Am 10. Juli 2010 wird die Leiche der Milliardärin Anna Amalia Winter in der Ilm vor dem Schloss in Weimar gefunden. Bei dem Opfer handelt es sich um keine geringere als die langjährige Chefin und zugleich Eigentümerin der Winter Media Holding, einem weltweit agierenden Medienunternehmen mit einem Wert von einhundert Milliarden Dollar. Hauptkommissar Alexander Lassalle und sein Assistent stehen vor der Frage, warum jemand eine 85-jährige Medienzarin und Kulturmäzenin erschlägt, deren Testament im Internet steht. Ihr Vermögen soll einer gemeinnützigen Stiftung zugeführt werden. Zur Aufklärung des Mordes wird die größte Sonderkommission in der Geschichte Thüringens gebildet. Lassalle und sein „Assi“ beginnen ihre Ermittlungen unter großem Druck der Öffentlichkeit und der Politik in hochsommerlicher Gluthitze. Vom ersten Moment an versuchen Lyonel Athen, der Strategievorstand der Winter Media Holding, und seine Frau, Prof. Carla Keller-Bouvier, ihrem langjährigen Freund Lassalle und seinem Team zu helfen. Doch es gibt kaum verwertbare Spuren, und alles in allem werfen die Ermittlungen, die Gespräche und Verhöre mit den Führungskräften der Holding mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Die intensiven polizeilichen Ermittlungen drohen, ins Leere zu laufen.

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ISBN: 978-9963-53-905-5

Seiten: 347

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Urs Freinsheimer

Urs Freinsheimer studierte in München sowie den USA. Nach seiner Promotion arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent in Hamburg, ehe er für mehrere Jahre zu einer führenden internationalen Managementberatung wechselte. Anschließend war er Strategiechef eines globalen Medienunternehmens. Seit 2006 führt er sein eigenes Unternehmen. Urs Freinsheimer, der nun in Thüringen wohnt, hat mehrere wissenschaftliche Publikationen und Sachbücher verfasst, bevor er sich dem Kriminalroman zuwandte. „Option auf den Tod“ (erschienen im April 2018) ist der erste Band einer Reihe, die auch auf den Lebenserfahrungen des Autors beruht. Das zweite Buch, „Teamwork“ (erschienen im April 2019), spielt in Wien und beschäftigt sich mit der schillernden Welt der Unternehmensberater. Der dritte Band der Reihe um Hauptkommissar Lassalle, „Deal ist Deal“ (erschienen im Juli 2019), handelt u. a. von einer Geiselnahme in einem Kindergarten. Ebenfalls abgeschlossen sind die Romane „Vierzehnheiligen“ (Erscheinungstermin bei bookshouse im März 2020) sowie „Sieben Wunder“ (Mai 2020).

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Prolog
Weimar, Schlossbrücke
Samstag, 10. Juli 2010, halb fünf Uhr früh

»Inga, Inga.« Die Rufe der Burschenschaftler hallten durch die Nacht.
   Eigentlich dämmerte allmählich bereits der Morgen.
   Es würde wohl wieder unendlich heiß werden. So wie gestern. Erst wünschte man sich den Sommer von ganzem Herzen, und wenn er dann da war …
   »Inga, los jetzt.« Ihre Freundin stupste sie in die Seite. »Komm schon. Zier dich nicht so, Prinzessin.«
   Sie stand neben ihr auf der Brücke, fast nackt. Hinter ihnen zeichnete sich die Silhouette des Weimarer Schlosses ab, immer stärker, von Minute zu Minute. Ein anderes Mädchen tanzte mit einer Bierflasche in der linken Hand oben ohne um einen kleinen Scheiterhaufen, den die Jungs in der Mitte der Brücke errichtet hatten. Jungs eben. Astrid kletterte sogar auf die Brüstung und warf den grölenden Burschen BH und Slip zu. Einige fotografierten sie. Es schien ihr nichts auszumachen, denn sie lächelte nur. Vielleicht war sie auch einfach nur zu betrunken.
   Sonja, die jüngste aus ihrer Mannschaft, stand unsicher hinter Inga und wartete darauf, was diese tun würde. Sonja war erst fünfzehn oder knapp sechzehn und schwankte noch zwischen Leichtsinn und Vernunft. Na gut.
   Inga wollte nicht als feige gelten und sich in Malmö bis an ihr Lebensende anhören, wie spröde sie sei. Außerdem hatten die Burschenschaftler schon so viele Humpen geleert, dass sie sich ohnehin an nichts mehr erinnern würden. Deutsche vertrugen eben nichts. Was soll‘s. Sie begann, ihr Kleid aufzuknöpfen. Sie trug keinen BH heute, dafür war es viel zu schwül. Zum Glück hatte sie einen sexy Slip darunter, das machte die Sache weniger peinlich. Noch zwei Knöpfe …
   »Ich muss pissen«, schrie der Hauptmann unvermittelt, »wer zählt?«
   Inga stutzte. Was konnte man dabei denn zählen? Wie auf Kommando drehten sich die Burschenschaftler von ihr weg Richtung Hauptmann. Ihre Säbel klirrten.
   »Verschon das Schloss, Hauptmann«, riet ihm sein Adjutant, »Altes deutsches Kulturgut. Geh ins Gebüsch.« Seine Truppe wieherte.
   »Ich piss von der Brück’«, rief er. Der Hauptmann war immer für eine Pointe gut. Deshalb hatten sie ihn ja zu ihrem Anführer gewählt. Und weil er trinken konnte. Und weil er entscheiden konnte.
   Sie halfen ihm auf die Brüstung. Er ging in Pose. Seinen Säbel hatte er gegen die halbhohe Mauer gelehnt. Seine Hose lag um seine Knöchel. Ein Jungfuchs hielt seine Fesseln von hinten fest. Gute Kameraden taten so etwas. Ein unkontrollierter Sturz aus mehreren Metern in das Kiesbett der Ilm mit heruntergelassener Hose konnte schmerzlich enden, selbst für den härtesten Burschen.
   Nun zog der Hauptmann mit einem Ruck blank. Feinripp. Sehr deutsch. Inga lächelte. Die Nacht schien doch amüsanter zu werden als gedacht.
   »Alles aufgepasst. Zählt!«
   »Fünf, zehn«, johlten seine Kameraden.
   »Zwanzig, fünfundzwanzig.«
   Irgendwie machte es Spaß, jung zu sein.
   »Vierzig, fünfundvierzig.« Sein Strahl schien nicht nachzulassen. Pissen konnte der, das musste man ihm lassen. Wie viel hatte er denn getrunken, um Himmels willen?
   »Bei sechsundsechzig zeig ich alles«, brüllte Inga durch die Nacht. Ja, es machte definitiv Spaß, jung zu sein.
   »Ich setz einen Fuffi, dass du es schaffst, Hauptmann. Wer setzt dagegen?«, meinte der Adjutant.
   Keiner ging darauf ein. Zwei der Mädchen sahen ihm unverwandt beim Pinkeln zu. Eines filmte alles. Nichts ist im Jahre des Herrn 2010 mehr wahr, wenn es nicht gefilmt oder fotografiert wird. Sie kicherten.
   »Fünfzig, fünfundfünfzig. Dein Strahl lässt nach. Streng dich an, Hauptmann, um Himmels willen.« Der Adjutant klang so panisch, als wollte er den Kapitän der Titanic vor der Kollision mit dem Eisberg warnen.
   »Konzentrier dich, Hauptmann. Such dir ein Ziel.« Er wollte Inga nackt sehen, unbedingt.
   »Dann such ich mir ein neues Ziel. Die Leich’ da nehm’ ich. Wie viel?«, rief der betrunkene Hauptmann staatsmännisch. Er pisste weiter, jetzt sichtlich angestrengt.
   »Sechzig!«
   Die Menge johlte. Gleich war es so weit. Inga zog bereits ihren Slip unter dem Kleid aus. Versprechen musste man halten. Sie machte die letzten beiden Knöpfe ihres Sommerkleides auf, bereit, es aufreizend fallen zu lassen, genau bei sechsundsechzig. Der Adjutant starrte sie bereits an. Fast alle glotzten in ihre Richtung. Deutsche Juristen sahen nicht wirklich oft nackte Mädchen. Nur einer schaute über die Brüstung auf die Ilm. Inga folgte seinem Blick.
   Im flachen Wasser lag sie. Sie konnte die Umrisse leidlich gut erkennen, wenn sie genau schaute.
   Die Person bewegte sich nicht. Zwei Stöcke waren bereits an ihr hängen geblieben. Eine Plastiktüte hatte sich an ihrem Kopf verfangen, was das Bild ins Groteske verfremdete. Aber es war ein menschlicher Körper, eindeutig. Eine Frau. Mit dem Gesicht nach unten im flachen Wasser. Der restliche Körper auf einem kleinen Kiesbett. In der Ilm. Vor dem Schloss. Ihr Hauptmann hatte auf eine Leiche gepisst.
   Wie auf Befehl rannten vier Burschenschaftler sofort zu der Leiche, die Handys griffbereit. Sie rasten die Treppe hinunter zum flachen Ufer. Das Quartett kam fast gleichzeitig an. Alle schrien durcheinander.
   »Eine Leiche. Wir müssen weg hier, schnell«, schrie der Erste.
   »Wir dürfen nichts anfassen. Hier ist ein Tatort. Das kennt ihr doch aus der Vorlesung«, rief der Zweite.
   »Wir wissen doch gar nicht, ob sie tot ist. Wir müssen erst nachschauen«, meinte der Dritte.
   »Nein! Wir müssen die Polizei holen. Sofort!«, gab der Vierte zum Besten.
   So würden sie der Lösung nicht näher kommen. Sie blickten zum Hauptmann hoch. Der Hauptmann stand immer noch auf der Brüstung und starrte aufs Wasser. Seine Mannen blickten zu ihm auf. Er würde bestimmt wissen, was zu tun war, Bier hin, Bier her. Er musste entscheiden. Er war der Hauptmann. Langsam zog er seine Feinripp und seine Hose wieder hoch. Ein Häuptling sollte beim Verkünden einer so schwerwiegenden Entscheidung ein Mindestmaß an Würde aufbieten.
   »Ist sie tot?«, brüllte er von oben herab. »Definitiv tot? Ist der Kopf ab oder so? Adju, schau nach.«
   Die anderen traten erleichtert zurück. Ihr Hauptmann hatte entschieden. Es war eine gute Entscheidung, wie immer. Denn wenn sie noch lebte, könnte man ihr ja noch helfen. Mund-zu-Mund-Beatmung und Erste Hilfe und so. Und wenn ihr Kopf wirklich ab war, was man wegen der ALDI-Tüte im Dämmerlicht nicht genau sehen konnte, dann war es auch besser, der Adjutant machte das.
   Zwei filmten alles. Der Adjutant ging nach vorn und trat vorsichtig an den Fuß der Person. Sie trug ein leichtes Sommerkostüm, so viel war sicher. Das rechte Bein war in einem unnatürlichen Winkel abgespreizt.
   »Es ist eine Frau, eine alte Frau, glaub ich«, rief er nach oben.
   »Ich will nicht wissen, ob sie alt ist. Ich will wissen, ob sie tot ist«, brüllte der Hauptmann zurück.
   Der Adjutant kniete sich neben den Kopf, zog die ALDI-Tüte weg und warf sie in das Flüsschen, das sie sanft wegtrug. Er stutzte, dann kotzte er in die Ilm.
   »Ich glaube, das bedeutet, dass sie tot ist«, sagte der Hauptmann zum Jungfuchs. »Hilf mir runter, Fuchs. Und ruf endlich die 110 an.«
   Der Streifenwagen erschien keine drei Minuten später. Die Beamten stiegen aus ihrem Wagen. Sie betrachteten die sechs jungen Mädchen auf der linken Seite der Brücke, hübsch, blond, ein bisschen angetrunken, wahrscheinlich Ausländerinnen. Irgendwie stimmte etwas mit ihrer Kleidung nicht. Egal. Auf der rechten Seite lehnten ein paar Burschenschaftler, in vollem Wichs. Mit Säbeln. Die meisten sturzbetrunken. Irgendwie schockiert.
   Zwischen den Gruppen glomm ein Feuer, notdürftig gelöscht. Ingas Freunde sahen eingeschüchtert aus. Einer der Burschenschaftler zeigte den Beamten eine Stelle an der Brüstung. Bisher hatte niemand ein Wort gesprochen.
   Der dienstältere Beamte trat vor. »Na, dann wollen wir mal. Wehe, Ihr verarscht uns um halb fünf morgens.«
   Aber der Polizist schien kein gutes Gefühl zu haben. Die Jungs hier wollten Spaß. Trinken. Blonde Mädchen angucken, die ums Feuer tanzen. Die, wenn man Glück hatte, vielleicht ein bisschen Haut zeigen. Da störte die Polizei nur. Andererseits: ein Leichenfund in der Ilm. Das war eine ernste Sache.
   Der dienstältere Streifenbeamte lehnte sich über die Brüstung und sah nach unten. »Scheiße«, flüsterte er vor sich hin und drehte sich zu seinem Kollegen. »Hol das Absperrband aus dem Auto. Schnell. Beeil dich.« Er wandte sich zu den Brückentänzern. »Keiner verlässt den Tatort«, raunzte er. »Ruf den Lassalle an«, befahl er seinem Kollegen.
   »Vielleicht ist sie ja gar nicht tot?«, erwiderte der.
   »Sie hat nur noch die Hälfte ihres Kopfes«, klärte der Adjutant ihn auf.
   »Ruf den Lassalle an, sofort«, bellte der Dienstältere den Jüngeren an.

Kapitel 1
Weimar, Wohnung von Hauptkommissar Alexander Lassalle
Samstag, 10. Juli 2010, halb fünf Uhr morgens

Alexanders Diensthandy lag wie immer eingeschaltet neben ihm auf dem Nachttisch auf dem obligatorischen Bücherstapel. Automatisch blickte er auf das Display seines Weckers, als es klingelte. Vier Uhr fünfunddreißig. Nicht gut, gar nicht gut. Nicht einmal für einen bekennenden Frühaufsteher wie ihn. Er atmete tief durch, dann erst nahm er ab. Als Hauptkommissar war man eben immer im Dienst. Selbst um diese Uhrzeit hörte er dem Streifenpolizisten aufmerksam zu und wiederholte sicherheitshalber den Sachverhalt. Seine Frau schlief weiter. Zumindest tat Erna so.
   »Nein, ihr bleibt oben auf der Schlossbrücke. Keiner geht runter!«, bellte er.
   Beamte einer nächtlichen Streife brauchten klare Befehle, wusste er aus drei Jahrzehnten Polizeidienst.
   »Wenn sie tot ist, ist sie tot. Sorg dafür, dass die Burschenschaftler und die Models alle dableiben. Fasst bloß nichts an. Ich sag dem Doc und der SpuSi Bescheid. Ich bin in fünf Minuten da. Oder in zehn.« Er beendete das Gespräch ohne weitere Floskeln, so wie es in Thüringen Brauch war.
   Nachdem er den Amtsarzt und die Spurensicherung informiert hatte, drückte er ein weiteres Mal eine Kurzwahltaste. Sein Assistent nahm ab, ein junger, ehrgeiziger Kerl aus Hamburg.
   Alexander polterte gewohnheitsmäßig ohne Vorrede los. »Wessi, ’ne Leiche. Hier in Weimar, am Schloss. In fünf Minuten bei mir, ne?« Er wartete auf die obligatorische Rückfrage. »Na, wo wohl? Da, wo die vielen blauen Lichter blinken. Meinst du, wir haben ein Dutzend Leichen da und du fährst aus Versehen zur falschen? Hol mich einfach ab. Zu Hause. In fünf Minuten.«
   Er schwankte ins Bad, duschte, trocknete sich ab und rasierte sich. Nur in sein Badetuch gewickelt, machte er sich einen Espresso. Dann wählte er eine zerknitterte, aber dafür leichte Sommerhose aus Baumwolle und ein Leinenhemd. Heute würde es wieder extrem heiß werden. So wie gestern, hatten sie im Fernsehen gesagt. Er nahm seinen Dienstausweis und seine Waffe aus dem Schrank, steckte sein Notizbuch und einen Stift ein und trat vor die Tür.
   Wessis Wagen bog gerade in die Rudolf-Breitscheid-Straße ein, wo Alexander seit über zwanzig Jahren wohnte. Sein Assistent war erst kürzlich in die Klassikerstadt gezogen.
   »Moin, Chef.«
   »Moin, Wessi.« Ihr allmorgendliches Ritual. Seit zwei Jahren. Kein Grund, heute davon abzuweichen. Sie fuhren schweigend zur Brücke.
   Alexander hing schwermütigen Gedanken nach, wie bei jedem Todesfall. Sein Assistent musste sich konzentrieren. Der »Wessi« fuhr. Alexander verdrehte die Augen, wenn sein Assistent eine Abkürzung nicht kannte, und fuchtelte wild mit den Armen oder gab mit Grunz- und Zischlauten Anweisungen.
   »Aber Chef, das ist ’ne Einbahnstraße.«
   »Wessi, du wirst das nie lernen.«
   »Wie kann eine so kleine Stadt nur so viele Straßen und Gassen haben? Das sind bestimmt mehr als bei uns in Hamburg«, stöhnte der Assistent.
   Sie erreichten die Schlossbrücke trotzdem und parkten direkt neben dem Streifenwagen.
   Der dienstältere Beamte kam auf ihn zu. »Hauptkommissar Lassalle«, begrüßte er Alexander per Handschlag. Den Wessi ignorierte er. Jeder ignorierte ihn. Zu dritt liefen sie die wenigen Meter vom Schloss zur Brücke.
   »Vermutlich ’ne weibliche Leiche in der Ilm. Sichtbar von der Schlossbrücke aus. Vermutlich von den Burschenschaftlern entdeckt. Jedenfalls war der Anrufer ein Mann.«
   Alexander nickte und betrachtete die jungen Leute. Ein halbes Dutzend Burschenschaftler und ebenso viele junge Frauen. Sie standen nach Geschlechtern getrennt wie früher in der Kirche. Zwischen beiden Gruppen lagen angekohlte Holzscheite und Asche.
   Er nahm sich als Erstes die Männer vor. »Wenn so viele junge Mädchen da sind, warum guckt man da aufs Wasser?«
   Die Burschenschaftler blickten peinlich berührt zu Boden.
   »Seid ihr auf der Balustrade rumgeturnt? Habt Kunststücke gemacht, um den Mädchen zu imponieren?«
   Die Burschenschaftler schwiegen. Sie standen nur reglos da. In voller Wix, mit Säbel und Kappe, offensichtlich angetrunken.
   Alexander ging zur Brüstung und blickte auf die Ilm. Da lag sie. »Ihr habt also auf eine Leiche uriniert«, sagte er mehr zu sich selbst.
   Er sah auf, als Automotoren zu hören waren. Der Arzt und die Spurensicherung trafen gleichzeitig ein. Sie parkten unten am Flussufer.
   »Wessi, nimm die Personalien auf«, befahl er. »Alle. Stell fest, wer die Leiche entdeckt hat. Und wer uns angerufen hat. Ich muss jetzt runter.«
   Der Chef des Spurensicherungsteams nickte ihm nur kurz zu, als er am Fuß der Brücke aus der Spindel trat, nur wenige Meter von den anderen Beamten entfernt. Ebenso der Arzt. Keiner sagte ein Wort. Der Arzt lief ein paar Meter ins seichte Flussbett hinein und beugte sich zu der leblosen Frau hinunter. Schon nach wenigen Augenblicken richtete er sich wieder auf, ohne überhaupt seine Tasche geöffnet zu haben. Jeder wusste, was das bedeutete. Er nickte den anderen nur stumm zu. Die Spurensicherung machte sich sofort an die Arbeit.
   Alexander stutzte, als er das versteinerte Gesicht des Arztes sah. Er arbeitete seit drei Jahrzehnten mit dem Mann zusammen. Sie waren Freunde seit DDR-Zeiten. Dieser Arzt hatte kleine Kinder aus brennenden Autos gerettet und in der Notaufnahme des Krankenhauses wahre Wunder vollbracht. Und er hatte schon Tote gesehen, viele Tote. Er war normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen. Heute war es anders. Sein Freund wirkte erschüttert bis ins Mark.
   Der Doc sah Alexander aus traurigen Augen an. »Sie ist es.«
   Alexander nickte. Er hatte das Kostüm vom Ufer aus gesehen und es bereits vermutet.
   »Alex, du musst hier sofort alles absperren. Die Presse wird bald hier sein. Du musst dem Präsi Bescheid sagen«, beschwor ihn der Arzt. »Diesmal aber wirklich.«
   Es waren Ratschläge, wie alte Freunde sie sich geben, ohne groß auf die Wahl der Worte zu achten. Freunden sagte man einfach, was man dachte und was man für richtig hielt.
   Der Mediziner machte eine Pause. »Und du solltest Lyonel anrufen«, riet er.

Kapitel 2
Weimar, Villa Carla
Samstag, 10. Juli 2010, viertel vor fünf Uhr morgens

Lyonels Diensthandy klingelte. Mit einem Griff brachte er es zum Verstummen. Er sah die ersten Lichtstrahlen des Tages unter dem Verdunklungsvorhang ihres Schlafzimmers. Halb fünf, schätzte er. Sicherheitshalber sah er auf seine Uhr. Die Leuchtdioden zeigten Saturday, 4.47 a.m. Doch nicht einmal die wichtigtuerische amerikanische Anzeige konnte ihn darüber hinwegtäuschen, dass ein Anrufer ihn samstagmorgens vor fünf Uhr geweckt hatte. Nach weniger als eineinhalb Stunden Schlaf. Mist! Er hatte heute Nacht vor dem Einschlafen schlichtweg vergessen, die Rufweiterleitung zu aktivieren. Nun war er wach. Schlimmer noch. Er sah, wie auch seine Frau Carla ein Auge halb öffnete.
   »Léonel, wie spät?« Um diese Uhrzeit kamen ihre südwestfranzösischen Gene stets deutlicher durch als zu Bürozeiten. Morgens, abends und nachts hieß er eher Léonel als Lyonel.
   »Kurz vor acht, Chérie. Schlaf weiter, ja?«
   »Netter Versuch. Aber du bist ein grausam schlechter Lügner. Es ist garantiert viel früher. Das bedeutet nichts Gutes. Nun geh schon ran, du kannst ja doch nicht widerstehen«, sagte Carla.
   Lyonel nahm sein Mobiltelefon, das er so gut wie nie ausschaltete, und lief Richtung Arbeitszimmer. Kein Grund, seine Frau endgültig zu wecken, nur weil ein Jungmanager in Übersee wieder einmal die Zeitzonen durcheinandergebracht hatte. Nur mit Boxershorts und T-Shirt bekleidet, das Handy am Ohr, lief er über die Empore. Sein Arbeitszimmer lag auf derselben Etage der Villa wie das Schlafzimmer. Er hatte es bewusst so eingerichtet, weil er oft bis in die Nacht hinein an seinem Schreibtisch saß. Nicht selten hatte er sich in den letzten Jahren samstags oder sonntags sehr früh aus dem Ehebett gestohlen und zwei, drei Stunden gearbeitet – meist Mails gelesen oder Präsentationen verbessert, wenn Carla noch schlief oder im Bett Romane las. Manchmal hatte er auch nur einen Gedankengang niedergeschrieben, der ihm im Halbschlaf gekommen war.
   Oft hatte er auf dem kurzen Weg zwischen Schlaf- und Arbeitszimmer auf der Empore innegehalten und ihre Bilder bewundert – Tübke, Heisig, Mattheuer und Sitte, die Beatles der DDR-Malerei. Wie gern wäre er ein Malergenie gewesen wie sein Namensgeber, Lyonel Feininger, aber man konnte im Leben eben nicht alles haben. Strategievorstand einer Medienholding mit einem Millionengehalt und damit einem der spannendsten und bestdotierten Managerposten weltweit war ja auch nicht nichts.
   Langsam und vorsichtig schloss er die schwere Tür seines Arbeitszimmers. Sie war innen mit einer dicken Lederschicht verkleidet, wie eine Tür aus einem alten englischen Spielfilm, wenn der Lord nicht gestört werden wollte. Lyonel war es bei der Dämmung hauptsächlich darum gegangen, Carla nicht durch seine schier endlosen Telefonate in den Wahnsinn zu treiben, wenn sie abends im Bett noch las. Seminar- oder Abschlussarbeiten ihrer Studenten, Klassiker oder Schmöker. Carla liebte Schmöker, aber ihr Gewissen erlaubte es ihr nicht, einen zu lesen, ohne wenigstens hochklassige Literatur und Arbeit von der Uni in Sichtweite zu haben – unabdingbar für das notorisch schlechte Gewissen einer deutschen Professorin.
   Er sah sich um. Vierzig vertraute, vierzig sehr vertraute Quadratmeter. Regale an drei der vier Wände. Alte, echte Regale, aus Kirschholz, deckenhoch. Mit Würde und Patina. Mit Geschichte. Diese hier hatten einem früheren Reichskanzler gehört. Lyonel hatte sie aus einem Nachlass erworben, nach Weimar bringen, aufarbeiten und, wo notwendig, fachmännisch ergänzen lassen. Sie verliehen dem Raum beinahe die Eleganz einer ehrwürdigen italienischen Universitätsbibliothek. Holz und Leder. Beides roch gut und sah edel aus. Dazu eine kleine Sitzgruppe. Drei Stühle und ein Tischlein, nur für sehr spezielle Meetings. Nur im kleinsten Kreis. Am Fenster thronte sein überdimensionaler Schreibtisch. Er füllte die gesamte Breite des Raumes aus, fast sechs Meter. Rechts standen PC, Bildschirm, Tastatur und Drucker, links die Telefone. Ein schwarzes für den Normalbetrieb, ein graues mit eingeschalteter Rufnummernunterdrückung für ausgehende Telefonate und ein rotes für Notfälle. Nur Carla, Anna Amalia, die Vorstände der Holding und Hauptkommissar Alexander Lassalle kannten die Nummer des roten. Zwischen den Geräten lagen, fein säuberlich sortiert, Stapel von ausgedruckten Papieren. Jeder Stapel wurde oben abgeschlossen mit einer Seite, herausgerissen aus den konzerneigenen Schreibblocks mit dem markanten Logo der Winter Media Holding. Nur ein oder zwei Worte standen jeweils auf der Titelseite, mal deutsch, mal englisch, mit einem dicken schwarzen Edding geschrieben, New Books etwa, oder TV-Serien USA, Financials, Gehälter oder Recorded Music, alles Projekte, an denen er parallel arbeitete.
   Obwohl der schwere Schreibtisch gigantisch war und das Hochzeitsfoto mit Carla, ein Bild seiner Eltern und Geschwister sowie ein Foto mit Anna Amalia und Carla nicht viel Platz wegnahmen, war der Schreibtisch voll. Lyonels strukturierte Arbeitsmethode hatte sicherlich große Vorteile, aber er war eher ein Papier- als ein Computermensch, eher haptisch als virtuell, eher analog als digital. Er brauchte die Ausdrucke nicht nur, er liebte sie fast, auch wenn sie viel Platz beanspruchten.
   Gedankenverloren hob er die Stapel Recorded Music und Gehälter hoch und legte sie in ein leeres Regalfach, ganz automatisch, weiterhin voll auf seinen Anrufer fokussiert. Entgegen seiner Art stellte er weder eine Verständnisfrage noch suchte er eine Lücke in der Argumentation des Gesprächspartners. Heute fasste er nicht einmal die Ergebnisse des Telefonates zusammen. Die Nachricht war klar gewesen, unmissverständlich.
   »Danke – ich werde gleich da sein«, war alles, was er mit gebrochener Stimme herausbrachte.
   Gedankenverloren blickte er durch sein riesiges Panoramafenster in den Garten, doch heute vermochten ihn seine Steinmauer und seine Pflanzen nicht zu beruhigen. Zwei Minuten später kehrte er ins Schlafzimmer zurück. Seine Augen brannten, sein Hals war trocken.
   Er setzte sich auf seine Seite des Bettes. »Schatz, sie ist tot. Anna Amalia ist tot. Es tut mir so leid.«
   Carla richtete sich schlagartig auf. Ihr schossen Tränen in die Augen. Sie liebte Anna Amalia wie eine Großmutter. Aber Großmütter starben nun einmal vor ihren Enkelinnen. Das war der Lauf der Welt. Lyonel sah, wie betroffen Carla war.
   »Wie ist es passiert? Ist sie einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, so, wie sie es sich immer gewünscht hat?«, fragte sie bestürzt, mit gebrochener Stimme.
   Trotz des Schocks versuchte sie, ihn zu trösten. Sanft berührte Carla seine Schulter.
   »Anna Amalia ist fünfundachtzig. Ich meine, sie war fünfundachtzig. Wir haben sie doch vor wenigen Stunden noch gesehen, bei bester Laune. Aber in dem Alter kann es auch ganz schnell gehen«, schluchzte Carla tapfer. »Das war Dennis am Telefon, richtig? Was hat er gesagt?«
   Lyonel antwortete normalerweise sehr schnell. Oft wartete er das Ende einer Frage nicht ab, weil er dieses schon antizipierte und keine Zeit verlieren wollte. Doch jetzt schwieg er und dachte nach. Carla würde nun sicherlich nicht mehr einschlafen können, trotz der kurzen Nacht. Sie würde in die Küche gehen und ununterbrochen Café au lait trinken. Sie würde unweigerlich das Radio anschalten. Um fünf Uhr würden sie die Meldung bringen, spätestens um halb sechs. Die Presse würde monatelang darüber berichten, das Fernsehen würde sich auch bald auf die Story stürzen. In einer medial vernetzten Welt konnte er Carla den Schmerz ohnehin nicht ersparen.
   »Es war nicht Dennis. Einer der Burschenschaftler, vor denen ich im letzten Monat einen Vortrag gehalten habe. Hat meine Handynummer eingespeichert. … Egal, er hat sie gefunden. Ich meine, seine Kameraden und er haben ihre Leiche in der Ilm gefunden.«
   Unwillkürlich riss Carla die Hand vor den Mund.
   »Die Jungs fanden sie unter der Brücke vor dem Schloss.«
   Carla biss sich in die Hand.
   »Keine fünfhundert Meter von unserem Haus entfernt …«
   »Ich gehe da jetzt sofort hin, Schatz. Die Polizei ist bereits informiert.« Lyonel sagte Carla nicht, unter welchen Umständen genau der Hauptmann der Burschen Anna Amalias Leiche gefunden hatte. Er zog sich eine Hose und ein frisches Hemd an, riss ein Jackett vom Kleiderbügel, steckte wie in Trance sein Blackberry, Ladegerät, Geldbeutel und Schlüsselbund ein, alles rein mechanisch wie bei einer Alarmübung der Bundeswehr, schlüpfte in seine Schuhe, band sich seine Armbanduhr um und rannte los.
    Lyonel kam oben auf der Brücke an, als Alexander Lassalle unten am Fluss gerade mit dem Arzt redete. Er nickte einigen der Burschenschaftler, die er wiederzuerkennen glaubte, mechanisch zu und bemerkte im Rennen auch die jungen Schwedinnen. Vermutlich hielten sie ihn für einen Reporter und wunderten sich, wie rasch der erste am Tatort sein konnte. Ihm war es egal. Er registrierte auch das verkohlte Holz, als er über die Brücke sprintete und über die Treppe nach unten ans Flussufer gelangen wollte. Ein junger Streifenpolizist stellte sich ihm in den Weg und leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht.
   »Halt, Sie können hier nicht durch. Und was haben Sie überhaupt hier verloren? Presse? So schnell? Und wieso rennen Sie? Halt! Sie machen sich verdächtig. Sie – oh, Entschuldigung, Herr Dr. Athen. Ich habe Sie nicht gleich erkannt.«
   Lyonel nickte ihm nur kurz zu. Wer einmal elf Kinder und dreißig erwachsene Geiseln gerettet hatte, genoss auch nach Jahren noch einen gewissen Bonus bei der Polizei. Zehn Kinder, darunter die beiden Enkel Lassalles.
   »Aber wenn Sie hier oben so aufgeregt rennen um diese Uhrzeit, und dort unten liegt eine weibliche Leiche im Kostüm«, fuhr der Polizist fort, »dann …«
   Lyonel nickte.
   »O mein Gott – dann ist es …?«
   Er nickte nochmals.
   »Hauptkommissar Lassalle ist unten bei der Lei… bei ihr. Der Amtsarzt und die SpuSi sind auch schon da«, berichtete der Polizist.
   In diesem Moment klingelte Lyonels Handy. Es war Lassalle.
   »Lyonel, ich habe leider schlechte Nachrichten für dich, also für euch …«
   Er unterbrach ihn noch schneller als sonst. »Alex, ich stehe hier oben auf der Brücke. Ich kann dich sehen.« Lyonel hob die Hand.
   Der Hauptkommissar sah hoch, kaum überrascht und winkte ihn zu sich herunter. »Kannst ruhig kommen. Bin schon ein paar Minuten da. Hier sind bereits ein paar Trampeltiere gewesen und einer hat mir sogar neben die Leiche gekotzt.«
   Lyonel lief die Spindel im Inneren der Brücke hinunter. Der Ausgang zeigte zum Tatort. Mit unsicheren Schritten ging er auf seinen Freund zu. »Guten Morgen, Alex.« Lassalle und der Wessi nickten ihm nur zu. »Darf ich sie sehen?«
   »Erst will ich wissen, wie du schon hier sein kannst? Woher weißt du es?«, fauchte Lassalle.
   »Einer der Burschen hat mich angerufen. Er hat meine Nummer noch. Er war neulich bei einem Vortrag von mir. Er hat Anna Amalia wohl erkannt und dachte …«
   Lassalle hielt inne.
   »Apropos Handys. Habt ihr den jungen Leuten auf der Brücke sofort ihre Handys abgenommen? Jetzt ist es eventuell bereits zu spät. Wenn mich einer angerufen hat, dann wusste derjenige ja nicht nur, wer hier tot in der Ilm liegt. Dann hat er Anna Amalia eventuell auch gefilmt. Und vielleicht will er sein Video für teuer Geld den Medien anbieten oder einfach nur ins Internet stellen«, warnte Lyonel.
   »Das heißt auch: Dann werden die ersten Geier in ein paar Minuten hier sein. Bald wird der Leichenfund auf YouTube zu sehen sein, Chef«, ergänzte der Assistent.
   »Jungs, macht hier weiter«, raunte der Hauptkommissar der Spurensicherung nur zu, ehe er Lyonel am Ärmel seines Jacketts zog. »Komm mit!«
   Lyonel trug immer ein Jackett. Auch bei Mordermittlungen morgens um fünf.
   »Und Wessi? Kommst du auch, bitte? Und hol Verstärkung. Fünf, sechs Mann, mindestens. Und Absperrgitter. Und Kaffee. Viel Kaffee. Das wird dauern«, philosophierte Lassalle.
   Sie rannten die Spindel innerhalb der Schlossbrücke so schnell hoch, wie sie konnten. Die Burschenschaftler drückten sich noch stärker gegen die Brüstung, als sie heranstürmten.
   »Wann wurden Sie eigentlich angerufen, Herr Dr. Athen?«, fragte der Wessi.
   »Vor ein paar Minuten.«
   »Auf Ihrem Handy? Haben Sie es dabei?«
   Lyonel bejahte und zeigte es ihm.
   Der Wessi nahm es. »Darf ich?«
   Lyonel nickte und entsperrte es. Er beobachtete genau, wie der Wessi die Taste Menü drückte, die Anruflisten durchging und die Uhrzeit ablas, während er irgendetwas vor sich hinmurmelte, um schließlich die Rückrufoption zu drücken. Der Jungfuchs drei Meter links von ihnen griff in seine Jackentasche.
   »Der Anruf kam von ihm, zumindest von seinem Handy«, sagte der Wessi zu Lassalle.
   Die ganze Aktion hatte keine fünf Sekunden gedauert.
   »Vom Westen lernen, heißt siegen lernen«, raunte der Hauptkommissar.
   Lyonel wich zurück, als Lassalle seine vollen einhundertzweiundsiebzig Zentimeter und siebenundsechzig Kilogramm Lebendgewicht vor dem Burschenschaftler aufbaute und seinen Dienstausweis zeigte.
   »Hauptkommissar Lassalle. Mordkommission. Sie haben die Leiche also gefunden?«
   »Nein, Herr Hauptkommissar. Eigentlich nicht.«
   »Haben Sie sie als Erster gesehen, von hier oben?«
   »Nein, Herr Hauptkommissar, das auch nicht.« Der Jungfuchs blickte Hilfe suchend zum Hauptmann.
   Lyonel sah Scheinwerfer näher kommen und informierte Alexander.
   Der Hauptkommissar nutzte den Augenblick, um den Streifenbeamten Befehle zuzurufen. »Nicht aussperren, Männer. Einsperren. Ihr sollt das Band nicht vor, sondern hinter den Zeugen aufspannen. Haltet sie so lange auf der Brücke fest, bis wir ihre Personalien und ihre Aussagen haben. Keiner geht mir vorher nach Hause. So viel Zeit muss sein. Es handelt sich hier schließlich möglicherweise um Mord.« Dann durchbohrte Lassalle den Grünschnabel der Burschenschaftler mit seinem Blick. »Sie haben also die Leiche von hier oben als Erster gesehen?«, setzte er in scharfem Ton nach. »Ja, wie denn? Sie sind doch genauso groß wie ich. Man kann sie überhaupt nicht sehen, wenn man ganz normal auf der Brücke läuft. Die Brüstung ist viel zu hoch. Nicht einmal, wenn man am Rand steht. Man muss sich vornüberbeugen oder sogar auf die Balustrade klettern, um die Leiche zu sehen.« Lassalle holte tief Luft und klopfte mit der flachen Hand auf die Balustrade. »Waren Sie da oben?«, zischte er.
   Selbst Lyonel erschrak.
   Der Bursche schüttelte den Kopf, sichtlich verlegen, und sah verzweifelt zu seinem Hauptmann.
   Lassalle ließ seinen Blick nun über diesen fahren. Dann drehte er sich nochmals Richtung Jungfuchs. Er gab Lyonel ein Zeichen.
   »Wenn Sie nicht oben waren, dann eben ein anderer? Wer war das? Er hier? Der mit dem Säbelchen und der Mütze, der seine Hose nur halb anhat? Ein toller Zeuge, mit zwei Promille, mindestens. Na toll. Und warum stand er wohl auf der Balustrade? Er hat also in den Fluss gepinkelt, ja? Sie haben einen Mann an den Beinen festgehalten, der von einer Brücke uriniert, während junge Frauen zuschauen? Meine Güte. Und irgendwann hat einer gesehen, wohin er uriniert und ihr seid daraufhin alle runtergerannt und habt den Tatort kontaminiert. Und habt womöglich auch noch die Leiche angefasst?«, schoss Lyonel seine Kaskade an ersten Erkenntnissen, Mutmaßungen und Fragen ab.
   »Zudem eine Milliardärin von fünfundachtzig Jahren. Und das am Samstagmorgen um fünf. Das Wochenende fängt ja gut an«, spottete der Wessi.
   Vor der Absperrung blitzten die ersten Lichter. Die Presse war da. Lassalle streckte streitsüchtig den Kopf nach vorn.
   Lyonel kannte die Geste und versuchte, seinen Freund zu beruhigen. »Alex, was hast du erwartet? Anna Amalia Winter liegt ermordet in der Ilm.«

Kapitel 3
Weimar, Schlossbrücke
Samstag, 10. Juli 2010, fünf Uhr früh

Alexander analysierte die Situation auf seine ganz spezielle Art. Er streckte demonstrativ den Daumen seiner rechten Hand nach oben. »Erstens, Wessi, erstens, wir haben eine Leiche. Eine sehr prominente Leiche.«
   »Darum kümmert sich gerade der Fotograf, Chef. Und der Leichenwagen wird in fünf Minuten da sein. Der Arzt hat offiziell den Tod festgestellt. Fremdeinwirkung, mit mehr als 99-prozentiger Sicherheit. Die SpuSi macht auch ihren Job, keine Sorge. Dauert aber noch.«
   Alexander nickte. Der Zeigefinger folgte. »Zweitens, Wessi, zweitens, die Zeugen. Wir haben zwölf Zeugen. Sechs junge Mädchen in leicht derangiertem Outfit und sechs Burschenschaftler mit Säbeln. Ideale Fotomotive. Die müssen raus aus der Schusslinie. Und drittens«, er erhob den Mittelfinger, »ein halbes Dutzend Polizeibeamte. Schlussfolgerung: Wir brauchen einen Raum. Nein, wir brauchen mehrere Räume. Und zwei Toiletten. Die müssen alle bald Pipi. Und wir brauchen Frühstück. Und wir brauchen Computer. Das Präsidium in Weimar ist zu klein für all das. Ich ruf das Café am Schloss an«, entschied er mit fester Stimme.
   Wenn sich sein Assistent wunderte, dass Alexander um diese Zeit jemanden erreichen wollte, behielt er das für sich.
   Er führte zwei kurze Telefonate, eines mit dem Café, eines mit der Bereitschaftspolizei in Weimar. Zwei Minuten später machte sich die Kolonne auf ins Café am Schloss.
   Der Wirt hatte bereits das Licht eingeschaltet, den Koch und zwei Bedienungen geweckt. Es hatte Vorteile, in einer Kleinstadt zu wohnen.
   Einige Minuten später betrat die zusammengewürfelte Truppe das Café. Zur gleichen Zeit traf die angeforderte Verstärkung ein. Zwei Kommissare aus Weimar.
   Alexander informierte sie kurz und teilte einen den Burschenschaftlern und einen den jungen Schwedinnen zu. »Ich brauche Namen, Adressen und vor allem Fakten. Klare Aussagen. Minute für Minute. Von jedem Einzelnen. Kein Wischiwaschi.«
   Er ging in sich und dachte nach. Er stand allein in der Mitte des Raumes und dachte angestrengt nach. Er liebte es, in seinem Büro in Erfurt allein vor einem leeren Schreibtisch zu sitzen – das Telefon war dann ausgehängt und der PC ausgeschaltet. »Ich denke einfach nach«, erklärte er für gewöhnlich. Er hatte die höchste Aufklärungsrate aller Polizisten im Freistaat und eine der höchsten Deutschlands.
   »Wessi, Lyonel, wir müssen reden.« Die Angesprochenen nickten nur kurz.
   Sie zogen sich zu dritt in einen separaten Raum mit Schiebetüren zurück, sodass sie die Aktivitäten im Hauptraum überblicken, aber trotzdem ungestört sprechen konnten. Von dort winkte Alexander einen groß gewachsenen Polizeibeamten an die Eingangstür, um eventuell nachrückende Paparazzi abzuwehren. »Wessi, fassen wir mal zusammen: Erstens haben wir die Leiche.« Der emporgestreckte Daumen schien nicht recht dazu zu passen, aber niemand nahm in dieser ernsten Situation Notiz von seinen Marotten.
   »Sie ist gleich in der Pathologie, Chef. Der Bericht kommt so schnell wie möglich, wahrscheinlich sogar heute noch im Laufe des Tages. Sie sagen ja selbst immer, dass wir hier die besten Pathologen Deutschlands haben. Aber was wird im Report stehen? Eine 85-jährige Dame wurde brutal erschlagen, mit einem stumpfen Gegenstand«, sinnierte der Assistent.
   Lyonel schnappte nach Luft. »Mord?«
   »Definitiv, ich erkenne einen Mord, wenn ich ihn direkt vor mir sehe«, antwortete Alexander.
   »Kann sie nicht von der Brücke gestürzt sein?«, ging Wessi dazwischen.
   »Wie hoch ist die Brüstung? Was schätzt du, Wessi?«
   »Ungefähr ein Meter zwanzig? Vielleicht ein Meter dreißig?«
   »In etwa. Und wie groß war Anna Amalia?«
   »Vielleicht einssechzig, eins fünfundsechzig?«
   »Und wie soll sie dann darübergepurzelt sein, Wessi? Meinst du, sie geht um Mitternacht auf die Brücke? Dann springt sie mit ihren fünfundachtzig Jahren auf die Brüstung und spielt Primaballerina? Tanzt Ballett und macht Turnübungen?« Alexander spürte das Blut in den Schläfen pochen. Es war nie klug, ihm gegenüber unausgegorene Gedanken zu äußern. Trotzdem spürte er, dass er wieder einmal zu weit gegangen war. Er fasste Wessi stumm am Arm – seine Art, Entschuldigung zu sagen. Er wusste nach zwei Jahren mit seinem Assistenten, dass der Wessi hart im Nehmen war.
   »Ein Mord? Was soll denn das Motiv sein? Wer sollte sie denn umbringen? Die Burschenschaftler vielleicht?«, schoss der Assistent seine Fragen ab.
   »Wessi, denk nach. Was sind die höchsten Werte der Burschen?«
   »Ehre, Vaterland, Deutschtum.«
   »Ergo bringen die auch keine alte Frau um, Wessi. Die pissen auch nicht absichtlich auf eine deutsche Frauenleiche. Die bestimmt nicht.«
   »Aber wer sollte denn ein Interesse daran haben, Anna Amalia umzubringen, Alexander?«, meldete sich Lyonel zu Wort. »Sicher, sie besitzt Milliarden. Aber an die kommt niemand ran. Die sind bombensicher, im Leben wie im Tod. Ihr Testament steht sogar im Internet. Das weiß doch jeder.«
   Alexander horchte auf. Er hatte weder ein Testament noch benutzte er seinen Computer wirklich. Kurz dachte er über seine Arbeitsweise nach. Erna, seine Frau und gleichzeitig seine Sekretärin, erledigte alles für ihn, was mit Technik zu tun hatte. Sie druckte seine Mails aus. Auch Anno Domini 2010. Und sie würde es wohl auch in zehn Jahren noch tun. Sie druckte sie aus. Fein säuberlich. Dann schrieb er seine Antworten mit Bleistift an die Seite und reichte ihr das Papier zurück. Im Präsidium galt er als vorbildlich, was die Beantwortung von Mails anging. Hundertprozentige Antwortquote, keine Tippfehler, keine Hektik, kein Slang. Er schüttelte die Gedanken an PCs und Mails ab und wandte sich an seinen Freund. »Lyonel, leg los. Ich habe natürlich in den letzten Jahren so einiges gelesen und gehört, nicht zuletzt bei den vielen schönen Abendessen mit Carla, Erna und dir. Aber heute ist es ernst. Was also muss ich konkret über eure Firma wissen?«
   In den nächsten Minuten hörte er sehr aufmerksam zu, dann drehte er sich zu seinem Assistenten. »Erstens, Wessi, brauche ich das Testament.« Er lächelte, als er sah, wie auch sein Assistent begann, mit den Fingern zu zählen. Anscheinend hatte der Wessi Mühe, sich unter Kontrolle zu halten, und sein Verhalten färbte bereits zu sehr auf den Assistenten ab. Alexander nahm sich vor, ihm nach der Klärung dieses Falles mehr Freiheiten einzuräumen. Aber zunächst galt es, sich zu einhundert Prozent auf Anna Amalia zu konzentrieren. Die ersten Stunden nach der Tat waren immer von größter Bedeutung für die Aufklärung eines Falles. »Zweitens, Anna Amalias Lebenslauf. Drittens:«, er nahm Fahrt auf, »Drittens, Wessi: alles über die Winter Holding. Die verschiedenen Bereiche, die Zahlen. Umsatz, Kosten, Gewinn. Verluste machen die ja nie. Und natürlich eine Liste der Führungskräfte. War das jetzt noch drittens oder schon viertens? Egal. Viertens. Ich brauche noch einen Espresso, einen doppelten.«
   »Ich rufe Carla an«, sagte Lyonel. »Sie sitzt zu Hause sicherlich auf glühenden Kohlen und wird froh sein, etwas beitragen zu können. Vieles ist auf meinem PC zu Hause gespeichert. Du wirst die Unterlagen in ein paar Minuten haben, Alex. Es ist ja nicht weit.«
   »Was machen wir solange? Und was danach?«, fragte Wessi.
   »Erst trinke ich meinen Espresso. Dann suche ich den Mörder. Dann verhafte ich ihn. Dann haue ich ihn windelweich, weil er eine alte Frau erschlagen hat. Dann sperre ich ihn für zwanzig Jahre weg. Und wenn er wieder rauskommt, werde ich ihn nochmals verhauen.«
   Der Wessi zuckte nur mit den Achseln. »Chef, ich kenne und liebe Ihre Sprüche, aber ich weiß immer noch nicht, wann Sie es ernst meinen und wann nicht.«
   »Jetzt müssen wir Dennis anrufen«, fuhr Alexander unbeirrt fort. »Dann die anderen Granden. Das wird kein Spaß. Solange wir auf Carla warten, informiere ich den Präsi über den Stand. Er wird toben. Ich höre ihn schon sagen: Frau Winter hat halb Thüringen nach der Wende mit Spenden versorgt. Und wir konnten sie nicht beschützen, als sie uns brauchte.«
   Lyonel starrte ins Leere.
   »Frau Winter hatte ja keinen Personenschutz beantragt«, murmelte der Wessi. »Es gab unseres Wissens nach keine Drohbriefe, keine Gefährdungslage, nichts.«
   Alexander und der Wessi sahen Lyonel fragend an.
   »Meines Wissens nicht. Bei uns lief alles in normalen Bahnen, keine Drohbriefe, nichts in der Richtung«, erwiderte Lyonel und fuhr sich gedankenverloren über das unrasierte Kinn.
   »Umso schlimmer«, sagte Alexander. »Wir müssen also zunächst im Trüben fischen, ohne konkrete Anhaltspunkte. Und das mit der Politik und der Presse im Nacken. Die werden wie die Heuschrecken über unseren Präsidenten herfallen, und ihm wird nichts anderes übrig bleiben, als den Druck an uns weiterzugeben. Lustig wird das nicht. Glaubt’s mir«, prophezeite er.
   Kurz darauf betrat Carla mit einem Stapel Papier das Café. Sie war eine elegante, feminine Erscheinung, auch zu dieser Uhrzeit, nach kurzem Schlaf und trotz der schrecklichen Nachricht, dachte Alexander. Ihr brünettes Haar, das ihr so oft um das Gesicht wehte und in wilden, unzähmbaren Locken fast bis zum Po reichte, hatte sie heute, ihrer Trauer angemessen, streng zusammengebunden. Sie nickte dem Wessi zu und streichelte kurz Lyonels Hand.
   »Guten Morgen, Alexander.« Ihre Stimme erstarb bei der letzten Silbe.
   »Guten Morgen, Carla. Tut mir leid, aber es sieht aus wie Mord.« Er machte eine kurze Pause, ehe er kaum merklich seine Hand Richtung Papier ausstreckte.
   »Hier ist schon mal das Wichtigste. Ich habe auch Roman, Lyonels engsten Mitarbeiter, angerufen. Er ist noch im Hotel, macht sich rasch fertig und bringt dir gleich die anderen Unterlagen. Er ist ein Zahlenmensch, er kann alles im Bereich der Wirtschaft erklären.« Sie wandte sich an ihren Mann. »Hier sind dein Papier und dein Stift.«
   In jeder anderen Situation hätten Alex und wahrscheinlich auch Lyonel laut gelacht.
   Lyonel konnte nahezu jeden noch so komplizierten Sachverhalt erklären, wenn er zu seinen mündlichen Erklärungen kleine Skizzen malen durfte. In wenigen Minuten umriss er Alexander und dem Wessi die Natur der Winter Media Holding. Grob stellte er die Bereiche dar, in denen die Holding tätig war. Er begann mit Media & IT.
   Alexander kannte einige der genannten Zeitungen und Zeitschriften, zwei, drei große Verlage, mehrere Radiosender und diverse TV-Kanäle. Von den Druckereien, den Presswerken und den IT-Firmen hatte er jedoch noch nie gehört. Bei den klassischen Industrien konnte er Lyonel wieder folgen. Anders sah es bei den Beteiligungen aus. »Langsam, langsam. Ihr wisst doch, ich bin old school. Das mit den Aktien und Immobilien habe ich grob verstanden, bei den Beteiligungen müsst ihr mir wohl Nachhilfe geben. Das machen wir später. In welchen Ländern seid ihr aktiv? Wie sieht es mit Umsatz und Gewinn aus?«
   Trotz seines Schlafdefizits spulte Lyonel die Zahlen herunter.
   Alexander war beeindruckt. Er nahm Anna Amalias Lebenslauf in die Hand, die lange Version, und las ihn sehr aufmerksam. »Sie hat wirklich 1944 zwei Russenflieger runtergeholt?«
   Lyonel nickte.
   Der Wessi horchte auf. »Chef, wovon sprechen Sie?«, wollte er wissen. Er klang verwirrt und interessiert zugleich.
   »Die Winter, ob sie mit ihrer Messerschmitt im Krieg wirklich zwei Russenflieger abgeschossen hat, wie es hier steht, will ich wissen«, verkündete er mit Nachdruck.
   Lyonel nickte nochmals.
   Alexander schüttelte den Gedanken an den Zweiten Weltkrieg ab. Zu viele Dinge waren im Hier und Jetzt zu tun. »Wessi, so geht das nicht weiter. Erstens, Wessi, erstens soll jemand die Schwedinnen in ihr Hotel bringen auf den Schrecken hin, sobald der Papierkram erledigt ist. Zweitens, Wessi, zweitens sollen die Burschenschaftler nach Hause gehen. Hast du ihre Handys? Drittens muss ich Dennis besuchen. Das wird hart. Viertens brauchen wir eine Pressemitteilung. Die bereitest du vor. Du bist aus dem Westen. Da lernt man so was doch schon in der Grundschule«, frotzelte er. »Fünftens. Fünftens muss ich die Firma verstehen. Viel besser, als ich sie heute verstehe. Damit fangen wir an, Lyonel, ne?«
   »Möchtest du mit den Beteiligungen, den Zahlen oder den Personen anfangen, Alex?«
   »Die Beteiligungen und die Zahlen werden Anna Amalia ja wohl nicht umgebracht haben …«, blaffte er.
   »In dem Punkt wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete Lyonel trocken. »Also, zuerst die Personen, okay. Die Führung der Winter Media Holding hat einen Vorstand, bestehend aus vier Personen: Dennis, Anna Amalias Lebensgefährte, du kennst ihn von Empfängen und Dinners bei uns, ist der Vorstandsvorsitzende, unser CEO. Robert ist sein Stellvertreter und der Vorstand für das operative Geschäft, der COO. Krimhilde ist Finanzvorstand, also Chief Financial Officer, kurz CFO, und ich bin für die Strategie zuständig …«
   »Hast du keine drei Buchstaben?«, unterbrach ihn Alexander.
   »Es gibt keinen CSO, wenn du das meinst.« Lyonel schmunzelte.
   »Dennis ist also der Chef?«, insistierte Alexander.
   »Formaljuristisch ja. Er ist immerhin der CEO«, gab Lyonel zurück.
   Hilfe suchend sah Alexander seinen Assistenten an.
   »Dennis Kensington ist Chief Executive Officer, kurz CEO, also Vorstandsvorsitzender. Er ist der Chef«, erklärte der Wessi.
   »Und Robert Ashley?«
   »Herr Ashley ist Chief Operating Officer. Der Macher, das Mädchen für alles, der Antreiber. Und stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Formaljuristisch einfaches Vorstandsmitglied. Aber da er der beste Kenner der Medienbranche von uns allen ist und Tonnen an Erfahrung vorweist, hat er natürlich gewisse Freiräume«, erläuterte Lyonel.
   »Könnte Dennis ihm Kommandos erteilen?«
   »Theoretisch ja, aber so läuft das bei uns nicht. Eher alles informell. Außerdem sind die beiden eng befreundet«, führte Lyonel aus.
   »Und Krimhilde?«
   »Krimhilde Stiefel ist wie gesagt Chief Financial Officer – Finanzminister und Wirtschaftsminister in einem. Offiziell unsere Nummer drei. Und wie der Name schon sagt: Man sollte eine Rüstung und einen Schild tragen, wenn man etwas von ihr will. Sie ist tough. Mich hat sie auch schon bei lebendigem Leib aufgefressen. Mehr als einmal«, gab Lyonel zu.
   »Die kenn ich ganz gut. Die macht keine Gefangenen, ich weiß. Aber wer von euch macht das schon?«, sinnierte Alexander. Er hatte den undefinierten Respekt eines deutschen Durchschnittsbürgers vor den ungekrönten Herrschern der Welt. Bewunderung, gemischt mit Neugierde, Neid und einer Portion Verachtung. »Was machst du? Strategie, so viel ist klar. Demnach Käufe und Verkäufe. Weltweit. Firmen, Aktien, Beteiligungen, Optionen. Hast du mir schon so oft erklärt. Hätte ich mal besser zugehört. Tausendsassa, also.« Er machte eine Pause. Schrieb Head of Everything in sein Notizbuch. »Und Laborius?«
   »Herr Professor Laborius ist unser allseits geschätzter Jurist«, kam es ziemlich gestelzt von Lyonel zurück.
   »Aber nicht im Vorstand?«, hakte Alexander nach.
   »Nein. Executive Vice President, eins unter dem Vorstand.«
   »Was ihn ärgert?«, mutmaßte Alexander.
   »Maßlos.«
   »Wen gibt’s noch?«
   »Es gibt noch fünfzig, sechzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Palais, unserem Hauptquartier. Und je nachdem, ob wir gerade auf unserem Cash sitzen oder investiert haben, bis zu zweihundertzweiundsechzigtausend in unseren Beteiligungen.«
   »Was? So viele? Das wusste ich nicht. Du, Wessi? Warum bist du überhaupt so ruhig heute?«, fragte Alexander.
   »Er denkt, dass auch Lyonel zu den Verdächtigen gehören könnte, Alexander«, warf Carla so nonchalant ein, als bestellte sie einen Kaffee.
   »Natürlich glaube ich das nicht, Herr Dr. Athen, keinesfalls. Aber es ist, rein theoretisch, schon so. Der Fall wird ohne Zweifel ein enormes Presseecho hervorrufen. Wir müssen also zumindest pro forma alle Führungskräfte der Holding gleich behandeln.« Die Stimme des Assistenten blieb sachlich und unaufgeregt. Trotzdem merkte man ihm an, wie unwohl er sich fühlte.
   Alexander nickte. »Da hast du nicht ganz unrecht. Lass uns das hier fertigmachen, dann gehen wir zu Dennis Kensington, danach fahren wir ins Präsidium. Lyonel«, wandte er sich wieder an Athen, »es gibt dann noch Miranda und diesen kräftigen Mann …«
   »Miranda Palamon. Früher Anna Amalias persönliche Assistentin, dann ihre Vorzimmerdame, später sogar Personalchefin der gesamten Holding. Ebenfalls Executive Vice President. Und enge Freundin Anna Amalias und wichtige Beraterin. Jedenfalls hat sie bei vielen Einstellungen das letzte Wort …«
   »Die Lesbe mit den bunten Klamotten?«, erkundigte sich Alexander.
   »Unsere Holding interessiert die sexuelle Ausrichtung ihrer Mitarbeiter und Führungskräfte nicht. Auch nicht, ob sie gern farbige Tücher tragen oder nicht. Miranda ist eine Spitzenkraft. Unersetzlich. Nicht zu toppen. Außerdem Vegetarierin und lesbisch, ja. Ich glaube, sie läuft auch noch Halbmarathon«, gab Lyonel trotzig zurück.
   »Ist ja schon gut«, beschwichtigte Alexander. »Bin ja schon wieder politisch korrekt. Und der Mann?«, wollte er wissen.
   »Meinst du Schwarz? Maik Schwarz? Anna Amalias Fahrer?«
   »Ziemlich kräftig für ’nen Fahrer. Ist er auch ihr Leibwächter?«
   »Wir hatten noch nie Probleme in der Hinsicht. Eine Waffe trägt er jedenfalls nicht.«
   »Wessi, was guckst du so?«
   »Chef, komm mal mit.« Wenn Wessi ihn duzte, war Alexander in Habachtstellung.
   Sie verließen den Tisch und steckten außerhalb der Hörweite von Carla und Lyonel die Köpfe zusammen.
   »Chef, Sie haben Frau Winters Kopf gesehen. Der sah aus, als ob ein sechshundert Kilo schwerer Orang-Utan zugeschlagen hat«, murmelte der Assi.
   »Wir suchen also einen sechshundert Kilo schweren Orang-Utan oder einen sehr kräftigen Mann?«, murrte Alexander.
   Sie gingen zum Tisch zurück.
   »War Schwarz ihr Liebhaber?«, kam Alexander direkt auf den Punkt. Er sah Lyonel in die Augen.
   »Das weiß ich nicht, Alex.«
   »Kein empörtes O Gott, das fragst du, wo sie noch nicht einmal kalt ist. Kein Nein, nein, das kann ich mir nicht vorstellen und nicht einmal ein lahmes Mein Gott. Sie war fünfundachtzig. Wie kannst du mich nur so etwas fragen? Er war also ihr Liebhaber, oder so was Ähnliches. Eventuell. Und er ist sehr kräftig«, stellte Alexander provokativ in den Raum.
   »Ich habe mir, ehrlich gesagt, über Anna Amalias Liebesleben nie Gedanken gemacht. Sie war eher wie eine Mutter oder Großmutter, da denkt man an so was nicht«, erwiderte Lyonel. »Ich glaube aber keinesfalls, dass Maik jemals ihr Liebhaber war. Ja, kräftig ist er, das stimmt schon. Aber er war’s nicht. Nie und nimmer. Er verehrte Anna Amalia. Wie wir alle«, erwiderte Lyonel fast schon pathetisch.
   »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist er verdächtig. Wessi, bestell ihn ein. Lyonel, wo wohnt er?«
   Lyonel gab ihm widerwillig die Adresse von Maik Schwarz, dann die Adressen und geheimen Telefonnummern der anderen Vorstandsmitglieder sowie von Miranda Palamon und von Professor Laborius.
   »Wen gibt’s noch?«, erkundigte sich Alexander.
   »Wir ziehen bei wichtigen strategischen Entscheidungen manchmal einen Berater hinzu, Ian Borg, und bei Deals einen Investmentbanker, Felix.«
   »Nur Felix?«
   »Felix Morgenthau.«
   »Genug Namen, genug Titel. Das reicht mir fürs Erste. Bitte gib uns die Kontakte.«
   Lyonel zückte sein Blackberry und schickte auch diese beiden Kontakte an Alexander und seinen Assistenten.
   »Jetzt die Zahlen.« Nach drei Minuten schwirrten die Begriffe und Zahlen in Alexanders müdem Kopf umher, obwohl sich Lyonel alle Mühe gab, es verständlich zu erklären. Aber wie so vielen Menschen fiel es auch ihm einigermaßen schwer, zwischen Millionen und Milliarden zu unterscheiden. Als einer seiner Kommissare an den Tisch trat, sah Alexander auf, fast dankbar für die Unterbrechung. Der Beamte flüsterte ihm ein, zwei Sätze ins Ohr. »Schickt ihn rein.«
   Der Kommissar gab dem Streifenpolizisten am Eingang des Cafés eine kurze Order. Roman Tausendthaler, Lyonels Assistent und engster Mitarbeiter, durchquerte den Hauptraum und ging auf das Hinterzimmer zu. Er begrüßte zunächst Carla, dann seinen Chef und wandte sich anschließend Alexander zu.
   »Hauptkommissar Lassalle, nehme ich an?«, fragte der stets höfliche Schweizer zur Sicherheit. Den Assistenten ignorierte er.
   Alexander musterte sein Gegenüber. »Schweizer Reserveoffizier?« Mehr Worte brauchte es nicht, um ihn von den charakterlichen Qualitäten des Mannes zu überzeugen.
   »Fallschirmjäger. Einzelkämpferausbildung«, erwiderte Tausendthaler knapp. »Unter anderem.«
   »Und Roman hat einen Master in BWL. Bocconi-Universität, Mailand, Jahrgangsbester. Außerdem ist er mein persönlicher Assistent, mein Tagebuch, mein Kalender, mein Notizbuch und mein Taschenrechner …«, ergänzte Lyonel.
   »Also ein Reserveoffizier und ein Schweizer Taschenmesser in einem?«, flachste Alexander. »Dann hätte ich eine große Bitte an Sie.« Er betrachtete den gewaltigen Papierstapel, den der Schweizer unter seinen linken Arm geklemmt hatte. »Lyonel und Carla haben Sie bereits in höchsten Tönen gelobt. Könnten Sie uns bitte heute durch diesen Berg an Papier führen? Wir müssen die Winter Media Holding und alles, was mit ihr zu tun hat, besser verstehen.«
   »Deshalb bin ich hier, oder?«, erwiderte Roman mit einem Blick auf Lyonel, der zustimmte.
   »Chef, Sie haben recht«, meldete sich Alexanders Assistent zu Wort. »Aber als Erstes müssen wir Dennis Kensington informieren. Ich schlage vor, einer der Uniformierten fährt unsere neue Quelle ins Präsidium nach Erfurt und wir kommen nach, sobald wir können.«

Kapitel 4
Weimar und Erfurt
Samstag, 10. Juli 2010, halb sieben Uhr früh

Wessi und Alexander verabschiedeten sich von Carla, Lyonel und Roman sowie den Polizisten, den Schwedinnen und den Burschenschaftlern. Gleich nachdem sie das Café verlassen hatten, wählte Wessi Dennis Kensingtons Nummer und kündigte ihren Besuch in wenigen Minuten an.
   »Und? Wie hat er reagiert? Stimme? Tonlage? Irgendetwas Besonderes? Irgendetwas Verräterisches?«, checkte Alexander.
   Sein Assistent schüttelte den Kopf. »Nichts, Chef. Falls Dennis Kensington überrascht war, an einem Samstagmorgen kurz vor sieben Uhr von der Kriminalpolizei kontaktiert zu werden, konnte er es jedenfalls sehr gut verbergen.«
   »Komm, Wessi, wir laufen die paar Meter. Dann kann er sich was anziehen und wir können unterwegs unsere Gedanken sortieren. Also, könnte er der Mörder sein? Was wissen wir? Generell ist der Täter bei Morden oft der Partner. Das sind harte Fakten. Statistik. Was spricht in unserem Fall dafür, was dagegen? Gehen wir systematisch vor. Erstens: Dennis Kensington hat vor ein paar Jahren von Anna Amalia den Posten des Vorstandsvorsitzenden der Winter Media Holding geerbt und war bis heute Nacht auch ihr Toy Boy, richtig?«
   »Chef, Sie kennen ja vielleicht Ausdrücke …«
   »Zweitens. Dennis hat bei der WMH inzwischen zig Millionen verdient. Geldgier als Motiv? Na, ich weiß nicht. Das fällt wohl aus. Drittens. Er war deutlich jünger als Anna Amalia, sieht immer noch blendend aus, ist charmant und hatte alle Freiheiten. Ganz offiziell. Eifersucht als Motiv – ebenfalls wohl Fehlanzeige. Ich kenne ihn zwar nur flüchtig, von zwei Neujahrsempfängen im Palais und von ein paar größeren Gartenfesten bei Carla und Lyonel. Aber wir haben niemals länger miteinander gesprochen. Ich weiß nicht einmal mehr, ob wir uns duzen oder siezen. Wie so oft hier in Thüringen. Ganz ehrlich, Wessi: Wie ein eiskalter Mörder wirkt er nicht auf mich. Kurzum: Wir werden ihn als trauernden Ehegatten informieren, nicht als möglichen Verdächtigen, einverstanden?«
   Sein Assistent stimmte zu.
   »Außerdem war er heute früh bis in die Puppen im Elephanten. Herr Athen und seine Frau sind um drei Uhr früh gegangen, da saß Kensington ihrer Aussage nach noch am Tresen. Er kann es nicht gewesen sein.«
   Kurz darauf bogen sie in die Sackgasse ein, in der Anna Amalias Villa stand. Keine Galerie, kein Antiquitätengeschäft, nur Wohnhäuser – falls man eine zwölfhundert Quadratmetervilla mit einem parkähnlichen Garten ein Wohnhaus nennen mochte. Sein Assistent reckte den Hals.
   »Was suchst du so angestrengt, Wessi?«
   »Angeblich soll Dennis Kensington eine ganze Armada von Oldtimern haben, aber wahrscheinlich hat er irgendwo vor den Toren der Stadt eine Halle gemietet. Vor dem Eingang steht nur ein alter Porsche 911. Teuer, aber keine Rarität, oder? Da hätte ich mir mehr erwartet …«
   Erst, als er den Wagen passierte, registrierte er, dass es ein Porsche 912 war.
   »Chef, habe mich getäuscht. Es ist ein 912er, 76er Baujahr, neunzig PS, ein sehr seltenes Exemplar, nur für den US-Markt gebaut, in kleinster Stückzahl. Zudem ein Cabrio, super Zustand, die gibt es quasi nicht mehr. Eine absolute Rarität …«
   Alexander hob eine Hand. Sofort verstummte sein Assistent.
   Dennis Kensington öffnete ihnen das schwere Eisentor per Fernbedienung, noch ehe sie geklingelt hatten. Sie schritten durch den gepflegten Vorgarten.
   »Das Grundstück wurde übrigens von einem japanischen Gartenkünstler angelegt, Chef«, wusste sein Assistent zu berichten. »Eine Weimarer Gärtnerei hat dabei geholfen.«
   Sie gingen durch eine eigenwillige farbenfrohe Mixtur aus Pflanzen, perfekt inszeniert. Und doch wirkte es wie ein Stück gezähmte Natur. Obwohl er heute eine Todesnachricht zu überbringen hatte, entging es Alexanders Aufmerksamkeit nicht, dass die Komposition so angelegt war, dass wohl zu jeder Jahreszeit einige Pflanzen blühen würden.
   »Guten Morgen, Alexander«, schmetterte der Vorstandsvorsitzende, offensichtlich gut gelaunt. Seinen Assistenten ignorierte er.
   »Guten Morgen, Herr Kensington. Schön, dass Sie trotz der kurzen Nacht so gute Laune haben. Ich befürchte aber, es ist nicht wirklich ein guter Morgen«, erwiderte Alexander. Er schaffte es quasi auf Knopfdruck, seiner Stimme einen offiziellen Behördenton zu verleihen, wenn er dies als hilfreich erachtete. Auch versuchte er, eine kleine Pause einzulegen, um die Nachricht angemessen würdig übermitteln zu können, doch der überdrehte Kensington war nicht zu stoppen. Als langjähriger Vorstandsvorsitzender war er es offensichtlich gewohnt, zu jeder Tages- und Nachtzeit behelligt zu werden, unabhängig davon, ob er eine oder zehn Stunden Schlaf bekommen hatte.
   »So ernst? Die Steuer? Soll ich Professor Laborius holen? Ist dies eine Hausdurchsuchung? Haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss oder wie das heißt? Man hört ja so einiges dieser Tage. Ich …«
   »Nein, mein Besuch hat leider nichts mit der Steuer zu tun.« Wieder wartete Alexander. Er bemerkte, wie rasch Dennis Kensington umschaltete und seine anfängliche Fröhlichkeit wiedergewann.
   »Na, dann rein in die gute Hütte. Ich habe gleich nach Ihrem Anruf Kaffee aufgesetzt. Aber wir müssen leise sein. Amy schläft noch. Sie … – Leider nichts mit der Steuer zu tun? Was soll das heißen?« Endlich schien er zu begreifen. »Alex, du bist doch jetzt bei der Mordkommission, richtig?«, stieß er heftig erregt aus. »Ich …« Er drehte sich um und rannte, erstaunlich schnell für einen Mann seines Alters, zurück ins Haus.
   Alexander sah seinen Assistenten an. »Manchmal wünschte ich mir, wir Thüringer würden etwas schneller reden, Wessi.« Er vergrub die Hände in den Hosentaschen. Nie wusste er, wohin damit, wenn er verlegen war. Das Überbringen einer Todesnachricht, gar einer Mordnachricht, war niemals einfach. Aber das hier drohte zur Farce zu werden.
   Vorsichtig betraten sie die Villa. Im Erdgeschoss, gleich im Eingangsbereich, befand sich die Küche. Die Tür stand offen. Es roch unwiderstehlich nach Kaffee, also gingen sie hinein. Sie hörten, wie Dennis Kensington durch das ganze Haus rannte. Immer wieder rief er: »Amy. Amy, wo bist du?«
   Alexander blickte auf seine Schuhe. Manchmal hasste er seinen Beruf.
   Nach einer kleinen Ewigkeit hörten sie, wie Dennis Kensington die schwere Holztreppe herunterkam. Er schien um Jahre gealtert, als er die Küche betrat.
   »Sie ist nicht hier. Sie … ihr Bett … Wir haben getrennte Schlafzimmer … ich schnarche, sagt sie … wir … ich … Sie ist vor mir gegangen«, brabbelte er. Dann wandte er sich an Alexander. »Was ist los? Was ist passiert?«
   Alexander kräuselte die Lippen. »Dennis, die Sache ist die. Anna Amalia wurde heute früh tot in der Ilm gefunden. Es tut mir leid. Ehrlich«, sagte er sehr leise. Er wusste aus seiner langen Berufserfahrung, dass Angehörige, denen eine Todesnachricht überbracht wird, verschiedenste Reaktionen zeigen. Einige Stritten einfach alles ab, andere ließen sich den Ausweis der Polizei zeigen, viele brachen zusammen. Manche imitieren sogar, wissentlich oder unwissentlich, Hollywood-Stars in berühmten Szenen. Auch die Reaktion von Dennis Kensington, der nur stumm vor sich hinblickte, dessen Schultern zusammensackten und dem eine Träne über die linke Wange lief, war Alexander vertraut.
   »Wie …«, begann Kensington.
   »Es ging sehr schnell«, versuchte Alexander, ihn zu beruhigen.
   »Das Herz? Ja, klar, das Herz. Sie hätten Amy gestern Abend erleben sollten. Das blühende Leben! Wir waren im Elephanten. Große Sitzung. Die offizielle Ausrichtung der Holding und der Stiftung. Amy hat die Sitzung geleitet. Mit fünfundachtzig Jahren. Sie war witzig, charmant, lebensfroh. Als sie ging, summte sie Telefonsex auf Italienisch – Telefonsex ist so hygienisch. Sie selbst hat die Band eingeladen. Amy sagt, das wird der neue Faschingshit 2011. Eingängige Melodie, Nonsense-Text, das …«
   »Es war nicht das Herz, Dennis. Es war Mord. Anna Amalia wurde erschlagen, wahrscheinlich mit einer Eisenstange«, schnitt ihm Alexander das Wort ab.
   »Sorry. Ich kann es Ihnen leider nicht ersparen. Die Medien werden es bald aufgreifen.«
   »Erschlagen?«, jammerte Kensington.
   »Sie hat wahrscheinlich nichts gespürt«, beschwichtigte sein Assistent.
   Dennis Kensington starrte vor sich hin. Die Kaffeemaschine riss ihn aus seinen düsteren Gedanken, als sie laut zischte. Er richtete sich auf. »Gut. Verstanden. Amy ist tot. Erschlagen.« Laut presste er die Luft aus seinen Lungen. Es schien ihm nicht peinlich zu sein. »Beginnen Sie mit Ihren Fragen. Wir müssen das Schwein kriegen.«
   Alexander ließ sich nicht anmerken, dass es ihn wunderte, wie schnell Kensington von tiefster Bestürzung auf Rache umgeschaltet hatte. Sein Assistent und er ratterten ihre Fragen herunter, vor allem, wie der Abend verlaufen war und ob Anna Amalia Feinde hatte.
   Eine halbe Stunde später, als sie von Kensingtons Villa zurück ins Café liefen, bediente sich Alexander wiederum seiner offiziellen Stimme, als er Robert K. Ashley, den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden und COO der Winter Media Holding, Samstag früh zu Hause auf dessen geheimer Nummer anrief und knapp über den Tod Anna Amalias berichtete.
   Ashley wirkte durchaus betroffen über ihren Tod und angemessen schockiert über die Nachricht vom Mord. Die meisten Menschen waren bei einer Todesnachricht starr vor Schreck, viele hyperventilierten, manche schauspielerten. Ashley war im richtigen Maß bestürzt, nicht zu sehr, aber auch nicht zu wenig. Andererseits schien er kaum überrascht zu sein. Kein Wunder, war Anna Amalia doch keine neunundzwanzig mehr. Selbstverständlich erklärte sich der COO bereit, später am Vormittag ins Präsidium nach Erfurt zu kommen, zu einem Gespräch, wie er es nannte.
   Sie erreichten ihr Auto. Entgegen seiner Art legte Alexander nunmehr Eile an den Tag. »Wessi, wir fahren kurz zur Holding, dann ins Präsidium. Unterwegs können wir reden. Holding, Optionen, Milliarden, das alles ist nicht meine Welt«, murrte er.
   »Wollen wir den Fall lieber den Wirtschaftlern überlassen, Chef?«
   Alexander kniff beim Einsteigen nur seine Augen zusammen. Aber er wusste, dass der Wessi seine Frage bereut hatte, noch ehe die letzte Silbe aus seinem Mund heraus war. Also verzichtete er auf eine pampige Antwort. »Wessi, du hast doch Kurse in Wirtschaft und Recht belegt. Was genau ist eigentlich eine Holding?«
   »Eine Holding – es gibt strategische und Finanzholdings, muss man wissen, Chef – ist so eine Art Konstrukt. Hier fließt die Leistung aller Firmen, die der Holding gehören, zusammen, also alle Gewinne und Verluste. Da oben sitzt das Management, der Holding-Vorstand, wie früher die griechischen Götter im Olymp. Der Aufsichtsrat kontrolliert das Ganze. In der Holding werden Firmenankäufe und Firmenverkäufe gesteuert. Rechtlich und von der Steuer her ist die Holding für ihre Untergesellschaften und Beteiligungen verantwortlich«, dozierte Wessi.
   Alexander war verloren. Er hoffte inständig, dass der Mörder beim Betreten des Polizeireviers sofort ein umfassendes Geständnis ablegen oder zumindest knallrote Kleidung mit dem Schild Ich war’s tragen würde. Aber er wollte sich keine Blöße geben. »Aha«, kommentierte er deshalb nur sibyllinisch.
   »Die Winter Media Holding besitzt die meiste Zeit über eigene Firmen, zum Beispiel Fernsehsender und Radiostationen, und zahllose Beteiligungen und Aktien. Anna Amalia Winter war in den letzten Jahren die Vorsitzende des Aufsichtsrates, also verantwortlich für die Generalrichtung und die Kontrolle«, legte sein Assistent nach, während er in Richtung ehemaliges Zarenpalais, dem europäischen Sitz der Winter Media Holding, losfuhr.
   »Und konkret heißt das was, Wessi?«
   »Wir reden hier von Firmen im Wert von zwanzig Milliarden Dollar zur Wendezeit und dreißig Milliarden Dollar nur sechs, sieben Jahre später. Stand in den Geschäftsberichten, die ich vorhin im Café überflogen habe. Dann haben die fast über Nacht zwei Drittel verkauft, und damit zwanzig Milliarden Cash eingestrichen. Zehn Milliarden in Firmenwerten haben sie wohl behalten. Sie haben fast alles sofort wieder reinvestiert und dabei ein glückliches Händchen gehabt. Die zwanzig Milliarden Bares von 1997 waren im Winter 1999/2000 bereits vierzig in Aktien wert. Aktien und Beteiligungen im TMT-Bereich.«
   »Im was?«, raunzte Alexander. Er beneidete seinen Assistenten inzwischen um dessen wirtschaftliche Kenntnisse.
   »Technologie-Medien-Telekommunikation. Kurz TMT. Alle Welt sagt, die Bereiche sind dabei, zu verschmelzen und werden so ungeheure Synergien schaffen. Das Fachwort heißt konvergieren, oder Convergence. Alle, die früh auf dieses Pferd gesetzt und investiert haben, sind jetzt reich. Dann, Anfang 2000, hat die Winter Media Holding diese Aktien und Beteiligungen wieder verkauft und Bares gehortet. Anfang 2003 haben sie wieder in großem Stile gekauft und so weiter.«
   »Aha, verstehe«, maulte Alexander. »Und woher weißt du das alles, bitte?«
   »Das habe ich im Stern gelesen, beim Friseur, kurz, bevor ich von Hamburg nach Thüringen zog. Die Winter Media Holding ist schließlich der größte Laden hier weit und breit. Und mich interessiert so etwas eben.«
   »Die verkaufen also echte Firmen und kriegen Geld. Dann warten sie, bis die Aktienkurse fallen und die Firmenwerte mit ihnen. Wenn die Kurse unten sind, kaufen sie.«
   »Im Prinzip, ja«, gab der Wessi lapidar zurück.
   »Klingt einfach.«
   »Manchmal verdoppeln sich die Kurse in kürzester Zeit, Chef.«
   »Und manchmal fallen sie in kürzester Zeit. Woher wissen die, was sie tun müssen? Wo lernt man so etwas?«
   »Im Leben, Chef, im richtigen Leben.«
   »Und die Alte hat das alles eingefädelt? Wo hat sie das gelernt?«
   »Davor war sie, seit dem Tod ihres Mannes, also Tom Winter, zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre lang die Vorsitzende des Vorstandes. Auch sehr erfolgreich übrigens. Stand alles im Stern.«
   »Hm«, war alles, was Alexander dazu einfiel.
   »Seit jeher besitzen beziehungsweise kontrollieren die Winters ungefähr neunzig Prozent der Firma, waren also bei allen Entscheidungen ausschlaggebend. Das hat auch Herr Athen heute früh gesagt. Ihr Mann hat bereits zu seinen Lebzeiten Anna Amalias Anteil immer weiter aufgestockt. Bei seinem Tod hat sie dann den Rest geerbt. Keine Kinder. Seit fünfundzwanzig Jahren gilt: Ohne sie läuft nichts, gegen sie schon gar nicht. So muss man sich das vorstellen.«
   »Klar«, meinte Alexander, während er die erste Stufe zum Shaolin der Kapitelmärkte erklomm. »Genug erst mal, Wessi. Wir sind da. Park da vorn, bitte.«
   Sein Assistent hielt vor dem ehemaligen Zarenpalais. Aus dem Nichts schoss ein hinkender Pförtner auf sie zu.
   »Sach mal, Chef, hinken eigentlich alle Pförtner oder werden alle Hinkebeine automatisch Pförtner?«, unkte der Wessi. »Gehört das zum Berufsbild? Du hinkst, gehst aufs Arbeitsamt und kriegst sofort den Stempel Pförtner. Was haben Sie gelernt?, fragt die Tante im Arbeitsamt. Nüchts, gar nüchts, aber ich kann hinken, sagt er. Da hab ich was für Sie als Pförtner. – So isses, oder?«
   Alexander warf dem Wessi einen vernichtenden Blick zu, sagte aber nichts. Jeder hatte eben seine eigene Art, die Gedanken an einen Mord zu kompensieren.
   Sie fuhren die Fenster nach unten und suchten nach ihren Ausweisen, als der Pförtner zur Beifahrerseite ging.
   »Guten Morgen, meine Herren. Sie können hier nicht …, oh, Verzeihung, Sie sind es, Herr Hauptkommissar. Bitte fahren Sie links um das Palais herum. Man erwartet Sie schon.«
   Wessi sah ihn überrascht an. Alexander griente. »Kennt mich halt aus der Zeitung«, war alles, was er zu dem Thema sagte. »Wahrscheinlich aus dem Stern«, schob er glucksend nach.
   Sie stellten ihr Dienstfahrzeug auf den einzigen freien Platz, zwischen einen vornehmen dunkelblauen 7er-BMW und einen Mercedes 600. Alexander sah diverse SL, einige SLK, offensichtlich die Autos der Sekretärinnen, und in einem wunderschönen Carport einen Ferrari, mehrere Oldtimer aus England und Flitzer aus Süddeutschland, Anna Amalias markanten silbernen Flügeltürer aus den Fünfzigerjahren sowie einen roten Wagen, den er nicht kannte. Er lief auf den Wagen zu und sah seinen Assistenten nur an.
   »Das hier ist ein Testarossa, ein sehr seltenes Exemplar. Das da vorn ein Aston Martin, der da hinten zwischen den Hubschraubern, das ist ein …«, platzte dieser heraus.
   Alexander schüttelte den Kopf. »Steht das auch alles im Stern?«
   »ADAC motorwelt, Chef, die lese ich …«
   »Haste die Nummernschilder gesehen, Wessi? Landsleute von dir«, unterbrach ihn Alexander. »Was verdient man eigentlich in der Medienbranche, Wessi?«
   »So ein Vorstand der Holding hier macht ein paar Millionen im Jahr. Dollar, wohlgemerkt, die Winters rechnen immer noch in Dollar. Das weiß ich aus der Gala.«
   Alexander murmelte etwas in seinen imaginären Bart. Tief im Inneren war er neidisch, doch gleichzeitig war er beeindruckt. Er sah sich um und rief sich in Erinnerung, was er über das Zarenpalais wusste.
   Bereits von außen wirkte es sehr vornehm. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet, als Erweiterung eines bestehenden Gebäudes, kam es ihm in den Sinn. Das Zarenpalais versucht nicht, durch seine schiere Größe zu imponieren, sondern durch seine perfekten Proportionen und seine filigrane Ausgestaltung der Fassade, hatte seine Kunstlehrerin ihnen bereits in der Schule eingebläut. Er wusste, dass das Gebäude Kunstexperten und Touristen aus der ganzen Welt verzückte. Er rief sich die wechselvolle Geschichte des Baus in Erinnerung, so gut er konnte. Errichtet wurde der erste Teil im 18. Jahrhundert und dann, in der Zeit Napoleons, wie so viele berühmte Gebäude dieser kriegerischen Ära, von seinen Armeen als Pferdestall missbraucht. 1848 gab es ein Feuer. 1873 wurde es eine Bank, ehe es Anna Amalias Großvater nach dem Ersten Weltkrieg kaufte und zum Sitz seines Medienunternehmens machte, das er gemeinsam mit der Familie Frey führte. In den Anfangsjahren des Dritten Reiches konnten sich die beiden Familien noch behaupten, doch während des Krieges wurde es zu einem Lazarett umgewidmet. Zu DDR-Zeiten zunächst ein Gewerkschaftshaus und dann ein Jugendgästehaus, oder anders herum, das fiel ihm nicht mehr ein. In den Achtzigerjahren stand das Zarenpalais leer und drohte allmählich zu verfallen, ehe es Anna Amalia Winter nach der Wende und der Rückübertragung von Grund auf für Millionen sanieren ließ.
   Auch die Rückseite war klar gegliedert und atemberaubend schön gestaltet, mit hohen Fenstern und den dazu passenden Verzierungen. Obwohl er das Interieur aus Marmor, Glas und Holz von zwei Empfängen her kannte, wurde Alexander beim Eintreten von der Ausstrahlung des Hauses wiederum überwältigt. In Stein gegossene Schönheit, hatte ein englischer Reporter einmal geschrieben. Alexander machte sich im Geist eine Notiz, seiner Erna den Wunsch nach einem neuen Bad nicht länger abzuschlagen. Vielleicht konnte er sich hier Eindrücke holen und sie sogar mit neuen Ideen überraschen.
   Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Eine junge Assistentin öffnete die schwere Doppeltür zum Parkplatz. Alexander sah ihr an, dass sie die Todesnachricht bereits gehört hatte. Wahrscheinlich hatte jeder in Thüringen sie bereits gehört. Mit einem charmanten Lächeln, aber wortlos, führte sie sie die Treppen nach oben zum Zimmer ihrer Chefin, die es nie mehr betreten würde.
   Alexander sah sich kurz um, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Er hatte keine rechte Lust, es genauer zu untersuchen, schließlich hatte hier kein Einbruch stattgefunden. Stattdessen wanderte er den Flur auf und ab und betrachtete die Tür zu Dennis’ Zimmer, über die er schon einiges gelesen hatte. Goethe und Schiller hatten hier angeblich gewartet, noch im alten Gebäude. Und nach dem Umbau waren der Zar und der Kaiser hier durchgeschritten. Und einige Reichskanzler. Der mit dem seltsamen Schnurrbart wahrscheinlich auch.
   Gedankenverloren lief er den Flur entlang. Sein Assi begleitete ihn und las die Bezeichnung der Konferenzräume vor.
   »Wer war eigentlich dieser Tübke, Chef?«
   Alexander sah seinen Assistenten mit stummer Verachtung an und erwiderte nichts. Es würde noch Jahrzehnte dauern, bis das Kulturgut aus DDR-Zeiten den ihm zustehenden Platz im vereinten Deutschland finden würde, falls überhaupt. »Hier ist nichts«, fasste er zusammen.
   »Warum sind wir dann überhaupt hergefahren? Jetzt sind wir so schlau wie vorher«, maulte sein Assistent und wollte zu einer Analyse ansetzen.
   »Wessi. Der Ausflug hat uns ganze zehn Minuten gekostet. Jetzt hab dich mal nicht so. Außerdem brauche ich die Eindrücke aus dem Zarenpalais, um alle Zusammenhänge zu verstehen. Wenn du mal älter bist, wirst du wissen, was ich meine. Alles Weitere besprechen wir auf der Fahrt.«
   Sie nahmen nicht die B 7, sondern fuhren auf die A 4 Richtung Erfurt auf.
   »Wessi, fetz mal ordentlich los. Ganz kurz nur.« Alexander fuhr die Fenster des Dienstwagens nach unten und steckte den Kopf aus dem Fenster wie ein Hund. »Ich muss wach werden. Mir schwirren zu viele Namen und Zahlen und Möglichkeiten durch den Kopp.«
   »Eins nach dem anderen, Chef.«
   »Klar. Eins nach dem anderen. Als Erstes laden wir die Vorstände ein und die anderen Wichtigtuer. Die werden uns ein klares Bild über die Firma geben. Unsere Leute in Weimar sollen die Schwedinnen und die Burschen weiter vernehmen, alle Quellen anzapfen und Erna Bescheid geben. Lass uns zwei Listen machen, eine mit den Ausgeschiedenen, eine mit den Verdächtigen.«
   »Wer kommt auf die zweite, Chef?«
   »Alle. Erst einmal alle. Dennis haben wir gerade gesehen. Der war’s wohl nicht, oder er ist der beste Schauspieler der Erde. Wir fangen mit Ashley an, dem Vize.«
   Kurz darauf erreichten sie das Polizeipräsidium in Erfurt und stellten den Wagen auf dem geräumigen Innenhof ab, zwischen dem Audi des Oberstaatsanwaltes und dem BMW des Polizeipräsidenten. Der hatte die Mordnachricht natürlich auch bereits aus verschiedenen Quellen gehört. Alle hatten sie gehört.
   Der Parkplatz füllte sich ganz automatisch. Niemand hatte einen Befehl dazu geben müssen.
   Sie gingen in Alexanders Büro. Er ahnte bereits, dass es ein langer Tag werden würde.
   Ashley parkte seinen Wagen wenig später auf dem Besucherparkplatz des Präsidiums. Alexander platzte fast vor Neugierde, konnte es sich aber kaum erlauben, länger aus dem Fenster zu starren und dort von dem Briten gesehen zu werden. Das wäre allzu peinlich. Also wählte er den Ausweg aller Chefs und schickte seinen Assi vor.
   »Wessi, was fährt er? Nun sag schon!«
   »Jaguar, neuestes Modell, British hunting green, sauteuer.«
   »Was ist hunting green?«
   »Na grün, aber eben ein edles Grün, ein englisches, kein deutsches«, erklärte sein Assi geduldig.
   »Wusste nicht, dass Farben auch Nationalitäten haben«, murrte Alexander.
   »Nun, es gibt allein achtzig Blautöne. Ein schwedischer Wissenschaftler in Jena hat …«
   Er hob eine Hand. Wessi hielt inne. Genug kluggeschissen. »Was hat er an?«
   »Stoffhosen. Keine Jeans, aber auch keinen Anzug. Hemd, teuer, Jackett, auch teuer, keine Krawatte. Alles der Situation angemessen, alles very british.«
   Er sinnierte kurz darüber, ob es einen englischen Knigge für die Kleidung bei Mord am Vorgesetzten gab, verwarf diesen Gedanken aber rasch, ohne sich eine abschließende Meinung gebildet zu haben. »Hol ihn unten ab, Wessi.«
   Sein Assistent nickte stumm.
   »Please«, schob Alexander nach, als würde das Britische bereits auf ihn abfärben.
   Nachdem Wessi den Raum verlassen hatte, dachte er darüber nach, was er über Ashley wusste. Angeblich hatten sein Urgroßvater in Ägypten und sein Großvater in Indien gekämpft, oder umgekehrt, und sein Vater gegen Rommel. Stolze Familie. Jagten wahrscheinlich Tiger zum Zeitvertreib, kurz vor dem Fünfuhrtee. Er musste sich allmählich zusammenreißen.
   Es klopfte an seiner Tür. Robert Ashley und Wessi betraten den Raum.
   »Guten Morgen, Herr Ashley. Schön, Sie wiederzusehen, auch wenn die Umstände …«, begann Alexander ganz offiziell.
   »Guten Morgen, Alexander, oder muss ich heute Herr Hauptkommissar sagen? Aber das ist doch kein Verhör, oder?«, erwiderte Ashley.
   Der Wessi und Alexander sahen sich an. Genau dies hatte er vermeiden wollen. Einen Einbestellten in teurer Freizeitkleidung, der einen duzte und blöde Fragen stellte. Konnten die Leute nicht einfach eingeschüchtert sein, so, wie es sich in einem ordentlichen deutschen Polizeipräsidium gehörte?
   »Natürlich ist das kein Verhör, Herr Ashley. Sie sind ja keinesfalls verdächtig.« Er machte eine kurze Pause. Beinahe hätte er ein Sir hinzugefügt, konnte es im letzten Moment aber unterdrücken. »Aber selbstverständlich muss ich alle Personen aus dem Umfeld von Frau Winter befragen. Und Sie sind eben der COO und der stellvertretende Vorstandsvorsitzende.«
   Ashley nickte regelrecht geschmeichelt, so kam es Alexander zumindest vor. Auch wenn er sicherlich registriert hatte, dass Alexander, den er von Dinners bei Lyonel und Carla her flüchtig kannte, ihn heute demonstrativ siezte.
   Neunzig Minuten lang schossen Wessi und er Frage auf Frage an Ashley ab, anfangs nur zur Firma, später mehr und mehr zu seinem Verhältnis gegenüber Anna Amalia Winter. Allerdings wirkte Ashley nach den hundert Fragen und trotz des Schlafdefizits genauso frisch wie zu Beginn des Interviews, wie er es nannte, während Alexander schwer an den Tonnen von neuen Daten zu tragen hatte.
   Nach dem dritten Kaffee, beziehungsweise dem zweiten Tee für Ashley, beendete Alexander höflich das Gespräch. »Hier sind meine Blackberrynummer und meine private E-Mail. Sie erreichen mich fast rund um die Uhr. Und, bitte, halten Sie mich stets auf dem Laufenden. Die Medien werden uns auffressen.«
   Ashley deutete ein Nicken an und ging.
   »Als ob er nicht dazugehören würde, zu den Medien«, raunzte Wessi.
   Alexander stimmte ihm mit einem anerkennenden Grunzen zu. »Nee. Ashley ist eiskalt. An den kommst du nicht ran. Nicht wirklich. Nicht an den Kern. Alles Fassade. Eine Fassade in hunting green, sozusagen«, spottete Alexander.
   Der Wessi schmunzelte.
   »Was haben wir? Was haben wir wirklich? Fass mal zusammen.«
   »Die Winter Media Holding ist zwar eine Holding, groß, erfolgreich, expandierend, aber beileibe nicht nur eine Medien-Company. Das waren zwar die Ursprünge und man ist ohne Frage weiter auf diesem lukrativen und wachsenden Feld tätig. Aber die Musik spielt, oh, Verzeihung, ein Freud’scher, aber der Schwerpunkt der Aktivitäten scheint M & A zu sein …«
   »Amanda?«, warf Alexander ungläubig ein.
   »M and A – Mergers and Acquisitions, also grob Zusammenschlüsse und Zukäufe«, wurde er aufgeklärt.
   »Kaufen und verkaufen, also Handel mit Firmen statt mit Produkten wie Äpfeln?«
   »Mit Firmen, mit Beteiligungen, mit Aktien, mit Rechten und mit Optionen, mit …«
   »Schon gut, schon gut, denen gehört die Welt. Ich versteh es halt nicht, oder zumindest nicht ganz. Ich bin und bleibe old school, Wessi.«
   »Das ist doch keine Schande, Chef.«
   »Wenn darin der Schlüssel zum Mord an Anna Amalia Winter liegt, dann schon.«
   »Wer weiß, wer weiß.«
   »British hunting green, ich glaube, ich muss kotzen«, brummelte Alexander.

Kapitel 5
Erfurt, Polizeipräsidium
Samstag, 10. Juli 2010, später Vormittag

Alexander blickte nur kurz auf, als die nächste Person zur Befragung sein Dienstzimmer betrat. Anders als bei Ashley war es in diesem Fall nicht nötig, sie genauer zu mustern. Krimhilde Stiefel. Alles an ihr war grau. Sie trug ein anthrazitfarbenes Kostüm. Eine weiße Bluse – mit Graustich? –, schwarze Schuhe, mit einem Tick ins Graue, irgendwie. Graue Strumpfhosen, selbst bei diesem Wetter, was sonst? Ihr Haar sei silbern, pflegte sie zu sagen. Für Alexander war es grau. Allerdings war Krimhilde Stiefel sechzig Jahre alt, sodass dies nicht ungewöhnlich war. Sie fuhr, Ironie des Schicksals, einen grauen Dienstwagen. Einen delfingrauen Audi. Mit Allrad. Für die grauen Tage des Jahres. In der Holding nannte man sie nur »die graue Eminenz«. Eine graugrüne Handtasche rundete das Bild ab.
   »Krimhilde, es tut mir leid. Leider muss ich … Leider komme ich nicht umhin … Ich weiß, wie schwer …« Alexander machte eine Pause.
   »Alexander, stell bitte einfach deine Fragen. Und danke für deine Rücksicht.« Seinen Assi ignorierte sie.
   »Nun, Krimhilde, wir kennen uns schon seit vielen Jahren, und wir haben oft über deine Arbeit bei Winter und meine im Präsidium gesprochen. Aber heute ist es anders. Heute ist es ernst. Wir haben einen Mord. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht immer alles ganz genau verstanden, was du sagtest. Heute muss ich es aber genauestens verstehen.«
   Krimhilde nickte nur. Sie lächelte nicht. Weder machte sie sich über seine gewundenen Formulierungen lustig noch verwies sie ihn auf die Geschäftsberichte, wie sie dies bei manch anderem getan hätte. »Die Winter Media Holding, kurz WMH, ist eigentlich schon lange kein reines Medienunternehmen mehr.«
   Alexander nickte. Das zumindest hatte er gewusst.
   »Wir sind aber auch kein Private Equity Unternehmen, keine Heuschrecke. Wir haben einen Ehrenkodex. Wir haben Prinzipien.«
   Er sah kurz hoch. Wer Krimhilde Stiefel in ihrer grauen Rüstung sah, hegte daran keinerlei Zweifel. Wahrscheinlich trug sie einen grauen BH unter einem grauen Kettenhemd, allerdings einem maßgeschneiderten grauen Kettenhemd. Dann schämte er sich für seine pubertierenden Fantasien und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.
   »Ich werde dir zunächst die Organisation erklären, dann die dazu passenden Zahlen geben«, begann Krimhilde Stiefel im Ton einer Vorlesung. Sie blickte Alexanders Assistenten an wie als Zeichen, dass er nun gut zuhören und alles mitschreiben sollte. Sie würde es wohl nicht zweimal erklären. »Unsere Holding kennt vier Bereiche, Divisions genannt. Die älteste Division heißt Media & IT. Sie bündelt alle Medien-, Telekommunikations- und IT-Aktivitäten unseres Hauses, bei denen wir die Mehrheit haben und die wir aus strategischen Gründen behalten wollen. Also Zeitungen, Zeitschriften, Verlage, Radiosender, TV-Sender, Druckereien, CD-Presswerke, Telekommunikationsausrüster und Telekommunikationsanbieter, Kabelfirmen sowie IT-Unternehmen«, ratterte sie herunter, ohne Luft zu holen. »Wir haben hier zeitweise insgesamt bis zu vierzig größere und weitere einhundert kleinere Einheiten, Units genannt.« Sie sah auf, als wollte sie prüfen, ob der Wessi und Alexander ihr noch folgen konnten. »Die zweite Division heißt Industries. Intern nennen wir sie auch Non-Media.« Sie lächelte, als hätte sie einen Scherz gemacht. »Hier bündeln wir klassische Industrien, die aber nichts mit Medien, Telekommunikation oder IT zu tun haben dürfen, verstanden?«
   Alexander nickte, ebenso wie sein Schatten.
   »Wo also lägen Druckereien?« Sie sah den Assi an, als hätte er eine mündliche Prüfung abzulegen.
   »Bei Media. Division one«, antwortete er wie hypnotisiert.
   Er erntete ein wohlwollendes Nicken von Krimhilde Stiefel und einen Tritt unterm Tisch von Alexander.
   »In der dritten Division, Finance, bündeln wir unsere Bankenbeteiligungen, Anteile an Versicherungen, Aktien, Devisen, etc. pp. Eben alles, was mit Finance zu tun hat. Logisch. In der vierten und letzten Division, Projects & Assets, halten wir unsere nichtstrategischen Beteiligungen, also Minderheiten oder Firmen, die wir verkaufen möchten, und all unsere Immobilien. Mal besitzen wir viele Firmen, mal eher Aktien oder Cash. Der Mix macht’s.«
   »Und wer verantwortet was, bitte?«, fragte Alexander nach.
   »Dennis Kensington, unser CEO, ist natürlich für alles zuständig und verantwortlich, aber vor allem für Media. Robert Ashley, unser COO, ist generell für das operative Geschäft aller Firmen zuständig, und bei den Divisions für Industries. Ich bin natürlich für Finance zuständig, Lyonel für Projects & Assets. So weit klar?«
   »Frau Stiefel, wer entscheidet denn, ob eine Beteiligung verkauft werden soll oder nicht?«, traute sich der Wessi erstmals aus der Deckung. »Der Zuständige in der Division, der zuständige Vorstand, der Gesamtvorstand oder der Aufsichtsrat?«
   »Das entscheiden wir gemeinsam. Oft muss Lyonel die Dinge auf den Prüfstand legen, dann mit dem Verantwortlichen der Division reden, dann gibt der Vorstand eine Empfehlung an den Aufsichtsrat, also bisher an Anna Amalia und ihre Truppe. Bei wichtigen Entscheidungen haben wir natürlich sowohl unsere Teams dabei als auch externe Hilfe.«
   »Sie meinen Borg und Morgenthau?«
   Erstmals wirkte Krimhilde Stiefel ein wenig überrascht. »Ja. Ian Borg für die Strategie und manche Personalentscheidungen, Felix Morgenthau bei An- und Verkäufen. Seit vielen Jahren.« Wieder holte sie tief Luft, als Zeichen, dass ein weiterer längerer Vortrag folgen würde. »Nun zu den Zahlen.«
   Alexander übergab an Wessi und verließ den Raum, um einige Telefonate zu führen. Als er seine Gespräche beendet hatte und wieder zu ihnen stieß, legte Krimhilde Stiefel ihm und seinem Assi noch die Ziele und die Mittel der Winter Foundation dar. Fast neunzig Minuten lang musste sie seinem Assistenten Umsatzzahlen, Gewinne, Steuern und Mitarbeiterzahlen heruntergerasselt haben.
   »Zusammengefasst, wir sponsern die Schönen Künste, den Denkmalschutz, kranke Kinder und arme Alte und fördern die Wissenschaft, alles mit Fokus auf den neuen Ländern, Schwerpunkt Thüringen, mal mit einer, mal mit zehn und mal mit hundert Millionen Dollar im Jahr, je nachdem, wie es in der Holding läuft.«
   Sie bedankten sich. Nachdem sie Krimhilde Stiefel verabschiedet hatten, steckten Alexander und sein Assistent sofort die Köpfe zusammen.
   »Zusammenfassung, Wessi«, fauchte Alexander. Er wusste, dass die Zeit gegen sie lief.
   »Krimhilde Stiefel ist eine Zahlenfresserin. Sie isst Zahlen zum Frühstück in ihrem Müsli, mittags hat sie welche in ihrem Pesto und abends gibt es Knäckezahlen von Wasa. Nachts träumt sie bestimmt von ihren Zahlen. An Winterabenden kuschelt sie sich in eine Zahlendecke ein. Sie hat keinen Mann. Ihre Hobbys sind Steine sammeln und Ahnenforschung, steht im Netz …«
   Alexander schnaubte. »Steine sammeln und Ahnenforschung. Krimhilde war es wohl nicht …«
   »Eher nicht, Chef. Lyonel Athen hat mir heute früh folgende Geschichte über sie erzählt: Als man ihr zu ihrem Fünfzigsten ein Geschenk machen wollte, fiel auch ihrer langjährigen Sekretärin nichts ein. Schließlich schenkte man ihr ein Buch über die Geschichte der Zahlen, eine Lederausgabe. Sie ist sachlich, durch und durch. Ein Mensch wie sie kann unmöglich eine alte Frau mit einer Stange, oder was weiß ich, erschlagen. Und zum möglichen Motiv? Ihre Hoffnungen auf den Chefsessel, sollte sie jemals welche gehabt haben, waren vergebens. Eine Medienfirma braucht Führer mit einem Minimum an Glamour, sagte Dr. Athen heute früh im Café. Da hat er recht. Ihr Trost ist es, zig Milliarden hin und her zu bewegen, immerhin …«
   »Scheiße, Wessi, das Ding ist ja noch einige Nummern größer, als ich bisher gedacht habe. Ich fasse mal zusammen. Die Holding hat mehr Mitarbeiter als Nordkorea Soldaten, die Finanzkraft ist etwa so groß wie die eines mittleren Kontinents und allein die Stiftung stützt die Hälfte unserer Kulturprojekte. Stimmt das so in etwa?«
   Sein Assistent stimmte zu, brannte aber auch darauf, zu hören, was Alexanders Telefonate ergeben hatten.
   »Also, Wessi«, der Daumen ging nach oben, »Erna hat fast zwanzig wichtige Anrufe erhalten. Erstens, die Kneipiers in Weimar wissen nichts. Keiner hat einen Mann an der Ilm um halb zwei oder kurz davor oder kurz danach gesehen. Zweitens«, Alexander hob den Zeigefinger, »auch Fehlanzeige bei den Nachtwächtern und den nächtlichen Führungen.« Es folgten viele weitere Finger für die Taxifahrer, die Stadtverwaltung, die Bäcker, die Metzger, die Tänzerinnen, die Schwulen und Lesben, die Nachtschwärmer und die Zeitungsausträger sowie für Alexander und Ernas andere klassische Quellen.
   Sein Assistent blickte betrübt zu Boden. »Was haben wir überhaupt, Chef?«
   »Na, den Autopsiebericht. Anna Amalia wurde mit einer mitteldicken Eisenstange erschlagen, wie vermutet. Ein einziger Schlag, aber überaus wuchtig. Sie war sofort tot. Beinahe hätte er ihr den Kopf abgetrennt, so fest hat er zugeschlagen.«
   »Mein Gott, Chef, wer erschlägt denn eine 85-jährige Frau hinterrücks mit einer Eisenstange?«
   »Na, du warst es schon mal nicht, Wessi. Sie wurde nämlich von vorn erschlagen, von Angesicht zu Angesicht. Der Täter hat nicht wirklich von oben zugeschlagen, ist also nur wenig größer als sie. Er hat von vorn geschlagen, von rechts nach links, also wie ein Linkshänder mit der Rückhand im Tennis, und wie gesagt mit irrwitziger Kraft. Ihr Kopf ist fast aufgeplatzt«, führte Alexander aus.
   »Wir suchen also einen extrem kräftigen, mittelgroßen Linkshänder? Sie haben diesen Blick, Chef. Sie haben jemanden im Visier, das sehe ich. Lyonel Athen kann es nicht sein, der schrieb heute früh im Café mit rechts. Dennis Kensington ist sehr groß. Dieser Engländer, Robert Ashley, ist so hager wie der Brite bei Asterix, der Legionär werden wollte, na ja, jedenfalls nicht extrem kräftig. Außerdem haben sie alle ein Alibi. Der Leibwächter?« Sein Assistent blickte in seine Unterlagen. »Schwarz?«
   Alexander nickte. Dann hantierte er mit seinem Telefon. Er schaltete auf laut. »Lyonel. Alexander hier. Wer bei eurem Haufen ist Linkshänder? Überleg genau! Aber überleg schnell.«
   »Hm, keiner im Vorstand. Im Palais, warte mal, unser Pförtner, glaub ich, ja, der füllt seine Rätsel immer mit links aus. Ist circa fünfundsechzig, gehbehindert …«
   »Den kennen wir. Wir suchen einen Linkshänder, mittelgroß, und extrem kräftig«, warf Alexander ein.
   »Maik Schwarz ist Linkshänder, aber der war’s nicht, er …« Den Rest des Satzes sprach Lyonel in ein totes Telefon.
   »Chef, wir brauchen eine Ringfahndung nach Maik Schwarz. Die Autobahnen, Bahn, Flughäfen, Nachrichten an alle deutschen Polizeistationen, am besten an Interpol …«
   »Wessi …«, protestierte Alexander vergeblich. Sein Assistent hatte Blut geleckt und war kaum zu bremsen.
   »Ja, ganz sicher auch an Interpol. Chef, Großalarm. Darf ich den auslösen? Bitte, Chef. Mein erster Großalarm. Ich würd so gern …«
   »Wessi, Schwarz haben wir doch heute früh angerufen. Du erinnerst dich?« Sein Assistent nickte. Alexander sah amüsiert, wie er gegen die aufsteigende Röte in seinem Gesicht ankämpfte. Sein Vorstoß war ihm bestimmt peinlich.
   »Wessi, Maik Schwarz sitzt seit über einer Stunde draußen im Flur auf der Bank und wartet, bis er dran ist. Hol den Präsi dazu, aber unauffällig. Sag ihm nichts von dem Autopsiebericht. Wir fangen langsam an und nehmen Schwarz dann in die Zange. Falls er es ist, war der Präsi dabei. Falls nicht, dann nicht, verstanden?«

Kapitel 6
Erfurt, Polizeipräsidium
Samstag, 10. Juli 2010, zwölf Uhr

Alexander schenkte dem Präsidenten, seinem Assistenten und sich Wasser ein. Es war heiß geworden in den letzten ein, zwei Stunden, richtig heiß.
   »Chef, denken Sie, die werden hier irgendwann eine Klimaanlage einbauen?«, stöhnte Wessi.
   »Nein«, gab Alexander lakonisch zurück. »Diese Räume sind dazu gemacht, Menschen ins Schwitzen zu bringen. Hol uns den Schwarz herein, ja? Los geht’s.« Er kniff die Augen zusammen. Diese Geste bedeutete nichts Gutes, das wussten seine Kollegen.
   Maik Schwarz, der erste Verdächtige im Mordfall Anna Amalia Winter, betrat das Zimmer Punkt zwölf Uhr. Er wirkte nervös. Schwarz war ein durchtrainierter Mann Mitte vierzig in schwarzer Hose, weißem Hemd und, trotz der Hitze, in schwarzer Lederjacke.
   »Schwarz, mein Name«, stammelte er. »Ich bin … ich war ihr Leibwächter. Kein guter, offensichtlich«, fügte er deprimiert hinzu.
   »Bitte nehmen Sie doch Platz, Herr Schwarz«, begrüßte ihn Alexander betont höflich.
   Schwarz tat, wie ihm geheißen. Alexander drückte die Aufnahmetaste am Rekorder.
   Der Präsident sah ihn lange an, ehe er zum Sprechen ansetzte. »Sie sind Maik Schwarz, der Boxer?«
   Schwarz nickte.
   »Halbschwergewicht?« Die Faust des Präsidenten sauste gefährlich durch die Luft, als er Cassius Clay oder wen auch immer nachahmte.
   »Ist lange her«, bestätigte Schwarz.
   »Dreimal DDR-Jugendmeister, zweimal DDR-Meister, zweimal Vizeeuropameister und ein vierter Platz bei den Olympischen Spielen 1988 in Südkorea, ganz knapp an der Bronzemedaille vorbeigeschrammt – der Maik Schwarz?«
   »Ja, genau der.«
   »Dann kam die Wende.«
   Mehr musste ein Ossi einem anderen nicht sagen.
   »Ja, die Wende«, kam es kleinlaut von Schwarz.
   »Sie verloren ihre Sportförderung.«
   »Ja, die verlor ich. Als Dritter hätt’ ich sie behalten, aber ich bin in Südkorea nur Vierter geworden.«
   »Ärgerlich«, kommentierte der Präsident.
   »So knapp vorbei«, entfuhr es Alexander.
   Schwarz nickte.
   Knapp vorbei, das traf es für die Zeit direkt nach der Wende in vielen Bereichen.
   »Und dann, Taxifahrer?«, fragte Wessi.
   Schwarz nickte nochmals.
   »Bis wann?«, hakte Alexander nach.
   »Bis zu der Sache mit den Polen im Paradies, Herr Hauptkommissar. Sie wissen schon, vor Ihnen liegt doch bestimmt irgendwo die Akte.«
   Die Neugierde des Polizeipräsidenten war geweckt. »Das mit den acht Polen? Das waren Sie auch?« Er schmunzelte.
   Alexander ebenso. Nur Wessi verstand nichts mehr, wie sein fragender Blick offenbarte.
   »Sechs. Es waren nur sechs Polen«, korrigierte Maik Schwarz.
   Der Präsident drückte den Aus-Knopf des Rekorders. Er wandte sich an Wessi. »Im Sommer 1991 hat ein halbes Dutzend Polen versucht, jemandem die Lederjacke zu klauen, in Jena, im Paradies, ich erinnere mich genau an die Radiomeldung …« Er begann zu lachen, und Alexander fiel wohl oder übel ein. »Die haben versucht, einem Boxchampion die Kleider zu klauen. Am helllichten Tage. Aber als er die Jacke tatsächlich auszog und die Jungs seine Muckis sahen, war es bereits zu spät …« Der Präsident und Alexander hielten sich die Bäuche vor Lachen.
   »Vier Mann mussten ins Krankenhaus …« Alexander wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. »Sie seien von zwanzig Nazis überfallen worden, sagten die Polen damals aus. Hier, im Raum nebenan.«
   »Aber mehrere Zeugen haben unabhängig voneinander ausgesagt, dass der Mann sie allein und in Notwehr verprügelt hat. Es gibt sogar ein wackliges Video«, ergänzte der Präsident.
   Jetzt lachte auch Schwarz. »Erst waren alle sehr nervös, wegen Polen und Nazis und so. Dann tauchte das Video auf. Ein paar Sekunden daraus sind sogar in der Tagesschau ausgestrahlt worden, und es kam in die BILD-Zeitung. Zwei Tage lang hat sich halb Deutschland darüber amüsiert, dann war die Angelegenheit wieder vergessen. Aber für meine Kollegen in Thüringen war ich noch für Wochen und Monate eine Art Held. Wenn es Streit zu schlichten gab, mit Fahrgästen oder untereinander, drohten sie nicht mit der Polizei. Sie sagten einfach, sie würden den Champ anfunken.«
   Auch Wessi fiel nun in das Gelächter ein. Das Eis war gebrochen.
   »Ich möchte aber betonen, dass ich nichts gegen Polen habe. Überhaupt gegen Ausländer. Nur gegen Männer, die meine Jacke stehlen wollen«, schloss der Exboxer.
   Die Finger des Präsidenten tasteten nach dem Rekorder. Er gab allen ein Zeichen, sich wieder zu beruhigen, schaltete das Gerät erneut ein und bat Alexander, eine kurze, sachliche Zusammenfassung des Vorfalls für das Protokoll zu geben. Hier fehlte zwar der Notwehraspekt nicht, Schwarz wirkte aber dennoch irgendwie wie ein Verlierer und ein Schläger.
   »Wie lernten Sie dann Frau Winter kennen?«, fuhr Alexander fort.
   »Nun, ich war gerade mit meinem Taxi hier in Erfurt am Flughafen und wollte zurück nach Jena. Da stieg sie hinten ein und wollte sich ans Zarenpalais nach Weimar fahren lassen. Die Kollegen in Erfurt hatten nichts dagegen, obwohl ich eigentlich leer hätte zurückfahren müssen. Aber Weimar lag eh auf meinem Weg.«
   »Wann war das und was passierte während der Fahrt?«, fragte Alexander.
   »Das muss so im Sommer 1991 gewesen sein, kurz nach der Sache im Paradies. Wir unterhielten uns ein bisschen, auch über die Olympischen Spiele und die Kiste mit den Polen. Sie hatte natürlich davon gehört und amüsierte sich königlich. Sie heuerte mich spontan als ihren Leibwächter und Chauffeur an.«
   »Schusswaffen?«, fuhr der Präsident dazwischen.
   »Keine. Frau Winter verabscheute Schusswaffen. Vielleicht wollte sie deshalb einen Boxer als Beschützer«, antwortete Schwarz sachlich und ruhig.
   »Das macht Sinn, Schwarz. Weiter. Sie dienten ihr also wie lange, fast zwanzig Jahre?«
   »Knapp neunzehn, ja, bis zum heutigen Tag, Herr Hauptkommissar. Tag und Nacht.«
   »Tag und Nacht? Nur sie allein?«, fragte sein Assi.
   Alexander bemerkte, dass Schwarz zunehmend nervöser wurde. Es war ihm scheinbar unangenehm, mit stets wechselnden Gesprächspartnern zu tun zu haben.
   »Ja, in Europa. Sie wollte nur eine vertraute Person, damit ihre Privatsphäre nicht zu eingeengt ist.«
   »Aus Frau Winters Sicht kann man das verstehen, aber was für ein Leben führten Sie, Schwarz?« Alexander bemerkte, wie Wessis Augen zu kleinen Schlitzen wurden.
   »Ich stand morgens um fünf, halb sechs auf, jeden Tag, und trainierte. Dann klopfte ich bei ihr, und bei gutem Wetter liefen wir ins Palais, bei schlechtem fuhr ich sie.«
   »Klopfen? Wohnen Sie etwa Tür an Tür?«, wollte der Präsident wissen.
   »Ich wohnte lange im Souterrain ihrer Villa.«
   »Und tagsüber?«, schob Alexander nach.
   »Tagsüber war ich bei ihr im Raum, wenn Unbekannte dazukamen, oder wartete davor beziehungsweise im Nebenzimmer, wenn keiner angemeldet war.«
   »Wie, konkret, verbrachten Sie Ihre Zeit?«, fragte der Präsident.
   »Während der Wartezeiten habe ich trainiert, gelesen, Obst gegessen, ein bisschen gedöst, so was in der Art.« Schwarz schien sich wieder gefangen zu haben, als er Fragen zu sicherem Terrain beantwortete. Jedenfalls bemerkte Alexander, dass seine Finger nicht mehr nervös mit den Knöpfen der Hemdleiste spielten.
   Unbemerkt gab er seinem Assi ein Zeichen.
   Wie von der Tarantel gestochen fuhr Wessi plötzlich hoch, stützte sich mit der flachen Hand auf dem Tisch ab, sodass er Schwarz überragte, und starrte dem Verhörkandidaten aus nächster Nähe in die Augen. »Vierundzwanzig Stunden am Tag Arbeit oder Bereitschaft, sieben Tage die Woche? Als Bodyguard? Oder waren Sie Ihr Leibsklave? Und wenn Sie gefahren werden musste, raus aus den Federn, bei Tag und Nacht, bei jedem Wetter, als Fahrer? Und das für einen Hungerlohn? Da hätte ich Anna Amalia auch erschlagen. Der Täter ist mittelgroß, Linkshänder und extrem kräftig. Er benutzte keine Schusswaffe. Wo waren Sie in der Mordnacht, Herr Schwarz?« Die Stimme seines Assistenten war schrill geworden. Wessi hatte sich weit aus dem Fenster gewagt.
   Der Präsident erstarrte, wartete aber trotzdem interessiert auf die Antwort.
   »Also, der Reihe nach, junger Freund, wir reden von sechzehn Stunden am Tag, nicht von vierundzwanzig. Und die Wochenenden habe ich frei«, gab Schwarz cool zurück.
   Sie staunten nicht schlecht.
   »Bitte?«, entfuhr es dem Präsidenten.
   »Anna Amalia Winter glaubte, dass man sie, wenn überhaupt, nur zwischen Montagmorgen und Freitagabend ermorden oder entführen würde. Am Wochenende würden sich die Gangster ausruhen. Und wenn sie in Amerika war, also drei, vier Monate im Jahr, hatte ich auch frei. So war das«, erklärte Schwarz, als würde er einem Vierjährigen die Zahlen von eins bis zehn beibringen.
   Wessi sackte in sich zusammen.
   »Als ich Taxe fuhr in Jena, nach der Wende, übrigens mit schlechteren Arbeitszeiten, kam ich im Schnitt auf acht Mark die Stunde, manchmal auf neun. Brutto«, behandelte Maik Schwarz pflichtgemäß auch die anderen angesprochenen Punkte. »Bei sechzig Stunden die Woche kam ich auf fünfhundert Mark. Das sind zweitausend im Monat, fünfundzwanzigtausend im Jahr. Brutto. Ohne Urlaub. Frau Winter zahlte mir einhunderttausend Mark im Jahr als Anfangsgehalt, das Vierfache also. Wenn ich mitwollte nach London oder nach Paris, nahm sie mich mit. Ich schlief in Fünfsternehotels am Piccadilly Circus und am Triumphbogen. Und in der Mordnacht hat sie mich nach der Sitzung im Palais nach dem Abendessen mit dem erweiterten Vorstand im Elephanten nach Hause geschickt. Sie ist noch geblieben.«
   »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Schwarz, dann haben Sie Anna Amalia Winter, zumindest in Deutschland, neunzehn Jahre lang wochentags kaum jemals aus den Augen gelassen, richtig?«
   Schwarz nickte schuldbewusst.
   »Aber an diesem Abend sind Sie allein vorgegangen? Bereits gegen Mitternacht, ja? Frau Winter wurde auf dem kurzen Weg zwischen dem Hotel und ihrem Haus brutal erschlagen. Zudem hat jemand auf die Leiche gepisst. Was, um Himmels willen, gab es bei Ihnen zu Hause um Mitternacht so Wichtiges zu tun, wenn ich fragen darf, Herr Schwarz?«
   »Spartacus, Herr Hauptkommissar«, stammelte Maik Schwarz mit Tränen in den Augen. »Im Fernsehen kam eine Wiederholung von Spartacus. Die alte Fassung mit Kirk Douglas. Anna Amalia wusste doch, dass ich den so gern gucke.«

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