Eine unheimliche Serie von Sexualverbrechen erschüttert die Hauptstadt. Ein offensichtlich psychisch gestörter, maskierter Täter hat bisher 14 Frauen in verschiedenen Parks der Innenstadt überfallen und missbraucht. Kriminalhauptkommissar Robert Kirsten und seine dreiköpfige Sonderkommission vom LKA jagen den Unbekannten, der von einer Boulevardzeitung reißerisch als das „Messerphantom“ tituliert wurde. Er geht immer nach dem gleichen Tatmuster vor. Bei seiner 15. Tat eskaliert die Gewalt und er tötet sein Opfer, als es zu flüchten versucht. Nach einem vertraulichen Hinweis aus seinem nahen Umfeld wird er ermittelt und festgenommen. Es handelt sich um den 22-jährigen Andreas Schubert. Das Landgericht Berlin verurteilt ihn zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Als er am Tage der Beerdigung seiner Mutter als stark bewachter Strafgefangener an der Trauerfeier teilnimmt, wird er am offenen Grab aus dem Hinterhalt erschossen. Am selben Tag wird erneut eine Frau nach dem bisherigen Tatmuster überfallen. Robert Kirsten und seine Soko stehen vor einem Rätsel, denn es werden am Opfer die DNA-Spuren des erschossenen Andreas Schubert gefunden …

Bernd Udo Schwenzfeier

Bernd Udo Schwenzfeier
Bernd Udo Schwenzfeier wurde 1941 in Berlin geboren und hat sein bisheriges Leben dort verbracht. Nach 39 Jahren bei der Schutz- und Kriminalpolizei wurde er 2001 als Erster Kriminalhauptkommissar pensioniert. Schon in der Schule wurde er von seinen Lehrern wegen der lebendigen Schreibweise seiner Aufsätze gelobt. Nach seiner Pensionierung begann er zunächst, authentische Mordfälle in Berlin zu beschreiben, später widmete er sich der kriminellen Fiktion und dem Fantasy-Bereich. Auch hier hat er mehrere Bücher veröffentlicht. „Der tote Zwilling“ ist sein erstes Buch bei bookshouse.

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Leseprobe

Prolog

Scham über sein schändliches Tun überlagerte all seine anderen Gedanken …
   Er hatte es wieder getan. Wieder war eine Frau von ihm auf unsagbare Weise geschlagen, demütigt und missbraucht worden. Wieder war er zum gemeinen Verbrecher geworden, und wieder hatte dieser verhängnisvolle Hang in ihm sein Denken und Handeln dominiert wie schon so oft vorher.
   Sein Blick fiel auf sein geschundenes Opfer, sah, wie es leblos und zusammengekrümmt vor ihm auf dem Boden lag, sah das zerschlagene Gesicht und die zerrissene, blutbefleckte Bluse. Er stöhnte tief auf. Verdammt … was war er nur für ein elendes Schwein!
   Verzweifelt und voller Reue schlug er immer wieder mit den Fäusten gegen seine Schläfen. Hörte denn das Pochen in seinem Kopf niemals mehr auf? Panik erfasste ihn, und er stürzte Hals über Kopf über die wildbewachsene Wiese, griff nach seinem am Boden liegenden Mountainbike, zwängte sich mit ihm durch das dichte Buschwerk zum Fußweg, schwang sich hinauf und raste Richtung Parkausgang davon.

1.
Freitag, 20. Juni 1980

Ost-Berlin/DDR, Normannenstr. 22, Berlin - Lichtenberg, Ministerium für Staatssicherheit, 6. Stock, Zimmer 612, »Zentraler medizinischer Dienst (ZMD)«
Manfred blieb für einen Augenblick vor dem tristen grauen Gebäudekomplex des Ministeriums für Staatssicherheit stehen. Er sah sich noch einmal prüfend um, ehe er die mittlere der drei schweren Schwingtüren am Eingangsportal mit einem Ruck aufstieß. Den beiden Posten im Eingangsbereich zeigte er unaufgefordert seinen Dienstausweis vor, obwohl er in Uniform war.
   »Was können wir für Sie tun, Herr Oberst?«, fragte einer von ihnen beflissen, nachdem er salutiert hatte.
   »Ich habe einen Termin bei Herrn Oberstleutnant Jacobi von der Abteilung ZMD.«
   »Wir wissen bereits Bescheid. Der Herr Oberstleutnant erwartet Sie. Fahren Sie mit dem Fahrstuhl bis in den 6. Stock. Gehen Sie dann nach rechts bis zum Zimmer 612.« Der Posten nahm einen bereits vorbereiteten Laufzettel, trug die Uhrzeit ein und übergab ihn ihm. »Herr Oberst, den müssen Sie mir nachher wieder unterschrieben zurückgeben.«
   Manfred nickte genervt. Ihm lief die Zeit davon, und er wollte bei diesem enorm wichtigen Gespräch mit dem Geheimdienstmann nicht zu spät kommen.
   Vor der Tür seines Gesprächspartners verhielt er einen Augenblick und atmete einmal tief aus, ehe er entschlossen an die Tür klopfte.
   »Herein«, rief eine sonore Stimme.
   Er betrat einen großen Raum, der mit den üblichen kargen und schmucklosen Büromöbeln ausgestattet war.
   Ihm fiel sofort ein großes Bild ins Auge, das an der Wand hinter dem Schreibtisch hing und den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker beim Begrüßen einer Kindergruppe der FDJ zeigte. Durch die hohen Fenster blickte man auf die schmutzig roten Dächer der umliegenden Wohnblöcke.
   Ein etwa 50-jähriger schlanker Mann in Zivil erhob sich von seinem Stuhl, trat hinter dem altmodischen Schreibtisch hervor und kam ihm mit einem leichten Lächeln entgegen. »Schön, dass Sie heute Zeit haben, Herr Oberst«, begrüßte er ihn und gab ihm die Hand. »Ich freue mich immer wieder, wenn ich einen hohen Offizier unserer Nationalen Volksarmee begrüßen kann.«
   »Ich freue mich auch, Herr Oberstleutnant«, gab Manfred zurück. »Hoffentlich haben Sie eine gute Nachricht für mich und vor allem für meine Frau.«
   »Nehmen Sie erst einmal Platz, lieber Oberst Opitz. Möchten Sie etwas trinken, Kaffee, Wasser, Tee oder vielleicht etwas anderes? Ich habe einen guten britischen Whisky im Schrank, etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Ein wahrlich köstlicher Tropfen. Den müssen Sie unbedingt einmal probieren«, schwärmte Jacobi und schnalzte verzückt mit der Zunge.
   »Nein, danke, das ist mir noch zu früh«, erwiderte Manfred und setzte sich auf den ihm angebotenen Stuhl. Er mochte diesen aalglatten Stasibeamten nicht sonderlich, hatte sich doch bei den telefonischen Kontakten in den vergangenen Wochen keine allzu große Sympathie eingestellt. Außerdem war er viel zu angespannt, als dass er große Lust auf eine längere Unterhaltung mit Jacobi hatte, die vielleicht auch noch ins Private abdriftete. Hinzu kam, dass er Alkohol im Dienst strikt ablehnte. Stattdessen wartete er voller Ungeduld auf die Entscheidung der Staatssicherheit, ob seinem Gesuch entsprochen worden war. Dann wäre die quälende Ungewissheit für Johannas und seine Zukunft ein für alle Mal zu Ende, und sie würden endlich Gewissheit haben, ob sich ihr großer Herzenswunsch nach einem Kind erfüllen würde oder nicht. Er spürte, wie seine Erregung bei diesen Gedanken zunahm und sein Herz heftig zu klopfen begann.
   »Schade, der hätte Ihnen bestimmt gut geschmeckt«, sagte Jacobi mit einem schmalen Lächeln. Sein Blick streifte die altmodische Wanduhr. »Na ja … ist vielleicht noch ein bisschen zu früh um diese Tageszeit.« Er setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch, auf dem nur eine dünne Mappe lag. Er räusperte sich, schlug die Mappe auf, blätterte darin und nahm ein Blatt Papier in die Hand, überflog noch einmal den Inhalt. »Ich freue mich wirklich, lieber Herr Oberst, dass wir Ihnen eine positive Antwort auf Ihren Antrag hin geben können. Alle eingereichten Unterlagen haben wir überprüft, auch das noch nachgereichte zweite Gutachten über die dauernde Unfruchtbarkeit Ihrer Gattin. Meine Vorgesetzten haben grünes Licht gegeben. Wir werden aller Wahrscheinlichkeit nach in Bälde Ihrem Wunsche entsprechen und Ihnen ein Kind zuweisen können. Entsprechende Informationen über eine, sagen wir mal, geeignete Spenderin haben wir vor Kurzem erhalten. Es wird allerdings noch geraume Zeit dauern, bis Sie und Ihre Gattin über das Kind verfügen können.«
   Manfred starrte Jacobi überrascht an. »Das habe ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt«, stieß er hervor. »Was ist es denn, ein Mädchen oder ein Junge?«
   Jacobi lächelte süffisant. »Was hätten Sie denn gern, Herr Oberst?«
   »Das ist mir im Grunde völlig egal. Hauptsache, das Kind ist gesund.«
   »Na, dann will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen. Es ist ein Junge!«
   »Das ist ja wunderbar, Herr Oberstleutnant. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir immer einen Sohn gewünscht. Sie sehen mich überglücklich.« Er vergaß für einen Moment jegliche Zurückhaltung. »Das muss ich gleich meiner Frau mitteilen. Die wird richtig aus dem Häuschen sein.« Er schüttelte fassungslos den Kopf und fuhr sich immer wieder über sein Haar, aber nach diesem kurzen Gefühlsausbruch war er wieder der beherrschte Militär. »Herr Oberstleutnant, wann ist es denn mit der Geburt so weit?«, fragte er und sah Jacobi erwartungsvoll an.
   Der blätterte in dem Vorgang. »Das kann man noch nicht genau sagen, aber nächster Monat wäre unter Umständen möglich. Wie gesagt, das können wir im Augenblick nur abschätzen. Wir verlassen uns da ganz auf den behandelnden Gynäkologen dieser Frau.«
   »Herr Oberstleutnant, darf ich fragen, um wen es sich dabei handelt?«, fasste Manfred vorsichtig nach. Ihn interessierte natürlich brennend, woher und von wem das Kind stammte.
   »Nun ja, wir haben da eine junge, ledige Frau im Visier, über die uns ihr behandelnder Gynäkologe dankenswerterweise berichtet hat. Sie ist bereits Mutter mehrerer unehelicher Kinder, zeigt asoziale Tendenzen, ist arbeitslos, dem Alkohol nicht abgeneigt und verhält sich offensichtlich nicht im Sinne unserer sozialistischen Werteordnung, die uns von der Partei vorgegeben wurde. Sie ist mit Zwillingen, beides Jungen, schwanger, und es wird wahrscheinlich aufgrund ihrer persönlichen Situation und ihrer Disziplinlosigkeit in Kürze zu einer Frühgeburt kommen. Sie verstehen …?«
   Manfred nickte. »Aber das Kind wird doch keinen Schaden davontragen?«, fragte er hastig und spürte, wie ihm vor Aufregung der Mund trocken wurde.
   »Nein, nein«, beeilte sich Jacobi zu antworten. »Sie erhalten nur ein gesundes Kind. Da können Sie ganz der Kompetenz unserer Ärzte vertrauen, lieber Herr Oberst«, beschwichtigte ihn der Stasimann mit jovialem Lächeln. »Am besten, Sie und Ihre Gattin bereiten sich ab heute auf Ihre Rolle als künftige Eltern vor.«
   Manfred rieb sich zufrieden die Hände und schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Das war ein guter Tag, und seine geliebte Johanna würde endlich wieder aus ihrem seelischen Tief herausfinden, in das sie nach der vor einigen Jahren erhaltenen niederschmetternden Diagnose der dauernden Unfruchtbarkeit hineingeraten war. Endlich würde sich ihr gemeinsamer Wunsch nach einem Kind erfüllen. »Herr Oberstleutnant, gestatten Sie mir noch eine Frage: »Was erklären Sie denn der Mutter, wenn sie nach ihrem zweiten Kind fragt?«
   »Keine Sorge, wir haben nachvollziehbare Gründe zur Auswahl. Aber das sollte Sie nicht weiter interessieren. Sie verstehen …?« Sein Hinweis war allzu deutlich. Jacobi wollte wohl nicht weiter über das unappetitliche Prozedere reden. Aber er wollte es und bohrte deshalb unbeirrt nach. »Ich hätte schon ganz gern eine Antwort auf meine Frage, Herr Oberstleutnant.«
   Jacobi verzog das Gesicht, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte. Schließlich nickte er. »Eigentlich wollten wir Sie damit nicht belasten.« Er hüstelte verlegen, und Manfred sah, wie er mit sich rang. Nach einem Moment des Zögerns nickte er erneut. »Nun gut, wenn Sie unbedingt darauf bestehen. Sie können versichert sein, dass die Wegnahme nur dem Kindeswohl dient, wenn wir es aus diesem Milieu herausholen. Es gibt zum Glück noch verantwortungsbewusste Ärzte, die die staatlichen Gesundheitsorgane informieren, wenn etwas in dieser Hinsicht aus dem Ruder läuft. Das ist uns als Staatssicherheit eminent wichtig, denn nur so kann die öffentliche Ordnung im Sinne der Vorgaben der von der SED festgelegten sozialistischen Gesellschaftsordnung aufrechterhalten werden.« Jacobi hatte sich in Rage geredet, stand auf, ging zu einer Glasvitrine, öffnete deren untere Tür, nahm die angepriesene Flasche Whisky heraus, entkorkte sie und schenkte sich ein Glas voll. Er trank es in einem Zug aus, wischte sich mit der Hand über den Mund, setzte sich wieder hin und sah Manfred einen Moment lang schweigend an.
   »Das verstehe ich schon, Herr Oberstleutnant, und das ist auch gut so. Aber Sie haben mir noch immer nicht meine Frage beantwortet«, sagte Manfred unbeirrt.
   »Sie geben wohl nie auf, Herr Oberst? Aber gut … Alles, was ich Ihnen jetzt sage, ist geheim und darf diesen Raum nicht verlassen, und niemand, auch nicht Ihre Frau, darf jemals etwas davon erfahren. Wenn doch, wird es strafrechtliche und disziplinarische Konsequenzen nach sich ziehen. Herr Oberst, wir verstehen uns doch, oder …?«, forderte er mit Nachdruck eine Bestätigung.
   Manfred hörte sehr wohl den drohenden Unterton heraus. »Kein Problem«, lenkte er sofort ein. »Also, dann erzählen Sie mal!«
   »Das Gesundheitsministerium hat im Auftrage der Partei ein umfangreiches Forschungsprogramm aufgelegt mit dem Ziel, die ungewöhnlich hohe Zahl von Säuglingssterblichkeit, insbesondere bei Frühgeburten, in der DDR zu untersuchen. Die Frau wird durch den Arzt informiert, dass einer ihrer Zwillinge nicht lebensfähig war und der Fötus unbedingt wissenschaftlich untersucht werden muss, um künftige Abwehrmechanismen zu entwickeln, die das leidige Problem ein für alle Mal beseitigen können. Dazu brauchen wir natürlich entsprechende Babyleichen«, klärte Jacobi ihn ungerührt auf.
   »Ich verstehe. Aber was ist, wenn die Mutter der Untersuchung nicht zustimmt?« Manfred sah Jacobi an und wartete gespannt auf dessen Antwort.«
   »Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Unmittelbar nach der Geburt gibt es schon Mittel und Wege, die schriftliche Freigabe zu bekommen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen«, beendete Jacobi abrupt seine Ausführungen.
   Manfred spürte, dass es besser war, nicht weiter nachzufragen, um nicht noch im letzten Moment die erteilte Zustimmung zu gefährden. »Dann kann ich im Namen meiner Frau nur hoffen, dass es keine Schwierigkeiten gibt und wir bald unser Kind in den Armen halten können.«
   »Das werden Sie. Darauf können Sie sich verlassen, es sei denn, es passiert bei dem Geburtsvorgang etwas Unvorhergesehenes. Damit muss man immer rechnen«, gab Jacobi zu bedenken und blickte auf seine Armbanduhr. »Ich glaube, wir haben alles Nötige besprochen, oder haben Sie noch eine Frage?«
   Manfred spürte, dass Jacobi das Gespräch beenden wollte, und schüttelte den Kopf. Er konnte es kaum erwarten, Johanna von dem erfolgreichen Gespräch zu berichten, und so lächelte er still in sich hinein und stellte sich ihr glückliches Gesicht in Gedanken vor. Endlich standen sie beide ganz dicht vor der Erfüllung ihres größten Wunsches. Würde er am Ende tatsächlich wahr werden? »Herr Oberstleutnant, meine Frau und ich müssen uns bei Ihrer Dienststelle und bei Ihnen sehr bedanken, dass wir auf diesem ungewöhnlichen Wege ein Kind erhalten. Wir wissen um die Problematik dieser Aktion, und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch einige Bauchschmerzen dabei. Meiner Frau wird es nicht anders ergehen.«
   »Wir haben es uns auch nicht leicht gemacht. Aber die Lebensprognose des Säuglings wäre katastrophal, wenn er bei seiner Mutter bliebe. So hat er wenigstens die Chance, später eine konstruktive Rolle in unserer sozialistischen Gesellschaft zu spielen. Das ist doch auch etwas, oder? Das sollten Sie bei all Ihren Skrupeln nicht vergessen«, tröstete ihn Jacobi.
   Manfred nickte. »Sie haben recht, das Wohl des Kindes steht im Vordergrund. Also, nochmals vielen Dank.« Mit einem festen Händedruck verabschiedeten sie sich. Manfred musste sich eingestehen, dass der Abschied wesentlich kühler ausfiel als die vorherige Begrüßung. Da hatte er dem Gefolgsmann Erich Mielkes wohl etwas zu sehr zugesetzt.
   Auf der Straße winkte Manfred seinem Fahrer zu, der in seinem Dienstwagen auf einem nahe gelegenen Einstellplatz auf ihn wartete.
   Feldwebel Steinke nickte, startete den dunkelgrünen Militärjeep, fuhr das kurze Stück bis zum Eingang, sprang aus dem Armeewagen und öffnete beflissen die Beifahrertür und salutierte.
   »Feldwebel Steinke, halten Sie an der nächsten Telefonzelle an! Ich muss telefonieren.«
   »Herr Oberst, das können Sie doch über die Freisprechanlage im Wagen tun«, erwiderte Steinke zeigte auf den Hörer unter dem Armaturenbrett.«
   »Das ist privat, Feldwebel«, gab Manfred ungehalten zurück. »Und nun fahren Sie endlich los und stellen Sie nicht so viele Fragen!«
   Steinke biss sich auf die Lippen und schwieg. Ein paar Nebenstraßen weiter hielt er vor einer leeren Zelle an.
   »Machen Sie inzwischen den Motor aus! Es wird ein Weilchen dauern«, ordnete Manfred an und stieg aus.
   Kurz entschlossen wählte er die Telefonnummer der Dienststelle seiner Ehefrau Johanna an, die als Sekretärin im Wirtschaftsministerium arbeitete. Beim ersten Mal verwählte er sich vor Aufregung und musste einen zweiten Versuch unternehmen, ehe er sie endlich an der Strippe hatte. Sie meldete sich mit ihrer warmen Stimme.
   Er unterbrach sie sofort. »Hallo, Hanna, ich bin es.«
   »Das ist lieb von dir, Manfred, dass du schon anrufst. Was kannst du mir denn berichten?«
   »Wir haben es geschafft, wir bekommen endlich ein Kind.« Er sprudelte fast über. »Und dann auch noch einen Jungen.« Er lachte in den Hörer hinein. »Mensch, Hanna … mehr Glück kann man ja nicht haben. Jacobi hat es mir gerade bestätigt. Ich habe zwar noch nichts Schriftliches in den Händen, habe aber den Vorgang auf seinem Tisch liegen gesehen. Ein bisschen müssen wir uns aber noch gedulden. Erst im Juli wird es aller Wahrscheinlichkeit nach so weit sein. Aber das können wir ja alles später zu Hause besprechen.«
   »Manfred, ist es wirklich wahr? Bekommen wir tatsächlich ein Kind? Ich kann es gar nicht glauben, ich … ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll …«, stammelte sie, und er spürte, wie ihr Tränen der Freude über die Wangen liefen.
   »Ich muss Schluss machen. Ich werde heute eher Feierabend machen, und dann öffnen wir eine gute Flasche Wein und feiern ein bisschen. Grund genug haben wir ja dafür.«
   »Ja, Manfred, ich freue mich auch. Ich werde gleich meinen Chef fragen, ob ich eher gehen kann. Er wird wohl nichts dagegen haben. Genug Überstunden stehen ja bei mir zu Buche.
   »Das mach mal. Grüß ihn von mir und lass dir irgendeinen nachvollziehbaren Grund einfallen. Aber Hanna, bitte, noch kein einziges Wort über das Kind. Zu niemandem! Wir sollten im Augenblick den Ball noch flach halten, wenn du verstehst, was ich meine?«
   »Aber ja, Manfred, ich bin doch nicht von gestern«, entgegnete sie pikiert, »… du immer mit deinem Geheimhaltungsfimmel. Sollen doch alle Menschen an unserem Glück teilhaben.«
   »Können Sie ja, aber nicht schon jetzt. Das mit dem Kind muss erst in ‚trockenen Tüchern‘ sein«, mahnte er sie. »Sei bitte so gut und halt dich daran. Du weißt, was auf dem Spiel steht. Das geht niemand etwas an. Zumindest jetzt noch nicht.«
   »Ist ja gut, du hast ja recht«, gab sie ergeben zurück.
   »Also dann tschüss, bis nachher.« Zufrieden stieg er in seinen Dienstwagen ein und ließ sich auf direktem Wege zu seiner am Treptower Park liegenden Dienststelle zurückfahren.
   Als er um 15:00 Uhr die Tür seiner Wohnung in Köpenick öffnete, war Johanna bereits da. Sie hatte den Tisch im Esszimmer gedeckt, und aus der Küche zog der Duft frisch gebratenen Fleisches in seine Nase.
   Sie hatte sein Kommen bemerkt und kam freudestrahlend mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. »Ich bin so glücklich, Manfred. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Sie schluchzte ergriffen und küsste ihn heftig. »Komm, erzähl mir alles«, bat sie atemlos und schob ihn in die Küche. »Ich muss noch schnell den Salat anrichten, dann können wir essen. Du hast doch Hunger, oder?«
   »Hunger schon, aber nicht auf das Essen, sondern auf dich.« Er grinste, drückte sie fest an sich, hob ihren Kopf und küsste sie lang und innig. »Lass uns Schlafzimmer gehen«, flüsterte er an ihrem Ohr und schob sie sacht in die Richtung.
   Ihre dunklen Augen sahen ihn zärtlich an, und er entdeckte in ihnen ihre Liebe. Behutsam machte sie sich frei. »Komm, erzähl mir jetzt alles. Das andere verschieben wir auf nachher. Wir haben noch genug Zeit, sonst brennt uns noch das Fleisch an. In Ordnung?«
   Er zuckte enttäuscht die Schultern und nickte. Sie setzte sich wieder, und ihr Blick hing an seinen Lippen, als er ihr von dem schicksalhaften Gespräch mit dem Stasimann Jacobi berichtete.
   »Ich bin so glücklich, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Endlich bekommen wir ein Kind, und endlich sind wir eine richtige Familie.« Sie strahlte. »Schade nur, dass wir dann die Wohnung wechseln müssen.«
   »Das stimmt, ich wäre gern hier wohnen geblieben«, erwiderte er, stand auf, öffnete die Balkontür und trat hinaus. Er ließ seinen Blick über die träge dahinfließende Spree mit ihrem gepflegten, parkähnlichen Uferstreifen schweifen. »Dieser eindrucksvolle Ausblick wird mir bestimmt fehlen, aber vor allem diese schöne Vierzimmerwohnung. Aber die tausche ich gern gegen ein Kind ein.« Er lächelte versonnen. Plötzlich wurde er ernst. »Hanna, über eines müssen wir uns im Klaren sein. Egal, was passiert, der Junge darf niemals erfahren, woher er tatsächlich stammt und wer seine leiblichen Eltern sind. Er soll für immer denken, dass wir es sind. Kannst du mir das hoch und heilig versprechen, und vor allem, kannst du mit diesem Geheimnis leben?«
   Sie überlegte einen Moment. »Ja, Manfred, ich verspreche es dir«, antwortete sie mit fester Stimme. »Von mir wird er nie ein Sterbenswörtchen erfahren.«
   Er sah sie innig an, ergriff ihre Hände und streichelte sie zart. »Ich danke dir, Hanna. Mir fällt ein Stein vom Herzen, das kannst du mir glauben.«
   »Das ist ganz in meinem Sinne«, erwiderte sie. »Aber jetzt sollten wir essen. Mein Magen knurrt gewaltig, und der Salat muss noch schnell fertig werden. Mach schon mal den Herd aus, sonst brennen die Koteletts noch an.«
   Wenig später saßen sie im Esszimmer. Er öffnete eine Flasche Rotwein, die er vor Kurzem bei einem Pistolenwettbewerb mit anderen Offizieren seiner Dienststelle gewonnen hatte, und goss die beiden kristallenen Gläser voll, die noch von seiner Großmutter aus Schlesien stammten. Hell und zart war der Klang, als sie die Gläser gegeneinanderstießen und sie sich dabei tief in die Augen sahen. Der Wein schmeckte köstlich.
   »Johanna Opitz, ich liebe dich!«, sagte er, als er das Glas wieder abgestellt hatte.
   »Ich dich auch«, hauchte sie und spitzte die Lippen zu einem Kuss.
   »Wie soll denn unser Sohn heißen?«, fragte er sie unvermittelt. Hast du dir schon einen Namen ausgesucht?
   »Natürlich!«
   »Dann lass mal hören, du beste aller Ehefrauen.«
   »Was hältst du von Markus?« Sie sah ihn erwartungsvoll an.
   »Prima, der gefällt mir ausgezeichnet«, entgegnete er spontan. »An den Namen könnte ich mich gewöhnen. Ja …«, er überlegte kurz, »den können wir nehmen. Ich bin einverstanden.«
   Sie strahlte ihn an. »Das ist heute ein wundervoller Tag für uns. Endlich werden wir eine richtige Familie sein. Ich bin sehr glücklich.«
   »Und ich erst«, ergänzte er lächelnd.
   Sie tranken ein weiteres Glas. Die Stimmung war gelockert, und er genoss sie in vollen Zügen. Hanna hingegen wurde immer stiller und nachdenklicher, wandte sich schließlich ab und schaute wortlos aus dem Fenster.
   »Du bist so still. Was ist denn los?«, fragte er sie besorgt.
   »Ja, Manfred, das stimmt leider. Mir ist da plötzlich ein Gedanke gekommen. Ich muss immer wieder an die Mutter der Zwillinge denken, von der wir unser Kind bekommen werden. Irgendwie ist das doch grausam. Wird sie die Wegnahme ihres Kindes so einfach verkraften können? Was gaukeln ihr die Ärzte da nur vor? Und hinter allem steht die allmächtige Staatssicherheit. Das bereitet mir erhebliches Kopfzerbrechen. Kannst du das nicht verstehen? Wir bauen unser Glück auf dem Unglück eines anderen Menschen auf. Ich spüre jetzt schon deutlich mein schlechtes Gewissen.«
   Er stand auf und ging wortlos im Zimmer umher. Ihre plötzliche Reaktion hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt. So klar hatte sie sich bisher noch nie über das Thema ausgelassen. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich mit dieser Problematik auch noch nicht richtig befasst, sondern die aufkommenden Gedanken immer möglichst schnell verdrängt. Zu deutlich hatte die Euphorie über die Erfüllung ihres großen Wunsches alle anderen moralischen Bedenken überdeckt. Hanna hatte es genau auf den Punkt gebracht. Es war im eigentlichen Sinne eine ungeheuerliche, menschenverachtende, von der Stasi gelenkte Aktion, und es war größtes Unrecht, dass sie von nun an ihr ganzes Leben lang begleiten würde. Hoffentlich würden sie daran nicht zerbrechen. Schließlich blieb er vor ihr stehen, umarmte sie und zog sie zu sich hoch. »Hanna …«, sagte er und sah ihr ernst ins Gesicht. »Ich habe mir bisher nicht viele Gedanken darüber gemacht, und wenn welche kamen, habe ich sie verdrängt. Das war ein großer Fehler.« Er stöhnte tief auf und senkte den Kopf. »Die Freude über die Zusage hat alles andere überdeckt. Aber du hast recht. Wir müssen uns alle Mühe geben und unseren Jungen zu einem liebenswerten, toleranten Menschen erziehen. Damit können wir unsere Mitschuld zwar nicht tilgen, aber durch unsere Liebe zu ihm ein wenig mindern.«
   Sie sah ihn mit Tränen in den Augen an. »Ja, das müssen wir tun. Markus soll es gut bei uns haben. Schon allein deshalb darf er nie etwas über seine tatsächliche Herkunft erfahren. Komm, lass uns das Geschirr in die Küche tragen«, bat sie ihn. »Ich bin müde und lege mich für eine halbe Stunde auf die Couch.«
   »Gut, mach das. Und ich werde mich mal um den Defekt an der Waschmaschine kümmern«, erwiderte er in einem Anflug von Resignation. Er gab ihr noch einen Kuss und folgte ihr in die Küche. Das Schlafzimmer spielte bei dieser gedrückten Stimmung keine Rolle mehr.

2.
Montag, 14. Juli 1980

Ost-Berlin/DDR, Friedrichshain, Kinzigstr. 20 a, Gartenhaus, 3. Stock links, Wohnung von Christa Schubert
Christa spürte erneut einen heftigen Krampf im Unterleib. Bereits seit den Morgenstunden waren sie in immer kürzer werdenden Abständen aufgetreten und hatten an Intensität zugenommen. Beunruhigend war, dass der letzte erst vor rund zehn Minuten abgeklungen war. Was sollte sie nur tun? Dr. Emmerich anrufen und ihn um Rat fragen? Der würde sie sicher wieder nur mit Vorwürfen überhäufen und sagen: »Frau Schubert, trinken Sie nicht so viel Alkohol, und vor allem rauchen Sie nicht in der Schwangerschaft. Schonen Sie sich! Eine Zwillingsschwangerschaft ist schließlich kein Pappenstiel. Das müssten Sie doch als dreifache Mutter mittlerweile längst wissen. Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich.«
   Sie mochte diesen Quacksalber nicht sonderlich, aber was sollte sie jetzt tun? Schmerztabletten nehmen? In ihrem Zustand? Nein, das war nicht die Lösung. Sie musste mit Medikamenten äußerst vorsichtig sein, weil sie schon bei ihrer letzten Schwangerschaft 1977 mit ihrem Sohn Michael einige Komplikationen zu überstehen hatte. Aber gab es eine Alternative? Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Sie musste unbedingt noch heute in die Praxis, um sich untersuchen zu lassen. Nur er konnte die Ursache der Schmerzen herausfinden. Dr. Emmerich war der einzige Frauenarzt weit und breit, und seine Praxis war bequem zu Fuß in etwa zehn Minuten zu erreichen. Sie seufzte tief auf und legte sich auf ihre Couch, schob sich zur Entlastung noch ein Kissen unter die Beine, schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen.
   Aber die innere Unruhe ließ nicht nach, weil sie ganz tief in ihrem Innern längst ahnte, dass das keine x-beliebigen Magen- oder Darmkrämpfe, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach Wehen waren, die ihr jetzt bereits im sechsten Monat so schwer zu schaffen machten. Durch ihre drei vorherigen Schwangerschaften war sie erfahren genug, um die Situation richtig einschätzen zu können. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr lösten sich ihre Zweifel in Luft auf, dass sie sich irren könnte. Immer wieder diese Zwillinge. Verdammt, sie machten also schon wieder Ärger. Dabei hatte sie die Schwangerschaft von Anfang an nicht gewollt und sich bald entschlossen, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Aber dann wurde sie von ihrer Familie, allen voran ihre Mutter, überredet, es nicht zu tun. Alle versprachen ihr vollmundig Unterstützung in allen Lebenslagen, und ihre Mutter hatte sie in den Arm genommen und ihr mit dem Spruch Mut gemacht: »Wo drei Mäuler satt werden, wird auch ein viertes satt.«
   Als sie aber in der 19. Schwangerschaftswoche erfuhr, dass sie Zwillinge erwartete, war der Schock gewaltig. Wie sollte sie das alles nur schaffen, als alleinerziehende Mutter fünf Kinder zu versorgen, ohne Mann und ohne Beruf? Und das Geld vom Sozialamt reichte vorn und hinten nicht. Eine Abtreibung kam nicht mehr infrage, dazu war es längst zu spät. Sie erinnerte sich, dass sie damals mit Dr. Emmerich lange über das Thema gesprochen hatte. Was sollte nur aus ihr werden? Sie kam schon jetzt mit ihren drei Kindern kaum noch dazu, abends auszugehen, sich mal zu amüsieren und ihre Jugend zu genießen. Damit war es ein für alle Mal vorbei. Das konnte sie sich endgültig abschminken. Stattdessen musste sie tagsüber ihre Kinder versorgen und abends den Babysitter spielen, während ihre Freundinnen ausgingen und das Leben genossen. Dabei war sie doch erst sechsundzwanzig Jahre alt. Sie sah gut aus, und an Männern hatte es ihr nie gemangelt. Aber sie war immer wieder an die Falschen geraten. Schicke Kerle waren darunter gewesen, besonders der Letzte, der sie geschwängert hatte. Ein junger NVA-Soldat mit Namen Mike, den sie letzten Silvester auf einer Party bei Freunden kennengelernt hatte. Bei der Erinnerung an seine Küsse und neugierigen Hände überzog ein Lächeln ihr Gesicht. Er war ein verdammt guter Liebhaber gewesen, und die Nummer mit ihm sensationell. Dummerweise hatte sie die Pille vergessen, und weder er noch sie hatten ein Kondom zur Hand. Aber das war für kein Hindernis, jetzt und sofort ihr Verlangen aufeinander zu stillen. Wie Ertrinkende hatten sie sich aneinandergeklammert und sich gegenseitig die Kleider vom Leib gerissen. Die Schuld für ihre Hemmungslosigkeit gab sie später dem vielen Alkohol, den sie während der Feier über alle Maßen getrunken hatte. Ohne jeden Skrupel hatte sie mit ihm geschlafen. Nicht einmal an seinen Nachnamen konnte sie sich später erinnern. Seit diesem Tag hatte sie ihn nicht mehr wiedergesehen, und auch er hatte sich nicht gemeldet. Sie seufzte tief auf. Sie war doch noch so jung. Sollte das Leben nur noch aus Windeln waschen, Essen kochen und Kinder hüten bestehen? Ihre Schwangerschaft hatte sich verheerend auf ihre einst so schlanke und attraktive Figur ausgewirkt. Sie war ungewöhnlich dick geworden, ihre Beine stark geschwollen, und von ihrer Schönheit war nicht viel übrig geblieben. Auch verlief diese Schwangerschaft anders als die anderen drei. Sie hatte immer wieder gesundheitliche Probleme und saß ständig bei Dr. Emmerich im Wartezimmer. Abends lag sie in ihrem Bett und durchwanderte das Tal der Tränen. Und so gab sie den Zwillingen die Schuld an ihrem schlechten gesundheitlichen und psychischen Zustand und ihrer künftigen finanziellen Notlage. Aber mit Jammern und Erinnerungen an bessere Zeiten war es nicht getan. Sie versuchte, die düsteren Gedanken in die hinterste Ecke ihres Gehirns zu verbannen. Die Babys konnten schließlich nichts dafür, und sie war eine Rabenmutter, diesen unschuldigen Wesen irgendeine Schuld zuzuschreiben.
   Ihre Hoffnung auf Rückgang der Schmerzen blieb nur ein frommer Wunsch, denn die Realität war unerbittlich und ließ sich nicht verdrängen. Die nächste Schmerzwelle kündigte sich an. Wenige Minuten später brach die nächste Wehe unvermittelt über sie herein. Die Schmerzen waren jetzt noch heftiger. Sie schrie laut auf, umklammerte mit beiden Händen hilflos ihren geschwollenen Leib und begriff augenblicklich, dass sie unbedingt ärztliche Hilfe benötigte. Allein würde sie es nicht mehr schaffen, denn der Weg zu Dr. Emmerich war in ihrem jetzigen Zustand unerreichbar weit. Wenn sie schon nicht zu ihm in die Praxis gehen konnte, musste sie wenigstens anrufen und sich Rat holen, was jetzt zu tun war.
   Sie ließ sich zurückfallen, verharrte bewegungslos in dieser Lage und schloss erschöpft die Augen. Aber die Ruhe war nur trügerisch. Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie zusammen, als sie bemerkte, dass es zwischen ihren Beinen unvermittelt nass wurde. Der Schreck, der ihr durch ihre Glieder fuhr und unbarmherzig in ihr Bewusstsein drang, war ungeheuer groß. Sie hatte nicht etwa unter sich gemacht. Das war kein Urin, der an ihren Oberschenkeln herunterlief, das war Fruchtwasser. Aber sie war doch erst in der 26. Woche? Was war in ihrem Bauch nur geschehen? Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Ihr fielen die Worte ihres Arztes ein, der sie immer wieder ermahnt hatte, solider zu leben und nicht so viel zu trinken. Die Angst vor möglichen Komplikationen wurde immer größer, und sie musste alle Kraft aufbringen, um nicht völlig durchzudrehen und den Kopf zu verlieren. Sie würde eine Frühgeburt erleiden, das war so sicher wie das Amen in der Kirche und wahrscheinlich ein oder sogar beide Babys verlieren. Und ihr wurde in diesem Moment bewusst, dass auch ihr Leben in großer Gefahr war. Sie griff sich verzweifelt an den Kopf, schrie ihre Angst heraus. Weinkrämpfe erfassten sie. Nach einer Phase der Hilflosigkeit riss sie sich zusammen und griff nach dem auf dem Couchtisch stehenden Telefon.
   Hastig wählte sie die Nummer der Praxis.
   Die Schwester stellte gleich zu Dr. Emmerich durch. Ohne sie zu unterbrechen, hörte er sich ihre Beschwerden an und antwortete ruhig und professionell. »Frau Schubert, behalten Sie bitte die Ruhe. Sie kommen jetzt nicht in meine Praxis, sondern rufen sofort die Feuerwehr. Als Grund geben Sie Komplikationen in der 26. Schwangerschaftswoche an und berufen sich auf mich. Legen Sie sich eine Windel zwischen ihre Schenkel und bleiben Sie bis zum Eintreffen des Notarztes liegen. Unmittelbare Gefahr für Ihre Babys droht meines Erachtens nicht. Bleiben Sie liegen und warten Sie auf den Notarzt! Haben wir uns verstanden?«
   »Ja, Herr Doktor«, erwiderte sie ergeben.
   »Gut, dann werde ich in der Zwischenzeit mit dem St. Franziskus-Krankenhaus in Friedrichshain Verbindung aufnehmen und Ihr Erscheinen ankündigen. Ich kenne den leitenden Oberarzt, Dr. Westhoven. Er wird sich um Sie kümmern. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«
   Damit war das Notwendige gesagt und sie legte etwas beruhigter den Hörer auf die Gabel.
   Aber was geschah in der Zwischenzeit mit ihren Kindern, die ahnungslos im Kinderzimmer spielten? Ihre acht, sechs und dreijährigen Sprösslinge konnte sie doch nicht allein lassen. Wer sollte für sie sorgen? Hastig griff sie zum Telefon. Sie musste unbedingt ihre Mutter anrufen, die nicht allzu weit in der Boxhagener Straße wohnte, und sie um Hilfe bitten. Was sollte sie tun, wenn ihre Mutter nicht zu Hause war? Ein Panikgefühl erfasste sie, aber ihre Sorge war unbegründet, denn schon nach dem zweiten Klingelton meldete sie sich, als wenn sie auf ihren Anruf gewartet hätte. Sie sprudelte förmlich über und berichtete ihrer Mutter atemlos von ihrer Malaise.
   »Ja, Christa, natürlich komme ich zu dir, aber es wird ein Weilchen dauern. Ich muss erst das Fahrrad aus dem Keller holen. Geh doch in der Zwischenzeit zu Frau Kluge und bitte sie, solange auf die Kinder aufzupassen, bis ich da bin.«
   »Danke, Mutti, danke …«, erwiderte sie atemlos. »Ja, ich werde gleich zu Frau Kluge gehen.«
   Ihre Nachbarin stellte sich sofort als Babysitterin zur Verfügung. Sie mochte Christa trotz ihres fragwürdigen Lebenswandels. Die Kinder wuchsen ohne ihre Väter auf, und nun war sie schon wieder schwanger. Wo sollte das nur hinführen? Diese Gedanken hatte Christa ihr häufiger vom Gesicht abgelesen, dennoch hatten sie einen guten Kontakt, und wann immer es nötig wurde, griff Frau Kluge ihr hilfreich unter die Arme. Dankbar fiel Christa ihr um den Hals. »Ich mache es wieder gut, Frau Kluge, das verspreche ich Ihnen. Ich werde einen schönen Topfkuchen backen, und dann trinken wir auf meinem Balkon Kaffee. Versprochen!«
   Sie hatte sich gerade wieder auf die Couch gelegt, als sie die Sirene der Feuerwehr hörte. Wenig später hörte sie schwere Schritte auf der Treppe, dann klingelte es. Mühsam erhob sie sich und schleppte sich zur Tür. Der Notarzt und zwei Sanitäter mit einer Trage in den Händen standen vor ihr.

Während der Fahrt im Krankenwagen zum nahe gelegenen St. Franziskus-Krankenhaus in der Landsberger Allee ebbten die Schmerzen ab. Vor der Geburtsklinik erwarteten Christa zwei Pfleger mit einem Krankenstuhl und schoben sie in ein Untersuchungszimmer. Für einen Augenblick war sie allein. Was würde in den nächsten Stunden mit ihr geschehen?«, fragte sie sich mit bangem Herzen.
   Obwohl sie bereits im Krankenhaus war, kroch langsam wieder die Angst in ihr hoch, nicht nur ihren Babys könnte etwas passieren. Zu weiteren Überlegungen kam sie nicht, denn unvermittelt wurde die Tür geöffnet.
   »Frau Schubert, ich bin Schwester Bärbel. Der Doktor kommt sofort. Bis zu seinem Eintreffen werde ich schon mal Ihre Personalien aufnehmen. Nennen Sie mir bitte Ihren vollständigen Namen, Ihren Familienstand, Anzahl Ihrer Kinder, Beruf und Arbeitsstelle. Ihre Anschrift Kinzigstr. 20 a stimmt noch?«
   »Ja, Schwester. Ich bin am 18. April 1954 in Berlin geboren, habe drei Kinder, Siegfried ist acht Jahre alt, Manuela sechs Jahre und Michael drei Jahre. Verheiratet bin ich nicht.«
   »Dann sind die Kinder also unehelich. Wer ist denn der Vater?«
   »Da gibt es drei Väter.«
   »Was?«
   »Sie haben richtig gehört.« Sie wurde langsam sauer. Was wollte der Weißkittel von ihr? Den Moralapostel spielen? Das fehlte noch. Es ging jetzt um ihre ungeborenen Kinder und um sie. »Und, Schwester? Haben Sie damit ein Problem? Sind die Namen der Väter für meinen jetzigen Zustand von Bedeutung?«
   »Nein, nein«, beeilte sich die Schwester zu antworten. »Das ist es nicht, es ist nur recht ungewöhnlich.« Sie schüttelte den Kopf, notierte pikiert die Angaben in ein Formular und sah sie mit einem lauernden Blick an. »Wie heißt denn der Vater ihres jetzigen Kindes?«
   »Das weiß ich nicht. Ich kenne nur seinen Vornamen. Das Jugendamt ist gerade dabei, seinen Nachnamen zu ermitteln.«
   Schwester Bärbel sah sie mit offenem Mund an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Nun gut, das ist ja eigentlich auch Ihre Sache. Dann schreibe ich in die Spalte eben ‚unbekannt‘. Nun zu Ihrem Beruf und Ihrer Arbeitsstelle. Können Sie dazu Angaben machen?«
   »Sicher, Schwester!« Für einen Augenblick vergaß sie ihren Zustand und wo sie gerade war. Es machte ihr mit einem Mal Spaß, die Schwester zu provozieren. Sie hatte nichts zu verlieren. Die Sachbearbeiterin von der Sozialfürsorge hatte sie sich schon oft genug zur Brust genommen und ihren Lebensstil kritisiert. Und auch beim Jugendamt galt sie als problematischer Fall. Na und, was soll’s? Sie hatte nicht vor, etwas zu verändern. Sie bekam regelmäßig Geld vom Amt und Alimente von zwei Vätern. Es war nicht viel, aber sie kam gerade so über die Runden. Und wenn das Geld nicht reichte, steckte ihr ihre Mutter gelegentlich etwas zu. Warum sollte sie also arbeiten gehen und nach Feierabend auch noch drei Kinder versorgen? Das würde über ihre Kräfte gehen. Warum wollte das keiner verstehen? Und ein bisschen leben und amüsieren wollte sie sich auch noch. »Ich habe eine Lehre als Monteurin in einem Metallkombinat in Adlershof begonnen, nach der ersten Schwangerschaft die Ausbildung aber abgebrochen. Ich war dann die ganze Zeit arbeitslos, und zuletzt habe ich als Aushilfskellnerin in einem Gartenlokal in Schmöckwitz gearbeitet. Kindererziehen und dann noch arbeiten war mir einfach zu viel. Das habe ich nicht unter einen Hut gekriegt.«
   Schwester Bärbel sah sie konsterniert an. »Das ist aber nicht gerade im Sinne unserer sozialistischen Werteordnung und der offiziellen Linie der SED, liebe Frau Schubert. Jeder Werktätige hat auch Verpflichtungen unserem Staat gegenüber. Aber gut, jeder muss selbst sehen, welchen Platz er in unserem Staat einnimmt«, erwiderte sie spitz.
   »Sie haben recht, Schwester, das ist ganz allein meine Sache. Wo bleibt bitte der Arzt? Meine Wehen beginnen gleich wieder«, log sie, um das unerquickliche Gespräch endlich zu beenden.
   In diesem Moment öffnete sich die Tür und der Doktor trat ein. Er war groß und schlank, hatte dunkle, etwas stechende Augen und einen akkurat geschnittenen Oberlippenbart. »Hallo Frau Schubert, ich bin Dr. Westhoven und werde Sie jetzt untersuchen. Machen Sie sich bitte frei«, forderte er sie auf, während er zum Patientenblatt griff und es mit schnellem Blick überflog. Kommentarlos legte er es beiseite und warf der Schwester einen vielsagenden Blick zu, den sie wortlos nickend erwiderte.
   Trotz dieses kleinen Zwischenspiels legte Christa unbeeindruckt die mit gelblicher Flüssigkeit getränkte Babywindel zur Seite.
   Die Untersuchung dauerte nicht lange. Nachdem Dr. Westhoven das Ultraschallgerät ausgeschaltet hatte, beugte er sich zu ihr. »Tja, Frau Schubert, bei Ihnen ist die Fruchtblase geplatzt, und nicht nur das. Ihr Muttermund hat sich bereits um etwa vier cm geöffnet. Hinzu kommt, dass Sie eine Entzündung im Genitaltrakt haben. Wie ich aus dem Gespräch mit Dr. Emmerich erfahren habe, sind sie in der 26. Woche. Wir müssen bei Ihrem Zustand sofort die Geburt einleiten, um das Leben Ihrer Zwillinge nicht zu gefährden. Eine normale Geburt wird es nicht werden, weil die Plazenta auch noch den Geburtsweg für die beiden Föten versperrt. Deshalb werden wir einen Kaiserschnitt machen müssen, um die Babys zu holen. Das heißt, wir müssen Sie operieren.«
   Sie nickte ergeben. »Ja, Herr Dokter, tun Sie das! Je eher, desto besser.«
   Der Arzt nickte. »Sorge bereitet mir Ihre Entzündung im Genitaltrakt. Ich habe bereits einen Abstrich vorgenommen. Sie entsteht gewöhnlich durch Übertragung beim Geschlechtsverkehr. Ich muss Sie deshalb fragen: Hatten Sie in letzter Zeit ungeschützten Verkehr?«
   Sie wurde vor Verlegenheit rot bis unter die Haarspitzen. Das war ja peinlich. O Gott, was sollte sie nur sagen? Vormachen konnte sie dem Arzt nichts, der war zu clever. Was blieb ihr also anders übrig, als die Wahrheit zu sagen? Sie wandte verschämt ihren Blick ab und starrte an die Wand. »Ja, Herr Doktor, es stimmt. Ich hatte vor etwa drei Wochen einen guten Freund zu mir nach Hause eingeladen, und wir haben ein bisschen zu viel getrunken. Da ist es halt passiert. Ich wollte, dass er ein Kondom benutzt, aber er hatte keins bei sich. Dann haben wir es eben so gemacht.«
   »Frau Schubert, das ist es ja gerade. Ich muss Ihnen leider vorwerfen, dass Sie sich ihren Föten gegenüber verantwortungslos verhalten haben, denn diese Entzündung ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Urheber für Ihre Frühgeburt. Ich meine dabei nicht den Verkehr an sich, sondern dass Sie ihn ungeschützt zugelassen und dass Sie sogar noch in dieser späten Schwangerschaftsphase Alkohol getrunken haben. Das war doch kein Einzelfall, oder?«
   Sie sah ihn zerknirscht an. »Ich habe viele Fehler gemacht und mich nicht wie eine fürsorgliche Mutter verhalten.« Sie zuckte bedauernd mit den Schultern und versuchte, sich so gut es ging zu rechtfertigen. »Vielleicht lag es daran, dass ich die Schwangerschaft von Anfang an nicht wollte. Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, dachte ich sofort an Abtreibung. Ich habe doch schon drei Kinder, und dann auch noch von verschiedenen Vätern. Wegen der Kinder kann ich nicht arbeiten gehen. Ich schaffe das im Augenblick nicht. Unseren Lebensunterhalt bestreitet die Sozialfürsorge, und dann muss ich mir auch noch überall vorwerfen lassen, dass ich ein Sozialschmarotzer wäre. Die familiären Verhältnisse sind einfach zu chaotisch. Meine Mutter hat mich letztendlich dazu überredet, einen Schwangerschaftsabbruch nicht vorzunehmen. So ist meine Lage, Herr Doktor.«
   Doktor Westhoven nickte der Schwester zu und wandte sich wieder an Christa. »Frau Schubert, das ist hier nicht der richtige Platz und vor allem nicht der richtige Zeitpunkt, um Ihre Lebenssituation auf den Prüfstand zu stellen. Ich will nur, dass die Geburt reibungslos verläuft und dass Sie und Ihre Babys keinen Schaden nehmen. Das ist jetzt das Wichtigste. Alles andere ist erst einmal zweitrangig.« Der Arzt wechselte mit der Schwester erneut einen vielsagenden Blick. »Schwester, ich muss noch einmal dringend telefonieren und die üblichen Formalitäten erledigen. Bereiten Sie die Patientin inzwischen für die OP vor. Er wandte sich an Christa. »Sie sind doch mit einem Kaiserschnitt einverstanden?«
   »Aber ja, Herr Doktor«, erwiderte Christa ergeben.
   »Gut, Frau Schubert, dann unterschreiben Sie noch das Formular. Wir sehen wir uns im OP. Alles Gute für Sie.«

Christa erwachte. Schemenhaft sah sie eine Schwester neben sich. Alles war noch in dichten Nebel gehüllt. Einen Augenblick lang wusste sie nicht, wo sie war, aber dann kam die Erinnerung zurück. Es war vorbei, die Geburt hatte sie endlich hinter sich, und sie lebte. Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte sie. Jemand rief ihren Namen.
   »Unterschreiben Sie bitte das Formular, Frau Schubert«, forderte eine Frauenstimme neben ihr. Ihr wurde ein Kugelschreiber in die Hand gedrückt und ihre Hand zu einer Stelle auf dem Formular geführt. »Hier, bitte!«
   »Warum denn das, Schwester?«, fragte sie noch halb benommen.
   »Ach, das ist nur eine Formalität, nichts von Bedeutung. Dient nur der Verwaltung.«
   »Ach so«, sagte Christa beruhigt. Sie war nicht in der Lage, die Schrift auf dem Papier zu entziffern. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Mit krakeliger Schrift schrieb sie ihren Namenszug auf das Papier und sank erschöpft auf ihr Lager zurück. »Schwester, wo sind meine Babys?«, fragte sie voller Unruhe, drehte den Kopf. Sie erkannte Schwester Bärbel, die ihr aber die Antwort schuldig blieb und sie nur schweigend mit unbeweglichem, fast starrem, Gesichtsausdruck ansah. »Wo sind sie?«, wiederholte sie ungeduldig.
   Die Schwester wich der Beantwortung ihrer Frage erneut aus. »Dr. Westhoven kommt sofort. Er wird mit Ihnen alles besprechen.«
   »Was will er denn mit mir besprechen?«
   »Gedulden Sie sich bitte noch einen Augenblick, bis der Doktor kommt.«
   Nach schier endloser Zeit öffnete sich die Tür, und der Arzt trat in den Aufwachraum. Er zeigte ein besorgtes Gesicht, zog einen Stuhl zu ihrem Bett heran, setzte sich, ergriff ihre Hände und sah ihr ins Gesicht.
   Schlagartig erfasste sie eine innere Unruhe. Sie spürte, dass irgendetwas mit ihren Zwillingen nicht in Ordnung war. Die Spannung in ihr nahm merklich zu und verwandelte sich langsam in Angst.
   »Frau Schubert …« Dr. Westhoven machte eine kleine Pause. »Ich muss Ihnen eine traurige Nachricht überbringen. Sie müssen jetzt sehr stark sein. Einer Ihrer Zwillinge hat es leider nicht geschafft. Es war ein Junge, und seine Atmung hat versagt. Die Lunge war einfach noch zu schwach. Der Kleine ist kurz nach der Geburt gestorben. Mit einem Gewicht von knapp 1100 Gramm war er nicht lebensfähig. Es tut mir und allen an der Geburt beteiligten Ärzten und Schwestern sehr leid«, sagte er bedauernd und tätschelte tröstend ihre Hände.
   Sie sah ihn ungläubig an. Hatte sie richtig gehört? Einer ihrer Zwillinge hatte die Geburt nicht überlebt? Sie durchlitt ein Wechselbad der Gefühle. Tiefe Trauer, aber auch eine winzige Spur der Erleichterung wechselten sich ab. Trotz aller Zwiespältigkeit, die in ihr war, traf sie der Verlust dennoch unvermittelt heftig, mehr, als sie es je vermutet hätte. Für einen Augenblick vergaß sie die ungewollte Schwangerschaft, die ganzen Strapazen während der vergangenen sechs Monate und die für sie vor der Operation düstere Lebensprognose, künftig mit fünf Kindern und ohne einen Ehemann klarzukommen. Sie war nur noch eine verzweifelte Mutter, die von dem Schmerz über den Verlust eines ihrer Babys übermannt wurde. Ein heftiger Weinkrampf erfasste sie, und sie drehte tränenüberströmt ihr Gesicht zur Seite.
   »Und wie geht es meinem anderen Baby?«, fragte Christa mit banger Stimme, nachdem sich einigermaßen beruhigt hatte. Sie wagte nicht, dem Arzt ins Gesicht zu schauen.
   »Es ist ebenfalls ein Junge, und es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er befindet sich im Brutkasten. Soweit wir feststellen konnten, arbeiten alle Organe normal. Aber er ist noch sehr schwach. Bei einem Gewicht von knapp 1300 Gramm auch nicht weiter verwunderlich. Sie können nachher zu ihm.«
   Sie nickte dankbar. »Wenigstens einer hat es geschafft. Herr Doktor, ich möchte noch einmal mein totes Baby sehen und mich wenigstens von ihm verabschieden.«
   Der Arzt schüttelte den Kopf. »Das wird leider nicht mehr gehen, Frau Schubert.«
   »Warum denn nicht?«
   »Weil es nicht mehr hier ist?«
   »Wieso? Ich … ich verstehe nicht.«
   »Ich kann Ihnen das erklären.«
   »Wo ist es denn jetzt? Ich habe ein Recht, es zu sehen, Herr Doktor«, sagte sie mit Nachdruck. Dabei konnte sie nicht verhindern, dass ihr Tränen die Wangen hinunterliefen.
   »Im Prinzip schon, aber nicht in diesem Fall.«
   »Wieso?«
   »Weil Sie bereits schriftlich zugestimmt haben, dass das Neugeborene zu wissenschaftlichen Zwecken untersucht werden kann, um die in der DDR leider noch immer herrschende hohe Säuglingssterblichkeit zu verringern. Sein kleiner Leichnam ist bereits auf dem Weg zur Charité.«
   »Das muss ein Irrtum sein«, stieß sie erregt hervor. »Ich habe nichts unterschrieben.«
   Doktor Westhoven hob abwehrend die Hände. »Doch, doch, liebe Frau Schubert, Sie haben es getan. Bitte beruhigen Sie sich. Wenn Sie es nicht glauben, zeigen wir es Ihnen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich Schwester Bärbel zu. »Schwester, holen Sie bitte das Formular und legen Sie es Frau Schubert vor.«
   »Sofort, Herr Doktor.« Sie eilte hinaus und kehrte wenig später mit einem Formular in der Hand zurück. »Hier, sehen Sie. Sie haben einer zur Verfügungsstellung ihres toten Säuglings zu wissenschaftlichen Zwecken zugestimmt.«
   Ungläubig blickte Christa auf das Formular und auf ihre Unterschrift. Es war zweifellos ihre. Da gab es nicht zu deuteln. Aber Teufel noch mal, wie kam sie auf das Formular? Sie konnte sich nicht im Entferntesten daran erinnern, irgendetwas unterschrieben zu haben. »Wann soll ich das denn unterschrieben haben?«, fragte sie voller Argwohn.
   »Aber Frau Schubert … Im Aufwachraum natürlich. Sie waren hellwach, und der Doktor war sogar Zeuge«, wiegelte Schwester Bärbel ab.
   »Das stimmt nicht. Ich habe nichts unterschrieben«, protestierte Christa.
   »Und wie kommt dann Ihre Unterschrift auf das Formular?«, fragte Doktor Westhoven mit vorwurfsvollem Unterton in der Stimme, »oder bestreiten Sie etwa, dass es Ihre ist?«
   »Nein, nein, das nicht. Aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich hätte einer Untersuchung meines toten Babys niemals zugestimmt. Ich will nicht, dass es in alle Einzelteile zerschnitten wird.«
   »Das tut mir sehr leid, aber dazu ist es jetzt zu spät. Sie hätten einer Untersuchung im Übrigen nicht zuzustimmen brauchen. Ihnen wäre durch eine Weigerung kein Nachteil entstanden. Es ist alles freiwillig geschehen. Aber mit Ihrer großherzigen Tat ersparen Sie vielleicht einer ganzen Reihe von Müttern gleiches Leid. So müssen Sie es auch einmal sehen. Das alles geschieht zum Wohle unserer sozialistischen Volksgemeinschaft«, dozierte Dr. Westhoven und vermied es, ihr in die Augen zu schauen.
   Christa sah ein, dass die Fakten gegen sie sprachen. Enttäuscht ließ sie den Kopf sinken. Ihr Widerstand erlahmte, doch dann kehrten Erinnerungsfetzen zurück. Wie durch dichten Nebel sah sie plötzlich eine Schwester neben sich, die ihr einen Stift in die Hand drückte und sie zu einer Schreibunterlage führte. Sie atmete tief durch. Nun war sie sich sicher, dass ihr Protest berechtigt war. Sie hatten ihre Benommenheit skrupellos ausgenutzt, um an eine Babyleiche heranzukommen. Das war ein abgekartetes Spiel, dem sie nichts entgegensetzen konnte. Resignierend gab sie auf. »Wahrscheinlich habe ich das in der Aufregung vergessen.«
   »Liebe Frau Schubert, so wird es sein. Aber jetzt kümmern Sie sich lieber mit vollem Einsatz um ihren anderen kleinen Sohn. Der braucht Ihre ganze Liebe und Fürsorge. Ich muss mich jetzt leider von Ihnen verabschieden. Andere Frauen im Kreißsaal brauchen dringend meine Hilfe«, sagte der Doktor und gab ihr die Hand. »Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute. Haben Sie sich schon einen Namen für ihn ausgedacht?«
   Christa nickte erstickt. »Ja, er soll Andreas heißen.«
   »Hübscher Name …« Doktor Westhoven nickte ihr noch einmal aufmunternd zu, tätschelte ihre Schulter und verließ eilig das Zimmer.
   Schwester Bärbel trat an ihr Bett und tätschelte ihr die Hand. »Mein Beileid«, sagte sie. »Ich weiß, dass es sehr schwer für Sie ist, aber ich habe hier etwas, das Ihnen vielleicht neuen Mut geben könnte.«
   Unter Tränen sah Christa zu ihr auf. Was wollte diese falsche Schlange noch von ihr?
   Die Schwester reichte ihr einen Zettel. »Ich habe Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen. Ihnen ist es gelungen, den Vater Ihrer Babys zu ermitteln. Nehmen Sie Kontakt zu ihm auf, vielleicht haben Sie zwar einen Sohn verloren, gewinnen dafür aber einen Vater.«
   Das war zu viel für Christa. Sie brach in haltloses Schluchzen aus. Wie sollte ein blöder Kerl ihr das Kind ersetzen? Was dachte sich diese dumme Kuh? Sie grub ihr Gesicht in die Kissen, damit sie nicht mehr hören musste, was die Schwester ihr noch über alleinstehende Frauen mit vier Kindern und deren Chancen im Leben predigte …

3.
Donnerstag, 18. Juli 2002

Gubener Str. 28, 10243 Berlin, 2. Stock, Wohnung von Christa Schubert und ihrem Sohn Andreas
Geh nicht schon wieder aus dem Haus und lass deine arme, alte, kranke Mutter allein.« Christa sah Andreas bettelnd an.
   »Mutti, immer dieses Gejammer, wenn ich mir mal erlaube, das Haus zu verlassen. Ich bin jung, ich will Spaß haben. Deshalb treffe ich mich heute endlich wieder mal mit meinen Freunden. Kannst du das denn nicht verstehen?«
   Christa starrte wortlos ihren Sohn an, wollte etwas sagen, doch er brachte sie mit einer herrischen Armbewegung zum Schweigen.
   »Such dir endlich jemand, mit dem du reden kannst. Wenn du nur zu Hause rumhockst und dir die Kante mit dem billigen Fusel gibst, wird es nicht besser.«
   »Ach, mein Junge, mir geht es miserabel, und ich bin so allein« flüsterte sie kaum hörbar. »Ich habe Schmerzen und fühle mich einsam. Siegfried, Michael und Manuela sind fort. Sie haben mich einfach im Stich gelassen. Keiner von ihnen kommt mich mal besuchen. Ich habe doch nur dich. Andy … wenn du jetzt auch noch gehst, bist du genauso herzlos wie deine Geschwister.« Sie erhob sich ächzend aus ihrem Bett, warf sich ihren Morgenmantel über und schlurfte in die Küche.
   Er folgte ihr wie ein Hund dem Herrchen und betrachtete sie voller Mitleid, aber auch mit einer gewissen Portion Abneigung. Sie sah sich durch seine Augen: dürr, krumm, vertrocknete, faltige Haut. Ihre strähnigen, fast gänzlich grauen Haare hingen ihr wirr ins bleiche Gesicht, das von einem leichten Schweißfilm überzogen war. Die aggressive Lebererkrankung hatte in kurzer Zeit ganze Arbeit geleistet, ihre Gesundheit ruiniert und ihren Lebenswillen beinahe aufgefressen. Sie hatte in ihrem Leben viel zu viel Alkohol getrunken, der im Laufe der Jahre ihre Gesundheit zerstört und tiefe Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Trotzdem hatte sie nie damit aufgehört und die Warnungen ihrer Familie und vor allem die der Ärzte leichtfertig in den Wind geschlagen. Nun war es zu spät, und er musste hilflos mit ansehen, wie sie langsam, Tag für Tag, immer mehr verfiel. Irgendwann würde sie ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, das sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lebend verlassen würde.
   Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, beugte sich vor, öffnete den Kühlschrank, nahm eine halb volle Flasche vom billigsten Rotwein aus dem nahen Supermarkt heraus und goss sich ein Glas ein. Gierig nahm sie einen tiefen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Andy, mein lieber Junge, ich fühle mich so schlecht, und die Rückenschmerzen machen mir wieder zu schaffen. Kannst du mir den Rücken einreiben?« Sie sah ihn bittend an.

*

»Auch das noch! Lass mich doch endlich in Ruhe, du alte Hexe«, murmelte er so leise, dass seine Mutter es nicht hören konnte. Verdammt, sie machte nur noch Stress. Was sollte er nur tun? Andererseits hatte sie doch nur ihn. Er war der Einzige, der ihr von ihren vier Kindern geblieben war und der zu ihr hielt, obwohl er sich längst nicht mehr sicher war, ob sie ihn um seiner selbst willen liebte oder nur kaltschnäuzig seine Hilfsbereitschaft ausnutzte, weil kein anderer zur Stelle war. »Ist ja gut, Mutti. Ich mach es«, gab er mürrisch zur Antwort und ging ins Schlafzimmer, um die Salbe zu holen.
   Sie hatte sich inzwischen ihr Nachthemd hochgezogen und sich nach vorn gebeugt. Er sah ihren knochigen Rücken vor sich und fing an, ihn widerwillig einzureiben. Die Salbe war scharf und trieb ihm die Tränen in die Augen.
   »Weißt du noch, wie du das früher als kleiner Junge getan hast und auch dein Vater, bis er uns verlassen hat?« Sie brach ab und fing zu weinen an.
   Angewidert wandte er sich ab. Verflixt, immer diese Tour. Er spürte, wie sein Zorn zunahm. Verdammte Scheiße, es war einfach nicht zum Aushalten. Seine Nerven lagen blank. Er sprang auf. »Ich kann es nicht mehr hören, Mutti«, brach es mit Urgewalt aus ihm heraus. »Das geht nun schon so viele Jahre lang. Mein Vater hat dich damals verlassen, weil du so viel gesoffen und so viel mit anderen Männern rumgehurt hast. Nur deshalb! Du allein hast Schuld an der ganzen Scheiße, vor allem daran, dass unsere Familie zerbrochen ist, niemand sonst! Und nun jammerst du ständig herum und klagst Gott und die ganze Welt an. Kapier das doch endlich und lass mich mit deinem Gesülze in Ruhe!« Er starrte in ihr wachsbleiches Gesicht. »Mein Vater kommt nicht zu dir zurück. Niemals mehr! Raff dich lieber mal auf und tu endlich etwas, anstatt nur rumzuhängen und zu saufen. Davon wird jedenfalls nichts besser! Durch dein ständiges Gejammer nimmst du mir die Luft zum Atmen! Ich halte das nicht mehr aus!« Er rang nach Atem.
   Was war nur aus der einstmals attraktiven Frau geworden, die er in seiner Jugend so bewundert hatte? Wegen ihrer maßlosen Trunksucht hatte sein Vater schon vor Jahren das Weite gesucht. Der war wenigstens konsequent gewesen und nicht so ein Jammerlappen wie er, der bei jeder ihrer Shows Gewissenbisse bekam. Er hatte es so verdammt satt, ihr jeden Tag Gesellschaft zu leisten, während draußen das Leben tobte und am ihm vorüberzog. Immer wieder hatte er seinen Kumpels Fred und Kevin absagen müssen, die dann ohne ihn die Disco in der nahe gelegenen Kulturbrauerei besuchten und sich prächtig amüsierten. Aber heute hatte er die Schnauze gestrichen voll.
   Lass sie jammern, lass sie heulen, hatte er sich voller Wut gesagt, hör nicht auf ihr Gezeter. Er musste raus aus dieser engen Wohnung, irgendwo hin, nur weg auf die Straße und in andere Gesichter sehen.
   Seine Mutter stand dem heftigen Gefühlsausbruch fassungslos gegenüber. So wütend hatte sie ihn selten erlebt. Abwehrend hob sie die Hände vor ihren Körper. »Aber Andy, was ist denn nur in dich gefahren? Ich … ich … ich verstehe dich nicht.«, stammelte sie und sah ihn aus tränennassen Augen an.
   Er warf ihr einen letzten Blick zu, winkte resignierend ab, drehte sich um und verließ fluchtartig die Wohnung. Kaum hatte er den Hinterhof betreten, um sein Fahrrad aus dem Keller zu holen, tauchten bereits die ersten Gewissensbisse auf. War es richtig, sie so mir nichts, dir nichts, allein zu lassen? Sie hatte in den vergangenen Jahren so viel Schweres durchmachen müssen. Noch immer hatte sie es nicht verkraftet, dass ihr letzter Liebhaber sie vor ein paar Monaten Knall auf Fall verlassen hatte, ihr ihre Arbeitsstelle bei einem großen Supermarkt gekündigt worden war und sie zu allem Überfluss auch noch mit knapp sechsundvierzig Jahren an einer schweren Leberentzündung erkrankte. Mit aller Kraft, die noch in ihrem ausgemergelten Körper steckte, klammerte sie sich an ihn. Er war, wie sie ihm immer wieder gebetsmühlenartig erklärte, ihr letzter Halt und nahm ihm dadurch immer wieder die Chance, sich endlich von ihr zu lösen und ein eigenständiges Leben zu beginnen.
   Trotz seiner zweiundzwanzig Jahre blieb er in wahrer Vasallentreue bei ihr, dabei fühlte er sich viel zu jung, um als abendlicher Gesellschafter ständig seine Freizeit mit ihr zu vertrödeln. Trotz aller Mühen schaffte er es aber einfach nicht, sich von ihr zu trennen. Irgendein unsichtbares Band zwischen ihnen verhinderte das. Mehrmals hatte er sich fest entschlossen, sich endlich eine eigene Bude zu suchen. Angebote gab es genug, und er verdiente nicht zu schlecht, um sich eine bescheidene Eineinhalbzimmerwohnung leisten zu können. Er hatte zwar keinen Beruf erlernt, aber dafür war er geschickt und tüchtig und hatte durch die Vermittlungen seines Freundes Kevin Baumann auf einem Autoschrottplatz in Oberschöneweide Arbeit gefunden. Zusammen mit Kevin schlachtete er die aufgekauften Unfallfahrzeuge aus.
   Doch jedes Mal brach seine Mutter theatralisch zusammen, wenn er ihr von einem günstigen Wohnungsangebot berichtete. Besonders wütend hatte es ihn gemacht, dass sie sich seiner ersten festen Freundin Marlen so ablehnend gegenüber gezeigt und immer wieder keifend behauptet hatte, sie wäre nicht der richtige Umgang für ihn. Das war auch einer der Gründe dafür gewesen, dass seine Beziehung zu ihr letztendlich zerbrochen war. Es gab einen heftigen Krach mit seiner Mutter, und ihre Krokodilsträhnen hätten einen ausgetrockneten Waldsee füllen können.
   Seine Erregung hatte immer mehr zugenommen, sein Kopf schien zu platzen, und in seinem Bewusstsein hatte sich inzwischen ein einziger Gedanke eingenistet, der ihm den Befehl gab: »Du musst es wieder tun, jetzt sofort! Warte nicht länger!«
   Verzweifelt schüttelte er den Kopf, aber es hatte keinen Zweck, sich gegen dieses Gefühl zur Wehr zu setzen, das ihn wieder einmal wie eine Sturmflut zu überrollen schien. Es war ein innerer Zwang, der sein ganzes Fühlen und Denken dominierte. Machtlos spürte er, wie die nächste Welle, die ihn überflutete, seine letzten Skrupel fortspülte. Er musste sich abreagieren, und er wusste auch schon, wie. Ohne lange zu überlegen, fuhr er in Richtung Volkspark Friedrichhain davon.

*

Franziska verließ gegen 20:45 Uhr nach einem hektisch verlaufenen Elternabend frustriert die Grundschule in der Mollstraße nahe dem Volkspark Friedrichshain. Die einsetzende Dämmerung hatte bereits den Tag verdrängt. Der Himmel hatte sich mit dunklen Wolken bezogen, es sah nach Regen aus. Um vor dem ersten Guss ihre in der Nähe liegende Wohnung in der Hans-Otto-Straße zu erreichen, entschloss sie sich entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, durch den Volkspark zu gehen, der hinter der Friedenstraße begann.
   Sie nahm die Abkürzung nicht gern in Anspruch, weil der unbeleuchtete Weg durch einen waldähnlichen Parkbereich führte, der zu dieser späten Stunde erfahrungsgemäß menschenleer war. Eilig lief sie die paar hundert Meter zur Friedenstraße und überquerte mit wenigen Schritten die immer noch stark befahrene Verbindungsstraße zwischen dem »Platz der Vereinten Nationen« und der Greifswalder Straße, klemmte ihre Handtasche fest unter den Arm und betrat mit entschlossenem Blick den Park.
   Der Weg führte nach rund zweihundert Metern rechts in Richtung Bunkerberg und dem dahinter liegenden Großen Teich, einem dicht umwachsenen See in der Mitte der unübersichtlichen Grünanlage. Und sie behielt recht mit ihrer Vermutung. Weit und breit war niemand zu sehen.
   Vorsichtshalber drehte sie sich noch einmal um, ehe sie in die Abzweigung einbog. Sie war allein. Aufatmend lief sie weiter und ließ noch einmal den Ablauf des Abends vor ihrem geistigen Auge vorüberziehen.
   Die Versammlung war nicht sonderlich harmonisch verlaufen, weil sich die Mehrzahl der Eltern über die ihrer Meinung nach zu vielen Schulaufgaben ihrer Kinder beschwert hatten. Sie musste regelrechte Überzeugungsarbeit leisten, um die Vorwürfe zu entkräften. Immer wieder hieß es, Viertklässler wären noch nicht so belastbar. Besonders diese unsympathische Arztgattin, Frau Waldheim, hatte sich wieder einmal bei den Protesten hervorgetan und den anderen die überaus besorgte Mutter vorgespielt. Aber was soll’s, dachte sie, jetzt schon sichtlich erleichtert. Der Tag war ja noch nicht zu Ende. Zu Hause wartete Klaus, mit dem sie einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher verbringen wollte.
   Franziska sah den Abzweig vor sich, der direkt zum in der milden Abendsonne silbern glänzenden See führte, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Erschrocken wirbelte sie herum und sah einen jungen Mann auf einem roten Mountainbike, der sich ihr rasch näherte und im Begriff war, sie zu überholen. Hastig trat sie zur Seite, um ihm den Weg freizumachen. Wortlos radelte er an ihr vorüber und verschwand an der nächsten Biegung hinter einer Baumgruppe und dichtem Buschwerk aus ihrem Blickfeld.
   Sie atmete tief durch und beschleunigte ihren Schritt. Wohl war ihr dabei ganz und gar nicht, und sie ärgerte sich sofort darüber, dass sie die Abkürzung durch den Park gewählt hatte, obwohl sie ihrem Mann es in die Hand versprochen hatte, es nicht mehr zu tun.
   Der Radfahrer hatte ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt, und daran war sie auch noch selbst schuld. Nach ein paar Schritten hatte sie die Biegung erreicht und sah bereits in etwa zweihundert Metern die ersten Scheinwerfer der Autos auf der Straße »Am Friedrichshain«, die den Volkspark begrenzte. Sie atmete auf. Gleich hatte sie es geschafft, und sie freute sich schon auf Klaus. Bestimmt hatte er eine Kanne Tee gekocht und eine Packung »Mon Cherie«, ihre Lieblingspralinen, bereitgelegt. Was sollte jetzt noch groß passieren? Ihr unterschwelliges Angstgefühl wich einer entspannten lockeren Stimmung.

*

Andreas bog in einen Parkweg des Friedrichhains ein, der zum Großen Bunkerberg führte. Kurz darauf sah er die Frau vor sich. Je näher er ihr kam, umso mehr wurde ihm bewusst, dass sie eine schlanke Figur und wohlgeformte Beine hatte, die in halbhohen Pumps steckten. Sie trug enge Jeans, eine offene, kurze Lederjacke und ein locker gebundenes Halstuch. Als er noch etwa fünf Meter von ihr entfernt war, drehte sie sich um, und er blickte in ihr erschrecktes Gesicht. Sie war mittleren Alters, aber noch sehr attraktiv. Er zuckte bei dieser Erkenntnis zusammen, als hätte er einen Stromschlag erhalten. Wie in Trance fuhr er an ihr vorüber und erhöhte kurzfristig das Tempo. Das Pochen in seinem Kopf war plötzlich wieder da und wurde immer stärker.
   Er wusste, was er jetzt tun musste. Hinter der Biegung stoppte er, sprang vom Fahrrad, schob es ein paar Meter weiter und legte es vorsichtig hinter einem dichten, mannshohen Busch auf den Boden. Sicherheitshalber sah er sich um. Niemand war in der Nähe, nur von der Straße her waren die typischen Verkehrsgeräusche zu hören. Hinter einer Buschreihe schloss sich eine kleine Wiese an, die zum Weg und zur Straße hin von einer dichten Dornenhecke begrenzt wurde. Ein geradezu idealer Platz.
   Es sah nach Regen aus, und er brauchte nicht zu befürchten, in der nächsten Viertelstunde von einem unliebsamen Spaziergänger überrascht zu werden. Gebückt schlich er zum Wegesrand und wartete.

*

Vor Schreck blieb ihr beinahe das Herz stehen, als urplötzlich ein maskierter Mann vor ihr aus dem Busch sprang und sie angriff. Ihr Angstschrei blieb ihr im Halse stecken. Mehr als ein heiseres Gurgeln brachte sie nicht zustande.
   Blitzschnell war er bei ihr, legte ihr einen Arm um den Hals und presste ihr die Luft ab. Er trat hinter sie und hielt ihr ein Messer an die Kehle. »Bleib ja ruhig, sonst …« Er sprach den Satz nicht zu Ende. Dafür machte er mit der Hand eine eindeutige, unmissverständliche Bewegung.
   Starr vor Angst konnte sie nur nicken. Sie war wie gelähmt und nicht in der Lage, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Erst langsam begriff sie, dass der Mann sie nicht nur berauben wollte. Um Gottes willen, was sollte sie tun? Um Hilfe zu rufen, hatte keinen Zweck. Das Messer an ihrer Kehle zeigte ihr nur zu genau, dass der Maskierte keinen Spaß verstand und es auch bei geringstem Widerstand einsetzen würde. Sie wollte nicht riskieren, dass er womöglich zustach und sie in höchste Lebensgefahr geriet. Was blieb ihr für eine Wahl? Eine Flucht zu Fuß schied aus. Der Weg bis zur Straße war zu weit. Sie erinnerte sich an das eintägige Seminar bei der Polizei, an dem sie vor ein paar Wochen teilgenommen hatte. Ihr Trainer, ein erfahrener Psychologe, hatte mit allen Teilnehmerinnen ähnliche Situationen durchgespielt, aber der Ernstfall hatte ganz andere Dimensionen. Eins war ihr aber im Gedächtnis haften geblieben. In solchen Fällen auf Gegenwehr zu verzichten und dem Täter gegenüber klar und unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, dass man mit seinen Handlungen keinesfalls einverstanden war. Aber sie kam nicht mehr dazu, sich weitere Gedanken zu machen.
   »Mach keinen Firlefanz, sonst steche ich dich ab. Ich habe nichts zu verlieren. Hast du das kapiert?«
   Sie nickte voller Panik, als sie begriff, dass er sie vergewaltigen wollte. Einen winzigen Augenblick hatte sie noch gehofft, dass er es nur auf ihr Geld oder ihr Handy abgesehen hatte. Nein, daran schien er kein Interesse zu haben. Er wollte ihr hier und jetzt Gewalt antun. Zitternd vor Angst ließ sie sich zu der Lücke im Gebüsch führen.
   Er stieß sie auf die Wiese. »Hey, du Schlampe, zieh deine Jeans aus, und mach ein bisschen dalli. Ich habe nicht ewig Zeit. Jetzt werde ich es dir so richtig besorgen, so, wie du es am liebsten hast. Jetzt wirst du richtig durchgefickt.« Er lachte verächtlich und machte mit seinen Hüften eindeutige Bewegungen.
   Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter. Hoffentlich tötet er mich nicht, war ihr einziger Gedanke. Sie musste alles tun, was er von ihr verlangte. Dann würde er sie vielleicht verschonen, hoffte sie mit heißem Herzen.
   »Ich mach ja schon«, flüsterte sie und fing an, sich auszuziehen. Sie taxierte den Unbekannten unauffällig. An seiner hellen Jogginghose und seinem roten Sweatshirt erkannte sie den Radfahrer wieder, der sie vor ein paar Augenblicken überholt hatte. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Er war recht groß, etwa 1,85 Meter, und hatte eine muskulöse Figur. Ansonsten fiel ihr nichts weiter an ihm auf. Sein Gesicht hatte er mit einer Motorradhaube maskiert. Über seine Hände hatte er Plastikhandschuhe gezogen. Schließlich stand sie halb nackt vor ihm.
   Er trat näher und betrachtete sie von oben herab. Obwohl er maskiert war, spürte sie seinen verächtlichen Blick. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich ausziehen! Warum hast du noch deinen Slip an? Los, mach endlich, ich hab ’nen verdammten Samenstau!«
   Voller Scham entblößte sie sich und vermied es, ihn anzusehen.
   Er lachte erneut, zog seine Hose halb hinunter und griff nach seinem erigierten Glied. »Komm her, du Schlampe, nimm meinen Schwanz in deinen Mund und blas mir einen. Aber mach schnell, sonst bekomme ich noch Kopfschmerzen.«
   Sie fing bei der Vorstellung, ihn mit dem Mund befriedigen zu müssen, zu würgen an und griff sich an den Hals. »Ich kann das nicht. Nein, das mache ich nicht!« Sie schluchzte mit Tränen in den Augen und schüttelte demonstrativ den Kopf.
   Er erstarrte und kam noch dichter an sie heran. Sie spürte seinen schlechten Atem, der über ihr Gesicht strich. Sofort überkam sie ein erneuter Brechreiz.
   »He, du Fotze, du hast hier gar nichts zu melden«, stieß er wütend hervor. »Wenn du dich nicht bald beeilst, spritz ich so ab und wasche dir mit meinem Sperma dein Gesicht. Kannst du dir also aussuchen. Vielleicht schneide ich dir aber auch die Nasenspitze ab …«, sagte er lauernd, griff in die Hosentasche, holte das Klappmesser wieder heraus, ließ die Klinge herausspringen und hielt es ihr demonstrativ an die Nase. »Du kannst jetzt entscheiden, entweder blasen oder Nasenspitze abschneiden!«
   Resignierend sah sie ein, dass sie keine andere Wahl hatte. Sie kniete vor ihm nieder, öffnete den Mund und dachte an Klaus, der sicher ungeduldig auf sie wartete.
   Schon nach wenigen Bewegungen mit den Lippen musste sie aufhören, fasste sich würgend an den Hals und erbrach sich. Sie säuberte sich den Mund am Ärmel ihres Pullovers. »Ich kann das nicht, bitte … verschone mich damit. Lass es uns anders machen. Aber nicht mit dem Mund …«, flehte sie.
   Er starrte sie wortlos an. Nach einem Moment des Schweigens holte er plötzlich aus und schlug ihr mit der geballten Faust zweimal ins Gesicht. Er grinste. »Ich mag keinen Widerspruch, du verdammte Schlampe. Aber gut, dann ficken wir eben. Soll mir auch recht sein. Gib dir bloß Mühe, sonst …« Er sprach nicht weiter, aber sie wusste, dass er wieder sein Messer zücken würde.
   Der Schlag hatte unvermittelt ihr rechtes Auge getroffen. Sofort war die Augenbraue aufgeplatzt, und Blut tropfte aus der Wunde. Aufstöhnend sank sie zu Boden, öffnete ihre Beine und sah über sich den Himmel. Die Wolken hatten sich aufgelockert, dazwischen entdeckte sie Reste von blauem Himmel, dessen Farbe im Westen mittlerweile in zartrosa übergegangen war. Sie schloss voller Panik die Augen und fing zu beten an.
   Er legte sich auf sie und drang brutal in sie ein. Sie schrie vor Schmerzen auf. Ihr Wimmern feuerte ihn nur zu mehr an. Dabei lachte er roh und verstärkte ungerührt das Tempo seiner Stöße. »Komm, sag mir, wie gut ich es mache und dass dich noch nie einer so gut gefickt hat wie ich. Los, sag es!«
   Sie erfüllte ihm seinen Wunsch und hoffte nur, dass es schnell vorbeigehen würde.
   Plötzlich hielt er inne, zog sein halb steifes Glied aus ihr heraus, stand auf und sah auf sie herab. »Ich hab keinen steifen Schwanz mehr«, murmelte er überrascht, zog sie hoch und griff ihr brutal ins Genick. »Dann machst du es mir jetzt mit der Hand!«
   Sie nickte erleichtert. Endlich war die Tortur vorüber. Sie hatte es fast überstanden. Mit geübter Hand brachte sie ihn nach kurzer Zeit zum Erguss. Er spritze ihr laut aufstöhnend in die Hand und auf ihren nackten Körper und sank für einen Moment in sich zusammen.
   Er stützte sich auf ihr ab. »Immer, wenn es bei mir kommt, schreie oder weine ich. Du musst schon entschuldigen. Ich wollte dir nicht wehtun. Tut mir sehr leid …« Er sprang auf, zog sich rasch die Hose hoch, griff nach ihrer Tasche, zwängte sich hastig durch die Lücke im Buschwerk und war verschwunden.
   Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich aufrappeln konnte. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich wieder anzuziehen. Sie war von ihrem Peiniger unglaublich gedemütigt und misshandelt worden und fühlte sich total beschmutzt. Ekel und Brechreiz lösten sich ständig einander ab, und sie spürte eine totale Erschöpfung. Dennoch war sie dem Schicksal dankbar, dass der Täter sie lebend zurückgelassen hatte. Taumelnd und schluchzend gelang es ihr endlich, sich zur Straße zu schleppen und ein vorbeifahrendes Taxi zu stoppen. Von Weinkrämpfen geschüttelt berichtete sie dem Fahrer, was ihr zugestoßen war.
   Der machte nicht viel Worte, setzte sie auf den Rücksitz, drückte ihr ein Päckchen Taschentücher in die Hand, schloss die Tür, wendete und fuhr die nächste Polizeidienststelle an.

*

Andreas zerrte das Mountainbike hinter dem Busch hervor und raste los. Er verließ die Parkanlage und war so in Gedanken, dass er beinahe einen Fußgänger umgefahren hätte. Im letzten Moment konnte er den Lenker herumreißen und einen Zusammenprall verhindern. Wütend schrie ihm der Unbekannte ein paar unflätige Schimpfworte hinterher.
   Ein Stück weiter hielt Andreas an. Er lehnte Rad an einen Laternenmast und überquerte die Straße, um zu der gegenüberliegenden Bushaltestelle zu gelangen. Kurz darauf stieg er in einen Bus in Richtung Alexanderplatz ein.
   Außer Atem erreichte er sein Wohnhaus. Das letzte Stück nach Hause war er nur noch gerannt, getrieben von der Angst, die Polizei könnte ihn festnehmen. Leise schloss er die Wohnungstür auf und schlich auf Zehenspitzen am Schlafzimmer seiner Mutter vorbei. Die Tür war einen Spalt weit offen, das Licht war aus. Gott sei Dank, sie schlief schon.
   Als er die Türklinke hinunterdrückte, hörte er ihre anklagende Stimme. »Andy, Junge … wo warst du denn so lange? Ich habe den ganzen Abend auf dich gewartet …«
   Er erstarrte. »Mutti … ich bin zweiundzwanzig und muss mich nicht bei dir abmelden, wenn ich weggehe. Das musst du endlich begreifen. Ist das denn so schwer?« Er war schon wieder auf hundert.
   »Ach, mein Junge … ich bin doch so allein. Niemand kommt mich besuchen. Dein Essen steht kalt auf dem Tisch. Wollten wir nicht gemeinsam Fernsehen?«, fragte sie anklagend.
   Er wollte schon wieder lospoltern, besann sich aber im letzten Augenblick. »Macht nichts, Mutti, ich habe unterwegs ein paar Currywürste gegessen. Das mit dem Fernsehen habe ich vergessen«, entgegnete er mit versöhnlicher Stimme. »Lass mich jetzt bitte in Ruhe, ich bin müde und möchte schlafen. Es ist beinahe dreiundzwanzig Uhr.« Er musste jetzt unbedingt allein sein.
   Die Sache im Volkspark Friedrichshain war ihm mächtig an die Nieren gegangen, und er schämte sich vor sich selbst. Was war er doch für ein verdammtes Arschloch, und was hatte er der armen Frau nur angetan? So ging es jedenfalls mehr weiter.
   Um diese ganze Scheiße ein für alle Mal zu beenden, musste er endlich einen Ausweg finden. Er wusste, dass er dicht vor einem Abgrund stand und jederzeit Gefahr lief, abzustürzen. Die Bullen würden nicht eher ruhen, bis sie ihn geschnappt hatten. Und dann verschwand er für lange Zeit im Knast, um dort zu vermodern, eine grauenvolle Aussicht. Es war wie ein Teufelskreis. Immer wieder hatte er sich gefragt, wohin ihn der ganze Wahnsinn führen sollte? Aber dann kam er in Situationen, die er einfach nicht mehr beherrschen konnte. So ging das schon seit etwa zwei Jahren. Er hasste sich dafür, aber er war auch machtlos gegen seinen Trieb, der unkontrolliert durchbrach und ihn zu einem Monster werden ließ. Er musste unbedingt nachdenken, endlich nach Wegen und Möglichkeiten suchen, um aus diesem Chaos herauszukommen. Vielleicht konnte ihm ein Psychiater helfen?
   »Warum bist du nicht zu Hause geblieben? Es gab so einen schönen Film im Fernsehen.«
   Das war zu viel. Krachend schmiss er seine Zimmertür zu, trotzdem hörte er ihren tiefen Seufzer und ein leises Schluchzen. Na ja, jetzt heult sie wieder, wie immer. Aber dieses Spielchen zog bei ihm nicht mehr. Damit war endgültig Schluss. Er atmete tief durch, warf sich auf sein Bett. Aber die ersehnte Ruhe fand er nicht, denn sofort meldete sich sein schlechtes Gewissen und ließ ihm keine Ruhe mehr.
   Schuldbewusst klopfte er rund zehn Minuten später an ihre Tür und öffnete einen Spalt. »Mutti, es tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin«, sagte er. »Ich wollte dir nicht wehtun, aber auch ich habe manchmal so meine Probleme, nicht nur du.«
   »Ist schon recht, Andy, du bist ein guter Junge, der sich wirklich sehr um seine kranke Mutter kümmert«, erwiderte sie mit theatralischem Unterton in der Stimme. »Geh jetzt ruhig schlafen und kümmere dich nicht weiter um mich. Ich komme schon zurecht. Gute Nacht.«
   »Gute Nacht, Mutti, also dann bis morgen. Abends bleibe ich zu Hause, und dann machen wir es uns gemütlich.«
   »Jaja, mein Junge, das machen wir.« Sie seufzte sichtlich zufrieden.

*

Robert saß zur nächtlichen Stunde in seinem Dienstzimmer und brütete über dem Ermittlungskomplex, der bereits über sechs Ordner mit insgesamt dreizehn Vergewaltigungen umfasste, die nach dem bisherigen Ermittlungsstand einem einzigen Serientäter zuzuordnen waren. Die Straftatenserie hatte am 14. Juni 2000 im Friedrichshain mit der Vergewaltigung einer fünfundvierzig Jahre alten Frau begonnen und am 29. März dieses Jahres mit einer gleichen Tat im Tiergarten scheinbar ihr vorläufiges Ende gefunden. Seither war eine weitere Tat, die dem Täter aufgrund seines Modus Operandi und seiner hinterlassenen DNA-Spuren zugerechnet werden konnte, nicht mehr angezeigt worden. Mit Staatsanwalt Sattler von der Geschäftsstelle 1 Kap des Landgerichts Berlin hatte er in einem längeren Telefongespräch vereinbart, dass die Ermittlungen nach wie vor mit allen Anstrengungen weitergeführt werden, während ihm der Originalvorgang mit einem Zwischenbericht zur wiederholten Einsichtnahme zugeleitet werden sollte.
   Robert hatte am heutigen Tage wieder einmal Spätdienst im Referat »Delikte am Menschen«. Seit Beginn seines Dienstes um 16:30 Uhr hatte er nur einige Anfragen anderer Dienststellen erhalten, die er relativ schnell erledigen konnte. Die jetzt herrschende Ruhe passte genau in den Plan, und so konnte er sich, fernab von der täglichen Hektik endlich dem Schreiben des umfangreichen Zwischenberichtes widmen. Nachdenklich stand er auf und ging in den Einsatzraum. Dort befand sich an der Wand ein Ausschnitt des Berliner Stadtplans, der die Innenstadt zeigte und auf dem alle bisherigen Taten mit Fähnchen gekennzeichnet waren. Immer wieder hatte er in der letzten Zeit davorgestanden und nach einem Schlüssel gesucht, um hinter das System zu kommen, nach dem der Täter seine Tatorte ausgesucht haben könnte. Vielleicht war alles nur Zufall, und der unbekannte Sexualverbrecher hatte die zum Teil weit auseinander liegenden Orte zufällig ausgewählt, wenn er dort ein geeignetes Opfer entdeckt hatte und die Tatumstände für ihn günstig waren.
   Auch heute war er ratlos und schüttelte resigniert den Kopf. Seit fast zwei Jahren hatten die umfangreichen Ermittlungen keine konkreten Anhaltspunkte erbracht, die seine Mitarbeiter und ihn zum Täter hätten führen können. Unzählige Überstunden standen bereits zu Buche, und eine Vielzahl von Observationen mit hohem Personaleinsatz hatte zu keinem messbaren Erfolg geführt.
   Von Anfang an hatten die abscheulichen Taten in der Bevölkerung ein breites und empörendes Echo gefunden, und es waren aufgrund der Öffentlichkeitsfahndung bisher 276 Hinweise auf den Täter bei seiner Dienststelle eingegangen. Ein heißer Tipp, der sie auf seine Spur hätte führen können, war jedoch nicht darunter. Von einer Boulevardzeitung war der Täter bereits mit der reißerischen Titulierung Das Messerphantom bedacht worden.
   Die Pressestellen der Polizei und der Staatsanwaltschaft sorgten dafür, dass immer wieder Berichte in den Medien erschienen, um das Interesse der Bevölkerung an dieser unheimlichen und äußerst brutalen Vergewaltigungsserie wachzuhalten. Und so gab es gelegentlich immer wieder Hinweise auf verdächtige Personen, die sich aber bei näherer Überprüfung alle als haltlos erwiesen hatten.
   Es war einfach nicht zu fassen, wie trotz der wiederholten öffentlichen Warnungen der Kriminalpolizei, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein in den teilweise unübersichtlichen und unbeleuchteten Parks der Innenstadt unterwegs zu sein, einige Frauen immer noch sorglos mit diesen Warnungen umgingen. Immer wieder mussten seine Kollegen und er bei entsprechenden Observationen der fraglichen Grünanlagen und Parks frustriert feststellen, dass es Frauen jedes Alters gab, die die Warnungen aus unerfindlichen Gründen in den Wind schlugen und sich unnötig in Gefahr brachten.
   Die Taten waren in vier mehr oder weniger großen Park- bzw. Grünanlagen in der Mitte Berlins verübt worden. Darunter waren der Tiergarten mit sechs Tatorten, der Volkspark Friedrichhain mit vier, der Volkspark Prenzlauer Berg mit zwei und der Monbijou-Park mit einem Tatort vertreten. Keinerlei Übereinstimmungen gab es bei den Tatzeiten, bei den Wochentagen und den unterschiedlichen zeitlichen Abständen zwischen den Taten.
   Die Tatmuster waren indes eindeutig. Der unbekannte Sexualverbrecher suchte sich immer Frauen aus, die die vierzig Jahre deutlich überschritten hatten, und die nach Einbruch der Dunkelheit allein in einem der vier Parks in der Mitte Berlins unterwegs gewesen waren. Der den Opfern körperlich weit überlegene Täter erstickte ihren Widerstand, indem er sie sofort mit einem Messer bedrohte oder ihnen mehrfach ins Gesicht schlug und ihnen in einigen Fällen schlimme Konsequenzen androhte. So äußerte er verschiedene Male konkret, seine Opfer ohne Erbarmen umzubringen, wenn sie ihm nicht zu Willen seien. Die sexuellen Handlungen, die er an ihnen vornahm bzw. von ihnen verlangte, erstreckten sich über den Zeitraum von manchmal bis zu einer Stunde. Seine Opfer äußerten übereinstimmend, dass er deutliche Schwierigkeiten hatte, eine Erektion zu bekommen. Auch versuchte er, unter allen Umständen zur Ejakulation zu kommen, was ihm jedoch nur in fünf Fällen gelang. Die Steigerung seiner sexuellen Forderungen an seine Opfer trat im Verlaufe seiner Taten immer zügelloser hervor. In den Fällen, in denen von ihm ein Analverkehr erzwungen wurde, verlangte er anschließend sofort Oralverkehr, der von den Opfern nur mit allergrößtem Widerwillen durchgeführt wurde. Wenn sich eines der Opfer während oder danach erbrach, lachte er roh und gefühlslos und machte sich über deren Ekel lustig. Es schien ihm großes Vergnügen zu bereiten, die Frauen zu quälen und vor allem zu demütigen. Auf die Schmerzen seiner Opfer, die besonders beim Analverkehr auftraten, reagierte er mit immer heftigeren Stößen und erregte sich in zunehmendem Maße, je mehr sie schmerzhaft aufstöhnten.
   Robert erinnerte sich an eine Besonderheit im Verhalten des Täters, die ihm bisher in seiner langen Dienstzeit weder in der Praxis noch in Wissenschaft und Lehre untergekommen war. In völligem Widerspruch zu der vom Täter immer wieder angewandten Brutalität standen seine weinerlichen Entschuldigungen oder seine angebliche Fürsorge, wie die von ihm am häufigsten benutzen Aussprüche zeigten: »Es tut mir so leid« oder »Entschuldige bitte, so bin ich nun mal« oder »Es ist einfach über mich gekommen, verzeih mir bitte« oder »Hast du dir etwa wehgetan?« Auch sein mehrmaliger Vorwurf: »Arme Kleine, warum bist du nur allein durch den dunklen Park gegangen?« war an Zynismus nicht zu überbieten.
   Ob diese Äußerungen nach seinen Straftaten seiner augenblicklichen Gemütslage entsprachen und er damit nur sein schlechtes Gewissen beruhigen wollte, oder ob es nur ein paar hingeworfene Floskeln waren, würden später sicherlich seine Vernehmungen ergeben. Aber dazu musste man diesen Schweinehund erst einmal finden. Grimmig schlug Robert mit der linken Faust einen imaginären Haken in seine geöffnete rechte Hand, dass es laut klatschte. Beängstigend war jedoch auch, dass aufgrund der Erkenntnisse aus der Dunkelfeldforschung von einer weitaus höheren Anzahl gleicher Delikte ausgegangen werden musste. Somit galt als sehr wahrscheinlich, dass eine unbekannte Anzahl von Frauen ebenfalls schon Opfer dieses sadistischen Gewaltverbrechers geworden waren und bisher, aus welchen Gründen auch immer, keine Anzeigen erstattet hatten.
   Auch in diesem Sammelverfahren hatten fünf Opfer die Taten erst Tage später angezeigt. Als Hauptgründe gaben sie die außergewöhnliche Brutalität der Tatausführung und die daraus resultierende desolate Gemütsverfassung an. Einige von ihnen waren längere Zeit krankgeschrieben, wieder andere mussten therapeutische Hilfe von Psychologen in Anspruch nehmen, um in die Normalität zurückkehren zu können.
   Bisher konnten neben DNA-Spuren keine weiteren verwertbaren Spuren an den Tatorten gesichert werden, die sie zum Täter hätten führen können. Aufgrund der serologischen Gutachten stand aber zweifelsfrei fest, dass die an und in den Opfern gefundenen Spermaspuren alle von dem gleichen Verursacher stammten. In den Dateien der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamts war er bisher jedoch namentlich nicht gespeichert. Fingerabdrücke hatte er nicht hinterlassen, dafür sorgten seine Plastikhandschuhe.
   Es gab zwar eine übereinstimmende Täterbeschreibung, aber wegen seiner Maskierung mit einer »Sturmhaube« war die Herstellung eines Fahndungsfotos nicht möglich. Alle Opfer gaben übereinstimmend an, dass es sich um einen großen, jungen und kräftigen Mann von höchstens zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren gehandelt habe. Auffällig war, dass er bei den Taten über seine Hände typische Haushaltshandschuhe aus Plastik gezogen hatte, die in jedem Supermarkt zu kaufen waren. Zur Tatbegehung benutzte er jedes Mal ein Mountainbike, verfolgte seine Opfer unbemerkt bis in den Park hinein, überholte sie, um sie wenig später an einer unübersichtlichen Stelle zu überfallen. Unmittelbar nach den Taten entledigte er sich der Fahrräder. Bei der sofortigen Durchsuchung der näheren Umgebung der verschiedenen Tatorte konnten die von den Opfern beschriebenen Mountainbikes in zehn der bisher dreizehn angezeigten Vergewaltigungen sichergestellt werden, wobei auffällig war, dass das jeweils in den ersten drei Fällen benutzte schwarze Rad bis heute nicht aufgefunden werden konnte. Der Täter hatte sich allem Anschein nach der ersten Etappe seiner erfolgreichen Flucht sofort von den Rädern getrennt, sie irgendwo stehen gelassen und war mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß geflüchtet und im dichten Straßenverkehr untergetaucht. Bisher waren an den Rädern keine verwertbaren Täterspuren gefunden worden.
   Robert las zum wiederholten Male das vorläufige Gutachten des Rechtsmediziners und Psychologen Dr. Gregorius. Darin hieß es, dass es für das Tragen der Handschuhe auch noch einen anderen, und zwar psychologischen, Grund geben müsse.
   Er hielt die These des Arztes für ziemlich gewagt, der behauptet hatte, der Täter würde sie auch deshalb anziehen, um sich nicht selbst zu beschmutzen. Das sei aber nur im übertragenen Sinne gemeint, wie er ihm später anlässlich eines Gesprächs erklärte. Der Täter sorge damit für Distanz zum Opfer, weil er sich durch die Tat im eigentlichen Sinne an jemand anderes rächen wolle. Auch das übereinstimmende Alter der Opfer ließ den Schluss zu, dass es sich bei dem Täter um jemand handeln müsse, der durch die Taten seine Geringschätzung und Verachtung älteren Frauen gegenüber auslebe, und ihnen durch die Vergewaltigung kurzfristig zeigen wolle, dass er jemand sei, der uneingeschränkte Macht über sie besitzt und sie beliebig beherrschen könne, wobei der Orgasmus eine zweitrangige und demnach untergeordnete Rolle spiele. Dafür sprach auch die Tatsache, dass er immer wieder Schwierigkeiten hatte, zum Samenerguss zu kommen. Kurzum, Dr. Gregorius vertrat ferner die Ansicht, dass es sich um das Ausleben frühkindlich aufgestauter Aggressionen eines erwachsenen Mannes handeln könne, der in seiner Jugend von seiner Mutter lieblos und kaltherzig und vielleicht sogar mit großer körperlicher Strenge erzogen worden war und bei dem sich mit der Zeit ein so großes Hass- und Abneigungspotenzial aufgebaut hatte, das der gelegentlichen, plötzlichen Entladung bedürfe, und zwar immer dann, wenn es unmittelbar zuvor durch eine heftige verbale Auseinandersetzung mit ihr zu einer psychischen unerträglichen Stresssituation gekommen war. So missbrauche und demütige er nach der These des Polizeipsychologen die einzelnen Frauen stellvertretend für das für ihn unangreifbare, tatsächliche Opfer, aller Wahrscheinlichkeit nach seine Mutter, um all seine hilflose Wut und Widerwillen abzureagieren, die sich seit frühester Kindheit gegen sie aufgestaut hatten. Mit dieser These hatte sich der Facharzt ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Aber gut, nun galt es, diese Theorie zu beweisen und den Täter zu schnappen. Dann würde sich schon noch herausstellen, welche tatsächlichen Beweggründe und Motive ihn dazu getrieben hatten, diese abscheulichen Taten zu begehen.
   Eine weitere Hürde tat sich auf, als nach umfangreichen Ermittlungen feststand, dass es keine Gemeinsamkeiten unter den Opfern gab. Sie kannten sich nicht, hatten unterschiedliche Berufe, keine gleich gelagerten Interessen, und vor allem hatte sie unterschiedliche Lebensentwürfe. Eines aber war auffällig. Alle Opfer wohnten in der näheren Umgebung der jeweiligen Tatorte. Da der Täter in jedem Fall ein Fahrrad benutzt hatte, war davon auszugehen, dass er nicht unmittelbar im Zentrum der Stadt wohnhaft war.
   Die erste Tat hatte der Unbekannte bereits vor zwei Jahren am 14. Juni 2000 im Volkspark Friedrichshain verübt. Der mit einer Sturmhaube maskierte Täter zwang in den Abendstunden eine 45-jährige Frau unter Vorhalt eines Messers zum Oral- und Analverkehr. Er biss der sich heftig wehrenden Frau mehrmals in beide Brüste und fügte ihr stark blutende Verletzungen zu. Danach entstand eine Pause von fast drei Monaten, bis er erneut am 26. September, diesmal im Tiergarten zuschlug. Bereits am 17. Oktober, nur drei Wochen später, überfiel er eine Frau im Volkspark Prenzlauer Berg und setzte zum ersten Mal ein Klappmesser bei dem sich erbittert wehrenden Opfer ein, um seinen Widerstand zu brechen, und fügte ihm an beiden Unterarmen tiefe Schnittwunden zu. In den nächsten sechs Monaten tat sich nichts, und es keimte die leise Hoffnung auf, dass die Serie aus irgendeinem Grunde abgerissen war. Vielleicht war der Täter weggezogen, hatte eine Gefängnisstrafe zu verbüßen oder sogar eine Therapie gemacht. Aber alle Spekulationen machte der Täter mit seiner Tat am 10. April 2001 zunichte, als er in den späten Abendstunden im Monbijou-Park nahe der Spree und dem »Hackeschen Markt« eine weitere Vergewaltigung beging. Das Opfer war eine 44-jährige Touristin aus Paris, die sich nichts ahnend für ein paar Minuten auf eine Parkbank gesetzt hatte, um sich von den Strapazen ihrer Entdeckungstour durch die City Berlins zu erholen.
   Am 28. September 2001 überfiel der Täter eine 42-jährige Krankenschwester im Volkspark Friedrichshain, die ihren Nachhauseweg vom Krankenhaus an der Landsberger Alle zu ihrer Wohnung in der Friedenstraße durch den Park abkürzen wollte. Er zwang die Frau äußerst brutal zum Oral- und Analverkehr, biss ihr in die Brüste und raubte ihr eine Goldkette. Sie musste wegen ihrer Verletzungen stationär in ein Krankenhaus aufgenommen werden und war mehrere Wochen lang nicht vernehmungsfähig.
   Robert erinnerte sich gut an die Anfänge dieser bisher einmaligen, an Brutalität nicht zu überbietenden, üblen Straftatenserie. Schon nach der zweiten Tat hatte er beschlossen, eine kleine Soko von drei Beamten zu bilden, um dem offensichtlich psychisch gestörten Triebtäter Einhalt zu gebieten. Die Leitung legte er in die Hände der erfahrenen 39-jährigen Oberkommissarin Barbara Büttner, die bereits seit über zehn Jahre in seinem Kommissariat erfolgreich arbeitete. Ihr zur Seite standen die beiden jungen Kommissare Rainer Langner und Thomas Herzberg, die fortan mit Hochdruck an der Aufklärung dieser aufsehenerregenden Serie arbeiteten. Aber es war wie verhext. Trotz einiger Fahndungsaufrufe in den Medien und im Fernsehen gab es keine konkrete Spur. Obwohl die Beschreibung des Täters in wesentlichen Punkten mit den Aussagen aller Opfer übereinstimmte, war sie zu allgemein und eignete sich nicht zu seiner Identifizierung in den entsprechenden Täterdateien der bundesweiten Fachdienststellen der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes. Die Ermittlungen nach der Quelle der von ihm zur Tat benutzten Fahrräder waren überwiegend erfolgreich verlaufen. Er hatte die Räder, die zu Dutzenden vor S- oder U-Bahnhöfen der Innenstadt abgestellt waren, ein oder mehrere Tage vor seinen sexuellen Überfällen entwendet.
   Offensichtlich hatte er damit Vorsorge getroffen, um bei einem erneuten Wutanfall sofort auf ein Fahrrad zurückgreifen zu können, eine wesentliche Voraussetzung für die Begehung einer weiteren Tat.
   Die Diebstahlanzeigen der Eigentümer befanden sich bei den Akten. Ihre vorsorglichen Überprüfungen ergaben, dass sie alle für die jeweiligen Tatzeiten ein Alibi vorweisen konnten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte der unbekannte Täter mit einem kleineren Bolzenschneider die Fahrradschlösser ohne großes Aufsehen in Sekundenschnelle geknackt und war anschließend mit dem Rad in aller Ruhe davongefahren. Das waren auch die ersten Ansatzpunkte, die seine drei Beamten verfolgten. Die örtlichen Fahndungsgruppen der Schutzpolizei kontrollierten verstärkt die einschlägigen Bahnhöfe und deren Umgebung, an denen erfahrungsgemäß tagsüber die Fahrräder der Fahrgäste in großer Zahl angeschlossen waren. Aber wegen der weit auseinanderliegenden Tatzeiten war eine durchgängige Observation der infrage kommenden Orte für längere Zeiträume nicht möglich.
   Ermittlungen bei der BVG, der S-Bahn und der Taxiinnung blieben erfolglos. Niemand vom befragten Personal konnte sich zur fraglichen Tatzeit an einen Fahrgast erinnern, auf den die zugegebenermaßen nicht sehr detaillierte Beschreibung zutraf. Es war frustrierend. Noch gab es nichts außer 1467 Seiten akribisch geführter Akten, schön sauber in sieben Aktenordnern abgeheftet. Dreizehnmal hatte dieser Unhold zugeschlagen und Frauen auf das Brutalste vergewaltigt, sie zum Teil erheblich durch Schläge und Bisse verletzt. Er wagte überhaupt nicht daran zu denken, dass der Unbekannte irgendwann, heute, morgen oder in vier Wochen wieder zuschlagen könnte. Während er hier saß und sich den Kopf zerbrach, schlich dieses menschliche Monster möglicherweise durch die Gegend, um sich erneut ein Opfer auszusuchen. Vielleicht hatte er es auch schon im Visier, eine kaum ertragbare Vorstellung. Wie sollte er dem Opfer gegenübertreten und ihm seine bisherige Erfolglosigkeit erklären? Er schüttelte wütend seinen Kopf und starrte aus dem Fenster auf den Hof hinunter, auf dem, schön in Reihe und Glied, die Dienstwagen abgestellt waren. Es war ein milder Sommertag, und er hörte die Geräusche der Stadt, die durch das offene Fenster drangen. Sein Blick schweifte für einen Moment gedankenverloren durch den Raum und blieb an seiner Wanduhr hängen, einem Geschenk seiner Gewerkschaft zum 25-jährigen Dienstjubiläum. Es war 22:15 Uhr. Seine Spätschicht war bald vorüber, und er sehnte sich nach einer Flasche Bier, die er auf seinem Balkon gegenüber einer Parkanlage am Rande der Stadt in aller Ruhe trinken würde. Katharina, seine Frau, war nicht zu Hause. Sie war Stationsärztin in der Charité auf der Säuglingsstation und schob wieder einmal Nachtdienst.
   Aber alles Klagen und Jammern half nichts. Er musste mit seinen Leuten endlich den lang ersehnten Durchbruch schaffen. Nur das zählte. Sie mussten diesem Sexmonster endlich das Handwerk legen, doch dazu benötigte er eine einzige brauchbare Spur. Woher nehmen und nicht stehlen? Die Realität war grausam, und doch hoffte er mit heißem Herzen, dass ihm Kommissar Zufall zu Hilfe kam und ihm endlich einen konkreten Hinweis lieferte.
   Er war aber auch ehrlich genug, die Ungeduld seiner Vorgesetzten und die von Staatsanwalt Sattler zu verstehen. Ihm wäre es sicherlich nicht anders gegangen. Erst gestern gab es in der BZ einen provokanten Artikel, der in der Frage gipfelte, ob denn die Ermittlungen in den richtigen Händen lägen? Nicht nur er, auch seine drei Kollegen der Soko, spürten den immensen Druck, der auf ihnen lastete und der täglich zunahm. Aber so sehr er auch immer wieder die Akten studiert hatte, konnte er nicht erkennen, dass seine Mitarbeiter und er irgendeine winzige Kleinigkeit übersehen hätten. Verdammt … er brauchte endlich handfeste Ergebnisse.
   Robert zuckte regelrecht zusammen, als er das Schrillen seines Diensttelefons hörte. Mürrisch griff er nach dem Hörer und ließ abwesend seinen Blick durch das Zimmer schweifen, der auf einem Kalenderbild von Irland hängen blieb. Immer wieder bewunderte er die fast zweihundert Meter hohen Cliffs of Moher am Atlantik und konnte sich kaum sattsehen. Sofort musste er an seinen letzten Kurzurlaub im Frühjahr denken, als er mit zwei Freunden während einer Neuntagetour an den Rändern der Klippen gestanden und auf den tiefblauen Ozean geschaut hatte. »Kirsten, Spätdienst LKA 1 …«
   »Hallo Robert, ich bin’s, Helge Gebhardt.«
   »Mensch, Helge, was willst du denn schon wieder? Hast du vielleicht ein Erziehungsproblem mit deinen Kindern?«, frotzelte er.
   Sie kannten sich schon seit über zwanzig Jahren, hatten gemeinsam an der Fachhochschule für Verwaltungs- und Rechtspflege in Berlin studiert und waren seit dieser Zeit locker befreundet. Helge war inzwischen zum Schichtführer der kriminalpolizeilichen Sofortbearbeitung der Direktion Mitte, kurz VB I, aufgestiegen. Wenn er selbst anrief, gab es immer etwas Besonderes zu berichten.
   »Nee, nee, Robert, die laufen in der Spur. Aber eine sehr üble Geschichte hat sich vor Kurzem ereignet. Unser Serienvergewaltiger hat wieder zugeschlagen. Diesmal haben wir endlich einen Zeugen, der ihn beschreiben kann …«
   »Was?«, unterbrach ihn Robert hektisch. »Das kann doch nicht wahr sein. Ich könnte kotzen. Erzähl! Was ist passiert?« Er konnte sich kaum beherrschen.
   Seit über zwei Jahren jagten sie diesem brutalen Triebtäter mit allen Mitteln hinterher, und der beging seelenruhig eine Tat nach der anderen.
   Helge riss ihn aus seinen trüben Gedanken. »Er hat gegen 21:00 Uhr eine 45-jährige Lehrerin im Volkspark Friedrichshain überfallen, vergewaltigt und erheblich am Unterleib und im Gesicht verletzt. Durch Faustschläge hat er ihr das Nasenbein gebrochen.«
   Eiskalte Wut überflutete für einen Augenblick Roberts Gefühlsleben. Er musste sich beherrschen, um nicht loszuschreien, aber nach einem Moment der Fassungslosigkeit fing er sich und war jetzt ganz der Profi. »Was hast du inzwischen veranlasst?«, fragte er seinen Kollegen kühl und sachlich.
   Er wusste, dass sein alter Dienstkumpel bei diesem Delikt die volle Kanne an Maßnahmen ausgeschüttet und das ganz große Programm eingeleitet hatte. Alle verfügbaren Kollegen waren mit Sicherheit auf den Fall angesetzt.
   »Na ja, du weißt doch, wir haben unseren Maßnahmenkatalog in der Sofortbearbeitung, an dem du auch mitgearbeitet hast. Aber ich kenne dich zu gut. Deshalb habe ich mich voll reingehängt, damit du nichts zu meckern hast. Ein Taxifahrer hat das Opfer unmittelbar nach der Tat zum Abschnitt 63 am Platz der Vereinten Nationen gebracht. Er wird zurzeit vernommen. Zwei meiner Leute, darunter eine Kollegin, sind mit der Frau bereits zur Charité unterwegs, um sie untersuchen zu lassen und Spuren zu sichern. Ihre Bekleidung wird dort ebenfalls sichergestellt. Zwei weitere Kollegen sind mit Unterstützung zweier Funkwagen zum Tatort gefahren. Obwohl die Frau offensichtlich unter Schock steht, konnte sie den Ort relativ gut beschreiben. Er dürfte in der Zwischenzeit weiträumig abgesperrt sein …«
   Robert schien es, als müsste Helge einmal tief Luft holen, um etwas loszuwerden, und er hatte sich nicht getäuscht.
   »Der Tatort liegt nur rund zweihundert Meter vom Parkeingang der stark befahrenen Straße Am Friedrichshain entfernt. Entweder ist dem Burschen mittlerweile alles egal und er lässt es darauf ankommen, oder aber er kennt sich hier gut aus und weiß, dass sich zu dieser Zeit kaum noch Spaziergänger im Park aufhalten. Das scheint mir in der Tat ein ganz eiskalter, abgezockter Kerl zu sein. Er fuhr kurz vor der Tat an der Frau mit einem auffälligen roten Mountainbike vorbei und überfiel sie wenig später. Also die gleiche Masche wie bei den anderen Taten zuvor. Auch seine Beschreibung stimmt mit den bisherigen überein. Das ist zweifellos derselbe Täter.«
   »Das hast du gut gemacht, Helge«, lobte ihn Robert, »auf dich kann man sich verlassen!«
   Das war leider nicht immer so bei den Kollegen aus den verschiedenen Schichten der Sofortbearbeitung. Aber Helge hatte seine Leute gut im Griff. Die lieferten immer erstklassige Arbeit ab. Es gab durchaus unterschiedliche Qualität bei der Durchführung der notwendigen Maßnahmen, von denen die Aufklärung in überragender Weise abhing. Fehler, Unterlassungen und nicht gesicherte Spuren konnten oftmals nicht mehr kompensiert werden und waren damit für immer verloren.
   »Hör zu, Helge, ich setze meine Soko sofort in Marsch. Sorg bitte dafür, dass das Opfer nach der Untersuchung zu unserer Dienststelle gebracht wird. Sollte irgendeiner von der Presse bereits Wind von der Sache bekommen haben, dann verweise ihn an mich. Ich werde nachher sowieso noch Staatsanwalt Sattler über die neue Tat informieren. Barbara Büttner wird versuchen, mit dem Opfer eine Vernehmung durchzuführen, sofern es überhaupt vernehmungsfähig ist. Aber das müssen die Weißkittel in der Charité entscheiden. Ob die Spurensuche am Tatort gleich oder erst morgen nach Tagesanbruch stattfindet, muss ich noch mit der PTU und dem Erkennungsdienst absprechen. Soweit ich weiß, wird es morgen Vormittag nicht regnen.« Dann hielt er plötzlich inne und fasste sich kurz an die Stirn. »Sag mal, Helge, hast du nicht eben was von einem Zeugen gefaselt, oder irre ich mich …?«
   »Ja, klar, habe ich. Den wollte ich auch nicht unterschlagen und ihn dir quasi als Nachtisch servieren, wenn du verstehst, was ich meine.«
   Trotz der ernsten Situation konnte sich Robert ein Schmunzeln nicht verkneifen. Endlich würden sie ein Stück weiterkommen, endlich gab es einen Silberstreif am Horizont. Wurde ja auch langsam Zeit. Der erste Zeuge in 14 Fällen! Es war unglaublich, dass es dem Täter bisher immer wieder gelungen war, sich spurlos aus dem Staub zu machen. Der musste doch jedes Mal einen zusätzlichen Orgasmus bekommen haben, wenn er am nächsten Tag den Zeitungsberichten entnehmen konnte, dass es keine Hinweise und Spuren gab, die zu ihm als Täter führen würden. Robert wusste aber auch aus Erfahrung, dass jeder der Täter irgendwann einen Fehler machen würde. Einmal nur unaufmerksam sein, einmal nur eine winzige Spur hinterlassen, das würde ausreichen. Irgendwie verrieten sich alle einmal, und dann würde er mit seinen Leuten zur Stelle sein, und sich den Burschen persönlich vorknöpfen, ihn erst dann in Ruhe lassen, wenn er ein unterschriebenes Geständnis auf dem Tisch liegen hatte. Aber er erinnerte sich in diesem Moment auch an einen Ausspruch seines ersten Ausbilders, Hauptkommissar Schiermann, der ihm eingebläut hatte: »Immer erst den Bären erlegen, bevor man sein Fell verteilen kann.« Das würde hier auch nicht anders sein. »Wo befindet sich der Zeuge jetzt, und was hat er von der Tat mitbekommen?«
   »Na ja, Tatzeuge ist er leider nicht. Es handelt sich um einen älteren Mann, der seinen Hund ausführte, als das Opfer aus dem Parkweg taumelte und ein Taxi anhielt. Er hat kurz zuvor einen jungen Radfahrer beobachtet, der mit Speed auf einem roten Mountainbike aus der Parkanlage raste und ihn beinahe über den Haufen gefahren hätte. Der Alte hat ihm ein paar unfreundliche Worte hinterhergerufen, dafür hat ihm der Bursche den Stinkefinger gezeigt. Nach etwa einhundert Metern hielt er an, stieg vom Rad und lehnte es an einen Laternenmast, rannte über die Straße zu einer Bushaltestelle und stieg wenig später in einen Bus der Linie 200 in Richtung Alexanderplatz ein.«
   »Das ist doch schon etwas, Helge. Ich hoffe, dass der Hundehalter das Aussehen des Mannes bestimmt beschreiben kann. Aufgrund der Nähe zum Tatort und insbesondere durch das rote Mountainbike können wir davon ausgehen, dass der Zeuge dem flüchtenden Täter begegnet ist. Er wäre demnach der Erste und Einzige, der unseren Mann unmaskiert gesehen hat.«
   »Das habe ich mir auch gedacht. Deshalb haben wir seine Personalien aufgenommen und ihn vergattert, über seine Beobachtungen zu schweigen. Er wohnt ganz in der Nähe und wartet in seiner Wohnung auf seine Vernehmung. Übrigens haben wir eine Sofortfahndung nach dem Flüchtigen eingeleitet, aber bisher keine Rückmeldung erhalten. Ist ja auch noch nicht lange her. Die Ermittlungen bei der BVG nach dem Busfahrer laufen im Augenblick noch.« Sein letzter Satz klang wie eine Entschuldigung.
   Robert nickte. »Prima, Helge, dann lass bitte den Mann von zu Hause abholen und in die Keithstraße bringen. Wir werden uns hier mit ihm beschäftigen. Mal sehen, vielleicht erkennt er den Biker in einer der Täterkarteien wieder. Wenn nicht, können wir mit seiner Hilfe wenigstens ein Bild zeichnen lassen, das den mutmaßlichen Täter zeigt und das sich vielleicht für die Öffentlichkeitsfahndung in den Medien eignet.«
   »Vielleicht erkennt ihn jemand. Dann hätten wir einen Sechser im Lotto«, entgegnete Helge hoffnungsvoll.
   »Das stimmt, aber wir müssen abwarten. Sag deinen Leuten, sie können ihren Bericht bei mir auf der Dienststelle schreiben. So sind sie in meiner Nähe, falls ich noch Fragen haben sollte. Das geht doch, oder?«
   »Kein Problem. Na dann, viel Erfolg. Falls du unseren Mann heute noch ermitteln solltest, ruf mich sofort an, egal wie spät es ist.«
   »Mach ich, Helge, aber ich bin eher skeptisch«, erwiderte Robert mit einer Spur Resignation. »An Wunder glaube ich in unserem Beruf nicht mehr.« Er legte den Hörer auf und atmete tief durch. Hörte das Katz- und Mausspiel denn niemals auf? Was konnten sie nur tun, um diesem Sadisten auf die Schliche zu kommen?
   Immer positiv denken, feuerte er sich selbst an, als er merkte, dass der ihn anfangs ergriffene Elan zu schwinden drohte. Niemand sollte merken, wie groß der Zwiespalt in ihm war, wenn es darum ging, die Chancen der baldigen Überführung des Täters abzuschätzen, am wenigsten seine Mitarbeiter. Die galt es jetzt anzurufen und zu alarmieren. Er schalt sich einen Narren, weil er wegen des Hinweises auf einen ersten Zeugen für einen Moment lang in Euphorie verfallen war. Das Hochgefühl war längst wieder der tristen Realität gewichen. Sie hatten einen Zeugen, aber der war noch kein Garant dafür, dass sich der Abstand zum Täter entscheidend verringern würde.

Kurz vor 23:00 Uhr saßen seine drei Soko-Mitglieder und Robert im Einsatzraum. Routiniert erläuterte er ihnen den Sachverhalt und verteilte die ersten Aufträge. Er hatte den Kaffeeautomaten angestellt und fürsorglich Kaffee gekocht, weil es vermutlich eine lange Nacht werden würde, bis die dringendsten Sofortmaßnahmen erledigt waren.
   »Wenn man der Theorie unseres Docs folgt, ist der böse Junge wieder einmal unter dem Rock seiner Mutter hervorgekrochen und hat seinen Frust auf sie mit einer erneuten Vergewaltigung einer unschuldigen Frau kompensiert«, fasste Rainer Langner, der jüngste Beamte unter ihnen, seinen Eindruck vom Täterverhalten mit grimmigem Gesicht zusammen. »Verdammt, das Bürschchen darf mir nicht zwischen die Finger geraten.« Er war für seine manchmal beißende Ironie bekannt.
   Während sie noch diskutierten, erschien bereits eine Kollegin der Sofortbearbeitung in Begleitung des Opfers, das sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
   Robert beugte sich zu Barbara Büttner hinüber. »Barby, schau sie dir an! Die arme Frau hält nicht mehr lange durch«, sagte er leise. »Frag sie nur das Nötigste, schreib darüber einen Bericht und betreue sie so lange, bis ihr Mann erscheint und sie abholt. Die Vernehmung können wir in den nächsten Tagen nachholen.« Seine langjährigen Erfahrungen hatten gezeigt, dass es immer besser war, wenn nach einer solchen Tat eine Beamtin das Opfer befragte, und das nicht nur, weil sich eine Frau besser in seine Lage versetzen konnte. Barbara Büttner hatte vor ihrer Zeit als Kriminalbeamtin einige Semester Psychologie studiert und würde in dieser Situation sicher die richtigen Worte finden, um die offensichtlich psychisch schwer gestörte Frau zu erreichen.
   Franziska Bauer hing mehr auf dem Stuhl, als dass sie saß. Ihr Gesicht war stark gerötet, das rechte Auge fast zugeschwollen. Der gebrochene Nasenrücken war inzwischen durch die Ärzte der Charité fachmännisch gerichtet und mit einem großen Pflaster bedeckt worden. Die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, und ihre Bewegungen wirkten fahrig und unkontrolliert.
   Robert biss sich auf die Zähne und mahlte mit dem Unterkiefer. Die Frau in ihrem erbärmlichen Zustand tat ihm so leid. Verdammt, was hatte ihr dieser miese Typ nur angetan? Die ihr zugefügten körperlichen Schäden würden relativ rasch abklingen, aber die schweren Verletzungen ihrer Psyche würden tiefe Narben in ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Würde als Frau hinterlassen. Sie wäre nicht das erste Opfer, das sich einer langwierigen Therapie unterziehen musste, um wieder in die Normalität zurückkehren zu können. Er erhob sich und suchte ihren Blick. »Frau Bauer, ich bin Kriminalhauptkommissar Kirsten und Leiter dieses Kommissariats. Sie sind auf der Fachdienststelle, die Ihren Fall bearbeiten wird. Ich verspreche Ihnen, dass wir alles tun werden, damit der Täter gefunden werden kann und er seine gerechte Strafe erhält. Aber dazu brauchen wir auch Ihre Hilfe. Meine Kollegin …«, er deutete auf Barbara, »wird Sie nur kurz befragen, und dann können Sie nach Hause. Ihr Mann wird jeden Moment eintreffen und Sie in Empfang nehmen. Wenn es Ihnen morgen besser geht, werden wir Ihre Vernehmung nachholen und ein Protokoll für die Ermittlungsakte anfertigen. Sie wissen, dass Ihre Angaben eminent wichtig für die Aufklärung der an Ihnen begangenen Straftat sind. Deshalb muss Ihnen Frau Büttner einige Fragen stellen. Sie wissen, was ich meine?«
   Franziska Bauer nickte. Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr geschundenes Gesicht. »Herr Hauptkommissar, ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Natürlich werde ich alle Fragen beantworten, sofern ich dazu in der Lage bin.« Ihn traf ein müder Blick aus ihren glanzlosen Augen.
   Er konnte sich vorstellen, wie es in ihr aussah und in welchem desolaten Gemütszustand sie sich befand.

Wenig später erschien der Zeuge in Begleitung eines uniformierten Beamten vom Polizeiabschnitt 63. Es handelte sich um den 72-jährigen Rentner Herbert Petrowski, der in der Nähe des Tatortes in der Bötzowstraße wohnte. Er war verwitwet und lebte allein mit seinem Schäferhund in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Er war noch sehr rüstig, bei klarem Verstand und vor allem nicht auf den Mund gefallen.
    Bereitwillig gab er im besten Berliner Jargon Auskunft über sein kurzes Zusammentreffen mit dem mutmaßlichen Täter. »Also wissen Se, Herr Kommissar, ick jehe jeden Abend mit meinem Hasso Gassi. Eijentlich wollte ick in den Park. Aber Hasso hatte wohl keen Bock. Jut, dachte ick mir, dann eben nich. Jehn wa halt uff de Straße lang. Ick war grade am Eingang zum Park, da kommt plötzlich son verrückter Biker um die Ecke jefecht und fährt ma bald über’n Haufen. Ick konnte jerade noch wegspringen. Mann, ick war richtich wütend. Der kam einfach uff mich zu. Ick hab ihn voll ins Gesicht kieken können. Der hatte ’ne Kapuze von seiner Jacke halb über seinen Kopp jezogen. Sah jut aus, der Bursche, ick schätze den so uff zwanzig Jahre rum. War ziemlich groß, muskulös und hatte dunkle Haare …« Er stockte, zog ein Taschentuch aus der Hose und schnaubte sich umständlich die Nase. »Ick hab ma wahrscheinlich erkältet, weil ick mir nachts immer frei strample. Wird schon besser werden, hoff ick. Aber nu will ick weiter aussagen. Nachdem ick mir von dem Schreck erholt hatte, hab ick ihm noch hinterherjerufen, dass er een verdammter Rotzlöffel is. Der Bengel hat sich noch umjedreht und mir ’n Stinkefinger jezeicht. Ick war richtich sauer und hätte am liebsten Hasso von der Leine jelassen. Aber dit darf man ja och nich, Herr Kommissar, oder?«
   Trotz der ernsthaften Situation konnte sich Robert ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Sie haben schon recht, Hunde hetzt man nicht auf Menschen, und bei einem an sich so simplen Vorfall schon gar nicht. Aber erzählen Sie ruhig weiter. Was trug denn der Mann für Bekleidung, und ist Ihnen an ihm etwas aufgefallen?«
   Petrowski dachte einen Moment lang nach. Dann tippte er sich wissend an die Stirn. »Klar, Herr Kommissar, der hatte een rotet Sweatshirt mit Kapuze und graue Jogginghosen an, die waren an den Knien janz grün und schmutzig. Ick hab mir noch jewundert und jedacht, der wäre uff de Fresse gefallen. Und dann hab ick wat janz Merkwürdiget bei ihm jesehen. Der hatte so ’ne Plastikhandschuhe über seine Hände jezogen, so wie die Ärzte dit bei Operationen tun. Wozu hat der Pipel die denn an?, dachte ick mir noch. Na ja, jeder hat so seine Marotten. Aber sonst, Herr Kommissar, wüsst ick nich, wat ick noch sagen könnte.«
   »War der junge Mann von seinem Aussehen her als ein Deutscher einzustufen oder jemand mit Migrationshintergrund?«
   Der Rentner zuckte bedauernd mit den Schultern. »Ick gloobe, dit war ’nen Deutscher. Aber janz sicher bin ick mir nich. Der hatte schließlich dunkle Haare.«
   »Na gut, Herr Petrowski. Mich interessiert noch, warum Sie stehen geblieben sind und sich später bei der Polizei gemeldet haben?«
   »Na ja, Herr Kommissar, ick jing denn erst mal weiter und habe mich nich mehr um den Kerl jekümmert. Aber dann hab ich wat Merkwürdiget beobachtet. Hält der doch so nach etwa hundert Metern plötzlich an, steicht vom Rad und lehnt dit an ’nen Laternenmast. Dann rennt er über die Straße und erwischt im letzten Moment noch ’n 200er Bus und steicht da tatsächlich rin. Lässt dit jute Stück einfach stehn. Dit Rad war bestimmt nich billich. Dit habe ick gleich geseh’n, und dit hat mich och jewundert. Da dacht ick mir, da stimmt wat nich, da rufst du mal die Bullen an. Dit stinkt. Ick hab dann ne Weile auf den Peterwagen jewartet, und … na ja, plötzlich kam da ’ne Frau aus dem Park jetaumelt. Die war janz durcheinander. Ick wollte der noch helfen, aber da stand se schon uff de Straße, hielt ’ne Taxe an und fuhr gleich los. Een paar Minuten später kam ’n Funkwagen mit Blaulicht um die Ecke jeflitzt und fuhr einfach in den Park rin. Na, da jing mir een janzer Kronleuchter uff. Die Frau war bestimmt überfallen worden oder vielleicht och noch verjewaltigt, wat weeß ick. Ick also nischt wie hin und den Bullen Bescheid jesacht. Die kieckten vielleicht und haben mir gleich jesacht, ick soll in meene Wohnung zurück und warten, bis die Kripo kommt. Und so is it och jekommen. Die waren janz freundlich und haben sich meene Personalien uffgeschrieben.«
   Robert brannte die jetzt die Frage aller Fragen auf den Nägeln. »Herr Petrowski, würden Sie den Mann auf einem Foto wiedererkennen?«
   Der Rentner fasste sich an das Kinn, kratzte sich und schien nachzudenken. »Ja, ick gloob schon, Herr Kommissar. Dit Jesicht vergess ick nich so schnell. Allerdings hatte er seine Kapuze uff, und dit war draußen och nich mehr janz helle. Aber wenn ick so nachdenke, würde ick erst mal Ja sagen. Mensch, der hät ma beinahe umjefahren. Den möcht ick mal zwischen die Finger kriejen.« Petrowski war jetzt sichtlich erregt, was sein wütender Gesichtsausdruck deutlich spiegelte.
   Blödmann! Dachte der vielleicht mal an die Frau? Trotzdem, Volltreffer! Sie hatten endlich einen Volltreffer gelandet. Robert konnte sich beinahe nicht einkriegen. Endlich sah er Licht am Ende des Tunnels. Und sie hatten ein erstes Erfolgserlebnis. Er rief Rainer Langner zu sich. »Ruf beim Nachtdienst des Erkennungsdienstes an und frag nach, ob unser Zeuge in die Lichtbildkarteien Einsicht nehmen kann. Er glaubt, den Radfahrer wiederzuerkennen. Dehn die Vorlage auf alle Tätergruppen aus, von denen noch keine DNA-Probe vorliegt. Sollte die Einsicht erfolglos verlaufen, werde ich einen Zeichner vom ED anfordern, damit ein Fahndungsbild gezeichnet werden kann.«
   »Gut, Chef.« Langner wandte sich an den Rentner, der ihn interessiert musterte. »Kommen Sie, Herr Petrowski, wir machen eine kleine Spazierfahrt und schauen uns später auf dem Bildschirm unsere Negativelite an.«
   Robert grinste in sich hinein. Rainer war zwar noch recht jung, aber ein cooler Typ. Immer hatte er einen lockeren Spruch auf den Lippen. Zufrieden stand er auf und ging in sein Zimmer zurück.
   Um das vom Täter auf der Straße zurückgelassene Mountainbike kümmerte sich bereits Thomas Herzberg. Beamte der Funkstreife hatten es vom Auffindeort am Volkspark Friedrichshain zum Polizeiabschnitt 63 in der Friedenstraße transportiert. Sie würden es fotografieren, auf Spuren untersuchen und aufgrund der Rahmennummer Ermittlungen anstellen, ob es möglicherweise als gestohlen gemeldet worden war.
   Robert spürte, dass ihn wieder das Jagdfieber gepackt hatte. Wurde auch Zeit. Er griff sich seinen Pott, füllte sich im Einsatzraum den letzten Rest Kaffee ein, machte es sich bequem und las den zusammenfassenden Tatbefundsbericht der Kollegen von der kriminalpolizeilichen Sofortbearbeitung durch. Im Augenblick lief alles wie am Schnürchen, und langsam musste er auch Staatsanwalt Sattler von der erneuten Straftat in Kenntnis setzen. Er griff zum Telefonhörer und wählte Sattlers private Handynummer. Er musste unbedingt klären, wer die Pressemeldung schreiben sollte? Eigentlich war das Sache der Pressestelle der Staatsanwaltschaft, weil bereits ein entsprechendes Ermittlungsverfahren mit Aktenzeichen bestand und nach der Strafprozessordnung in einem solchen Fall die Staatsanwaltschaft federführend war. Sattler war in seiner Privatwohnung, während er hier im Dienst alle Möglichkeiten hatte, die gegenwärtigen Ermittlungen leitete und den Vorgang sowieso aus dem Effeff kannte. Das sah Sattler genauso und bat ihn, den entsprechenden Text Text eigenverantwortlich an die Pressestelle im Polizeipräsidium weiterzuleiten.
   Sein Chef, Kriminaloberrat Poschner, war weder zu Hause noch über sein Handy erreichbar. Dabei fiel Robert ein, dass Poschner ein Opernfan erster Güte war und sich mit seiner Frau heute Abend die Premierenaufführung von Tosca in der Deutschen Oper anhören wollte. So hinterließ er auf der Mailbox einen kurzen Hinweis und die Bitte um Rückruf.

*

»Kommissar Thomas Herzberg«, meldete sich Thomas an der Sprechanlage und wartete auf den Summton, der ihm die Tür öffnete. Er betrat die Wache des Abschnitts 63. Sein Anliegen hatte er bereits angekündigt.
   Der Wachhabende führte ihn zu einem Abstellraum, in dem das Mountainbike stand. Auf den ersten Blick sah er, dass es kein billiges war und sicherlich um die 1.500 Euro gekostet haben dürfte. Dafür sprach allein die Marke Dynamics, die mit schwarzer Schrift auf dem leuchtend roten Rahmen stand und die einzelnen Komponenten von Shimano. Das Bike wirkte neuwertigen und wies weder Schrammen noch andere Beschädigungen auf. Als begeisterter Triathlet kannte er sich bestens mit Fahrrädern aus. Ein solches Bike hatte er bei Stadler gesehen, dem größten Fahrradshop der Stadt, als er vor einigen Tagen wieder einmal dort war, um sich endlich das langersehnte Rennrad mit speziellem Lenker und superleichtem Karbonrahmen zu kaufen.
   Der Täter war sicher nicht Eigentümer des Rades, sonst hätte er das wertvolle Teil nicht ungesichert einfach so zurückgelassen. Thomas zog sich Plastikhandschuhe über, drehte vorsichtig das Fahrrad um und schrieb die Rahmennummer auf. Eine Nachfrage in der Sachfahndungsdatei bestätigte seine Vermutung. Das Bike war gestern im Laufe des Tages auf dem Vorplatz des S-Bahnhofs Alexanderplatz entwendet worden. Der Eigentümer, ein junger Student, hatte das Rad gegen 07:30 Uhr abgestellt und den Diebstahl nach seiner Rückkehr gegen 15:30 Uhr entdeckt. Er schied als Tatverdächtiger aus, obwohl er bereits beim Erkennungsdienst »Klavier« gespielt und seine Fingerabdrücke abgegeben hatte. Der Grund war seine Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration gegen die Bebauung der East Side Gallery an der Spree, in deren Verlauf es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen war.
   Der unbekannte Täter hatte die Kette des Fahrradschlosses offensichtlich mit einem Bolzenschneider durchtrennt und war dann einfach mit dem Rad davongefahren. Thomas nahm sich eine spezielle Taschenlampe aus seiner Einsatztasche und leuchtete den Rahmen und den Lenker ab. Er entdeckte sofort eine Reihe von Fingerabdrücken, die auswertbar erschienen. Die Spezialisten vom Erkennungsdienst konnten die Spuren abnehmen und auswerten. Er war sich sicher, dass es nicht nur die des Eigentümers waren. Das war ein klassischer Zufallsfund, auf den er gestoßen war. Sofort nahm er sein Handy und rief seinen Chef an.
   »Robert, stell dir vor, ich habe mindestens ein halbes Dutzend auswertbarer Fingerabdrücke am Fahrrad entdeckt. Ich lass es jetzt erst einmal hier stehen. Es muss gleich morgen früh zum ED gebracht werden. Der Eigentümer des Bikes ist bereits wegen Landfriedensbruchs erkennungsdienstlich behandelt worden. Vergleichsabdrücke liegen also bereits vor. Veranlasst du das bitte?«
   »Geht klar, Thomas, dann vergattere mal die Schupos, damit keiner von ihnen auf die dumme Idee kommt, während ihrer Pause ein paar Runden mit dem Rad zu drehen«, entgegnete Kirsten gut gelaunt.

*

Es war bereits weit nach Mitternacht, als Barbara Büttner das Zimmer betrat. In der Hand hielt sie den Bericht über die Befragung des Opfers. »Robert,« sagte sie, »die Frau ist richtig traumatisiert.« Sie wirkte erschüttert. »Immer, wenn meine Fragen ins Detail gingen, fing sie zu weinen und zu zittern an. Aber sie war trotz der erlebten Strapazen sehr tapfer und hat sich unheimlich zusammengenommen. Insgesamt ist bei ihrer ersten Befragung leider nicht viel herausgekommen. Ihr Mann hat sie inzwischen abgeholt. Er hat versprochen, mich zu informieren, wenn es ihr besser geht. Dann können wir ihre Vernehmung nachholen. Eins scheint mir allerdings wichtig zu sein. Ihr Peiniger hat sich bei ihr nachher, wie auch bei fast allen anderen Taten, mit den Worten entschuldigt: ‚Immer wenn es mir kommt, fange ich zu schreien oder zu weinen an. Tut mir leid …‘ Was soll das irrsinnige Gefasel? Den plagt offensichtlich immer wieder das schlechte Gewissen, weil er unmittelbar nach seinem Samenerguss begreift, dass seine Taten größtes Unrecht darstellen. Der scheint mir während der Tatausführung deshalb auch nur beschränkt zurechnungsfähig gewesen zu sein, oder was meinst du?«
   Robert sah sie zweifelnd an und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Andererseits könntest du natürlich recht haben. Der Täter ist vor den Taten voller Hass und Wut auf eine Frau, dass er seine Spannung und seine Triebe nicht mehr anders abbauen kann als durch eine Vergewaltigung. Es kommt ihm unbedingt darauf an, Macht gegenüber einer Frau auszuüben, sie sich zu unterwerfen und sie vor allem zu demütigen, wobei ich denke, dass es ihm besonders auf das Letztere ankommt. Bedingte Steuerungsfähigkeit nennt man das. In der Endkonsequenz würde das bedeuten, dass er nur beschränkt schuldfähig wäre. Dann würde er nicht in den normalen Strafvollzug kommen, sondern in die Psychiatrie. Aber das, liebe Barbara, müssen nicht wir, sondern die Gutachter entscheiden«, erwiderte Robert nachdenklich.

Kurz vor 03:00 Uhr saßen sein Team und er im Einsatzzimmer und besprachen die Lage und die bisherigen Ergebnisse. Er konnte, wenn er ehrlich war, mit Letzterem natürlich nicht zufrieden sein. Es hatte sich kein einziger konkreter Anhaltspunkt zur Ermittlung des Serienvergewaltigers ergeben, und er stellte sich schon jetzt im Geiste die ätzenden Schlagzeilen in der Boulevardpresse vor. Aber da mussten sie alle durch. Das kannten sie aus früheren Verfahren und hatte sie abgehärtet. Die Presse war immer ungeduldig und forderte permanent Ergebnisse. Die Einsichtnahme des einzigen Zeugen in die Täterlichtbildkarteien beim Erkennungsdienst war ergebnislos verlaufen. Insgeheim hatte das Robert von Anfang an befürchtet. Der Täter war kein typischer Sexualverbrecher, da steckte mehr dahinter. Das war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Psychopath.
   In der Mappe vor ihm auf dem Tisch befanden sich eine ganze Anzahl Blätter Papier, auf dem sich Vermerke, Berichte, Vernehmungen, Fotos und Untersuchungsanträge befanden. Er würde nach der Besprechung alles sortieren und in den sechsten Ordner als vierzehnte Tat einheften.
   Noch waren einige Untersuchungen nicht abgeschlossen und die Ergebnisse offen. Dazu zählte der Abgleich der gesicherten Fingerabdrücke am Mountainbike mit den einliegenden Abdrücken bekannter Täter. Ebenso hatte die Tatortarbeit noch nicht begonnen. Sie war wegen der Dunkelheit auf heute früh verschoben worden. Vielleicht ergaben sich da noch ein paar auswertbare Spuren. Der Busfahrer der Linie 200 war zwar ermittelt, aber noch nicht befragt worden. Seine Vernehmung musste heute früh von jemandem aus der Soko nachgeholt werden. Vielleicht konnte er sachdienliche Angaben zu dem am Volkspark Friedrichshain zur fraglichen Zeit zugestiegenen Fahrgast machen. Die Untersuchungen der Bekleidungsstücke des Opfers würden auch noch einige Tage in Anspruch nehmen, aber er war sich bereits sicher, dass es sich um die bisher bekannten DNA-Spuren, handelte.
   Die Pressemeldung hatte er längst per Mail an das Lagezentrum im Polizeipräsidiums abgesetzt. Außerdem hatte er ein Foto des Mountainbikes für die Öffentlichkeitsfahndung angehangen. Die Pressemeldung war erst nach Redaktionsschluss bei den Printmedien eingegangen, aber nach einigen Telefonaten mit den Redaktionsleitern der verschiedenen Tageszeitungen hatte er die Zusage erhalten, dass die Fahndungsmeldung nach dem flüchtigen Täter noch in den Frühausgaben der einzelnen Zeitungen stehen würde. So konnte er davon ausgehen, dass ab 06:00 Uhr die ersten Hinweise aus der Bevölkerung eingingen und sein Telefon nicht mehr stillstehen würde. Es bestand also noch kein Grund, den Kopf völlig genervt in den Sand zu stecken. »So, Leute«, sagte er und blickte in die kleine Runde, »ihr fahrt jetzt alle schön nach Hause und nehmt eine Mütze Schlaf. Ich werde hier noch aufräumen und einige Vermerke schreiben. Ihr wisst ja, mein Nachtdienst geht bis heute früh um 08:00 Uhr. Wir sehen uns alle um diese Zeit frisch gewaschen und gekämmt wieder«. Er lachte still vor sich hin, weil er trotz der schlimmen Straftat seinen Humor nicht verloren hatte. Ein, zwei Stunden Ruhe konnte auch er gut gebrauchen. Erst vor einer Stunde hatte ihm ein Kurierfahrer das nach Angaben des Zeugen gezeichnete Täterbild gebracht, das er sofort per Mail an die Zeitungsredaktionen weitergeleitet hatte.

Kurz nach 08:30 Uhr saß er seinen drei Mitstreitern wieder im Einsatzraum gegenüber. Er hatte bereits Kaffee gekocht und aus der Kantine ein paar belegte Brötchen zum Frühstück spendiert. Dankbar griffen die beiden Jungkommissare Rainer und Thomas, beide gerade 24 und 25 Jahre alt, tüchtig zu, während Barbara blass und unausgeschlafen, mit deutlichen Ringen unter den Augen, neben ihm am Tisch Platz genommen hatte und mit mürrischem Gesicht schweigend auf ihren dampfenden Kaffeepott starrte. Er wusste, dass sie als alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern kaum ein Auge zugemacht und ihr neuer Tag bereits um etwa sechs Uhr begonnen hatte. Beide verband eine lange Freundschaft, und er bedauerte die Trennung von ihrem Mann, der vor rund einem Jahr bei einer Jüngeren eingezogen war, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Tapfer hatte sie das Schicksal angenommen, und er hatte mit ihr das eine oder andere längere Gespräch geführt, um sie zu trösten und aufzubauen. Sie war eine tüchtige Kriminalbeamtin mit großem Sachverstand und noch mehr Einfühlungsvermögen, die vom Rest der Mitarbeiter des Kommissariats respektiert und vor allem als Mensch sehr geschätzt wurde. So war es nicht allzu schwer, sie bei seinen Vorgesetzten als Stellvertreterin durchzusetzen. Erst vor drei Monaten war sie zur Oberkommissarin befördert worden.
   Er blickte in die Runde und nickte zufrieden, als auch der letzte Krümel vom Tablett verschwunden war. Nach nunmehr zwölf Stunden Dienst spürte er die Müdigkeit in seinen Gliedern, fühlte sich zerschlagen und konnte ein Gähnen ab und zu nicht unterdrücken, während die beiden Youngster trotz der kurzen Erholungsphase vor Energie zu strotzen schienen. Wehmütig erinnerte er sich daran, als er in ihrem Alter gewesen war und sich so manche Nacht um die Ohren geschlagen hatte. Nun denn, die Realität forderte ihren Tribut, und der Uhrzeiger lief unbarmherzig weiter. Nach ein paar Floskeln kam er zum Ernst des Lebens zurück, griff nach einem Packen Zeitungen und schob ihn zu Thomas Herzberg hin. »Schau dir bitte die Zeitungen an und schneide die Artikel für die Pressemappe aus. Alle Tageszeitungen bringen ausführliche Berichte über die Tat und sparen nicht mit Kritik über die noch immer nicht aufgeklärte Serie. Leute«, er machte eine kleine Pause, »das war mir von Anfang an klar. Damit müssen wir leben. Aber den Kopf in den Sand zu stecken hat keinen Zweck. Wir machen unsere Arbeit weiter wie bisher, und ich bin sicher, dass wir den Burschen bald schnappen werden.«
   Rainer Langner nahm wie gewohnt den Ball auf. »Und das, liebe Kollegen, war das Wort zum Sonntag. Amen!«
   Robert schmunzelte in sich hinein. Trotz der bedrückenden Situation, die auf allen lastete, war ein kleiner Scherz am Rande sicher nicht verboten. Deshalb verzichtete er auf eine Erwiderung. »Hört mir bitte einen Moment lang zu! Ich will euch den neuesten Sachstand mitteilen und noch ein paar Aufträge verteilen. Mein Bett ruft.« Er blickte in die Runde. »Trotz der Öffentlichkeitsfahndung sind bisher lediglich vier Hinweise eingegangen, obwohl das erste Mal ein Bild des Täters abgedruckt worden ist. Es ist schon frustrierend, dass der Fahndungsaufruf bei der Bevölkerung auf eine so schwache Resonanz gestoßen ist. Ein heißer Hinweis ist jedenfalls nicht darunter.«
   »Wird schon, Chef. Es ist ja noch früh. Wurden den alle Redaktionen informiert?«, fragte Rainer.
   »Die Zeichnung vom Täter ist erst im letzten Moment fertig geworden, aber zum Glück konnte ich sie noch rechtzeitig per Mail an alle Redaktionen im Umkreis übersenden.«
   »Hört, hört … unser Chef entwickelt sich zum Computerspezialisten.« Rainer Langner grinste kess und erntete einen missbilligenden Blick von Barbara.
   Robert konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sein jüngster Mitarbeiter hatte im Grunde recht. Irgendwie war ihm, als Fünfzigjährigem, im Laufe der raschen Entwicklung der Computertechnik ein wenig der Anschluss verloren gegangen, und er musste gelegentlich die Hilfe seiner jüngeren Mitarbeiter in Anspruch nehmen. Nicht ganz ernst drohte er ihm mit dem Finger.
   »Wir sollten erst einmal die Fernsehausstrahlung der Berliner Abendschau abwarten«, Barbara gab zu bedenken. »Wir wissen doch beide aus Erfahrung, dass die Fahndung im Fernsehen bei den Bürgern in der Regel immer auf mehr Interesse stößt als bei den Zeitungen.«
   Er nickte. »Jaja, du hast ja Recht. Mich stört bloß, dass mittlerweile so wenig Menschen Anteil am Schicksal eines neuen Opfers nehmen. Na ja, bei den vielen täglichen Schreckensmeldungen aus aller Welt stumpfen die Leute eben ab«, erwiderte er mit einem Anflug von Resignation. »Wir sollten die Hinweise der Reihe nach abarbeiten. Drei von ihnen lassen sich bequem vom Schreibtisch aus erledigen. Das kann Thomas mit Unterstützung von Rainer tun. Wenn ihr damit fertig seid, fahrt raus, um den Letzten vor Ort abzuklären.« Er wandte sich an Barbara. »In der Zwischenzeit wirst du die Hinweisaufnahme übernehmen. Deine Telefonnummer steht in der Pressemeldung. Und ein Letztes: Schau dir auch noch mal die Eingangspost an und verteil die neuen Vorgänge entsprechend. Falls irgendetwas Außergewöhnliches sein sollte, erreichst du mich auf meinem Handy.«
   »Geht alles in Ordnung. Ich habe aber noch eine Frage zum Schluss. Wer gibt denn heute die Presseauskünfte? Machen wir das oder Staatsanwalt Sattler?
   »Das übernimmt ab sofort die Pressestelle der Staatsanwaltschaft. Herr Sattler hat mir heute früh mitgeteilt, dass er im Laufe des Tages auf der Dienststelle erscheinen wird. Ich werde gegen 14:00 Uhr wieder da sein.« Er blickte auf seinen Notizzettel. »Nun zum eigentlichen Tatort. Aber auch hier gibt es nichts Aufregendes zu berichten. Zwar wurde vor dem Parkausgang in einem Mülleimer die von dem Täter entwendete Handtasche des Opfers aufgefunden. Geldbörse, Schlüssel und persönliche Papiere waren vollständig vorhanden. Lediglich das Handy fehlte. Kollege Bormann vom Erkennungsdienst hat mir vor ein paar Minuten mitgeteilt, dass am eigentlichen Tatort außer einer zertretenen und aufgewühlten Stelle im Rasen keine auswertbaren Spuren gefunden wurden. Mittlerweile sind die Jungs von der Spurensicherung wieder zur Dienststelle gefahren. Tja, das war’s. Mehr …« Seine Ausführungen wurden durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. Er nahm den Anruf an und hörte einige Sekunden lang zu. »Prima, na wenigstens etwas. Vielen Dank, Lothar, bis zum nächsten Mal.« Er wandte sich wieder an sein Team. »Das war Rohde vom Erkennungsdienst. Endlich ein kleiner Lichtblick. Die Vergleiche der gesicherten Fingerabdrücke auf dem Mountainbike mit denen des Besitzers ergaben, dass vier von ihm stammten. Die anderen zwei sind ebenfalls auswertbar. Leider konnten sie noch keiner bestimmten Person zugeordnet werden. Trotzdem ist das ein kleiner Anfang, denn der Unbekannte liegt bereits in der Tatortspurensammlung ein. Er hat seine Prints an drei Einbruchstandorten hinterlassen, und zwar immer bei Villeneinbrüchen in den Nobelgegenden Dahlem, Zehlendorf und Wannsee. Somit hat er seinen ersten Fehler begangen, der ihm zum Verhängnis werden könnte.«
   »Wieso, Chef?«, fragte Rainer Langner verdutzt.
   »Na, weil einer der Abdrücke auf dem Lenker und der andere an der Klingel gesichert wurde. Wer sonst, als ein Radfahrer, hinterlässt dort seine Spuren? Und wer könnte das anders sein als der Dieb des Rades? Demnach ist der Einbrecher und der Serienvergewaltiger ein und dieselbe Person«, belehrte Robert seinen Youngster und lächelte, als er bemerkte, wie sich dessen Gesicht vor Verlegenheit langsam rötete.
   »Das ist ja eigenartig. Einbrecher und Vergewaltiger, wie passt denn das zusammen?«, meldete sich Barbara Büttner kopfschüttelnd zu Wort.
   »Du hast recht. Jetzt, wo du es ansprichst, fällt es mir auch auf«, entgegnete Kirsten überrascht. »Das ist in der Tat recht ungewöhnlich. Ich bin fast zwanzig Jahre bei der Sitte, aber eine solche Kombination ist mir bisher noch nicht begegnet. Aber, was soll’s? Damit kann sich unser Doc befassen, schließlich hat der die menschliche Psyche studiert.« Sein Blick blieb an Rainer Langner haften. »Rainer, ruf beim Einbruchsdezernat an, sprich mit dem damaligen Sachbearbeiter, beschaff dir die Unterlagen über die Fälle und werte sie aus. Vielleicht ergeben sich für uns ein paar Anhaltspunkte.« Immer mehr spürte er die Müdigkeit, die inzwischen nicht nur seine Glieder, sondern auch seinen Kopf ergriffen hatte. Er blickte auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor neun. Zeit, die Segel zu streichen und nach Hause zu fahren.

Unausgeschlafen und mürrisch erreichte Robert gegen 14:00 Uhr die Dienststelle. Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herunter, als er auf dem Parkplatz aus seinem klimatisierten Audi stieg. Der Schweiß lief ihm nach wenigen Schritten den Rücken hinunter, und sofort sehnte er sich nach dem schattigen Plätzchen auf seinem Balkon und einem kühlen Glas Bier zurück.
   Wenig später berichtete ihm Barbara, dass sie eine Reihe von weiteren Hinweisen aus der Bevölkerung aufgenommen hatte. Jedoch war keiner darunter, der sie konkret weiterbringen würde. Auch der Busfahrer der Linie 200 war inzwischen von Rainer Langner vernommen worden. Er konnte sich zwar erinnern, dass zur fraglichen Zeit ein junger Mann an der Haltestelle gegenüber dem Parkeingang eingestiegen war, hatte sich aber nicht dessen Gesicht gemerkt, weil sich der Fahrgast unauffällig verhielt und eine ordnungsgemäße Monatskarte vorgezeigt hatte. Allerdings sei der junge Mann bereits wenig später an der Kreuzung Otto-Braun-Str./Karl-Marx-Allee ausgestiegen. Ein Wiedererkennen des Unbekannten schloss er kategorisch aus. Das war die erste Kröte, die Robert schlucken musste. Wenig später hielt er den Untersuchungsbericht der Charité in den Händen, der seine Vermutung bestätigte, dass die am und im Opfer gefundenen Spermaspuren mit denen der anderen Opfer der Vergewaltigungsserie identisch waren. Wenigstens das war geklärt. Der Täter hatte bewusst oder unbewusst weitere Spuren seiner Täterschaft hinterlassen.
   Ansonsten gab es eine Menge beschriebenes Papier, das er noch sortieren und in die Sammelordner einheften musste. Der Auswertungsbericht Rainer Langners über die drei Villeneinbrüche ließ allerdings seine schlechte Stimmung wie Schnee in der Sonne schmelzen. Sein Youngster hatte tadellose Arbeit geleistet. Der Bericht zeigte eindeutig auf, dass sie auf der richtigen Spur waren. Zu weiteren Überlegungen kam er nicht, denn es klopfte an der Tür seines Dienstzimmers.
   Jürgen Sattler betrat lächelnd sein Zimmer. Sie begrüßten sich herzlich, kannten sie sich doch bereits seit Jahren aus ihrer engen Zusammenarbeit in den verschiedensten Fällen. Zwischen ihnen war mit der Zeit ein lockeres, beinahe freundschaftliches Verhältnis entstanden, das von gegenseitiger Achtung für die Arbeit des anderen geprägt war. Sattler war ein dynamischer Typ, sehr groß, schlank, um die fünfzig Jahre und hatte ein offenes, sympathisches Gesicht. Beim letztjährigen Treffen zwischen leitenden Kriminalbeamten und Staatsanwälten im Casino des Landgerichts zur Adventszeit war man sich nach dem fünften Glas Rotwein nähergekommen und wenig später einig, sich künftig zu duzen.
   »Hallo, Jürgen, du alter Seebär, schön, dich mal wiederzusehen«, begrüßte ihn Robert und reichte ihm die Hand. »Bei so einem Wetter wärst du bestimmt lieber mit deiner Jolle auf dem Wannsee, oder?« Er grinste sein Gegenüber an.
   »Klar, und dann noch ein kühles Bierchen in der Hand, was könnte es Schöneres geben?«, erwiderte Sattler gut gelaunt. »Aber leider bin ich nicht gekommen, um dich zu einem Segeltörn einzuladen.« Er wurde ernst. »Was gibt es Neues in unserem Fall?
   »Da wirst du staunen. Unser Täter ist nicht nur ein Serienvergewaltiger, sondern zusätzlich ein Serieneinbrecher …«
   »Ich werd verrückt«, entfuhr es Sattler. »Woher habt ihr denn diese Informationen?« Er sah Robert gespannt an. »Komm, erzähl, oder soll ich dir die Einzelheiten wie Würmer aus der Nase ziehen?«
   »Nee, nee, lass das mal lieber sein. Nimm aber erst einmal Platz. Möchtest du einen Kaffee, Tee oder Wasser?«
   »Gib mir ein Wasser, aber nicht zu kalt. Du weißt, ich habe einen empfindlichen Magen. Und nun fang endlich an, ich habe nachher noch eine Besprechung mit unserem Chef. Allzu viel Zeit habe ich nicht.« Er sah nervös auf seine Uhr.
   Robert öffnete eine Weisermappe und nahm den mehrseitigen Bericht heraus. »Der Täter hat auf dem entwendeten Mountainbike, das er zur Flucht benutzt und nach der Tat in Tatortnähe abgestellt hat, zwei Fingerabdrücke hinterlassen. Die gleichen Fingerabdrücke liegen bereits in der Tatortspurensammlung ein. Er muss demnach an mindestens drei Villeneinbrüchen im Süden Berlins beteiligt gewesen sein.«
   »Nun gut, aber wie hilft uns das weiter?«, fragte Sattler und goss sich sein leeres Glas erneut voll.
   »Diese drei Tatorte gehören zu einer sechsteiligen Einbruchsserie im Süden Berlins und zeichnen sich durch den immer selben Modus Operandi aus. Der oder die Täter sind in jedem Falle an der Rückseite der Villen an einem Regenfallrohr in den ersten Stock geklettert und dann über ein offenes Fenster oder nach Aufbrechen der Balkontüren ins Haus eingedrungen. Auf zwei der Rohre wurden Fingerabdrücke gesichert, der dritte am Türgriff der Innenseite einer aufgehebelten Tür. Alle angegriffenen Villen hatten keine besonderen Sicherungen. Die Täter haben offenbar vorher in aller Ruhe die Tatobjekte ausspioniert.«
   »Und was haben die Täter entwendet?«
   »Schmuck, Uhren, Schecks und in einigen Fällen verschiedene größere Bargeldbeträge. Wertvolle Bilder, Teppiche, Skulpturen und andere Wertgegenstände ließen sie unbeachtet. Insgesamt haben die Täter Gegenstände im Wert von rund 85.000 Euro erbeutet.«
   Sattler schüttelte den Kopf. »Ein Einbrecher und ein Sexualtäter in einer Person. Das ist mir auch noch nicht untergekommen.«
   »Da geht es dir wie mir«, entgegnete Robert.
   »Gab es in der gesamten Serie irgendwelche Zeugen oder Täterhinweise?«
   »Ein Anwohner hat zwei junge Männer beobachtet, die zur Tatzeit in der Nähe des Tatortes in der Schopenhauerstraße in Zehlendorf in einen dunklen Pkw, vermutlich ein Golf unbekannten Baujahres, eingestiegen sind. Sie sind dem Zeugen, der gerade seinen Hund ausgeführt hatte, nur deshalb aufgefallen, weil sie sich mehrfach auffällig umgesehen haben, bevor sie in ihr Auto einstiegen. Nachdem er in der Zeitung von dem Einbruch gelesen hatte, meldete er sich beim Einbruchsdezernat.«
   »Und würde er sie wiedererkennen?« Sattler sah ihn mit zusammengekniffenen Augen gespannt an.
   »Direkt wiedererkennen würde ich nicht sagen. Er beschrieb die beiden als junge Männer, etwa 20 - 25 Jahre alt, beide groß und schlank. Einer trug ein rotes Sweatshirt mit Kapuze. Ansonsten war er etwa 25 Meter entfernt. Ein Wiedererkennen ist ihm nicht möglich. Auch konnte er das Kennzeichen nicht ablesen.«
   »Verdammt«, entfuhr es Sattler. Er sah Robert entschuldigend an. »Ist mir so rausgerutscht …«
   »Geschenkt. Mir ist da noch ganz was anderes rausgerutscht.«
   »Na ja, man sollte sich besser in Gewalt haben.«
   »Bleib cool, Jürgen. Hier wird kein Protokoll gefertigt, und du bist auch nicht im Gerichtsaal.«
   »Ich meinte ja nur …«
   »Unser Täter trug heute Nacht ebenfalls ein rotes Sweatshirt. Das könnte sich als ein Indiz gegen ihn erweisen.«
   »Wahrscheinlich ist das seine Arbeitskleidung«, erwiderte Sattler. »Mir fällt da noch eine Frage ein. Könnte auch der zweite Einbrecher in unsere Vergewaltigungsserie verwickelt sein?«
   »Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Alle Opfer haben übereinstimmend ausgesagt, dass es nur einen Täter gab. Wahrscheinlich hat er einen guten Kumpel, mit dem er die Brüche gemeinsam begangen hat. Möglicherweise weiß der andere gar nichts von den Vergewaltigungen.«
   »In welchem Zeitraum wurden die Einbrüche begangen?«, fragte Sattler und griff nach dem Bericht.
   »Das kann ich dir so sagen«, entgegnete Robert, »dazu brauchst du nicht extra den Bericht zu lesen. Die erste Tat geschah am 20. April dieses Jahres, es folgten fünf weitere in unterschiedlichen Abständen, immer an Sonnabenden zwischen 19:00 und 22:00 Uhr. Der bisher letzte Einbruch erfolgte am 13. Juli in der Zehlendorfer Schopenhauerstraße. Da sind die vermutlichen Täter von dem Zeugen auch gesehen worden.«
   »Die klassischen Tatzeiten für einen Einbruch. Zu dieser Zeit sind erfahrungsgemäß die späteren Geschädigten im Kino, im Restaurant oder besuchen Freunde«, bemerkte Sattler.
   »Nur ich bin meistens zu Hause und schaue mit Katharina in die Glotze«, witzelte Robert.
   »Nicht ganz, dann sind wir schon zwei.« Sattler grinste und erhob sich. »Aber im Ernst, Robert. Wo siehst du die Berührungspunkte? Ich glaube nicht, dass uns das im Augenblick so richtig weiterbringt.«
   »Na ja…, schwer zu sagen. Vielleicht merkt sich irgendein Zeuge beim nächsten Bruch das Kennzeichen des Fluchtwagens, oder einer der Täter verliert seinen Ausweis.«
   »Letzteres wird wohl kaum passieren, das mit dem Kennzeichen ist schon eher realistisch. Aber wir sollten nicht lange spekulieren. Ich muss los. Irgendwas läuft bei uns in der Abteilung, es ist von Stellenkürzungen die Rede. Ich bin gespannt, was der Oberstaatsanwalt zu erzählen hat«, sagte Sattler. »Ruf mich an, wenn es was Neues gibt. Ich muss los.«

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