort genug.
   Helene schien noch etwas auf der Seele zu liegen. »Sollte man trotz allem nicht die Tochter verständigen? Und Martins Frau, auch wenn sie sich nicht gerade im Frieden getrennt haben?«
   »Sind Trennungen jemals friedlich?« Konrad dachte an seine Frau und hatte das Gefühl, jemand hätte das Licht im Zimmer gedimmt. »Die Anrufe übernehmen wir, Frau Koch. Aber wenn wir schon über die Tochter sprechen, da hätte ich noch ein paar Fragen, die Sie mir wahrscheinlich am schnellsten beantworten können. Bevor ich alle Regenbogenpressenartikel der letzten fünfzehn Jahre durchforsten muss.« Konrad verdrehte gespielt verzweifelt die Augen und freute sich, als Helene aufmunternd nickte.
   »Sie machten vorher eine Andeutung, dass das Verhältnis zwischen Viktoria und ihrer Familie angespannt ist.«
   »Angespannt ist eine nette Untertreibung, Herr Kommissar«, sagte Helene. »Maddy, verzeihen Sie, Viktoria hat sich seit dem Tod ihres Mannes und den folgenden Gerichtsverhandlungen nie wieder blicken lassen. Ich brauche in diesem Fall kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie hat damals geschworen, ihre gesamte Familie umzubringen. Stand in jeder Zeitung.«
   »Haben Sie ihr das geglaubt? Sie sind schon lange im Haus, Sie kennen die Kinder sicherlich sehr gut.«
   Sie bewegte ihren Kopf abwägend. »Nein, eigentlich nicht. Sie war wütend und entrüstet, und das konnte ich verstehen. Das wäre ich an ihrer Stelle auch gewesen, aber dass sie die Familie umbringen will, habe ich ihr keinen Augenblick abgenommen.«
   »Und jetzt hat es doch jemand getan«, gab Konrad zu bedenken. »Wenigstens zum Teil. Meinen Sie, es war Viktoria?«
   »Nach über fünfzehn Jahren? Ich bitte Sie, warum gerade jetzt? Damals im Zorn, als sie den Prozess verloren hat, vielleicht. Aber heute? Nein.«
   »Frau Koch, würden Sie mir kurz auf die Sprünge helfen, um was es damals ging?« Konrad schmunzelte, als sich Helene in Positur setzte. Sie hatte auf diese Frage gewartet, da war er sich sicher. Er konnte heute noch ihre Entrüstung spüren, als sie anfing zu erzählen.
   »Maddy war mit Udo Seinhab verheiratet. Ein stinkreicher Erbe, gut aussehend und jung. Ich glaube, die Ehe war glücklich, auch wenn es manchen Streit gegeben hat.« Helene sah auf, schien sich zu vergegenwärtigen, dass sie die Geschichte einem Kriminalkommissar erzählte, zudem einem männlichen, und atmete tief durch. Ihr Tonfall veränderte sich und wurde sachlicher. »Udo ist damals finanziell in die Firma der Familie eingestiegen. Mit fast allem, was er hatte.«
   Konrad wurde hellhörig. Bei Geld, das wusste er, hörte bei vielen die Freundschaft auf.
   »Na ja, das war wohl keine gute Idee von ihm. Jedenfalls hat es, soweit ich es mitbekommen habe, ständig Ärger in der Firma gegeben.«
   »Das kommt in den besten Familien vor«, gab Konrad zu bedenken.
   »Immer geht es ums Geld.« Helene zupfte an dem Taschentuch, das sie zwischenzeitlich aus ihrer Schürze genestelt hatte. »Jedenfalls hat Udo einen Herzinfarkt bekommen. Der ewige Streit und die nächtlichen Eskapaden mit Maximilian waren zu viel für ihn.«
   »Nächtliche Eskapaden?«
   »Alkohol und so«, wich Helene aus und sprach schnell weiter. »Na, jedenfalls hatten sich Udo und Maddy versöhnt und beschlossen, nach Frankreich auszuwandern. Udo wollte sein Geld aus der Firma ziehen und die beiden hatten sogar schon ein Haus gefunden.« Helene seufzte. »Ein wirklich schönes Haus mit Pinienwald drum herum. Udo hatte bereits früher einen Wald, müssen Sie wissen.« Helene tupfte sich eine Träne aus einem Augenwinkel. Anscheinend nahm sie die alte Geschichte mehr mit, als die, die heute Abend geschehen war.
   »Verzeihen Sie, Herr Kommissar, wenn ich daran denke, wird mir immer ganz anders.«
   Konrad konnte sie verstehen und war, wie er zugeben musste, selbst gespannt, was dann geschehen war.
   »Maddy war schwanger und lebte bereits mehr in Frankreich als in Deutschland. Sie baute das Haus um und richtete sich dort ein Atelier ein. Sie ist Künstlerin«, setzte Helene hinzu. »Udo war allein in München, um die finanziellen Dinge zu regeln. Er war soweit wieder von seinem Herzinfarkt genesen. Selbstverständlich hatten ihm die Ärzte jeglichen Alkohol und Aufregung untersagt. Es handelte sich wohl um eine angeborene Herzschwäche. Na ja, Udo war meiner Meinung nach selbst schuld. Er zog wie in alten Zeiten mit Maximilian um die Häuser, wie sie es nannten, und kümmerte sich nicht um das, was die Ärzte ihm rieten. Ein weiterer Herzinfarkt war vorherzusehen. Nur war dieser leider tödlich.«
   »Viktoria sah das nicht so? Dass der zweite Herzinfarkt Udos Lebensstil geschuldet war?«
   »Nein, sie behauptete in dem Prozess, von dem ich Ihnen bereits berichtet habe, dass ihre Familie Udo mit Absicht umgebracht hätte. Ihn zu dem Herzinfarkt getrieben hätte. Maximilian mit Alkohol und Martin mit der Klausel, die er in den Vertrag eingebaut hat. Und das alles, damit sie das Geld, das Udo in die Firma gesteckt hat, behalten konnten.« Helene schnäuzte sich abermals lautstark.
   »Dr. Martin Kurz war der Justiziar der Familie?« Konrad machte eine Notiz und stand auf. Sein Gespür sagte ihm, dass der Fall, den er übernommen hatte, viel verzwickter war, als er auf den ersten Blick gemeint hatte. Er sah auf sein Schreibheft und hatte nur einen Wunsch: Für einen Augenblick alleine sein und seine angefangenen Gedankengänge ohne Störung zu Ende zu denken.
   »Die Telefonate übernehmen wir, Frau Koch.« Er ignorierte die Irritation seines Gegenübers und streckte Helene die Hand zur Verabschiedung hin. »Ich sehe, es geht Ihnen nicht gut. Wenn Sie möchten, können Sie sich gern zurückziehen. Ich finde allein raus.«
   Offensichtlich war es Helene nicht recht. Sie stand zwar auf, aber es war klar, dass sie sich erst hinlegen würde, wenn sie sich davon überzeugt hatte, dass alle Fenster und Türen geschlossen und alle Beamten draußen waren.
   Helene legte ihm einen Zettel hin, auf dem mit säuberlicher Schrift die Telefonnummern und Adressen der genannten Familienmitglieder verzeichnet waren. »Ich dachte mir, ich erspare Ihnen eine Aufgabe.«

Konrad lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schloss die Augen. Er musste die vielen Eindrücke, die auf ihn herabgeprasselt waren, verarbeiten. Zu gern hätte er sich eine Zigarette angezündet, hatte es sich aber seit zehn Jahren verboten und nicht vor, das heute zu ändern. Maximilian Kurz ging ihm nicht aus dem Kopf. Er war sich sicher, dass er ein Motiv für die Tat finden würde, aber auf der anderen Seite war er der Überzeugung, dass es in jeder Familie, für jedes Mitglied ein Motiv gäbe, zu morden. Helene Koch hatte die Trennung von Dr. Martin Kurz und seiner Frau merkwürdig betont, notierte er im Hinterkopf. Die Tochter des Hauses hatte, wenn er Helenes Ausführungen Glauben schenken wollte, ein starkes Motiv, ihre Familie zu eliminieren.
   Konrad stand auf und schlenderte durch das Zimmer. Er spähte aus dem Fenster und bemerkte, dass die Einsatzwagen verschwunden waren. Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Utzschneider erwartete ihn an seinem Audi. »Was hältst du von der Sache, Konrad? Meinst du, Maximilian Kurz hat seinen Bruder und Onkel erschossen?«
   Konrad zuckte mit den Achseln. »Wir sollten alle unter die Lupe nehmen. Hier.« Er riss den Notizzettel, den Helene Koch ihm gegeben hatte, in zwei Teile. »Versuch du, diese Nadja Schneider zu erreichen. Das ist die Exfrau von Dr. Martin Kurz. Ich probiere es bei der Tochter des Hauses. Wir treffen uns auf dem Präsidium.«
   Utzschneider ließ mittels Fernbedienung die Lichter seines Autos aufleuchten. »Bis gleich.«
   Konrad sah sich nach Meier um. Den hätte er fast vergessen. Er sah Utzschneiders Rücklicht hinterher und fasste einen Entschluss. Er würde persönlich bei Viktoria vorbeifahren, denn er sah den potenziell Verdächtigen gern ins Gesicht, wenn er ihnen solche Mitteilungen machte. Außerdem war er neugierig auf die Tochter, gestand er sich ein. Er rief Utzschneider auf dem Handy an, stellte fest, dass belegt war und gab Gas. Utzschneider würde zurückrufen.

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