In Döhlin an der Diller ist der Teufel los: Zuerst wird der smarte Oberstaatsanwalt Moritz Wagner ermordet, dann erwischt es auch noch den Polizeipräsidenten. Das daraufhin zusammengestellte Team um die junge und ehrgeizige Kriminaloberkommissarin Victoria Boll sowie ihren erfahrenen Kollegen Robert Wiehmer soll deshalb besser gestern als heute herausfinden, wer zu dieser gnadenlosen Hatz auf Döhliner Größen bläst. Erste Spuren führen zu den örtlichen Freimaurern und in die lokale Neonazi-Szene. Der Druck von oben wächst, doch die Taskforce hat immer noch kein Motiv für die Taten ermittelt. Als der nächste prominente Tote gefunden wird, steht Victoria vor einem Scherbenhaufen, denn nichts scheint zueinanderzupassen …

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ISBN: 978-9963-727-13-1

Seiten: 290

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Ute Haese

Ute Haese
Ute Haese, geboren 1958, promovierte Politologin und Historikerin, war zunächst als Wissenschaftlerin tätig. Neben Fachveröffentlichungen verfasste sie zahlreiche journalistische Kommentare zu politischen und sozialen Themen sowie – teilweise gemeinsam mit ihrem Ehemann Torsten Prawitt – mehrere Sachbücher. Seit 1998 arbeitet sie hauptberuflich als freie Autorin und widmet sich inzwischen ausschließlich der Belletristik im Krimi- und Satirebereich sowie inzwischen zusätzlich der Fotografie. Wie die Protagonistin ihrer ersten Krimi-Reihe um die Fast-schon-Privatdetektivin Hanna Hemlokk schreibt sie außerdem als „Tränenfee“ unter mehreren Pseudonymen sogenannte abgeschlossene Liebesromane für diverse Frauenzeitschriften. In einer zweiten Krimiserie, die im Herbst 2013 bei bookshouse startete, bekämpfen Kriminaloberkommissarin Victoria Boll und ihr Team im fiktiven Döhlin an der Diller das Verbrechen. Ute Haese ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern – Vereinigung deutschsprachiger KrimiAutorinnen", und im SYNDIKAT, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Ein rechtschaffener Mann

»… aber vor allen Dingen leitete mit Dr. Hans-Werner Schickler über Jahre ein bemerkenswert rechtschaffener und überaus honoriger Mann
   unsere Döhliner Polizei, für den Begriffe wie Verantwortungsbewusstsein, Unbestechlichkeit und gelebte Mitmenschlichkeit keine bloßen Worthülsen waren. Dafür sind wir, seine Kolleginnen und Kollegen, ihm zutiefst dankbar.« Der Redner machte eine Kunstpause, um auch diesen Teil seiner salbungsvollen Ausführungen in das Bewusstsein der zahlreichen Zuhörer sickern zu lassen, bevor er exakt im richtigen Moment mit seiner überaus wohlmodulierten Stimme fortfuhr. »Diese Attribute mögen in unseren modernen Ohren altmodisch klingen, geradezu antiquiert, dessen bin ich mir durchaus im Klaren. Nichtsdestotrotz beschreiben sie die herausragenden Qualitäten des von uns allen aufrichtig geschätzten, zum Teil sogar bewunderten Verstorbenen zweifellos am besten.« Jetzt richtete der Sprecher, bislang in die Weite der eigens für diesen Anlass hergerichteten Präsidiumskantine deklamierend, seinen ebenso festen wie gefühlvollen Blick auf die in der ersten Reihe sitzende, fliederfarben gewandete Witwe des Toten. »Ihr Gatte, verehrte gnädige Frau, war ein Menschenfreund im wahrsten Sinne des Wortes, dessen gewaltsamen Tod wir alle zutiefst bedauern. Als Polizeipräsident von Döhlin war er unser Vorgesetzter, als Hans-Werner Schickler jedoch war er so manchem von uns ein Freund, und ich darf Ihnen im Namen der hier Anwesenden versichern …«
   Victoria, vor fast genau drei Wochen von dem damals noch Lebenden zur Kriminaloberkommissarin befördert, konnte nicht anders: Sie gähnte verstohlen, was zur Folge hatte, dass ihr bei dem Versuch, die Kiefer aufeinanderzupressen, vor Anstrengung die Tränen in die Augen traten. Der Trauerredner, dessen nunmehr gänzlich umflorter Blick just in diesem Moment über die dritte Stuhlreihe glitt, hielt kurz inne und nickte ihr wohlwollend zu. Zweifellos deutete Bilbo ihre feuchten Augen als eine direkte Folge seiner schwallhanselnden Aneinanderreihung von Floskeln. Der Mann war einfach so – der Mittelpunkt des Universums und ein begnadeter Kriminalist, wenn man ihn um eine Selbsteinschätzung gebeten hätte. Nur andere hielten den Leitenden Kriminaldirektor Dr. sc. pol., Dr. jur. Heinz Renneisen für ein lächerliches, aufgeblasenes Männlein, das den Mund unentwegt öffnete und schloss und dabei Luftblasen produzierte wie die Guppys in seinem Aquarium. Seinen hausinternen Spitznamen hatte er auch wegen seiner geringen Körpergröße nach dem Tolkien’schen Hobbit Bilbo Beutlin erhalten.
   Dabei hatte er mit Schickler gar nicht so unrecht, überlegte Victoria, während ihr Blick über die Kollegenköpfe schweifte und unwillkürlich an der ehemals mausbraunen, aber seit Neuestem gesträhnten und gestylten Hinteransicht des Döhliner Cybercops, der Computerspezialistin Stefanie Zwahle, hängen blieb. Er war schon in Ordnung gewesen. Sie selbst hatte ihn zwar nicht gerade gut gekannt – dafür lagen dienstgradmäßig Lichtjahre zwischen ihnen –, doch was sie im Laufe der Zeit selbst mitbekommen oder durch Kollegentratsch erfahren und nicht zuletzt von ihrem Vater gehört hatte, war schon okay gewesen.
   Victoria verscheuchte unauffällig eine Fliege, die sich auf ihrer Ohrmuschel niederlassen wollte. Es wurde unzweifelhaft Sommer in Döhlin. Auf jeden Fall hatte Schickler einen derartigen Tod nicht verdient. Entschlossen wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Redner zu.
   »… eine Stütze der Gesellschaft … ein Mann, der seine Pflichten ohne Murren annahm und ihnen mit Sorgfalt nachging … einem hohen Ethos verpflichtet …«
   Bla, bla, bla. Angeödet ließ sie ihren Gedanken erneut freien Lauf. Dermaßen grundgut und tadellos war wirklich niemand, denn sonst müsste Schickler ein Heiliger gewesen sein. Und das traf nun doch nicht zu. Dafür hatte er zu laut und zu heftig brüllen können. Plötzlich erinnerte sie sich ganz deutlich, wie er als Hauptkommissar einen armen Anwärter zusammengeschrien hatte. Knallrot angelaufen war sein Gesicht, und seine Halsschlagadern waren bedenklich hervorgetreten. In jenem Moment hatte sie ihn ziemlich Furcht einflößend gefunden. Nein, man sollte es mit der nekrologischen Lobhudelei wirklich nicht übertreiben, sonst verkehrte sich das Ganze noch ins Gegenteil. Wie bei dieser Schauspielerin, die zwar noch lebte, jedoch in ihren Filmen dermaßen grundgütig agierte, dass man als Zuschauer automatisch Lust auf eine ordentliche Prügelei und abgrundtief fieses Verhalten verspürte. Wie hieß die doch gleich?
   In der hinteren Reihe schrammte jemand mit seinem Stuhl zurück und schlich mit quietschenden Schuhen zum Fenster. Es klapperte, als er es öffnete. Bilbo unterbrach indigniert seine Ansprache, doch als gleich darauf ein Schwall angenehm frischer Frühsommerluft den Raum erfüllte, nickte er dem Täter so wohlwollend zu, als wäre diese belebende Maßnahme seine Idee gewesen.
   Victoria nahm das alles lediglich am Rande wahr. Wie hieß diese verdammte Schauspielerin bloß noch? Genau, Marianne Sägebrecht. Die hatte sie vor Monaten in irgend so einem rührseligen TV-Weihnachtsstück mit viel Kind und noch mehr Einsamkeit gesehen und ihr die ganze Zeit Terence Hill und Bud Spencer an den Hals und deren vier Fäuste auf den Kopf gewünscht.
   Aber Schickler war nicht nur gehörig verdroschen, sondern umgebracht worden. Und es stand zu vermuten, dass der Mörder den Döhliner Polizeipräsidenten keineswegs für grundgut gehalten hatte, denn er hatte ihn regelrecht hingerichtet. Und mit seinem anderen Opfer war er genauso verfahren.
   Victoria horchte auf. Etwas in Bilbos Stimme hatte sich verändert. Sie klang jetzt härter, entschlossener.
   »… dessen charakterliche Integrität ebenfalls ohne Zweifel … als Oberstaatsanwalt … und zumal so junger … seinen Dienst mit enormer Sorgfalt nachgegangen … nie etwas zu viel … immer ansprechbar für seine Kollegen …«
   Aha. Auch Bilbo war mittlerweile bei Opfer Nummer zwei angelangt. Dies ließ hoffen, dass er bald zum Ende kam. Interessiert beobachtete Victoria wenige Minuten später, wie ihr Vorgesetzter seine staatstragende Miene aufsetzte, einmal leicht schnaufte – für Eingeweihte ein untrügliches Zeichen, dass nun etwas Wichtiges folgen würde – und prompt mit Verve in der Stimme ankündigte, dass er sich angesichts der beiden Todesfälle entschlossen habe, eine Taskforce einzusetzen, die »mit Hochdruck!« an deren Aufklärung arbeiten werde. Damit Döhlins Bürger bald wieder unbesorgt in ihre Betten sinken und sich dem Schlaf der Gerechten hingeben könnten. Bilbo war ein entschiedener Anhänger des Konzeptes der gefühlten Sicherheit seiner Bürger.
   »Frau Boll, kommen Sie doch bitte anschließend zu mir ins Büro, ja? Damit wir alles Weitere besprechen können.«
   Victoria blinzelte, verschluckte sich vor lauter Schreck, bekam einen knallroten Kopf und fühlte sich wie ein gekochter Flusskrebs, dessen Artgenossen im Rohzustand seit Kurzem wieder die Diller bevölkerten, wie der Courier in der letzten Woche geradezu marktschreierisch berichtet hatte.
   »Ich bin so stolz auf dich, Vicky«, hörte sie trotz des einsetzenden dezenten Geraunes ihren hinter ihr sitzenden Vater flüstern. »Du hast es geschafft. Renneisen überträgt dir die Leitung dieser Taskforce. Er vertraut dir. Jetzt kannst du endlich zeigen, was in dir steckt. Das ist ein außerordentlich wichtiger Schritt für deine Karriere.«
   Natürlich war es das. Das wusste sie selbst. Trotzdem freute sie sein Lob, obwohl sie es hasste, wenn er sie »Vicky« nannte. Jeden anderen hätte sie dafür barsch zurechtgewiesen. Ihn nicht. Väter besaßen halt doch gewisse Sonderrechte.
   »Ja«, erwiderte sie, während sie gleichzeitig fieberhaft überlegte, ob von ihr erwartet wurde, aufzustehen und sich wenigstens andeutungsweise zu verbeugen. Sie verwarf den Gedanken jedoch augenblicklich wieder. Dies war schließlich eine Trauerfeier, kein Beförderungsseminar an der Polizei-Fachhochschule, und außerdem wäre eine derartige, letztlich höchst emotionale Reaktion äußerst unprofessionell gewesen. Und Unprofessionalität gehörte in ihren Augen keinesfalls zu den lässlichen Sünden.

Die Gedenkstunde war mit einem Blues, an dem sich ausgewählte Kräfte des Döhliner Polizeiorchesters versuchten, zu Ende gegangen. Hans-Werner Schicklers Witwe hatte es sich so gewünscht. Danach hatte Bilbo sie unter anteilnehmender Stille der Kollegen hinausbegleitet. Und sofort war der Alltag im Präsidium wieder eingekehrt. Das Böse lauerte schließlich immer und überall, auch in einer eher beschaulichen mittelgroßen Kleinstadt wie Döhlin.

Renneisen thronte hinter seinem Schreibtisch, als Victoria kurz darauf in seinem Büro erschien, und las mit gerunzelter Stirn in einer Akte. Bei ihrem Eintritt sah er nicht auf, stattdessen wedelte er mit der Rechten in Richtung Stuhl, und Victoria setzte sich schweigend.
   Das Büro spiegelte nicht nur den Geschmack seines gegenwärtigen Besitzers wider, sondern verriet auch einiges über dessen Persönlichkeit, was dieser sicher lieber für sich behalten hätte. Der Schreibtisch besaß die Größe einer Tischtennisplatte und war aus schwerem, dunklem Holz gearbeitet. Solide, wuchtig, wichtig signalisierte das Möbelstück, mit locker-flockigem Wohngefühl à la IKEA hatte es wenig zu tun. Aber dieser bombastische Anspruch passte ebenso zu Bilbo wie dieses überdimensionale Aquarium, in dem Guppys schwammen. Victoria hatte weiter keine Ahnung von Fischen. Sie wusste nicht einmal, ob das Salz- oder Süß-, Kalt- oder Warmwasserviecher waren. Bunt schillerten sie jedenfalls, einige von ihnen leuchteten regelrecht, und sie fand sie ganz hübsch, auch wenn ihr Blick völlig ausdruckslos war. Ob sich Bilbo an ihnen orientierte? Manchmal schien er nämlich geradezu durch einen hindurchzusehen. Als ob man ein Geist wäre. Das war ziemlich unangenehm – wie die Schuppen auf seinem Jackett. Bei den Fischen gehörten die dazu, bildeten deren Haut, schützten den Körper, glänzten und schimmerten in den unterschiedlichsten Farbschattierungen. Auf Bilbos Schultern erinnerten sie Victoria immer an kleine weiße tote Maden.
   »Sie wissen, weshalb ich Sie zu mir gebeten habe, meine Liebe?«, unterbrach Bilbo ihre Gedanken jovial und sah sie an, als überprüfte er seine Wahl in diesem Moment noch einmal ernsthaft. Sie fühlte sich äußerst unwohl und wusste, dass man ihr das ansah.

So wie jetzt im großen Konferenzzimmer des Döhliner Polizeipräsidiums, in dem sie das erste Mal in ihrem dreiunddreißigjährigen Leben vorn am Kopfende präsidierte wie eine Lehrerin, die sich in Frontalunterricht übt.
   »Ja also, wie ihr wisst, hat Dr. Renneisen mich mit der Leitung der Taskforce betraut«, fing sie zaghaft an und verfluchte sich dafür. Führung sah anders aus.
   Kriminaloberkommissar Robert Wiehmer gähnte und versuchte auch gar nicht, dies zu kaschieren.
   »Was sind die Fakten?«, fuhr Victoria fort, ihn demonstrativ ignorierend. »Wo stehen wir mit unseren Ermittlungen? Wir werden sicherlich noch einmal ganz am Anfang beginnen müssen, weil der zweite Mord und die Verbindung zwischen den Fällen ein ganz neues Licht auf beide wirft.« Ihr Körper glich einer zu straffen Bogensehne, die jeden Moment zu reißen drohte, ihre Hände auf dem Resopaltisch hatten sich wie von selbst ineinander verhakelt. Aber verdammt, sie stand doch hier nicht einer Grundschulklasse vor, die sich auf ihren ersten Ausflug vorbereitete. Sie waren alle erwachsene Menschen, die zudem noch etwas von ihrem Job verstanden. Entschlossen lehnte sie sich zurück, entknotete ihre Finger und blickte voller Dynamik zu dem jungen Kriminalkommissar Serge Becker und seinem Partner, Kriminalhauptmeister Georg Stollmeier, hinüber, die als Einzige nebeneinandersaßen.
   »Ihr wart an dem ersten Fall dran, nicht wahr?«
   »Ja«, bestätigte Serge einen Tick zu rasch, »Dr. Moritz Wagner heißt das Opfer.«
   »Der war als Oberstaatsanwalt einer von der harten Sorte. Kein Weichei«, ergänzte Georg knurrig.
   Das fing ja gut an. »Und wie dürfen wir das jetzt verstehen?«, fragte Victoria.
   »Er war halt ein ziemlich scharfer Hund«, erklärte Georg seelenruhig, ohne damit wirklich etwas zu erklären. In seinem Tonfall schien allerdings so etwas wie Bewunderung zu liegen.
   »Aha. Aber können wir uns nicht vielleicht an die üblichen Gepflogenheiten der Berichterstattung halten«, fuhr Victoria ihn an. »Das heißt, falls du es vergessen haben solltest: Fakten besitzen in unserem Job Priorität, und dann erst folgen persönliche Einschätzungen. Damit fahren wir alle besser, weil die anderen sich auf diese Weise selbst ein Bild von den Vorgängen machen können.« Es klang wie auswendig zitierter Lehrstoff. Doch wie anders hätte sie auf diese Provokation reagieren sollen? »Also los, Georg!«
   In Georg Stollmeiers Bulldoggengesicht bewegte sich keine Falte. Alles hing an diesem Mann, die Augenlider, die Tränensäcke von Derrick’schem Format, selbst die Truthahnhaut am Hals gehorchte unübersehbar den Gesetzen der Schwerkraft. Als gestandener Endfünfziger verkörperte er durch und durch den im Dienst ergrauten Praktiker ohne allzu viele Illusionen und ohne allzu viel Respekt vor irgendwem. Seine blauen Augen blickten, wie auch jetzt, meist trügerisch sanft. Das hatte sich jedoch schon oft als Täuschung erwiesen.
   »Dr. Moritz Wagner«, fing er endlich schwerfällig an, »sechsunddreißig Jahre alt. Wurde am Abend des 26. April gegen dreiundzwanzig Uhr in seiner Wohnung erschossen. Adresse: Drosselsteig 7 a. Der Mordtag war ein Donnerstag. Bei der Tatwaffe handelt es sich um eine Ceska 83, Kaliber 7.65. Zwei Schüsse wurden aus nächster Nähe in den Hinterkopf des Getöteten abgefeuert.«
   Pause. Serge Becker ruckelte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Vermutlich ging ihm diese Chauvi-Tour ebenso auf die Nerven wie ihr.
   »Wer hat Wagner gefunden? Und wo genau?« Victoria stand auf, um ein Fenster zu öffnen. Die Luft war mittlerweile selbst in diesem großen Raum stickig und verbraucht. Sofort drang der Lärm der Döhliner Umgehungsstraße zu ihnen herauf.
   »Seine Frau. Im Arbeitszimmer«, entgegnete Georg, ohne mit der Wimper zu zucken. Offensichtlich begann ihm die Sache langsam richtig Spaß zu machen. Ihr nicht.
   »Weiter!«
   »Wir haben die üblichen Befragungen durchgeführt. Gattin«, er spuckte das Wort aus, als bezeichnete es etwas Unanständiges, »Putzfrau, Nachbarn. Nichts. Niemand hat etwas bemerkt, niemand etwas gehört oder gesehen. Niemandem ist an dem Abend etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Es war alles wie immer. Wir wissen nur, dass der Täter sich keinen gewaltsamen Zugang zur Wohnung verschafft hat. Wagner muss ihn hereingelassen haben, ihm ergo vertraut oder ihn zumindest gekannt haben. Ansonsten ist der Mörder ermittlungstechnisch quasi vom Himmel gefallen.«
   »Oder die Mörderin«, korrigierte Kriminalkommissarin Stefanie Zwahle ihn liebenswürdig.
   Serge nickte zustimmend, Victoria hingegen unterdrückte eine scharfe Erwiderung, während Robert unverhohlen grinste.
   Georg warf Stefanie einen abgrundtief gelangweilten Blick zu.
   »Das ist eher unwahrscheinlich. Von der Methode her war es eindeutig ein Männermord. Frauen …«
   »… vergiften ihre Opfer oder ersticken sie, wenn die nicht mehr allzu viel zappeln oder Gegenwehr leisten können«, sagte Victoria. Langsam kam sie sich vor, als stünde sie einem Kindergarten vor. »Das kennen wir alle. Beschränkt euch auf das Wesentliche.«
   Wenn sie es nicht anders haben wollten, bitte, dann sollten sie gleich spüren, wohin der Hase lief. Sie war hier der Boss. Das hatten sie zu schlucken. Sinnloses Geplänkel würde sie nicht dulden, das kostete unnötige Zeit und war absolut unprofessionell.
   Mittlerweile war ihr klar, dass es mit Georg Ärger geben würde. Er war der Typ Polizist, der überall nur Ärsche, Titten und Wichser sah, der jeden Mann, der nach seinen Maßstäben kein echter Kerl war, automatisch für schwul hielt und Zustände bekam, wenn er Worte wie liberal oder noch schlimmer Resozialisierung nur hörte. Ein Rübe-ab-Vertreter der Sperrt-sie-weg-Fraktion, wie sie solche Kollegen im Stillen nannte. Einer Frau würde er sich nicht so leicht unterordnen. Und einer jungen schon gar nicht.
   Bilbo hatte ihren Unwillen durchaus bemerkt, als er ihr Georgs Namen nannte. Der sei ein ausgezeichneter Praktiker, hatte er erklärt, und deshalb wünsche er, dass er in der Taskforce mitarbeite. Victoria hatte selbstverständlich nicht widersprochen, dafür kannte sie Georg Stollmeier zu wenig. Langsam beschlich sie jedoch der Verdacht, dass das ein kapitaler Fehler gewesen war.
   »Mach weiter, Georg.« Ihre Stimme klang hart und unterkühlt.
   »Wir haben uns natürlich als Erstes mit Wagners Frau näher befasst. Dietlind heißt sie, geborene Beeklitz. Sie ist einunddreißig und eine Dame aus ziemlich gutem Stall, wie man so sagt. Die Familie hat ordentlich Schotter. Deshalb entschloss sich der Herr Oberstaatsanwalt vor ziemlich genau drei Jahren zur Heirat. Ansonsten gibt die Gute die Ahnungslose und ähnelt einer grauen Maus. Ach, was sage ich, sie ist nicht einmal das. Die ist dermaßen verhuscht, dass es einen graust.« Er grinste und zeigte seine fleckigen und verfärbten Zähne. Victoria vermutete jedoch, dass ihn dies nicht besonders kratzte. »Graue Maus und mir graust’s. Das ist ja fast schon poetisch, was, Kleiner?«
   »Schorsch …«, versuchte Serge, ihn zu bremsen.
   »Was ist denn, Kleiner? Ach so, du meinst, du heißt Serge.« Georg feixte. »Tut mir leid, aber an so einen exotischen Namen gewöhne ich mich nie. Unser Benjamin hier hat nämlich einen Migrationshintergrund, wie das heute so hübsch heißt. Er stammt aus dem Osten. Dunkeldeutschland, ihr versteht?«
   »Lass das doch jetzt bitte, Schorsch.«
   »Ich finde das wirklich ziemlich mies«, sagte Stefanie. Trotz ihrer fünfunddreißig Jahre hatte sie gelegentlich noch fast schulmädchenhafte Züge.
   »Das glaube ich dir gern«, erwiderte Georg, »aber trotzdem stimmt es. Unser Kleiner kommt aus Thüringen.« Er sprach es wie »Dhüringen« aus. »Und weil die damals nicht rauskamen aus ihrer Zone, verpassten sie ihren Kindern halt die tollsten Namen und holten sich so Exotik pur in die Datsche.«
   Robert blickte gespannt zu Victoria herüber.
   Jetzt musste sie Zähne zeigen, sonst konnte sie umgehend nach Hause fahren und wegen der verpassten Karrierechance ihr Kissen vollheulen. »Hör mir mal gut zu, Georg.« Ihre Stimme war zwar leise und klang ein wenig gepresst, doch sie war glasklar zu verstehen. »Die Hauptstadt der Bundesrepublik heißt mittlerweile Berlin. Bonn und das dazugehörige Hüben und Drüben sind nur noch etwas für Ewiggestrige, die nicht lernfähig sind. Mit Dunkeldeutschland, wie du es nennst, meinst du offenbar die neuen Bundesländer. Wenn das hier vorbei ist, schicke ich dich gern noch einmal zur Fortbildung. An der Volkshochschule haben sie prima Kurse, in denen dir das Einmaleins in Geschichte beigebracht wird. Aber vorher – hör mir gut zu, Georg, ja? Ich sage es nicht noch einmal. Nur, weil du älter und ein Mann bist und ich eine jüngere Frau und in diesem Fall auch noch deine Chefin bin, mit deren Kompetenz und Autorität du offenbar Probleme hast, also vorher gilt hier für uns alle Folgendes: Wir sind ein Team. Und in diesem Team ist einzig und allein von Bedeutung, was jemand aktuell draufhat und wie er sich in das Ganze einfügt. Wie jemand heißt, woher er stammt, und ob er heimlich in der Nase popelt, interessiert nicht.« Sie lächelte Georg zuckersüß an. »Um es in deinem Jargon auszudrücken: Es interessiert mich einen Scheißdreck und geht mir am Arsch vorbei, kapito? Wir haben zwei Morde aufzuklären. Dafür sind wir da. Und wir werden unseren Job zuverlässig, gut und vor allem professionell erledigen.« Victoria holte tief Luft. »Wenn du damit Probleme hast, sag es jetzt. Wir kommen auch gut ohne dich zurecht.«
   Eine Weile war es so still im Raum wie in einem Trappistenkloster. Nur eine Fliege surrte in argloser Einfalt und bar jeglicher Empfänglichkeit für Atmosphäre um den Deckel der Thermoskanne herum.
   »Nein, hab ich nicht«, knurrte Georg so plötzlich, dass Stefanie zusammenzuckte.
   Victoria meinte tatsächlich, einen Hauch von Anerkennung in seinen blauen Augen wahrzunehmen.
   »Stimmt schon irgendwie. Kann ja nicht jeder Otto oder Franz heißen.«
   »Oder Schorsch«, grinste Serge erleichtert, »obwohl das natürlich ein ausgesprochen hübscher Name ist.«
   »Du sagst es, Klei… hrhm «, brummte sein Partner.
   »Na, dann mache ich mal weiter«, sagte Serge fröhlich und wartete Victorias Okay nicht ab. »Mit seiner Einschätzung hat Schorsch nämlich durchaus recht. Der Wagner war offensichtlich ein ziemlicher Macho, ein richtiger Dominanzbolzen.«
   »Danke, Herzblatt«, sagte Georg, »ich hätte es wirklich nicht besser ausdrücken können. Genau das habe ich gemeint. Da sieht man doch wieder, was ihr alles auf der Universität so lernt.«
   Serge beachtete seinen Partner nicht. »Somit haben wir tatsächlich nichts herausbekommen – weder in beruflicher noch in privater Hinsicht. Na ja, nicht jeder hat den Wagner gemocht, das ist schon klar geworden, aber das besagt nichts. Und alles ist noch offener, seit der Mörder ein zweites Mal zugeschlagen hat. Ich würde allerdings sagen, von der Typologie her …«
   »Danke, Serge«, unterbrach Victoria ihn eine Spur zu hastig. Sie mochte den jungen Kollegen, doch er neigte gelegentlich zum Theoretisieren. Bilbo hatte sie in dieser Hinsicht überflüssigerweise noch einmal gewarnt.
   Georg grinste, und fast hätte Victoria ebenfalls die Lippen verzogen. »Bevor wir mit der Routinearbeit beginnen – irgendwelche Geistesblitze oder Anmerkungen, die über den naheliegenden Schluss hinausgehen, dass der Mörder aus unserem Kundenkreis stammt, weil beide Opfer in der Justiz tätig waren?«
   »Mich hat der Wagner mal nach Strich und Faden zusammengestaucht, nur weil ich ihm angeblich einen Parkplatz bei Großkauf weggenommen habe. Hat der Mann gebrüllt. Als wäre ich drauf und dran gewesen, ihn zu kastrieren. Dabei ging es doch nur um einen Parkplatz.« Stefanies Stimme klang unangenehm piepsig, weil sie eine halbe Oktave höher gerutscht war. Offenbar war sie es nicht gewohnt, in einer Gruppe zu sprechen, auch wenn die noch so klein war und nur aus Kollegen bestand. Hoffentlich entpuppte sie sich nicht als eine dieser kontaktgestörten, sozialneurotischen Computermenschen, die prompt überfordert waren, wenn sich ein Problem nicht innerhalb des Null-und-eins-Rahmens beheben ließ. »Aber was ich eigentlich fragen wollte – kannten sich Schickler und Wagner? Habt ihr in dieser Richtung schon recherchiert?«
   »Tja …«, antwortete Robert, »beruflich hatten die beiden Männer selbstverständlich miteinander zu tun, das ließ sich nicht vermeiden. Der eine war schließlich Polizeipräsident und der andere Oberstaatsanwalt, und wir leben ja nicht in Los Angeles oder New York, sondern in Döhlin. Privat haben sich ihre Wege jedoch, jedenfalls, soweit wir es bislang wissen, nicht gekreuzt. Wagner besaß einen anderen Freundeskreis als Schickler, beide spielten zwar Tennis, aber der eine seit seinem Studium im Klub der Universität und der andere bei den Alten Herren von Rot-Weiß Kroischenrade.«
   »Namen gibt’s hier …«, meldete sich erneut Stefanie zu Wort, die keine geborene Döhlinerin war, sondern aus Hamburg stammte. »Unmöglich.«
   »Meine Eltern wohnen dort«, teilte Serge ihr hörbar gekränkt mit.
   Robert schaltete demonstrativ seinen Laptop an, der wenig später mit einem Piepton einen Eingabefehler anzeigte, dann aber offenbar die gewünschte Datei hochlud.
   Die anderen warteten schweigend. Endlich blickte Robert zu Victoria herüber.
   »Ich nehme an, du möchtest, dass ich jetzt über den zweiten Fall referiere?«
   Es klang wie eine Frage, zweifellos, und doch war es keine. Er hatte einfach das Heft in die Hand genommen. Das überraschte sie unter den gegebenen Umständen nicht besonders, trotzdem störte es sie. Ihr zustimmendes Nicken fiel dementsprechend verhalten aus.
   »Okay«, begann er ruhig, ihre Verstimmung scheinbar nicht bemerkend, »Hans-Werner Schickler, das zweite Opfer des Mörders, war sechsundfünfzig Jahre alt, verheiratet in zweiter Ehe und Polizeipräsident von Döhlin …«
   »Auf dessen Stuhl ja wohl bald unser Bilbo sitzen wird«, fiel Georg ihm an niemanden direkt gewandt ins Wort.
   Keiner reagierte, und Robert fuhr mit seinen Ausführungen fort, als hätte es sich bei Schickler um ein x-beliebiges Opfer und nicht um einen Menschen gehandelt, den sie alle gekannt hatten. Wirklich äußerst profihaft. Aber was hatte sie bei seinem Ruf auch anderes erwartet?
   »Er wohnte mit seiner Frau im Stadtteil Martensrade, in einer Villa mit Garten, in dem er getötet wurde. Genau wie bei Opfer Nummer eins ist das etwa gegen elf Uhr abends passiert. Ermordet wurde er ebenfalls an einem Donnerstag. Es war der 24. Mai, genau einen Monat nach Wagner.«
   »Wir haben allerdings keine Ahnung, ob das Datum und die gleiche Tatzeit irgendwie von Bedeutung sind«, sagte Serge und verzog das Gesicht, weil er aus Versehen an seinem kalten Kaffee genippt hatte.
   »Ob der Mörder vielleicht lediglich an diesem Tag Zeit hat oder ob der Donnerstag für ihn eine bestimmte Bedeutung hat, meinst du?«, fragte Stefanie.
   »Ja. Möglicherweise hat er an den anderen Tagen Nachtschicht. Oder an einem Donnerstag ist etwas passiert, was zum Auslöser für seine Taten wurde.«
   »Das ist durchaus eine Überlegung«, sagte Victoria.
   »Vielleicht beginnt bereits am Donnerstag sein langes Wochenende, und das Herzchen gönnt sich einen Extrakick.« Georg bemerkte die angespannten Gesichter. »Das meine ich ernst.«
   »Und er hat recht«, sagte Robert. »Außer Acht lassen darf man so etwas jedenfalls unter keinen Umständen. Wenn wir uns gleich auf eine Sichtweise festlegen, verengen wir unser Gesichtsfeld und …«
   »Die Absicht hat hier niemand«, sagte Victoria. »Und deshalb solltest du uns jetzt die restlichen Fakten liefern.« Was für eine plumpe Methode. Er wollte sie offenbar vor den anderen bloßstellen, doch da hatte er sich geschnitten.
   »Auch bei Schickler kann man eigentlich eher von einer Hinrichtung sprechen«, referierte Robert mit monotoner Stimme weiter. »Der Täter«, er blickte kurz zu Stefanie hinüber, doch die reagierte nicht, »schoss Schickler ebenfalls zweifach in den Hinterkopf. Der Unterschied zu Mord Nummer eins besteht lediglich darin, dass Wagner in seinem Arbeitszimmer, Schickler in seinem Garten getötet wurde. Dort fand ihn der Gärtner am nächsten Morgen bei seinem Dienstantritt gegen acht Uhr dreißig. Leichenstarre, Mageninhalt und Totenflecken lassen darauf schließen, dass die Tat an dem vorangegangenen Abend geschah. Die Nacht war ja relativ warm für Ende Mai.«
   »Das sagen die Leichenheinis«, brummte Georg düster und meinte damit den angesehenen Beruf des Pathologen. »Die halten sich zwar für Gottvater persönlich, wenn es um halb verdaute Döner oder irgendwelche Fliegenlarven in allen möglichen Körperöffnungen geht, aber ich habe schon Pferde kotzen sehen, und so manchen Leichenheini, der sich trotz seines wissenschaftlichen Gelabers verdammt geirrt hat.«
   »Tja.« Irrtümer gab es selbstverständlich immer, aber wenn sie sich auf diese Schiene einließ, fingen sie irgendwann an zu diskutieren, ob sich die Erde um die Sonne drehte oder ob Bilbo doch ein fähiger Kriminalist war.
   »Das bringt doch jetzt nichts«, kam Robert ihr zuvor. »Ich schlage vor …«
   »… wir gehen bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass die Pathologen etwas von ihrem Job verstehen und ihnen in unseren Fällen kein Fehler unterlaufen ist«, sagte Victoria. Auf diese Tour mischte sich Robert Wiehmer nicht in ihren Aufgabenbereich. »Schickler und Wagner sind beide gegen elf Uhr abends getötet worden. Das ist unsere Arbeitshypothese. Gibt es noch irgendetwas, was wir wissen sollten, Robert?«
   »Nein. Das ist bislang alles. Die systematischen Zeugenbefragungen haben nichts erbracht.« Er probierte ein Lächeln in ihre Richtung, das jedoch abprallte. »Der neue Mord ist ja noch ziemlich frisch.«
   »Er ist fast eine Woche alt«, sagte Victoria. Es klang nicht nur wie eine Rüge, sondern war auch durchaus so gemeint. »Also, was haben wir? Was sind die Fakten?« Sie stand auf und begann an der Stirnwand des Konferenzzimmers hin- und herzuwandern. »Wir haben zwei Tote, die beide mit derselben Waffe, einer Ceska 83, ermordet wurden. Der eine war ein noch relativ junger Oberstaatsanwalt, der andere der Polizeipräsident von Döhlin. Beide waren Juristen und honorige Männer, wie Dr. Renneisen es in seiner Trauerrede ausgedrückt hat. Beide wurden an einem Donnerstag um dreiundzwanzig Uhr ermordet, der eine in seinem häuslichen Arbeitszimmer, der andere in seinem Garten. Und in beiden Fällen existieren keine Zeugen oder sonstigen Spuren. Niemand hat etwas gehört oder gesehen. Habe ich etwas vergessen?«
   »Ja«, sagte Stefanie. »Beide arbeiteten im Strafsystem.«
   »Du meinst, wir fahnden nach einem Knacki, den Schickler und Wagner in einer konzertierten Aktion in den Bau geschickt haben?«, fragte Georg süffisant. »Als Polizeipräsident schob Schickler doch eigentlich nur Akten hin und her. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass es unter seiner Verantwortung in den letzten Jahren überhaupt einen herausragenden Fall gegeben hätte. Wir sollten nach überzeugenderen Verbindungslinien suchen.«
   Stefanie würdigte ihn keiner Antwort. »Beide Männer öffneten ihrem Mörder bereitwillig die Tür, denn die Spurensicherung fand keinerlei Hinweise auf einen Einbruch.«
   »Stimmt. Obwohl man in den Garten sicherlich auch unbemerkt hätte gelangen können. Aber ich denke, die andere Hypothese ist wahrscheinlicher.« Victoria hielt einen Moment inne, denn sie wusste, dass ihre folgende Ankündigung nicht gerade auf Begeisterung stoßen würde. »Wir verfügen also lediglich über diese mageren Fakten. Keinen weiterführenden Hinweis, keine Theorie. Und deshalb werden wir beide Fälle noch einmal ganz von vorn aufrollen. Wir werden jeden Stein umdrehen, über den Schickler und Wagner gestolpert sein könnten, ihre Vergangenheit durchwühlen und die jüngste Gegenwart durchleuchten und dabei keinen Fall, an dem die beiden in irgendeiner Form gemeinsam gearbeitet haben, und keinen Lebensbereich an sich unberücksichtigt lassen.«
   »Von der bevorzugten Unterhosenmarke bis zum Lieblingsgetränk, den Bankauszügen und eventuellen unehelichen Verhältnissen und Kindern?«, brummelte Georg, doch es war ihm anzumerken, dass er Victoria nicht kritisieren wollte.
   »Ganz genau, du hast es erfasst.« Sie lächelte.
   Georg hob den Blick zur Decke, und stellvertretend für die gesamte Taskforce entrang sich seinem voluminösen Oberkörper ein abgrundtiefer Seufzer.
   »Das wird tierisch auf die Schuhsohlen gehen. Mannomann!«

2. Kapitel
Die erste Witwe

Döhlin hatte lediglich ein Mal in seiner durchaus wechselhaften, fast sechshundertjährigen Historie für überregionale Schlagzeilen gesorgt: Als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts die sogenannte Flitzer- oder Blitzer-Mode aus den USA herüberschwappte, wurde die Stadt an der Diller gleich von der ersten Welle überrollt. Während in den westdeutschen Großstädten die Avantgarde nach wie vor hochgeschlossen, oder zumindest bekleidet herumlief und damit offenbarte, wie verklemmt und spießig sie eigentlich war, feierte in Döhlin die neue Zeit – enthemd, enthost, entklemmt – bereits erste Triumphe. Die Nackten trieben ihr Unwesen im neoklassizistischen Sitzungssaal des Rathauses, verstörten brave Bürger mit Kurzauftritten bei gepflegten Violinkonzerten sowie Bachkantaten-Abenden und verletzten das sittliche Empfinden des gemeinen Döhliners auf das Gröblichste bei der Eröffnung des neuen städtischen Krankenhauses. Der überregionale Boulevard zeigte sich begeistert, überschlug sich in gespielter Entrüstung, prophezeite einmal mehr den Untergang des Abendlandes, und kurzzeitig erschallte der Ruf nach schärferen Gesetzen. Dann war der Spuk schon wieder vorbei, und die Stadt verschwand aus den Schlagzeilen und damit auch weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein.
   Niemand außer dem Döhliner Courier und seiner Leserschaft nahm noch Notiz von dem Bau der Wohnsilos auf den grünen Wiesen vor den Toren der Stadt, die wie überall rasch zu einem Problemviertel mutierten. Niemand interessierte sich sonderlich für die Universität, aus deren Mitte in der Tat noch kein Forscher etwas Bahnbrechendes zur Menschheitsgeschichte beigetragen hatte. Lediglich die katholische Sozialethik genoss in der Person des langjährigen Leiters dieses Fachbereiches einen gewissen Ruf in gewissen Kreisen. Auch die Inbetriebnahme der hypermodernen Müllverbrennungsanlage in den späten 80er-Jahren fand keinen Eingang in das kollektive Bewusstsein der Bundesrepublikaner. In Döhlin störte das niemanden. Man hatte genug mit sich selbst zu tun, denn die Skandale und Skandälchen der Stadt besaßen durchaus großstädtisches Format. Hier und dort wurde mal mehr, mal weniger betrogen, bestochen und verschoben, und der Courier heizte in einem solchen Fall die Stimmung mit wortgewaltigen Kommentaren und dem vermehrten Abdruck pikierter Leserbriefe an. Man regte sich eine Zeit lang fürchterlich auf, ging in seltenen Fällen sogar auf die Straße, gelobte schließlich von offizieller Seite, künftig alles anders und vor allem besser zu machen, und das war es dann. Die Zeit verrann, das nächste Frühjahr nahte, und alle Seiten zeigten sich nach Wochen erhöhter Erregung schließlich froh, endlich wieder zum Alltag übergehen zu können.

»Dort, die Abfahrt ist es.« Robert deutete mit der Rechten auf das Schild an der Ost-West-Straße, der nördlichen Tangente Döhlins, auf dem unübersehbar der Hinweis »Waldviertel« prangte.
   »Heißen Dank«, erwiderte Victoria, setzte den Blinker und folgte der neuen Richtung. Sie war tatsächlich so in Gedanken versunken gewesen, dass sie die Ausfahrt glatt verpasst hätte. Doch zugegeben hätte sie das Robert gegenüber nie.
   Es waren ohnehin die einzigen Worte, die sie bislang gewechselt hatten, und insgeheim verfluchte Victoria ihre Arbeitseinteilung, die vom sachlichen Standpunkt aus allerdings durchaus Sinn ergab: Stefanie hielt im Präsidium die Stellung und durchforstete noch einmal gründlich sämtliche Computer der beiden Opfer und alles, was dazugehörte. Victoria hatte sogar noch Disketten erwähnt, dafür jedoch von der Fachfrau einen halb amüsierten, halb mitleidigen Blick geerntet, der besagen sollte, dass solche Dinger bereits kurz nach den Dinosauriern diesen Planeten verlassen hatten. Victoria bestand trotzdem darauf. Vielleicht existierten in der hintersten Ecke eines Schreibtisches noch solche Antiquitäten und offenbarten unvermutet eine Verbindung zwischen Wagner und Schickler aus früheren Zeiten. Sie konnten es sich nicht leisten, diese vage Chance nicht zu nutzen.
   Inzwischen kümmerten sich Serge und Georg um Wagners Witwe und unterzogen deren erste Aussagen, die sie nach dem Tod ihres Mannes gemacht hatte, einer erneuten Prüfung. Möglicherweise ergab sich auch da etwas, ein winziges, zunächst unscheinbares Detail, eine Diskrepanz in der Wertung, ein Zögern der Zeugin, das mehr über das Verhältnis zu ihrem toten Mann verriet als alle anderen Informationen zusammen.
   Übrig blieben bei dieser Aufteilung folgerichtig Victoria und Robert. Sie warf ihrem Begleiter einen verstohlenen Seitenblick zu. Er döste entspannt mit halb geschlossenen Lidern vor sich hin. Dabei musste auch ihm klar sein, dass sie keineswegs als Dream-Team à la Sherlock Holmes und Dr. Watson in die Annalen der Döhliner Kriminalgeschichte eingehen würden. Victoria reizte seine abgeklärte Pose gewaltig. Ihre Reaktion war unvernünftig und sie konnte nicht verhindern, dass ihr Gute-Laune-Pegel stetig sank.
   »Hör mal«, wandte sie sich an ihren Beifahrer, während sie auf der Ausfallstraße Richtung Waldviertel entlangrollten, »bevor wir uns die Schickler vornehmen, sollten wir klären, wie wir vorgehen.«
   »Du bist der Boss. Ich höre«, erwiderte Robert, ohne seine Sitzposition auch nur um ein Jota zu verändern. Immerhin hatte er die Augen jetzt geöffnet.
   »Stimmt genau. Ich denke, ich werde mit der Befragung anfangen, du hältst dich bitte zunächst zurück. Damit erreichen wir unter diesen Umständen vielleicht …«
   »Mir recht«, unterbrach er sie gelangweilt.
   »Na, dann ist ja alles geklärt.« Sie bog in eine ruhige Wohnstraße ein, in der baumbeschattete Villen links und rechts aufgereiht wie Perlen an einer Schnur lagen.
   Victoria stieg aus und musterte den großen, weiß gekalkten Prachtbau, dessen unteres Stockwerk fast völlig von Wildem Wein bedeckt wurde. Die kräftigen, jungen Blätter schienen der Inbegriff von prallem Leben und ungebremstem Wachstum zu sein, doch zugleich nahmen die Pflanzen dem Haus jeglichen Protzcharakter. Es wirkte durch den Bewuchs eher wie ein verwunschenes Schloss, zumal der Baumbestand des Grundstücks offensichtlich alt und dementsprechend knorrig war.
   »Hübsch«, sagte Robert durch das Autofenster. »Hier lässt es sich leben.« Er wuchtete sich aus dem Wagen, stiefelte los, und sie folgte ihm den ungepflasterten, mit grau-weißen Kieselsteinen bedeckten Weg hinauf. Vor der Haustür ließ er ihr demonstrativ den Vortritt. Es hätte vermutlich nicht viel gefehlt, und er hätte sich vor ihr verbeugt.
   Sie klingelte.
   Unwillkürlich hatte sie ein melodiöses Dingdong erwartet, doch der Ton, den sie vernahm, war ein schnörkelloses Schrillen, das sie zusammenzucken ließ.
   Die Witwe öffnete ihnen die Tür. Dieses Mal trug sie ein graues schlicht geschnittenes Kostüm, das eher zu ihrem bedrückten Gesichtsausdruck und der Kurzhaarfrisur passte als das pompöse, lilafarbene Gewand bei der Trauerfeier.
   »Frau Schickler, es tut uns leid, Sie nochmals belästigen zu müssen«, sagte Victoria und hielt der Frau ihren Dienstausweis unter die Nase, »aber Sie werden sicher verstehen …«
   Lena Schickler wischte ihre wohlgesetzten Worte mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. »Sie sind …?«
   »Boll. Victoria Boll.«
   »Ah, die Tochter, nicht wahr?«
   »Ja.« Wann das wohl endlich aufhörte? Langsam hing ihr dieses ewige Tochter-Sein zum Hals heraus. Sie war Kriminaloberkommissarin Victoria Boll. Punkt. Und zumindest beruflich Tochter von niemandem.
   »Ihren Kollegen kenne ich ja bereits. Herr Wiehmer, richtig? Kommen Sie herein und beginnen Sie mit Ihrer Arbeit, ohne Rücksicht auf mich oder meine Gefühle zu nehmen. Ich will schließlich ebenfalls wissen, wer Hans-Werner ermordet hat. Nun kommen Sie schon.« Ihre Stimme klang tief, kultiviert und sehr bestimmt.
   Lena Schickler arbeitete als Gymnasiallehrerin für Englisch und Französisch, das wusste Victoria aus den Berichten, und sie konnte sich mühelos vorstellen, dass diese Frau auch mit zu Tode gelangweilten Fünfzehnjährigen, die Shakespeare zunächst für einen bis an die Zähne bewaffneten Herrscher einer fernen Galaxie hielten, keinerlei Disziplinprobleme hatte.
   Robert ließ ihr erneut den Vortritt, und sie betraten ein Heim, in dem jemand sowohl mit Geld als auch mit Geschmack gewirkt hatte. Sämtliche Möbel – bis auf einen wunderschönen Sekretär aus dunkler Kirsche – waren aus hellem, soliden Holz gearbeitet. Die Tapete schimmerte cremefarben, und an prägnanten Stellen hingen abstrakte Bilder, bei deren Auswahl eindeutig ästhetische Gesichtspunkte im Vordergrund gestanden hatten. Sie waren schlicht, harmonisch in Struktur und Farbgebung und verliehen dem Wohnzimmer eine besondere Note. Den Boden bedeckten durchgängig handgeformte Fliesen, deren rötlich-brauner Farbton exakt zu den dunklen, schweren Gardinen passte, die momentan die bis zum Boden reichenden Fenster komplett freigaben, um das helle Frühsommerlicht hereinzulassen.
   Helligkeit, Behaglichkeit und Wärme verströmte dieses Haus im Normalfall. Jetzt wirkte es zwar nicht kühl und abweisend, aber leer.
   »Setzen Sie sich doch. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Tee, Kaffee oder ein Wasser?«
   »Einen Kaffee, bitte«, sagte Robert.
   »Für mich nichts.«
   Für einen Moment herrschte eine merkwürdige Atmosphäre im Zimmer, ähnlich der Stille vor einer gewaltigen Explosion. Dann huschte so etwas wie ein Lächeln über Lena Schicklers angespannte Züge.
   »Sie beide arbeiten noch nicht lang zusammen, hm? Nein, das können Sie ja auch gar nicht. Die Taskforce existiert ja erst seit gestern.« Sie beugte sich ein wenig vor. »Nur aus Neugier: Wie hat Bilbo sie denn getauft? Er hat ihr doch einen Namen verpasst, oder?«
   Erneut war Robert um Sekundenbruchteile schneller.
   »Natürlich«, bestätigte er die Vermutung mit einem breiten Grinsen, »wir dürfen uns Justice nennen.«
   »Großer Gott«, murmelte Lena Schickler ehrlich entsetzt.
   »Sie sagen es.« Er lächelte. »Ich finde den Namen ebenfalls reichlich bombastisch, aber er ist unbestritten äußerst medienwirksam. Und das ist schließlich der Zweck des Ganzen.«
   Victoria hatte die ganze Zeit versucht, unauffällig Blickkontakt zu Robert herzustellen. Er schien das jedoch nicht zu bemerken, oder er ignorierte sie absichtlich. Wütend öffnete sie bereits den Mund, um ihn zurechtzuweisen, doch dieses Mal war es die Zeugin, die ihr zuvorkam.
   »Wenn dieser Renneisen bloß nicht so ein kleiner, eitler Fatzke wäre, hat Hans-Werner immer gesagt, dann könnte er tatsächlich in seinem Job etwas leisten.«
   Robert begann bei Lena Schicklers offenen Worten ebenso unverhohlen zu lächeln, während Victoria endgültig die Geduld verlor. Was dachte sich der Wiehmer eigentlich? Schicklers Frau war in diesem Mordfall eine äußerst wichtige Zeugin, und deshalb hatte man als Profi klar Distanz zu ihr zu halten. Sie würde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen.
   Sie räusperte sich und hörte selbst, wie künstlich es klang. Gleichzeitig blickte sie starr zu Robert hinüber. Und endlich schien er zu verstehen. Sein sonniges Lächeln verschwand, er lehnte sich aufreizend langsam zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schlug ein Bein über das andere. Na also. Dass er sie in diesem Moment wahrscheinlich für eine Pedantin hielt, kümmerte sie nicht.
   »Sie haben völlig recht, Frau Boll«, unterbrach Lena Schickler ihre wortlose Auseinandersetzung. »Bilbo ist bestimmt nicht der Täter, und wir verschwenden mit solchen Dingen nur unsere Zeit. Also, was wollen Sie wissen? Beginnen wir mit der Standardfrage?«
   »Ja, bitte.« Victoria kam sich wie eine Fünftklässlerin vor.
   »Hans-Werner hatte keine persönlichen Feinde, jedenfalls soweit es mir bekannt ist«, sagte Lena Schickler nachdenklich, nachdem sie sich ebenfalls gesetzt hatte. Roberts Kaffee war offensichtlich vergessen. »Selbstverständlich besaß er Gegner. Aber das ist schließlich normal in seiner Position. Es gab halt Menschen, die ihm seinen Posten neideten, und Menschen, die mit seinen liberalen Ansichten nicht übereinstimmten. Für sie war er ein Schwächling, der die Opfer einer Gewalttat zugunsten der Täter und ihrer Probleme aus dem Blick verlor.« Sie zuckte die Schultern und umschlang kurz ihren Oberkörper, als würde sie frieren. »Aber das sind letztlich gesellschaftspolitische Debatten, die überall stattfinden. In jeder Stadt und in jeder Zeitung. Hans-Werner bezog klar Position, und er ließ sich nicht leicht von seiner Meinung abbringen. Aber ich wüsste nichts von Drohungen oder Drohbriefen oder so etwas in der Art. Und er hätte mir davon bestimmt erzählt.« Sie lächelte humorlos und ein wenig schief, was ihre Trauer noch deutlicher zum Ausdruck kommen ließ. »In diesem Sinne führten wir eine offene Ehe.«
   Victoria glaubte ihr das sofort. Lena Schickler war eine Frau, mit der man sprach, auf deren Meinung man etwas gab. Sie war die zweite Frau des Polizeipräsidenten gewesen und etwa genauso alt wie der Verstorbene, was bedeutete, sie musste Anfang fünfzig sein. Schickler hatte also nicht nach einem Betthäschen gesucht, mit dem er sich und der Welt beweisen wollte, was für ein Hirsch er immer noch war, als er sie heiratete. Sie hätte das Opfer auch nicht so eingeschätzt. »Zum Zeitpunkt der Tat befanden Sie sich nicht im Haus, oder?«
   »Nein«, sagte Lena Schickler ruhig. »Ich habe an der Geburtstagsfeier einer langjährigen Kollegin teilgenommen. Gegen achtzehn Uhr dreißig bin ich hier losgefahren und war noch vor der Zeit um sieben bei ihr. Ich hatte Glück, weil sie die Baustelle auf dem Dillerdamm kurz vorher aufgelöst hatten und ich zügig durchkam. Die Freundin wohnt im Univiertel und heißt Gisela Bromms.«
   Robert notierte den Namen.
   »Von da aus sind wir alle zu Fuß ins Amici gegangen, wo die Feier stattfinden sollte. Acht Leute können bestätigen, dass ich den Tisch bis kurz vor Mitternacht nicht verlassen habe.« Bei den folgenden Worten lächelte sie nicht, sondern wirkte lediglich müde. »Sie müssen das natürlich fragen, aber Sie verschwenden damit Ihre Zeit. Ich habe meinen Mann nicht umgebracht, und diesen Herrn Wagner schon gar nicht. Was für ein Motiv hätte ich haben sollen? Ich kannte den Staatsanwalt überhaupt nicht.« Sie wandte das Gesicht leicht ab. »Außerdem habe ich meinen Mann aufrichtig geliebt, das können Sie mir glauben. Fragen Sie ruhig unsere Freunde. Die werden Ihnen das bestätigen.« Sie schwieg, war völlig in Gedanken versunken, und Victoria und Robert überließen sie für einen Moment ihrer Trauer.
   Victoria blätterte scheinbar geschäftig in ihren Papieren, wobei sie gelegentlich verstohlen zu Robert hinüberschielte. Der saß ruhig da und wartete ab, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.
   Arroganter Pinsel. Liebend gern hätte sie ihm gegen das Schienbein getreten. Stattdessen lächelte sie ihn kurz an und hoffte inständig, dass das nicht wie ein Zähneblecken herüberkam. Offenbar nicht, denn Robert nickte knapp, setzte sich auf und bat Lena Schickler freundlich, ihnen den familiären Hintergrund ihres Mannes zu schildern.
   »Da vermuten Sie also den Täter?« Die sonst so souverän wirkende Frau klang richtiggehend alarmiert, sodass Victoria unwillkürlich stutzte.
   Robert schien ihre Reaktion jedoch entgangen zu sein. »Wir ermitteln in alle Richtungen. Daraus lässt sich nichts Spezifisches ableiten.«
   »Ja, ja natürlich. Wie ausgesprochen dumm von mir.« Offenbar nahm sie sich die Bemerkung übel. »Unser familiärer Hintergrund … ja, also womit soll ich da beginnen? Hans-Werner war ein Einzelkind – ist das zu weitschweifig?«
   »Nein, das ist genau richtig«, sagte Robert.
   Innerlich stimmte Victoria ihm zu. Sollte die Witwe doch erst ein bisschen reden. Das würde Lena Schickler ein wenig den Stress nehmen, und dann konnte man mit ihr über den Mordtag sprechen.
   »Aha. So. Ja, also, mein Mann hatte keine Geschwister und deshalb existieren auch keine Nichten und Neffen, die sich vielleicht Hoffnung auf ein Erbe machen könnten. Und seine Eltern leben schon seit geraumer Zeit nicht mehr.« Sie verschränkte die Finger ineinander, als suchte sie auf diese Weise Halt. Aus der selbstbewussten Oberstudienrätin war durch Roberts harmlose Frage innerhalb von Sekunden eine verhuschte Referendarin geworden. Unwillkürlich suchte sie Blickkontakt zu ihm.
   Lena Schicklers Reaktion war ihm ebenfalls nicht entgangen, denn er nickte kaum merklich. »Ihre Ehe blieb kinderlos?«
   »Ja.«
   »Aber Ihr Mann hatte aus erster Ehe eine Tochter und einen Sohn, nicht wahr?«
   »Ja.«
   »Können Sie uns zu den beiden etwas sagen? Wie war das Verhältnis zwischen Vater und Kindern? Wie kamen sie miteinander aus?«
   »Maike ist inzwischen siebzehn, und Benno ist letzten Monat zwanzig geworden. Sie leben bei der geschiedenen Frau meines Mannes.«
   Das war genau genommen keine Antwort.
   »Und wann verließ Ihr Mann seine erste Frau?«
   »Vor sechzehn Jahren. Wir sind vierzehn Jahre verheiratet.«
   »Dann waren Sie vermutlich nicht der Scheidungsgrund?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Martina und Hans-Werner hatten sich einfach nichts mehr zu sagen. Sie hatten sich auseinandergelebt, und mein Mann war schon damals der Meinung, dass es keinen Sinn mehr hat. Auch für die Kinder nicht, er vertrat die Auffassung – ich im Übrigen auch –, dass eine kaputte Ehe der schlechteste Nährboden für die kindliche Entwicklung ist.«
   »Und die erste Frau Schickler sah das genauso?«, fragte Victoria.
   »Nach einer gewissen Zeit der Enttäuschung ja.«
   »Hm. Und wie würden Sie das Verhältnis zwischen Ihrem Mann und seinen Kindern beschreiben? Sie waren doch noch sehr klein, als er fortging, und ich könnte mir vorstellen, dass in einem solchen Alter Erklärungen nicht allzu viel bewirken.«
   Sie hätte sich verraten gefühlt, wenn ihr Vater sie und ihre Mutter verlassen hätte, das wusste sie genau.
   »Es hat ihnen an nichts gefehlt, Hans-Werner unterstützte sie immer äußerst großzügig, und ich hatte damit keine Probleme.«
   Die Zimmertemperatur schien plötzlich um etliche Grade gefallen zu sein.
   Lena Schickler sprang auf. »Ach Gott, der Kaffee! Den habe ich ganz vergessen. Bitte entschuldigen Sie. Es dauert nicht lange, ich bin gleich wieder da.«
   »Frau Schickler«, sagte Robert bestimmt, aber nicht unfreundlich, »gibt es etwas, das Sie uns bewusst verschweigen?«
   »Es ist bestimmt nicht wichtig und hat überhaupt nichts zu bedeuten«, flüsterte sie.
   Es war nur ein schwacher Abwehrversuch.
   »Sie wissen, dass in einem Mordfall alles von Bedeutung sein kann. Setzen Sie sich doch bitte wieder hin«, sagte Victoria.
   »Ja. Ja, Sie haben natürlich recht.« Lena Schickler sank erneut ins Polster. Ihr Gesicht war bleich. »Aber Benno würde nie so weit gehen. Außerdem, weshalb sollte er wohl diesen Wagner umgebracht haben? Da existiert doch überhaupt kein Zusammenhang. Das ergibt doch alles keinen Sinn.«
   »Benno würde nie so weit gehen? Was heißt denn das?«
   Lena Schickler seufzte. »Er war immer schon ein problematisches Kind.« Sie verstummte wieder, und Victoria warf Robert einen mahnenden Blick zu.
   Die Frau war jetzt bereit, zu sprechen, sie brauchte nur noch ein wenig Zeit, und die sollte sie haben. Es brachte wenig, nun zu drängen. Es war wirklich besser, wenn sie Lena Schickler zunächst reden ließen und ihre Ungeduld zügelten.
   »Bei Benno ist alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen konnte.« Das Gesicht der Witwe zeigte keinerlei Regung. »Der Junge war seit seiner Geburt schwierig. Schon im Kindergarten kam er nicht zurecht, hatte nie Freunde. Sämtliche Schulen brach er ab oder drehte es so hin, dass sie ihn beim Stehlen oder Dealen erwischten. Er stand bereits mehrfach vor Gericht, und das letzte Mal hat man ihn ernsthaft verwarnt. Wenn er sich noch einmal etwas zuschulden kommen lässt, droht ihm eine Gefängnisstrafe.« Sie schluckte. »Für all das, für die gesamte Misere und seine eigene Unzulänglichkeit, hat er immer seinen Vater verantwortlich gemacht. Der sei an allem schuld, sei ein mieses Schwein, ein hemmungsloser Egoist, der seine Familie im Stich gelassen habe, um sich ein schönes Leben zu gönnen.« Sie blinzelte. »Aber so ist Hans-Werner nicht. Sein Verantwortungsgefühl war enorm ausgeprägt, doch der Junge … Benno hat seinem Vater nur Vorwürfe gemacht. Er hat ihn nicht geliebt, ach, ich glaube, er hat ihn nicht einmal gemocht. Hans-Werner litt sehr darunter und versuchte immer wieder, doch noch an seinen Sohn heranzukommen. Es ist ihm bis zum Schluss nicht gelungen.« Sie konnte ein trockenes Schluchzen nicht unterdrücken. »Ganz schlimm wurde es, als sich Benno vor etwa einem Jahr einer Neonazi-Gruppierung anschloss. Die stachelten ihn noch weiter auf. Seitdem hasste er seinen Vater regelrecht.«

3. Kapitel
Die zweite Witwe

Dr. Moritz Wagners junge Witwe wirkte noch genauso unscheinbar und farblos wie in den vorangegangenen Wochen. Der plötzliche Tod ihres Mannes hatte augenscheinlich nicht zum großen Befreiungsschlag geführt. In undefinierbare gedeckte Farben gehüllt, stand sie in der Tür wie ein ausgesetztes Kind und starrte Georg und Serge ratlos an. Erst, nachdem Serge sie ein zweites Mal freundlich gebeten hatte, hereinkommen zu dürfen, gab sie sichtbar unwillig den Weg frei und führte sie ins Wohnzimmer.
   Auch hier hatte sich nichts verändert, stellte Serge mit einem raschen Blick fest. Die wuchtigen Herrenzimmer-Möbel, das Eichenparkett und die orientalischen Läufer, der Turm mit der Unterhaltungselektronik, die Bilder, Vasen und geschnitzten Figuren, die bestimmt nicht billig gewesen waren, trafen seinen Geschmack nach wie vor überhaupt nicht. Er liebte es unordentlich – jedenfalls in gewissen Maßen – und gemütlich. Hier jedoch erschien ihm alles dunkel, aufgeräumt, fürchterlich steif und für seine Begriffe fast lebensfeindlich. Als Blume hätte er aus schierem Protest bestimmt nach spätestens fünf Minuten den Kopf hängen lassen und wäre trotzig verwelkt. Er grinste unwillkürlich, als er vorsichtig auf der braunledernen Couch Platz nahm. Lotti, seine Lebensgefährtin und seit genau zehn Monaten und vier Tagen die Mutter seiner Kinder, würde der Vergleich freuen. Er nahm sich vor, ihn ihr gleich heute Abend zu erzählen, wenn es die Zwillinge zuließen und sie nicht wieder einmal vor der Pointe einschlief. Er nahm es ihr nicht übel. Max und Lilly waren rundum gesund und darüber hinaus äußerst lebhafte Kinder. Er liebte seine Familie zärtlich und Lotti fast noch ein bisschen mehr, seit sie ihn zum Vater gemacht hatte.
   Ob Wagners Frau vor ihrem Kommen einfach nur so dagesessen und voller Trauer um ihren toten Mann vor sich hingestarrt hatte? Es sah fast so aus, denn er entdeckte weder eine Zeitschrift oder ein Buch noch lief eine CD oder lag Strickzeug herum. Aber vielleicht hatte sie sich mit einer dieser unsäglichen Nachmittagstalkshows – »Hilfe, mein Mann schwitzt in den Kniekehlen! Müssen wir amputieren?« – abgelenkt. Am liebsten hätte er die Hand auf den hypermodernen Flachbildschirm gelegt, um zu testen, ob er noch warm war. Serge schüttelte den Kopf über sich. In technischen Dingen war er noch nie gut gewesen. Heute glühte so ein Ding bestimmt überhaupt nicht mehr. »Haben wir Sie gestört?«
   »Nein«, antwortete sie geistesabwesend und bestätigte seine Einschätzung. Ihr leerer Blick glitt durch den Raum und blieb am Klavier hängen.
   Serge hätte schwören können, dass dieses Teil lediglich dastand, weil es sich gut machte. Spielen, also richtig spielen und nicht nur klimpern konnte in diesem Haushalt bestimmt niemand. Er kniff die Augen zusammen. Das Bild auf dem Klavier war neu. Ernst und sich seiner Bedeutung augenscheinlich voll bewusst, blickte ihnen das zweite Mordopfer aus einem trauerbandumflorten Rahmen entgegen. Der Mann war erst sechsunddreißig gewesen, als er getötet wurde, doch äußerlich hatte er längst den Schritt zum Typ des alterslosen Mittvierzigers getan. Seine Haare trug er stramm nach hinten gekämmt, er war glatt rasiert und schien sich in seiner Weste wohlzufühlen.
   »Liebes, möchtest du den Herren denn gar nichts anbieten?«
   Serge hatte die ältere Frau nicht hereinkommen hören. Ihre Nase verriet, dass es sich unzweifelhaft um die Mutter der jungen Witwe handelte.
   »Die Beamten sind im Dienst, Mama.«
   »Aber deshalb können sie doch einen Kaffee trinken, Liebes. Das ist bestimmt nicht verboten. Meine Herren?«
   »Nein, vielen Dank.« Georg zückte ungeduldig sein Notizbuch. »Je eher wir anfangen, desto besser. Sie haben ja vielleicht gehört, dass es ein weiteres Todesopfer gegeben hat.«
   »Schickler, der Polizeipräsident.« Die Mutter nickte. »Man ist wirklich langsam nicht mehr sicher in dieser Stadt. Überall wird gemordet und gestohlen. Und die Polizei tut nichts.«
   »Mama, bitte!«
   »Aber es ist doch wahr! So steht’s auch jeden zweiten Tag im Courier. Man kann ja gar nicht mehr ohne Herzklopfen auf die Straße gehen, wenn es dunkel ist.«
   »Das interessiert die Herren jetzt bestimmt nicht.«
   »Richtig«, stimmte Georg unhöflich zu.
   Serge konnte sich denken, was seinem Partner durch den Kopf schoss. Irgendetwas in der Art wie Wenn man die beiden Weiber reden lässt, kommen die Ermittlungen überhaupt nicht voran. »Ich denke, wir fangen jetzt mit der Befragung an.«
   »Aber ich habe Ihnen damals doch alles gesagt. Ich weiß doch gar nichts.« Es klang wie ein einziger, lang gezogener Klagelaut.
   »Nun beruhige dich, Kind.«
   »Das glauben wir Ihnen ja«, sagte Serge. »Aber sehen Sie, manchmal spielt uns die Erinnerung einen Streich, manches vergessen wir einfach, und es taucht erst später wieder aus den Tiefen des Unterbewusstseins auf, und manches erscheint nach einer gewissen Zeit in einem anderen Licht. Deshalb …«
   »Sie gehören zu dieser Taskforce, nicht?«
   Serge nickte mit einem ebenso herzlichen wie unechten Lächeln. Sie ging ihm auf die Nerven. Beide Frauen gingen ihm auf die Nerven. Er stand nicht auf diesen hilflosen, anschmiegsamen Klein-Mädchen-Typ. Seine Lotti war da ganz anders. Noch kurz vor der Geburt der Zwillinge und schlank wie eine Tonne, wie sie selbstironisch zu sagen pflegte, hatte sie ihm mit ungebremstem Elan beim Streichen des Kinderzimmers geholfen. Und sie hatte ihm genau gesagt, wie sie es haben wollte. Nicht dieses spießige Rosa oder Blau. Auf keinen Fall. Nein, ein warmer Gelbton mit einer Janoschfiguren-Borte sollte es sein. Er fand das Zimmer wunderschön. Und Lotti auch, Tonne hin, Tonne her.
   Georg stieß einen Laut aus, der wie das dezente Knurren einer gereizten Dogge klang. »Gnädige Frau, Sie werden sicher verstehen, dass wir Ihre Tochter zunächst allein sprechen möchten.«
   »Selbstverständlich. Ich bin schon weg. Wenn du mich brauchst, Liebes …«
   »Wird sie nicht«, entgegnete Georg fest. »Wir sind ja keine Menschenfresser. Später möchten wir dann auch noch einmal mit Ihnen reden.«
   Die Mutter verschwand, und Dietlind Wagner sah plötzlich sehr verlassen aus zwischen den beiden beigefarbenen Kissen, die jemand exakt mittig mit einem Handkantenschlag traktiert hatte.
   »Wollten Sie und Ihr Mann eigentlich Kinder haben?«, fragte Serge. So wie das hier aussah, hätte man die jungen Wagners dann allerdings anbinden oder permanent sedieren müssen, damit sie nichts kaputt oder schmutzig machten.
   Georg stöhnte auf, doch Serge ignorierte ihn.
   »Aber selbstverständlich!«
   Die Frage schien sie tatsächlich zu empören. Serge war erstaunt, er fand sie eigentlich ganz normal und harmlos.
   »Moritz sagte immer, Kinder gehören zum Leben wie das Salz in die Suppe. Und es sei einfach im Sinne der natürlichen Ordnung, welche zu haben.«
   »Ach, ein Junge und ein Mädchen etwa?«, warf er ein. Sein Sarkasmus war verschwendet, sie merkte nichts.
   »Ja, genau«, stimmte sie ihm stattdessen so erfreut zu, als hätte er etwas Außergewöhnliches begriffen. »Moritz sagte immer, es sei die Pflicht eines jeden Mannes, ein Bäumchen zu pflanzen, ein Haus zu bauen und einen Sohn zu zeugen …«
   Serge konnte nicht anders. Er starrte sie an. Und sie wurde tatsächlich rot. Wahrscheinlich hatte sich der selige Oberstaatsanwalt bei seinen diesbezüglichen Bemühungen genau an den Dienstplan gehalten. Unter Spontaneität, Kreativität oder einem bemerkenswerten Gedankengut schien er jedenfalls nicht gelitten zu haben.
   »… einen Stammhalter, dem er echte Werte vermitteln konnte, die den Jungen durch das Leben getragen hätten und ihm ein zuverlässiger Kompass gewesen wären.«
   »Und das Mädchen?«, fragte Georg mit einem erwartungsfrohen Grinsen auf dem Bulldoggengesicht.
   »Das Mädchen?« Die verhinderte Mutter wirkte ratlos. »Wir wollten es Katharina nennen.«
   »Na, wenn das kein schöner Name ist.« Georg feixte, während Serge die Worte fehlten.
   »Moritz hat immer gesagt«, fuhr Dietlind Wagner unbeirrt mit fast kindlichem Eifer fort und erinnerte ihn mehr denn je an eine Sprechblasen produzierende Puppe, »jeder habe diesbezüglich eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Der Staat, ja, die Gemeinschaft braucht schließlich junge und verantwortungsbewusst erzogene Menschen. Ohne sie sind beide zum Untergang verdammt. Das wolle in diesem Land zwar niemand hören, hat Moritz immer gesagt, doch trotzdem sei es wahr. Deshalb sah er in dieser Beziehung alle Bürgerinnen und Bürger in der Pflicht.« Es klang wie ein auswendig gelernter Redetext. Dietlind Wagner bedachte ihr Publikum mit einem bedeutungsschweren Blick. »Moritz war äußerst gewissenhaft, und er hatte feste Überzeugungen, was ja heutzutage bedauerlicherweise selten geworden ist. Selbst die Leute in gehobenen Positionen wechseln ihre Meinungen wie andere Menschen ihre Hemden, hat Moritz immer gesagt. Deshalb brachte man ihm in Döhlin auch ehrlichen Respekt entgegen. Man hat auf seine Ansichten Wert gelegt. Alle haben ihn gemocht.«
   »Bis auf einen«, entgegnete Georg liebenswürdig.
   Serge wusste, dass Emanzen ihm ein Graus waren, aber mit solch einem Huhn wie diesem hier konnte er todsicher auch nicht viel anfangen.

»Ich habe einen Mordshunger, du auch?«
   Sie saßen wieder in ihrem Wagen vor dem Wagner’schen Apartmentblock. Die ersten Regentropfen prasselten auf das Autodach und beendeten eine ganze Woche voller Sonnenschein und angenehmen, fast hochsommerlichen Temperaturen. Serge kurbelte die Scheibe ein Stück hinab und schnupperte. Es roch nach nassem Asphalt und feuchter Erde.
   Das Gespräch mit Moritz Wagners Witwe hatte über drei Stunden gedauert und war reichlich zäh verlaufen. Sobald es um konkrete Informationen ging, hatte man der Dame jedes Detail aus der Nase ziehen müssen. Serge war mehrmals fast so weit gewesen, sie entnervt anzufahren, doch Georg hatte den Fragenkatalog stur und ohne sichtbare Emotionen abgearbeitet. Er hatte ihn insgeheim dafür bewundert. Schorsch war wirklich ein alter Hase, den nichts und niemand so leicht aus der Ruhe bringen konnte.
   »Ja.« Georg nickte. »Aber ich gehe nicht zum Chinesen. Die essen auch Hunde und Katzen, und den Fraß mag ich nicht.«
   »Wie du willst.« Serge startete den Motor, blickte kurz in den Rückspiegel und gab Gas.
   Tagsüber war in diesem wohlanständigen, bürgerlichen Viertel nördlich der Diller nicht allzu viel los. Da arbeitete man in Döhlin, um die horrenden Mieten der Wohnungen in diesem Stadtteil bezahlen zu können, bummelte in der Fußgängerzone der lediglich drei Gehminuten entfernten City, oder gönnte sich ein Glas Champagner auf dem Rathausplatz und ergötzte sich an dem Blick auf Theater und Dom.
   »Dann fahren wir halt zur Erbsensuppe. Da hast du so richtig gutes deutsches Gammelfleisch drin.«
   Sie einigten sich schließlich auf einen Italiener, der auch vegetarische Pizzen anbot. Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit hatten Serge derartige Bemerkungen seines Partners noch aufgeregt, und er hatte versucht, mit ihm darüber zu diskutieren. Bis er bemerkte, dass für Schorsch der halbe Spaß darin bestand, zu beobachten, wenn er hochging wie eine Rakete. Also hatte er es gelassen. Seitdem kamen sie gut miteinander aus. Sie tranken zwar in ihrer kargen Freizeit kein Bier miteinander, doch obwohl sie so unterschiedlich waren, vertrauten sie einander. Und auch die Wellenlänge stimmte zwischen ihnen. Dies war nicht gering zu schätzen, denn sonst redete man irgendwann nur noch aneinander vorbei und kaute lediglich immer wieder Fakten durch. Aber in verzwickten Fällen wie diesem gelangte man todsicher an den Punkt, an dem alle Tatsachen auf dem Tisch lagen. Dann ging es um etwas anderes, um Intuition, um Gespür für eine Situation oder eine Person.
   Serge bog auf den Dillerdamm ein. »Glaubst du der Wagner?«, fragte er, während er einen Van, vollgestopft mit Kindern, überholte, die ihnen entweder die Zunge herausstreckten oder ihnen einen Vogel zeigten und sich prächtig amüsierten.
   »Was meinst du? Dass sie überhaupt nichts bemerkt haben will an dem Abend, als ihr Mann starb?«
   »Hm.«
   Sie überquerten die Diller. Hier rotteten noch die alten Industrieanlagen am Südufer des Flusses vor sich hin, deren marodem Flair er sich kaum zu entziehen vermochte. Rostige Kräne stachen in den Himmel und Berge von überwuchertem Schutt, Stahl und sonstigen Relikten vergangener Industrieherrlichkeit dominierten das Gelände, das die Stadt seit Urzeiten sich selbst überließ – bis eines schönen Tages wie aus dem Nichts ein Großinvestor auftauchen würde, das Areal für eine Summe weit unter Wert erwarb und es mit Apartmentkomplexen zupflasterte. Da fand Serge die rostigen Kräne eindeutig reizvoller.
   Er nahm die nächste Ausfahrt, während Georg bedächtig den Kopf schüttelte.
   »Das Mädel spielt seine Blödheit zwar nicht, es ist schlicht und ergreifend saudumm, aber so dämlich, wie die Frau sich uns gegenüber gegeben hat, ist sie nun auch nicht. Der glaubt nicht einmal die eigene Oma«, fasste er seine Überzeugung mit Georg-typischen Worten zusammen. »Ich halte die Wagner zwar für schmerzhaft naiv, aber auch solche Geisteskrüppel besitzen schließlich zwei Ohren. Dazwischen muss sich ja nicht allzu viel abspielen, aber taub ist das Mädchen nicht. Und genau so tut sie. Denn auch wenn der Mörder einen Schalldämpfer benutzte, macht so eine Waffe doch nicht einfach leise Plopp, wenn sie abgefeuert wird. Das gibt es nur im Fernsehen.«
   Sie passierten eine Reihe von Dönershops, Imbissen und Ramschläden für Klamotten. Die Straße war eng und nicht sehr sauber, man parkte in der zweiten Reihe, und es stank. Er hielt an der Ecke vor dem Italiener, hechtete durch den Regen und bestellte für Georg und sich zwei Pizzen und zwei Dosen Diät-Cola. Wenig später standen sie leicht vornübergebeugt im Nieselregen und senkten ihre Zähne in den knusprigen Teig.
   »Du meinst also, sie lügt«, bohrte Serge mit vollem Mund nach.
   »Hmph«, bestätigte Georg ebenso undeutlich.
   »Aber zwischen ihrem Schlafzimmer und seinem Büro liegen zwei weitere Zimmer, und so ein Western ist an manchen Stellen wirklich laut. Da kann es doch durchaus sein, dass sie weder den Schuss noch die Türklingel gehört hat.«
   »Wenn der Mörder überhaupt geklingelt hat. Vielleicht rief er ja auch vorher an, und Wagner erwartete ihn bereits in der offenen Tür. Oder Täter und Opfer waren schon seit einer Woche verabredet. Aber das meine ich nicht. Weißt du, ich glaube einfach nicht, dass sich eine solche Madame wie die Wagner einen Western auf DVD reinzieht. So was findet die doch zum Gähnen langweilig.« Er rülpste leicht und bohrte mit dem Finger im Mund. »Mist. Sitzt zwischen den Zähnen. Wo war ich? Ja. So eine Art von Frau – wer heißt denn allen Ernstes Dietlind – steht garantiert auf so’n Schnulzenzeugs, bei dem sie vor Rührung in ihr Kissen schluchzt, weil sich die beiden Süßen am Schluss immer kriegen.«
   »Das weißt du doch gar nicht«, sagte Serge, »das ist reine Spekulation.« Manchmal gingen ihm Georgs gesammelte Vorurteile immer noch gewaltig auf die Nerven.
   »Stimmt, Kleiner, recht hast du. Ich weiß es nicht. Aber ich habe so meine Erfahrung. Und außerdem ist die Sache mit den getrennten Schlafzimmern schon komisch. In der Bibel steht es jedenfalls anders.«
   »Das finde ich nicht. Wagner musste halt viel arbeiten und wollte sie nicht immerzu stören, wenn er später ins Bett kam. Das ist doch sehr rücksichtsvoll.«
   »Stimmt. Und da liegt der Haken, denn das passt nicht zu Dr. Moritz Wagner. Der war nicht rücksichtsvoll. Der nahm sich, was ihm zustand. Da hilft auch keine Frauenbewegung.«
   Serge verzog das Gesicht. »Du meinst, er hat sie …«
   Georg zuckte mit den Schultern und stieß einen Schnalzlaut aus. »Wenn der Druck auf den Füller zu groß wurde, ist er mit Sicherheit auch nach getaner Arbeit noch zu ihr rübergegangen und hat auf seine ehelichen Rechte gepocht.«
   »Widerlich«, murmelte Serge. Er wagte sich nicht auszumalen, was Lotti in so einem Fall zu ihm gesagt hätte. Wahrscheinlich eine ganze Menge. »Aber es stimmt schon. Passen würde das zu dem Bild, das seine Frau ungewollt von ihm gezeichnet hat.«
   Der Regen hatte aufgehört, und ein leichter Dunst lag über der Straße, die sich mittlerweile wieder mit Fußgängern füllte. Mit einer Mischung aus Scheu und Neugier beobachtete Serge eine ältere, abgerissen wirkende Frau, die unauffällig die herumstehenden Mülltonnen inspizierte. Südlich der Diller gehörten die sogenannten Besserverdienenden eindeutig zu einer kaum wahrnehmbaren Minderheit. Hoffnung gab es hier genauso selten wie Grünanlagen, die zudem trotz zahlreicher städtischer Reinigungs- und Sozialprogramme ständig vermüllt waren. Die Mittelschicht hatte es deshalb bereits seit Jahrzehnten hinaus in die Natur vor die Tore der Stadt gezogen; der Döhliner Eigenheim- und Reihenhausgürtel besaß mittlerweile eine beachtliche Einförmigkeit und Größe. Wie auch der an der südlichen Stadtmauer gelegene Puff, der trotz Beschränkungen, Auflagen und Razzien zu Döhlin gehörte wie der Papst zu Rom.
   Georg schlürfte an seiner Cola, während Serge den Blick verlegen abwandte, als die alte Frau zu ihnen herübersah.
   »Du meinst doch nicht, dass die Wagner ihren Mann ermordet hat, oder? Eine Frau wie die geht doch nicht hin, schraubt den Schalldämpfer auf ihre Ceska, die ihr vielleicht auch noch Mama besorgt hat, erschießt ihren Moritz mit zwei Kugeln wie ein Profi, legt sich dann seelenruhig ins Bett und findet ihn offiziell erst am nächsten Morgen.«
   Georg schüttelte den Kopf. »Quatsch. Und einen Monat später spaziert sie zu Schickler und bringt den genauso um wie ihren Gatten, damit der erste Mord nicht so auffällt? Noch mal Quatsch. Aber sie weiß etwas. Und sie ist sich durchaus bewusst, dass gerade die Information, die sie so sorgfältig verschweigt, für uns von Bedeutung sein könnte.«
   Serge schwieg eine ganze Weile. Die alte Frau war wie vom Erdboden verschluckt. »Wenn wir die innere Verbindung zu dem Mord an Schickler hätten, hätten wir das Motiv, und beide Fälle wären gelöst«, meinte er schließlich.
   »Und morgen geht die liebe Sonne wieder auf und alles wird gut. Wie in einem Heimatroman. Wie findest du eigentlich unsere Victoria?«
   »Oh, sie ist okay, denke ich. Vielleicht noch ein bisschen unsicher in ihrem neuen Job, aber das wird sich schon geben.«
   Georg grunzte. »Mein Gott, Junge. Wir sind doch unter uns. Sie hat einen Knackarsch und ganz nette Titten, wenn man genau hinschaut. Ist dir das nicht aufgefallen?«
   »Schorsch!«
   Der zwinkerte ihm zu.
   »Sag’s nicht weiter, Kleiner, ja? Sonst gehe ich nächste Woche wieder Streife.«

4. Kapitel
Unter Druck

Was bildete sich dieser verdammte Wiehmer bloß ein? Hielt er sie etwa für eine Schießbudenfigur, die man nach Herzenslust herumschubsen durfte? Oder lediglich für eine vorübergehende Erscheinung als Chefin, die er getrost ignorieren konnte, wenn ihm danach war?
   Victoria spürte, wie ihr Blutdruck fontänengleich in die Höhe schoss, während sie mit den Fingerkuppen auf ihrem Schreibtisch herumtrommelte.
   Robert war gut in seinem Job, das wusste jeder im Präsidium. Trotzdem hatte sie so energisch, wie es die Situation zuließ, bei Bilbo gegen seine Teilnahme am Team protestiert.
   Er hatte sie lediglich spöttisch angesehen, die vollen Lippen geschürzt und den Kopf geschüttelt. »Ich habe zwar keine Ahnung, was da zwischen euch läuft oder steht, aber es ist mir egal. Ich erwarte von meinen Mitarbeitern, dass sie private Ressentiments hintenanstellen, und gebe Ihnen den kostenlosen Rat, mit Robert Wiehmer auf der professionellen Ebene gut auszukommen. Haben wir uns verstanden, Frau Boll?«
   Sie hatte die Zähne zusammengebissen und genickt. Dabei war ihr nicht entgangen, dass Bilbo die kleine Szene genoss.
   Dreckskerl. Victoria wusste nicht, ob sie in diesem Moment Bilbo oder Robert meinte. Acht Uhr dreißig war jedenfalls abgemacht, und daran hatte er sich zu halten.
   Sie schlug die Akte Schickler auf, sprang dann jedoch auf, um ein Fenster zu öffnen. Ihr Büro war zwar relativ gemütlich, aber auch sehr klein. Unter Platzangst durfte man bei der Döhliner Polizei nicht leiden. Für einen Augenblick blickte sie auf den kahlen Hof hinunter, der bis auf zwei Kollegen in Uniform leer war. Sie hatten ihre Jacken ausgezogen, saßen auf der einzigen Bank in der Sonne und unterhielten sich angeregt.
   Sie musste Wiehmer natürlich noch wegen seines Verhaltens bei Lena Schickler zur Rede stellen. Es ging schlichtweg nicht an, derart vertraulich mit einer Zeugin – und eventuell sogar potenziellen Mörderin – zu plaudern. Außerhalb des Präsidiums existierte Bilbo einfach nicht. Da hieß er für alle, auch für den begnadeten Kriminaloberkommissar Robert Wiehmer, Dr. Dr. Heinz Renneisen, Leitender Kriminaldirektor der Stadt Döhlin. Und damit basta!
   Victoria zerrte ihre Armbanduhr vom Handgelenk und schüttelte sie argwöhnisch. Er war bereits über zwanzig Minuten überfällig. Wenn er im Stau steckte, was sich allerdings mit etwas Überlegung durchaus vermeiden ließ, könnte er jedenfalls anrufen. Das wäre professionelles Verhalten, alles andere war unentschuldbar und verriet gnadenlos den Stümper.
   »Mistkerl!«
   Stefanie steckte den Kopf zur Tür herein.
   Nach dem Gespräch mit Lena Schickler hatte Victoria ihr den Auftrag erteilt, sich im Internet über die Neonazi-Szene der Bundesrepublik schlauzumachen. Sie schien ihre Verstimmung nicht zu bemerken.
   »Guten Morgen«, grüßte sie fröhlich. »Hast du das Protokoll über die Befragung von der Schickler da? Ich will mir noch einmal kurz ansehen, was die Stiefmutter über diesen Benno Frommer gesagt hat. Vielleicht finde ich außer seinem Namen einen weiteren Hinweis.«
   »Kommst du denn überhaupt voran?« Victoria zwang sich, nicht vor Ungeduld und Frust wie Rumpelstilzchen hin- und herzuspringen.
   »Klar. Über die rechte Szene gibt es massenhaft Informationen im Netz. Die agieren mittlerweile weltweit und breiten sich da auch aus. Das ist vielleicht zum Teil ein krudes Zeugs.« Stefanie deutete auf die aufgeschlagene Akte auf Victorias Schreibtisch. »Ist es da drin?«
   »Ja. Aber mach dir Kopien von der Seite. Ich brauche sie gleich.«
   »Okay.« Stefanie griff nach dem Ordner, klemmte ihn sich unter den Arm und verschwand leise vor sich hinsummend. Es klang, als wäre sie ausgesprochen zufrieden mit sich. Jedenfalls schien ihre Laune entschieden besser zu sein als ihre eigene.
   In einer Viertelstunde hatte sie den Termin mit Wagners Kollegen drüben im Gerichtsgebäude. Wenn Wiehmer es bis dahin nicht für nötig hielt, aufzutauchen …
   »Voilà! Hier hast du die Akte zurück.« Stefanie huschte bereits wieder zur Tür.
   »Moment! Sind Serge und Georg schon unterwegs?«
   Die Kollegen sollten die Putzfrau der Schicklers sowie deren Freunde befragen.
   Stefanie stoppte mitten im Schritt und drehte sich um. Sie musste wirklich Stunden beim Friseur zugebracht haben, um sich so durchstylen zu lassen.
   »Äh, nein, also nicht direkt«, antwortete sie vorsichtig.
   »Und wieso nicht?« Victoria erhob sich und umrundete den Schreibtisch. »Und was heißt eigentlich nicht direkt?«
   Stefanie schien vor ihren Augen zu schrumpfen. »Na ja, Serge rief heute früh kurz an.« Sie zögerte. »Lotti geht es nicht gut. Sie kotzt immer wieder, und er befürchtet, sie fiebert sogar ein bisschen. Er macht sich wirklich Sorgen. Außerdem muss er natürlich nun die Kleinen zurechtmachen. Er ist in etwa einer Stunde da, hat er gesagt. Georg ist schon mal allein losgezogen. Er war überhaupt nicht sauer.«
   Victoria entwich ein Schnauben. Der war es vielleicht nicht. Aber sie! Sie war sogar stinksauer. Wie lauteten doch gleich Bilbos salbungsvolle und erbauende Worte, als er ausgerechnet sie mit der Leitung der Taskforce beauftragt hatte? Er tue dies, weil er sie als ausgeglichen und ruhig – ha! –, kompetent – na ja –, aber vor allem als fähig einschätze, mehrere Dinge gleichzeitig im Blick zu behalten. Er hatte etwas von »Multitasking« gefaselt, das ihr als Frau ja quasi im Blut läge. Hahaha! Er hatte ihr nicht verraten, dass die eigentliche Bewährungsprobe für so einen Job offenbar in der Führung der Mitarbeiter lag und nichts mit kriminalistischem Scharfsinn zu tun hatte.
   Sie entließ Stefanie mit einem Grunzlaut, und einen flüchtigen Moment erinnerte sie sich selbst an einen missgelaunten Bilbo. Dann schnappte sie sich ihre Jacke, griff nach ihrer Tasche, vergewisserte sich, dass sie Block und Stift dabeihatte, und verließ ihr Büro. Nicht nur Georg war in der Lage, allein zu arbeiten.
   Während sie in gerader Haltung den Gang zum Aufzug entlangmarschierte, nickte sie dem einen oder anderen Kollegen zu. Ihr Gruß wurde zwar erwidert, doch niemand sprach sie an. Sie fuhr hinunter in den dritten Stock.
   Die Brücke mit der Glasverkleidung, die das Döhliner Polizeipräsidium mit dem Gerichtsgebäude verband, funkelte in der Sonne wie ein Diamant. Einen ähnlichen Wert besaß sie ja auch. Das Teil hatte ein Vermögen gekostet. Dafür war es entschieden praktischer, diese gefahrlose Verbindung nutzen zu können, als mit einem Haufen Akten im Arm die sechsspurige Rennstrecke überqueren zu müssen, die beide Gebäude voneinander trennte. Vor fünf Jahren hätte es dabei fast einen betagteren Richter erwischt, der, offenbar noch gefangen von einem juristischen Problem, die Straße betreten hatte, obwohl das Ampelmännchen quietschrot gewesen war. Er hatte sieben Wochen im Krankenhaus verbringen müssen und war anschließend gleich in Pension geschickt worden.
   Der stellvertretende Gerichtspräsident Dr. Armin Demuth residierte im siebten Stock. Es war zwei Minuten vor neun, als sie in seinem Vorzimmer erschien. Die gepflegte Sekretärin, eine Dame mit halblangen blonden Haaren und einem Lidschatten, der zwischen Dunkelblau und Dezentblau changierte, blickte hoch, als Victoria grüßte.
   »Ah, Frau Boll, nicht wahr? Nehmen Sie noch einen Moment Platz. Er hat gleich Zeit für Sie.«
   Sie wollte der Aufforderung gerade Folge leisten, als die Tür zum Allerheiligsten aufging und sich Armin Demuth mit einem jovialen Klaps auf die Schulter von einem gut aussehenden jüngeren Mann verabschiedete. Fragend blickte er zu seiner Sekretärin hinüber. Sie nickte in Victorias Richtung.
   »Das ist Frau Boll von der Kripo. Ihr Neun-Uhr-Termin.«
   »Ach ja. Natürlich. Bitte entschuldigen Sie, heute geht es etwas hektisch zu. Kommen Sie herein.« Während er ihr die Hand reichte, wandte er sich bereits wieder an seine Sekretärin. »Und sorgen Sie bitte dafür …«
   »… dass Sie nicht gestört werden. Selbstverständlich, Herr Dr. Demuth.«
   »Genau, Frau Strehle. Bitte.« Er legte Victoria eine Hand auf den Rücken und schob sie in sein Büro. »Bitte, Frau Boll.«
   Er deutete auf eine rustikale Sitzgruppe, und Victoria versank fast in einem der Ungetüme. Demuth maß an die zwei Meter, er kam aus diesem Polstergrab bestimmt elegant wieder hoch. Sie hingegen würde das nicht ohne Anlauf schaffen, und elegant würde es garantiert auch nicht aussehen. Victoria beschloss, das Problem anzugehen, wenn es so weit war.
   Demuth setzte sich ihr gegenüber, schlug die Beine übereinander und blickte sie ruhig an. Der Mann strahlte eine unerschütterliche Selbstsicherheit und Abgeklärtheit aus. Offenbar war er total mit sich im Reinen – oder er war ein geradezu begnadeter Schauspieler. Nein, er war Gerichtspräsident, und das fand er offenbar gut so.
   »Sie wollen mit mir natürlich über den armen Wagner sprechen.«
   Sie nickte.
   »Was wollen Sie also wissen?«
   »Alles«, entfuhr es ihr reichlich unprofessionell. »Aber erzählen Sie mir erst einmal, wie Sie ihn als Kollegen empfunden haben. Wir müssen uns ein umfassendes Bild von seiner Persönlichkeit und seinem Leben machen und …«
   »Ich verstehe. Moment.« Demuth legte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander und starrte Sekundenbruchteile ins Leere. »Sie meinen, ob er bei uns geschätzt wurde, oder ob man ihn nicht ausstehen konnte?«
   »Das sicher auch, ja.«
   »Aha. Ja. Sehr vernünftig. Aber Sie ermitteln ebenfalls in Richtung Straftäter, oder? Ich meine, bei der Verbindung zu dem Tod von Schickler liegt es auf der Hand, dass es in die …«
   »Natürlich tun wir das«, sagte Victoria barscher als beabsichtigt und beschloss, ihn noch ein wenig hinzuhalten. Meinte dieser Knabe, sie verstünde nichts von ihrem Job? Ob er das auch gefragt hätte, wenn sie ein Mann wäre?
   Rasch verbannte sie diesen ketzerischen Gedanken in den hintersten Winkel ihres Kopfes und blickte Demuth auffordernd an. Er begriff schließlich.
   »Also, Wagner war kein Leuteschinder. Er vertrat konservative Ansichten und erwartete von jedem seiner Mitarbeiter Zuverlässigkeit, Achtung und Pünktlichkeit, wenn das überhaupt konservativ zu nennen ist. Aber soweit ich das mitbekommen habe, respektierte man ihn dafür.«
   Victoria schwieg.
   »Allerdings mischte sich in diesen Respekt auch so etwas wie Distanz. Mit Wagner ging niemand nach dem Dienst ein Bier trinken, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er war nicht der Typ dafür, und außerdem blieb er immer länger im Büro als die anderen. Er war äußerst zielstrebig, seine Karriere lag ihm offenbar sehr am Herzen. Na ja, er war ja noch jung.«
   »Mochten Sie ihn?«
   Demuth schien irritiert zu sein über diese Frage, denn er schwieg einen Moment. »Nein, wenn ich ehrlich bin, nicht«, antwortete er schließlich betont sachlich. »Er war mir zu ernst, in seinem Leben spielte anscheinend nur der Job eine Rolle. Der Mann besaß kein Privatleben oder Interessen, die über das Juristische hinausgingen. Nein, ich mochte ihn nicht. Aber das spielt doch für Ihre Ermittlungen keine Rolle.«
   »Wohl nicht.«
   »Ich habe mit Wagner trotzdem vertrauensvoll zusammengearbeitet. Von meiner Seite aus gab es weder Neid noch Konkurrenzdenken, falls Sie das meinen. Ich geriet mit ihm des Öfteren wegen unterschiedlicher Auffassungen bei diversen Kasus aneinander. Aber das waren rein juristische Fragen, über die wir in aller Sachlichkeit diskutierten.« Demuth beugte sich vor. »Und wir sind … waren beide gestandene Männer. Da reagiert man doch erheblich besonnener und traktiert den anderen nicht gleich mit der Dachlatte, wenn der eine abweichende Meinung vertritt.«
   Victoria stimmte ihm innerlich zu. Tobende und ausrastende Staatsanwälte gehörten bestimmt nicht nur in Döhlin zu einer verschwindend kleinen Minderheit. »Hatte Moritz Wagner beruflich eigentlich viel mit dem Polizeipräsidenten Schickler zu tun?«
   »Nicht dass ich wüsste. Nein.« Demuth schüttelte bedächtig den Kopf. »Das hat sich alles im normalen Rahmen abgespielt. Aber Wagner besprach natürlich nicht alles mit mir oder einem Kollegen. Wir informieren uns im Regelfall nur sporadisch. Das ist durchaus üblich. Doch wenn sich an Schickler und Wagner nicht ein Wahnsinniger ausgetobt hat, bei dem die Erforschung der Motivlage unerheblich ist, dann müssen Sie an anderer Stelle ansetzen. Mir gegenüber hat Wagner jedenfalls nichts von irgendwelchen dienstlichen Vorkommnissen oder wie man es sonst formulieren sollte erwähnt, die den normalen Rahmen gesprengt hätten und eine mögliche Verbindung zwischen ihm und Schickler herstellen könnten.«
   Sie nickte. Trotzdem wollte sie diesen Aspekt noch nicht völlig aufgeben. »Existierten Ihres Wissens private Kontakte zwischen den beiden Männern?«
   »Nein. Davon weiß ich nichts. Man traf sich selbstverständlich auf den üblichen Empfängen, zu Vorträgen et cetera pp. Aber soweit ich weiß, haben Wagner und Schickler nicht zusammen Squash gespielt oder abends noch bei einer Flasche Rotwein zusammengehockt.«
   Victoria zuckte zusammen, als Demuth unvermutet einen merkwürdigen Ton von sich gab, der wohl Heiterkeit signalisieren sollte.
   »Sehen Sie, fachlich und auch menschlich waren die beiden wie Feuer und Wasser. Schickler war ein überzeugter Liberaler, Wagner hingegen ein genauso überzeugter Konservativer. Schickler drückte manchmal ein Auge zu, wenn etwas schiefging, Wagner hingegen kannte kein Pardon. Nein, bei näherer Bekanntschaft wären zwischen diesen beiden Männern todsicher die Fetzen geflogen.«
   »Hm. Wagner hat niemals etwas verlauten lassen? Dass er sich vor etwas oder irgendjemandem fürchtete, weil …«
   »Er hat seinen Mörder doch selbst ins Haus gelassen«, fiel ihr Demuth mit gerunzelter Stirn ins Wort. »Also muss er ihm vertraut oder ihn zumindest gekannt haben.«
   »So sieht es aus, ja«, gab sie widerwillig zu, »wir überprüfen das noch. Manches scheint dermaßen klar zu sein, dass man nichts hinterfragt. Genau da liegt der Fehler.«
   Demuth zog die Augenbrauen hoch, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars.
   Eine Weile war es still im Zimmer. Victoria lauschte. Die tüchtige Sekretärin war offenbar gerade dabei, ihren Herrn und Meister wie befohlen abzuschirmen. Denn mehrmals klang ein gedämpftes »Nein« durch die dicke Tür, gefolgt von einem »… im Augenblick unmöglich«.
   »Hörten denn die Ehefrauen nichts?«, erkundigte sich Demuth plötzlich gereizt. »Schickler und Wagner haben sich bestimmt nicht lautlos wie Lämmer abschlachten lassen.«
   »Sie leisteten beide keine Gegenwehr.«
   »Aber das gibt es doch nicht! Wagner war kein Feigling. Er hätte sich bestimmt mit allem, was er hatte, gewehrt und …«
   »Hat er aber nicht«, sagte Victoria. »Die Ergebnisse der Spurensicherung sind eindeutig.«
   »Ich verstehe das nicht.«
   »Es ist so manches merkwürdig an diesen Fällen.«
   Demuth stutzte. »So scheint es.«
   Victoria hatte das unangenehme Gefühl, dass er mit dieser Bemerkung auch sie und die Taskforce mit einbezog. Entschlossen verdrängte sie diesen Gedanken. Für Selbstzweifel war keine Zeit. »Können Sie mir Namen anderer Kollegen geben, die möglicherweise Näheres wissen?«
   Sie verfügte bereits über eine Liste, doch sie legte Wert darauf, zu erfahren, wen Demuth ihr nannte.
   Er ratterte, ohne zu zögern, mehrere Namen hinunter.
   »Danke.«
   Demuth warf einen verstohlenen Blick auf seine Uhr.
   Victoria ignorierte ihn. »Kennen Sie eigentlich Benno Frommer, Schicklers Sohn aus erster Ehe?«
   Demuth verharrte. Es war nur für einen Wimpernschlag, doch ihr entging seine Reaktion nicht. Offenbar hatte er allen Ernstes gedacht, sie würde ihn nie fragen.
   »Mit dem Jungen hatte Hans-Werner nicht viel Glück. Nein, gekannt habe ich ihn nicht. Aber ich weiß, dass er ihm nur Probleme bereitete.«
   »Ja, so lauten auch unsere Informationen. Benno Frommer dealte und stahl, was nicht niet- und nagelfest war, und das scheint nur die Spitze des Eisberges zu sein.«
   Demuth wartete.
   »Hatte Moritz Wagner Ihres Wissens beruflich mit dem Jungen zu tun?«
   »Soweit ich weiß, nicht.«
   »Sind Sie sicher? Haben Sie das recherchiert?«
   »Ich setzte einen unserer jungen zuverlässigen Referendare auf den Fall an.«
   »Das Ergebnis ist eindeutig?«
   »Ja. In beruflicher Hinsicht war Benno Frommer für Wagner ein Fremder.«
   Victoria überlegte nicht lange. »Und privat? Der junge Schickler mischt nach unseren Erkenntnissen seit Kurzem in der rechtsradikalen Szene mit. Unterhielt Wagner Ihres Wissens irgendwelche Verbindungen dorthin?«
   Demuth gab einen Laut von sich, der Ungläubigkeit und Empörung zugleich ausdrückte. »Wagner war Oberstaatsanwalt«, bemerkte er sehr distanziert. Für ihn schien damit alles gesagt.
   »Das macht ihn nicht automatisch immun gegenüber solchen Parolen.«
   Demuth erwiderte nichts.
   »Sie sagten selbst, dass Wagner äußerst konservative Ansichten vertrat«, bohrte sie weiter.
   »Aber das ist doch etwas völlig anderes!«, protestierte er schockiert. »Das kann man doch nicht vergleichen!«
   »Nein? Manchmal sind die Übergänge aber schon fließend, nicht wahr?« In dem Gefühl, wenigstens einen Teilsieg errungen zu haben, erhob sich Victoria, nickte dem verdatterten Demuth zu, bedachte die Sekretärin im Vorzimmer beim Hinausgehen mit einem kurzen Gruß und verließ das Gerichtsgebäude.