Die Küstenregion Nordholland ist eigentlich eine ruhige Gegend zum entspannten Urlauben. Hoofinspecteur Van Barenveld hat sich nach einer beruflichen Krise aus Amsterdam nach Den Helder versetzen lassen und auf einen ruhigen Polizeialltag gehofft. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Ein Cadillac steht in Flammen, eine Frau ohne Gedächtnis irrt über die Tulpenfelder und in einem ehemaligen Wehrmachtsbunker in den Dünen wird eine Leiche entdeckt. Der Tote war offenbar in Drogengeschäfte verwickelt und hatte Verbindungen zur Filmindustrie. Die Spur führt Van Barenveld auf vertrautes Terrain – zurück nach Amsterdam ... Pressestimmen: »Harald Keller (...) hat »Ein schöner Tag für den Tod“ geschrieben und die Leserin merkt sofort, er kennt sich aus. (...) Wie bei Ermittlungen ein Rädchen ins andere greifen muss, wie Scharen von Polizisten gefordert sind, das wird sehr plastisch, ohne dass die Spannung leidet oder ein Durcheinander an Charakteren entsteht.« (Frankfurter Rundschau) »Kellers Nordholland-Roman hat alle Zutaten, die ein lesenswerter Krimi braucht (...) Der Roman liest sich streckenweise wie eine Vorlage für einen guten TV-Krimi.« (Neue Osnabrücker Zeitung) »Spannend, intelligent geschrieben, interessanter Plot ...« (Expuls – Magazin für das Kulturschutzgebiet Oberpfalz) »Gut recherchiert, toll geschrieben, spannend! Sympathische Ermittler wuseln zwischen lebensnahen Figuren ...« (Osnabrücker Nachrichten)

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ISBN: 978-9925-33-118-5

Seiten: 240

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Harald Keller

Harald Keller
Harald Keller, geboren 1958 in Osnabrück. Kurven- und hürdenreicher Werdegang von der Realschule über den Einzelhandelskaufmann bis in den zweiten Bildungsweg. Von dort federnder Absprung an die Universität und Jahre später Zieldurchlauf mit Promotion. Zwecks Lebensunterhalt Taxi- und Lieferfahrer, wissenschaftlicher Assistent, schließlich und bis heute freiberuflicher Journalist und Autor. Verfasser von Sachbüchern und Romanen, Mitherausgeber, Lektor. Fotoreporter. Dozent. Gastgeber der Osnabrücker Lesebühne „Die Lese-Rampe“. Veröffentlichungen: Kultserien und ihre Stars (Reinbek 1999), Schräg, schrill, scharf und schundig. 1000 Filme zwischen Trash und Kult (Reinbek 2000), Angelina Jolie (Berlin 2001), Die Geschichte der Talkshow in Deutschland (Frankfurt/M. 2009), Ein schöner Tag für den Tod (Münster 2009), Die Nacht mit dem Holenkerl (2018) u. a.

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Prolog
Flucht

Weiter die Straße hinab? Oder Schutz suchen im Feld?
   Verwirrt blickt sie sich um. Sie weiß nicht, wohin. Ihr Verstand hilft ihr nicht. Vor ihr wogt ein Blumenmeer und erstreckt sich endlos, ehe es sich in der Ferne in den Horizont ergießt. Farbtupfen mischen sich ohne Ordnung. Rot und Gelb beherrschen das leuchtende Feld, aber auch ein dunkles Aubergine ist vertreten. Es erlischt zu tiefem Schwarz, sobald eine vorüberziehende Wolke die Sonne ihrer Strahlkraft beraubt.
   Die Blumen stehen in Reih und Glied, ihre Zwiebeln ankern in niedrigen Erdwällen. Die Zwischenräume haben die Breite eines Fußweges. Kurz entschlossen stürzt sie sich zwischen die Tulpen, läuft, bis ihr der Atem stockt. Sie strauchelt, fängt sich, hält kurz inne, ehe die Angst sie aufs Neue anstößt und weitertreibt.
   Endlich lässt sie sich fallen und kauert schwer atmend im kühlen Schatten zwischen langen grünen Stängeln und schlanken schwertförmigen Blättern, über sich bunte Blütenkelche, die sich von einer sachten Brise umschmeicheln lassen. Bibbernd sieht sie an sich hinab. Sie trägt Strandkleidung und leichte Sandalen und weiß nicht warum noch wo ihre übrige Garderobe abgeblieben ist.
   Sie lauscht. In einem fernen, gleichmäßigen Brummen erkennt sie den Betriebslärm einer landwirtschaftlichen Maschine. Möwen spreizen sich im Wind, segeln übermütig über den Himmel und kreischen höhnisch. Auch andere Vogelstimmen sind zu hören, die sie nicht zu bestimmen weiß. Dann ist da noch ein dröhnendes Motorengeräusch, das näher zu kommen scheint. Sie duckt sich tief zwischen die krumigen Erdwälle, aber ihr Herz rast, brennende Schmerzen züngeln in Arme und Brust – flammende Panik, die ihr den Verstand raubt.
   Sie springt auf und rennt weiter. Rennt.
   Und rennt …

Kapitel 1
Nachrichtenwert

Sein Zeitgefühl trog ihn nicht. Kurz bevor die Zeiger der großen Wanduhr auf der Zwölf zur Deckung kamen, sah Menno Roskamp von seinen Arbeitspapieren auf. Ein paar Schritte entfernt flackerten gestapelte Fernseher in schnellem buntem Wechsel stumm vor sich hin. Auf drei Sendern würden gleich die Mittagsnachrichten beginnen.
   Roskamps Interesse wurde von seinem Beruf bestimmt: Welche Aktualitäten hatten die Kollegen aufgegriffen, welche Bedeutung hatten sie ihnen eingeräumt? Als Maß dienten ihm die Reihenfolge, die Länge und die Aufmachung der Wort- und Filmbeiträge. Manchmal lieferten die Entscheidungen der anderen einen Grund, den Ablauf der eigenen Nachrichtensendung in der Stunde bis zur nächsten Ausstrahlung noch einmal umzustellen.
   Roskamp zog die Ablage mit den Fernbedienungen näher heran und stellte nacheinander drei Fernseher von stumm auf laut. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, das jeweils Wichtige aus dem Stimmengewirr herauszufiltern. Auf einem vierten Bildschirm war eine weitere Nachrichtensendung zu sehen. Hier verzichtete Roskamp auf den Ton. Er wusste, welche Meldungen dort verlesen wurden. Er selbst hatte sie geschrieben.
   Nachdem die Sprecherinnen und Sprecher mal mehr, mal minder originell zum Wetter übergeleitet hatten, brachte Roskamp die Geräte per Knopfdruck zum Schweigen. Er überflog rasch seine Notizen. Kein relevantes Ereignis, das er nicht auch in seiner Sendung gehabt hatte.
   Er hätte zufrieden sein können, war aber weit davon entfernt. Denn auch wenn die Inhalte kaum Unterschiede aufwiesen, die Präsentationsformen taten es umso mehr. Während die Kollegen der großen Sender oftmals selbst gefertigtes Material bieten konnten, die eingekauften Bilder zumindest um eigene ergänzten und attraktiv aufbereiteten oder Korrespondenten in Direktschaltungen zu Wort kommen ließen, blieb Roskamp in der Regel nicht mehr, als die von den Nachrichtenagenturen einlaufenden Nachrichten von seinen Sprecherinnen verlesen zu lassen.
   Auch in seiner stündlichen Nachrichtensendung gab es Filmbeiträge, aber sie stammten durchweg aus der Region – Berichte über Verkehrsunfälle, das alljährliche Flottenfest. Mal ein Zimmerbrand, Hinweise auf Radarkontrollen und andere Bagatellen. Die Vorbereitungen auf den Koniginnendag, die Feierlichkeiten am Koniginnendag, das große Aufräumen am Morgen nach dem Koniginnendag, wenn Müllberge, Alkoholisierte und Magenkranke, die von nachlässig gekühlten Satéspießen gekostet hatten, zu vergleichstauglichen Statistiken wurden.
   Roskamp knurrte verdrießlich. Seit sieben Jahren war er nun am Kop van Holland, an der ›niederländischen Riviera‹, wie er anfangs gescherzt hatte, bei dem kleinen Fernsehsender Kust-TV in Den Helder tätig. Die Eigentümergemeinschaft hatte ihm seinerzeit große Hoffnungen gemacht. Eine professionelle Nachrichtenredaktion hatte er aufbauen sollen, unter der Maßgabe, die Region ausgiebig ins Bild zu setzen, aber auch das Weltgeschehen und nationale Politik gleichermaßen umfassend wie attraktiv zu präsentieren.
   Von den großen Plänen war nicht viel geblieben. Die Einnahmen des Senders verfehlten die Prognosen der Consultingfirmen bei Weitem. In einem kleinen, eng bewohnten Land wie den Niederlanden sind die Fernsehnachrichten und -magazine von vornherein nahe am Menschen, sodass bald jedem Thema lokale Bedeutung zukommt. Regionalität war hier, anders als in großen Flächenstaaten wie den USA, für sich genommen noch kein Erfolgsrezept. Allein mit den amateurhaft gemachten Werbefilmchen oder -dias örtlicher Möbel- und Autohäuser, eines Discount-Bäckers, einiger Dienstleister und Kleingewerbler war kein Geld und darum auch kein anspruchsvolles Programm zu machen.
   Alles an Kust-TV wirkte dürftig – die eigenproduzierten Sendungen mit ihren billig gezimmerten Kulissen, die dilettantischen Außenübertragungen, besonders die Programmstrecken in der zuschauerschwachen Zeit, die inzwischen nur noch mit eingeblendeten Schrifttafeln bestritten wurden, sogar die oft lachhaften Sponsoreneinblendungen.
   Allmorgendlich sah Roskamp im Spiegel ein graues und zerfurchtes, von Selbstverachtung verwüstetes Gesicht. Und doch hegte er noch immer die heimliche Hoffnung, selbst einmal etwas in den Nachrichtenkreislauf einspeisen, einen exklusiven Filmbericht lancieren zu können, bei dem die nationalen Sender Kust-TV als Quelle angeben mussten. Ein Wunsch ohne große Aussicht auf Verwirklichung. Amsterdam war nur knapp fünfzig Kilometer entfernt; die dortigen Teams konnten im Nu vor Ort sein, wenn, wie seinerzeit beim großen Seehundsterben, die Gegend um Den Helder Bilder mit Nachrichtenwert zu bieten hatte.
   Für Roskamp hatte sich der berufliche Wechsel nicht wie geplant als Sprungbrett, sondern als Sackgasse erwiesen. Noch immer sandte er regelmäßig Bewerbungen an die großen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sender, an Produktionsfirmen und die TV-Abteilungen der Nachrichtenagenturen. Jedes Mal kamen standardisierte, mit den üblichen Phrasen auf Länge gebrachte Ablehnungsschreiben zurück, die nichts aussagten über die wahren Gründe der Zurückweisung.
   Roskamp reagierte mit verdrücktem Ärger, der sich zersetzend in seine Seele fraß. Er glaubte, die Ursache seiner anhaltenden Erfolglosigkeit zu kennen. In seiner Vorstellung brachen die zuständigen Personalberater in schallendes Gelächter aus, sobald sie in seinem tabellarischen Lebenslauf auf den Arbeitgeber Kust-TV stießen.
   Eine Produktionsmitarbeiterin – eine Praktikantin, jung und unterbezahlt wie fast alle, die hier regelmäßig zur Arbeit erschienen, aber im Gegensatz zu den meisten anderen noch von Herzen stolz darauf, fürs Fernsehen arbeiten zu dürfen – unterbrach sein bitteres Grübeln. Rührend, wie ihre Stimme vor Aufregung leise bebte, als sie »eine Top-Meldung der Polizeipressestelle« ankündigte und beflissen eine ausgedruckte E-Mail-Nachricht auf den Schreibtisch legte.
   Roskamp warf einen schnellen Blick darauf. Yes! Das war tatsächlich mal ein Thema. »Gut gemacht«, lobte er mit einem schmalen Lächeln und wies sie fingerwedelnd aus dem Büro, während seine andere Hand nach dem Telefon schnappte.

Der Anruf erreichte Piet Welburg, als er gerade über seiner Buchhaltung saß, Ausgabenbelege sortierte und die bisherigen Monatseinnahmen zusammenrechnete. Seine verkniffenen Lippen verrieten, dass ihm das fahrig notierte Zahlengewimmel Sorgen bereitete. Trotz gewissenhafter Kontrolle hatten sich seine Ausgaben erhöht, während die Aufträge in den letzten Monaten zeitweilig zurückgegangen waren. Hinzu kam, dass noch einige Zahlungen ausstanden. Er würde die säumigen Kunden anmahnen müssen, ein lästiger Vorgang, der jedes Mal viel Zeit und Arbeit kostete. Doppelt ärgerlich, wenn seine Bemühungen letztlich erfolglos blieben.
   Froh über die Unterbrechung, war Welburg im Nu auf den Beinen, als sich Menno Roskamp vom örtlichen Fernsehsender Kust-TV meldete und eilig fragte, ob er sofort aufbrechen könne, um einen Feuerwehreinsatz zu filmen. Hastig kritzelte er die Adresse auf den nächstbesten Fetzen Papier und warf seine Jacke über. Sein Aluminiumkoffer mit der Filmausrüstung stand jederzeit einsatzbereit im Flur, die Fototasche befand sich im Wagen. Schlüssel, Papiere – schon schoss Welburg zur Tür hinaus. Ein erschreckter Autofahrer hieb empört auf die Hupe, als Welburg seinen Van in rücksichtsloser Manier in den dicht fließenden Verkehr einfädelte.
   »Lass stecken, Mann«, murmelte der Kameramann zwischen zusammengepressten Zähnen. »Ich bin hier nicht zum Spaß unterwegs.«
   Welburgs Einsatzort wäre auch ohne exakte Adressierung leicht auszumachen gewesen. Ein kompletter Zug der Feuerwehr stand vor dem etwas abseits der Straße gelegenen Anwesen, außerdem Streifenwagen und ein Pulk von Schaulustigen. Welburg bugsierte seinen Wagen auf den kurzen, unbefestigten Feldweg, der zum Haus führte, stoppte aber, weil er zwischen all den Autos und Neugierigen nicht rasch genug vorankam.
   Eilig ergriff er seine Kamera, überprüfte routinemäßig Akku und Objektiveinstellung und begann seine Arbeit auf dem Fahrersitz stehend mit einem Schwenk aus erhöhter Warte über die vor ihm liegende Szenerie.

Kapitel 2
Brandmale

»Warum verdammt halten die uniformierten Kollegen denn die Zufahrt nicht frei?«
   Mariska Surwoud warf einen schnellen Blick auf ihren Beifahrer. Ihr war nicht ganz klar, ob es sich bei der Reaktion ihres Vorgesetzten um eine ernst gemeinte Frage oder um einen Ausbruch von Gereiztheit handelte. Sie zog es vor, zu schweigen und konzentrierte sich aufs Fahren. Neben ihr knurrte Karel van Barenveld verärgert vor sich hin, während sie ihren Wagen zwischen abgestellten Autos und schwatzenden Passanten hindurchlavierte.
   Vor Kurzem erst hatte Van Barenveld den Posten als Leiter ihrer Ermittlungsgruppe übernommen. Mariska Surwoud gehörte als Surveillant zum Team. Sie absolvierte gerade eine der Praxisphasen ihrer Ausbildung. Surveillanten verfügten bereits über hinreichend Berufserfahrung, um gemeinsam mit den erfahrenen Kollegen im normalen Dienst eingesetzt zu werden, trugen allerdings im Unterschied zu jenen keine Feuerwaffen.
   Natürlich war keiner der Älteren, sondern sie dem neuen Hoofdinspecteur, der Den Helder noch kaum kannte, vorübergehend als Assistentin zugeteilt worden. Auf den Fluren der Dienststelle hatte sich schnell herumgesprochen, dass er sich, wie alle anderen Kandidaten, aus eigener Initiative um diese Stelle beworben hatte. Doch wie es schien, hatten sich seine Erwartungen an den neuen Posten nicht erfüllt. Seit sie ihm vorgestellt worden war und sie gemeinsam eine erste Begehung der Dienststelle unternommen hatten, hatte sie ihn selten anders als angespannt, wenn nicht gar mürrisch erlebt.
   »Das reicht jetzt.« Ungeduldig löste Van Barenveld seinen Sicherheitsgurt und langte nach dem Türgriff. »Stoppen Sie.«
   »Gleich hier? Mitten auf der Straße?«
   »Ja, gottverdammt. Wir sind von der Polizei. Möchte sehen, wer sich daran stören sollte.«
   Folgsam hielt Mariska Surwoud den Wagen an und schaltete das Blaulicht ein, um anzuzeigen, dass sie sich im Einsatz befanden. Van Barenveld war bereits davongeeilt. Die Feuerwehrleute hatten ein Absperrband gezogen, das von einem uniformierten Beamten bewacht wurde. Van Barenveld ignorierte die verärgerten Kommentare, als er sich durch die Menge der Neugierigen drängelte, hielt dem Kollegen flüchtig seinen Dienstausweis vor Augen und bückte sich unter dem im Winde flatternden Plastikband hindurch.
   Auf der anderen Seite kam ihm ein Kameramann in die Quere.
   »Was tun Sie hier?«, schnauzte Van Barenveld den filmenden Piet Welburg an. »Verschwinden Sie hinter die Absperrung.«
   Welburg war völlig auf sein Motiv konzentriert gewesen und blickte verwirrt von seinem Okular auf. Er wollte etwas erwidern, aber sein Gegenüber ließ ihm keine Gelegenheit dazu, sondern packte ihn bei Kragen und Ellenbogen und schob ihn unsanft zurück.
   »Keine Ausnahmen«, erklärte er schroff und legte gleich noch einen deftigen Rüffel für den als Wache abgestellten Streifenpolizisten nach.
   »Was war das denn für ein Auftritt?«, fragte Welburg den abgekanzelten Uniformierten, als sich der Hoofdinspecteur entfernt hatte.
   »Der ist neu hier. Kommt aus Amsterdam. Ein Mann der guten Laune, wie man hört.« Der Beamte schürzte vielsagend die Lippen.
   Welburg verstand. »Aha. Da werdet ihr wohl noch viel Freude miteinander haben.«
   »Wir kleinen Laufburschen weniger. Der Spaß bleibt den Schlaubergern in Zivil überlassen. Die werden ja auch besser bezahlt.« Er deutete mit dem Kinn auf Mariska Surwoud, die freundlich herübergrüßte, als sie über das Absperrband stieg.
   »Ist das nicht traurig mit dem Auto?«, wechselte der Polizist das Thema, und es klang nach echtem Bedauern, als er hinzufügte: »So ein wunderschöner Oldtimer – da dürfte wohl nichts mehr zu retten sein.«
   Piet Welburg schloss sich seiner Meinung an. »Sieht nicht so aus.«
   »Wie alt mag der Wagen wohl gewesen sein?«, überlegte der Wachtmeister.
   »Baujahr 1959«, antwortete Welburg ohne nachzudenken. »Das armselige Gerippe da vorn war mal ein stolzer Cadillac Series 62. Satte 2,3 Tonnen Automobil aus Detroiter Fertigung vom Feinsten – Achtzylinder V-Motor, längs über der Vorderachse eingebaut, mächtige 325 PS. Automatisches Vierganggetriebe und Hinterradantrieb. Bei Glatteis im Winter eine ziemlich heikle Sache. Da legt man am besten ein paar Säcke Kartoffeln in den Kofferraum. Theoretisch schafft der Brummer hundertachtzig Kilometer pro Stunde. Aber das Rasen lässt man mit so einem Luxuskreuzer besser bleiben – die Lenkung ist derart schwammig eingestellt, dass Sie über die Straße eiern wie ein besoffener Seemann. Bis hundert Kilometer pro Stunde können Sie so einen Wagen kontrollieren. Danach wird’s lebensgefährlich. Nicht nur bei Gegenverkehr. Aber egal. Mit einem Caddy will man sich ja sehen lassen und keine Rennen fahren, oder?«
   Der Beamte sah Welburg bewundernd an. »Sie kennen sich aus, hm?«
   Welburg nickte abwesend. »Das bringt der Beruf so mit sich.«
   Van Barenveld wandte sich an einen Feuerwehrmann, der damit beschäftigt war, einen schweren, widerspenstigen Wasserschlauch zusammenzurollen, und erkundigte sich nach dem Einsatzleiter.
   »Frans Beukman«, kam es knapp. »Steht da drüben.«
   Der Hoofdinspecteur folgte dem Fingerzeig und stapfte die leicht ansteigende Garagenzufahrt hinauf, als Mariska Surwoud ihn einholte. Mit Beukman standen einige Männer in Feuerwehrmontur und zwei Polizisten in einer kleinen Gruppe beisammen. Sie begutachteten das Auto, das in Flammen gestanden hatte und in einer routinierten Aktion zügig gelöscht worden war. Trotz des schnellen Eintreffens der Feuerwehr war von dem stolzen Cabriolet nicht viel mehr übrig als ein finsteres Wrack, das wie abgeschält und ausgeplündert auf seinen geplatzten Reifen ruhte.
   Van Barenveld bot sich ein trauriges Bild. Das Feuer hatte den größten Teil der Lackierung abgefressen und teils graurot meliertes, teils schwarz verkohltes Metall hinterlassen. Ein paar von der Hitze aufgetriebene, wellige Farbflecke erinnerten vage daran, dass der Wagen einmal ein prachtvoller Blickfang in Schneeweiß, Erdbeerrot und Chrom gewesen sein musste.
   Das Verdeck hatte offen gestanden und war vom Brand ebenso rasch verzehrt worden wie die Bezüge und Polster der Sitze, die nun, bar jeder Verkleidung, wie metallene Skelette vom Boden aufragten. Das Armaturenbrett musste großenteils aus Kunststoff bestanden haben, der unter den hohen Temperaturen geschmolzen und herabgeträufelt war. Im Erkalten hatten sich oberhalb des Fußraums bizarre Stalaktiten gebildet.
   Das Fahrzeug stand nahe am linken offenen Tor einer Doppelgarage. Die von scharfkantigen Heckflossen überragten bulligen Rücklichter des hohen Hecks reichten beinahe bis über die Schwelle. Van Barenveld benötigte keine fachliche Kommentierung, um zu erkennen, dass die Feuerwehrleute Schlimmeres verhindert hatten. Schmierige Schwärzungen und blasige Verwerfungen verrieten ihm, dass die Flammen bis zu dem nicht ganz zurückgeschobenen metallenen Schwingtor aufgelodert waren, den darüber liegenden Mauerstreifen erreicht und sogar die unteren Dachpfannen angezüngelt hatten. Leicht hätte das Feuer von der Garage auf das linkerseits angrenzende doppelstöckige Haupthaus übergreifen können.
   Brandmeister Beukman bestätigte die Vermutungen des Hoofdinspecteurs. Er machte die beiden Polizisten mit Martijn Wolthuis bekannt, dem zuständigen Brandermittler.
   »Gut, dass Sie da sind«, sagte Wolthuis, als er und Van Barenveld sich die Hände gaben.
   »Sie denken an Brandstiftung …«, spekulierte der Hoofdinspecteur.
   »Allerdings«, bekam er zur Antwort. »Es deutet einiges darauf hin, dass hier ein Brandbeschleuniger zum Einsatz gekommen ist.«
   Er erläuterte den beiden Kriminalbeamten seine Lesart der Brandspuren und lieferte seine Schlussfolgerungen: dass das Feuer von der Rückbank ausgegangen sein musste und offenbar Spritzern des verwendeten Mittels gefolgt war, als es sich danach zunächst auf einem schmalen Pfad über den oberen Teil der Kofferraumklappe ausgebreitet hatte und dann, das leicht entflammbare Verdeck angreifend, zur Seite ausgebrochen war. Der Brennstoff erklärte auch die Höhe des Feuers – Wolthuis wies auf die frischen Brandspuren am Blech des geöffneten Garagentores und an dessen Aufhängung hin. Trotz des schaumig herabtropfenden Löschmittels war gut zu erkennen, dass es sich nicht um Ablagerungen aufsteigenden Rußes, sondern eindeutig um Verbrennungen handelte. Die Feuerwehrleute nickten zustimmend – ihren Beobachtungen zufolge war ein derartiger Ausschlag der Flammen völlig untypisch für einen Fahrzeugbrand.
   »Es gibt da noch etwas«, meldete sich einer der beiden Streifenbeamten, die zuerst an Ort und Stelle gewesen waren. »Wir können den Halter des Fahrzeugs nicht finden. Sein Name ist Leco de Boer. Er bewohnt dieses Anwesen. Allein.« Wie entschuldigend setzte er hinzu: »Die Verbindungstür zur Garage war offen. Angesichts der Umstände fühlten wir uns berechtigt, das Wohnhaus zu betreten, haben aber dort niemanden vorgefunden. Wir haben natürlich weiter nichts angerührt. Die Befragung der Schaulustigen hat nicht viel erbracht – auch von denen, die ihn kennen, konnte uns keiner sagen, wo De Boer steckt. Es sieht so aus, als ginge er keiner regelmäßigen Arbeit nach.«
   Van Barenveld und Mariska Surwoud wechselten einen Blick.
   »Hat schon einer von Ihnen versucht, den Kofferraum zu öffnen?«, wandte sich der Hoofdinspecteur an die Umstehenden. Stummes Kopfschütteln war die Antwort. Beukman streifte seinen schweren Schutzhandschuh über, trat an das Auto und drückte den Knopf der Heckklappe.
   »Abgeschlossen«, meldete er. »Oder von der Hitze verzogen.«
   »Können Sie einen Ihrer Männer mit einem Stemmeisen oder dergleichen kommen lassen? Wir brechen den Kofferraum auf. Nehmen Sie jemand mit starken Nerven. Das könnte schlimm werden.«
   »Keine Bange. Starke Nerven sind bei uns Einstellungsvoraussetzung.«
   Beukmans mobiles Funkgerät krächzte beim Einschalten leise auf, ehe er einen kurzen Befehl hineinsprach. Kurz darauf kam ein Feuerwehrmann herangestapft. Im Arm hielt er eine handliche akkubetriebene Flex. Beukman deutete auf das Kofferraumschloss. Die Maschine heulte auf, Funken stoben, drei rasche Schnitte, ein wenig Nachhilfe mit dem Kuhfuß, und schon klaffte ein Loch im Heck. Der Feuerwehrmann trat zurück.
   Beukman blickte Van Barenveld fragend an. Der nickte und machte eine auffordernde Geste in Richtung Auto.
   Mariska Surwoud entging nicht, dass sich Martijn Wolthuis’ Gesichtsmuskeln verhärteten und Van Barenveld kaum merklich mit den Kiefern mahlte. Sie selbst hielt gespannt den Atem an, als Beukman die schwere Metallklappe anhob.

Kapitel 3
Spurensuche

Einer der beiden Streifenpolizisten blies hörbar Luft durch einen Mundwinkel, als sich der Kofferraum vor ihren Blicken auftat und ihnen ein Schwall beißender, atemraubend geruchsintensiver Hitze entgegenschlug. Das metallene Gehäuse bot unfassbar viel Platz, zum Beispiel für einen geschrumpften Klumpen aus zerlaufenem grünen Kunststoff und zerborstenem Glas – die ins Abstrakte verformten Überreste einer Kiste Bier. Mariska Surwoud inventarisierte im Geiste eine verschrumpelte Kühltasche, ein Paar verschmorter Rollerblades und ein schimmerndes Gebilde zusammengebackener Plastik- und Metallteile, die, so ihre Vermutung, einst als Gettoblaster vom Fließband gelaufen waren. Ganz hinten, quer zur Fahrtrichtung, lag ein wulstartiges Bündel – eine verschrumpelte Tennistasche, aus der verkohlte und angesengte Kleidungsstücke hervorquollen.
   Aber keine Leiche.
   »Mevrouw Surwoud, der Wagen wird sichergestellt. Jemand von der Spurensicherung soll rauskommen. Ich möchte auf jeden Fall alles dokumentiert haben, wie es hier vorgefunden wurde, jeden Brandfleck, den Inhalt des Kofferraums, Sie wissen schon.« Van Barenveld wandte sich an die beiden Streifenpolizisten. »Sie beide sichern bitte den näheren Umkreis. Wer hier nichts zu tun hat, verschwindet hinter die Absperrung. Ich möchte nicht, dass die paar Spuren, die das Feuer übrig gelassen hat, auch noch verloren gehen. Meneer Wolthuis, von Ihnen erhalte ich noch einen schriftlichen Bericht?«
   »Versteht sich. Die nötigen Proben sind genommen, und ich habe so weit alles dokumentiert.« Er zeigte seine kleine Kamera. »Alles Weitere werde ich veranlassen.«
   Die Reihen der Schaulustigen jenseits der Absperrung am Grundstück hatten sich deutlich gelichtet. Ein paar Neugierige aus der unmittelbaren Nachbarschaft standen beisammen und tauschten eifrig ihre Ansichten über das Vorgefallene. Auch der Fernsehreporter Piet Welburg war noch zugegen. Er hatte einige Talking Heads auf Videoband, aufgeregt hingestammelte Berichte von Augenzeugen, die das Feuer wenn überhaupt, dann aus weiter Ferne gesehen hatten, und er war mit dieser mageren Ausbeute nicht zufrieden. Er hoffte noch auf die Stellungnahme eines Offiziellen, um seinen Bericht abzurunden, und schickte sich eben an, einen der abrückenden Feuerwehrleute anzusprechen, als ein paar synthetisierte Takte von Duran Durans ›Girls on Film‹ und das charakteristische Geräusch eines vordigitalen Kameramotors ertönten.
   Einige Feuerwehrmänner wandten ihre Gesichter, mehrere Passanten blickten in die Runde, um zu sehen, zu wessen Handy diese ungewöhnlichen Signaltöne wohl gehören mochten.
   Hoofdinspecteur Van Barenveld schritt um das Auto herum, besah sich den Innenraum genauer und betrachtete noch einmal aufmerksam die verdächtigen Brandspuren, auf die Wolthuis sie hingewiesen hatte. Mariska Surwoud, die ein paar Schritte beiseitegetreten war und ihm zugesehen hatte, hörte ein sonores »Hm«.
   Der Ermittler richtete sich auf und wandte sich dem Gebäude zu. »Kommen Sie«, Van Barenvelds Zeigefinger zielte auf Mariska Surwoud, »gucken wir uns mal die Garage von innen an.«
   Surwoud folgte ihrem Vorgesetzten an die Schwelle zur Garage. Beide versorgten sich mit eingeschweißten Gummihandschuhen. Sie zog ihre aus ihrer Umhängetasche, er seine aus dem Inneren seiner Jacke. Ungeduldig riss und zerrte Van Barenveld an der Plastikumhüllung, doch die zeigte sich widerspenstig.
   Wortlos nahm Surwoud ihm die Packung aus der Hand, fuhr mit einem ihrer langen Fingernägel in die dafür vorgesehene Lasche und zog die beiden Hälften so geschickt auseinander, dass sie ihrem Chef die Handschuhe anreichen konnte, ohne sie berührt zu haben. »Stabile Fingernägel«, kommentierte sie trocken. »Ergebnis gesunder Ernährung. In schwierigen Fällen hilft Kieselerde.«
   Stumm nahm Van Barenveld seine Handschuhe entgegen und wandte sich ab. Sein kleines Grinsen blieb der Assistentin verborgen. Er besann sich auf seine Arbeit und fand darüber schnell zum gewohnten abweisenden Gesichtsausdruck zurück. Beim Überstreifen der Handschuhe entstand das typische unangenehm quietschende Geräusch, das Van Barenveld jedes Mal bis in die Zahnhälse fuhr. Als er die Gummibünde klatschend zurückschnappen ließ, antwortete von ihrer Seite her ein doppeltes Echo. »Sie links, ich rechts«, wies er die junge Auszubildende an.
   Beide ließen ihre Blicke wandern.
   »Das ist doch mal eine artgerechte Umgebung für einen schmucken Oldtimer.« Mariska Surwoud konnte ihre Bewunderung nicht verbergen.
   Die Kriminalisten standen unter dem linken, mit Brandmalen gezeichneten Tor der zweistöckigen Doppelgarage. Das andere war geschlossen. Im Licht der rückwärtigen Fenster konnten sie erkennen, dass der Raum nicht allein zur Verwahrung und Wartung des Fahrzeugs gedient hatte. Zwar zog sich an der Rückwand eine Werkbank mit säuberlich sortiertem und bestens gepflegtem Werkzeug entlang. Auch stand links, im Eck neben dem Durchgang zum Haupthaus, ein Werkzeugwagen. Aber es gab kaum Schmutz, keine Schmierflecken, wie sie für eine viel genutzte Werkstatt typisch wären. Die Fläche, auf der der Straßenkreuzer vermutlich für gewöhnlich zu stehen kam, war durch einen robusten alten Teppich markiert, der von verschraubten Messingschienen auf Position gehalten wurde. Im Bereich zur Rechten befanden sich eine Sitzgruppe aus lindgrünem Korb auf roter Auslegware aus Sisal, ein weißes Ledersofa nebst Cocktailtischchen, eine Theke mit Barhockern nach Art amerikanischer Diners und dahinter ein großer Kühlschrank im passenden Nostalgie-Design. Dazwischen allerlei palmenartige Grünpflanzen, einige mit vertrockneten Blättern im unteren Ansatz. An der rechten Außenwand führte eine weiß lackierte, stellenweise abgetretene Metalltreppe hinauf zu einer Galerie, die breit genug war für mehrere Sitzgelegenheiten und von einer ebenfalls weißen Reling begrenzt wurde.
   »In Amsterdam gibt es massenhaft Menschen, die schlechter untergebracht sind als dieser Straßenkreuzer«, ließ sich Van Barenveld vernehmen.
   »Nicht nur in Amsterdam«, murmelte Mariska Surwoud und dachte dabei an ihre bescheidene Zweizimmerwohnung. Sie begann, mit spitzen Fingern behutsam hantierend, sorgfältig die Schubladen des Werkzeugwagens durchzusehen.
   Van Barenveld nahm sich das Korbtischchen vor, durchblätterte die dort ausgelegten Zeitschriften – die meisten davon Herrenmagazine, auch ein paar Auto- und Motorradblätter befanden sich darunter – und besah sich den Aschenbecher. Mit einer Pinzette griff er nach einem der ausgedrückten Stummel, der ihm durch seine ungewöhnliche Dicke aufgefallen war, und hielt ihn an seine Nase. »Man hat hier gern auch mal einen Joint geraucht«, rief er über die Schulter.
   Im Kühlschrank fanden sich ganze Batterien an Alkoholika und Erfrischungsgetränken und ein paar Obstkonserven, ansonsten nichts Auffälliges. Auf einer Anrichte standen gespülte und gebrauchte Gläser mit angetrockneten Rändern, ein Cocktailshaker, ein passendes Sieb. Ein Flaschenöffner, ein Zippo-Feuerzeug, eine Ray-Ban-Sonnenbrille mit tropfenförmigen Gläsern. Diverse CDs aktueller Interpreten lagen unordentlich herum.
   Van Barenveld hielt das alles für Designerkitsch und unpersönlichen Angeberschnickschnack.
   Mariska Surwoud war unterdessen vor der Werkbank in die Hocke gegangen, um in Augenhöhe über die Arbeitsfläche schauen zu können. Danach nahm sie sich den mit Tonfliesen ausgelegten Boden vor. Etwaigen Beobachtern hätte sich ein absonderliches Bild geboten, als sie dort, tief hinabgebeugt, nur auf Fuß- und Fingerspitzen gestützt, die Bewegungen einer Krabbe vollführend, gewissenhaft Fuge für Fuge in Augenschein nahm und mit geschärftem Blick die körnige Oberfläche des porösen Materials mit ihren winzigen Kerben, Kratzern und aus geplatzten Luftbläschen entstandenen Grübchen untersuchte, in denen sich häufig trotz vorhergehender sorgfältigster Reinigung immer noch irgendwelche Ablagerungen finden ließen – wenn das Glück es wollte, sogar welche mit Beweiskraft.
   »So genau müssen Sie es nicht nehmen«, äußerte Van Barenveld. »Die Feinarbeit sollen die Forensiker erledigen.«
   Ungeachtet seiner Worte begutachtete sie auch den Rest des ihr zugewiesenen Areals. Boden und Teppich waren mit bloßem Auge betrachtet sauber wie eine frisch sterilisierte Zahnarztpraxis. Ausgenommen einige unscheinbare weiße Krümel und ein Stück verformten Drahts, das vermutlich nur vom Werkzeugwagen gefallen war, aber dennoch von ihr gewissenhaft eingetütet und registriert wurde, gab es keine erkennbaren Indizien.
   Als sie sich schließlich erhob, tat ihr der Rücken weh. Sie drückte ihre Hände in die Nierengegend, machte ein Hohlkreuz und streckte sich seufzend. Zu Van Barenveld gewandt, der ihrem Beispiel gefolgt war und auf allen vieren über den Fußboden stakste, berichtete sie: »So ohne Weiteres sind keine Blutspuren zu erkennen. Aber es gibt an mehreren Stellen winzige Reste eines weißen Pulvers. Von der Konsistenz her möglicherweise Scheuermittel. Vielleicht aber auch Kokain.«
   Van Barenveld stand auf. »Lassen wir’s gut sein. Wir benötigen die Kriminaltechnik.«

Kapitel 4
Verstörung

»Wo könnten wir denn wohl auf die Schnelle ein verspätetes Mittagessen einnehmen?«
   Mariska Surwoud ließ sich von den steilen Stimmungsschwankungen ihres neuen Chefs nicht verunsichern und schlug den Besuch eines kleinen libanesischen Schnellrestaurants vor, das, unscheinbar am Rande der Innenstadt gelegen, über eine exzellente Küche verfügte und von ihren Büros aus bequem zu erreichen war.
   Van Barenveld entschied sich für ein Shoarma, sie für eine kleine Portion Falafel. Während des Essens wechselten sie nicht viele Worte.
   Dann und wann warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu, doch entgegen ihren Befürchtungen schien er sehr zufrieden mit seiner Wahl. Er klang beinahe zivilisiert, als er ihr später in seinem brummigen Brustton für die Empfehlung dankte, während er, zur Abwechslung hatte er das Steuer übernommen, von der Waddenzeestraat in den Drs. F. Bijlweg einbog und die letzten Meter zu ihrer Dienststelle zurücklegte.
   Unterwegs hatten sie verabredet, dass sie mit ihrem Bericht beginnen würde, während er die Kollegen unterrichtete. Doch dazu kam es nicht. Als sie im ersten Stock anlangten und eben in den Flur zu ihren Büros einbiegen wollten, kam ihnen von der oberen Etage her Dr. Van Doesburg, der Leiter der kriminalistischen Abteilung, entgegengestürmt.
   Zwei Stufen über dem Absatz blieb er stehen. Die eine Hand ans Treppengeländer geklammert, in der anderen einen jener dienstlichen Vordrucke, die bei der Erstaufnahme einer Anzeige zur Anwendung kamen, schwang er sich geschmeidig zu ihnen herunter und wedelte das Papier in Van Barenvelds Richtung. »Meneer Van Barenveld, gut, dass ich Sie sehe. Haben Sie sich eingelebt? Kommen Sie miteinander zurecht?«
   Van Barenveld räusperte sich und suchte noch nach einer passenden Antwort, als Van Doesburg auch schon weitersprudelte.
   »Sehr gut. Freut mich. Ich habe hier einen Fall für Ihre Gruppe. Man hat draußen in den Feldern hinter Julianadorp eine hilflos herumirrende Frau aufgegriffen. Nicht ansprechbar, wahrscheinlich Schockeinwirkung. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Schicken Sie doch bitte jemanden hin, der sich der Dame annimmt.« Damit drehte er sich um und eilte mit federnden Schritten wieder nach oben, hielt aber auf dem Absatz noch einmal inne. »Ach, übrigens, wie weit sind Sie mit den Starenkästen?«
   »Van Cuilenborg und Vervoorn kümmern sich darum.«
   »Wäre schön, wenn wir langsam Ergebnisse melden könnten. Die Öffentlichkeit lacht doch schon über uns. Ich zähle auf Sie«, sagte Van Doesburg mit merklich strengerer Färbung, ehe er verschwand.
   »Ja, Ergebnisse sind immer schön«, murmelte Van Barenveld kaum vernehmlich, als er das Formular überflog. »In der Brandsache können wir im Augenblick nichts weiter tun, und der Bericht hat noch Zeit«, sagte er, während er las. »Ich denke, ich werde dies hier selbst übernehmen.« Er sah auf und warf Mariska Surwoud einen auffordernden Blick zu. »Kommen Sie. Fahren wir. Ich habe keine Ahnung, wo sich die Klinik befindet.« Damit stieg er die Treppe auch schon wieder hinunter.
   Surwoud zog ihre Lippen nach innen und schüttelte den Kopf. Sozialkrüppel, dachte sie. Der eine eitel und ehrgeizig, der andere miesepetrig und ewig unfreundlich – Männer …
   Soziale Kompetenz zählte in ihren Augen zu den Voraussetzungen ihres Berufes. Aber offenbar ging es auch anders. Ungeachtet dessen freute sie sich, Van Barenveld begleiten zu können. Beinahe jeder Einsatz war ihr lieber, als am Schreibtisch zu sitzen und über einem vorläufigen Bericht zu brüten.

Vom Drs. F. Bijlweg bog Mariska Surwoud nach links in die Waddenzeestraat und gelangte an die Mündung in den Jan Verfailleweg, den sie an der nächsten Kreuzung in Richtung Huisduinen verließ. Karel van Barenveld, an Amsterdamer Verhältnisse gewöhnt, wunderte sich immer noch, wie schnell Den Helder zu durchmessen war. Sie benötigten nur wenige Minuten bis zum Gemini-Klinikum, das am Saum der Stadt errichtet worden war, wo sich die enge Wohnbebauung unvermittelt öffnete und den Blick freigab auf Wiesen und Baumreihen, auf Schrebergärten, Pferdehöfe und die militärischen Anlagen von Fort Erfprins mit den grün bewachsenen alten Verteidigungswällen, die sich bis hinüber zum hoch aufgeschütteten, weithin sichtbaren Deich erstreckten.
   An der Aufnahme des Krankenhauses herrschte Hochbetrieb. Es dauerte einige Zeit, bis sie in Erfahrung gebracht hatten, dass die gesuchte Patientin in der psychiatrischen Ambulanz untergebracht worden war. Sie überwanden einige Treppen, irrten durch Korridore, gerieten prompt in den falschen Flügel, wurden von einer vorübereilenden Oberschwester auf den rechten Weg gewiesen.
   Endlich standen sie vor einer breiten Tür. Die schwarzen Klebebuchstaben auf dem bernsteinbraun schimmernden Ornamentglas sagten ihnen, dass sie ihr Ziel gefunden hatten. Sie waren am Empfang bereits darauf hingewiesen worden, dass die Station nicht für jedermann zugänglich sei. An der Wand hing ein Haustelefon, über das man sich anmelden konnte.
   Sie nahmen in einer kleinen Warteecke Platz, wo man robuste, pflegeleichte Topfblumen aufgestellt und billige Drucke an die Wand gehängt hatte, im halbherzigen Bemühen, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen.
   Es dauerte nochmals einige Minuten, dann wurde die Tür von einer unsichtbaren Automatik geöffnet und ein junger Arzt trat auf sie zu. »Guten Tag. Sind Sie die Herrschaften von der Polizei?«
   Van Barenveld und Mariska Surwoud erhoben sich. Der Hoofdinspecteur stellte sich und seine Begleiterin vor und ließ kurz seinen Dienstausweis sehen.
   Der Arzt machte sich als Dr. Van Mieghem bekannt. »Ich fürchte, Ihnen steht eine schwere Aufgabe bevor«, begann er. »Die Patientin zeigt klassische Schocksymptome und ist nicht im Geringsten ansprechbar. Folgen Sie mir bitte.«
   Er führte sie in den Flur der psychiatrischen Abteilung und von dort in ein Behandlungszimmer. Es war leer, aber durch ein schmales Fenster in der Wand konnten sie den Nachbarraum einsehen. Eine Frau mittleren Alters lagerte auf einer Krankenliege. Das Kopfteil war aufgestellt worden; sie saß mehr, als sie lag, kaum angelehnt an das Rückteil, sondern leicht nach vorn gekrümmt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Ihre Arme hielt sie angewinkelt am Körper, die Hände hatte sie, ähnlich wie ein Boxer in Angriffshaltung, in spitzem Winkel angehoben, die Finger zu Fäusten geballt.
   Mariska Surwoud nahm wahr, dass die Haare der Frau zerzaust gewesen und, vermutlich von einer Schwester, mit flüchtigen Strichen glatt gebürstet worden waren. Der Schnitt und die Tönung aber verrieten, dass vor nicht allzu langer Zeit ein guter, wohl auch nicht ganz billiger Friseur Hand angelegt hatte.
   »Ihr Verhalten lässt vermuten, dass sie in irgendeiner Form einem echten oder halluzinierten Angriff ausgesetzt war«, erklärte Van Mieghem. »Die üblichen Untersuchungen blieben ohne Befund. Unfallspuren gibt es keine. Ein paar unbedeutende Hämatome an den Unterarmen, also leichte Druckstellen … Aber keine auffälligen oder schwerwiegenden Verletzungen. Auch nicht am Kopf. Wir haben keine Hinweise auf ein Notzuchtverbrechen feststellen können«, erläuterte der Arzt, der aus seiner Zeit in der Notfallambulanz noch wusste, welche Fragen Kriminalbeamte vordringlich zu stellen pflegten. Er langte in ein Schränkchen und entnahm ihm einen Sack aus transparentem blauen Kunststoff. »Dies hatte sie an – dünne Bluse, Strandbikini, Sandalen. An den Schuhen klebte krümelige Erde.« Er hob die Tüte an einem Zipfel an und hielt sie schräg, sodass einige Bröckchen in die untere Ecke kugelten. »Sonst haben wir nichts Auffälliges bemerkt. Keine Namensschilder oder dergleichen, und auch kein Schmuck. Die Einnäher in der Kleidung bezeichnen gehobene, aber weit verbreitete Marken. Weiter haben wir nichts, was auf die Identität oder Herkunft der Frau schließen lassen würde. Aber Ihre Experten verfügen da sicher über andere Möglichkeiten. Eine Auflistung ihrer persönlichen Sachen liegt bei.«
   Van Barenveld übernahm den Sack und reichte ihn an Surwoud weiter. »Mit ihr zu reden hat demnach gar keinen Zweck?«
   Der gekünstelte Lacher des Arztes war eigentlich Kommentar genug. »Sie können mit ihr reden, so lange sie wollen. Nur Antworten werden Sie nicht erhalten. Nein, im Ernst: Die Patientin braucht Ruhe. Dann werden wir sehen, ob sich mit vorsichtig angewandten gezielten Reizen eine Reaktion erzielen lässt. Im Moment kann ich nicht mehr für Sie tun. Sie werden natürlich informiert, sobald eine Änderung eintritt. Lassen Sie uns Ihre Telefonnummern da.«
   Van Barenveld sah ein, dass er hier nichts ausrichten konnte, hatte aber noch ein Anliegen. »Wir bräuchten eigentlich Fingerabdrücke der Frau. Vielleicht ist es am besten, wenn Sie das übernehmen. Oder jemand vom Pflegepersonal. Wir haben die nötigen Utensilien im Wagen.«
   Der Arzt nickte.
   Der Hoofdinspecteur wollte sich schon zum Gehen wenden, doch dann kam ihm noch ein Gedanke. »Können wir vielleicht ein Foto von der Patientin machen? Das würde die Identifizierung natürlich erheblich erleichtern. Und die Hämatome sollten wir auch aufnehmen.«
   Der Arzt zögerte. »Ungern. Ohne Kenntnis der Vorgeschichte lässt sich nicht voraussehen, was eine solche Situation bei ihr auslöst.«
   Mariska Surwoud schaltete sich ein. »Wie wäre es, wenn wir die Aufnahme von hier machen? Unauffällig durch die Scheibe? Ein versierter Fotograf müsste das zustande bringen.«
   Mit dieser Lösung erklärte sich Dr. Van Mieghem nach kurzem Überlegen einverstanden.
   Van Barenveld wandte sich Surwoud zu. »Woher bekommen wir einen Fotografen?«
   »Den müssen wir bestellen. Die Kriminaltechniker machen nur Tatortfotos.« Sie zückte ihr Mobilfon und drückte die Schnellwahltaste mit der Nummer der Einsatzzentrale. Aus Kostengründen beschäftigte die Behörde schon seit geraumer Zeit keine spezialisierten Polizeifotografen mehr. Man arbeitete stattdessen mit freien Kräften zusammen, die bei Bedarf herangezogen wurden. Nur von der Leitstelle aus durften Aufträge an Außenstehende vergeben werden. Jeder Einsatz wurde sorgfältig protokolliert, einerseits der späteren Rechnungskontrolle wegen, aber auch, um jede Form von Bevorzugung auszuschließen.
   Surwoud erklärte der Kollegin am anderen Ende der Leitung, worum es sich handelte und wies auf die besonderen Umstände hin, die beispielsweise die Verwendung eines Blitzlichtgerätes ausschlossen.
   »Der Fotograf wird in einer Viertelstunde hier sein«, informierte sie den Hoofdinspecteur. »Wir sollen warten.«
   Die beiden Kriminalbeamten nahmen wieder in der Wartezone Platz. Van Barenveld las das kopierte Aktenblatt, das ihm Van Doesburg in die Hand gedrückt hatte und gab sein Wissen an Surwoud weiter. Viel war es nicht.
   Ein Bauer hatte die Frau durch eines seiner Tulpenfelder laufen sehen und sie erst für eine Touristin gehalten, die sich mit frischen Blumen versorgen wollte. Auf seine wütenden Zurufe hatte die Frau nicht reagiert, sondern war, der schnurgeraden Furche zwischen den Pflanzen folgend, stolpernd weitergerannt. Im Näherkommen waren ihm ihre seltsam starre Haltung und ihr flackernder Blick aufgefallen. Er hatte davon abgesehen, sie vom Feld zu jagen und stattdessen über sein Mobiltelefon den Notruf verständigt. Er war der Frau in einigem Abstand gefolgt und hatte den Rettungsdienst laufend über ihren Aufenthaltsort informiert. An einem Feldweg konnten die Sanitäter die Irrgängerin schließlich abpassen. Sie hatten sich ihr behutsam angenähert, sie mit viel Geduld beruhigt und dann vorsichtig zu ihrem Einsatzfahrzeug geleitet und in die Klinik gefahren.
   »Der Arzt hat recht«, fand Mariska Surwoud. »Die Identifizierung könnte schwierig werden.«
   »Warten wir’s ab«, grummelte Van Barenveld.
   Draußen vor dem Fenster erstreckten sich die Anlagen des Fort Erfprins mit ihren historischen Verteidigungsgräben. Dahinter erhob sich, ein korallenroter Pfahl zwischen grünen Wiesen und vor blassblauem Himmel, ein schlanker hoher Leuchtturm.
   Mariska Surwoud war seinem Blick gefolgt. »Das ist der Lange Jaap. Der höchste unter Europas gusseisernen Leuchttürmen. Man sieht ihn bis weit ins Hinterland. Sollten Sie sich mal verfahren, halten Sie einfach nach ihm Ausschau. Das hilft Ihnen, sich zu orientieren.«
   »Gute Idee«, bestätigte der Hoofdinspecteur und wandte den Kopf, weil sich die Fahrstuhltür mit metallischem Rollen öffnete.
   »Sie schon wieder«, stöhnte Piet Welburg, als er Van Barenveld und dessen junge Mitarbeiterin auf dem Krankenhausflur sitzen sah. Eben noch hatte er sich gefreut, dass ihm dieser Tag bereits den dritten Auftrag bescherte, aber in diesem Moment verging ihm die gute Laune, weil er augenscheinlich diesem Kotzbrocken von der Kriminalpolizei zu Diensten sein musste. »Haben Sie schon den Oberarzt zusammengebrüllt oder muss ich gleich wieder herhalten?«, unkte er verdrießlich, als sich Van Barenveld erhob.
   »Halten Sie sich gefälligst an die Spielregeln, dann haben Sie mit mir auch keinen Ärger«, parierte der Hoofdinspecteur gereizt.
   Mariska Surwoud kam dem sich anbahnenden Wortgefecht zuvor, griff nach dem Ärmel des Fotografen und zog ihn sanft in Richtung Stationstür. »Ich übernehme das hier.« Mit einem begütigenden Lächeln fügte sie an: »Weibliches Einfühlungsvermögen könnte von Vorteil sein. Oder soll ich lieber das Material für die Kennzeichenaufnahme aus dem Wagen holen?«
   Van Barenveld lenkte ein. »Lassen Sie. Ich mache das schon«, erwiderte er und trollte sich Richtung Ausgang. Im Stillen fand er es amüsant, wie er soeben elegant umspielt und an die Bande gedrückt worden war. Es störte ihn nicht sonderlich. Ihm fiel ein, dass Mariska Surwoud nur wenige Jahre älter war als seine Tochter. Mariska Surwouds sachdienliches Verhalten zeugte von Geistesgegenwart und, gemessen an ihren Dienstjahren, erstaunlicher Professionalität. Sicher war es noch zu früh für eine förmliche Bewertung. Aber im Zuge ihrer kurzen Zusammenarbeit hatte er einen sehr günstigen Eindruck von der jungen Kriminalassistentin gewonnen.
   Während sich Van Barenveld vom Fahrstuhl ins Parterre tragen ließ und seinen Gedanken nachhing, besprach sich Mariska Surwoud mit dem Fotografen. »Wir haben diesmal eine etwas diffizilere Aufgabe für Sie.« Sie erklärte Welburg, worum es sich handelte.
   »Kein Problem«, sagte Welburg zuversichtlich. »Mit der passenden Brennweite sollte das zu machen sein. Und mit einem Polarisationsfilter kann man die Spiegelungen der Glasscheibe reduzieren. Ich habe alles Nötige dabei.« Er tippte mit den Fingern auf seine schwarze Fototasche, die schwer an seiner Schulter hing.
   Eine von Dr. Van Mieghem bestellte Krankenschwester ließ sie ein und begleitete sie zu dem Behandlungszimmer, von wo aus Piet Welburg unauffällig seine Fotos machen sollte. Sie blieb im Raum und hielt sich zu ihrer Verfügung, verfolgte aber auch mit außerberuflichem Interesse, wie der Fotograf seiner Kamera mit geübten Handbewegungen ein Teleobjektiv aufpflanzte und dieses mit einem Filter versah. Die Festbrennweite garantierte die bestmögliche Qualität.
   Die Aufnahmen waren schnell erledigt. Mariska Surwoud konnte das Ergebnis auf dem Display der Kamera unmittelbar in Augenschein nehmen.
   »Ja«, sagte sie. »Ich glaube, die sind gut. Aber entscheiden muss der Hoofdinspecteur.«
   Kurz darauf gesellte sich Van Barenveld wieder zu ihnen und reichte Surwoud ein Köfferchen mit erkennungsdienstlichem Handwerkszeug. Sie wechselte nach nebenan, um mithilfe der Krankenschwester vergleichstaugliche Identifikationsmerkmale der Unbekannten zu registrieren.
   Van Barenveld ließ sich die Fotos zeigen und nahm sich die Zeit, jedes einzelne mit der Patientin auf der anderen Seite der Scheibe zu vergleichen. Welburg fand das umständliche Vorgehen des Polizisten pedantisch. Ungeduldig hob er den Umhängeriemen seiner Fototasche höher auf die Schulter und raffte seine Jacke zusammen als Signal, dass er gern aufbrechen wollte. Er atmete auf, als Van Barenveld endlich seine Auswahl getroffen hatte.
   Welburg nestelte an der Kamera, dann händigte er dem Ermittler ein flaches Stückchen Plastik aus. »Die Speicherkarte.«
   »Ich danke Ihnen.«
   »Nichts zu danken. Die Rechnung kommt per Post.«
   »Und das Honorar per Überweisung.« Van Barenveld sprach in der für ihn typischen abweisenden Tonlage, die Welburg aufs Neue verärgerte. Eigentlich hatte er den Ermittlern noch etwas mitteilen wollen, aber Van Barenvelds rüde Umgangsformen brachten ihn davon ab.
   Soll der Kerl halt auf meine Aussage noch ein wenig warten, dachte er grollend.
   Ohnehin hatte er es eilig, in den Sender zu kommen, wo man ihn bereits ungeduldig erwartete.

Kapitel 5
Wochenende

Karel van Barenveld ließ, während sein Volvo in gemächlichem Tempo über die Landstraße rollte, seinen Blick immer wieder mal nach links zum Noordhollands Kanaal wandern, dessen Oberfläche sanft vom Wind bestrichen wurde und silbrig funkelte, wenn sich das Licht der Morgensonne im gewellten Wasser brach. Gelegentlich zog eine Jacht oder ein Segelschiff vorbei. Manchmal waren Kinder an Bord, die fröhlich zu den Autofahrern auf der N 9 herüberwinkten.
   Er war frühzeitig aufgebrochen, denn er wollte in Haarlem sein, bevor es zu den ersten Verkehrsverdichtungen kam. Er kannte die Straßenverhältnisse auf den Amsterdamer Autobahnringen, den Rhythmus der Blechlawinen, die tages- und jahreszeitlich bedingten Wechsel im Fahrverhalten. In seiner Zeit als Streifenpolizist hatten sie seine beruflichen Tätigkeiten bestimmt und waren auch nach seinem Wechsel zur Kriminalabteilung ein bestimmender Faktor geblieben, zumal er täglich mit dem PKW zwischen seinem Wohnort Haarlem und dem Amsterdamer Präsidium unterwegs gewesen war.
   Karel van Barenveld war als junger Mann nach Amsterdam gekommen und hatte viele Jahre hier verbracht. Er erinnerte sich gut, wie ihn diese Stadt anfangs für sich eingenommen hatte, wie er die kulturelle und ethnische Vielfalt bestaunt und die viel gerühmte Toleranz der Amsterdamer bewundert hatte.
   Die Arbeit im Polizeidienst hatte jedoch, wohl unweigerlich, zur Folge, dass sich der Blick auf die Stadt verfinsterte. Wenn man zum wiederholten Male an eine der Schleusen gerufen wurde, um sich mit einer aufgedunsenen Wasserleiche zu befassen, nahm man die malerischen Grachten auf den Touristenprospekten bald nur noch als üble Kloaken wahr.
   Van Barenveld hatte schwer erträgliches Elend und die schlimmsten Formen von Entwürdigung kennengelernt. Junge Einwanderer, voller Hoffnungen in dieses Land gekommen, die in stinkenden Baracken zusammengepfercht leben mussten. Junkies, bis auf die Knochen ausgemergelt, viele davon an HIV oder Hepatitis erkrankt, lethargisch, nicht mehr in der Lage, sich selbst um Hilfe zu bemühen. Mädchen, auch junge Mütter darunter, die zu allem bereit waren, wenn es ihnen nur den nächsten Schuss sicherte. Es gab genügend skrupellose Dealer, Freier, Geschäftemacher, die aus dieser Not Profit zu schlagen wussten.
   Einmal hatten sich die Ermittler beschlagnahmte Videokassetten ansehen müssen mit Aufnahmen einer eindeutig drogenkranken Frau, die zwei Männern gleichzeitig zu Willen war und sich dabei, die Anweisungen des Kameramanns waren mit auf dem Band, widerstandslos auf die Brüste, aufs Gesäß und ins Gesicht schlagen ließ, bis sich die Haut scharlachrot verfärbte und ihr die Tränen kamen. Die Polizei hatte nichts unternehmen können, denn die Produzenten dieser Filme wussten genau, wo die gesetzlichen Grenzen lagen. Sie hatten sich – natürlich – vorweg gewissenhaft des »gegenseitigen und freiwilligen Einvernehmens« aller Beteiligten versichert.
   Einige Wochen später hatte man die Leiche dieser Frau in einem Abbruchhaus entdeckt.
   Van Barenveld hatte den Wandel in der Ordnungspolitik der Amsterdamer Behörden miterlebt. Einige Jahre lang gehörten Obdachlose und Junkies zum Straßenbild der Grachtenstadt. Eine unschöne Sache, wenn man den Fremdenverkehr ankurbeln wollte, und ausgesprochen hinderlich bei der Einwerbung ansiedlungswilliger Unternehmen. In Amsterdam herrschte eine katastrophale Wohnungsnot, akute Maßnahmen aber wurden anderweitig ergriffen: Der Leerstand von Gewerberäumen hatte besorgniserregende Ausmaße angenommen – einer der maßgeblichen Gründe, warum man überstürzt daranging, das Image der Stadt aufzupolieren. Die Polizei wurde angehalten, für ein adrettes Straßenbild zu sorgen. Verstärkt patrouillierten uniformierte Beamte zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Sie zeigten sich als freundliche Ansprechpartner für die Touristen und waren zugleich bedrohliche Erscheinungen für alle, die als Außenseiter auffielen und ziellos herumlungerten. Personen dieses Schlages, Penner, Fixer, Obdachlose, waren unerwünscht und erhielten so lange Straftickets und Platzverweise wegen Schlafens unter freiem Himmel und anderer Bagatellvergehen, bis sie aus dem öffentlichen Blickfeld verschwanden. Die Innenstadt stimmte wieder mit den Postkartenansichten überein. Die Probleme aber waren nicht gelöst, sondern nur in die Randbezirke verlagert worden, wo sie fern jeder sozialen Kontrolle noch gediehen und immer schlimmere Auswüchse hervorbrachten.
   Zudem entging der allgemeinen Wahrnehmung, dass den Beamten nicht nur die Fixer und Stromer langfristig zu schaffen machten, sondern auch auf Abwegen wandelnde wohlsituierte Bürger, die seelisch Verkrüppelten der besseren Stände. Manche wurden zu Stammkunden, wie die an ihrer Einsamkeit leidende Mittvierzigerin, Geschäftsführerin eines honorigen Unternehmens, die volltrunken nach Kneipenbekanntschaften suchte und wiederholt in der Ausnüchterungszelle landete. Andere gaben nur ein einmaliges Gastspiel, wie jener auf Rotlichterfahrungen erpichte Kleinfabrikant zum Beispiel, den sie eines frühen Morgens aller Barmittel beraubt in seinem eigenen Erbrochenen liegend vorfanden und, nachdem er wieder bei Besinnung war, als weinerliches Bündel Mensch in den Zug nach Hause bugsiert hatten.
   Fernab vom Unrat der Straßen breitete sich das organisierte Verbrechen aus und wucherte immer tiefer in die seriöse Wirtschaft hinein. Van Barenveld war eine Passage aus einem Buch Janwillem van de Weterings in Erinnerung geblieben, in der der Romancier, der einst selbst in den Amsterdamer Straßen auf Streife gegangen war, einen Kriminalbeamten sagen ließ: »An gefährliche Gangster sind wir hier nicht gewöhnt.« 1979 war das geschrieben worden, in dem Roman ›Ticket nach Tokio‹. Eine Zeit lang hatten Van Barenveld und sein engster Kollege Arie Fassaert diesen Satz bei passenden Gelegenheiten im Scherz als geflügeltes Wort gebraucht – voller bitter-ironischer Belustigung, die der Absicht des Urhebers völlig widersprach.
   An seinen Kollegen beobachtete Van Barenveld, wie sie unempfindlich wurden gegen die täglichen Zumutungen, wie sie sich bis ins tiefste Innere einpanzerten und die schlimmsten Erfahrungen mit zynischen Bemerkungen gröbster Art kompensierten. Ihm selbst wollte dergleichen lange Zeit nicht gelingen. Der Ekel sammelte und staute sich und war irgendwann nicht mehr abzubauen. Immer häufiger mündeten Enttäuschung und Verbitterung in jähen Zornesausbrüchen, galligen Schimpftiraden, mit denen er sich Luft zu machen suchte.
   Doch dabei blieb es nicht. Lange verkannte er, dass sich sein Verhalten geändert hatte, dass er schroffer mit Verdächtigen umsprang als früher, dass er bei Beleidigungen und herausfordernden Auftritten aufbrauste und zulangte, dass er schnell zur Stelle war, wenn eine Prügelei Gelegenheit bot, sich abzulenken von der stillen Wut.
   Die Einsicht kam spät. Beinahe zu spät …
   Er war mit seiner Abteilung während einer Drogenrazzia über eine illegale Technoparty hergefallen und hatte zusammen mit einem Kollegen einen der halbwüchsigen Dealer auf der Toilette gestellt, als dessen Vorräte an regenbogenbunten Pillen gerade durchs Abflussrohr rauschten. Damit waren ihre Beweise dahin, sie hatten nichts gegen den Jungen in der Hand. Er hätte nicht einmal mit auf die Wache kommen müssen, sondern wäre nach Aufnahme der Personalien nur des Geländes verwiesen worden. Vielleicht hatte ihn die gelungene Vertuschung übermütig gemacht, vielleicht lag es an der euphorisierenden Musik, jedenfalls war der Bengel schlecht beraten, als er Van Barenveld und dessen Kollegen höhnisch aufforderte, doch in die Scheiße zu tauchen. »Stinken tut ihr ja sowieso schon, man riecht euch ja hundert Meter gegen den Wind, ihr Schmierlappen …«
   Van Barenveld war der Erste, der die Beherrschung verlor und das völlig verdutzte Bürschchen mit einer brutalen Ohrfeige an die dreckigen Kacheln klatschte. Sein Partner schritt nicht ein, sondern tat im Gegenteil nach Kräften mit, als sie den Jungen verdroschen, bis ihm das Blut aus Nase und Ohren lief. Danach ließen sie ihn einfach liegen. Niemals sprachen sie über diesen Vorfall, es gab keine Anzeige und keine disziplinarischen Maßnahmen.
   In der Zeit danach schossen Van Barenveld die Bilder der hässlichen Szene bisweilen unvermittelt durch den Kopf. Mitten am Tag und ohne jeden Anlass. Er wischte sie beiseite, indem er sich geistig und körperlich beschäftigt hielt. Nie traf man ihn so häufig im Trainingsraum wie in diesen Tagen.
   »Nur ein Ausrutscher«, lautete seine Rechtfertigung vor sich selbst. Noch gestand er sich nicht ein, dass er sich verändert hatte.
   Doch bald waren die Zeichen nicht mehr zu verkennen. Immer häufiger geschah es, dass Van Barenveld die Geduld verlor, dass es beim Umgang mit Verdächtigen zu Ruppigkeiten kam.
   Längst hatte auch das Verhältnis zu seiner Ehefrau Wilma gelitten. Läppische Unstimmigkeiten genügten, um lautstarke Meinungsverschiedenheiten auszulösen. Und manchmal wurde Van Barenveld mit einiger Verzögerung bewusst, dass ihm während des Streits die Hand gezuckt hatte. Weil er zuschlagen wollte.
   Dann kam der Tag, an dem Van Barenveld vor sich selbst erschrak. Er hatte Nachtdienst gehabt und war am späten Vormittag aufgestanden. Die wenigen Stunden Schlaf hatten nicht ausgereicht. Sein Kreislauf bockte, er fühlte sich abgeschlagen. In seinen Ohren pulsierte ein leises rhythmisches Rauschen.
   Im Wohnzimmer stieß er auf Astrid. Seine vierzehnjährige Tochter hatte ihre Schulfreundin Marly zu Besuch. Kichernd hatten die Mädchen ihre Köpfe über einem Notebook zusammengesteckt und nicht bemerkt, dass Van Barenveld eingetreten war. Er brauchte nur zwei Blicke, um zu erkennen, dass die beiden eine Internet-Kontaktbörse aufgerufen hatten und Kurzbotschaften mit Empfängern tauschten, die sich hinter blumigen Pseudonymen verbargen. Wiederholt hatten Van Barenveld und seine Frau mit Astrid über dieses Thema gesprochen und in partnerschaftlichem Tonfall, aber mit großem Ernst vor den Gefahren solcher Angebote gewarnt und deren Nutzung verboten.
   Astrid und Marly zuckten zusammen, als Van Barenveld den kompakten Computer vom Tisch riss. Gerade kam eine Antwort eines Chat-Partners, der obszöne Begriffe geschickt vermied, aber den sexuellen Inhalt seines Anliegens kaum kaschierte.
   »Mensch, Papa! Geht’s noch? Das ist doch nur aus Fun«, rief Astrid in trotziger Verlegenheit. Ihr hilfloser Versuch, den Schaden noch zu begrenzen, bewirkte das Gegenteil.
   Es kam weit mehr zum Ausbruch als die Sorge um sein Kind, als Van Barenveld seiner Tochter ins Gesicht schlug. Astrids Körper gefror in der Bewegung, dann schossen die Tränen, und sie lief schreiend aus dem Zimmer. Marly, zu Tode erschrocken, stammelte eine Verabschiedung und verschwand eilig durch die Vordertür.
   Van Barenveld sank auf das Sofa. Sein Herz hämmerte, in seinem Kopf spürte er ein Rauschen. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er sich seit Monaten auf gefährlichem Terrain bewegt hatte. Und gerade eben hatte er eine Grenze überschritten.
   Am Nachmittag meldete er sich krank. Seine Frau Wilma hatte telefonisch auf ihrer Arbeitsstelle von dem Vorfall erfahren, durch Marlys Mutter, die ihre Empörung zum Ausdruck gebracht hatte. Am Abend kam es zu einem langen Gespräch zwischen den Eheleuten. Beide mussten sich gewisse Dinge eingestehen, veränderte Realitäten akzeptieren.
   Van Barenveld nahm ein von seiner Dienststelle angebotenes Antiaggressionstraining auf. Früher hatten er und seine Kollegen manchmal über diese Maßnahme gewitzelt. Nun nahm er sie sehr ernst. Wenngleich der Antrieb immer mal wieder zu erlahmen drohte, hielt er durch.
   Dennoch war seine Ehe nicht mehr zu retten. Längst fühlte sich Wilma ihm entfremdet. Er selbst war zermürbt und konnte dem nichts mehr entgegensetzen. Die Scheidung erfolgte in wechselseitigem Einvernehmen. Das Sorgerecht für Astrid überließ Van Barenveld freiwillig seiner Frau. Die beiden blieben in ihrem Häuschen in Haarlem. Van Barenveld zog vorübergehend in ein kleines Apartment, das ihm ein Kollege vermittelt hatte.
   Er musste sich wochenlang gedulden, endlich aber wurde die von seinem Therapeuten angeregte Rehabilitationsmaßnahme genehmigt.
   Er hatte nicht danach gesucht – der Zufall war es, der ihn nach seiner Rückkehr an den Arbeitsplatz auf eine interne Stellenausschreibung der Kriminalbehörden von Den Helder aufmerksam werden ließ. Er bewarb sich und wurde angenommen. Die Stadt an der Spitze Nordhollands war von Amsterdam weit genug entfernt, um Abstand zu den dortigen Verhältnissen zu gewinnen, lag aber doch so nah, dass Van Barenveld notfalls binnen einer Stunde bei seiner Familie sein konnte.
   Er kannte Den Helder kaum, war sich aber sicher, dass er sich in der 60.000-Einwohner-Stadt schnell zurechtfinden und sich bald einleben würde. Er hatte seine Jugend in einem ähnlichen Umfeld verbracht. Deshalb verband sich der Neuanfang, der völlige Umsturz seiner Lebensverhältnisse, mit der Vorstellung einer geistigen Rückkehr, ausgelöst durch Erinnerungen an eine Lebensphase, in der seine heutigen Probleme nicht einmal als Ahnung vorhanden gewesen waren.
   Er hatte erste Spaziergänge unternommen, hinaus zur Promenade, die seeseitig am Deich entlanglief, und von wo aus man majestätisch vorübergleitende Schiffe der Königlichen Marine beobachten oder der Fähre nach Texel nachschauen konnte. Manchmal waren Windsurfer unterwegs oder Segelboote, und wenn er dem Meer den Rücken kehrte, dann sah er die Stadt in diesem hellen klaren Licht liegen, das, indem es Häuser und Gegenstände aus sich selbst heraus strahlen ließ, jeden Maler und Fotografen in Hochstimmung versetzte.
   Er hatte sich vorgenommen, irgendwann in nächster Zeit ein Fahrrad anzuschaffen, denn er plante, nach und nach auch die nähere Umgebung, besonders den Dünenstreifen im Westen, zu erkunden, um baldmöglichst Astrid einladen und ihr ›seine‹ Stadt von ihren schönsten Seiten zeigen zu können.
   Die Dienststelle ebenso wie seine neuen Mitarbeiter sagten ihm zu, aber er begegnete den Kollegen zunächst mit Zurückhaltung. Der Fall, der die Abteilung in den Tagen seiner Arbeitsaufnahme beschäftigte, betraf einige Vandalen, die regelmäßig die zur Geschwindigkeitskontrolle eingesetzten festen Blitzanlagen in Den Helder und Umgebung zerstörten und dies auf Flugblättern und Aufklebern frech als widerständige Aktion unterdrückter Autofahrer ausgaben.
   Er musste lachen, wenn er daran dachte, dass sich die überlasteten Amsterdamer Kollegen entgeistert an die Stirn tippen würden, käme ihnen jemand mit einer derartigen Bagatelle. In Den Helder war man weit weniger beansprucht und konnte es sich leisten, die Sachbeschädigungen ebenso sorgfältig zu recherchieren wie einen Raub oder ein Tötungsdelikt.
   Als er hinter Alkmaar auf die Autobahn fuhr und auf hundertzwanzig beschleunigte, spielte Radio Veronica ›Mooie Dag‹ von der Gruppe Bløf. ›Ein schöner Tag‹ – darauf hoffte er sich freuen zu dürfen. Er hatte seine Tochter seit Wochen nicht gesehen, die Wohnungssuche in Den Helder, das vorläufige Einrichten, der Dienstantritt hatten ihm nur wenig Zeit gelassen. Der heutige Samstag sollte ganz ihr gehören. Sie hatten am Telefon Pläne geschmiedet und sich einiges vorgenommen. Bei schönem Wetter wollten sie nach Amsterdam hinüber und in den Zoo Artis, der Astrid so gut gefallen hatte, als sie kleiner war, und den sie schon lange nicht mehr besucht hatten. Anschließend würden sie vielleicht noch Pfannkuchen essen gehen, in einem urigen Restaurant, das als Spezialität Pfannkuchen mit Maronencreme auf der Karte führte. Die hatte Astrid immer besonders gern gegessen …
   »Ein schöner Tag«, summte Van Barenveld vor sich hin, »ein schöner Tag …«
   Er kannte das stimmungsvolle Chanson und wusste, dass die lyrische Beschreibung eines stillen Sommertages mit einem bitteren Vers schloss.
   »Ein schöner Tag«, intonierte der Lead-Sänger Paskal Jakobsen.
   »Ein schöner Tag …«, die Instrumente verstummten, »… ein schöner Tag … für den Tod …«
   Van Barenveld blinzelte trotzig ins Sonnenlicht. Er beschloss, diese letzte Zeile einfach zu ignorieren.

Kapitel 6
Abgründe

Die Dünen südlich Den Helders, ein nur begrenzt zugängliches Landschaftsschutzgebiet, sind durchsetzt mit alten Wehranlagen, Hochbunkern, Tunneln, Unterständen, Panzersperren. Die meisten wurden sich selbst überlassen. Wind und Wetter zersetzen ihre schrundigen Außenwände. Moose und Flechten haben sich festgebissen. Langsam ergibt sich das spröde Material den andrängenden Wurzeln, die die grobporige Oberfläche aufreißen und feine Risse in den Beton sprengen, sodass mit der Zeit genügsame Gräser und sogar kleine Sträucher Halt an ihnen finden.
   Unmittelbar am Strandzuweg De Zandloper erheben sich gleich zwei dieser verdämmernden Veteranen, beide wohl nach gleichem Bauplan errichtet. Immerhin einem der einst auf Seeziele ausgerichteten, ihrer Geschütze lange beraubten Militärbunker hatte man noch eine nützliche Funktion abgewinnen können. Ein Aufstieg mit flachen Stufen wurde angelegt, die Dachebene mit einer Mauer aus bleischwarzem Gestein gesichert und so ein Aussichtspunkt geschaffen, von dem aus man weit übers Meer oder, in umgekehrter Richtung, über die Tulpenfelder zu Füßen der Dünen blicken und am Horizont die gemessen kreisenden Kräne des Hafenbereichs ausmachen kann.
   Der zweite Bunker liegt, halb in die Dünen geduckt, einen Steinwurf entfernt auf der anderen Seite des Weges und taugt zu gar nichts, allenfalls noch als Malgrund für junge Leute, die sich unterschiedlich begabt als Graffiti-Sprayer betätigen oder den Namen ihrer Ferienliebe in die körnigen Außenmauern kerben.
   Von fern betrachtet ein trauriges Überbleibsel, wirkt der düstere Koloss im Näherkommen unheimlich und abweisend. Ein dünnes Lüftungsrohr stakt heraus, die darunter liegende krustige Wand ist vollgeblutet mit herausgelöstem Rost. Vielfach ist der Beton aufgerissen, die Klüfte geben den Blick frei auf korrodierende Armiereisen. Ein wenig versteckt auf der landeinwärts gelegenen Seite findet sich der frühere Eingang, der mit großen Lehmziegeln notdürftig vermauert wurde. Die Sicherungsmaßnahme aber stachelte die Abenteuerlust der örtlichen wie der ferienhalber verweilenden Jugend erst richtig an. Fahrtenmesser und andere unsachgemäß angewandte Werkzeuge kamen zum Einsatz, bald waren die Fugen in geduldiger Arbeit aufgekratzt. Ein erster Brocken konnte nach innen gestoßen, eine Taschenlampe angesetzt werden. Ein Auge zugekniffen, das andere weit aufgerissen an die ovale Öffnung gedrückt, hoffte ein Halbwüchsiger auf Eindrücke, mit denen sich daheim bei den Kameraden Eindruck schinden ließ. Doch die Dunkelheit fraß den Lichtschein, das Bild blieb schwarz.
   Es wurde also weiter geschürft. Ein Schraubendreher war zur Hand, jemand brachte Hammer und Meißel, und schließlich war das Loch so groß, dass ein schmaler Oberkörper Platz fand. Einer spielte den Wagemutigen, schlängelte sich halb hinein und hoffte, dass, auch wenn ihm vor Angst die Ohren rauschten, den anderen seine Furcht verborgen bleiben würde. Ausgerüstet mit einer stärkeren Handlampe, leuchtete er in die Finsternis, die die Preisgabe ihrer Geheimnisse jedoch erneut verweigerte. Er fühlte, wie eisige Luft nach ihm griff und schüttelte sich unter dem modrigen Geruch des durchfeuchteten Gemäuers.
   Immerhin gewahrte er einen mit Schutt beladenen Vorsprung direkt unterhalb des Durchbruchs, hinter dem sich, wenige Meter voraus, ein Abgrund auftat. Wenn es je eine Treppe oder Leiter gegeben hatte, so schien sie verschwunden, vielleicht von Fäulnis zerfressen, vielleicht von Partisanen oder abrückenden Soldaten gesprengt.
   Auch die anderen taten einen Blick in das Loch, fröstelten ob der undurchdringlichen Schwärze und ließen es damit gut sein. Die schiere Dunkelheit, die merkliche Kälte und der bedrohliche Schlund brachten sie um ihren Mut, und ohne viele Worte zu machen verwarfen sie ihren Plan, in den Bunker einzusteigen und das Innere näher zu untersuchen.

Am Sonntag ballten sich schwere Regenwolken über der schmalen, von Ijsselmeer und Nordsee bedrängten Landzunge. Die Niederschläge wechselten zwischen leichtem Nieseln und dichten Schauern, die von mitunter heftig aufbrausenden Seeböen gegen Zeltwände und Fensterscheiben gepeitscht wurden.
   Am frühen Nachmittag registrierte die Polizei ein Anschwellen des südwärts fließenden Verkehrs. Viele enttäuschte Wochenendurlauber hatten vorzeitig den Heimweg angetreten. Die Strände waren über Kilometer hinweg menschenleer. Nur einige Einheimische, gewohnt, der Witterung zu trotzen, führten wie jeden Tag ihre Hunde spazieren.
   Gegen Abend ließ der Regen nach, aber der Himmel blieb verhangen. Die dichte Wolkendecke sorgte für eine frühe Dämmerung und eine dunkle Nacht. Die mal dicht gehäuft, mal weit verstreut liegenden Ferienhaussiedlungen und Apartmenthäuser wirkten verlassen. Nur vereinzelt huschte der bläuliche Widerschein eines Fernsehers über eine Zimmerdecke, glomm das Licht einer Leselampe aus einem unverhängten Fenster, hinter dem Dauergäste, wohlvertraut mit den plötzlichen Wetterumschwüngen dieser meerumschlungenen Gegend, gelassen einem neuen Tag entgegensahen.
   In dieser späten Stunde waren auf dem Zanddijk nur wenige Autos unterwegs. Es ging auf 23:00 Uhr zu, im zweiten Programm hatte die sonntägliche Fußballsendung begonnen, als sich zwei Geländewagen, aus Richtung Nieuw Den Helder kommend, in zügiger Fahrt dem Ortsteil Julianadorp näherten.
   Auf Höhe des Apartmentkomplexes ›Residence Juliana‹ drosselten sie ihr Tempo und bogen kurze Zeit später nach rechts in die schmale gewundene Teerstraße ein, die gegenüber vom Bungalowpark ›De Zandloper‹ die Dünen durchbrach und den Zugang zum Strand ermöglichte. Diese in größeren Abständen angelegten Dünenwege sind für den öffentlichen Verkehr gesperrt und behördlichen Fahrzeugen sowie den Inhabern einer entsprechenden Genehmigung vorbehalten. Damit findet eine Erklärung, warum beide Fahrer eilig die Scheinwerfer löschten, kaum dass sie die Hauptstraße verlassen hatten.
   Die harten Federungen der Landrover ächzten, als sie mit überhöhtem Tempo die Haarnadelkurve diesseits des Dünenkammes durchfuhren, dem anschließenden sanften Bogen folgten und nach rechts auf die sandige Freifläche unterhalb des ungenutzten Bunkers schwenkten. Jetzt waren sie von der Straße her nicht mehr auszumachen, beließen es aber vorsichtshalber beim Standlicht, als sie, das Vierradgetriebe zugeschaltet, nebeneinander so weit wie möglich an die alte Militäranlage heranfuhren.
   Die beiden sand- und olivfarben gefleckten Geländefahrzeuge entsprachen nicht der neuesten Bauart. Ihre jetzigen Eigentümer hatten sie günstig ersteigert und nach ihren besonderen Bedürfnissen hergerichtet. Die Spaßvehikel waren für alle Arten von Abenteuer gerüstet, hatten schon Surfbretter, Tauchgeräte und Segeldrachen befördert, verschneite Hänge erklommen, eine Wüste durchquert.
   Kaum waren die Autos zum Stehen gekommen, sprang Henk Brouwers, ein drahtiger Sportskerl von etwa fünfundzwanzig Jahren, hinter seinem Lenkrad hervor und lief zur Vorderseite des anderen Wagens, wo oberhalb der Stoßstange eine Seilwinde angebracht worden war. Nachdem er die Schlaufe gelöst hatte, schloss er Daumen und Mittelfinger zum Okay-Zeichen. Drinnen betätigte Mike de Jonge einen Drehschalter, der die Trommel in Gang setzte. Langsam wurde Meter um Meter des dünnen Drahtseils abgespult. Brouwers zog es bis hinauf zum Bunkereinstieg und legte es dort sorgfältig in Schlingen von circa einem Meter Durchmesser wieder zusammen.
   »Stopp!«, klang es, von salzigen Brisen verwirbelt, leise durch die Nacht.
   Nina Boszhard, die neben der Winde Aufstellung genommen hatte, klopfte zweimal kurz auf die Motorhaube und hob die Hand. Ihr Freund Mike schaltete den Motor aus. Gemeinsam holten sie ihre Ausrüstung von der Ladefläche. Gurte, Karabinerhaken, einen Helm mit aufgepflanzter Grubenlampe, die Gürteltasche für die Videokamera. Am Vorabend hatten sie ausgelost, wer als Erster gehen durfte. Henk hatte das Kreuzass gezogen und gewonnen.
   Nina und Mike schleppten die Gerätschaften zum Durchschlupf an der Ostseite des Bunkers. Henk steckte bereits in der Öffnung und beugte sich tief auf die andere Seite. In einer Hand eine starke Lampe, den anderen Arm weit ausgestreckt, versuchte er, Steine und Müll beiseitezuschieben, um beim Einstieg einen sicheren Stand zu bekommen.
   Ein ungewollt heftiger Schubser brachte eine verrostete Getränkedose ins Rollen. Sie flog über die Kante des Abgrunds und verschwand im Dunkeln. In Erwartung des Aufprallgeräusches hielt Henk einen Moment inne, aber es war nichts zu vernehmen. Der Abgrund schien tiefer als gedacht.
   Hoffentlich reicht das Seil überhaupt bis ganz nach unten, überlegte Henk unbekümmert und zog sich zurück nach draußen. Er fingerte in einer Tasche seiner Anglerweste und schnappte sich eine der malvenfarbenen Pillen, die er darin aufbewahrte, chemische Zündbeschleuniger fürs Hirn, gerade mal so groß, dass sie unter einem Fingernagel Platz fanden. Ein Schluck aus seiner Feldflasche half ihm, die Droge hinunterzuspülen.
   Seine Helfer standen bereit, das Abenteuer konnte beginnen. Sein Geschirr bereits anzulegen, war Henk nicht möglich, er hätte anderenfalls nicht durch die Öffnung gepasst. Mike hielt ihn bei den Schultern, als er sich, die Füße voran, behände durch das enge Loch schlängelte und auf der anderen Seite festen Tritt suchte. Dann wurde ihm Stück für Stück angereicht, zuerst der Grubenhelm, dann die Gurte, die er, eng an der Außenwand aufgestellt und von den Freunden gesichert, gewissenhaft festzurrte und doppelt prüfte, ebenso die Ösen und Karabiner, die ihn mit dem Stahlseil verbanden und vor dem Absturz in die Tiefe bewahren sollten.
   »Alles klar«, rief er nach draußen, nachdem er sich eingeklinkt hatte.
   »Hals- und Beinbruch«, kam es zurück.
   Mike spurtete zurück zu seinem Landrover, um die Winde zu bedienen. Nina blieb am Durchbruch und hielt Kontakt zu Henk, der sich zu ihr umgewandt hatte und sich jetzt langsam rückwärts bewegte, bis das Seil gespannt war. Vorsichtig tastete er mit der Spitze des linken Fußes nach hinten. Er fand die Kante des Absturzes und untersuchte die ersten Zentimeter der senkrecht abfallenden Wand. Zu seiner Beruhigung fühlte er festes Mauerwerk. Ein bröckelnder, nässender Verputz hätte den Abstieg erschwert und unter Umständen sogar unmöglich gemacht.
   Von Henks Stirnlampe geblendet, konnte Nina dessen im Schatten liegendes Gesicht nicht sehen. Aber seine Stimme klang fest und entschlossen, als er ihr zurief: »Und los!«
   Sie zog den Kopf ins Freie und gab die Nachricht weiter. Mike ließ die Seiltrommel langsam anlaufen. Henk, im vollen Verlass auf seine Freunde und die getroffenen Vorkehrungen, spannte die Muskeln. Ein lautes »Jaaahuu« ausstoßend, tat er einen beherzten Satz nach hinten, hinaus in die gähnende Leere. Das Seil straffte sich mit einem kräftigen Ruck.
   Nina, mit lederbesetzten Arbeitshandschuhen versehen, kontrollierte aufmerksam den tadellosen Lauf des stählernen Seils, das mit einem leisen Kratzen über den Rand des Abgrunds schabte. Henk hing, auf Ninas Wachsamkeit vertrauend, am anderen Ende und sank, während er sich mit federnden Beinen immer wieder von der Mauer abstieß, in winzigen Etappen in die Tiefe.
   Wenn er nach oben blickte, gewahrte er den dünnen, milchigen Lichtfächer, der von Ninas Helmlampe ausging. Im Schein seiner eigenen Lampe sah er eine von grauen Spinnweben überzogene, stellenweise verrußte, grob verfugte Ziegelwand an sich vorüberziehen, die seinen Füßen guten Halt bot. Nachdem er einige Meter abgesackt war, wagte er einen ersten Blick nach unten, aber im verzerrten Lichtkegel zeigte sich ihm nur ein weiteres Stück abfallender Mauer. Alles andere blieb in der unergründlichen Finsternis verborgen.
   Selbst bei strahlendem Sonnenschein, wenn vom Strand das Geschrei badender Kinder herübergellte, war am Guckloch in der Wand des Bunkers eine unangenehme Kälte zu verspüren. Jetzt, bei Nacht, schien die Innentemperatur zumindest dem Gefühl nach deutlich unter null zu liegen. Henk war darauf eingestellt und hatte Thermokleidung angelegt.
   Dennoch schauderte ihn. Er sah hinauf und wünschte sich, Blickkontakt zu Nina oder Mike aufnehmen zu können. Oben vermochte er nur noch einen vagen Schimmer auszumachen, der wohl, so fürchtete er, in wenigen Augenblicken von der Dunkelheit verschluckt werden würde. Weiterhin führte er mechanisch seine Kletterbewegungen aus, begann sich aber langsam zu fragen, ob das Vordringen in den sicher nicht ohne Grund versiegelten Bunker eine so gute Idee gewesen war.
   Um sich von seinen Gedanken abzulenken, wandte er sich abwärts. Dieses Mal sah er einen gerade eben wahrnehmbaren Widerschein.
   »Gruuund«, brüllte er nach oben.
   Er konnte nicht hören, ob Nina seine Meldung weitergegeben hatte, aber es musste so sein, denn das Seil stoppte. Henk nestelte an seiner Weste, zog einen kleinen Kiesel aus einer der Taschen und ließ ihn fallen.
   Er lauschte atemlos – bis das Geräusch eines trockenen Aufpralls zu ihm heraufdrang. Kein Wasser also auf der Sohle des Bunkers, sondern ein fester Untergrund. Er pfiff erleichtert durch den Mundwinkel – eine kleine Beruhigung, auch wenn ihm inzwischen einigermaßen mulmig zumute war. Doch er traute sich nicht, die Expedition abzubrechen, er wollte vor seinen Freunden nicht als Schwächling dastehen. Jetzt bloß nicht aufgeben.
   »Langsam weiter!«
   Hohl kam Henks Ruf aus der Tiefe der alten Betontrutzburg. Nina gab die Anweisung ohne Zögern weiter. Sie wäre jetzt gern an Henks Stelle gewesen. Mit unbändiger Neugier sah sie den Entdeckungen entgegen, die im Inneren des alten Wehrmachtsbunkers auf sie warteten. Ihr Herz schlug schneller, als Mike die Winde wieder in Gang setzte.
   Henk fühlte, wie das Drahtseil nachgab und passte sich mit elastischen Bewegungen an. Er suchte seine Furcht unter Kontrolle zu bringen, indem er sich den festen Boden vorstellte, den er jeden Moment betreten würde. Vielleicht gab es dort sogar noch alte Naziutensilien, die sich im Internet für gutes Geld verhökern ließen …
   Zentimeter um Zentimeter der eintönigen Wand wanderte an ihm vorüber. Alle paar Sekunden ließ er sich jetzt frei hängen und langte mit einem Fuß nach unten, um nach dem Grund zu tasten.
   Sein schriller Aufschrei schmetterte nach oben und erschütterte Nina bis ins Mark. Sie hörte das panische Kreischen des Freundes, der viele Meter unter ihr völlig außer sich versuchte, das Drahtseil zu erklimmen und sich dabei Hände und Unterarme aufschürfte.
   Henks Gedanken waren dermaßen auf festen Boden ausgerichtet gewesen, dass er vor Schreck schier den Verstand verlor, als seine Füße am Ende der Wand nicht wie erwartet auf Beton oder zumindest Schutt, sondern auf etwas Weiches – etwas Lebendiges? – trafen.

Es war bereits Montag, aber noch tiefste Nacht, als bei Piet Welburg das Telefon klingelte. Piets Freundin Daphne boxte ihn ungehalten in die Rippen und drehte sich unverständlich schimpfend auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Die Gedanken so verstrubbelt wie seine kreuz und quer stehenden Haare, nahm er widerwillig ab.
   Der Nachtredakteur von Kust-TV meldete sich mit der Frage, ob er einen eiligen Auftrag übernehmen könne. Ganz in seiner Nähe, am Strandweg De Zandloper, seien ein paar Jugendliche in einen der alten Bunker eingestiegen und …
   »Und was ist daran so spektakulär?« Welburg gähnte lustlos, sprang aber wie der Blitz aus dem Bett, als ihm der Nachrichtenmann die Sachlage erklärte.
   Die leichtsinnigen Höhlenforscher waren in gewisser Weise erfolgreich gewesen – und in der Unterwelt der Anlage auf einen Leichnam gestoßen.

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