Kommissarin Belle James, die den Anblick von Leichen nicht mehr ertragen kann, und ihr ehrgeiziger Kollege Jan Perkos stehen vor einem Rätsel. Auf dem Gelände einer abgebrannten Villa in der beschaulichen süddeutschen Kleinstadt Benenbach wurde eine Leiche in einer Bauerntruhe gefunden. Erschlagen und grausam verstümmelt. Bei ihren Ermittlungen geraten James und Perkos in ein Gespinst aus Lügen und Intrigen. Sie begegnen Ass, einem Junkie, der keiner ist. Sie lernen Graf von Ellenbach kennen, auf dessen Gelände die Tote gefunden wurde und der offensichtlich Dreck am Stecken hat. In den Mittelpunkt der Ereignisse rücken die Mitarbeiter der privaten Musikschule von Benenbach. Die neu engagierte Querflöten-Lehrerin Annika Griebel ahnt, dass ihre Kollegen nicht immer die ganze Wahrheit erzählen. Als ein zweiter Mord geschieht, beginnt Annika auf eigene Faust zu recherchieren und gerät in tödliche Gefahr.

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ISBN: 978-9963-724-18-5

Seiten: 240

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Ute Kissling

Ute Kissling
Ute Kissling ist Autorin, Redakteurin, Historikerin und bekennende Badenerin. Studium, Job und eine ordentliche Portion Neugierde trieben sie von Heidelberg über Hamburg nach Berlin, dann nach Togo und Ghana wieder zurück in die Hauptstadt. Dort und am Stettiner Haff lebt und schreibt sie. Derzeit arbeitet sie an ihrer Reihe um den badischen LKA-Ermittler Paul Klinker und seine Berliner Kollegin Florentine Lanz.

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Leseprobe

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1.
In der Nacht

Die Amsel war an einen Türrahmen genagelt.
   Der tote Vogel hing da, die Flügel ausgebreitet, in jedem steckte ein Nagel.
   Neugierig trat ich näher. Kein Blut.
   Plötzlich riss mich das Knarzen einer Zimmertür aus meinem Traum. Der Lichtschein aus dem Flur legte einen hellen Korridor neben mein Bett und blendete mich. Ich erkannte das Gesicht meines Vaters nur schemenhaft.
   »Steh auf«, befahl er. »Du musst Klavier üben.« Mein Vater war ein Mann von Prinzipien.
   Ich hatte am Tage vergessen zu spielen. Mir kribbelte die Müdigkeit in den Füßen. Meine Hausschuhe fand ich nicht. Ich tapste voran ins Wohnzimmer, wo das Klavier an der Wand zwischen deckenhohen Bücherregalen stand. Als ich auf dem Hocker saß, ließ ich aus Gewohnheit die Beine baumeln. Den Schlag ins Genick, den mein Vater mir versetzte, hatte ich nicht erwartet. Mein Nacken brannte wie Feuer.
   »Du bist wirklich selten dämlich«, zischte er mir ins Ohr.
   Im dämmrigen Licht der Straßenlaterne, die den Raum nur notdürftig erhellte, konnte ich die Noten vor mir kaum lesen.
   »Sieh dir mal deinen Schlafanzug an.« Er konnte seine Wut nicht zügeln.
   Ich blickte an mir hinunter, entdeckte nichts Tadelnswertes.
   Mit der flachen Hand schlug er mir auf den Hinterkopf. »Zu dämlich, um ihn richtig zuzuknöpfen.«
   Jetzt sah ich es auch. Ich hatte den zweiten Knopf in das oberste Knopfloch gesteckt. So saß das Oberteil schief. Als ich daran herumnestelte, schlug er wieder zu.
   »Jetzt spiel endlich.«
   Vorsichtig begann ich, die Tasten zu drücken. Ich war wirklich schlecht. Meine Finger waren ganz steif. Es hörte sich grässlich an. Von meinen feuchten Händen wurden die Tasten immer glitschiger und ich rutschte wieder und wieder ab.

Mit der Zeit ging es besser. Vater hatte aufgehört, mich zu schlagen und sich in den Lehnstuhl gesetzt, die Füße auf den Hocker gelegt und schnarchte. Aus seinem Mund rann ein Speichelfaden, der an seinem Hemd einen dunklen Fleck hinterließ.

Wie Blut, dachte ich, das getrocknet ist. Das wird auch ganz dunkel. Als Vater aufwachte, durfte ich aufhören zu spielen. Draußen war es längst hell geworden. Die Sonne hatte sich in den Himmel gesetzt und schien so penetrant, dass sich mein Kopf in den Strahlen zu drehen schien, als ich mich am Fenster stehend anzog. Um sieben Uhr trabte ich los, der Ranzen wippte auf meinem schmerzenden Rücken auf und ab. Ich musste mich beeilen, um den Schulbus nicht zu verpassen. Vater konnte sehr wütend werden, wenn er erfuhr, dass ich zu spät zur Schule gekommen war.

2.
Samstag, 13. Oktober

Feiner Nieselregen umhüllte die Grafen-Villa.
   Angelo Zapetto stoppte seinen Transporter am Straßenrand und warf einen Blick auf die Uhr im Cockpit. Halb acht. Noch eine halbe Stunde, bis seine Mitarbeiter Julius und Harry auftauchen würden.
   Zeit genug, das Gelände und die Villa in Augenschein zu nehmen. Manchmal fanden sich einigermaßen wertvolle Objekte unter dem Gerümpel, das es zu entsorgen galt. Oder Kupfer. Uralte Eichenbalken, die er gesondert zu Geld machen konnte. Allein mit den Umzügen und Transporten, die er neben Entrümpelungen anbot, könnte er niemals Elenas exquisite Wünsche erfüllen, dazu benötigte er den einen oder anderen Euro zusätzlich.
   Angelo stieg aus und kratzte sich genüsslich im Schritt. Er fühlte sich großartig nach dieser Nacht. Elena war wieder einmal einmalig gewesen. Wie sehr sie ihm das Gefühl gab, ein Held zu sein. Der Inbegriff eines potenten Mannes, nach dem sie sich sehnte und den sie unaufhörlich begehrte. Was machte es da schon, dass ihre Wünsche eben ein bisschen kostspieliger waren?
   Schwungvoll öffnete er die hinteren Türen des Wagens und lud seine Gerätschaften aus. Zu guter Letzt schnappte er sich die Thermoskanne, die Elena vor seiner Abfahrt mit Kaffee gefüllt hatte. Die Gute war wirklich umsichtig. Für einen Moment schwelgte er in der frischen Erinnerung an Elenas üppig wogenden Busen und ihre leidenschaftlich an ihn gepressten Schenkel. Wäre er nicht schon mit Gina verheiratet, er würde Elena glatt einen Antrag machen.
   Angelo erklomm die abgetretene Steintreppe, die zum Eingang der Villa führte und vor einem bronzefarbenen Tor endete. Die Angeln quietschten wie ein Hund, der sich den Schwanz eingeklemmt hatte. Angelo verzog das Gesicht. Seine Laune verdüsterte sich zunehmend, als er das Chaos wahrnahm, das auf dem Gelände rund um das Brandhaus herrschte.
   »Mist!«, fluchte er. So viel Arbeit hatte er nicht erwartet. Halb verbrannte Stühle und ein Tisch mit gedrechselten Beinen voller Ruß lagen achtlos im Vorgarten herum. Aus einer Ledercouch, deren ursprüngliche Farbe er nicht mal mehr erraten konnte, ragten verrostete Sprungfedern heraus, auf denen sich eine bräunliche Moosschicht abgesetzt hatte. Auf einer Kommode mit verschrammter Marmorplatte krabbelte ein platter Käfer. Davor lag wie ein Mahnmal ein Staubsauger, der auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.
   Angelo stapfte an den nutzlosen Dingen vorbei. Gras und allerlei dorniges Gestrüpp waren im Lauf des Sommers kniehoch gewachsen. Mit seinem Gummistiefel blieb er an einer pelzigen Ranke hängen, die nicht willens war, ihn wieder freizugeben. Ungeduldig riss er daran, bis sie nachgab.
   Er ging um das Haus herum. Ein süßlicher Geruch verstärkte sich mit jedem Schritt, den er sich dem Garten näherte. An der rückwärtigen Hausfront erstreckte sich eine Wiese, ein knorriger Kirschbaum in deren Mitte trug noch Früchte. Kaum zu glauben zu dieser Jahreszeit. Bei näherem Hinsehen bemerkte er, dass die Kirschen völlig verquollen und verfault waren. Rührte daher der süßliche Geruch, den er nicht einzuordnen wusste und der seinen Magen rumoren ließ?
   An der Hauswand stapelten sich mannshoch Umzugskartons, die durch die Feuchtigkeit weich geworden und ineinander verrutscht waren. Angelo stöhnte auf. Sie würden den Inhalt umpacken müssen, um sie wegbringen zu können. Warum zum Teufel hatte er sich auf eine Pauschale für diesen Auftrag eingelassen? Der Graf hatte ihn schön reingelegt.
   Angelo warf seine Thermoskanne ins Gras und stellte sich auf die Zehenspitzen, um in den obersten Karton zu spähen. Das flaue Gefühl im Magen verstärkte sich wegen des fauligen Geruchs, der ihm um die Nase wehte. Es roch wie gammliger Fisch, versehen mit einer Brise Kotze.
   Er hielt die Luft an, als er in dem Karton herumwühlte. Durchweichte Comics, abgetretene Pumps, ein Tom-Sawyer-Buch, Schlittschuhe, ein kanariengelber Softball, eine verschlissene Geldbörse.
   Angelo trat einen Schritt zurück und atmete aus. Nichts Besonderes. Abgesehen von dem Gestank. In Gedanken machte er sich Vorwürfe, weil er Elenas vorzüglich zubereiteten Cocktails in der vergangenen Nacht so zügellos zugesprochen hatte. Kein Wunder, dass sein Magen schlingerte, als würde er Achterbahn fahren.
   Eine Bauerntruhe, die neben den Kartons im Gras stand, weckte seine Aufmerksamkeit.
   Sie war liebevoll mit Ornamenten in Orange- und Ockertönen verziert. Rosenblüten schlangen sich in der Mitte der Vorderseite um die Zahl 1871. Angelo frohlockte. Auch wenn sie nass geworden war, ließ sie sich bestimmt gut verkaufen. Eine richtige Antiquität. Er trat näher, strich über das Holz, das sich erstaunlich glatt und kühl anfühlte. Wie Porzellan.
   Er zog am Griff des gewölbten Deckels. Das Holz gab ein ächzendes Geräusch von sich.
   Der unerträgliche Gestank traf Angelo wie ein Keulenschlag. Er kippte stocksteif nach hinten um. In einem unkontrollierten Schwall erleichterte er sich von Elenas Cocktails und Leckereien der vergangenen Nacht, bevor eine Ohnmacht seinen Geist umnachtete.

*

Die Musikschule sah aus wie ein Schuhkarton, den zufällig jemand abgestellt und anschließend vergessen hatte.
   Annika blieb stehen und ließ langsam den Blick schweifen. Den heutigen Tag würde sie fest im Gedächtnis verankern. Ihre Flut aus Ängsten, Selbsthass und Fressattacken hatte sich zurückgezogen. Die Ebbe hatte weichen Boden hinterlassen, auf dem sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Ihr neues Leben begann. Jetzt, hier, heute. Sie musste nur dort hineingehen.
   In diesen Schuhkarton. Eingezwängt zwischen dem altehrwürdigen Gymnasium aus Backstein und der Ruine einer abgebrannten Jugendstil-Villa. Obwohl das Feuer, das in dem Haus der Grafenfamilie gewütet hatte, ein halbes Jahr zurücklag, roch Annika einen beißenden Brandgeruch, der aus dem eingestürzten Dachstuhl herüberwehte. Unschlüssig stand sie auf dem Hof der Musikschule und beobachtete einen Wagen, der vor der Villa stoppte. Der Hausverwalter hatte sich damals nicht rechtzeitig aus dem Flammenmeer retten können und war verbrannt. Um das Grauen, das in ihr hochstieg, zu vertreiben, schüttelte sie den Kopf.
   Sie sah wieder auf den grauen Schuhkarton. Ihr Herz vollführte einen Hüpfer, trotz des trostlosen Anblicks. Endlich konnte sie arbeiten. Musikschullehrerin war zwar nicht ihr Traum gewesen, aber es war ein Anfang.
   »Entschuldigen Sie bitte, kann ich Ihnen helfen?«
   Die Stimme einer Frau riss Annika aus ihren Beobachtungen. Ein quietschgrüner Rock wehte der Fremden um die Waden. Sie stand vor der Eingangstür der Musikschule und blickte Annika freundlich auffordernd an.
   Annikas Wangen erwärmten sich. Sie fühlte sich ertappt wie ein Schulmädchen, das beim Spicken erwischt worden war. Unbeholfen ging sie auf die Frau zu. Ihr Hinken konnte sie nicht verbergen. »Verzeihen Sie, ich bin die neue Musiklehrerin. Annika Griebel. Ich bin etwas früh dran, darum stand ich hier und habe mir die Schule von außen angesehen.«
   Ein neugieriges Flackern huschte über das Gesicht ihres Gegenübers, das in ein Lächeln überging. »Na, dann kommen Sie mal rein in die gute Stube. Ich bin Marianne Hauschild. Mädchen für alles hier.«
   Annika trat hinter ihr ein. Die Tür fiel mit einem ordentlichen Rums zu und jagte Annika einen Schreck durch die Glieder.
   Vor ihr erstreckte sich ein Flur, der ohne Tageslicht auskommen musste. Halogenstrahler boten alle paar Meter eine kleine Lichtinsel. Poster mit Musikinstrumenten waren an die Wände gepinnt. Sie gingen an Oboe, Klarinette, Violine, Kontrabass und einem Horn vorbei. Ein muffiger Geruch weckte die Erinnerung an den Kuhstall auf dem Gehöft ihrer Eltern. Annika versuchte, sich von der ungemütlichen Vorstellung zu lösen und sich auf Marianne zu konzentrieren, die unentwegt plauderte.
   »… freuen wir uns sehr, dass wir Ersatz für Elsa gefunden haben. Von einem Tag auf den anderen war sie weg, fristlos gekündigt, obwohl das gar nicht geht. Sie können sich sicher vorstellen, was hier los war. Der Chef war außer sich. Er hat getobt.«
   Sie bogen nach rechts und gelangten in ein Zimmer, an dessen Tür ein Zettel mit der Aufschrift »Zentrale für Kaffee und Musik« klebte. Mit ihren breiten Hüften zwängte sich Marianne zwischen Schreibtisch und Regal hindurch zu einem Sideboard, auf dem eine blitzblanke Espressomaschine aus Chrom stand. Ein Durcheinander an Akten stapelte sich um ein hüfthohes Kopiergerät.
   »Kaffee, Espresso, Cappuccino, was darf ich Ihnen anbieten?«
   Annika hätte am liebsten einen warmen Tee getrunken, aber sie wollte nicht unhöflich sein. »Ein Kaffee wäre nett.« Sie stellte sich ans Fenster.
   Die Herbstsonne, die ihr eben noch den Rücken gewärmt hatte, verbarg sich nun hinter Wolken. Ein leichter Wind wirbelte trockene Blätter über den Boden.
   Marianne trat mit einer rosa ausgeblichenen Kaffeetasse in der Hand auf sie zu. »Bitte sehr.«
   Annikas Hand zitterte.
   Unverhohlen musterte Marianne sie mit ihren hellblauen Augen, die zu dicht nebeneinanderstanden. Da half auch der üppig aufgetragene Lidschatten im Lavendelton nicht, um den kleinen Makel zu verbergen.
   Annika schalt sich für ihre Gedanken. »Herzlichen Dank für den netten Empfang«, sagte sie wie zur Wiedergutmachung. »Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich die Zusage für die Stelle bekam.«
   Marianne strahlte sie an. »Wo haben sie denn vorher unterrichtet?«
   Unwillkürlich zog sich Annika zurück. Noch während sie über eine unverfängliche Antwort nachsann, wurde die Tür aufgestoßen und ein Mann stürmte herein.
   »Marianne, meine Sonne, wo steckst du den ganzen Tag? Lass deine Strahlen auf mein müdes Haupt scheinen«, begann er seine Charme-Offensive, die der Sekretärin ein breites Lächeln auf ihre schmalen Lippen zauberte. Der Charmebolzen hielt inne und wandte sich Annika zu. »Oh, wen haben wir denn da? Eine neue Klavierschülerin? Stets zu Diensten, meine Dame, Meister der weißen und schwarzen Tasten. Tommi Oberlinger mein Name.« Er hielt ihr eine Hand hin, die erstaunlich zart war für seinen sonst so männlich-muskulösen Körper.
   Annika schüttelte sie verwirrt. »Nein, ich bin die neue Lehrerin für Querflöte. Annika Griebel.«
   Mariannes Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.
   Oberlinger begann schallend zu lachend. »Da habe ich aber ordentlich danebengelegen. Aber wenn man so jung und blühend aussieht wie Sie …« Schelmisch zwinkerte er Annika zu und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. An seinem blau-weiß gestreiften Pullover erkannte sie ihn als den Klavierlehrer, den sie von draußen beobachtet hatte.
   Marianne hatte indes einen verkniffenen Zug um den Mund bekommen.
   »Als ihr Kollege in guten wie in schlechten Zeiten heiße ich Sie hiermit herzlich willkommen«, sagte Oberlinger vergnügt und drehte sich wieder Marianne zu. »Aber mein Engel, was schaust du denn so griesgrämig?« Er trat einen Schritt auf sie zu, hob sie hoch und drehte sich mit ihr.
   Marianne kicherte. »Lass mich runter, du Schuft.«
   Ungerührt drehte er sich weiter mit ihr um die eigene Achse. »Erst wenn du mir sagst, wann diese blöde Konferenz anfängt.«
   »In fünf Minuten. Lass mich runter.« Unvermittelt ließ Tommi sie auf den Boden plumpsen. Fast wäre sie gestolpert, aber er fing sie mit einer galanten Bewegung auf. »Na dann, Frau Kollegin, nichts wie los.« Tommi packte Annika an der Hand und zog sie ungestüm hinter sich her.
   Ihre Handtasche hielt sie mit der anderen Hand umklammert und stolperte Tommi hinterdrein. Die körperliche Energie, die von ihm ausging, war ihr zu viel. Sie fühlte sich wie eine Maus in der Gefangenschaft einer Katze, als sie in einem Raum Halt machten, der schräg gegenüber von Mariannes Zentrale lag.
   Klappstühle aus orangefarbenem Plastik standen unordentlich um einen Holztisch herum. Instrumente, aus denen mindestens ein, wenn nicht zwei komplette Orchester hätten gebildet werden können, lagerten an den Wänden.
   »Et voilà, unser Instrumentenraum, in dem wir nach Belieben auch konferieren, neuerdings auch samstags, seit die Bezirksverwaltung beschlossen hat, einen zusätzlichen Arbeitstag einzuführen.« Tommi lächelte sie von oben herab an. Er war mindestens anderthalb Köpfe größer als sie. »Machen Sie es sich bequem. Ich gehe und trommle die anderen zusammen.« Mit diesen Worten stürmte er davon und ließ sie allein zurück.
   Sie fühlte sich fremd. Kopfschmerzen breiteten sich über ihren Augen hinter der Stirn aus. Ein unbehagliches Gefühl pochte in ihrer Magengrube. Sie sollte aufhören und sich zusammenreißen. Es ging um ihre Zukunft. Sie brauchte diese Arbeit. Unbedingt.
   Erst jetzt bemerkte sie, wie warm es war. Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn über einen Stuhl. Am liebsten hätte sie auch noch den Blazer ihres Kostüms ausgezogen, doch das gute Stück reichte ihr über Hüften und Hintern und kaschierte ein wenig von ihren Pfunden.
   Annika wühlte in ihrer Handtasche auf der Suche nach einem Müsliriegel. Schokolade wäre ihr lieber gewesen, aber sie hatte einen Handel mit sich geschlossen. Wenn sie die Stelle an der Musikschule bekam, wäre es vorbei mit Süßkram und Fressattacken. Zehn Kilo mussten weg. Mindestens. Angewidert blickte sie auf den Riegel und ließ ihn wieder in die Tasche gleiten.
   Horst Wegelos trat ein. Sie kannten sich bereits von dem Vorstellungsgespräch, das bei der Bezirksleitung stattgefunden hatte. Annika hatte fast vergessen, wie ihr zukünftiger Chef aussah. Straßenköterblond, farblose Augen, nicht groß, nicht klein, nicht dick, nicht dünn. Ein Durchschnittstyp. Auffällig stachen lediglich seine abfallenden Schultern hervor, die er zusätzlich hängen ließ wie ein flügellahmer Vogel.
   »Frau Griebel, Sie sind schon da? Wieso hat Frau Hauschild mir nicht Bescheid gesagt?« Er bemühte sich um einen entschlossenen Tonfall, aber seine zitternden Mundwinkel verrieten ihn. Kräftig schüttelte er ihre Hand, schmiss Kugelschreiber und Notizblock auf den Tisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sprang wieder auf, um ein Fenster zu schließen.
   Annika wusste nicht, was sie erwidern sollte, um Marianne nicht in Schwierigkeiten zu bringen. »Ich bin gerade erst gekommen«, sagte sie schließlich.
   Der Rest der Belegschaft trudelte ein. Voran Tommi mit einem strahlenden Lächeln. Hinter ihm ging mit unbewegtem Gesicht ein Mann in den mittleren Jahren und nur wenig größer als Annika. Zuletzt folgte Marianne, die ein Tablett mit Kaffeetassen, Zucker, Keksen und einem Milchkännchen vor der Brust balancierte. Mit einem Ächzen ließ sie es auf den Tisch knallen, sodass die Milch nur so herumspritzte.
   Tommis Pullover wurde in Mitleidenschaft gezogen. Hektisch sprang der Musiklehrer einen halben Meter zurück, mitten auf den rechten Fuß seines Kollegen, der aufschrie und Tommi energisch beiseiteschubste.
   »Mensch, Marianne, du dummes Huhn, kannst du nicht aufpassen?« Den Schubser schien Tommi nicht bemerkt zu haben.
   Unglücklich blickte Marianne auf. »Verzeihung«, murmelte sie.
   Weiße Milchtupfer zierten ihre Stirn und tropften langsam hinab. Nur Annika schien von ihrem Malheur Notiz zu nehmen.
   »Leute«, machte sich der Chef bemerkbar, »lasst uns anfangen, bitte.«

*

Belles Handy vibrierte. Ihr Mann drehte sich mit einem Grunzen auf die andere Seite, während sie nach dem Gerät auf dem Nachttisch angelte.
   »James.«
   »Isabelle, entschuldige die Störung«, meldete sich ihr Kollege Jan.
   Sie warf einen Blick auf den Wecker. Zwanzig nach acht – und einer der wenigen Tage, an denen sie ausschlafen konnte. Erst recht, nachdem der Schwindel, der sie seit einiger Zeit plagte, sie wieder die halbe Nacht wachgehalten hatte.
   »Wir haben hier eine Leiche. Deine Tatkraft ist gefragt.« Jan klang wie ein Jagdhund, der Beute gemacht hatte.
   Belle richtete sich auf. »Wo?«
   »Im Garten der abgebrannten Grafen-Villa. Wann kannst du da sein?«
   Belle seufzte. Dass Jan auf seine Wochenenden pfiff, verwunderte sie nicht. In seinem Alter war sie genauso gewesen. »Ich bin schon unterwegs«, antwortete sie und legte auf. Vorsichtig strich sie John über den Kopf. »Ich muss weg. Ist was passiert«, murmelte sie ihm ins Ohr und sprang so elanvoll wie möglich aus dem Bett.

Das ganz große Aufgebot, dachte Belle, als sie ihren Wagen vor der Villa parkte. Mehrere Polizeiautos, zwei Krankenwagen, ein Wagen der Spurensicherung und Jans Fahrrad standen an der Straße. Auf dem Gelände wuselten Polizisten und Mitarbeiter der SpuSi herum. Sie hatten einen Trampelpfad mit Absperrbändern angelegt, auf dem sie sich drängelten, um keine Spuren auf dem übrigen Grundstück zu zerstören. Jan war in ein Gespräch mit dem Gerichtsmediziner Ron Feder verwickelt. Als er Belle sah, winkte er ihr zu.
   »Belle, das ist die Hölle. Ein bisschen was hab ich auch schon gesehen in meiner Zeit bei der Polizei. Aber das hier ist erschütternd.«
   Belle musste sich ein Grinsen verkneifen. »So, der Spürhund hat Blut geleckt. Weih mich bitte ein.«
   Jan blinzelte unaufhörlich. Bei Aufregung machten ihm seine Kontaktlinsen zu schaffen. »Ein Entrümpler, der hier aufräumen sollte, hat sie gefunden. In einer Truhe. Sie sieht schrecklich aus. Liegt da schon länger drin, sagt Feder. Vielleicht zwei bis drei Wochen.«
   Belle kämpfte mit einem leichten Schwindel. Ein Mann fand eine Leiche beim Ausmisten. In was für einer Welt lebten sie? Gemeinsam mit Jan ging sie um die Villa. SpuSi-Mitarbeiter in weißen Overalls fotografierten den Fundort der Leiche, einer drehte den Schauplatz mit einer Videokamera.
   Belle empfand Widerwillen, sich das Elend in der Truhe anzusehen. Zu oft hatte sie in ihrer fast zwanzigjährigen Polizeiarbeit Leichen gesehen. Sie wusste, es würde sie wieder und wieder peinigen. Nachts in ihren Träumen zogen die Toten in Karawanen vorbei. Mit starren Masken, hohläugig, getrocknetes Blut haftete ihnen an. Zerfetzte Leiber krochen über den Erdboden, baten sie um Hilfe. Sie raubten ihr die Ruhe, nahmen ihr den Glauben, dass sie mit dem, was sie tat, für Gerechtigkeit sorgen würde und sie den Opfern Ausgleich verschaffte, indem sie die Täter fasste.
   Sie war müde. So müde. Mit steifen Beinen beugte sie sich über den Truhenrand.
   Es war noch schlimmer, als sie befürchtet hatte.
   Leere Höhlen, dort wo Augen hätten sein sollen. Das Gesicht zerschlitzt, zerfetzt, zerrissen, entstellt bis zur Unkenntlichkeit. Das blonde Haar umrahmte in ungebührlichem Glanz die Fratze.
   Belle wandte sich ab.
   Sie wusste, dass sie wegen ihrer Größe und ihrer burschikosen Art niemals in den Verdacht geraten würde, sentimental zu sein. Dennoch verbarg sie ihre Gefühle sorgsam hinter einer sicheren Fassade aus Routine und Kaltschnäuzigkeit. Sehnsüchtig dachte sie an ihr Bett. John, der neben ihr lag, an dessen Schulter sie sich schmiegen könnte.
   »Wo ist der Mann, der sie gefunden hat? Ich will mit ihm sprechen.«
   »Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Du hättest ihn sehen sollen. Er hat die Hände in den Himmel gereckt und was von der Jungfrau Maria gefaselt. Bestimmt Katholik.« Jan zwinkerte sie an.
   »Warum trägst du eigentlich keine Brille? Mit diesen Kontaktlinsen kannst du doch gar nicht sehen.«
   Entrüstet blickte er sie an. »Eine Brille? Ich brauch Glasbausteine. Dann seh ich aus wie ein Bibliothekar. Unmöglich. Du kannst aber mit den beiden sprechen, die den Maria-Anbeter gefunden haben. Seine Kollegen, du findest sie da drüben.«
   Julius Hank und Harry Laube standen auf der Wiese wie Messdiener, denen ihr feierliches Gewand gestohlen worden war. Grobschlächtige Gestalten mit trainierten Oberarmen und sanften Gesichtern. Parade-Möbelschlepper. Die könnten ein Klavier locker auf der Schulter tragen.
   »Isabelle James, Kriminalpolizei. Sie haben ihren Kollegen entdeckt?«
   »Chef«, korrigierte der eine. »Ich hab ihn noch nie so gesehen. Als wir kamen, lag er neben der Truhe und hat geweint wie’n Baby. Ich hab gedacht, der ist besoffen oder so. Aber dann hab ich da reingeguckt. Wissen Sie, so was erwartet man ja auch nich am frühen Morgen. Mir ist ganz schlecht.« Unter seinen Tränensäcken sah er sie mit wässrigen Augen an.
   Exzessiver Biertrinker, konstatierte Belle.
   »Wir haben dann den Notarzt gerufen. Der in der Truhe war ja nich mehr zu helfen. Das hab ich gleich gesehen.«
   Schnellmerker. »Gut. Sie können dann gehen. Bitte hinterlassen Sie ihre Namen und ihre Anschriften, falls wir noch Fragen haben.«
   »Das hab ich schon erledigt.« Jan winkte eilfertig mit seinem Notizbuch.
   Mit aufgeklapptem Deckel trugen Mitarbeiter der Spurensicherung die Truhe samt Inhalt auf dem schmalen Trampelpfad an ihnen vorbei. Plötzlich stolperte der dicke Träger vorn rechts über seine Füße. Die Fracht geriet in Schieflage. Eine schneeweiße Hand baumelte aus der Truhe heraus. Der rechte Zeigefinger deutete schlaff auf den Boden.
   »Verdammte Scheiße«, stöhnte Jan und erbrach sich im Gras.
   »Der Ärmste«, befand Arthur Baldauf.
   Belle fragte sich, wer den Lokalreporter die Absperrung hatte passieren lassen. Zum Glück entdeckte sie keine Kamera. Innerlich musste sie grinsen. Das Versprechen, den Aufhänger für die Samstagsausgabe gefunden zu haben, hatte ihn wahrscheinlich unvermittelt von seinem Schreibtisch aufspringen lassen. Immerhin lag das Verwaltungsgebäude des Käseblattes gleich schräg gegenüber der Villa und der Auflauf von Polizei, Krankenwagen und Spurensicherung hatte ihn wahrscheinlich von einem stinklangweiligen Geschäftsbericht des Tennisvereins aufgescheucht.
   Keuchend kam Baldauf näher. Belle kannte ihre Pappenheimer. Sie war Baldauf schon häufiger begegnet. Mittlerweile musste er stramm auf die sechzig zugehen und sich wahrscheinlich ranhalten, wenn er nicht in Frührente verabschiedet werden wollte. Er schob seinen Bauch vor sich her und bahnte sich seinen Weg, bis er mit weit in den Nacken gelegtem Kopf vor ihr stehen blieb.
   »Hallo Frau James.«
   Belle nickte ihm nur zu, ohne ihren Unmut zu verbergen.
   Ganz Kavalier der alten Schule zog Baldauf aus seiner Jackentasche ein gebügeltes Taschentuch, das mit dem Monogramm A. B. versehen war. Er reichte es Jan. »Herr Perkos, haben Sie sich den Magen verdorben?«, fragte er, nicht ohne ein schadenfrohes Glucksen zu unterdrücken.
   Jan richtete sich abrupt auf. »Wie kommen Sie denn hier rein? Machen Sie sich vom Acker, aber dalli.«
   »Ich gehe meiner Verpflichtung als Journalist nach. Aufklärung der Öffentlichkeit«, gab Baldauf sich amtlich. »Wie ich höre, haben Sie eine Leiche entdeckt. Wissen Sie, wer die To…«
   »Herr Baldauf«, mischte sich Belle ein, »Sie sind doch lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Sie von uns keine Informationen bekommen. Wenden Sie sich an die Pressestelle. Und nun sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, ansonsten lasse ich Sie festnehmen. Wäre ja nicht das erste Mal.«
   Baldauf warf ihr einen wütenden Blick zu, trollte sich aber. Belle grinste. Nur zu gut wusste der Reporter, dass mit ihr nicht zu spaßen war. Sie konnte sich seinen Fluch lebhaft vorstellen. »Die hat vermutlich nicht nur Haare auf den Zähnen, das Mannweib, das blöde.«
   Ein leises Quietschen ließ Belle herumfahren. Die ehemals herrschaftliche Tür der Brandvilla öffnete sich langsam und heraus trat ein magerer Mann mit filzigen, gelb verfärbten Haaren. An den Seiten hatte er sie ausrasiert, was ihm das Aussehen eines kranken Vogels verlieh, dem das Gefieder ausging. Mit glasigem Blick betrachtete er die Szenerie.
   »Wo kommt der denn plötzlich her?«, fragte Belle.
   Der Mann ließ sich auf den Treppenstufen nieder und stützte das Kinn in die Hände. Belle fielen seine schwarz lackierten Nägel ins Auge.
   Wie auf Kommando entdeckte die Polizistenmeute den unerwarteten Hausgast und stürzte auf ihn zu. Drei Mann rissen ihn hoch und bombardierten ihn mit Fragen.
   »Wer sind Sie? Was machen Sie hier? Wie heißen Sie?«
   Belle wies sie mit einer Geste an, aufzuhören. »Seht ihr nicht, dass er komplett zugedröhnt ist? Nehmt ihn mit. Setzt ihn in die Ausnüchterungszelle. Wir kümmern uns später um ihn.«
   Die Miene des Junkies drückte dumpfe Dankbarkeit aus. Er trottete vor den Polizisten her.

Eine halbe Stunde später saßen Jan und Belle im Café auf der Hauptstraße. Missmutig rührte ihr Kollege in seinem Pfefferminztee. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
   Belle häufte drei Teelöffel Zucker in ihren schwarzen Kaffee. »Diese Villa scheint das Unglück anzuziehen«, sagte sie, bevor Jan auf die Idee kam und ihr einen Knopf ans Ohr quatschte über kotzende Bullen, die aufgrund ihrer Schwäche wohl nicht zu Höherem berufen sein konnten. Sie fühlte sich zu leer und zu matt, um jemand anderen aufzurichten als sich selbst, wobei sie auf die Wirkung des Koffeins hoffte. »Erst das Feuer, der tote Hausverwalter, jetzt die Frau in der Truhe. Ist die Brandursache eigentlich geklärt worden?«
   Jan musste eingestehen, dass er es nicht wusste. Noch ein Minuspunkt. Sein Blinzeln verstärkte sich erneut.
   »Habe ich dir mal von dem Schunck-Fall erzählt?«
   Jan schüttelte den Kopf.
   »Bestimmt schon fünfzehn Jahre her. Ich war gerade befördert worden und sollte zum ersten Mal die Ermittlungen leiten. Zwei Jungen waren ermordet worden. Brüder, sechs und acht Jahre alt. Mit durchtrennten Kehlen lagen sie am Seeufer. Ich musste den Eltern die Nachricht überbringen. Drei Tage und Nächte hatten sie gebangt. Ich saß am Küchentisch und erklärte ihnen, was wir wussten. Nichts. Außer dass ihre Kinder nie wieder nach Hause kämen. Die beiden waren ganz still. Sie hielt seine Hand. Die Küchenuhr tickte. Laut. Lauter. Dann weinte ich. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich wusste, dass ich unprofessionell war. Aber ich musste immer an Jefferson denken, meinen Sohn. Er muss damals etwa vier gewesen sein.«
   Sie schwiegen. Sahen aus dem Fenster. Auf der Straße liefen die ersten Wochenendeinkäufer herum. Sie schleppten schwere Tüten.
   »Wir müssen herausfinden, wer die Tote ist.« Belle zog ihre gewohnte Fassade wieder hoch. »Vielleicht finden wir etwas bei den Vermisstenanzeigen. Und wir müssen mit diesem Zapetto reden. Den Junkie müssen wir uns auch vorknöpfen. Und den Grafen. Na, der wird sich wundern, was auf seinem Grundstück alles los ist.«
   Hastig nahm Jan den letzten Schluck aus seiner Tasse. »Danke«, erwiderte er leise. »Ich hab an Marie gedacht, meine Freundin. Ihr Haar ist genauso blond.« Er sprang auf. »Lass uns loslegen.«

3.
Das Weinen

Wenn ich an sie denke, sehe ich sie weinen. Am Küchentisch. Im Bett. Auf der Couch. Meine Mutter weinte schweigend. Die Tränen liefen ihr die Wangen hinunter, manchmal zuckte sie dabei mit den Schultern. Immer saß sie aufrecht, wenn sie weinte. Auch im Bett. Ich schlich dann auf Zehenspitzen, um sie nicht zu stören. Oder ich setzte mich an meinen Schreibtisch und beobachtete mit meinem Fernglas die Welt draußen. Frau Dress, die ihre Wäsche aufhängte. Marlon, Andi und Jens, die auf den Fußball eintraten, als ginge es um ihr Leben. Der fette Dackel, der in den Vorgarten von Herrn Hirsekötter pisste. Wenn mein Vater meine Mutter weinen sah, verhöhnte er sie. Er nannte sie »Heulsuse« und »Memme« und schubste sie, bis sie aufstand und geduckt aus dem Zimmer schlurfte. Sie hat sich nie gewehrt.
   Meine Mutter sammelte Knöpfe. Sie bewahrte sie in einer Holzschatulle auf. Manchmal breiteten wir ihre Schätze auf dem Wohnzimmerteppich aus. Legten Muster, suchten Paare. Goldene Knöpfe, die matt schimmerten, wenn ich sie gegen das Licht hielt. Rote Knöpfe mit schwarzem Rand, die gut zu einem Sommerkleid gepasst hätten. Perlmuttknöpfe, welche aus Plastik, andere aus Metall. Hosenknöpfe, Hemdenknöpfe, Druckknöpfe. Zu jedem Knopf konnte Mutter eine Geschichte erzählen. Ein silberner Knopf mit Emblem hatte einem arabischen Prinzen gehört, der in die Welt ausgezogen war. Bei einem Kampf hatte ein Ritter ihm den Knopf mit einem Schwert abgeschlagen. Oder der Knopf mit dem grün-roten Stoffbezug. Er hatte das Kleid einer alten Dame verziert, die beim Kaffeekränzchen an einem Kuchenkrümel fast erstickt wäre. Ich lauschte andächtig.
   »Firlefanz« brüllte mein Vater, als er uns mit den Knöpfen erwischte. Er wollte, dass ich ein Mann werde.
   Ich glaube, meine Mutter war so oft traurig, weil wir immer wieder umziehen mussten. Mein Vater war Lehrer, Mathematik und Chemie.
   »Mit diesen Fächern verschafft man sich Respekt«, sagte er. Manchmal hatte er Nachhilfeschüler, die zu uns nach Hause kamen. Meistens waren es Mädchen. Sie waren älter als ich. Sie trugen gestärkte Blusen mit akkuraten Kragen, die ihre kleinen Brüste kaum verbargen. Wenn ein Mädchen mit Vater im Arbeitszimmer saß und lernte, musste ich leise sein. Sein Arbeitszimmer hatte eine Glastür, durch die ich nur Umrisse erkennen konnte. Die eine Gestalt beugte sich über die andere. Ganz dicht. Bis beide zu einem grauen Berg verschwammen, der rhythmisch hin- und herglitt. Schneller, immer schneller.
   Mutter weinte.
   »Verleumdungen«, schrie mein Vater.
   Wir mussten wieder umziehen.
   Als meine Mutter meinen Vater heiratete, war sie siebzehn und schwanger. Mein Vater war sechsunddreißig.
   Mutter lebt seit einiger Zeit in einer Klinik. Es geht ihr besser. Sie weint nicht mehr so oft. Dafür redet sie und redet. Das hat ihr der Therapeut beigebracht. Dass sie ihr Leben vergeudet hat. Dass Vater ein Tyrann war. Dass sie sich dafür schämt, was er mir angetan hat. Dass sie nie vergessen wird, was er aus mir gemacht hat. Ich verstehe nicht und mag diese alten Geschichten nicht hören. Ich lasse Mutter reden und denke an den fetten Dackel in Herrn Hirsekötters Vorgarten. Er muss schon lange tot sein.

Als sie im Polizeipräsidium ankamen, fühlte sich Belle besser. Die Sonne hatte den Weg durch die Wolken gefunden und glitzerte durch die hohe Buche vor ihrem Fenster. Die weißen Büromöbel gaben ihr immer das Gefühl von Klarheit. Hier konnte sie denken. Jan hatte sich an den Computer gesetzt und studierte das Vermisstenregister. Ab und an machte er Notizen.
   Sie rief im Krankenhaus an, um sich nach Zapettos Zustand zu erkundigen. Eine Schwester vertröstete sie. »Wir haben ihm eine Ladung Diazepam verpasst. Vor morgen früh wacht er sicher nicht auf.«
   Belle suchte die Nummer des Grafen heraus, Albert von Ellenbach, eine stadtbekannte Größe. Seine Familie lebte seit zwei Jahrhunderten im Ort und nannte sogar ein Mausoleum im Schlosspark ihr eigen. Ihr Reichtum gründete sich auf Landbesitz in der Region. Nach und nach wurden Äcker zu Bauland erklärt, die der Klan zu irrwitzigen Preisen verkaufte.
   Die Stimme des Grafen klang am Telefon alles andere als herrschaftlich, eher quiekend. Aber verbindlich. »Eine Tote in unserer Villa? Frau Kommissarin, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«
   »Das würde ich nicht wagen, Herr Graf. In solchen Dingen beliebe ich nicht zu scherzen.« Belle gratulierte sich zu ihrer Replik, hatte die akademische Erziehung ihrer Eltern auch mal was Gutes. »Dürfen wir in einer Stunde zu Ihnen kommen, um Sie über die Details in Kenntnis zu setzen?«
   »Selbstverständlich, Gnädigste, ich werde meine Perle anweisen, den Tee vorzubereiten.«
   Seine Perle anweisen? Der Typ war doch nicht ganz dicht. Kopfschüttelnd legte Belle auf.
   Jan ruderte aufgeregt mit den Armen. »Ich hab was gefunden. Annett Seeger, sechsunddreißig, vermisst seit Mitte September. Prostituierte.«
   »Druck es aus. Wir lesen es unterwegs. In einer Dreiviertelstunde erwartet uns Herr von und zu samt Perle und Tee-Aufguss.«
   Jan sah sie verständnislos an.

Belle lenkte den Wagen, während Jan auf dem Beifahrersitz in den Unterlagen zu der vermissten Prostituierten blätterte. »Sie schaffte unter dem Namen Venus an. Wie sinnig. Fast zwanzigjährige Drogenkarriere, davon mindestens zwölf Jahre lang auf Heroin. Na, die muss ein Wrack sein. Die letzten fünf Jahre war sie in einem Methadonprojekt. Sie arbeitete auf eigene Rechnung in einer Wohnung in Mannheim. Dort war sie auch mit ihren Eltern verabredet. Als sie nicht aufmachte, gerieten sie in Panik. Sie ließ nie eine Verabredung mit ihren Eltern platzen. Der Vater trat die Tür ein, aus Sorge, seine Tochter könnte krank oder verletzt in der Wohnung liegen. Aber nichts, sie war nicht da und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht.«
   »Hast du Angaben zu ihrem Aussehen?«
   »Sie ist einsfünfundsechzig groß, blond, blaue Augen. Keine besonderen Kennzeichen.«
   Belle beugte sich über das Lenkrad und suchte nach der richtigen Abzweigung. Regen hatte eingesetzt und klatschte in großen Tropfen auf die Scheibe. »Die Eltern können wir kaum zur Identifizierung bitten. Wir warten die Obduktion ab. Dann sehen wir, ob es Übereinstimmungen gibt.« Die Scheibenwischer bewältigten die Wassermassen kaum und Belle erkannte die Landstraße nur noch verschwommen. Wie eine zweite Scheibe legte sich der Regen über das Glas, mit der Wirkung eines Zerrspiegels. »O Mist, ich glaube, ich bin zu weit gefahren.« Belle hielt mitten auf der Straße an. »Weißt du, ich frage mich die ganze Zeit, was einen Menschen dazu bringt, einer Frau das Gesicht so zu zerschlitzen. Bis zur Unkenntlichkeit.«
   »Hass«, erwiderte Jan. »Er muss sie gehasst haben. Oder sie, kann auch das Werk einer Frau sein.«
   »Hass genügt, um einen Menschen zu töten. Aber ihn so zuzurichten, da muss mehr dahinterstecken.«
   Der Regen ließ nach.
   Belle wendete und fuhr zurück. Nach einem Kilometer fand sie die richtige Abzweigung und fuhr auf das neue Domizil der Grafen-Familie zu. Geschmack hatten sie, das musste sie ihnen lassen. Und Geld auch.
   Das Anwesen schmiegte sich an ein Tannenwäldchen. Eine Mauer schützte vor Neugierigen oder Eindringlingen.
   Über der Klingel war eine Kamera installiert.
   Belle fühlte sich plötzlich beobachtet. Mit einem Surren schwang das Tor auf, ohne dass jemand gefragt hatte, wer sie seien. Türmchen zierten die Giebel des Hauses.
   »Hat was von einem französischen Landsitz«, befand Jan.
   Belle erwartete einen steifen Herrn mit grauen Schläfen und Vollbart. An der Tür stand erst mal die mutmaßliche Perle.
   »Sie trägt tatsächlich ein Häubchen«, flüsterte Belle. »Ich fass es nicht.«
   Die Perle mit Häubchen, Dutt im Nacken und einer Schürze um die schmalen Hüften empfing sie mit der gebotenen Ernsthaftigkeit. »Der Graf erwartet Sie im Roten Salon. Folgen Sie mir.« Sie watschelte in schwarzen Strümpfen vorweg.
   »Ich glaub, ich hab ein Déjà-vu. Wie im Fernsehen ist das.« Belle unterdrückte ein Kichern.
   Jan bemühte sich, die Contenance zu wahren.
   Der Graf war ein Mann, der einem das Wort Gummiball förmlich in den Mund legte. Runder Kopf mit spärlichem Haarwuchs in Goldblond. Der Kugelbauch wölbte sich über den wohlgenährten Schenkeln. Er wippte auf und ab, während er sie gründlich musterte.
   »Willkommen, die Dame, der Herr.« Da war sie wieder die quiekende Stimme, die sie schon am Telefon irritiert hatte. »Der Tee ist bereitet, lassen wir uns von diesen furchtbaren Ereignissen nicht den Geschmack verderben.«
   Der hatte Nerven.
   Sie setzten sich in eine großzügige Sitzgruppe, eingerahmt von zwei lebensgroßen Porzellantigern. Die Perle goss den Tee ein, indem sie die Kanne auf- und niedersenkte, sodass der Strahl mal länger, mal kürzer wurde. Der Graf rutschte auf der Couch herum. Mit einem stilechten Knicks zog sich seine Perle zurück.
   »Ein unerhörter Frevel ist geschehn. Und noch umhüllt Geheimnis seine Täter. Jetzt wird ein Inquisitionsgericht eröffnet. Wort und Blicke werden abgewogen. Gedanken selber vor Gericht gestellt.«
   War er noch ganz bei Trost?
   Mit offenem Mund starrte Jan den Grafen an.
   »Ich sehe, Sie haben Ihren Schiller gelesen, Herr Graf«, gab Belle gelassen zurück.
   Ein anerkennendes Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus.
   »Herr Graf, wir haben auf Ihrem Grundstück eine Tote gefunden. Können Sie sich vorstellen, wie sie dorthin gelangt ist?«
   »Ich bitte Sie, Frau Kommissarin, das ist mir gänzlich unklar. Seit dem Feuer ist das Haus unbewohnt. Ich war das letzte Mal vor zwei Monaten dort, um nach dem Rechten zu sehen. Meine Familie und ich waren untröstlich und sind es immer noch. Die Villa ist nicht mehr zu retten, wir müssen sie abreißen lassen. Ist das nicht furchtbar?« Sorgenfalten zerfurchten seine Stirn.
   »Wie ist das Feuer damals entstanden?«, schaltete sich Jan ein.
   Der Graf, der seine speckigen Finger auf den Bauch gelegt hatte, drehte sich ihm zu. »Ein Defekt in der Elektrik im ersten Stock. Unser Glück war, dass wir in der Unglücksnacht in unserem Häuschen am Gardasee weilten. Nichts ahnend. Wir hätten alle tot sein können, mein Frauchen, meine Söhne, die Hunde.« Mit leidenden Augen sah er sie an.
   »Ihr Verwalter hatte nicht so viel Glück«, sagte Belle.
   »In der Tat, der Ärmste. Ein anständiger Mann war das. Wir haben ihm ein ordentliches Begräbnis zuteilwerden lassen.« Belle erkannte an Jans einsetzendem Blinzeln, dass er kurz davor war, zu platzen. Sie warf ihm einen beschwichtigenden Blick zu. Hoffentlich behielt er die Nerven. »Die Tote, die gefunden wurde, steckte in einer Bauerntruhe. Vorn ist die Zahl 1871 aufgemalt. Gehört diese Truhe zu Ihrem Besitz?«
   Ohne zu überlegen, antwortete der Graf. »Sie vergessen, dass Sie es mit dem Adel zu tun haben. Wir verhunzen uns unser Interieur nicht mit Bauerntruhen.«
   Belles Blick schweifte über die in Kirschbaumholz gehaltene Einrichtung des Roten Salons.
   Über dem Kamin hing ein Bärenfell. Der weiße Flügel war mit Fotos der blaublütigen Verwandtschaft zugestellt. Es stimmte. Antike Möbel suchte man hier vergebens.
   »Während der Ermittlungsarbeiten entdeckten wir einen Mann, der offenbar in der Ruine Ihres Hauses wohnte. Wissen Sie, ob sich darin regelmäßig Bewohner aufhalten?«
   »Nein, davon ist mir nichts bekannt. Wir haben das Grundstück eingezäunt und ein Betreten-Verboten-Schild aufgehängt. Wenn die Leute sich daran nicht halten, sind sie selbst schuld.« Der Graf rutschte auf der Couch herum.
   Belle betrachtete seine fleckigen Wangen. Sie hatte die Nase voll von ihm. Unvermittelt stand sie auf. »Mehr Fragen haben wir im Moment nicht, aber wir lassen von uns hören. Danke, wir finden allein hinaus.« Sie riss die Tür auf und wäre beinahe mit der Perle zusammengestoßen, die eine Entschuldigung stammelte.
   Im Auto schlug Belle auf das Lenkrad. »Dieser eingebildete Fatzke, so ein Angeber.« Sie ließ das Seitenfenster herunter und atmete tief durch.
   »Woher kanntest du eigentlich dieses Zitat?«
   »Tja, mein Lieber, ein Vater, der Literatur-Professor ist, hinterlässt Spuren im Gehirn.« Belle schmunzelte. »Steht nicht da, schroff und unzugänglich, wie die Felsenklippe, die der Strandende vergeblich ringend zu erfassen strebt«, trug sie gefühlsbetont vor. »Maria Stuart, Schiller, falls dir das was sagt.«
   Jan klatschte. »Dieser Grafenheini hat Dreck am Stecken. Da bin ich mir sicher. Ich werde mal sehen, was ich über diesen Brand noch herauskriegen kann.«

Belle hatte Jan vor dem Präsidium abgesetzt und fuhr nach Hause. Unterwegs grübelte sie über den Tag nach. Etwas hatten sie übersehen, aber sie kam nicht darauf, was es sein könnte. Als sie die Haustür aufschloss, strömten ihr Wohlgerüche entgegen. Frisch gebackenes Brot und Ahornsirup ließen ihren Magen grummeln. Sie schnupperte und ging in die Küche.
   John stand an der Arbeitsfläche, er schnippelte Süßkartoffeln klein. »Sweety, schön, dass du endlich da bist. Wir haben dich vermisst.«
   Sie gab ihm einen Kuss und setzte sich auf einen der Barhocker vor der Arbeitsfläche.
   »Jeff und ich waren angeln. Nein, falsch, wir haben versucht, zu angeln. Genau in dem Moment, als wir die Ruten ins Wasser warfen, fing es gewaltig an zu regnen. Du hättest uns sehen müssen. Jeff sah aus, wie sagt ihr Deutschen, wie ein begossener Dackel.«
   »Pudel«, korrigierte sie ihn und lachte. »Hoffentlich erkältet er sich nicht.«
   »Quatsch. Er ist mit Luisa losgezogen, auf eine Party. Wir haben den Abend für uns. Ist das nicht herrlich?«
   Belle beobachtete John und ließ ihren Blick über seinen breiten Rücken streichen, während er an der Spüle hantierte. Gott, sie liebte ihn seit einundzwanzig Jahren.
   Auf einer Studentenparty hatten sie sich kennengelernt. Er, der smarte Amerikaner, bei der U.S. Army in Heidelberg stationiert. Sie im ersten Semester Jura. Er überragte alle Anwesenden und war der erste Mann, der ihr das Gefühl gab, klein zu sein. Sich an ihn anlehnen zu dürfen und hemmungslos Frau zu sein. Im Jahr darauf hatte er seinen Dienst quittiert. Er wollte bei ihr bleiben in Deutschland, und bei dem Kind, das sich angekündigt hatte. Er war ihr Gefährte in der Sonne, im Regen, im Schnee. Sein fröhliches Wesen half ihr, den Ekel und die Trauer, die sie bei ihrer Arbeit oft empfand, wegzuspülen und bis zum nächsten Morgen zu vergessen.
   »Du siehst müde aus«, sagte er. »Harter Tag?«
   Sie machte eine abwehrende Handbewegung. »Das Übliche, vergiss es. Was kochst du?«
   »Darling, wir haben zwar noch nicht Thanksgiving, aber ich konnte nicht mehr bis dahin warten. Die Truthahnkeulen schwitzen im Ofen. Maisbrot habe ich gebacken. Und die Süßkartoffeln brauchen nicht lange.«
   Belle schenkte ihm ein Lächeln. Er war umwerfend. Ohne ihn wäre ihre Welt grau.
   Nach der Völlerei setzten sie sich mit Weißwein im Wohnzimmer auf den Boden und spielten Schach. John war ein Stratege. Konzentriert kaute Belle an einer Haarsträhne. Ihre Dame war in Bedrängnis geraten.
   »Sag, jetzt, wo Jeff nach Hamburg zum Studieren geht, sollen wir das Haus nicht verkaufen und uns eine Stadtwohnung zulegen?«, fragte John.
   Vor Schreck machte Belle eine unbedachte Bewegung und fegte einige Figuren vom Brett. Sie suchte Johns Blick. »Das kann ich nicht. Hier ist mein Leben. In diesem Haus hat Jeff seine ersten Schritte getan. Du hast dein Apfelbäumchen in den Vorgarten gepflanzt. Hier haben wir Feste bis zum Umfallen gefeiert.«
   »Und gestritten«, ergänzte John lächelnd.
   »Aber vor allem leben wir hier glücklich. Es hängen so viele Erinnerungen an diesem Haus. Ich will sie nicht aufgeben. Schlimm genug, dass Jeff geht.«
   »Ich weiß, dass es schwer ist für dich.« John beugte sich über das Schachbrett und nahm sie in die Arme. Sacht küsste er ihren Hals. »Aber das ist das Leben. Jeff ist neunzehn. Er will selbständig sein. Wir müssen ihn loslassen. Wir sollten nach vorn schauen.«
   Sie verstand nicht, wie er so locker damit umgehen konnte. Ihr Herz wummerte jedes Mal, wenn sie daran dachte, dass Jeff im Frühjahr nach Hamburg ziehen wollte. Er hatte einen Studienplatz für Elektrotechnik ergattert. Sie wusste, sie durfte ihn nicht aufhalten. Aber das Haus zu verkaufen, kam nicht infrage. Jetzt nicht.
   Später im Bett kuschelte sich Belle an John. »I love you«, flüsterte sie, aber er war bereits eingeschlafen.
   Der Schwindel weckte sie um vier Uhr zwölf, fast um die gleiche Zeit wie in der letzten Nacht. Belle stellte ein Bein auf den Boden und dachte nach. Was war los mit ihr? Wurde sie krank? War sie es bereits? Sie wischte die Gedanken fort. Bestimmt der Weißwein, den sie am Abend getrunken hatte.