Krimis sind ihre Leidenschaft. Deshalb beschließen fünf Frauen, einen Klub zu gründen, doch ehe sie auch nur ein Buch lesen können, werden sie in einen Kriminalfall hineingezogen. An einer Schule wurde eine Lehrerin getötet – die Polizei sagt „Unfall“, die Krimi-Grazien schnuppern einen Mord. Es kann kein Zufall sein, dass viele Jahre zuvor eine andere Lehrerin unter ebenso mysteriösen Umständen gestorben ist. Die Damen beschließen, die Ermittlungen in die eigene Hand zu nehmen. Ihre Schnüffelei führt sie undercover an den Tatort und nicht selten in heikle Situationen. Es herrscht nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen unter ihnen. Eklatanter Schlafmangel, wilde Verdächtigungen und individuelle Prioritäten sorgen für Ablenkung, während die Initiatorin verzweifelt klagt, dass sie immer noch keinen Krimi gelesen haben. Doch einen Mörder zu jagen, ist natürlich viel spannender, erst recht, wenn man ihm immer näher kommt und ihn schließlich in die Enge treibt.

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ISBN: 978-9963-52-184-5

Seiten: 248

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Simone Ehrhardt

Simone Ehrhardt
Simone Ehrhardt wurde in Mannheim geboren. 2006 erschien ihr erster Krimi. Seither veröffentlicht sie Romane und Kurzgeschichtensammlungen, wobei sie vorwiegend dem Krimi treu bleibt, gelegentlich aber auch anderes verfasst. Eine von ihr ausgeschriebene Stelle für eine Schriftstellerkatze ist noch vakant. Interessierte Tiere mögen sich bitte bewerben. Geboten werden eine ständig anwesende Maus, eine Tastatur zum Spielen, eine Heizung zum Bauchwärmen und Freigang 24/7. Einzige Bedingung: Der Herr des Hauses muss überzeugt werden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Das Glas zitterte in ihrer Hand. Ein intensiver Geruch nach Bittermandel trat in ihre Nase. Sie wollte ihr Leben nicht beenden, nicht hier und so plötzlich, vollkommen unvorbereitet, in der Blüte ihrer Jahre. Sie sah ihre Zukunft vor sich, eine Zeit, über die sie nicht mehr verfügte. Pläne – umsonst geschmiedet. Ihre Vergangenheit – viel Gutes, manches Schlechte, Entscheidungen, die sich im Nachhinein als das Gegenteil von dem erwiesen, was sie beabsichtigte. Stille hüllte sie ein wie eine Zwangsjacke.
   Sie hatte keine Wahl. Die Scham war zu groß, der Druck, das Leiden, das sie andernfalls über ihre Mutter brachte. Sie bezahlte für ihre Leidenschaft und Hingabe, für ihr Hinwegsetzen über unsinnige Regeln, dafür, dass sie auf ihr Herz statt auf ihren Verstand hörte. Sie stemmte sich gegen ihre Furcht und trank das Glas in einem Zug aus.
   Merkwürdig, wie sanft die Flüssigkeit die Kehle hinunterrann, wie wenig sie brannte. Der Geschmack war beinahe angenehm, nur das Bittere schüttelte sie. Fast augenblicklich wurde ihr schrecklich übel, der Raum begann sich zu drehen. Ihr Magen wehrte sich. Das Atmen ging schwer, sie kämpfte röchelnd um Luft. Sie klammerte sich an allem fest, das ihr zwischen die Finger geriet, Schläuche, Gefäße, Pipetten …
   Sie glitt zu Boden, Krämpfe zogen ihren Körper zusammen, der Schmerz breitete sich brennend in ihrem Inneren aus. Die Lunge fühlte sich an wie ein Stück Blei, langsam nahm ihre Sehfähigkeit ab. Es war so weit.
   Eine Frau stand reglos neben ihr und beobachtete sie mit zufriedenem Blick. Eine stumme Zeugin.

1

»Meine Damen, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten!« Verena sah in die Runde und streckte im Bewusstsein der historischen Bedeutung dieser
   Stunde ihre Brust so weit hinaus, wie es ging. Doch die Angesprochenen widmeten sich weiter hingebungsvoll dem englischen Tee, den köstlichen Gebäckstücken und vor allem ihren Gesprächen.
   »Ladies, bitte.« Ihr Ton verfehlte seine Wirkung nicht. Verena lächelte, als alle Augen auf sie gerichtet waren. »Ich danke Ihnen. Und ich heiße Sie willkommen bei der Gründungsversammlung unseres neuen Klubs. Es ist sehr erfreulich, dass Sie meine Anzeige gelesen haben und heute hierhergekommen sind, um sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun.«
   Die Frauen nickten und zeigten Begeisterung in verschiedenen Graden. Verena fühlte sich plötzlich irritiert durch ein Zwicken ihres neuen Büstenhalters, den sie sich eigens für diesen Anlass gekauft hatte, weil er ihren naturgemäß der Erdanziehungskraft verfallenen Busen in eine militärisch aufrechte Position rückte und noch dazu voller erscheinen ließ, als er eigentlich war. Sie versuchte, den piksenden Schmerz auf ihren Rippen zu ignorieren.
   »Wie Sie dem Inserat entnehmen konnten, ist es höchste Zeit, eine Organisation zu gründen, die sich der Pflege des Andenkens berühmter weiblicher Krimiheldinnen widmet. Es ist mir schon lange ein inniger Herzenswunsch, Frauen zu finden, die dieses Anliegen teilen, und gemeinsam entsprechende Bücher zu lesen, Filme zu sehen und darüber zu reden. Dass Sie heute hier sind, ist ein Erfolg, mit dem ich nicht zu rechnen gewagt hatte.« Die Schar von vier Damen lauschte andächtig. »Ich schlage vor, jede von uns stellt sich zunächst vor, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben.« Sie erwog kurz, sich hinzusetzen und unauffällig den BH zurechtzurücken, doch sie besann sich auf ihre Pflichten und Rechte als Leiterin der Versammlung. »Ich werde beginnen. Mein Name ist Verena Körner. Ich bin verwitwet und habe eine Tochter und zwei Enkelkinder. Seit letztem Jahr bin ich in Rente. Davor habe ich als Sachbearbeiterin in einer Versicherung gearbeitet. Ich lese Unmengen von Kriminalromanen und gehe wöchentlich in die Bücherei, um mir Nachschub zu besorgen.« Sie zog ihren Rock glatt und ließ sich auf den Stuhl sinken.
   Eine Weile blieb es still. Jede schien darauf zu warten, dass eine andere als Nächste das Wort ergriff. Schließlich erhob sich die große Dame mit den breiten Schultern. Mit ernstem Gesicht stand sie einige Sekunden nur da und sah von einer zur anderen, als wollte sie ihre Mitstreiterinnen eingehend studieren. Sie räusperte sich. »Ich freue mich, hier zu sein«, begann sie mit leiser Stimme. »Ich heiße Stefanie Malschenberger und bin einundfünfzig Jahre alt. Mir gehört ein Blumenladen. Ich liebe Rosen und einfach alles, was schön ist. Ästhetik ist mir sehr wichtig.« Sie strich sich eine Strähne ihres gepflegten rötlich braunen Haares hinters Ohr und hielt kurz inne. »Ich habe eine Vorliebe für russische und französische Literatur, aber natürlich auch für Kriminalromane. Sonst wäre ich wohl nicht hier.« Sie lächelte zaghaft und atmete erleichtert aus, als sie sich setzte.
   Eine schwarz gekleidete Frau mit seidig schimmernden Haaren wie ein ebenholzfarbener Wasserfall schnellte von ihrem Stuhl hoch, um mit gelangweilter Miene ihre Sonnenbrille von der Nase zu nehmen. Sie sprach in herablassendem Ton. »Sie haben sicher von mir gehört. Svenja Sévère, Künstlerin. Ich male hauptsächlich Akte und nur selten etwas anderes. Der Akt an sich ist das Ursprüngliche, das Herausfordernde der Kunst, das, was einen Künstler zu tiefster Reife gelangen lässt. Der menschliche Körper ist eine unerschöpfliche Quelle an Mysterien und Emotionen. Es ist eigentlich nicht möglich, in einem Bild alles einzufangen, was er mitzuteilen hat. Aber diese Suche ist das Ziel, ja, das Verlangen, dem ich mich verschworen habe.« Geschmeidig platzierte sie ihren Körper wieder auf dem Stuhlkissen.
   Verena und die anderen starrten Svenja unverhohlen an, als sich diese erneut hinter ihrer Sonnenbrille verbarg. Verena legte eine leise Missbilligung in ihren Blick, Stefanie sah interessiert aus, die anderen beiden Frauen wirkten eingeschüchtert. Erneut trat eine Pause ein, die Verena kurz entschlossen beendete, indem sie sich an die Frau neben sich wandte. »Wären Sie wohl so freundlich?«
   Die Angesprochene sah erschrocken um sich und verschluckte sich beinahe. Bemüht kaute sie auf dem Stück Kuchen herum, das sie gerade erst abgebissen hatte. Sie brauchte einen großen Schluck Kaffee, um den Mund leer zu bekommen und errötete. »Ja, also, ich …«, stotterte sie, während sie sich schwerfällig in die Höhe kämpfte und wankend zum Stehen kam. »… ich heiße Luise Franz. Ich bin verheiratet. Wir haben einen Sohn, der nun auch schon erwachsen ist. Ich bin Hausfrau und außerdem in einem Strickkreis. Handarbeiten ist mein Hobby, genau wie das Krimilesen. Ich lese unheimlich gern Krimis. Mein Mann versteht das nicht, mein Sohn auch nicht. Deshalb bin ich froh, dass es jetzt diesen Klub gibt.« Luise drehte sich einmal nach rechts und einmal nach links, als wollte sie sich verbeugen, raffte den Rock ihres geblümten Kleides und fiel mit einem plötzlichen Aufschrei auf ihren Stuhl zurück. »Ach, verzeihen Sie, das liegt an den Schuhen. Ich bin diese Absätze nicht gewöhnt.«
   In diesem Moment erhob sich die Frau im auberginefarbenen Kostüm, das eindeutig zu eng war. Sie tastete mit der Rechten nach ihrer blond gefärbten Kurzhaarfrisur und versuchte offensichtlich, ihre pummelige Figur durch Strecken schlanker erscheinen zu lassen. »Ich muss gestehen, ich habe lange überlegt, ob ich herkommen soll«, begann sie säuselnd, »aber schließlich sagte ich mir, ich sollte es wenigstens probieren. Mir fehlt der intellektuelle Austausch, seit ich nicht mehr arbeiten gehe. Als ich geheiratet habe, gab ich meinen Beruf als Sekretärin auf. Der Himmel weiß, wieso. Nein, eigentlich war es, weil wir Kinder haben wollten, aber dann kam keins und ich bin trotzdem nicht wieder arbeiten gegangen. Walter, das ist mein Mann, meinte immer, es wäre zu früh. Vielleicht würde ich ja doch noch schwanger werden. Und so sind die Jahre ins Land gezogen. Inzwischen bin ich achtundsechzig und ich schätze, diese Züge sind nun beide abgefahren.« Sie lachte ein verschämtes kleines Lachen. »Wie auch immer, ich bin froh, dass ich gekommen bin. Unter so vielen starken Frauen werde ich mich ganz bestimmt wohlfühlen. Und übrigens, ich male auch«, wandte sie sich an Svenja, die mit gelangweiltem Blick die Wand anstarrte. »Ich male Blumen. Ich liebe Blumen.« Sie nickte Stefanie zu, der Floristin. »Ich könnte stundenlang im Garten sitzen und malen. Und jeden Sonntag schaue ich den Tatort. Meine Lieblingskommissarin ist Maria Furtwängler. Ich hoffe, wir sehen uns mal etwas mit ihr an.« Mit zufriedenem Gesichtsausdruck nahm sie wieder Platz.
   »Und Ihr Name?«, hakte Verena nach.
   »Oh, ach ja, wie dumm von mir«, sagte sie mit einem dümmlichen Kichern. »Isolde Blahut!«
   Nun war Verena wieder an der Reihe. Sie war sich ihrer Rolle als Leitende bewusst und musste den anderen Damen hilfreich den Weg weisen. Wenn nur der neue Büstenhalter aufhören wollte zu stechen. Sie wünschte sich sehnlich eine Unterbrechung, um bei ihrer Unterbekleidung nach dem Rechten sehen zu können. Doch gerade jetzt war nicht die Zeit für eine Pause. »Meine Damen, ich danke Ihnen. Ich betrachte uns fünf als Gründungsmitglieder und werde das in der Akte so vermerken.«
   »Was denn für eine Akte?« Svenja zog die Augenbrauen hoch.
   »Nun, die Gründungsakte natürlich. Alles, was wir tun, wird schriftlich festgehalten. Ich werde Buch darüber führen, wer wie lange zum Klub gehört, welche Bücher wir besprechen, wann wir welchen Film sehen, wer zu welchem Zeitpunkt zu uns stößt und wo beziehungsweise an welchem Datum unsere Treffen stattfinden«, entgegnete Verena.
   Svenja rekelte sich provozierend auf ihrem Stuhl. »Wenn es Ihnen Freude macht …«
   »Freude ist nicht das richtige Wort. Eher Notwendigkeit. Wie auch immer«, wandte Verena sich wieder an alle, »es gibt noch einiges zu klären. Wir müssen festlegen, wie oft wir uns treffen, welches Buch wir als Erstes lesen und natürlich, wie unser Klub heißen soll.«
   »Oh, wir geben uns einen Namen?«, fragte Luise erfreut. »Das ist ja wunderbar.«
   »Wie wäre es mit Krimiklub?«, schlug Isolde vor.
   »Krimiklub? Das ist nicht sehr originell«, schmetterte Svenja ab.
   Stefanie lehnte sich nach vorn und ließ ihr üppiges Dekolleté im tiefen Blusenausschnitt aufblitzen. »Crime Ladies würde mir gefallen. Das hat etwas Elegantes.«
   »Aber Englisch? Warum sollten wir uns einen englischen Namen geben? Wir sind doch in Deutschland«, widersprach Verena.
   »Aus England kommen viele gute Krimis. Davon abgesehen – Agatha Christie hat wohl als Erste weibliche Detektivinnen in die Literatur eingeführt«, beharrte Stefanie.
   Isolde sagte nichts mehr und nahm stattdessen ein drittes Stück Gebäck.
   »Ich wäre auch für etwas Deutsches«, pflichtete Luise Verena zaghaft bei, mit einem ängstlichen Seitenblick zu Svenja.
   Die Künstlerin hüllte sich jedoch in Schweigen.
   »Na schön, vielleicht Krimizirkel? Krimifrauen? Krimikreis?«, führte Stefanie ihr Brainstorming fort, doch sie erntete nur Kopfschütteln.
   »Nichts mit Krimi. Viel zu offensichtlich«, meldete sich Svenja zu Wort. »Der Name sollte geheimnisvoll sein, ein Rätsel, ein Codewort, das nur Insider kennen.«
   »Aha«, meinte Verena, »und was schwebt Ihnen vor?«
   Svenja legte den schönen Kopf in den Nacken und fixierte die Decke. Die Sonnenbrille, die sie sich ins Haar geschoben hatte, machte sich selbstständig und landete mit einem Klappern auf dem Fußboden. Svenja reagierte nicht darauf. Nach einem kurzen Moment der Stille senkte sie den Kopf nach vorn. »Blutbündnis würde mir gefallen. Das klingt düster, indianisch. Oder, noch besser: Blutschwestern.«
   »Igitt«, entfuhr es Luise, was ihr einen vernichtenden Blick von Svenja einbrachte. Luise entschuldigte sich.
   »Wir sollten alle Vorschläge sammeln und am Ende darüber abstimmen. Der Name, der die meisten Stimmen bekommt, gewinnt«, erklärte Verena so strikt, dass keine Zweifel darüber aufkommen konnten, dass es sich hierbei keineswegs um eine Option handelte.
   Isolde hatte ihr nächstes Stück Kuchen verzehrt und meldete sich zu Wort. »Ich würde uns gern in der Tradition berühmter Detektivinnen sehen und deshalb schlage ich Miss-Marple-Club vor.«
   »J.-B.-Fletcher-Club«, kam es wie aus der Pistole geschossen von Luise.
   »Das ist doch auch wieder Englisch«, protestierte Verena.
   »Vielleicht, aber das sind Eigennamen, die fast jedes Kind kennt, auch bei uns. Wer hat wohl nicht schon einen Miss-Marple-Film gesehen? Das sind Klassiker«, verteidigte Isolde ihren Vorschlag.
   Die Wanduhr schlug fünf Mal. Verena erschrak. »Meine Damen, wir müssen unser Treffen für heute beenden. Ich habe einen dringenden Termin. Ich schlage vor, wir führen die Abstimmung beim nächsten Mal durch. Doch ehe wir auseinandergehen, möchte ich mit Ihnen anstoßen.« Sie holte eilig eine Flasche Sekt und fünf Gläser, entkorkte die Flasche und schenkte ein. Jede hob ein Glas in die Höhe.
   »Auf unseren Klub«, sagte Verena feierlich und war gerührt.
   »Wir sollten auch auf das Du trinken«, schlug Stefanie vor. Einträchtiges Nicken zeigte an, dass alle einverstanden waren. Der Sekt perlte unternehmungslustig in den Kelchen.

2

Welche Erleichterung! Sobald die Haustür hinter der letzten Krimidame ins Schloss gefallen war, stürzte Verena in ihr Schlafzimmer, um sich von dem drückenden Büstenhalter zu befreien. Sie schlüpfte in ihren alten, rosafarbenen, ausgeleierten Lieblings-BH, knöpfte die Bluse wieder zu und eilte ins Wohnzimmer, wo sie sich vor dem Fernseher platzierte. Sie wollte ihre tägliche Dosis Reich und Schön nicht verpassen – eine der wenigen Schwächen, die sie sich zugestand. Über das Treffen würde sie später nachdenken. An ihren Prioritäten gab es keinen Zweifel.
   Eine Stunde lang versank die Welt um sie herum und Verena verfolgte gebannt eine von Ridges vielen Hochzeiten. Einfach unglaublich, wie oft dieser Mann schon vor den Traualtar getreten war. Und wie oft aus seinen Hochzeiten nichts wurde. Doch es kam nicht auf Glaubwürdigkeit an, sondern auf dieses wohlige Gefühl, in die Welt der Reichen und Schönen einzutauchen und zu sehen, dass sie dieselben Probleme hatten wie die ganz normalen Menschen.
   Viel zu schnell war die Sendung zu Ende. Verena schaltete mit einem tiefen Seufzen den Fernsehapparat aus, blieb sitzen und sah aus dem Fenster. Als ihr Gatte noch lebte, hatte sie stets gedacht, sie würden irgendwann in den Kreisen der besseren Gesellschaft verkehren. Ihr Mann hatte bei einer Bank gearbeitet und sie bei einer Versicherung. Sie hatte darauf gewartet, dass er sich emporarbeiten und die Filiale leiten würde. Es hatte lange gedauert, sehr lange, bis die ersehnte Beförderung endlich kam. Der erste Schritt nach oben. Kurz darauf war Wilfried gestorben. Der Traum von ihrem eigenen Reich und Schön zerplatzte wie eine Seifenblase. Wilfried hatte sie zurückgelassen, nicht nur als trauernde Witwe, sondern auch als Frau ohne gesellschaftliche Aufstiegschancen.
   Verena war nicht daran zerbrochen, denn sie besaß ein zu praktisches Wesen. Obendrein hatte sie eine Tochter, um die sie sich kümmern musste, und einen Beruf, der sie forderte. Sie meisterte das Leben. Aber als Tanja schließlich ausgezogen war und geheiratet hatte, überkam es Verena aufs Neue und sie begann, Reich und Schön zu sehen, als wäre es ihr täglicher Gottesdienst und könnte ihr das ersehnte Seelenheil bringen.
   Ihr anderes Laster waren Kriminalromane, falls die Bezeichnung »Laster« überhaupt zutraf. Man hatte ihr immer eingeimpft, Lesen sei gut, und es war doch schließlich egal, was sie las, Hauptsache belächelte dazu noch, sie tat es und hielt ihren Geist fit. Sie hatte lange überlegt, ob sie tatsächlich Anstrengungen unternehmen sollte, einen Krimiklub ins Leben zu rufen, aber nun war sie froh, dass sie es getan hatte. Tatsächlich fühlte sich Verena erleichtert und stolz. Ihr kleines Inserat hatte ein unerwartet großes Echo gefunden.
   Isolde und Luise waren eher unauffällige Damen, die vermutlich keine Probleme machen würden. Stefanie schien ein interessanter Typus. Sie trat zunächst zurückhaltend und ruhig auf, ließ sich nicht in die Karten blicken, doch sicher gab es da einiges zu entdecken. Bei der Versicherung hatte sich Verena eine gute Menschenkenntnis angeeignet und fühlte sich dadurch berechtigt, alle Menschen zu beurteilen und zu sortieren nach brauchbar und unbrauchbar, wertvoll oder nicht weiter beachtenswert. Es kam selten vor, dass sie nicht auf Anhieb wusste, wie sie ihr Gegenüber einschätzen sollte, und Stefanie war so eine Ausnahme.
   Svenja, die Künstlerin, war dagegen leicht zu durchschauen. Sie gab sich gern intellektuell und prahlerisch, hielt sich offensichtlich für ihr bestes Kunstwerk und inszenierte ihr Leben als das einer Bohemienne. Dabei war sie einfach arrogant und belächelte dazu noch diejenigen ohne besondere Begabungen. Sie würde auf Svenja achten müssen. Verena hatte zwar selbst nicht viel Geduld mit schwachen Menschen, doch sie wollte trotzdem nicht, dass sich in ihrem Krimiklub jemand unwohl fühlte. Wenn es nötig war, würde sie Svenja auf die Finger klopfen.
   Eigentlich hatte sie beim ersten Treffen darüber sprechen wollen, welches Buch sie als Erstes lesen sollten. Verena hätte gern schon mit der Lektüre begonnen, um für die nächste Zusammenkunft tadellos vorbereitet zu sein, aber sie hatten die Zeit mit der fruchtlosen Diskussion um einen Namen vertan. Einen Termin für das nächste Treffen hatten sie ebenfalls noch nicht festgelegt. Ob ein einwöchiger Rhythmus für die anderen akzeptabel sein würde?
   In der Küche nahm sie die Zeitung zur Hand. Auf dem Laufenden über die Berühmtheiten der Stadt zu sein, nahm sie sehr ernst. Man hätte Verena nachts aus dem Schlaf reißen und ihr einen beliebigen Namen zurufen können, sie hätte eine komplette Lebensgeschichte und den letzten Skandal ausgespuckt, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Ja, sie war ein wandelndes Society-Lexikon und sie war stolz darauf.

»Nein, Mutti, ich akzeptiere das nicht.« Tanja stand steif und mit wutverzerrtem Gesicht in der Küche. Sie bemühte sich sichtlich, nicht zu laut zu werden, damit die Kinder im Garten nichts von dem Streit mitbekamen. »Ich habe dir schon so oft gesagt, dass du dich nicht in unsere Erziehung einmischen sollst. Es ist allein meine und Tobias’ Entscheidung, wo wir Philipp und Marie hinschicken. Wenn Marie nicht in den Musikunterricht möchte, ist das völlig in Ordnung. Vielleicht ist sie noch nicht so weit, oder vielleicht wird sie das auch nie wollen. Aber wir werden sie nicht zwingen.«
   »Aber bedenke doch, was sie an der Musikschule alles lernen, wen sie dort treffen würde. Sie könnte wertvolle Kontakte knüpfen.« Verena verstand nicht, warum es so schwer war, ihrer Tochter ihren absolut vernünftigen Standpunkt klarzumachen.
   »Wen interessieren schon Kontakte. Mutti, das ist dein Traum, nicht meiner. Ganz gewiss ist es nicht Maries.«
   »Ich habe schon nicht verstanden, warum ihr Philipp in diesen Waldkindergarten gesteckt habt. Gut, das ist ja nun vorbei und er fängt mit der Schule an. Aber weshalb habt ihr ihn denn nicht an der anderen Grundschule angemeldet? Ihm würden alle Türen offenstehen.«
   Tanja schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf.
   »In dieser Schule kann die Hälfte der Kinder nicht einmal richtig Deutsch sprechen, geschweige denn lesen und schreiben. Philipp ist ein intelligentes Kind. Er sollte richtig gefördert werden, damit er in ein paar Jahren aufs Gymnasium gehen kann. Mit einem guten Abschluss hat er die besten Möglichkeiten.« Hoffentlich überlegten sich Tanja und Tobias die Sache noch einmal. Tanja war schließlich selbst auf die Schule gegangen, die Verena favorisierte, und musste aus Erfahrung wissen, wie es dort zuging und wie kompetent die Lehrkräfte waren.
   Ihre Tochter nahm die Hände vom Gesicht und straffte die Schultern. »Mutti, bitte lass es. Wir haben uns entschieden und sind sicher, dass wir die beste Wahl für Philipp getroffen haben. Er kennt dort viele Kinder aus dem Kindergarten und wird sich wohlfühlen. Es gibt eine ausgezeichnete Betreuung für den Nachmittag und das Lehrkonzept hat einen frischen Ansatz, mit dem die Kinder auf spielerische Art lernen. Nicht so wie bei mir damals.« Sie verstummte bedeutungsvoll.
   Tanja spielte sicher auf die stundenlangen Fleißarbeiten an, mit denen sie das Schönschreiben lernen sollte, auf den strengen Ton im Unterricht und die Magenschmerzen, unter denen sie oft gelitten hatte, wenn sie zum Unterricht musste. In Verenas Augen war das jedoch ein kleiner Preis für eine gute Bildungsbasis, die ihre Tochter schließlich ins Gymnasium gebracht hatte. Tanja und Tobias achteten nicht genug darauf, dass ihre Kinder etwas Vernünftiges lernten und schon frühzeitig damit anfingen. Wenn es nach Verena gegangen wäre, hätte sie ihren Enkeln schon vor Jahren ein fremdsprachiges Au-pair verschafft, das ihnen Englisch oder Französisch beigebracht hätte, oder auch Spanisch oder Chinesisch. Nie lernten Kinder leichter als in ihren ersten Jahren. In der Schule ging es doch nicht darum, Spaß zu haben. Woher hatte Tanja nur diese Ansichten? Von ihr sicher nicht.
   »Es wird Zeit, wir müssen gehen. Tobias kommt bald nach Hause und dann essen wir zu Abend.« Tanja ging in den Garten, um den Kindern Bescheid zu sagen.
   Verena sah ihr traurig zu. Tanja schien ihr ihre Enkel immer mehr und mehr vorzuenthalten. Vielleicht wäre alles anders, wenn sie sich nicht so oft streiten würden. Tanja meinte immer, sie mische sich zu viel in ihre Erziehung ein, doch wie konnte sie nicht? Sie sah doch, worauf alles im Leben hinauslief, welche Entscheidungen man rechtzeitig treffen musste, um alles in die gewünschten Bahnen zu lenken. Sollte sie schweigend zusehen, wie Tanja und Tobias am Glück der Kinder vorbeinavigierten? Das konnte sie nicht. Eines Tages würde Tanja einsehen, dass ihre Mutter eine weise Frau war und ihr die richtigen Ratschläge gegeben hatte.
   Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken. Verena ging durch das Wohnzimmer zu dem kleinen Schrank, auf dem das Telefon in seiner Ladestation lag. Tanja und die Kinder kamen gerade herein, als sie sich meldete. »Körner.«
   »Oh, hallo, hier spricht Luise Franz.«
   Verena schwieg und gab ihrer Tochter ein Zeichen, noch einen Moment zu warten, doch Tanja schüttelte den Kopf und schob Marie und Philipp Richtung Flur. »Wer?«
   »Luise Franz, aus dem Krimiklub.«
   Endlich fiel bei Verena der Groschen. »Ach so, ja, natürlich. Bitte warten Sie einen Moment.« Sie eilte zur Haustür. »Wollt ihr nicht noch kurz bleiben? Ich bin gleich fertig mit dem Gespräch.«
   »Nein, tut mir leid, aber wir müssen los.« Tanja lächelte müde. »Sagt tschüss zu Oma«, forderte sie ihre Kinder auf. Philipp und Marie gaben Verena je ein Küsschen auf die Wange, schon waren sie draußen und Verena allein. Sie drückte sich den Hörer wieder ans Ohr. »Ja?«
   »Verena, hier ist Luise.«
   »Ja, ich weiß schon, wer Sie sind.«
   »Aber wir sind doch per Du!« Ein perlendes Lachen drang aus dem Hörer.
   »Richtig, das hatte ich vergessen.« Verena versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, doch es war nicht leicht, weil sie unglücklich über den Verlauf des Besuches ihrer Enkel war.
   »Wir haben übermorgen unser nächstes Treffen«, fing Luise an zu erklären. »Eine meiner Nachbarinnen ist ganz begeistert von der Idee mit diesem Klub. Ich habe ihr davon erzählt, eigentlich ohne besondere Absicht, als wir uns gerade gemütlich unterhielten. Sie war sofort Feuer und Flamme dafür und würde auch gern kommen.«
   »Sicher, warum nicht?«
   »Tja, es gibt da nur ein kleines Problem …« Luise schnaufte verlegen in den Apparat.
   »Was für ein Problem?«
   »Meine Nachbarin verlässt ihr Haus nicht mehr, deshalb wollte ich fragen, ob wir uns bei ihr treffen könnten.«
   Verena ließ sich diese überraschende Mitteilung durch den Kopf gehen. Sie hatte nichts gegen neue Mitglieder, im Gegenteil. Doch wenn sie eine Dame aufnähmen, die ihr Haus nicht verließ, würde das zwangsläufig bedeuten, dass sie sich von nun an jedes Mal bei dieser treffen mussten. Was, wenn sie zum High Tea in ein Café wollten? Oder ins Kino, einen Klassiker ansehen? Oder auf einen Flohmarkt, um nach alten Ausgaben zu stöbern? Sie wollte allerdings nicht vorschnell Luises Eifer ersticken und erklärte sich einverstanden, den anderen den neuen Ort des Treffens mitzuteilen.
   »Das ist ja wundervoll«, jubelte Luise begeistert. »Frau Wedel wird außer sich sein vor Freude! Sie bekommt so selten Besuch. Das wird der Höhepunkt ihrer Woche werden.«
   Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen?

3

Das Erste, was Svenja beim Betreten des Hauses auffiel, war ein riesiges Elchgeweih, das im Flur direkt neben der Eingangstür an der Wand hing. Es folgten weitere Gehörne, von Hirschen, Gämsen und Steinböcken. Der dazu passende muffige Geruch stieg ihr sofort in die Nase. Svenja lief ein Schauder über den Rücken. Diese Zurschaustellung von Jagdtrophäen war ihr zuwider. Sie folgte Isolde in das Wohnzimmer und wusste nicht, wem sie die giftigeren Blicke zuschießen sollte – der stopfwurstförmigen Möchtegernkünstlerin vor ihr, den weiteren Hörnern an den Wänden oder der kleinen Vogelscheuche, die unvermittelt in ihr Blickfeld geriet. Wie auf einem Thron saß die glatzköpfige uralte Frau auf einem abgewetzten braunen Chesterfield-Ledersessel am Ende eines lang gezogenen Raumes und empfing majestätisch ihre Untertanen. Sie lächelte und winkte, weigerte sich allerdings, Hände zu schütteln, und hörte erst auf, huldvoll ihre bleistiftdünnen Finger zu schwenken, als alle Angehörigen des Krimiklubs um sie herum Platz genommen hatten.
   Die unscheinbare Luise übernahm freudestrahlend die Aufgabe, sie miteinander bekannt zu machen. »Liebe Frau Wedel«, sagte sie, nachdem sie alle Namen aufgezählt hatte, und das sehr laut, weil ihre Gastgeberin offensichtlich schwerhörig war, »wir danken Ihnen, dass Sie uns eingeladen haben. Wir freuen uns über jeden Neuzugang in unserem Kreis.« Luise sah mit zufriedenem Gesichtsausdruck in die Runde und faltete selig die Hände. Die fragenden Blicke einiger anderer schien sie nicht zu bemerken.
   »Ja, ja, ich freue mich auch«, erwiderte die alte Frau mit heiserer Stimme und winkte noch einmal. Ihre Haut war so knittrig und weiß wie Papier, das gründlich zusammengeknüllt und wieder auseinandergezogen worden war. »Was tun Sie doch noch gleich?«, erkundigte sie sich und blickte zu Stefanie.
   »Wir lesen Kriminalromane und schauen uns Kriminalfilme an, um hinterher über sie zu sprechen«, antwortete diese.
   Svenja lächelte vor sich hin. Isolde sah es und schüttelte sanft den Kopf, bevor sie ihre Hände übereinander auf ihrem kugligen Bauch platzierte und den Kopf betont deutlich zu ihrer Gastgeberin drehte. Svenja zwang sich, ruhig zu bleiben. Auf der Suche nach Ablenkung sah sie sich nach etwas Essbarem um. In einer Schüssel auf dem Tisch entdeckte sie eine Merkwürdigkeit, die sich am besten als haarige Plätzchen beschreiben ließ. Mit Sicherheit würde keines davon ihre Lippen berühren.
   »Ich lese nicht mehr«, sagte Frau Wedel mit ihrer eigentümlichen Stimme. »Ich sehe auch nicht fern. Und Krimis mag ich nicht.«
   Ihre Worte lösten eine geflüsterte Diskussion aus, von der die Gastgeberin nichts mitbekam. Die Auseinandersetzung fand ein jähes Ende, als die Türklingel erschallte, so laut wie die Niagarafälle, und Frau Wedel sich, an eine Gehhilfe geklammert, aus ihrem Sessel zog. »Ich muss eben an die Tür«, erklärte sie und griff nach einem Bündel Geldscheine, auf dem ihr Hinterteil geruht hatte.
   »Aber Frau Wedel, wo wollen Sie mit dem vielen Geld hin?«, erkundigte sich Luise verdutzt.
   Die alte Frau wippte ständig mit dem Kopf. »Mein Neffe hat angerufen und gesagt, dass er sich etwas leihen möchte. Er schickt jemanden, um es abzuholen.«
   Die Damen sahen sich alarmiert an. »Kennen Sie den Abholer?«, hakte Verena mit strenger Miene nach.
   »Nein. Mein Neffe sagte, er schicke einen Freund, weil er gerade auf einer Baustelle sei und nicht wegkönne.« Frau Wedel strebte unbeirrt Richtung Flur, allerdings so langsam, dass sie eine Weile brauchte, um das lange Wohnzimmer zu durchqueren.
   »Sie dürfen das nicht tun.« Isolde redete auf die alte Dame ein. »Haben Sie noch nie von Trickbetrügern gehört, die sich als Verwandte ausgeben, um alten Menschen ihr Geld zu stehlen?«
   Frau Wedel stockte. »Trickbetrüger?«
   »Ja, ganz gemeine Menschen, die sich auf gutgläubige alte Leute spezialisieren und sich deren Vertrauen erschleichen.«
   Luise sprang ihr zur Seite. »Bitte, Frau Wedel, Sie müssen uns glauben. Wir wollen Sie nur beschützen.«
   »Wie wäre es, wenn Sie sich wieder hinsetzen und wir sehen nach, wer geläutet hat?«, schlug Stefanie vor und erhob sich.
   Frau Wedel starrte sie misstrauisch an. »Warum denn nur? Mein Neffe würde mich nicht reinlegen, ganz bestimmt nicht.«
   »Es war vielleicht gar nicht er, der angerufen hat«, erklärte Verena.
   »Wie können Sie das wissen?«, beschwerte sich Frau Wedel. »Kennen Sie meinen Neffen etwa?«
   Stefanie nahm die Sache in die Hand und ging zur Haustür. Svenja beobachtete, wie sie öffnete. Draußen stand ein grinsender, magerer, junger Mann Anfang zwanzig. Mit versteinertem Gesichtsausdruck sah er Stefanie an. Ihre imposante Größe schien ihn zu verunsichern. Sein Adamsapfel hüpfte hoch und runter, als er sichtlich verkrampft schluckte. »Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sich Stefanie sehr höflich.
   Der junge Mann strich sich über sein unrasiertes Kinn. »Äh, ja, ich soll hier etwas abholen. Ist für Ihren Neffen.«
   »Meinen Sie meinen Neffen Thilo, meinen anderen Neffen Moritz oder meinen Großneffen Klaus?«
   Der Gefragte überlegte und war sich offenbar nicht sicher, was er antworten sollte. »Ihren Großneffen …?«
   »Kommen Sie am besten kurz rein, das können wir bestimmt schnell klären.« Stefanie packte den Besucher am Arm, zog ihn über die Türschwelle, was ihm einen nur mühsam unterdrückten Schmerzenslaut entlockte, und schob ihn ins Wohnzimmer. Alle sahen ihn an. Frau Wedel hatte sich wieder auf ihren Thron zurückgezogen.
   »Das ist nicht mein Neffe«, krähte sie, doch niemand schenkte ihr Beachtung. Stefanie bugsierte den jungen Mann in die Mitte des Raumes. Dort ließ sie ihn los, blieb aber neben ihm stehen. Ihr Opfer rieb sich mit vorwurfsvollem Blick den Oberarm.
   »Das ist Nötigung, glaube ich, und Körperverletzung. Ich könnte sie anzeigen«, maulte er, wirkte aber eingeschüchtert.
   »Nur zu.« Stefanie nickte. »Wir würden die Polizei auch gern hier sehen. Seien Sie solange unser Gast.«
   »Schon gut«, murmelte er kaum hörbar. Allmählich schien ihm zu dämmern, dass er keine gutgläubige Schar älterer Damen vor sich hatte, die ihm auf den Leim gehen würde. Er schluckte schwer.
   »Wo ist jetzt das Geld?«, fragte er noch einmal. »Ihr Neffe wartet doch darauf.«
   »Wessen Neffe meinen Sie?«, erkundigte sich Verena höflich.
   Der Jüngling sah sich um und kratzte sich lange am Kopf. »Keine Ahnung, ich bin ja nur ein Freund von ihm.«
   »Wollen Sie wirklich bei dieser Geschichte bleiben?«, fragte Svenja. »Ihnen ist doch wohl klar, dass wir kein Wort davon glauben. Sie sind hier, um Geld zu klauen, oder etwa nicht?« Die vorwurfsvollen Blicke der anderen störten sie nicht. Sie fixierte wieder den Betrüger in der Mitte des Raums. Der errötete und wand sich. Er war erbärmlich.
   »Sie verstehen das nicht, ich brauche das Geld«, stammelte er. »Meine Mutter ist krank und ich muss mich um sie kümmern. Mein Vater ist tot, wir sind ganz allein. Wir leben in einem Wohnwagen ohne Heizung und fließendes Wasser. Meine Mutter braucht ihre Medikamente und etwas zu essen.« Er ließ in sichtlich gespielter Verzweiflung den Kopf hängen.
   »Hören Sie bitte auf, uns solche Märchen aufzutischen«, bat Isolde. »Halten Sie uns nicht für dumm. Wir könnten Sie der Polizei übergeben.«
   Der junge Mann sah auf. »Bitte tun Sie das nicht. Ich werde mich bessern, ich verspreche es. Von jetzt an werde ich nie wieder jemanden übers Ohr hauen.« Er ließ seinen flehenden Blick von einer zur anderen wandern. Bei Frau Wedel blieb er hängen. »Sie können sich doch vorstellen, wie schwierig es heutzutage für junge Menschen ist, nicht wahr? Diese schlimme Wirtschaftskrise. So viele Menschen finden keine Arbeit. Nach der Ausbildung haben sie mich einfach nicht übernommen, sondern auf die Straße gesetzt. Und wer will schon einen Arbeiter ohne Berufserfahrung?«
   »Was sagen Sie?«, dröhnte Frau Wedel mit ihrer heiseren Stimme und streckte den Kopf vor, um besser hören zu können.
   »Welchen Beruf haben Sie gelernt?«, erkundigte sich Luise.
   »Äh, Kfz-Mechatroniker …?«, antwortete der Dieb fragend. Auch das war offenbar nur eine Lüge.
   »Wir sollten jetzt die Polizei rufen«, unterbrach Stefanie das Geplänkel. »Wir sollten das den Fachleuten überlassen und uns um unser eigentliches Thema kümmern. Es wird immer später.« Die anderen Damen nickten zustimmend. Verena holte ein Handy aus ihrer Handtasche.
   »Bitte holen Sie nicht die Polizei«, jammerte der junge Mann erneut. »Bitte, Sie können mit mir machen, was Sie wollen. Aber ich bin vorbestraft, und wenn ich jetzt wieder verhaftet werde, muss ich bestimmt ins Gefängnis.« Er hatte tatsächlich nasse Augen.
   »Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen«, antwortete Svenja. »Sie wissen doch wohl, dass Straftaten eben Strafen nach sich ziehen.« Sie sah ihn kühl an.
   »Geben Sie mir Ihren Ausweis«, verlangte Stefanie. Der Mann gehorchte, ohne zu zögern. Stefanie studierte das Dokument eine Weile. »Sie sind erst achtzehn Jahre alt?« Er nickte. »Wie stellen Sie sich Ihr Leben vor? Sie sind so jung und haben schon alles verpfuscht, sind vorbestraft und nehmen gutgläubigen alten Menschen Geld ab, das diese sich mühsam zusammengespart haben. Warum sollten wir wohl nachsichtig mit Ihnen sein?«
   Der Betrüger starrte auf den Boden. »Ich will mich ja bessern, ehrlich. Aber ich habe Schulden und keine Arbeit. Ich lebe bei meinem Vater. Er trinkt und hilft mir nicht. Ein Freund hat gesagt, dass ich so ganz leicht an Geld komme.« Dieses Mal wirkte er aufrichtig.
   »Schöner Freund«, murmelte Luise.
   »Wir sollten Frau Wedel fragen, was Sie dazu meint«, schlug Verena vor. »Immerhin ist sie die Geschädigte bei dieser Geschichte.«
   Die anderen nickten, und mit einiger Mühe und vielen lauten Wiederholungen erklärten sie der alten Frau den Fall. Schließlich hob sie eine zittrige Hand in die Höhe. »Von mir aus verzichten wir auf die Polizei. Aber ich will, dass er etwas tut, um für seine Taten zu büßen.« Frau Wedel klang wie ein salbungsvoller Pfarrer, der seine Vorrangstellung bis aufs Letzte auskostete. »Er soll in einem Altersheim arbeiten, mindestens ein halbes Jahr. Und ich weiß auch, in welchem: im Maria Frieden, in dem meine Schwester lebte, bis sie starb. Dort gibt es viele bettlägerige und schwerkranke Menschen, die sich über einen aufmerksamen jungen Mann freuen würden.« Sie schwenkte die Hand wie zum päpstlichen Segen.
   Der junge Mann sah betroffen aus, doch er erklärte sich einverstanden. Verena setzte durch, dass sie eine Art Vertrag aufsetzten, den er unterschreiben musste. Stefanie machte ihn beim Zurückgeben des Ausweises darauf aufmerksam, dass sie seine Personalien hatten und jede Woche im Altersheim nachfragen würden, ob er dort war und ordentliche Arbeit leistete. Schließlich brachte sie ihn zur Tür und ließ ihn gehen. Er war im Nu verschwunden.
   Die Damen des Krimiklubs lächelten sich an und waren sich einig, eine gute Tat getan zu haben. Nur Svenja fand, dass sie unnötig milde gewesen waren. Sie war überzeugt, dass der Betrüger einfach weitermachen und nie und nimmer im Altersheim auftauchen würde.
   Verena klatsche in die Hände. »Meine Damen, bitte, wir wollen jetzt endlich mit der Wahl unseres ersten Krimis beginnen.«
   Die Gastgeberin horchte auf. »Was, wir beginnen erst? Es tut mir leid, aber ich bin jetzt müde. Wir müssen ein anderes Mal weitermachen.«
   »Aber wir sind erst fünfundvierzig Minuten hier. Unsere Treffen dauern gewöhnlich eineinhalb Stunden. Wir sind noch nicht einmal ansatzweise dazu gekommen, über Krimis zu sprechen.«
    »Ja, ja, das kann schon sein, doch in meinem Alter kann man nicht mehr so, wie man möchte. Diese ganze Aufregung wird mir zu viel. Ich muss Sie bitten, zu gehen.« Sie drehte den Kopf und sah aus dem Fenster, zum Zeichen dafür, dass die Audienz unwiderruflich beendet war.
   Die fünf Damen sahen sich verblüfft an, doch schließlich erhoben sie sich und kramten ihre Sachen zusammen. Es war ihnen offenbar allen klar, dass sie sich für das nächste Treffen etwas einfallen lassen mussten. Entweder Frau Wedel war damit einverstanden, den Klub für die gesamte Zeit bei sich zu dulden, oder sie würde keine Krimidame werden. Verena drückte in grimmiger Entschlossenheit ihre Handtasche an die Brust. Mit einem knappen »Auf Wiedersehen« eilte sie zur Haustür, langsam gefolgt von den anderen. Luise erkundigte sich, ob ihre Nachbarin noch irgendetwas brauchte. »Sch, sch, sch.« Frau Wedel schlug mit der Hand durch die Luft wie nach einer lästigen Mücke. Luise ging folgsam hinaus und drückte die Haustür hinter sich zu.
   Svenja wollte nach Hause, doch die andern begannen, Kriegsrat zu halten. Verena war dafür, den Klub ohne Frau Wedel weiterzuführen, der Rest schien nicht überzeugt.
   »Wir konnten ihr mit diesem Betrüger helfen. Ist das nicht ein gutes Gefühl?«, gab Isolde zu bedenken. »Wir sind durch dieses Erlebnis mit ihr verbunden.«
   Das war eine schwache Begründung. Luise sprach sich erwartungsgemäß ebenfalls für die Aufnahme von Frau Wedel auf. »Sie ist eine alte Frau, die nur noch wenig vom Leben hat. Ich bin sicher, der Klub würde ihr neue Anreize geben. Sie war heute nur etwas außer sich wegen dieser Sache mit ihrem Neffen und dem Geld. Sie ist sonst ein Schatz.«
   Svenja war eher dafür als dagegen, auch wenn sie deutlich machte, dass sie sich lieber an einem anderen Ort treffen würde. Stefanie schlug vor, sie sollten Frau Wedel eine Probezeit zugestehen. Falls sich herausstellte, dass sie dem Klub schadete oder tatsächlich nichts für Krimis übrig hatte, könnten sie die Sache noch einmal neu überdenken. Seufzend bat Verena, darüber abzustimmen. Mit vier Stimmen wurde Frau Wedel in den Krimiklub aufgenommen.

*

Endlich hatten diese aufgeregt schnatternden Gänse ihr Wohnzimmer verlassen. Lioba Wedel atmete erleichtert auf. Wie schwierig es doch war, Gäste wieder loszuwerden. Wie war Luise nur auf die Idee gekommen, diesen merkwürdigen Klub zu ihr einzuladen? Hoffentlich wiederholte sich das nicht. Das war ihr Wohnzimmer, basta. Sie wollte keine Unruhe hier drinnen haben. Was war das doch gleich für eine Organisation?
   Sie schleppte sich zurück ins Wohnzimmer. Dort fiel ihr ein, dass sie zu Abend essen wollte, also drehte sie die Gehhilfe wieder um. Ganz langsam durchquerte sie den langen Raum und den Flur. Mit zittrigen Händen holte sie Butter und Käse aus dem Kühlschrank, nahm eine Scheibe Brot aus einer Tüte, schmierte und belegte sie, fand einen Teller. Erschöpft und erleichtert ließ sie sich auf dem alten Holzstuhl an ihrem Küchentisch nieder. Geschafft.
   Da lag die neue Fernsehzeitung für nächste Woche, die am Morgen mit der Post gekommen war. Lioba sah gern alle Tage durch und markierte ihre Lieblingssendungen. Als Horst noch gelebt hat, Gott hab ihn selig, hatte sie beim Fernsehen nichts zu sagen gehabt. Horst hatte sich die Fernsehzeitung gegriffen und neben seinem Sessel behalten und wehe, sie hatte es gewagt, die Zeitung dort wegzunehmen. Wie oft hatten sie Streit wegen des Programms gehabt, aber immer hatte sie sehen müssen, was Horst wollte. Meistens Sport oder die Nachrichten, aber hatte sie mal einen Liebesfilm sehen wollen, hatte er den Fernseher ausgemacht. Er war ein böser alter Mann gewesen, so selbstsüchtig und herrisch. Und sie die brave, gehorsame Ehefrau, all die Jahre. Bis er die Treppe hinuntergestürzt war. Wie ungeschickt von ihm.
   Lioba hatte sich einen schönen, dicken, roten Filzstift besorgen lassen, um die besten Sendungen anstreichen zu können. Sorgfältig machte sie einen großen Kringel um jeden Film, in dem Christine Neubauer mitspielte. Die göttliche Christine war eigentlich viel zu selten im Fernsehen zu sehen, gerade jetzt, wo sie so abgenommen hatte. Lioba war beim Dienstag und machte einen Kreis. Er wurde ein bisschen wacklig, weil ihre Hand so zitterte. Irgendwo hatte sie gehört, ihre Lieblingsschauspielerin drehe über achtzig Filme im Jahr. War das viel? Sie blätterte zurück, um die Kringel zu zählen. Sieben bisher, sieben Mal Christine Neubauer. Wunderbar. Sie blätterte zum Mittwoch. Da, noch ein Kringel und dort auch.
   Liobas Finger krampften sich um den Filzstift, während sie den neunten Bogen zeichnete. Es ging so schwer, sie schaffte es nicht. Sie malte einen Strich, einen Viertelkreis. Noch ein Stück, dann war es ein halber. Nur noch ein bisschen weiter, ein wenig mehr drücken, etwas mehr Kraft …
   Sie kam nicht dazu, die Form zu vollenden. Der Stift fiel ihr aus der Hand, der Oberkörper kippte nach vorn. Das Letzte, was sie hörte, war ein eigenartiges Röcheln aus ihrem Mund.