Drei alte Freunde, wieder vereint. Und ein vierter, der Rache will. Wien, mitten in den achtziger Jahren: Für Chefinspektor Robert Weiss beginnt eine Reise in die Vergangenheit, als er zu einem Tatort gerufen wird und den dort liegenden Toten als seinen langjährigen Freund erkennt. Der Vorfall verbindet ihn mit einem weiteren Jugendfreund. Auf der Suche nach Antworten kommen sie einem alten Bekannten gefährlich nahe. Dieser ist davon besessen, sich für einstige Demütigungen zu rächen und treibt im düster-herbstlichen Wien sein Unwesen.

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ISBN: 978-9963-53-885-0

Seiten: 152

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Astrid Amadori

Astrid Amadori
Astrid Amadori wurde 1977 in Darmstadt/Deutschland geboren. Sie studierte Kunst mit Schwerpunkt Illustration und wanderte 2006 nach Wien aus, um sich beruflich zu verwirklichen. Als Illustratorin veröffentlichte sie erfolgreich ein Tarotkartenspiel, erstellte unzählige Motive für Werbung und Buchcover für Verlage. Als Schriftstellerin verfasste sie Kurzgeschichten und bisher drei Romane. Sie lebt noch heute mit ihrem Mann und zwei Kindern in Wien und ist derzeit Doktorandin an der dortigen Universität für angewandte Kunst.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Ich sag euch, es gibt wirklich Biber hier!«, beharrte der junge Blondschopf und zog noch einmal an seiner Zigarette.
   Die beiden anderen sahen ihn an und grinsten. Einer leerte sich den letzten Rest Ottakringer Bier in den Mund, gurgelte und schmiss die Flasche in das dunkel dahinströmende Wasser des Donaukanals. »Umweltverschmutzer«, grunzte er.
   Die drei Jungs hatten sich nachmittags hier getroffen, um in Ruhe zu rauchen, Bier zu trinken und die Zeit bis zum Abend totzuschlagen. Am Donaukanal nahe der Rotundenbrücke konnte man, wenn keine Fischer den Platz besetzten, ungestört herumlungern und machen, was man wollte. Jetzt war es jedoch schon fast dunkel, und es wurde ziemlich kalt.
   Der Blondschopf brach einen Ast vom niedrigen Ufergebüsch und stocherte damit im Wasser herum. »Ist doch eh nur Müll hier drin. Aha, ich hab schon was erwischt!« Er hatte etwas Unförmiges mit dem Stock aufgespießt und zog es heraus. »Eine … es ist eine …« Er sah entsetzt auf sein Fundstück.
   Der Junge, der die Bierflasche geworfen hatte, stand langsam auf, traute sich aber nicht näher heran. »Eine Hand«, flüsterte er.
   Der Blondschopf ließ augenblicklich den Stock auf den steinigen Boden fallen, wo er mitsamt dem Fundstück wieder in Richtung Wasser rollte.
   Die beiden Jungen standen da und sahen entsetzt zu.
   Da erhob sich der dritte, ging lässig hinüber zu dem Fang, begutachtete ihn und lachte. »Mann, das ist die Hand von ’ner Schaufensterpuppe. Seid ihr jetzt total deppert?«
   Betretenes Schweigen.
   Trotzdem traute sich keiner mehr, den Stock oder gar die Hand anzufassen. Beides wurde über Nacht weggeschwemmt, als der Wasserpegel durch den einsetzenden Herbstregen stieg.
   Aber nur einige Meter weiter verfing sich in dieser Nacht tatsächlich jemand im Ufergebüsch. Langsam strichen Finger unter Wasser dahin, ganz sanft hakte sich ein dünner Ast in ein Hosenbein, und dann endete Toni Ebners stille Reise am Ufer des Donaukanals. Der neununddreißigjährige Jurist war wenige Stunden zuvor im dunklen Wasser ertrunken, und erst am Nachmittag des folgenden Tages sollte sein Körper gefunden werden.

Kapitel 1

Robert stand in Mantel und Schuhen im Flur seiner Wohnung und sah betrübt zum halbdunklen Wohnzimmer hinüber. Dort saß seine Frau Sabine kerzengerade und reglos auf der Couch, den Blick zum ausgeschalteten Fernseher gewandt. Neben ihr lag bäuchlings ihre kleine Tochter – Katrin, sechs Wochen alt. Sie hatte den herzigen rosa Strampelanzug an, den Robert schon vor der Geburt gekauft hatte. Er war noch viel zu groß, aber trotzdem hatte Sabine ihn ihr angezogen. Das machte Robert stolz. Da lag nun das kleine Bündel, halb mit einer Häkeldecke zugedeckt, und bewegte im Schlaf kurz die Hand. Sabine jedoch blieb reglos.
   Robert sagte ganz leise »Bis nachher«, und als keine Antwort kam, verließ er auf Zehenspitzen die Wohnung.
   Draußen ließ sich sofort ein unangenehmer Nieselregen auf seinen neuen Mantel nieder. Robert fluchte leise. Er hatte fest vorgehabt, dieses Wochenende zu Hause bei Frau und Kind zu bleiben, in der Hoffnung, es würde irgendetwas bringen. Aber als am späten Nachmittag der Anruf aus dem LKA kam, dass eine Leiche beim Donaukanal gefunden worden war, wurde er offiziell erlöst und konnte gehen. Trotzdem plagte ihn das schlechte Gewissen, und er verzog das Gesicht, als er in sein Auto stieg. Dann auch noch Regen. Der Herbst war vorbei, und man musste sich mit dem Winter abfinden. Im Geiste hörte Robert die Wiener sich erst über den Schnee beschweren, dann über die Schneeschmelze und dann wieder über die unerträgliche Sommerhitze. Er seufzte.
   Die Fahrt vom zweiten Wiener Bezirk Leopoldstadt zum Donaukanal dauerte nur kurz. Robert parkte und ging die Treppen neben der Rotundenbrücke hinunter zum Wasser. Den abgesperrten Fundort sah man schon von Weitem. Mitarbeiter der Spurensicherung in ihren weißen Overalls gingen umher. Gerichtsmediziner Dr. Kruger war bereits da und unterhielt sich angeregt mit einem Mitarbeiter der Spurensicherung. Jemand stellte Scheinwerfer auf und rollte ein Stromkabel bis zu einem mobilen Aggregat. Schaulustige gab es aufgrund des Wetters wenige. Ein Mann mit einem traurig anmutenden Basset stand beim Absperrband, daneben zwei ältere Damen. In zweiter Reihe eine Gruppe schamlos neugieriger Touristen, deren verregneter Spaziergang an der Donau nun doch noch interessant wurde.
   Das Flutlicht wurde eingeschaltet, und sofort warfen sich pechschwarze Schatten über den grell erleuchteten Untergrund. Robert blieb kurz stehen und ließ das Bild auf sich wirken. Von Weitem sah er die Leiche, zugedeckt mit einem weißen Tuch. Nur die Füße schauten heraus. Man hatte bei dem Mann eine Geldbörse und einen Autoschlüssel gefunden, so viel hatte man ihm am Telefon bereits mitteilen können. Angeblich gab es keine auf den ersten Blick sichtbaren äußeren Verletzungen. Eventuell ein Selbstmörder.
   »Nicht in den teuren Schuhen«, dachte Robert, immer noch auf Abstand bleibend. Er drehte sich nach links und sah flussaufwärts auf das dunkle Wasser.
   »Weiss!«, rief Dr. Kruger ihn, und Robert drehte sich wieder zum Tatort.
   Jetzt musste er hin. Er ging die restlichen Treppen hinunter auf den schmalen Trampelpfad zum Ufer, wo Dr. Kruger mit locker ausgestrecktem Arm auf die Leiche zeigte. Krugers furchiges Gesicht sah im Scheinwerferlicht besonders steinern aus, dabei war er erst Mitte fünfzig.
   »Der Mann hier hat seinen Ausweis dabeigehabt, können Sie also alles nachlesen. Todeszeitpunkt ist mindestens zwölf Stunden her, viel länger als ein paar Tage aber auch nicht. Er sieht noch ganz gut aus, auch das Gesicht ist bis auf ein paar Schleifspuren vom Herumtreiben unbeschädigt. Ich bin mir fast sicher, dass er ertrunken ist. Wir wollten ihn gleich einpacken und mitnehmen. Aber schauen Sie sich erst mal um, Chefinspektor.« Kruger machte einen großen Schritt und verschwand im Halbdunkel außerhalb des Lichtkegels.
   Wie auf Kommando beugte sich ein Assistent der Spurensicherung hinunter und hob das Leichentuch an.
   Roberts Mund zuckte. Kommentarlos blickte er auf den Toten, dann nickte er dem Assistenten zu, und die Leiche wurde wieder bedeckt.

Robert schob die Hände in die Taschen. Er umrundete den Fundort, wechselte ein paar Worte mit der Spurensicherung und ging die Böschung hinauf zum Spazierweg, der den Donaukanal entlangführte. Er hielt die Lippen die ganze Zeit aufeinandergepresst, bis ein Hustenanfall seine Fassung brach. Er war froh, dass er es geschafft hatte, sich nichts anmerken zu lassen. Als ihm das fahle, geschwollene Gesicht seines ehemaligen Freundes Toni Ebner präsentiert worden war, hatte er eine Weile gebraucht, um anzunehmen, was er dort sah. Zeitgleich kam jedoch reflexartig der Befehl seiner Ratio, nichts zu sagen, nichts zu tun, noch nicht einmal seinen Gesichtsausdruck in irgendeiner Weise zu verändern.
   Toni, eigentlich Anton, hatte seit über zwanzig Jahren zu seinem Freundeskreis gehört. In den letzten Jahren hatten sie sich zwar nur noch selten gesehen, aber das würde trotzdem ausreichen, um ihn von den Ermittlungen abzuziehen.
   Es gab daher nur eine einzige wichtige Sache sofort zu erledigen: Tonis Frau Christiane zu erreichen, bevor es jemand anderes tat. Danach müsste er den engen gemeinsamen Freund Alexander Hirschegger benachrichtigen.
   Robert ging wieder hinunter zum Fundort. »Wo ist denn Kontrollinspektor Maier?«, fragte er in die Runde.
   Es wurde mit den Schultern gezuckt.
   Nur Kruger drehte sich um und antwortete. »Ach ja. Ich soll ausrichten, dass er schon ins LKA ist und danach zur Witwe fährt.«
   Robert ballte die Faust und presste wieder die Lippen aufeinander. Er schluckte seinen Frust hinunter. »Wann ist er denn los?«, fragte er so ruhig wie möglich.
   »So vor einer Viertelstunde«, sagte Kruger.
   Robert drehte sich ohne ein Wort um und ging querfeldein die Böschung hinauf. Als er außer Sichtweite war, sprintete er zu seinem Auto und fuhr auf schnellstem Weg zum Landeskriminalamt.

Es war schon fast dunkel, und im LKA herrschte noch einigermaßen Ruhe. Erst am Abend würde es voller werden – Samstagabend spielten die Leute in Wien ab und zu einfach verrückt. Das schlechte Wetter war jedoch ein Garant dafür, dass es an diesem Tag vielleicht nicht so viele Einsätze werden würden wie sonst. Bei Regen blieben auch die Problemverursacher zu Hause.
   Robert wartete nicht auf den Aufzug, sondern rannte die Treppen hoch bis in den zweiten Stock und verfiel in zügiges Gehen, bis er Maiers Tisch erreicht hatte. Der Stuhl war leer, nur ein paar Akten lagen auf dem Tisch. Revierinspektor Unterberger, der Assistent der Gruppe, stand mit einem Ordner Fotos neben dem Regal.
   »Wo ist …«
   »Der ist eine schlechte Nachricht überbringen gefahren. Soll ich Ihnen ausrichten. Er meinte, sie wüssten dann Bescheid.«
   Robert platzte der Kragen. Er trat gegen den unter dem Tisch hervorschauenden Mülleimer, sodass dieser zu einem Aktenschrank geschleudert wurde, scheppernd umfiel und Büromüll auf dem Boden verteilte. Unterberger zog den Kopf ein und tat so, als würde er weiter die Fotos sortieren. Robert ging in sein Büro, streifte den Mantel ab und warf ihn neben dem Kleiderständer auf den Boden.
   Er ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und massierte seine Schläfen, dann erhob er sich wieder und hängte den Mantel auf. Er konnte jetzt nicht gleich bei Tonis Frau anrufen. Falls Maier bereits dort war, würde sie eh nicht abheben. War Maier aber noch nicht da, konnte Robert ihm am Telefon trotzdem nicht zuvorkommen. Er wusste, dass man eine solche Nachricht nur persönlich überbringen durfte. Er trat wieder zu, diesmal gegen seinen eigenen Mülleimer, der jedoch nur leer durchs Zimmer rollte.
   Jetzt musste er auf Maier warten. Dann noch weitere Stunden auf Dr. Krugers schriftlichen Vorab-Bericht. Zu tun wäre an diesem Abend wohl nichts mehr.
   Er dachte kurz nach und wählte die Nummer seines Freundes Alexander Hirschegger.

*

Alexander saß in seinem BMW. Als er bemerkte, dass ihm die Hände zitterten, umgriff er fest das Lenkrad. Er war unglaublich wütend, musste jedoch irgendwie den professionellen Schein wahren. Man hatte ihn am Grenzübergang von der Tschechoslowakei nach Österreich überraschend aufgehalten. Es war Samstagabend, er wollte nach einer ereignisreichen Woche einzig und allein nach Hause zu seiner Familie.
   Er war aus der Kolonne wartender Autos herausgewinkt worden und hatte auf dem Seitenstreifen parken müssen. Ein Grenzbeamter hatte seine Papiere kontrolliert und war damit in seinem Büro verschwunden. Sein Kollege hatte den Wagen durchwühlt und mit seinen dreckigen Schuhen Abdrücke auf Alexanders neuen Fußmatten hinterlassen. Innerliche Weißglut und ein langsam lauter werdender Pfeifton im rechten Ohr waren die Folge. Man hatte in seinem Auto nichts Verdächtiges gefunden, also hatte sich Alexander wieder auf den Fahrersitz gesetzt und gewartet. Seit fast einer Dreiviertelstunde saß er nun da und kochte vor Wut.
   Er lebte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Wien, aber seine Firma und sein Wohnsitz waren in Bratislava gemeldet. Das sparte ihm jährlich ein Vermögen an Steuern. Nur das ständige Überfahren der Grenze und sein österreichischer Pass bargen die Gefahr, einmal aufgehalten und überprüft zu werden, was mit unangenehmen Nachforschungen enden konnte.
   Ein tschechoslowakischer Polizeiwagen, etwas rostig und vorn mit einer Delle im Kotflügel, kam neben Alexanders Auto zum Stehen, und zwei Polizisten stiegen aus. Sie begrüßten den Grenzbeamten lachend, kannten sich offenbar. Es wurden ein paar Worte ausgetauscht, dann zeigte der Grenzbeamte auf Alexander und wurde ernst. Die Polizisten hörten zu, nickten, dann öffnete einer der beiden einfach die Fahrertür und befahl ihm, auszusteigen.
   Alexander stöhnte und rollte demonstrativ mit den Augen. Betont langsam stieg er aus.
   Der Grenzbeamte hielt die Hand auf. »Klí!«
   Er wollte den Autoschlüssel. Alexander blickte ihn entsetzt an und schüttelte den Kopf.
   Die beiden Polizisten kamen einen Schritt näher, der eine packte sein Handgelenk und sah ihm herausfordernd in die Augen.
   Schwer durchatmend gab Alexander seinen Autoschlüssel ab.
   Er wurde unsanft auf den Rücksitz des Polizeiwagens gesetzt, und man fuhr mit ihm in eine kleine Polizeistation in Petržalka in der Nähe des Grenzüberganges.
   Im Vorzimmer des heruntergekommenen einstöckigen Gebäudes saß eine junge Frau an einem Holztisch und mühte sich mit dem Farbband ihrer Schreibmaschine ab. Die beiden Polizisten begrüßten sie süffisant und brachten Alexander in ein kleines Nebenzimmer, in dem sich nur zwei Stühle, ein Mülleimer und ein Münztelefon befanden. Der eine Polizist setzte sich, der andere zeigte auf das Telefon und ging wieder ins Vorzimmer.
   Alexander vermied es, den Polizisten anzusehen, und kramte sämtliches Münzgeld aus seiner Hosentasche und Geldbörse.
   Alexanders Frau Cornelia nahm die Nachricht, am Grenzübergang festzuhängen, wenig überrascht entgegen. Auch sie hatte gewusst, dass seine Pendelei nicht für immer ohne Konsequenzen bleiben würde, aber sie machte sich nichts daraus. Stattdessen fiel sie ihm ins Wort. »Ich muss dir was sagen. Robert hat vorhin angerufen.« Cornelia schluckte hörbar. »Toni ist gestorben.«
   Toni. Der sollte tot sein?
   »Hallo? Bist du noch dran?«, fragte Cornelia.
   Er sagte erst nichts, dann gab er einen krächzenden Laut von sich, der signalisieren sollte, dass er verstanden hatte.
   »Ich muss Schluss machen, hab’s eilig. Ich ruf deinen Anwalt sofort an, mach dir keine Sorgen.«
   Alexander hörte das Klicken in der Leitung und war wieder allein mit sich und dem Polizisten. Er wusste, dass Cornelia seinem Anwalt Bescheid geben und dass dieser umgehend alle Hebel in Bewegung setzen würde, um ihn hier herauszuholen. Er wusste aber auch, dass das bis zum nächsten Morgen dauern würde. Cornelia würde derweil trotzdem mit ihren Freunden in die Stammdisco Take Five gehen, ebenfalls bis zum nächsten Morgen.
   Cornelia und er waren seit neun Jahren verheiratet und hatten zwei Kinder. Ihre Ehe basierte jedoch darauf, dass jeder tat, was er wollte.
   Vor einem Jahr hatte Alexander sogar einer Geliebten, die er seiner Meinung nach aus einem Bordell befreit hatte, eine Wohnung gemietet, und wollte sie auf die rechte Bahn bringen. Als sie jedoch nicht aufhörte, weiterhin in verschiedenen Etablissements zu arbeiten, erlosch Alexanders Interesse an ihr und sie trennten sich. Eine andere Dame bekam ebenfalls eine Wohnung von ihm, dort hielt er sich auf, wann immer Cornelia mit den Kindern bei ihren Eltern in Kärnten war.
   In dem kleinen Warteraum starrte Alexander auf die schmutzige Wand neben dem Münztelefon und überlegte, ob er seine aktuelle Geliebte anrufen sollte, verwarf den Gedanken aber. Er brauchte jemandem zum Reden, wollte aber nicht gleich sein Gesicht verlieren.
   Der andere Grenzpolizist kam wieder ins Zimmer hinein und unterbrach Alexanders Überlegungen. Er wurde ins Nebenzimmer geführt, wo man seine Fingerabdrücke abnahm. Nach einer Viertelstunde des Wartens legte man ihm Handschellen an und führte ihn wieder zu dem zerbeulten Polizeiwagen. Als Alexander gebeten wurde, einzusteigen, konnte er sich nicht mehr zusammenreißen. Er schrie die Polizisten an, die kurz vor ihm zurückwichen, dann aber zum Angriff übergingen. Sie packten ihn grob an Schulter und Schopf und drückten ihn auf die Rückbank des Wagens, wo Alexander fluchend sitzen blieb. Es hatte eh keinen Sinn.
   Auf der Fahrt ins nahe gelegene Amtsgebäude mit Verwahrungszellen, wo er die Nacht verbringen sollte, dachte er an seine Kinder. Er ärgerte sich, dass die Polizisten im Rückspiegel sahen, wie ihm eine Träne aus dem Augenwinkel lief.

*

Der Sonntag begann in Wien mit Hochnebel und trüber Stimmung. Robert war am Vorabend gegen dreiundzwanzig Uhr nach Hause gekommen und hatte Sabine und das Baby fast genauso vorgefunden, wie er sie verlassen hatte. Nur dass Sabine eine kleine Schreibtischlampe eingeschaltet hatte und der Fernseher leise lief. Sie hatte Katrin gerade gestillt und sich noch nicht einmal umgedreht, als Robert das Wohnzimmer betreten hatte.
   »Sabine, ich muss dir was sagen. Du musst nichts darauf antworten, ich will es dir nur mitteilen.«
   Er hatte die Hoffnung, Sabine würde irgendetwas erwidern, doch es war nicht einmal ein Nicken gekommen.
   »Toni ist gestorben.«
   Da hatte Sabine doch ein wenig den Kopf gedreht.
   »Die anderen glauben, dass er … dass er sich umgebracht hat.«
   Sabine hatte nichts darauf erwidert.
   »Was jetzt wichtig ist: Du darfst in der nächsten Zeit nicht erwähnen, dass wir befreundet sind. Waren. Mit ihm. Ich will so lang wie möglich dranbleiben. Denn der Meier übernimmt sofort, wenn rauskommt, dass wir Freunde waren. Ich weiß, du würdest eh nichts sagen, aber …«
   Weil es klar war, dass er die nächsten Tage ununterbrochen arbeiten würde, hatte Sabine ihn gebeten, sie am Morgen zu ihrer Mutter zu fahren, damit sie mit dem Baby dort bis Montag- oder Dienstagabend bleiben konnte.
   Sabines Mutter lebte in Maria Ellend, einem winzigen Dorf östlich von Wien. Während der halbstündigen Fahrt dorthin sagte Sabine keinen Ton, und Katrin schlief in ihrer Babyschale. Die leere Landstraße war gesäumt von Schlammpfützen und vergilbtem Gras. Robert versuchte überhaupt nicht mehr, ein Gespräch zu beginnen.
   In Maria Ellend angekommen, bogen sie in den viereckigen, matschigen Vorhof eines kleinen Hauses ein. Martha, Sabines Mutter, stand in einem grauen Kleid mit darübergebundener Schürze an der Tür.
   So weit war der Anblick noch ganz gewöhnlich, doch was das heruntergekommene Häuschen mit dem davor gesammelten Holz, Plastiktüten und leeren Dosen erahnen ließ, bestätigte sich im Inneren.
   Robert musste im Flur einige Stapel alter Werbezeitschriften zur Seite schieben, damit Sabine mit der Babytrage überhaupt hineinkam. Weiter hinten war der Flur noch mehr verbaut, also ließ er Sabines Koffer gleich neben der Tür stehen. Er legte seinen Mantel darauf ab und war dankbar, ihn nicht neben die staubbedeckten Kleidungsstücke an die Garderobe hängen zu müssen.
   Er versuchte, so lang wie möglich die Luft anzuhalten. Durch die geschlossene Tür der Toilette drang unerträglicher Gestank des Katzenklos in den Flur. Trotzdem war Robert froh, dass es die beiden Katzen gab. Dank seiner schlimmen Katzenhaarallergie konnte er nie länger als einen halben Nachmittag bei seiner Schwiegermutter bleiben. Er saß dann schläfrig und vollgepumpt mit Antiallergika auf der braunen Cordcouch und versuchte, sich halbwegs am Gespräch zu beteiligen. An seinem Kaffee und Wasser nippte er nur, da er den Gedanken nicht ertragen konnte, je einmal in diesem Haus die Toilette benutzen zu müssen.
   An diesem Sonntag jedoch hatte er noch nicht einmal seine Tabletten mitgenommen, denn Sabine wollte nicht, dass er blieb. Er machte ungefragt einen kleinen Rundgang durch das mit allem Möglichen vollgestopfte Haus und stellte sicher, dass wenigstens Sabines Zimmer ordentlich war. Und das war es. Martha hatte seine Bedingung, dass er Sabine und das Baby nur herbringen würde, wenn sie nicht im Dreck schlafen müssten, ernst genommen.
   Robert verabschiedete sich schweren Herzens, vor allem, als er seine Tochter sah, die gerade aufgewacht war und mit großen Augen durchs Wohnzimmer blickte. Er gab ihr einen Kuss auf die winzige Nase und vermisste sie bereits. Sabine küsste er auf die Wange und drückte ihre Hand ganz fest. Dann ging er hinaus, atmete dankbar die frische Luft ein und fuhr zum LKA.
   Wirklich wohl war ihm bei den Aufenthalten Sabines mit Katrin bei ihrer Mutter jedoch nicht, denn Martha hatte eine Vorgeschichte, die sie nicht gerade zur Großmutter des Jahres machte.
   Das kleine Dorf Maria Ellend war ein bekannter Wallfahrtsort. Es lag eine halbe Stunde Autofahrt entfernt von Wien und bestand aus einer Handvoll Straßen und um die tausend Einwohner. Die Attraktion des Ortes stellte die Lourdesgrotte dar.
   »Ein Wunder hat sich hier abgespielt – hier, bei uns!«, erklärte Sabines Mutter so gut wie jedes Mal, und man konnte fast denken, dass es sich um ein einigermaßen aktuelles Wunder handelte statt um den Fund einer Marienstatue im Mittelalter. Diese Statue sei der Überlieferung nach stromaufwärts die Donau geschwommen, was spielende Kinder berichtet hätten. Man hatte daraufhin recht bald ein Wunder ausgerufen und diesem zu Ehren eine Kapelle bauen lassen.
   Dreihundert Jahre später wurde dann die bis heute bestehende Wallfahrtskirche errichtet, und 1910 kam schließlich die Lourdesgrotte als Wallfahrtsort hinzu.

Sabines Mutter hatte kurz nach dem Tod ihres Mannes eine Vision gehabt, dass sie »Nah bei der Mutter Jesu« sein solle. Zumindest hatte sie die Worte »Mutter Jesu« in den bleigrauen Oktoberwolken, die sich bei der Beerdigung ihres Mannes über dem Zentralfriedhof getürmt hatten, lesen können. Durch den Anblick der Botschaft hatte sie einen Schock erlitten und war zitternd zu Boden gefallen. Man hatte sie ins Krankenhaus gebracht und sie tagelang ruhigstellen müssen. Danach blieb sie fanatisch religiös.
   Sie wohnte noch eine Weile in der Familienwohnung in Wien, gab dann die Wohnung auf, ohne Sabine Bescheid zu geben und kaufte das baufällige Knusperhaus in Maria Ellend. Sabines Bruder investierte endlose Wochenenden darin, das Haus zu sanieren, zu dämmen und von innen zu renovieren. Martha hauste bis zur Fertigstellung im einzig bewohnbaren Zimmer des Hauses, einer kleinen Kammer im ersten Stock, wo sie die meiste Zeit betete.
   In der Kirche kaufte sie sich immer neue christliche Utensilien, bis das kleine Regal in ihrem Zimmer vor Rosenkränzen, Kruzifixen und Amuletten mit Heiligenbildern überquoll. Während der Fastenzeit vor Ostern begann sie mit einer Selbstgeißelung, die Sabine, als sie die unterdrückten Schreie aus der Kammer hörte, unterbrach, indem sie ihrer Mutter die Forsythienzweige entriss, mit denen sie sich den Rücken blutig zu schlagen vorhatte. Martha geriet darüber so in Rage, dass Sabine den Notarzt rief, der Martha eine Valiumspritze verabreichte.
   Nach diesem Vorfall hatte sich Marthas religiöser Wahn ein wenig gelegt, und sie begann abends ab und zu den Fernseher einzuschalten und zu stricken. Tagsüber sortierte und sammelte sie viel.
   In Plastiktüten, die sie an die Türklinken hängte, sammelte sie all die Post, die sie von der Kirchengemeinde bekam. Im Flur sammelte sie Zeitungen und Prospekte. In der Küche Glasflaschen und Katzenfutterdosen, denn zwei streunende Katzen waren bei Martha eingezogen und fühlten sich sichtlich wohl dort. Wann immer Sabine zum Saubermachen vorbeikam, endete der Nachmittag in einem Streit, denn Martha wurde fuchsteufelswild, wenn man etwas von ihrem Eigentum wegwerfen wollte.
   Nachdem Sabine eines Nachmittags festgestellt hatte, schwanger zu sein, besuchte sie Martha nur noch alle zwei Wochen. Davon, dass sie Großmutter wurde, erfuhr Martha erst im Sommer, als sich Sabines Bauch nicht mehr verdecken ließ.
   »Na ja, ihr habt euch ja Zeit gelassen«, hatte sie gemurmelt, und bloß aus den Augenwinkeln vom Fernseher weg auf Sabines Bauch geblickt. Mehr war damals nicht von ihr gekommen.

*

Pünktlich um acht Uhr morgens hatte man Alexander entlassen müssen, er wurde wieder zur Grenze gebracht, durfte in seinen Wagen umsteigen und fuhr nach Hause. Was genau es mit dieser »Grenzkontrolle« auf sich gehabt hatte, würde alles über seinen Anwalt geklärt werden, der momentan jedoch bloß die Entlassung hatte ausrichten können.
   Im Rückspiegel nahm er kurz seine roten Augen und den tiefdunklen stoppeligen Bart zur Kenntnis, atmete lang gezogen durch und trat aufs Gas. Die Nacht allein in der Zelle, die Demütigung, die er empfunden hatte, wann immer er seine tintenblauen Fingerkuppen angesehen hatte, die Einsamkeit. Und Cornelias Satz: »Toni ist tot.«
   Alexander hatte viel an alte Zeiten denken müssen. An die Clique von damals. Robert, Toni, er und die Freundinnen. Alle stammten aus Klagenfurt in Kärnten, man hatte sich in der Schule und abends beim Fortgehen gesucht und gefunden. Fast zeitgleich war man nach Wien gezogen, wo vor allem für Alexander die große Karriere als Hans-Dampf-in-allen-Gassen begann. Robert studierte BWL, befand den Lehrinhalt jedoch als sinnentleert und wechselte als Spätzünder zur Polizei. Toni startete voller Elan das Jurastudium.
   Die Berufswahl trieb langsam, aber sicher, einen Keil in die Clique. Alexander konnte mit Robert als Polizist nicht mehr frei über seine Einnahmen reden oder in seiner Anwesenheit Absinth trinken. Robert hingegen hatte schon bald den Frust der Polizisten zu spüren bekommen, die vom Gesetz an die Kette gelegt wurden, worüber sich Toni als Jurist gern mokierte.
   Einzig der Pakt zwischen ihnen hielt noch eine Weile alle zusammen, bevor er irgendwie vergessen wurde.
   »Der Pakt«, wie er damals feierlich genannt wurde, war zwischen den Freunden vor dem Umzug nach Wien geschlossen worden. Er sollte die stetige Aufwärtskurve in ihrem Leben besiegeln und wurde feierlich vor den Augen aller anderen Gäste um etwa ein Uhr morgens am Tisch der legendären Disco »Drop In« geschrieben.
   Es war ein herrlicher Abend gewesen. Sie hatten sich beim Italiener in Pörtschach am Wörthersee zum Abendessen getroffen, waren anschließend in den Biergarten gepilgert, um dann den Pulk hinter sich zu lassen und zum Drop In zu fahren, wo Toni Einlass für die exklusive Fête Blanche organisiert hatte.
   Sie steckten dem Türsteher noch voller Übermut einen Tausendschillingschein in die Jackettasche, und so stand dann gleich eine Flasche Wodka im Eiskübel auf dem Tisch.
   Einfach alles an dem Abend war perfekt, und Toni, der vor lauter Heiterkeit gerade auf den Tisch steigen wollte, um zu tanzen, hatte dann doch eine bessere Idee: Man sollte doch den ewigen Erfolg besiegeln, hier und jetzt, damit es einem niemals schlechter gehen würde.
   »Herr Ober, bring mir mal einen Stift, bitte!«, rief Toni in Richtung eines Angestellten, der gerade mit einem randvollen Tablett Champagnergläsern vorbeikam.
   Toni breitete eine Stoffserviette auf dem kleinen Tisch aus, und als er einen Stift hatte, kritzelte er, unterbrochen von kurzen Lachanfällen, einen Text nieder: »Wir – Toni, Robert und Alexander (das Trio infernal) – sind heute Abend hier zusammengekommen, um unseren Erfolg zu feiern. Hiermit versichern wir, dass wir die Größten sind! Wir schließen folgenden Pakt: Mindestens zwanzig Jahre werden wir immer besser (danach ist alles egal).«
   »Wieso werde ich wieder als Letzter genannt?«, maulte Alexander dazwischen und riss Toni den Stift aus der Hand. Mit gespieltem Eifer strich er Tonis Namen durch, schrieb seinen obendrüber und kritzelte Toni als letzten dazwischen.
   »Typisch! Jetzt lass mich mal«, meinte Robert und begann, an der Serviette zu zerren, doch Alexander ließ sie nicht los.
   »Uns soll eher der Tod ereilen, als dass wir dem Durchschnitt verfallen«, schrieb Alexander in seiner spitzen Schreibschrift. Lachend warf er den Stift hin.
   Robert nahm ihn sich, überlegte kurz und fügte hinzu: »Wir werden Geschichte schreiben, das schwören wir!«
   »Oho!«, heulten Toni und Alexander zeitgleich.
   Robert unterzeichnete den Text. »Los, ihr auch!«
   Während sie auf der Serviette unterschrieben, füllte Robert die Gläser mit Wodka und Eis.
   »Und darauf trinken wir! Auf uns!«
   Toni lachte schallend, Alexander zog zustimmend die Mundwinkel nach unten und nickte.
   Die Gläser klirrten, es wurde weitergelacht, dann entführte eine Freundin Alexander auf die Tanzfläche.
   Die Stoffserviette blieb wie ein Tischtuch liegen. Im Lauf des Abends wurde der Pakt mit Alkohol beschüttet, als Untersetzer verwendet und landete irgendwann zerknüllt auf dem Boden.

Kapitel 2

»Tristan?«
   »Verdammt, Mama, ich hab dir doch gesagt, du sollst klingeln, wenn du vorbeikommst«, fluchte Tristan aus dem Wohnzimmer heraus.
   »Habe ich doch!«, antwortete seine Mutter, doch natürlich hatte sie nicht.
   Es war Absicht, ihn zu überraschen, das hatte sich auch in seiner Jugend immer als beste Methode erwiesen, Klarheit über seinen Zustand zu erlangen. Und da war es für seine Mutter nur zu praktisch, immer noch den Schlüssel zu ihrer alten Wohnung im Gemeindebau am ruhigen Stadtrand Wiens im neunzehnten Bezirk zu haben, die Tristan nun bewohnte.
   Bereits vor ein paar Monaten hatte er seine eigene Wohnung aus Geldmangel kündigen müssen und war in die Gemeindewohnung seiner Mutter eingezogen, weil sie bei ihrem neuen Partner wohnte.
   Es standen immer noch die Möbel dort, die sie vor zwanzig Jahren mitgebracht hatte, und die schon damals nicht mehr modern gewesen waren. Auch neue Bilder hatte er nicht aufgehängt, nicht einmal ein Poster.
   Er saß auf der alten Couch mit dunkelrot-beigem Blumenornament, die Füße auf dem Fliesentisch, und das Einzige, was ihm tatsächlich den Tag vermiesen konnte, war einer der unangemeldeten Besuche seiner Mutter.
   »Wie siehst du denn aus?«, fragte sie zur Begrüßung.
   »Man darf ja wohl noch zum Friseur gehen, oder soll ich dich vorher fragen?«
   »Tristan …«
   »Nein, Mama, du kommst einfach vorbei, und …«
   »Es ist ja auch immer noch meine Wohnung!«
   »Dann zieh doch wieder ein und ich gehe weg!«
   Das Gespräch erreichte sofort das übliche Niveau. Tristan war beim Friseur gewesen und hatte sich die Haare schwarz färben lassen. Ebenso trug er seit Kurzem einen schmalen Schnauzbart, der sich ein wenig ungünstig von seiner neuen Haarfarbe unterschied. Das Gesamtbild war jedoch verblüffend: Tristan sah um Klassen männlicher aus, und das war auch das Ziel gewesen. Schon immer hatte er Machogehabe verachtet, aber im Rahmen seines neuen Projekts war es unumgänglich, ein wenig attraktiver auszusehen.
   Den Härtetest hatte sein neuer Look schon bestanden: Am Vorabend hatte er Cornelia Hirschegger, die ihn gar nicht erkannt hatte, im Take Five zu einer kurzen Herumknutscherei verführen können. Ihr brennender Geschmack von Zigaretten und Alkohol hatte ihn zwar unangenehm überrascht, aber Tristan hatte durchgehalten. Leider hatte sich herausgestellt, dass Alexander Hirschegger überhaupt nicht da gewesen war wie sonst, und diese Show völlig vertane Mühe gewesen war.
   Für den heutigen Abend hatte er sich auch wieder etwas vorgenommen, und seine Mutter störte ihn erheblich bei der mentalen Vorbereitung. Er saß wie auf glühenden Kohlen, hoffte, dass es endlich Nacht werden würde. Dass sich seine Mutter jetzt in der Küche an der Kaffeemaschine zu schaffen machte, Geschirr abwusch und sich wie zu Hause fühlte, vertrieb zwar die Zeit, machte ihn jedoch nur noch nervöser.
   Als sie nach quälenden eineinhalb Stunden endlich zu ihrem Lebensgefährten Michael ging, legte sich Tristan ins dunkle Schlafzimmer und wartete, bis es kurz nach Mitternacht war. Dann erhob er sich, kämmte seine Haare, zog seinen Wollmantel an und posierte eine Weile vor dem Spiegel. Danach nahm er seine Schlüssel und ging nach draußen.
   Über der parkähnlichen Gemeindebauanlage hing Nebel, kein Mensch war unterwegs. Tristan war abwechselnd von Erregtheit und düsterer Sinnsuche ergriffen. Er zögerte, haderte, gab sich dann wieder einem kurzen Rausch der Vorfreude hin. Nach einem fast einstündigen Spaziergang schaffte er es schließlich zu einem Taxistand vor der U-Bahn-Station und stieg in eines der dort wartenden Autos.

*

Robert verbrachte den Sonntagvormittag im LKA. Sein Kollege Maier kam erst gegen Mittag, und Robert versuchte sein Bestes, sich zurückzuhalten. Sie besprachen den Fall Anton Ebner und versuchten, ihre Ansichten darüber abzugleichen. Als Maier vorschlug, in die Gerichtsmedizin zu fahren, um sich noch einmal ein Bild von dem Toten zu machen, wandte Robert ein, dass er dies nicht für nötig befinden würde. Maier fuhr allein los.
   Robert wartete noch eine Weile, dann nahm er Jackett und Mantel und fuhr, ohne sich vorher anzukündigen, zu Christiane, Tonis Witwe. Es dauerte nur eine Viertelstunde, bis er das gelb getünchte Gründerzeithaus im achten Bezirk Josefstadt erreichte. Das meterhohe Eisentor zum Innenhof stand offen. Die Bäume im Hof hatten schon die meisten ihrer Blätter abgeworfen, Regenwasser hatte sich in großen Pfützen auf dem Kopfsteinpflaster gesammelt. Robert blickte zu den Fenstern rechts im zweiten Stock und sah gedämpftes Licht. Er klingelte, und es dauerte eine ganze Weile, bis der Türöffner ohne jede Nachfrage betätigt wurde und Robert ins Treppenhaus kam. Oben an der Wohnungstür stand Christiane.
   Er ging auf sie zu, blieb stehen, unfähig, etwas zu sagen. Sie sahen sich an. Christiane blass, reglos und leer. Robert kämpfte gegen die Tränen.
   »Komm rein«, sagte Christiane leise. Sie trug einen hellblauen Schlafanzug mit einem violetten Morgenmantel darüber. Ihr dunkles, sonst einheitlich gewelltes Haar hing ungekämmt hinab.
   Christiane betrieb eine kleine Galerie in der Innenstadt und verwaltete ebenso die private Kunstsammlung eines Industriellen. Toni und Christiane hatten keine Kinder, dafür umso mehr Freunde. Robert hatte erwartet, dass irgendjemand da war, der ihr Beistand leistete, doch Christiane war allein. Sie gingen ins Wohnzimmer, und Christiane ließ sich aufs Ledersofa nieder, Robert auf einen Sessel daneben.
   »Ich wollte dir nur sagen, dass es mir sehr leidtut für dich. Ich vermisse Toni jetzt schon«, begann Robert.
   Christiane blickte mit geröteten Augen ins Leere.
   »Und ich ermittle polizeilich in Tonis Fall.«
   Christianes Körper wechselte in eine angespannte Haltung, sie blickte Robert ernst an. »Es war kein Selbstmord. Toni würde so etwas nie tun«, sagte sie mit brüchiger Stimme.
   »Ich weiß. Darum sag bitte niemandem, dass wir uns kennen. Sonst nehmen sie mir den Fall weg. Ich dürfte nicht ermitteln, aber es ist mir egal. Heute ist ja deine Einvernahme. Das macht der Kollege Maier. Sag ihm alles, was du weißt, aber bitte nichts über mich.«
   Christiane nickte.
   Robert atmete tief durch. »Was ist denn so dein Gefühl, was meinst du, ist passiert?«
   Augenblicklich schossen Christiane Tränen in die Augen. »Jemand hat ihm das Leben schwergemacht. Er hat aber nichts darüber erzählen wollen. Die letzten zwei Wochen hat er fast nichts mehr mit mir geredet.« Christiane brach in Tränen aus.
   Robert wartete eine Weile, dann hakte er vorsichtig nach. »Also, mehr als das weißt du nicht darüber? Hast du eine Idee, wer es gewesen sein könnte, dass ich mir den mal vorknöpfe?«
   Christiane schüttelte den Kopf. »Toni hat nichts sagen wollen«, wiederholte sie nur und fing sich wieder.
   »Ich werde es schon herausfinden. Ich mach mich gleich an die Arbeit. Soll ich Sabine anrufen, dass sie dir Gesellschaft leistet?«
   Das war zwar ein völlig absurdes Angebot, doch er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Christiane gleich wieder allein ließ.
   Sie schüttelte den Kopf. »Meine Eltern kommen gleich. Und Carola aus der Galerie, weißt du noch? Meine Assistentin.«
   Er erhob sich aus dem Sessel, und Christiane brachte ihn zur Tür, wo sie sich umarmten und Robert ihr alles Gute wünschte.
   Als er die Treppe hinunter und zur Haustür ging, wälzte er Gedanken hin und her. Es war eigenartig, zu wissen, dass er Toni nie wiedersehen würde. Dass nur noch Christiane hier wohnte. Die fröhlichen abendlichen Runden bei Kanapees und Rotwein hatten zwar seit Jahren in der Zweihundert-Quadratmeter-Wohnung nicht mehr stattgefunden, doch erst jetzt bedauerte Robert es richtig.
   Er beeilte sich, wieder ins Büro zu kommen. Am frühen Nachmittag hatte er vor, noch einen Blick in Tonis Kanzlei zu werfen, und zwar ohne Kollege Maier. Optimalerweise, während dieser Christianes Einvernahme machte.
   Im LKA sah Robert schon von Weitem, dass Oberst Pavlic, sein Vorgesetzter, an der Tür seines Büros stand und sich mit Assistent Unterberger unterhielt. Pavlic war nicht wie sonst in dunklem Anzug mit Krawatte gekleidet, sondern trug eine helle Stoffhose mit blauem Pullover. Robert wollte gerade in ein kleines Vernehmungszimmer einbiegen, weil er nichts Gutes ahnte, doch Pavlic hatte ihn gesehen.
   »Weiss, in mein Büro, bitte.«
   Robert seufzte kaum hörbar und ging, als ob nichts wäre, in Pavlics Büro.
   Pavlic schloss die Tür, ließ sich auf seinen Drehstuhl fallen und sah Robert, der sich betont langsam hingesetzt hatte, vorwurfsvoll an. Dann seufzte er. »Den Fall Ebner muss ich Ihnen entziehen. Sie wissen eh, warum.« Ohne dass Robert auch nur die geringste Regung gezeigt hatte, hob Pavlic schon abwehrend die Hände. »Ich will auch nichts weiter hören. Maier übernimmt den Fall. Da nichts Dringendes ansteht, können sie Papierkram erledigen oder nach Hause gehen. Schönen Sonntag wünsche ich.« Pavlic erhob sich.
   Robert hatte das Gefühl, sein Hals würde zuschwellen, solch eine Wut kochte in ihm. Es war ihm egal, ob Pavlic bemerkte, dass er rot vor Zorn wurde. Er stand auf, ging aus dem Zimmer und direkt wieder hinaus zu seinem Auto.
   Er setzte sich hinein, blieb eine Weile regungslos, dann hieb er auf das Lenkrad ein.
   Maier hatte die Freundschaft zwischen Toni und ihm irgendwie herausgefunden, das war sicher. Und es gleich Pavlic kundgetan, der extra deswegen ins Präsidium gekommen war. Im Freizeitoutfit. Nur, um ihm den Fall zu entziehen.
   Er überlegte kurz, was er jetzt tun sollte. Wieder in sein Büro zu gehen und zu arbeiten, kam nicht infrage, allein schon aus Protest. Er hätte zu gern den Tag mit Sabine und Katrin verbracht, aber nach Maria Ellend zu fahren, konnte er sich auch nicht durchringen.
   So fuhr er in die Innenstadt, ging Mittagessen, las die Zeitung, bummelte durch die Straßen und trank einen Kaffee. Die ganze Zeit überlegte er, wie er weitermachen sollte. Er würde natürlich nicht aufhören, zu forschen, und Assistent Unterberger würde er irgendwie dazu zwingen, ihn mit relevanten Informationen zu versorgen.
   Es wurde langsam dunkel, und Robert fuhr nach Hause. Er räumte die ganze Wohnung auf, putzte und wusch das Geschirr sowie die Wäsche. Abends setzte er sich an seinen Schreibtisch und machte sich einige Notizen.

*

Tristan war entsetzt. Panisch. Er durfte jedoch nicht die Kontrolle verlieren.
   Der Taxifahrer wehrte sich nach Leibeskräften, immer noch.
   Wann ist es endlich vorbei?, schrien Tristans Gedanken, und er versuchte, die Schlinge aus dem verflucht rutschigen Nylonseil noch enger zu ziehen und sich auf sein Opfer zu wälzen. Da trat der Mann nach hinten und traf Tristan mit der Hacke so schmerzhaft am Schienbein, dass sich Tristan krümmte und aus Versehen lockerließ.
   Der Mann würgte Worte hervor. »Warum? Warum!«, gurgelte er, und tatsächlich fragte sich Tristan ebenso – Warum?
   Diese Ablenkung reichte dem Taxifahrer als Gelegenheit, um mit der Faust nach hinten in Tristans Gesicht zu schlagen, sich die Schlinge vom Hals zu reißen und davonzurobben. Doch statt zu flüchten, griff sich der Mann einen großen Stein, riss ihn aus der feuchten Erde und warf ihn Tristan mit voller Wucht an den Kopf. Tristan hörte einen dumpfen Schlag, spürte ein Brennen an der Stirn und einen unerträglichen Schmerz, der sich rasend in seinem Kopf ausbreitete. Der Mann, der eigentlich das Opfer hätte sein sollen, warf sich auf ihn und drückte ihm die Kehle zu.
   Tristan röchelte. Er wollte seine Arme heben, aber sein Körper gehorchte keinem Befehl. In seinem Kopf donnerte der Schmerz, während er dem verzerrten Gesicht des Mannes über sich entgegenstarrte.
   Plötzlich ließ der Mann los, schnaufte heftig, bis er sich erhob und wie ein Betrunkener zu seinem Taxi torkelte. Er stieg unbeholfen auf den Fahrersitz, zog unter Mühe die Tür zu, startete das Auto und fuhr erst stockend, dann mit aufheulendem Motor los. Matsch spritzte in Tristans Gesicht, während er ungläubig sein Opfer entkommen sah.
   Die roten Punkte der Rücklichter entfernten sich, schwankten und tanzten durch sein Blickfeld, bis sie immer kleiner wurden und schließlich in der Dunkelheit verschwanden.
   Tristan lag ausgestreckt auf dem Boden. Er spürte das eiskalte Regenwasser, das durch seinen Mantel gedrungen war. Er musste aufstehen, bevor ein Auto vorbeikommen würde. Erst schaffte er es nur auf alle viere und kämpfte sich über die Wiese bis zum Waldrand. Die schmale Straße, auf die er blickte, war eine Abzweigung der Landstraße, die nach Klosterneuburg führte. Er hatte für sein Vorhaben genau dieses Fleckchen grünen Niemandslandes an den äußersten Ausläufern Wiens gewählt. Eine Weile saß er zusammengekauert unter den Fichten am Waldrand, aber er wusste, dass er nicht lang verschnaufen durfte. Als er sich sicher war, dass wirklich kein Auto herannahte, eilte er noch einmal zum Straßenrand und sammelte das Nylonseil auf. Dann trat er den beschwerlichen Weg zu Fuß nach Hause an.

*

Montag morgens um zehn vor sechs wurde Robert durch das Schrillen des Telefons auf seinem Nachttisch geweckt. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass er abheben musste.
   Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine monoton klingende Kollegin aus dem LKA. Robert vergaß immer ihren Namen und passte auch heute nicht auf, als sie sich meldete. Sie unterrichtete ihn emotionslos von dem Fundort eines tödlich verunglückten Mannes. Ein Autofahrer hatte im Morgengrauen auf einer wenig befahrenen Straße an der Stadtgrenze einen umgefahrenen Pfosten bemerkt und einen Wagen entdeckt, der die Böschung hinuntergestürzt war. Der alarmierte Notarzt konnte nur den Stunden zuvor eingetretenen Tod des Autolenkers im Wrack feststellen. Die Streifenpolizisten hatten bei ihrem ersten Überblick schwere Gesichtsverletzungen des Toten sowie verdächtige Abdrücke am Hals bemerkt, und somit wurden am Fundort die Mordkommission, die Gerichtsmedizin und Spurensicherung benötigt.
   Robert musste sich beeilen, kam aber trotzdem nicht in Fahrt. Gähnend stand er vor der Kaffeemaschine und suchte sich erst etwas zum Anziehen heraus, als er schon eine halbe Tasse Kaffee getrunken hatte. Er putzte sich die Zähne, sah aus dem Fenster in den grauen Himmel und begann, nach seinem brauchbaren Regenschirm zu fahnden. Dann machte er sich auf den Weg.
   Die Fahrt zum Fundort dauerte zwanzig Minuten, und Robert wurde von Pavlic, der diesmal wieder akkurat gekämmt und im schwarzen Anzug und Mantel erschienen war, bereits im Auto vorwurfsvoll angesehen. Kollege Maier war nicht anwesend.
   Robert parkte hinter dem gerade eingetroffenen Leichenwagen und ging hinüber zu Pavlic, der neben dem umgefahrenen Pfosten am Straßenrand stand.
   »Guten Morgen, Weiss.« Mehr sagte Pavlic nicht, sondern deutete nach unten.
   Robert sah die Böschung hinunter. Am Ende einer nicht zu übersehenden Schleifspur lag ein Auto auf der Seite, als hätte es jemand an die kräftige Fichte gelehnt, die das weitere Abrutschen des Wagens gestoppt hatte. Ein dunkelblauer Mercedes. Auf dem Dach hing noch an ein paar Drähten ein zersplittertes Taxischild.
   Die Feuerwehr hatte ein Seil von Baum zu Baum nach unten gespannt, sodass man sich beim steilen Abstieg zum Fahrzeug irgendwo festhalten konnte. Robert hangelte sich zügig nach unten. Der Tote war bereits aus dem Auto geholt und in einen Plastiksarg neben das Auto gelegt worden. Robert ließ den Sarg noch einmal öffnen.
   Ausgestreckt und mit den Händen auf der Brust gefaltet lag dort ein Mann, der alles andere als das Bild eines friedlich Verstorbenen abgab. Robert war sich ebenso wie seine Kollegen zuvor auf den ersten Blick sicher, dass der Mann seine Verletzungen nicht nur vom Sturz die Böschung hinunter erlangt haben konnte.
   Das Gesicht war voller Blutergüsse, das dunkle Haar blutverklebt. Robert zog sich Handschuhe über und besah sich den Hals des Mannes, der eindeutige Spuren von Strangulation zeigte. Die Hände des Mannes waren aufgeschürft, ein Nagel abgebrochen. Er hatte sich zur Wehr gesetzt. Ob es einen Beifahrer gegeben hatte? Der Mann, der das Autowrack entdeckt hatte, hatte keine zweite Person bemerkt. So, wie das Auto auf der Beifahrerseite lag, war es auch kaum möglich, dass jemand dort hinausgekommen wäre.
   Robert ließ den Sarg wieder schließen und wandte sich dem Auto zu. Der Kühlergrill und die Motorhaube waren eingedrückt, die Frontscheibe zersplittert. Im Innenraum war viel Blut auf dem Fahrersitz, am Lenkrad und dem Armaturenbrett, sonst nirgends. Die Spurensicherung würde lange brauchen, alle Fingerabdrücke aus dem Taxi zu nehmen und auszuwerten.
   Nachdem Pavlic sein Okay gegeben hatte, machte sich die Feuerwehr daran, den Sarg mit einem Seil zu sichern und ihn von zwei kräftigen Männern nach oben zum Leichenwagen zu ziehen.
   Beim Auto waren drei Mitarbeiter der Spurensicherung beschäftigt. Der Abtransport des Wracks würde erst am späten Vormittag stattfinden.
   Robert hangelte sich wieder am Seil entlang nach oben.
   Pavlic übergab ihm in einem Plastikbeutel den Ausweis des Taxifahrers. »Das ist jetzt Ihr Fall. Ich brauche einen ersten Bericht am Nachmittag«, sagte er, und Robert nickte.
   Beim Gedanken daran, dass er ins Büro fahren musste und dort Maier begegnen würde, wallte wieder Zorn in ihm auf, doch er schluckte ihn. Er hatte sich am Vorabend genau zurechtgelegt, wie er mit Tonis Fall weitermachen würde.

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