»Mit verdrehten Gliedern und halb abgetrenntem Kopf lag der verkohlte Körper vor ihnen auf dem Boden. In ihm steckten wie Schrapnelle dutzende Metallsplitter.«   So hat sich John den Neubeginn in Tasmanien nicht vorgestellt: Sein erster Job führt ihn mitten in den Konflikt zwischen radikalen Naturschützern und den Holzfällern einer skrupellosen Logging-Company. Während er alles daransetzt, um nicht ins Fadenkreuz der Polizei zu geraten, stellt er fest, dass hinter den unheimlichen Geschichten über die Einsiedlerin Mrs. Durack mehr steckt, als alle ahnen. Gehen die Brandanschläge auf das Holzfällercamp und die rätselhaften Todesfälle auf ihr Konto oder auf das der Umweltaktivisten? Johns Neugier ist geweckt, und so stellt er sich beiden Herausforderungen: die Schuldigen zu entlarven und das Geheimnis der Einsiedlerin zu lüften. Doch die Zeit drängt, denn die schlimmsten Buschfeuer, die Tasmanien je erlebt hat, bedrohen nicht nur sein Leben …

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ISBN: 978-9963-53-920-8

Seiten: 331

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Alex Winter

Alex Winter
Alex Winter, geboren 1960 in Zürich/Schweiz, absolvierte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete zunächst als Dekorationsgestalter, später in verschiedenen Berufen im In- und Ausland. Seit 1980 unternimmt er immer wieder mehrjährige Reisen, die ihn vor allem nach Australien, Neuseeland und in die Südsee führen. Alex Winter lebt heute mit seiner Frau im Zürcher Oberland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Wenn dir das Wetter nicht passt, komm in fünf Minuten wieder. In Sydney hatte er den Spruch noch witzig gefunden, inzwischen hasste er ihn.
   »Scheiß Insel«, knurrte Francis. Tasmanien war launischer als Beverly, der scharfe Rotschopf von der Channel 10 Wettershow, mit der er seit ein paar Wochen zusammen war.
   Beim Gedanken an Beverly musste er grinsen. Als er ihr erzählt hatte, dass er spontan entschieden habe, zwei Wochen Urlaub auf Tasmanien zu machen, und zwar ohne sie, hatte sie ihn mit ihren honigmelonengroßen Brüsten in die Ecke der Cafeteria gedrängt und ihn mit mordlüsternem Blick gefragt, ob das sein Ernst sei und ob er eine andere habe. »Ja und nein«, hatte er geantwortet und mit breitem Grinsen hinzugefügt, dass er allerdings nicht wisse, wie heiß die tasmanischen Frauen seien.
   Was hatte Miss Honigmelone doch für ein erfrischendes Temperament, von ihrem fernsehuntauglichen Wortschatz und dem umwerfenden Hintern ganz zu schweigen.
   Er hatte ihr absichtlich erst am Vorabend seiner Abreise von seinen Plänen erzählt. Einerseits, weil sie ihn sonst weiter gelöchert und ihm dabei vermutlich entlockt hätte, dass er in Wahrheit wegen einer Story nach Tasmanien reisen wollte. Andererseits hatte er gewusst, dass sie ihm deswegen eine Szene machen würde und es dann, wie fast immer nach einem Streit, zu spontanem Versöhnungssex kommen würde; in der Besenkammer, Toilette, Parkgarage oder, wie am besagten Abend, im Tonarchiv des Senders.
   Weather Girls, für ihn ein ebenso nebulöses wie stürmisches Völkchen.
   Als Beverly nach ihrem Versöhnungsritual den tasmanischen Leitspruch zum Besten gegeben und ihm nahegelegt hatte, sich warm anzuziehen, weil eine Kaltwetterfront über die Insel ziehen und in höheren Lagen sogar vereinzelt Schneeregen fallen könne, hatte er sie nicht ernst genommen. Immerhin hatte Tassie einen außergewöhnlich heißen und rekordtrockenen Sommer hinter sich, und der Herbst stand erst in den Startlöchern.
   Beverly hatte seine Sticheleien überhaupt nicht spaßig gefunden und ihn ohne einen Abschiedskuss stehen lassen. Aus ihm unerfindlichen Gründen nahmen es Weather Girls immer sehr persönlich, wenn man ihre berufliche Kompetenz infrage stellte.
   Letztendlich hatte Beverly aber recht behalten. Seit seiner Ankunft auf der Insel fror er sich den Hintern ab, und seine Gelenke schmerzten, als bohrte jemand Nadeln hinein. Vielleicht bewahrte Beverly ja in ihrer Schreibtischschublade ein kleines Püppchen auf, das ihm ähnlichsah und auf dessen Kopf ein paar seiner Haare klebten. In das steckte sie, damit es ihm nicht zu wohl wurde, gerade mit Wonne ein paar Nadeln. Zuzutrauen war’s ihr.
   Francis verlangsamte seine Schritte. Von den steilen Hängen waberten grauweiße Nebelschwaden über den schmalen Trampelpfad. Das machte den mit vorstehenden Steinen gespickten Weg noch tückischer, als er ohnehin schon war.
   Hatte der fette Mond am funkelnden Sternenhimmel vor einer halben Stunde noch genug Licht gespendet, um die Taschenlampe nur gelegentlich anknipsen zu müssen, war Francis jetzt auf das künstliche Licht angewiesen, wenn er nicht auf dem kaum vierzig Zentimeter breiten Pfad stolpern und den Abhang hinunterstürzen wollte.
   Ein raschelndes Geräusch, das aus dem Unterholz des Waldes hinter ihm kam, ließ ihn zusammenzucken. Francis blieb stehen. Er leuchtete mit der Taschenlampe den Hügel hinauf.
   Die von den Nebelschwaden verzerrten Lichtstrahlen ließen die mächtigen Bäume wie gespenstische Riesenwesen, die hüfthohen Farne wie langhaarige Trolle erscheinen.
   Reiß dich zusammen, tadelte er sich im Stillen. Er richtete die Taschenlampe wieder auf den Trampelpfad vor sich und ging weiter. Das Gefühl, verfolgt zu werden, blieb.
   Kein Wunder, hatte sich der Stachel der Angst in seinen Nacken gebohrt. Immerhin hatte er Mrs. Duracks Geheimnis gelüftet.
   Was er herausgefunden hatte, würde ihn berühmt und die Einsiedlerin stinkwütend machen. Er hatte deswegen kein schlechtes Gewissen, das war etwas für Priester. Dennoch, es war schon ganz schön harter Tobak, auf den er da gestoßen war. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass ihm Mrs. Durack ein paar Kugeln verpasst hätte, wenn sie mitbekommen hätte, dass er ihr auf die Schliche gekommen war.
   Er versuchte, sich abzulenken, indem er an seinen Programmdirektor dachte. Auf gute Storys war der Mann geil wie ein Zuchtbulle auf eine junge Kuh. Und seine Story war nicht nur gut, sie war sensationell. Der Mann würde sich vor Freude die Nierensteine auspinkeln, da war sich Francis sicher. Jetzt musste er aber erst einmal heil ins Camp der ACF-Leute kommen. Bestimmt fragten sie sich schon, wo er wieder abgeblieben war.
   Er seufzte. Er musste sich noch eine gute Ausrede einfallen lassen. Bestimmt ahnte dieses kleine rothaarige Biest Mirna Davis, dass er nicht wegen des Konflikts zwischen den ACF-Leuten und den Holzfällern hier war. Es gab nun einmal nichts Nervenderes als neidische Berufskollegen, die spitzgekriegt hatten, dass man an einer Hammerstory dran war und die sie einem abjagen wollten.
   Um sicherzugehen, dass er nicht von einem Furcht einflößenden schwarzen Schatten eingeholt wurde, drehte er sich alle paar Meter um – und hielt erschrocken die Luft an, als plötzlich ein kleiner schwarzer Schatten nur einen Steinwurf entfernt auf den Pfad sprang. »Ganz ruhig, Alter«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als er erkannte, was es war. »Vor einer Stunde hast du unter großer Gefahr das entscheidende Material für deine Jahrhundertstory gesammelt. Da lässt du dich jetzt nicht von einem durchs Unterholz streifenden Wallaby oder was hier sonst noch nachts durch die gemäßigten Regenwälder Westtasmaniens schleicht, aus der Fassung bringen.«
   Er kicherte. Gemäßigter Regenwald, der war gut. Scheiß Kälte, scheiß Nebel, scheiß Insel. Allerdings, wenn das der Preis für die Story seines Lebens war, nahm er auch ein paar Frostbeulen in Kauf. »Denk an Beverly, dann wird dir schon wieder warm.« Das Wallaby preschte erschrocken den steilen Berghang hinunter.
   Kaum hatte sich Francis umgedreht, ließ ihn ein erneutes Rascheln hinter seinem Rücken wieder herumfahren. Diesmal schien das Geräusch nicht vom Pfad, sondern aus dem Unterholz ein paar Meter oberhalb zu kommen.
   Er richtete den Lichtkegel erst auf den schmalen Weg, dann lenkte er ihn den Steilhang hinauf.
   »Holy shit!« Er ließ vor Schreck die Taschenlampe fallen. Einen Augenblick starrte er wie gelähmt auf die jetzt nur noch schemenhaft erkennbare Gestalt hinter einem tasmanischen Bergpfeffer-Strauch, dann tasteten seine zitternden Finger nach dem Klappmesser in seinem Anorak. Er ließ die Klinge aus dem Messergriff herausspringen und streckte den Arm in Richtung der reglos hinter dem Busch verharrenden Gestalt aus.
   »Bleib mir vom Leib, hast du verstanden?« Seine Stimme hörte sich schrill an, es war die Stimme der Angst.
   Ohne die Gestalt aus den Augen zu lassen, hob er die Taschenlampe auf. Dann bewegte er sich seitlich gehend Schritt für Schritt weiter.
   Als die Gestalt hinter dem Pfefferbusch mit den Nebelschwaden verschmolz, drehte er sich um und hetzte, so schnell es der schmale Holperpfad zuließ, Richtung Tal.
   Immer wieder warf er ängstliche Blicke über die Schulter. Soweit er es beurteilen konnte, wurde er nicht verfolgt.
   Bei einem vor langer Zeit herabgestürzten mannshohen Felsbrocken verengte sich der Weg, und Francis blieb stehen. Sein Herz pochte wie eine alte Stanzmaschine, seine Lungen brannten von der kalten Luft, als hätte er Batteriesäure geschluckt.
   Noch einmal warf er einen Blick zurück. Alles okay. Er drehte sich um, sah aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter dem Felsen, gleichzeitig traf etwas sein Gesicht.
   Mit dumpfem Stöhnen torkelte er zwei Schritte zurück, rutschte aus und stürzte rückwärts die steile Böschung hinunter.
   Francis überschlug sich mehrmals, durchschlug das dichte Blätter- und Zweiggewirr einiger Büsche und prallte mit dem Rücken gegen einen umgestürzten Baumstamm, der glücklicherweise mit einem dichten Moospolster überzogen war. Er rutschte über den Stamm, versuchte vergeblich, sich an ihm festzuhalten, landete mit dem Gesicht auf der feuchten Erde, überschlug sich ein weiteres Mal, ehe es ihm endlich gelang, Arme und Beine auszustrecken und seine Rutschpartie abzubremsen.
   Verzweifelt versuchte er, die Finger in den nassen Boden zu krallen, doch anstelle sich irgendwo festhalten zu können, wurden seine Hände von totem Holz, Steinen und Dornen aufgerissen und seine Arme immer wieder wie die einer Gummipuppe herumgewirbelt. Schließlich verfing sich seine rechte Hand in einem Zwergbusch. Er spürte einen steckenden Schmerz wie von einem Stromschlag, gleichzeitig hörte er, wie sein Handgelenk mit einem hässlichen Knacken brach.
   Francis schrie auf, die schlaffe Hand löste sich aus dem Strauch und er rutschte, durch den Busch etwas abgebremst, auf dem Rücken weiter den Abhang hinunter, bis er mit der Schulter gegen einen Baum prallte.
   Sein Körper schlang sich um den Stamm. Mit der unverletzten Hand bekam er eine vorstehende Wurzel zu fassen. Seine Finger krallten sich durch das dicke Moospolster, versuchten, sich am glitschigen Holz festzuhalten, rutschten aber wieder ab.
   Erst verloren seine Beine den Kontakt zum Boden, dann sein restlicher Körper.
   Francis stürzte über eine Klippe mehrere Meter in die Tiefe, durchschlug das dichte Blätterdach einiger nahe beisammenstehender Baumfarne, und schlug auf den moosbeschichteten Steinen am Rand eines Wildbachs auf. Ein Feuerwerk aus glühend heißen Schmerzen schoss von seinem Steißbein den Rücken hinauf bis in seinen Kopf, wo es in einer gewaltigen Explosion alle Empfindungen pulverisierte.

Francis lag auf einer Eisscholle. Obwohl er sich selbst nicht sehen konnte, wusste er, dass er kein Mensch mehr war, sondern eine Robbe. Eine Robbe, die trotz ihrer dicken Fettschicht entsetzlich fror.
   Vor ihm, am Rand der Eisscholle, tauchte ein Kopf aus dem Wasser auf. Zwei starre schwarze Augen in einem schneeweißen Gesicht. Die Augen fixierten ihn einen Augenblick, dann stemmte sich der bullige Körper eines Eisbären aus dem Wasser.
   Francis wusste, dass er fliehen musste, war aber wie gelähmt. Entsetzt sah er zu, wie das große Raubtier mit gefletschten Zähnen auf ihn zuschoss. Als der Kopf des Eisbären nur noch Zentimeter von Francis’ Gesicht entfernt war, sich die kräftigen Kiefer öffneten und er den fauligen Atem des Tieres roch, begann er zu schreien.
   Im Bruchteil einer Sekunde wurde er aus einem fiktiven Albtraum in einen realen geschleudert.
   Francis lag mit verdrehten Glidern und vor Kälte zitterndem Körper zwischen abgerundeten, basketballgroßen Steinen halb im eiskalten Wasser. Sein Kopf hing seitlich von einem dicken Moospolster. Um ihn herum sprudelte ein Wildbach zu Tal.
   Wie lange war er bewusstlos gewesen? Mindestens Beverlys zitierte fünf tasmanischen Minuten. Der Nebel hatte sich verzogen, und es fiel, flimmernd wie Feenstaub, gelbliches Mondlicht zwischen den feuchten, filigranen Blättern der Baumfarne hindurch.
   Vorsichtig versuchte er, sich mit der linken Hand aufzurichten, gleichzeitig flutete einem Lavastrom gleich glühend heißer Schmerz durch seinen Körper. Er kniff die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander und kämpfte gegen die Schmerzen an. Zwar konnte er sie nur teilweise zurückdrängen, aber sie hatten auch ihr Gutes; er fror nicht mehr so fest, und sein Verstand begann wieder zu arbeiten.
   »Du musst … zurück … ins ACF-Camp«, flüsterte er. Wenn er das in seinem Zustand aus eigener Kraft schaffte, würde das seiner Story eine Aura des Heroischen verleihen und seinen Ruf des harten, unbeugsamen Enthüllungsjournalisten noch stärken.
   Durch Francis ging ein Ruck. Er versuchte, seine teilweise vom eisigen Wasser umspülten Beine über die ovalen Steine zu hieven, zwischen denen sie eingekeilt waren, doch sie gehorchtem ihm nicht. Erst jetzt realisierte er, dass er sie weder bewegen noch richtig spüren konnte.
   In seinem Kopfkino lief im Zeitraffer ein noch nicht gedrehter Film ab. In ihm befand sich Francis auf einer Bühne, in einem Saal voller ihm applaudierender Menschen.
   Ein Mann in Smoking, weißem Hemd und schwarzer Fliege stand neben ihm. Er beugte sich zu ihm herunter und übergab ihm einen Pokal in Form einer goldenen Füllerspitze; den Walkley Award, das australische Pendant zum Pulitzer-Preis.
   Francis nahm die Auszeichnung sitzend entgegen – er saß im Rollstuhl. Der Preis für die Story seines Lebens …
   »Nein!« Er war nicht gelähmt. Nur … ach, scheiße! Er durfte jetzt nicht darüber nachzudenken.
   Seine linke Hand krallte sich in das grüne Polster eines komplett mit einer dicken Moosschicht überzogenen Steins rechts von ihm. Als er mit seinen vor Kälte halb tauben Fingern das darunterliegende Gestein ertastete, klammerte er sich daran fest. Dann zog er stöhnend den Oberkörper hoch und hievte ihn über den Felsbrocken.
   Auf den Ellbogen kroch er aus dem Bachbett unter einen Baumfarn. Keuchend schloss er die Augen. So viel dazu, es aus eigener Kraft ins Camp der Umweltschützer zu schaffen.
   »O…kay.« Dann musste eben der PLB-Notrufsender in seinem Rucksack zum Einsatz kommen. Immer noch besser, als in dieser grünen Hölle zu vermodern.
   Er wollte gerade die Arme aus den Schlaufen des Rucksacks winden, als von rechts ein schwacher Schatten auf sein Gesicht fiel. Stöhnend rollte sich Francis auf die Seite.
   »Hilf … mir«, keuchte er. »Ich bin … schwer verletzt. Mein Handgelenk ist gebrochen und ich kann meine … Beine nicht mehr bewegen.«
   Wortlos trat die von Kopf bis Fuß in dunkle Kleidung gehüllte Person dicht vor Francis. Mit ausdrucksloser Miene öffnete sie den Verschlussknopf ihres am Gürtel hängenden Jagdmessers.
   »W…as …?«, stammelte Francis.
   »Dreh dich auf den Bauch.«
   »Warum?«
   »Weil ich dir den Rucksack abnehmen will.« Die Gestalt trat über ihn. Die Klinge des Messers schien im Mondlicht Funken zu sprühen.
   »Kommt nicht … infrage.« Francis rollte auf den Bauch. Er versuchte, auf den Unterarmen davonzurobben, wurde aber mit einem heftigen Tritt in den Rücken auf den Boden zurückgestoßen.
   Francis stöhnte auf. »Was zur Hölle soll das? Das ist mein Rucksack, meine Recherchen, meine Story!«, keuchte er wütend. Vergeblich versuchte er, mit der gesunden Hand nach seinem Gegner zu schlagen.
   Zwei kurze Schnitte, dann hatte die Gestalt Francis Rucksackgurte durchtrennt. Sie nahm den Fuß von seinem Rücken, gleichzeitig riss sie den Rucksack an sich.
   »Drecksau!« Francis rollte sich unter Schmerzen wieder auf die Seite. »Das wird dir noch leidtun! Damit kommst du nicht durch, hörst du?«
   »Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.«
   Francis starrte in die kalten Augen der breitbeinig über ihm stehenden Gestalt. Er spürte, wie die Angst wieder die Oberhand gewann. »Was soll das heißen? Willst du mich hier etwa elend verrecken lassen? Das ist vorsätzlicher Mord!«
   »Unterlassene Hilfeleistung trifft es wohl eher.« Die Gestalt wandte sich ab und trat in den Schatten der Baumfarne. Dort öffnete sie Francis’ Rucksack und entnahm ihm ein Notizbuch und eine Sony Spiegelreflexkamera.
   Sie steckte das Notizbuch in ihren eigenen Rucksack. Dann stellte sie die Kamera an und sah sich auf dem Display einige der Fotos an. »Unglaublich«, murmelte sie. Sie stellte die Kamera ab, entnahm ihr den Speicherchip und steckte den Fotoapparat zurück in Francis’ Rucksack.
   »Warte«, rief Francis. »Hilf mir, und ich sorge dafür, dass wir beide von der Geschichte profitieren, das verspreche ich.«
   »Ich verzichte.« Die Gestalt packte Francis’ Rucksack und sprang damit über ein paar Steine auf die andere Seite des Baches.
   »Dann hau ab, du Arschloch! Aber wenn du glaubst, du kommst damit durch, irrst du dich. Und wenn ich auf dem Zahnfleisch nach Hobart kriechen muss, ich schaff es hier raus, und dann mach ich dich fertig!«
   »In deinem Zustand? Das bezweifle ich. Aber ich will mal nicht unsportlich sein. Bin gespannt, wie weit du kommst.« Die Schattengestalt drehte sich um und stapfte davon.
   Francis blickte zu seinem Rucksack, der auf der anderen Seite des Baches unter einem Baumfarn lag. Ob der PLB-Notrufsender noch in der Seitentasche steckte? Wenn ja, war er so gut wie gerettet.
   Einen Augenblick blieb er noch liegen, sammelte seine Kräfte, dann kroch er im Schneckentempo zwischen den glitschigen Steinen durch das eisige Wasser auf die andere Seite.
   Mit letzter Kraft streckte er die Hand nach dem Rucksack aus und zog ihn an sich. Tränen schossen ihm in die Augen, als er feststellte, dass der Sender noch in der Seitentasche steckte. »Du verdammte Heulboje«, schluchzte er. »Worauf wartest du noch? Dass man dir den Preis für die goldene Träne verleiht?« Sein Kichern hörte sich wie das eines Geisteskranken an.
   Zum Glück war der PLB so konzipiert, dass man ihn im Notfall mit nur einer Hand bedienen konnte.
   Erst zog er mit den Zähnen die Antenne aus dem Gerät, dann klappte er mit zitternden Fingern den Sicherungsdeckel über dem Aktivierungsknopf auf. In dem Moment, als er den Knopf drücken wollte, wurde der Notrufsender mit einem Fußtritt aus seiner Hand gerissen und in den Bach geschleudert.
   »Nein!«, schrie Francis. Er riss den Kopf herum, sah eine Schuhspitze auf seine Schläfe zuschießen, die ihn in den schwarzen Abgrund des Vergessens stieß …
   Er lag zwischen stinkenden, halb verwesten menschlichen Leichen in einer dunklen, feuchten und kalten Drachenhöhle.
   Als er hinter sich das laute Fauchen des Drachen hörte, verrenkte er den Hals, bis das Ungeheuer in sein Blickfeld rückte.
   Einmal mehr schwappte Francis’ Wahrnehmung wie ein zäher Nebel von der Traumwelt in die Realität. Er kniff die Augen zusammen, und die Umrisse nahmen klare Konturen an.
   Überrascht stellte er fest, dass der Drache nicht das feuerspeiende Ungeheuer war, das er erwartet hatte, sondern ein kleines pelziges Tier.
   Ein Tasmanischer Beutelteufel stand breitbeinig vor ihm. Seine kalten dunkelbraunen Knopfaugen und sein weit aufgerissenes Maul waren ebenso Furcht einflößend wie die eines Drachen.
   Trotz des schummrigen Lichts konnte Francis deutlich den schneeweißen Keilstreifen auf der schwarzen Brust des Tieres erkennen. Die kräftigen Kiefer weit geöffnet, fauchte und zischte ihn das mehr als hauskatzengroße Raubtier angriffslustig an.
   »Ver…schwinde«, keuchte er. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass Tasmanische Teufel ziemlich aggressiv wurden, wenn sie Beute gewittert hatten. Ihre Ohren verfärbten sich dann rot, und sie verströmten einen unangenehmen Körpergeruch. Blutend und fast wehrlos am Boden liegend, musste er diesem kleinen Ungeheuer im wahrsten Sinne des Wortes wie ein gefundenes Fressen vorkommen.
   Francis tastete mit der linken Hand nach etwas, womit er das Tier verjagen konnte, bekam einen kleinen Zweig zu fassen und schlug damit nach ihm.
   Der Beutelteufel wich geschickt aus, dabei stieß er Laute aus, die wie feuchtes Niesen klangen. Sein kräftiger, gedrungener Körper duckte sich angriffslustig, gleichzeitig drangen von allen Seiten weitere markerschütternde Kreisch- und Zischlaute an Francis’ Ohren. Er begriff, dass er es nicht nur mit einem Tasmanischen Teufel zu tun hatte, sondern mit einer ganzen Bande.
   Während von allen Seiten schwarz glänzende Leiber knurrend auf ihn zuschlichen, richtete er sich in einem letzten Kraftakt auf, so weit er konnte.
   Als könnte er in die Zukunft blicken, sah er, wie ihn seine Kräfte verließen, wie er das Bewusstsein verlor und wie sich die Tiere auf ihn stürzten, ihre kräftigen Kiefer seine Kleidung zerrissen, sich in sein Gesicht, seine Kehle, Hände, Arme, Beine und in seinen Bauch schlugen. Der Traum von der Story seines Lebens, in Fetzen gerissen …
   Keine luftigen Croissants und umwerfender Stirling Café mehr von Loafer Bread an der Scotchmer Street, keine köstlichen Weine mehr aus dem Barossa Valley nach einem harten Tag im Sender, kein spontaner Versöhnungssex mehr mit Beverly. Nichts mehr, nie mehr.
   Zum ersten Mal in seinem Leben empfand Francis so etwas wie Bedauern und Reue.

1

»Fünf Minuten«, sagte der Mann hinter dem Steuer des Caltex Tanklastwagens, »dann sind wir in Wayatinah.« Sein Name war Russel. Er hatte Unterarme wie Popeye und Schultern wie ein Amboss, in dessen Mitte man einen reifen Kürbis platziert hatte.
   Russel hob kurz das laubfroschgrüne John Deer Cap, das farblich in schmerzlichem Kontrast zu seinem dünnen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen orangeroten Haar stand und kratzte sich sein Kürbishaupt. »Verdammt, muss ich dringend pinkeln. Hoffentlich halt ich noch bis zum General Store durch.«
   John, der auf dem Beifahrersitz saß, hielt grinsend den Daumen hoch und ließ Russel, der geschwätziger als ein Galah-Kakadu war, weiterplappern.
   Die Redseligkeit des Truckers störte ihn nicht, auch wenn Russel gerade in blumigen Worten über seine bevorstehende Prostataoperation referierte. Im Gegenteil; das Mitteilungsbedürfnis seiner Mitfahrgelegenheit bewahrte John davor, von sich zu erzählen. Nicht, dass es eine Menge zu berichten gegeben hätte – John litt unter einer dissoziativen Amnesie, aufgrund derer er sich nicht an seine Vergangenheit erinnern konnte. Inzwischen hatte er sich eine Lebensgeschichte ausgedacht, die er aber nur dann zum Besten geben wollte, wenn es unbedingt nötig war. Dafür hatte er gute Gründe.
   Er war auf der Flucht. Zum einen vor der Polizei, zum anderen vor seiner Erinnerung.
   Zwar gab es Momente, in denen er sich fragte, wie er in Wirklichkeit hieß und was in seiner Vergangenheit vorgefallen war, dass er unter Amnesie litt – wobei leiden nicht die richtige Bezeichnung war, denn eigentlich empfand er den Gedächtnisverlust weniger als Leiden denn als Segen. Was für ein Mensch er früher auch immer gewesen war, durch die Amnesie hatte er die Chance auf ein neues Leben erhalten.
   Inzwischen hatte er begriffen, dass die Amnesie seine Seele beschützte und die gelegentlich aus seinem früheren Leben in sein Hier-und-jetzt-Bewusstsein fallenden Mosaiksteine dazu dienten, sein jetziges (Über)leben zu sichern. Solange sein Unterbewusstsein das für nötig erachtete, wollte er sich nicht dagegen wehren, auch wenn er dadurch in Ungewissheit lebte.
   Trotzdem hatte er inzwischen einige Dinge über sich erfahren: Seiner gesunden braunen Hautfarbe, dem schwarzen Haar und den Stammesnarben auf Brust und Bauch nach zu urteilen, war er vermutlich ein Aborigine-Mischling dritter oder vierter Generation. Er war am liebsten draußen in der Natur, Städte hingegen waren nicht sein Ding. Er war ein guter Reiter, kein schlechter Farmarbeiter, geschickt im Spurenlesen, handwerklich begabt, und wenn’s drauf ankam, wusste er seine Fäuste zu gebrauchen. Alles Eigenschaften, die er für vorteilhaft hielt.
   Dem entgegen stand, dass er offenbar schon zweimal angeschossen wurde. Eine ältere, nicht besonders schön verheilte Wunde am Bein und ein erst wenige Wochen alter Streifschuss am Arm legten davon Zeugnis ab. Wo er sich diese zugezogen hatte, wusste er nicht. Seine Erinnerung reichte in vielen Dingen nur kurze Zeit zurück. Genauer gesagt, bis wenige Tage vor seiner Rettung durch Sally Storer, einer jungen Farmertochter, die ihn halb tot am Ufer des Warburton Creeks mitten in der südaustralischen Sturt Stony Desert, aufgefunden und gesund gepflegt hatte.
   Aus Dankbarkeit, und weil er nicht wusste, wohin er sonst hätte gehen können, hatte er Sally zurück auf die Schaffarm ihrer Familie begleitet, die sie wegen eigener großer Sorgen überstürzt verlassen hatte.
   Er hatte ihr beigestanden, hatte ihr geholfen, ihre Probleme zu lösen und gleichzeitig auch noch den Mord an ihrem Vater aufgeklärt. Dabei hatten sie sich ineinander verliebt.
   Johns linke Hand verschwand unbewusst in seiner Jeanstasche. Als seine Finger einen ovalen Gegenstand berührten, entspannte er sich. Der ungeschliffene Boulder Opal …
   Immer, wenn er den wertvollen Edelstein berührte, aktivierte dies seine Erinnerung. Er sah Sally vor sich, ihren Onkel und den Aborigine-Mischling Opal-Jack, der ihm den Opal und seinen Führerschein geschenkt hatte.
   Er vermisste diese Menschen, ganz besonders Sally. Sein neues Leben hatte erst vor wenigen Wochen begonnen, und irgendwie standen Sally und die anderen für ihn jetzt stellvertretend für seine Familie. Umso mehr schmerzte es, dass er nicht zu ihnen zurückkehren konnte.
   Während seines Aufenthaltes auf der Schaffarm hatte John – nicht zuletzt wegen der Schussverletzungen, für die er keine Erklärung hatte – gegenüber der Polizei falsche Angaben zu seiner Person gemacht. Dies hatte der Detective Senior Constable, der wegen des Verschwindens von Sallys Mann und des Todes ihres Vaters ermittelte, herausgefunden. Außerdem verdächtigte er Sally, ihren Mann umgebracht und seine Leiche irgendwo verscharrt zu haben. Darüber hinaus hielt er John für Sallys Komplizen.
   Zwar lag Detective Scanlan mit seinen Vermutungen teilweise richtig, Mörder waren aber weder Sally noch John – zumindest, soweit sich John zurückerinnern konnte.
   Seine Amnesie war zweifellos auf traumatische Ereignisse in seiner Vergangenheit zurückzuführen, und seine Schussverletzungen standen sicher damit in Verbindung. War er vielleicht ein Verbrecher, oder war er zufälligerweise bereits zweimal in seinem Leben unschuldig in eine Schießerei geraten? Sein Gehirn sperrte sich gegen eine Antwort. Solange es das tat, er sich nicht vor sich selbst Rechenschaft ablegen konnte, wollte er auf freiem Fuß bleiben.
   Dummerweise hatte Detective Scanlan ihn aber wegen der Lügen zu seiner Identität festgenommen. Auf dem Weg zur Vernehmung in Broken Hill verhalfen ihm Eingeborene jedoch zur Flucht.
   Detective Scanlan wartete vermutlich nur darauf, dass John Kontakt mit Sally, ihrem Onkel oder Opal-Jack aufnahm. Er wusste nicht, wie es Sally seit seiner Flucht ergangen war, und das belastete ihn. Zwar war er überzeugt, dass die Polizei sie irgendwann in Ruhe lassen würde, da es keine Beweise gab, dass sie etwas mit dem Verschwinden ihres Mannes zu tun hatte. Außerdem hatte John Sally bei seiner Flucht gegen ihren Willen mit Handschellen an Detective Scanlans Wagen gefesselt. Damit hatte er sie daran gehindert, mit ihm unterzutauchen und zugleich unterstrichen, dass Sally und er keine Komplizen waren. Er hoffte sehr, dass sie ihm das inzwischen verziehen hatte.
   »Heureka«, rief Russel.
   Aus den Gedanken gerissen, blickte John erst zum Trucker, der bereits aus der Führerkabine kletterte, dann durch die Frontscheibe auf den großen offenen Parkplatz, in dessen Mitte verloren eine einzelne Zapfsäule stand, und weiter zu den dahinterliegenden, im rechten Winkel angeordneten einstöckigen Backsteingebäuden.
   »Ich weiß, potthässlicher Laden«, rief Russel mit verkniffenem Gesicht von außerhalb des Trucks. »Aber das Essen in der Taverne um die Ecke ist ganz passabel. Kannst ja schon mal im Store Bescheid geben, dass ich da bin, um ihren Dieseltank aufzufüllen.«
   John tippte sich an seine Baseballmütze und kletterte ebenfalls aus dem Mack-Truck.
   Ein Labrador, der im Schatten neben einer Telefonzelle gelegen hatte, erhob sich träge und trottete mit zufriedenem Schwanzwedeln zu ihm.
   »Na du«, sagte John und kraulte dem Hund kurz den Hals, »bist wohl das Empfangskomitee hier.« Der Labrador bestätigte Johns Vermutung mit einem kurzen ›Wuff‹, trottete ein paar Schritte in Richtung Gebäude, ehe er stehen blieb und sich nach John umsah.
   »Ich komm ja schon«, sagte er grinsend und ließ sich von seinem vierbeinigen Guide über den Parkplatz und um die Hausecke zum Eingang des Geschäftes führen.
   Wayatinahs General Store war alles andere als eine Shoppingoase. Der mausgraue Linoleumboden, die braunen kunstholzfurnierten Warengestelle entlang der nackten Backsteinmauern, die ratternden Kühlschränke und Truhen, in denen die nötigsten Haushaltswaren und Lebensmittel aufbewahrt wurden, verliehen dem kleinen Laden die deprimierende Aura eines sibirischen Dorfladens aus der Zeit des Eisernen Vorhangs.
   John trat neben die Kassentheke, wo sich ein junger Mann mit einer Frisur wie ein Atompilz aufgeregt mit einem hinter der Kassentheke stehenden kleinen, rundlichen Mann unterhielt.
   »… is’ mir so was von scheißegal«, rief der Atompilz, »mir reicht’s!«
   »Komm schon, Lanny, du kannst mich doch nicht hängen lassen.« Der Mann hinter der Theke musterte John mit einem kurzen Blick, dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu. »Pacey wartet auf die Sachen.«
   »Und warum war sie dann nicht wie verabredet vor Ort?«
   »Das weiß ich auch nicht. Vermutlich hat sie sich einfach nur verspätet.«
   »Über eine Stunde?«
   »Na schön, ich versuche, sie gleich über Funk zu erreichen.«
   »Dann sagst du ihr am besten auch gleich, dass sie ihren Kram selbst hier abholen soll.«
   »Du weißt genau, dass das nicht geht. Wer weiß, was der Holzfällertrupp anstellt, wenn sie vom Berg runterkommt.«
   »Na, dann kann sie ja einen ihrer Bio-Pflaumen-Freunde runterschicken.«
   »Mit denen hat Pacey nicht viel mehr am Hut als du. Außerdem will sie niemandem …«
   »… etwas schuldig sein und in Ruhe gelassen werden, ich weiß schon.« Atompilz-Lanny schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber meiner Meinung nach stimmt es, was man über den alten Drachen sagt.«
   »Mag ja sein, dass sie etwas verschroben ist, doch sie hat für die Lebensmittellieferung bezahlt, also muss wer das Zeug zu ihr raufschaffen.«
   »Dann mach du das doch. Ich werde jedenfalls nicht noch einmal da hochfahren. Die Loggers haben mich bedroht, rumgeschupst und dabei hätt’ mich um ein Haar diese blutgierige Rotweilerbestie zerfleischt. Passieren ließen sie mich trotzdem nicht. So eine Scheiße brauch ich echt nicht, Mann!« Lanny kramte einen Autoschlüssel aus der Hosentasche und knallte ihn vor dem Ladenbesitzer auf den Kassentresen. »Dein Wagen steht draußen.«
   »Verdammt, Lanny, ich kann hier nicht weg. Entweder erledigst du den Job, oder das war das letzte Mal, dass du für mich gearbeitet hast.«
   Lanny zuckte mit den Schultern. »Auch gut.« Er drehte sich auf dem Absatz um. »Ich zwitschere jetzt ’n paar Bierchen, die habe ich mir nach der Aufregung redlich verdient«, sagte er im Davongehen.
   Der Ladenbesitzer sah mit verärgerter Miene zu, wie sich der Atompilz verzog, dann seufzte er und wandte sich John zu.
   »Das klang, als wären Sie eben ziemlich fies versetzt worden«, sagte John mitfühlend.
   Der Mann hinter dem Tresen war Mitte fünfzig. Er hatte ein rechteckiges, runzeliges Gesicht, das John an das eines chinesischen Faltenhundes erinnerte, graues Haar und ein Ziegenbärtchen, an dem er nervös herumzupfte.
   »Hm, ja«, brummte er. »Was kann ich für Sie tun?«
   »Russel meinte, ich soll Ihnen sagen, dass er da ist.«
   »Aha. Und wo steckt er?«
   John grinste. »Er musste dringend für kleine Jungs.«
   »Und wer sind Sie?«
   »John. Ich komme sozusagen lieferfrisch vom Festland. Russel war so freundlich, mich von Devonport bis hierher mitzunehmen.«
   Der Ladenbesitzer öffnete die Kasse und entnahm ihr einen Schlüsselbund. »Was verschlägt Sie hierher, John?«
   »Das Bedürfnis, mal was anderes zu sehen«, log John, »und die Suche nach Arbeit.«
   »Was die Jobsuche angeht, haben Sie sich mit Tassie die falsche Ecke Australiens ausgesucht. Hier finden Sie selbst in der Holzindustrie nur noch schwer Arbeit.«
   John zuckte mit den Schultern. »Ich nehme, was ich kriegen kann. By the way: Vielleicht kann ich ja den Lieferjob für Sie übernehmen?«
   Die listigen Augen des Ladenbesitzers scannten John von Kopf bis Fuß. »Ähm, Danke, aber ich denke, eher nicht.«
   »Schade.« John fragte sich, ob er bei dem Store-Besitzer wegen seines dunklen Teints abgeblitzt war oder weil er nicht von der Insel stammte.
   »Was hör ich da, Walter, du gibst John einen Korb?« Russel betrat beschwingten Schrittes den Laden. »Der Junge ist in Ordnung, vertrau mir.«
   Falten-Walter rümpfte die Nase. »Woher willst du alter Dieselschnüffler das so genau wissen? Du kennst ihn ja auch erst seit einigen Stunden.«
   »Wer wie ich ständig auf Achse ist, der lernt die Menschen einzuschätzen«, sagte der Trucker. Er legte John beim Vorbeigehen kurz eine Hand auf die Schulter und trat an die Theke. »Und der hier kann anpacken, das sag ich dir. Wir hatten unterwegs nämlich eine Reifenpanne, doch John hat nicht lange gefackelt und die Arbeit fast im Alleingang erledigt.«
   Der Ladenbesitzer unterzog ihn einer zweiten optischen »Sicherheitsüberprüfung«, was John insgeheim amüsierte.
   »Haben Sie denn einen Führerschein?«, fragte er schließlich merklich wohlgesinnter.
   »Yepp …«
   »Was ist denn überhaupt los?«, hakte Russel nach. Er nahm von Walter die Schlüssel für die Zapfsäule und die Tankeinfüllklappe entgegen.
   »Ich habe dir doch schon von Mrs. Durack erzählt.«
   »Klar, die Einsiedlerin, die dir aus unerfindlichen Gründen diese gutmütige Seele von Hund da draußen geschenkt hat und die allein oben in den Bergwäldern lebt, während man sich hier unten die wildesten Geschichten über sie erzählt.«
   »Genau die. Sie bestellt drei- bis viermal im Jahr Lebensmittel, und das nicht zu knapp.« Er schüttelte kurz den Kopf. »Ihre Bestellungen hat sie seit dem Tod ihrer Familienangehörigen nicht reduziert. Ist mir ein Rätsel, wie eine so zierliche Person so viel verdrücken kann, aber vielleicht liegt das am Kummer. Jedenfalls, früher hat sie sie selbst abgeholt. Seit ihr Mann zusammen mit ihrem behinderten Sohn bei der Suche nach einem vermissten Zoologen, der vorübergehend bei ihnen oben im Blockhaus gewohnt hatte, am Wylds Craig tödlich verunfallten, lässt sie sich die Vorräte bis zur Packsadle Schlucht bringen.«
   »Ich erinnere mich. Angeblich sind Vater und Sohn bei der Suche nach diesem Zoologen in eine Schlechtwetterfront geraten, haben sich anschließend im Nebel verirrt und sind über hundert Meter in eine Schlucht gestürzt. Die Leiche des Sohnes hat man nie gefunden, wenn ich mich recht erinnere.«
   »Richtig. Die Polizei ging davon aus, dass der Junge vom reißenden Wildbach in der Schlucht mitgerissen wurde. Die Leiche des Zoologen ist übrigens auch nie aufgetaucht.«
   Russel stützte sich lässig mit dem Ellbogen auf den Kassenkorpus. »Okay, und was ist jetzt das Problem …?«
   »Dieser Taugenichts Lanny Wilson«, knurrte der Thekenmann. »Da verschaffe ich ihm alle paar Tage kleinere Jobs, weil er sonst keine Arbeit länger als ein paar Wochen behält, und wie dankt mir das dieses Weichei? Er kneift den Schwanz ein, weil ihn die Logger-Jungs geärgert haben, als er die Vorräte rauf zu Mrs. Durack bringen sollte.«
   »Ja, is’ echt zum Heulen mit der heutigen Jugend. Die haben das Rückgrat einer Qualle, den Mumm einer Maus und den Verstand einer Auster.« Russel sah grinsend zu John. »Ich wette, du würdest dich nicht von diesen Holzfällertypen einschüchtern lassen.« Russel schien die Situation zu amüsieren, ganz im Gegensatz zu dem Mann hinter der Theke.
   »Das allein ist es nicht«, wich dieser aus. »Es ist nur …«
   »Nur was?«, ließ der Trucker nicht locker.
   Falten-Walter schüttelte den Kopf. »Da draußen im Wagen stapeln sich Lebensmittel im Wert von ein paar hundert Dollar. Ich kann doch nicht jemanden, den ich nicht kenne, damit in meinem Geländewagen den Berg hochschicken.«
   »Du hast allen Ernstes Angst, Johnny könnte mit deinem Wagen die Fliege machen?«
   »Schon okay, Russel«, ging John dazwischen. »Ich versteh das. Vermutlich ginge es mir an seiner Stelle gleich.«
   »Ist wirklich nichts Persönliches.« Irgendwie schaffte es Walter, seiner Stirn noch ein paar Längsfalten mehr hinzuzufügen. »Andererseits bin ich wirklich in der Klemme wegen dieser Lieferung …« Er blickte zur grauen Betondecke hoch, als stünde dort in Leuchtbuchstaben die Lösung für sein Dilemma geschrieben, und das schien sie.
   »Also schön«, stöhnte er an John gewandt, »achtzig Bucks, vier Bier in der Taverne und fünf Nächte im Zimmer hinter dem Lager.« Sein Blick schwenkte zu Russel. »Oder bleibst du heute über Nacht?«
   »Nö, muss leider noch die Caltex in Maydena mit Saft beglücken. Die sind wegen der Feuerwehrwagen, die die Buschfeuer im Franklin-Gordon Wild River National Park bekämpfen, fast auf null.«
   »Hoffentlich gelingt es, die Feuer endlich zu stoppen«, sagte Walter besorgt. »Die Kaltfront letzte Nacht hat das ja leider nicht geschafft.«
   »Um die Feuer im Süden mache ich mir weniger Sorgen als um die im Norden.«
   »Die waren doch so gut wie gelöscht«, sagte Walter.
   »Sind offenbar gestern Abend durch den starken Wind wieder angefacht worden und drohen nun, außer Kontrolle zu geraten, weil die meisten Feuerwehrmänner bei denen im Süden gebraucht wurden.«
   »Das ist hoffentlich einer deiner humorlosen Scherze.«
   »Schön wär’s«, erwiderte Russel ernst. »Habe ich in Deloraine aufgeschnappt. Sogar die Armee wurde aufgeboten, um beim Löschen zu helfen.«
   »Mist, verfluchter! Der Wind bläst schon seit Tagen in unsere Richtung.«
   »Nun mach dich mal nicht jetzt schon nass, Mate. Wir sind nicht die große Insel. Bisher hat man hier die Buschfeuer immer unter Kontrolle bekommen.«
   »Ja, bis jetzt«, brummte Walter.
   Russel räusperte sich, und John hatte den Eindruck, dass er seinen Worten selbst nicht recht traute.
   »Okay, dann füll ich mal die Blase deiner einsamen Zapfsäule auf.« Der Trucker wandte sich John zu und streckte ihm eine Hand entgegen. »Hat mich aufrichtig gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben, John. Viel Glück in Tassie.«

2

Eine halbe Stunde später war John auf dem Weg zur Packsadle Schlucht.
   Falten-Walter, der mit vollem Namen Walter T. Hungerford hieß, hatte vor Johns Abfahrt noch versucht, Mrs. Durack über Funk zu erreichen. Diese hatte sich jedoch nicht gemeldet, woraus Walter schloss, dass sie inzwischen bei der Schlucht angekommen war und dort sicher schon ungeduldig auf ihre Vorräte wartete.
   Kurz außerhalb der Hundertsiebzig-Seelen-Gemeinde warf John noch einmal einen kurzen Blick auf die Wegbeschreibung, die ihm Walter gezeichnet hatte. Er war auf Kurs.
   Die asphaltierte Florentine Road ging wie beschrieben in eine Schotterpiste über. Sie führte ihn durch dichten Mischwald an einer Lachszucht vorbei, überquerte den Derwent River, ehe sie nach gut zwei Kilometern den Wayatinah Dam erreichte, dessen tausende Tonnen aufgeschütteter schwarzer Basaltsteine den Fluss in eine rechtwinklige, zwei Kilometer lange Lagune aufstaute.
   Auf der Weiterfahrt sah John gelegentlich durch das satte Grün des Eukalyptuswaldes zu seiner Linken den nahen Derwent River, wobei Fluss das falsche Wort war, da der Derwent nach dem Damm nur noch ein zahmes, zwischen abgeschliffenen grauen Felsen hindurchplätscherndes Bächlein war.
   Zu Johns Rechten breitete sich ebenfalls dichter Wald aus. Die mit schneeweißen Blüten gesprenkelten Leatherwood Bäume sorgten für eine Abwechslung im Grün und Braun des Waldes sowie für einen betörenden, fruchtigsüßen Duft, der jetzt, zum Ende der Blütezeit, besonders intensiv durch das offene Seitenfenster und in Johns Nase drang.
   Auch wenn seine Erinnerung löchriger als ein Schweizer Käse war, konnte sich John erstaunlicherweise immer wieder an belanglose und scheinbar unwichtige Dinge erinnern. So wusste er, dass aus dem Nektar der Leatherwood-Blüten ein einzigartiger Honig gewonnen wurde, den er, wenn ihm die Sinneszellen seines Geruchssinns keinen Streich spielten, schon einmal gekostet hatte.
   John hatte es nicht besonders eilig. Die Landschaft war ganz anderes, als er es gewöhnt war. Das üppige Grün, die allgegenwärtigen Hügel, Berge, Flüsse und Seen faszinierten ihn, zogen ihn regelrecht in seinen Bann. Gleichzeitig machten sie ihm aber einmal mehr bewusst, dass er ein Mann des Outbacks war und sich in Tasmanien in einer fremden und wenig vertrauten Umgebung bewegte.
   Ein paar Kilometer weiter tauchte links eine private Forststraße auf. John warf einen schnellen Blick auf den Kilometerzähler seines Mazda Cap Chassis und nickte.
   »Das muss die Abzweigung sein, die Walter gemeint hat«, sagte er zu sich selbst.
   Er bog in die breite Forest Road ein, an deren Wegrand ein großes gelbrotes Metallschild vor Logging Roadtrains warnte.
   Die extra für den Holzschlag angelegte Straße führte in das Mount Thunderbolt Forest Reserve.
   Wie ihm Walter erzählt hatte, war sie von einer Logging Company namens Humms Limited angelegt worden und folgte teilweise einem alten 4 x 4 Track weit hinauf in die Gordon Ranges und deren Ausläufer, bis nahe zur Grenze zum riesigen, weitgehend unberührten und unzugänglichen Franklin-Gordon Wild River National Park.
   Walter hatte ihn vorgewarnt, doch als John mit eigenen Augen sah, dass der so gesund und dicht wirkende Regenwald, durch den er noch vor wenigen Minuten gefahren war, in Wirklichkeit nur ein schmaler, naturbelassener Streifen Grün entlang der Straße war, der die Blicke vor den brutal gerodeten Waldgebieten dahinter abschotten sollte, war er dennoch geschockt.
   Die Landschaft sah hier aus wie nach einem Bombenangriff. Kahle Flächen mit aufgewühlter Erde und entwurzelten Baumstümpfen bis weit den Berg hinauf. Dazwischen breiteten sich überall die tiefen Fahrspuren von Bulldozern aus, die wie Narben von Peitschenhieben über die gerodeten Bergrücken liefen.
   Wie ihm sein neuer Boss erklärt hatte, war der Holzkonzern im Moment dabei, die letzten ursprünglichen Regenwaldgebiete des Forest Reserves bis hinauf zur National Park-Grenze abzuholzen, um sie danach wieder – wie anderenorts – mit schnell wachsenden Monowäldern aufzuforsten.
   Dieses Vorhaben versuchten Aktivisten der Australian Conservation Foundation zu verhindern. Zu diesem Zweck hatten sie ein Protestcamp errichtet, das an der Grenze zwischen dem bereits abgeholzten Teil und einem Bergeinschnitt lag, in dem einige alte und seltene Baumriesen standen, und dessen Zugang die Naturschützer blockierten.
   Streng genommen hielten sich die Umweltaktivisten dort widerrechtlich auf, da das Gebiet zum Mt. Thunderbolt Forest Reserve gehörte, die Humms Limited Logging Company die Holzschlagrechte für dieses Gebiet beanspruchte und die Forstwege für Fremde sperren konnte. Doch bisher hatte die Polizei nicht eingegriffen.
   Das lag an einem noch nicht abgeschlossenen Rechtsstreit zwischen Mrs. Durack und der Logging Company um ein Waldgebiet, das neu zur Rodung vorgesehen war und zu dem sowohl der Bergeinschnitt mit den seltenen Baumriesen gehörte als auch der Boden, auf dem Mrs. Duracks Blockhütte stand. Außerdem wollten weder Politiker noch Behörden mit überstürzten Aktionen in die Negativschlagzeilen geraten, denn der dringend notwendige Schutz der einzigartigen tasmanischen Flora und Fauna war in den vergangenen Jahren immer stärker ins Bewusstsein sowohl der einheimischen Bevölkerung als auch der auf dem Festland gerückt. Letztendlich waren die Einwohner Tasmaniens aber geteilter Meinung, wie mit der Ressource Wald umgegangen werden sollte.
   Wer seinen Job in der Holzindustrie auf Kosten des Umwelt- und Naturschutzes verloren hatte, der war mitunter nicht gut auf diejenigen zu sprechen, denen der Artenschutz noch nicht weit genug ging – so wie der Australian Conservation Foundation.
   Johns Gedanken sprangen zu Mrs. Durack.
   Er fragte sich, was an den Geschichten, die man sich über sie erzählte, dran war.
   Wenn es nach der Gerüchteküche ging, hatte die Einsiedlerin den verschollenen neuseeländischen Zoologen umgebracht und womöglich auch ihren Mann Jeffrey und ihren behinderten Sohn Terence, die bei der Suche nach dem Zoologen angeblich durch einen Unfall ums Leben gekommen waren. Es war erstaunlich, wie die Menschen im Tal überhaupt alles, was ihnen in der Gegend irgendwie seltsam oder unheimlich vorkam, mit der Einsiedlerin in Verbindung brachten.
   So kursierten die wildesten Theorien, woher sie kam und warum sie schon über dreizehn Jahre zusammen mit ihrem Sohn in den Bergen ein Einsiedlerleben führte, während sie von ihrem Mann, der als National Park Ranger im weiter südlich gelegenen Mount-Field National Park gearbeitet hatte, nur gelegentlich besucht worden waren.
   Das, und der Umstand, dass Mrs. Durack Fremden mit großem Argwohn und noch größerer Ablehnung begegnete – ungebetene Gäste vertrieb sie schon mal mit Warnschüssen –, erwiesen sich natürlich als idealer Nährboden für Verschwörungsgeschichten. Kein Wunder also, dass viele Bewohner Wayatinahs der Überzeugung waren, im Leben der Einsiedlerin müsste es ein dunkles Geheimnis geben, vor dem sie in die Einsamkeit der wilden, rauen Berge geflohen war.
   John sah das etwas lockerer. Eigenbrötlerische Menschen gab es überall auf der Welt. Das bedeutete nicht, dass sich bei ihnen zwangsläufig die Leichen im Keller stapelten.
   Da seine Vergangenheit für ihn ebenfalls ein geheimnisumwittertes Rätsel war, konnte er es kaum erwarten, Mrs. Durack kennenzulernen. Doch zunächst musste er irgendwie an der Holzfäller-Blockade vorbeikommen.
   Nach dem kahl geschorenen Hügel stieg die Forststraße immer steiler an. Zunächst führte sie durch ein mit schnell wachsenden Eukalypten aufgeforstetes Waldgebiet. Die Bäume waren noch keine drei Meter hoch. Der Wind ließ ihre dünnen, lanzenförmigen Blätter zittern, als würden die jungen Bäume vor Kälte frieren.
   Schließlich folgte der Weg einer steilen Bergflanke, die aus dem braunschwarzen Erdreich gegraben und mit Schotter, Kies und groben Holzschnipseln so rutschsicher wie möglich gemacht worden war.
   Nun war John auf einmal wieder von naturbelassenem Regenwald eingehüllt. Der steile Abhang zu seiner Linken und die im Sechzig-Grad-Winkel ansteigende Bergflanke zu seiner Rechten waren der Abholzung vermutlich nur deshalb entgangen, weil sie den bestmöglichen Schutz vor Erdrutschen boten.
   Die Straße wand sich in mehreren, in den Kurven breit ausgebauten Schleifen die Bergkette hinauf.
   Einmal, vor einer unübersichtlichen Kurve, spannte sich eine wuchtige Holzbrücke über einen schäumenden, in Kaskaden die steile Bergflanke hinabstürzenden Wildbach.
   Die Brücke schien ziemlich neu zu sein. Sie bestand aus zwei mächtigen, an die zwölf Meter langen und gut dreißig Zentimeter dicken Baumstämmen, auf die quer dicke Bretter aufgeschraubt waren.
   Anstelle eines Geländers hatte man Bahnschwellen als Seitenbegrenzungen auf die Planken montiert. Wie John vermutete, dienten sie den Holztransportern nur als Leitlinien, denn Schutz vor einem versehentlichen seitlichen Abrutschen über den Brückenrand boten sie nicht.
   Trotz ihres primitiven Aussehens schien der Übergang aber sehr stabil zu sein, was bei den tonnenschweren Log-Trucks auch zwingend nötig war.
   Nach einer Weile erreichte er ein Plateau mit einer gerodeten Lichtung, in der problemlos ganz Wayatinah Platz gefunden hätte.
   Zu beiden Seiten zweigten Forstwege ab, die zwischen aufgewühlter Erde, Baumstümpfen und bereits wieder mit kleinen Baumsetzlingen bepflanzten Flächen zu stattlichen Mono-Eukalyptuswäldern führten.
   Von Bulldozern geschlagene Schneisen und Lücken in den aufgeforsteten Waldabschnitten deuteten darauf hin, dass diese Gebiete gerade »erntereif« waren.
   In der nordwestlichen Ecke der Lichtung befand sich das Lager der Holzfäller.
   Auf der einen Seite eines gewalzten und mit Kies und Holzschnipseln ausgestreuten Platzes standen vier mobile Container auf Rädern, wie sie auch von den Straßenarbeitern im Outback oder in abgelegenen Minen benutzt wurden. Sie dienten als Schlaf-, Aufenthalts- oder Toilettenräume. Davor standen kreuz und quer drei schmutzige Toyota Pick-up Geländewagen mit gelben Blinklichtern auf den Dächern, Funkantennen und zweieinhalb Meter langen orangefarbenen Sandflaggen sowie ein Anhänger mit einem Frischwassertank.
   Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes befanden sich die schweren Arbeitsmaschinen wie ein riesiger Ausleger-Raupenkran, der mit seinen Greifzangen wie ein monströser Skorpion aussah, ein mit acht autoreifendicken Baumstämmen beladener Mack Log-Truck sowie ein Wellblech gedeckter, rundum vergitterter Unterstand, in dem Motorsägen und andere Gerätschaften aufbewahrt wurden. Dicht daneben stand ein kleiner Tank auf höhenverstellbaren Stützen, der groß mit »PETROL« beschriftet war und für den Betrieb von Kettensägen, Handwinden und weiteren Gerätschaften benötigt wurde.
   Etwas abseits von den Arbeitsmaschinen erkannte John beim Vorbeifahren einen zwanzig Fuß Anhänger mit einem Dieselgenerator neben einem Tanklastwagen.
   Menschen sah er keine. Es war Samstagnachmittag, die meisten Holzfäller waren vermutlich zu ihren Familien nach Hause gefahren und die, die als Wachposten geblieben waren, hatten sich in ihre Quartiere verzogen.
   Kein Wunder, dachte John. Vor nicht einmal zehn Minuten war der Himmel noch azurblau gewesen, jetzt war er mausgrau, und es blies ein scharfer, heißer Wind.
   John fuhr bis ans Ende des Kiesplatzes, wo ein Caterpillar Bulldozer wie eine Wand aus Stahl den Weg versperrte.
   Links und rechts der Straße hatte man Gräben ausgehoben und die Erde davor zu hüfthohen Hügeln aufgeschüttet.
   Auf der einen Seite zog sich der künstliche Hügel bis zu einem brusthohen Jungwald, auf der anderen Seite bis zu einer frisch gerodeten Fläche, deren Boden aufgewühlt und voller tiefer Furchen und Löcher war. Das Ganze glich somit mehr der Grenzlinie zwischen zwei Kriegsparteien als einem normalen Holzfällercamp.
   John blickte nachdenklich durch die Lücke zwischen Erdwall und Bulldozerschaufel zum engzulaufenden Ende des Plateaus, das in eine bewaldete, bergauf führende Schlucht überging. Dort lag das regenbogenfarbene Zelt-Camp der ACF-Aktivisten. Doch wie kam er dorthin?
   Eine Hand knallte lautstark auf das Autodach. John zuckte zusammen und drehte den Kopf zum Seitenfenster.
   Ein Hüne von einem Mann, dessen Hände, Arme, Brust und Gesicht ebenso behaart waren wie die eines Gorillas, stand neben der Fahrertür. Er legte die andere Hand, so groß wie eine Bärenpranke, auf den Rahmen des heruntergekurbelten Seitenfensters, dann beugte er sich zur Führerkabine herunter.
   Der Mann hatte einen Bart, der selbst ZZ Top Sänger Billy Gibbons vor Neid hätte erblassen lassen. Noch außergewöhnlicher waren jedoch seine Augenbrauen, die sich wie dicke Moospolster fast ohne Unterbrechung von einer Seite seines rechteckigen Schädels zur anderen zogen.
   John starrte ungläubig auf die baumnussgroßen Fingerknöchel des Mannes, auf die – aus seiner Sicht seitenverkehrt und rückwärts, aber für eine ihm gegenübersitzende Person gut lesbar – die Worte P-i-S-S O-F-F-! tätowiert waren.
   »Hat dir mein Boss nicht klar und deutlich gesagt, dass du dich hier nicht mehr blicken lassen sollst?«, sagte er mit einer Bassstimme, die – wenn er schrie – vermutlich einen Erdrutsch auslöste.
   John riss sich von der eindeutigen Knöchelbotschaft los und lehnte sich nach vorn. Er sah an King Kong vorbei zu einem der Container auf Rädern, wo ein groß gewachsener Mann mit schulterlangen Engelslocken und einem Rotweiler, so groß wie ein Kalb, langsam die Metallstufen herunterstieg.
   Als sich John wieder dem Silberrücken zuwandte, grinste er breit. »Ne, das Vergnügen, deinen Kumpel kennenzulernen, hatte ich noch nicht.«
   Genau diesen Blick hatte King Kong, als er auf das Empire State Building geklettert war und von Maschinengewehrsalven getroffen wurde, dachte John – und genau so wütend reagierte sein menschliches Ebenbild.
   Der Hüne riss die Fahrertür auf und packte ihn. John konnte gerade noch den Sicherheitsgurt öffnen, um wenigstens in einem Stück aus dem Fahrzeug gezerrt zu werden, dann machte sein Rücken auch schon unsanft Bekanntschaft mit der unergonomischen Karosserie des Mazda Cap Chassis.
   »Willst du mich verscheißern oder was?«, knurrte ihn der Affenmensch an.
   So bedrohlich er auch wirkte, John hatte keine Angst vor dem Mann. Wie er inzwischen wusste, war er durchaus in der Lage, sich auch gegen kräftigere oder bewaffnete Männer zur Wehr zu setzen. So hatte er vor Kurzem auf Sallys Farm einen Aborigine entwaffnet, der ihn mit einem Messer bedroht hatte. Er hatte ihn überwältigt und ihm seine eigene Waffe an die Kehle gehalten. Dies war so reflexartig und selbstverständlich geschehen, als wäre er in Selbstverteidigung ausgebildet.
   Besser war es allerdings, er ließ sich gar nicht erst mit dem Hünen ein. Zum einen sah er aus, als würde selbst das Geschoss aus einer Panzerfaust von seiner Brust abprallen, zum anderen war John noch keine vierundzwanzig Stunden in Tasmanien und hatte schon wieder Ärger am Hals.
   »Würd mir nicht im Traum einfallen, dich auf den Arm zu nehmen«, sagte John mit ruhiger Stimme. Er neigte den Kopf zur Seite, blickte zum Blondschopf und winkte ihm mit einer Hand zu, so gut es ging. »Falls du der besagte Boss bist, wäre ich dir echt verbunden, wenn du deinem Kumpel sagen würdest, dass wir uns noch nie begegnet sind«, rief er ihm zu.
   Der schmale Mund des blonden Mannes verzog sich zu einem feinen Lächeln, das Maul seines Vierbeiners zu einer zähnefletschenden Fratze. »Ja, ich habe das Sagen hier. Und, J. J., es stimmt, was er sagt.«
   King Kong wartete, bis sein Freund neben ihn trat, dann ließ er John los.
   Dieser Berggorilla heißt J. J.? John versuchte vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken. Ein junges blondes College Girl oder eine der hübschen NRL-Cheerleaderinnen mochte J. J. heißen, aber doch nicht dieser muskelbepackte Fleischberg …
   »Was grinst du so dämlich«, blaffte ihn J. J. an.
   »Ach, ich frag mich nur eben, für was deine Initialen stehen.«
   »Das geht dich einen feuchten Furz an, klar?«
   »Wie ich deinem Vorgänger schon klargemacht hatte«, sagte der Blonde, »ist das Betreten des Forest Reserves verboten. Das gilt besonders für diesen Teil, den wir gerade roden.«
   John hob den Kopf und sah sich suchend um. »Also ich sehe hier im Moment niemanden die Motorsäge schwingen.«
   »Weil Samstag ist und alle Arbeiter bis auf uns bei ihren Familien sind oder in New Norfolk einen draufmachen.« Der Blondschopf zuckte mit den Schultern. »Was nicht wirklich von Bedeutung ist, weil das hier Privatbesitz ist.«
   John blickte dem Mann in die gletscherblauen Augen. »Ich glaube, das stimmt so nicht ganz.«
   »Was du nicht sagst.« Der Boss trat einen Schritt vor, der Rottweiler tat es ihm gleich.
   Trotz seiner robusten Kleidung – er trug schwere Caterpillar-Schuhe mit Stahlkappen, eine dicke Arbeitshose und eine orangefarbene John Deere-Regenjacke – sah der Vorarbeiter weniger wie ein Holzfäller aus als vielmehr wie ein Surfer von der Gold Coast in der Blüte seiner Jahre. Sein langes, gewelltes blondes Haar, der Dreitagebart und das schlanke, sonnengebräunte Gesicht mit den feinen Augenfältchen und ausgeprägten Wangengrübchen ließ vermutlich so manche Frauenherzen schneller schlagen.
   »Mrs. Durack hat hier oben ein Stück Land gepachtet, und zwar auf Lebenszeit«, fuhr John fort, so relaxt er konnte. »Dadurch besitzt sie das Wegerecht. Da sie ihre Vorräte nicht selbst unten im Dorf abholen kann, hat sie das Recht, jemanden wie den Ladenbesitzer, Walter Hungerford zu beauftragen, sie ihr zu liefern.«
   »Schau an, da hat uns Hungerford aber einen echten kleinen Klugscheißer geschickt«, sagte King Kong zu seinem Vorarbeiter.
   Dieser grinste breit. »So klug nun auch wieder nicht. Vielleicht weißt du’s nicht: Der Pachtvertrag lief auf Mr. Duracks Namen. Doch der ist vor über einem Jahr gestorben, wodurch der Vertrag seine Gültigkeit verloren hat. Humms Limited gab Mrs. Durack ein Dreivierteljahr Zeit, ihre Blockhütte zu räumen, was sie aber nicht tat. Somit hält sie sich widerrechtlich da oben auf dem Berg auf, so wie dieser Haufen grüner Nichtsnutze da drüben.« Er verzog die Lippen und warf einen abschätzigen Blick zum ACF-Camp.
   John wiegte den Kopf hin und her, gleichzeitig setzte er eine gespielte Miene des Bedauerns auf. »Leider wieder nicht ganz korrekt. Im Fall von Mrs. Durack muss das Gericht erst noch darüber befinden, ob diese Klausel wirklich rechtlich verbindlich ist. Bis dahin behält Mrs. Durack alle ihre bisherigen Rechte.« Er zuckte mit den Schultern. »Natürlich könnt du und dieser Bulldozer mit Zähnen mich weiter bedrohen, aber vielleicht überlegt ihr euch, wie das Gericht darüber denkt, wenn es davon erfährt.«
   »Wer bist du, so ’n grüner Rettet-den-Planeten-Jurafuzzi von der Sunshine Coast?«, zischte King Kong.
   John sah kurz zu ihm auf, dann wandte er sich wieder dem Lockenkopf zu. »Sein IQ reicht schon aus, dass er versteht, worüber wir hier gerade reden, oder?«
   »Na warte, du Großmaul, dich stopf ich gleich ins Handschuhfach …«
   »Halt!« Der Vorarbeiter hob die Hand, und der bereits seine Pranken nach John ausstreckende Hüne folgte seinem Befehl wie der gut abgerichtete Rottweiler.
   »Du hast echt Mumm, das muss man dir lassen«, sagte der Blondschopf grinsend.
   Dass sich John von seinem hünenhaften Kumpel nicht einschüchtern ließ und seine dämliche Äußerung mit einer ebenso auf die Persönlichkeit zielenden Bemerkung touchiert hatte, schien ihn zu amüsieren.
   Er streckte John die Hand entgegen. »Ich bin Eddy Reese und der Vorarbeiter hier.«
   »John Parks.« Das einzige Ausweispapier, das er besaß, war Opal-Jacks Führerschein. Also war es das Beste, auch dessen Namen zu benutzen.
   »Okay, John. Seit wann arbeitest du für Walter?«
   »Schätze so satte zwei Stunden.« Er grinste. »Zu dem Zeitpunkt wurde dank euch gerade überraschend ein Job bei ihm frei.«
   »Und den würdest du nun gern behalten.«
   »Jepp …«
   »Ich habe dich noch nie in Wayatinah gesehen. Überhaupt machst du auf mich den Eindruck, als wärst du noch nicht lange in Tassie.«
   Eddy Reese sah nicht nur gut aus, er war auch clever. Anders als King Kong bildete er sich nicht nach dem ersten Blick ein in Stein gemeißeltes Urteil über einen Menschen. Er hatte John zunächst unterschätzt, was an seinem Dreitagebart, den Haaren, die er sich wachsen ließ, um mehr dem Bild auf Opal-Jacks Führerschein zu gleichen, und den Second-Hand gekauften Kleider liegen mochte. Außerdem studierte der Vorarbeiter Gesten, Körperhaltung und die Art zu reden seines Gegenübers. John machte das genauso. Menschen konnten sich verstellen, aber nicht mit allen ihren Sinnen gleichzeitig.
   »Stimmt«, gab John deshalb unumwunden zu. »Ich komme aus South Australia. Habe zuletzt auf einer Schaffarm im Outback gearbeitet«, versuchte er, weiterhin so nahe an der Wahrheit zu bleiben, wie es ging. Viel weiter als zu der Zeit auf Sallys Farm, reichte seine Erinnerung ohnehin nicht. »Hatte Lust, mal was anderes als immer nur roten Sand zu sehen.«
   »Hm, landschaftlich könnte der Kontrast nicht größer sein. Allerdings wären deine Chancen, einen einigermaßen anständigen Job zu finden, in Hobart, Launceston oder Devonport größer gewesen.«
   John war das unterschwellige Misstrauen in Eddy Reeses Stimme nicht entgangen. »Schon möglich. Aber ich mag keinen großen Trubel um mich herum. Also, wie sieht’s jetzt aus, lässt ihr mich die Lebensmittel ausliefern und damit meinen Job behalten?«
   »Mein lieber John«, antwortete Eddy mit gespieltem Bedauern, »du bringst mich da wirklich in eine unangenehme Lage. Einerseits scheinst du ein ganz netter Bursche zu sein, andererseits müsste ich dir dann erlauben, das Protestlager der ACF-Leute zu betreten. Der Weg hinauf zu Mrs. Duracks Blockhütte führt nämlich durch die Schlucht, dessen Eingang die ACF blockiert. Da diese Typen definitiv illegal hier sind, die Polizei aber bisher noch nicht gegen sie vorgegangen ist, habe ich von der Logging Company die Anweisung, niemanden zu ihnen durchzulassen – schon gar nicht jemanden, dessen Wagen bis unters Dach mit Vorräten vollgestopft ist.«
   »Verstehe«, sagte John, während er den Groschen in seinem Kopf beinahe fallen hörte. »Ihr befürchtet, dass ein Teil der Vorräte für die ACF-Truppe bestimmt sein könnte. Ihr wollt sie aushungern, deshalb habt ihr hier auch abgesperrt.«
   »Richtig kombiniert.«
   John schüttelte den Kopf. »Ich denke, Walter hätte mir gesagt, wenn Vorräte für die ACF dabei wären.«
   »Da wäre ich an deiner Stelle nicht so sicher. Ich kenne den guten Walt. Wenn er ein Geschäft wittert, dann setzt er alles dran, es auch zu machen.«
   »Außerdem«, meldete sich jetzt King Kong wieder zu Wort, »wer sagt, dass du nicht selbst einer dieser Bio-Körner-Fresser bist? Wenn ich dich so anschaue, könnte deine Kacke gut im Dunkeln leuchten wie das VB-Neonschild vor ’nem Pub.«
   Langsam ging ihm das Riesenbaby auf die Nerven. Er sah zu ihm auf. »Du hast nicht zufällig noch was anderes zu tun – Baumstämme jonglieren, Geländewagen hochstemmen oder sonst was in der Art?«
   »Wie wär’s mit Hackfleisch aus dir machen?«
   Natürlich wäre es klüger gewesen, jetzt den Mund zu halten. Aber John konnte einfach nicht anders. »Eins verstehe ich nicht, J. J. Da hast du einen Kopf so groß wie eine Wassermelone, aber offenbar nur ein erbsengroßes Hirn. Wenn du rumläufst, muss sich das doch anfühlen, als würde dein Gehirn wie eine Lottokugel in einer Mischwanne herumwirbeln – tut das nicht verdammt weh?«
   Eddy lachte laut heraus, gleichzeitig streckte er einen Arm seitlich aus und legte Einhalt gebietend eine Hand auf King Kongs Brust.
   John, der bereit war, zur Seite zu springen, falls ihn der Hüne angriff, entspannte sich.
   »Ich muss schon sagen, John«, meinte Eddy, als er sich wieder gefasst hatte, »du bist ganz schön mutig. J. J. könnte dich mit Leichtigkeit wie eine reife Pflaume zerdrücken.«
   John lächelte. »Daran zweifle ich keine Sekunde. Allerdings habe auch ich ein paar Tricks auf Lager.«
   »Wir können gern ausprobieren, ob sie was taugen, Großmaul«, knurrte J. J.
   »Vielleicht ein andermal«, machte John einen Rückzieher. »Jetzt würde ich, wie gesagt, gern erst einmal Mrs. Duracks Vorräte ausliefern.«
   Eddy warf einen Blick hinüber zum Protestcamp. »Ich nehme an, Mrs. Durack weiß, dass sie heute ihre Vorräte bekommt.«
   »Sicher doch.«
   »Dann frage ich mich, warum sie heute Morgen bei der ersten Lieferung nicht hier war. Wäre sie’s gewesen und hätte mir bestätigt, dass die Vorräte ausschließlich für sie bestimmt sind, hätte es keine Probleme gegeben.«
   John erklärte, dass sie sich vermutlich am Morgen verspätet hatte, inzwischen aber sicher im Camp war. »Mein Vorschlag: Ich gehe zu Fuß rüber ins Lager und hol sie her.«
   Eddy machte eine ausladende Handbewegung in Richtung ACF-Camp. »Nichts dagegen.«

Als John in die düsteren Gesichter sah, die ihm vom ACF-Camp entgegenblickten, wusste er, dass ihm bereits die nächste Prüfung bevorstand.
   Eine rothaarige Frau, flankiert von zwei Männern – beide schlanke, sportliche Typen mit kurz gestutzten schwarzen Haaren, Dreitagebärten und einem auf den ersten Blick identischen Outfit – lösten sich aus einer kleinen Gruppe am Rande des Lagers. Sie gingen auf eine Stahlkette zu, die zwischen zwei Geländewagen gespannt war und den Eingang zu ihrem Zeltlager markierte.
   »Nicht schon wieder«, presste John hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
   Unter einem der Fahrzeuge entdeckte er einen Schäferhund. Dieser blickte mit gespitzten Ohren ebenfalls in seine Richtung, dann kroch er unter dem Fahrzeug hervor und preschte laut bellend auf ihn zu.
   Das Tier trug eine Brustleine, so viel erkannte John. Da er noch gut zwanzig Meter vom Camp entfernt war und nicht annahm, die Leine wäre so lang, dass ihm der Hund gefährlich werden konnte, ging er beherzten Schrittes weiter.
   Das Ende der Leine stoppte den Belgischen Schäferhund. Er wirbelte herum, drehte sich wieder in Johns Richtung und stellte sich, am Strick zerrend, auf die Hinterbeine. Abwechselnd bleckte er die Zähne und bellte.
   Einen Meter vor dem wütenden Tier blieb John stehen. Eine der speziellen Eigenschaften, die er von seinem alten Leben in sein neues übernommen hatte, war die Fähigkeit, gut mit Tieren, insbesondere Vierbeinern, umgehen und schnell ihr Vertrauen gewinnen zu können. Hier half ihm das allerdings wenig. Ein Blick auf den Schäferhund reichte ihm, und er wusste, dass dieser Hund, ebenso wie Eddy Reeses Rottweiler, zu einem scharfen Wachhund abgerichtet war, der wie eine ferngesteuerte Drohne seiner Programmierung folgte.
   John blickte an dem Tier vorbei.
   Die Frau, robust gebaut und neben ihren Freunden wie eine Huldra, das weibliche Pendant eines Trolls aussehend, verschränkte die Arme und stellte sich breitbeinig vor die Absperrung. »Malcolm, aus und Platz!«
   Der Hund folgte augenblicklich. Zwar ließ er John nicht aus den Augen, doch mit den gespitzten Ohren und dem leicht schief gehaltenen Kopf sah er nun wie ein verspielter Welpe aus, der darauf wartete, dass man ihm ein Stöckchen warf.
   »Bei Fuß!«, rief die Huldra einen weiteren Befehl.
   Als hätte er John bereits vergessen, spurtete der Schäferhund zurück zu seinem Frauchen und setzte sich artig neben sie.
   Während John auf sein Begrüßungskomitee zuging, machte er sich ein erstes Bild von der Frau. Sie hatte ein sonnengebräuntes Gesicht mit harten Zügen. Ihre kastanienbraunen Haare waren zu schulterlangen Dreadlocks verfilzt, was weder zu ihrem teuren Marken-Outdoor-Outfit passen wollte noch zu den bestimmt über fünfzig Geburtstagskerzen, die zuletzt auf ihrem Bio-Kuchen gesteckt haben mochten.
   »Hi, wie geht’s?«, sagte John, als er die Gruppe erreicht hatte.
   Die Frau musterte ihn einen Augenblick mit misstrauisch funkelnden Augen. »Wer sind Sie und was wollen Sie?«, fragte sie, ohne die Begrüßung zu erwidern.
   John stellte sich vor, nannte den Grund für sein Hiersein und gab das alles mit einem, wie er hoffte, harmlos-unschuldigen Lächeln zum Besten.
   »Und wo sind diese Vorräte für Mrs. Durack?«, fragte die Huldra kein bisschen zutraulicher.
   John zeigte mit ausgestrecktem Daumen über die Schulter. »Hinter dem Bulldozer in einem weißen Mazda Cap Chassis. Der Vorarbeiter und sein zyklopenhafter Kumpel wollten mich nicht bis zu euch durchfahren lassen. Sie glauben, dass im Wagen auch Vorräte für euch sein könnten.«
   »Pah«, spuckte einer der bärtigen Männer verärgert aus, »das zeigt mal wieder, wie überheblich und selbstgefällig diese ungehobelten Rüpel sind.«
   »Als ob sie uns mit einer Blockade von unserer gerechten Sache abhalten könnten«, ergänzte sein Ebenbild.
   John sah von einem zum andern und erkannte, dass sie tatsächlich Zwillinge waren. Er grinste. »Das denken die Jungs da drüben garantiert auch.«
   »Was meinen Sie damit?«, fragte die Huldra.
   »Dass sich die Logging Company ebenso im Recht sieht wie ihr.«
   »Das werden wir ja sehen. Alle diese Menschen hier«, die Huldra breitete die Hände aus, als müsste sie einem Idioten die Welt erklären, »werden mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass diese widerliche Humms Limited Logging Company nicht wie ein Heer Termiten über diese Schlucht mit ihrem einzigartigen Baumbestand und dem auf dem Plateau darüber herfällt.«
   »Ich hoffe, Sie haben Erfolg«, sagte John und meinte das ehrlich. »Was ich auf dem Weg hierher gesehen habe, hat mir gereicht. Die frisch gerodeten Flächen sehen aus wie nach einem Flächenbombardement und die wieder aufgeforsteten trost- und leblos.«
   »Das sind sie auch.« Huldras skeptischer Blick hatte etwas an Schärfe verloren. »Wie haben Sie es geschafft, dass die Sie passieren ließen?«
   »Indem ich keine Angst vor King Kong und dem Hund von Baskerville gezeigt habe, denke ich.«
   »Das war ziemlich gewagt. Ihr Vorgänger hatte nicht so viel Glück.«
   »Sie meinen Lanny.« John grinste. »Des einen Pech, des anderen Glück. Ich bin nämlich gerade erst auf Tassie angekommen …« John erzählte in Kurzform, wie er, kaum einen Tag auf Tasmanien, zu diesem Job gekommen war. Er rümpfte die Nase und sah durch den Nieselregen hinauf zum aschegrauen Himmel. »An das Wetter muss ich mich allerdings erst noch gewöhnen.«
   Huldra folgte seinem Blick. »Nur ein kurzer, lokaler Schauer – leider. Es bräuchte dringend ausgiebige Regenfälle, um die Buschfeuer im Süden und Norden einzudämmen.«
   »Sie sind gut informiert.«
   »Wir stehen in Funkkontakt mit Leuten aus unserer Organisation.« Huldra streckte John die Hand entgegen. »Esther Brown, ich bin die Aktions-Koordinatorin. Und das hier sind Nick und Paul Graydon. Nick ist Biologe, Paul Klimatologe. Außerdem sind sie für die Arbeitseinteilung zuständig.«
   Das Eis schien langsam zu schmelzen. John hoffte, dass man ihn jetzt durchließ. »Sagen Sie bloß, ich habe auch Proviant für Sie hier hochgefahren.«
   Esther lachte heiser. »Keine Sorge, das haben Sie nicht. Wir haben solche Aktionen schon mehr als einmal erlebt und wissen uns zu helfen.«
   »Verraten Sie mir, wie?«
   »Nein«, antwortete Esther, ohne zu zögern. »Sie könnten ja trotz Ihrer Geschichte einer von denen sein.«
   John schürzte in gespielter Enttäuschung die Lippen. »Sie sind aber misstrauisch …«
   »Aus gutem Grund«, erklärte Esther. »Gesellschaften wie Humms Limited handeln nicht nur wie Verbrecher, sie sind Verbrecher. Denen ist jedes Mittel recht, um ihre Interessen durchzusetzen.«
   John zuckte mit den Schultern. »Ist das nicht bei allen Großkonzernen so? Wenn Sie erlauben, würd’ ich jetzt gern mit Mrs. Durack sprechen. Sie ist doch noch hier, oder?«
   Huldra schüttelte den Kopf. »Bis jetzt ist sie noch gar nicht eingetroffen.«
   Langsam machte sich John Sorgen. »Das ist merkwürdig. Sie hat gewusst, dass ihre Vorräte heute geliefert werden, und hat bestätigt, sie pünktlich abzuholen. Vielleicht sollte ich nochmals versuchen, sie über Funk zu erreichen. Haben Sie ein Funkgerät, das ich benutzen kann?«
   »Ja, aber das wird Ihnen nichts nützen. Der Funkempfang ist hier verdammt schlecht, liegt an der topografischen Lage. Wayatinah erreichen Sie von hier aus, nicht aber Mrs. Durack oben auf dem Berg.«
   »Dann bleibt mir wohl nichts anders übrig, als zu ihr zu gehen und nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist.«
   »Sie wissen nicht viel über Mrs. Durack, stimmt’s?«, sagte Nick – oder war es Paul? – John konnte die beiden bereits nicht mehr auseinanderhalten. Er fragte sich, warum sie das zusätzlich komplizierten, indem sie die gleichen Laubfrosch-grünen Jacken, Trekkinghosen und Wanderschuhe trugen.
   »Nur, dass sie keine Fremden mag«, antwortete John. »Wie lange braucht man bis zu ihrem Blockhaus?« Er war nicht an weiteren Diskussionen interessiert, wollte nur endlich weiterkommen.
   »Knapp drei Stunden, wenn man gut zu Fuß ist. Der Weg ist allerdings nicht ganz ungefährlich.«
   »Nur weil ich hinke, heißt das nicht, dass ich langsamer oder unsicherer unterwegs bin als andere.«
   »Das hat mein Bruder auch nicht gemeint«, entgegnete der andere Zwilling. »Trotzdem ist es besser, wenn Sie jemand von uns begleitet. Mrs. Durack greift nämlich schnell mal zum Gewehr, um ungebetenen Besuch von ihrem Gelände zu vertreiben.«
   »Nichts dagegen.« Doch in Johns Kopf bimmelte mit hellem Klang ein Alarmglöckchen. Man traute ihm nicht, wollte ihn unter Kontrolle behalten. »Und mit wem werde ich das Vergnügen haben, auf Wanderschaft zu gehen?«, fragte er aufgeräumt.
   »Juice Walsh. Sie hat von uns allen den besten Draht zu Mrs. Durack«, antwortete Esther. »Wenn man’s genau nimmt, ist sie die Einzige, die überhaupt so was wie einen Draht zu ihr hat.« Sie sah auf die Uhr. »Sie war heute zur Katalogisierung der Flora in der Schlucht, sollte aber jede Minute mit der Baumwache zurück sein.«
   »Okay«, sagte John, »ich geh nur noch mal kurz rüber zu Mr. Engelslocke, um ihn zu informieren und sicherzugehen, dass King Kong nicht meinen Wagen samt Vorräten aus Langeweile ins Tal wirft.«

John erkläre Eddy Reese das Problem. »Bis zum Abend müsste ich zurück sein. Sollte Mrs. Durack erst morgen ihre Vorräte abholen wollen – es macht ja nicht viel Sinn, dass sie das heute noch tut, da sie sonst im Dunkeln zurückkehren müsste – werde ich sie bitten, mir schon mal ihre Bestellliste mitzugeben. Die können wir dann gemeinsam mit den Vorräten im Mazda vergleichen. Wenn alles okay ist, bringe ich sie rüber ins Camp, wo sie Mrs. Durack dann abholen kann. Sollte sich wider Erwarten herausstellen, dass sich im Wagen auch Vorräte für die ACF-Leute befinden, bringe ich die ganze Lieferung zurück nach Wayatinah. Was sagst du dazu, Eddy?«
   Der Vorarbeiter lächelte. »Dass du ein ziemlich hartnäckiger Bursche bist.«
   »Danke, ich nehm’s als Kompliment.«
   »Vielleicht ist die kleine Hexe ja auch auf dem Weg hierher ausgerutscht und hat sich das Genick gebrochen«, meldete sich J. J. zu Wort. »Schon mal daran gedacht?«
   »Alle Achtung«, antwortete John spitz, »hätte nicht gedacht, dass du zu so weitschweifenden Gedanken fähig bist.«
   Wieder verdankte er es Eddy, der J. J. beschwichtigend eine Hand auf die Bahnschwellenschulter legte, dass er nicht zu Holzschnipseln verarbeitet wurde. »Was meinst du, Großer, wollen wir ihm seine Bitte trotzdem erfüllen?«
   Der Hüne starrte John mit dem Blick einer tollwütigen Bulldogge an, dann begann er völlig unerwartet zu grinsen. »Meinetwegen.«

Als John zurück zum ACF-Lager marschierte, fragte er sich, ob er eben erfolgreich eine skurrile Holzfälleraufnahmeprüfung absolviert hatte oder nur das Opfer bizarren Loggerhumors geworden war. Wie auch immer, Sonnyboy und King Kong hatten eingelenkt, und das war, was zählte.
   John folgte den drei an der Absperrung auf ihn wartenden Umweltschützern ins Camp.
   Zu beiden Seiten eines rechteckigen Platzes in der Größe eines Tennisfeldes standen je fünf unterschiedlich große Zelte. Den Mittelpunkt des Camps bildete ein auf allen vier Seiten offener und mit einer Plastikplane gedeckter Unterstand mit zwei großen Campingtischen und mehreren Klappstühlen.
   Unter dem Planendach stand eine auffallend große Frau, flankiert von zwei jungen Männern, der eine hohlwangig und so dünn, dass er vermutlich schon bei Windstärke 3 wie ein Blatt davonflattern würde, der andere braun gebrannt und von kräftiger Statur. Alle drei trugen teure Trekkingkleidung.
   Esther und John waren noch ein paar Meter von ihnen entfernt, als sich die Männer ihre Rucksäcke umschnallten und ins Freie traten, während die Frau noch damit beschäftigt war, eine Fotokameratasche mit mehreren Objektiven um den Bauch zu schnallen.
   »Das sind Roy Cole und Kenny Gassman«, erklärte Esther auf den letzten Schritten zu den Männern. »Sie übernehmen heute die Nachtwache. Wir behalten die Schlucht vierundzwanzig Stunden im Auge.«
   »Aha«, sagte John. »Und was soll das bringen?«
   »Der Packsadle Canyon ist was Besonderes. Er beherbergt einige sehr alte Baumriesen. Viele Leute haben keine Ahnung, wie einzigartig Tasmaniens Flora und Fauna ist. Einige dieser uralten Wälder hier wachsen seit fünfunddreißigtausend Jahren, also seit dem Ende der letzten Eiszeit. Neue Forschungsergebnisse scheinen zu belegen, dass selbst die über tausend Jahre alten Bäume, die wir kennen, nur Klone sind, die aus dem Wurzelgeflecht noch viel älterer Bäume ausgetrieben sind. Die wollen wir natürlich um jeden Preis schützen.«
   »Das kann ich gut verstehen«, sagte John. »Aber um an die ranzukommen, müsste Humms Limited doch erst mit dem Bulldozer einen befahrbaren Weg in die Schlucht anlegen. Soweit ich das von hier aus beurteilen kann, ist der Canyon recht eng, felsig, steigt steil an und ist höchstens zwei Kilometer lang. Ich frage mich, ob sich da der Aufwand überhaupt lohnt.«
   »Oh, das tut er für die Baumschlächter da drüben, glauben Sie mir! Die schrecken auch nicht davor zurück, jetzt schon wertvolle Bäume anzusägen, damit sie beim nächsten Sturm umfallen. Das haben wir schon mehr als einmal erlebt. Dabei ist es von existenzieller Bedeutung für die Flora und Fauna dieser Region, dass wir dieser unsäglichen Abholzerei und den daraus resultierenden Monowäldern Einhalt gebieten. Aber das kann Ihnen Juice auf dem Weg durch die Schlucht besser erklären. Sie ist unsere Botanikerin und versteht es, wissenschaftliche Dinge so zu erklären, dass sie auch ein Laie versteht.«
   Esther blieb bei der aufbruchbereiten Nachtwache stehen und nickte ihnen zu. »Laut Wetterbericht sollte es eine sternenklare Nacht werden, außerdem ist beinahe Vollmond. Somit ist kaum mit Ärger zu rechnen. Seid aber trotzdem wachsam, Jungs.«
   »Das versteht sich von selbst«, sagte der Sonnengebräunte. Er hatte eine ruhige, wohlklingende Stimme und ein ovales Gesicht mit weichen Zügen, was ihm auf den ersten Blick einen gutmütigen und freundlichen Eindruck verlieh. Doch sein eisenharter Blick und die stahlblauen Augen ließen John seine erste Einschätzung schnell wieder relativieren. Auch wenn er nicht viel älter als fünfundzwanzig war, wirkte er so erfahren und abgebrüht wie ein altgedienter Soldat.
   Ganz anders sein dürrer Kumpel, der sich bewusst im Hintergrund hielt. Dieser war höchstens Anfang zwanzig, hatte ein bleiches Gesicht und einen blonden Haarschopf, der ihm halb über die glänzenden, blutunterlaufenen Augen hing. Entweder war der Junge schrecklich erkältet, oder er hatte sich vor Kurzen einen verdammt guten Joint reingezogen.
   »Alles okay mit dir, Kenny?« Esther warf dem Jungen mit der Pudelfrisur einen ernsten Blick zu.
   »Ähm, ja. Bin nur etwas, ähm, verschnupft.«
   »Ich pass schon auf ihn auf«, sagte sein Partner.
   »Wie du meinst, Roy, du trägst die Verantwortung.«
   In diesem Moment leuchtete zweimal das Vorblitzlicht einer Fotokamera auf, gefolgt vom Klicken des Auslösers. Die Frau – sie war knapp einsneunzig groß – trat mit gezückter Nikon unter dem Unterstand hervor und nahm sie erneut ins Fadenkreuz.
   »Lassen Sie das gefälligst!«, rief John verärgert. Fotos von ihm, die irgendwo in der Öffentlichkeit auftauchten, waren das letzte, was er gebrauchen konnte. Doch die Frau drückte ein weiteres Mal auf den Auslöser, diesmal gelang es John aber, eine Hand vors Gesicht zu halten.
   »Das reicht«, sagte Esther.
   Die Fotoknipserin stellte sich neben Roy Cole, den Mann mit den stahlblauen Augen. Sie war bis auf die Hüften schlank, aber nicht mager, eher etwas schwammig, als ob sie sich zu oft von Fast Food ernähren würde. Ihre graublauen Augen musterten John mit frostigem Blick, dann wandte sie sich Esther zu. »Wer ist der fotoscheue Typ?«
   »Der Typ heißt John Parks«, antwortete John an Esthers Stelle, »ist imstande, für sich selbst zu sprechen und macht Sie hiermit darauf aufmerksam, dass ich Sie wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts anzeigen werde, sollten Sie Bilder von mir in irgendeiner Form veröffentlichen.«
   Die Frau trug ein selbstgefälliges Lächeln zur Schau. »Wow, da könnte man ja meinen, Sie haben was zu verbergen, Johnny-Boy.«
   Obwohl John aus seinen bescheidenen Erinnerungen keinen Vergleich hervorzaubern konnte, war er ziemlich sicher, dass die Frau eine Journalistin oder Reporterin war. Dies sagte ihm nicht nur der gut bestückte Foto-Waffengurt um ihre Taille, sondern auch ihr selbstsicheres, zugleich provozierendes und ein wenig arrogantes Auftreten.
   »Von welcher Zeitung sind Sie, Miss …?«
   Die Frau warf den Kopf in den Nacken und lachte heiser auf. Dabei fiel ihr das buschige kupferrote Haar auf die breiten Schultern. »Mirna Davis. Ich bin freie Journalistin, spezialisiert auf Umweltskandale und berichte für mehrere Pressestellen über diese ACF-Aktion – womit ich wieder mit Fragen an der Reihe wäre. Was tun Sie hier, Johnny-Boy?«
   John klärte sie in knappen Worten auf, in der Hoffnung, sich nun endlich auf den Weg machen zu können.
   »Da würd’ ich Sie gern begleiten. Ist ja nicht so, dass ich in der Zeit, die ich jetzt schon hier bin, viel erfahren hätte.« Sie schenkte Esther ein kurzes, frostiges Lächeln. »Was auch daran liegt, dass man mich aus – wie nannten Sie das noch mal – ah ja, Sicherheitsgründen nicht allein zu ihr rauflassen wollte.«
   »Mit gutem Grund«, schnaubte Esther ärgerlich. »Mrs. Durack …«
   »… ist unberechenbar, ich weiß schon.« Mirna wurde auf einen Schlag ernst. »Reden wir Klartext: Die ACF ist verständlicherweise bemüht, zu vermeiden, dass ein Schatten auf ihre Aktion fällt. Und Mrs. Durack, die bei diesen Landstreitigkeiten direkt betroffen ist, aber nicht unbedingt mit der ACF zusammenspannen will, könnte so ein schwarzer Schatten sein. Besonders dann, wenn sie auf Leute schießt.«
   »Das habe ich so nicht gesagt«, verteidigte sich Esther.
   »Was sie meint«, kam ihr Roy Cole zu Hilfe, »wir haben versucht, Mrs. Durack mit ins Boot zu holen, doch sie will ihren Kampf gegen Humms Limited allein austragen. Das akzeptieren wir. Ich denke sogar, es ist von Vorteil, wenn auf zwei verschiedenen Fronten gegen Humms gekämpft wird. Das sieht eine kluge Frau wie du, Mirna, bestimmt genauso.«
   »Okay, mein süßer Wonnebrocken«, sagte Mirna plötzlich ganz zahm. Sie kniff dem um eine Daumenlänge kleineren Roy sanft in die Wange. »Ich habe bestimmt nicht vor, euch zu schaden. Trotzdem muss ich für eine gut recherchierte Story auch mit der Durack reden, das versteht ihr bestimmt.«
   John grinste innerlich. Entweder wirkte Roys Stimme auf das weibliche Geschlecht fast so beruhigend wie das Schnurren einer Katze, oder die Journalistin spielte ihnen etwas vor.
   »Sicher«, entgegnete Esther an Roys Stelle. »Fairerweise sollte dann aber Mr. Morford, der schon länger hier ist als Sie, Mirna, den Vortritt erhalten. Er hatte ja auch noch keine Gelegenheit, Mrs. Durack zu interviewen.«
   »Wer ist Morford?«, fragte John. Langsam schien sein Besuch bei Mrs. Durack eine Volkswanderung zu werden.
   Mirna machte einen Schmollmund. »Ein Fernsehreporter von Channel 10, der vor einer Woche hier aufgekreuzt ist und den man mir vorzieht. Jedenfalls lässt man ihn hier zu jeder Tages- und Nachtzeit allein herumstreifen. Weiß der Geier, was der hier so lange will, aber wie’s scheint, bin ich eh die Einzige, die das interessiert.« Sie runzelte die Stirn und wandte sich an Esther. »Allerdings könnte es sein, dass er der Durack bereits einen Besuch abgestattet hat – und zwar gestern.«
   »Wie kommen Sie darauf?«
   »Weil er, wenn mich nicht alles täuscht, diese Nacht nicht im Camp verbracht hat.«
   Esther sah die Journalistin fragend an, worauf diese mit den Augen rollte.
   »Was kann ich dafür, dass ich kurz vor fünf Uhr heute Morgen dringend für kleine Mädchen musste. Bei der Gelegenheit habe ich einen Blick in sein Zelt geworfen, das ist doch kein Verbrechen. Er hatte ja behauptet, dass er das Abendessen ausfallen lasse, weil er ein paar Aufnahmen vom Sonnenuntergang auf dem Kamm der Packsadle Schlucht machen wolle, weshalb er erst spät ins Camp zurückkehren würde. Aber als ich heute früh in sein Zelt sah, war er wie gesagt nicht da, und sein Schlafsack lag ordentlich aufgerollt auf dem Feldbett.«
   »Und da sind Sie heute Morgen nicht auf den Gedanken gekommen, dass ihm vielleicht etwas zugestoßen sein könnte?«, tadelte Esther sie.
   »Scheiße, nein! Das Frühstück lässt er schließlich immer ausfallen. Außerdem hat ihn ja wohl seit gestern auch von euch noch keiner vermisst, oder? Bis jetzt dachte ich, er hätte sich entweder sehr früh auf die Socken gemacht, um mir jede Chance zu nehmen, ihm zu folgen, oder aber er hätte es tatsächlich bis zur Durack geschafft.« Sie rümpfte die Nase. »Ich sag’s nicht gern, aber was, wenn Mrs. Durack wegen Morford noch nicht hier erschienen ist?«
   »Verdammt, das hätte gerade noch gefehlt«, sagte einer der Graydon-Zwillinge bissig.
   »Gehen wir mal nicht vom Schlimmsten aus«, versuchte Roy, die Gemüter zu beruhigen. »Vielleicht ist er ja wirklich nur sehr früh aufgestanden, im Verlauf des Tages zu Juice und den anderen gestoßen und kehrt jetzt mit ihnen zurück ins Camp. Und selbst wenn Mirnas zweite Vermutung zutrifft und er wirklich so dumm war, allein zu Mrs. Durack zu gehen, heißt das nicht, dass sie ihn gleich erschossen hat.«
   »Deine Worte in Gottes Ohr«, sagte sein Zwilling düster.
   Mirna räusperte sich. »Leute, ich will hier wirklich nicht ständig die Überbringerin schlechter Nachrichten spielen, aber Szenario Nummer eins können wir wohl streichen – da kommt Juice.«

Wie sich herausstellte, gehörte der Channel 10 Reporter nicht zur Gruppe der drei Rückkehrer, auch hatte ihn keiner von ihnen während des Tages in der Schlucht gesehen.
   »Das ist in der Tat beunruhigend«, sagte Juice Walsh nach einem kurzen Briefing. Die Botanikerin war in den Dreißigern, hatte lange naturblonde Haare, ein schmales hübsches Gesicht mit einer süßen Stupsnase und leichten Schmolllippen. »Als ich Mrs. Durack das letzte Mal traf, erzählte sie mir, dass heute ihre Vorräte geliefert würden und sie sie wie üblich mit ihrem Maultier abhole. Ich hoffe wirklich, sie hatte keinen Unfall.«
   »Da würde ich mir um Morford mehr Sorgen machen«, sagte einer der Rückkehrer, ein Mann Mitte dreißig, den man John als Jake Underwood vorstellte.
   Jake hatte den dezent mitfühlenden Blick eines Bestattungsunternehmers und schien auch sonst eher von der ernsten Truppe zu sein. »Mirna hat es bereits angedeutet«, fuhr er fort, »und ich persönlich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass Morford auf eigene Faust zu Mrs. Durack gegangen ist.« Er warf Juice einen vorwurfsvollen Blick zu. »Nichts für ungut, aber du hattest schon seit Tagen versprochen, ihn rauf zu ihr zu bringen. Was, wenn ihn Mrs. Durack angeschossen, vielleicht sogar getötet hat?«
   »Das glaube ich nicht«, widersprach Juice. »Verjagt ja, aber sicher nicht erschossen.«
   »Was macht dich da so sicher?«
   »Weil ich sie nicht so einschätze«, antwortete Juice trotzig.
   »Tja, da du die Einzige bist, die bisher näher mit ihr Kontakt hatte, überzeugt mich das nicht.«
   »Sag mal, hast du sie noch alle, Jake? Meine Aufgabe ist es, die Flora der Packsadle Schlucht zu dokumentieren, nicht Fremdenführerin für euch oder Kontaktvermittlerin zwischen einer exzentrischen Einsiedlerin und einem selbstverliebten Fernsehreporter zu spielen.«
   »Zumindest das Letztere wäre aber von Vorteil, meine Liebe«, stichelte Mirna. »Ich meine, was bringt diese Aktion, wenn nicht in der Presse darüber berichtet wird? Und wenn wir schon dabei sind: Francis Morford ist in der Tat ein selbstgefälliger Arsch. Ob diese Schlucht und der Wald oberhalb davon abgeholzt wird oder nicht, ist ihm so scheißegal wie ein Ameisenfurz. Das Einzige, was ihn interessiert, ist eine gute Story und seine Karriere.«
   »Da sind Sie natürlich ganz anders«, konterte Juice mit frostigem Lächeln.
   »Aber klaro. Ich setze mich für den Naturschutz ein, Sie sollten wirklich einmal einen meiner Artikel lesen.«
   Juice Walshs Lächeln wurde noch eine Spur eisiger. »Habe ich. Ihre Artikel sagen aber nichts über Ihren wahren Charakter aus.«
   »Also, Leute, wenn ich was sagen darf«, meldete sich nun auch der zweite Rückkehrer zu Wort, »sollten wir uns nicht besser auf das eigentliche Problem konzentrieren, als, ähm, also …«
   »Stutenbissig zu sein?«, schlug Mirna Davis vor.
   »Das wollte ich nicht sagen.« Der Mann lief rot an. Er war kaum älter als zweiundzwanzig Jahre. Mit seinem spitz zulaufenden Gesicht, der ulkigen Igelfrisur, den abstehenden Ohren und der John Lennon-Brille hatte er verblüffende Ähnlichkeit mit einer sehbehinderten Spitzmaus.
   Die Journalistin kicherte. »Schon gut, Kleiner. Eigentlich wollte ich Juice auch gar nicht widersprechen, im Gegenteil. Ich glaube auch nicht, dass Mrs. Durack so bescheuert ist, jemanden kaltblütig zu erschießen, nur weil er unbefugt ihr Land betritt.« Sie wandte sich wieder an Juice. »Also, unser Johnny-Boy hier sitzt mit einer Ladung Vorräte für Mrs. Durack fest, die entweder langsam an Alzheimer leidet, einen Unfall hatte oder schlimmstenfalls gerade eine Leiche verbuddelt. Dann haben wir noch unseren Starreporter, der, sollte ihn Mrs. Durack mit einer Salve in die Flucht gejagt haben, womöglich über die eigenen Füße gestolpert ist und sich was gebrochen hat. Wenn dem so ist, finden wir ihn bestimmt auf dem Weg zu Mrs. Duracks Blockhütte. Labern wir also nicht weiter rum und machen uns auf den Weg.«
   Die Botanikerin rümpfte ihre hübsche Nase. »Unter den gegebenen Umständen sollte wir wirklich nach dem Rechten sehen.«
   »Wenn du möchtest, trage ich für dich unsere heutigen Notizen ins Laptop ein und lade die dazugehörigen Fotos runter«, bot die Igelfrisur wie aus der Kanone geschossen an.
   John musste innerlich grinsen. Er tippte auf einen Studenten, einen sehr ehrgeizigen Studenten.
   »Danke für die Unterstützung, Kleiner«, sagte Mirna an Juicies Stelle. »Ich würde dir ja dafür einen dicken Kuss aufdrücken, aber ich fürchte, das könnte als Verführung eines Minderjährigen angesehen werden.«
   »Also ich bin alt genug, um …«
   »Lass gut sein, Jasper«, schnitt ihm Jake Underwood das Wort ab, »sie will dich nur verarschen.«
   »Ich muss es dir überlassen, Juice, wen du mitnehmen willst«, sagte Esther.
   Die Botanikerin runzelte die Stirn und sah zu John, worauf er sofort auf Dackelblick umschaltete.
   »Na schön, ich bring Sie zu ihr – aber nur Sie.« Sie wandte sich Mirna zu. »Mrs. Durack hat mir klar und deutlich gesagt, dass sie es nicht ausstehen kann, wenn jemand unangemeldet bei ihr aufkreuzt, schon gar nicht mehrere Personen gleichzeitig. Und da Mr. …«
   »Nennen Sie mich John.«
   »Da John einen triftigen Grund hat, gebe ich ihm den Vorzug. Außerdem: Sollte mit Mrs. Durack alles in Ordnung sein, wird sie ja demnächst hierherkommen, um ihre Vorräte zu holen. Dann können Sie, Mirna, Mrs. Durack ja persönlich um ein Interview bitten.«
   »Na schön«, gab Mirna nach kurzer Bedenkpause nach.
   John sah die Journalistin von der Seite an. Dass sie so schnell klein beigab, passte nicht zu ihr.
   »Was glotzt du so, Johnnylein?«, sagte sie keck. Sie schien zu ahnen, dass John ihr nicht traute, wirkte aber nicht beunruhigt.
   »Ich denke, das wissen Sie.«
   »Du meine Güte!« Mirna verdrehte erneut die Augen. Sie hakte sich bei Samtstimme Roy Cole unter, zog ihn rüber zu Kiffer-Kenny und hängte sich auch bei ihm ein. »Okay, Jungs, dann begleite ich euch eben wie geplant auf die Nachtwache und schieß ein paar sexy Bilder von euren knackigen Hintern, wird sicher spaßig. Vielleicht sehe ich dann auch endlich einen Tassieteufel. Letzte Nacht war ihr Gekeife ja wirklich Furcht einflößend.«
   John schmunzelte. Er traute der Journalistin keinen Fingerbreit.

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