Verrückter Zufall oder irrer Serientäter? Liebe verjährt – Mord nicht. Hauptkommissar Konrad von Kamm leidet wie ein Hund. Nicht nur, dass ihm die Hitzewelle, die München fast lahmlegt, das Leben schwer macht, auch sein privates Umfeld scheint verrückt geworden zu sein. Zudem findet er einen alten, ungelösten Mordfall auf seinem Schreibtisch vor. Keine dankbare Aufgabe. Der aktuelle Fall, bei dem eine weibliche Leiche im Waldstück München-Solln gefunden wurde, verspricht ihm Ablenkung und Schatten. Zunächst deutet alles auf eine Beziehungstat hin, wären da nicht die anonymen Schreiben, die Konrad und sein Team auf die Nachbarschaft der Ermordeten aufmerksam machen … „Hundstage – Kommissar von Kamms 3. Fall“ ist ein typischer, im Stil von englischen Krimis geschriebener Roman, über falsch verstandene Dankbarkeit, Eifersucht und Verlustängste.

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ISBN: 978-9963-53-361-9

Seiten: 342

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Antonia Günder-Freytag

Antonia Günder-Freytag
Antonia Günder-Freytag, 1970 geboren, lebt mit ihrer Familie in München. Nach ihrem Debüt als Fantasy-Autorin zog es sie zu den klassischen Kriminalromanen. Inspiriert von Agatha Christie schreibt sie an einer Krimireihe um Kommissar Konrad von Kamm, der bereits seinen fünften Fall in München auflöst. Da ihr Motto „Nichts ist tödlicher als die Routine“ lautet, arbeitet sie im Moment neben ihren Krimis an einem Thriller und einem Mittelalterepos.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Sie liebte die Morgenfrische. Vor allem an Tagen, an denen der Wetterbericht wieder mehr als fünfundzwanzig Grad vorhergesagt hatte.
   Vögel huschten tirilierend durch das dichte Buschwerk und faszinierten sie mit ihrem Morgengesang. Sie holte tief Luft und genoss den erdigen Geruch, der durch den Tau, den die Nacht zurückgelassen hatte, aufstieg. Dass sie um diese Zeit nicht allein war, erstaunte sie nicht mehr. Früher, ganz am Anfang, als sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, mit ihrem Hund diese Runde zu drehen, war sie regelmäßig zusammengeschreckt, wenn ihr Fahrradfahrer ohne Licht entgegenschossen, andere Hundebesitzer um die Ecke bogen, oder ihr Feierwütige auf dem Heimweg entgegenschlingerten. Ihr Mann hatte sich Sorgen gemacht. Es sei zu gefährlich, um diese gottverlassene Zeit allein im Halbdunklen spazieren zu gehen. Doch sie hatte ihren Hund. Was sollte ihr passieren?
   Das Einzige, was passiert war, war, dass sich ihr Mann keine Sorgen mehr machte. Nicht aus Gewöhnung an ihr morgendliches Ritual, sondern aus Desinteresse an ihrem Leben. Das war ihr spätestens dieses Jahr klar geworden. Ob eine Geliebte dahintersteckte, wusste sie nicht und stellte zu ihrem Überraschen fest, dass es ihr auch egal war. Ihre Ehe war am Ende. Erst hatte sie es sich nicht eingestehen wollen. Hatte alles hervorgeholt, was gut war. Hatte festgestellt, dass es nicht so viel war, wie sie es sich gewünscht hätte.
   Dann war die zweite Phase gekommen. Sie merkte, wie sie sich befreite. Wie sie sich vorstellen konnte, ein neues Leben anzufangen. Allein und unabhängig. Sie könnte reisen, sich eine neue Wohnung nach ihrem Geschmack einrichten, einen vollkommen neuen Weg gehen. Erst hatten sie diese Gedanken verunsichert, bedeuteten sie doch, dass sie wirklich und wahrlich allein dastehen würde. Keiner wäre da, um sie aufzufangen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto verlockender wurde das Zukunftsszenario vor ihrem geistigen Auge. Noch war Zeit. Mit knapp vierzig Jahren hatte sie noch die Power. Die mentale Kraft. Würde sie nur noch ein wenig zögern, wäre es zu spät und sie konnte nur noch darauf hoffen, dass ihr Mann sie nicht gegen eine Jüngere austauschte. Sie spürte, wie sich ein unglaubliches Gefühl in ihr ausbreitete: Freiheit, Glück und Aufbruchsstimmung verwoben sich in einem Gefühl, das sie das letzte Mal empfunden hatte, als sie verliebt war.
   Sie summte das Lied Summertime and life is easy …
   Gleich, wenn sie heimkäme, würde sie ihren Mann vor vollendete Tatsachen stellen. Sie würde ihn verlassen, ein neues Leben beginnen – nein, noch besser: Sie würde endlich überhaupt mit dem Leben beginnen.
   Ein Mountainbiker schoss ihr entgegen und bremste hart. Sie hörte ihren Hund jaulen und drehte sich unwillkürlich zu beiden um. Zunächst verstand sie überhaupt nicht, was geschah, und lief ein paar Schritte zurück. War ihr Hund dem Mountainbiker ins Fahrrad gelaufen? Der dunkel gekleidete Mann hob einen Arm. Sie sah etwas Silbriges in der aufgehenden Sonne blitzen, da jaulte ihr Hund noch einmal auf und fiel zu Boden. Ungläubig starrte sie auf den blutigen Hundeschädel, als abermals etwas aufblitzte. Merkwürdigerweise verließ sie ihr Ohrwurm nicht. Summertime. Dann wurde es dunkel.

27. Juli 2014
18.30 Uhr, Buchsee, Biergarten

Konrad genoss den Ausklang eines heißen wolkenlosen Sommertags. Katis Idee, zum Buchsee zu fahren und nicht, wie die Mehrzahl der Münchner an den Starnberger- oder Ammersee, war Gold wert gewesen. Zwar war die abschüssige Liegewiese, die an den kleinen Moorsee reichte, ebenfalls gut besucht, aber der Trubel, den er sich leibhaftig an den anderen Badeorten vorstellen konnte, war hier ausgeblieben. Kati hatte ein Picknick dabeigehabt, beide genügend Lesestoff, und so war ein sehr entspannter Tag in den Abend übergegangen, den sie im oberhalb des Sees gelegenen Biergarten ausklingen lassen wollten.
   Die Küche des Biergartens gab nur Wiener Würstchen mit Brot her, und so hatten sie sich vier Paar Würste mit Brot bestellt. Dazu eine Maß kühles Radler, und er war rundherum glücklich.
   »Ich habe mir überlegt, den Laden zu schließen.« Kati tauchte ihre Wurst in den Senf und hielt sie wie einen Dirigentenstab in die Luft.
   »Hm.« Konrad wusste, dass mehr als diese Antwort erwartet wurde, aber was sollte er dazu sagen? Es war Katis Reitsportladen, der unter ihrer Wohnung lag. Überhaupt war es ihr Haus und ihr Leben.
   »Was hältst du davon? Ich meine, dann hätten wir mehr Zeit. Ich könnte das Haus verkaufen, dann bräuchte ich überhaupt nicht mehr zu arbeiten.«
   »Was sagt dein Vater dazu?«
   »Er gibt mir recht. Seitdem er im Entenbachstift ist, haben sich seine Ansichten überhaupt sehr geändert.«
   »Inwiefern?« Er wusste nicht, worauf diese Unterhaltung hinauslaufen sollte, aber irgendetwas ließ seine Alarmglocken klingeln.
   »Er bereut, was er alles nicht gemacht hat, was er in seinem Leben verpasst hat. Er sagt, er hätte seine Pläne durchziehen sollen, als es noch möglich war. Jetzt wäre es zu spät. Die Reisen, die er unbedingt machen wollte, hätte er gleich machen sollen und nicht erst auf seine Rente warten.«
   Konrad öffnete ein weiteres Senftütchen und brummte.
   »Ich habe darüber nachgedacht. Warum warten, bis es zu spät ist? Warum buckeln, nur, weil die Politiker das Rentenalter immer höher setzen? Wir haben doch ausgesorgt.«
   Er hob den Kopf. Jetzt war es passiert. Kati hatte sie im Plural genannt.
   »Es kann sich ja nicht jeder leisten, früher aufzuhören.«
   »Wir schon.«
   Er nahm den kämpferischen Unterton in Katis Stimme wohl wahr, versuchte aber, so gut es ging, den Abend zu retten. »Darüber haben wir doch schon mal gesprochen. Es ist zu früh. Ich bin gerade mal neunundvierzig Jahre alt. Ich sehe mich noch nicht als Rentner.«
   »Dann sieh dich als Frühprivatier. Du hast doch auch längst ausgesorgt. Und jetzt komm mir nicht mit den Geschichten vom Altenstift und Sabine. Wie viel das Pflegeheim kostet, weiß ich selbst und das Thema Sabine hättest du ganz schnell gelöst, wenn du nur wolltest.«
   Konrad nahm den Maßkrug, der dankenswerterweise aus Ton war und so sein Gesicht verbarg, als er trank. Er trank lange und ausgiebig. Allerdings nippte er nur ein wenig am Bier, sonst wäre es bei der Dauerhaltung bereits leer gewesen. Er kam sich kindisch vor, aber er musste Katis Blick ausweichen. Seit Wochen lief das Thema auf seine Ehefrau Sabine heraus und eine Scheidung. Seit Wochen wich er dem Thema, wie er hoffte, geschickt aus. Er hätte nicht sagen können, warum, aber er wollte einfach mit seiner Entscheidung warten, bis er so weit war und nicht, wenn der Druck Seitens Kati zu hoch wurde. »Was hat denn jetzt das Privatisieren mit Sabine zu tun?«
   »Das gehört auch zum Sichfreimachen. Verstehst du das nicht? Unsere Eltern im Altenstift sind versorgt. Sicherlich müssen wir hin und wieder mal nach ihnen sehen, aber das reicht vollkommen. Wenn wir beide keine Altlasten mehr an uns hängen hätten, könnten wir reisen. Uns die Welt ansehen. Einfach losfahren und da bleiben, wo es uns gefällt. Solange wie es uns gefällt. Keine Menschenmassen in den Ferien, einfach frei sein.« Kati hatte die Arme zum Himmel gehoben und ihre Augen sprühten vor Abenteuerlust.
   Konrad hätte sie am liebsten im gleichen Augenblick geküsst, so gut gefiel sie ihm, aber Kati war mit ihrer Ausführung noch nicht fertig.
   »Merkst du denn nicht, wie sehr wir schon in dem Hamsterrad stecken? Und das ganz ohne Not? Wir müssen das ändern.«
   Sein Lächeln blieb auf halbem Weg stecken, das merkte er und wischte sich den Mund ab, um es zu verbergen. Die Wörter müssen und wir waren Signalwörter zum Rückzug.
   »Mhm.«
   »Mhm ist das Einzige, was dir dazu einfällt? Du bist ein hölzerner, fantasieloser Mensch.« Kati nahm den Maßkrug, trank ihn aus und stand auf. »Ich hol uns noch eine.«
   Er sah ihr hinterher und merkte, wie er ärgerlich wurde. Nur weil Kati auf einmal den Freiheitsdrang verspürte, musste er doch nicht wie ein dressierter Pudel Männchen machen. Er hatte Verpflichtungen. Einen Beruf, den er sehr ernst nahm, eine Mutter, die auf seinen wöchentlichen Besuch wartete und eine Ehefrau, die er auch nicht einfach finanziell im Stich lassen konnte. Er hatte es niemandem gesagt, aber Sabine hatte immer noch Zugriff auf ihr gemeinsames Konto. Vielleicht sollte er das morgen ändern, überlegte er, als Kati mit gefülltem Krug zurück an den Tisch kam. Er sah auf und freute sich, dass sich eine solch attraktive Frau zu ihm setzte. »Themawechsel?« Er hoffte, dass sie auf seinen Vorschlag einging.
   Kati nickte, aber er wusste, dass zu diesem Thema noch nicht das letzte Wort gesprochen war.
   »Ich denk drüber nach, in Ordnung? Es kommt nur alles ein wenig plötzlich.« Er wollte Frieden.
   Kati legte eine Hand auf die seine und schob ihm die Maß zu. »Das ist schon mal ein Anfang, Herr Hauptkommissar. Aber jetzt habe ich noch eine Bombe, die ich hochgehen lassen muss.«
   Er zog innerlich den Kopf ein. Hoffentlich hatte Kati jetzt nicht auch noch einen Vorschlag zu seiner Wohnungseinrichtung.
   »Meine Tante feiert ihren neunzigsten Geburtstag und wir sind eingeladen.«
   Er entspannte sich. Das würde er überleben. »Wenn ich Zeit habe, komme ich gern.«
   »Wir haben deinetwegen den Termin des Festes extra nach deiner Bereitschaftswoche legen lassen, du hast also Zeit zu haben.« Katis Lächeln verriet, dass es ihr Ernst war.
   »Sicher. Wann soll denn die Feier steigen? Und wo?«
   »Vom sechsten bis zum zehnten August. Auf Madeira.«
   Ihm fiel die Kinnlade hinunter. »Auf Madeira?«
   »Ja, meine Lieblingstante ist damals, als es noch nicht zu spät war, nach Madeira ausgewandert. Sie feiert selbstverständlich dort. Ich habe schon alles organisiert. Wir wohnen in einem Wellnesshotel und können mal so richtig die Seele baumeln lassen.«
   Spätestens bei diesem Ausdruck, die Seele baumeln lassen, bekam er einen Ausschlag. Er hasste diese blöde Redensart. Er schob den Stuhl zurück. »Und das hast du alles schon so gebucht, ohne mich vorher zu fragen?«
   »Ich wollte dich überraschen. Wenn ich dich vorher gefragt hätte, wären dir sicherlich hundert Gründe eingefallen, warum es nicht geht. Aber es geht, mein Lieber. Ich habe mit deiner Mutter geredet, mit Utzschneider. Alles in Ordnung. Sie geben alle grünes Licht.«
   »Du hast mit Utzschneider geredet?«
   »Sicherlich. Er hat das schon mit den anderen von deinem Team abgesprochen, du bist an diesen Tagen unter keinen Umständen da.« Kati sprach schneller weiter, da sie ihn anscheinend gut genug kannte und am besten gar nicht erst zu Wort kommen lassen wollte. »Es wird dir gefallen. Meine Tante Gerlinde hat sich damals, mit fünfzig Jahren, aus ihren Geschäften zurückgezogen und ist ausgewandert. Sie hat es keinen Tag bereut, sagt sie. Höchstens, dass sie uns so selten sieht. Aber darum besuchen wir sie ja jetzt. Die anderen kommen auch, es wird bestimmt ein tolles Fest.«
   »Du hast also schon alles gebucht? Über meinen Kopf hinweg?« Sein Zorn ließ sich kaum mehr kontrollieren. »Wahrscheinlich denkst du, dass du mit dieser kleinen Wellnessreise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kannst.«
   Kati strahlte ihn an.
   Er konnte nicht glauben, dass sie nicht merkte, was sie getan hatte. Oder wollte sie es nicht merken? Er musste deutlich werden. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass mich ein Ausflug nach Madeira davon überzeugen wird, meinen Job und mein Leben hinzuwerfen, um zum Weltenbummler zu werden? Jetzt verstehe ich das Ganze erst richtig. Du willst deinen Laden und das Haus verkaufen, damit du dafür genug Geld hast. Und wo gedenkst du zu wohnen, wenn du mal wieder in München weilst?«
   »Ich höre immer du. Ich schließe dich doch in diese Pläne mit ein. Und wenn du mich schon fragst, ich dachte, ich könnte bei dir einziehen. Wir sind doch dann eh nicht so viel da, da reicht doch deine kleine Wohnung.«
   Er war immer ein sparsamer Mensch gewesen. Nicht direkt geizig, aber sparsam. Er war, wie er meinte, auch immer großzügig zu seinen Frauen gewesen, ob es sich um seine Mutter oder Sabine handelte. Auch Kati kam in diesen Genuss. Aber wenn er eins nicht leiden konnte, war es, wenn andere über sein Geld bestimmen wollten. Und das war hier geschehen. Er hatte seine eigenen Pläne. Er konnte seine Zukunft selbst gestalten. Konrad stand auf. Ihm war der Durst vergangen. Die Fröhlichkeit, die an den Nachbartischen herrschte, konnte er nicht mehr teilen. »Das alles sind Themen, die ich heute nicht zu erörtern gedenke.« Er hörte selbst, wie hölzern er klang, aber in Momenten wie diesen brach seine Erziehung durch. Er hatte die Worte seines Vaters gewählt. Erwin von Kamm hatte genau in diesem abstoßenden Ton mit ihm geredet. Bei dem Gedanken an seinen Vater verging ihm der letzte Hauch seiner guten Laune.
   Die Autofahrt nach München verlief schweigend. Da sich Wagenkolonnen in die Stadt hineinstauten, wirkte das Schweigen umso erdrückender.
   »Lass mich bitte bei meinem Haus raus.« Katis Stimme klang gepresst.
   Konrad bremste eine Stunde später vor dem Reitsportladen, der im Dunkeln lag. Er starrte aus der Windschutzscheibe und zermarterte sich den Kopf, was er zum Abschied sagen konnte. Es fiel ihm nichts Passendes ein. Sie hatten noch keinen Tag ausgemacht, an dem sie sich wiedersehen würden, damit fiel ein »bis Dienstag, Mittwoch, Sankt Nimmerleinstag« flach.
   Aus den Augenwinkeln sah er, wie Kati sein Profil musterte und dann wortlos ausstieg. Er blickte ihr hinterher, unfähig, etwas zu tun. Er wollte »Halt« rufen, aber sein Mund bewegte sich nicht. Er blieb noch ein paar Minuten unbeweglich im Auto sitzen, bevor er den Motor startete, um zu seiner kleinen Wohnung in der Schönstraße zu fahren.

28. Juli 2014 – noch 9 Tage bis Madeira
7:00 Uhr, Ettstraße, Polizeipräsidium

Utzschneider pfiff leise vor sich hin, Utzschneider lachte am Telefon, Utzschneider ging Konrad gewaltig auf die Nerven.
   »Kannst du mal mit deinem Gepfeife aufhören?«
   »Gepfeife?« Utzschneider hob die linke Augenbraue und betrachtete Konrad mit nachdenklicher Miene. »Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«
   Er winkte ab und vertiefte sich in die Fälle, die am Wochenende von der anderen Mordkommission bearbeitet worden waren. Dazu machte er sich parallel Notizen, was er zu erledigen gedachte. Wenn man ihn ließ. Bedeutete, wenn kein neuer Fall reinkam. Beim Durchgehen der Unterlagen, die sich auf seinem Tisch türmten, stieß er auf eine Akte, die ihm Erwin Kopp, sein Kommissariatsleiter, bereits angedroht hatte. Der Fall lag, wenn er sich richtig erinnerte, vier Jahre zurück. Kopp hatte ihn gebeten, einen Blick auf die Akte zu werfen, da dieser Mord trotz aller Bemühungen immer noch nicht aufgeklärt worden war. Die Kommissariatsleiterin, die ursprünglich diesem Fall vorstand, hatte sich in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet und nun war es an Konrad und seinem Team, sich in diesen Fall einzuarbeiten. Natürlich wurde ihm von den Kollegen, die damals an dem Fall dran waren, jede Unterstützung zugesagt. Konrad wurde allein durch den Anblick der Akte müde und beneidete seine ehemalige Kollegin um ihren Ruhestand. Er kam schon kaum mehr mit den aktuellen Fällen hinterher, die er bearbeiten musste, und verspürte wenig Lust, sich in einen verfahrenen ungelösten Fall einzuarbeiten, der auch noch Jahre her war. Wie er aus Erfahrung wusste, kamen selten neue Erkenntnisse hinzu, noch seltener wurden neue Zeugen gefunden, und meistens blieb der Makel des nicht aufgelösten Falls an der Kommission hängen, die ihn zuletzt bearbeitet hatte. Konrad war im Begriff, die Akte zu öffnen, von der er wusste, dass ihr schmales Aussehen nur Tarnung war und sich hinter diesem Kartondeckel Berichtsstapel, getarnt mit Aktenzeichen, verbargen, als Patricia Eggerstein an den Türrahmen klopfte.
   »Wir haben eine weibliche Tote. Stadtteil Solln. Nach erster Einschätzung Tod durch Schlag auf den Kopf. Keine Zeugen. Der Tatort ist bereits abgeriegelt, die Spurensicherung und ein Hundeführer auf dem Weg.« Patricia, die ein eierschalenfarbenes ärmelloses T-Shirt und einen dazu passenden cremefarbigen Sommerrock trug, der ihrer sportlichen Figur ungemein schmeichelte, legte Konrad ihre Notiz auf den Tisch.
   Er betrachtete den Zettel einen Augenblick und bewunderte abermals die klare und saubere Handschrift seiner Kollegin. Laut Utzschneider waren seine eigenen handschriftlichen Notizen für Personen, die im Geheimschriftlesen nicht geübt waren, unleserlich. »Wer fährt?«
   Patricia hob abwehrend die Hände. »Ich muss heute früher weg. Sommerfest im Kindergarten.«
   »Seit wann hast du Kinder?« Utzschneider zwinkerte Patricia zu.
   »Meine Nichte hat heute Sommerfest.«
   »Also fahren wir.« Konrad erhob sich. Er war heilfroh, dem Büro, das zur Südseite lag, zu entkommen. In einer Stunde würde sich der Raum trotz runtergelassener Rollos in einen Vorhof der Hölle verwandeln. Das, was diesen Raum im Winter zu den am meisten beneideten Büros machte, kehrte sich im Sommer ins absolute Gegenteil. Draußen herrschten jetzt schon mehr als achtundzwanzig Grad, Tendenz steigend. Er nahm seine leichte Sommerjacke von dem Garderobenständer, legte sie allerdings nur über den Arm und sah Utzschneider fragend an. »Und, können wir?«
   Utzschneider erhob sich stöhnend. »Ich hatte es dir ja prophezeit. Diese Hitze macht die Menschen irre. Ich befürchte, es wird nicht der letzte Fall sein, zu dem wir gerufen werden.«
   Er blickte auf den alten Fall, der sich ebenfalls während der Hundstage ereignet hatte und jetzt wieder warten musste. Die Erfahrung sagte ihm, dass sich in der heißesten Zeit des Jahres die Gefühle hochschaukelten, schwelende Feindschaften in Handgreiflichkeiten ausarteten und jegliche Norm des zwischenmenschlichen Verhaltens außer Kraft gesetzt wurde. Kurz überlegte er, ob das Problem, das er mit Kati hatte, auch den Hundstagen zuzuschreiben war. Dann schob er den Gedanken zur Seite und folgte, gemeinsam mit Meier, Utzschneider, der sich schon auf dem Weg zum Auto befand.
   

10:15 Uhr, Wolfratshauser Straße, Solln

Das Navigationsgerät hatte sie sicher zu dem Ort geführt, der eigentlich keinen Namen trug. Die Adresse, zu der sie gerufen worden waren, gehörte zu dem Friedhof, der gegenüber einem Wäldchen lag, das sich zwischen der stark befahrenen Wolfratshauser Straße und der Friedhofstraße befand. Die kleine Straße war auf der Waldseite mit fünf Streifenwagen, darunter auch der Kombi des Diensthundeführers, zugeparkt. Utzschneider fluchte, fuhr schlussendlich in die Wiese und stellte den Motor ab. Die Außendienstleiterin der zuständigen Behörde, Konrad erkannte sie an den drei silbernen Sternen auf ihrer Schulterklappe, löste sich aus der Menschenmenge, die sich um das Absperrband gebildet hatte, und trat auf Utzschneider und ihn zu. Als sie synchron ihre Ausweise zückten, winkte sie ab.
   Sie stellte sich als Christine Kopferl vor, bevor sie den vorläufigen Tatbestand zusammenfasste. »Weibliche Leiche. Von Mord muss ausgegangen werden. Die Tote hat einen, wahrscheinlich tödlichen, Schlag auf den Hinterkopf bekommen.«
   Konrad hob das Absperrungsband an und ließ Utzschneider und Kopferl den Vortritt. Meier und er blieben ein paar Schritte hinter den beiden, die auf einem Trampelpfad in den Schatten tauchten.
   Er nahm die Atmosphäre des Wäldchens in sich auf. Der breite, ausgetretene Pfad teilte sich in mehrere kleine auf, deren weiteren Verlauf er nicht mehr sehen konnte, weil das Blattwerk der Büsche zu dicht war. Man hätte meinen können, dass er sich in einem tiefen Wald befand, wäre nicht die Dauerbeschallung der Hauptstraße gewesen und sein Wissen, dass der Pfad nach geschätzten fünfhundert Metern an der Hauptstraße endete. Er schloss zu Christine Kopferl auf, die vor der nächsten Wegbiegung auf ihn wartete. »Ist dieser Ort bekannt für irgendwelche Delikte?«
   Kopferl wischte sich Schweiß von der Stirn. »Nein. Keinerlei Vorkommnisse. Dafür ist es wahrscheinlich auch zu stark frequentiert. Es wirkt jetzt nur still und verlassen, weil er abgesperrt ist. Unter Tags, vor allem bei schönem Wetter, sind hier ständig Hundebesitzer und Spaziergänger unterwegs.«
   Konrad nickte und ging weiter. »Wer hat die Leiche gefunden?«
   »Eine gewisse Brigitta Grafenacker. Sie war mit ihrem Hund beim Joggen. Sie sitzt dort drüben.« Kopferl zeigte auf eine brünette Frau, die auf einem Baumstumpf saß und mechanisch den Hund streichelte, der neben ihr lag und hechelte. Konrad blickte einen Augenblick zu der Frau und ihrem Hund, wunderte sich, wie Menschen bei diesen Temperaturen auf den Gedanken kamen zu joggen, dann wandte er sich dem Auffindeort der Toten zu.
   Zu seiner Enttäuschung war sein Lieblingsmediziner Dr. Ostphal nicht vor Ort. Utzschneider unterhielt sich bereits mit einem ihm unbekannten Mann und er nahm an, dass es sich um den zur Toten gerufenen Arzt handelte. Er kam gerade noch rechtzeitig, um den letzten Ausführungen des Arztes zu folgen.
   »Nach der ersten Einschätzung wurde die Frau mit einem oder zwei Schlägen auf den Kopf getötet. Bei ihrem Hund reichte ein Schlag. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen. Mit ziemlicher Sicherheit ist der Auffindeort der Toten auch der Tatort. Da bin ich mir mit der Spurensicherung einig. Keinerlei Schleifspuren und genug Blutspritzer, um den Sachverhalt zu bestätigen. Die Spusi hat schon alles fotografiert, ihr dürft näher kommen.«
   Konrad stakste um die Schilder der Spurensicherung und entdeckte jetzt erst den erschlagenen Hund, der etwas verdeckt im Gebüsch lag. Es handelte sich um einen sehr schönen Collie. Konrad drehte den Kopf und betrachtete die Frau, die ausgestreckt vor ihm lag. Die Getötete war, um es freundlich auszudrücken, sehr weiblich und erinnerte ihn unwillkürlich an Wagners Walküren. Ihr Gesicht, das Konrad an eine Puppe erinnerte, war auf aparte Weise hübsch, auch wenn es jetzt blutüberströmt war. Es drehte ihm den Magen um, als er das klaffende Loch in dem dichten, dunklen Haar der Getöteten bemerkte. Er wandte sich an den Mediziner, der sich als Bernd Brand vorstellte. Konrad schüttelte ihm die Hand und stellte die unvermeidliche Frage. »Todeszeitpunkt?«
   »Ich würde in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Ort nicht gerade versteckt liegt, behaupten, dass sie getötet wurde, kurz bevor der Anruf bei der Dienststelle reinkam. Also zwischen 8:00 und 8:30 Uhr.«
   Er zog sein Notizheft hervor und machte den ersten Eintrag. »Irgendwelche Anzeichen von sexuellem Übergriff oder Raub?«
   »Die Frau hat keine Handtasche oder Ähnliches bei sich. Muss aber nichts bedeuten. Sie hat einen Haustürschlüssel in der Hosentasche. Wenn sie mit ihrem Hund unterwegs war, muss sie nicht unbedingt ihre Handtasche dabeigehabt haben. Ansonsten konnte ich bisher keine Abwehrspuren oder sonstige Fremdspuren an ihr entdecken. Vorläufig.«
   »Weiß man schon, wer sie ist?« Utzschneider kam aus der Hocke hervor, aus der er die Tote genauer betrachtet hatte.
   »Sandra König, 42, verheiratet«, antwortete Christine Kopferl.
   Konrad wollte die Kollegin gerade für ihre mitdenkende Vorarbeit loben, als diese weitersprach. »Hat mir Frau Brigitta Grafenacker mitgeteilt. Sie ist die Nachbarin der Toten.« Christine Kopferl zeigte hinter sich auf die Frau, die immer noch ihren Hund streichelte und ansonsten völlig regungslos auf dem Baumstumpf kauerte.
   »Gibt es im Moment sonst noch etwas, das für uns wichtig ist?«, fragte er Bernd Brand.
   Der Arzt schüttelte den Kopf. »Das kann ich erst nach der Obduktion sagen.«
   Sie ließen Bernd Brand weiterarbeiten und wandten sich Frau Grafenacker zu, die hochblickte und den Versuch machte, aufzustehen.
   »Bleiben Sie bitte sitzen.« Konrad stellte sich und Utzschneider vor.
   »Ich bin noch ein wenig wacklig auf den Beinen.« Frau Grafenacker entschuldigte sich und zog eine Grimasse. »Man stolpert schließlich nicht jeden Tag über …«, sie zögerte, gab sich sichtlich einen Ruck, »… eine Tote.«
   Er nickte mitfühlend. »Würden Sie uns bitte noch einmal genau erzählen, was heute Morgen passiert ist? Ob Ihnen jemand begegnet ist, was Ihnen aufgefallen ist. Einfach alles, was Ihnen zu dem heutigen Morgen einfällt.«
   Erfahrungsgemäß war es meistens nicht viel, was den Befragten aufgefallen war. Dafür saß der Schock des Auffindens eines Toten zunächst zu tief. Er hatte mindestens hundertmal gehört, dass Zeugen selbstverständlich besser auf ihre Umgebung geachtet hätten, wenn sie gewusst hätten, auf was sie im nächsten Augenblick stießen. Zu seiner Erleichterung begann Frau Grafenacker ihre Schilderung chronologisch.
   »Ich habe wie jeden Morgen meine Kinder zur Schule und zum Kindergarten gebracht. Pünktlich halb acht. Danach laufe ich mit meinem Hund eine Runde. Täglich. Manchmal bin ich ein bisschen später dran, weil ich mich noch mit anderen Müttern vor der Schule unterhalte. Aber meistens bin ich zur gleichen Zeit unterwegs.«
   Konrad bemerkte, wie Utzschneider unruhig wurde, und hoffte, dass er Frau Grafenacker nicht unterbrach. Er wollte, dass sie sich in aller Ruhe auf den heutigen Tag konzentrierte. Dankenswerterweise ließ sich Frau Grafenacker nicht durch Utzschneiders Unruhe aus dem Konzept bringen, vielleicht bemerkte sie sie auch gar nicht. Sie starrte auf den Waldboden, als ob sie dort den heutigen Morgenverlauf ablesen könnte, und sprach mit leiser Stimme weiter. »Carolina, das ist mein Hund«, sie zeigte auf den Labrador, der zu ihren Füßen lag und Utzschneider und ihn freundlich ansah, »ist plötzlich wie der Blitz in diesen Weg geschossen. Ich habe gerufen und gepfiffen, aber sie kam nicht zurück. Sie müssen wissen, dass ich normalerweise nie diesen Weg nehme. Ich biege immer in den rechten ein, weil ich auf dem Rückweg noch einkaufen gehe …« Frau Grafenacker stockte, sah unsicher zu Konrad.
   Er nickte aufmunternd. »Lassen Sie sich Zeit. Alles, was Ihnen zu diesem Morgen einfällt, könnte wichtig sein.«
   »Ich habe schließlich aufgegeben zu rufen und bin ebenfalls in den Weg gebogen, in dem ich Carolina verschwinden sah. Ich habe sie schon die ganze Zeit über bellen gehört, hab aber gedacht, dass sie vielleicht mit einem anderen Hund spielt und darum nicht auf mein Rufen reagiert.«
   Konrad blickte zu Carolina, die jetzt ihren Kopf zwischen die Vorderfüße gelegt hatte und den Anschein machte, der bravste Hund der Welt zu sein. Er wusste, dass das Bild nur ein Bild war. Die meisten Hunde, denen er heutzutage begegnete, gehorchten überhaupt nicht.
   »Jedenfalls bin ich also Carolina nach und habe erst, als ich ein paar Schritte näher an sie herangekommen bin, gesehen, was sie so aufregt. Ich habe sofort erkannt, um wen es sich handelt, aber nicht, was passiert ist. Ich habe gedacht, Sandra wäre vielleicht ohnmächtig. Wäre ja bei der Hitze kein Wunder. Ich bin zu ihr hingelaufen und hab sie ein wenig gerüttelt, da ist mir erst das Blut aufgefallen und die Verletzung.« Brigitta Grafenacker schluckte und strich ihr dunkles Haar, das ihr ins Gesicht gefallen war, zurück. »Ich habe dann sofort die Polizei verständigt.«
   »Warum nicht erst den Krankenwagen?«, fragte Utzschneider.
   »Mir war klar, dass da nichts mehr zu machen war. Bei der Wunde …« Frau Grafenacker schloss die Augen.
   »Woher kennen Sie die Tote?« Utzschneider notierte sich nichts, aber Konrad war sich sicher, dass er sich jedes Wort auswendig merkte.
   »Sandra und ich sind Nachbarinnen. Wir wohnen Haustür an Haustür.«
   »Ist Ihnen jemand begegnet, als Sie das Waldstück betreten haben?« Utzschneider spulte die Fragen in einer Geschwindigkeit runter, die Konrad nicht gefiel. Ihm wäre lieber gewesen, er hätte die Zeugin einfach erzählen lassen.
   Sie schüttelte den Kopf. »Es waren noch nicht viele Spaziergänger unterwegs. Nur ein paar Jogger und die üblichen Hundebesitzer. Mir ist aus diesem Pfad niemand entgegengekommen.«
   »Und auf den anderen Trampelpfaden, parallel zu diesem?« Utzschneider zeigte nach rechts und links. »Haben Sie da jemanden gesehen?«
   »Da habe ich nicht drauf geachtet. Ich hatte so etwas wie einen Tunnelblick. Ich bin in den Wald rein, meine Augen haben einen Moment gebraucht, bis sie sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, und dann habe ich schon Sandra liegen gesehen und habe auf nichts anderes mehr geachtet.«
   »Wissen Sie, ob Ihre Nachbarin ebenfalls immer zur gleichen Zeit mit dem Hund rausgegangen ist?«
   »Eher nicht. Sandy gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die einen festen Tagesrhythmus haben. Sie hat keine Kinder, keinen Job. Sie glauben doch nicht, dass ihr jemand aufgelauert hat?«
   »Wir glauben noch gar nichts.« Utzschneider blickte finster drein. »Waren Sie und Frau König nur Nachbarinnen, oder waren Sie befreundet?«
   »Nur Nachbarinnen.«
   Die Antwort kam für Konrads geschultes Gehör zu schnell.
   Brigitta Grafenacker merkte es wohl selbst und fügte erklärend hinzu: »Gute Nachbarinnen. Ich habe vier Kinder und lebe ein völlig anderes Leben, wenn Sie verstehen.«
   »Wissen Sie, ob Frau König Feinde hatte? Hat Sie Ihnen gegenüber mal so etwas angedeutet?« Utzschneider war Konrad entschieden zu schnell. Er hätte noch gern etwas über die angeblich reine Nachbarschaft gehört.
   »Feinde? Nein. Ich war auch wie gesagt nicht so dicke mit ihr, dass sie mir das erzählt hätte. Wir waren ganz normale Nachbarinnen. Hin und wieder mal ein Schwätzchen am Gartenzaun, vielleicht mal einen Kaffee auf der Terrasse und das war es auch schon. Wenn Sie es mir nicht übel nehmen, ich muss weiter. Meine Kinder bekommen heute sicherlich Hitzefrei und ich muss nach Hause.«
   Konrad sah von seinem Notizbuch auf und blickte in ein stahlgraues Augenpaar. Er bewunderte Frau Grafenacker für ihre Selbstkontrolle und klappte sein Notizbuch zu. »Von unserer Seite war es das erst einmal. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, zögern Sie nicht, mich oder meinen Kollegen Utzschneider anzurufen.« Er reichte ihr eine Visitenkarte und lächelte sie an. Das Lächeln wurde nicht erwidert. »Wir werden uns sicherlich in den nächsten Tagen noch einmal bei Ihnen melden. Kommen Sie selbst nach Hause, oder sollen wir Sie heimfahren lassen?«
   Brigitta Grafenacker stand erstaunlich geschmeidig auf. »Es geht schon wieder. Vielen Dank.« Sie steckte die Visitenkarte ein und verabschiedete sich.
   Konrad blickte ihr nachdenklich hinterher. »Was meinst du, Utzi?«
   »Klasse Fahrgestell.«
   Er grunzte. »Ich meine nicht Frau Grafenackers Figur, sondern ihre Aussage.«
   »Klingt plausibel.« Utzschneider konnte sich immer noch nicht von der Rückseite der entschwindenden Zeugin losreißen.
   Konrad gab ihm recht. Frau Grafenacker war in einer beneidenswerten körperlichen Form. Kaum, dass sie sich vom Tatort entfernt hatte, begann sie zu joggen, was ihren trainierten Körper, bei dem am meisten ihr fester Hintern in den knappen Shorts ins Auge fiel, erklärte.

12:50 Uhr, Familie König, Rungestraße, Solln

Utzschneider stellte den Motor ab, löste seinen Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrertür. Sogleich strömte die Hitze des Nachmittags ins Wageninnere. Konrad stöhnte. Innerhalb des Wagens, mit voll aufgedrehter Klimaanlage, hatte er kurzfristig vergessen, dass das Thermometer über dreißig Grad anzeigte. Er zog das Hemd, das bereits an ihm klebte, von seinem Rücken und betrachtete die Straße, in der sie parkten. Rechter wie linker Hand lagen die Einfamilienhäuser, die den Stadtteil Solln so beliebt machten. Aus den Gärten klang der typische Geräuschpegel eines heißen Nachmittags. Kinderlachen, Wasserplatschen und das Brummen eines Rasenmähers. Auf der Straße war niemand zu sehen.
   Er ging auf ein zweigeschossiges, ungepflegt wirkendes Einfamilienhaus zu und betätigte die Klingel, die neben dem Gartentor angebracht war.
   »Für zwei Personen ein ganz schön großes Haus.« Utzschneider stellte sich neben ihn.
   Konrad hatte gerade dasselbe gedacht. Das, und ob das Haus, vor dem sie standen, nur deshalb so ungepflegt wirkte, weil das Haus, das links davon stand, in einem bewundernswerten Topzustand in der Sonne lag. Vom Nachbargarten hörte man Kinderlachen und Hundegebell. Konrad versuchte durch die Hecke des Nachbargrundstücks zu gucken und vielleicht einen Blick auf Brigitta Grafenacker im Bikini zu werfen, merkte aber schnell, dass dies nicht möglich war. Die Hecke war professionell gepflegt und wirkte wie eine Wand.
   Utzschneider, der seinem Blick gefolgt war, grinste. »Blickdicht. Leider.«
   Im nächsten Augenblick wurde die Haustür der Familie König geöffnet und der Summer des Gartentors erklang. Utzschneider und Konrad durchquerten den ungepflegten Vorgarten, stellten sich vor und wurden ins Haus gebeten.
   Er staunte. Nicht nur, dass sie eine, wenn sie nicht vollständig mit Kartons zugestellt gewesen wäre, herrschaftliche Eingangshalle betraten, auch der Mann, der sich als Florian König vorstellte, war alles andere, als er erwartet hatte.
   Florian Königs rote Haare waren in einem Pferdeschwanz zusammengebunden und fielen ihm lockig bis zum Gürtel. Gekleidet war er, trotz der Hitze, in schwarzes Leder und T-Shirt. Er sah übernächtigt aus und muffelte, als ob seine letzte Dusche bereits mehrere Tage zurückläge. Sein T-Shirt, dessen Ärmel nachlässig abgeschnitten waren, weil es wohl keine XXL-Größe mit seinem Bizeps aufgenommen hätte, spannte vor einem mächtigen Bierbauch und war fleckig. Er war ein Berg von einem Mann. Sicherlich knapp an die zwei Meter, schätzte Konrad und fragte sich im gleichen Augenblick, was für einen Beruf er wohl ausübte.
   »Sorry, wegen des Chaos. Ich komme gerade von der Tour. Was kann ich für Sie tun?« Florian König verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick war freundlich, um nicht zu sagen erstaunlich sanft.
   Konrad wollte gerade fragen, von was für einer Tour er komme, als sich Utzschneider einschaltete.
   »Musiker?«
   Florian König nickte. »The Black Thumbnails. Wir hatten gestern Abend noch einen Gig in Leipzig. Ich bin erst heute nach Hause gekommen. Aber entschuldigen Sie, wollen Sie Platz nehmen? Um was geht es? Doch hoffentlich nicht um eines meiner Bandmitglieder?« Florian König lachte tonlos, schloss die Eingangstür und wies ihnen den Weg ins Wohnzimmer.
   Konrad staunte abermals, wie unordentlich und chaotisch alles war. Mitten im Raum war eine Wäschespinne aufgestellt, wobei man sich fragte, warum diese nicht draußen in der Sonne stand. Bücher und Magazine lagen achtlos auf dem Fußboden. CD-Hüllen und CDs waren quer durch den Raum verteilt und zwischen all dem bunten Durcheinander befanden sich, wie Konrad mit kurzem Blick erkannte, reichlich viele Bierflaschen. Er kratzte sich am Kopf und hätte sich geschämt, wenn er in dieser Bude gewohnt hätte. Dabei war das Wohnzimmer geschmackvoll eingerichtet, sogar teuer, wenn er es sich richtig besah.
   Utzschneider ließ sich auf einem der Sessel nieder, der ihnen angeboten wurde, und verzog das Gesicht. »Herr König, bitte setzen Sie sich doch auch. Wir haben Ihnen leider eine traurige Mitteilung zu machen.« Utzschneider holte tief Luft und stieß beim Ausatmen den einen Satz aus, den jeder Polizist fürchtete. »Ihre Frau wurde heute Morgen tot aufgefunden.«
   »Sandra?« Florian König lächelte, als ob es sich um einen Witz handeln würde, im gleichen Augenblick wurde sein Gesicht noch bleicher, als es zuvor gewesen war. »Wie, sie wurde tot aufgefunden? Wo, von wem?«
   Utzschneider übernahm es weiterhin, dem Ehemann der Toten die Sachlage so ruhig wie möglich darzulegen, während Konrad stehen geblieben war und Florian König fest im Blick behielt. Er für seinen Teil war sich sicher, dass die erste Reaktion auf eine solche Nachricht entscheidend sein konnte, wenn es darum ging, auf den Täter zu schließen. Allerdings machte ihm Florian König einen Strich durch die Rechnung. Er blieb völlig ruhig, kein Gesichtsmuskel zuckte. Er starrte Utzschneider an, als ob er ein geblendetes Reh im Scheinwerferlicht wäre und hörte, wie es Konrad erschien, auf zu atmen.
   »Es tut uns sehr leid«, beendete Utzschneider seine Ausführungen und sah zu Konrad.
   Er nickte seinem Kollegen dankbar zu. »Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen?«, stellte er die naheliegende Frage und hoffte, Florian König so wieder zum Atmen zu verleiten.
   Der Angesprochene reagierte völlig anders, als er vermutet hatte. Er sprang auf und verließ mit großen Schritten das Wohnzimmer.
   Utzschneider und Konrad sahen ihm perplex nach. Sie hörten, wie er die Treppe nach oben lief, Türen öffnete, sie wieder zuknallte und dann ein leises Klirren, das allerdings aus dem Erdgeschoss herzurühren schien. Utzschneider wollte schon aufstehen, um nachzusehen, doch Konrad bremste ihn mit einer Handbewegung. Kurze Zeit später kam Florian König mit drei Flaschen Bier zu ihnen zurück.
   »Ich brauche jetzt erst einmal einen kühlen Schluck. Wenn Sie wollen?« Er reichte ihnen die beiden anderen Flaschen, nachdem er die Kronkorken gekonnt mit einem Feuerzeug gelöst hatte und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. Dann trank er einen großen Schluck und wischte sich den Mund ab.
   »Was haben Sie oben gemacht?«, fragte Konrad und kämpfte mit sich, ob er das Bier trinken sollte oder nicht. Mit einem Seitenblick auf Utzschneider erkannte er, dass dieser diesen Kampf nicht austrug. Utzschneider setzte die Flasche an und trank.
   Konrad entschied sich gegen das Bier, vor allem, weil er bemerkte, dass es sich um ein Pils handelte. Bei einem kühlen Weißbier hätte er nicht widerstehen können, aber für ein Pils wollte er seine geistige Frische nicht aufs Spiel setzen.
   Florian König stellte seine Bierflasche auf dem hoffnungslos überfüllten Wohnzimmertisch ab und griff zu einer Gitarre, die für Konrad zuvor nicht sichtbar neben seinem Sessel gelegen haben musste. Leise stimmte er einen Akkord an, senkte seinen Kopf über das Instrument und ließ seine vordere Haarpartie über das Gesicht fallen.
   Konrad war sich sicher, dass seine weiblichen Fans bei diesem melodramatischen Auftreten ins Kreischen geraten wären.
   »Es tut mir leid, Herr König, aber wir müssen Sie das fragen. Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen und was haben Sie gerade im Obergeschoss gemacht?«
   Florian König hob sein, wie Konrad zugeben musste, schönes Antlitz. Für einen Mann war er fast zu schön. Dunkle leicht schräg liegende Augen, etwas zu weit auseinanderstehend, blickten aus einem klassisch geschnittenen Gesicht. Ein sensibler Mund über einer für einen Mann fast zierlichen Nase. Die Diskrepanz zwischen seinem mächtigen Körper und diesem Gesicht konnte nicht größer sein. Konrad bemerkte Tränen, die in Florian Königs Augen schimmerten, und stöhnte innerlich. Er hasste es, wenn jemand in Tränen ausbrach. Wenn er es schon bei Frauen nicht leiden konnte, so fühlte er sich in Gegenwart von Männern, die heulten, noch unsicherer.
   »Ich habe Sandy vor drei Tagen gesehen. Ich war auf Tour. Sie können die Tourdaten auf unserer Homepage nachlesen. Zu der Frage, was ich gerade oben gemacht habe … Dumm von mir, ich weiß. Ich habe in ihrem Stockwerk nachgesehen, ob sie nicht noch im Bett ist und schläft. Ich hatte gehofft, dass es sich um ein Missverständnis handelt.«
   »Ihrem Stockwerk?«, fragte Utzschneider und stellte jetzt ebenfalls seine Flasche auf die wacklige Fläche des Wohnzimmertisches.
   »Ihrem Stockwerk.« Die Antwort klang bitter.
   »Und welches ist dann Ihres?«, fragte Utzschneider.
   »Mir wurde der Keller zugewiesen. Die Musik. Sie ist ihr zu laut.« Leise strich Florian König über sein Instrument.
   Konrad konnte im Moment das Gesagte kaum mit dem Gehörten verbinden.
   Florian König setzte sich aufrecht und griff mit voller Wucht in die Saiten. Der Wechsel von Melancholie zu Zorn war erschreckend.
   Konrad fragte sich, ob dies ein wesentlicher Zug von Florian König war. Er merkte, wie er Kopfweh bekam, und wollte diesem Musiker nicht länger zuhören. »Wann sind Sie von Ihrer Tour nach Hause gekommen?«
   Florian König unterbrach sein Spiel nicht. Er drosch auf seine Gitarre ein, dass sich Konrad wunderte, dass es das Instrument aushielt. Hardrock, machte er sich im gleichen Augenblick bewusst. Er hatte dieser Musikrichtung noch nie etwas abgewinnen können. Nicht, dass er prinzipiell etwas gegen Rockmusik und seine Interpreten gehabt hätte, aber die Vertreter der Hardrockrichtung und die für ihn nicht melodiösen Lieder konnte er nicht ausstehen.
   »Herr König!« Konrad knallte die Bierflasche fester als beabsichtigt vor dem außer sich geratenen Musiker auf den Tisch. Der Schaum strömte hervor und verteilte sich in Sekundenschnelle über allen Musikmagazinen, die dort lagen. Konrad suchte verzweifelt etwas, womit er den Schaden, den er angerichtet hatte, in Ordnung bringen konnte und griff zu einem Handtuch, das auf der Wäschespinne hing.
   »Lassen Sie es gut sein, Herr Kommissar. Ist nicht so schlimm.« Florian Königs ruhige Stimme unterbrach Konrads hektischen Versuch, den Tisch wieder trockenzulegen.
   »Ist doch jetzt eh alles egal. Ich bin heute Morgen nach Hause gekommen. Ich bin gestern gleich nach unserem Auftritt losgefahren. Ich habe ein paar Stunden auf einem Autobahnparkplatz gepennt und bin dann weiter. Die anderen sind noch geblieben und haben wahrscheinlich ein wenig gefeiert. Wie üblich halt.«
   Konrad beließ den Tisch, wie er war, und drehte sich zu Florian König um, der mittlerweile die Gitarre zur Seite gelegt hatte. »Warum haben Sie nicht gefeiert und sind gleich los?«
   »Weil ich Sandy beweisen wollte, dass es nicht so war, wie sie meinte.«
   »Und was meinte sie?«
   »Dass ich fremdgehen würde, dass ich mich mit den Groupies nach den Vorstellungen … ach, Sie wissen schon.«
   »Haben Sie ihr denn Anlass für einen solchen Verdacht gegeben?«, fragte Utzschneider und erntete für diese Frage einen Seitenblick von Konrad.
   »Nein, ja. Ach, Sie wissen doch, wie das ist.«
   »Und Ihre Frau war davon sicherlich nicht angetan.«
   »Früher ist sie noch mit auf die Konzerte gefahren, da wäre so etwas nie passiert. Aber dann …«
   »Aber dann was?«
   »Dann hat sie das Haus hier geerbt und hat plötzlich auf bürgerlich gemacht.«
   Konrad sah sich um und konnte nichts wirklich Bürgerliches entdecken. Eine herausragende Hausfrau war Sandra König sicherlich nicht gewesen. Das erkannte ein Blinder.
   »Und dann sind Sie allein gefahren und haben es krachen lassen.« Utzschneider zog eine Zigarette aus der Tasche.
   »Ja. Später.«
   »Ab wann, später?«
   »Als sie mir jeden Moment gedroht hat, mich samt meinen Gitarren und den Drums aus dem Haus zu schmeißen. Ab da. War doch eh schon egal.«
   »Aber diesmal sind Sie gleich zurückgefahren, weil Sie ihr zeigen wollten, dass Sie sich geändert haben.«
   »Ja.« Florian König fuhr sich mit beiden Händen über sein Gesicht. »War wohl ein Fehler. Wenn ich jetzt noch mit meinen Kumpels unterwegs wäre, würde ich wohl nicht unter die Verdächtigen geraten.«
   »Wir verdächtigen noch niemanden, Herr König, wir fragen nur. Noch eine ganz andere Frage: Können Sie nachsehen, ob die Handtasche Ihrer Frau im Haus ist? Sie hatte nämlich keine dabei. Noch können wir Raubmord nicht ausschließen.«
   Florian König lachte freudlos auf. »Dafür brauche ich noch nicht einmal aufzustehen. Meine Frau besaß keine einzige Handtasche. Sie hatte immer alles am Körper. Sie hasste Taschen aller Art.«

18:00 Uhr, Ettstraße, Polizeipräsidium, erste Besprechung

Konrad sah sich in seinem Büro um, in dem trotz des frühen Abends bereits die Deckenbeleuchtung brannte, und schob die Akte mit dem unaufgeklärten Mordfall weg. Gedanklich entschuldigte er sich bei dem Opfer und versprach, sich sofort wieder um es zu kümmern, sobald der aktuelle Fall aufgeklärt wäre. Dann wandte er sich seinem Schrank zu, wechselte sein Oberhemd, packte das verschwitzte Hemd in die Tasche, in der er seine Reitkleidung aufzubewahren pflegte. Kurz dachte er an Amber, das Pferd seines Onkels. Mittlerweile betreute er es allein, weil sein Onkel nach der Hüftoperation nicht mehr in den Sattel stieg. Dem Pferd geht es gut, beruhigte er sich und lächelte. Wahrscheinlich genoss »Püppchen«, wie sein Onkel es liebevoll nannte, die Freiheit und Ruhe, die er ihr in den nächsten Tagen oder, wenn er Pech hatte, Wochen, gönnen musste.
   Konrad schloss den Schrank, sammelte seine Unterlagen ein und bereitete sich auf die kommende Besprechung vor.
   Im Konferenzzimmer warteten Utzschneider, Lommel und Huber.
   »Schöner Mist.« Er hörte Huber bereits schimpfen, bevor er ins Zimmer trat. »An solch einem Abend.«
   Konrad brauchte nicht nachzufragen. Ihm war klar, dass jeder seiner Kollegen an diesem wunderbaren Sommerabend etwas Besseres vorgehabt hatte, als im stickigen Besprechungszimmer zu sitzen. Er nahm sich vor, das Treffen so kurz wie möglich zu halten, damit alle Beteiligten wenigstens noch eine Chance bekamen, den Restabend zu genießen.
   Gerade schrieb er mit großen Buchstaben den Namen, den sich Utzschneider und er auf der Fahrt ins Präsidium ersonnen hatten, auf ein Blatt Papier, um es an die Tür zu hängen, als er schnelle Schritte auf dem Flur vernahm.
   »Guten Abend!«
   Er blickte zur Tür und zuckte zusammen. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Nicht, dass diesem Fall Staatsanwalt Dr. Alex Dorfmann zugeteilt wurde. Konrad versuchte, sich seine Erschütterung nicht anmerken zu lassen und grüßte zurück. Wenn er einen nicht leiden konnte, dann war es dieser junge, arrogante und aufgeblasene Staatsanwalt. Konrad war der Meinung, dass dieser Dynamik mit Effizienz verwechselte, und hasste seine Art des Nachhakens.
   Dorfmann kam auch sogleich zur Sache. Er tippte mit seinem goldenen Stift auf einen Schnellhefter, den er wie selbstverständlich auf Konrads Platz gelegt hatte, und blickte in die Runde. »Viel haben Sie noch nicht, Kollegen.«
   Konrad kannte sein Team gut genug, um abschätzen zu können, was dieser Kommentar für Gedankengänge auslöste. Er fühlte sich dazu berufen, sofort in Verteidigungsstellung zu gehen. »Was vielleicht daran liegt, dass wir noch keine Informationen von der Rechtsmedizin und der Spurensicherung vorliegen haben.«
   »Ach, die habe ich Ihnen mitgebracht.« Dorfmann öffnete die Mappe, beließ aber die Unterlagen bei sich. »Wenn ich kurz zusammenfassen dürfte, was die Spurensicherung und die Rechtsmedizin bisher ergeben hat.« Dorfmann lächelte einstudiert. »Nichts.« Er ließ das letzte Wort dramatisch nachklingen und wartete darauf, dass sich irgendjemand im Raum rührte.
   Kaum versuchte Uwe Lommel, der allgemein als Computergenie angesehen wurde, etwas zu sagen, schnitt ihm Dorfmann mit einer Handbewegung den Ton ab und fuhr fort.
   »Die Spurensicherung hat keinen Gegenstand gefunden, der als Tatwaffe in Betracht käme und muss die etlichen Spuren, die um die Tote vorhanden waren, noch auswerten. Die Rechtsmedizin hat zum jetzigen Zeitpunkt nur das bestätigt, was der Leichenschauarzt bereits als erste Einschätzung genannt hat. Es liegen keinerlei Spuren für einen sexuell begründeten Tatverlauf vor, ob man von Raubmord ausgehen muss oder einer anderen Motivation, das müssen Sie jetzt herausfinden, liebe Kollegen.« Der Ton, in dem sich Dorfmann an die Kollegen wandte, glich einem Peitschenknall mit eisernem Widerhaken.
   Konrad musste den Impuls, das Zimmer zu verlassen, niederdrücken. »Haben Sie bereits veranlasst, dass wir eine Kopie von den Ergebnissen bekommen?« Er zitterte innerlich vor Empörung.
   »Tut mir leid, aber die Sekretärin ist schon in ihren beneideten Feierabend gegangen.«
   »Dann übernehme ich das.« Er schnappte sich die Unterlagen, bevor Dorfmann etwas dagegen einwenden konnte, und stürmte in Katharina Faltermayers Büro, um die Kopien zu ziehen.
   Während der Kopierer laut summend arbeitete, versuchte er, sich zu beruhigen. Er wusste, dass er mit Dorfmann nicht klarkam. Dass er noch nie mit ihm klargekommen war.
   Sicherlich, er war ein junger Anwalt und Konrad verstand, dass er sich einen Namen machen wollte. Aber er sah nicht ein, dass er dafür den Steigbügelhalter machen sollte. »Korrekt bleiben.« Konrad versuchte, sich auf dem Rückweg Mut zu machen.
   »Ah, wenn der Leiter der Soko auch wieder von seinen administrativen Tätigkeiten da ist, können wir beginnen.«
   Konrad gab sich Mühe, den sarkastischen Tonfall zu überhören und teilte in, wie es scheinen sollte, Seelenruhe die Kopien aus. Dabei trafen sich Utzschneiders und sein Blick. Utzschneider zog eine Grimasse und Konrad fühlte sich sogleich besser.
   Nachdem alle die Berichte kurz überflogen hatten, räusperte sich Dorfmann. »Ist noch jemandem etwas aufgefallen, was meinem Auge entgangen ist?«
   Keiner sagte etwas. »Dann wollen wir mal sehen, mit was wir beginnen. Zunächst der Name. Wie soll der Fall offiziell heißen?« Dorfmann drehte sich zu Konrad.
   »Wir dachten an Wolfratshauser.«
   »Nicht eindeutig genug. Das könnte ja gleich die gesamte Einwohnerschaft von Wolfratshausen meinen. Etwas Einprägsames, Klares.«
   Konrad war, wie wahrscheinlich allen Anwesenden klar, dass Staatsanwalt Dorfmann einen Namen meinte, der sich in seiner Vita gut machte.
   »Wie wäre es mit Königsmörder?« Utzschneider blickte naiv.
   Konrad erkannte, dass es ihn dabei fast vor Vergnügen zerriss. Auch die anderen Kollegen grinsten.
   Dorfmann strich sich übers Kinn und schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich dann doch zu plakativ. Aber nicht schlecht, Sie sind schon auf dem richtigen Weg, Uhlschneider.«
   »Utzschneider.«
   »Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal weiterarbeiten und uns dann«, Dorfmann sah auf seine Uhr, »noch einmal gemeinsam in einer Art Brainstorming um den Namen Gedanken machen. Nach meiner ersten Einschätzung können wir um halb neun eine Pause machen und uns dann um den Namen kümmern.«
   Das Stöhnen, das ihm entgegenschlug, hätte jeden anderen verunsichert. Nicht so Dorfmann, er lächelte alle Beteiligten reizend an und ließ sich auf Konrads Stuhl nieder. Konrad blieb nichts anderes übrig, als sich einen neuen Platz zu suchen, und er schäumte vor Zorn.
   Dorfmann begann, die Ermittlungen zu leiten. Akribisch, dem Protokoll folgend. Das Team und Konrad waren professionell genug, um zu wissen, dass er nichts für den versauten Feierabend konnte. Dass keiner die Dinge, die zu erledigen waren, schneller vorantreiben konnte. Es war nicht die Tatsache, dass er die Dinge in die Hand nahm, es war die Art und Weise, die so manches Stirnrunzeln erscheinen ließ.

29. Juli 2014 – noch 8 Tage bis Madeira
7:00 Uhr, Ettstraße, Polizeipräsidium

Konrad hatte das Gefühl, er hätte das Gebäude gerade erst verlassen, als er dem Pförtner einen guten Morgen wünschte. Es war spät geworden, sehr spät. Er betete, dass Dorfmann ausschlief und ihn und sein Team in Ruhe arbeiten ließ. Er wusste, dass ein anstrengender Tag vor ihm lag, und hatte keine Lust, sich diesen auch noch durch die Anwesenheit des Staatsanwalts vermiesen zu lassen. Einerseits musste er zugeben, dass Dorfmann mit seiner Paragrafenreiterei recht hatte und der Ermittlung vielleicht auf diese Art eine gewisse Beschleunigung brachte, aber auf der anderen Seite war er genervt und übermüdet. In seiner gesamten Laufbahn gab es kaum Fälle, die sein Team und er nicht aufgelöst hatten und er war der Meinung, dass man ihn so machen lassen sollte, wie er es für richtig hielt.
   Auf dem Weg zu seinem Büro begegnete er seinem Chef, der ihn freundlich grüßte und sich für die schnelle Berichterstattung im Fall Wäldchenmord bedankte. Konrad blickte ihm misstrauisch hinterher. Einerseits schmeichelte ihm das Lob, das er in dieser Form nur in homöopathischen Dosen kannte, auf der anderen Seite fragte er sich, ob dieser mit dem Staatsanwalt unter einer Decke steckte.
   Er bekam nicht mehr allzu lange Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, weil ihn Utzschneider nach der nächsten Ecke begrüßte. »Hast du dich heute Morgen auch schon gefragt, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, gleich auf dem Präsidium zu schlafen?«
   Konrad nickte. Mit der Heim- und Rückfahrt waren ihm drei kurze Stunden Schlaf gegönnt gewesen. Drei Stunden, die er nicht wirklich schlafen konnte, weil ihm die Hitze in seiner Dachwohnung zu schaffen gemacht hatte. »Wenigstens kamen wir in den Genuss unserer vertrauten Dusche und frischer Kleidung«, tröstete er seinen Kollegen und betrat das gemeinsame Büro.
   Er fuhr seinen Computer hoch und studierte den Posteingang. Es waren keine Sensationen eingetroffen. Nach viereinhalb Stunden nicht weiter verwunderlich.
   »Auch einen Kaffee?«
   »Ja, bitte. Und dann müssen wir uns einen Schlachtplan zurechtlegen.«
   »Einen Schlachtplan? Sehr gern. Ich wüsste auch schon, wer geschlachtet werden sollte.«
   »Eben. Aber jetzt hol erst einmal den Kaffee.«
   Als Utzschneider ins Büro zurückkam, hatte er Lommel und Huber im Schlepptau.
   »Patricia kommt auch in einer Sekunde.«
   Konrad runzelte die Stirn.
   »Ich dachte, wir sollten am besten gemeinsam festlegen, wie wir vorgehen. Ich meine, das betrifft uns alle.« Utzschneider stellte ihm die dampfende Tasse auf seinen Arbeitsplatz.
   Utzschneider hatte recht. Das Problem Dorfmann, wie er es bei sich nannte, betraf alle. Einen Augenblick später kam Patricia ins Zimmer gestürmt. Aufgeräumt, ausgeschlafen und so adrett wie immer. Konrad lächelte ihr zu, obwohl ihm klar war, dass sein Lächeln sehr müde ausfiel, und räusperte sich. »Also, was meint ihr? Patricia, du warst gestern nicht da, aber ich könnte mir vorstellen, dass man dich bereits ins Bild gesetzt hat, was unserer Gruppe, wenn ich es so sagen darf, widerfahren ist.«
   Sie legte den Kopf schräg. »Ich finde das gar nicht so schlimm, Chef.« Sie ließ sich nicht durch Hubers Schnauben aus der Ruhe bringen. »Dorfmann hat eine andere Arbeitsweise. Aber ist das ein Beinbruch? Die Hauptsache ist doch, dass wir den Fall lösen.«
   »Richtig«, sagte Konrad. »Ich hoffe, er lässt uns unsere Arbeit machen und wartet darauf, was wir ihm präsentieren. Also lassen wir uns von ihm nicht durcheinanderbringen. Keine Extrawürste, keine Alleingänge. Alles muss schön transparent bleiben.«
   »Das sind Worte nach meinem Geschmack.« Dorfmann trat ins Zimmer und Konrad fuhr herum und schaffte es gerade noch, ein halbwegs vernünftiges »Guten Morgen« hervorzubringen.
   Dorfmann sah aus, als wäre er gerade aus dem Urlaub gekommen. Kein Fältchen verriet seine kurze Nacht, keine Augenringe ließen darauf schließen, dass auch er sicherlich nicht mehr als drei Stunden geschlafen hatte.
   »Gibt es schon neue Erkenntnisse, die ich bei der Pressekonferenz bekannt geben kann?«
   Konrad schüttelte den Kopf. »Wir sind noch nicht weiter als vor fünf Stunden. Die Kollegen und ich werden Sie auf dem Laufenden halten, was die weiteren Ermittlungen ergeben.«
   Dorfmann lächelte strahlend. »Und das bitte vor ein Uhr Mittag.« Grußlos verschwand er so leise, wie er aufgetaucht war.
   »Lieber Mörder. Bitte gib dich bis zwölf Uhr zu erkennen, damit wir noch die Zeit finden, dem Herrn Staatsanwalt einen anständigen Bericht zu schreiben.« Utzschneider trank seinen Kaffee aus und stellte die Tasse heftiger als nötig auf seinen Schreibtisch zurück. »Also, wie wollen wir vorgehen?«
   Konrad klatschte mit mehr Energie in die Hände, als er sie verspürte. »Utzschneider und ich fahren heute Morgen noch einmal zu dem Ehemann der Ermordeten. Danach besuchen wir auch gleich Frau Grafenacker, sie wohnt nebenan. Ich möchte noch einmal nachhaken, in welcher Phase sich die Ehe der Königs befand. Wie ich im Bericht schon erwähnt habe, standen Umzugskisten im Eingang. Ob die jetzt zu der Tour gehörten, von der Herr König gesprochen hat, oder von dem Ärger, den Frau König wegen der Groupies machte, ist für mich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ersichtlich.«
   Utzschneider nickte. »Du meinst, Frau König will ihren Mann rausschmeißen, es kommt zum Streit. Sie geht mit ihrem Hund spazieren, Herr König geht mit ihr oder hinter ihr her und schlägt sie nieder?«
   Konrad öffnete das Fenster, obwohl er schon im Voraus wusste, dass es keine Abkühlung brachte. »Könnte so gewesen sein. Wir werden das jedenfalls noch einmal überprüfen. Lommel, du checkst, wer im Grundbuch für das Haus steht und überhaupt alles, was man im Internet über die Gruppe des Ehemannes finden kann oder was für Aktivitäten man von ihr aus dem Internet erfährt.«
   Lommel fuhr sich durch die Haare. »Gern. Facebook et cetera, wird erledigt.«
   »Huber, schau du dich bitte noch einmal in dem Wäldchen um. Vielleicht fällt dir etwas auf, das wir übersehen haben. Patricia, du bleibst hier und hältst mit Meier die Stellung. Wichtige Anrufe sofort zu mir. Ja, ich habe mein Handy eingeschaltet.« Er beantwortete die Frage bereits, bevor Patricia sie stellen konnte. Die Frage käme nicht unbegründet, weil er sein Handy am liebsten auf Stumm schaltete, wenn er es nicht überhaupt ausmachte.
   Als sich alle verabschiedet hatten, wandte sich Konrad an Utzschneider. »Was meinst du, Utzi. War das jetzt Dienst nach Vorschrift?«
   Utzschneider, der sich gerade über seine Schublade beugte und den Schalk, der Konrad um die Mundwinkel zuckte, nicht sehen konnte, antwortete leicht brummig. »Ein bisschen freundlicher hättest du schon sein können.«

8:30 Uhr, Solln, Rungestraße, Familie Grafenacker

Bei Königs rührte sich nichts. Konrad drückte erneut auf die Klingel. »Vielleicht schläft er noch. Ist ja keine Zeit für einen Künstler.« Konrad beneidete Herrn König um seinen festen Schlaf, wenn er denn schliefe. Ihm wäre es bei dem Lärm, der aus dem Nachbargrundstück tönte, nicht möglich gewesen, eine Sekunde länger im Bett zu bleiben. Hinter der Hecke, die das Grundstück der Familie Grafenacker umgab, tobte ein Laubbläser. Konrad wunderte sich, warum man im Hochsommer eine solche Gerätschaft benutzte. Im Herbst konnte man dieser Radaumafia kaum entgehen, aber im Juli?
   Er betrachte den Bürgersteig der Familie Grafenacker und entdeckte kein Blättchen oder Zweiglein. Ganz im Gegensatz zu dem Bürgersteig, auf dem sie sich befanden. Vor dem Haus der Familie König lag eine Schicht von alten, zusammengetretenen Lindenblüten. Er hob die linke Hand vor die Augen und blickte gegen die Sonne nach oben. Eine stattliche Linde erhob sich aus dem Grundstück König und beschattete die Bürgersteige und den halben Garten. »Macht eine Menge Schmutz, so ein Baum.« Er wandte sich an Utzschneider. »Ob es wegen des Baums schon Streit gegeben hat? Wundern würde es mich nicht.«
   Der Laubsauger röhrte unbeirrt und enervierend weiter. »Dann probieren wir es mal bei Grafenackers. Da scheint ja jemand da zu sein.«
   Utzschneider und er traten an das hölzerne Eingangstor. Schon von Weitem erkannte er, dass dieses aus dem gleichen Holz und in der gleichen Machart gearbeitet war wie die Holzvertäfelung, die das gesamte Haus zierte. An der Klingel stand eine ganze Reihe von Namen. Er las laut vor. »Hier wohnen Brigitta und Thomas Grafenacker mit Stefan, Sophie, Dominik und Lisa.«
   Darunter befand sich ein blank gewienerter Klingelknopf aus Messing. Konrad las weiter. »Hier wohnen Helga und Andreas Grafenacker mit Carolina.« Wieder die gleiche, blank gewienerte Klingel. Das Ganze wurde umrahmt von kindlich anmutenden Tontäfelchen, die die Namen noch einmal von sich gaben. »Das Haus scheint größer zu sein, als es von außen den Anschein hat, oder sie wohnen wie die Ölsardinen.«
   Utzschneider drückte den Klingelknopf, der zu Brigitta Grafenackers Namen gehörte.
   Nichts rührte sich. Der Laubbläser tönte weiterhin Nerven zerreibend, ansonsten lag das Haus still.
   Konrad zuckte mit den Achseln. »Wenn unsere Zeugin die Wahrheit gesagt hat, ist sie gerade mit dem Hund unterwegs. Der Krachmacher da hinten hört sowieso nichts.«
   Utzschneider ließ sich nicht so schnell einschüchtern. Er drückte die Klingel von Helga und Andreas Grafenacker. Im gleichen Augenblick verstummte der Laubbläser und ein circa 40-jähriger Mann kam um die Ecke geschlurft.
   Konrad war sich im gleichen Augenblick sicher, dass der Mann nicht ganz normal war. Ob es an seinen vorfallenden Schultern, dem schlurfenden Gang oder seinem Blick lag, wusste er nicht.
   Der Mann musterte sie, verzog sein Gesicht zu einer bösen Fratze und bellte ihnen in einer erstaunlich hohen Stimmlage ein »Wir kaufen nichts« entgegen.
   Konrad brauchte eine Sekunde, um diesen Auftritt zu verdauen. »Wir wollen auch nichts verkaufen, wir sind von der Polizei und würden uns gern mit Frau Brigitta Grafenacker unterhalten«, antwortete er ganz ruhig, so, als ob er mit einem Kind spräche.
   Ein Leuchten ging auf dem Gesicht des Mannes auf. »Hat sie was angestellt?«
   Konrad schüttelte den Kopf. »Nein, wir wollen uns nur mit ihr unterhalten.«
   Der eben noch freudige Gesichtsausdruck verwandelte sich in dunkles Brüten. »Brigitta ist mit dem Hund. Tommi ist in der Schule. Mama ist da.«
   Er wechselte einen Seitenblick mit Utzschneider. »Könnten wir vielleicht Ihre Mutter sprechen?«
   Ohne sich vorzustellen oder zu antworten, drehte sich der Mann um und überließ es ihnen, ihm zu folgen.
   Utzschneider öffnete beherzt das Gartentor, indem er einfach dagegenstieß. Sie betraten die lange Garageneinfahrt, tauchten durch ein Tor, das sich zu einem Garten öffnete, und sahen, dass in diesem Garten, der die Ausmaße eines Fußballfeldes hatte, noch ein weiteres Haus stand.
   »Mama!«, rief der Mann, noch bevor er das hintere Haus erreicht hatte. »Mama. Polizei!«
   In Sekundenschnelle stand eine ganz in Schwarz gekleidete weißhaarige Frau, die Konrad auf über siebzig schätzte, vor ihrer Haustür und starrte ihnen mit Besorgnis entgegen.
   »Hat Andreas was angestellt?«, fragte sie, bevor sie sich vorstellen konnten.
   Konrad schüttelte beruhigend den Kopf. »Nein, Frau …«
   »Grafenacker, Helga«, stellte sie sich vor und seufzte vernehmlich.
   Konrad sah sich um und bemerkte, dass Andreas Grafenacker wieder verschwunden war. Sekunden später erklang der Laubbläser erneut.
   »Um was geht es denn?«
   »Wir wollten eigentlich mit Brigitta Grafenacker sprechen.«
   »Ach, wegen der König? Das arme Ding! Ich habe es schon gehört. Brigitta ist mit dem Hund. Wie jeden Morgen. Aber kommen Sie doch rein, Sie können bei mir warten. Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
   Konrad schmunzelte und sagte zu. Er vermutete, dass Helga Grafenacker genau wie andere Menschen gern mehr erfahren wollte. Da es ihm nicht anders erging, nahm er die Einladung dankend an. Utzschneider schien die Aussicht auf einen Kaffee auch nicht zu missfallen.
   Gemeinsam betraten sie das Häuschen, das wirklich diesen Ausdruck verdiente. Schon die Eingangstür war so niedrig, dass nicht nur Utzschneider, der Konrad um eine Haupteslänge überragte, den Kopf einziehen musste.
   »Schrecklich, ganz schrecklich. Ich habe gestern noch zu meinem Sohn gesagt, wie grauenhaft ich das finde. Man kann sich ja seines Lebens nicht mehr sicher sein, wenn man heutzutage schon am helllichten Tag umgebracht wird. Aber das liegt auch an den Frauen selbst … Verzeihen Sie mir, ich hole nur eben den Kaffee. Setzen Sie sich doch.«
   Konrad folgte der Einladung und ließ sich auf einer altmodischen Sitzgarnitur nieder, die ihn sehr an die erinnerte, die auch seine Großmutter besessen hatte. Er betrachtete den Raum, der eher bieder als modern eingerichtet war, und sein Blick verharrte auf einer Fotografie, die gerahmt über dem Fernseher hing. Er stand wieder auf und erkannte, dass es sich um eine Luftaufnahme des Grundstücks handelte. Die Jahreszahl, die das Bild zierte, erklärte ihm sogleich, warum er es nicht sofort erkannt hatte.
   Das Foto zeigte das Haupthaus, so wie es jetzt dastand, allerdings war es von Wald umgeben. Keines der Häuser, die heute ringsherum standen, gab es damals.
   Frau Helga Grafenacker kam mit einem Tablett zurück, auf dem sie drei Tassen, eine Kanne und einen Bienenstich drapiert hatte.
   Utzschneiders Magen knurrte vernehmlich.
   »Das waren noch Zeiten.« Frau Grafenacker nickte in Richtung Fotografie, während sie den Tisch mit schnellen Bewegungen deckte. »Tja, die Zeiten ändern sich.« Sie setzte sich in einen Sessel.
   Konrad und Utzschneider holten ihre verspätete Vorstellung nach und Konrad rollte innerlich mit den Augen, als er daran dachte, dass er jetzt schon mehrere Minuten in dem Haus verbrachte, ohne sich ausgewiesen zu haben. Das Vertrauen alter Leute in ihre Mitmenschen machte ihn nervös. Wenn sie jetzt nicht von der Polizei gewesen wären, was dann?
   »Andreas passt auf mich auf.« Frau Grafenacker schien seinen Gedankengang gelesen zu haben und lächelte. »Ich sehe, dass Sie sich gerade Sorgen um meine Vertrauensseligkeit gemacht haben. Aber der Andi passt schon auf.«
   »Andreas, ist er mit Brigitta …?«
   »Aber nein. Thomas, mein Erstgeborener, ist mit Brigitta verheiratet. Andreas und ich, wir beide leben hier hinten. Aber jetzt zieren Sie sich nicht. Greifen Sie zu. Der Bienenstich ist ganz frisch. Ich mache den jeden Tag für meine Enkel.«
   »Vier Enkel.« Utzschneider schien beeindruckt und griff zu.
   »Eine gesegnete Ehe, ja.« Helga Grafenacker blickte versonnen und freute sich sichtlich, dass sie beide ihrer Einladung folgten.
   »Können Sie uns etwas zu der Toten, zu Frau König sagen? Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? Haben Sie in der letzten Zeit irgendetwas Verdächtiges beobachtet? Personen, die hier nicht hergehören?«, fragte Konrad zwischen zwei Bissen ausgezeichnetem Bienenstich.
   Helga Grafenacker schüttelte den Kopf und hielt eine Sekunde später inne. »Ich weiß nicht, ob Ihnen das weiterhilft. Es ist auch nicht nur in letzter Zeit so gewesen, aber vielleicht öfter …« Helga Grafenacker verstummte und schien, als ob sie über etwas nachdachte. »Es wird ja immer viel geredet in der Nachbarschaft, Sie wissen schon.«
   »Und was wurde so geredet?« Utzschneider übernahm, da Konrad gerade auf seinem letzten Bissen Bienenstich kaute.
   »Na ja, die Streitigkeiten der Königs waren nicht zu überhören, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Da wurde viel Alkohol getrunken, laute Musik gemacht und gehört. Und eben lautstark gestritten.«
   »In der letzten Zeit vermehrt?«
   »Ich bin nicht so eine, die über dem Gartenzaun hängt und sich in fremde Ehen einmischt. Aber es war kaum zu überhören. Erst saßen sie noch auf der Terrasse und haben sich unterhalten. Ich denke, dabei wurde viel Alkohol getrunken.«
   »Warum glauben Sie das?«
   »Die Mülltonne«, gab Frau Grafenacker kleinlaut zu, »die war bei Königs ständig überfüllt und ließ sich nicht mehr schließen. Wenn für die Müllabfuhr die Tonne auf die Straße gestellt wurde, konnte jeder sehen, was sich darin befand. Flaschen über Flaschen und das, obwohl es doch Sammelstellen gibt.« Der letzte Satz troff vor Empörung. »Ich meine, man muss doch an die Umwelt denken …«
   »Etwas, was die beiden wohl nicht taten? Ich kenne solche Leute, schrecklich«, stimmte Konrad mitfühlend zu.
   Helga Grafenacker war jetzt in ihrem Element. »Genau das meine ich. Solche Leute gehören hier gar nicht her. Sie, ich meine die König, hat das Haus von ihrer Mutter geerbt. Die Mutter war eine Dame, aber die Tochter und ihr Mann … Ich sage es ungern, aber das sind keine feinen Leute. Partys tagein, tagaus und dann diese Musik! Und zuletzt jeden Abend Streit. Außer, er war mit seinen Musikern unterwegs. Auch ganz schreckliche Leute. Was wir hier schon für ein Gesindel in der Straße gehabt haben, seitdem die eingezogen sind. Sie würden es nicht für möglich halten.«
   »Hat sich denn nicht einer Ihrer Söhne mal beschwert? Ich meine, wegen des Lärms?«
   »Andi und Thomas würden nie etwas sagen. Die ignorieren die anderen Häuser. Aber Brigitta hat wohl mal damit gedroht, die Polizei zu rufen. Ob sie es gemacht hat, weiß ich allerdings nicht.« Frau Grafenacker trank einen Schluck Kaffee und zupfte gedankenverloren an der Spitzendecke, die auf dem Eichentisch lag. »Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Brigitta die Polizei gerufen hat. Schließlich waren die beiden befreundet.«
   »Wer war befreundet und warum war?«
   »Sandra König und Brigitta. Sie sind früher jeden Morgen gemeinsam mit den Hunden raus und abends ist Brigitta oft bei Königs gewesen. Ich weiß das nur, weil sich Thomas mir gegenüber mal deswegen beschwert hat.«
   »Weil die beiden Frauen miteinander spazieren gegangen sind?« Konrad stellte sich mit Absicht dumm.
   »Weil Brigitta ganze Nächte nicht nach Hause kam und ihr Fernbleiben mit lustigen Abenden bei Königs begründete.«
   Im nächsten Augenblick verschloss sich das runde, gut erhaltene Gesicht ihrer Gastgeberin und Konrad wusste, dass sie sich jetzt bereits Vorwürfe machte, zu viel gesagt zu haben.
   »Brigittas Ehemann, Thomas, können wir auch mit ihm sprechen?«
   »Das wird leider nicht möglich sein. Er ist in der Arbeit.« Helga Grafenacker erhob sich und signalisierte damit unmissverständlich, dass der Besuch beendet war.
   Konrad stand auf und bedankte sich für den Kaffee und den ausgezeichneten Bienenstich, der ihn über den Tag bringen würde.
   »Warten Sie, ich ruf drüben mal an, ob Brigitta schon da ist.« Helga Grafenacker ging zu einem altmodischen Apparat, der an der Wand hing, hob den Hörer und betätigte einen Knopf.
   »Die Polizei möchte mit dir sprechen.« Ohne Begrüßung oder Verabschiedung teilte sie das ihrer Schwiegertochter mit und hängte den Hörer wieder ein. »Sie kommt Ihnen entgegen.« Helga Grafenacker verabschiedete sich noch im Wohnzimmer von ihnen.

Brigitta Grafenacker wartete auf der Terrasse ihres Hauses. Konrad bewunderte abermals ihre durchtrainierte Figur und begrüßte den Familienhund Carolina, der ihnen freundlich entgegensprang.
   »Guten Morgen, Frau Grafenacker.« Konrad bemerkte beim Nähergehen, dass Frau Grafenacker im Gegensatz zu ihm nicht schwitzte. Wenn sie, wie sie behauptete, wirklich ihre Runde jeden Tag ausführte, musste sie eine beneidenswerte Kondition haben. Carolina hechelte, japste nach Luft und Konrad fühlte mit ihr. Er sah dem Hund hinterher, der sich einen kühlen Platz im Schatten der Markise suchte, und beneidete ihn um diesen. Es war erst kurz nach neun und er war sich sicher, dass das Thermometer bereits auf die fünfundzwanzig Grad zuging.
   »Wenn wir es kurz machen könnten. Die Kinder bekommen heute sicherlich wieder Hitzefrei und ich muss noch eine Menge erledigen.« Brigitta Grafenacker schien nicht erfreut, sie so bald wiederzusehen. Mit einem Seitenblick auf ihren Schwager Andreas, der die Blätter mittels Kehrblech und Besen in die Biotonne beförderte, fügte sie ein knappes »Gehen wir doch hinein« hinzu.
   Konrad folgte der Einladung nur zu gern. Ob es am zugegeben starken Kaffee lag, den er gerade bei der Oma des Haushaltes genossen hatte oder an der ansteigenden Hitze, er spürte, wie sein Hemd bereits jetzt am Rücken klebte.
   »Was wollen Sie noch wissen?« Brigitta Grafenacker machte keine Anstalten, ihnen einen Sitzplatz im geräumigen Wohnzimmer anzubieten.
   »Wir wollten eigentlich zu Herrn König, aber er öffnet nicht. Da dachten wir, wir sehen mal bei Ihnen vorbei, um uns zu erkundigen, wie Sie den Schock des Vortags verkraftet haben.« Utzschneider nestelte in den vielen Taschen seiner Cargohose nach seinen Zigaretten.
   Konrad konnte ihn verstehen. Kaffee ohne Zigarette war eigentlich ein Unding, wenn man Raucher war. Er hatte nicht das Gefühl, dass Brigitta Grafenacker einen Schock vom Vortag davongetragen hatte, trotzdem nickte er einvernehmlich.
   »Mir geht es gut. Danke.«
   »Ist Ihnen noch irgendetwas eingefallen, was Sie mit dem Tod Ihrer Nachbarin in Verbindung bringen könnten? Irgendeine Beobachtung in der letzten Zeit? Personen, die ums Haus geschlichen sind?«
   Brigitta Grafenacker löste das Haargummi, das ihre dunklen Haare bisher zu einem Pferdeschwanz zusammengehalten hatte, und schüttelte den Kopf. Ob das Kopfschütteln zum Frisieren gehörte oder eine Antwort war, blieb offen.
   »Ihre Schwiegermutter hat uns gerade erzählt, dass Sie früher recht engen Kontakt zu der Familie König gepflegt haben. Gab es einen bestimmten Grund, warum Sie die Besuche und das gemeinsame Spazierengehen eingestellt haben?«
   »Die Hunde haben sich nicht mehr vertragen.«
   Konrad sah zu Carolina und wunderte sich. Der Hund schien wahrlich nicht zu der Gattung zu gehören, die soziale Probleme hatten.
   Utzschneider notierte etwas auf seinem Palm-Handy und hakte nach. »Und warum sind Sie nicht mehr zu den kleinen Feiern der Königs gegangen? Da hatten Sie Carolina ja sicherlich nicht dabei.«
   »Weil mir die Streiterei der beiden auf die Nerven ging. Und um auf Ihre erste Frage zu kommen: Nein, ich habe nichts beobachtet, was auf einen möglichen Täter schließen lässt. Tut mir leid. Ich gehöre nicht zu dem Menschenschlag, der es sich zur Angewohnheit gemacht hat, an fremden Türen zu lauschen. Im Gegensatz zu ein paar ganz speziellen Gestalten.«
   Konrad runzelte irritiert die Stirn. Während des letzten Satzes war Frau Grafenacker immer lauter geworden und seitwärts zum offen stehenden Fenster gegangen. Dann brüllte sie mit einem Mal los. »Ich habe es dir jetzt schon hundertmal gesagt. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du fremde Gespräche belauschst, dann sorge ich dafür, dass du in ein Heim für Idioten kommst!«
   Konrad beobachtete perplex, wie Frau Grafenacker das Fenster mit Wucht zuknallte. Er machte sich klar, dass die Worte an Brigitta Grafenackers Schwager Andreas gerichtet waren.
   »Verzeihen Sie. Aber es ist unerträglich. Man hat hier kein Privatleben. Wenn nicht die Alte dauernd ums Haus schleicht, dann lauscht der Blödmann. Ich bin mir sicher, er war bei jedem Zeugungsakt seiner Nichten und Neffen live dabei.« Kaum ausgesprochen änderte sich der Ausdruck in Brigitta Grafenackers Gesicht und wechselte zurück zur freundlichen Fassade. »Also wie gesagt, ich pflege keinen Kontakt mit diesen Leuten. Sandra König ist, war, nicht der richtige Umgang für unsere Familie. Mir ist nichts eingefallen, was Ihnen helfen könnte, ich habe allerdings auch nicht darüber nachgedacht. Sie ist mir vollkommen gleichgültig. Wenn ich Sie jetzt bitten dürfte, zu gehen. Ich habe noch eine Menge zu erledigen.«
   »Hitzefrei, ich verstehe.« Konrad nickte ihr grüßend zu, überließ Utzschneider die Verabschiedung und flüchtete ins Freie. Er war von Brigitta Grafenackers Wandlung innerhalb der letzten Minuten mehr erschüttert, als er es sich als Polizist erlauben durfte.
   Auf dem Bürgersteig vor Grafenackers Anwesen zündete sich Utzschneider erst einmal eine Zigarette an. Konrad tat es ihm nach und atmete tief durch.
   »Das ist ja eine Horrorfamilie.« Utzschneider blies den Rauch in den wolkenlosen Himmel.
   Konrad maß ihn mit einem Seitenblick. »Sind nicht alle Familien Horror?«
   »Du hast keine, also sei still.« Utzschneider zwinkerte ihm zu. »Aber jetzt mal zur Grafenacker. Mit der möchte ich mich nicht anlegen, die ist ja …«
   »Eiskalt, würde ich sagen. Wie die ihren Schwager niedergemacht hat. Also eine Dame ist das nicht.«
   »Auch wenn sie sich für eine hält.«
   »Probieren wir es noch mal bei Königs? Vielleicht hat er mittlerweile ausgeschlafen.«
   »Oder ist von dem Gebrüll aus dem Bett gefallen. Die Grafenacker war eindeutig lauter als der Laubbläser.«

30. Juli 2014 – noch 7 Tage bis Madeira
8:00 Uhr, Ettstraße, Polizeipräsidium

Die Fenster waren sperrangelweit geöffnet, die Rollos so weit heruntergelassen, dass ein Luftzug, wenn es denn einen gegeben hätte, die bitter nötige Erfrischung brächte. Allerdings gab es keinen Luftzug und Konrad schwitzte. Er hatte bereits die zweite Flasche Mineralwasser aus der Gemeinschaftsküche geholt und fragte sich, wie er den Tag überleben sollte.
   Gestern war er, nachdem Utzschneider und er keinen Erfolg bei Herrn König gehabt hatten, direkt in die Rechtsmedizin gefahren. Aber auch dort gab es nichts, was sie zum Erfolg geführt hätte. Beide, Frauchen und Hund, waren durch einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand getötet worden. Ob der Hund versucht hatte, den Angreifer abzuwehren und darum ebenfalls erschlagen wurde, konnte nicht eindeutig bewiesen werden. Die Hälfte der achtundvierzig Stunden, die nach einem Mord entscheidend waren, lief gerade ab und es gab keine Zeugenaussage, die ihnen weiterhalf. Er hoffte immer noch darauf, dass Herr König Licht ins Dunkel bringen konnte in puncto Gegenstände, die seine Frau dabeigehabt hatte. In der Rechtsmedizin hatte man ihm gezeigt, was die Tote bei sich trug, als man sie fand. Einen Schlüsselbund mit Micky-Maus-Anhänger, fünfzig Euro, die sie in der Gesäßtasche ihrer knappen Jeans getragen hatte und eine Hundeleine. Es schien so zu sein, wie der Ehemann der Toten behauptet hatte. Sandra König hatte offensichtlich keine Handtasche dabeigehabt. Konrad hatte den diensthabenden Rechtsmediziner gefragt, ob er irgendwelche Abwehrspuren an der Leiche entdeckt hatte, doch dieser verneinte. Laut seiner Einschätzung war Sandra König von hinten niedergeschlagen worden. Keine fremde DNA, keine Spur. Kein Motiv.
   Er seufzte, als er an den bevorstehenden Termin mit Dorfmann dachte und konnte sich bereits gut vorstellen, was dieser über den Stand der Ermittlungen sagen würde. Stöhnend stand er auf und drehte den Ventilator, den Utzschneider von daheim mitgebracht hatte, in seine Richtung. Utzschneider war noch nicht im Haus und das war ihm im Moment ganz recht. Überhaupt war noch niemand außer ihm da. Bei der anhaltenden Hitze, die über München lag, hatte er mal wieder nicht schlafen können und sich bereits um halb fünf aus dem Bett gequält. Nach einer Dusche, die ihm vorkam, als wäre sie Jahre her, und seinem traditionellen Frühstück, das aus Kaffee und Zigaretten bestand, hatte er es vorgezogen, seine überhitzte Wohnung unter dem Dach zu verlassen und lieber zur Arbeit zu gehen.
   Er sah auf seine Uhr. Es war noch nicht einmal acht und er fühlte sich schon ausgelaugt und fertig. Immerhin hatte er die Berichte seiner Kollegen gelesen und festgestellt, dass auch sie nichts herausgefunden hatten, was den Fall wirklich weiterbrachte. Konrad setzte sich wieder an seinen Platz und schrieb eine Zusammenfassung für den Staatsanwalt. Dabei versuchte er, deutlich herauszuarbeiten, dass sie alles, was im Moment möglich war, getan hatten.
   Gerade hatte er den letzten Satz geschrieben und das Schreiben per E-Mail an Dr. Dorfmann geschickt, als Utzschneider das Büro betrat.
   »Morgen Konrad.« Utzschneider wirkte ausgeschlafen und frisch, bemerkte er neidisch. Utzschneider drehte den Ventilator in die Richtung seines Platzes und ließ sich in seinen Stuhl fallen. »Und, gibt’s was Neues?«
   Er schüttelte den Kopf. »Wenn uns der König nachher nicht noch eine Neuigkeit mitteilt, würde ich fast behaupten, wir stecken in einer Sackgasse.«
   Utzschneider fuhr seinen Computer hoch. »Scheiß Fall. Ich glaube ja, dass es ein Drogenabhängiger war oder ein Sexualdelikt, das gestört wurde.«
   »Also bitte, Utzi. Worauf begründest du das denn? Ein Drogenabhängiger überfällt doch keine Frau, die nicht einmal eine Handtasche bei sich trägt. Was sollte er denn bei ihr holen wollen? Also wenn ein Drogenabhängiger Geld braucht, wird er doch eher jemanden angreifen, der eine Handtasche dabeihat. Und um auf deinen zweiten Verdacht zu kommen: Wer überfällt am helllichten Tag eine Frau, die in einem Waldstück unterwegs ist, das, wenn wir der Kollegin glauben dürfen, stark frequentiert wird? Das erscheint mir abwegig. Wenn es ein einsames Waldstück wäre, dann vielleicht. Aber dort? Nein.«
   Utzschneider murmelte irgendetwas Unverständliches und las offenbar seine eingegangene Post.
   »Was Interessantes dabei?«
   »Nein. Eigentlich nur Werbung. Wusstest du, dass es Pillen gibt, die gegen Schwitzen helfen sollen?«
   »Von denen ich dir sofort abraten würde.« Patricia Eggerstein meldete sich zu Wort, kaum, dass sie den Raum betreten hatte. »Guten Morgen, die Herren. Gibt’s was Neues?«
   Konrad verneinte. »Bei dir?«
   »Leider nicht. Keine Anrufe von Zeugen oder Ähnliches. Allerdings hat gestern jemand angerufen, der dann nichts gesagt hat. Vielleicht traut er sich heute.«
   »Du meinst ein Zeuge, der dann doch Angst hat, das Falsche zu sagen?«
   »Möglich. Ich habe ihm oder ihr genug Zeit gelassen, aber es kam kein Wort.«
   »Bist du dir sicher, dass da überhaupt jemand am anderen Ende war?«
   Patricia rollte mit den Augen, lächelte aber. »Ja, Ralf, ich bin mir sicher. Ich habe nämlich jemanden atmen hören.«
   »Vielleicht ein unbekannter Verehrer, der sich nicht traut, mit der Sprache herauszurücken?«
   »Würde mich nicht wundern«, schaltete sich Konrad ein.
   »Was, dass ich einen unbekannten Verehrer habe oder dass er sich nicht traut, mit mir zu reden?«
   »Beides.« Er musterte seine Kollegin, die heute in einem luftigen Sommerkleid vor ihm stand. Er beneidete sie um ihre jugendliche Ausstrahlung und fühlte sich in ihrer Gegenwart um zwanzig Jahre gealtert. »Also zusammenfassend, wir haben nichts. Ich habe gerade meinen Bericht an Dorfmann geschickt, natürlich auch an euch.«
   Utzschneider nickte. »Hab ich gerade gelesen. Das wird Dorfmann allerdings gar nicht passen.«
   »Da kann ich ihm nicht helfen. Ich kann den Täter nicht aus dem Ärmel schütteln, nur, weil er das für seine Reputation braucht.«
   »Euer Kleinkrieg hilft uns jetzt auch nicht weiter. Was machen wir heute?«, würgte Patricia Konrads Lamento ab.
   »Auf Herrn König hoffen, dass ihm noch etwas einfällt. Ich habe ihn gestern Abend noch telefonisch erreicht und für neun Uhr zur Identifizierung seiner Frau in die Rechtsmedizin geladen.«
   »Hat er gesagt, wo er gestern Morgen war?« Patricia spähte über Utzschneiders Schulter, anscheinend, um einen Blick auf Konrads Bericht zu werfen.
   »Auf, wie er sich ausdrückte, Sauftour. Er war gar nicht zu Hause, als wir es probiert haben. Hat sich in seiner Stammkneipe zulaufen lassen und ist danach bei Freunden auf dem Sofa eingeschlafen.«
   »Irgendwie nachvollziehbar.« Patricia erntete einen erstaunten Blick von Utzschneider.
   »Also wenn ich mir vorstelle, ich komme nach Hause und mir wird gesagt, dass mein Partner getötet wurde, würde ich mich auch …«
   »Volllaufen lassen? Das glaube ich nicht.«
   »Dann lass es, Ralf. Ich würde jedenfalls auch nicht zu Hause bleiben. Ich würde zu Freunden gehen oder zu meiner Familie. Völlig normal.«
   »Wir sollten uns mal in seiner Stammkneipe umhören. Vielleicht weiß da jemand etwas über seine Frau und das Verhältnis, das die beiden hatten«, schlug Utzschneider vor.
   »Auch eine Möglichkeit. Hauptsache, wir tun was. Aber wie ich solche Lokale kenne, machen die erst am Nachmittag auf. Was soll ich bis dahin machen?« Patricia sah Konrad fragend an.
   »Ist Lommel mit seiner Internetrecherche schon weitergekommen?« Utzschneider hantierte mit seiner Computermaus.
   »Lommel hat sich von der Spurensicherung Sandra Königs Laptop aushändigen lassen. Währenddessen hat er schon mal im Internet recherchiert. Steht alles in seinem Bericht.« Konrad freute sich augenblicklich, so früh im Präsidium erschienen zu sein. »Habt ihr seinen Bericht noch nicht gelesen?«
   »Wie denn? Ich komme gerade herein«, verteidigte sich Patricia.
   »Zusammenfassend, er hat nicht viel gefunden. Die Band von Herrn König gibt es wirklich. Er hat Mitschnitte von Königs Auftritt in Leipzig im Netz gefunden. Also stimmt die Aussage. Das Haus in der Rungestraße gehört seiner Frau. Sie hat keine weiteren Verwandten, also fällt das Haus an Herrn König. Geld besaß sie auch, allerdings keine großen Reichtümer. Frau König arbeitete in einem kleinen Kiosk in Teilzeit. Mehr hat er nicht. Für uns stellt sich allerdings die Frage, wann Herr König wirklich nach Hause gekommen ist. Wir müssen noch mal jeden in der Rungestraße fragen, ob jemandem aufgefallen ist, wann er genau heimkam. Ab wann sein Auto vor der Garage stand.«
   »Entschuldige, Konrad, aber ich glaube nicht, dass sein Auto überhaupt irgendwo stand«, mischte sich Utzschneider ein.
   »Wieso?«
   »Weil da nur ein Auto stand und das war ein Kleinwagen. Wenn Herr König von seiner Tour kam, wird er sicherlich nicht dieses Auto benutzt haben. Ich glaube eher, dass es das Auto der Toten ist. Denk doch mal nach. Wenn das ganze Zeug, das im Eingang stand, mit auf Tour war, hätte das doch nie in einen Kleinwagen gepasst.«
   Konrad kratzte sich am Kopf. »Stimmt. Aber wo ist dann das Auto von Herrn König? Und wann hat er die Sachen ausgeladen? Dann müssen wir eben die Nachbarn fragen, ob sie gesehen haben, wie Herr König sein Auto entlud.«
   »Das übernehme ich.« Patricia Eggerstein wirkte erfreut, etwas zu tun zu bekommen.
   »In Ordnung. Ralf und ich gehen derweil in die Rechtsmedizin und holen Herrn König ab.«
   Utzschneider verzog zwar das Gesicht, nickte aber schicksalsergeben.

9:00 Uhr, Nussbaumstraße, Rechtsmedizin

Herr König stand mit starrem Gesicht vor seiner Frau und murmelte durchgehend etwas, das Konrad nicht verstehen konnte. Er sah übernächtigt aus.
   Konrad trat einen Schritt näher an ihn heran und legte ihm mitfühlend eine Hand auf die Schulter. »Es tut mir sehr leid, Herr König.«
   Florian König schien ihn nicht wahrzunehmen, sondern fuhr mit seinem Gemurmel fort. Dabei hielt er die Hand seiner Frau so fest, dass Konrad Sorge bekam, dass er der Toten nicht noch post mortem die Hand brechen würde.
   »Wissen Sie …« Florian König drehte sich mit einem Ruck zu Konrad um und starrte ihn durch seine in die Stirn fallenden Haare an.
   Konrad verspürte einen Moment den Zwang, ihm die Strähnen aus dem Gesicht zu schieben, die ihn aussehen ließen, als hätte er den Verstand verloren.
   »Wissen Sie, ich habe sie schon immer geliebt. Seit dem Kindergarten. Sie war wunderschön.«
   Konrad sah auf die Tote und stimmte ihm zu. Frau König war eine sehr aparte Frau gewesen, das konnte man auch jetzt noch sehen. Es zog ihm das Herz zusammen, wenn er sich vorstellte, was sie noch alles hätte erleben können. Er fand es jedes Mal aufs Neue grausam, wie das Schicksal spielte und Menschen, die Pläne gehabt hatten, Wünsche und Hoffnungen, aus dem Leben gerissen wurden. Es machte ihn ohnmächtig vor Zorn, wenn er darüber nachdachte, wie eine Sekunde im Leben eines Menschen darüber entscheiden konnte, ob er diese Dinge noch erleben durfte oder nicht. Konrad griff ein wenig fester zu und versuchte, Herrn König so mitfühlend wie möglich von der Bahre seiner Frau wegzuziehen. »Kommen Sie. Behalten Sie Ihre Frau so im Gedächtnis, wie sie gelebt hat. Das ist ihrer Schönheit gegenüber gerechter.« Er schickte dem Rechtsmediziner, der Sandra König für die Identifizierung hergerichtet hatte, einen dankbaren Blick. Wenn man nicht genau hinsah, konnte man die Verletzung, an der sie gestorben war, nicht sehen. Der Arzt hatte sich alle Mühe gegeben, sie dementsprechend zu frisieren.
   »Sie haben recht.« Herr König löste sich von seiner Frau und fuhr sich mit der freien Hand über sein Gesicht. »Im Leben war sie noch schöner.« König schniefte und drehte sich endgültig um.
   Konrad blieb ein Schritt hinter ihm, als sie zu dritt die Rechtsmedizin verließen und zum Auto gingen. Die Hitze, die ihnen entgegenschlug, kaum, dass sie das Gebäude verlassen hatten, hätte eigentlich schon gereicht, einen gesunden Menschen in die Knie gehen zu lassen. Bei Florian König, der reichlich angeschlagen war, wenn nicht kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, war die Gefahr noch viel größer. Er hatte Utzschneiders Ausführung nach eine Fahne, die bis zum Marienplatz reichte, und stand sehr wacklig auf den Beinen. Insgesamt machte er trotz seiner beeindruckenden Masse den ausgezehrten Eindruck eines Mannes, der generell nicht gesund lebte und jetzt völlig am Ende war. Königs Silhouette hob sich schwarz und gebeugt vor dem morgendlichen Himmel ab und Konrad fragte sich, wie der Mann die nächsten Tage überstehen sollte. Vorsichtig bugsierte er ihn Richtung Auto und hoffte, dass er ihnen nicht zusammenklappte.
   Zehn Minuten später hatte er ihn sicher in den Befragungsraum gebracht und war erleichtert, Herrn König auf einem Stuhl sitzen zu sehen. Er versorgte ihn mit einem starken Kaffee und einem großen Glas Mineralwasser. »Haben Sie schon etwas gegessen? Sie wirken, als ob Sie gleich umfallen.«
   Florian König schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaub nicht. Ein paar Erdnüsse an der Bar …«
   Konrad entschuldigte sich einen Moment und ließ ihn mit Utzschneider zurück. In der Teeküche machte er sich auf die Suche nach etwas Essbarem, fand schlussendlich einen eingeschweißten Käsetoast, und machte ihn in der Mikrowelle warm. Er hielt nichts davon, mit Zeugen zu sprechen, die kurz vorm Kollabieren standen. Mit dem Toast auf einem Teller betrat er abermals den Befragungsraum und stellte den warm dampfenden, nicht wirklich appetitlich wirkenden Snack vor Herrn König. »Essen Sie das erst einmal. Sie müssen bei Kräften bleiben.«
   Florian König griff automatisch nach dem Toast und biss ohne Appetit hinein.
   Konrad verbuchte einen leichten Sieg und sah die Unterlagen durch, die er vor sich liegen hatte. Eigentlich war das nicht nötig, weil er sie mittlerweile auswendig kannte, er wollte seinem Gegenüber allerdings die Zeit geben, in Ruhe zu essen. Erst als Herr König den Teller zur Seite schob, stellte er die erste Frage.
   Herr König antwortete emotionslos genau das, was er ihnen schon am ersten Tag gesagt hatte. Er sei die Nacht durchgefahren, habe nur eine kurze Rast an einem Parkplatz gemacht. An welchem, wisse er nicht mehr. Irgendwo in der Nähe von Nürnberg. Eigentlich sei er ja schon fast daheim gewesen, aber der Schlaf habe ihn übermannt. Ob ihn jemand gesehen habe, wisse er nicht. Er habe auf nichts geachtet, seinen Sitz zurückgestellt und sei einfach eingepennt. Als er wieder wach wurde, war es gegen sechs Uhr. Er sei dann losgefahren, habe daheim das Auto ausgeräumt. Nein, er habe nicht auf die Uhr gesehen. Dann habe er das Auto zur Werkstatt gefahren und es dort wie vereinbart einfach abgestellt. Den Schlüssel habe er in den dafür vorhergesehenen Briefkasten geworfen. Dann sei er zu Fuß nach Hause, habe bemerkt, dass seine Frau wohl schon mit dem Hund rausgegangen sei, und habe sich aufs Sofa gelegt, um noch eine Stunde zu schlafen. Er sei erst von Utzschneider und Konrad geweckt worden.
   Konrad ließ ihn erzählen und machte sich Notizen. »Als Sie Ihr Auto zur Werkstatt gebracht haben, war da schon irgendwo Licht?«
   »Nein. Also, ich bin mir nicht sicher. Ich habe auch nicht darauf geachtet. Ich war hundemüde. Ich habe einfach das Auto abgestellt.«
   Utzschneider ließ sich den Namen der Werkstatt geben und verließ das Zimmer. Konrad schenkte sich ein Glas Mineralwasser ein und blickte sein Gegenüber fragend an. »Wollen Sie noch einen Schluck? Sie müssen mehr trinken. Die Hitze.«
   »Ein Weißbier wäre mir lieber.«
   Konrad war eigentlich seiner Meinung. Er meinte sogar, irgendwo gelesen zu haben, dass ein Weißbier viel gesünder sei als reines Wasser, da es mehr Mineralien enthielt. Isotonisches Sportlergetränk, hatte Utzschneider es mal genannt.
   Konrad wartete auf Utzschneider, bevor er mit der Befragung fortfuhr. Er hatte keinen weiteren Verdächtigen als den Ehemann, und er würde ihn nicht so schnell gehen lassen. Da es sich in den meisten Fällen um Beziehungstaten handelte, musste zunächst die Unschuld seines Gegenübers bewiesen werden. Schlussendlich war er der Erbe. Und wenn Konrad es richtig verstanden hatte, hätte Herr König das eheliche Haus verlassen müssen, wäre Frau König vorher nicht gestorben.
   Utzschneider öffnete die Tür und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. »Sie haben Glück, Herr König. Es war schon jemand in der Werkstatt, auch wenn die Tore noch geschlossen waren. Der Chef der Werkstatt, Herr Dietz, hat mir bestätigt, dass er am betreffenden Tag um kurz vor acht Uhr gehört habe, wie ein Auto abgestellt worden sei. Danach sei die Klappe des Briefkastens gegangen und der Schlüssel von Herrn König sei auf den Boden der Werkstatt gefallen. Dietz erinnert sich deswegen so gut daran, weil ihm der Schlüssel fast auf den Fuß gefallen sei, weil er schon vorn am Tor stand, um es pünktlich um acht Uhr zu öffnen. Bis dahin stimmt also ihre Aussage, Herr König. Jetzt brauchen wir nur noch einen Zeugen, der bestätigen kann, dass Sie danach direkt nach Hause gegangen sind.«
   »Wo hätte ich denn sonst hingehen sollen?«
   »Sie kannten doch sicherlich den Weg, den Ihre Frau morgens mit dem Hund ging. Sie hätten Sie abfangen können.«
   »Und warum hätte ich das tun sollen?«
   »Vielleicht, um ihr zu beweisen, dass Sie schon zu Hause waren. Dass sie keine Party feierten. Dass Sie alles dafür tun wollten, dass die Ehe bestehen blieb.«
   »Das wollte ich allerdings.« Herr König stöhnte und vergrub sein Gesicht in den Händen.
   »Haben Sie Ihre Frau abgefangen, oder zufällig auf dem Heimweg getroffen? Ich habe mir die Lage der Werkstatt angesehen. Es ist durchaus möglich, dass Sie sich begegnet sind.«
   »Nein, ich bin ihr nicht begegnet. Ich habe sie, wie ich schon sagte, das letzte Mal gesehen, bevor ich auf Tour bin.«
   »Es wäre aber möglich gewesen.« Utzschneider insistierte auf die Möglichkeit und kassierte dafür einen befremdeten Blick von Konrad.
   »Okay. Ich bin nicht auf direktem Weg nach Hause.« Herr König lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schloss die Augen. »Ich habe noch bei meiner Stammkneipe vorbeigesehen.«
   »Um diese Uhrzeit?«, wunderte sich Konrad.
   »Manchmal sind noch welche da.« Herr König gähnte und gab damit den Blick frei auf seine gelb belegte Zunge.
   »Sie wollen uns im Ernst erklären, dass sich um acht Uhr morgens noch Gäste in Ihrer Stammkneipe aufhalten?«
   »Manchmal. Ein paar trinken noch einen Kaffee, bevor sie zur Arbeit müssen. Sozusagen, um klar zu werden.«
   »Das müssen ja tolle Arbeitskräfte sein.« Utzschneider verzog das Gesicht.
   Konrad kehrte zum Thema zurück. »Also, Sie sind nicht auf direktem Weg zu Ihrem Zuhause, sondern haben einen Umweg über die Kneipe gemacht. Die allerdings geschlossen war.«
   »Ja, leider.« Florian König löste sich aus seiner Lethargie und setzte sich aufrechter hin. »Wenn ich das hier richtig mitbekomme, verdächtigen Sie jetzt mich? Ich habe an dem Morgen geflucht, dass alles zu war, weil ich liebend gern ein Bierchen vom Fass getrunken hätte. Nach der Fahrt und dem Auftritt. Aber jetzt fluche ich gleich noch einmal. Das wäre mein Alibi gewesen, oder?«
   »So sieht es aus«, antwortete Utzschneider trocken. »Sind Sie irgendjemandem auf dem Nachhauseweg begegnet, den Sie kennen oder an den Sie sich erinnern?«
   »Es war schon eine Menge los, allerdings waren die Spießer aus unserer Straße schon alle weg. Die Mütter haben die lieben Kleinen bereits zur Schule gebracht und sind einkaufen, die Männer brav ins Büro. Um die Uhrzeit liegt das Viertel, also die kleinen Anliegerstraßen, wie ausgestorben. Den Einzigen, den ich gehört, aber nicht gesehen habe, war der Blödmann von nebenan, der wie jeden Morgen mit seinem Laubbläser die Nachbarschaft tyrannisiert.«
   Konrad nickte. »Rein interessehalber: Was macht er im Winter, wenn sein Laubbläser nicht mehr greift?«
   »Schneefräse.«
   Utzschneider machte sich eine Notiz. »Sie haben also keinen Zeugen, der bestätigen kann, dass Sie um kurz nach acht Uhr daheim waren?«
   Florian König schüttelte den Kopf. Dabei fielen ihm seine langen, wirren Haare abermals in die Stirn.

12:00 Uhr, Ettstraße Polizeipräsidium

Konrad streckte sich. Sie hatten Herrn König mit einem Streifenwagen nach Hause bringen lassen, was zweierlei Gründe hatte. Erstens machte der Musiker weiterhin einen Eindruck auf ihn, als ob er gleich vom Stuhl fiele und zum Zweiten mussten die Kleider, die er seit dem Vortag trug, sichergestellt werden.
   Utzschneider war während der Vernehmung zu Lommel gegangen und hatte sich den Mitschnitt des Konzertes zeigen lassen. Danach war ihm wie Konrad klar, dass Florian König seine Kleider seit dem Auftritt vor drei Tagen nicht gewechselt hatte. Konrad war sich noch nicht einmal sicher, ob er inzwischen geduscht hatte. Jedenfalls sagte ihm seine Nase etwas anderes.
   Sie setzten jetzt einfach die Hoffnung darauf, dass sich an den Kleidern des Ehemannes Spuren finden würden, die ihn eindeutig der Tat überführten.
   Konrad rieb sich über sein Gesicht und sehnte sich nach einem schattigen Biergarten, einer Maß Weißbier und einer anständigen Brotzeit.
   Leider wusste er zu genau, dass daraus nichts werden würde, weil er in einer Stunde einen Termin mit Dorfmann hatte. Immerhin konnte er diesem jetzt seinen neusten Ermittlungsstand vorweisen und hoffte, dass sie in die richtige Richtung ermittelten.
   »Sag mal, Utzi«, Konrad blickte über seinen Schreibtisch zu seinem Kollegen, dessen Tisch mindestens so zugepackt mit Unterlagen und Fotos war wie seiner. »Was meinst du? War es der Musiker? Irgendwie erscheint er mir so gar nicht wie einer, der zuschlägt. Trotz seiner Größe viel zu weich.«
   Utzschneider hob den Kopf und Konrad konnte den Schalk in seinen Augen aufblitzen sehen. »Biste schon wieder am Psychologisieren? Ich sag dir jetzt mal eins: Der friedlichste Mensch kann, wenn er unter Druck gesetzt wird, übermüdet ist und das Wetter so verrückt spielt wie momentan, zum Mörder werden. Das erlebe ich jeden Tag daheim.«
   »Muss ich dich demnächst festnehmen?«, ging Konrad auf den ironischen Ton seines Kollegen ein.
   »Ich stehe so kurz davor.« Utzschneider zeigte ihm mittels Zeigfinger und Daumen, wie kurz. Er konnte kaum durch die zwei Finger von Utzschneiders Pranke durchlinsen.
   »So schlimm?«
   »Noch schlimmer. Ich habe manchmal das Gefühl, ich lebe eher im Affenhaus in Hellabrunn als in einer fünfköpfigen Familie. Aber ich habe mir schon abgewöhnt, irgendetwas zu sagen. Daniéle ist ja eh anderer Meinung. Ich wünsche ihr dann viel Erfolg bei der weiteren Erziehung.« Utzschneider las weiter in dem Dokument, das vor ihm auf dem Tisch lag.
   »Meinst du jetzt, der König war’s oder nicht?«
   »Wir werden sehen.«
   Konrad grummelte, wusste aber, dass aus Utzschneider, wenn er solch eine Laune zutage trug, nichts weiter herauszubekommen war. Er schrieb seine Stichpunkte zusammen, die er Dorfmann vortragen wollte, und machte sich gerade auf den Weg, um seine vierte Flasche Mineralwasser des Tages zu holen, als Patricia Eggerstein aufgeregt in ihr gemeinsames Büro kam.
   »Chef, wir haben eine neue Spur!«
   Er gehörte nicht zu dem Personenkreis, der sich an jeden Strohhalm klammerte, nur, weil er sich anbot. Allerdings musste er sich eingestehen, dass sich eine gewisse Genugtuung einstellte, als ihm Patricia Eggerstein einen in eine durchsichtige Plastiktüte eingehüllten Brief vorlegte.
   Er las ihn ein paar Mal, was nicht allzu viel Zeit bedurfte, da es sich bei dem aus Zeitungsbuchstaben zusammengefügten Text nur um einen einzelnen Satz handelte. Er runzelte die Stirn und schob das Schreiben zu Utzschneider, der schon mit gespannter Miene darauf wartete.
   »Wo hast du das denn her?«, fragte Konrad Patricia, die mit leuchtenden Augen neben seinem Schreibtisch saß.
   »Ich war doch, wie ich gesagt habe, in der Rungestraße, um die Anwohner zu befragen, ob jemand beobachtet hat, wie Florian König nach Hause kam. Ralf hat mich ja netterweise angerufen, sodass ich meine Frage umformulieren, respektive auf die Zeit nach acht Uhr ausweiten konnte.«
   Patricia betonte dabei Ralf und machte damit klar, dass Konrad völlig vergessen hatte, das stimmige Alibi bis acht Uhr an sie weiterzugeben. Er nahm sich vor, das irgendwann wiedergutzumachen, musste innerlich zugeben, dass er überhaupt nicht mehr an seine Kollegin vor Ort gedacht hatte und ihr dadurch fast die doppelte Arbeit aufgelastet hatte.
   »Also, während ich die Haushalte abgeklappert habe und niemanden angetroffen habe, der irgendetwas gesehen hat, eben, weil er nicht da war oder nicht auf die Straße geachtet hatte, hat mir jemand diesen Zettel unter die Wischblätter meines Autos geklemmt. Ich habe leider niemanden dabei gesehen. Als ich aus dem Haus der Familie Zimmermann kam, hing der Zettel bereits da. Vorher ganz sicher noch nicht. Bevor du fragst: Die Straße lag ausgestorben vor mir, kein Auto, kein Lebenszeichen.«
   Konrad nickte und sah von Patricia zu Utzschneider. »Und was fangen wir jetzt mit dieser Information an? Nehmen wir das ernst?«
   »Natürlich nehmen wir das erst. Das ist doch unsere erste wirkliche Spur.« Utzschneider wirkte entrüstet.
   Konrad nickte müde. »In welcher Reihenfolge wollen wir vorgehen? Den König haben wir gerade heimgeschickt.« Konrad drehte sich zu Patricia. »Der war so fertig, dass ich mir vorstellen könnte, dass er jetzt erst einmal schläft und niemandem Rede und Antwort steht.«
   »Die Grafenacker?« Utzschneider sah auf seine Armbanduhr.
   »Auch besser am Abend. Die hat doch mit ihren vier Kindern im Moment alle Hände voll zu tun. Ich denke, wir warten den Termin ab, den ich gleich mit Dorfmann habe, und dann treffen wir uns, sagen wir um drei, im Besprechungszimmer. Dann habe ich meine Instruktionen und wir sehen weiter.«

Der Termin hatte sich genauso zäh und unangenehm gestaltet, wie Konrad befürchtet hatte. Dorfmann war ungehalten, dass sie immer noch keiner brauchbaren Spur folgen konnten. Selbst das anonyme Schreiben, das ihm Konrad vorlegte, hob seine Stimmung nicht. Er ließ ohne Zweifel durchblicken, dass er Konrads Ermittlungsarbeit für unzureichend und stümperhaft hielt. Auf die Gegenfrage, wo er denn gedachte, dass man ansetzen könne, wurde das Gespräch mit dem Hinweis beendet, er habe jetzt einen wichtigeren Termin.
   Konrad schloss die Tür zu Dorfmanns Büro, bemerkte, dass sich Kopfschmerzen anbahnten, und suchte Katharina Faltermayer auf. Diese saß, angetan in einem Sommerdirndl, vor ihrem Bildschirm und tippte in einem atemberaubenden Tempo, ohne einen Blick auf die Tastatur zu werfen. Konrad wurde schon allein davon schwindlig, ihr zuzusehen. Er beherrschte nur das ASS, das Adlersuchsystem.
   »Frau Faltermayer?«, sprach er die resolute Mittfünfzigerin an, die seit Jahrzehnten als Sekretärin bei ihnen arbeitete, bekam aber keine Antwort. Erst jetzt erkannte er, dass sie Kopfhörer unter ihrer wuscheligen Haarpracht trug und klopfte auf ihren Schreibtisch. Katharina zuckte keineswegs zusammen, wie er befürchtet hatte, sondern drückte einen Knopf, nahm die Kopfhörer ab und schenkte ihm ein Lächeln.
   »Hauptkommissar von Kamm. Was kann ich für Sie tun?«
   Konrad besänftigte diese respektvolle Frage, die ihm seelisch mehr guttat, als er es sich eingestand. »Haben Sie eine Kopfschmerztablette für mich?«
   »Haben Sie genug getrunken?«
   Konrad grinste. Katharina wurde nicht umsonst die Mutter der Kompanie genannt. Sie wusste für alles einen Rat und behandelte alle Kollegen mit der gleichen unerschütterlichen Mütterlichkeit.
   »Ich bin bereits bei meiner fünften Flasche Wasser.«
   »Das ist nicht gut.«
   Konrad stutzte.
   »Es ist nicht gut, so viel Wasser zu trinken. Das spült die Mineralien und Salze aus dem Körper und dann bekommt man Kopfweh.« Katharina stand auf. »Kommen Sie, ich habe etwas Besseres.«
   Konrad folgte ihr zur Kaffeeküche. »Suppe. Gemüsesuppe, um es genauer zu sagen.«
   »Bei den Temperaturen? Danke, mir wäre mit einer Schmerztablette schon gedient.«
   »Kalte Suppe. Gazpacho. Ich habe das Rezept von einer guten Freundin aus Sevilla. Die Spanier wissen, wie man mit der Hitze umgehen muss. Probieren Sie.«
   Ehe Konrad noch protestieren konnte, hatte er einen Becher Gazpacho in der Hand. Er schnüffelte misstrauisch am Tassenrand.
   »Besteht aus Tomaten, Gurken, Paprika und Knoblauch. Einem Schuss Olivenöl und Gewürzen. Elektrolyte pur.« Katharina strahlte.
   Konrad nippte und war erstaunt. Die Suppe schmeckte herrlich erfrischend. »Das ist ja ein Gedicht!« Er hielt ihr die Tasse abermals hin, damit sie ihm nach dem Probeschluck voll einschenkte.
   »Sag ich doch. Und Sie werden merken, dass sie Ihnen besser hilft als jede Tablette. Die Suppe steht im Kühlschrank. Bedienen Sie sich, so oft Sie wollen.«
   Konrad nickte ein Dankeschön und wechselte das Thema. Sicherlich war Katharina keine Kommissarin und doch wusste er ihren gesunden Menschenverstand zu schätzen.
   »Was halten Sie von dem anonymen Schreiben?«
   Sie versuchte gar nicht erst, die Unwissende zu spielen, es war jedem in der Abteilung klar, dass sie immer über alles auf dem Laufenden war. »Klingt ein wenig märchenhaft. Kindlich.«
   Konrad teilte diese Meinung. »Glauben Sie, dass uns ein Kind einen Streich spielt?«
   »Vielleicht. Oder jemand, der sich für besonders raffiniert hält. Der mit der Formulierung von sich ablenkt.«
   »Hm. Könnte etwas dran sein. Die Aussage bleibt die gleiche, aber die Formulierung macht mich nachdenklich.«
   »Hat sie mich auch. Wollen Sie noch eine Schmerztablette, oder geht es jetzt wieder?«
   »Ich stecke zur Sicherheit eine ein.«

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