Fünf tote Frauen, bestialisch ermordet und im Uferbereich eines Hamburger Sees verscharrt. Die Todeszeitpunkte liegen zwischen drei Wochen und sieben Jahren. Rituale scheinen auf denselben Täter hinzudeuten. Kommissar Friedrich Hansen und seine Kollegin Sigrun Krüger tappen zunächst im Dunkeln, doch als zwei weitere Frauenleichen aufgefunden werden und die im fünften Monat schwangere Lisa Petersen verschwindet, führt die Spur direkt zu Lisas Patenonkel Bernd Rosinski. Er soll Lisa mit K.-o.-Tropfen betäubt, missbraucht und geschwängert haben. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stößt die Polizei auf Gegenstände, die dem Tathergang zugeordnet werden können: Kleidung, das Brandeisen sowie die Mordwaffe. Rosinski streitet vehement ab, ein Mörder zu sein. Sigrun Krüger glaubt ihm, sie vermutet, dass man ihm all die Dinge untergeschoben hat, um die Ermittlungen in eine falsche Richtung zu lenken. Dann verschwindet Hansens Tochter. Hansen erfährt, dass Sophie in den Fall involviert ist. Die Angst um sein Kind bringt ihn an den Rand seiner Kraft. Wer ist der Mörder? Was geht in ihm vor? Was ist sein Motiv? Auf einem Parkplatz in der Lüneburger Heide wird schließlich Sophies Wagen gefunden. Ein Zeuge bringt die Ermittler auf die richtige Spur. Offenbar fokussiert sich der Täter jetzt auf Lisas Kind. Aber warum? Und wo ist Sophie? Werden Krüger und Hansen die beiden jungen Frauen und das Kind retten können und den Täter fassen?

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ISBN: 978-9925-33-051-5

Seiten: 346

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Gabriele Datenet

Gabriele Datenet
Seit frühester Kindheit gehören das Schreiben und Lesen zu Gabriele Datenets großen Leidenschaften. In ihren Geschichten spiegelt sich das tiefe Gefühl und die Freude wider, die sie beim Schreiben empfindet. Zahlreiche Kurzgeschichten der Autorin sind bereits in Anthologien verschiedener Genres veröffentlicht worden, unter anderem auch Krimis und Kinder- und Jugendgeschichten. Beim Schreibwettbewerb des P&B-Verlages gewann sie 2009 mit ihrer Gänsegeschichte „Humpelinchen“ den ersten Preis. Mit ihrer Obdachlosen-Kurzgeschichte „Marthe“ belegte sie den zweiten Platz des Literatur-Wettbewerbs 2010 des Hauses St. Martin am Autoberg in Hattersheim. Mit ihrer Anti-Gewalt-Geschichte „Familie im Schatten“ eroberte sie 2011 den ersten Platz des Schreibwettbewerbs der Jugendbuch-Anthologie „Voll in die Fresse“ des Rollfinke-Verlags. Im November 2013 eroberte sie mit „Atlanta“ den 2. Platz des Literaturpreises Salzhausen. 2014 erschien ihr Thriller „Im Sumpf der Angst“ im bookshouse-Verlag. Durch die vielen positiven Rückmeldungen des Buches ist die Autorin erneut in die Seelen ihrer Protagonisten geschlüpft und lässt das Hamburger Ermittlerteam in ihrem neuen Thriller „Brandmal“ weiterermitteln.

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1

Die Frauen auf den Fotos schienen Friedrich aus tiefen, dunklen Höhlen anzustarren, ausdruckslos, und doch irgendwie anklagend. Es waren Menschen, die nicht mehr menschlich aussahen, die zu undefinierbaren schwarzen Fleischklumpen geworden waren, kalt und starr, denen man nicht einmal mehr Alter und Geschlecht ansehen konnte. Ihr Leben und ihre Würde waren auf der Strecke geblieben.
   Gab es wirklich Dinge im Leben, die schicksalhaft waren? Unbeeinflussbar? Was war das Schicksal? Warum schlug es aus heiterem Himmel zu, gemein und hinterhältig, und hinterließ Schneisen der Verwüstung in der Seele?
   In Friedrich stieg unbändiger Zorn hoch, eine explosive Mischung aus Empörung und Trauer. So etwas konnte man wohl kaum als Schicksal bezeichnen. Er stand auf und lief hin und her. Diese Frauen waren noch so jung gewesen, ihr ganzes Leben hätten sie noch vor sich gehabt. Was zum Teufel ging im Kopf dieses Täters vor? Was war sein Motiv? Gab es überhaupt eines, oder war es die reine Lust am Töten? Vielleicht hatte er schon wieder jemanden im Visier und malte sich gerade aus, wie er am besten vorgehen wollte. Vermutlich waren diese Frauen nicht seine einzigen Opfer. Friedrich rieb sich die brennenden Augen und warf einen Blick auf die Wanduhr. Gleich zwei. Der hüpfende Sekundenzeiger bewegte sich unaufhaltsam in seine Richtung, als könnte nichts und niemand ihn darin hindern, seinem Betrachter aufzuzeigen, wie wertvoll Zeit war, wie schnell diese verrann und Augenblick für Augenblick unwiederbringlich verloren ging. Friedrich nahm plötzlich dessen Geräusch wahr, ein Ticken, das in eine Stille einbrach, die gespenstischer nicht sein konnte. Tick, tack, tick, tack. Noch nie hatte Friedrich dieses Geräusch so eindringlich gehört wie jetzt. Er atmete tief durch und versuchte, die negativen Gedanken von sich zu schieben, die in seinem Kopf umherwirbelten wie ein eisiger Wintersturm. Er sollte jetzt besser ins Bett gehen und versuchen, noch ein bisschen zu schlafen, doch er wusste, dass er das nicht tun würde, noch nicht. Sein Blick fiel aus dem Fenster in die Dunkelheit. Vollmond. Kein Wunder, dass er nicht gut geschlafen hatte, dass er immer wieder wach geworden war, obwohl er vor Erschöpfung eigentlich hätte tief und fest schlummern müssen. Er sah einen Augenblick zum Mond hinüber, der rund und hell am Himmel stand und umgeben war von unzähligen Sternen. Friedrich mochte diesen Anblick. Der Mond hatte etwas Geheimnisvolles, Faszinierendes. Diesem Trabanten sagte man nach, Einfluss auf die Erde und seine Kreaturen zu nehmen. Seine Gravitation soll sich in den Gezeiten der Ozeane bemerkbar machen, Einfluss auf den Geburtstermin eines Kindes nehmen und sogar Macht über Straftaten haben. Die Polizeichefs im südenglischen Seebad Brighton hatten 2007 die Kurven der Mondzyklen mit denen der Kriminalitätsrate verglichen. Herausgekommen war, dass bei Vollmond die Menschen gewalttätiger waren und die Rate der Verbrechen in dieser Zeit gestiegen war. Auch wenn so mancher Wissenschaftler dieses anders sah. Friedrich lächelte. Er musste daran denken, dass er und Vera sich zum ersten Mal in einer Vollmondnacht geküsst hatten. In einem Strandkorb auf Sylt. Neun Monate später wurde ihre gemeinsame Tochter geboren. Auch in einer Vollmondnacht. Es war das schönste Ereignis seines Lebens gewesen, als er Sophie zum ersten Mal in seinen Armen hielt. Sie hatte ihn mit ihren blauen Augen staunend angesehen und die kleine Hand um seinen Zeigefinger gelegt …
   Er zog die Vorhänge zu, ging in die Küche und brühte sich eine Kanne Tee auf. Wenn er schon die Nacht zum Tag machte, konnte er genauso gut die Akten durchgehen, die er sich gestern Abend mit nach Hause genommen hatte.
   Sie hatten fünf Frauenleichen, die unter Moosen und Flechten verscharrt gewesen waren, die bei ihrem Tod etwa genauso alt waren wie Sophie heute. Dreiundzwanzig.
   Ein Spaziergänger hatte am letzten Wochenende die erste Leiche am Rande des Bramfelder Sees gefunden, nachdem sein Hund einer Spur gefolgt und ein Loch in den Boden gebuddelt hatte. Als die Spurensicherung auf eine weitere Leiche in unmittelbarer Nähe stieß, waren Leichensuchhunde eingesetzt worden, die all diese toten Frauen ausfindig gemacht hatten.
   Friedrich goss Tee in einen Becher und nahm sich noch einmal die Unterlagen vor, die er mindestens schon ein dutzend Mal gelesen hatte. Es gab keinen einzigen Anhaltspunkt auf den Mörder, keine DNS-Spuren, nichts. »Verdammt noch mal!«, murmelte er. »Was habe ich übersehen? Es muss doch irgendeinen Hinweis geben? Irgendetwas!« Bewegt nahm er noch einmal die Fotos der Frauen zur Hand, legte diese chronologisch nebeneinander auf den Tisch und sah in ihre bleichen, leblosen Gesichter. Er sah auf ihre geschundenen Körper, auf das, was von ihnen übrig geblieben war. Zwischen den Todeszeitpunkten der Frauen standen mehrere Jahre. Die zwanzigjährige Caroline Baumann war vor sieben Jahren nach ihrer Ballettstunde nicht heimgekehrt und galt seitdem als vermisst. Die beiden zweiundzwanzigjährigen Zwillingsschwestern Nele und Jana Heinrich kehrten vor zwei Jahren von einem Discobesuch nicht nach Hause zurück. Katja Busch feierte an dem Tag ihres Verschwindens, vor zwei Monaten, ihren 25. Geburtstag. Obwohl ihre Freundinnen sie am späten Abend direkt vor ihrer Haustür abgesetzt hatten, war sie dort nie angekommen. Und die neunzehnjährige Silke Wendel war auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als sie ihrem Mörder begegnete. Friedrich presste die Lippen aufeinander und schüttelte fassungslos den Kopf. Er hatte schon viel gesehen, aber so etwas wie dieses war ihm bisher noch nicht untergekommen. Die Hand um seinen warmen Becher gelegt, sah er sich die Verletzungen genauer an. Alle Frauen waren misshandelt worden. Sie hatten tiefe Striemen an Hand- und Fußgelenke, Würgemale am Hals, Schnittwunden an Brust und Bauch und Hämatome am ganzen Körper. Der Täter hatte die Frauen regelrecht zu Tode geprügelt und ihnen anschließend die Kehle durchgeschnitten. Er hatte ihnen mit einem heißen Eisen ein Brandmal gesetzt, wie es in der Zucht von Pferden gehandhabt wurde. Auf ihrer linken Gesäßhälfte prangte jeweils der Buchstabe F. Er starrte auf die Bilder. Die Ähnlichkeiten der Frauen waren verblüffend. Sie hatten die gleiche Statur und das gleiche ebenmäßige Gesicht. Sie hatten rotes Haar, blaue Augen und das Gesicht voller Sommersprossen. Als man sie fand, trugen alle das gleiche Kleid. Ein kurzes weißes Rüschenkleid, das eigentlich eher zu kleinen Mädchen passte als zu einer erwachsenen Frau. Der Täter hatte es ihnen nach ihrem Tod angezogen. Friedrich trank einen Schluck Tee und stellte den Becher ab. Ein bedrücktes Gefühl breitete sich in ihm aus. Diese Frauen waren noch so jung gewesen. Für die Eltern musste der Tod ihres Kindes ein furchtbarer Schock sein, vielleicht aber auch eine Erleichterung, denn die Ungewissheit war endlich vorbei. Sie konnten jetzt den Tod ihrer Töchter betrauern und sie zu Grabe tragen …
   Er fuhr sich über die Augen. Die Frauen wurden keine Opfer sexueller Übergriffe. Was war in dem perversen Hirn des Täters vorgegangen, als er diese Mädchen tötete? Warum hatte der Mörder sie alle am selben Ort vergraben? Verband ihn etwas mit dem See? Gehörte es zu einem Ritual? Seinem Ritual? Seufzend legte er die Fotos zurück in den Ordner und brachte seinen Teebecher in die Küche. Sie mussten dieses verdammte Schwein so schnell wie möglich kriegen. Das hier war eindeutig die Handschrift eines Psychopaten. Wenn sie ihn nicht fassten, würde er es wieder tun, immer wieder, und sich auch noch im Recht fühlen. Er würde sich seine Opfer ausgucken, sie verschleppen und töten. Und wenn sie tot waren, würde er sie waschen, ihnen ein weißes Kleid anziehen und sie verscharren. Friedrich schüttelte es bei diesen Gedanken. Auf keinen Fall durfte das passieren. Er fuhr herum, als die Haustür geöffnet wurde.
   »Papa, du bist ja noch auf«, sagte Sophie lächelnd, während sie ihren Mantel an die Garderobe hing. »Kannst du nicht schlafen?«
   Er schüttelte den Kopf. »Du kommst spät heute.«
   »Wir hatten in der Firma noch eine Gruppe italienischer Geschäftsleute«, entgegnete sie und kam zu ihm in die Küche. »Die konnten einfach kein Ende finden, mussten alles von Neuem erläutert bekommen. Und am Ende ist der Prosecco in Strömen geflossen.« Sie gähnte herzhaft. »Ich gehe ins Bett, Papa. Gute Nacht.« Sie lächelte ihn an. »Das solltest du auch tun. Du siehst ziemlich fertig aus.«
   »Gute Nacht, Sophie«, sagte er und sah ihr nach. »Sophie?«
   »Ja?«
   »Nimm dir das nächste Mal besser ein Taxi, wenn es so spät wird, und lauf nicht einfach durch die Nacht. Da draußen …«
   Sophie lächelte. »Ach, Papa, mach dir nicht immer so viele Sorgen. Was soll mir denn passieren? Ich bin doch schon groß.«
   »Ja, ich weiß, aber …«
   »Ich pass auf mich auf. Versprochen.«
   Er sah ihr bedrückt nach, als sie die Stufen zu ihrem Zimmer hinaufging. Ihre rotblonden Locken leuchteten im Schein der Flurlampe wie die Glut eines verglimmenden Feuers.
   Fast war er drauf und dran gewesen, ihr von den Frauenmorden zu erzählen, davon, dass irgendwo da draußen ein Verbrecher herumlief, der es explizit auf Frauen ihres Typs abgesehen hatte. Aber er wollte ihr keine Angst machen. Nicht heute Abend. Sophie hatte so glücklich ausgesehen. Am liebsten würde er sie nicht mehr aus den Augen lassen. Aber durfte er das? Durfte er sie in Watte packen wie ein Baby? Sophie war erwachsen, auch wenn sie immer noch sein kleines Mädchen war. Er schüttelte seufzend den Kopf. Nein, das durfte er nicht. Er und Vera hatten sie zu einem selbstständigen, freien Menschen erzogen, ganz nach Goethes Motto: Wurzeln und Flügel geben. Er durfte ihr die Flügel jetzt nicht stutzen, aber morgen früh würde er ihr davon erzählen, dann würde sie auf sich aufpassen können.
   Die Uhr im Wohnzimmer schlug drei. Friedrich rieb sich die Augen, knipste das Licht aus und ging leise ins Schlafzimmer, um Vera nicht zu wecken. Doch sie war wach. Im Mondschein sah er, wie sie sich zu ihm herumdrehte und die Bettdecke hob.
   »Komm her, mein Schatz«, flüsterte sie. »Ich wärme dich.«
   Er kuschelte sich in ihre Arme und drehte ihr den Rücken zu. Still lagen sie beieinander. Die Wärme ihres Körpers beruhigte ihn, und er spürte die Geborgenheit, die ihm so guttat.
   »Schlaf schön, mein Liebling«, murmelte sie. »Gute Nacht.«
   »Gute Nacht, mein Schatz.«
   Nach über zwanzig Jahren Ehe kannte Vera ihn in- und auswendig. Sie nahm ihn so, wie er war, liebte ihn, auch wenn er mal schlecht gelaunt war, wusste, wann er reden wollte und wann nicht. Er liebte sie über alles. Sie und Sophie waren sein Leben. Emotionen flammten in ihn auf. Er drehte sich zu ihr um und küsste sie zärtlich. Sie schlang die Arme um ihn und erwiderte seinen Kuss. Erst ganz zart, dann mit einer Leidenschaft, die ihn mitriss und in die Welt der Lust entführte, in der es keinen Platz für Verbrechen und Leichen gab. Morgen war ein neuer Tag. Im Moment aber gab es nur sie beide, und das war auch gut so.

2

»Lisa! Mach die Tür auf!« Die Stille im Bad machte Sebastian unruhig. Seit über einer Stunde war sie nun schon da drin, und es drang nicht ein einziger Laut nach außen. Weder das Rauschen des Wassers, das Klappern von Dosen und Schälchen noch das Rascheln von Kleidung waren zu hören. Angst kroch in ihm hoch und schlug hohe Wellen, als er daran dachte, wie schlecht Lisa aufgelegt war. Nicht nur heute Morgen, sondern die ganzen letzten Wochen schon. Wie ein Schatten huschte sie durch die Wohnung, beteiligte sich nicht mehr an Gesprächen und hielt sich nur noch in ihrem Zimmer auf. Womöglich ging sie nicht einmal mehr zu den Vorlesungen an die Uni. Sebastian schluckte. Er hatte sie weinen hören, hatte gesehen, wie sie immer dünner wurde, wie sich ihr Gesicht in eine starre Maske verwandelt hatte und sie sich wie ein verwundetes Tier in sich zurückzog. Er hatte nicht gewagt, etwas zu sagen, auch Rebekka und Lorenzo nicht. Sie hatten sie nur mitleidig angesehen und ihre Köpfe gesenkt, wenn Lisa durch die Wohnung schlich. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, mit den Klausuren, dem Nebenjob, mit dem Druck des Alltags. Warum tat man so was? Warum sprach man nicht aus, was man fühlte? Warum war man manchmal blind für die Belange seiner Mitmenschen? Sebastian schämte sich, in den Strudel aus Egoismus und Gleichgültigkeit gerutscht zu sein, in ein Fahrwasser, in dem man sich treiben lassen konnte, ohne aufzufallen, in dem alles Negative von einem abzuprallen schien, ein Strom, in dem sich Rituale befanden, die einem guttaten, der einen davontrug von dem Kummer und Elend anderer und aus dessen Sog man sich nicht so einfach befreien konnte. Er schüttelte den Kopf. Sie waren Weggefährten und saßen alle im selben Boot. Eigentlich wollte er Lisa schon die ganze Zeit über ansprechen, sie fragen, was ihr fehlte, warum sie so traurig war und wie er ihr helfen konnte. Warum hatte er es nicht längst getan? Weil er zu feige war? Weil Rebekka ihn davon abgehalten hatte? »Lass sie einfach in Ruhe«, hatte sie zu ihm gesagt. »Sie wird Liebeskummer haben. Da kann sie jetzt keinen verliebten Gockel wie dich gebrauchen, der sie anschmachtet.«
   Sebastian war in diesem Moment peinlich berührt gewesen. Er mochte Lisa sehr. Ja, wahrscheinlich war er sogar in sie verliebt, aber war das so offensichtlich?
   Seit einem halben Jahr wohnte Lisa nun hier in dieser Wohngemeinschaft. Er sah sie immer noch mit ihrem Koffer vor der Tür stehen. »Hallo, ich bin Lisa, die neue Mitbewohnerin.« Ihre sommersprossige Nase hatte sich beim Lächeln gekräuselt. Er hatte sie nur sprachlos ansehen können, hatte fasziniert auf ihre Locken gestarrt, in ihre blauen Augen gesehen. Hin und weg war er gewesen von ihrer Erscheinung, von dem, was sie ausstrahlte. Geduldig hatte sie ihn angesehen und in diesem Moment für taubstumm gehalten. In Gebärdensprache hatte sie dann ihr Anliegen vorgebracht. Sebastian war vor Scham puterrot angelaufen und hatte sich für sein Verhalten sofort entschuldigt. Er hatte sie in die Wohnung gebeten, ihr das Zimmer gezeigt, das für sie vorgesehen war und sie zu einem Tee in die Gemeinschaftsküche eingeladen. Sie hatten sich sofort gut verstanden, hatten den gleichen Humor und die gleichen Interessen. Sie liebten den Sport, Kriminalromane und das Malen mit Aquarellfarben, waren beide an der Universität Hamburg eingeschrieben und studierten dort auf Lehramt. Lisa in Behindertenpädagogik und Gebärdensprache, Sebastian in Deutsch und Mathematik. Es war immer schön gewesen, sich miteinander auszutauschen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie das lange nicht mehr gemacht hatten.
   Er legte sein Ohr an die Tür. »Lisa, bitte lass uns reden. Mach die Tür auf. Sag wenigstens was. Irgendwas.« Die Stille hinter der Tür nahm ihn gefangen. Es war, als würde sie ihn knebeln, ihn zerquetschen, die Luft zum Atmen nehmen. Sein Herz schlug schneller, als augenblicklich Bilder vor seinem geistigen Auge auftauchten, die Lisa in der Badewanne zeigten, mit aufgeschnittenen Pulsadern, in ihrem Blut liegend, tot. Hitze kroch in ihm hoch, bildete Schweißtropfen auf seiner Stirn. Voller Angst rüttelte er an der Türklinke. »Lisa, mach sofort die Tür auf!« Er konnte plötzlich diese Ungewissheit nicht mehr ertragen und trat mit einem heftigen Fußtritt die Tür ein. Holz splitterte. Die Tür krachte an die Wand und gab den Blick auf Lisa frei, die zusammengesunken auf dem Fußboden vor der Badewanne saß und lautlos vor sich hinweinte.
   Sebastian ließ sich neben ihr auf den Fliesen nieder. »Mensch, Lisa, was ist denn los?«
   Sie schien ihn gar nicht wahrzunehmen. Still saß sie da, mit angezogenen Beinen, um die sie ihre Arme gelegt hatte.
   »Lisa, nun sag doch was.«
   Schweigend legte sie ihre Stirn auf die Knie.
   Dicht saßen sie beieinander, so dicht, dass er ihre Wärme spürte. Am liebsten hätte er sie einfach in den Arm genommen und ihre Traurigkeit weggestreichelt, doch er rührte sich nicht. Er fühlte sich wie erstarrt, als müsste er eine unendliche Kraft aufbringen, um seinen Arm überhaupt heben zu können.
   »Lisa …«
   Er hasste solche Situationen, in denen er von Sprachlosigkeit gepackt wurde, von einer Unfähigkeit, Worte, die in seinem Kopf herumwirbelten, überhaupt über die Lippen zu bringen. Seine verdammte Schüchternheit ärgerte ihn maßlos. Warum kam diese immer dann, wenn er sie absolut nicht gebrauchen konnte? Sechsundzwanzig war er jetzt, da musste das doch wohl langsam mal vorbei sein. Schon als Kind war er von einer Befangenheit geprägt gewesen, mit jenen Menschen zu kommunizieren, die ihm ein Gefühl von Unsicherheit vermittelten. Durch seine ruhige, zurückhaltende und bescheidene Art war er sogar schon für zurückgeblieben gehalten worden. Er schluckte. Warum stellte er sich gerade jetzt so bekloppt an? Lisa und er hatten doch bisher immer über alles sprechen können. Bei ihr war von Anfang an alles so einfach gewesen, nicht wie sonst, wo er erst einmal mit einem Menschen warm werden musste. Von Beginn an hatte er ohne Scheu mit ihr reden und lachen können, die Vertrautheit zwischen ihnen war die einer stillen Verbundenheit. Er war ihr so nah, und trotzdem jetzt so fern. Sebastian wandte sich ihr zu und strich ihr zart über die Locken, die ihm wild und unbändig erschienen und doch so sanft waren wie ein kupferroter Sonnenaufgang. Ihre Verletzlichkeit ließ ihn plötzlich über sich hinauswachsen, und sein Mut kam mit großer Welle zurück, verlieh ihm wieder Zuversicht und Stärke und mit ihr die Vertrautheit, die für einen Augenblick in den Schatten seiner Zurückhaltung gewichen war.
   »Lisa, ich habe mir eben solche Sorgen um dich gemacht«, sagte er leise. »Du weißt, ich bin kein großer Redner, wenn es um Probleme geht, aber ich bin ein guter Zuhörer. Magst du mir nicht erzählen, was dich bedrückt?«
   »Das kann ich nicht«, wisperte sie.
   »Ich verstehe das, wenn man über manche Dinge nicht reden möchte, vielleicht auch nicht reden kann, weil sie einen so sehr belasten, dass man die Worte nicht über die Lippen bringt, aber glaube mir, es erleichtert, wenn man darüber spricht.« Sanft drückte er ihre Hand und suchte nach Worten, die für sie tröstend waren, die sie zum Reden ermunterten, damit es ihr endlich besser ging und sie wieder lachen konnte. »Ich weiß, wie das ist, wenn man Schlimmes mit sich herumträgt und sich niemanden anvertrauen kann, wenn keiner da ist, der dir zuhört, der dir Mut zuspricht und dir das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Ich bin für dich da, Lisa.«
   Ein Weinkrampf schüttelte sie plötzlich. Ihre Schultern zuckten und Tränen strömten über ihr Gesicht. »Mir kann niemand helfen, Basti.«
   Er zog sie an sich und wiegte sie tröstend wie ein kleines Kind in seinen Armen. »Weil alles so furchtbar ist?«
   »Ja, weil alles so furchtbar ist«, flüsterte sie. »Basti, es ist so furchtbar, dass es mich verfolgt, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Es ist so furchtbar, dass ich nachts Angst habe, die Augen zu schließen.«
   »Aber gerade dann ist es wichtig, dass du darüber sprichst, damit du es loslassen und wieder glücklich sein kannst.«
   Lisa schüttelte resigniert den Kopf und rieb sich die verweinten Augen. »Nein, Basti, das wird mich niemals wieder loslassen. Es wird mich begleiten bis ans Ende meiner Tage.«
   »Lisa, was ist los? Bist du krank? Hast du Liebeskummer? Was ist passiert? So rede doch!« In den Klang seiner Stimme mischte sich Sorge und Ungeduld. Am liebsten hätte er sie so lange geschüttelt, bis sie mit der Sprache herausrückte.
   »Nichts von alldem, Basti«, sagte sie leise, löste sich aus seinen Armen und erhob sich. Mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte, stand sie vor ihm. »Danke, dass du für mich da bist, aber ich möchte jetzt nicht darüber reden.«
   Er stand auf und berührte mit den Fingerknöcheln sanft ihre Wange. »Okay, aber wenn du mich brauchst, dann bin ich für dich da.«
   Sie nickte und verließ das Badezimmer, ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen.
   Sebastian sah ihr aufgewühlt hinterher, wie sie über den großen hellen Flur zu ihrem Zimmer hinüberging, vorbei an den bunten Aquarellbildern, die sie beide gemalt hatten, um der weißen Tapete einen Hauch von Fröhlichkeit zu verleihen, vorbei an vollen Bücherregalen und dem kleinen antiken Wandschrank, den sie vom Vormieter übernommen hatten. Erst, als Lisa die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, wendete er sich seufzend der Badtür zu, an deren Riegel und Holzkante man die Spuren des gewaltsamen Eintritts erkennen konnte. Er sammelte die Holzsplitter vom Boden auf und warf sie in den kleinen Mülleimer unter dem Waschbecken. Erstaunt hielt er inne, als er etwas Merkwürdiges unter den weggeworfenen Kosmetiktüchern hervorlugen sah. Neugierig zog er es heraus und begutachtete es, ohne recht zu wissen, was das für ein Teil war. Erst, als er die kleine Schachtel aus dem Mülleimer nahm und die Gebrauchsanleitung darauf las, erkannte er an den beiden roten senkrechten Strichen des Stäbchens, was das bedeutete: Lisa war schwanger.
   Perplex starrte er auf das Plastikteil in seinen Händen. Schwanger. Lisa war schwanger. Sie bekam ein Baby. Seine Hände zitterten. Mit allem hätte er gerechnet, nur nicht mit so etwas. Schwanger. Wie konnte das sein? Soviel er wusste, hatte sie doch gar keinen Freund. Und für einen One-Night-Stand war sie nicht der Typ. Das hatte sie auch einmal während einer Unterhaltung erwähnt, dass Sex ohne Liebe für sie nicht infrage kam. Vielleicht hatte sie erst kürzlich jemanden kennengelernt und sich Hals über Kopf verliebt … Sebastian schüttelte den Kopf. Was ging ihn das Ganze eigentlich an? Nichts ging ihn das an. Es war ganz allein Lisas Angelegenheit, und es blieb ihr überlassen, ob sie darüber sprechen wollte oder nicht. Wahrscheinlich musste sie die Sache mit der Schwangerschaft erst einmal selbst begreifen und verarbeiten. Beschämt warf er die Schachtel mit dem Schwangerschaftstest zurück in den Mülleimer und legte Kosmetiktücher darauf, um sie vor den Blicken der anderen Mitbewohner zu verbergen. Nein, er hatte kein Recht, sich in Lisas Privatleben einzumischen. Und wenn sie reden wollte, dann würde sie schon kommen. Sie kam immer, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte, wenn der Schuh sie drückte oder wenn sie sich besonders über etwas freute. Dann klopfte sie an seine Tür, steckte ihren Kopf durch den Spalt und fragte, ob er Zeit hätte. Klar hatte er Zeit. Er hatte immer Zeit für sie. Stundenlang konnten sie miteinander reden, über Gott und die Welt, über alles, was ihnen am Herzen lag, weil sie gute Freunde waren, die besten … Bedrückt schloss er die Tür und ließ sich auf dem Toilettendeckel nieder. Er brauchte einen Moment der Stille, um sich zu sammeln, auch, um zu begreifen, dass Lisa und er kein Paar waren, dass sie dennoch der wichtigste Mensch in seinem Leben geworden war. Er konnte ihren Duft riechen, der noch schwach im Raum hing, an den hellen Fliesen, dem verschnörkelten Spiegel, an den bunten Handtüchern, dem grünen Läufer. Veilchen. Sie liebte Veilchen … Obwohl er es nicht wollte, begannen sich die Gedanken erneut in seinem Kopf zu drehen und brachten Bilder mit, die ihn erschreckten und furchtbar traurig machten. Ein leiser Schmerz aus Enttäuschung und Eifersucht breitete sich in ihm aus, legte sich auf seine Seele und umklammerte fest sein Herz. Tränen brannten in seinen Augen, als er sich vorstellte, wie sich Lisa diesem Mann hingegeben hatte, leidenschaftlich und zärtlich. Wie er ihren Körper berührt, sich zwischen ihre Schenkel gelegt und stöhnend in sie eingedrungen war. Wie sie sich gierig aneinanderdrängten und in einem Feuerwerk der Gefühle miteinander verschmolzen. Unbändiger Zorn kochte augenblicklich in Sebastian hoch, Wut auf diesen Mann, der Lisa zum Weinen brachte und sie in diesem ganzen Dilemma offenbar allein zu lassen schien. Am liebsten hätte er ihm ausdrücklich die Meinung gesagt, ihm eines in die Fresse gehauen, so lange, bis er leblos am Boden liegen blieb. Sebastian zwang sich zur Ruhe. Er hatte kein Recht, so zu denken, es ging ihn nichts an. Lisa konnte tun und lassen, was sie wollte. Sie waren kein Paar, sie waren nur Freunde. Er bereute plötzlich, ihr nicht längst gesagt zu haben, wie sehr er sie liebte und begehrte. Nun war es zu spät, und er musste jetzt als guter Freund zu ihr stehen und für sie da sein, egal, was auch immer geschah.
   Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Er konnte sich nicht aufraffen, zum Flurschränkchen hinüberzugehen und den Hörer abzunehmen. Lisa schien es genauso zu gehen, denn auch ihre Tür blieb verschlossen. Schrill dröhnte es in Sebastians Ohren, beharrlich und nervend. Die kribbelnde Wut flatterte durch seinen Körper und krallte sich schmerzend an seine Magenwand. Er musste sich zurückhalten, nicht das Telefon aus dem Fenster zu schleudern und alles kurz und klein zu schlagen, was ihm in die Finger kam. Als das Klingeln endlich abbrach, atmete er auf, doch die Stille erschien ihm plötzlich leer und bedrückend. Er war froh, allein zu sein, froh, dass Rebekka und Lorenzo nicht zu Hause waren und sich Lisa in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Niemand durfte ihn so sehen, sprachlos und verletzlich, auf einem Tiefpunkt, der ihm die Tränen in die Augen trieb, verstrickt in eine Wut, die er kaum noch unter Kontrolle halten konnte und das ganze Ausmaß seiner Gefühle offenbarte. Sein Blick heftete sich auf die weiß gestrichene Tür, fuhr über die Zarge, an deren Rändern Farbe absplitterte und das dunkle Holz darunter sichtbar machte. Er blieb an dem lustigen Poster mit dem Sonnenblumenfeld hängen, in dessen Mitte eine einzelne Blume alle anderen überragte und ein breites Grinsen zeigte. Rebekka hatte dieses Poster vor ein paar Wochen an die Tür gehängt, damit man den Tag mit einem Lächeln beginnen sollte. Das Telefon begann erneut zu klingeln. Sebastian hielt es nicht länger im Bad. Er sprang verärgert auf, lief in den Flur und nahm den Hörer ab. »Ja?«
   »Ich muss unbedingt Lisa sprechen«, sagte jemand am anderen Ende der Leitung. Die männliche Stimme klang hektisch und ungeduldig.
   Sebastian sah zu Lisas Tür hinüber. »Sie ist im Moment nicht zu sprechen«, sagte er. »Vielleicht versuchen Sie es heute Abend noch einmal, da wird sie sicher wieder da sein.«
   »He, ich weiß, dass sie da ist«, rief der Anrufer. »Beweg verdammt noch mal deinen Arsch zu ihr ins Zimmer und hol sie mir ans Telefon! Ich will sie sprechen, und zwar sofort!«
   Diese unverschämten Worte trieben erneut eine Welle der Wut in Sebastian hoch.
   »Wer sind Sie, dass Sie in diesem Ton mit mir reden?«
   »Wer ich bin, geht dich einen feuchten Kehricht an. Und jetzt hol mir verdammt noch mal Lisa ans Telefon!«
   »Sie können mich mal kreuzweise«, entgegnete Sebastian und beendete das Gespräch. Er starrte auf das Telefon und fragte sich, was Lisa wohl mit diesem ungehobelten Typen zu tun haben könnte. Das alles ließ ihm keine Ruhe, und so klopfte er an ihre Tür und ging hinein. »Lisa, ich muss mal mit dir reden.«
   Lisa war in sich gekehrt, als wäre sie der realen Welt entrückt. Er setzte sich neben sie auf das bunte Sofa, nahm ihre Hand und sah sie besorgt an. »Lisa?«
   Schweigend blickte sie zu Boden. Tränen des Kummers liefen über ihr Gesicht.
   »Lisa … Bitte rede mit mir. Sag mir endlich, was los ist.« Er streichelte mit dem Daumen über ihren Handrücken. »Lisa, da hat eben so ein komischer Typ für dich angerufen. Keine Ahnung, wer das war. Ich habe ihm gesagt, dass er später wieder anrufen soll, aber der ließ sich nicht abwimmeln. Als er mir richtig blöd gekommen ist, habe ich einfach aufgelegt. Ich denke, er wird sich wieder melden.«
   »Ich will nicht mit ihm sprechen«, flüsterte Lisa.
   »Du weißt, wer das war?«
   Sie nickte. »Der nervt mich schon die ganze Zeit.«
   »Dein Freund?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Bernd, der Freund meines Vaters.«
   »Was will der von dir?«
   »Absolution.«
   »Absolution?«
   »Ach, Basti, das verstehst du nicht. Ich will jetzt nicht drüber reden.«
   »Ich habe den Schwangerschaftstest im Mülleimer gefunden, Lisa. Das ist doch deiner, oder?«
   Sie nickte.
   »Ist er der Vater?«
   Sie schwieg, doch ihr Gesichtsausdruck verriet Sebastian, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Er entzog sich ihrer Hand und stand auf. Lisa und der Asityp. Er konnte es nicht fassen.
   »Der Freund deines Vaters?«, sagte er. »Aber Lisa, du hast doch gesagt, er sei nicht dein Freund. Wie kann dann so was …«
   »Ja, wie kann wohl so was passieren?«, rief sie. »Bernd Rosinski, der Freund meines Vaters! Der gute Freund der Familie, der ja überall so beliebt ist, so aufmerksam und fürsorglich. Wie kann bloß so was passieren?« Wut blitzte in ihren Augen. »Dieser geile, alte Sack soll es nicht wagen, mir noch ein einziges Mal unter die Augen zu treten, sonst bring ich den um.«
   Sebastian sah sie erschrocken an. »Hat er dir Gewalt angetan?«
   »Ja, verdammt«, flüsterte sie, und angestaute Wut, Schmerz und Panik entluden sich in einem Weinkrampf. Sie schrie und wimmerte und schlug verzweifelt auf die Lehne des Sofas ein.
   Sebastian zog sie an sich und wiegte sie wie ein Kind in seinen Armen hin und her.
   »Ich kann nicht mehr, Basti«, flüsterte sie an seiner Brust. »Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Am liebsten möchte ich tot sein.«
   »An so was darfst du nicht einmal denken«, entgegnete er und strich ihr über die rotblonden Locken. »Lisa, du musst den Kerl anzeigen!«
   Sie schüttelte den Kopf. »Das geht nicht, Basti. Ich habe keinen einzigen Beweis. Niemand würde mir glauben, nicht einmal meine Eltern. Dieses Schwein hat alles kaputtgemacht.«
   »Er hat sich an dir vergangen? Wofür braucht man da noch Beweise?«
   »Ach, Basti …« Ein Weinkrampf schüttelte erneut ihren Körper.
   »Ich bin dein Freund. Du bist nicht allein, ich bin für dich da. Ich höre dir zu, und dann überlegen wir gemeinsam, was wir machen, ja? Wir kriegen das zusammen hin.«
   Sie sah ihn mit ihren verweinten Augen an und strich ihm zart über die Wange. Ein kleines Lächeln der Dankbarkeit huschte über ihr sommersprossiges Gesicht, ehe sie sich aufsetzte und langsam zu erzählen begann, was in der Nacht zum ersten Mai geschehen war. Erst stockend, dann immer fließender, als könnte sie damit die Emotionen loswerden, die sich in ihrem Innersten angestaut hatten, die sie gefangen hielten wie in einem Käfig und sich an ihre Seele hefteten mit einer Macht, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. »Es war so ein lustiger Abend … Tanz in den Mai … Erst wollte ich nicht mitgehen, aber ich ließ mich von Mama und Papa überreden. Ich könne mal wieder etwas anderes sehen als nur Bücher, hatten sie gemeint. Und dass da auch Leute in meinem Alter seien, mit denen ich Kontakte knüpfen könne.« Sie schnupfte ins Taschentuch und tupfte sich über die feuchten Augen. »Papa wollte so spät nicht noch zurückfahren, und so hatte er Zimmer in der benachbarten Pension gebucht. Das war eigentlich Bernds Idee gewesen. Ich wäre auch zurückgefahren, weil ich eh keinen Alkohol trinke, aber das wollten sie nicht.« Sie zögerte einen Augenblick. »Bernd kenne ich schon, seit ich ein kleines Kind war. Er ist wie ein Familienmitglied, wie ein Onkel … An diesem Abend aber ist er plötzlich zudringlich geworden … Er hat mich andauernd zum Tanzen geholt, und dann ist mir sein Blick aufgefallen. Anders war der als sonst, völlig unangenehm. Ich wollte nicht mehr tanzen, wollte zurückgehen an den Tisch, doch er hielt mich fest. Wie Schraubzwingen waren seine Arme plötzlich. Er tanzte mit mir aus dem Blickfeld meiner Eltern hinaus, drückte mich an sich und griff mir an den Hintern. Er fragte mich, ob ich wüsste, wie hübsch ich sei, und dass ich mit meiner Figur sogar Model werden könne. Er würde da jemanden kennen, der mir so einen Job vermitteln könne. Da würde ich die dicke Kohle kriegen, die ich doch gebrauchen könne so als Studentin. Ich sagte ihm, ich hätte kein Interesse und er solle mich in Ruhe lassen, aber er hat nur gelacht …«
   Als Lisa wieder zu weinen anfing, reichte Sebastian ihr ein Glas Wasser. »Und dann?«, fragte er leise.
   »Ich habe ihm ins Gesicht geschlagen. Da hat er mich losgelassen und sich entschuldigt. Für mich war der Abend gelaufen. Ich hatte keine Lust mehr auf diese Veranstaltung. Meinen Eltern habe ich gesagt, dass ich müde sei und bin ins Hotel. Bernd ist mir gefolgt. Er hat sich entschuldigt und mich gebeten, ihm zu verzeihen. Nie wieder würde so etwas vorkommen, hat er gesagt. Er würde sich schämen für das, was er getan hat. Und es sei doch nur ein Ausrutscher gewesen, der Alkohol, und ob wir das nicht alles einfach vergessen könnten. Ich habe ihm gesagt, dass er mich in Ruhe lassen und verschwinden soll. Er hat mich festgehalten und gesagt, wir sollten zusammen noch ein Gläschen in der Hotelbar trinken gehen und uns aussprechen, damit wir dieses Erlebnis aus der Welt schaffen können und nichts mehr zwischen uns steht. Er hat mich so verzweifelt angesehen, dass ich darauf eingegangen bin. Wir haben beide Selters getrunken, also nichts Alkoholisches. Und dann hat er mir was von seiner ersten Frau erzählt, dass die nie Verständnis für ihn hatte, die ganze Palette seiner unglücklichen Ehe. Ich habe überhaupt nicht hingehört, das interessierte mich auch nicht. Ich wollte einfach nur austrinken und ins Bett gehen.« Sie sah Sebastian traurig an. »Basti, ich habe ihm geglaubt«, sagte sie leise. »Ich habe ihm alles, was er mir erzählte, geglaubt.«
   Sebastian streichelte liebevoll ihre Wange. »Erzähl weiter, Lisa. Was ist dann passiert?«
   »Ich kann mich von diesem Moment an an nichts mehr erinnern. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich in mein Zimmer gekommen bin. Ich bin morgens in meinem Bett aufgewacht. Ich war nackt … Ich schlafe nie nackt …« Tränen rannen wieder über ihr Gesicht. »Es war Blut auf dem Laken und komische weiße Flecke«, schluchzte sie. »Und dann sah ich Bernds Jacke auf dem Stuhl liegen und seine Socken neben meinem Bett … Der muss mir K.-o.-Tropfen ins Glas getan haben …«
   »Hast du dein Glas zwischenzeitlich aus den Augen gelassen?«
   »Ja, ich war zum Klo.« Sie lehnte ihren Kopf an Sebastians Schulter. »Er hat mich vergewaltigt«, sagte sie leise. »Ich war doch noch Jungfrau. Und jetzt bin ich schwanger.«
   Sebastian war wütend. »So ein Verbrecher! Weiß er es schon mit der Schwangerschaft?«
   »Ja, ich habe es ihm gesagt. Auch das mit dem K.-o.-Tropfen habe ich ihm auf den Kopf zugesagt.«
   »Und wie hat er reagiert?«
   »Erschrocken. Er hat es nicht einmal abgestritten.«
   »Dieses Schwein! Und was gedenkt er jetzt zu tun?«
   »Er hat mir Geld angeboten …« Lisa ballte die Hände zu Fäusten. »Er will, dass ich das Baby wegmachen lasse … Und dann hat er mir zugesichert, mein Studium zu finanzieren, wenn ich die Klappe halte.«
   Sebastian zwang sich zur Ruhe. Er konnte kaum glauben, was Lisa ihm da erzählte. Dieser Bernd hatte es wirklich faustdick hinter den Ohren. Der schien sich absolut sicher zu fühlen in seinem Tun. Studium finanzieren … So würde er dann auch noch als großzügiger, guter Onkel dastehen. Fassungslos sah er Lisa an, die wieder zu weinen begann. Er zog sie sanft an sich und strich ihr beruhigend über den Rücken. Verzweifelt klammerte sie sich an ihn. Tränen benetzten sein Hemd.
   »Was soll ich denn jetzt bloß machen?«
   »Zeig ihn an, Lisa! Dieses verdammte Schwein muss die Konsequenzen für seine Tat tragen. Der gehört weggesperrt.«
   Lisa sah ihn mit großen Augen an. »Meine Eltern … Sie würden mir nicht glauben.«
   »Quatsch. Du bist ihre Tochter.«
   »Basti, sie wissen, dass ich Bernd noch nie leiden konnte. Der hat immer irgendwas an sich gehabt, was mich abgestoßen hat. Was es letztendlich war, kann ich bis heute nicht sagen. Vor ein paar Jahren habe ich sogar mal versucht, ihn aus dem Haus zu graulen, weil er mir ständig auf der Pelle saß und sich dauernd in meine Sachen eingemischt hatte. Wahrscheinlich würden sie denken, dass ich mir die Vergewaltigung nur ausgedacht habe, um ihn wieder mal loszuwerden.«
   »Das musst du in Kauf nehmen. Du kannst nicht zulassen, dass dieser Verbrecher damit durchkommt! Wer weiß, was der sonst noch alles auf dem Gewissen hat. Solche Typen machen das immer wieder. Vielleicht vergreift der sich sogar an Kinder. Dem ist doch wohl alles zuzutrauen.«
   »Ich denke darüber nach, okay?«
   Er nickte. »Und das Baby?«
   »Ich werde es bekommen.«
   »Was?«
   »Ich muss.«
   »Warum?«
   »Weil es für eine Abtreibung zu spät ist. Wir haben September. Ich müsste schon im vierten Monat sein.« Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die verweinten Augen. »Ich habe immer meine Tage gekriegt, nur in diesem Monat nicht. Ich konnte doch nicht ahnen, dass ich schwanger bin …«
   Sebastian drückte ihre Hand. »In solchen Fällen treiben die Ärzte noch ab. Lass uns gleich einen Termin machen.«
   »Nein, das kann ich nicht. Weißt du, wie weit ein Baby in diesem Stadium ist? Es hat ein Herz, das schlägt, es hat Finger und Zehen, ein Gesicht … Das ist kein Embryo mehr, es ist ein Mensch. Dieses Kind ist unschuldig, es kann nichts dafür. Wenn ich es töten ließe, könnte ich niemals mehr in den Spiegel schauen.«
   Sebastian wusste nicht, was er sagen sollte. Er musste an seine Schwester Maya denken, die vor zwei Jahren ein Baby bekommen hatte. Wie glücklich sie gewesen war, wenn sie wieder ein neues Ultraschallbild vom kleinen Leon zeigen konnte … Lisa hatte recht, aus einem keimenden Leben war mittlerweile ein Mensch geworden.
   Betroffen saßen sie da, dicht beieinander, jeder in Gedanken für sich, doch mit den gleichen Emotionen. Mit einer kribbelnden Wut unter der Haut über die Dreistigkeit des Mannes, der den guten Onkel der Familie spielte, mit einer Ratlosigkeit, die einem den Mut nahm und mit einer Angst, die Tränen in die Augen trieb. Aufgewühlt und durcheinander war ihr Innerstes wie die Wogen des Meeres, die mit Wucht an den Strand schlugen und Sand, Steine und Muschelschalen unter sich begruben.
   Die Haustürklingel schreckte sie aus ihren Gedanken. Jemand klingelte Sturm. Erstaunt sahen sie sich an.
   »Lass es klingeln«, flüsterte Sebastian, als sich Lisa vom Sofa erheben wollte.
   »Und wenn es wichtig ist? Vielleicht ist es der Postbote.«
   Sebastian schüttelte den Kopf. »Der klingelt nicht Sturm.«
   In einem Moment des Schweigens trafen sich ihre Blicke, und für einen Augenblick hüllte ein Gefühl der Geborgenheit sie ein, legte sich um sie wie ein schützender Mantel, der Wind und Wogen draußen ließ. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Vertrautheit. Sie waren Freunde, die allerbesten.
   Das Klingeln ließ nicht nach. Fäuste schlugen laut gegen die Haustür.
   »Aufmachen!«, hörten sie die aggressive Stimme eines Mannes. »Lisa, mach sofort die Tür auf, sonst schlag ich sie ein! Ich weiß, dass du da bist!«
   Lisa wurde blass. »Das ist Bernd«, flüsterte sie ängstlich. »Was will der denn hier?«
   »Ärger will der machen, was sonst. Den kann er gern kriegen.«
   Lisa hielt ihn zurück, als Sebastian aufstand.
   »Nein, Basti, bitte bleib hier! Lass ihn nicht herein.«
   Sebastian entzog sich ihrer Hand. »Der kann was erleben!«, rief er. Wütend riss er die Haustür auf.
   Der Mann vor ihm war groß und sportlich, sein kurzes, dunkles Haar an den Schläfen leicht ergraut. In seinen blauen Augen standen Sorge und Unruhe.
   »Was wollen Sie?«, zischte Sebastian.
   »Ich muss mit Lisa sprechen.«
   »Sie wird nicht mit Ihnen sprechen wollen.«
   »Das glaube ich Ihnen nicht. Lassen Sie mich sofort zu ihr!«
   Sebastian sah ihn provozierend an. »Hauen Sie ab, Rosinski, bevor ich mich vergesse! Lisa hat mir alles erzählt. Wollen Sie ihr jetzt ein neues Angebot machen? Ihr vielleicht noch mehr Geld anbieten, damit sie das Maul hält? Verschwinden Sie! Es reicht, was Sie ihr angetan haben.«
   Bernd Rosinskis Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Seine Lippen wurden zu schmalen Strichen, und in seinen Augen blitzte Zorn auf. Für einen Moment schien er die Sprache verloren zu haben, doch dann schob er Sebastian resolut beiseite. »Lass mich durch, Bürschchen«, rief er. »Das hier geht nur Lisa und mich etwas an«.
   Sebastian packte ihn am Kragen und schob ihn zur Tür hinaus. »Da irrst du dich gewaltig, mein Lieber! Mach, dass du hier wegkommst, oder ich ruf die Polizei! Wenn du irgendetwas wiedergutmachen willst, sofern das überhaupt jemals möglich ist, dann zeig dich selbst an und übernimm Verantwortung! Auch für das Kind, für dein Kind!«, fauchte er. »Ansonsten wird Lisa dich anzeigen, und dann wanderst du für Jahre hinter Gitter.«
   Rosinski versuchte, sich von Sebastians Händen zu befreien. Aggressiv schlug er gegen die muskulösen Arme, versuchte, diese wegzuschieben. Er griff nach Sebastians Händen, die sich wie Zangen in den Stoff seines Hemdes gegraben hatten. »Loslassen!«, schrie er. »Lass mich sofort los!« Erst, als sein Schlag Sebastian an der Stirn traf, ließ er von ihm ab. »Diese Schlampe wollte es genauso wie ich. Und jetzt will die mir auch noch einen Balg anhängen! Wer weiß, mit wem sie es noch alles getrieben hat und von wem das Kind überhaupt ist. Von mir ganz bestimmt nicht!«
   Sebastians Faust traf ihn mitten im Gesicht. Er hörte es knacken, sah, wie das Blut aus Rosinskis Nase lief, wie es über seine Lippen rann und im weißen Stoff seines Baumwollhemdes versickerte. Rosinski versagten die Beine, er stürzte zu Boden.
   Sebastian konnte sich nicht zurückhalten, wie er es hätte tun sollen. Wie ein Besessener trat er auf Bernd ein, immer und immer wieder. Bernd versuchte, von ihm wegzukriechen, doch es gelang ihm nicht. Unaufhörlich trafen ihn die Tritte. Sebastian hörte Lisas entsetzte Schreie, spürte, wie sie versuchte, ihn von Rosinski wegzuziehen.
   Rebekka stürzte die Stufen zur Wohnung herauf. »Aufhören!«, schrie sie. »Aufhören! Seid ihr verrückt geworden?«
   Endlich gelang es Lisa, Sebastian zurückzuziehen.
   Rebekka reichte Bernd eine Hand und half ihm, aufzustehen. »Geht’s?«, fragte sie mitfühlend. »Soll ich einen Arzt rufen?«
   Bernd schüttelte den Kopf. »Danke … nein … nicht nötig«, flüsterte er und fixierte Sebastian mit zusammengekniffenen Augen. »Das wirst du mir büßen, du Wichser!«, zischte er. Sein Blick fiel auf Lisa, die sich mit verweintem Gesicht an Sebastians Arm klammerte. »Ja, guck nur, du kleine Schlampe. Du bist fällig!« Er hielt ihr seinen ausgestreckten Arm entgegen, als hätte er eine Waffe in der Hand. »Peng, peng«, machte er und gab ein irres Kichern von sich. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er mit erhobenem Haupt die Stufen zum Ausgang hinunter. Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, starrten sie in die Richtung, in die Bernd Rosinski verschwunden war. Die Türen der Nachbarn schlossen sich leise.
   Rebekka schob ihre beiden Mitbewohner in die Wohnung, sah sich noch einmal um und schloss die Tür. »Meine Güte«, sagte sie. »Was war das denn eben? Ich glaube, ihr braucht jetzt erst einmal einen starken Kaffee«, entschied sie, hängte ihre Jacke an die Garderobe und verschwand in der Küche.
   »Ich möchte jetzt nicht mit Bekki über diese Sache reden«, flüsterte Lisa.
   »Das musst du auch nicht«, entgegnete Sebastian. »Es tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin, aber dieses Schwein …«
   »Schon gut. Er hat es verdient.« Auf dem Weg zum Bad drehte sie sich noch einmal zu Sebastian um. »Basti?«
   »Ja?«
   »Danke.« Sie tippte sich an die Stirn. »Ich bringe dir gleich ein Pflaster.«
   Jetzt erst bemerkte Sebastian die blutige Schramme an seiner linken Stirnseite. Er unterdrückte die erneut aufsteigende Wut auf Bernd Rosinski und folgte Rebekka in die kleine, spartanisch eingerichtete, aber gemütliche Küche, nahm Kaffeebecher aus dem Schrank und deckte unter Rebekkas neugierigem Blick schweigend den Tisch. Er konnte die herumwirbelnden Gedanken in seinem Kopf nicht abstellen, nicht die Emotionen, die sich wie Blei um sein Herz legten. Am liebsten wäre er jetzt für sich gewesen, doch er musste für Lisa da sein. Sie war in einer so schlechten Verfassung, dass er Angst um sie hatte, Angst, dass sie ihr Leben wegwarf. Das Bild, wie sie verzweifelt vor ihm auf den Fliesen gesessen hatte, tanzte vor seinen Augen. Ihr Blick voller Schwermut, umgeben von einer Apathie, die den Eindruck vermittelte, bereits mit ihrem Leben abgeschlossen zu haben, auch wenn sie erzählt hatte, dass sie das Kind austragen und behalten wollte. Er kannte diesen Blick …
   Wiederholten sich Begebenheiten im Leben? Kamen sie in anderer Verpackung wieder? Oder kratzten nur die nahen Ereignisse an der wunden Oberfläche seiner Seele, auf seinen Narben, die von Zeit zu Zeit immer wieder aufbrachen? Es war ihm, als hätte er das alles schon einmal erlebt … Ein Schmerz durchzog plötzlich seinen Körper, als stäche man ihm ein Messer direkt in die Brust. Johanna … Nein, er wollte nicht daran erinnert werden, er wollte nicht an sie denken, nicht jetzt, nicht noch einmal diesen Schmerz durchleben, der ihm das Leben so unerträglich gemacht hatte. Verzweifelt biss er sich auf die Lippen, um nicht loszuheulen. Johanna … Sie war seine große Schwester gewesen. Sie hatte den gleichen Blick gehabt wie Lisa, kurz bevor sie sich die Pulsadern aufgeschnitten und ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte. Nur wegen eines Mannes, der sie von vorn bis hinten verarscht hatte mit seinen Liebesschwüren. Und als er sie dann herumgekriegt hatte, mit ihm zu schlafen, hatte er sie verlassen. Für Johanna war es die große Liebe gewesen, für diesen Kerl nur ein Spiel. Obwohl seitdem viele Jahre vergangen waren, war der Tag, an dem seine Schwester starb, immer noch allgegenwärtig…
   Sie hatte ihm vorgelesen. Räuber Hotzenplotz. So, wie sie es immer getan hatte, wenn er abends schlafen ging. An diesem Abend aber waren ihr unentwegt Tränen über die Wangen gelaufen.
   »Johanna, warum weinst du denn?«, hatte er sie gefragt.
   »Ich weine doch gar nicht«, hatte sie geantwortet und sich mit dem Ärmel ihres Pullis über die Augen gewischt. »Das sieht nur so aus.« Dann hatte sie das Buch zur Seite gelegt und ihn lächelnd angesehen. Ganz komisch war ihm zumute gewesen. Ihr Blick hatte etwas Seltsames an sich gehabt, etwas Unergründliches. Er hatte ihm Angst gemacht. Niemals hatte sie ihn so angesehen, niemals war sie so zärtlich mit ihm umgegangen wie an jenem Abend.
   »Mein kleiner, lieber Basti …«, hatte sie zögernd gesagt. »Ab Morgen wirst du deine Lieblingsgeschichten selbst lesen müssen.«
   »Aber warum denn?«, hatte er gefragt.
   »Weil selbst Lesen schlau macht. Und weil ich nicht mehr da sein werde, um dir beim Lesen lernen zu helfen.«
   Er hatte sich gefragt, warum sie das sagte. Warum sie sich so seltsam benahm. Wie eine Erwachsene war sie ihm vorgekommen, dabei war sie gerade erst siebzehn Jahre alt geworden. Sprachlos hatte er sie angesehen, und Tränen waren ihm vor Angst in die Augen getreten. Und als hätte sie die herumwirbelnden Gedanken in seinem Innersten erraten, die vielen Fragen, die sich still in seinem Kopf festgesetzt hatten und unfähig waren, über seine Lippen zu kommen, und als hätte sie die Unruhe in seinem Herzen gespürt, hatte sie ihn in den Arm genommen und fest an sich gedrückt. »Basti, nicht weinen«, hatte sie geflüstert. »Ich werde immer bei dir sein, kleiner Bruder. Ich werde dich immer lieben.« Sie war aufgestanden und gegangen. Er hatte sie nie wiedergesehen. Der Kuss, den sie ihm zum Abschied gegeben hatte, brannte immer noch auf seiner Stirn, und der Vanilleduft ihres Haares schien ihn seitdem zu verfolgen, sich in den Ecken seines Zimmers zu verkriechen. Es war, als wäre sie immer noch da. Aber sie war tot, eingebettet in einem hellen Sarg unter dunkler Erde. Er fühlte sich schuldig, denn er wäre der Einzige gewesen, der sie hätte zurückhalten können. Er hatte es nicht getan.
   Wie aus weiter Ferne hörte er seinen Namen, spürte, wie jemand ihm die Tassen aus der Hand nahm.
   »Lass mich das machen.«
   Lisa hatte sich noch nichts angetan, so wie Johanna … sie lebte … sie war da … Das Herz klopfte wild in seiner Brust. Sie würde sich nichts antun, weil sie das Baby unbedingt behalten wollte. Er atmete tief durch und ließ sich auf einen Stuhl nieder. »Lisa …« Sebastian fühlte Hände auf seinen Schultern. Warm und beruhigend strichen sie über sein Hemd.
   »Basti, was ist mir dir? Geht’s dir nicht gut?« In Rebekkas Stimme lag Panik.
   »Vielleicht hat er eine Gehirnerschütterung«, hörte er Lisa sagen.
   Erschrocken bemerkte er, dass er für einen Augenblick völlig abwesend gewesen war. Die Erinnerungen an Johanna machten ihn fertig. Jedes Mal, wenn er an sie dachte, machten sie ihn fertig. Er durfte nicht mehr an sie denken, nie mehr daran, dass er schuld an ihrem Tod gewesen war. Es war schon so lange her. Das alles gehörte längst der Vergangenheit an. Er musste versuchen, sie aus seinem Leben zu verbannen, damit er nicht doch irgendwann auf der Strecke blieb. Aber durfte man das? Jemanden aus seinem Leben verbannen? Aus seiner Erinnerung? Sie war doch seine Schwester. Er konnte sie nicht einfach vergessen! Er hatte sie so lieb gehabt …
   Verzweifelt fuhr er sich über die brennenden Augen. Vielleicht musste er sich doch professionelle Hilfe holen, um aus diesem Loch herauszukommen. Aber sagte man nicht, dass man die Situation noch einmal durchleben musste, noch einmal die Trauer spüren, um wieder zu sich selbst finden zu können? Konnte er das überhaupt ertragen?
   »Basti, nun sag doch was! Was ist denn los mit dir?« Lisa weinte.
   »Sebastian!« Rebekka schüttelte ihn energisch an den Schultern.
   Er entzog sich ihren Händen. »Keine Sorge«, murmelte er. »Alles okay. Mir ging nur gerade etwas durch den Kopf.«
   Die Frauen sahen ihn unsicher an.
   »Bist du sicher, dass du keinen Arzt brauchst?«, fragte Rebekka. »Du machst einen ziemlich desolaten Eindruck.«
   Sebastian nickte. »Ziemlich sicher.«
   »Okay, wenn du meinst.«
   Während Rebekka die Tassen mit Kaffee füllte, desinfizierte Lisa die Schramme auf seiner Stirn und klebte ein Pflaster darauf. »Zum Glück ist es keine Platzwunde«, sagte sie. »Aber achte trotzdem darauf, dass die sich nicht noch entzündet.«
   »Danke«, murmelte er.
   Rebekka sah von einem zum anderen. »Was war denn eigentlich los? Was wollte der Typ von euch?«
   Lisa warf Sebastian unauffällig einen warnenden Blick zu und setzte sich neben ihn an den Tisch.
   »Ach, nicht besonderes«, antwortete Sebastian. »Der meinte wohl, eine alte Rechnung begleichen zu müssen.«
   »Welche Rechnung?« Rebekka sah zu Lisa hinüber, die ihren Becher mit beiden Händen umklammerte und in die Keksdose starrte. »Hat er euch bedroht?«, bohrte sie weiter. »Nun spannt mich doch nicht so auf die Folter. Ich sehe doch, dass ihr beide völlig fertig seid.«
   »Bekki, sei bitte nicht böse, aber ich möchte jetzt nicht darüber reden«, sagte Lisa. »Der Typ wollte nichts von Basti, er wollte was von mir. Basti hat damit gar nichts zu tun. Er wollte mich einfach nur beschützen.«
   »Okay, Süße, aber wenn du reden möchtest, dann bin ich für dich da, ja?«
   »Danke.«
   Sie blickten auf, als sich die Haustür öffnete und Lorenzo in den Flur trat. »Oh, hier riecht es nach frischem Kaffee«, rief er, hängte seine Jacke an die Garderobe und kam in die Küche. »Ist noch ein Tässchen über?« Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er sich einen Becher aus dem Schrank und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Sein Blick fiel auf Sebastians Pflaster. »He, was hast du denn gemacht? Bist du gegen einen Pfahl gelaufen oder hattest du eine Begegnung der dritten Art?« Er lachte herzhaft und nahm einen Schluck Kaffee, den Rebekka ihm eingeschenkt hatte. »Oh, Mensch, Leute«, rief er. »Ihr seht ja aus, als wäre jemand gestorben.« Er sah von einem zum anderen. »Ist irgendwas passiert, das ich wissen sollte?«
   »Der übliche Stress des Studentenlebens«, antwortete Rebekka. »Du scheinst mir heute ganz besonders gut gelaunt zu sein. Lass mich raten, du bist mal wieder bis über beide Ohren verliebt.« Sie lachte.
   Lorenzo rollte mit den Augen, als hätte er gerade eine Suppe gegessen, die besonders köstlich schmeckte. »Ich sag euch … Eine unglaubliche Frau! Sophie … Ein Engel auf Erden.« Theatralisch hob er die Hände zum Himmel. »Mama mia … so geheimnisvoll, so süß, so wortgewandt, jede ihrer Sommersprossen ein Hit.«
   »Oha.« Rebekka lachte. »Die Frau scheint ja wohl mächtig Eindruck auf dich gemacht zu haben.«
   »Dieses Mal ist alles anders«, sagte er, »Ganz anders. Die Frau meines Lebens. Ich habe sie gefunden.«
   Lisa und Sebastian warfen sich einen scheuen Blick zu. Ihre Hände fanden sich unter der Tischplatte, berührten sich zart, umschlossen sich. Plötzlich war ihnen klar, dass nicht nur Freundschaft sie verband, sondern auch die Liebe füreinander. Sie hatte sich in ihre Herzen geschlichen, in ihr Leben, leise und kontinuierlich, nicht erst seit heute, wo heftige Ereignisse aufeinandergetroffen waren, vor einiger Zeit schon, sie hatten es nur nicht gemerkt, wollten es vielleicht auch gar nicht merken. Womöglich, weil Liebe oft mit Schmerz und Leid verbunden war, mit Tränen, Verlust und Angst. Aber traf das nicht auch auf ein Leben zu, das von Liebe und Leidenschaft nicht geprägt war? Niemand konnte sich dem Schmerz entziehen, den das Leben mit sich brachte. Es sei denn, man verschloss fest sein Herz und ließ weder Liebe herein noch hinaus.
   »Ich muss noch mal weg«, sagte Lisa, stand auf, stellte ihren Becher in die Spüle und verließ mit schnellen Schritten die Küche. Sebastian sah ihr nach. Am liebsten wäre er ihr gefolgt, doch er wusste, dass er Lisa jetzt gehen lassen musste, damit sie das Gefühlschaos in ihrem Inneren ordnen und wieder Ruhe in ihr Leben bringen konnte. Sie würde sich nichts antun, jetzt nicht mehr. Sie brauchte eine Zeit für sich, diese wollte er ihr geben. Alle Zeit der Welt wollte er ihr geben, damit sie irgendwann zusammen glücklich sein konnten.

3

Als Annemarie den Friedhof betrat, um am Grab ihrer Schwester Blumen niederzulegen, dämmerte bereits der Abend. Annemarie mochte diese besondere Atmosphäre, die Stille, die sich über Gräber und Grünflächen legte, die durch Zweige kroch, sich auf Grabsteinen und Skulpturen niederlegte und sich mit dem Tau des Abends verband. Sie liebte diese alten Laubbäume und die vom Efeu umwachsenen steinernen Engel. Hier wurde ihr immer wieder die Vergänglichkeit ihrer selbst bewusst. Sie stellte die bunten Lilien in eine Vase, zündete eine Kerze an und fuhr mit den Fingerspitzen über den braunen Grabstein mit der Inschrift: »Nicht gestorben, nur vorausgegangen.«
   Ob das wirklich so war? Begegnete man sich irgendwann wieder? In einer Zwischenwelt? Im Himmel? In der Hölle? Machte man dort weiter, wo man aufgehört hatte? Wollte sie das überhaupt? Ihre Schwester wiedersehen? Eine Träne lief ihr über die Wange. »Mach’s gut, Schwesterherz«, flüsterte sie und ging weiter.
   Sie schlenderte durch die Reihen der Gräber, ließ Namen und Blumen auf sich wirken, sah dem ersten gelbem Laub nach, das von den Bäumen herabfiel. Wie kleine Lichtblitze kam es ihr vor, wie es so durch die Luft flatterte und zwischen den feuchten Gräsern liegen blieb. Ein Schwarm Gänse flog laut schnatternd über sie hinweg. Sie sah ihnen nach, und Gefühle des Abschieds und der Wehmut machten sich in ihr breit.
   Annemarie lief schneller, sie wollte nicht über Abschiede nachdenken. Nicht heute, nicht jetzt. Hinter ihr im Laub raschelte es, sie drehte sich nicht um. Sie hatte keine Angst. Die Tiere der Nacht erwachten zum Leben. Sie lachte. Leben in einem Park des Todes. Hier war niemand, nicht um diese Zeit. Keiner würde ihr hier auflauern und ihr den Hals umdrehen. Das gab es nur im Film.
   Dann bog in einen engen Weg ein. Der kleine See vor ihr lag friedlich im schwindenden Tageslicht. Im 19. Jahrhundert wurde dieser noch als Viehtränke benutzt. Annemarie ließ sich auf eine Bank nieder und sah auf die dunkle Wasseroberfläche, auf der sich die am Ufer stehenden Bäume spiegelten. Die ersten Sterne zeigten sich am Himmel, Wolkenfetzen zogen vorbei. Sie liebte diesen Platz. Hier konnte sie den Alltag vergessen, die trüben Gedanken loswerden, die sie bis in ihre Träume verfolgten. Sie seufzte. Das Leben konnte manchmal grausam sein, es war nicht alles schön, es war auch gefährlich. Für eine Weile blieb sie auf der Bank sitzen und sah auf die alte Eiche neben ihr, auf deren Ästen ein Taubenpärchen herumflatterte. Bilder ihrer Kindheit schoben sich vor ihr geistiges Auge. Wie sie eines Abends mit ihrer Schwester auf die Eiche am Rande ihres Grundstücks geklettert war, um über die hohe Hecke in den Nachbargarten blicken zu können, wo regelmäßig jeden Freitagabend Partys stattgefunden hatten. Mit aufgerissenen Augen und offenen Mündern hatten sie durch die hell erleuchteten Fenster geschaut, hinter deren Scheiben sich Dinge zutrugen, die für sie neu und unfassbar gewesen waren und für die Augen Außenstehender sicherlich verborgen bleiben sollten. Musik und Lachen waren zu ihnen herübergeklungen. Es wurde getanzt und getrunken.
   »Guck mal, was die da machen?«, hatte Franziska geflüstert.
   Annemarie war ihrem Blick gefolgt. Und während ihre Schwester vor sich hinkicherte, hatten ihr die Ereignisse in der Villa Angst und Bange gemacht. Da waren Leute gewesen, die sich begrapschten, die sich gegenseitig die Kleider vom Leib rissen und ihre Körper aneinander rieben. Ein Pärchen war nackt durch den Garten gelaufen, lachend, um sich küssend im Gras niederzulassen. Erschrocken hatte Annemarie auf das riesige Glied des Mannes gestarrt, das zwischen den Beinen der Frau verschwand. Sie hatte sich plötzlich als Eindringling gefühlt, hatte Scham und Ekel bei diesem Anblick empfunden. »O mein Gott«, hatte sie gemurmelt. »Komm, lass uns abhauen.«
   Doch Franziska wollte mehr sehen, immer mehr. Sie konnte nicht genug davon kriegen. »Spinnst du?«, hatte sie geflüstert. »Jetzt, wo es spannend wird, mach ich mich doch nicht aus dem Staub.«
   Gestöhne und spitze Schreie drangen zu der Baumkrone herauf. Annemarie war entsetzt gewesen. »Das ist doch widerlich«, hatte sie geflüstert. »Ich guck mir diesen Schweinkram hier nicht länger an. Komm jetzt sofort mit, oder …«
   »Oder was?«
   Annemarie hatte geschwiegen. Sie hatte plötzlich die Lust in den Augen ihrer Schwester gesehen, hatte gesehen, wie sie ihren Rock gehoben und ihre Hand zwischen ihre Beine gelegt hatte, hatte gesehen, wie sie sich rieb und drückte, wie ihr Blick einen verklärten Ausdruck annahm und ihr Atem schneller ging. Annemarie hatte es nicht fassen können, dass ihre Schwester so etwas tat, direkt vor ihren Augen.
   »Franziska, lass uns sofort gehen!«
   »Ich bleibe hier!«
   »Nein, du kommst jetzt mit!«
   »Du hast mir gar nichts zu sagen.«
   Fassungslos hatte sie ihre Schwester angesehen. »Dann lass mich durch. Ich gehe jetzt! Wenn du so pervers werden willst wie die da unten, dann bitte!« Sie war aufgestanden und mit dem Fuß von einem Ast abgerutscht. In Panik hatte sie den Zweig über sich ergriffen und Franziska aus Versehen angestoßen. Wie in Trance hatte sie ihre Schwester fallen sehen, hatte gesehen, wie sie unten auf dem Rasen aufschlug, wie sie dalag mit verdrehten Gliedern und geschlossenen Augen …
   Ihre Mutter hatte ihr die Schuld gegeben und sie dafür bestraft, dass Franzi ein gehbehindertes Dasein leben musste, eine lange Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen war. Konnte man ihr so einfach die Schuld zuweisen? Sie waren damals gerade mal vierzehn und fünfzehn Jahre alt gewesen. Sie waren noch Kinder.
   Annemarie presste die Zähne aufeinander und ballte die Hände zu Fäusten. Sie wollte nicht mehr über diese verdammten Zeiten nachdenken, sich nicht mehr daran erinnern, dass sie diejenige gewesen war, die von ihrer Mutter zur Rechenschaft gezogen wurde. Völlig zu Unrecht. Es war ein Unfall gewesen. Sie wollte sich auch nicht mehr an die junge blonde Frau von nebenan erinnern, die eilig ihre Klamotten übergezogen und Franziska Erste Hilfe geleistet hatte. Das alles gehörte längst der Vergangenheit an und hatte mit ihrem heutigen Leben nichts mehr zu tun. Vierundzwanzig Jahre war das bereits her, eine Ewigkeit. Geschehenes konnte man nicht ändern. Vorbei war vorbei.
   Franzi gab es nicht mehr. Sie war tot, gestorben bei einem Autounfall kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag vor acht Jahren. Annemarie schlug den Kragen ihres Mantels hoch und machte sich auf dem Weg zum Ausgang. Das Leben ging weiter, ohne Wenn und Aber.
   Die Straße am Friedhof war jetzt, kurz nach acht, fast menschenleer. Annemarie brauchte keinen Stau mehr zu befürchten. Der Feierabendverkehr war vorbei, sie würde freie Fahrt nach Hause haben. Sie stieg ins Auto und startete den Motor. Musik schallte aus den Lautsprechern. ABBA, ihre Lieblingsgruppe. Sie stellte das Radio lauter. Leise sang sie mit, während sie durch die Straßen fuhr.
   Die Stadt sah schön aus im Schein der Straßenlaternen, so friedlich. Zufällig sah sie ein Mädchen auf dem Fußweg stehen, das sich gegen die Belästigungen eines Mannes zu wehren schien. Beherzt hielt sie am Straßenrand an, ließ die Beifahrerscheibe herunter und rief der jungen Frau zu, ob sie Hilfe brauche. Als das Mädchen sie mit verweinten Augen ansah, erkannte Annemarie die Not darin und forderte die Frau auf, zu ihr ins Auto zu steigen.
   »Du bleibst hier!«, rief der Mann und griff nach ihrem Arm. »Wir beide haben noch etwas zu klären.«
   »Hau ab und lass mich in Ruhe«, schrie sie. »Wir sehen uns vor Gericht wieder.« Dann stieg sie zu Annemarie ins Auto.
   Annemarie gab Gas und brauste davon. Im Rückspiegel sah sie, wie der Mann ihnen wütend nachsah.
   »Danke«, sagte das Mädchen leise und schnallte sich an.
   Annemarie musterte sie von der Seite. Sie hatte hübsches Haar. »Hat er Ihnen was getan? Soll ich Sie zur Polizei fahren?«
   »Nein, nicht nötig. Sie können mich an der nächsten Ecke rauslassen. Ich wohne gleich da drüben.«
   Annemarie fuhr in eine Parkbucht und ließ das Mädchen aussteigen. »Passen Sie auf sich auf.«
   »Das mach ich. Danke noch mal für alles.«
   Annemarie sah ihr nach, bis sie im gegenüberliegenden Haus verschwunden war. »Was für ein Tag«, murmelte sie, ordnete sich auf der Fahrbahn ein und bog an der nächsten Kreuzung Richtung Autobahn ab. Sie lächelte. In einer halben Stunde würde sie zu Hause sein. Sie würde sich ein heißes Bad einlassen, eine Kleinigkeit essen und es sich vor dem Fernseher gemütlich machen. Morgen war ein neuer Tag, vielleicht ein besserer als heute.

4

Sigrun blickte gähnend aus dem Fenster. Sie hatte schlecht geschlafen. Immer wieder waren ihr diese Frauen durch den Kopf gegangen, die sterben mussten, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren. Alle Morde trugen die gleiche Handschrift. Sie fragte sich, warum der Mörder ihnen nach ihrem Tod ein weißes Kleid angezogen und ein Brandmal gesetzt hatte. Der Täter wollte offenbar ein Zeichen setzen, aber welches? Sie rieb sich die müden Augen und sah den Wolkenfetzen hinterher, die vom Wind davongetragen wurden. Zwischen dem ersten Mord und denen an den Zwillingen lagen sieben Jahre, zwischen den letzten beiden fünf Wochen. Der Serienkiller … mäßig bis durchschnittlich intelligent, suchte seine Opfer aus seiner Wohnumgebung in einem Radius von dreißig Kilometern aus, verscharrte sie alle an gleicher Stelle am Ufer des Sees. Fundort war nicht gleich Tatort. Er machte sich die Mühe, seine Opfer zu waschen und sie einzukleiden. Warum? Also lebte er in der Stadt als normaler Mensch wie du und ich. Er war womöglich verheiratet, hatte Kinder, kümmerte sich liebevoll um seine Familie. Der nette Nachbar von nebenan …
   Was machte diesen Mann so gefährlich? Es ging ihm nicht um Sex, denn keine dieser Frauen wurde vergewaltigt. Um was dann? Spielte die konkrete und detaillierte Tatgestaltung eine Rolle? Folgte der Täter während der Tat dem Handlungsfaden, der in der Fantasie entwickelt wurde? Ein Mord, der im Nachhinein mehrfach durchlebt wurde und vorübergehend Befriedigung verschaffte, bis es zu einer emotionalen Abkühlung und zu einer neuen Tat kam? Ausgelöst als Folge von mangelndem sozialem Erfolg und Status? Spielten Faktoren wie frühkindliche Verletzungen mit? Familiäre Kälte und Gewalt? Dann würde es bald ein neues Opfer geben. Wieder eines mit rotblonden Locken und Sommersprossen, eine junge Frau, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte …
   Sigrun lief ein Schauder über den Rücken. So weit durfte es nicht kommen. Sie mussten dieses Schwein so schnell wie möglich finden. Sie wandte sich vom Fenster ab, ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an und nahm sich vor, heute nicht mehr über diesen Fall nachzudenken. Ihr freier Tag war viel zu schade, um ihn mit Tod und Verderben und mit dem Psychogramm eines Mörders zu füllen. Sie wollte einfach nur Luft schnappen, sich vom Alltag erholen und die Stunden genießen, die nichts mit Arbeit zu tun hatten. Sie holte einen Becher aus dem Schrank, legte einen Teebeutel hinein, ging ins Bad und stellte die Dusche an.
   Das warme Wasser prickelte auf ihrer Haut, nahm Shampoo- und Seifenreste mit und vertrieb die bleierne Müdigkeit. Mit geschlossenen Augen stand sie da, fuhr sich durchs Haar und stellte die Dusche abschließend auf kalt. Sie keuchte, als das eisige Wasser über ihren Körper lief und ihr die Luft nahm. Der plötzliche Wechsel half, ihre Gräser- und Birkenpollenallergie einigermaßen in den Griff zu bekommen. Der Arzt aus der Pathologie, Dr. Braun, hatte ihr dazu geraten, nachdem sie mit rot geschwollenen Augen und laufender Nase vor ihm gestanden hatte. Er hatte ihr die Schädlichkeit der Medikamente bewusst gemacht, die bei langjähriger Einnahme das Blutbild verändern konnten. Eine plötzliche kalte Dusche dagegen, hatte er gesagt, würde das Immunsystem ankurbeln, das sich dann wiederum gegen die Allergie wehrt. Von Jahr zu Jahr spürte sie mehr und mehr die Verbesserung ihrer frühsommerlichen Allergie. Sie stieg aus der Dusche und hüllte sich in ein warmes Handtuch. An der Haustür klingelte es. Erstaunt sah sie auf die Uhr. Die Post konnte es nicht sein, auch nicht ihre Freundin Simone.
   Es klingelte wieder. Dieses Mal aufdringlich und ausdauernd. Sigrun fragte sich, wer das wohl sein konnte. Auf keinen Fall würde sie jetzt einfach so die Haustür aufmachen. Sie schlich sich auf Zehenspitzen durchs Wohnzimmer in den Flur und schaute durch den Spion. Friedrich! Was machte der denn hier? Sie öffnete die Tür und ließ ihn herein. »Chef, was ist los? Ist irgendwas passiert?«
   Er rieb sich die Hände und sah sich um. Seine Augen waren rot unterlaufen, Müdigkeit zeichnete sich in seinem Gesicht ab. »Wir haben schon wieder eine Leiche«, sagte er und sah sie an. »Ich weiß, Sie haben heute frei, Krüger, aber …«
   »Schon gut, Chef«, sagte Sigrun, »geben Sie mir fünf Minuten.«
   Sie eilte zurück ins Bad, föhnte ihre Haare, stieg in ihre Jeans und zog sich einen Pullover über. Der Tee musste warten. »Wir können«, sagte sie, während sie zu Mantel und Handtasche griff und in ihre Stiefel schlüpfte.
   Um ein schnelles Durchkommen in der Stadt zu ermöglichen, setzte Friedrich Blaulicht und Sirene ein. Der Fundort der Leiche am Rande des Alsterkanals war großzügig abgesperrt worden. Neugierige und Journalisten standen dicht gedrängt an der Banderole und starrten dorthin, wo Mitarbeiter der Spurensicherung ihre Arbeit verrichteten.
   »Wissen Sie schon, ob es der gleiche Täter war? Der, der die Frauen ermordet hat«, wollte eine Reporterin wissen.
   »Kein Kommentar«, wetterte Friedrich. »Und keine Fotos! Es wird bald einen Pressetermin geben.« Zielstrebig lief er durch die Menge. »Machen Sie Platz. Lassen Sie uns durch! Gehen Sie nach Hause, hier gibt es nichts zu sehen.«
   Sigrun folgte ihm auf dem Fuß. Sie hätte kotzen können über die Frechheiten, die sich am Rande eines Tatortes abspielten, über die neugierigen Blicke und über Handys und Fotoapparate, die aus der Tasche gezogen wurden, um das Ereignis in Bildern festzuhalten. Wahrscheinlich würden in Kürze die ersten Fotos und Filme im Internet zu sehen sein. Das waren keine Menschen, das waren emotionslose Bestien. Katastrophentouristen. Sie fand es unmöglich, dass Leute hier extra auftauchten, um zu glotzen. Sensationslüstern, eiskalt und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie viel Leid hinter all dem steckte und wie viel Tränen der Trauer flossen. Das war kein Film, es war traurige Realität.
   »Mama, was hat die Frau?«, hörte Sigrun einen kleinen Jungen hinter sich fragen. »Warum liegt die da?«
   »Nicht jetzt, Ben«, zischte die Mutter und zog ihr Kind mit sich, um besser sehen zu können.
   Sigrun platzte der Kragen. »Was sind sie bloß für eine Mutter!«, fauchte sie. »Das hier ist kein Kinderspielplatz. Machen Sie, dass Sie mit Ihrem Sohn hier wegkommen, sonst sorge ich persönlich dafür, dass das Jugendamt vor Ihrer Tür steht!« Unter Sigruns ernstem Blick trat die Frau den Rückzug an, warf aber hin und wieder einen Blick zurück, bevor sie in eine Seitenstraße einbog und verschwand.
   Sigrun stellte sich neben Friedrich und blickte auf die tote Frau zu ihren Füßen, die mit aufgerissenen Augen und verdrehten Gliedern in ihrem Blut lag. »Weiß man schon, wer sie ist?«, fragte sie ihn.
   »Nein, noch nicht«, antwortete er. Er drehte sich um und zeigte auf einen Mann, der hinten in einem Einsatzfahrzeug saß und seinen Kopf in die mit Handschellen gefesselten Hände stützte.
   »Er soll sie gefunden haben. Hat angeblich Futter für seine Hasen gesucht.«
   Sigrun betrachtete den Mann aufmerksam. »Wieso angeblich? Wer ist er?«
   »Franz Wenzel. Hat fünfzehn Jahre wegen Mordes an drei Frauen eingesessen. Vor acht Jahren ist er auf freien Fuß gesetzt worden. Eine Spaziergängerin hat die Polizei alarmiert, nachdem sie beobachtete, wie Wenzel die Leiche nach Wertsachen absuchte.«
   »Ich glaube nicht, dass er es war, Chef.«
   »Wir werden ihn trotzdem mitnehmen, vielleicht hat er irgendwas gesehen.« Friedrich sah auf den Pathologen hinab, der neben der Leiche kniete. »Können Sie schon etwas über die Todesursache sagen, Dr. Braun?«
   »Ich denke, es war der Schnitt in den Hals«, antwortete Dr. Braun. »Todeszeitpunkt liegt etwa zehn bis zwölf Stunden zurück, also gestern Abend zwischen 22:00 Uhr und Mitternacht. Der Fundort ist nicht der Tatort. Die Frau muss sich heftig gewehrt haben. Ihr Körper weist jede Menge Kratzspuren, Hämatome und Würgemale auf.« Er drehte die Leiche zur Seite, sodass man ihre entblößte linke Gesäßhälfte sehen konnte. »Hier, schauen Sie mal. Die gleiche Handschrift wie bei den anderen Frauen.«
   Friedrich und Sigrun starrten auf das in der Haut eingebrannte »F«.
   »Und doch scheint der Mörder mit seinem Ritual gebrochen zu haben«, mutmaßte Friedrich. »Er hat die Frau weder verscharrt noch umgekleidet. Er hat sie getötet und sie hier an Ort und Stelle abgelegt. Aussehen und Alter fallen auch aus dem Rahmen.«
   »Könnte es ein Trittbrettfahrer gewesen sein?«, fragte Sigrun.
   »Theoretisch schon, aber woher hätte er das mit dem Brandmal wissen sollen?«
   Sigrun ging um den Tatort herum und sah sich um. Überall lag Müll. Leere Flaschen, Plastiktüten, benutzte Kondome. Als sie im Gras ein kleines Fläschchen mit der Aufschrift GHB fand, zog sie einen Handschuh über und steckte es in eine Tüte. »Chef, ich habe da was.«
   Friedrich sah sich die kleine braune Flasche an. »Liquid Ecstasy«, murmelte er und wandte sich sogleich den Mitarbeitern der Spurensicherung zu. »Ich will, dass Sie hier alles einsammeln, was Sie finden können«, sagte er.
   Sofort machten sich diese ans Werk, den Tatort noch weitläufiger abzusperren, als er ohnehin schon war und alle Dinge einzupacken, die vielleicht zu der Ergreifung des Täters führen konnten.
   »Sie sind eine gute Spürnase, Krüger«, sagte Friedrich lächelnd.
   »Danke, Chef. Hoffen wir mal, dass sich der Aufwand lohnt und wir den Mörder bald fassen.

5

Von einem Nebel umgeben und einer unheimlichen Stille geprägt, standen Häuser und Bäume da, als trügen sie Trauer, als wären es einfach nur leere Hüllen ohne Leben. Der Herbst malte seine Farben auf das Laub und hinterließ Spuren in Vorgärten und auf Dächern und Straßen. Ein Eichhörnchen huschte über den Gehweg und verschwand im Blattwerk einer hohen Eiche. Die ganze Nacht hatte Sebastian wach gelegen, hatte sich nach dem Klimpern eines Schlüsselbundes gesehnt, nach Lisas Schlüsselbund, den sie immer in die kleine Schale auf dem Flurschrank warf, wenn sie nach Hause kam. Er hatte vom Bett aus durch die Scheibe in den dunklen Himmel gestarrt und gehofft, das Klacken der Haustür zu hören, das Rascheln ihrer Jacke, wenn sie diese an die Garderobe hing, das leise Schnarren ihrer Zimmertür beim Öffnen und Schließen. Vergeblich hatte er in die Nacht gestarrt. Lisa war nicht nach Hause gekommen.
   Er lief durch die vom Tau benetzten, menschenleeren Straßen und suchte nach ihr. Gefangen von einer Panik, die durch jede seiner Zellen kroch, die ihn festhielt und Bilder heraufbeschwor, die ihn lähmten. Wo war Lisa? Wo war sie hingegangen? Was sollte er bloß tun? Die Polizei alarmieren? Aber was sollte er denen sagen? Dass Lisa öfter mal über Nacht weggeblieben war? Dass aber jetzt eine ganz andere, neue Situation eingetreten war? Dass er einen Suizid befürchtete aufgrund eines Missbrauchs? Sebastian rieb sich die brennenden Augen. Warum nur wusste er so wenig von ihr? Wer waren ihre Freunde, was ihre Lieblingsplätze? Warum fiel ihm nichts von dem ein, was sie in Unterhaltungen über sich preisgegeben hatte? Sie muss doch irgendwann einmal von sich erzählt haben? Vielleicht sollte er die sozialen Netzwerke durchforsten, ob er dort etwas über sie fand? Tränen der Verzweiflung traten ihm in die Augen und verschwammen seinen Blick. Verdammt noch mal! Er lief schneller, rannte fast, als könnte er damit Ängste und Gedanken hinter sich lassen. Lisa, wo bist du? Ein Jogger kam ihm mit einem Hund entgegen. Sollte er ihn fragen? He, haben Sie eine junge Frau gesehen? Meine Freundin … Sein Mund blieb verschlossen, keine Silbe kam ihm über die Lippen. Der Labrador des Joggers blieb einen Augenblick bei ihm stehen, beschnüffelte den Stoff seiner Jeans und ließ sich von ihm streicheln. Er sah ihm nach, als er seinem Herrn hinterherlief.
   Warum war er bloß nicht gleich darauf gekommen? Tiere! Lisa liebte Tiere über alles. Sie hatte einmal erwähnt, dass gerade Tiere auf Menschen tröstend einwirken konnten. Dass niemand sie als Kind so gut verstehen konnte wie die Tiere. Tiere waren ihre Freunde gewesen. Sie hatte einmal gesagt, dass sie sich in das Herz eines Menschen schleichen und zum Freund, Vertrauten und Seelentröster werden konnten. Dass Tiere einen liebten, egal, wer man war und was man tat. Dass sie einen liebten, ganz ohne Einfluss auf Aussehen und Besitz. Sie liebten den Menschen seiner selbst Willen und bereicherten ihr Leben oft von einer ganz besonderen Seite. Sebastian rannte die Straße hinunter und stieg in die U 2. Es konnte gut sein, dass sie im Tierpark war. Als er die U-Bahnstation verließ und die breite Straße überquert hatte, erkannte er Lisa schon von Weitem. Sie saß auf einer Bank, gegenüber dem großen, von steinernen Elefanten gesäumten Tor vor dem noch geschlossenen Zoo, eingemummelt in ihrem dicken Schal, die Kapuze über den Kopf gezogen, die Hände auf ihren Schoß gelegt.
   Sebastian fiel ein Stein vom Herzen. Er setzte sich zu ihr auf die Bank und nahm ihre Hand. »Ich habe mir furchtbare Sorgen um dich gemacht, wo warst du die ganze Zeit? Ich habe überall nach dir gesucht.«
   »Herumgelaufen bin ich.«
   »Die ganze Nacht?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich war bei Moni, einer Kommilitonin.« Sie hielt inne, sah Sebastian aus müden Augen an und legte ihren Kopf an seine Schulter. »Weißt du, Basti, das alles gestern … die Sache mit Bernd, die Gespräche in der Küche … das alles hat mich plötzlich so eingeengt. Ich fühlte mich wie in einem Käfig, eingesperrt, als würden dicke Mauern mich umgeben und mich jeden Augenblick zerquetschen.«
   Sebastian rieb ihr die kalten Hände. »Das verstehe ich. Solche Situationen kenne ich auch. Manchmal überschütten sie uns mit ihrer ganzen Bandbreite, und dann möchte man einfach nur allein sein. Wie geht es dir? Du siehst aus, als wärest du halb erfroren.«
   »Geht so«, antwortete sie leise.
   Sebastian stand von der Bank auf. »Schau mal da drüben, da hat schon der kleine Bäckerladen auf. Was hältst du von einem heißen Kakao und einem Brötchen? Und hinterher können wir, wenn du Lust hast, zusammen in den Zoo gehen.«
   Ein Lächeln huschte über ihr blasses Gesicht. »Okay. Du hast mich überzeugt.«
   Der heiße Kakao tat gut. Er wärmte ihre durchgefrorenen Glieder und brachte ihre Gemüter in einen Zustand der Ruhe und des Trostes wie bei Großeltern, die ihren Enkelkindern Kakao und Kekse vorsetzten, wenn diese nachts aus einem Albtraum erwachten und Tränen der Angst vergossen.
   Schweigend saßen sie sich an einem kleinen Ecktisch gegenüber und bissen in ihre mit Käse belegten Brötchen.
   »Danke, dass du für mich da bist«, begann Lisa das Gespräch. »Es tut mir leid, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast.«
   Er lächelte. »Ist schon okay.«
   »Weißt du, mir sind letzte Nacht so viele Dinge durch den Kopf gegangen. Was richtig ist und was falsch. Ich bin momentan so dünnhäutig, habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn ich mir noch mehr zumute. Ich würde Bernd am liebsten eher heute als morgen im Knast sehen, eingesperrt hinter Schloss und Riegel für das, was er mir angetan hat, aber bis dahin wird es ein langer, steiniger Weg sein. Er wird es abstreiten. Und meine Eltern würden mir nicht glauben … Und jetzt mit der Schwangerschaft … Die flippen aus, wenn sie davon erfahren …«
   »Willst du damit sagen, dass Bernd ungeschoren davonkommen soll?«
   Lisa stellte ihren Becher ab. »Nein, das soll es nicht heißen. Bernd wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen können. Du hast ihm gestern zu verstehen gegeben, dass er sich selbst anzeigen soll. Er wird bestimmt darüber nachdenken. Ich gebe ihm noch ein bisschen Zeit.«
   »Aber …«
   Lisa griff in ihre Tasche und nahm einen Briefumschlag heraus. »Ich war gestern noch beim Arzt.« Sie zog ein Ultraschallbild aus dem Umschlag und schob es Sebastian hin. »Hier, das ist der kleine Mensch in meinem Bauch. Ich habe daran gedacht, das Baby abzutreiben, auch an eine Adoption habe ich gedacht …« Sie schluckte. »Und auch an den Tod …« Ein Lächeln erhellte für einen Augenblick ihr Gesicht. »Letzte Nacht habe ich das Kind zum ersten Mal gespürt … Es hat sich bewegt. Ganz zart. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings hat es sich angefühlt. Als wollte es mir sagen: Hier bin ich, hab mich einfach nur lieb.« Sie drückte Sebastians Hand. »Den Stress einer Anklage halte ich im Moment nicht durch. Ich habe keine Kraft mehr. Vielleicht würde ich sogar das Leben des Babys gefährden. Das möchte ich nicht. Ich will dieses Kind nicht verlieren.« Sie sah ihn mit Tränen in den Augen an. »Vielleicht hört es sich jetzt etwas komisch an, aber ich liebe es jetzt schon, dieses kleine Menschenkind. Bernd wird seine gerechte Strafe bekommen. Wenn er sich nicht selbst anzeigt, dann werde ich es tun, aber nicht jetzt. In ein paar Wochen vielleicht.«
   Die Zuversicht und die Freude, die Sebastian in Lisas Augen sah, gab ihm die Leichtigkeit zurück, die ihm seit gestern abhandengekommen war. In ihre Augen war der Glanz zurückgekehrt, und auch ihr Leben. Ein Glücksgefühl erfasste ihn. Die alte Lisa schien zurück, die Lisa, die sich bisher nie unterkriegen ließ, die immer voller Hoffnung in die Zukunft geblickt hatte. Sebastian lächelte. »Was auch immer du tun willst, ich unterstütze dich. Du bist nicht allein. Wir schaffen das.«
   »Wir?«
   »Ja. Wir.«
   Sie lächelte. »Danke.«
   Nachdem sie ihren Kakao ausgetrunken und das Brötchen gegessen hatten, machten sie sich auf den Weg in den Zoo, der mittlerweile seine Pforten geöffnet hatte. Sie nahmen den Eingang in das achttausend Quadratmeter große Tropen-Aquarium. Die frei lebenden Kattas im Eingangsbereich brachten sie mit ihrer lustigen Art zum Lachen. Lisa und Sebastian ließen sich auf einer Bank nieder und beobachteten das neugierige Treiben der Halbaffen, die sich mit ihren schwarz-weiß geringelten Schwänzen durch den Raum hangelten und sie neugierig beäugten. Als sich das Katta-Männchen »Obi« für einen Augenblick auf ihren Schoß setzte und an einem Blatt kaute, hielt Lisa vor Überraschung die Luft an.
   Ganz still saß sie da in freudiger Erregung. »Guck mal, wie süß«, flüsterte sie.
   Der Halbaffe sprang auf einen Ast, um die Besucher, die in den Raum traten, interessiert zu betrachten.
   »Hast du gesehen? Er hat auf meinem Schoß gesessen.«
   Sebastian lachte. »Ja, das habe ich.« Ihre Begeisterung steckte ihn an.
   Sie spazierten durch die mit vielen Pflanzen bewachsene Halle, vorbei an Krokodilen und Schildkröten, vorbei an Terrarien und Aquarien. Immer wieder blieben sie stehen, sahen den frei fliegenden Vögeln nach, die von Ast zu Ast flatterten und nahmen fasziniert Einsicht in den Lebensraum der Tiere, die sie nur von Fotos her kannten. Für einen Augenblick war die Welt in dieser subtropischen Landschaft wieder geradegerückt, die Sorgen und Ängste vergessen. Vor der vierzehn Meter langen und über drei Stockwerke hohen Panoramascheibe des Hai-Atolls nahmen sie auf der Tribüne Platz und genossen den faszinierenden Blick in die bunte Unterwasserwelt. Haie schwammen vorbei, zogen ihre Bahnen, Rochen, Goldmakrelen und Zackenbarsche. Es war, als befänden sie sich selbst in den Tiefen des Ozeans, in einer Stille, die nicht stiller sein konnte. Die Dunkelheit und die Wärme um sie herum kamen ihnen wie ein schützender Mantel vor. Sebastian spürte Lisas Blick auf sich ruhen, doch er traute sich nicht, sie anzusehen. Sein Herz begann heftig zu klopfen, als er Lisas warme Hand auf der seinen fühlte.
   »Basti?« Ihre Stimme war ein leises Flüstern.
   Er sah sie an. In ihren Augen funkelte das Licht des Aquariums, die bunten Farben des Meeres, die Bewegung der Fische. Er schluckte, als Lisas Kopf so dicht vor seinem war, dass sich fast ihre Nasenspitzen berührten. »Ja?«
   Zart fanden sich ihre Lippen und verschmolzen zu einem innigen Kuss. Es war, als existierten nur sie beide, in einer Welt zwischen Licht und Schatten, in einem Meer voll mit bunten Fischen, dort, wo es nicht friedvoller sein konnte.
   »Das war schön«, flüsterte Sebastian.
   »Ja.« Sie lächelte. »Wollen wir weitergehen?«
   Er nickte und nahm ihre Hand. Dieser Tag war zu etwas ganz Besonderem geworden. Zu einem Ja zum Leben.
   Sie verließen das Tropen-Aquarium und begaben sich in die Parkanlage des Tierparks.
   Lisa blieb stehen und sah ihn an. »Dieser Kuss …«, sagte sie zögernd. »Niemals habe ich solche Gefühle für jemanden empfunden wie für dich. Ich möchte aber nicht, dass du wegen des Babys …«
   Sebastian zog sie zärtlich zu sich heran. »Jetzt hör mal gut zu«, fiel er ihr ins Wort. »Als ich dich das erste Mal sah, habe ich sofort gewusst, dass du etwas ganz Besonderes bist. Du hast dich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlichen und dich darin eingenistet. Ich möchte mit dir zusammen sein und dir beistehen.« Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und sah sie mit ernstem Blick an. »Als ich dich im Badezimmer gesehen habe, so verzweifelt, da hatte ich auf einmal solche Angst um dich. Ich habe gemerkt, wie sehr ich dich liebe. Ich will dich nicht mehr verlieren, Lisa, und dazu gehört auch das Baby.«
   Eine Weile standen sie da in inniger Umarmung, mit dem Bewusstsein, dass sie sich gefunden hatten und sie nichts mehr trennen konnte. Die Hände ineinander verschlungen, liefen sie durch die Parkanlage und freuten sich wie kleine Kinder über Giraffen und Gnus, Elefanten und Affen. Sie ließen sich am Rande einer Teichanlage auf einer Bank nieder, um den Enten und Flamingos zuzuschauen.
   »Es ist schön hier«, sagte Lisa leise. »Als ich zuletzt hier war, muss ich etwa zehn gewesen sein. Ich fragte meine Oma damals, warum die Flamingos rosafarben seien. Der liebe Gott hat sie so geschaffen, damit die Welt ein bisschen bunter ist, hat sie gesagt. Findest du nicht auch, dass sie recht hat?«
   »Deine Oma war eine wirklich kluge Frau«, antwortete Sebastian lachend. »Wo sie recht hat, hat sie recht.« Er zögerte. »Wie wäre es jetzt mit einer kleinen Stärkung? Pommes, Currywurst?«
   Sie stand auf, ballte ihre Hände und gab ein leises Knurren von sich. »Ich habe Hunger wie ein Wolf.«
   »Na, dann mal los.« Er lachte und zog sie mit sich.
   In dem Café, das sie aufsuchten, herrschte geschäftiges Treiben. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch und bestellten Pommes und Cola. Lisas Blick blieb an einem bunten Kinderwagen hängen, in dem ein Baby aus Leibeskräften schrie. »Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie das alles einmal sein wird«, sagte sie. »Studium und Baby …«
   »Da wächst du hinein«, entgegnete Sebastian.
   Sie steckte sich eine Gabel mit Pommes frites in den Mund. »Du hast recht. Andere schaffen das ja auch.« Sie lächelte. »Wie hast du mich heute Morgen eigentlich gefunden?«
   »Ich habe mich daran erinnert, dass du einmal gesagt hast, dass Tiere dich trösten können.«
   »Daran kannst du dich noch erinnern?«
   »Hm.«
   Sie grinste. »Auch wenn sich das vielleicht merkwürdig anhört, Tiere waren für mich schon immer so etwas wie Freunde. Als ich klein war, hatte ich eine Katze, Minka hieß die, die kam immer dann zu mir, wenn ich besonders traurig war. Dann kuschelte sie sich dicht an mich und schnurrte mir leise ins Ohr, als sänge sie mir ein Trostlied …« Lisa trank einen Schluck Cola und sah Sebastian mit einem sentimentalen Blick an. »Irgendwann, wenn ich mehr Zeit habe, möchte ich gern wieder ein Tier haben. Vielleicht wieder eine Katze … oder vielleicht auch einen Hund, mit dem man bei Wind und Wetter hinausgehen muss. Und du? Magst du auch Tiere?«
   Er grinste. »Du hättest damals mal Bonnie und Clyde sehen sollen, meine beiden Farbratten. So manchem habe ich damit Angst eingejagt. Ich bin sicher, du hättest sie gemocht.«
   Sie lachte. »Ja, das glaube ich auch. Ich hätte auch …« Sie sah an ihm vorbei und verstummte. Ein Schatten zog über ihr Gesicht.
   »Lisa, was ist los?«, rief Sebastian erschrocken. »Ist dir nicht gut?«
   »Bernd … da hinten steht Bernd«, murmelte sie.
   Sebastian folgte ihrem Blick und blieb an einem Pärchen hängen, das sich von seinem Platz erhob und das Lokal verließ. Die Frau an Bernds Seite, nicht viel älter als Lisa, gab ein albernes Kichern von sich, als er seine Hand für einen Augenblick auf ihren Hintern legte. Lisa sah aus, als hätte sie hineinschlagen können in das Gesicht des Mannes, in sein dämliches Grinsen.
   Hass stieg in Sebastian auf. Was machte dieser Mann hier? Musste er gerade heute hier auftauchen? Lisa sah ihnen nach. Das lange rotblonde Haar hatte die Frau zu einem Pferdeschwanz gebunden. War die denn blind? Was wollte sie nur von einem Mann, der ihr Vater sein könnte?
   Lisa stand auf und wollte offenbar auf Bernd zugehen, doch Sebastian hielt sie zurück.
   »Das hat keinen Sinn«, sagte er. »Du erreichst damit nur, dass du dich noch mehr über ihn ärgerst.«
   »Aber ich muss das Mädchen doch warnen«, rief Lisa. »Vielleicht macht er mit ihr das Gleiche wie mit mir?«
   »Sie wird nicht auf dich hören«, meinte Sebastian. »Eher wird sie dich für eifersüchtig halten. Du siehst doch, wie sie ihn ansieht.«
   Lisa blieb stehen. In ihren Augen schimmerten Tränen. »Ich kann es nicht glauben. Der macht sich hier einen flotten Tag, als wäre nichts passiert.« Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Scheiße«, murmelte sie. »Mir wird immer klarer, dass er nie und nimmer Verantwortung für sich und andere übernehmen wird. Er wird sich nicht anzeigen. Dazu ist er zu oberflächlich und zu feige. Ich werde es tun, Basti. Ich werde ihn anzeigen und in den Knast bringen.

6

»Ich war es nicht«, rief Franz Wenzel. »Ich habe nichts getan! Sie können mir nicht so einfach einen Mord anhängen!«
   Friedrich stellte ihm einen Kaffee hin und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. »Herr Wenzel, niemand will Ihnen hier einen Mord anhängen«, sagte er. »Fakt ist, Sie waren am Tatort und sind dabei beobachtet worden, wie Sie die Leiche nach Wertsachen durchsucht haben.«
   Wenzel sah ihn verzweifelt an. »Aber deshalb bin ich doch kein Mörder! Ich war das nicht, das müssen Sie mir glauben!« Er hielt inne. »Ich habe sie da liegen sehen … Meine Güte, Sie wissen doch, wie das manchmal ist. Es reitet einen der Teufel.«
   »Und dann haben Sie ihr erst einmal den Schmuck abgenommen. Und die Tasche haben Sie wahrscheinlich auch sofort geleert?«
   »Ich habe keine Tasche gesehen … Herr Kommissar, Sie müssen mir glauben, ich habe ihr nichts getan!«
   »Wenn ich Sie daran erinnern darf, Sie haben drei Frauen ermordet und deshalb fünfzehn Jahre hinter Gittern gesessen. Das wollen wir nicht außer Acht lassen.«
   Verzweiflung stand in Wenzels Augen. »Ich habe meine Strafe abgesessen! Damals war ich betrunken. Christa, Pia und Sonja haben mich gedemütigt … Sitzen da zusammen und ziehen über mich her. Ausgelacht haben die mich, mich hin und her geschubst, mich lächerlich gemacht …, da bin ich ausgerastet. Ja, ich habe sie geschlagen, und gewürgt habe ich sie auch, aber ich habe sie doch nicht umgebracht! Ich war damals wie von Sinnen. Und als dann der Vorhang wegen dieser dämlichen Kerze plötzlich Feuer fing, bin ich in Panik geraten und einfach abgehauen. Mensch, ich wollte doch nicht, dass sie sterben …« In seinen Augen standen Tränen. »Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich anders reagieren. Ich habe das nicht gewollt! Es war ein Unglück.« Wenzel fuhr sich über die Augen. »Hören Sie, ich habe dieser Frau nichts angetan. Das schwöre ich bei Gott.«
   »Sie hätten die Polizei rufen müssen, aber stattdessen haben Sie Leichenfledderei begangen.«
   »Meine Güte, ich bin doch auch nur ein Mensch! Als ich die Frau da habe liegen sehen, hat mich fast der Schlag getroffen. Ich wollte doch erst nur mal gucken. Und dann habe ich den Schmuck gesehen. Ich bin auf Hartz IV, was glauben Sie, wie ich da lebe! Am Existenzminimum. Ich bin froh, wenn ich einigermaßen über die Runden komme. Mit Flaschensammeln und Tafel.« Aus seinen Worten sprach Verzweiflung. »Die Frau war tot. Ich habe gedacht, die braucht das Zeugs nicht mehr … Jaja, ich weiß, dass ich übers Ziel hinausgeschossen bin, aber ein Mörder? Nein, das bin ich nicht!«
   Friedrich sah ihm an, dass er die Wahrheit sprach. »Für den Moment können Sie gehen«, sagte er. »Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung.«
   Franz Wenzel nickte, erhob sich schwerfällig von seinem Platz und verließ mit leisen Schritten das Büro. Friedrich sah ihm gedankenverloren nach. Wenzel war voller Panik gewesen, sodass ihm der Schweiß von der Stirn gelaufen war. Seine Hände hatten sich fahrig auf seinen Knien bewegt, und in seinen Augen hatte es unruhig geflackert. Verbarg er doch etwas, oder war es nur die Angst, aufgrund seiner Vergangenheit abgestempelt und vorverurteilt zu werden? Acht Jahre auf freiem Fuß, das wollte er sich bestimmt nicht kaputtmachen. Seufzend griff Friedrich zum Telefon. »Ich brauche den Bericht der KTU«, sagte er. »Ist der schon da? Was? Abgeholt? Ach so. Danke.« Er legte auf, rieb die Hände aneinander und ließ den Blick über den Papierkram auf seinen Schreibtisch schweifen, wobei er an einem gerahmten Foto seiner Familie hängen blieb. Vera und Sophie am Strand von Westerland. Sie strahlten ihn an. Im Hintergrund ein wolkenloser Himmel und die Wellen der Nordsee. Friedrich nahm es in die Hand und fuhr mit den Fingerspitzen über das Glas. Eigentlich sollten sie es öfter machen, einfach die Koffer packen und losfahren. So wie früher. Wie oft hatten sie sich am Wochenende ins Auto gesetzt und waren an die See gefahren. Sie waren den Strand entlanggewandert, hatten mit Sophie Muscheln und Steine gesammelt und zwischendurch Brötchen mit sauren Heringen verspeist. Sie waren auf Pferden durch die Dünen geritten, lachend am Meeressaum entlanggaloppiert, sodass das Wasser nur so hochspritzte …
   Vielleicht sollte er einfach mal wieder so ein Wochenende organisieren.
   Er blickte auf, als Sigrun Krüger ins Büro trat.
   »Sie sind ja noch da, Chef«, sagte sie. »Wollten Sie heute nicht früher gehen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sie ihm einen Aktenordner hin. »Die ersten Untersuchungsergebnisse von KTU und Gerichtsmedizin.«
   »Und?«
   »Die Tote hat einen Namen. Rita Sambetzki, 46 Jahre alt, geschieden, alleinstehend. Sie war Fachärztin der Kinderkardiologie an der Uniklinik. Gewohnt hat sie in der Eppendorfer Landstraße. Man hat ihre Handtasche in einem Gebüsch nahe dem Tatort gefunden. Den Striemen an den Hand- und Fußgelenken nach zu urteilen, muss sie gefesselt gewesen sein. Sie hat Hämatome und Würgemale. Sie muss sich heftig gewehrt haben. Das Brandmal am Gesäß ist kurz vor ihrem Tod entstanden. Sie hatte noch Geschlechtsverkehr. Ob sie vergewaltigt worden ist, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Es gibt keinerlei Verletzungen, die darauf hindeuten. Die Todesursache war eindeutig der Schnitt in den Hals. Die Tatwaffe wurde bisher nicht gefunden.«
   »Gibt es Zeugen?«
   »Ja, es gibt jede Menge Zeugen, die gesehen haben wollen, wie sie durch die Mönckebergstraße gerannt und in die U-Bahn am Rathaus eingestiegen ist. Manche sagen, sie sah gehetzt aus, wie auf der Flucht. Sie soll sich immer wieder panisch nach jemanden umgedreht haben.«
   »Sind die Überwachungsvideos von der Bahn angefordert worden?«
   »Die werden gerade ausgewertet.«
   Nachdenklich lehnte sich Friedrich in seinen Stuhl zurück und fuhr sich das Haar. »Wissen Sie, was mir einfach nicht in den Kopf gehen will, Krüger? Weshalb hat diese Frau nicht um Hilfe gerufen, wenn sie verfolgt wird. Sie hätte die Polizei verständigen oder sich einfach nur jemandem anvertrauen können.«
   »Vermutlich hatte sie Angst. Vielleicht wollte sie es, ist aber nicht mehr dazu gekommen«, sagte Sigrun. »Also, wenn ich mir vorstelle, ein Killer wäre hinter mir her, dann würde ich erst einmal versuchen, ihn abzuschütteln.« Sie warf einen nachdenklichen Blick zum Fenster hinaus. »Ich denke, die Angst ist wohl das Schlimmste überhaupt. Sie lähmt. Wissen Sie noch? Die kleine Antonia Bentani, die vor Angst weggelaufen ist, anstatt sich jemandem anzuvertrauen?«
   »Ja, daran kann ich mich nur zu gut erinnern«, antwortete Friedrich.
   »Mit der Zivilcourage mancher Leute ist es auch nicht weit her«, fuhr Sigrun fort. »Die meisten gucken nicht einmal richtig hin. Und warum? Weil sie selbst eine Scheißangst haben, in etwas hineinzugeraten.«
   Friedrich strich über den Ordner mit den Unterlagen. »Das ist wohl wahr«, sagte er. »Angst kann den Menschen umkrempeln, sein ganzes Leben durcheinanderbringen, sie kann direkt krank machen.« Er hielt einen Augenblick inne. »Ich frage mich, was diesem Täter durch den Kopf geht. Wo soll man so einen Menschen einordnen? In die Kategorie ‚Psychopath‘? Was geht in ihm vor? Was ist es, was ihn zum Töten antreibt? Warum hat er die toten Frauen gewaschen und ihnen ein weißes Kleid angezogen? Weil er eine besondere Beziehung zu weißen Kleidern hat? Zu rothaarigen und sommersprossigen Frauen? Und dann die Affinität zu diesem Ort, wo er sie über all die Jahre verscharrt hat. Was macht diesen so besonders? Und jetzt, da begeht er wieder einen Mord, dieses Mal in einer anderen Art und Weise. Was sind seine Motive? Rache? Hass? Oder will er von den toten Frauen ablenken, nachdem wir sie gefunden haben?« Er klopfte mit den Fingerspitzen auf den Ordner. »Man könnte meinen, es gibt zwei Täter, aber das glaube ich nicht. Das Brandmal ist augenscheinlich identisch mit denen der anderen Frauen.«
   Sigrun schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es gibt einen zweiten Täter, Chef. Solche Eisen kann man überall kaufen. Besonders in der Grillsaison. Mit Buchstaben und ganzen Sätzen. Mein Steak, dein Steak. Den Mörder der Frauen vom Bramfelder See würde ich mit einer Persönlichkeitsstörung belegen. Seine Taten tragen alle die gleiche Handschrift. Diese Frauen wurden, im Gegensatz zu Rita Sambetzki, schwer misshandelt, bevor sie getötet wurden. Sambetzki war ein völlig anderer Frauentyp, dunkler, älter. Diese Morde kommen mir vor wie zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe.«
   »Das sieht auf den ersten Blick so aus, aber mein Instinkt sagt mir etwas anderes. Ich denke, der Täter will uns an der Nase herumführen. Was ist mit den K.-o.-Tropfen? Gibt es DNS-Spuren?«
   »Nein, keine DNS zu finden, aber genau wie bei den anderen Frauen wurden Spuren von Liquid Ecstasy nachgewiesen«, antwortete Sigrun. »Die Fingerabdrücke auf dem Fläschchen konnten noch nicht zugeordnet werden. Was wir aber haben, sind grüne Faserspuren unter ihren Fingernägeln.«
   Friedrich dachte über diese Informationen nach und rieb sich schweigend die Augen.
   Sigrun erhob sich. »Feierabend, Chef! Sie sehen aus, als brauchen Sie dringend ein paar Stunden Schlaf. Ich fahre jetzt nach Hause. Das sollten Sie auch tun. Es war ein harter Tag.«
   Seine Kollegin überraschte ihn immer wieder mit ihrer spontanen, temperamentvollen Art. »Okay, Krüger, dann treffen wir uns morgen früh um 8:00 Uhr wieder«, sagte er. »Wir sollten dann Sambetzkis Wohnung noch einmal inspizieren und ihr gesamtes Umfeld unter die Lupe nehmen.«
   »Okay, Chef«, entgegnete Sigrun. Sie lächelte. »Gute Nacht. Bis morgen.« Leise schloss sich hinter ihr die Tür.
   Friedrich hörte Sigruns Schritte im Flur langsam verhallen, dann holte ihn die Stille wieder ein. Einen Augenblick überlegte er, ob er die Unterlagen mit nach Hause nehmen und diese noch durchgehen sollte, doch er entschied sich dagegen. Entschlossen verstaute er den Ordner in die Schublade seines Schreibtisches und ergriff seine Jacke. Morgen war auch noch ein Tag. Er würde Pizzen bestellen, eine Flasche Wein öffnen und mit Vera einen schönen Abend verbringen. Er würde mit ihr über Gott und die Welt reden und für eine kurze Zeit die furchtbaren Dinge, die in seinen Ermittlungen allgegenwärtig waren, vergessen. Das war auch gut so. Er griff zum Handy und rief seine Frau an, um ihr zu sagen, dass er gleich nach Hause käme.

Als Friedrich mit den Pizzen, die er unterwegs bestellt und abgeholt hatte, zu Hause eintraf, hatte Vera schon den Tisch gedeckt und eine Flasche Chianti geöffnet. Sie freute sich, Friedrich wieder einmal den ganzen Abend da zu haben. »Ich habe uns einen Salat dazu gemacht«, sagte sie lächelnd, nahm ihm die Pizzakartons ab und gab ihm einen Kuss. »Sophie will uns heute Abend ihren neuen Freund vorstellen«, flüsterte sie geheimnisvoll.
   Friedrich lachte und hängte seine Jacke an die Garderobe. »Da bin ich aber mal gespannt.«
   So war sie, seine Familie, offen und herzlich, und sie sorgte für jede Menge Überraschungen. Sie gab ihm Kraft und brachte ihn auf andere Gedanken. Sie war sein Lebenselixier, sein Nest, seine Geborgenheit. Sie war sein Ein und Alles. Er sah Vera nach, wie sie in der Küche verschwand. Sie war nicht nur eine leidenschaftliche Köchin, Ehefrau und Mutter, sie war auch eine Journalistin mit Herz und Seele. Sie engagierte sich für Kinder und Frauen in Not und arbeitete gerade an einer Reportage über eine Frau aus Riad, die gegen die Unterdrückung von Frauen in ihrem Land kämpfte. Friedrich war stolz auf Vera und glücklich darüber, dass sie ihn so liebte und nahm, wie er war. Lächelnd ging er ins Bad. Die schnelle Dusche weckte seine Lebensgeister und nahm ihm die Müdigkeit, die sich schwer wie Blei in seinem Körper breitgemacht hatte. Er rasierte sich und putzte sich die Zähne. Sein Spiegelbild sah ihn mit großen blauen Augen an, präsentierte die kleine Narbe an seinem rechten Nasenflügel, ein Andenken aus der Jugendzeit. Aus Unaufmerksamkeit war er damals mit dem Fahrrad auf ein parkendes Auto geprallt. Das Glas des kaputten Rücklichtes hatte die zarte Haut an der Nase aufgeschnitten, was er erst später zu Hause bemerkt hatte. Seine Mutter war sofort mit ihm zum Arzt gefahren. Wider Erwarten brauchte die Wunde aber nicht genäht zu werden, er hatte einfach nur ein Pflaster auf die Nase geklebt bekommen, was ihm eine Zeit lang den Spitznamen »Pflasterkasper« eingebracht hatte. Außer Vera hatte er bisher niemanden davon erzählt, es wäre ihm peinlich gewesen, da er vom Unfallort einfach abgehauen war. Aber damals, als Kind, hatte er nicht wissen können, dass man das nicht tun durfte.
   Das Knarren der Haustür und das Rasseln von Schlüsseln ließ ihn innehalten. Sophie. Sie war nach Hause gekommen.
   »Ich bin’s«, hörte er auch schon ihre Stimme, in der Freude lag und ein Hauch von Überdrehtheit, die immer dann hervorkam, wenn die Anspannung sie gefangen nahm. Friedrich lachte, während er sich die Hände abtrocknete. Seine kleine Sophie. Irgendwie war sie immer noch das kleine Mädchen von damals, das vor Aufregung rote Bäckchen bekam und von einem Fuß auf den anderen trippelte. Als er aus dem Bad kam und ins Wohnzimmer trat, strahlte sie ihn an.
   »Papa«, rief sie und umarmte ihn. Die Sommersprossen auf ihrer Nase schienen zu tanzen, was ihr einen Ausdruck von Übermut und Spitzbübigkeit verlieh. Sie zog den jungen Mann an ihrer Seite näher zu sich heran. »Papa, das ist Lorenzo. Ich habe ihn auf einem Seminar kennengelernt.«
   Friedrich musste zugeben, dass Sophies Freund eine überaus sympathische Erscheinung war. Sein offenes Lachen und der feste Händedruck vermittelten ihm einen standhaften Charakter. Als er die beiden jungen Leute so innig miteinander sah, breitete sich so etwas wie Eifersucht in ihm aus, und er fragte sich, ob das wohl allen Vätern so ging, wenn sich ihre Töchter das erste Mal ernsthaft verliebten. Aber so war das Leben. Die Kinder bekamen eines Tages Flügel und flatterten auf und davon.
   Lorenzo erwies sich als angenehmer Gesprächspartner. Er war ein guter Zuhörer, hatte exzellente Manieren und einen Charme, dem man sich kaum entziehen konnte. Friedrich verstand, weshalb sich Sophie in ihn verliebt hatte. Der junge Mann erzählte von seiner Familie aus Sizilien, von den Olivenhainen und dem Weingut seiner Großeltern, von der Ursprünglichkeit der Landschaft und von den Früchten, die noch angebaut und geerntet wurden wie vor hundert Jahren. Er erzählte von seinen Eltern, die in Westerland ein italienisches Spezialitätenrestaurant besaßen, dass er in den Semesterferien gern dort hinfuhr, um im Restaurant mitzuhelfen und in seiner Freizeit mit dem Kitebord über die Wellen der Nordsee zu fliegen. Die Wohngemeinschaft in der Hamburger Straße, in der er lebte, gefiel ihm gut. Er verstand sich wunderbar mit den anderen Kommilitonen, sie waren für ihn so etwas wie eine kleine Ersatzfamilie.
   Friedrich hörte ihm aufmerksam zu, während er sich das Essen schmecken ließ. Sophie nippte schweigend an ihrem Weinglas und sah lächelnd von einem zum anderen. Sie schien froh darüber zu sein, dass hier Freundschaft und Sympathie aufeinandertrafen, dass besonders er, ihr Vater, den jungen Mann mochte. Ein Polizeibeamter, der sofort gern alle unter die Lupe nahm, die ihm nicht geheuer vorkamen.
   Friedrich sah Vera an, die ihn mit einem wissenden Blick begegnete. Er wusste, dass sie sich mit neugierigen Fragen zurückhielt, weil sie sich damals als junge Frau im Elternhaus sehr eingeengt gefühlt hatte und über jeden ihrer Schritte Rechenschaft ablegen musste. So ein Verhalten wollte sie ihrer Tochter niemals zumuten.
   »Sophie erzählte mir, Sie sind Polizist«, sagte Lorenzo. »Das ist bestimmt ein sehr aufreibender und emotionsbeladener Job. Ich habe gehört, am Bramfelder See wurden Frauenleichen gefunden. Haben Sie mit diesem Fall zu tun?«
   Friedrich sah ihn verwundert an. »Woher wissen Sie das? Es wurde bisher noch keine Pressemitteilung abgegeben.«
   »Ein Kommilitone aus meiner Arbeitsgruppe hat es mir heute Morgen erzählt. Er hat es wiederum von einer Frau erfahren, die neben ihm in der S-Bahn gesessen hatte. Sie sei wohl gerade am Tatort vorbeikommen, als die Polizei den Leichenfund inspiziert hatte.«
   Friedrich sah ihn durchdringend an. »Am Tatort vorbeigekommen? Im Protokoll steht nichts von einer Frau, die da gerade vorbeigekommen ist. Weißt du … ähm … wissen Sie, wer diese Frau war und wohin sie gefahren ist?«
   Lorenzo schüttelte den Kopf. »Nein. Jedenfalls hat Paul, das ist mein Kommilitone, erwähnt, dass er gern mehr davon gehört hätte, aber er musste am Rathaus aussteigen, weil er noch die Bibliothek in der Handelskammer besuchen wollte. Ich könnte ihn fragen, ob er die Frau beschreiben kann.«
   »Ja, das wäre sehr hilfreich«, entgegnete Friedrich und griff zu seinem Weinglas.
   Sophie legte ihr Besteck auf den Teller und sah ihren Vater unsicher an. »Papa, ist das wahr mit den Leichen? Was sind das für Frauen, die ermordet wurden? Hat man schon eine Spur von dem Täter?«
   Vera warf ihrer Tochter einen ernsten Blick zu. »Sophie, währest du bitte so lieb und bombardierst deinen Vater nicht mit Fragen, die zu einer internen Polizeiermittlung gehören? Papa hat jetzt Feierabend.«
   Sophie verstummte beschämt. Sie schien zu wissen, dass es unüberlegt von ihr gewesen war, jetzt solche Fragen zu stellen.
   »Tut mir leid. Ich wollte nichts aufwirbeln«, sagte Lorenzo zaghaft. »Ich habe nicht gewusst …«
   »Ist schon okay«, unterbrach Friedrich ihn. »Sie können nichts dafür. Meine Frau hat recht, ich habe jetzt Feierabend.« Er erhob sein Glas und prostete den anderen zu: »Auf die Gerechtigkeit.«
   »Auf die Gerechtigkeit.« Die Gläser klangen aneinander.
   Obwohl in ihrer Unterhaltung eine gewisse Fröhlichkeit weilte, lag dennoch ein Schatten der Bedrücktheit im Raum. Er schien sich wie Blei auf ihre Seelen zu legen und ließ die Furcht vor dem Irren, der in der Stadt sein Unwesen trieb, zwischen den Worten mitschwingen. Auch in Friedrich kroch Unsicherheit hoch, eine Angst, die ihn leise und schleichend gefangen nahm und einen Abscheu auf den Verbrecher entwickelte, der vermutlich schon nach neuen Opfern Ausschau hielt. Verdammt! Warum hatten sie keine einzige Spur? Keine DNS? Der Täter konnte doch nicht einfach so ungesehen die Leichen am See verbuddelt haben? Es musste doch irgendjemanden geben, der etwas beobachtet hatte? Er ballte die Hände zu Fäusten, Hitze stieg in ihm auf und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, doch die Flamme des Entsetzens loderte unaufhörlich in seinem Inneren und war geneigt, sich in ein tosendes Inferno zu verwandeln. Rothaarige Frauen … so rothaarig wie Sophie … Am liebsten hätte er seine Tochter aus der Schusslinie genommen, sie irgendwo hingeschickt, wo sie sicher war …
   »Friedrich, was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?«, hörte er Vera besorgt fragen.
   »Doch … doch … alles in Ordnung«, antwortete er. »Ich musste nur gerade an etwas denken.« Er nahm sich von dem Salat und sah zu Lorenzo hinüber, der ihn fragend anblickte, als wollte er ganz genau wissen, was in ihm gerade vorging. »Lorenzo, nehmen Sie auch noch etwas von dem Salat«, sagte Friedrich und schob ihm die Schüssel hin.
   Lorenzo schüttelte den Kopf. »Danke, nein, ich bin pappsatt«, entgegnete er. »Ich muss mich leider ohnehin gleich verabschieden. Morgen früh habe ich einen Termin bei der Firma, wo ich kürzlich ein Praktikum absolviert habe. Wenn ich Glück habe, nehmen die mich stundenweise fürs Controlling.«
   »Das ist eine gute Nachricht«, entgegnete Friedrich. »Da drücke ich Ihnen fest die Daumen, dass das klappt.«
   Lorenzo lächelte. »Danke, Herr Hansen.«
   »Ich bin Friedrich.« Er erhob sein Glas. Lächelnd blickte er auf das junge Paar, das ihm gegenübersaß und sich verliebt ansah. »Pass gut auf meine Tochter auf, Lorenzo«, sagte er. Es lag Heiterkeit in diesen Worten, doch konnte man die Ernsthaftigkeit dahinter vernehmen, die Angst, die er um sein Kind hegte, seit ein Verrückter die Stadt unsicher machte.
   »Ja, das mach ich«, versprach Lorenzo und griff zärtlich nach Sophies Hand. »Ich werde sie nicht aus den Augen lassen.«

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