Kalte Berechnung oder lodernder Hass? Leben ist zerbrechlich – Liebe überdauert alles Ein Doppelmord in Großhadern erschüttert die Nachbarschaft. Die befreundeten Nachbarinnen der Doppelhaushälfte am Taubenschlag wurden kaltblütig erschossen. Die Anrainer sind entsetzt und erleichtert. Kehrt jetzt endlich Ruhe in das Anwesen ein? Ilga Richter und Ralf Utzschneider ermitteln, bis es auch um Utzschneiders Ruhe geschehen ist und alles an Ilga hängen bleibt. Wird der noch krankgeschriebene Konrad von Kamm, der noch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, in den Dienst zurückkehren, um ihr zu helfen? Oder zwingt ihn am Ende ein ganz anderer Fall zu diesem Schritt? Hügeltreffen – Konrad von Kamms 5. Fall ist ein typischer, im Stil von englischen Krimis geschriebener Roman. Er erzählt von dem Kampf ums Dabeisein und dem Wunsch nach Ruhe. Wie immer mit wenig Blut und vielen Verdächtigen.

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ISBN: 978-9963-53-936-9

Seiten: 343

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Antonia Günder-Freytag

Antonia Günder-Freytag
Antonia Günder-Freytag, 1970 geboren, lebt mit ihrer Familie in München. Nach ihrem Debüt als Fantasy-Autorin zog es sie zu den klassischen Kriminalromanen. Inspiriert von Agatha Christie schreibt sie an einer Krimireihe um Kommissar Konrad von Kamm, der bereits seinen fünften Fall in München auflöst. Da ihr Motto „Nichts ist tödlicher als die Routine“ lautet, arbeitet sie im Moment neben ihren Krimis an einem Thriller und einem Mittelalterepos.

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Sonntag, 07.06.2015
Meisenweg, Großhadern, 22:00 Uhr – Frau Margit Leinen

Im Radio nennen sie es eine Italienische Nacht. München, die nördlichste Stadt Italiens! Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas schreiben würde, aber langsam ist mir der Winter lieber. Da kann man wenigstens schlafen, und es herrscht Ruhe.
   20:24


Das Dunkelblau des Nachthimmels wechselte genauso geruhsam ins Nachtschwarze wie das Flugzeug, das inmitten der Sterne seine Bahn zog. Das Blinken der Tragflächen wurde von dem stetig aufleuchtenden Cursor auf Margits Handydisplay beantwortet.
   Nicht ganz so geruhsam ging es allenthalben in den Gärten zu. Aus allen Vorstadtoasen der Nachbarschaft lärmte es in den Nachthimmel.
   Grilldüfte, Rauchschwaden, Gläserklirren, Lachsalven, Fußballspiel, Kinderschreien, Gebell und sogar knatternde Motoren stellten die Geräuschkulisse dar.
   Margit und ihr Mann hatten sich entscheiden müssen, ob sie den Abend weggesperrt hinter geschlossenen Fenstern verbringen wollten, um wenigstens ein Wort von der Krimisendung mitzubekommen, oder ob sie auf der Dachterrasse sitzen blieben und den Gesprächen der Nachbarschaft folgten, die zugegebenerweise nicht minder spannend waren.
   Familie Klever, die das angrenzende Grundstück besaß, empfing ihren allabendlichen Besuch, der sich vierköpfig plärrend breitmachte. Die Männer spielten sich unter steigendem Alkoholkonsum verbale Spielbälle zu, die auf die Kosten der Gattinnen gingen.
   Hätte Margit die Nachbarsfrau leiden können, hätte sie Mitleid bekommen. Zwar konnte sie allein die näselnde norddeutsche Stimme des Hausherrn nicht leiden, aber die Anspielungen und Spitzen, die er heute Abend gegen seine Frau abschoss, gingen ihr fast zu weit. Der Herr des Hauses, so wollte ihr scheinen, lud allein Freunde ein, um seiner Darbietung von Wortwitz und Eloquenz das nötige Publikum zu bieten.
   Von den Frauen hörte sie zunächst wenig, außer bei deren halbherzigen Versuchen, die vier Fußball spielenden Jungs in ihrer Lautstärke zu mäßigen, die selbstverständlich überhört wurden.
   Margit, die ihren Mann bisweilen um seine Gehörlosigkeit beneidete, schickte ihm die Höhepunkte der nachbarschaftlichen verbalen Entgleisungen per WhatsApp. Unter Tags konnte sich Hans ein wenig mit dem Ablesen von ihrem Mund helfen, doch dafür war es bereits zu dunkel geworden. Da die Beleuchtung trotz Zitronenkerze selbst für Stift und Papier zu diffus wurde, war sie über die Erfindung des Handys und seiner leicht zu bedienenden Tastatur dankbar.

Der kleine Lars schreit wie am Spieß. Der gehört schon lang ins Bett. Klever hat seine Frau gerade eine großherzige Idiotin genannt. Da kracht es heute noch. Die nächste Flasche Wein wird geöffnet.
   21:01


Hans stand auf und reckte sich. Um über die mit Bambusmatten eingefasste Brüstung zu sehen, musste er sich auf die Zehenspitzen stellen. Er warf einen Blick auf die Bühne des Schauspiels, von dem sie ihm den ganzen Abend über berichtet hatte und schüttelte den Kopf. Als er sich zu ihr umdrehte, erkannte sie selbst in der spärlichen Beleuchtung, die ihr Schlafzimmerlicht auf die Terrasse warf, den Schalk in seinen Augen. Sein Lächeln konnte Margit noch immer verzaubern, genau wie vor vierzig Jahren, als er um ihre Hand angehalten hatte. Manchmal fragte sie sich, ob seine Gehörlosigkeit dazu beigetragen hatte, dass sie immer noch ein glückliches, zufriedenes Paar waren. Wenn sie den schnellen Wortwechseln der Nachbarn folgte, war sie sicher. Bevor sie sich mit Hans austauschte, selbst, wenn sie wütend war, konnte sie ihre Wortwahl überdenken, manche Worte löschen, ganze Sätze streichen.
   »Ich geh ins Bett.« Hans beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss. Kein hingehauchtes Küsschen auf die Stirn, sondern einen warmen, männlichen Kuss auf den Mund, dem sie noch länger nachschmecken würde. »Schlaf gut, wenn es möglich ist.« Hans’ Aussprache war verständlich geblieben, auch wenn er sein Gehör bereits vor zweiundvierzig Jahren verloren hatte. Manche Worte ließ er schleifen, aber für sie, die ihn von Anbeginn seiner Behinderung begleitet hatte, gab es keine Verständigungsschwierigkeit. Sie sah ihm nach und wusste, dass er sich nun über einen kurzen Abstecher in die Küche in das Souterrain des Hauses begeben würde, wo er sein Reich hatte. Als sie vor zwanzig Jahren das Haus ihrer Eltern erbte, in dem sie schon als Kind durch den Garten gesprungen war, hatte Hans auf getrennte Wohnbereiche bestanden. Er überließ ihr die Beletage mit Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Lichtbad und großzügiger Terrasse, während er das lichtdurchflutete, ebenfalls mit zwei Zimmern ausgestattete Kellergeschoss mit Bad und separatem Eingang nahm. Das Erdgeschoss war sozusagen neutrale Zone und bestand aus einem großzügigen Wohnzimmer, einer Wohnküche und einem Gäste-WC. Auch diese Wohnweise hatte sicherlich zu ihrer langen und glücklichen Ehe geführt. Zu große Enge macht jede Beziehung kaputt, war Hans’ Credo, und sie gab ihm recht. Gerade, weil Hans’ Jobs immer sehr früh begannen, war sie über diese Regelung froh. Seit Jahren stand er um 2:00 Uhr auf, um Zeitungen auszutragen. Sie erinnerte sich an die Nächte, als sie noch in der Wohnung in Schwabing gewohnt hatten und sie seinen Job verflucht hatte. Hans hörte nicht, wie viel Krach er beim Aufstehen machte, und sie konnte ihm auch keinen Vorwurf daraus machen, aber sein Gepolter mitten in der Nacht war unerträglich gewesen. Die Regelung, die sie jetzt getroffen hatten, war perfekt. Unter der Woche, wenn er arbeitete, schlief er unten, und von Samstag auf Sonntag bei ihr. Wenn er ihr am Sonntagmorgen das Frühstück ans Bett brachte, fühlte sie sich immer noch wie im Himmel. Sie war eine wahrlich zu beneidende Frau, machte sie sich klar und lächelte in die Nacht. Wenn sie jetzt noch per Knopfdruck diese Nachbarn ausschalten könnte, wäre alles perfekt. Ihr Mann, ihr Haus, ihr Garten, ihr Job.

Gegen 22:00 Uhr wurde Margit, die mittlerweile ein wenig weggedöst war, noch einmal wach. Frau Klever keifte, eindeutig alkoholisiert, in Richtung ihres Mannes. Das Thema war gleichbleibend und überraschte Margit nicht. Es fielen wie jeden Abend die Worte herzloses Arschloch und weitere schmeichelhafte Komplimente. Darauf folgte die lautstarke Verabschiedung der Gäste.
   Ein weiterer Wutausbruch seitens Frau Klever bedeutete Margit, dass das Ehepaar nun unter sich war. Kurz darauf startete der bekannte trommelnde Motor. Dr. Klevers Porsche schoss aus der Einfahrt. Der Fahrer rief seiner Frau noch zu, dass er nach diesen Beleidigungen nicht länger unter dem Dach des Hauses weilen wolle und empfahl sich mit quietschenden Reifen.
   »Ein Trauerspiel.« Margit hatte diesen Abgang schon dutzende Male mitverfolgt und fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis sich die beiden scheiden ließen. Allerdings kehrte der so empfindlich getroffene Ehemann spätestens am nächsten Abend wieder heim. Mit lautstarkem Motorengebrüll natürlich.
   Sie überlegte, ob sie auf der Dachterrasse liegen bleiben sollte, weil sie es liebte, unter freiem Himmel zu nächtigen.
   Von gegenüber erklangen die Geräusche des Aufräumens und der Zurechtweisung für die Jungs, ins Bett zu gehen.
   Ein erneuter Zigarettenrauchschwaden machte klar, dass Frau Klever noch immer auf ihrer Terrasse zugange war. Margit hörte sie weinen, ein Schnüffeln und dann eine zweite weibliche Stimme. Sie setzte sich auf ihrem Liegebett auf. Wenn jetzt das geschah, was sie vermutete, dann konnte sie ihre geruhsame Nacht auf der Dachterrasse vergessen.
   Frau Landstetter, Klevers direkte Nachbarin aus der Doppelhaushälfte, setzte sich auf ein tröstendes Gläschen Wein zu ihrer Freundin. Bedeutete für die geplagten Anrainer: ansteigendes Stimmengemurmel mit immer schriller werdenden Lachsalven.
   Margit warf einen prüfenden Blick zum Himmel und stellte fest, dass mittlerweile Wolken aufgezogen waren. Sie räumte sicherheitshalber die Polster von der Dachterrasse, sah nach, ob alle Türen im Haus verschlossen waren und stieg müde in den ersten Stock. Kaum lag sie in ihrem Bett, ertönte die erste Lachsalve, die allerdings viel Bitterkeit in sich trug. Das Fenster und den Rollladen zu schließen war eine Möglichkeit, die Erheiterung der Damen auszusperren, doch sie zögerte. Unter ihrem Flachdach staute sich die Hitze des Tages, und in ihrem Schlafzimmer war die Luft zum Schneiden. Als allerdings ein Sektkorken knallte, war ihre Entscheidung gefallen. Sie ließ ihren Rollladen, obwohl sie ahnte, dass es noch nicht einmal bemerkt würde, mit Nachdruck runtersausen. Lieber erstickte sie, als länger dem Weibergekreische zuzuhören. Nach ihrer Erfahrung gingen diese Gespräche bis tief in die Nacht. Teilweise bis zum Frühstück.

Als Margit schweißgebadet wach wurde, war es 03:34 Uhr. Sie fragte sich mit einem Blick auf den Wecker, wie sie trotz des geschlossenen Fensters durch einen Sektkorkenknall geweckt worden sein konnte, als eine weitere Flasche geöffnet wurde. Fast wäre sie wieder eingeschlafen, doch die Wiederholung des Knalls bohrte sich in ihr Bewusstsein.
   Sie stand auf, zog den Rollladen zu ihrer Dachterrasse hoch, bemerkte, dass es zwischenzeitlich geregnet hatte, und trat hinaus. Die Luft war herrlich frisch, und vereinzelt blinzelten Sterne durch die Wolken. Sie blickte durch eine Lücke der Bambusverkleidung in den Garten der Nachbarn und meinte, einen Schatten durchs Gebüsch schlüpfen zu sehen. Von unten war nichts mehr zu vernehmen.
   Bevor sie sich wieder hinlegte, öffnete sie schlaftrunken ihre Schlafzimmerfenster und zog den Rollladen leise hoch. Sie wurde wieder wach, als sich blaue Lichter an ihrer Schlafzimmerdecke abzeichneten. Es war 3:58 Uhr.

Montag, 08.06.2015
Am Taubenschlag, Großhadern, 05:15 Uhr – Ralf Utzschneider

»Du hast Augenringe wie ein Lastwagen mit Winterreifen, Utzschneider.« Ilga zündete sich eine Zigarette an.
   Nicht ihre erste, stellte Ralf mit einem Blick zum Boden vor ihr fest. Sie standen vor einer Doppelhaushälfte in der gediegenen Gegend Großhaderns, und es wurde zögerlich hell. Nach dem gestrigen strahlenden Tag hatte es in den frühen Morgenstunden ein paar Gewitter gegeben und alles glänzte nass.
   Ihn ärgerten Ilgas prüfende Blicke, und er nahm sich vor, nicht darauf einzugehen. Dass eine weitere schlaflose Nacht, die er mit Warten verbracht hatte, nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein konnte, spürte er nicht nur in den Knochen.
   Eine Nacht, die sich aufgeteilt hatte in Streit mit Danièle und zermürbende Selbstvorwürfe.
   Er riss sich zusammen, musste professionell werden. Es nützte keinem, wenn er nur mit halber Auffassungsgabe vor Ort war. »Wer ist da?«, er zeigte lässiger mit dem Daumen über seine rechte Schulter, als ihm zumute war, und beneidete Ilga um ihre Frische. Sie sah wie immer klasse aus. Ihre dunklen langen Haare hatte sie wie üblich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, das weiße T-Shirt hing locker über einer engen Jeans und verbarg kaum ihre begehrenswerte Oberweite. Ilga wäre in sein Jagdschema gefallen, wenn sie nicht seine Kollegin gewesen wäre.
   Ihm fiel auf, dass er Konrad noch immer nicht danach gefragt hatte, ob damals zwischen ihm und Ilga etwas auf dem Campingplatz gelaufen war. Wenn ja, er hätte es ihm nicht verübeln können. Was er ihm langsam verübelte, war, auch wenn er im gleichen Moment wusste, dass er ungerecht wurde, dass er sich immer noch im Krankenstand befand und ihn mit dieser Scheiße allein ließ. Ihr Dezernatsleiter hatte ihn zu Konrads Vertretung gemacht, und nach mehr sehnte er sich auch nicht. Er war Konrad von Kamms Vertretung und würde die Lücke, die sein bester Freund und Kollege hinterließ, nicht schließen können.
   Ilga schien ihn aufbauen zu wollen, jedenfalls sah ihr Gesicht danach aus. »Wir haben Glück im Unglück. Dein Lieblingsteam. Höll mit seiner Bluthundebande und Dottore Ostphal, frisch erholt aus dem Italienurlaub. Sieht aus wie Seal.«
   »Wie wer?«
   »Heidi Klums Ex, der Sänger.«
   »Wer ist Heidi Klump?«
   »Vergiss es. Wir haben zwei weibliche Opfer. Beide erschossen. Die eine liegt in der Küche, die andere auf der Terrasse. Tatwaffe bisher negativ, aber Höll ist noch nicht fertig. Die Kinder der Opfer werden gerade vom Krisenstab betreut, die Ehemänner der beiden wurden bereits informiert, respektive: Ich bin dran.«
   »Wie, die sind nicht zu Hause? Beide nicht? Wo stecken die denn?«
   »Den direkten Nachbarn des Hauses hier, Herrn Paul Landstetter, habe ich noch nicht erreicht. Aber ich bin dran.« Ilga hob ihr Handy in seine Augenhöhe, um ihre Worte zu bekräftigen. »Den anderen, Dr. Johannes Klever, habe ich schon erreicht. Er wohnt in diesem Teil der Doppelhaushälfte. Er hat behauptet, in seinem Büro übernachtet zu haben, das in Laufnähe liegt. Er wollte gleich herkommen, aber ich habe ihn direkt aufs Revier gebeten. Natürlich hat er sich zunächst gesträubt, du kennst das ja. Wollte nach Hause, sich selbst ein Bild machen usw. Ich habe ihm gesagt, dass die Kinder in die Ettstraße verbracht werden, da hat er sich gefügt.«
   »Kinder? Wie viele?«
   »Zwei Söhne, sechs und acht Jahre bei Familie Dr. Klever. Das ist der, der im Büro geschlafen hat. Eine Tochter aus dem Nachbarhaus. Vier Jahre.«
   »Das schau ich mir jetzt selbst an.«
   »Dafür sind wir hier. Hast du schon gefrühstückt?« Ilga trat die Zigarette aus.
   Ralf zog seine Augenbraue in die Höhe.
   »Wäre nämlich umsonst gewesen. Kein schöner Anblick da drin. Mach dich auf etwas gefasst.«
   Er ging um das Haus herum, blieb erst einmal stehen und ließ den Gesamteindruck auf sich wirken. Der Garten war hell erleuchtet. Sämtliche Lichtinstallationen, die reichlich vorhanden waren, brannten.
   »Waren die Lichter an, als die Kollegen vor Ort kamen?«
   Ein Mitarbeiter der Spurensicherung, der gerade durch ein Gebüsch linker Hand krauchte, drehte sich zu ihm. »Nein. Die Lichter haben wir angemacht. Die gesamte Gartenbeleuchtung hängt an einer Zeitschaltuhr. Um 22:00 Uhr wird die abgeschaltet. Als wir kamen, war nur das Licht in der Küche und eine kleine Lampe im Wohnzimmer an. Dazu noch eine Mückenabwehrkerze auf dem Tisch auf der Terrasse.«
   »Danke.« Ralf warf einen Blick auf die Frau, die auf der Terrasse lag, und drehte sich um. Wenn er schon mit solchen Anblicken auf nüchternen Magen konfrontiert wurde, wollte er gleich mit dem weniger appetitlichen Anblick in der Küche beginnen. Er kannte Ilga noch nicht lange, aber wenn sie sich bereits dazu bemüßigt fühlte, ihn zu warnen, dann konnte er sich auf etwas gefasst machen.

Am Taubenschlag, Großhadern, 05:30 Uhr – Ilga Richter

Selbst das zu dick aufgetragene Rasierwasser Utzschneiders konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht geduscht hatte. Zudem trug er noch dasselbe T-Shirt, das er gestern angehabt hatte. Sie machte sich Sorgen um ihn. Seit Wochen war er nicht wirklich auf der Höhe. Es gab Momente, an denen er sich augenscheinlich einen Tritt gab. Aber so richtig fit, so, wie sie Utzi kennengelernt hatte, war er nicht. Auf Fragen ihrerseits, die nicht Neugier, sondern dem Wunsch, zu helfen, entsprangen, hatte er nur ablehnend geantwortet.
   Ilga machte sich Sorgen. Nicht nur um Utzschneider, sondern jetzt bereits um die Ermittlung. Ein Doppelmord lag vor ihnen, und sie würden alle Aufmerksamkeit und Kraft darauf verwenden müssen, diesen zufriedenstellend aufzuklären.
   Eben fuhr das Auto des diensthabenden Staatsanwalts vor, und sie zuckte zusammen, als sie es erkannte. Dr. Dorfmann sah aus wie ein Model für gehobene Männerausstattung und trat forsch auf sie zu. Utzschneider war schon in Inneren der Doppelhaushälfte verschwunden, und sie nahm sich vor, ihn vor Dorfmann abzuschirmen. Es durfte kein schlechtes Bild auf das Team fallen. Nicht bei Dr. Dorfmann, der jeden Fehler persönlich nehmen würde.
   »Guten Morgen, Herr Dr. Dorfmann.« Ilga trat dem Staatsanwalt in den Weg.
   »Doppelmord an zwei Frauen? Keine Spur des Täters. Tatwaffe ebenfalls noch nicht aufgefunden, richtig?« Dorfmann vibrierte vor Schaffensdrang.
   »Richtig. Frau Maria Klever, die Bewohnerin des Hauses, wurde mit einem Kopfschuss in ihrer Küche aufgefunden. Ihre direkte Nachbarin, Annabell Landstetter, wurde ebenfalls mit einem Kopfschuss auf der Terrasse des Anwesens aufgefunden. Der Notruf wurde von einem Nachbarn abgesetzt. Herr«, Ilga musste in ihren Notizen spicken. »Herr Fridolin Gärtner, der Nachbar des Grundstücks gegenüber.« Sie zeigte auf ein Häuschen, das ebenfalls hell erleuchtet im Morgenlicht lag. »Er hat den Notruf um 03:42 Uhr abgesetzt. Die Kollegen sind bereits zur Befragung bei ihm.«
   »Hat sich sonst schon jemand aus der Nachbarschaft gemeldet? Hat irgendjemand etwas beobachtet?« Dr. Dorfmann drehte sich auf dem Absatz seiner sicherlich handgefertigten, blitzblank geputzten Herrenschuhe einmal im Kreis.
   »Nein. Die Kollegen sind unterwegs, um alle zu befragen. Wecken werden sie jetzt wohl niemand mehr. Wir können nur hoffen, dass jemand etwas gesehen hat. Selbst für Frühaufsteher ist die Tatzeit ein wenig zu früh.«
   »Ist es sicher, dass es sich bei den beiden Frauen um die Bewohnerinnen der beiden Doppelhaushälften handelt?«
   »Ganz sicher. Die Kollegen der Streife haben, nachdem sie die beiden Frauen vorgefunden haben, sofort das gesamte Anwesen abgesucht. Die Terrassentür der anderen Doppelhaushälfte stand sperrangelweit auf. Frau Landstetters Handtasche auf dem Wohnzimmertisch. Frau Klevers Handtasche in der Küche hat es ebenfalls bestätigt. Laut Ausweispapieren handelt es sich um die beiden genannte Frauen.«
   »Dann mache ich mir jetzt selbst ein Bild.« Dr. Dorfmann schritt energisch voran.
   Ilga, die sich bereits ein Bild gemacht hatte, folgte.
   Sie betraten die Teakholz-Terrasse des Hauses, die fortlaufend um das Anwesen gelegt worden war. Dr. Dorfmann erreichte eine Glastür, die offen stand und zur Küche führte. Die Tür war durch ein Absperrband der Polizei gesichert, und Dorfmann verharrte für einen Augenblick. Ilga, die bei ihrer Größe kein Problem hatte, über seine Schulter zu linsen, erkannte Manfred Höll und einen weiteren Kollegen der Spurensicherung. Dr. Ostphal war nicht zu sehen, also war er mit der Untersuchung der Toten auf der Terrasse noch nicht fertig, schloss sie.
   Dr. Dorfmann sagte kein Wort. Als Höll seinen Kopf hob, um zu sehen, wer an der Tür stand, nickte er ihm zunächst nur zu.
   Höll schien es recht zu sein, da er sich wieder der Spurenlage zuwendete. Es gab viel zu tun für die Männer in ihren weißen Schutzanzügen, das hatte Ilga bereits mitbekommen. Gerade, weil es keine Einbruch- oder Kampfspuren gab. Es schien, als ob ein Geist ins Haus gekommen wäre, um die beiden Frauen zu töten.
   »Stand die Tür auf?«
   »Nein. Laut den Kollegen war sie nur zugezogen, nicht abgeschlossen. Man hätte sie jederzeit von außen aufschieben können. Allerdings glauben wir nicht, dass der Täter durch die Küchenaußentür gekommen ist.«
   »Warum?« Dr. Dorfmann musterte die blonde vollschlanke Frau, die bäuchlings vor dem offen stehenden Kühlschrank lag. Er verzog das Gesicht beim Anblick des Kühlschrankinhalts, und Ilga konnte es ihm nicht verdenken. Sie würde Tage brauchen, um wieder einen Kühlschrank zu öffnen, ohne dass ihr das grausliche Bild des Inhalts hier in den Sinn kam.
   »Die Außentür zur Küche lässt sich nicht lautlos öffnen. Der Rahmen ist verzogen, oder sonst ist irgendwas. Höll wird das in seinem Bericht genauer definieren. Jedenfalls hätte die Tote sicherlich auf das Geräusch reagiert, meint Höll. Und dann wäre, das hat auch schon Dr. Ostphal bestätigt, der Winkel des Einschusses in ihren Kopf anders. Aber das wird natürlich noch genauer ausgemessen. Es ist nur eine erste Einschätzung. Das kleinere Einschussloch ist auf Höhe des Hinterkopfs, die Austrittsstelle …«
   »Liegt im Kühlschrank. Ja, danke.« Dr. Dorfmann schluckte und gewann damit bei Ilga Punkte.
   Vielleicht war sein Auftreten nur Fassade. Jeder von ihnen legte sich in den Jahren einen Schutzpanzer zu. Utzschneider durch seine ruppige Art, Konrad verschloss sich, und sie? Ilga war für einen Moment abgelenkt, als sie überlegte, welche Art sie hatte, mit den grauenhaften Anblicken in ihrem Beruf klarzukommen.
   Dorfmann war bereits weitergegangen. Er bog, soweit es das Absperrband zuließ, um die Ecke des Hauses und stand vor der geräumigeren Hauptterrasse, auf der sich Utzschneider eingefunden hatte. Utzschneider, der in Dr. Ostphals zusätzlicher Beleuchtung noch fertiger aussah als zuvor.
   »Ah, Uhlschneider ist auch vor Ort.«
   Ilga unterdrückte den Reflex, den Staatsanwalt zu korrigieren. Dass sich Utzschneider und Dr. Dorfmann nicht grün waren, wusste sie. Auf sein Späßchen, das er scheinbar nicht unterlassen konnte, reagierte Utzschneider mit eisigem Schweigen. Er nickte noch nicht einmal zur Begrüßung. Sein Gesicht schien wie aus grauem Beton gegossen.
   Dr. Ostphal kniete über der zweiten Toten und kam mühsam auf die Beine, als er sie beide sah. Er hatte seinen Italienurlaub anscheinend nicht nur in der Sonne genossen, sondern auch in zahlreichen Restaurants. Er brachte mindestens fünf Kilo mehr auf die Waage, schätzte Ilga, und beneidete ihn trotzdem. Einen Urlaub hätte sie auch vertragen können. Aber sie musste noch warten. Sparen. Sparen für den ganz großen Urlaub.
   »Können Sie mir schon etwas zu den beiden Toten sagen?« Dr. Dorfmann verzichtete wie üblich auf jede Begrüßung.
   »Guten Morgen und ja.« Stefan fuhr sich über seinen kahl werdenden, kurz rasierten Schädel. Und, als ob er Dr. Dorfmann ärgern wollte, blieb er still. Erstaunlicherweise drängte ihn niemand zur Antwort.
   Ilga lauschte dem Vogelgesang, der um die Uhrzeit immer besonders intensiv war. Hörte Stimmen von Männern, die innerhalb des Hauses sprachen und zur Spurensicherung gehörten, bemerkte kein Auto, das am Grundstück vorbeifuhr und registrierte auf einmal, wie leise es eigentlich auf dem Grundstück war. Sie blickte sich um und verstand. Das Grundstück lag umgeben von Nachbarsgärten und an keiner Straße. Eine lange Auffahrt, die rechts und links von Nachbarhäusern flankiert war, hatte sie zu dem kleinen Hof geführt, der gerade so groß war, dass ein Auto darin wenden konnte. Wenn sie nicht ihre Hütte im Wald bewohnt hätte, sie wäre vor Neid gestorben. Ein Anwesen in München in solch einer Lage konnte man mit der Lupe suchen.
   Ilga konzentrierte sich wieder auf die Tote und Dr. Ostphal. Frau Landstetter war auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von Frau Klever in der Küche. Sie war überschlank, hochgewachsen und dunkelhaarig. Bei Ilgas Eintreffen hatte sie bäuchlings auf dem Holzboden gelegen, doch Dr. Ostphal hatte sie für seine ersten Untersuchungen umgedreht, und jetzt konnte man ihr gebräuntes, markant geschnittenes Gesicht erkennen, das von langen schwarzblau getönten Haaren umgeben war. Sie machte auf Ilga den Eindruck eines Models, was durch ihre Kleidungswahl betont wurde. Barfuß, mit Kettchen um den linken Knöchel, steckte sie in einer schmalen schwarzen, nur bis auf die Wade reichenden Baumwollhose, zu der sie eine ebenso schwarze kittelartige Bluse mit weit geöffnetem Kragen trug. Alles sah salopp und ungewollt aus, doch Ilga erkannte mit einem Blick, das für dieses Outfit Geschmack und noch mehr Geld gefragt war. Auch der Silberschmuck, den sie an den Zeigefingern trug, sah erlesen aus.
   Dr. Stefan Ostphal räumte bereits zusammen und sprach mehr zu seinem Tascheninhalt als zu den Anwesenden. Es war seine Art, mit der Erschütterung umzugehen. »Frau Annabell Landstetter wurde durch einen Kopfschuss, der sie seitlich oberhalb der Schläfe traf, getötet. Sie ist fünfunddreißig Jahre alt, war in, soweit ich das bisher sehen kann, guter, gesunder Verfassung. Ob der Tod sofort eingetreten ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Dafür muss ich sie erst auf meinem Tisch haben. So, wie es aussieht, ist der Schuss aus unmittelbarer Nähe abgegeben worden. Ich schätze mal, wenn ich die Position der Toten miteinbeziehe, stand der Schütze innen, nahe der Türschwelle.« Dr. Ostphal deutete auf die Terrassentür. »Keine Abwehrspuren oder irgendetwas, was auf einen Kampf hindeutet. Meine erste Einschätzung: Sie saß hier auf diesem Gartenstuhl mit dem Gesicht zum Garten.« Ostphal zeigte auf die beiden benutzten Sektgläser und den überfüllten Aschenbecher dazwischen. »Sie ist wohl aufgrund des Schusses in der Küche aufgestanden, um nachzusehen, was los ist und wurde noch in der Bewegung des Aufstehens getroffen. Die Kugel hat sie direkt in den Kopf getroffen. Wirkt auf mich wie die Arbeit eines Profis. Abgedrückt ohne Zögern.«
   »Die Spuren halten sich in Grenzen.« Dr. Dorfmann klang fast enttäuscht darüber, dass sich um Frau Landstetter nicht mehr Blut über den Boden verteilt hatte.
   »Anderer Einschusswinkel. Von oben nach unten. Ich sage ja, Frau Landstetter saß vermutlich hier und ist in der Bewegung links in den Schädel getroffen worden.«
   »Dann ist sie wohl nicht die Erste gewesen.« Ralf blickte in das Wohnzimmer, als wollte er den Weg abschätzen, den der Täter von der Küche bis zur Terrasse zurücklegen musste.
   Dr. Ostphal zuckte mit den Schultern. »Ich kann dazu nichts sagen. Jedenfalls noch nicht jetzt. Und zu der Spurenlage sowieso nichts.«
   »Ich kann mir das nicht vorstellen.« Dr. Dorfmann gab sich mit der Antwort nicht zufrieden. »Wenn ich einen Schuss höre, würde ich doch sofort aufstehen, um nachzusehen, was passiert ist. Sie muss als Erste getötet worden sein.«
   »Höll hat eine andere Theorie, auch wenn er sie noch nicht untermauern kann.« Utzschneider rieb sich müde übers Gesicht. »Er hat irgendwas von Sektkorken gemurmelt.«
   »Von Sektkorken?« Dr. Dorfmann sah sich um.
   »Von nicht vorhandenen Sektkorken«, verbesserte sich Utzschneider.
   »Können wir rein?«, rief Ilga fragend ins Haus, ohne jemand bestimmten anzusprechen. Ihr wurde es zu dumm. Wenn sie jetzt nicht ganz schnell vom Thema ablenkte, würden sich Utzschneider und Dr. Dorfmann um Definitionen streiten.
   »Wegen mir dürft ihr eintreten. Aber bleibt bitte auf dem markierten Weg«, antwortete Höll aus der Küche. Er verfügte scheinbar über ein respektables Gehör. Wie lange er schon zugehört hatte, wurde ihr beim Eintreten in die Küche klar. »Zwei geleerte Sektflaschen stehen unter dem Gartentisch. Zwei Sektkorken auf der Küchenanrichte. Eine Sektflasche samt Korken zerbrochen am Küchenboden.«
   Ilga runzelte die Stirn. Jetzt fing Höll auch noch an. Als hätte er ihren Gedanken gelesen, zwinkerte er ihr zu. »Ich werde meine Theorie zum Tathergang zeitnah präsentieren. Keine Sorge. Augenblicklich möchte ich noch nichts dazu sagen. Das Einzige, was ich euch jetzt schon sagen kann: keine Einbruchspuren. Was einen nicht weiter verwundert, da das Haus offen stand. Soll heißen, die Küchenaußentür war nur zugezogen, nicht zugehebelt, die Haustür war ebenfalls nur ins Schloss gezogen. Für einen Profi kein Hindernis. Allerdings glaube ich nicht, dass der Täter durch die Haustür kam. Die Terrassentür zum Elternschlafzimmer im Erdgeschoss stand ebenfalls sperrangelweit auf. Also wenn ihr mich fragt, fahrlässig.«
   »Dann hätte der Täter also von allen Seiten ins Haus gekonnt?« Dr. Dorfmann trat einen Schritt aus der Küche und blickte nach rechts und links.
   »Richtig. Das Haus stand sozusagen in alle Richtungen offen. Übrigens, das Haus nebenan auch. Frau Landstetter war wohl durch den Garten zu ihrer Nachbarin gekommen. Jedenfalls steht ihre Terrassentür auch auf und ihre Handtasche stand offen am Wohnzimmertisch. Ich frage mich manchmal, ob diese Frauen es darauf anlegen, überfallen zu werden.«
   »Also, wenn die Handtasche auf dem Wohnzimmertisch stand, handelt es sich augenscheinlich schon mal nicht um ein Raubdelikt.« Dorfmann schien froh, überhaupt mal etwas geklärt zu haben. »Oder gibt es sonstige Spuren, die auf Raub hindeuten?«
   »Nicht auf den ersten Blick. Frau Klevers Handtasche steht hier.« Höll deutete auf die Küchenanrichte, auf der sich Teller stapelten, die anscheinend nicht mehr in die Spülmaschine gepasst hatten. Die Maschine war fertig durchgelaufen und zeigte eine Null an.
   »Hatten die Klevers Gäste?« Auch Dr. Dorfmann war die Menge Geschirr aufgefallen.
   »Sieht so aus.« Utzschneider blätterte behandschuht durch einen Terminkalender, den er aus der Handtasche der Toten genommen hatte. »Hier steht Mertes, 16:00 Uhr.«
   »Finden Sie raus, wer das ist und …«
   »Machen wir.« Ilga unterbrach Dorfmann lieber, bevor es Utzschneider tat. »Wir werden jeden einzelnen Termin, den wir von den beiden Frauen finden können, unter die Lupe nehmen.«
   »Um noch etwas zu Frau Klever zu sagen, bevor ich zusammenpacke …« Dr. Ostphals klang genervt.
   »Ja bitte, Kollege.« Dr. Dorfmann wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mediziner zu, der die Bezeichnung Kollege sichtlich nicht mochte.
   »Frau Maria Klever, ebenfalls fünfunddreißig Jahre alt. Ebenfalls auf den ersten Blick keinerlei gesundheitliche Probleme. Der Kopfschuss bei ihr war aufgesetzt, am Hinterkopf.«
   »Das ist ja wie bei einer Hinrichtung.« Dorfmanns Stimme war die Erschütterung anzuhören.
   »Ja, allerdings stand sie, wie man an den Spuren schön sehen kann. Die Wucht der Kugel hat ihr Gesicht weggerissen.«
   »Samt ihres Gehirns.« Höll Stimme klang fast persönlich beleidigt.
   »Sie war auf der Stelle tot.« Dr. Ostphals Worte klangen für einen Moment unkommentiert durch den Raum.
   Ilga überwand sich und studierte Frau Klevers Leiche. Etwas, was sie bisher tunlich vermieden hatte. Der Gesamteindruck war erschütternd genug gewesen. Doch jetzt, da sie näher herangekommen war, musste sie die Zähne zusammenbeißen und sich das Szenario genau ansehen. Frau Klevers rechter Mokassin war ihr vom Fuß gerutscht, und Ilga bemerkte, dass sich die Hausherrin vernachlässigt hatte. Die dicke Hornhaut an ihrer Ferse, die in der Beleuchtung der Polizei fast orange wirkte, sagte ihr, dass Frau Klever entweder keine Zeit oder keine Lust hatte, sich um ihr Aussehen zu kümmern. Von mangelndem Geld ging sie nach dem ersten Eindruck, den das Haus auf sie machte, nicht aus. Ilgas Blick wanderte Frau Klevers Körper hinauf. Im Gegensatz zu ihrer Nachbarin waren ihre Beine bleich, vereinzelte Besenreiser waren ebenfalls in der gnadenlosen Beleuchtung gut zu erkennen. Ilga war jedes Mal erschüttert und schämte sich fast, einen Menschen, der gerade noch gelebt hatte und seine Intimsphäre besaß, auf diese Art und Weise bloßgestellt zu begutachten. Das Sommerkleid war hübsch gewesen. Weit geschnitten, guter Stoff, erkannte sie und seufzte. Zu dem floralen Muster waren ein paar Blutblüten dazugekommen. Von Frau Klevers Gesicht war nichts mehr zu erkennen. Um einen Eindruck von der Frau zu bekommen, würden sie sich an Fotos halten müssen. Die Haare waren naturblond und zu einer pflegeleichten Kurzhaarfrisur geschnitten. Kein Schmuck, bis auf den Ehering, noch nicht einmal Ohrringe.
   »Was ist eigentlich mit den Ehemännern der beiden?« Dr. Dorfmann lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, und diesmal war ihm Ilga nicht böse.
   »Dr. Klever müsste sich mittlerweile auf dem Präsidium befinden, und Landstetter versuche ich gleich noch mal zu erreichen.«
   »Wieso waren die nicht zu Hause? Wir haben Montag.«
   Fast hätte Ilga gelacht. Fast. Als ob es in allen Ehen üblich war, dass sich alle brav montags morgens am Frühstückstisch trafen. Sie kannte eigentlich nur noch Ehen, bei denen keiner mehr daheim gewesen wäre, hätte man bei ihnen die Türen des Hauses ausgehängt. Sie warf Utzschneider einen Blick zu. Ob Utzschneider vom gleichen Schicksal betroffen war und es ihm deswegen so schlecht ging? Er wäre nicht ihr erster Kollege, der wegen der Arbeit seinen Ehepartner verlor. Viele Lieben zerbrachen an den unregelmäßigen Arbeitszeiten und dem Stress. Nicht alle, gab sie zu. Manche hielten über Jahrzehnte, und diese beneidete sie wirklich. Sie selbst war geschieden, und auch, wenn die Trennung nicht durch ihre Arbeit hervorgerufen worden war, würde sie sich nicht erneut auf einen Mann einlassen. Ganz sicher nicht.
   »Sehen Sie zu, dass Sie alle so schnell wie möglich aufs Präsidium bekommen. Ich erwarte Ergebnisse.« Dr. Dorfmanns Rundumblick machte klar, dass seine Aufforderung nicht nur Ilga galt.
   Sie folgte ihm zurück auf die Terrasse, verzichtete aber darauf, ihn noch bis zu seinem Wagen zu begleiten, da sie eine Person am anderen Ende des Gartens ausgemacht hatte. Wahrscheinlich war es nur ein neugieriger Nachbar, aber genau solch einen brauchte sie jetzt. Sie wollte sich nicht mit den ersten Aussagen, die ihre Kollegen bereits aufgenommen hatten, zufriedengeben und durchquerte, Pfützen ausweichend, die Länge des Gartens. »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?« Ilga zückte ihren Ausweis und versuchte, durch den Bambus zu linsen, um ein besseres Bild von ihrem Gegenüber zu bekommen. Der Mann entzog sich einen Moment ihrer Sicht, nur um ein paar Meter weiter links wiederaufzutauchen. Hier wies die Bambushecke eine Lücke auf, kapierte Ilga, und trat mit gezücktem Ausweis auf ihn zu.
   »Fridolin Gärtner, ich habe die Polizei gerufen.«
   »Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?« Ilga maß den Alten, der, angetan in Unterhemd und Gartenschürze, ihren Ausweis studierte und eine unverkennbare Alkoholfahne ausströmte.
   »Sicherlich. Am anderen Ende der Bambushecke gibt es leider einen guten Durchstieg. Kommen Sie.« Herr Gärtner winkte sie in die richtige Richtung.
   Ilga kraxelte über einen runtergetretenen Maschendrahtzaun, wunderte sich einen Augenblick über diese Nachlässigkeit, die so gar nicht zum ersten Eindruck von Herrn Gärtners Garten passen wollte.
   »Wunderschön haben Sie es hier. Ein kleines Paradies.« Den sorgsam angelegten Gemüsebeeten ausweichend, kam sie auf der winzigen Rasenfläche an, die wie mit der Nagelschere getrimmt wirkte. Sie verschaffte sich einen schnellen Rundumblick und erkannte, dass sich hier jemand auf Gartenanbau verstand. Neben den beschilderten Gemüseanbauflächen gab es zwei getrimmte Obstbäume, einen Schuppen für Gartengeräte mit dazugehörigem Komposthaufen und eine wunderschöne Kletterrose, die gerade dabei war, aufzublühen.
   »Kommen Sie, bitte.« Herr Gärtner winkte sie auf seine kleine Terrasse, auf der ein runder Tisch und zwei Stühle standen. Das Haus selbst war unspektakulär. Es wirkte eher wie eine nach und nach ausgebaute Gartenlaube aus den sechziger Jahren.
   »Wollen Sie einen Kaffee?« Herr Gärtner zeigte auf eine Thermoskanne, und Ilga sagte nicht Nein.
   »Sie haben um 03:42 Uhr den Notruf gewählt. Würden Sie mir bitte alles erzählen, was Ihnen aufgefallen ist?«
   »Sicher. Ich habe es Ihren Kollegen schon berichtet, aber ich verstehe schon, dass Sie es lieber mit eigenen Ohren hören wollen.«
   »Bitte.«
   »Nun, viel habe ich nicht zu berichten. Ich konnte nicht schlafen, weil es bei Klevers immer noch hoch herging.«
   »Immer noch?« Ilga kramte ein Notizbuch hervor.
   »Immer noch. Ihr nachmittäglicher Besuch hatte sich verabschiedet, Dr. Klever war im Anschluss mit seinem Porsche abgebraust, aber die beiden Damen der DHH hatten den Kragen immer noch nicht voll.«
   »Wie spät war es da?«
   »Zirka zehn Uhr. Zeit für mich, ins Bett zu kommen. Ich stehe früh auf, müssen Sie wissen. Die Gartenarbeit erledigt man am besten in der Früh, wenn der Tau noch …«
   »Und dann konnten Sie nicht schlafen, weil es bei Dr. Klever immer noch hoch herging. Sie sind also die ganze Nacht wach gewesen?«
   »Nicht die ganze Zeit. Schlussendlich habe ich es mit Ohrenstöpseln geschafft, für ein oder zwei Stunden zu schlafen. Leider sind mir diese unbequemen Dinger wieder aus den Ohren gerutscht, oder ich habe sie im Schlaf selbst entfernt, wie dem auch sei, ich bin dann wieder wach geworden.«
   »Warum? Können Sie sich erinnern, was sie geweckt hat?«
   »Ich kann mich an nichts Besonderes erinnern. Ich bin einfach aufgewacht, weil die beiden Frauen drüben keine Rücksicht auf Nachtruhe ihrer Nachbarn nehmen. Noch nie genommen haben.«
   Ilga konnte Fridolin Gärtners Empörung fast körperlich spüren. Die Lippen des kleinen Mannes bebten, auch wenn er es unter ihrem Blick zu verbergen suchte. »Wissen Sie, wie spät es da war?«
   »Nicht genau, aber ich denke, so um 3:00 Uhr herum. Ich bin rausgegangen, wollte …«
   Ilga sah ihn fragend an. Herr Gärtner starrte mit leerem Blick in die Richtung des Kleverhauses und konnte doch nur seine Heckenrose sehen. »Sie wollten?«
   »Also, eigentlich wollte ich den beiden Bescheid geben. Meinen Unmut über den Zaun brüllen.« Fridolin Gärtner wirkte mit einem Male zerknirscht. »Aber jetzt, wo sie beide tot sind, tut mir das leid.«
   Ilga konnte seinen Gedankengang nachvollziehen, aber ihr lag die nächste Frage schon auf der Zunge.
   Als ob er es gemerkt hätte, beeilte sich Fridolin Gärtner, weiterzusprechen. »Ich habe gezögert. Es ist etwas anderes, sich wütend aus dem Bett zu schwingen und mit dem Vorhaben, den Nachbarn den Marsch zu blasen in den Garten zu gehen, oder dann dort hinter der Hecke zu stehen.« Er hob hilflos die Arme. »Die Luft war bei mir raus, und es war drüben auch für einen Moment ganz still. Ich hatte schon gehofft, dass das, was ich noch zu hören bekommen hatte, das Gelächter, das mich geweckt hatte, die Verabschiedung der beiden Frauen gewesen wäre.«
   »Aber dem war nicht so.«
   »Nein.« Fridolin Gärtner schüttelte den Kopf und sah auf einmal sehr müde aus. »Ich hatte mich gerade umgedreht, um wieder ins Haus zu gehen, als es einen Knall tat. Ich bin zuerst überhaupt nicht drauf gekommen, was das sein könnte. Es war einfach ein sehr lauter Knall. Erst nach einem Aufschrei und dem zweiten Knall, gefolgt von einem Poltern, hat mich eine Ahnung überkommen. Ich war wie erstarrt und habe erst einmal gar nichts gemacht.«
   »Haben Sie nach dem Poltern, wie Sie es nennen, noch irgendetwas beobachten können? Haben Sie nicht versucht, nachzusehen, was drüben passiert ist?«
   Fridolin Gärtner schüttelte den Kopf. »Nein. Irgendwie nicht. Mir war klar, war im Moment klar, dass es etwas Schreckliches gewesen sein musste, aber das war alles. Ich bin direkt ins Haus und habe den Notruf gewählt.«
   »Und danach? Sind Sie wieder zurück in den Garten gegangen?«
   »Nicht gleich. Ich habe erst einmal etwas getrunken und Kaffee gemacht.«
   »Sie befürchten, dass bei Ihren Nachbarn zwei Schüsse gefallen sind, und machen sich Kaffee?«
   »Ja. Ich habe die Terrassentür abgesperrt, das Licht im Wohnzimmer gelöscht und mich in der Küche hinter geschlossenen Rollladen aufgehalten, bis ich die Martinshörner gehört habe. Ich konnte doch nicht wissen, ob der Irre nicht wahllos in der Gegend herumschießt. Vielleicht hätte er mich auch noch erschossen, wenn er mich im Garten angetroffen hätte. Gerade heutzutage bei den ganzen Amokläufen.« Herrn Gärtners Hand zitterte, als er seine Kaffeetasse zum Mund führte.
   Ilga notierte seine Aussage. »Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie nur die beiden Frauen gehört haben, oder war da noch eine dritte Stimme?«
   »Meiner Meinung nach waren die beiden allein. Ich habe nur die beiden gehört. Wenn noch jemand dabeigesessen wäre, hätte er sehr leise sein müssen.«

Diefenbachstraße, Solln, 07:00 Uhr – Konrad von Kamm

Der Treppenlift fuhr mit dem für seinen Motor typischen Ächzen um die Kurve, bevor er die Zielgerade, die noch fünfundzwanzig Stufen des beeindruckenden Treppenhauses darstellte, aufnahm.
   »Hast du gut geschlafen, Franz?«
   »Ich kann mich nicht beklagen, Junge. Wenn ich mir allerdings dein zerknittertes Gesicht ansehe, frage ich mich, ob du das auch behaupten kannst.«
   Konrad spürte den seitlich prüfenden Blick seines vierundachtzigjährigen Onkels auf sich liegen und bevorzugte, seinen Kopf wegzudrehen. Vermeintlich, um das Bild genauer in Augenschein zu nehmen, das rechter Hand von ihm lag. »Wer ist das noch mal?« Selbstverständlich wusste er, wessen Antlitz auf dem goldgerahmten Ölbild festgehalten worden war, genauso wie er jeden anderen Namen der Ahnengalerie, die sich in Onkel Franz’ Treppenhaus versammelte, hätte nennen können.
   »Freifrau Konstanze von Wies, genannt das alte Schreckgespenst.«
   Konrad grinste. Er erinnerte sich an Urlaube in seiner Kindheit, an denen die Nennung seiner Vor-vor-Vorfahrin ihm eine Gänsehaut über den Rücken gejagt hatte. Damals hatte er sich solchermaßen in Franz’ Geschichten reingesteigert, dass er felsenfest der Überzeugung gewesen war, dass Konstanze, das Schreckgespenst, im Hause umging. Heute waren es andere Geister, die ihn nachts nicht schlafen ließen.
   Vor einer Stunde war er erst panisch wach geworden mit dem Gefühl, erstickt zu werden. Dass es nur Ottilie, die Katze seines Onkels war, die sich abermals ihren Schlafplatz auf seiner Brust gesucht hatte, war ein schwacher Trost. Er konnte sich nicht mehr an seinen Traum erinnern, wollte es erst gar nicht versuchen.
   »Was hast du heute vor?« Franz atmete einmal tief durch, als der Treppenlift im ersten Stock anhielt und das Surren verklang. »Schreckliches Geräusch, werde ich mich nie daran gewöhnen, klingt nach Verfall und Invalidität.«
   »Ich habe nachher einen Termin, um 11:00 Uhr.« Konrad nestelte am Gurt, der links zu schließen war und auf dessen Benutzung Franz bestand.
   »Das ist gut. Termine sind gut. Du solltest öfter welche ausmachen. Hält einen auf Trab. Ich fahre nachher zu Püppchen und gehe im Anschluss mit Ilga frühstücken. Sie hat heute frei.«
   Konrad griff mit seiner freien Hand nach Franz’ Gehstock. Er versuchte, die Wehmut, die ihn beim Gehörten überkam, abzuschütteln, und wusste gleichzeitig, dass ihm Franz seine Verabredung mit Absicht unter die Nase gerieben hatte. Seit Wochen lag ihm sein Onkel damit in den Ohren, er solle endlich mal wieder das Haus verlassen.
   Mühsam rappelte sich Konrad aus dem Treppenlift auf. »Du kennst meine Einstellung. Bevor ich nicht sicher auf meinen eigenen Beinen stehe, habe ich bei einem Pferd nichts verloren.«
   Franz’ Antwort war ein Kopfschütteln.
   Bevor es sich sein Onkel noch anders überlegte und ihm eine weitere Standpauke über Ehre, Indianerherz, Männlichkeit und Kriegsveteranen hielt, packte er den silbernen Knauf fester und humpelte ins Badezimmer, in dem er sich erst einmal auf den schmalen Sitz unter der Dusche fallen ließ. Er war schweißgebadet.
   In dem im Verhältnis zum gesamten Herrenhaus kleinen Badezimmer herrschte zudem eine Affenhitze. Konrad sah, dass Franz den Heizstrahler an der Wand vergessen hatte. Oder war er seinetwegen eingeschaltet? War das wieder einer von Franz’ Tricks, um ihn herauszufordern? Mussten sie ihn denn alle antreiben? Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Ihm die Zeit lassen, die er brauchte, um wieder auf den Damm zu kommen? Verfluchte Pest, er wäre fast verreckt, und jetzt wurde er gefoltert.
   Mit der rechten Hand zog er sich das T-Shirt über den Kopf, warf es zum Waschbecken, traf natürlich nicht, zog die Boxershorts aus und warf sie gleich daneben zum Oberteil. Wie hieß der blöde Spruch, über den er damals gelächelt hatte? Irgendetwas mit – wenn man sich schon mal gebückt hätte und unten wäre, könne man auch gleich mehr erledigen, damit es sich lohne. Irgendwie so. Knapper formuliert.
   Utzschneider wüsste die Formulierung, da war sich Konrad sicher. Beim Gedanken an Utzschneider verzog er das Gesicht. Sein bester Freund und Kollege hatte sich täglich bei ihm gemeldet, sich in der Zeit, die er im Krankenhaus auf der Intensivstation und später in der Reha verbracht hatte, rührend um ihn gekümmert. Seit er im Haus seines Onkels wohnte, hatten sie sich nicht mehr gesehen. Was an ihm lag. Das Haus und sein Reichtum waren ihm peinlich. Er hatte Utzi versprochen, anzurufen, wenn er sich so weit eingerichtet hatte. Das war vor fünf Wochen gewesen. Das schlechte Gewissen nagte an ihm. Bevor es wirklich zubiss, schloss er den Duschvorhang und öffnete den Wasserhahn.
   Kaltes Wasser prasselte auf ihn nieder. Früher wäre er zur Seite gesprungen. Heute war er vom Springen so weit entfernt wie der Chinesische Turm im Englischen Garten von Peking. Stoisch wartete er darauf, dass die alten Wasserleitungen in der zur Jahrhundertwende gebauten Villa warmes Wasser in den ersten Stock transportierten. Das warme Wasser war ein Genuss. Überhaupt, wieder selbstständig duschen zu können. Er drückte auf den von Franz vorsorglich angebrachten Flüssigseifenspender, und es überkam ihn schlagartig eine Welle der Dankbarkeit, die ihm Tränen in die Augen trieb.
   Franz hatte keine Sekunde gezögert, als die Frage aufkam, wo er nach der Reha wohnen sollte.
   Seine Wohnung an der Schönstraße, die im sechsten Stock ohne Lift lag, war ausgeschlossen gewesen. Wäre noch Katis Haus gewesen, dass auf seine Bedürfnisse eingestellt gewesen wäre. Doch allein der Gedanke, bei seiner Noch- oder auch Exfreundin einzuziehen, die zum damaligen Zeitpunkt auch noch mit seiner Noch- und jetzt Exehefrau zusammenwohnte, hatten ihn schreiend weglaufen lassen wollen. Dabei war er vom Laufen und gar vom Weglaufen Meilen entfernt.
   Kurzfristig hatte sogar seine Mutter überlegt, ob er nicht bei ihr im Altenstift in ihr Zimmer einziehen konnte. Die Vorstellung war so absurd, dass er in irres Gelächter ausgebrochen war, was ihm einen zutiefst beleidigten Blick eingehandelt hatte. Fast war es zu einem Zerwürfnis mit Hildegard von Kamm gekommen, wäre nicht rechtzeitig Franz’ vernünftiger Vorschlag gekommen, zu ihm zu ziehen.
   Franz’ Villa bot genug Platz für zwei Männer. Er bewohnte mittlerweile das zweite Wohnzimmer im Erdgeschoss, das sogenannte Herrenzimmer mit anschließendem Wintergarten. Der Treppenlift war wegen Franz’ Hüftoperation im vorletzten Sommer sowieso schon eingebaut gewesen, das Duschstühlchen, auf dem er jetzt balancierte, ebenfalls. Alle weiteren hilfreichen Einrichtungen hatte Franz bereits eigenhändig eingebaut, bevor Konrad von der Reha im Chiemgau übergesiedelt war. Eben solche wie den Seifen- und Haarwaschmittelspender, den er einhändig bedienen konnte. Er konnte sich nicht beschweren, und doch zogen für ihn dunkle Wolken über den blauen, momentan wolkenlosen Junimorgen.
   Konrad stellte das Wasser ab, griff nach dem Handtuch und war erleichtert, dass der Badezimmerspiegel beschlagen war. Er hatte sich noch immer nicht an den Anblick der zehn Zentimeter langen Narbe, die unterhalb seines Brustkorbs lag, gewöhnt.
   Die Klinge war von seinem Rippenbogen abgerutscht, und das hatte ihm das Leben gerettet, hatte ihm ein Arzt erklärt. Er hätte Glück im Unglück gehabt.
   Aufs Rasieren verzichtete er und öffnete das Fenster. Warme Luft, die nach Sommer duftete, strömte in den Raum. Er beugte sich vor, hielt sich am Waschbecken fest, angelte nach seinem T-Shirt und war schon wieder schweißgebadet.
   Das Deo traf erst beim zweiten Mal. Unter der rechten Achsel eigentlich gar nicht. Die Zahnbürste kippte zweimal um, bevor er ein bisschen Zahnpasta darauf verteilt hatte. Er betrachtete die Schweinerei, die er auf der Ablage unter dem Spiegel angerichtet hatte, war aber zu müde, um sie mit etwas Toilettenpapier wegzuwischen. Frau Ümir kam montags. Er würde ihr einen Schein zukommen lassen.
   Wofür dusche ich eigentlich?, dachte er, als er die Türklinke hinunterdrückte. Er war vollkommen verschwitzt und fertig. Das unrhythmische Getrappel auf der Holztreppe verriet ihm, dass Franz gewartet hatte, ob er die Morgentoilette überlebte.
   Seufzend schnallte er sich an und fuhr Richtung Erdgeschoss. Kaffeeduft empfing ihn. Kaffee, den er nicht trinken durfte.
   »Für mich kein Frühstück, Franz.« Ohne eine Antwort abzuwarten betrat er sein Reich und ließ sich auf das ungemachte Bett fallen, das Franz hier hinein- und dafür eine Kartenspiel-Sesselgruppe hatte hinausschaffen lassen. Es war ein schönes helles Zimmer mit deckenhohen Flügeltüren zur Terrasse, die zu einem imposanten Garten gehörte. Konrad schloss die Augen, hörte seinen Onkel in der Küche rumoren und schlief ein. Es war 9:00 Uhr.

Ettstraße, 09:00 Uhr – Ralf Utzschneider

Die Maschinerie war angelaufen, jedem in seinem Team war eine Aufgabe zugeteilt. Wie ein eingeübter Tanz, wie ein tausend Mal geprobter Start einer Rakete. Ralf fühlte sich wie der Zünder dieser Rakete. Ein Funke würde genügen, um ihn explodieren zu lassen. Der Anruf seiner Frau Danièle war nicht allein daran schuld, und doch war er im Moment so außer sich, dass er kaum verstand, was Patricia Eggerstein zu ihm sagte.
   »Was?« Er fuhr sich übers Gesicht, hörte das Knistern der Bartstoppel an seine Handinnenflächen und verstand abermals nur die Hälfte.
   »… kann ich dir irgendwie helfen? Du siehst beschissen aus.«
   »Das davor meinte ich.« Er klang in seinen eigenen Ohren unfreundlich, konnte aber nichts daran ändern. Patricia konnte nicht ahnen, dass er kurz davorstand, loszubrüllen und seine abgehackte Art dem Rechnung trug, dass er sie als wertvolle Kollegin respektierte. Er wollte nur noch brüllen. Einfach nur unartikuliertes Neandertalergebrüll von sich geben, sich eine Keule schnappen und alles kurz und klein schlagen.
   »Der Ehemann der einen Toten, Paul Landstetter, war endlich zu erreichen. Hatte das Handy auf lautlos gestellt. Hat Schlaftabletten genommen, hat er gesagt. Er kommt mit dem Zug um 13:47 Uhr.«
   Ralf sah auf die Uhr. Es war erst früher Morgen, und er fühlte sich bereits so müde, als ob es mitten in der Nacht wäre. »Wo hat er denn gesteckt, dieser Landstetter?«
   »In einem Hotel in Heidelberg. Auf Geschäftsreise.«
   »Am Sonntag?«
   Patricia zuckte mit den Achseln. »Das wird er uns sicherlich nachher erklären. Mehr habe ich nicht aus ihm rausbekommen. Er war hörbar erschüttert und hat nur nach Emilie gefragt.«
   »Emilie?«
   »Seine Tochter. Die Kleine ist mittlerweile von ihrer Oma abgeholt worden, der arme Wurm. Sie hat noch gar nichts verstanden.«
   Er erinnerte sich an das blasse, fast durchscheinende Gesicht der kleinen Emilie. Vier Jahre, mein Gott. Er dachte an seine Jüngste daheim, die diesen September in die erste Klasse kam. In dem Alter waren sie noch nett und gut zu haben. Wenn sie erst … Er wischte den nicht fertig gedachten Satz zur Seite. »Und die zwei Jungs?«
   »Sind bei ihrem Vater nebenan. Ich wollte dich fragen, ob ich sie jetzt gehen lassen kann. Sie sind in einem erbärmlichen Zustand. In ihr Zuhause dürfen sie wohl noch nicht. Ich habe Höll gefragt, aber die Spurensicherung stellt noch immer alles auf den Kopf.«
   »Ich will erst noch mit dem Vater sprechen. Sag ihm, ich komme gleich.« Ralf gab vor, eine Notiz zu machen, um Patricia nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Er hörte ihren leichten Gang und das leise Rascheln ihres Sommerrocks und stand auf. Ein kurzer Blick in den Spiegel bestätigte das, was er befürchtet hatte: Er sah aus wie ein Zombie aus dem Computerspiel seines jüngeren Sohns. The Walking Dad würde Moritz, sein Zweitgeborener, sagen. Einen Augenblick war er versucht, etwas an seinem Aussehen zu ändern, dann sagte er sich, dass der Ehemann auf der anderen Seite der Wand nicht anders aussehen würde.
   Eine Minute später musste er sich verbessern. Dr. Johannes Klever sah aus wie ein Geschäftsmann kurz vor einem wichtigen Meeting. Noch bevor er ihm die Hand geschüttelt und sein Mitleid ausgedrückt hatte, ging er ihm bereits auf die Nerven.
   Dr. Johannes Klever war ein hochgewachsener, schlanker Mann mit tadellos sitzendem grauem Anzug. Unter seiner Jacke trug er ein schwarzes Hemd mit Stehkragen und rot abgesetzter Knopfleiste, das jedem Kung-Fu Meister alle Ehre gemacht hätte. Er wirkte, so, wie er sich sonnengebräunt und lässig wieder zwischen seinen Söhnen niederließ, wie ein Beach-Boy. Verstärkt wurde der Eindruck von seinen schwarzen glatten Haaren, die streng zu einem Zopf zusammengefasst über seiner Schulter lagen. Das Ziegenbärtchen, das er sich hatte stehen lassen, hätte exakt in seine Geheimratsecken gepasst und verdeckte seinen Rasurbrand nicht, der im künstlichen Licht fast lila leuchtete.
   Herr Dr. Klever hob seine rechte Hand, beugte sich jeweils zu jedem Sohn und sah jedem einzelnen für einen Augenblick durch seine rot gefasste Brille tief in die Augen. »All right, Jungs. Wir haben eine Abmachung.«
   Beide nickten und starrten auf die Tischplatte.
   Ralf war der Umstand, dass die Kinder mit am Tisch saßen, nicht recht. Er wollte klare Fragen stellen und hoffte auf ebensolche Antworten. Antworten und Fragen, die nicht für Kinderohren geeignet waren.
   »Ihre Söhne könnten auch vor der Tür warten. Ich rufe jemanden, der in der Zwischenzeit auf sie aufpasst.«
   »Nicht nötig. Ich habe das gerade schon geklärt. Was vorgefallen ist, wissen sie. Umso besser, wenn sie mitbekommen, was jetzt geschieht, anstatt dass sie sich ihre kleinen Köpfe zerbrechen und sich sonst etwas zusammenreimen.«
   Wie auf Knopfdruck hoben beide Jungs die Köpfe und sahen ihn fragend an. Ralf spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, und zog sich das T-Shirt von der Brust. Er hatte selbst drei Kinder, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, sie bei einer Befragung teilnehmen zu lassen. Er sah in die dunklen Augen der beiden Jungs und schüttelte den Kopf. »Das mag ja Ihre Meinung sein, Herr Dr. Klever. Ich kann sie nicht teilen. Ich habe Ihnen ein paar brisante Fragen zu stellen, die nichts für Kinderohren sind. Wenn Sie meinen, dass es anders ist, können Sie ihnen ja nachher alles berichten. Lars, Ulf.« Ralf stand auf und öffnete die Tür. »Frau Faltermayer! Haben Sie vielleicht eine Cola für die beiden, bitte?« An Lars’ Miene erkannte er, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Wahrscheinlich durften die beiden alles trinken außer Cola. »So.« Ralf blieb stehen, was ihm den Vorteil gab, dass Dr. Klever zu ihm aufsehen musste. »Ich will Sie nicht lange aufhalten. Ihre Fingerabdrücke haben wir bereits. Noch eine Frage: Ist das die Kleidung, die Sie gestern Abend getragen haben?«
   »Nein. Gestern hatte ich Freizeitkleidung an.«
   »Die wir wo finden? Also wegen des Abgleichs der Spuren.«
   »In meinem Büro in der Wäsche.« Dr. Klever runzelte die Stirn. »Sie glauben doch nicht, dass ich meine Frau und Annabell erschossen habe?«
   »Bei der Kriminalpolizei wird nicht geglaubt, sondern bewiesen. Im Fall, dass Sie nichts zu verheimlichen haben, ist es ein reines Ausschlussverfahren, das es uns erleichtert, den wahren Täter zu ermitteln. Den Durchsuchungsbefehl für Ihre Praxis habe ich bereits, es steht Ihnen selbstverständlich frei, meine Kollegen zu begleiten und bei der Durchsuchung anwesend zu sein.«
   Dr. Klevers Gesicht blieb ausdruckslos. Er schob kommentarlos einen Schlüsselbund über den Tisch. »Den werden Sie brauchen.«
   »Das ist sehr nett. Sie bekommen ihn selbstverständlich sofort zurück. Sagen Sie, wo werden Sie die nächsten Tage mit Ihren Söhnen unterkommen?«
   »Ich hoffe doch, bald wieder daheim.«
   »Nein. Aus Erfahrung kann ich Ihnen jetzt schon sagen, dass sich die Untersuchung eines Tatorts über Tage hinziehen kann, vor allem, wenn man nicht zeitnah einen Täter findet. Es wäre also auch in Ihrem Sinne, wenn Sie uns helfen.«
   »Habe ich behauptet, dass ich Ihnen nicht helfen will?«
   »Nein. Ich wollte das nur vorausschicken.« Ralf hatte genug Erfahrung, um sich ausmalen zu können, dass jemand wie Dr. Klever beim nächsten Gespräch einen Anwalt im Schlepp hätte, der ihm jede Kooperation verbieten würde, und sei es nur aus Prinzip.
   »Und womit kann ich Ihnen jetzt schon helfen?«
   »Mit der Wahrheit.« Ralf wusste, dass er sein Gegenüber mit diesem Satz aufbrachte, aber er konnte es nicht lassen, ihn aufzustacheln. Er wollte sehen, ob er hinter die Fassade des Mannes kam, der so scheinbar unberührt durch den Tod seiner Frau und Nachbarin vor ihm saß. Ein wenig mehr Erschütterung, Mitgefühl. Irgendwas. »Sie sind Arzt?«
   Klever nickte. »Humanmediziner. Ich übe meinen Beruf allerdings nicht aus, also nicht im üblichen Sinne.«
   »Das müssen Sie mir genauer erklären.«
   »Ich leite ein Pflegedienstunternehmen und habe mich dort mehr auf die administrative Seite verlegt. Sollte allerdings Not am Mann sein, weil einer meiner Angestellten ausfällt, springe ich selbst ein. Warum?«
   »Wir müssen so viel wie möglich über Sie und Ihre Frau und Ihre Nachbarin erfahren. Nur so ist es uns möglich, ein Motiv zu finden.«
   »Verstehe. Ich werde Ihnen ein wenig über Maria erzählen, wenn Ihnen das weiterhilft.«
   Ralf setzte sich und schaltete sein Palmhandy ein. Er fragte sich, wo Ilga blieb, und hoffte, dass sie ihn nicht den ganzen Tag allein ließ. Er merkte jetzt schon, wie ihm die nötige Konzentration fehlte.
   »Maria hilft bei der Buchhaltung, ansonsten ist sie Hausfrau und Mutter. Ich wollte das immer so, denn ich bin der Meinung, Kinder brauchen ihre Mutter. Sie hat Chemie studiert, aber nie einen Abschluss gemacht.«
   Ralf sah auf. Etwas an Dr. Klevers Unterton war ihm aufgefallen. Er meinte, so etwas wie einen verächtlichen Ton herausgehört zu haben. »Dann leben Sie beide also von Ihrem Einkommen, das Sie durch Ihren Pflegedienst einnehmen.«
   »Sozusagen.«
   »Was muss ich mir unter sozusagen vorstellen?« Ralf hörte selbst, wie gelangweilt er klang. Warum konnten die Leute nicht einfach geradeheraus sagen, was Sache war?
   »Maria hat Geld in die Ehe gebracht. Sie hat ein wenig geerbt.«
   »Aha.«
   »Was wollen Sie mir jetzt mit dem Aha sagen? Dass ich meine Frau erschossen habe, weil ich von ihr erbe?«
   »Nein. Nicht unbedingt. Warum waren Sie gestern Nacht nicht zu Hause? Ist es üblich, dass Sie in Ihrem Büro übernachten, oder gab es Streit?«
   »Beides. Es ist üblich, dass ich hin und wieder in meinem Büro übernachte, und es gab Streit. Die Nachbarschaft wird Ihnen das sicherlich mit Genuss bestätigen. Allerdings keinen solch grundlegenden Streit, dass ich daraufhin meine Frau erschossen hätte. Und vor allem, warum sollte ich Annabell gleich mit erschießen?«
   Ralf meinte abermals, eine Tonfallveränderung wahrgenommen zu haben, er konnte sich allerdings auch täuschen. »Sind Sie gut befreundet mit Ihren Nachbarn?«
   »Das kann man so sagen. Wir kennen uns schon länger.«
   »Länger?«
   »Seit dem Studium. Paul, das ist Annabells Mann, hat gemeinsam mit Maria studiert.«
   »Und die Ehe der beiden? War die gut?«
   »Welche Ehe ist das schon? Es gab hin und wieder Streit. Aber das ist halt so. Mehr weiß ich nicht. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die horchen, oder andere Menschen ausfragen.«
   »Ich auch nicht.« Ralf erntete für diesen Satz einen erstaunten Blick. Die Leute vergaßen, dass man auch eine Privatperson war, machte er sich klar und seufzte. In seinem Privatleben war er anscheinend zu wenig neugierig gewesen, und das wurde ihm jetzt zum Verhängnis.

Diefenbachstraße, Solln, 10:00 Uhr – Konrad von Kamm

Konrad träumte, er wäre wieder auf der Intensivstation. Das monotone Geräusch der Maschinen, die ständige Begleitung eines Brummtons, ließen ihn vibrieren.
   »Wir können nichts mehr für ihn tun«, sagte ein gesichtsloser weißer Kittel.
   »Er kostet ja auch nur unnötig Strom.«
   Die Maschine brummte nicht mehr. Etwas legte sich auf die Brust und sein Gesicht. Wollten sie ihn umbringen? Drückten sie ihm ein Kissen ins Gesicht? Dunkelheit umfing ihn, ein leises Schmatzen und das Hämmern an eine Tür.
   War er es, der gegen die Himmelspforte klopfte? Zwiebel, Knoblauch und Schweißgeruch – es war das Tor zur Hölle!
   »Konrad, musst du aufstehen, anziehen. Hast du Termin!«
   Er wurde an der Schulter gerüttelt. Dunkle, lebenslustige Augen sahen auf ihn herab. Der Mund umgeben von feinen dunklen Haaren bildeten das Wort mussuaufstehan. Dann ertönte ein Fauchen, der Druck von seiner Brust verschwand, und Konrad war augenblicklich wach.
   »Wie spät?«
   »Halb elf.«
   Konrad sprang mit einem Fluch auf, versuchte es jedenfalls und wäre gestrauchelt, wenn ihn Frau Ümir nicht festgehalten hätte.
   »Vorsicht, junger Mann! Immer Schritt für Schritt.«
   »Ich bin zu spät dran, du hättest mich früher wecken müssen!« Konrad humpelte zu dem Kleiderhaufen, den er am Vortag achtlos über den Stuhl geschmissen hatte, zog seine Shorts mit Gummibund aus dem Knäuel, schlug sie mit der rechten Hand aus und verrenkte sich regelrecht, um in die Hosenbeine zu steigen. Dabei überschlug er gedanklich den Weg. Er brauchte zwanzig Minuten, wenn er sich beeilte, die fünf Stufen zur Praxis mit eingerechnet. Also noch die Turnschuhe mit Klettverschluss, die Socken würde er heute weglassen, auch wenn er danach die Treter aus odören Gründen in n Müll werfen musste. Konrad blickte auf, sah, dass Frau Ümir ihn beobachtete und keine Anstalten machte, ihm zu helfen, als er mit dem Klettverschluss kämpfte.
   »Opa auch sehr krank, habe ich gepflegt, heute tanzt auf Tisch.«
   Konrad trat in den Sportschuh, trat die Lasche nach hinten und fluchte.
   »Kommt darauf an, welches Ziel Mensch hat.« Ümir wischte über seinen Nachttisch.
   »Auf dem Tisch tanzen sicherlich nicht. Mir würde schon reichen, wenn ich in den Schuh käme. Jetzt hilf mir doch mal, Ümir!«
   »Glaube, Telefon läutet.«
   Konrad sah Frau Ümir fassungslos nach. Das Einzige, was er klingeln hörte, war das Klingeln in seinen Ohren.

*

»Sie sind eine halbe Stunde zu früh, Herr von Kamm. Setzen Sie sich doch bitte einen Augenblick ins Wartezimmer.«
   Konrad ließ sich ungläubig auf den mit Kunstleder bezogenen Sitz fallen. Er betrachtete mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu den Zimmerbrunnen, der einer kleinen Grotte nachempfunden war, in deren Nass sich Einhörner und Feenpuppen zwischen Farnen neckten. Er fasste es nicht! Ümir hatte ihn an der Nase herumgeführt. Er war fast gerannt, um pünktlich bei seiner Physiotherapie zu erscheinen, hatte gedacht, er würde es nie und nimmer schaffen. »Opa tanzt auf dem Tisch«, murmelte Konrad. »Wahrscheinlich, weil Boden voller Mausefallen, Ümir«, knurrte er und musste doch lachen.

Ettstraße, 11:00 Uhr – Ralf Utzschneider

»Sackgasse, respektive, wir müssen weitergraben.« Ralf hatte sein Team, bestehend aus Patricia, Lommel, Huber und Ilga, zusammengetrommelt und fasste das Gespräch mit Dr. Johannes Klever zusammen. »Sie hatten Gäste, die sich gegen 22:00 Uhr verabschiedeten, weil alle früh raus mussten. Um 22:30 Uhr sei er in die Firma gefahren, um den nächsten Morgen zeitig zu starten. Hätte dort noch gearbeitet und dann geschlafen, bis wir ihn angerufen haben. Er werde jetzt mit den Jungs vorübergehend ins Hotel Adler ziehen und einen Anwalt einschalten.«
   »Wieso das denn?« Huber, der bisher gelangweilt an einem Bleistift gekaut hatte, hob den Kopf.
   »Er will in sein Haus, hat deswegen wirklich Terror gemacht. Auch die Aussage meinerseits, dass es für seine Jungs besser sei, wenn Sie den Tatort so nicht zu sehen bekämen, hat er nicht gelten lassen.«
   »Was haben die Jungs denn überhaupt mitbekommen?« Patricia schrieb schon wieder die ganze Zeit über, und Ralf fragte sich, was es war. Vielleicht ein Liebesroman, um diesem Wahnsinn zu entgehen, dem Alltag zu entkommen? »Die Kollegen, die zuerst vor Ort waren und das Haus gesichert haben, waren so umsichtig, die beiden, Lars, acht Jahre und Ulf, sechs Jahre, durch die Eingangstür hinauszubegleiten und vorher den Anblick in der Küche abzuschirmen.«
   »Wulff hatte Dienst, oder?« Lommel tauchte hinter seinem Laptop auf.
   »Dann haben Sie sicherlich nichts zu sehen bekommen.« Huber packte sein Salamibrot aus, dessen Geruch sich sofort über den Raum legte. Ralf hätte es ihm am liebsten aus der Hand gerissen und aus dem Fenster geschmissen.
   »Bei der Figur.« Huber biss zu. Keiner lachte. Jeder kannte Wulff und dessen Gewichtsprobleme, und doch konnte selbst dieser abgedroschene Witz heute Morgen niemand ein Lächeln abringen. Sogar Huber bemerkte dies und schwieg.
   In das betretene Schweigen trat Höll, Leiter der Spurensicherung, wie üblich, ohne anzuklopfen. »Meditiert ihr?«
   Ralf schüttelte den Kopf und wies auf einem freien Stuhl. »Du hast das Wort, Manfred.«
   »In Kürze zusammengefasst, Bericht folgt, Tatort ist weiterhin abgesperrt. Also …« Höll öffnete seinen Lederkoffer und entnahm ihm ein paar handschriftliche Notizen.
   Ralf war sicher, dass er die bisherigen Ergebnisse im Kopf hatte und musste sich beherrschen, um das nicht zu sagen.
   »Keine Einbruchsspuren. An keiner Tür. Ich gehe davon aus, dass der oder die Täter durch den Garten gekommen sind. Die ebenerdig gelegene Schlafzimmertür stand auf, die Terrassentür gleich daneben auch. Und die ebenfalls ebenerdig gelegene Küchentür war auch nicht abgesperrt. Allein die Haustür war ins Schloss gezogen. Die bisherige Auswertung der Spuren, die sich aus verschiedenen Gründen schwierig gestalten wird, hat ein vorläufiges Szenario ergeben, das mir Dr. Ostphal unter Vorbehalt bestätigt hat.« Höll sah sich um, entdeckte ein jungfräulich weißes Board, stand auf und skizzierte mit ein paar wenigen Strichen das Erdgeschoss des Tatorts.
   Ralf erkannte einen großen Raum, in den Höll WZ schrieb für Wohnzimmer. Links daneben malte er einen schmaleren, etwas kürzeren Raum – Bezeichnung SZ. Vor beiden Räumen, die er mit Türen bestückte, skizzierte er mit ein paar länglichen Strichen die Terrasse. Was es allerdings mit dem Wollknäuel auf sich hatte, das Höll auf der Terrasse einzeichnete, verstand er nicht ganz. Er wollte schon etwas dazu bemerken, doch Höll hob abwehrend eine Hand.
   Nach und nach war der Grundriss zu erkennen. Höll verglich noch einmal die Zeichnung in seiner Hand mit der an der Wand, fügte eine Tür von der Küche in den Flur hinzu und nickte. »So, es gibt verschiedene Szenarien, von denen ich euch später sagen kann, welches das richtige ist. Fest steht, dass Frau Klever, die Bewohnerin des Hauses, die Erste war, die getötet wurde. Sie stand zu dem Zeitpunkt vor ihrem Kühlschrank, den wir geöffnet vorgefunden haben. Der Täter ist von hinten an sie herangetreten und hat sie mit einem Kopfschuss niedergestreckt. Nicht aufgesetzt, wie Dr. Ostphal ausrichten lässt. Abstand teilen wir euch später mit.« Höll zeigte auf die Küchentür, die zum Hausflur ging. »Wir nehmen an, er ist durch diese Tür gekommen.«
   »Warum?« Ilga meldete sich das erste Mal zu Wort, fiel Ralf auf.
   »Nun, aus zwei Gründen: Wäre er durch die Küchenaußentür gekommen, hätte sich Frau Klever sicherlich zu ihm umgedreht. Diese Tür lässt sich nicht geräuschlos öffnen. Sie war, wie ich schon sagte, nur zugezogen, nicht abgesperrt. Wenn man sie aufstößt, macht sie ein vernehmliches Geräusch. Zweitens: Wäre er durchs Wohnzimmer gekommen, hätte er erst an Frau Landstetter vorbeigemusst, und diese ist ebenfalls durch einen Kopfschuss von seitlich vorn getötet worden.«
   »Wo ist er also deiner Meinung nach rein?«
   »Ich denke, aber wie gesagt, alles momentan noch im Rahmen der nicht belegten Spekulation, durchs Schlafzimmer.« Höll legte ein Blatt zur Seite. »Das Knäuel hier, für die, die nicht vor Ort waren, sind Büsche. Dichtes Buschwerk, verstärkt durch eine Art Paravent. Ich stelle mir vor, er ist an beiden Frauen vorbei ins Schlafzimmer, vom Schlafzimmer weiter in den Hausflur.« Höll fuhr mit dem Finger den Weg, den er beschrieb. »Frau Klever ist in der Küche, er kommt vom Flur, tritt hinter sie und peng.« Höll ahmte die Bewegung eines Cowboys nach. »Danach ist er aus der Küche durchs Wohnzimmer auf die Terrasse zu Frau Landstetter, und abermals peng.«
   »Ich verstehe aber immer noch nicht, warum Frau Landstetter, das ist doch die, die draußen saß, nicht hineingegangen ist, als sie den Schuss gehört hat. Ich meine, wenn jemand bei mir im Haus schießt, dann sehe ich doch nach, was los ist oder renne weg.« Huber stellte eine vernünftige Frage.
   Ralf blickte perplex zu seinem Kollegen und nickte. »Das verstehe ich auch nicht. Wie reimt ihr euch das zusammen?« Er lehnte sich gespannt vor.
   »Aufgrund der Sektflaschen und Verteilung der Korken.« Höll zog einen Stapel Fotoausdrucke aus seinem Koffer und verteilte sie um seine Tatortskizze. »Seht ihr, auf dem Gartentisch stehen zwei Sektgläser und zwei geleerte Flaschen darunter. Die dazugehörigen Sektkorken befanden sich in der Küche auf der Anrichte. Ich gehe also davon aus, dass Frau Klever ins Haus gegangen ist, um eine weitere Flasche zu öffnen. Die Tote lag in den Scherben der noch geschlossenen Flasche. Ich vermute also, dass sie der Schuss traf, als sie eine neue Flasche aus dem Kühlschrank entnommen hat. Weiter gehe ich davon aus, dass Frau Landstetter, die zum Tatzeitpunkt ebenfalls nicht mehr nüchtern war, Ostphal wird euch die Promille genau mitteilen, annehmen musste, dass der Knall, den sie hörte, vom Öffnen einer weiteren Flasche stammte.«
   Ralf runzelte die Stirn. Klang so weit plausibel. Wenn die Waffe einen Schalldämpfer hatte, oder Frau Landstetter stark alkoholisiert war. Er tippte Schalldämpfer mit zwei Fragezeichen in sein Palmhandy. Das war eine Frage, die er Stefan stellen musste. Oder der Ballistik. »Sind die Projektile gefunden worden?«
   »Ja, beide. Ich habe sie schon in die KTU gegeben.«
   Er hoffte, dass die Auswertung der kriminaltechnischen Untersuchung nicht allzu lang auf sich warten ließ und steckte sein Handy weg.
   Patricia, die nicht am Tatort gewesen war, hob die Hand. »Und warum, verzeih die Frage, ich weiß, deine Arbeit ist immer kniffelig, ist die Spurenlage schwierig?«
   »Fußball.«
   Ralf verstand augenblicklich. Er hatte im aufziehenden Tageslicht das Fußballtor im Garten stehen sehen. Ebenso eins wie das, mit dem er Stunden mit seinem ältesten Sohn zugebracht hatte. Seine Miene musste sich verfinstert haben, denn Höll nickte.
   »Überall im Haus Fußabdrücke vom Garten. Es wird Tage dauern, die alle auseinanderzudividieren. Die Söhne der Klevers spielen anscheinend leidenschaftlich Fußball. Also, um es abzukürzen: Der Rasen und Garten sieht aus, als hätte sich eine Rotte Wildschweine dort heimisch gemacht. Äste sind abgebrochen, Fasern, wohin das Auge fällt. Spuren auf dem Boden durch alle Räume. Gut erzogen sind die nicht.«
   Ralf erinnerte sich an die nicht abreißenden Ermahnungen Danièles gegenüber ihren Kindern, die Schuhe vor der Tür auszuziehen und seufzte. »Das kann ja heiter werden.«
   »Du sagst es. Ich muss wieder los und schicke euch alles so schnell, wie es geht. Dr. Ostphal lässt zudem ausrichten, dass er mit der Obduktion um Punkt 13:00 Uhr beginnt. Er hat mit mir gewettet, wer von euch erscheint. Enttäuscht mich nicht.« Höll packte seine Sachen zusammen, zwinkerte Ilga zu und verabschiedete sich.
   Ralf rief ihm einen Dank hinterher und rügte sich ob seines zeitlichen Hinterherhinkens. Ja, machte er sich klar, er hinkte jetzt schon hinterher. Er wünschte sich Konrad herbei, der jetzt alle Aufgaben verteilen würde, der die Verantwortung hätte und die Antworten auf die Fragen, die er noch nicht einmal formuliert hatte.
   »Dr. Ostphal hat sicher auf dich gesetzt, Utzi.« Ilga holte ihn aus seiner bitteren Selbstbetrachtung. »Wie wäre es, wir erstaunen sie beide und schicken Huber?«
   Huber verschluckte sich augenblicklich an seinem Salamibrot.
   War es immer noch dasselbe oder ein zweites, fragte sich Ralf, und nahm sich augenblicklich vor, seine Umgebung aufmerksamer zu beobachten. Wenn er so abgelenkt blieb, konnte er keinen Fall lösen. Keinen wie diesen. Vielleicht sollte er den Fall überhaupt abtreten. Aber an wen? Er sah sich in seinem Team um, und sein Blick blieb an Ilga hängen, die ihn drängend ansah. Entscheide dich, wies er sich zurecht, als sein Telefon zu läuten begann.

Friedastraße, Solln, 11:00 Uhr – Konrad von Kamm

»Das geht doch schon alles wunderbar.« Ulrike Locher, ein spindeldürres, fast ätherisches Feenwesen, blond und weißhäutig, strahlte ihn an. Wie immer hatte sie Konrad durch die Mangel gedreht. Und wie immer fragte er sich, woher diese zierliche Frau, die ihren Feenfiguren im Wartezimmer glich, diese Kräfte nahm. Wie sie ihn solchermaßen verbiegen konnte. Er lag auf der Liege, in seinen Ohren rauschte es, alle Körperteile waren angenehm warm und kribbelten. Sogar seine linke Hand, auch wenn er sie nach wie vor nicht bewegen konnte und sie nutzlos wie ein einzinkiger Kamm auf seinem Brustkorb lag. Von wunderbar, grollte Konrad im Stillen, war er noch weit entfernt.
   »Ich sage meinen Patienten immer, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Man muss nur daran glauben und arbeiten.«
   Konrad setzte sich auf. Auch vom Arbeiten war er noch weit entfernt. Wenn er überhaupt je wieder …
   »Wissen Sie, Herr von Kamm, mit wunderbar meinte ich Ihre Körperfunktionen. Überlegen Sie doch mal, wo Sie herkommen und danken Sie Ihrem Körper. Betrachten Sie nicht nur dauernd das, was noch nicht funktioniert. Danken Sie ihm aufmerksam für das, was wieder geht, was er weggesteckt hat.« Ulrike Locher war noch nicht fertig.
   Konrad schielte verhalten auf die Wanduhr zu seiner Rechten und seufzte. Vielleicht hätte er nicht die Empfehlung seiner Mutter annehmen und lieber eine vernünftige Physiotherapeutin ranlassen sollen. Das halbesoterische Gerede, zusammen mit den fernöstlichen Klängen, die in der gesamten Praxis aus unsichtbaren Musikboxen schallte, machte ihn langsam weich. Dazu der süßliche Duft nach Vanille, oder war es Ylang-Ylang? Jedenfalls kam die Räucherstäbchenmischung nicht ganz gegen seinen Schweißgeruch an.
   »Bleiben Sie noch einen Augenblick liegen, ich möchte noch mit Ihrer Hand sprechen.«
   Konrad ließ sich zurückfallen und schloss schicksalsergeben die Augen. Er glaubte nicht an solchen Quatsch und nahm sich vor, gleich heute Mittag nach einer vernünftigen Praxis zu suchen. Zunächst hatte er nichts gegen Ulrike Lochers Anwendungen einzuwenden gehabt. Er wollte seine Ruhe, hatte genug von den schweißtreibenden Wiederherstellungs-Programmen, die er in der Reha absolvieren musste. Aber so langsam fragte er sich, ob er nicht auch dienstlich gegen Frau Locher vorgehen musste. Aufgrund Scharlatanerie.
   Zwar hatte seine Mutter erklärt, sie persönlich käme für alle Kosten auf, aber schlussendlich hieß das in Amtsdeutsch, dass er sie auch noch wegen Bauernfängerei und Ausnutzen alter Leute dranbekam.
   Konrad spürte Frau Lochers kühle Hand auf seiner nutzlosen Flosse liegen, ließ sich alle Paragrafen, die er in ferner Vergangenheit auf der Polizeischule gelernt hatte, durch den Kopf gehen und entspannte sich.
   »Sehen Sie, so gefallen Sie mir schon besser. Mit einem Lächeln. Es ist nicht nur der Körper, der sich erholen muss, der den Schock wegstecken und neue Nervenbahnen finden muss. Auch die Psyche, die innere Einstellung ist wichtig. Zwei Messerattacken innerhalb zwei Wochen ist ein starker Schock. Die Schlaganfälle ob des erneut hohen Blutverlustes eine logische Antwort des Körpers. Ihr Bein hat Ihnen fast schon verziehen, nun geben Sie auch Ihrer Hand die Möglichkeit, Ihnen zu verzeihen.«
   Konrad unterdrückte den Reflex, seine nutzlose Hand aus den Fängen dieser Irren zu ziehen. Sollte er seiner Hand vielleicht offiziell ein Entschuldigungsschreiben zukommen lassen? Sich dafür entschuldigen, dass ihn erst eine wahnsinnige Schönheit in den Isarauen und kurze Zeit später sein eigener Schwiegervater auf dem Oktoberfest niedergestochen hatten? Entschuldige, liebe Hand, dass mir das passiert ist, es soll nicht wieder vorkommen, mein Fehler? So in etwa? Fast hätte er gelacht. Solange Frau Locher ihn auf ein Fangokissen gebettet und an seinen Füßen gezogen hatte, war es ja ganz angenehm gewesen. Irgendwas mit Kranich hieß die Therapie, aber ihr Geschwätz ging ihm gegen den Strich.
   »Sie sollten sich mit Ihrem Körper unterhalten, ihn fragen, was noch fehlt. Er wird Ihnen antworten, da bin ich mir sicher, dass es keine Funktionsstörung ist. Sondern Ihr Kopf, Ihre Seele, Ihre Aura. Die Drei machen mir Sorgen. Wenn Sie mit sich wieder im Einklang sind, wenn diese drei Elemente des Zusammenspiels wieder ineinandergreifen, wird auch Ihr Körper wieder mitspielen. Seien Sie positiv. Zwei Mordanschläge, und Sie leben noch. Der Himmel will Sie noch nicht, Konrad von Kamm. Sie werden hier gebraucht.«
   Konrad spürte einen fast burschikosen Klaps auf der Schulter, öffnete die Augen und setzte sich auf. Weisheiten, die die Welt nicht brauchte.
   Frau Locher hatte sich bereits abgewandt. »Wann können Sie nächste Woche? Ich hätte den Dienstag Zeit.«
   »Ich rufe Sie an.« Mühsam kämpfte er sich in seine Turnschuhe zurück.
   »Bei dem Wetter würde ich Ihnen einen offenen Schuh empfehlen.«
   Konrad, dessen Kopf gerade zwischen seinen Knien steckte, sah auf Frau Lochers Füße, die mit orange lackierten Zehennägeln in birkenstockähnlichen Latschen steckten. Na sicher. Und sich mit solchen Tretern am besten den Hals brechen. Lieber starb er, als seine letzte männliche Würde zu verlieren.
   »Oder versuchen Sie mal, barfuß zu gehen. Am besten durch die Natur. Wieder Verbindung mit dem Leben aufnehmen. Leben atmen, Natur spüren, Lebensenergie tanken.« Frau Locher strahlte.
   Bäume umarmen und dem Gras wachsen zuhören, dachte Konrad säuerlich. Wenn er überhaupt solch einer Empfehlung nachgekommen wäre, hätte er sich bei seiner momentanen Laune eher in einem Kurs für Urschrei-Therapie eingeschrieben. Er sah sich vor geistigem Auge mit einem knöchellangen, unbehandelten Baumwollhemd barfuß durch den Garten seines Onkels streifen. Gerade so wie der Maler Diefenbach, auch der Kohlrabi-Apostel genannt, der lange Zeit belächelt in Baierbrunn ganz in der Nähe gewohnt hatte. Allerdings war dieser seiner Zeit weit voraus gewesen, ein Vegetarier und Naturmensch um die Jahrhundertwende. Gestorben auf Capri? Im gleichen Augenblick fiel ihm Kati ein, und ihr Ansinnen, mit ihm auszuwandern. Ihre Hartnäckigkeit verblüffte ihn, schreckte ihn zugleich ab. Um nicht weiter an seine Noch- oder auch Exfreundin zu denken, schob er das Bild, an dem er gerade malte, in seinen geistigen Fokus. Es sprach nichts dagegen, barfuß auf der Terrasse sitzend an ihm weiterzumalen. Ob er mit seiner Hand sprach, blieb mal dahingestellt.
   Ulrike Locher lächelte. Ein Lächeln, das Konrad fast unheimlich wurde. Hatte seine Mutter nicht einmal erwähnt, ihr Geheimtipp könne zudem die Aura eines Menschen sehen?

Gerichtsmedizin, 13:00 Uhr – Ralf Utzschneider

»Jetzt machen wir Höll und Ostphal einen Strich durch die Rechnung. Diese alten Zocker.«
   Ralf verstand nicht, was Ilga meinte, als er seinen Wagen in der Nussbaumstraße in Laufnähe zur Gerichtsmedizin parkte.
   »Was meinst du, war es ein vereitelter Einbruch oder ein geplanter Mord?«, wechselte sie scheinbar das Thema.
   Ralf brummte. Eigentlich war sein Brummen nur eine Fortführung des Tons, der sich in ihm breitgemacht hatte, seit er Danièles Telefonat angenommen hatte. In ihm grollte es, donnerte es. Eine Mure, eine Lawine mit Gesteinsbrocken, so groß wie Häuser, konnte nicht solch einen Krach veranstalten, wie es in ihm toste.
   Ilga beantwortete sich ihre Frage selbst. »Gegen vereitelten Stabhochsprung spricht allerdings, dass außer der Nachttischschublade des Hausherrn kein Schrank offen stand. Also, wenn man von der Sandkiste absieht.« Sie zündete zwei Zigaretten auf einmal an, reichte ihm eine davon und baute sich vor ihm auf. »Du sagst mir jetzt sofort, was los ist. Wenn ich dir helfen kann, bin ich für dich da. Aber mach das Maul auf. So können wir nicht arbeiten.«
   Ralf brauchte einen Moment, um Ilgas vorherige Aussage mit der Sandkiste zu verstehen. Ganz langsam ging ihm ein Licht auf. Ilga wollte ihn darauf aufmerksam machen, dass er ihr nicht zuhörte. Schon eine ganze Weile nicht mehr zuhörte. Er inhalierte tief und gab Ilga recht. So konnte er nicht arbeiten. Zwei Tote lagen in den Kellern der Gerichtsmedizin. Zwei tote Frauen, denen er sein ganzes Wissen, seine ganze Erfahrung und seine gesamte Aufmerksamkeit schuldete. Zwei Frauen mit Kindern. Söhnen. Ralf trat seine halb gerauchte Zigarette neben dem Standaschenbecher aus und fing sich einen tadelnden Blick des Pförtners ein. Sollte er ihn doch verhaften. Fast hätte er gelacht. Es war alles so absurd.
   Er wich Ilga schweigend aus, die ihre Zigarette ausdrückte und missmutig »Scheiße!« murmelte.
   Minuten später standen sie angetan in Schutzkleidung und Überschuhen in Dr. Ostphals Reich. Der Geruch und die Atmosphäre hatten ihm immer zu schaffen gemacht, auch wenn er es vor sich und Konrad nie zugegeben hätte. Merkwürdigerweise blieb er heute davon unberührt. Er folgte Stefans Ausführungen mit halbem Ohr, folgte seinen Bewegungen mit den Blicken, ohne etwas zu sehen, und beruhigte sein schlechtes Gewissen damit, dass Ilga die richtigen Fragen stellen und Stefan alles, was wichtig war, akribisch protokollieren würde. Zusammengefasst entnahm er dem Besuch im Keller des Schreckens, dass beide Frauen stark alkoholisiert waren. Dass Frau Klever sofort tot und Frau Landstetter noch eine kurze Zeitspanne am Leben war, bevor ihr verletztes Gehirn aufgehört hatte, Befehle an die Organe weiterzugeben.
   Ralfs eigenes Gehirn, das sich seit Tagen einen Weg suchte, um das Unbegreifliche begreiflich zu machen, zog sofort eine Parallele. Wenn er, das Gehirn der Familie, aufhörte, Befehle weiterzugeben, starb die Familie. Wann hatte er aufgehört? Hatte er überhaupt aufgehört, wie Danièle ihm vorwarf? Waren sie noch zu retten? Waren sie als Familie genauso tot wie diese beiden Frauen?
   »Frau Landstetter war im dritten Monat schwanger.« Stefan knüllte ein grünes Papierhandtuch zusammen und begann, seine Brille zu putzen.
   Ralf war wieder im Hier und Jetzt.
   »Wir werden abklären müssen, wer der Vater war.« Ilga hob die Hand, um sich über das Gesicht zu fahren, ließ sie nach einer Bewegung sinken.
   »Die Geschosse gehören zu den Projektilen, die Höll sichergestellt hat. Kaliber 9 mm.«
   »Allerweltskaliber, kann jeder Kleinkriminelle kaufen.« Ilga rieb sich jetzt doch am Auge.
   Bei dem Wort Kleinkriminelle setzte etwas bei Ralf aus. Er blickte wie durch einen Tunnel, beobachtete, wie Ilga mit seltsam geziert gestrecktem Zeigefinger unter ihren Augen rumwischte und komisch ihren Mund verzog. Dann wurde es schwarz um ihn.

Als Ralf wieder zu sich kam, lag er auf einer metallenen Fläche und stellte sich für einen Moment vor, dass er tot wäre. Bereit für die Obduktion. Doch Ilgas beunruhigende und Stefans belustigte Worte machten ihm deutlich, dass er noch eine Aufgabe in diesem Leben hatte. Und welche, wurde ihm schlagartig klar.
   »Haut’s mir den Ralf um. Darauf hätte ich nie gewettet.« Stefan schüttelte den Kopf. »Mist, damit hätte ich Höll geschlagen.« Stefan reichte ihm die Hand und zog ihn hoch. »Sag mal, Ralf, ist alles in Ordnung?« Jetzt war er wieder Mediziner und nicht Zocker.
   »Geht schon. Hab vergessen zu frühstücken.« Eine lahme Ausrede, das wussten sie alle drei.
   »Und vergessen zu schlafen, dich zu rasieren und zu duschen.« Stefan schüttelte abermals den Kopf. »Gefällt mir nicht, gefällt mir gar nicht. Ich verordne euch beiden erst einmal ein Mittagessen – ist das klar?«
   Ilga, die selbst etwas blass um die Nase war, nickte. »Und ich fahre.«
   Aus dem Mittagessen wurde eine Leberkässemmel am Hauptbahnhof, die er schweigend runterzwang.

Diefenbachstraße, Solln, 14:30 Uhr - Konrad von Kamm

Frau Ümir hatte ihm ein leichtes Mittagessen, bestehend aus geeistem Obstsalat, frisch geschnittenem, gebuttertem Baguette mit selbst gemachtem Zaziki und Oliven, Cocktail-Tomaten und Mozzarellakugeln zubereitet. Alles fand er im Kühlschrank vor, auch eine Flasche bereits gemischte Weißweinschorle und eine ebenfalls nur leicht verschlossene Flasche Mineralwasser. Er stand schon kurz davor, ihr ihren Zeitbetrug am Vormittag zu verzeihen, als er den nächsten Übergriff feststellen musste.
   Seine Gefühle schwankten beim Anblick des Wintergartens, in dem mittlerweile um die fünfunddreißig Grad herrschten, zwischen Verzweiflung und Wut. Seine gesamte Mal-Ecke, wie er sie nannte, gähnte ihn leer an. Seine Staffelei, seine Farben und seine Pinsel, alles war verschwunden. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
   Da sich niemand außer ihm im Haus befand, an dem er seine Empörung loswerden konnte, beschloss er mit einem Blick auf die Standuhr im Eingang, seine Mutter anzurufen. Wenn ihn alle wie ein kleines Kind bevormundeten, konnte er sich auch kindisch bei ihr beschweren.
   Erst nach dem fünften Klingeln hob sie ab und meldete sich mit belegter Stimme. »Von Kamm.«
   »Hier auch.«
   »Du hast mich geweckt. Ist etwas geschehen? Geht es dir gut?«
   »Meine Malutensilien sind weg.«
   »Und deswegen störst du mich bei meiner Siesta? Warst du zu lange in der Sonne, Konrad? Du hast doch eine Kappe auf, wenn du rausgehst? Gerade bei nicht mehr so dichtem Haar ist ein Schutz wichtig.«
   »…«
   »Nicht, dass dich noch mal der Schlag trifft. Isst du denn genug? Ich bekomme ja bei der Hitze keinen Krümel runter.«
   »Frau Ümir …«
   »Frau Locher ist mit deinen Fortschritten sehr zufrieden. Ich habe allerdings herausgehört, dass du nicht wirklich mitarbeitest. Dass du mehr mit deinem Körper sprechen solltest. Und Wechselduschen solltest du machen. Nach Pfarrer Kneipp. Die sollen sehr anregend wirken.«
   Konrad lag eine bitterböse Entgegnung auf der Zunge, die auf die Tatsache hinzielte, dass seine Mutter seit Jahren im Rollstuhl saß. Fast hätte er gesagt, sie solle mal mit ihren Beinen ein Kaffeekränzchen abhalten, dann klappte es auch wieder mit den Ausflügen ins Gebirge. Doch er wusste auch, dass sie sich nur um ihn sorgte. Es war dumm gewesen, sie anzurufen. War es wirklich so, wie Kati bei ihrem letzten Besuch in der Reha behauptete, und er war ein Masochist? Genoss er es, zu leiden, und kam ihm die Lähmung darum gerade recht? Hatte er endlich einen Grund gefunden, damit ihn alle in Ruhe ließen? Bei Gedanken an Ruhe lachte er bitter auf.
   »Was an Pfarrer Kneipps Wasseranwendungen so komisch ist, erklärst du mir ein anderes Mal, Konrad. Mir hat sie bei den Temperaturen schon oft geholfen, auch wenn ich nur meine Unterarme in kaltes Wasser getaucht habe. Ein spontaner Sprung in den See kommt ja bei uns beiden nicht mehr in Betracht.«
   »…« Auf die gleiche Stufe wie seine Mutter gestellt zu werden, passte ihm nicht. Er war noch keine achtzig.
   »Hast du eigentlich angerufen, um mir was zu sagen, oder mache ich hier den Alleinunterhalter?«
   Konrad hörte so etwas wie Unsicherheit in der Stimme seiner Mutter und schämte sich augenblicklich. »Ich wollte fragen, wie es dir bei der Hitze geht. Ich weiß ja, dass du hohe Temperaturen noch nie gut vertragen hast.«
   »Ja, schrecklich. Kaum auszuhalten. Ich treffe mich nachher mit Rudolf. Wir wollen versuchen, es uns im Garten ein wenig gemütlich zu machen.«
   Konrad lächelte. Er wusste, wenn seine Mutter zusammen mit Rudolf, Katis Vater, im schattigen Garten des Entenbach Stifts saß, das Gemütliche daran ein gekühlter Drink war.
   »Geh doch auch du ein wenig in den Garten, Konrad. Gerade unter den Buchen ist es bei solch einem Wetter herrlich. Mir bleibt ja nur der Schatten des alten Kastens.«
   Der Schatten des alten Kastens bestand aus einer wunderschön zugewachsenen Pergola. Er schüttelte den Kopf. »Mal sehen.«
   »Wenn du ausnahmsweise mal einen Rat von mir annähmst, wäre dein Ausgangsproblem auch gelöst. Guten Tag, Konrad.« Seine Mutter hatte aufgelegt, wie immer ohne Vorwarnung.
   Konrad legte den altmodischen Hörer auf den grünen Apparat mit Wählscheibe zurück und ging in die Küche. Der Vorschlag seiner Mutter war nicht dumm. Im Wintergarten zu malen wäre wegen der Temperatur sowieso unerträglich gewesen. Das dunkel getäfelte Herrenzimmer machte ihn depressiv, und im Wohnzimmer nebenan kam er sich noch immer vor wie auf Besuch. Blieb allein die Frage, wie er mit der Weinschorle und einem Glas zu den Buchen kam. Eine zusammengefaltete Jutetasche auf der sonst sorgsam aufgeräumten Arbeitsfläche in der Küche fiel ihm ins Auge. Als er sie auseinanderschüttelte, staunte er erneut. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Tasche hatte lange Griffe, die er über die Schulter ziehen konnte.
   Drei Treppenstufen später, die ihm volle Konzentration abverlangt hatten, stand er im Garten. Das Licht war gleißend. Er hatte natürlich seine Schirmmütze vergessen, aber keine Lust, die Stufen wieder hinaufzukraxeln. Er bog um den Springbrunnen, der allerdings nicht in Betrieb war, hörte außer dem knirschenden Kies unter seinen Sohlen und vereinzelten Vogelstimmen kein Geräusch. Ob Franz wusste, welch ein Paradies er besaß? Eine bogenförmige Rhododendronhecke trennte den Teil des Gartens mit der Terrasse, der gekiesten Auffahrt und dem Springbrunnen ab. Er trat durch den Auslass der teils noch blühenden Sträucher und befand sich augenblicklich im Wald. Jedenfalls kam es ihm auf den ersten Blick so vor. Als Kind hatte er bei langweiligen Sonntagsbesuchen öfter den Teil des Gartens durchstreift und wusste darum, dass es uralte Buchen waren, die dem hinteren Bereich des Grundstücks seinen Charakter gaben. In der Mitte lag eine Lichtung, ob von seinen Vorfahren so angelegt oder natürlich entstanden, wusste keiner mehr. Konrad blieb stehen und meinte, er sähe eine Fata Morgana. Gerade auf dieser Lichtung, auf der normalerweise Liegestühle auf Benutzung warteten, offenbarte sich Frau Ümirs ganzes Geschick. Er fragte sich, wie sie es in der kurzen Zeit geschaffte hatte, dies alles vorzubereiten. Und wieder ging ihm auf, dass er der Spielball einer Verschwörung war. Die Rädchen griffen unbarmherzig ineinander. Jetzt erst verstand er die letzte Anspielung seiner Mutter. Es musste ihr einen Heidenspaß machen, ihn zusammen mit Ümir und Frau Locher in die Richtung zu bugsieren, wo sie ihn haben wollte. Es war nicht nur eine Zeit der Entbehrungen und der Schmerzen, ging Konrad auf, und er fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt. Es war auch eine Zeit der Geheimnisse und Überraschungen.

Ettstraße, 14:30 Uhr – Ralf Utzschneider

Soweit er sich erinnerte, war er noch nie umgekippt. Er hatte Ilgas Erklärung, warum und wieso, dankbar angenommen und wusste doch, dass nicht ein Grund dafür infrage kam. Kein leerer Magen und kein durch äußere Gewalt zerstörtes Gesicht, kein Geruch und kein Wetter hauten ihn aus den Latschen. Ob er krank war? Genau wie Konrad einen Schlaganfall bekommen hatte? Seine Kopfschmerzen deuteten darauf hin. Man sagte ja nicht umsonst, jemand hätte der Schlag getroffen. Bei Danièles letztem Anruf hatte ihn sicherlich der Schlag getroffen. Rafael, sein ältester Sprössling, hätte auch den Baseballschläger nehmen, mit dem sie in vergangenen Sommern auf dem Bolzplatz geübt hatten, und ihm eine über den Schädel ziehen können.
   »Katharina, haben Sie ein Aspirin für mich?« Ralf erinnerte sich daran, dass diese auch blutverdünnend und damit für ihn vielleicht lebensrettend war.
   »Sie sehen grauenhaft aus, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.« Katharina Faltermayer öffnete ein Schränkchen, das ihrem Beinamen, Mutter der Kompanie, alle Ehre machte. Solch einen Medizinschrank, wie ihn die allgemein beliebte Sekretärin besaß, hatten sie noch nicht mal bei drei Kindern zu Hause, dachte sich Ralf und verbesserte sich in Gedanken. Sofort. Nicht drei Kinder, er hatte nur noch zwei Kinder. Seinen ältesten Sohn würde er nicht mehr als Sohn sehen. Er würde ihn aus seinem Herzen reißen und vor allem aus seinen Gedanken, ermahnte er sich, ignorierte das Glas Wasser, das ihm gereicht wurde und schluckte die Tablette pur.
   »Sie sollten mehr trinken, gerade bei der Hitze«, rief ihm Katharina nach, aber da war er schon auf dem Weg ins Vernehmungszimmer, in dem Ilga bereits versuchte, den aufgebrachten Ehemann Frau Landstetters zu beruhigen. Mit mäßigem Erfolg. Ralf konnte jedes seiner Worte verstehen, bevor er die Tür geöffnet hatte.
   »Jetzt hören Sie auf, hier rumzubrüllen, damit ist keinem gedient.« Ralf hatte nicht vor, diesen dicken kleinen rotgesichtigen Mann mit Samthandschuhen anzufassen. Nicht nach dem Wirbel, den er laut Patricia gemacht hatte.
   »Ich werde mich beschweren. Bei Ihrem Chef beschweren. Eine Ungeheuerlichkeit, wie man hier behandelt wird.« Landstetters blonde Locken standen ihm wirr um den Kopf, was ihm das Aussehen eines verrückten Professors gab.
   Ralf warf Ilga einen Seitenblick zu, den sie mit einem Schulterzucken beantwortete. Sie wussten beide, dass die Ungeheuerlichkeit darin bestanden hatte, dass sie nicht vor Ort gewesen waren, als Herr Landstetter auf dem Präsidium eingetroffen war. Dass Patricia in der Zeit seine Personalien und seine Fingerabdrücke aufgenommen hatte.
   »Man wird behandelt wie ein Verbrecher. Dabei bin ich doch der Leidtragende.«
   »Der Tod Ihrer Frau tut uns leid.« Ilgas Mitleidsbekundung klang hohl. Sie schien ihn nicht zu mögen.
   »Sie haben angegebenen, wegen eines Geschäftstermins in Heidelberg gewesen zu sein. Am Wochenende?« Ralf hielt sich nicht länger mit geheuchelter Anteilnahme auf. Er wollte Fakten. »Kann das jemand bestätigen?«
   »Nein.«
   Ralf unterdrückte ein Seufzen. »Sie werden doch irgendwo geschlafen haben. Oder anders gefragt: Wann sind Sie nach Heidelberg gefahren?«
   »Ich bin am Sonntagnachmittag aufgebrochen. Habe eingecheckt, eine Schlaftablette genommen und erst durch Ihren Anruf mitbe…«
   »Haben Sie das Zugticket noch? Kann ein Hotelangestellter bestätigen, dass Sie gestern – wie spät war es, als Sie eingecheckt haben?«
   »Jetzt geht das wieder los! Werde ich verdächtigt? Ich habe mit dem Tod meiner Frau nichts zu tun!«
   »Wir arbeiten mit der Ausschlussmethode. Wir würden Sie gern ausschließen.« Ilga legte ein Lächeln auf, von dem Ralf sicher war, dass es in ihren Wangen schmerzte.
   Paul Landstetter kramte umständlich in der Innentasche seines Jacketts, das er über die Stuhllehne gehängt hatte. Ralf sah die tellergroßen Schweißflecke unter seinen Achseln und spürte das erste Mal so etwas wie Mitgefühl. Ihm wurde ein Zugticket zugeschoben, das er studierte. »Das ist nur für eine einfache Fahrt. Für heute früh.«
   »Sicher. Ich bin mit meinem Wagen nach Heidelberg gefahren. Mein Auto steht noch dort.« Landstetter rieb sich übers Gesicht, zog eine Pillendose aus seiner Hemdtasche und steckte sich eine kleine weiße Tablette unter die Zunge. »Meine Proben kann ich vergessen.«
   »Um was für Proben handelt es sich denn?« Ilga lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
   »Um pharmazeutische Artikel. Ich habe auf der Zugfahrt eine Menge Termine in Heidelberg absagen müssen. Arztpraxen, Apotheken. Sie verstehen. Das Desaster daran: Ich habe die Proben aus eigener Tasche finanziert.«
   »Wenn die Artikel so wärmeempfindlich sind, warum sind Sie dann schon gestern Nachmittag nach Heidelberg gefahren und nicht heute in der Früh, als es noch kühl war?«
   Landstetter zuckte mit den Schultern. »Ich habe immer gern ein wenig Vorlauf, wenn Sie verstehen. Wenn ich schon vor Ort bin, muss ich mich nicht so stressen.«
   Ralf verstand Bahnhof. »Sie sind also gestern Nachmittag mit dem Auto nach Heidelberg gefahren und heute Morgen mit dem Zug zurückgekommen. Warum?«
   »Hören Sie, ich bringe doch nicht meine Mitmenschen in Gefahr, wenn ich mich in meinem Zustand in ein Auto setze.«
   Ralf fragte sich zerstreut, in welchem Zustand, bis ihm aufging, mit unentschuldbarer Verspätung aufging, dass der Mann vor ihm kein unsympathischer Choleriker war, sondern kurz vor dem Zusammenbruch stand.
   Landstetter war zwischenzeitlich fast von seinem Stuhl gerutscht, um in seinem kleinen schwarzen Reiseköfferchen zu kramen. In der Außentasche wurde er schlussendlich fündig und schob Ralf ein weiteres Ticket über den Tisch zu, das er ebenfalls studierte und zu Ilga weiterschob.
   »Sie sind in einem sogenannten Check-Inn-Hotel abgestiegen?«, fragte er ihn merklich sanfter.
   »Größeren Luxus kann ich mir nicht leisten.«
   Ralf merkte den unterschwelligen Vorwurf und nickte. Die Daten der Registrierung würden sie erhalten. Ob Paul Landstetter allerdings im Hotel geblieben war, war damit nicht bewiesen. Genauso gut hätte er umkehren, heimfahren und die beiden Frauen töten können. Nach der dreifachen Strecke hätte er sich eine Zugfahrt verdient.
   »War Ihre Ehe gut?« Ilga machte sich Notizen, die Ralf nicht lesen konnte. Es hätte ihn allerdings interessiert, was sie gerade doppelt unterstrichen und mit drei Ausrufezeichen versehen hatte. Doch Ilgas Schrift war in Kurzschrift gehalten, eine fast ausgestorbene Kunst, wie Konrad einmal bemerkt hatte.
   »Welche Ehe ist das schon? Um es vorwegzunehmen, und da Sie sich ja anscheinend auf mich einschießen: Meine Ehe war nicht gut, es gab viel Streit ums Geld. Ich bin der Nutznießer von Annabells Tod. Wir haben gegenseitig Lebensversicherungen in Höhe von 500.000 Euro aufeinander abgeschlossen. Eine Summe, die ich in meinem momentanen geschäftlichen Desaster dringend benötige. Mir steht das Wasser bis hier.« Landstetter legte seine Handkante an die Stirn und wirkte damit wie ein Suchender in der Wüste.
   »Wir danken Ihnen für Ihre Offenheit. Ihre Aussage erspart uns eine Menge Arbeit und Zeit. Zeit, die wir brauchen, um herauszufinden, wer Ihre Frau und Ihre Nachbarin getötet hat.«
   »Das hoffe ich. Wenn Sie noch etwas wissen wollen, ich steh zur Verfügung. Ich würde mich jetzt nur wirklich gern um meine Tochter kümmern.«
   »Selbstverständlich.« Ralf erhob sich und beendete damit offiziell das Gespräch.
   »Eine Frage hätte ich noch.« Landstetter zog sein Sakko von der Stuhllehne.
   »Bitte.«
   »Darf ich München verlassen, um meinen Wagen zu holen? Meine Proben …«
   »Selbstverständlich.« Ralf fing sich einen erstaunten Blick Ilgas ein.
   »Verzeihen Sie meinen Ausbruch eingangs. Bluthochdruck, Hitze und Stress vertragen sich nicht.« Landstetter reichte ihm die Hand.
   Ralf blickte ihm das erste Mal geradeaus in die wasserblauen schwimmenden Augen. Er hätte die Liste mit den Dingen, die sich nicht vertragen, mit beliebig vielen Attributen fortsetzen können.
   Landstetter watschelte Richtung Ausgang, als Ilga neben Ralf trat.
   »Was hast du dir auf deinem Notizblock notiert? Das mit den Ausrufezeichen?«
   »Klopapier.«
   »Du schreibst Einkaufszettel beim Verhör?«
   »Manchmal.« Ilga blickte auf die Uhr. »In einer halben Stunde ist Meeting. Ich schreibe lieber gleich einen Bericht für Dr. Dorfmann.«
   Ralf blieb noch einen Augenblick unschlüssig auf dem Gang stehen. Sollte er Ilgas Einkaufsliste so werten, dass sie Landstetter für unschuldig hielt?
   Und was hielt er von dem kleinen unförmigen Mann? Er konnte ihn sich nicht als Ehemann von Frau Landstetter vorstellen. Auf den Fotos, die er im Hause Landstetter gefunden hatte, sah man, dass sie eine wunderschöne hochgewachsene und schlanke Frau gewesen war. Er wirkte ihr gegenüber wie ein dampfender Gnom. Was um Gottes willen hatte dieses Paar zusammengebracht? Ralf seufzte. Wahrscheinlich das Übliche: Kinder.

Diefenbachstraße, Solln, 16:30 Uhr – Konrad von Kamm

Konrad wachte verärgert auf. Die Kirchturmuhr schlug zweimal, und er konnte nur raten, wie spät es war. Bestimmt später als gewünscht. Dabei wollte er sich nur kurz auf die Sonnenliege legen. Er blickte in das Grün des Blätterdachs der mächtigen Buche, hörte den Wind mit ihrem Gipfel spielen, eine Vielfalt von Vögeln zwitschern und war augenblicklich mit der Welt und sich versöhnt. Frau Ümir hatte an alles gedacht. Aus der Kühltasche, die sie neben der Liege deponiert hatte, zog er umständlich die Weißweinschorle, trank einen Schluck und bemerkte, dass ein neues Gefühl in ihm aufstieg: Fast hätte er behaupten können, mit der Welt versöhnt zu sein. Fast.
   Er blickte auf seine linke Hand, die wie ein Fremdkörper auf ihn wirkte. Sein Bein hatte sich doch auch von den Anwendungen und Übungen in der Reha beeindrucken lassen und funktionierte fast wie früher. Warum dann nicht seine Hand? Auch wenn er sich etwas unsicher auf seinem linken Fuß fühlte, wusste er doch, dass er seinen Dienst wieder tat, wenn auch zeitverzögert. Aber die Hand?
   Er trank einen weiteren Schluck, auch wenn er eigentlich keinen Alkohol trinken sollte, hörte die Kirchturmuhr drei Mal schlagen und beschloss, erst dann zu entscheiden, was er mit seinem restlichen Tag anfangen würde, wenn sie ihm die volle Stunde verriet.
   Die Atmosphäre auf der schattigen Lichtung lullte ihn ein. Das Surren der Insekten, das Rauschen des mächtigen Blätterdachs, der warme stetige Luftzug. Der Wein stieg ihm leicht in den Kopf und gab ihm das Gefühl von Losgelassenheit und Leichtigkeit.
   »Ich brauche dich doch. Wie soll der Rest von uns klarkommen, wenn du nicht mitmachst?«
   Hatte er laut mit seiner Hand gesprochen? Ein Grinsen legte sich über sein Gesicht. Es war doch egal, mit wem er sprach, solange ihn niemand hörte. Wenn Frau Locher meinte, es würde helfen …
   Und es stimmte ja, was er gerade ausgesprochen hatte. Sein gesamtes bisheriges Leben, jede Handlung, und war sie noch so klein, hing mit seiner linken Hand zusammen. Er hatte sich nie bewusst gemacht, wie oft er als Rechtshänder die Linke brauchte. Er blickte auf sie hinab. Nahm sie mit seiner ganzen Aufmerksamkeit wahr. Etwas, was er in den letzten Monaten, ob jetzt bewusst oder unbewusst, vermieden hatte.
   Sie lag auf seinem Oberschenkel und hätte auch Hand eines anderen Mannes sein können. Er bewegte seine linke Schulter, den linken Ellenbogen, das Handgelenk – und Schluss.
   Kein Finger rührte sich.
   Er starrte auf jeden einzelnen Finger. Beschwor ihn gedanklich, sich zu bewegen. Setzte seine ganze Energie frei, seinen ganzen Willen, nur um ein kleines Lebenszeichen zu ernten. Sein ganzer Körper spannte sich an, jeder Muskel.
   Nur die Hand, die Hand blieb davon unbeeindruckt.
   Die Kirchturmuhr schlug vier Mal, danach zählte er mit. Eins, zwei, drei, vier, fünf – Stille. Hatte beim fünften Schlag sein kleiner Finger gezuckt? Er meinte, eine Bewegung ausgemacht zu haben. Aber wahrscheinlich war es Wunschtraumdenken. Die Reflexion eines Sonnenstrahls im Blätterdach, die er aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte. Er stand auf, trat mit bloßen Füßen auf den Waldboden. Ein Gefühl durchfuhr ihn, das ihn augenblicklich an seinen Undercover-Campingausflug mit seiner Kollegin Ilga erinnerte.
   Bei dem Fall, den sie beide letztes Jahr in den Isarauen lösten, hatten sie die Bekanntschaft mit Friedl Randelshofer, einer schwerkranken Camperin, gemacht. Diese war ihrem Vorhaben treu geblieben und nach Australien ausgewandert. Laut ihrer versprochenen Postkarte ging es ihr gut, und die Behandlung der Ureinwohner schienen bei ihr Früchte zu tragen.
   Er gönnte es ihr von Herzen und überlegte sich nicht zum ersten Mal, ob er sich ebenfalls in diese Behandlung begeben sollte, wenn sie sogar bei unheilbarem Krebs Wirkung zeigte.
   »Das schaffe ich auch so«, murmelte er und trat an seine Staffelei. Ümir hatte an alles gedacht. Seine Farben, das Bild, an dem er gerade arbeitet, die Palette, mehrere Gläser Wasser zum Pinsel reinigen. Alles war da. »Jetzt stehe ich also wie Karl Wilhelm Diefenbach barfuß vor meiner Staffelei im Grünen.« Es war eine völlig neue Erfahrung. Ein Gefühl, das ihm behagte. Er trat einen Schritt zurück, betrachtete, was er bisher geschaffen hatte und spürte die Lust in sich aufsteigen, weiterzumachen. Während er reichlich Farbe auf seiner Palette mischte, pfiff er nicht ganz tonsicher: Von den blauen Bergen kommen wir.
   Nur noch einmal ließ er sich von seinem Werk abhalten. Als er ein frisches Glas Weinschorle auf seinen Beistelltisch stehen hatte, versank er in der Welt der Farben.

Ettstraße, 19:00 Uhr – Ralf Utzschneider

Dr. Dorfmann, der zuständige Staatsanwalt, war zu spät gekommen, hatte sich nicht entschuldigt, aber immerhin zwei Kollegen im Schlepp gehabt, die sie unterstützen sollten. Pavel Ilic und Florian Kupfer, einen Anwärter.
   Ralf dankte Ilga im Stillen, als sie nach einem fragenden Blick die Leitung des Meetings übernahm.
   Mit ihrer dunklen, fast männlich ruhigen Stimme und ihrem Selbstbewusstsein hatte sie die volle Aufmerksamkeit im Raum. Jeder schien konzentriert, nur seine Gedanken schweiften immer wieder ab.
   Ilga fasste gerade die vorliegenden Fakten zusammen, als es an der Tür klopfte. Ralf machte ihr ein Zeichen, weiterzureden und stand auf.
   Gerhard Lagerbauer trat zur Seite und winkte ihm, vor die Tür zu kommen. »Entschuldige, dass ich dich jetzt da raushole, aber vielleicht ist es dir auch lieber, wenn wir nicht miteinander gesehen werden.« Lagerbauer sah sich nach allen Seiten um. »Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«
   Ralf zeigte auf sein Büro, das er sich nach wie vor mit Konrad teilte. Mittlerweile sah es in dem Raum allerdings aus, als wäre er nur noch von ihm belegt. Ralf räumte den Besucherstuhl frei, der ebenso wie Konrads Platz von seinen Klamotten belegt war. »Magst’ was trinken?«
   »Naa, lass mal. Ich bin auch gleich wieder weg. Ich bin eigentlich gar nicht da, wenn du verstehst.«
   Ihn beschlich ein ungutes Gefühl, es hatte ihn bereits bei Gerhards Anblick befallen, jetzt drückte es ihm den Hals zu.
   Gerhard blieb stehen und sah ihm in die Augen. Sein sonst so harter Blick war voller Mitgefühl, was ihm einen weiteren Magenschwinger verpasste. Er kannte Gerhard seit der Grundausbildung, kannte ihn als mitleidlosen harten Hund. Dass sich jetzt in seinen stechenden dunklen Blick so etwas wie Gefühl geschlichen hatte, raubte ihm die letzte Kraft. Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Er hätte nicht einen Moment länger stehen können.
   »Wir haben ihn gefunden. Es scheint ihm gut zu gehen, jedenfalls macht er den Eindruck.«
   »Wo?«
   »Pestalozzistraße.«
   »Sag mir die Nummer, dann schnappe ich ihn mir.«
   »So einfach ist das leider nicht, Utzi. Er ist nicht allein, und ich bin es auch nicht.«
   Er merkte, wie ein paar Lebensgeister, vielleicht waren es die letzten Kampfgeister, die ihm noch treu zur Seite standen, aufbegehrten. »Ich fahre hin und hole ihn mir.«
   »Geht nicht. Wir sind an was Größerem dran. Alle Kollegen sind schon in Stellung. Es wird heute noch einen Zugriff geben. Verstehst du, das ist eine ganze Gruppe. Crystal Meth, Kokain, LSD, was weiß ich. Jedenfalls ist laut unserem Informanten in der Pestalozzi ein Labor, das heute noch hochgenommen wird. Dein Junge steckt da bis zum Hals drin.«
   Es war ein gewaltiger Unterschied, vom Schlimmsten auszugehen und es bestätigt zu bekommen.
   »Dein Junge ist schon länger bei den Kollegen und mir auf dem Radar. Wir haben zunächst nichts gemacht, weil du mir versichert hast, alles im Griff zu haben. Zunächst war er auch nur ein Konsument …«
   »Und jetzt dealt er?« Er erkannte seine eigene Stimme kaum.
   »Nicht nur das. Laut unserem Informanten hat er zuletzt auch Geld bereitgestellt und das Labor mitfinanziert. Kommt natürlich die Frage auf, woher der Junge so viel Geld hat.«
   Er sprang auf und übergab sich ins Waschbecken. Als er mit dem Kopf über dem Porzellan hing, hatte er das Gefühl, er könnte ihn nie wieder heben. Er las, als seine Sicht wieder klar wurde, den Markennamen, der unter dem Wasserhahn geschrieben stand. Las ihn ein ums andere Mal und verstand den Sinn des Wortes nicht. Er roch den säuerlichen Geruch seines Erbrochenen, den muffigen Geruch, der aus dem Abfluss kam, nahm die graurosa Sprenkel auf dem weißen Untergrund wahr und würgte erneut.
   »Es tut mir leid, Utzi.«
   Er spürte den festen Griff Gerhards auf seiner Schulter, der ihn vom Waschbecken weg und zu seinem Stuhl führte. »Du kannst im Moment nichts für Rafael tun. Vielleicht ist es auch besser so.«
   Er wollte schreien, wollte Gerhard ins Gesicht brüllen, was besser daran sein sollte, wenn sein Sohn ins Gefängnis wanderte. Was würde er dort alles erleben müssen? Sie wussten beide, dass die wirklich kriminellen Karrieren dort aufgebaut wurden. Wie sollte er Daniéle, die von Anfang an recht gehabt hatte, in die Augen blicken? Wie seinen Kollegen? Seine Familie war zerstört, sein Leben vorbei.
   Er merkte zu seinem eigenen Entsetzen, dass ihm eine Träne über die Wange lief, doch er hatte nicht mehr die Kraft, sie wegzuwischen.
   »Ich muss dann wieder los. Es tut mir wirklich leid, Utzi. Im Moment kannst du nichts für ihn tun.«
   Mit letzter Kraft murmelte er einen Dank, hörte, wie sich die Bürotür ins Schloss zog, und hätte am liebsten aufgeschrien, oder etwas zerstört.
   Wie lange er regungslos auf seinem Bürostuhl saß und auf den PVC-Boden starrte, hätte er nicht sagen können. Er dachte tausend nicht fertig gedachte Gedanken und keinen. Ein stetiges Brummen begleitete seine dunklen Befreiungsfantasien, seine Überlegungen, wie er seinen ältesten Sohn doch noch warnen könnte. Es brummte und brummte, bis es auf einmal ganz still um ihn wurde. Eine regelrechte Totenstille legte sich über sein Gemüt.
   Er hörte, wie seine Kollegen aus dem Besprechungszimmer kamen, sich auf dem Gang unterhielten und schnellte aus seinem Sessel. Mit zwei langen Schritten war er bei der Bürotür. Er brauchte drei Anläufe, bis er seinen Schlüssel von innen ins Türschloss gesteckt und abgesperrt hatte. Seine Hand zitterte so, dass er sie mit der linken stabilisieren musste. Es war nur ein zeitlicher Aufschub, das war ihm klar. Aber diese Nacht würden sie ohne ihn auskommen müssen.
   Vielleicht sogar für immer.

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