Zwei brutale Morde und ein Mordversuch erschüttern den Landkreis Cuxhaven. Und jedes Mal hinterlässt der Mörder am Tatort einen Bernstein. Kommissar Piet Petersen, geplagt von seinen ganz persönlichen Dämonen, findet unter der idyllischen Oberfläche des kleinen Dorfes Söderbrock einen Sumpf aus Streit, Habgier und Betrug. Eine heiße Spur führt schließlich in die Vergangenheit.

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ISBN: 978-9963-53-642-9

Seiten: 199

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Kirsten Raab

Kirsten Raab
Kirsten Raab, Jahrgang 1970, wuchs in der Nähe von Bremerhaven an der Weser- und Nordseeküste auf dem Land auf. Bücher und Geschichten fesseln sie seit ihrer Kindheit, sodass sie schon früh begann, eigene kleine Erzählungen zu verfassen. Die gelernte Bürokauffrau lebt mit ihrem Mann in Eschborn, doch obwohl sie seit beinahe zwanzig Jahren in der Nähe von Frankfurt am Main lebt und arbeitet, hat sie die Liebe zu der Region, in der sie aufwuchs, mit dem bisweilen unwirtlichen Klima, dem rauen Charme der Menschen und dem ewigen Spiel von Wind und Gezeiten nie losgelassen.

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Kapitel 1

Piet zögerte, aus dem Auto auszusteigen. Seit drei Tagen stöhnten ganz Söderbrock und das gesamte Elbe-Weser-Dreieck unter einer Hitzewelle, und die Meteorologen machten wenig Hoffnung auf baldige Abkühlung. Piet konnte sich Angenehmeres vorstellen, als die klimatisierte Kühle seines Wagens gegen die sengende Mittagshitze auszutauschen, die hinter den Autoscheiben auf ihn wartete. Doch es war nicht nur die Hitze, die ihn zögern ließ. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. Er hatte Angst. Er fürchtete sich vor dem, was ihn auf der Weide, vor der er parkte, noch erwartete, als nur die Leiche von Heinrich Lüdersen.
   Er schloss die Augen und versuchte mit aller Macht, die Erinnerung an jenen Tag zurückzudrängen, der sein Leben für immer verändert hatte. Den Tag, als er zu einem Tatort gerufen worden war und dort in der weiblichen Leiche, die Spaziergänger in der Leine hatten treiben sehen, seine Ehefrau Mara erkannt hatte. Ein Unbekannter hatte ihrem Leben mit vierzehn Messerstichen ein Ende gesetzt. Seit jenem Tag hatte jeder Tote, zu dem er gerufen wurde, ihr Gesicht. Vorwurfsvoll, traurig und ein bisschen überrascht.
   Er fuhr zusammen, als jemand an seine Autoscheibe klopfte. Er wandte den Kopf und blickte in das Gesicht seines Kollegen Hauke Hansen, mit dem er zusammenarbeitete, seit Piet nach Söderbrock versetzt worden war. Er schätzte Hauke. Er hatte ein gutes Gespür dafür, wie er mit den Leuten auf dem Land umgehen musste und konnte sich allein durch seine beeindruckende physische Präsenz Respekt verschaffen. Beinahe zwei Meter groß und athletisch gebaut, wirkte er mit seinen blonden Locken und den himmelblauen Augen wie ein Wikingerkrieger. In jüngeren Jahren hatte Hansen in der Zweiten Bundesliga Handball gespielt, und auch heute trainierte er noch regelmäßig, auch wenn er bei dem Begriff «Altherrenmannschaft» jedes Mal das Gesicht verzog. Das Einzige, was man ihm vorwerfen konnte, war, dass er für Piets Geschmack ein zu weiches Herz hatte. Doch nun zeigte sein sonst so gutmütiges Gesicht einen besorgten Ausdruck.
   »Alles okay mit dir?« Hansens Frage klang gedämpft durch das Glas.
   Mit ihm war gar nichts okay. Er sah an jedem Tatort den Geist seiner Frau. «Alles gut, ist nur die Hitze.« Er warf einen letzten Blick in den Rückspiegel, um noch einen Moment Zeit zu schinden.
   Hansens Sorge war nicht unbegründet, denn er sah tatsächlich ziemlich mitgenommen aus. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, sein Gesicht wirkte hager und eingefallen. Dank des sommerlichen Wetters hatte er wenigstens eine halbwegs gesunde Gesichtsfarbe und sah nicht aus wie eine wandelnde Leiche. Also gut, stellen wir uns dem Unvermeidlichen. Er seufzte und öffnete die Autotür. Drückende Hitze schlug ihm entgegen, und er hatte das Gefühl, vor einem riesigen Backofen zu stehen.
   Sie quetschten sich durch das Gatter und stapften über die Wiese auf das Zelt zu, das der Gerichtsmediziner über dem Leichnam hatte aufbauen lassen. Das trockene Gras knirschte unter ihren Schritten. Piet spürte, wie seine Hände zu zittern begannen und ballte die Fäuste. Er musste sich zusammenreißen. Hinter Hansen duckte er sich durch den Eingang des Zeltes und hoffte, so der Hitze zu entkommen, doch er wurde enttäuscht. Drinnen war es noch wärmer und stickiger.
   Heinrich Lüdersen lag auf dem Rücken, die Arme weit von sich gestreckt. Aus seiner Brust ragte eine Mistgabel, und aus seinem Gesicht blickte ihm, wie üblich, Mara vorwurfsvoll entgegen. Piet schloss die Augen und atmete langsam ein und aus. Als er die Augen wieder öffnete, war Lüdersens Gesicht wieder das des alten Mannes, der er gewesen war. Seine Augen blickten tot und starr gegen das Dach des Zeltes. Er sah überrascht aus. Sie sahen immer überrascht aus. So, als ob sie bis zum Schluss nicht glauben konnten, dass ihr letzter Moment gekommen war.
   »Ich kann es immer noch nicht fassen.« Hansen sah ein bisschen angegriffen aus. Kein Wunder, Söderbrock war ein Dorf, in dem jeder jeden kannte. »Wer ermordet denn einen Achtzigjährigen?«, fragte er und schüttelte fassungslos den Kopf.
   Herbert Bohlmann, der Gerichtsmediziner, der neben der Leiche kniete, wandte sich zu ihnen um.
   »Er wurde mit dieser Mistgabel erstochen«, erklärte er das Offensichtliche. »Ausgehend von seiner Lebertemperatur würde ich sagen, er ist seit etwa zwei Stunden tot.«
   Piet nickte. »Was ist das da auf seiner Brust?« Er wies auf einen Gegenstand, der etwas oberhalb der Stelle, an der die Mistgabel steckte, auf Lüdersens Brust lag. Er sah aus wie eine mit Honig lackierte Walnuss.
   »Sehen Sie selbst«, sagte der Gerichtsmediziner und trat einen Schritt zur Seite.
   Hansen und Piet streiften Handschuhe über und warteten geduldig, bis der Fotograf seine Arbeit beendet hatte. Dann beugten sie sich über den Leichnam. Piet streckte eine Hand aus und nahm den Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger. Er war honiggelb, hatte eine zwar glatte, aber dennoch ungleichmäßige Oberfläche und war leicht durchscheinend. Und er war überraschend leicht. Glas konnte es nicht sein. Plastik? »Was hältst du davon?« Er reichte Hansen den Gegenstand, der ihn gründlich betrachtete.
   »Wir sollten natürlich die Untersuchung im Labor abwarten, aber ich würde sagen, das ist Bernstein«, sagte er.
   Piet runzelte die Stirn, während Hansen den Stein an einen Mitarbeiter der Spurensicherung zur Sicherung als Beweismittel weitergab. Sie starrten eine Weile nachdenklich auf den toten Körper.
   »Irgendwelche anderen Verletzungen? Kampfspuren?«, erkundigte sich Piet schließlich.
   Bohlmann schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Wir müssen die Obduktion abwarten. Vielleicht ergibt sich dann noch etwas.« Er ergriff den Stiel der Mistgabel und zog sie mit einem widerwärtig knirschend-schleimigen Geräusch aus Lüdersens Körper.
   »Du meine Güte!« Hansen war blass geworden und verließ eilig das Zelt.
   Piet nickte dem Gerichtsmediziner noch einmal zu und folgte ihm. Hansen stand mit geschlossenen Augen ein Stück abseits und atmete langsam ein und aus. Seine lockigen blonden Haare waren zerzaust, und er sah aus, als würde er sich gleich übergeben.
   Piet klopfte ihm gutmütig auf den Rücken. »Wer hat die Leiche gefunden?«, fragte er, um Hansen auf andere Gedanken zu bringen.
   »Mewes.« Suchend blickte Hansen sich um.
   Über die Wiese waren vier oder fünf Kollegen der Spurensicherung ausgeschwärmt und untersuchten, wie es aussah, jeden Grashalm. Etwas abseits, in der Nähe des Gatters, stand Rüdiger Mewes, der den einzigen Biohof des Dorfes führte.
   Mewes, mittelgroß, kräftig und mit kleinem Bauchansatz, hatte eigentlich eine trockene und sachliche Art, die Welt zu betrachten. Doch heute war seine Gesichtsfarbe ähnlich blass wie die von Hansen, und er wirkte sehr mitgenommen. Inga Tietjen, eine junge Kollegin aus dem Söderbrocker Revier leistete ihm Gesellschaft, sah aber mindestens genauso angegriffen aus. Vermutlich war es die erste Leiche, die sie zu Gesicht bekommen hatte.
   Piet ging mit Hansen im Schlepptau zu ihnen hinüber. »Geht es euch gut?« Beide nickten. »Dann erzähl doch mal, was passiert ist«, wandte sich Piet an Mewes.
   Er hatte offensichtlich Mühe, seinen Blick von dem weißen Zelt loszureißen. »W-Was?«, fragte er und blickte Piet unsicher an.
   »Kannst du uns erzählen, was passiert ist?« Piet wartete geduldig, bis sich der Landwirt gefangen hatte. Hansen, dessen Gesichtsfarbe sich inzwischen normalisiert hatte, zückte sein Notizbuch.
   Mewes schob seine Schirmmütze in den Nacken und fuhr sich über die semmelblonden Stoppeln. »Ich war hier, um Ollis Tränke aufzufüllen«, begann er. Er wies mit dem Kopf auf die benachbarte Weide, auf der ein kupferfarbener Dexter-Bulle im Schatten eines Baumes stand und das Treiben neugierig beobachtete. »Ich hab erst nur die Gabel gesehen«, fuhr er fort. »Ich hab noch gedacht, warum hat Lüdersen denn seine Mistgabel hier stecken lassen? Der wird wohl langsam kalkig. Und dann seh ich ihn da liegen …« Er starrte wieder auf das Zelt.
   »Wann war das?« Piet blickte auf seine Armbanduhr. Es war halb eins. Der Gerichtsmediziner hatte angegeben, dass Lüdersen seit etwa zwei Stunden tot war.
   Mewes sah ihn an und hob ratlos die Schultern. »Keine Ahnung. Ich hab angerufen, direkt, als ich Lüdersen gefunden habe.«
   »Das war vor einer Stunde«, erklärte Hansen an Piet gewandt. »Ist dir irgendetwas aufgefallen? Oder irgendjemand? Ist dir jemand begegnet?«
   Mewes schüttelte den Kopf. »Nein. Niemand.«
   »Keine Autos, Trecker, Fahrräder …«, schlug Piet vor.
   Wieder schüttelte Mewes den Kopf. »Nein. Hier war niemand. Wer ist denn bei dieser Hitze auch freiwillig unterwegs?« Wieder wanderte sein Blick zu dem Zelt hinüber. »Wer tut so was?«

*

Ingo war Herausgeber, Chefredakteur und investigativer Journalist der Aue-Zeitung in Personalunion. In der Regel beschränkten sich seine Artikel auf Berichte über die letzte Ortsrats-Sitzung, die Tagung der Landfrauenvereinigung oder die letzte Übung der Freiwilligen Feuerwehr. Doch er fühlte sich zu Höherem berufen, und mit dem Mord an Lüdersen schien seine große Chance gekommen. Nachdem die Gerüchte davon im Dorf die Runde machten, war er zum Tatort gehetzt, nur um enttäuscht festzustellen, dass ein weißes Zelt über dem Leichnam aufgebaut war. Er hatte die in weißen Schutzanzügen auf der Weide herumlaufenden Beamten der Spurensicherung, die in ihrer Montur an ein Seuchenkommando erinnerten, fotografiert und versucht, vom einen oder anderen ein Interview zu bekommen. Doch sowohl die Männer und Frauen von der Spurensicherung wie auch die zur Sicherung des Tatortes abgestellten Polizisten Inga Tietjen und Sven Marwedel hatten ihm nur ein unfreundliches »Kein Kommentar« in sein ausgestrecktes Mikrofon geblafft. Auch Mewes, der dem Gerede im Dorf zufolge die Leiche gefunden haben sollte, hatte sich dumm gestellt. Es war zum Verzweifeln. Vielleicht war Piet Petersen als leitender Ermittler zu einer Stellungnahme bereit.

*

Petersen saß über einen Haufen Papierkram gebeugt an seinem Schreibtisch, doch in Gedanken schien er weit fort zu sein. Ingo hatte nur den Kopf durch die Bürotür gestreckt, doch nun trat er unaufgefordert ein und räusperte sich.
   »Kein Kommentar«, brummte Piet, noch bevor Ingo eine Frage stellen konnte.
   »Ach komm, Piet! Keiner will mit mir reden. Gib mir wenigstens irgendwas.«
   »Schnelli, ich kann zu laufenden Ermittlungen nichts sagen. Das weißt du doch.«
   »Aber im Dorf kursieren die wildesten Gerüchte. Willst du die ins Kraut schießen lassen?«
   Piet seufzte. »Also gut.«
   Ingo schaltete sein Diktiergerät ein.
   Petersen sah ihn an und zog ein finsteres Gesicht. »Wenn du Informationen von mir haben möchtest, dann nur ohne dieses Ding da.«
   Ingo setzte ein enttäuschtes Gesicht auf, schaltete den Apparat aber ab. Stattdessen zückte er einen Notizblock. Dann sah er Piet erwartungsvoll an. »Nun, was hast du für mich?«
   »Heinrich Lüdersen wurde heute gegen Mittag tot aufgefunden. Die Todesumstände sind verdächtig. Wir ermitteln also in einem verdächtigen Todesfall.«
   Ingo kritzelte eifrig. »Wer hat die Leiche gefunden?«
   »Dazu kann ich aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen.«
   »Piet! Also wirklich …«, protestierte er.
   Der Kommissar zuckte die Schultern. »Tut mir leid, Schnelli, aber dazu kann ich im Augenblick wirklich nichts sagen.«
   »Gibt es Verdächtige?«, fragte Ingo unbeirrt weiter.
   »Wie oft muss ich es denn noch sagen?«
   »Na, und ihr wundert euch über die schlechten Berichte in der Presse. Wie soll man denn vernünftig arbeiten, wenn niemand mit einem redet?« Ingo stopfte seinen Block in die Tasche und stand auf. »Ich komme wieder«, schimpfte er, dann marschierte er mit eiligen Schritten aus dem Revier.

*

Hansen, der die ganze Zeit mit immer düsterer werdender Miene geschwiegen hatte, blickte dem Journalisten nach. »Ein Aasgeier, dieser Ingo Schnellsig«, nörgelte er. »Der hält sich wohl für Woodward und Bernstein in Personalunion.«
   Piet lachte. Der Vergleich mit den beiden Journalisten, die den Watergateskandal aufgedeckt hatten, war doch etwas übertrieben, aber Schnellsig war motiviert, das musste er ihm zugestehen.
   Der Ventilator in der Ecke ihres Büros drehte sich träge hin und her und blies hin und wieder einen halbwegs kühlen Luftzug durch den Raum. Piet holte aus dem Kühlschrank zwei Flaschen Wasser und reichte Hansen eine. Sein Kollege starrte gedankenverloren vor sich hin und schien die Wasserflasche vor ihm überhaupt nicht zu bemerken.
   »Wer tut so was?«, fragte Hansen, eher an sich selbst gerichtet. »Lüdersen war doch schon uralt.«
   Piet wiegte nachdenklich den Kopf. »Wer würde von Lüdersens Tod profitieren?«
   Hansen raufte sich die ohnehin wirren Haare. »Puh! Keine Ahnung«, stieß er hervor. »Lüdersen war ein kleiner Krauter. Nach dem Tod seiner Frau hat er die Landwirtschaft nur noch als Selbstversorger zum Aufbessern seiner Rente betrieben. Um Geld ging’s da bestimmt nicht.«
   »Wer könnte dann ein Motiv gehabt haben?«
   Hansen schüttelte nach einem Moment des Nachdenkens wieder den Kopf. »Ich wüsste niemanden. Lüdersen konnte ein Betonkopf sein, aber das übliche Gezänk kann man wohl kaum als Motiv ansehen.«
   Piet nickte. Die Bauern im Dorf stritten über jede Kleinigkeit, aber normalerweise ließen sie einander nicht im Regen stehen, wenn Not am Mann war. Dass jemand von ihnen Lüdersen bei einem der üblichen kleinen Streits erstochen haben könnte, erschien ihm unvorstellbar. »Hatte jemand besonders viel Ärger mit Lüdersen?«
   Hansen war in Söderbrock aufgewachsen und kannte die Leute, während Piet bis vor einem knappen halben Jahr in Hannover gelebt und gearbeitet hatte. Nach der Ermordung seiner Frau hatte er sich in die norddeutsche Provinz versetzen lassen, um Ruhe und Frieden zu finden. Stattdessen hatte er feststellen müssen, dass die Leute auf dem Land in ganz ähnliche Streitereien und Intrigen verstrickt waren wie in der Stadt.
   »Mit Schalk hat er schon seit Jahren nicht mehr gesprochen, bis die beiden im letzten Sommer wegen Schalks Bäumen aneinandergeraten sind«, sagte Hansen.
   Piet erinnerte sich, dass Hansen ihm im Bunten Hund, der hiesigen Dorfkneipe, bei einem Feierabendbier davon erzählt hatte.
   Jakob Schalk, ein ebenfalls betagter Bauer jenseits der achtzig, den Hansen wohl auch als kleinen Krauter bezeichnen würde, hatte vor seinem Hof, allerdings auf öffentlichem Gelände, eine Reihe Ahornbäume gepflanzt. Lüdersen hatten diese beim Rangieren mit seinen Maschinen gestört. Eines Tages hatte er deshalb an sämtliche Bäume Batteriesäure gegossen, woraufhin diese eingegangen waren. Das hatte zu einem erheblichen Streit zwischen Schalk und Lüdersen geführt, in den schließlich das halbe Dorf verwickelt war, weil die Bauern im Ort für den einen oder anderen der Streithähne Partei ergriffen hatten. »Aber das ist jetzt fast ein Jahr her«, wandte Piet ein. »Würde Schalk so lange warten, um sich ein paarer Bäume wegen an Lüdersen zu rächen? Und wäre das nicht etwas extrem?«
   Hansen nickte. »Kann ich mir auch nicht vorstellen. Ansonsten wäre da nur noch der Apfelkrieg mit J. R.«
   Er sprach von Josef Ribken junior. Ob J. R. für seine Initialen stand oder für Junior, war Piet nicht ganz klar. Aber die Anspielung auf J. R. Ewing aus der Fernsehserie Dallas war nicht unbegründet. Seit dem Tod von Josef Ribken senior vor zwei Jahren war J. R. als ältester von drei Brüdern der unangefochtene Patriarch einer Landwirtschaftsdynastie, der, dem Gerede der Leute nach, große Teile des Landkreises gehörten. J. R. betrieb in Söderbrock einen großen Milchviehbetrieb, während seine Brüder in anderen Dörfern im Landkreis mit der Schweinemast beziehungsweise der Mastgeflügelhaltung viel Geld verdienten. Zusätzlich gehörten der Familie zahllose Immobilien und Ländereien. Umso absurder erschien es Piet, wie hartnäckig sich die Familie mit Lüdersen um eine Banalität stritt. Wenn es in Söderbrock ein Goldenes Buch der Anekdoten gegeben hätte, der als Apfelkrieg berühmt gewordene Streit zwischen Lüdersen und J. R. wäre Kapitel eins gewesen. Entbrannt war er vor vielen Jahren über einen verwilderten Apfelbaum. Dieser hatte überraschend begonnen, zwar nicht viele, aber ausgesprochen wohlschmeckende Äpfel zu tragen. Das Problem an der Sache war, dass der Baum genau auf der Grenze zwischen Lüdersens und J. R.’s Obstwiese stand und sich die beiden nicht einigen konnten, wer die Ernte einbringen durfte. Der Ortsrat hatte eine Weile überlegt, den Baum von Amts wegen fällen zu lassen, um den Frieden wiederherzustellen. In einer geheimen Sitzung war dann das salomonische Urteil gefällt worden, die beiden sollten die Erträge des Baumes teilen. Ein wahrer Schildbürgerstreich, denn nun stritten Lüdersen und J. R. statt um den Baum darüber, wie viele Äpfel die Hälfte der Ernte waren. Im Laufe der Jahre war der Apfelkrieg dann zu einer handfesten Fehde herangewachsen.
   Nach Piets Meinung hatte der Ortsrat dieses Urteil mit Absicht gefällt, damit der Rest des Ortes einen ewig sprudelnden Quell der Unterhaltung hatte. Aber hatte der Streit zwischen Lüdersen und J. R. so bedrohliche Ausmaße angenommen, dass J. R. wütend genug gewesen wäre, Lüdersen zu töten? Er schüttelte den Kopf. »Das halte ich auch nicht für sehr wahrscheinlich, aber wir sollten trotzdem mit beiden sprechen.« Er wanderte im Büro auf und ab. »Und was hat es mit diesem Bernstein auf sich? Warum hat der Täter ihn dort platziert? Was will er damit ausdrücken?«
   Hansen tippte eine Weile auf seinem Computer herum. »Früher galt Bernstein als Heilmittel«, las er von seinem Monitor ab.
   Piet lachte humorlos. »Ich denke, ein Heilmittel können wir in diesem Fall wohl ausschließen. Die Frage ist doch, welche Bedeutung der Stein für den Täter hat.«
   Hansen starrte eine Weile aus dem Fenster und kaute nachdenklich an seiner Unterlippe. »Fischer haben Bernstein gelegentlich in ihren Netzen. Vielleicht eine Art Signatur?«
   Piet hob die Schultern. »Möglich. Aber kannte Lüdersen denn irgendwelche Fischer?«
   Nun war es an Hansen, ratlos die Schultern zu heben. »Lüdersen war Bauer. Von daher würde ich das spontan eher verneinen. Aber wir sollten es überprüfen. Könnte auch ein Ablenkungsmanöver sein.«
   »Wovon?«

*

Andrea schloss die Augen und genoss den kühlen Wasserstrahl, der über ihre Haut rann. Für einen süßen Augenblick flackerte noch einmal die Erinnerung von Holgers Händen auf ihrem Körper auf, und ein wohliger Schauder durchlief sie. Offiziell war sie zu Holger Ribken gegangen, um mit ihm den jährlichen Ball des Ortsverschönerungsvereins zu planen. Immerhin bildeten sie gemeinsam das Festkomitee. Aber die meisten dieser Treffen waren nur Fassade, tatsächlich waren diese Planungssitzungen leidenschaftliche Schäferstündchen. Holger und sie hatten sich von Anfang an zueinander hingezogen gefühlt. Für eine Weile hatten sie sich bemüht, der Versuchung zu widerstehen, doch irgendwann war es einfach passiert. Seitdem konnten sie nicht mehr voneinander lassen. Was passieren würde, wenn J. R. herausbekam, dass sie ein Verhältnis mit seinem Schwiegersohn, dem Ehemann seiner Kronprinzessin, hatte, wollte sie sich lieber nicht ausmalen.
   Unten knallte die Eingangstür, und einen Moment später waren hastige Schritte auf der Treppe zu hören. Andrea stellte die Dusche ab und griff nach einem Handtuch. Sie konnte sich gerade noch darin einwickeln, bevor ihr Mann den Kopf durch die Tür steckte.
   »Niemand will mit mir reden«, schimpfte Ingo. »Was soll ich denn nun für die morgige Ausgabe schreiben?«
   Sie lächelte tröstend. »Das tut mir leid. Aber du weißt doch, dass die Polizei dir nichts sagen darf. Schreib einfach, was du bisher zusammentragen konntest und vertröste die Leser auf später. Das hält sie bei der Stange«, schlug sie vor.
   Er quittierte das mit einem finsteren Blick. »Bis dahin hat alles von allein im Dorf die Runde gemacht«, beschwerte er sich. »Wer liest denn eine Zeitung mit Nachrichten, die ohnehin jeder kennt?«
   »Aber wenn es in der Zeitung steht, ist es offiziell. Alles andere ist nur Gerede.« Sie lächelte ihn an. »Das ist für die Leute unheimlich wichtig. Das strahlt Verlässlichkeit aus.«
   Ingo grinste. »Bist du sicher, dass du in einem früheren Leben keine Politikerin warst?«
   Sie grinste nur und zwinkerte ihm zu.

*

Lüdersens kleiner Hof war ein Idyll wie aus dem Bilderbuch. Wohnhaus, Stallungen, Heuschober und Unterstand für die landwirtschaftlichen Maschinen fassten einen sorgfältig gekehrten Innenhof ein. An der Längsseite des Wohnhauses, vor dem eigentlichen Eingang, den hier im Dorf normalerweise nie jemand benutzte, blühte ein Bauerngarten mit Mittagsblumen und Stockrosen. Ein Verdienst von Lüdersens Nachbarin Lina Menke, wie Piet vermutete. Lina war seit Längerem Witwe, und seit dem Tod von Lüdersens Frau vor zwei Jahren hatten sich die beiden angefreundet. Am Haus entlang zog sich zusätzlich ein kleiner Gemüsegarten, wohl ebenfalls der Verdienst von Lina. Hinter den Stallungen erstreckte sich ein Obstgarten. In der Nähe des Misthaufens kratzte gackernd eine Schar Hühner im Staub, und aus dem Kuhstall drang gelegentliches Muhen. Wie der alte Mann dies alles allein bewirtschaftet hatte, war Piet schleierhaft.
   Hansen und er hatten sich von Lina Menke die Ersatzschlüssel zu Lüdersens Haus geben lassen, um im Haus des alten Mannes nach etwas zu suchen, was ihnen Hinweise darauf geben konnte, warum Lüdersen ermordet worden war. Zu Lebzeiten Lüdersens wären sie wohl durch die Diele gegangen, aber jetzt erschien ihnen das nicht richtig. Stattdessen nahmen sie die Vordertür.
   Piet hielten einen Moment inne, bevor er aufschloss, und blickte sich um. Die Abendsonne warf einen goldenen Schimmer auf das Haus und den Garten, und in den Blumen summten noch die Hummeln. Es roch nach den Stockrosen, die vor dem Eingang wuchsen, und von irgendwoher wehte ein Hauch von Pfefferminz heran. Im Dorf waren die üblichen Geräusche für diese Zeit zu hören. Ein paar Treckermotoren, das Muhen der Kühe, die in den Ställen gemolken wurden, und irgendwo gackerten Hühner.
   Rüdiger Mewes hatte sich bereit erklärt, das Vieh von Lüdersen vorübergehend zu versorgen. Dass er dieser Aufgabe bereits nachgekommen war, davon hatten sich Hansen und Piet bei einem Blick in den Stall überzeugen können. Vermutlich molk er nun gerade sein eigenes Vieh.
   Piet drehte den Schlüssel und öffnete die Tür. Sie knarzte, als wäre sie lange nicht geöffnet worden, was sie wohl auch tatsächlich nicht war.
   Hinter der Tür empfing sie ein langer Flur, von dem aus es rechts ins Wohnzimmer, die gute Stube ging. Ein flauschiger Plüschteppich in hellem Beige lag auf dem Boden. Die Wände waren mit einer Blümchentapete tapeziert, davor stand an einer Wand ein Wohnzimmerschrank in dunklem Eichenholz.
   Hansen öffnete ein paar Schranktüren und Schubladen, fand aber nur Geschirr und Besteck. In einer Ecke stand eine Sitzgruppe in dunkelbraunem Plüsch, und die Mitte des Raumes dominierte ein großer Esstisch. Hier hatten Lüdersen und seine Frau offenbar an Feiertagen ihren Besuch empfangen und bewirtet. Der Teppich war gesaugt, und auf den Möbeln lag kein Staubkorn, trotzdem wirkte der Raum auf Piet, als wäre er lange nicht benutzt worden.
   »Ich komme mir vor wie ein Einbrecher«, sagte Hansen und lächelte unsicher. »Irgendwie finde ich es nicht richtig, in seinen Sachen zu wühlen.«
   Piet nickte. »Das kann ich gut verstehen. Aber vielleicht hilft es uns, seinen Mörder zu finden. Daran solltest du denken.«
   Hansen nickte, seinem Gesicht nach zu urteilen jedoch nur halb überzeugt.
   Sie kehrten zurück in den Flur. Die Tür an der Stirnseite führte in Lüdersens Küche. Sie hatte, wie viele Bauernküchen im Ort, zwei Eingänge. Einen vom Wohnhaus aus und einen von der Diele. So mussten die Bauern während der Mittagspause mit ihrer schmutzigen Arbeitskleidung nicht durch den Wohnbereich laufen. Gegessen wurde in der geräumigen Küche, in der auch immer ein großer Esstisch stand.
   Lüdersens Küche bildete keine Ausnahme. Die weiße Einbauküche hatte ihre beste Zeit hinter sich, aber der Elektroherd und der Geschirrspüler wirkten neu. Auch dieser Raum war sauber und penibel aufgeräumt. Piet fragte sich, ob dies das Werk von Lina Menke war oder ob Lüdersen selbst Hand angelegt hatte. Wieder öffneten sie Schränke und Schubladen, doch auch hier fanden sie nichts Ungewöhnliches.
   »Was passiert jetzt mit den ganzen Sachen?«, fragte Hansen. »Irgendjemand muss sich doch um den Hof kümmern.«
   »Ich denke, wenn das Nachlassgericht keinen Erben findet, fällt es an das Land. Und bis dahin werden sie wohl einen Nachlassverwalter bestimmen.«
   Hansen nickte nachdenklich, sagte aber nichts.
   Auf der linken Seite des Flures befanden sich zwei Türen und eine Treppe. Die Tür neben der Küche führte in die Diele. Diese war leer, bis auf einen kleinen Stall, in der eine Sau ihre Ferkel säugte. Auch sie schien Mewes bereits versorgt zu haben, denn Tränke und Futtertrog waren voll.
   Die zweite Tür führte in Lüdersens Büro. Zu Piets Überraschung war der Raum mit modernen Aktenregalen eingerichtet, in denen sich fein säuberlich Ordner aneinanderreihten, und auf dem ebenfalls modernen Schreibtisch stand ein Laptop, der an einen Flachbildschirm angeschlossen war. Ein Laserdrucker leistete ihm Gesellschaft. Piet pfiff leise durch die Zähne. »Na sieh mal einer an. Das hätte ich dem alten Mann überhaupt nicht zugetraut. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er seine Buchhaltung in einem Schuhkarton aufbewahrt.«
   Hansen lachte. »Einen Hof, egal wie klein, kann man heute nicht mehr ohne modernes Betriebsmanagement führen. Mein Vater beschwert sich schon, dass er mehr Zeit im Büro als im Stall verbringt.«
   Hansens Eltern führten in Söderbrock einen mittelgroßen Milchwirtschaftsbetrieb. Hansen hatte den Hof eigentlich übernehmen sollen, doch da seine Lieblingstiere ausgerechnet Kühe waren und er es nicht übers Herz gebracht hätte, auch nur eine zum Schlachthof zu bringen, würde nun an seiner Stelle seine jüngere Schwester den Hof übernehmen. Piet amüsierte sich jedes Mal aufs Neue, dass der hünenhafte Hansen ausgerechnet für Kühe ein so weiches Herz hatte.
   Hansen ließ seinen Blick über die Reihen an Ordnern in den Regalen wandern. »Wird eine Weile dauern, bis wir das alles durchgesehen haben. Vielleicht sollten wir Inga und Sven daransetzen.«
   »Gute Idee«, sagte Piet. »Vielleicht können wir die Kollegen in Cuxhaven bitten, sich Lüdersens Computer anzusehen. Die haben doch Fachleute dafür.«
   Hansen nickte und machte sich eine Notiz. »Ich kümmere mich darum.«
   Als Nächstes wandten sie sich der Treppe zum Obergeschoss zu. Die Stufen protestierten knarzend unter ihrem Gewicht. Oben angekommen fanden sie sich in einem kleinen, nahezu quadratischen Flur wieder. Geradeaus lag das Badezimmer, ein nüchterner Raum in Weiß mit einer Badewanne, die mit einem Vorhang auch als Dusche genutzt werden konnte, einer Toilette und einem Waschbecken. In einem Regal neben der Wanne stapelten sich verschiedenfarbige Handtücher. Der Schrank über dem Waschbecken enthielt nur ein paar Flaschen Shampoo, Seife und Rasierzeug.
   Piet seufzte. »Bisher ist das alles reichlich unspektakulär. Hoffentlich ergeben Lüdersens Akten aus dem Büro etwas.«
   Sie verließen den Raum. Zur Gartenseite des Hauses fanden sie ein kleines Wohnzimmer, das eindeutig häufiger genutzt wurde als der große Raum im Erdgeschoss. Unter der Dachschräge stand ein abgewetztes Sofa, davor ein Tisch, dessen zahllose Schrammen von langjähriger Benutzung zeugten. Ein Buch lag darauf. Piet trat näher und betrachtete es. Krieg und Frieden von Tolstoi, offenbar oft gelesen, so zerfleddert, wie das Buch war. So belesen hätte er den alten Mann nicht eingeschätzt. Er hielt Hansen das Buch hin. »Hättest du erwartet, dass Lüdersen Tolstoi liest?
   Hansens Augenbrauen wanderten nach oben, er schüttelte den Kopf. »Nein. Vielleicht hat es seiner Frau gehört, und er liest ihre Bücher, um ihr näher zu sein.«
   »Vielleicht.« Piet legte das Buch zurück an seinen Platz.
   Rechts und links neben dem Tisch standen zwei Ohrensessel. Lüdersen musste den am Fenster genutzt haben, denn er war deutlich ausgesessener als sein Zwilling auf der anderen Seite. An der gegenüberliegenden Wand stand ein kleines Regal mit einem Fernseher und einem Videorekorder, dazu ein paar Videokassetten. Piet ließ seinen Blick noch einmal durch den Raum wandern. Sein Blick fiel auf eine an der Wand befestigte Mahagoniplatte, an der ein etwa fünfzehn Zentimeter langes Röhrchen aus Glas und Messing hing. In dem Glaszylinder erkannte er eine klare Flüssigkeit. »Was ist das denn?« Er ging hinüber, um das seltsame Ding genauer in Augenschein zu nehmen.
   Hansen trat ebenfalls näher. »Das ist ein Sturmglas«, erklärte er. »Und wie es aussieht, ein ziemlich altes.«
   »Ein was?«
   »Eine Art altertümliches Barometer, mit dem die Seefahrer früher das Wetter vorhergesagt haben.«
   Piet hatte eine Schwäche für alles Antike und besah sich das Gerät noch einmal. »Und wie funktioniert es?«
   »Die genauen physikalischen Zusammenhänge kenne ich auch nicht. Aber das Wetter kann man an der Flüssigkeit, beziehungsweise an den Kristallen, die sich darin bilden, ablesen. Im Moment ist die Flüssigkeit ganz klar, damit bleibt es warm und sonnig. Wenn sich das Wetter ändert, bilden sich Kristalle im Glas, und an der Art, wie diese aussehen, kann man vorhersagen, wie das Wetter wird.«
   Piet nickte anerkennend. »Du sagtest, es sei vermutlich alt. Ist es wertvoll?«
   »Ich denke nicht. Du findest die Dinger noch gelegentlich auf den Krabbenkuttern am Deich, und Thorben Jensen hat auf seinem Ferienhof eins im Speiseraum für die Touristen. Für das maritime Flair.« Er grinste und betrachtete das Sturmglas noch einmal nachdenklich. »Wir können es natürlich begutachten lassen, aber wenn Lüdersen wegen des Sturmglases umgebracht worden wäre, würde es doch fehlen, denkst du nicht?«
   Piet nickte. Er trat noch näher. Eine fein ziselierte Schrift wand sich unten um das Metallröhrchen. »Ellie«, entzifferte er mühsam. »Wer ist das?«
   »Ellie war Lüdersens Frau. Eigentlich hieß sie Elisabeth, aber die meisten nannten sie Ellie. War wohl ein Geschenk von ihr.«
   Piet nickte und fühlte sich dem alten Mann auf einmal sehr nahe. Auch er konnte die Erinnerung an seine Frau nach ihrem Tod nicht loslassen.
   Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses lag das Schlafzimmer. Auch hier waren die Möbel aus dunklem Holz. Im Kleiderschrank fand Piet neben Lüdersens Kleidung noch Garderobe seiner längst verstorbenen Frau. Offenbar hatte der alte Mann es nicht übers Herz gebracht, sich davon zu trennen. Die linke Seite des Bettes war zerwühlt, während die rechte ordentlich gemacht war und seit Langem unbenutzt wirkte. Auf dem Nachttisch lag unter der Lampe ein weiteres zerlesenes Buch, diesmal Wer die Nachtigall stört von Harper Lee, dazu eine Lesebrille und ein leeres Glas. Auf dem Boden stand eine halb leere Flasche Mineralwasser. Piet zog die Schublade auf und fand eine Handvoll Medikamente. Viele waren es nicht. Vier Schachteln, eine davon Aspirin. Hansen machte ein Foto, während sich Piet die Namen der anderen Arzneien notierte. Dann packten sie sie in eine Beweismitteltüte und verschlossen sie. Sie würden später den Gerichtsmediziner fragen, ob die Medikamente in Lüdersens Kreislauf nachgewiesen werden konnten und ob etwas davon verdächtig war. Und natürlich würde er auch mit Lüdersens Arzt sprechen müssen. Er hoffte inständig, dass Lina Menke wusste, zu welchem Arzt Lüdersen gegangen war.
   Auf einer Kommode standen etliche liebevoll gerahmte Fotos, die meisten von Lüdersens Frau Ellie. Eines auch von Lüdersen mit zwei Freunden, aufgenommen vor vielen Jahren, als Lüdersen noch ein junger Mann gewesen war. Die drei hockten breit grinsend auf einem Weidezaun. Und eines von Lüdersen, wie er mit stolz geschwellter Brust vor einem VW-Käfer stand. Offenbar sein erstes Auto. Dann ein Hochzeitsfoto, auf dem Lüdersen und seine Frau sehr glücklich und verliebt aussahen.
   Hansen trat neben Piet und betrachtete ebenfalls die Fotos. »Irgendwie traurig, findest du nicht?«
   »Warum?«
   Hansen wies erst auf die Fotos, dann mit einer Geste durch den Raum. »Na, das alles hier. Ich kenne Lüdersen seit meiner Kindheit, aber wenn ich mir seine Sachen so ansehe, habe ich das Gefühl, ich hätte ihn überhaupt nicht gekannt. Die Bücher und all das passen nicht zu dem Betonkopf, den ich kannte.« Er schüttelte den Kopf. »Irgendwie kann ich mir jetzt noch weniger vorstellen, dass ihn jemand umbringen wollte.«
   Sie entschlossen sich, das Sturmglas vorsichtshalber schätzen zu lassen und nahmen es vorsichtig von der Wand, bevor sie das Haus verließen.
   Ingo Schnellsig lungerte vor der Tür herum. »Na, was gefunden?«
   »Schnelli, du nervst«, erwiderte Piet. Der Journalist ging ihm gehörig auf den Geist. Wenn er seine Erkenntnisse wenigstens mit Hansen und ihm teilen würde, aber da faselte er dann immer ganz schnell vom Schutz seiner Quellen.
   »Wonach habt ihr denn gesucht?«, fragte Schnellsig unbeeindruckt weiter.
   »Nach Tillys Impfpass«, log Hansen. Das Sturmglas hatte er zusammen mit den sichergestellten Medikamenten und den Handschuhen, die sie während der Untersuchung von Lüdersens Haus getragen hatten, in einer mitgebrachten Tasche verschwinden lassen. »Mewes will wissen, ob sie alle Impfungen hat.«
   Tilly, Lüdersens betagte Bernhardinerhündin, hatte Mewes mit zu sich auf den Hof genommen. Er hatte sich nicht wohl dabei gefühlt, den Hund allein auf dem Hof zurückzulassen.
   Schnellsig zog ein enttäuschtes Gesicht. Für den Augenblick schien er mit seinen Fragen am Ende, und sie nutzten die Gelegenheit und ließ ihn stehen.

Herr Meyer, sein kalbsgroßer irischer Wolfshund erwartete Piet in seiner Wohnung. Er hatte, bis auf einen kurzen Ausflug in den Garten, den Tag im Badezimmer auf dem kühlen Fliesenboden verbracht und forderte nun seinen Auslauf.
   Herr Meyer war ein Erbstück aus Piets Zeit bei der Kriminalpolizei in Hannover. Seinen Namen hatte der Hund von seinem ehemaligen Besitzer geerbt, einem Kollegen aus der Drogenfahndung, der bei einer Razzia erschossen worden war. Weil der riesige Hund nicht im Revier hatte bleiben können, es keine Verwandten gab, die sich des Hundes hätten annehmen können und ihn auch niemand ins Tierheim geben wollte, hatten sie Piet überredet, Herrn Meyer bei seiner Versetzung mit aufs Land zu nehmen. Piet hatte sich zu Anfang gesträubt, musste aber feststellen, dass sein früherer Besitzer den Hund gut trainiert hatte und er Piet die Arbeit oftmals erleichterte. Das gutmütige Tier beruhigte erhitzte Gemüter allein durch seine ruhige Präsenz, wusste aber allzu aggressive Zeitgenossen auch durch Knurren und sein beeindruckendes Gebiss einzuschüchtern. Außerdem hatte er eine hervorragende Spürnase und war besonders bei den Kindern sehr beliebt. Mara hätte ihn sicher gemocht.
   »Na komm, mein Junge. Gehen wir. Lange wirst du ohnehin nicht draußen bleiben wollen.« Piet hatte beim örtlichen Tierarzt zwar das zottelige graue Fell des Hundes zu einer Kurzhaarfrisur scheren lassen, doch es herrschten auch am Abend noch fast dreißig Grad. Erwartungsgemäß verlor Herr Meyer auch schnell die Lust an der Bewegung. Er verrichtete sein Geschäft und strebte dann eilig wieder in Richtung von Piets Badezimmerfußboden.
   Nachdem der Hund seinen Napf leer getrunken hatte und nun auf dem Fliesenboden döste, zog sich Piet in das Wohnzimmer zurück. Es war warm und stickig. Er seufzte. Diese Hitzewelle war unerträglich. Erst recht, wenn man unter dem Dach wohnte. Er schaltete den Ventilator ein und kippte in der Hoffnung auf einen gelegentlichen Windhauch ein Fenster. Dann holte er, wie inzwischen beinahe jeden Abend, seinen Schlüsselbund aus der Tasche und suchte den kleinen silbernen Bartschlüssel mit der geschwungenen Öse. Kurz nach Maras Tod hatte er auf einem Antik-Trödelmarkt einen alten Sekretär mit einem flachen Aufsatzschrank gekauft, in dessen Schloss er nun den silbernen Schlüssel schob. Mit einem leisen Klicken entriegelte der Mechanismus, dann schwangen die Türen nahezu geräuschlos auf. Piet erwartete eigentlich jedes Mal wenigstens ein leises Knarzen, das ihm für den Anlass angemessen schien. Doch die Scharniere wurden täglich bewegt und hatten keine Gelegenheit, Rost anzusetzen. So offenbarte der Schrank sein Innenleben ohne dramatische akustische Untermalung.
   Piet hatte die Innenseiten der Türen und die Rückwand des Schrankes mit Kork bezogen und die Regalbretter, die eigentlich für Bücher gedacht waren, entfernt. So war eine große Pinnwand entstanden, auf der er alle Informationen über den Mord an seiner Frau sammelte: Tatortfotos, mögliche Verdächtige, Zusammenfassungen von Obduktionsbericht und dem Bericht der Spurensicherung, Zeugenaussagen. Hinzu kamen seitenweise eigene Notizen. In den Schubladen des Sekretärs lagerten weitere Informationen, die entweder keinen Platz mehr auf dem Kork gefunden hatten oder zu unhandlich oder umfangreich waren, wie die vollständigen Berichte von Gerichtsmedizin und Spurensicherung, Tonbandaufnahmen von den Gesprächen mit Zeugen und möglichen Verdächtigen, von denen alle ein glaubhaftes Alibi vorweisen konnten. Piet hatte sogar ein Messer gekauft, das der möglichen Tatwaffe entsprach und das nun in einer Schublade lagerte.
   Offiziell hatte er als Betroffener in dem Fall nicht ermitteln dürfen, und er hatte viele Gefallen einfordern müssen, um die Informationen zusammenzutragen, die sich in diesem Sekretär befanden. Hin und wieder rief ihn sein alter Vorgesetzter an, um ihm mitzuteilen, was es Neues in dem Fall gab. Falls es etwas Neues gab. Der Fall war längst kalt, und die Ermittlungen im Sande verlaufen. Aber Piet wollte nicht aufgeben und trug jeden noch so winzigen Hinweis auf diesem Mordbrett zusammen. Und jeden Abend ging er im Zimmer auf und ab, grübelte und starrte auf die Pinnwand, in der Hoffnung, irgendetwas zu entdecken, was ihm zuvor entgangen war. Und wie immer hatte er das Gefühl, dass die Lösung des Falles direkt vor seinen Augen lag, und er nur zu blind war, sie zu sehen. Es war zum Verzweifeln.
   Mara erschien vor seinem geistigen Auge. Sie war barfuß und lehnte in Jeans und weißem Top an der Wand neben dem Sekretär. Ihre langen dunklen Haare waren feucht, als käme sie gerade aus der Dusche. »Was übersehe ich?«, fragte er sie in Gedanken. Doch sie antwortete nicht, sondern sah ihn mit ihren veilchenblauen Augen nur traurig und ein bisschen vorwurfsvoll an. Blutflecken bildeten sich auf ihrem Shirt, und eine einzelne Träne rollte ihre Wange hinunter. Piets Magen krampfte sich zusammen, und ein bitteres Gefühl von Schuld und Versagen machte sich in ihm breit. Er schloss die Augen und atmete tief ein und aus, um ihr Bild zu vertreiben.
   »Egal, wie lange es dauert. Ich werde deinen Mörder finden.«

Kapitel 2

Hansen und Piet hatten verabredet, am nächsten Morgen die einzigen beiden wenigstens halbwegs Verdächtigen zu befragen. Sie begannen mit J. R.
   Sein Hof lag am Rand des Dorfes und bestand aus einem weitläufigen Areal, auf dem zwei große, hochmoderne Stallgebäude standen. Der Betrieb war so weit automatisiert, dass J. R. seinen Viehbestand von etwa zweihundert Rindern mit nur zwei Angestellten bewirtschaften konnte. Etwas abseits der Ställe lag ein großes, modernes Haus, in dem im Erdgeschoss J. R. residierte, während im Dachgeschoss seine Tochter Sandra und sein Schwiegersohn Holger lebten. Bereits jetzt, am frühen Morgen, war es schon wieder unerträglich warm, und die sengende Sonne hatte alle Bewohner und Angestellten ins Innere der Gebäude getrieben. Hansen und Piet fuhren über ein menschenleeres Anwesen zu J. R.’s Zentrale der Macht.
   Sandra Ribken, die von allen im Dorf hinter vorgehaltener Hand Kronprinzessin genannt wurde, öffnete ihnen die Tür. Sie trug eine adrette weiße Bluse, Reithose und Reitstiefel, die blonden Haare waren zu einem strengen Knoten gezurrt.
   »Moin«, begrüßte Hansen sie. »Wir würden gern mit J. R. sprechen. Ist er da?«
   Sandra Ribken betrachtete sie einen Moment, als überlegte sie, wie sie unwillkommene Hausierer schnellstmöglich wieder loswerden könnte. Dann nickte sie knapp, drehte sich wortlos um und marschierte davon. Sie folgten ihr zögernd und traten in einem geräumigen, beinahe quadratischen Flur, von dem zahlreiche Türen abgingen.
   Sandra Ribken öffnete eine. »Besuch für dich.« Dann marschierte sie an Hansen und Piet vorbei, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Die Haustür fiel krachend hinter ihr ins Schloss.
   Eisprinzessin würde wohl besser passen. Piet wechselte noch einen Blick mit Hansen, dann traten sie durch die offen stehende Tür.
   Hätte nicht ein Kalender der landwirtschaftlichen Genossenschaft an der Wand gehangen und eine Zeitschrift des Bauernverbandes auf einem kleinen Ecktisch gelegen, das Büro, in dem J. R. Hof hielt, hätte ohne Weiteres auch in einen Stahlbaubetrieb oder eine Spedition gepasst. An den Wänden reihten sich Regale voller Ordner, und auf dem Schreibtisch standen gleich zwei große Flachbild-Monitore, an die einen Laptop angeschlossen waren. J. R., mittelgroß und mit achtundsechzig Jahren immer noch drahtig wie ein junger Mann, wirkte mit seinem wettergegerbten Gesicht und den raspelkurzen grauen Haaren auf Piet wie ein jüngerer Bruder des alten Hollywood-Westernhelden James Coburn. Als sie eintraten, presste er einen Telefonhörer an ein Ohr und grunzte unwillig hinein.
   Er bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, auf den Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, und fuhr fort, gelegentlich in den Hörer zu brummen oder zu grunzen. »Ich kümmere mich darum«, sagte er schließlich. »Ich muss jetzt Schluss machen.« Er legte auf und wandte sich zu ihnen. Seine steingrauen Augen musterten erst Hansen und dann Piet. »Was kann ich für euch tun?«, fragte er schließlich.
   Piet räusperte sich. »Wir untersuchen den Mord an Heinrich Lüdersen. Dass man ihn gestern tot auf seiner Weide gefunden hat, hast du ja sicher gehört.«
   J. R. nickte. »Sicher. Ist ja überall Dorfgespräch. Und wie kann ich da helfen?«
   Hansen zückte sein Notizbuch. »Na ja …«, begann er vorsichtig. »Immerhin hast du seit Jahren Streit mit Lüdersen …« Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden.
   J. R. brach in schallendes Gelächter aus. »Und jetzt denkt ihr, ich hätte ihn umgebracht? Wegen dieses mickrigen Apfelbaumes?« Wieder musste er lachen, doch dann wurde er unvermittelt ernst. »Nein, ganz ehrlich: Der olle Sturkopp wird mir fehlen.«
   Piet hob die Augenbrauen. »So? Dabei ist der Ärger um den Apfelbaum doch endlich geklärt, jetzt, wo Lüdersen tot ist.«
   J. R. blickte ihn einen Moment lang nachdenklich an, dann schüttelte er den Kopf. »Ihr denkt wirklich, ich würde Lüdersen wegen eines dämlichen Apfelbaums umbringen?« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Der war doch total unwichtig.«
   Hansen sah ihn ungläubig an. »Wie bitte? Das ist wohl etwas unglaubwürdig, so viel Theater, wie ihr beide um diesen Apfelbaum gemacht habt. Wie lange zieht sich dieser Apfelkrieg jetzt schon hin? Sechs, sieben Jahre?«
   »Acht«, korrigierte ihn J. R. »Aber wenn ich wirklich sauer gewesen wäre, hätte ich den Baum einfach gefällt. Dann wäre Ruhe gewesen.«
   »Und wozu dann dieser Apfelkrieg?«, fragte Piet.
   J. R. lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Ich streite mich nun mal gern. Und mit Lüdersen konnte man sich wenigstens noch richtig zanken. Alle anderen hier im Dorf haben doch keine Eier in der Hose. Aber Lüdersen hatte wenigstens Mumm. Wenn ich noch an diese Sache mit Schalks Bäumen denke …« Er schüttelte den Kopf und begann wieder zu lachen, diesmal allerdings leise und glucksend.
   Piet wartete, bis er sich beruhigt hatte. »Wo warst du denn gestern zwischen neun und dreizehn Uhr?«
   »Ich war hier. Auf dem Hof.«
   »Kann das jemand bestätigen?«
   J. R.’s Miene verfinsterte sich zu einem Donnerwetter, und Piet war sich für einen Moment nicht sicher, ob er sie hinauswerfen und mit seinem Anwalt drohen würde, doch er besann sich eines Besseren.
   »Ich habe diverse Telefonate geführt. Nicht ununterbrochen, aber ziemlich viele. Wenn ihr unbedingt eine Liste wollt, kann ich euch die geben. Außerdem hatte ich eine Besprechung mit Klaus und Timo über die Bestandsplanung und …«, er warf einen Seitenblick auf Hansen, »die Schlachttermine.«
   Der Schreibfluss, mit dem sich Hansen die ganze Zeit Notizen gemacht hatte, geriet für kurze Zeit ins Stocken, doch er behielt eine gleichmütige Miene.
   Klaus und Timo Richter waren die beiden Mitarbeiter, mit denen J. R. seinen Hof betrieb. J. R. hatte vor einigen Jahren den Hof der Richters übernommen, und seither arbeiteten Vater und Sohn für J. R. Ein Arrangement, das beiden Seiten zugutekam. J. R. hatte dringend Ausbringfläche für seine Gülle gebraucht, um den Viehbestand erweitern zu können, die Landwirtschaft der Familie Richter brachte kaum mehr etwas ein, sodass Vater und Sohn als Angestellte von J. R. mehr verdienten als mit ihrem Hof.
   »Fragt doch mal bei diesen Hippies nach«, schlug J. R. nach einer kleinen Pause vor. In seinen Augen glomm ein bösartiges Funkeln, und er warf einen weiteren Seitenblick auf Hansen.
   »Bei den Hippies?«, hakte Piet nach.
   J. R. wedelte ungeduldig mit der Hand. »Na, bei diesem Gnadenhof. Vielleicht hatten die Lüdersen wegen irgendwas auf dem Kieker. Mit seiner Art ist er im Laufe der Zeit ja fast jedem auf die Zehen getreten.«
   Piet sah aus den Augenwinkeln, wie Hansen, der in seiner Freizeit selbst gelegentlich auf dem Gnadenhof aushalf, die Fäuste ballte. Bevor J. R.’s Sticheleinen sich unangenehm auswirken konnte, nickte Piet und erhob sich. »Danke, J. R. Wir werden mit den Leuten dort sprechen. Das wäre vorläufig erst mal alles. Wenn dir noch was einfällt, weißt du ja, wo du uns erreichen kannst.«
   Sie verabschiedeten sich.

Jakob Schalk war gerade im Begriff, in sein Auto zu steigen, als Hansen und Piet auf seinen kleinen Hof in der Dorfmitte von Söderbrock fuhren. J. R. hätte den Bauernhof wohl verächtlich als Gemischtwarenladen bezeichnet, denn Schalk hielt neben zwei Kühen und vier Schweinen einige Hühner und Enten. Da er die Landwirtschaft ausschließlich zum Eigenbedarf betrieb, überraschte diese bunte Menagerie nicht.
   »Moin, Jungs«, begrüßte Schalk sie, als sie neben ihm aus dem Auto stiegen. »So hoher Besuch?«
   »Moin, Jakob«, grüßte Hansen zurück. »Hast du einen Moment Zeit für uns?«
   Schalks Blick wanderte zwischen Hansen und Piet hin und her, er trat unsicher von einem Bein auf das andere.
   Piet fragte sich, ob es sich überhaupt lohnte, Schalk zu befragen, denn nach seiner Einschätzung wäre der alte Mann körperlich überhaupt nicht in der Lage, Lüdersen mit einer Mistgabel zu erstechen. Schalk war klein, geradezu erschreckend dürr, und auf seinem langen Hals saß ein kahler Kopf, der viel zu groß für den zarten Körper erschien. Durch das Alter ging er gebückt und hinkte auf einem Bein.
   »Ich weiß nicht«, sagte Schalk unsicher. »Ich wollte gerade nach Cuxhaven, Lisbeth besuchen.« Wieder wanderte sein Blick unsicher zwischen Hansen und Piet hin und her.
   Lisbeth, Schalks Frau, litt an Alzheimer und lebte seit einigen Monaten in einem Pflegeheim. Schalk fuhr jeden Tag für einige Stunden zu ihr, auch wenn sie ihn oft überhaupt nicht mehr erkannte, wie er Hansen einmal bei einem Bier im Bunten Hund gestanden hatte.
   »Dauert bestimmt nicht lange«, versicherte ihm Piet. »Wir haben nur ein paar Fragen wegen Lüdersen.«
   Schalk kratzte sich den kahlen Kopf. »Ja, das ist ein Jammer, dass er nu tot is«, stellte er nüchtern fest. »Aber warum kommt ihr da zu mir?«
   »Na ja … du hattest doch im letzten Jahr Streit mit ihm wegen deiner Bäume«, begann Hansen vorsichtig.
   Schalks blasses Gesicht bekam plötzlich eine gesunde Farbe. »So ein Döskopp! Meine schönen Bäume. Was das gekostet hat«, schimpfte er. Dann fuhr er zusammen und sah Hansen entsetzt an. »Aber du glaubst doch nicht, dass ich was mit seinem Tod zu tun habe?«
   Hansen zuckte vage mit den Schultern.
   »Wo warst du denn gestern Vormittag?«, warf Piet ein.
   »In Cuxhaven, bei Lisbeth. Wie jeden Tag.« Schalks Stimme klang ein bisschen beleidigt.
   Piet nickte. »Und wann bist du zurückgekommen?«
   Schalk überlegte einen Moment. »Ich war auf dem Rückweg noch im Gartencenter. Ich muss so gegen zwei wieder hier gewesen sein.« Er sah sie an. »Kann ich jetzt fahren? Ich möchte nicht zu spät kommen.«
   Hansen wechselte mit Piet einen Blick und nickte. »Fahr du ruhig. Und grüß Lisbeth.«

*

GUCK DIR DAS MAL AN!!!
   stand in fetten Lettern auf dem Fax, das mit einem leisen Summen aus Ingos Faxgerät kroch. Nur mäßig interessiert überflog er die Seiten und Grundrisse. Irgendein Bauprojekt. Aufmerksam wurde er erst durch eine Notiz auf der letzten Seite: Laut Flurfunk soll das in die Nähe von Söderbrock. Gruß, P.
   P war sein alter Schulfreund Peter Ahlers. Er arbeitete in der Kreisverwaltung des Landkreises und versorgte ihn hin und wieder mit Informationen über geplante Bauprojekte wie Windkraftanlagen oder Umgehungsstraßen, oder Hintergrundinformationen und Skandale aus der lokalen Politik.
   Der Landkreis plante also ein Bauprojekt in der Nähe von Söderbrock. Und die fetten Letter und die vielen Ausrufezeichen machten deutlich, dass Peter dem Projekt einige Sprengkraft zumaß. Mit erheblich größerem Interesse begann er, die Pläne und Erläuterungen zu studieren. Mit jeder Seite wuchsen sowohl seine Empörung wie auch seine Aufregung. Peter hatte recht. Das war Dynamit. Mit zitternden Händen griff er zum Telefon. »Ist das sicher?«, fragte er, als er Peters Stimme in der Leitung hörte.
   »Der Antrag ist bewilligt. Sie suchen nur noch nach einem geeigneten Platz. Die Bewerbungsfrist läuft bis nächsten Freitag, falls sich eine Gemeinde freiwillig meldet. Ansonsten wird der Landkreis entscheiden und nach einem geeigneten Baugrundstück suchen. Soweit ich gehört habe, hat es mit jemandem aus Söderbrock aber schon Vorgespräche gegeben.«
   Wut kochte in ihm hoch. »Weißt du auch, mit wem?«
   »Nee, tut mir leid. Das mit Söderbrock ist Flurfunk und daher nur mit Vorbehalt. Aber dass da irgendwo im Landkreis was in der Mache ist, ist sicher.«
   Ingo kaute auf seinem Bleistift. Vor seinem geistigen Auge sah er schon die morgige Schlagzeile: Landkreis plant Heim für kriminelle Jugendliche bei Söderbrock. »Puh, die haben sie doch nicht alle. Wer aus Söderbrock ist denn so bescheuert und will so was hierherholen?« Er rieb sich die vom Lesen der Bauzeichnungen müden Augen.
   »Na ja, gibt eine Menge Geld dafür«, gab sein Freund zu bedenken.
   »Aber Söderbrock ist ein Ferienort. Wir sind von den Touristen abhängig«, protestierte er.
   Peter lachte. »Hey, bei mir rennst du damit offene Türen ein. Meine Eltern wohnen immer noch in Söderbrock. Wie die das finden werden, kannst du dir sicher denken.«
   Er nickte. Peters Eltern betrieben in Söderbrock eine kleine Pension, die im Sommer sehr gut besucht war. Von dem Einkommen, das sie in den Sommermonaten erzielten, zehrten sie das ganze Jahr. Die kleine Schafzucht, die sie betrieben, war eher ein Zubrotgeschäft. »Ich werde mein Bestes geben. Das wird ein Artikel, der sich gewaschen hat«, versprach er und legte auf. Für einen Moment starrte er gedankenverloren auf seinen Monitor.
   Andrea steckte den Kopf herein. »Ich fahre zum Einkaufszentrum. Brauchst du etwas?«
   Ingo schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, keine Zeit. Lass mich in Ruhe«, blaffte er sie an.
   Erschrocken zog sich seine Frau zurück. Für einen Moment hatte Ingo ein schlechtes Gewissen, dann fiel sein Blick wieder auf die Planungsunterlagen, die ihm Peter Ahlers geschickt hatte. Er suchte in Gedanken nach einem guten Einstieg für den Artikel, dann begann er, fieberhaft zu tippen.

*

Zurück im Revier in der Dorfstraße sieben wollten sich Hansen und Piet gerade zu einer kurzen Analyse ihrer Gespräche mit J. R. und Schalk zusammensetzen, als Sven Marwedel mit einem Stapel Papier in ihr Büro trat.
   »Moin«, grüßte er. »Ich habe die vorläufigen Obduktionsergebnisse von Lüdersen. Ich dachte, die wollt ihr bestimmt gleich haben.« Er reichte die Dokumente an Piet.
   »Wie kommt ihr bei Lüdersen im Arbeitszimmer voran?«, erkundigte sich Hansen.
   Marwedel zuckte vage mit den Schultern. »Bis jetzt nur auf die Landwirtschaft bezogener Bürokram. Nichts darunter, was auch nur im Entferntesten nach einem Motiv aussieht.« Er nickte ihnen noch einmal zu und ging wieder.
   Piet hatte in der Zwischenzeit den Bericht überflogen. »Wie es aussieht, ist Lüdersen mit seiner eigenen Mistgabel erstochen worden. Die Zinken haben die rechte Herzkammer und eine große Arterie durchbohrt. Er muss fast sofort tot gewesen sein. Abwehrverletzungen konnten keine festgestellt werden. Den Todeszeitpunkt hat der Gerichtsmediziner auf etwa zehn Uhr festgesetzt, plus minus dreißig Minuten«, fasste er zusammen.
   »Lüdersen kannte also seinen Mörder, wenn er sich nicht gewehrt hat«, kombinierte Hansen.
   Piet nickte. »Ja, das denke ich auch. Oder er muss Lüdersen aus dem Hinterhalt überrascht haben, was auf einer Weide nicht sehr wahrscheinlich ist.«
   Hansen zog eine Grimasse. »Dass er seinen Mörder kannte, schränkt den Kreis der Verdächtigen nicht gerade ein«, gab er zu bedenken.
   Piet studierte weiter die Unterlagen. »Mit dem Stein hattest du recht. Das ist wirklich Bernstein. Und die Medikamente, die wir im Haus gefunden haben, passen zum Obduktionsergebnis. Lüdersen hatte eine leichte Herzschwäche und einen zu hohen Cholesterinspiegel. Er nahm die Medikamente dagegen, die wir gefunden haben. Der Gerichtsmediziner konnte sie in Lüdersens Blut nachweisen«, las er weiter vor.
   Hansen nickte geistesabwesend. »Ich möchte es ja nicht ausprobieren«, begann er dann langsam. »Aber ich könnte mir vorstellen, dass es ein bisschen Kraft braucht, um jemandem eine Mistgabel in den Körper zu rammen, denkst du nicht?«
   »Ich weiß es nicht«, gestand Piet. Er überlegte einen Moment, dann griff er zum Telefon und wählte die Nummer der Gerichtsmedizin. »Petersen. Moin«, grüßte er, als er am anderen Ende die Stimme von Herbert Bohlmann erklang. Vor seinem geistigen Auge sah er den großen, dürren Mann mit den spinnenartigen Gliedern und den müden Augen vor sich. Ungebeten mischte sich auch die Erinnerung an das Geräusch, das entstanden war, als Bohlmann die Mistgabel aus Lüdersens Körper gezogen hatte, wieder in seine Erinnerung. »Ich habe nur eine kurze Frage zur Obduktion von Heinrich Lüdersen.« Er hörte den Gerichtsmediziner mit Papier rascheln. Vermutlich suchte er nach der richtigen Akte.
   »Worum geht es denn?«, erkundigte sich Bohlmann.
   »Sie haben als Todesursache den Stich mit der Mistgabel notiert. Ist es schwierig, jemanden mit einer Mistgabel zu töten?«
   »Tja …«, machte der Mediziner. »Etwas Kraft ist schon erforderlich. Und für Verletzungen dieser Art brauchen Sie einen entsprechenden Winkel.« Er überlegte einen Moment. »Ich denke, Sie suchen einen Mann. Etwa eins fünfundsiebzig bis eins fünfundachtzig groß«, schloss er seine Überlegungen ab.
   Piets Mut sank für einen Moment in den Keller. Diese Größe passte auf so gut wie jeden Mann in Söderbrock. Abgesehen von dem beinahe zwei Meter großen Hansen. Er bedankte sich und legte auf.
   »Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Hansen. »Du siehst aus, als hätte dir jemand Essig in den Kaffee gekippt.«
   Piet fasste zusammen, was der Gerichtsmediziner ihm mitgeteilt hatte.
   Auch Hansens Gesichtszüge entgleisten für einen Moment, doch schließlich zuckte er mit den Schultern. »Gut. Ich denke, Schalk können wir damit wohl ausschließen.«
   Piet nickte. »Den habe ich eigentlich schon ausgeschlossen, als wir mit ihm gesprochen haben. Aber wir sollten sein Alibi trotzdem überprüfen.«
   Hansen machte sich eine Notiz. »Ich setze Inga und Sven dran.«
   Piet erhob sich und begann, im Büro auf und ab zu gehen. »Und J. R.? Was denkst du?« Er wandte sich zu Hansen um.
   »Würde ich ihm zutrauen, dass er jemanden mit einer Mistgabel ersticht? Ich weiß es nicht. Einerseits ja. Aufbrausend genug wäre er. Aber in Bezug auf den Apfelbaum muss ich ihm recht geben. Ich denke, da hätte er die pragmatischere Lösung gewählt und das Ding einfach gefällt.«
   »Du glaubst ihm also, dass er sich gern mit Lüdersen gestritten hat?«
   Hansen zuckte mit den Schultern. »Warum sollte er sonst so lange mit Lüdersen wegen so einer Lappalie zanken? Auf die paar Äpfel wirds ihm wohl kaum ankommen.«
   »Aber wer hat Lüdersen dann ermordet? Und warum? Und was hat es mit dem Bernstein auf sich, den ihm der Mörder auf die Brust gelegt hat? Ein echtes Motiv scheint bis jetzt niemand zu haben. Und was wollte er überhaupt in dieser Hitze draußen auf der Weide?«
   »Ich denke, wir haben noch einiges an Arbeit vor uns«, stellte Hansen nüchtern fest.

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