»Die Speerträger hoben die Schleudern zum Angriff, während die anderen ihre Kriegsbumerangs über ihren Köpfen zu schwingen begannen. Langsam gingen die Eingeborenen auf die Forscher zu und zogen den Halbkreis um die Gruppe immer enger ...«

Spurlos ist eine Gruppe von Wissenschaftlern verschwunden, unter ihnen der schwerkranke Martyn. Zwei Aborigines, die Detective Daryl Simmons dazu verhört, scheinen etwas zu verheimlichen. Da Martyns Leben auf dem Spiel steht, folgt Daryl den beiden heimlich in die Wüste - ohne entsprechende Ausrüstung, ganz auf sich gestellt. Ein Wettlauf auf Leben und Tod beginnt ...

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ISBN: 978-9963-727-08-7

Seiten: 328

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Alex Winter

Alex Winter
Alex Winter, geboren 1960 in Zürich/Schweiz, absolvierte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete zunächst als Dekorationsgestalter, später in verschiedenen Berufen im In- und Ausland. Seit 1980 unternimmt er immer wieder mehrjährige Reisen, die ihn vor allem nach Australien, Neuseeland und in die Südsee führen. Alex Winter lebt heute mit seiner Frau im Zürcher Oberland.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Doreen hatte ein ungutes Gefühl. Sie hob die Hand und blieb stehen.
   »Was ist denn los?«, fragte Kathleen, die dicht hinter ihr durch das ausgetrocknete, steinige Bachbett stapfte.
   Doreen wartete, bis auch Steward und Martin aufgeschlossen hatten.
   Keine hundert Meter vor ihnen markierte eine gut zehn Meter hohe überhängende Felswand den Abschluss des Canyons. Davor versperrte eine Reihe mächtiger, herabgestürzter Felsbrocken den Zugang. Doreen trat beiseite und gab den Blick auf zwei große Felsquader frei, die das enge Tal versperrten.
   »Wow!«, rief Kathleen. »Die sehen aus, als wären sie aus dem Felsen gemeißelt worden.« Sie blickte fasziniert auf die beiden Felsblöcke, von denen einer auffallend einem sitzenden Känguru ähnelte, während der andere die Form eines Schlangenkopfes mit weit aufgerissenem Maul hatte.
   »Die sehen unheimlich aus. Sind die natürlichen Ursprungs?«, fragte Martyn.
   Doreen ging weiter bis zu den Felsen. Erst betrachtete sie diese aufmerksam von Nahem, dann strich sie mit den Fingern langsam über die markanten Einschnitte, Kanten und Aushöhlungen. »Ich denke schon.«
   Kathleen verzog enttäuscht die Lippen. »Schade. Das wär’s gewesen: Sensationeller archäologischer Fund – Erstmals Steinskulpturen von australischen Ureinwohnern entdeckt.«
   Steward kratzte sich am Nacken. »Also das Känguru erkenne ich ja mit viel Fantasie noch, aber den Schlangenkopf?«
   Doreen riss den Kopf herum. »Hört ihr das? Das klingt wie …« Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu beenden. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, veränderte sich das Ende des Canyons. Es verlor seine Konturen, verwandelte sich in eine abstrakte, flimmernde grüngelbe Welle, die vier oder fünf Meter emporstieg und in rasendem Tempo und untermalt von immer schriller werdendem Kreischen auf sie zuschoss. Keiner von ihnen war imstande, sich zu bewegen.
   Die Augen weit aufgerissen, starrten sie ungläubig auf die sich unmittelbar vor ihnen teilende Welle. Für ein paar Sekunden waren sie eingehüllt in ohrenbetäubenden Lärm, grelles Flimmern und wild um sie umherwirbelnde Luft, dann war das Schauspiel schon wieder vorbei.
   Staunend wandte sich Doreen um und sah der Wolke nach. Erst jetzt begriff sie, was geschehen war. Sie hatten einen Schwarm Wellensittiche aufgescheucht, der sich am Billabong hinter den herabgestürzten Felsbrocken befunden haben musste.
   »Scheiße, das war ja wohl das Abgefahrenste, was ich je erlebt habe«, rief Steward und fuhr sich aufgeregt durch das schulterlange Haar. »Als ob man mitten in eine Sturzflut geraten wäre.«
   Martyn schüttelte ungläubig den Kopf, griff in die Tasche seines Safarihemdes und kramte sein Asthmaspray hervor. »Fas…zinierend«, sagte er schwer atmend und nahm einen tiefen Zug der krampflösenden Inhaltstoffe. »Wirklich, höchst bemerkenswert«, fügte er mit tadellosem Oxford-Akzent hinzu.
   »Hört, hört, der Pommy hat gesprochen«, zog ihn Steward grinsend auf.
   Martyn hatte achtzehn Jahre seines Lebens in England verbracht, wo seine Familie nur in den besten Kreisen verkehrte. Bemerkungen wie diese, vor allem, wenn sie von Steward kamen, pflegte Marty mit typisch britischer Zurückhaltung einfach zu ignorieren. Das reizte Steward umso mehr.

»Nur, weil der Wortschatz von euch Typen aus den Slums von West-Brisbane sich auf cool, abgefahren und hammermäßig beschränkt, brauchst du nicht immer auf Martyn herumzuhacken«, nahm Kathleen den Engländer in Schutz.
   »Geil hast du vergessen, Herzchen«, entgegnete Steward und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.
   »Ich bin nicht dein Herzchen, also nenn mich gefälligst nicht immer so!«
   Eigentlich fand Steward Kathleen süß. Sie war blond, hatte ein hübsches Gesicht, tiefblaue, faszinierende Augen und durch ihr regelmäßiges Judotraining eine sportliche Figur. Einzig ihre Brüste waren für seinen Geschmack etwas zu klein. Inzwischen war er auch ziemlich sicher, dass sie ein Auge auf ihn geworfen hatte, auch wenn sie das nicht zugeben wollte. Trotzdem war er nicht an ihr interessiert. Seine Philosophie war, ›Genieße dein Leben und die Frauen in vollen Zügen, solange du noch jung bist‹. Aber in Kathleens Fall hielt er sich lieber an die einfache Regel, die hinten auf dem Heck seines alten, Rost zerfressenen Holden Kingswood klebte: ›Jage nichts, was du nicht auch töten kannst.‹ Kathleen hatte etwas Unbezwingbares an sich, das ihn lieber die Finger von ihr lassen ließ.
   »Vielleicht sollten wir jetzt Mrs. Hooker auf die andere Seite folgen«, versuchte Martyn, die Wogen zu glätten.
   Steward zuckte mit den Schultern, schob sich an Kathleen und Martyn vorbei und zwängte sich zwischen den Zwillingsfelsen hindurch, um zum Billabong zu gelangen.

Dr. John Hooker war nirgends zu sehen. Sein Schlafsack lag ausgerollt neben einem Roten Flusseukalyptusbaum, daneben die Ausrüstung, die er am Vortag mitgenommen hatte.
   »John, wo bist du?«, rief Doreen. Aber außer einem undeutlichen, zerrissenen Echo, das wie ein unsichtbarer Geist zwischen den Felswänden hin und her sprang, erhielt sie keine Antwort.
   »Merkwürdig. Wo könnte er nur sein?«, fragte Steward, als er neben Doreen ans Ufer des Billabongs trat.
   »Ich weiß nicht. Der Wellensittichschwarm …« Doreen brach ab und rief erneut nach ihrem Mann.
   Kathleen berührte Steward am Arm. »Was meint sie?«
   »Du weißt, wie scheu Wellensittiche sind. Die hätten sich nie hier niedergelassen, um zu trinken, wenn Doc Hooker hier wäre.«
   Martyn schloss schwer atmend zur Gruppe auf. Sein Blick schweifte über die glatte Oberfläche des Billabongs, die im hellen Licht des Morgens saphirgrün schimmerte. Ein mächtiges rotes Felsenkliff ragte am hinteren Ende wie ein steinerner Pier in das Gewässer hinein und verdeckte teilweise die Sicht. Man hätte hindurchschwimmen müssen, um zu dem zwischen den steilen Felswänden eingekeilten Kliff und weiter ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen. Dort verhinderte allerdings eine gut zehn Meter hohe, überhängende Felswand das Weiterkommen. Auch Martyn rief nun nach dem Doktor.
   »Denkst du, er ist um den Felsen herumgeschwommen?«, fragte Kathleen.
   Martyn zögerte. »Nein, vermutlich nicht. Und wenn, hätte er uns bestimmt rufen gehört und geantwortet.«
   Kathleen sah sich um. Zu beiden Seiten der Schlucht traten beeindruckende Gesteinsformationen aus den steilen, ockerroten Felswänden hervor, und an einigen Stellen zwängten sich weißstämmige Geistereukalypten, leuchtend grünes Buschwerk und vereinzelte Spinifexgras-Nester aus tiefen Felsspalten. Während eine Seite der Schlucht noch zu zwei Dritteln im Schatten lag, begann die andere in der Morgensonne in immer intensiveren Farben zu leuchten, sodass auch die feinsten Konturen aus den zerklüfteten Felsen hervortraten.
   »Eigentlich gibt es nur eine Möglichkeit«, meinte Kathleen schließlich. »Er muss auf der linken Seite die Canyonwand hochgeklettert sein.« Sie zeichnete mit dem Finger eine mögliche Route nach. »Zugegeben, die Wand ist steil. Aber über die vielen Vorsprünge kommt man da sicher hoch.«
   »Vielleicht wollte er aber auch im Billabong schwimmen und ist …« Steward brach ab und sah Doreen mit entschuldigender Miene an.
   »Toll gemacht, Steward«, zischte Kathleen. »Du bist so sensibel wie eine Dampfwalze.«
   »Ich glaube nicht, dass er ins Wasser gestiegen ist«, ging Martyn einmal mehr dazwischen.
   »Ach, echt? Und woher weißt du das so genau?«
   »Weil er bestimmt nicht in seinen Kleidern schwimmen gegangen wäre«, entgegnete Martyn.
   Steward sah ihn einen Moment verständnislos an. Sein Blick wanderte auf der Suche nach Dr. Hookers Kleidern zu dessen Schlafplatz und weiter das sandige Ufer entlang zu einem mächtigen Flusseukalyptus. »Okay, du hast recht. Und den Canyon auf normalem Weg verlassen haben kann er auch nicht, sonst hätten wir ihm begegnen müssen. Er muss die Wand hochgeklettert sein.«
   Doreen schüttelte entschieden den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Er hätte bestimmt auf uns gewartet. Schließlich ist es gefährlich, da hinaufzusteigen. Aber selbst, wenn er dort wäre«, sagte sie den Tränen nahe, »hätte er uns auf jeden Fall hören müssen. Weshalb hat er gestern nur darauf bestanden, zum Billabong vorzugehen und die erste Nacht allein hier zu verbringen?«
   »Nun beruhigen Sie sich erst mal, Doreen«, versuchte Steward, sie zu trösten. »Ihm ist bestimmt nichts zugestoßen. Vielleicht hört der Doc uns nicht, weil er sich schon zu weit vom Rand des Canyons entfernt hat. Wahrscheinlich kommt er gleich wieder. Wir sollten noch ein Weilchen warten, bevor wir etwas unternehmen.«
   »Ach ja?«, fragte Kathleen. »Und was ist, wenn Doreen recht hat? Was ist, wenn der Doc ausgerutscht ist und sich verletzt hat? Vielleicht liegt er bewusstlos irgendwo zwischen den Felsen da oben.«
   »Und was sollen wir deiner Meinung nach tun, Herzchen?«, fragte Steward.
   »Am besten wäre es, du kletterst da rauf und suchst nach ihm.«
   »Klar«, sagte Steward säuerlich. »Wenn ich mir das Genick breche, ist das okay. Wieso nicht du oder Martyn? Du bist schließlich genauso sportlich wie unser Kricketschläger schwingender Pommy, da müsste es dir doch leichtfallen, da raufzuklettern.«
   Martyn begann krampfhaft zu husten. Erneut inhalierte er tief, bis sich sein Atem beruhigte.

»Alles wieder in Ordnung?«, fragte Kathleen.
   Martyn nickte. »Geht schon … wieder.«
   »Na, reicht dir das als Antwort, oder willst du immer noch Martyn da raufschicken?«, fuhr sie Steward an.
   Seine Antwort ging in Doreens schrillem Schrei unter.
   Kathleen sah gerade noch, wie sie zwei Schritte rückwärtstorkelte, stolperte und in den Billabong fiel. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten angsterfüllt an ihnen vorbei.
   Kathleen wirbelte herum – und sah sich sieben finster dreinblickenden Eingeborenen gegenüber.
   Sie standen vor dem schmalen Durchgang zwischen den Felsen. Bis auf ein Stirnband und einen breiten Gürtel aus geflochtenem Menschenhaar waren die Männer nackt. Ihre Gesichter und Oberkörper zierten Symbole aus weißen Daunenfedern, die teilweise vom Blut, mit dem sie auf der Haut festklebten, verfärbt waren.
   Einer der Eingeborenen trat vor. In seiner Hand hielt er eine lange Schnur aus Menschenhaar, an deren Ende ein unterarmlanges, mit seltsamen Kreis- und Zickzacklinien verziertes Schwirrholz hing.
   Der Aborigine begann, das abgeflachte Holzstück immer schneller im Kreis zu schwingen, bis die Luft vibrierte und ein Brummen entstand, das sich zu einem unheimlichen Heulen steigerte. Das war offenbar ein Zeichen für die restlichen Eingeborenen.
   Vier von ihnen trugen lange Speere, die schussbereit in ihren langen Speerschleudern lagen. Die Speerträger hoben die Schleudern zum Angriff, während die anderen ihre Furcht einflößenden Kriegsbumerangs über den Köpfen zu schwingen begannen. Langsam kamen die Eingeborenen auf Kathleen und ihre Kommilitonen zu und zogen den Halbkreis um die Gruppe immer enger.

2

Es war ein klarer, wolkenloser Morgen. Die Maschine der Virgin Australia befand sich im Landeanflug auf Alice Springs, im roten Herzen des Kontinents. Aus der Luft erkannte Daryl gut die fruchtbare Oase mit ihren verstreuten Häusern, den hohen Bäumen, grünen Gärten und Rasenflächen, die ihr Dasein einem großen, unterirdischen Wasserbecken verdankten.
   Das Städtchen lag eingebettet inmitten der McDonnell Ranges, einem der ältesten Gebirgszüge der Welt. Die Ranges bestanden aus stark verwittertem Rotgranit und zeichneten sich durch besonders eindrucksvolle Schluchten aus, in denen sich an den wenigen Wasserlöchern auch während des heißen Sommers noch Leben fand.
   Als die Maschine gelandet war, ging Daryl die Gangway hinunter und trat auf den flirrenden Asphalt des Alice Springs Airports. Bis zum Terminal waren es nur dreißig Meter, und die Passagiere legten den Weg bis zum Flughafengebäude zu Fuß zurück. Die Luft roch nach Kerosin und war so heiß, dass den meisten nach dem klimatisierten Inneren des Flugzeuges schon auf der kurzen Strecke der Schweiß ausbrach.
   Da Daryls Gepäck lediglich aus einer Sporttasche als Handgepäck bestand, ging er durch den kleinen modernen Flughafen zum Ausgang. Dort bemerkte er eine blonde Polizistin in Uniform, die ein Schild mit seinem Namen in die Höhe hielt.
   Daryl lächelte. »Da fühlt man sich gleich wie im Urlaub«, sprach er die junge Beamtin an.
   »Detective Simmons?« Der Tonfall der Frau klang dienstlich.
   »Der bin ich. Und Sie sind …?«
   »Constable Tracy Adams, Sir.« Sie nahm das Schild herunter und streckte eine Hand nach Daryls Tasche aus. »Superintendent Coledale hat mich beauftragt, Sie abzuholen und zur Polizeistation zu bringen.«
   »Hat er Ihnen auch aufgetragen, mein Gepäck zu tragen?«
   Constable Adams hielt inne. Sie sah ihn verunsichert an. »Nicht direkt. Er meinte nur, ich solle mich zuvorkommend um Sie kümmern, Sir.«
   »Du meine Güte, womit habe ich das denn verdient?«, fragte Daryl belustigt. »Jedenfalls kann ich mein Gepäck problemlos selbst tragen. Und den ›Sir‹ vergessen Sie bitte.«
   Die strengen Gesichtszüge des Constable entspannten sich, dann nickte sie lächelnd. »Okay.«
   Zu Beginn der Autofahrt plauderte Daryl noch mit der Beamtin, doch als sie sich dem ›Heavitree Gab‹ näherten, einem schmalen Felseinschnitt in den McDonnell Ranges, der den südlichen Zugang nach Alice Springs bildete, verstummte er.
   Er war nicht das erste Mal hier. Vor ein paar Jahren hatte er mit seiner Verlobten Michelle Alice Springs besucht. Es war ihr erster und einziger gemeinsamer Urlaub gewesen. Zusammen hatten sie die umliegenden Nationalparks besucht, um zu wandern und zu campen. Es war eine wundervolle Zeit, in der sie sich so nahe gekommen waren, dass es Daryl jetzt körperlich schmerzte, ohne Michelle hier zu sein. Drei Wochen später hatten flüchtende Bankräuber sie als Geisel genommen und sie auf ihrer Flucht aus einem Flugzeug gestoßen.
   Michelle hatte als Lehrerin in einer kleinen Schule in einer Aborigine-Community gearbeitet und gerade mit dem Unterricht begonnen, als vier bewaffnete Männer in das Klassenzimmer gestürmt waren, die am Vortag einen ebenso dreisten wie auch brutalen Banküberfall in Alice Springs verübt hatten. Ihr gewagter Fluchtplan sah ursprünglich vor, über einen einsamen Track nach Westaustralien zu entkommen. Hätte es nicht zwei Tage zuvor weiter westlich in der Wüste geregnet, wäre ihnen das vermutlich auch gelungen. Die Niederschläge waren zwar nur kurz gewesen, doch sie hatten ausgereicht, die Buschpiste in eine unpassierbare Schlammfläche zu verwandeln. Die Polizei dicht auf den Fersen, saßen die Bankräuber plötzlich fest. Zu allem bereit, drangen sie in die Schule ein und nahmen Michelle und ein Dutzend Kinder als Geiseln.
   Daryl war zu diesem Zeitpunkt unterwegs, um den Zustand der Outbackpisten zu kontrollieren. Von der Community per Funk über die Geiselname unterrichtet, hatte er sich unverzüglich auf den Weg gemacht und war kaum zwei Stunden später bei der Schule eingetroffen.
   Zunächst hatte er mit den Männern verhandelt, doch erst, als Michelle ihnen vorschlug, sie könnten ihre Flucht mit dem Postflugzeug fortsetzen, das am Morgen die Community anfliegen würde, waren die Männer bereit gewesen, wenigstens die Kinder freizulassen.
   Er hätte nie zulassen dürfen, dass sich Michelle weiterhin als Geisel zur Verfügung stellte und mit den Verbrechern das Flugzeug bestieg.
   Während er durch das mit Fliegengitter verhangene Fenster der Schule mit dem Anführer der Geiselnehmer verhandelt hatte, konnte er das Gesicht des Mannes zwar nur undeutlich erkennen, aber dessen Stimme und die Art, wie er sich ausdrückte, waren so beängstigend kalt und berechnend, dass Daryl sofort spürte, wie gefährlich dieser Mensch war.
   Die Bande hatte während des Überfalls bereits einen Bankangestellten angeschossen und eine Kundin getötet. Mit solchen Leuten zu verhandeln, war ein großes Risiko. Sie waren zu allem fähig.
   Natürlich hatte zunächst die Befreiung der Geiseln im Vordergrund gestanden. Doch spätestens, als die Kinder frei waren und sich die Kidnapper mit Michelle auf dem Weg zur Postmaschine befanden, hätte er eingreifen müssen. Er hatte es nicht getan, obwohl ihm sein Instinkt deutlich sagte, dass er einen Fehler beging. Noch heute machte sich Daryl Vorwürfe. Unzählige Male hatte er in den vergangenen Jahren die Situation durchgespielt und sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er es hätte verhindern können.
   Michelle hatte ihm zum Abschied zugerufen, alles werde gut und sie würden sich bald wiedersehen. Dabei hatte sie in der für sie typischen Art zuversichtlich gelächelt. Dieses letzte Bild von ihr hatte sich fest in seine Erinnerung gebrannt.
   Dreimal hatte Daryl Michelles Mörder im Gefängnis besucht, um herauszufinden, wo sie seine Verlobte aus dem Flugzeug gestoßen hatten. Aber keiner von ihnen wollte es ihm verraten. Als er ihren Anführer, Hank Delaine, das letzte Mal aufgesucht hatte, begnügte der sich nicht wie üblich damit, ihn sadistisch und mit unverhohlener Befriedigung anzugrinsen.
   »Du hast die Genugtuung, uns hinter Gitter gebracht zu haben«, sagte Delaine, »wir die, zu wissen, was aus deiner Kleinen wurde. Eines Tages komme ich hier raus, und wer weiß, vielleicht hole ich mir dann auch ein Stückchen von deiner Freundin. Als Andenken.«
   Delaines Mordlust war nicht nur Michelle zum Opfer gefallen, sondern irgendwie auch Daryl. Er war lange Zeit kaum ansprechbar gewesen vor Schmerz. Dass er die Verbrecher nach monatelanger Jagd schließlich gestellt hatte, vermochte ihn bis heute nicht zu trösten.
   »Menschen kommen und gehen«, hatte ihn sein Aborigine-Lehrmeister Ungjeeburra damals aufzurichten versucht. »Manchmal berühren sie dein Leben nur kurz, doch selbst der flüchtigste Moment kann von unschätzbarem Wert sein, nicht nur für dich, sondern auch für all die Menschen, die du im Laufe deines weiteren Lebens ›berühren‹ wirst.«
   Natürlich hatte sein alter Aborigine-Freund recht. Mit Wut und Hass, wie Daryl sie lange Zeit nach Michelles Tod empfunden hatte, zerschnitt man die Bande zu seinen Mitmenschen. Wenn man aber das Leben annahm und nicht versuchte, zu ändern, was unabänderlich war, schuf man die Zukunft.
   Ungjeeburra nannte es ›den Fluss des Lebens bewahren‹.
   Leider war Daryl noch nicht so weit, dass er loslassen konnte. Die Erinnerung an Michelle besetzte noch immer einen wichtigen Teil seines Herzens. Und solange es so war, würde er nicht imstande sein, eine neue Beziehung einzugehen.
   »Wir sind gleich da«, riss ihn Constable Adams aus seinen Gedanken.
   Nachdem sie vor der Polizeistation geparkt hatten, führte die junge Beamtin ihn in das Büro ihres Chiefs.
   Superintendent Coledale war ein großer, kräftig gebauter Mann mit kurzem graumeliertem Haar und einem Händedruck wie eine Schrottpresse. Nachdem er das Blut bis auf den letzten Tropfen aus Daryls Hand gequetscht hatte, bat er ihn, Platz zu nehmen.
   Einen Augenblick musterte Coledale schweigend Daryls wettergegerbtes Gesicht. »Ich freue mich, dass Sie hier sind. Chief Inspector Garratt hält große Stücke auf Sie«, sagte er schließlich.
   »Tatsächlich?«
   »Ja. Überrascht Sie das?«
   »Nun, in gewisser Weise schon.« Daryl wusste zwar, dass sein Vorgesetzter viel von seiner ›Spürnase‹ hielt, ganz entschieden weniger aber von seiner Disziplin. Zum Beispiel hätte es ihm nicht gepasst, ihn jetzt in verwaschenen Jeans, Holzfällerhemd, halbhohen Blundstone Schuhen und mit Dreitagebart vor dem Superintendent sitzen zu sehen. Doch Daryl hatte die meiste Zeit seines Lebens draußen im Busch verbracht und fühlte sich so einfach am wohlsten.
   »Ich denke, ich weiß, worauf Sie anspielen. Chief Garratt hat mir erzählt, Sie hätten ein Problem mit Autorität, außerdem mangele es Ihnen in dienstlichen Angelegenheiten an Disziplin.«
   Daryl strich sich über seine Bartstoppeln. »Da hat er wohl nicht ganz unrecht.« Er schmunzelte. »Zu meiner Verteidigung sei aber hinzugefügt, dass die streng dienstliche Ermittlungsarbeit nicht automatisch zur Lösung eines Falles führt, besonders nicht, wenn die Fälle – sagen wir mal – den Rahmen des Üblichen sprengen.«
   Superintendent Coledale bedachte ihn mit einem ernsten Ohne-geht-es-bei-der-Polizei-aber-auch-nicht-Blick, wie ihn Daryl zur Genüge von seinem Chief kannte, doch dann lehnte er sich zurück und lachte. »Wissen Sie, was? Sie haben verdammte Ähnlichkeit mit einigen der schwarzen Tracker, mit denen ich zusammenarbeite. Die sträuben sich auch gegen jede Art von Disziplin. Leider ist es aber auch so, dass die Unbequemsten von ihnen immer die erfolgreichsten Fährtensucher sind.«
   »Vielen Dank für das Kompliment«, erwiderte Daryl völlig ernst.
   »Ist es eins? Ich weiß nicht … Ich weiß nur, dass mich die Geduld und Hartnäckigkeit, mit der Sie den Fall des verschwundenen Hubschrauberpiloten in den Kimberleys aufgeklärt haben, beeindruckt hat. Außerdem hat Ihr Chief mir erzählt, Sie seien in einer Aborigine Community aufgewachsen und hätten später als National Park Ranger gearbeitet, bevor Sie zur Polizei gingen und Buschpolizist wurden.«
   Damit hatte Coledale den wesentlichen Teil von Daryls Dienstakte vorgetragen. Über den Rest – dass ihn Chief Inspector Garratt, nachdem Daryl Michelles Mörder überführt hatte, zur Kriminalpolizei nach Perth geholt hatte – wusste er vermutlich ebenso Bescheid. Wahrscheinlich hatte Garratt Coledale auch erzählt, dass sich Daryl in der Stadt nicht sonderlich wohlfühlte.
   »Ihr Wissen über die Eingeborenen und Ihr ›Gespür für Mord‹, wie Ihr Chief es formulierte, sind im Übrigen auch der eigentliche Grund, weshalb ich Sie angefordert habe. Sie kennen die Eingeborenen wie kaum ein anderer Weißer – und damit meine ich nicht nur ihre Sitten und Gebräuche. Sie wissen, was die Aborigines empfinden, wie sie denken. Das befähigt Sie, Fälle von den unterschiedlichsten Seiten zu betrachten – insbesondere solche, in die Aborigines verwickelt sind.«
   »Ich nehme an, das bringt uns zum eigentlichen Grund, warum ich hier bin«, entgegnete Daryl und beugte sich auf seinem Stuhl nach vorn.
   Coledale nickte. Er kramte aus einem Papierberg auf seinem Schreibtisch eine Akte heraus und öffnete sie. »Dr. John Hooker, zweiundfünfzig Jahre alt, Zoologe an der University of Queensland«, begann er mit monotoner Stimme vorzulesen. »Verheiratet mit der dreizehn Jahre jüngeren Doreen Hooker, an derselben Universität als Biologielehrerin tätig. Die Hookers unternehmen jedes Jahr während der großen Semesterferien eine Forschungsreise, um die Flora und Fauna schwer zugänglicher Wasserstellen zu untersuchen. Dazu laden sie stets zwei Studentinnen und zwei Studenten ein.« Der Superintendent sah kurz zu Daryl auf. »Aber das wissen Sie vermutlich schon von den internen Polizeimeldungen. Aber weiter. In diesem Jahr wollte Dr. Hooker mit einem Team, bestehend aus ihm, seiner Frau und den Studenten Kathleen Banks, Janice Clayton, Martyn Dale und Steward Pryce in den westlichsten Ausläufern der Stuart Bluff Ranges einen abgelegenen Billabong erforschen. In der Nacht vor der Abreise wurde Janice Clayton krank und konnte die Reise nicht antreten.«
   »Einen Moment«, unterbrach Daryl. »Wurden die Fahrzeuge der Gruppe nicht in der Tanami Wüste gefunden?«
   »Richtig«, sagte der Superintendent finster. »Der Fundort liegt über zweihundert Kilometer Luftlinie nördlich von dem Ort entfernt, zu dem die Gruppe eigentlich unterwegs war.«
   Daryl runzelte die Stirn. »Okay, aber in Alice waren sie doch, oder?«
   »Ja. Offenbar waren sie auch in den Stuart Bluff Ranges, zumindest sagen das die Leute von der Old Creek Station, mit denen sie über Funk Kontakt hatten.«
   »Die Gruppe fuhr also erst bis zu ihrem ursprünglichen Ziel und, aus was für Gründen auch immer, weiter in die Tanami Wüste«, fasste Daryl zusammen. »Wie sieht es mit Spuren aus?« Daryl wusste, dass die Polizei von Alice Springs über einen Stab von rund zwanzig eingeborenen Trackern verfügte, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeitete, weshalb er davon ausging, dass diese bestimmt brauchbare Spuren entdeckt hatten.
   Coledale beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und faltete die Hände. Er sah Daryl fest in die Augen. »Genau das ist es, was mir Sorgen macht. Seit über zehn Jahren arbeite ich nun schon mit eingeborenen Trackern. Meist bei Vermisstenfällen, aber auch bei der Verfolgung flüchtiger Verbrecher. In dem Fall jedoch glaube ich, wollen sie uns überhaupt nicht helfen.«
   Coledale berichtete, wie die Polizei zunächst versucht hatte, die Vermissten per Funk zu erreichen. Als das misslang, war eine Suchaktion aus der Luft eingeleitet worden. Mehrmals hatte eine Cessna Skylane die Gegend um den Billabong abgesucht, dann hatte man das Suchgebiet ausgeweitet, jedoch ohne Erfolg. Daraufhin hatte Coledale eine Suchmannschaft zusammengestellt, die mit Spurensuchern aus den Aborigine Communitys Amunturrngu und Nyirippi, die dem Suchgebiet am nächsten lagen, verstärkt werden sollten – doch Coledale hatte eine böse Überraschung erlebt.
   Nur ein einziger Tracker war bereit gewesen, ihn und seine Männer zu begleiten. Alle anderen waren angeblich entweder krank oder unterwegs. Weder Coledale noch einer der anderen Beamten hatten in ihrer langen Laufbahn je etwas Ähnliches erlebt.
   Kurz darauf entdeckte ein Viehzüchter, der mit seinem Flugzeug auf dem Weg nach Alice Springs war, in der Wüste zufällig die beiden Landcruiser der Vermissten. Auch hier schickte Coledale ein Suchflugzeug sowie zwei Polizeifahrzeuge los und forderte – diesmal aus der in der Tanami Wüste gelegenen Yuendumu Community – zwei Tracker an. Doch auch hier sagten ihm die Eingeborenen aus fadenscheinigen Gründen ab.
   Daryl fand das Verhalten der eingeborenen Fährtensucher zwar seltsam, aber auch sehr aufschlussreich. Auf den ersten Blick gab es für die Verweigerung der Tracker nur eine Erklärung. Einer oder mehrere der Eingeborenen hatten etwas mit dem Verschwinden der Forscher zu tun. Doch selbst wenn das der Fall war, konnte sich Daryl nicht erklären, was so gravierend gewesen sein konnte, dass sich gleich ein halbes Dutzend Fährtensucher – noch dazu aus verschiedenen Communitys – weigerte, die Polizei zu unterstützen. Ihn beschäftigte eine weitere Frage. Waren Dr. Hooker und seine Begleiter freiwillig die mehr als zweihundert Kilometer bis in die Tanami Wüste gefahren, oder hatte man sie entführt?
   »Sie sagten, einer der Tracker hätte sich an der Suche beim Billabong beteiligt«, wiederholte Daryl. »Hat er etwas entdeckt?«
   »Bei dem Tracker handelt es sich um eine Frau«, antwortete Coledale. »Ihr Name ist Nyurupayia Nampitjinpa, wir nennen sie der Einfachheit halber nur Topsy – und nein, sie hat keine brauchbaren Spuren gefunden.«
   Das überraschte Daryl. Weibliche Tracker waren in der Regel ausgezeichnete Fährtenleser, deren Fähigkeiten, auch kleinste Spuren zu deuten, die der Männer oft übertrafen.
   »Auch nichts, was auf einen überstürzten Aufbruch oder eine Entführung hindeutet?«
   Der Superintendent zuckte unglücklich mit den Schultern. »Nein. Aber möglich ist alles. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand scheint das allerdings eher unwahrscheinlich. Die Eltern von Martyn Dale sind zwar ziemlich vermögend, aber nicht wirklich reich. Und da bisher kein Erpresserschreiben eingegangen ist, können wir Entführung wohl ausschließen.«
   »Es sei denn, die Eltern des Jungen haben nicht vor, sich an die Polizei zu wenden«, gab Daryl zu bedenken.
   »Das glaube ich nicht«, sagte Coledale. »Ich habe in den vergangenen Tagen ein paar Mal persönlich mit den Dales gesprochen. Und ich merke, wenn mich jemand anlügt, Detective.«
   »Die Dales waren hier?«
   »Leider ja. Vor ein paar Tagen kam dieser Trevor Dale mit seiner Frau hereingestürmt und verlangte lautstark Antworten. Als ich ihm keine geben konnte, wurde er ziemlich ungehalten. Er meinte, wir täten nicht genug, um die Vermissten zu finden, und er werde sich an die Presse wenden, schließlich schwebe sein Sohn durch sein Asthma in Lebensgefahr. Später ist er noch dreimal hier aufgetaucht und wollte wissen, ob es Neuigkeiten gibt. Inzwischen sind er und seine Frau gottlob wieder abgereist.«
   Daryl runzelte die Stirn. »Trevor Dale … Der Name kommt mir bekannt vor.«
   »Dale ist Kunsthändler und Galerist, spezialisiert auf Aboriginekunst. Er kam mit seiner Familie vor ungefähr drei Jahren aus England nach Australien und hat sich inzwischen in Kunstkreisen einen ziemlichen Namen gemacht.«
   »Richtig, ich habe von ihm gelesen.« Daryl überlegte einen Augenblick, bevor er zusammenfasste. »Ich stimme Ihnen zu, eine normale Entführung können wir ausschließen. Es ist wirklich ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand den Forschern bis zum Billabong folgte, sie kidnappte und die Geländewagen in die Tanami Wüste fuhr, um sie dort abzustellen – vor allem, wenn man es lediglich auf eine Person abgesehen hat. Das bringt uns zurück zu den Eingeborenen.«
   »Das sehe ich auch so. Zumal ich glaube, dass Topsy nicht die ganze Wahrheit gesagt hat.«
   Daryl sah den Superintendenten fragend an.
   »Sehen Sie, in all den Jahren, die ich nun schon mit eingeborenen Fährtensuchern zusammenarbeite, habe ich durch Fragen und Beobachten einiges von ihnen gelernt. Natürlich ist das nichts im Vergleich zum Wissen eines erfahrenen Trackers. Ich habe weder ihr angeborenes Verständnis für die Natur noch habe ich mein ganzes Leben wie sie draußen im Busch verbracht. Doch selbst ich erkenne inzwischen, wo Spuren zu finden sein müssten und wo nicht. Dass die Hookers den langen und mühseligen Weg zum Billabong machten, aber nicht mal dort campierten, sondern plötzlich umkehrten, um in die Tanami Wüste zu fahren, ist merkwürdig genug. Dass sich aber auch am Fundort der Fahrzeuge keine Spuren befinden, ist meines Erachtens vollkommen unglaubwürdig.«
   »Und Nyurupayia behauptet das?«
   »Ja.« Coledale schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mich fragen, ergibt das alles keinen Sinn.«
   »Haben Sie ihr gesagt, dass Sie ihr nicht glauben?«
   Der Superintendent verneinte. »Es gab ja tatsächlich keine Spuren, zumindest, soweit ich das feststellen konnte.«
   »Haben Sie sonst irgendetwas Auffälliges am Fundort entdeckt?«
   Coledale nickte. »Zwei Dinge sind mir besonders aufgefallen. Erstens, wir fanden zwei Schlafsäcke und zwei Swags, doch die Vermissten waren zu fünft. Eine Schlafhülle fehlt also. Zweitens, und das fiel mir erst auf, als wir die Liste mit den Gegenständen, die wir in den Fahrzeugen gefunden haben, erstellten, fanden wir zwar mehrere Wasserkanister, aber keine einzige Wasserflasche.«
   »Verstehe. Und was glauben Sie, ist passiert?«
   Coledale lehnte sich in seinem Sessel zurück und schüttelte bedrückt den Kopf. »Wenn ich das wüsste … Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Dr. Hooker und seine Begleiter in die Tanami Wüste gefahren sind, sich ihre Feldflaschen umgehängt haben und in die Wüste marschiert sind, wo sie sich schließlich verirrten. Allerdings fanden wir keinerlei Spuren, die das bestätigen würden.« Der Superintendent klappte den Aktendeckel zu und schob die Mappe über den Tisch. »Ihre Kopie des vorläufigen Untersuchungsberichts. Darin finden Sie auch die Aufstellung der Gegenstände in den Fahrzeugen. Besonders beunruhigend finde ich, dass wir in Martyns Kulturbeutel drei volle Asthmasprays fanden. Laut seiner Mutter hatte er sicherheitshalber vier davon mit auf die Reise genommen, aber offenbar zum Zeitpunkt ihres Verschwindens nur eins bei sich.«
   Daryl nickte ernst. Wenn Martyn Dale auf regelmäßige Inhalationen angewiesen und das Spray inzwischen zur Neige gegangen war, sah es nicht gut für ihn aus. »Wie stark ist sein Asthma?«
   »Solange er seine Medikamente nimmt, kann er beschwerdefrei leben. Ohne besteht allerdings die Gefahr, dass er einen Anfall bekommt und erstickt. Stress verschärft die Situation, trockene, staubige Luft erst recht.«
   »Ich verstehe«, sagte Daryl. »Ich würde mir gern noch die Fahrzeuge anschauen, wenn es geht?«
   »Die Jungs von der Spurensicherung haben sie zwar bereits gründlich unter die Lupe genommen, aber kein Problem. Sie stehen unten im Garagenbereich.«
   »Danke. Wie sieht es mit dem Umfeld der Vermissten aus? Was haben wir von der Polizei aus Brisbane bekommen?«
   »Allem Anschein nach führten die Hookers eine offene Ehe, wobei vor allem dem Doktor gelegentliche Seitensprünge nachgesagt wurden. Zudem scheint er eine Vorliebe für jüngere Frauen zu haben. Bei Mrs. Hooker waren die Angaben weitaus ungenauer.«
   »Stammen die Informationen von den Studenten oder den Professoren?«
   »Sowohl als auch. Allerdings handelt es sich nur um Gerüchte, stichhaltige Beweise fehlen. Und um die Antwort auf Ihre nächste Frage gleich vorwegzunehmen, Beziehungen mit Studenten gab es nach Auskunft der Universitätsleitung keine. Der Rektor versichert, man hätte das auch nicht toleriert und unverzüglich und kompromisslos durchgegriffen.« Der Superintendent verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Aber Sie wissen ja, wie viel man von solchen Beteuerungen halten kann. Es wird immer erst alles unter den Teppich gekehrt, das ist einfacher. Erst, wenn sich so viel Schmutz angesammelt hat, dass jemand darüber stolpert, wird das Ganze aufgerollt. Und dann will natürlich keiner zu irgendeiner Zeit den Besen geschwungen haben.«
   »Ich verstehe. Vielleicht sollten die Kollegen in Brisbane trotzdem noch einmal etwas genauer im Kreis der Studenten nachforschen. Nur, um sicherzugehen, dass nichts übersehen wurde.«
   »Das habe ich bereits veranlasst«, sagte Coledale. »Ich glaube zwar nicht, dass es etwas bringt, aber wie Sie schon sagten, sollten wir nichts außer Acht lassen. Ich persönlich denke, dass wir unser Hauptaugenmerk auf die Eingeborenen richten sollten.«
   Daryl nickte nachdenklich. »Zumindest sind sie der Punkt, an dem wir ansetzen sollten. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?«
   Der Superintendent wollte gerade antworten, als das Telefon klingelte. Während Coledale das Gespräch entgegennahm, griff Daryl nach der Untersuchungsakte und schlug sie auf.
   »Was, tatsächlich?«, fragte Coledale ungläubig. »Hat Miss Clayton gesagt, warum sie mich sprechen will?«
   Beim Klang des Namens blickte Daryl interessiert auf. Der Superintendent sah ihn über den Schreibtisch hinweg mit funkelnden Augen an.
   »Gut. Schicken Sie jemanden mit ihr rauf«, sagte er und legte auf.
   »Die Janice Clayton?«, fragte Daryl, bevor Coledale etwas sagen konnte.
   »Genau die.«
   »Ich bin gespannt, was sie hier will.«
   »Und ich erst. Ich hoffe nur, dabei kommt mehr raus als beim Besuch der Dales.«

Daryl überließ der jungen Frau seinen Stuhl. Ans Fensterbrett gelehnt musterte er Janice Clayton, während Superintendent Coledale sie aufforderte, Platz zu nehmen.
   Janice war groß und schlank. Sie hatte lange schwarze Haare, bronzefarbene Haut und ein schmales Gesicht, dessen auffälligstes Merkmal die ungewöhnlich violett schimmernden Augen waren. Als der Superintendent sie nach dem Grund ihres Besuches fragte, senkte sie den Blick.
   »Nun ja«, begann sie zögerlich, »das ist nicht ganz einfach für mich … Ich bin nämlich nicht sicher, ob das, was ich Ihnen erzählen will, überhaupt mit dem Verschwinden Dr. Hookers und der anderen zusammenhängt …«
   »Nur Mut, Miss Clayton«, forderte Daryl sie mit einem aufmunternden Lächeln auf. »Ich verspreche, wir hören Ihnen aufmerksam zu. Außerdem denke ich, haben Sie den weiten Weg nicht ohne Grund auf sich genommen.«
   Janice atmete tief durch. »Also gut … Wie Sie wissen, hätte ich eigentlich mit Dr. Hooker mitfahren sollen …« Sie machte erneut eine Pause.
   »Doch dann wurden Sie krank und konnten nicht mitreisen«, versuchte Coledale, ihr zu helfen.
   »Richtig. Zuerst habe ich gedacht, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Aber dann hörte ich, dass Dr. Hooker und die anderen vermisst werden. Nun ja, und da war ich mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht wichtig für Ihre Ermittlungen wäre …«
   Coledale und Daryl warfen sich einen kurzen Blick zu.
   »Ich erinnerte mich an den Abend vor der Abreise«, fuhr sie fort. »Wir, das waren Kathleen, Steward, Martyn und ich, verabredeten uns. Wir wollten ein wenig feiern und uns auf die Reise einstimmen. Wir zogen von Bar zu Bar, hatten unseren Spaß und tranken mehr, als uns guttat. Dann, wir verließen eben ein Lokal an der Brunswick Street, bekam ich schreckliche Krämpfe und musste mich übergeben. Ich dachte, ich hätte zu viel getrunken oder etwas Schlechtes gegessen. Ich bin nach Hause gegangen und habe mich ins Bett gelegt. Aber es wurde nicht besser, im Gegenteil, mir ging es so schlecht, dass ich den Notarzt rief, der mich ins Krankenhaus brachte.« Bei der Erinnerung daran wurde Janice immer noch blass. Sie schloss einen Moment die Augen.
   »Aber Ihr Zustand hatte nichts damit zu tun, dass Sie zu viel getrunken hatten«, mutmaßte Daryl in die Stille hinein.
   »Das stimmt«, antwortete Janice. »Es war so schlimm, dass die Ärzte mir den Magen auspumpen mussten. Aber auch danach verbesserte sich mein Zustand nur langsam. Erst hieß es, ich hätte eine Lebensmittelvergiftung, doch dann sagten mir die Ärzte, ich hätte eine zwar nicht tödliche, aber doch gefährlich hohe Dosis eines chemischen Giftes zu mir genommen, das unter anderem auch in Rattengift vorkommt.«
   Superintendent Coledale zog die Augenbrauen hoch. »Sie wollen damit andeuten, jemand wollte Sie vergiften?«
   »Ich weiß, das hört sich verrückt an …«, sagte Janice.
   »Ich würde sagen, das kommt auf Ihre weitere Geschichte an«, mischte sich Daryl wieder ein. »Wer hätte ein Interesse daran, Sie außer Gefecht zu setzen oder gar zu töten? Und in welchem Zusammenhang steht das zum Verschwinden der Vermissten?«
   »Ich glaube, es war Kathleen. Sie wollte nicht, dass ich dabei bin.«
   »Warum nicht?«
   »Aus Eifersucht … Und weil sie hinter dem Doc her ist.«
   »Verzeihen Sie mir, Miss Clayton«, warf der Superintendent ein, »aber haben Sie dafür irgendwelche Beweise?«
   »Nein, aber wenn Sie Kathleen so gut kennen würden wie ich … Wenn sie einen Mann will, kriegt sie ihn auch, ohne Rücksicht auf Verluste. Außerdem war sie sauer auf mich, weil ich sie als Notenbeste des Semesters abgelöst hatte. In der letzten Bar, als Steward und Martyn die Drinks holten, sagte sie zu mir: ›An deiner Stelle würde ich mir überlegen, ob du wirklich mitkommen willst. Bei lediglich drei Männern bleibt für dich nämlich keiner übrig‹.«
   Superintendent Coledale begann, ungeduldig mit den Fingern auf den Armlehnen seines Stuhls herumzutrommeln. »Selbst wenn an Ihrem Verdacht etwas dran ist, sehe ich immer noch keine Verbindung zum Verschwinden der Gruppe.«
   »Ich habe ja schon gesagt, vielleicht hat es nichts damit zu tun. Aber vielleicht hat Kathleen es zu bunt getrieben und alles ist außer Kontrolle geraten, was weiß ich«, sagte Janice verzweifelt.
   Coledale seufzte tief und stand auf. Ihm war anzumerken, dass er von dem, was er bisher gehört hatte, enttäuscht war. »Also ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee. Sonst noch wer?«
   Janice schüttelte den Kopf und blickte geistesabwesend aus dem Fenster.
   »Wie steht’s mit Ihnen, Detective?«
   »Wenn Sie irgendwo eine Tasse Tee auftreiben können …«
   »Werde sehen, was sich machen lässt.«
   Daryl wartete, bis Coledale den Raum verlassen hatte. Dann ging er zu der Studentin hinüber, setzte sich neben sie und wartete, bis sie ihn ansah. »Und jetzt erzählen Sie den Rest«, sagte er aufmunternd.
   Janice wurde rot. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«
   »Doch, das tun Sie.« Daryl setzte sein charmantestes Lächeln auf. »Sie sind schließlich Semesterbeste. So was habe ich übrigens nie auch nur annähernd geschafft. Trotzdem reicht mein Verstand aus, um zu begreifen, dass Sie noch aus einem ganz anderen Grund hier sind. Also, was – oder besser – wer ist der Grund?«
   Janice biss sich unschlüssig auf die Lippen.
   »Kommen Sie, was Sie uns eben erzählt haben, das hätten Sie auch der Polizei in Brisbane zu Protokoll geben können.«
   »Also schön.« Janice gab sich einen Ruck. »Ich hoffe nur, es wird nicht an die große Glocke gehängt.«
   »Wir werden sehen, was sich machen lässt.«
   »Also, der Punkt ist, ich habe ein Verhältnis mit Dr. Hooker. Deshalb hielt ich es in Brisbane auch nicht mehr aus …«
   Die Beziehung zwischen John Hooker und Janice dauerte bereits über drei Monate. Angeblich hatte lange Zeit niemand davon gewusst, bis Kathleen die beiden zufällig in einem Straßencafe gesehen hatte. Von Kathleen daraufhin zur Rede gestellt, hatte Janice das Treffen als zufällige Begegnung abgetan, was Kathleen ihr aber nicht glaubte. Immer wieder machte sie gegenüber ihrer Studienkollegin zweideutige Bemerkungen, und Janice erkannte, dass Kathleen eifersüchtig war. Eines Tages wurde Janice auch von Martyn auf ihre Affäre angesprochen. Natürlich stritt sie weiterhin alles ab, auch als Martyn ihr kurz vor der Reise gestand, dass er in sie verliebt war.
   »Glauben Sie, dass Mrs. Hooker von alldem wusste?«
   Janice überlegte einen Augenblick, dann schüttelte sie den Kopf.
   »Auch nicht von Martyn? Bedenken Sie, dass er in Sie verliebt ist.«
   »So etwas würde er nicht tun, dafür ist er viel zu korrekt und verschwiegen.«
   »Und Kathleen? Könnte sie Mrs. Hooker über ihr Verhältnis mit dem Doktor informiert haben?«
   »Schon eher. Aber auch wenn, glaube ich nicht, dass es Mrs. Hooker allzu sehr aufgeregt hätte. Immerhin ist sie auch kein Kind von Traurigkeit.«
   Daryl seufzte. »Ich fürchte, das müssen Sie mir jetzt näher erklären«, sagte er – was die Studentin auch tat.
   Es geschah nach Mrs. Hookers letzter Vorlesung vor den Semesterferien. Steward Pryce, der Mrs. Hooker anscheinend noch etwas fragen wollte, war im Hörsaal zurückgeblieben, während Janice, gemeinsam mit ihren Kommilitonen, den Saal verlassen hatte. Als sie bemerkte, dass sie ihren Stift vergessen hatte, kehrte sie um und wurde unfreiwillig Zeuge, wie Doreen Hooker ihre Finger küsste und sie auf Stewards Lippen legte, ehe sie ihm zärtlich über die Wange streichelte.
   »Und wie reagierte Steward darauf?«, fragte Daryl.
   »Er schien es zu genießen.«
   »Was für ein Mensch ist Steward – beschreiben Sie ihn mir.«
   Janice blickte nach rechts oben, was bedeutete, dass sie in ihrem Erinnerungsspeicher kramte.
   »Er ist recht groß und gut gebaut«, begann sie ihre Beschreibung. »Seine Gesichtszüge sind etwas zu scharf, weshalb ich ihn auch nur mit Abstrichen als attraktiv bezeichnen würde. Allerdings strahlt er diese machomäßige Mischung aus Arroganz, Selbstbewusstsein und animalischer Männlichkeit aus, die auf viele Frauen so anziehend wirkt.«
   »Auch auf Mrs. Hooker?«
   Janice rümpfte die Nase. »Das ist es eben, was ich nicht recht verstehe. Ich würde eher sagen, dass sie auf den intellektuellen Typ steht.«
   »Jemanden wie Dr. Hooker?«
   »Oh, Dr. Hooker ist mehr als das«, antwortete Janice und verdrehte schwärmerisch die Augen. »Er ist groß, schlank, hat einen umwerfenden Charme und sieht verdammt gut aus. Normalerweise trägt er sein langes, graues Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, was ihm ausgezeichnet steht, weil es sein charakterstarkes Gesicht noch markanter erscheinen lässt. Wegen seines humorvollen Unterrichtsstils und der provokanten Art, mit der er regelmäßig über die seiner Ansicht nach antiquierten Lehrmethoden der Universität herzieht, ist er bei der männlichen wie weiblichen Studentenschaft gleichermaßen beliebt.«
   Auch wenn Daryl das Verhältnis zwischen John Hooker und der Studentin als problematisch betrachtete, so fand er Janice’ unbekümmerte, jugendliche Schwärmerei doch herzerfrischend. Darüber hinaus übersah er aber nicht ihre Menschenkenntnis und ihre hervorragende Beobachtungsgabe. In seinen Augen waren sie tausendmal wertvoller und informativer als trockene Untersuchungsberichte wie der, aus dem ihm Superintendent Coledale vorgelesen hatte. »Um nochmals auf Steward zurückzukommen: Glauben Sie, er hatte ein Verhältnis mit Mrs. Hooker?«
   »Schwer zu sagen. Ich habe die beiden ja nur dieses eine Mal so zusammen gesehen. Allerdings …«
   »Was?«
   »Nun ja, Steward ist kein besonders ehrgeiziger Student. Er tut nur das Nötigste, weshalb ich mich offen gestanden auch wunderte, wie er unter die Semesterbesten kommen und sich für diese Reise qualifizieren konnte.«
   »Moment mal«, unterbrach sie Daryl. »Es gab ein Auswahlverfahren für die Studienreise?«
   »Ja«, entgegnete Janice erstaunt. »Wussten Sie das nicht?«
   Daryl schüttelte den Kopf.
   »Also, das ist so: Bei den Zoologie- und Biologiehochschülern genießen Johns, ich meine, Dr. Hookers, Expeditionen schon so was wie Kultstatus. Sie sind das Highlight des Studienjahres, und wer dabei sein möchte, musste sich schon zu Beginn des Jahres in eine Liste eintragen. Die Studentin und der Student, die das Jahr mit dem besten Notendurchschnitt abschließen, sind automatisch mit von der Partie. Unter den Zweit- bis Fünftplazierten entscheidet das Los. Ich denke, für viele Studierende ist die Aussicht, mit den Hookers drei bis vier Wochen im Outback zu verbringen, Ansporn für noch bessere schulische Leistungen. Steward gehörte aber bestimmt nicht dazu.«
   »Und Martyn?«
   »Der bestimmt. Er wusste, dass ich als Semesterbeste dabei sein würde. Und … na ja. Er ist verliebt in mich und wollte daher unbedingt dabei sein.«
   Daryl lehnte sich zufrieden zurück. Genug Nahrung für Konflikte innerhalb der Forschergruppe gab es allemal.

3

Als Daryl am nächsten Morgen in den Hubschrauber stieg, drängte die aufgehende Sonne im Osten gerade in den neuen Tag und trieb die Sterne wie eine Herde verstreuter Schafe rasch nach Westen. Die Luft war noch frisch und klar, doch das würde sich bald ändern. Der Wetterbericht sagte einen wolkenlosen Tag mit einer Windgeschwindigkeit von kaum einem halben Knoten voraus. Das würde das Thermometer auf fast fünfunddreißig Grad steigen und die Luft unter der sengenden Sonne flimmern lassen.
   Daryl machte das nichts aus. Die meiste Zeit des Tages saß er im Hubschrauber, und da die Hughes 300 keine Türen hatte, würde es durch den Luftzug angenehm kühl sein.
   Er checkte die letzten Instrumente, setzte die Kopfhörer auf und startete den 190 PS starken Kolbenmotor. Als alle Instrumente ihre vorgeschriebenen Betriebsleistungen anzeigten, bat er beim Tower um Starterlaubnis und hob ab.
   Zu fliegen bedeutete für Daryl nicht nur ein großes Stück Freiheit, es war auch eine Möglichkeit, der Erde mitsamt ihren Sorgen für eine Weile zu entfliehen. Das hatte sich auch nicht geändert, nachdem er während einer Ermittlung in den Kimberleys einmal abgestürzt war. Wenn er flog, fühlte er sich losgelöst von irdischen Problemen und konnte sogar die Erinnerung an Michelle für einen Moment lang hinter sich lassen. Auf dem Boden war das nicht immer so.
   Sein erstes Ziel an diesem Tag war die kleine Aborigine Community Nyirripi, die gut dreihundertvierzig Kilometer nordwestlich von Alice Springs in der Wüste lag. Für die Strecke benötigte er schätzungsweise zweieinhalb Stunden. Seinen Besuch hatte er nicht angemeldet, wie das eigentlich nötig gewesen wäre. Er wollte verhindern, dass Nyurupayia Nampitjinpa ins Outback verschwand, weil jemand auf dem Weg zur Community war.
   Nyurupayia hatte sich als Einzige der Polizei als Tracker zur Verfügung gestellt, doch nicht, um zu helfen, davon war Superintendent Coledale überzeugt und Daryl teilte seine Auffassung. Da alle anderen Tracker ihre Unterstützung verweigert hatten, musste Nyurupayia einen anderen Grund gehabt haben. Daryl würde herausfinden, welchen.
   Er folgte zunächst dem Verlauf der McDonnell Ranges. Aus der Luft sah das verwitterte Gebirge wie die riesigen versteinerten Wellen einer gigantischen Sintflut aus. Flog man etwas niedriger, hatten die parallel zueinander verlaufenden Bergketten mit den dazwischenliegenden Tälern eher Ähnlichkeit mit gigantischen Wagenspuren.
   Eine Weile flog er über dem gewellten Kamm eines Höhenzugs. Zu beiden Seiten hatte das Regenwasser in Jahrmillionen tiefe Abflussrinnen geschaffen und die weichen Sandstein- und Schiefertonschichten aus dem Gebirge gewaschen. Am Ende waren so die Täler zwischen der einstmals mächtigen Bergkette entstanden.
   Als rechts von ihm der mit über eintausendfünfhundert Metern höchste Punkt der McDonnell Ranges in Sicht kam, drehte Daryl leicht nach Nordwesten ab und folgte einem uralten Quarzitausläufer des Mount Liebig in eine flache rote Wüstenlandschaft.
   Rasch verloren sich die wasserlosen und sandigen Flussläufe, die sich wie elfenbeinfarbene Schlangen aus den Bergen in die Wüste wanden, in der kargen Gegend. Rote Dünen, bewachsen mit stacheligen Spinifex-Grasbüscheln, lösten sie ab und gingen, je näher er der Community kam, allmählich in eine flache, steinige Landschaft über.
   Nyirripi war eine relativ junge Community, gegründet von einer kleinen Gruppe des Walbiri-Stammes. Ursprünglich hatten sie in Yuendumu, einer Community in der Tanami Wüste, gelebt, ehe sie sich entschlossen, dem Druck der stetig wachsenden Community zu entfliehen und einen Außenposten nahe der südwestlichen Grenze ihres traditionellen Stammeslandes zu gründen. Obwohl Nyirripi überwiegend eine Walbiri-Gemeinschaft war, lebten in ihr auch Angehörige der Pintubi, Luritja und Kukatja.
   Von oben betrachtet machte die Community einen erbärmlichen und verlassenen Eindruck. Die Siedlung sah aus, als hätte man sie einfach achtlos in die Wüste gesetzt. An dem trostlosen Panorama änderte auch der majestätische Mount Cockburn nichts, dessen breiter abgeflachter Gipfel dreizehn Kilometer entfernt einsam aus der Gibsonwüste emporragte.
   Fast alle der einfachen Fertigbauhäuser in der Community hatten Wellblechdächer, auf denen Solarzellen befestigt waren, die einen Teil der benötigten Elektrizität lieferten. Die Häuser lagen verstreut in einem Netz kurzer, parallel ins Nichts verlaufender Straßen. Im Gegensatz zu dem schmalen, schnurgerade verlaufenden Track, der Nyirripi mit der über hundertfünfzig Kilometer entfernt gelegenen Yuendumu Community verband, waren die Straßen geteert, was in der Weite der Wüste ebenso deplaziert wirkte wie die Siedlung.
   Daryl setzte ungefähr zweihundert Meter nördlich der Community auf. Während er wartete, bis die Rotoren stillstanden und sich der aufgewirbelte Staub verzogen hatte, kamen die ersten Kinder herbeigerannt.
   Daryl hatte zum Glück vorgesorgt und Süßigkeiten mitgebracht, die er großzügig an die aufgeregte Kinderschar verteilte. Um sicherzugehen, dass sein gemieteter Hubschrauber nicht als willkommenes Spielzeug herhalten musste, versprach er den Kindern mehr Süßigkeiten, wenn sie der Maschine fernblieben, ihn stattdessen zur Community begleiteten und ihm zeigten, wo Nyurupayia Nampitjinpas zu Hause war. So marschierte er, umringt von einer lachenden und völlig überdrehten Schar schwarzer Kinder, ins ›Zentrum‹ der kleinen 240-Seelen-Gemeinde.
   Daryl kannte Communitys wie diese aus seiner Jugend. Im Gegensatz zu den meisten anderen Weißen sah er in ihnen daher auch nicht nur Elend und Hoffnungslosigkeit.
   Wie in Communitys weit verbreitet, waren die meisten Häuser in einem schlechten Zustand. Bei vielen fehlten Türen und Fenster, bei anderen waren sie immerhin durch fliegengitterbespannte Rahmen ersetzt worden. Vor den Häusern lagen Abfall sowie allerlei Gerümpel. In den wenigen verstreut wachsenden Sträuchern und Bäumen hingen weiße Plastiktüten, die der Wind irgendwann einmal aufgewirbelt hatte und die in den Ästen hängen geblieben waren.
   Die Achtlosigkeit, mit der die Eingeborenen den Abfall um sich herum verstreuten, erschien auf den ersten Blick wie ein unbegreiflicher Gegensatz zu ihrer Naturverbundenheit. Doch als die Aborigines noch als Nomaden durch die Wüste gezogen waren, die ihr weniges Hab und Gut auf einfache Weise mit sich geführt hatten, wurden alle Werkzeuge und anderen Gebrauchsgegenstände aus der Natur hergestellt. Waren sie zu schwer, um sie die ganze Zeit mit sich herumzutragen, wie zum Beispiel die Mahlsteine für Pflanzensamen, ließ man sie einfach zurück, bis man bei der nächsten Wanderung an den Ort zurückkehrte. Konnte etwas nicht mehr genutzt werden oder ging kaputt, warf man es weg und es wurde wieder zu einem Teil der Natur. Dieses Denken war noch immer tief in den Aborigines verwurzelt, nur dass sich der Abfall der weißen Kultur nicht mehr so einfach in den Naturkreislauf einfügte. Überall im Schatten lagen Hunde und dösten. Einige erhoben sich träge und trotteten ihnen in der glühenden Hitze entgegen, um sich der seltsamen Prozession anzuschließen. Erwachsene sah Daryl kaum. Entweder hatten sie sich in ihre Behausungen zurückgezogen oder sie saßen ebenfalls im Schatten und würdigten den ungebetenen Besucher keines Blickes.
   Fünfzehn Meter vor Nyurupayia Nampitjinpas Haus blieb die Kinderschar stehen. Einer der älteren Jungen wies mit dem Finger zu einem rundum offenen Unterstand, der sich einige Meter rechts vom Haus befand. Unter dem von rostigen Metallstangen gestützten Wellblechdach saß eine alte weißhaarige Frau. In einem Halbkreis um sie herum zählte Daryl ein halbes Dutzend Eingeborenenmädchen, die neugierig die Köpfe in ihre Richtung drehten.
   »Ist das Nyurupayia?«, fragte Daryl den Jungen.
   Der nickte.
   Daryl nahm den Rucksack von den Schultern. Als er ihn öffnete und erneut Süßigkeiten hervorholte, sprangen einige Mädchen unter dem Sonnendach auf und kamen schreiend herübergelaufen.
   Während Daryl die Leckereien verteilte und darauf achtete, dass niemand zu kurz kam, beobachtete er aus den Augenwinkeln Nyurupayia. Die Aborigine saß regungslos im Schneidersitz unter dem Unterstand und beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen.
   »So, ich denke, das reicht«, sagte Daryl nach einer Weile und schnürte seinen Rucksack wieder zu. »Esst das erst mal in Ruhe auf, während ich mit Nyurupayia rede. Aber bleibt in der Nähe. Ich habe noch mehr, und das gebe ich euch Rackern, wenn ich wieder gehe.«
   Die Kinder lachten, johlten und klatschten begeistert in die Hände. Daryl bahnte sich einen Weg durch die Menge und ging zu Nyurupayia hinüber.
   »Guten Morgen, mein Name ist Daryl Simmons«, stellte er sich vor und lächelte. »Tut mir leid, wenn ich einfach so hereinplatze, aber ich würde mich gern ein wenig mit Ihnen unterhalten.«
   Nyurupayia Nampitjinpa würdigte ihn keiner Antwort. Sie musterte Daryl weiter aus schmalen Augenschlitzen, ohne dass er erkennen konnte, was sie dachte.
   Daryl schätzte Nyurupayia auf über sechzig. Anders als die meisten älteren Aborigine-Frauen war sie nicht füllig, sondern sehr dünn, fast schon knochig. Erstaunlicherweise hatte sie kaum Falten, ihre Haut war immer noch sehr geschmeidig und glänzte seidig, was Daryl unwillkürlich an schwarze Schokolade erinnerte.
   Da Nyurupayia immer noch schwieg, änderte er seine Taktik. Nachdem er sich die verschiedenen Gebrauchsgegenstände, Samen und Früchte genau angesehen hatte, die vor der alten Aborigine ausgebreitet lagen, zählte er sie in der Sprache der Walbiri auf. »Grabstöcke, Holzschalen, Mahlsteine und Feuersägen, Buschtomaten, Galläpfel, wilde Passionsfrüchte, Yamswurzeln und Buschgurken, wilde Zwiebeln, Mulga- Wattleseed- und Pigweed-Samen – ich habe gerade beim Buschkundeunterricht der Mädchen gestört, das tut mir sehr leid.«
   Nyurupayias Augenschlitze weiteten sich etwas. »Du sprichst Walbiri«, stellte sie mit ruhiger Stimme fest.
   »Ich spreche Walbiri und Pintubi. Außerdem verstehe ich auch einige Dialekte der Arrernte. Fehlerfrei kann ich aber nur Pintubi.«
   »Soso, Pintubi, ja?«
   Endlich konnte Daryl Nyurupayias Augen sehen. Sie waren pechschwarz, doch in ihrer Mitte schienen Hunderte winziger Feuer zu lodern.
   »Und wie kommt ein Amerjig dazu, gleich mehrere Eingeborenensprachen zu sprechen?«
   Daryl erzählte ihr in aller Kürze, dass die Aborigine Community, in der er aufgewachsen war, nur ein paar Hundert Kilometer entfernt lag; wie ihn Ungjeeburra sehr früh unter seine Fittiche genommen hatte und er ohne das Wissen seiner Eltern die Initiationsriten der Pintubi durchlief, was ihm, als sie davon erfuhren, mächtigen Ärger eingebracht hatte. Besonders der letzte Teil brachte das Eis anscheinend zum Schmelzen.
   Nyurupayia schüttelte sich vor Lachen, und die in einiger Entfernung spielenden Kinder warfen ihnen neugierige Blicke zu.
   Als sich die Aborigine wieder im Griff hatte, bat sie Daryl mit einer Handbewegung, sich zu setzen. »Du bist also ein weißer Pintubi«, stellte sie fest. »Unsere Stämme sind verwandt. Das bedeutet, du bist hier willkommen. Was ist dein Eingeborenenname und dein Totem?«
   »Ich heiße Munkumbole, und mein Totem ist das Felsenkänguru.« Stolz schwang in seiner Stimme. Für einen Aborigine war sein Totem, oder das Dreaming, wie die Aborigines es nannten, das Wichtigste im Leben. Ohne sein Totem war ein Aborigine nichts. Doch das Totem war nicht einfach nur eine Art Klanemblem. Mitglieder des Felsenkänguru-Dreamings beispielsweise glaubten, von einem universalen Felsenkänguru-Vater abzustammen. Er war sowohl der Ahne aller Felsenkänguru-Menschen als auch der Tiere, was Menschen und Tiere in der Aborigine-Vorstellung zu Brüdern machte. Ein Felsenkänguru zu töten und zu verzehren, galt gleichermaßen als Brudermord und Kannibalismus. Die Totems zeigten den Menschen, woher sie kamen und wer sie waren. Sie gaben dem Leben Orientierung.
   Bei der Erwähnung von Daryls Totem weiteten sich Nyurupayias Augen. Sie nickte nachdenklich. »Das Felsenkänguru«, wiederholte sie beinahe feierlich, »ein besonderes Dreaming.« Nyurupayias Blick bohrte sich in Daryls Augen.
   Gewöhnlich hatte er kein Problem damit, dem Blick eines anderen Menschen standzuhalten, bei Nyurupayia war das jedoch anders. Sie konnte einen Menschen mit ihren hypnotisierenden Augen vollkommen in ihren Bann schlagen. Nach der Erwähnung seines Totems hatte Daryl den Eindruck, als verstärkte sie ihre Bemühungen, genau das mit ihm zu tun.
   Bildete er sich das nur ein, oder spürte er ihren Blick tatsächlich auf seiner Haut und in seinem Gesicht? Seine Augen wurden jedenfalls immer heißer und begannen, leicht zu brennen. Er blinzelte, ohne dass es etwas an dem merkwürdigen Gefühl änderte. Langsam schlich sich die Wärme weiter in sein Gehirn und sogar hinunter bis zu seinem Herzen. Daryl spürte, wie Nyurupayia nach seiner Seele suchte, um sie vollkommen zu durchleuchten, und er war in höchstem Maß verwirrt. Er spürte, wie ihm die Situation langsam entglitt und er dem Blick der alten Frau unmöglich länger standhalten konnte. Ruckartig unterbrach Daryl die Verbindung, die zwischen ihm und Nyurupayia zu bestehen schien, und heftete seinen Blick entschlossen auf die Gegenstände vor sich auf dem Boden. Die Wärme in seinem Körper ließ langsam nach. Sie war zwar immer noch da, aber sie fühlte sich nicht mehr so brennend an wie ein paar Sekunden zuvor.
   »Verraten Sie mir, was Sie gerade denken?«, versuchte er, die Situation wieder in den Griff zu bekommen.
   »Munkumbole, der Schlaue, Wissende … Ich versuche, herauszufinden, weshalb du diesen Namen trägst«, antwortete Nyurupayia sanft.
   »Mein Lehrmeister, Ungjeeburra, schlug ihn bei meiner Initiation vor und die Ältesten stimmten sofort zu.« Damals hatte Daryl nicht verstanden, warum man ihm diesen Namen gegeben hatte. Er hatte sich weder geschickter noch klüger als die anderen Jungen angestellt, die mit ihm zum Mann geweiht wurden. Erst Jahre später hatte Ungjeeburra es ihm erklärt. Der Name sollte nicht ausdrücken, was er war, sondern wer er einmal sein würde.
   »Und warum bist du heute zu mir gekommen?«
   »Sie haben als Tracker bei der Suche nach Dr. Hooker und seinen Begleitern teilgenommen. Wie Sie vermutlich wissen, fehlt von ihnen noch immer jede Spur. Was glauben Sie, ist ihnen zugestoßen?«
   Nyurupayias Augen verengten sich wieder. »Munkumbole, der weiße Pintubi, ist ein Polizist«, sagte sie nachdenklich, ohne auf Daryls Frage einzugehen.
   »Das ist richtig. Ich wurde zu dem Fall hinzugezogen, weil die eingeborenen Fährtensucher der Polizei nicht helfen konnten – oder besser – nicht helfen wollten.«
   Nyurupayia zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, warum die anderen Tracker nicht helfen konnten. Ich habe es jedenfalls getan.«
   »Wirklich? Und Sie haben nicht einen einzigen brauchbaren Hinweis gefunden? Verzeihen Sie, aber das kann ich nur schwer glauben.«
   »Warum sollte ich lügen?« Nyurupayia sah ihn unbeeindruckt an.
   »Ich bin zwar weiß und ich bin Polizist – aber ich bin auch ein Pintubi. Daher weiß ich, dass etwas vorgefallen ist, etwas so Bedeutendes, dass alle Eingeborenen schweigen. Und Sie wissen, worum es geht. Deshalb sind Sie auch der Aufforderung von Superintendent Coledale gefolgt. Sie wollten nicht die Forscher aufspüren, Sie wollten die Polizei für alle Fälle im Auge behalten.«
   Wenn Nyurupayia wegen der Aussage überrascht oder beunruhigt war, so ließ sie es sich nicht anmerken.
   Daryl, der gelernt hatte, auch die kleinste Regung im Gesicht eines Eingeborenen zu deuten, hatte nicht die geringste Ahnung, was die Aborigine dachte.
   »Die Fahrzeuge waren in der Nähe des Taleingangs, der zum Billabong führt.« Nyurupayia blieb weiterhin vollkommen ruhig. »Doch sie haben gewendet und sind wieder weggefahren. Weshalb sie in die Tanami Wüste fuhren, weiß ich nicht. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.« Ihr Blick löste sich von Daryl und schweifte zu den spielenden Kindern hinüber. Damit war das Gespräch für sie beendet.
   Daryl nickte nachdenklich. Er hatte von Nyurupayia absolut nichts erfahren, und das würde er auch nicht, ganz egal, wie lange er hierblieb. Allerdings hatte er das nicht anders erwartet, als er heute Morgen in den Hubschrauber gestiegen war. Man konnte Aborigines nicht zum Reden bringen, wenn sie nicht wollten. Nicht einmal die Androhung von Gefängnis oder Gewalt hätte etwas bewirken können, im Gegenteil. Und wenn es sich bei dem Billabong um ein Heiligtum der Aborigines handeln sollte, gehörte es ohnehin zu ihren Tabus, mit Uneingeweihten darüber zu sprechen.
   Dennoch hatte sich sein Besuch bei Nyurupayia gelohnt. Daryl wusste nun immerhin, dass sie eine wichtige Persönlichkeit des Stammes war. Sie unterrichtete die Mädchen in kulturellen Belangen der Walbiri-Gemeinschaft, wie Naturkunde, ihren Traumzeiterzählungen, Stammestänzen und -gesängen oder der Herstellung von Gebrauchsgegenständen für das Sammeln und Jagen. Sie war eine Eingeweihte und kannte alle Geheimnisse des Stammes – mit Ausnahme derjenigen, die ausschließlich den Männern vorbehalten waren.
   Daryl stand auf. »Ich weiß, ich bin ein Wuiei, ein uneingeweihtes Nichts«, sagte er sachlich. »Aber man hat mich nun einmal gebeten, herauszufinden, was mit Dr. Hooker und seinen Begleitern geschehen ist. Und das werde ich, egal, wie lange es dauert.«
   Für den Bruchteil einer Sekunde kniff Nyurupayia die Lippen zusammen, und Daryl erkannte, dass die Aborigine beunruhigter war, als sie vorgab. Natürlich konnte er auch versuchen, mit einigen anderen Eingeborenen in Nyirippi zu reden, doch das wäre aller Wahrscheinlichkeit nach reine Zeitverschwendung. Die Aborigines würden nicht zulassen, dass ihnen ein Fremder Fragen stellte, geschweige denn sie beantworten. Die Stammesältesten, zu denen mit Sicherheit auch Nyurupayia gehörte, hatten das bestimmt längst so beschlossen. Kein Angehöriger des Stammes würde sich jemals über die Anordnung hinwegsetzen. Man schuldete den Ältesten Respekt, gleichzeitig fürchtete man sie, denn die Alten kannten sie noch, die uralten Zaubersprüche und Flüche. Und Junge und Alte wussten gleichermaßen, dass sie noch immer wirkten.
   »Ich weiß nicht, was ich auf meiner Suche finden werde, aber ich verspreche, dass ich, was die Eingeborenen angeht, die in die Sache involviert sind, so schonungsvoll wie möglich vorgehen werde.«
   Der Blick der Aborigine kehrte bei den Worten langsam zu Daryl zurück. Einen Augenblick fixierten ihre Augen die seinen. »Was macht dich so sicher, dass wir etwas damit zu tun haben?«
   Daryl lächelte die alte Aborigine freundlich an. »Meine Haut ist zwar weiß, aber das bedeutet nicht, dass ich auch fühle wie ein Weißer.« Er wandte sich um und trat unter dem Wellblechunterstand in die brütende Sonne hinaus.
   »Munkumbole«, rief Nyurupayia.
   Daryl drehte sich wieder um.
   »Ich habe vorhin in dein Herz gesehen. Es ist ehrlich und gut, aber auch einsam und traurig. Du musst einen Menschen verloren haben, der dir sehr viel bedeutet hat.«
   Daryl war so überrascht, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Er fühlte sich nackt und verletzlich, durchschaut bis in die tiefsten Wurzeln seiner Seele.
   Während er noch um Fassung rang, sprach Nyurupayia bereits weiter. »Auf dich warten noch schwere Prüfungen. Ich wünschte, ich könnte dir helfen, sie zu bestehen. Aber es ist dein Weg – und du musst ihn allein gehen. Ich kann dir lediglich einen Rat geben. Was auch in der nächsten Zeit geschehen wird, denke immer daran: Was war, wirkt auf uns immer tiefer als das, was ist. Löse dich vom Vergangenen, akzeptiere es, und du wirst die Proben, die auf dich warten, meistern und das Richtige tun.«
   Nachdem Daryl die restlichen Süßigkeiten an die Kinder verteilt hatte, kehrte er zum Hubschrauber zurück und startete die Maschine. Während die Nadeln der Cockpitanzeigen langsam nach oben kletterten, dachte er über die Begegnung mit Nyurupayia Nampitjinpa nach.
   Die Aborigine erinnerte ihn an seinen Ziehvater Ungjeeburra. Sie gehörte zu den wenigen Eingeborenen, die noch die alten Traditionen kannten, lehrten und auch weitgehend wie ihre Vorfahren in der Wildnis lebten. Sie verschwand wahrscheinlich wie Ungjeeburra regelmäßig wochenlang in der Wüste, allein und ohne dass jemand wusste, wohin sie ging und wann sie zurückkam. Nyurupayias dünner, sehniger Körper und ihre schwieligen Hände und Füße zeugten davon. Am meisten beeindruckte ihn aber ihre Ausstrahlung. Der ruhige Klang ihrer Stimme, ihr intensiver Blick und die Art, wie sie regelrecht in ihn hineingesehen hatte, berührten und faszinierten ihn gleichermaßen. Er kannte nur noch einen Menschen, der so eine Ausstrahlung besaß, und das war Ungjeeburra. Wie gern hätte Daryl ihn jetzt an seiner Seite gehabt. Ungjeeburra war einer der weisesten Menschen, denen er jemals begegnet war. Außerdem kannte Ungjeeburra viele der Ältesten des Walbiri-Stammes. Er hätte bestimmt problemlos herausgefunden, was hier vorging.
   In eine rote Staubwolke gehüllt, hob Daryl ab. Er flog nach Osten, umrundete den Mount Cockburn und nahm Kurs auf die westlichen Ausläufer der Stuart Bluff Ranges. Als die Bergkette in der Ferne immer deutlicher zu erkennen war, tauchten unter ihm die ersten ausgetrockneten Salzseen auf, die immer größer wurden, je näher er dem Gebirgszug kam.
   Aus der Vogelperspektive sahen die salzgesäumten Sandinseln in den ausgetrockneten Seen wie Bakterienkulturen in einer riesigen Petrischale aus. Alle paar Jahre, wenn es über dem Inneren Australiens einmal ausgiebig regnete, suchte sich das Wasser aus den Bergen einen Weg durch die sonst ausgetrockneten Flusssysteme hinaus in die Wüste, wo es entweder irgendwo versickerte oder sich in den Salzseen sammelte. Bei der Verdunstung lagerten sich die hellen, schwer löslichen Salze zuerst ab und die dunklen, besser löslichen zuletzt. So entstanden rings um die kleinen Inseln Gürtel aus gleißend weißen Salzringen, während die Kanäle dazwischen von schmutzig blauer bis olivegrüner Farbe waren.
   Daryl schwenkte leicht nach Norden, stieg etwas höher und peilte den Billabong an. Zunächst wollte er sich aus der Luft ein Bild vom Canyon und dessen Umgebung machen, um einen geeigneten Landeplatz in der Nähe des Schluchteingangs zu suchen. Anschließend plante er, an der Stelle, an der die Fahrzeuge der Vermissten angeblich gewendet hatten, nach Spuren zu suchen.
   Das verwitterte, rötlichbraune Gestein der Bergkette war nur spärlich bewachsen. Einzig in den unzähligen Tälern hielt sich ein verhältnismäßig dichter Teppich aus Bäumen und Büschen. Obwohl Daryl die genauen Koordinaten des Billabongs kannte, hatte er Mühe, ihn auszumachen. Das Ende des Canyons war eng und der Teich lag tief unten zwischen den fast senkrechten Felswänden verborgen. Zwei mächtige rote Flusseukalypten schirmten den vorderen Teil der Wasserstelle ab, während ein paar Geistereukalyptusbäume, die sich aus den Felsnischen der Canyonwände zwängten, den hinteren Teil des Billabongs verdeckten. Eine überhängende Felswand, über die bei Regen mit Sicherheit ein kleiner Wasserfall in den Pool stürzte, bildete das Ende der Schlucht. Erst beim dritten Überflug war er sicher, dass sich der richtige Canyon unter ihm befand, und er folgte ihm taleinwärts. Je breiter die Schlucht wurde, umso tiefer flog Daryl. Am Ende berührten die Kufen seines Hubschraubers beinahe die Wipfel der Bäume.
   Daryl setzte die Maschine gut zweihundert Meter vom Taleingang entfernt mitten im ausgetrockneten Flussbett auf. Ein Blick auf die Tankanzeige zeigte ihm, dass er etwas mehr Treibstoff verbraucht hatte, als berechnet war. Doch zum Glück war seine Maschine mit einem Zusatztank ausgestattet, der ihre Reichweite von dreihundert Kilometern auf über vierhundertfünfzig erhöhte. Bis Alice Springs reichte das zwar nicht, wohl aber bis zur Old Creek Station, bei deren Besitzern er sich bereits zu einem Besuch angemeldet hatte.
   Nachdem er Wasserflasche, Klappmesser und ein Sandwich, die in einem Plastikbeutel auf dem Kopilotensitz festgeschnallt waren, in seinen inzwischen leeren Rucksack gepackt hatte, folgte er dem Flussbett Richtung Canyon.
   Daryl musste nicht lange nach der Stelle suchen, an der die Landcruiser der Gruppe gewendet hatten. Spuren am Ufer des locker mit Eukalypten gesäumten Kiesbetts markierten den Ort unübersehbar. Daryl folgte der Wendespur etwa zwanzig Meter bis zu der Stelle, wo sie von denen der Polizeifahrzeuge überdeckt worden war. Auf dem Weg zurück zum Wendeplatz entdeckte er drei verschiedene Fußspuren. Eine stammte von einem leichten Menschen, der barfüßig ging, und konnte nur von Nyurupayia sein. Die beiden anderen gehörten zu großen, schweren Personen, die Schuhe mit Absätzen getragen hatten. Die Spuren folgten und überdeckten teilweise die von Nyurupayia und stammten demnach von Superintendent Coledale und einem weiteren Polizisten. Die beiden waren, wie das üblich war, mit einigem Abstand hinter ihrem Tracker gegangen, um keine Spuren zu verwischen.
   Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob Dr. Hooker und seine Begleiter bis an das Ufer des ausgetrockneten Flusslaufs gefahren wären, dort angehalten hätten, um ohne auszusteigen zu wenden und zurückzufahren.
   Daryl schüttelte den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn. Warum sollten sie einfach wieder zurückfahren?«
   Spuren eines weiteren Fahrzeuges oder eines Motorrades gab es rund um den Wendeplatz nicht. Die Theorie einer Entführung schien endgültig auszuscheiden. Blieben zwei Möglichkeiten. Entweder Nyurupayia hatte doch die Wahrheit gesagt – was bedeuten würde, er hatte am falschen Ort mit seiner Suche begonnen – oder jemand hatte alle Spuren sorgfältig verwischt, um eine falsche Fährte zu legen. Sein Gefühl ließ ihn auf das Zweite tippen.
   Ungjeeburra hatte ihn zwar gelehrt, wie man Spuren las, aber Daryl war deswegen noch lange kein Tracker. Sein Wissen beschränkte sich auf die Grundbegriffe. Richtige Fährtensucher waren in der Regel immer ältere Frauen und Männer, so wie Nyurupayia. Das Fährtensuchen war eine Fähigkeit, die man ständig, nahezu täglich anwenden und verfeinern musste. Während ihrer langen und einsamen Wanderungen durch den Busch erwarben die Eingeborenen ein unschätzbares Wissen und Verständnis über die Abläufe der Natur, das weit über das der Weißen hinausging. Oft nahmen Tracker Dinge wahr, die selbst alten und erfahrenen Aborigines verborgen blieben. So brauchten gute Tracker nicht selten mehr als dreißig Jahre, um die verschiedenen Tricks zu lernen, die nötig waren, um in jedem Gelände und unter den schwierigsten Bedingungen Spuren zu erkennen und zu deuten.
   Daryl konnte sich gut erinnern, wie ihn Ungjeeburra auf einem ihrer Streifzüge durch den Busch aufgefordert hatte, nach Tierspuren zu suchen und sie dem passenden Lebewesen zuzuordnen. Dabei hatte Daryl sich wacker geschlagen. Als er aber die Fährte einer Schlange untersuchte, hatte er einsehen müssen, dass zwischen dem bloßen Erkennen und dem Lesen einer Spur ein gewaltiger Unterschied bestand. Während Daryl die Schlangenspur mit Mühe auch über härteren Untergrund verfolgen konnte, sah – oder besser – las Ungjeeburra die ganze Geschichte der Schlange.
   Er zeigte Daryl, in welche Richtung sich das Reptil bewegte. Erkannt hatte er es anhand kleiner abgebrochener Spinifex-Halme und der Richtung, in die sie verschoben worden waren, als das Tier über sie hinweggeglitten war.
   »Siehst du die winzige Überschneidung im Sand? Hier hat die Schlange einen Moment innegehalten und flach auf der Erde gelegen. Wie du siehst, ist ihr Hals dicker als der restliche Körper, es ist also ein altes Tier. Nun brauchst du nur nach einer weiteren kleinen Überschneidung in der Gegenrichtung zu suchen, schon weißt du, wo ihr Schwanzende war.« Ungjeeburra errechnete daraus nicht nur die Länge der Schlange, sondern bestimmte aufgrund des Bewegungsmusters auch die Art. Er hatte sich neben der Fährte niedergekniet und vorsichtig zweimal seinen Unterarm in den Sand gedrückt. »So tief wäre die Schlangenspur an der Stelle, wenn ihr Magen leer ist. Das würde wiederum bedeuten, sie ist auf der Jagd, ihre Giftvorräte sind groß und ihre Reflexe schnell, sodass du ihr besser aus dem Weg gehst. Und so tief wäre der Abdruck, wenn die Schlange vor ein paar Tagen eine Beutelmaus oder einen Vogel gefressen hätte.« Ungjeeburra kannte noch unzählige weitere Tricks, die man bei einer Schlangenfährte – und bei jeder anderen Spur natürlich auch – anwenden konnte. Doch all das brauchte sehr viel Übung, Geduld und die Fähigkeit, zu sehen, was auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Erst das Zusammenfügen vieler kleiner Puzzleteile ergab am Ende ein komplettes Bild.
   Mit den Jahren hatte Daryl viele Tricks von Ungjeeburra gelernt und sich zu einem ganz passablen Spurensucher entwickelt. Verglichen mit seinem Lehrmeister und Nyurupayia war er allerdings immer noch ein ziemliches Greenhorn.
   »Du hast zwei Möglichkeiten«, sagte er zu sich. »Entweder, du suchst die Umgebung um den Wendeplatz ab, in der Hoffnung, auf eine Spur zu stoßen, die deine Theorie beweist, oder du packst die Sache von einer ganz anderen Seite an.«
   Die erste Methode hätte Daryl Stunden sinnlosen Suchens gekostet. Denn wenn alle Spuren sorgfältig entfernt worden waren, würde er nichts finden. Er versuchte also eine andere Methode.
   Wäre er Dr. Hooker gewesen und der Billabong sein Ziel, hätte er nach den Anstrengungen der langen Fahrt und den teilweise sehr schwierigen Streckenbedingungen schon deshalb mindestens eine Nacht hier campiert, weil die Gruppe bestimmt erst am späteren Nachmittag hier angekommen war. Dr. Hooker hätte so auch vermieden, bei Dunkelheit zurückfahren zu müssen, was äußerst leichtsinnig und gefährlich gewesen wäre. Er trug schließlich die Verantwortung für die Studenten, was ihn kaum ein solches Risiko hätte eingehen lassen. Eine Notfallsituation konnte Daryl auch ausschließen, denn in dem Fall hätte jedes Mitglied der Gruppe problemlos über die Funkgeräte in beiden Fahrzeugen Hilfe rufen können. Darüber hinaus wären sie bestimmt entweder zur Old Creek Station oder zurück nach Alice Springs gefahren.
   Der Fundort der Fahrzeuge in der Wüste gab Daryl ebenfalls Rätsel auf. Laut Polizeibericht waren die Wagen hinter einem Felsenkliff abgestellt worden, nur wenige Hundert Meter vom Tanami Track entfernt. Es gab nur Millionen roter Termitenhügel, Spinifex und steinige Wüste. Nichts von alldem hätte jemals Dr. Hookers Interesse geweckt.
   »Also, Detective Simmons, wenn Sie hier übernachtet hätten, wo hätten Sie Ihr Nachtlager aufgeschlagen?« Daryl drehte sich langsam im Kreis. Schließlich lächelte er. »Da drüben scheint mir der ideale Ort zu sein.«
   Ungefähr vierzig Meter entfernt, unweit des Eingangs zur Schlucht, stand links und rechts eines gewaltigen, herabgestürzten Felsquaders je ein prächtiger, zwanzig Meter hoher Geistereukalyptus. Die schneeweiß leuchtenden Stämme der Bäume und das olivegrüne Blättermeer bildeten vor der Kulisse der zerklüfteten rostroten Bergkette einen malerischen Kontrast. Das dichte, breite Blätterdach der Bäume war zudem ein hervorragender natürlicher Unterstand.
   Trotz vieler großer Steine und unzähliger stacheliger Spinifex-Grasbüschel, deren Spitzen auch einen Autoreifen durchstechen konnten, war es möglich, bis dorthin zu fahren. Den Blick aufmerksam auf den Boden gerichtet, folgte Daryl dem einzigen möglichen Weg zu den Bäumen. Brauchbare Spuren fand er jedoch keine.
   Der Platz war für ein Basiscamp ideal, denn der Blätterbaldachin der Eukalyptusbäume spendete viele Stunden des Tages Schatten, der sowohl für Fahrzeuge als auch für Zelte oder Swags groß genug war. Auch hier sah sich Daryl lange und gründlich um.
   Als er schon aufgeben wollte, entdeckte er endlich etwas. Einige Meter vom mutmaßlichen Lagerplatz entfernt stand das silbergraue Skelett eines abgestorbenen Mulga-Baumes. Termiten krabbelten darauf herum und verschwanden durch kleine Löcher im Inneren des Baumes. Rund um den ausgehöhlten Stamm lagen abgefallene Äste, die teilweise fest mit der roten Erde verbacken waren. Das Phänomen trat auf, wenn Regen – oder auch das weggekippte Wasser eines Campers – die Erde aufweichte und in eine zähe, lehmige Masse verwandelte, die anschließend in der Sonne trocknete. Die verbackenen Äste allein waren natürlich noch kein Beweis für die Anwesenheit der Forscher, wohl aber das Fehlen einer der Äste.
   Daryl war aufgeregt. Der Ast konnte sich nicht von selbst aus seiner Gussform gelöst haben. Jemand musste ihn daraus befreit haben, und zwar erst kürzlich, denn die Ränder des Erdabdrucks waren noch scharf und nicht von Wind und Sonne abgeschliffen oder bröckelig geworden. Angespannt suchte er die nähere Umgebung nach dem fehlenden Ast ab, konnte ihn aber nirgendwo finden.
   Einen Moment stand Daryl regungslos da und überlegte. Um seine Gedanken zu ordnen, begann er erneut, laut mit sich zu reden. »Vom abgestorbenen Baum steht nur noch der Stamm, alle Äste sind abgebrochen. Doch nur ein Teil liegt auf dem Boden verstreut. Das bedeutet, jemand hat alle Zweige, die sich noch am Stamm befunden haben, abgebrochen und auch den dicken Ast vom Boden aufgehoben.«
   Er spürte ein Kribbeln im Nacken und wusste, was das bedeutete. Er hatte in der vergangenen Dreiviertelstunde etwas gesehen, dem er zunächst keine Bedeutung geschenkt hatte, das aber jetzt, in Zusammenhang mit seiner Entdeckung, einen Sinn ergab.
   »Verdammt, konzentrier dich! Irgendwo hast du etwas übersehen!« Erneut drehte sich Daryl im Kreis. Dabei erinnerte er sich an etwas, das Ungjeeburra ihm einmal gesagt hatte.
   »Das Wesentliche ist für die Augen oft unsichtbar. Wenn du einer Spur folgst, sieh auch mit deinem Verstand, deinem Herzen und all deinen Sinnen.«
   »Natürlich, das ist es. Mulga ist gutes Brennholz. Sie brauchten die Äste zum Feuermachen.« Nun wusste er auch, was er gesehen hatte, aber erst jetzt richtig einordnen konnte. Es war ein kleiner, runder Hügel, der in etwa den Mittelpunkt des Lagerplatzes bildete. Auf ihm lagen zwei Steine, dazwischen befand sich ein kleines Spinifex-Grasnest.
   Daryl drehte einen der Brocken um. Die Unterseite war von Ruß schwarz verfärbt. Als er den zweiten umdrehte, rollte der Stachelgrasball vom Hügel hinunter. Daryl lächelte zufrieden. Das Spinifex war lediglich als Tarnung zwischen den Steinen platziert worden. Er kontrollierte einige Gesteinsbrocken, die in der Nähe lagen, und stellte fest, dass auch sie auf der Rückseite schwarz waren. Eigentlich hätte er den Erdhügel nicht mehr untersuchen müssen, denn er war sich nun auch so sicher, dass es sich um eine zugeschüttete Feuerstelle handelte, deren Begrenzung die geschwärzten Steine gebildet hatten. Er tat es trotzdem. Vielleicht fand er etwas, das darauf hinwies, wer das Feuer entzündet hatte.
   Die australische Unsitte, alles, ob brennbar oder nicht, ins Feuer zu werfen, mit der Begründung, es würde sich so schneller recyceln, half, seine letzten Zweifel auszuräumen. In den Überresten des Lagerfeuers fand er Eierschalen, eine nicht völlig geschmolzene Plastikverpackung und zwei Konservendosen.
   Nyurupayia hatte also gelogen. Mindestens eine Nacht hatten die Hookers und die Studenten hier campiert. Was danach geschehen war, lag allerdings weiterhin im Dunkeln. Ebenso die Frage, warum Nyurupayia ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte, wer die Spuren beseitigt und die Fahrzeuge in die Tanami Wüste gebracht hatte.
   Daryl warf einen Blick zum Himmel. Der Stand der Sonne verriet, dass es ungefähr zwölf Uhr war. Er hatte noch knapp drei Stunden Zeit, also beschloss er, der drückenden Hitze zu entfliehen, indem er den Canyon hinauf zum Billabong wanderte. Nyurupayia hatte Superintendent Coledale ja erfolgreich davon abgehalten, sich den Teich genauer anzusehen. Vielleicht waren die Forscher mehr als einen Tag hier gewesen und er fand Spuren am Billabong.
   Anfangs bahnte sich Daryl seinen Weg entlang des sandigen Flussbetts. Es war von Felsbrocken und mächtigen Flussgummibäumen durchsetzt, die nicht nur am Rand des ausgetrockneten Wasserlaufs wuchsen, sondern auch in der Mitte. Totes Holz und umgestürzte Baumstämme lagen kreuz und quer auf dem Boden und erschwerten das Vorwärtskommen.
   Wenn er an einem der grau-weiß-rot marmorierten Flusseukalypten vorbeikam, war der Boden von dessen kleinen gelben Samenkapseln übersäht, die Heerscharen von Ameisen zu ihren Nestern abtransportierten. Daneben sammelten Lehmwespen feuchten Schlamm, den sie mit Speichel vermischten und zu kleinen Kugeln rollten, um ihn im Flug zu Höhlen oder Felsnischen zu bringen, in denen sie ihre röhrenförmigen Nester bauten, die mit Raupen als Nahrungsvorrat für die Brut gefüllt wurden.
   Nach einer Weile wurde der Canyon immer enger und es gab nur noch gelegentlich sandige Stellen. Die Felswände zu beiden Seiten bestanden aus verschieden dicken Gesteinsschichten, die wie ein Turm aus riesigen, unregelmäßig aufeinandergeschichteten Pfannkuchen aussahen, und aus deren Spalten vereinzelt zierliche Geistereukalypten wuchsen.
   Daryl war fasziniert von der wilden Schönheit des Canyons. Trotzdem achtete er auf jeden seiner Schritte, denn die Schlucht war auch ein Zufluchtsort für allerlei Getier. Felsenkängurus und kleine Säugetiere, Echsen, Vögel, aber auch giftige Spinnen und Schlangen lebten in ihrem schützenden Schatten.
   Als Daryl an einer Gruppe niedriger Akazienbüsche vorbeikam, schwoll das aufgeregte Gezwitscher der in den stacheligen Büschen nistenden Zebrafinken schlagartig an. Er beeilte sich, an der Stelle vorbeizukommen, um die kleinen Vögel nicht weiter zu stören. Dabei hätte er fast die beiden Schuhabdrücke links von ihm übersehen. Die Abdrücke befanden sich auf dem Grund eines ausgetrockneten Wasserlochs, an einer Stelle, wo es noch ein klein wenig feucht war.
   Er bückte sich und sah sich seinen Fund näher an. Vom einen Schuh hatte sich nur der Absatz in der lehmigen Erde abgezeichnet. Die Größe ließ sich dadurch nur schätzen, da er aber nicht sehr tief und auch deutlich schmaler als der andere Abdruck war, stammte er vermutlich vom Trekkingschuh einer Frau.
   Der zweite Abdruck war gut erhalten. Dem Profil nach zu urteilen, stammte er von einem Wanderschuh, Größe vierundvierzig oder vierundvierzigeinhalb. Daryl hatte Schuhgröße zweiundvierzig und wog knapp achtzig Kilo. Er setzte vorsichtig seinen Abdruck neben den vorhandenen, kniete sich auf den Boden und verglich die beiden miteinander. Der fremde Abdruck war tiefer als seiner, daher schätzte er das Gewicht der Person auf gut neunzig Kilo. Laut Polizeibericht schieden Martyn und die beiden Frauen damit aus. Sie waren alle von mittlerer Größe und Gewicht. Blieben Dr. Hooker und Steward Pryce. Beide waren groß gewachsen. Der Zoologe wurde aber als sehr schlanker Mann beschrieben, Steward dagegen als groß und kräftig, also war er wahrscheinlich hier langgegangen. Dass der Abdruck von einem Eingeborenen stammte, konnte er aufgrund des Gewichts und der Tatsache, dass ein Aborigine kaum Schuhe – und erst recht keine Wanderschuhe – getragen hätte, ausschließen.
   Daryls Stimmung hob sich. Die Forscher hatten nicht nur in den Stuart Bluff Ranges gecampt, sie waren auch zum Billabong aufgebrochen, wie sie es von vornherein vorgehabt hatten. »Wer sagt’s denn! Ich bin ja mal gespannt, welche Spuren sich am Billabong finden lassen.«
   Je weiter er in den Canyon vordrang, umso schmaler und unwegsamer wurde der Zugang. Daryl musste bei fast jedem Schritt über kleine Gesteinsbrocken und totes Holz steigen, unter denen es immer wieder verdächtig raschelte. Dort, wo herabgestürzte Felsen, kleinwüchsige Beefwood- und Blutholzbäume sowie Akazienbüsche das Weiterkommen besonders erschwerten, entdeckte Daryl immer wieder abgebrochene oder abgeknickte Zweige, die bewiesen, dass hier vor nicht allzu langer Zeit jemand durchgekommen war. Auch die wenigen sandigen Stellen wiesen jede Menge Fußspuren auf.
   Angetrieben von seiner Neugier beeilte sich Daryl, ans Ende des Tales zu gelangen.
   Als die Schlucht einen sanften Bogen nach rechts beschrieb, tauchten zwei gewaltige Felsblöcke auf, die die Sicht auf das Ende der Schlucht versperrten. Hinter ihnen ragten zwei mächtige rote Flusseukalyptusbäume auf, gefolgt von einer überhängenden Felswand.
   Daryl wollte gerade den schmalen Gang zwischen den Felsen entlanggehen, da blieb er überrascht stehen. Der linke Stein hatte die Form eines Schlangenkopfes, der andere ähnelte verblüffend einem Känguru. War es Zufall, oder hatte Nyurupayias Überraschung bei der Erwähnung seines Dreamings etwas mit diesem Ort zu tun? Hatte sie deshalb in ihn hineingesehen, um zu erfahren, ob er hierherkommen würde?
   Den meisten Weißen wären solche Gedanken absurd erschienen. Aborigines wie Nyurupayia fragten jedoch nicht wie die Weißen nach dem Sinn ihres Daseins. Für sie stand fest, wer sie waren und woher sie kamen, weil sie ihre Schöpfungsmythen als vollkommene Wahrheit betrachteten. Die Traumzeit, die Entstehungsgeschichte aller Dinge, verband für sie das Vergangene mit der Gegenwart und der Zukunft. Sie war ein nie endender Prozess, in dem alles – die Ahnen, die Erde, einfach alles im Kosmos in jeder seiner Erscheinungsformen – seinen Platz und seine Berechtigung hatte. Es gab für die Aborigines auch keine Trennung zwischen Körper und Geist, sie waren eins. So erklärte sich Daryl, wie manche australische Ureinwohner wie Nyurupayia in die Seele eines anderen Menschen blicken oder über weite Distanzen geistig miteinander kommunizieren konnten.
   Daryl hatte die Art der Kommunikation schon ein paar Mal mit Ungjeeburra erlebt. Der Kontakt war aber stets von Ungjeeburra hergestellt worden. Er selbst hatte es auch schon versucht, bisher allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Vielleicht lag es an seiner weißen Abstammung. Er hatte zwar die Initiation der Pintubi durchlaufen, aber seine Wurzeln waren eben nicht die eines Eingeborenen, auch wenn er sich das noch so sehr wünschte.
   Trotzdem war er offenbar in gewisser Weise empfänglich für solche Dinge, und das machte ihn stolz. Es bedeutete, dass in ihm wirklich zwei Seelen lebten, wie er es täglich spürte. Vielleicht hatte Ungjeeburra recht, wenn er sagte, Daryl sei mehr Aborigine als irgendein anderer Weißer und werde eines Tages wohl auch die letzten Geheimnisse der Eingeborenen erfahren.
   Daryl gab sich einen Ruck und schob sich zwischen den Tierfelsen hindurch. Er wusste sofort, dass der Billabong ein Ort der Kraft und somit ein heiliger Platz mit besonderer Ausstrahlung war. Jede der Stätten war mit einem Dreaming verbunden. Wer einem Dreaming angehörte, konnte an dem Ort der Kraft durch Meditieren oder Träumen eine geistige Verbindung mit den Ereignissen aus der Traumzeit herstellen und die Entstehungsgeschichte seines Dreamings als Vision sehen. Daneben konnte er die positive natürliche Energie, die der Platz barg, freisetzen und zur psychischen oder physischen Stärkung nutzen.
   Daryl spürte die Kraft, die von dem Ort ausging, so stark, dass er einen Moment regungslos dastand und versuchte, sie mit all seinen Sinnen in sich aufzunehmen. Ein solches Gefühl hatte er erst einmal erlebt. Es war im Tal der singenden Winde gewesen, einer heiligen Stätte seines Clans. Ungjeeburra hatte ihn dorthin mitgenommen und ihm die Geschichte von Warrew, dem großen Urwallaby, erzählt, aus dessen Beutel die Menschen des Felsenkänguru-Dreamings einst entsprangen.
   Wie damals spürte er auch mit diesem Ort eine starke Verbundenheit, was ihn sehr verwunderte. Natürlich konnte es sein, dass es die heilige Stätte eines Walbiri-Clans war, dessen Totem ebenfalls das Felsenkänguru war. Das hätte zumindest Daryls starke Empfindungen erklärt. Aber er bezweifelte, dass das der Grund war, denn jede heilige Stätte eines Dreamings lag an dem Traumpfad, den die oder der Ahne des Totems in der Traumzeit gegangen war. Da Pintubi und Walbiri verwandte Stämme waren, gab es viele Geschichten aus der Traumzeit, die beide Clans gemeinsam hatten. Wenn es also ein heiliger Ort des Felsenkänguru-Dreamings war, warum erwähnten die Geschichten der Pintubi den Ort nicht?
   Daryl stieg über den bleichen Stamm eines umgestürzten Eukalyptusbaumes und trat an das Ufer des Billabongs. Während sein Blick langsam über die spiegelglatte Oberfläche wanderte, bemerkte er ein anderes, neues Gefühl. Es war dunkel, bedrohlich und breitete sich wie eine schwarze Gewitterwolke über die positive Energie, die er eben noch wahrgenommen hatte. Er erschauderte. Was dies doch für ein geheimnisvoller Ort war … und was für ein merkwürdiger Fall.
   Daryl versuchte, die beklemmende Stimmung zu verdrängen, indem er im weichen Ufersand des Billabongs nach weiteren Spuren suchte.
   Er fand sowohl die Abdrücke von Schuhen als auch von nackten Füßen. Zwar hatte man auch hier versucht, sie zu beseitigen, doch bei Weitem nicht so sorgfältig wie am Eingang zum Canyon, und so konnte er, wenn auch mit Schwierigkeiten, ausmachen, wer hier entlanggegangen war. Insgesamt fünf Personen hatten Schuhe getragen – wohl Dr. Hooker und seine Begleiter – und sieben oder acht waren barfuß gegangen, vermutlich handelte es sich bei ihnen um Eingeborene. Teilweise überlagerten sich die Abdrücke, was darauf hinwies, dass sich alle Personen zur gleichen Zeit am Billabong aufgehalten haben mussten.
   Daryl nickte zufrieden. Das war eine weitere wichtige Spur. Gleichzeitig bestätigte sie, was er vermutet hatte. Die Aborigines waren in den Fall verwickelt.
   Warum aber waren sie überhaupt hierhergekommen? Möglich, dass es sich um eine Gruppe Walbiri aus Nyirripi oder Amunturrngu handelte, die auf einem Walkabout gewesen waren, einer spirituellen Wanderung auf den Pfaden ihrer Ahnen. Vielleicht war es zwischen ihnen und den Forschern, aus welchen Gründen auch immer, zu einer Auseinandersetzung gekommen. Wenn die Vermutung stimmte, ließ das spurlose Verschwinden der Forscher eigentlich nur einen Schluss über die Heftigkeit der Konfrontation zu …
   Zeichen eines Kampfes hatte Daryl allerdings noch keine gefunden. Doch er hatte auch bisher nur im feuchten Untergrund nach Spuren gesucht. Er weitete seine Suche bis zu den Flusseukalypten aus – und wurde prompt fündig. Am Fuß des rechten Baumes wuchsen einige spärliche Gräser. Sie waren auf einer Breite von vierzig Zentimetern und einer Länge von über eineinhalb Metern flachgedrückt, außerdem hatte man die Stelle von Steinen und Holzstückchen gesäubert. Ein Schlafplatz, und der Abdruck stammte vermutlich von einem Schlafsack oder einem Swag.
   Daryl fand noch mehr. Von der Schlafstelle führte eine kaum sichtbare Schleifspur zum Billabong. Zwar hatte man versucht, sie ebenfalls zu verwischen, einem guten Beobachter fiel die leichte Vertiefung jedoch immer noch auf.
   Auf dem Grau eines dicken Wurzelpakets neben dem Schlafplatz machte Daryl eine weitere wichtige Entdeckung. Kleine rostrote Flecken breiteten sich fächerförmig darauf aus. Gleich drei blaue Schmeißfliegen krabbelten auf ihnen herum. Daryl runzelte die Stirn. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um getrocknetes Blut, was auch die Fliegen erklären würde. Die Anordnung der Tropfen wies ein typisches Spritzmuster auf, wie es zum Beispiel nach einem Schlag auf den Kopf eines Menschen auftrat.
   Langsam fügten sich die Teile zusammen. Folgendes Szenario war denkbar: Die Person, die unter dem Flusseukalyptus geschlafen hatte, war niedergeschlagen worden. Dabei war der Schlafsack aller Wahrscheinlichkeit nach mit Blut bespritzt worden. Wer auch immer hinter alldem steckte, er hatte von Anfang an versucht, es nicht wie ein Verbrechen aussehen zu lassen. Daher hatte er den blutbespritzten Schlafsack nicht zusammen mit den anderen in eines der Fahrzeuge platziert und gehofft, dass es nicht weiter auffiel. Der Schlag konnte mit irgendeinem harten Gegenstand ausgeführt worden sein, zum Beispiel einem Gewehrschaft, einem Knüppel, einem Bumerang oder einer Speerschleuder. Auch ein Stein kam infrage, allerdings musste man damit sehr nahe an sein Opfer herantreten.
   Daryl richtete sich auf und betrachtete den Boden, die nahen Felsen und schließlich die Oberfläche des Billabongs. Gut fünf Meter vom Ufer entfernt entdeckte er einen Holzknüppel, der nahe der Felswand im Wasser trieb. Er hatte genau die richtige Größe und Form, um jemanden niederzuschlagen.
   »Okay, mein Guter, Badezeit.« Daryl ging zum umgestürzten Eukalyptusbaum und zog sich aus. Die Kleider legte er auf den ausgebleichten Stamm und trat nackt ans Ufer des Billabongs. Dort bückte er sich, hob einen kleinen Stein auf und warf ihn weit in den Teich. Wenn der Ort heilig war, konnte er den Geistern seine Anwesenheit wenigstens in althergebrachter Sitte signalisieren und sie so beruhigen.
   Langsam und vorsichtig watete er in den Pool. Der Boden unter seinen Füßen war zwar angenehm sandig, fiel jedoch steil ab. Schon nach einem Meter stand er hüfttief im Wasser. Seine Hoffnung, zu Fuß bis zu seinem Ziel waten zu können, erfüllte sich nicht. Das Wasser war außerdem ziemlich kühl und wurde mit jedem Schritt kälter.
   Daryl wusste um die Gefahren, die beim Schwimmen in einem Billabong lauerten. Gerade in einem Teich wie dem, wo die Sonne die Oberfläche nur wenige Stunden pro Tag erreichte und das Wasser trüb und nahezu lichtundurchlässig war, herrschten extreme Temperaturunterschiede zwischen Wasseroberfläche und den nur wenig oder gar nicht erwärmten Schichten darunter. Da das Wasser meist auch kaum bewegt wurde, gab es Stellen, die wesentlich kälter waren als der Rest des Gewässers. Plötzliche Krämpfe, Angstattacken oder ein kältebedingter neurologischer Schock hatten schon zu manch tödlichem Unfall geführt.
   Daryl holte ein paar Mal tief Luft und ließ sich in den Billabong gleiten. Bei jeder Bewegung, die seine Arme und Beine vollführten, durchmischten sie das Wasser. »Scheiße«, fluchte er mit zitternder Stimme. Es fühlte sich an, als streiften Dutzende kalter Schlangenleiber seinen Körper.
   Als Daryl die Stelle erreichte, an der der Knüppel im Wasser trieb, fasste er das Holzstück nicht sofort an. Er wollte es sich erst anschauen, damit er es nicht am falschen Ende packte und womöglich wichtige Spuren verwischte. Doch die unheimliche Kälte, die mit eisigen Fingern nach seinen Füßen und Beinen griff, während er Wasser trat, versetzte ihn in Panik. Sie zog ihn mit aller Macht in die Tiefe, und Daryl vergaß alle Vorsicht. Er packte das Holzstück in der Mitte, hob es aus dem Wasser und schwamm so schnell er konnte wieder an Land.
   Zitternd vor Kälte kehrte er zum Baumstamm zurück und setzte sich. Während er sich von der Sonne aufwärmen ließ, betrachtete er das gut einen Meter lange Holzstück.
   Auf der trockenen Oberseite, an einem der gesplitterten Enden, entdeckte Daryl dunkelrote Verfärbungen. An dem gleichen Ende hingen außerdem ein winziges Stück Haut und zwei lange graue Haare.
   Fürs Erste hatte er genug herausgefunden. Den Holzknüppel konnte er der Spurensicherung schon mal mitbringen, für eine genaue Untersuchung mussten die Männer aber hierherkommen. Außerdem sollte der Grund des Billabongs von Tauchern abgesucht werden. Daryl blickte hoch zum Himmel. Es war Zeit. Wollte er noch vor Anbruch der Nacht in Alice Springs sein, musste er sich auf den Rückweg machen, zumal er auch noch auf der Old Creek Station auftanken musste.
   Er legte sein Fundstück vorsichtig neben dem Baumstamm in den Sand und stand auf. Als er sich das T-Shirt übergestreift hatte und nach seinen Boxershorts greifen wollte, bemerkte er zwei Eingeborene ein paar Meter neben sich. Daryl fuhr zusammen und wich einen Schritt zurück.