Nach einem Abend in ihrem Lieblingsclub findet sich die 28-jährige Cathrin am Morgen gefesselt, von Schmerzen geplagt und ohne Erinnerung an die vergangene Nacht gemeinsam mit zwei anderen Frauen in einer überhitzten Waldhütte wieder. Während Cathrin Mirna und Ines besser kennenlernt, gelingt es ihr nach und nach, den vergangenen Abend zu rekonstruieren. Dabei muss sie bald erkennen, dass nach der letzten Nacht nichts mehr so sein wird, wie es einmal war, denn schon bald trifft sie die Gewissheit mit voller Härte: Die Frauen und sie wurden allesamt Opfer von K.-o.-Tropfen. Die Folgen: Ein Filmriss über viele Stunden, eine Zeitspanne des Ungewissen, und nun die Qual durch die eigenen Vorstellungen. Während Catrin und Mirna mit aller Kraft versuchen, Gewissheit über die Ereignisse der Nacht zu erlangen, torpediert Ines, die jüngste der Frauen, jede neue Erkenntnis. Die Wahrheit über das, was sie zu verbergen hat, lässt Cathrin nicht nur erschaudern. Ines´ Geschichte stellt das Geschehene plötzlich in ein ganz anderes Licht.

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ISBN: 978-9925-33-008-9

Seiten: 154

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Markus Elble

Markus Elble
Markus Elble ist am 19. Mai 1971 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren und lebt seit 2009 in Schwäbisch Hall – das Heimweh seiner Frau nahm ihn einfach mit. Er arbeitet als Grafiker für ein großes Hohenloher Möbelhaus. Sein zwischenmenschliches Feingefühl konnte er schon seit seiner Jugend in Schriftform zum Ausdruck bringen. Obwohl er voll berufstätig ist und zu Hause drei Kinder hat, nimmt er sich die Zeit, viele Gedanken und Geschichtsideen zu schreiben. Eines seiner neuesten Werke soll nun einen gemeinnützigen und informativen Zweck erfüllen und Popularität erfahren. Für Fragen und Anregungen zu seinem Buch und dem Thema K.-O.-Tropfen steht euch der Autor unter der Mail-Adresse fragen.ko.tropfen@gmail.com gern zur Verfügung.  

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Ihre geschlossenen Augenlider zuckten. Besser die Augen geschlossen halten, war Cathrins erster Gedanke, als sie langsam zu sich kam. In ihrem Kopf spürte sie einen brennenden, pochenden Schmerz.
   Sie hatte kurz vor dem Erwachen einen äußerst real wirkenden Albtraum, der von einem düsteren Tunnel gehandelt hatte, durch den sie in unwahrscheinlich hoher Geschwindigkeit wie schwerelos geflogen war. Dabei hatte sie Todesängste ausgestanden, denn das quälende Gefühl, bei diesem Flug ins Ungewisse nicht ausreichend Luft zum Atmen zu bekommen, hatte sie in ein Vakuum absoluter Ohnmacht gehüllt. Ein Höllenritt in vollkommener Orientierungslosigkeit. Der Traum ließ sie auch jetzt noch nicht ganz los, obwohl ihr mit dem Aufwachen allmählich bewusst wurde, dass soeben Erlebtes nur ihrer Fantasie entsprungen war und nichts mit dem realen Leben zu tun hatte. Wo zur Hölle war sie bloß? Sie spürte, dass sie sich in sitzender Position auf einem harten Untergrund befand, und hatte das Gefühl, dass der Boden unter ihr merkwürdig schwankte, als wäre sie auf einem Schiff, das sich durch hohe Wellen kämpfte.
   Nach unzähligen Minuten schienen die unregelmäßigen Wogen unter der unbequemen Sitzfläche ganz langsam abzuebben. Doch ein übles Schwindelgefühl wollte Cathrin noch nicht vollständig in ein Wohlbefinden entlassen. Obwohl sie ihre Augen noch immer geschlossen hielt, fuhr ihr Gleichgewichtssinn weiterhin eine zwar harmlose, aber spürbar Übelkeit erregende Achterbahn. Cathrin merkte, wie sie mit dem Oberkörper immer wieder von einer Seite zur anderen schwankte, konnte diese Bewegung aber nicht unter Kontrolle halten, so sehr sie sich auch bemühte. Es verging eine weitere Zeitspanne, deren Länge sie kaum einschätzen konnte. Als sie den Kampf gegen das ständige Wanken endlich gewann, wurden ihr allmählich ihre Schmerzen bewusst. Nach und nach wurden sie an mehreren Stellen ihres Körpers spürbar, als ließe eine Betäubung, die sie zuvor vor ihnen bewahrt hatte, nun schnell nach. Ihre Brüste fühlten sich an, als würde eine heiße Schwellung darin zu platzen drohen, und der Rest ihres Körpers schien in einem Meer aus Reißnägeln zu baden.
   Cathrin wagte es nicht, sich zu bewegen. Ihr war übel, doch ihr Körper schien zu gelähmt, um auf diese Übelkeit zu reagieren. So rebellierte ihr Magen, ohne den störenden Inhalt loswerden zu können.
   Mit zunehmendem Bewusstsein begann sie ein weiteres Leid zu bemerken, das ihr Unbehagen förderte. Irgendetwas schnürte ihre Gedärme so erbarmungslos zusammen, dass es ihr kaum möglich war, in den Bauch zu atmen. Doch die stickig heiße Luft, die sie umgab, wollte Cathrin ohnehin nicht tief einatmen. Sie roch staubig und schimmelig zugleich. Die Wahrnehmung dieses ungesund anmutenden Geruchs und des unangenehm lauten Gezwitschers verschiedener Vögel, ließ Cathrin plötzlich daran erinnern, schon einmal aufgewacht zu sein und dieselben Eindrücke vernommen zu haben. Sie musste dann wieder eingeschlafen sein. Was ist das hier für ein Ort?
   Als die Vögel für einen Moment das Zwitschern unterbrachen, nahm Cathrin das dumpfe Rauschen in ihren Ohren wahr, das im Takt ihres Herzschlages pulsierte. Was sie in diesem Moment am meisten beängstigte, war diese unendlich tiefe Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die sie empfand. Ein unbeschreiblich böses Gefühl der absoluten Hilflosigkeit kroch wie ein Schwall kaltes Wasser durch ihre Beine und Füße.
   In den Händen spürte sie ein beständiges Kribbeln, gepaart mit einem erbarmungslosen Jucken, als wären sie von tausend Ameisen behaust.
   Den beißenden Kopfschmerzen zum Trotz entschied sich Cathrin nun doch, die Augen zu öffnen. Sie wusste, dass es sie Kraft kosten würde, doch sie musste einfach wissen, wo sie war, warum sie sitzend geschlafen hatte und vor allem, woher diese fürchterlichen Schmerzen rührten.
   Ihre leicht geöffneten Augenlider gaben den Blick frei auf golden glitzernden Stoff. Das Glitzern der schillernden Fäden erinnerte an Weihnachten, wenn an den Außenfassaden mancher Kaufhäuser tausende kleine warme Lichter herabhingen. Dieser Stoff jedoch, musste Cathrin feststellen, gehörte zu einem grobmaschig gestrickten Pullover, den sie trug. Doch sie besaß keinen Pullover aus einem solchen Material, da war sie sich ganz sicher. Mit dem Eindruck, womöglich noch immer zu träumen, wurde ihr plötzlich sehr warm in diesem Kleidungsstück, von dem der Duft eines übermäßig verwendeten Weichspülers ausging. Dieses aufdringliche Aroma, das wie Schwaden einer Nebelwolke immer wieder den Mief des Raumes unterbrach, erinnerte sie an eine ehemalige Klassenkameradin, deren Anwesenheit immer schon aufgrund des aufgezwungen wirkenden Dufts ihrer Kleidung zu bemerken gewesen war. An manchen Tagen hatte Cathrin bei der Freundin daheim zu Mittag gegessen. Das ganze Haus war dann manchmal, wenn Wäsche gewaschen und die Kleidung schließlich in den Trockner gelegt wurde, wie ausgestopft gewesen von diesem künstlichen Wohlgeruch, den Cathrin mit übertriebener Reinlichkeit assoziierte.
   Als sie die Augen noch weiter öffnete, stellte sie fest, dass ihr der fremde Pullover außerdem viel zu groß war. Der Stoff warf große Falten und lag wie ein unsauber ausgelegtes, dickes Tuch links und rechts neben ihren Hüften auf dem staubigen Boden.
   Mit Schrecken bemerkte sie, dass auch die hellblaue Jeans, die sie anhatte, jemand anderem gehören musste, denn Hosen mit so großen Rissen in Knie- und Schenkelhöhe besaß sie nicht. Die Hose war ihr außerdem viel zu eng. Der feste Stoff spannte sich wie eine zusätzliche Hautschicht über ihre Beine. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie, wie sich das Fleisch ihrer Beine durch die Risse der Jeans drückte, sodass sie sich fragte, wie es ihr überhaupt gelungen war, sich in dieses Kleidungsstück hineinzuzwängen.
   Der Knopf und der Reißverschluss der Jeans waren auf jeden Fall nicht zu schließen gewesen, erkannte sie, als sie sich bemühte, weiter an sich hinunterzusehen.
   Plötzlich wandelte sich ihr benebeltes Befinden in helle Panik, als sie etwas realisierte: Sie war gefesselt! Braunes Paketband hielt ihre Beine in Waden- und Schenkelhöhe fest zusammen, und sie spürte, dass auch ihre Handgelenke hinter ihrem Rücken zusammengebunden worden waren. Zusätzlich zog sich das Klebeband mehrfach von den Schienbeinen um ihren Rücken, sodass ihre Beine fest angewinkelt bleiben mussten. Noch stärkere Panik überfiel sie, als quälende Platzangst sie übermannte. Sie war ein hilfloses Bündel, absolut unfähig, sich aus eigener Kraft aus diesem eingeengten Zustand zu befreien. Diese Erkenntnis machte Cathrin solche Angst, dass sie reflexartig versuchte, sich zu bewegen. Doch jeder Versuch endete in einem kaum erkennbaren Zucken ihres Körpers. Schnell erkannte sie, dass sie keine Chancen hatte, sich irgendwie zu rühren, und da sie außerdem kaum Energie hatte, kapitulierte sie.
   Das, was ihr so schmerzhaft den Bauch einschnürte, war ebenfalls Paketband, das ihren Oberkörper, so spürte sie, mit einem sehr harten, schmalen Gegenstand verband. Cathrin versuchte, ruhig zu atmen. Sie wusste, dass Panik das Schlimmste und Kraftraubendste wäre, was ihr jetzt passieren konnte. Nach mehreren Minuten kontrollierten Atmens gelang es ihr schließlich, sich zur Ruhe zu zwingen.
   Was in aller Welt hatte sie überhaupt geritten, dass sie ihre Kleider abgelegt und durch völlig unpassende eingetauscht hatte? Oder waren ihr die Kleider vertauscht worden, als sie es gar nicht mitbekommen hatte? Was hatte man mit ihr gemacht?
   Sie spürte, wie ihr Herz pochte. Das Pochen durchdrang ihren Körper und rauschte in gleichmäßigen Wellen in ihren Ohren. Was, um Himmels willen, war nur geschehen? Und wie war sie hierhergekommen?
   Wie in Trance betrachtete sie unter dem dichten Vorhang ihrer herabhängenden Locken an ihren Beinen vorbei die nackten Zehen ihres rechten Fußes. Ihr linker Fuß war in einen rosafarbenen Turnschuh gezwängt worden. Ein kleiner, halbkreisförmiger Gegenstand fiel ihr auf, der links neben ihr auf dem Holzfußboden lag. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie, dass es eine Reihe künstlicher Augenwimpern sein musste. Zu wessen Auge gehörten die? Wer hatte die hier verloren?
   Um ihren Kopf nicht zu sehr bewegen zu müssen, versuchte sie, aus den Augenwinkeln mehr zu erkennen, doch auch das strengte sie an. Immer wieder fielen ihre Augen vor Schwäche und Müdigkeit zu. Doch sie bemühte sich, zumindest ein paar Bilder zu erhaschen, die ihr einen Hinweis darauf geben konnten, wo sie sich befand.
   Unwillkürlich atmete sie wieder schneller und unruhiger. Sie musste mehr sehen, und so versuchte sie, sich den Blick durch Pusten frei zu machen, doch die geringe Luftbewegung, die sie mit dem Mund erzeugen konnte, reichte nicht mal aus, um wenigstens ein paar Locken aus ihrer Sicht zu vertreiben.
   Sie unterdrückte einen Schrei, als sie ihre dichte Mähne mit einer energischen Kopfbewegung nach hinten schlug und durch die Bewegung einen beißenden Schmerz im Nacken spürte, als hätte ihr jemand die Haut angezündet.
   Was sie nun sehen musste, nahm ihr für Sekunden den Atem. Sie benötigte einige Augenblicke, um zu verstehen, dass sie sich keinen gruseligen Film ansah, bei dem sie einfach würde wegsehen können. Sie machte sich bewusst, dass sie sich auch in keinem Traum mehr befand, wie vor etwa einer halben Stunde noch, als das bloße Aufwachen eine kleine Erlösung gewesen war. Sie fühlte sich, als wäre sie die Hauptfigur in der Horrorszene einer durchgeknallten Regie: Sie befand sich mit zwei weiteren Frauen in einer geschlossenen Holzhütte. Jede der beiden saß in einer anderen Ecke des Raumes. Regungslos. Keine drei Meter von ihr entfernt.
   Die Frau rechts saß ebenso mit Paketband gefesselt auf dem Boden wie sie. Der Körper wurde nur durch die beiden zusammenlaufenden Wände in einer gekrümmten Sitzposition gehalten, als ob jemand die Frau in die Ecke gesetzt hatte, als sie bereits ohne Bewusstsein war. Ihr Gesicht war von der Kapuze ihres dunkelgrauen Sweatshirts größtenteils verdeckt. Lange schwarze Haare ragten unter dem dicken Stoff hervor und lagen wie ein undurchdringliches Netz auf dem Gesicht der Frau. Einige Haarspitzen hingen ihr in den leicht geöffneten Mund. Ihr Kopf ruhte auf ihrer rechten Schulter. Cathrin schätzte die Frau sehr jung ein. Ihr Körper wirkte zwar schon recht erwachsen, aber noch sehr zierlich. Eine Körperform, die nach ihrer Ansicht bei Frauen meistens auf ein Alter von etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren schließen ließ. Eine Bestätigung für ihre Alterseinschätzung war auch das silbrige Durchschimmern einer festen Zahnspange, die trotz des fahlen Lichts und der vielen Haare unter der leicht hochgeschürzten Oberlippe zu erkennen war.
   Bemerkenswert fand Cathrin die viel zu weite Hose, die das Mädchen trug. Es schien kaum vorstellbar, dass diese Frau je damit hatte laufen können. Schwarze Rüschen eines feinen Stoffs schauten in Hüfthöhe unter dem Saum des Sweatshirts hervor. Diese Rüschen kamen Cathrin seltsam vertraut vor.
   Die Frau in der anderen Ecke saß auf einem alten Holzstuhl, erkannte Cathrin, nachdem sie den Kopf ganz langsam und vorsichtig nach links bewegt hatte. Ihr recht korpulenter Körper war mit Paketband an den Stuhl festgebunden worden. Ihre Waden waren fest an den vorderen Stuhlbeinen fixiert. Sie trug ein rosafarbenes T-Shirt, das ihr eindeutig zu klein war. Die straffen Querfalten des Stoffes wirkten, als würden sie in Bauch und Oberarme einschneiden. Da ihr hängender Kopf mit dem Kinn auf ihrem Dekolleté abgelegt war und die hellen Haare wirr herabhingen, war auch ihr Gesicht kaum zu sehen. Der dunkle Haaransatz verriet, dass die letzte Blondierung schon einige Wochen her gewesen sein musste. Ein unsauber geflochtener Zopf, dessen Ende durch ein einfaches dunkelrotes Gummiband zusammengehalten wurde, hing der Frau über der linken Schläfe.
   Ein plötzliches, sehr unbehagliches Gefühl übermannte Cathrin wie eine große Wasserwelle, die sie mit brutaler Wucht umwarf. Es war, als hätte sie viele Minuten lang ein Bild betrachtet, dessen grausamen Sinn sie erst jetzt nach intensivem Betrachten verstand. Sie ärgerte sich über das langsame Arbeiten ihrer Sinne.Was für eine Hose kleidete die kräftigen Beine dieser Frau? Cathrin erinnerte sich noch genau, warum sie sich diese Jeans vor wenigen Tagen gekauft hatte. Ihr hatten diese ausgefransten Nähte an den Taschen so gut gefallen.
   Unwillkürlich wie ein Schluckauf schoss ihr die Erkenntnis in den Kopf, dass es die Jeans war, die sie am vergangenen Abend noch selbst getragen hatte.
   Was zum Teufel war nur passiert? Keiner wildfremden Frau dieser Welt würde sie ihre nagelneue Jeans ausleihen! Zu schnell, und somit in Verbindung mit einem erneuten heftigen Brennen im Nacken, wandte sie ihren Kopf zu dem Mädchen im Sweatshirt. Natürlich! Das Oberteil mit den Rüschen, was sie darunter trug, war auch ihres! Warum, verflucht noch mal, hatten sie scheinbar untereinander ihre Kleidungsstücke getauscht, obwohl sie doch ganz klar ersichtlich so unterschiedliche Körpermaße hatten? Oder war vielleicht gerade das der Witz gewesen? Hatten sie so viel getrunken, oder waren vielleicht Drogen im Spiel gewesen? Aber weder das eine noch das andere würde erklären, warum sie sich hier gefesselt in dieser Hütte befanden.
   Cathrins erneuter und zugleich schmerzvoller Versuch, Arme und Beine zu bewegen, scheiterte. Wer auch immer sie gefesselt hatte, wusste offenbar sehr genau, wie ein Körper fixiert werden musste, um ihm nicht die kleinste Chance einer Bewegung zu lassen.
   Sie bemerkte beim vorsichtigen Hinaufschauen über ihre rechte Schulter, dass sie mit ihren Handgelenken offenbar an ein Tischbein festgebunden worden war, denn sie sah eine massive Tischplatte aus sehr dunklem Holz über sich. Wie lange sie sich bereits in dieser Position befand, konnte sie nur an dem tauben Gefühl in ihrem Rücken erahnen, wo sich die Kante des Holzes erbarmungslos in die Haut drückte.
   Cathrin wollte schreien, um Hilfe rufen. Sie war erschöpft. Für lautes Rufen müsste sie außerdem tief Luft holen. Aber wie sollte das mit ihrem eingeschnürten Unterleib möglich sein? Sie versuchte es trotz all ihrer Schwäche.
   »Hilfe!«, rief sie und erschrak zugleich über das schwache Krächzen, das sie ausstieß. Ein kläglicher Laut, der im Raum verhallte wie ein bedeutungsloses Geräusch, das selbst in unmittelbarer Nähe hätte überhört werden können. Außerdem bemerkte sie bei dem Versuch eines Hilferufs den unangenehmen Effekt, sich selbst ungewohnt laut zu hören. Als hätte sie in ein Mikrofon gesprochen und diesen Laut sogleich über Kopfhörer vernommen.
   Ihr war zum Weinen zumute, jedoch riss sie sich zusammen. Sie hörte sich laut atmen und kämpfte dagegen an, wieder in blinde Panik zu geraten. Panik, das hieße, außerstande zu sein, einen klaren Gedanken fassen zu können. Das wäre jetzt ganz falsch, bemühte sie sich erneut um innere Ruhe, obgleich die widerlichen Schmerzen in den Brüsten ihr fast den Verstand raubten.
   Sie betrachtete die auf dem Boden sitzende Frau eine ganze Weile und versuchte dabei, die eigene Atemfrequenz an die der jungen Frau anzupassen. Ihr entspanntes Atmen war am langsamen, kaum sichtbaren Heben und Senken ihres Brustkorbs zu erkennen.
   Als sie nach mehreren Minuten Bemühung zu etwas mehr Ruhe gekommen war, versuchte sie, sich an die letzten Momente zu erinnern, bevor sie in dieser Hütte zu sich gekommen war.
   Sie wusste, dass der vergangene Tag ein Freitag gewesen war. Das bedeutete, dass sie am Nachmittag direkt nach dem Feierabend Klavierunterricht gehabt hatte. Daran konnte sie sich noch gut erinnern. Sie wusste auch noch, dass sie anschließend mit ihrem Auto nach Hause zu ihrer Wohnung gefahren war, dort zu Abend gegessen und mehrere Freunde angerufen hatte. Die Anrufe hatte sie gemacht, weil sie nicht allein in den BeatClub, eine nahe gelegene Diskothek, hatte gehen wollen. Aber es war wie verhext gewesen. Alle Bekannten waren entweder verreist oder zu anderen Aktivitäten verplant. Doch sie hatte unbedingt in den Klub gewollt. Für gewöhnlich war sie fast jeden Freitagabend mit ihrer besten Freundin Cordula in ihrer gemeinsamen Lieblings-Disco. Doch Cordula war für zwei Wochen mit ihrem neuen Freund nach Mallorca geflogen. Mit Ralf. Ausgerechnet Ralf. Allein der Gedanke, dass die beiden jetzt eine schöne Zeit genießen, viel erleben, sich küssen oder Sex haben könnten, versetzte Cathrin einen Stich. Ihr eingeschnürter Bauch, gepaart mit der Vorstellung, wie sich Cordula und Ralf in einem Hotelzimmer miteinander vergnügten und Spaß hatten, bereitete ihr ein zusätzliches Unbehagen, das sie nur unterbinden konnte, indem sie sich vorstellte, sich auf einer Luftmatratze im Meer von sanften Wellen wiegen zu lassen, und daran dachte, wie sie Ralf kennengelernt hatte.
   Es war wie in einem märchenhaften Film gewesen. Als sie eines Tages mit dem Auto von der Arbeit nach Hause gefahren war, hatte sie in einem unachtsamen Moment nicht auf den Fahrradfahrer geachtet, der nur wenige Meter vor ihr den Fahrradweg verlassen hatte, um auf der Straße weiterfahren zu können. Sie hatte nicht rechtzeitig reagiert und ihn gerammt. Der Mann war vom Fahrrad gekippt und auf der Straße liegen geblieben. Völlig außer sich war sie aus ihrem Wagen gestiegen, um nach ihm zu sehen. Als sich herausstellte, dass er auf seinem rechten Fuß nicht auftreten konnte, hatte Cathrin das Fahrrad an den nächsten Straßenmast gestellt und dem armen Kerl bis zur Beifahrertür ihres Autos geholfen. Es hatte sie einiges an Überredungskunst gekostet, bis sie sein Einverständnis errungen hatte, ihn ins Krankenhaus fahren zu dürfen. In seinem Schockzustand hatte er sogar geglaubt, sich gleich wieder auf sein Fahrrad schwingen zu können. Cathrin hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich selbst Termine zu erfüllen gehabt. Doch sie hatte Ralf – so hatte sich der junge Mann vorgestellt – unbedingt helfen wollen und den sympathischen Typen noch länger bei sich haben. So lange wie möglich. Im Wartesaal des Krankenhauses hatten sie sich näher kennengelernt. Obwohl er mit seinem spontanen Schlenker vom Fahrradweg auf die Straße selbst die Schuld an diesem kleinen Unfall trug, hatte ihr der Vorfall sehr leidgetan. Nach dem Vorgespräch mit dem Notarzt und dem langen Warten auf das erste Röntgenbild, hatte man ihnen mitgeteilt, dass sich Ralf mehrere komplizierte Brüche an Schienbein und Oberschenkel zugezogen hatte. Er musste stationär aufgenommen werden. Cathrin hatte ihm daraufhin versprochen, ihn so lange täglich zu besuchen, bis er das Krankenhaus wieder verlassen durfte. Ralf hatte gelacht und ihr nicht geglaubt. Warum auch sollte eine fremde Frau ihn täglich im Krankenhaus besuchen? Cathrin aber hatte daraufhin eine Wette mit ihm abgeschlossen: Würde es ihr gelingen, ihn bis zu seiner Entlassung täglich zu besuchen, sollte er sie in ein nahe gelegenes Café einladen. Das war der Deal gewesen. Vier Tage lang hatte Ralf unter ärztlicher Aufsicht bleiben müssen. Und vier Tage hatte sich Cathrin trotz aller Termine und Verpflichtungen die Zeit genommen, Ralf wenigstens für eine halbe Stunde täglich mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen.
   Am letzten Tag war es ihr am schwersten gefallen, dieses Versprechen einzulösen. Sie musste nach einem wichtigen Seminar das wöchentliche Tennis ausfallen lassen und das anschließende Treffen mit Freunden mit dem Krankenhausbesuch verbinden. Sie war nicht um den Umstand herumgekommen, ihre Freundin Cordula zu diesem letzten Besuch mitzunehmen, da Cordula wegen Geschwindigkeitsüberschreitung für drei Monate den Führerschein hatte abgeben müssen und Cathrin ihr versprochen hatte, sie zu dem Treffen zu fahren. So war es dazu gekommen, dass sich Cordula und Ralf kennenlernten, und schon nach wenigen Minuten hatten sie keinen Hehl mehr daraus gemacht, dass sie sich bestens verstanden. Cathrin, die sich in den vergangenen vier Tagen in Ralf verliebt hatte, hatte nun innerhalb kürzester Zeit um sein Begehren kämpfen müssen. Doch Cordula und Ralf schienen einander gesucht und gefunden zu haben. Sie hatten zeitweise nicht einmal bemerkt, dass noch jemand Drittes bei ihnen saß. Cathrin war zum Heulen zumute gewesen, und am liebsten wäre sie ohne Cordula losgefahren. Doch der letzte Funke Hoffnung, dass die erste Sympathie zwischen den beiden womöglich doch nur ein Strohfeuer gewesen sein könnte, hatte sie davon abgehalten. Letztendlich war es nie zur Einlösung der Wette gekommen. Stattdessen hatte Cordula Ralf ins Kino eingeladen und Ralf anschließend sie zum Essen. Es hatte nicht lange gedauert, dann waren sie ein Paar gewesen, und Cathrin packte jedes Mal die Trauer, wenn sie sah, wie sie miteinander turtelten.
   Das war nun drei Monate her. Cathrin hatte sich vorgenommen, Cordula irgendwann zu erzählen, warum sie Ralf so oft hatte sehen wollen. Irgendwann, wenn es nicht mehr so weh tun würde.
   Wieder darum bemüht, den gestrigen Abend im Geiste zu rekonstruieren, ohne in andere Gedanken abzuschweifen, überlegte Cathrin, was sie nach den Telefonaten getan hatte.
   Sie erinnerte sich, dass sie zu späterer Stunde ins Badezimmer gegangen war, um sich für den Abend im BeatClub schick zu machen. Aber was war dann passiert? Die viertelstündige Autofahrt bis zum Parkplatz des Klubs hatte sie wohl nicht bewusst genug erlebt, als dass sie sich wirklich daran erinnern konnte. Je stärker sie versuchte, die letzten Augenblicke vor dem Betreten des Klubs zu rekonstruieren, umso beunruhigter wurde sie darüber, dass sie sich nur noch an einen bestimmten Zeitpunkt erinnern konnte. Nämlich an den Moment, als sie den BeatClub betreten hatte.
   Sie versuchte, weitere Bilder in ihr Gedächtnis zu holen. Dabei schloss sie für einen Moment die Augen. Wie eine Szene aus einem Film schoss ihr der Moment durch den Kopf, als sie ihre dünne Lederjacke bei der jungen blonden Frau an der Garderobe abgegeben hatte. Es war zu dieser Uhrzeit zwar immer noch warm, aber sie hatte sie für den Fall, es könnte in den frühen Morgenstunden doch etwas kühl werden, dabei. Eigentlich musste Cathrin nach dem Einstecken der Garderobenmarke den Gang entlanggelaufen sein, um in ‚die große Halle‘, wie alle Klubbesucher den Raum nannten, zu gelangen.
   Woher die Bezeichnung ursprünglich rührte, wusste sie nicht, aber dieser Hauptteil des Klubs war der eigentliche Treffpunkt der meisten Klubbesucher. Dort legten bekannte DJs ihr Repertoire an House, Techno und Trancemusic auf. Bester Sound aus mannshohen Boxen. Daneben gab es noch die ‚kleine Halle‘. Dort fanden regelmäßig Singlepartys statt. Die Musik, die dort gespielt wurde, war ideal für all jene, die gern nonstop deutsche Schlager hören wollten. Außerdem trafen sich dort eben vor allem Leute, die auf Partnersuche waren. Cathrin hatte auf keinen Fall wieder dorthin gewollt, da war sie sich sicher. Als sie diesen Bereich des Klubs einige Monate zuvor einmal betreten hatte, war sie sich vorgekommen wie ein Stück Fleisch, nach dem die Männer wie wilde Hunde lechzten.
   Sie war sich also ziemlich sicher, dass sie die ‚die große Halle‘ betreten haben musste. Aber schon daran konnte sie sich nicht mehr wirklich erinnern. Dieser Filmriss war zum Verzweifeln! Sie wusste, dass sie unmöglich viel Alkohol getrunken haben konnte. Sie hatte ja mit dem Auto wieder nach Hause fahren wollen. Sie müsste alle Vernunft abgelegt haben, und warum sollte sie das getan haben? Ein solches Verhalten entspräche überhaupt nicht ihrer Natur. Außerdem würde das auch nicht erklären, warum sie sich nun mit zwei anderen Frauen in dieser Hütte befand.
   Als sie nach langen Bemühungen, sich Erinnerungen ins Gedächtnis zu rufen, ihre Augen wieder öffnete, blickte sie sich erneut um. Sie fröstelte trotz der unerträglichen, stickigen Hitze in diesem Raum und kämpfte mit den Tränen, versuchte aber weiterhin, ihre Aufregung zu bremsen.
   Ihr Mund wurde allmählich trocken, und der Gedanke daran, in den nächsten Stunden nichts trinken zu können, wühlte sie innerlich zusätzlich auf. Um sich wieder zu beruhigen, lauschte sie dem Vogelzwitschern, das ihr zwischenzeitlich nicht mehr so laut vorkam, und dem Rauschen, das sie an das typische Geräusch eines Waldes im Wind erinnerte. Das Geräusch durchdrang dumpf, aber deutlich hörbar, die Holzwände. Das gleichmäßige Rauschen klang sogar, als wäre es ein sehr starker Wind. Es toste fast wie ein Sturm, was Cathrin verwirrte. Sie interessierte sich sehr für das Wetter und verfolgte die Vorhersagen immer ganz genau. Sie wusste also, dass das heiße Sommerwetter heute sowie an den darauffolgenden Tagen eigentlich stabil bleiben müsste. Auch an diesem Tag sollte es wieder bis zu achtunddreißig Grad geben. Ein Sturm, wie er deutlich hörbar war, schien eigentlich vollkommen ausgeschlossen zu sein. Es sei denn, sie befand sich an einem vollkommen anderen Ort, vielleicht Hunderte Kilometer von den heimischen Ortschaften entfernt? Cathrin schluchzte unwillkürlich, als sie sich vorstellte, bewusstlos von jemandem weit weg gefahren worden zu sein. Was hatte diese Person mit ihr gemacht, als sie ohne Bewusstsein war?
   Ruhelos tasteten ihre Blicke weiter den Raum ab. Die Wände bestanden aus stabilen, armdicken Holzstämmen, an denen zum Teil Rinde hing. Die Größe des Raumes schätzte sie auf etwa fünfzehn Quadratmeter. Wofür er dienen sollte, war schwer einzuschätzen, denn viel war nicht darin untergebracht. Es war offenbar kein Geräteschuppen, aber auch kein wirklicher Wohnraum. Am Tisch, an dessen Holzbein Cathrin festgebunden war, stand nur noch ein weiterer Holzstuhl. Der gleiche wie jener, auf dem die blondierte Frau saß. An der Wand lehnte eine Matratze, der anzusehen war, dass sie ihre besten Zeiten bereits seit geraumer Zeit hinter sich hatte. Daneben lehnte ein Laubrechen, bei dem der Stil unfachmännisch mit einem viel zu langen Nagel am Metall befestigt worden war, und ein offenbar sehr alter Reisstrohbesen, dessen Bast sich durch häufige Benutzung weit in eine Richtung gebogen hatte und von der Stielbefestigung über die roten Nähte bis zum spitzen Ende einen interessanten Farbverlauf von dunkelgelb in helles Matschgrau aufwies.
   Der Boden des Raumes bestand aus einfachen, alten Holzlatten, die wenig passgenau aneinandergelegt und festgenagelt worden waren. Cathrin ekelte sich vor dem Boden, auf dem sie sitzen musste. Sand, Staub und kleine Erdklumpen sammelten sich darauf, winzige Käfer mit schwarzen länglichen Panzern suchten sich den Weg zwischen den Fugen der einzelnen Holzlatten. Spuren von eingetrocknetem Schneckenschleim zogen sich in nahezu geraden Bahnen quer über die Bodenlatten. Der Gedanke, dass sich eine dicke Hausspinne unter den schweißtreibenden Pullover verirren könnte, ließ Cathrin erschaudern.
   Das Frösteln ihres Körpers wollte einfach nicht aufhören, und das Zittern in ihrem eingeschnürten Bauch ließ sich kaum unterdrücken.
   Sie sah hinauf zu einem viergeteilten Fenster an der gegenüberliegenden Wand. Der weiße Lack des Fensterrahmens war schon größtenteils abgesplittert. Eines der vier Gläser hatte einen kreisförmigen Sprung.
   Cathrins Blick verharrte auf dem Fenster, durch das nur der hellblaue Himmel zu sehen war. Sie überlegte, wie viel Uhr es wohl gerade sein mochte. Ihr Zeitgefühl sagte ihr, dass sie bereits ungefähr anderthalb Stunden wach war und es später Vormittag sein müsste. Doch wer sagte, dass sie sich angesichts ihres Zustandes nicht völlig täuschte?
   Um zwölf Uhr war sie zum Essen bei ihren Eltern verabredet gewesen, wie jeden Samstag. Seit sie fünf Jahre zuvor aus ihrem Elternhaus ausgezogen war, hatte sich der Samstag zum wöchentlichen Familienzusammentreffen eingebürgert. Essen. Ein Grundbedürfnis, nach dessen Befriedigung sie sich noch nie so sehr gesehnt hatte wie in diesem Moment. Cordon bleu hätte es gegeben. Wie viel Zeit würde vergehen, bis sie sich alle ernsthaft Sorgen machen würden, weil das fehlende Familienmitglied nicht mal auf dem Mobiltelefon zu erreichen war? Fast jeder, der Cathrin kannte, wusste, dass etwas passiert sein musste, wenn sie nicht auf ihrem Handy erreichbar war. Doch ab welchem Zeitpunkt würden sie die Polizei einschalten? Cathrin hoffte, sehr bald. Suchhunde würden es doch ganz bestimmt riechen, wenn Menschen in einer Holzhütte versteckt waren. Was aber, wenn sie wirklich weit von ihrem Wohnort entfernt war? Dann wäre auch jede polizeiliche Suche erst einmal ergebnislos.
   Um sich abzulenken, ließ Cathrin vor ihrem geistigen Auge das Zusammentreffen ihrer Eltern, ihres Bruders und dessen Freundin abspielen. Ihr Bruder würde einmal mehr bereits kauend am Tisch hocken, bevor alle überhaupt Platz genommen hätten, und ihr Vater würde ihn wieder einmal dafür rügen. Die hochnäsige Freundin ihres Bruders würde wie schon so oft zuvor irgendetwas tun, um die volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Etwa wie das ständige Herumzupfen an ihrem Oberteil, bis Mutter endlich fragen würde, ob es neu sei. Dann würde die stolze Besitzerin des Kleidungsstücks erwähnen, dass sie sich damit ja nichts Besonderes geleistet habe, da es ihr nur von einem mittelklassigen Designer geschneidert worden sei und somit nicht mehr als ein paar hundert Euro gekostet habe. Nach diesem Statement würde sie noch gebührende Anerkennung von Mutter erhalten, und eine Bemerkung, wie toll dieser edle Stoff zu ihren Haaren passe, dürfte auch nicht fehlen. Vater würde wie häufig gleichgültig nickend danebensitzen und schweigen. Während sich ihr Bruder das dritte Schnitzel reinpfeifen würde, weil die kleine Schwester ja eindeutig zu spät zum Essen erschien und somit schuld wäre, wenn nichts mehr übrig bliebe, hielte sich seine Freundin am Salat fest, damit ihre langen, stelzenartigen Beine nicht zufällig ein Gramm zunähmen.
   Mutter würde aber als Erste die Initiative ergreifen und schließlich besorgt die Polizei rufen, weil ihre Tochter immer noch nicht aufgetaucht war und auch nicht auf ihre Anrufe reagierte.
   Wo würde ihr Handy eigentlich klingeln, wenn jemand versuchen würde, sie zu erreichen? Oder würde es gar nicht klingeln? War es vielleicht zerstört worden, damit es nicht geortet werden konnte? Dieser Gedanke behagte ihr überhaupt nicht. Auf diesem Gerät waren so viele Dinge, die sonst nirgends gesichert waren. Pläne, Erinnerungen, Listen, Kontakte. Wichtige Dinge eben.
   Während sie sich noch fragte, wohin überhaupt ihre Handtasche samt Inhalt verschwunden war, hörte sie wieder das leise, gleichmäßige Atmen der beiden anderen Frauen.
   Cathrin senkte den Kopf. Ein schleichend zurückkehrendes Gefühl purer Verzweiflung überkam sie, als ihr ihre Hilflosigkeit erneut bewusst wurde. Ein Moment, in dem sie bemerken musste, dass jede gedankliche Ablenkung nur einen Augenblick eine Art Wohlbefinden hervorgerufen hatte. Nun zerbrach etwas in ihr, das ihre letzten Kräfte auf einmal wie Wolkenfetzen in der Hitze der Sonne schmelzen ließ. Ihre innere Haltung fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus, und das einzige Geräusch, das nun aus ihr herausbrach, war ein leises Weinen. Dabei dachte sie an ihre Eltern und an das Zuhause, in dem sie behütet aufgewachsen war. Cathrin wusste, dass sie eine schöne Kindheit gehabt hatte und sich dank ihrer Eltern zu keinem Zeitpunkt wirklich Sorgen um ihre Zukunft hatte machen müssen. Doch jetzt fühlte sie sich zum ersten Mal schutzlos und allein. Niemand konnte wissen, wo sie war, außer dem Menschen, der sie in diese hilflose Situation gebracht hatte. Sie versuchte, ihr Weinen zu unterdrücken, doch es brach immer wieder aus ihr heraus. Schön und voller Freude war ihr Leben bisher gewesen, und jetzt sollte es schon vorbei sein? Einfach so? Sollte sie wirklich in einer Holzhütte gemeinsam mit zwei ihr fremden Frauen langsam verdursten? War dies hier ihr Sarg?
   Was sie neben den Schmerzen und der Angst am meisten quälte, waren die Stille und das Warten darauf, dass etwas passieren würde. Dass endlich jemand käme und sie befreien würde, oder dass eine der beiden anderen Frauen aufwachte. Warten auf das Ungewisse. Am schlimmsten war allerdings der Gedanke, dass einfach nichts passieren würde. Nichts, außer ihrem schleichend näher kommenden Tod durch Hitze und Durst. Zeitweise quälte sie sich auch mit angestrengten Überlegungen, wer es auf sie abgesehen haben könnte. Hatte sie Feinde? Hatte sie irgendjemandem unrecht getan, und diese Person wollte sich nun an ihr rächen? Hatte sie als Zahnarzthelferin jemandem unwissentlich Schmerzen zugefügt? Schmerzen, die vielleicht kaum auszuhalten gewesen waren und den Betreffenden in Wut, Hass und Rachegelüste getrieben hatten? Oder war etwas anderes geschehen, von dem sie nicht wusste, dass sie jemandem großes Leid angetan hatte? Cathrin erinnerte sich unwillkürlich an einen Vorfall aus der vergangenen Woche. Als sie am Donnerstagabend von einer Freundin nach Hause gefahren war, hatte ein dumpfer Schlag gegen den rechten Kotflügel oder Vorderreifen sie erschreckt. Es war schon dunkel gewesen.
   Weil Cathrin vermutet hatte, sie habe ein Tier überfahren, hatte sie ihren Wagen sofort angehalten, war ausgestiegen und hatte sich auf der unbeleuchteten Landstraße umgesehen. Doch sie hatte im schwachen Mondlicht nichts erkennen können, kein Tier oder einen Gegenstand auf der Straße. Auch als ein nachfolgendes Auto die Straße für einen Moment wieder ausgeleuchtet hatte, hatte sie nur den glatten Asphalt gesehen. Also war sie wieder in den Wagen gestiegen, mit der beruhigenden Vorstellung, es habe sich vielleicht nur ein Erdklumpen im Kotflügel gelöst. Oder hatte sie doch ein Tier erwischt, das sich in den umliegenden Wald geschleppt hatte?
   Der zweite Gedanke, fiel Cathrin jetzt ein, hatte sie zu Hause noch die halbe Nacht beschäftigt: Was, wenn es das geliebte Tier eines Besitzers gewesen war? War der Hunde- oder Katzenhalter bei diesem Unfall zufällig dabei gewesen und hatte sich ihr Nummernschild notiert? Hatte das trauernde Herrchen schließlich das Auto durch langes Suchen ausfindig gemacht? Oder war es vielleicht sogar ein Mensch gewesen, den sie angefahren hatte, der unter starken Schmerzen keinen Ton hatte herausbringen können und am Straßenrand liegend beobachtet hatte, wie die Fahrerin einfach wieder eingestiegen war und unwissentlich Fahrerflucht begangen hatte? War das der Anlass einer Rache? Aber Gleiches müsste doch dann auch auf die anderen beiden Frauen zutreffen. Konnte ein Täter gleich mehrere Frauen so sehr hassen, weil sie ihm alle unwissentlich etwas angetan hatten? Wer könnte Interesse daran haben, es drei Frauen auf diese Art und Weise heimzuzahlen? Hatte sie denn nicht ein vollkommen reines Gewissen? Sie kam doch eigentlich mit jedem gut aus. Es konnte niemanden geben, der eine solche Wut auf sie hatte, dass es so eine Handlung erklären würde. Waren sie alle drei unverschuldet einer Person zum Opfer gefallen, die sie nicht kannten? Waren sie alle Zufallsopfer? Aber auch der Gedanke, möglicherweise einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein, beruhigte Cathrin keineswegs. Hatte sie eine Gefahr nicht auf sich zukommen sehen? War sie so verträumt und unvorsichtig gewesen, dass sie so leicht hatte betäubt werden können? Eine Betäubung musste es ja gewesen sein, denn sie war offenbar für einige Stunden außer Gefecht gesetzt worden. Diese Betäubung musste außerdem stark genug gewesen sein, dass sich der Täter ganz sicher sein konnte, seine Opfer würden nicht zu sich kommen, auch wenn er ihnen die Kleider vertauschte. Wer wusste schon, was er sonst noch getan hatte! Die Vorstellung, was ein Mann Frauen antun könnte, die nicht mitbekommen, was mit ihnen gemacht wird, raubte ihr den Atem. Sie zwang sich, möglichst wenig daran zu denken, doch es gelang ihr nicht. Die Betäubung, überlegte sie, musste durch etwas anderes hervorgerufen worden sein als durch Alkohol. So viel Alkohol hätte sie gar nicht zu sich nehmen können. Ab einer bestimmten Menge wäre ihr einfach schlecht geworden, und sie hätte sich übergeben. Spontan dachte sie an eine Klassenkameradin, die bei einer inoffiziellen Abi-Party vor fünf Jahren so viel Bier und Schnaps getrunken hatte, dass sie zu späterer Stunde in einer Ecke des gemieteten Raumes eingeschlafen war. Als zwei weitere Klassenkameradinnen festgestellt hatten, dass sie nur noch sehr schwach atmete, hatten sie den Notarzt gerufen. Später stellte sich heraus, dass sie damit ihr Leben gerettet hatten. Sie wäre, so teilte der Arzt den beiden Freundinnen mit, an einer Alkoholvergiftung gestorben, hätte man sie nicht rechtzeitig behandelt.
   Ein Schreck durchfuhr Cathrin, als ihr einfiel, dass sie ihre Frage, wer Lust und Zeit hätte, sie in den BeatClub zu begleiten, auf Facebook gepostet hatte. Alle ihre Posts waren öffentlich. Es war also gut möglich, dass jemand den Post gelesen und beschlossen hatte, eine Frau, die allein in die Disco gehen würde, zu überwältigen und schließlich zu betäuben. An den Dialogen unterhalb des Posts war zumindest abzulesen gewesen, dass sich über Facebook kein Treffen mit einer anderen Person ergeben hatte. Cathrin nahm sich vor, ihre Privatsphäre-Einstellungen auf Facebook sofort zu ändern, sollte sie je wieder an ihrem Laptop sitzen.
   Verbissen hielt sie sich an dem Gedanken fest, dass sie bald jemand aus dieser Hütte retten würde. Egal wer.
   Irgendjemand. Sogar der Besuch der Freundin ihres Bruders würde sie jetzt so sehr freuen, dass sie ihr um den Hals fallen würde, auch wenn sie dieses selbstverliebte Weib eigentlich nicht ausstehen konnte. Jeder, der sie jetzt retten würde, wäre ihr Held auf Lebenszeit.
   Ohne es zu wollen, stellte sich Cathrin vor, wie es wäre, in diesem Raum ihr Leben zu verlieren. Sie konnte diesen Gedanken einfach nicht aufhalten. Wenn die Nieren wegen Wassermangels aufhörten zu funktionieren, würden Stoffwechselprodukte wie Harnstoff und Harnsäure nicht mehr ausgeschieden. Cathrin erinnerte daran, das mal irgendwo gelesen zu haben. Ihre Haut würde sich bräunlich färben und zu jucken beginnen. Atem und Haut würden anfangen, nach Urin zu riechen. Schon nach kurzer Zeit würden die Giftstoffe beginnen, Gehirn, Muskelgewebe und Nervenzellen zu schädigen. Durch die innere Vergiftung des Körpers würde sie irgendwann apathisch werden und in ein Koma fallen. Das Multiorganversagen würde sie also gar nicht mehr mitbekommen. Sie versuchte, sich wenigstens mit diesem Gedanken zu trösten. Aber bis es so weit sein würde, würde sie noch einige qualvolle Stunden lang jede dieser Phasen miterleben müssen. Wie grausam! Wie furchtbar grausam!
   Sie spürte, wie ihr eine Träne über die rechte Wange lief. Vielleicht war aber doch noch nicht alles vorbei, und ihr würde es gemeinsam mit den anderen Frauen gelingen, hier heil wieder herauszukommen. Sie versuchte, neue Zuversicht zu schöpfen. Warum sollte sie jetzt den Teufel an die Wand malen? Wenn die beiden doch nur endlich aufwachen würden.
   »Hey! Hallo! Pssst! Ihr beiden! Hey, hallo!«, ließ sie mit heiserer Stimme verlauten und merkte, wie anstrengend es sein konnte, mit diesem zusammengeschnürten Bauch auf sich aufmerksam zu machen. Doch die beiden Frauen blieben reglos, und Cathrin konnte nicht mal einschätzen, ob sie jemals wieder zu sich kommen würden. Vielleicht waren sie durch die Hitze bereits so geschwächt, dass sie schon nicht mehr die Energie hatten, zu Bewusstsein zu gelangen. Sie würde den beiden also beim Sterben zusehen und irgendwann feststellen müssen, dass erst die eine und später die andere nicht mehr atmete? Die Vorstellung erschütterte sie, und sie versuchte erneut, sich lieber an der Hoffnung festzuhalten, alles würde gut werden.
   Als sie gerade zu glauben begann, dass ihre Kopfschmerzen allmählich nachließen und sich auch die Qual der verschiedenen Schmerzherde immer mehr in Grenzen hielt, versuchte sie nochmals, sich zu bewegen. Doch jeder Kraftaufwand verpuffte angesichts der Chancenlosigkeit.
   Was war bloß geschehen? Was war in dieser verdammten Nacht passiert, und was wurde mit ihr gemacht, als sie bewusstlos war? Warum hatte sie kaum Erinnerungen mehr an den vergangenen Abend? Nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt konnte sie noch wenige Bilder in ihr Gedächtnis hervorrufen. Sie hatte doch nur Spaß haben wollen. Tanzen. Vielleicht neue Leute kennenlernen. Das Leben spüren. Stattdessen schien sie jetzt dem Tod ins Auge zu blicken.
   Die Schmerzen in ihren Brüsten wandelten sich langsam in einen dumpfen Druck. Cathrin wagte jedoch nicht, einzuschätzen, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sein sollte. Worüber sie allerdings zunehmend dankbar war, war die Tatsache, dass das nervöse Zittern in ihrem Bauch langsam nachgelassen hatte.
   Noch einmal versuchte sie, den vergangenen Abend zu rekapitulieren. Sie wollte die Hoffnung nicht zu schnell aufgeben, sich vielleicht doch noch an etwas zu erinnern, was der Schlüssel für das sein könnte, was ihr widerfahren war. Sie stellte sich nochmals vor, wie sie ihre Jacke abgegeben hatte. Detailgenau fiel ihr ein, dass sie eine gelbe Garderobenmarke erhalten hatte. Darauf war in schwarzen Ziffern die Zahl vierhundertzehn eingeprägt gewesen. Jede der langen Garderobenreihen in dem Klub hatte eine andere Farbe, so war es den Frauen hinter der Garderobentheke anhand der Markenfarbe möglich, auch bei sehr großem Andrang schnell die Kleidungsstücke zu empfangen und herauszugeben. Häufig hatte Cathrin eine blaue Marke erhalten, das war die Zweihunderterreihe. Ganz selten eine grüne, die Fünfhunderter. Das lag allein daran, dass sie meist zur selben Uhrzeit den Klub betreten hatte. Je nachdem, wie die Reihen an der Garderobe voll wurden, kam die nächste Farbe dran. Am vergangenen Abend war auffällig gewesen, so erinnerte sie sich, dass schon um halb elf eine lange Schlange sehr junger Leute vor der Eingangstür gestanden hatte. Cathrin hatte bemerkt, dass sie alle polnisch gesprochen hatten. Sie hatte die Sprache erkannt, weil sie eine Tante in Polen hatte, die sie mit ihrer Familie etwa alle zwei Jahre besuchte. Cathrin vermutete, dass es Schüler gewesen waren, die einen Klassenausflug nach Deutschland gemacht hatten, oder Austauschschüler. Offenbar war ihnen an diesem Abend erlaubt worden, einen angesagten Klub zu besuchen. So war es kaum verwunderlich gewesen, eine gelbe Marke erhalten zu haben, die man häufig erst als späterer Besucher, also etwa gegen Mitternacht erhielt. Als Cathrin die Marke in ihre Hosentasche gesteckt hatte, waren ihr die schicken Metallarmreifen aufgefallen, die die blonde junge Frau hinter der Garderobentheke am Handgelenk getragen hatte. Cathrin wusste, wo diese Armreifen erhältlich waren, und hatte noch mit dem Gedanken gespielt, sich bei Gelegenheit dieselben zuzulegen. Dann war sie durch den langen Gang gelaufen, um gleich das zu tun, worauf sie sich schon den ganzen Abend gefreut hatte. Sie wollte tanzen. Aber war sie wirklich durch den Gang gelaufen? Das war der Punkt, bei dem sie sich nicht ganz sicher war. Aber was zum Teufel sollte dazwischengekommen sein? Sie erinnerte sich daran, dass sie beim Betreten des Klubs die bekannten Sounds eines bestimmten Liedes aus der großen Halle hatte dröhnen hören. Sie hatte so schnell wie möglich dort hineingewollt, um auf dieses Lied zu tanzen. Es müsste also etwas extrem Wichtiges gewesen sein, was sie von dem Wunsch, sich frei zur Musik zu bewegen, abgehalten hatte. Oder hatte sie vielleicht jemand angesprochen? Je länger sie darüber nachdachte, umso wahrscheinlicher schien es ihr, dass sie jemand aufgehalten hatte. Aber wer? Es müsste jemand gewesen sein, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, denn zwei Stunden zuvor hatte sie ja alle erdenklichen Freunde kontaktiert, die sie an diesem Abend hätten begleiten können. Da war jemand gewesen. Diese Überzeugung festigte sich von Minute zu Minute mehr in ihren Gedanken. Ein wildfremder Mann konnte die Person nicht gewesen sein. Davon war sie überzeugt, denn sie hatte nach Ralf wirklich noch keine Lust, sich auf die Anmache eines unbekannten Kerls einzulassen. Sie brauchte Zeit. Oder hatte der Fremde es geschafft, sie davon zu überzeugen, dass männliche Ablenkung für sie das Allerbeste sei? Was aber hatte er dann getan, dass nun ungefähr zehn Stunden ohne Bewusstsein hinter ihr lagen?
   Bei einem angeekelten Blick auf die an der Wand lehnende Matratze glaubte Cathrin, in den Augenwinkeln plötzlich eine zuckende Bewegung der Frau auf dem Stuhl vernommen zu haben. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung, sodass Cathrin zunächst dachte, sie hätte sich getäuscht. Angesichts des immer wiederkehrenden Schwindelgefühls hätte das auch gut möglich sein können. Doch dann sah sie, wie sich ganz schwach ihr Kopf bewegte. Ein warmes Gefühl der Freude durchdrang Cathrins Körper, und ein sanfter Schwall Aufregung und Erwartung machte sich tief in ihr breit. Wir sterben nicht, schoss es ihr durch den Kopf. Wir sterben alle nicht. Nicht hier! Nicht heute!
   »Hallo!«, begann Cathrin, den Frauen wieder zuzurufen. Ihre Stimme kam ihr nun kräftiger vor als bei ihren ersten Rufversuchen. »Hey! Hallo!« Das Belegte auf ihren Stimmbändern schien sich vollends gelöst zu haben.
   »Hallo? Könnt ihr mich hören?«
   Cathrin erschrak, als ein lautes Husten, das etwa wie das Bellen eines kleinen Hundes klang, von der Frau zu vernehmen war.
   »Hey! Hallo!« Ihre Stimme überschlug sich.
   Ganz langsam hob die andere Frau den Kopf. Mit einer viel zu schwachen Kopfbewegung, die wie in Zeitlupe wirkte, versuchte sie vergebens, sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht zu schütteln. Sie war auffällig stark geschminkt, ihr Make-up schien jedoch ungleichmäßig aufgetragen. Die Farbe ihres verwischten Lippenstifts zog sich über einen Mundwinkel hinaus, und die verschmierte Wimperntusche zeichnete seltsame dunkle Ränder um die Augen, die die Frau noch immer geschlossen hielt. Ihr Kopf wankte langsam hin und her.
   Cathrin glaubte zu wissen, wie sie sich fühlte, und beobachtete nun jede der langsamen Bewegungen. Immer wieder schaute sie auch zu der anderen Frau in der Ecke, doch diese rührte sich weiterhin nicht. Das Einzige, was Cathrin auffiel, war die zunehmende Neigung ihres Körpers auf die Seite, auf der ihr Kopf auf ihrer Schulter ruhte. Der schlaffe Körper würde bald auf die Seite fallen.
   Wieder war dieses kläffende Husten von der Frau auf dem Stuhl zu hören, dieses Mal etwas energischer. Noch immer schien ihr Kopf vergebens gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Dabei kam eine nickende Bewegung zustande, wie Cathrin sie manchmal bei sehr müden Fahrgästen im Zug oder im Bus beobachtet hatte.
   »Hey! Psst!«, zischte sie nochmals.

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