Vor Jahren verbrachte Felix mit vier weiteren Studenten einen Urlaub in einem Sommerhaus. Innerhalb kurzer Zeit entwickeln sich zwischenmenschliche Spannungen, Liebe schlägt in Hass um. Der Tod begleitet die Freunde. Wer trägt Schuld an dem, was passiert ist? Felix kommt an den Ort des Geschehens zurück, um seine Rolle in dieser Tragödie aufzuarbeiten. Er erlebt das Vergangene noch einmal. Leiten ihn die Gespenster der Vergangenheit zur Wahrheit? Werden sie ihn freisprechen oder verurteilen?

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Michael Buttler

Michael Buttler
Michael Buttler wohnt mit seiner Familie und zwei Katzen im Rhein-Main-Gebiet. Er arbeitet als Bankkaufmann bei einem Kreditinstitut. Anthologien, an denen der Autor beteiligt war, wurden verschiedentlich für den Deutschen Phantastik-Preis nominiert. Im Jahr 2012 war er mit einer Geschichte in dem Buch vertreten, das den ersten Preis gewann. Zwei seiner historischen Kriminalromane spielen zur Zeit Johann Wolfgang von Goethes in Weimar, weshalb Buttler sie seine Goethe-Krimis nennt: Die Bestie von Weimar und Der Teufelsvers. In der Reihe Sherlock Holmes - Neue Fälle des Blitz-Verlags erschien bisher der Roman Sherlock Holmes und die indische Kette. Auf Anfrage steht der Autor gern für Lesungen zur Verfügung. Kontakt und Homepage: michael-buttler.de

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Leseprobe

Kapitel 1

Felix spürte, wie die sanfte Bö ihn umspielte und den Hügel hinab weiterzog. Der Wind war jung, entstanden aus der Schlacht zwischen kalter und warmer Luft, ein Kind der Konfrontationen, doch wie jedes Kind nicht nur schuldlos, sondern unschuldig.
   Ein Schauder kroch über seinen Rücken, als er auf das alte, zweistöckige Sommerhaus hinabsah. Der stärker werdende Luftstrom wirbelte seine Haare auf, bis sie ihn an den Ohren kitzelten. Hätte Felix nicht gewusst, dass Unschuld Freundlichkeit ebenso ausschloss wie alles andere, dann hätte er den Wind als eine nette Bekanntschaft auf dieser feuchten Wiese, fünf Kilometer von der nächsten Gemeinde entfernt, empfunden.
   Während Felix noch nicht bereit dazu war, den nächsten Schritt zu tun, kam ihm der Wind zuvor. In seiner Naivität wehte er hinab zum Haus, markierte seinen Weg im hohen Gras.
   Mit geschlossenen Augen drehte sich Felix um und hob sein Gesicht. Erinnerungen kamen hoch, vage nur, aber es reichte, ihn für den Augenblick zu überwältigen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Lediglich eine Automation seines Körpers. Aus diesem Grund öffnete er die Augen wieder und blickte in die des Windes, besah sich die Spiegelung seiner Pupillen, sah, auf was der Begleiter seines Weges zurauschte, was Felix selbst im Rücken hatte: das Sommerhaus, in penetranter Weise umgeben von den Blättern Wilden Weines, umsäumt von einem kleinen, heute nicht mehr gepflegten Nutzgarten, von Rasenfläche, von einer Grundstücksgrenze aus Bäumen und Zäunen. Hier und da ein Plattenweg – unbedeutend. Man kam her, um die Natur zu erleben. Pingelige Sauberkeit war nicht gefragt.
   Der Wind wehte Felix die Geräusche der nahen Klippe in die Ohren, rieb den rauen, salzigen Geruch des Meeres an seine Nase und zeigte dem Mensch, wie gnädig er doch war, weil er ihn nur streichelte und nicht in stürmischer Manier an ihm zog und zerrte.
   Winde sehen nur die Gegenwart, doch Felix konnte auch einen Teil des Vergangenen erkennen. Es drängte sich ihm als eine Erinnerung an einen Tod und an die Geburt seines jetzigen Wesens auf. Vor ein paar Jahren hatte am Fuße jener Klippen der zerstörte Körper eines Menschen gelegen.
   Es fröstelte Felix. Er wandte sich wieder dem Haus zu. Sein Bündel in Form eines blauen Nylonrucksackes hatte er über den Rücken geworfen.
   Der junge Wind war längst ein alter Hase, als Felix das Gartentor erreichte. Etwas wie Melancholie oder Wehmut machte sich in ihm breit, und so griff er automatisch zu seinen Zigaretten. Voller Abscheu vernichtete er sie in regelmäßiger, selbstzerstörerischer Art, eine nach der anderen. Doch sie kamen immer wieder zu ihm, wie streunende Katzen, denen man einmal Milch angeboten hatte.
   Die Läden des Sommerhauses waren geschlossen. Die alte Frau, der das Haus gehörte, war schon Jahre nicht mehr hier gewesen, vermietete es seit damals, als Felix mit den anderen ausgezogen war, nicht mehr. Hin und wieder kamen die Enkel vorbei, doch jetzt waren keine Semesterferien. Felix hatte sich informiert. Er war ohne Erlaubnis hier. Sein Aufenthalt ging niemanden etwas an. Er wollte sichergehen, dass er allein war. Er wollte kein Risiko eingehen. Mit dem Alter kommt die Weisheit, doch manchmal ist es dann zu spät.
   Das Gartentor quietschte, als er es öffnete. Er hatte es schon häufig gehört. Und dann stand plötzlich Don wieder vor ihm, ein Gespenst aus der Vergangenheit, ein Gebilde aus seiner Fantasie, ein Wunder seiner Sinne.
   »Dies«, so dozierte Don in seiner unnachahmlichen Art, »ist die Tücke, wenn jemand mit jemandin zum romantischen Spaziergang raus will.« Dann zog Don seine obligatorische Krawatte zurecht. Felix erinnerte sich daran, dass alle ihn nur Don oder Don Krawatto nannten, denn er hob sich durch seine stets konservative und korrekte Kleidung von allen anderen BWL-Studenten ab, die man rein vom Äußeren für angehende Sozialpädagogen hätte halten können.
   Bubi, seine jüngere Schwester, die das Haus vermittelt und ihren Bruder beim Studium bereits überholt hatte, stand neben ihm. Sie hieß Bubi, weil sie so aussah: Bubi-Haarschnitt, Männerstatur, Holzfällerkleidung und männliches Verhalten.
   Weitere Gespenster sah Felix hinter sich. Alle, die damals dabei waren, suchten sich den Weg durch seinen beginnenden Wahnsinn.
   Da war Schnitzer mit seinem Messer und dem unvermeidlichen Holzklotz.
   Anna-Maria, die Tochter einer streng katholischen Familie, die diesen Urlaub in den Semesterferien wie auch jede andere Gelegenheit nutzte, um ihren Eltern zu entfliehen. Und wie fast immer musste sie dazu lügen. Im Gegensatz zu Bubi war sie ausgesprochen fraulich.
   Keine fünf Meter hinter ihnen stand der halb vergammelte VW-Bus.
   »Atmet es ein, Leute. Der Duft nach blühendem Sommer«, schwärmte Don.
   »Mach hin«, nörgelte seine Schwester. »Die Sachen sind schwer.«
   Felix war völlig überrumpelt von ihrer Anwesenheit, hatte er sich doch auf die Einsamkeit mit sich selbst eingestellt. Er fragte sich, ob dieser Spuk bald vorbei wäre, damit er seine Ruhe finden konnte.
   »Was bist du, Schwester? Ein Kerl oder eine Memme?«
   »Nein, eine schwache Frau.« Jeder lachte über diese Farce. Bubis Brüste waren momentan das einzige sichtbare weibliche Merkmal. Wahrscheinlich war sie mehr Mann als die meisten Kerle.
   »Und ich muss pinkeln«, hörte Felix sich sagen. Das stimmte sogar. Er hätte den Kaffee im Ort nicht trinken sollen.
   Bubi hob eine Pflanze aus dem Übertopf und fischte den Schlüssel heraus. Dann öffnete sie die Tür.
   »Dass du mir auch die Brille hochklappst«, ermahnte ihn Anna.
   »Ohne Brille sieht er doch nichts«, sagte Schnitzer und alle lachten. Anna und er klatschten sich gegenseitig in die Hand.
   Die vier Gestalten verschwanden wieder. Oder nein – sie waren einfach nicht mehr da. Felix ertappte sich dabei, wie er einige Minuten lang die leeren Flecke in der Luft anstarrte.
   Die Haustür war abgeschlossen. Den Blumentopf gab es noch, auch wenn die Pflanze darin eine neue sein mochte. Dafür war der Schlüssel noch der alte, ein wenig angefressen von der salzigen, feuchten Luft.
   Diesmal war Felix ohne Auto gekommen. Den Weg vom Ort war er gelaufen. Alles, was er benötigen würde, befand sich in seinem Rucksack.
   Er schloss die Tür auf.
   Obgleich es ihn zur Toilette drängte, verharrte er beim Anblick des so vertrauten, schmalen Flurs. Alles war noch fast wie in der Erinnerung, der Raum wirkte kleiner, dafür klebten dieselben alten Tapeten an der Wand, hing der bekannte Spiegel über der Kommode. Die Toilette musste warten; er konnte nicht anders. Er ging die paar Schritte zum Spiegel, sah hinein und wackelte lässig mit dem Kopf.
   »Gestatten, Don Krawatto. Meine Freunde nennen mich Schlipsi.« Ein alter Witz von Don, den sich Felix nicht verkneifen konnte. Und keiner lachte darüber. Nur Bubi stand hinter ihm, lässig an die Wand gelehnt. Die Gespenster ließen ihn nicht los. Dabei war er noch so gut wie nüchtern.
   Arme Bubi. Sie trug ein weißes Kleid. Das war eine völlig unrealistische Vorstellung. Bubi trug nie Kleidung, die ihrem Geschlecht gerecht wurde.
   »Es gibt kaum ein Anzeichen dafür, dass sie eine Frau ist, bis du sie nackt siehst«, flüsterte Schnitzer in sein Ohr. Felix drehte sich erschrocken um. Schnitzer war schon wieder weg – oder überhaupt nicht da gewesen?
   »Es muss kein Kleid sein. Es könnte ein Nachthemd sein«, sagte Felix.
   Schnitzer konnte das so nicht stehen lassen. Er erschien neben Bubi aus dem Nichts, eine Hand auf ihre Schulter gelegt. »Es ist ein Kleid. Ein Festkleid. Schau sie dir doch an.«
   Felix trat erschrocken einen Schritt zurück. Bubis Augen waren entfremdet, der Blick an den Pupillen abgeschnitten. Ihre Gesichtszüge waren entspannter, als sie es jemals vollbracht hatte. Bubi war tot. Natürlich.
   »Verschwindet«, flüsterte er und ging pinkeln.
   Die Toilette war immer noch das alte, direkt ans Haus angesetzte Herzhäuschen.
   Als er fertig war, begab er sich auf einen Rundgang durchs Haus. Er konnte nicht locker lassen, brauchte mehr Konfrontation mit der Vergangenheit, mit seiner Erinnerung. Endlich konnte er der Frage nachgehen, die ihn schon so lange quälte: War da ein Detail, das er all die Jahre übersehen hatte?
   Aber er fand es nicht, noch nicht.
   Alles war beim Alten. Er fand die drei Schlafzimmer im ersten Stock, alle Betten ordentlich gemacht und mit Folie abgedeckt. Auch die seltsamen Nachttischlampen in Form von aufrecht stehenden Nagern, die jeweils eine Glühbirne mit einem Schirm darüber in ihren Vorderpfoten präsentierten, waren noch da. Im Erdgeschoss, gegenüber der Tür zur Toilette, befand sich die Küche mit fließendem Brunnenwasser, einem Gasofen und billigen Furnierschränken. Zum Wohnzimmer mit der offenen Feuerstelle und dem massiven Eichenschrank, der ausgebleichten Couch, ging es über den Flur. Der Sessel hatte einen langen, genähten Riss. Für einen Moment war es, als hätte er ein übersehenes Puzzleteil von damals gefunden, doch gleich darauf wusste er es besser. Der Riss war neu. Felix mochte diese Veränderung nicht. Überall stand das gleiche Inventar als ein Synonym für Beständigkeit, die gleichen Möbel, Haushaltsgeräte, Tapeten und Farben. Neue Pflanzen bedeuteten Erneuerung, Wiedergeburt. Hoffnung. Der Riss im Sessel, eine vermeintliche Lappalie, deutete auf Verletzbarkeit hin. Zurück blieb eine genähte Narbe. Felix wusste darüber nur zu gut Bescheid.
   Wenn ein unbekanntes Detail vorhanden war, würde er intensiver suchen müssen. Sein Proviant würde zeigen, wie lange er dafür Zeit hatte. Die Schränke in der Küche waren allerdings voll mit haltbaren Lebensmitteln in Tüten und Dosen. In einem Schrank fand er ein eingelassenes Gefrierfach, das sogar bestückt war. Dies bedeutete, dass der Generator laufen musste, was eher unwahrscheinlich war, oder dass Strom gelegt worden war. Und wie es aussah, war sein Aufenthalt weniger begrenzt, als er angenommen hatte.
   Schließlich fand er unter der Treppe nach oben, hinter dem Vorhang, ein paar Kisten Rotwein. Merlot.
   Er erinnerte sich, wie sie ihren Portugieser hier gelagert hatten. Plötzlich sah er sich zum ersten Mal selbst als Gespenst, besser gesagt seinen Rücken, wie er damals die Weinkisten genau hier aufgestapelt hatte. Don stand hinter ihm und kriegte sich über den Wein nicht mehr ein. »Schnitzer wieder«, maulte Don. »Hauptsache, die Brühe ist billig.«
   »Du weißt doch, er kennt sich mit Wein nicht aus.« Es war seltsam, seine eigene Stimme zu hören, die so quäkend und hoch klang, während er sie sonst immer als tief und angenehm empfand. Das Gleiche hatte er bereits bei Videoaufnahmen erlebt, die er von sich gesehen hatte. Und genauso wie dort erschrak er auch jetzt wieder über seine krumme Körperhaltung. »Wenn für dich eines wie das andere schmecken würde, dann würdest du doch auch die billigere Lösung wählen.« Tatsächlich, er hatte Schnitzer sogar einmal verteidigt.
   »Ja, ja«, lenkte Don ein. »Hast recht. Aber ich kann doch nicht alles allein machen.«
   Das stimmte. Dons Schwester hatte zwar das Haus vermittelt, er selbst aber den Rest geplant, organisiert und delegiert. Dummerweise war ihm der Fehler unterlaufen, ausgerechnet beim Wein eine falsche Zuständigkeit festzulegen.
   Felix sah neben den Kisten einen schmalen Schatten. Die Gespenster verschwanden, er befand sich wieder in der Wirklichkeit. Er bückte sich zu dem Schatten hinunter und holte ungläubig eine Flasche mit einem roten Etikett hervor. Es schien, als hätte sie geduldig auf diesen Augenblick gewartet. Ihr Portugieser.
   Betroffen und den Tränen nahe lehnte er sich an die Wand und sank langsam in die Hocke. Mit dem Ärmel wischte er den Staub von der Flasche. Er dachte an die Nebelrose. Er hatte sie nie vergessen. Und jetzt stand sie vor ihm, einsam auf der großen Wiese ragte sie empor und beschwor den Regen am Horizont.
   »Du hast gewusst, dass ich wiederkomme, mein Freund«, sagte Felix zu der Flasche. »Du hast alles gewusst. Du weißt, was eine Nebelrose ist, nicht wahr? Du hast sie erlebt, als sie mit uns hier war. Einige deiner Brüder hat sie verschlungen.«
   In der Küche fand er einen Flaschenöffner, einen modernen, den man so lange rechtsherum dreht, bis der Korken draußen ist. Schnickschnack, unter dem die Atmosphäre litt. Aus diesem Grund zog er ihn schon vorher heraus. Mit der Flasche in der Hand ging er nach draußen und breitete theatralisch, wie er es manchmal gern mochte, die Arme aus. »Wisst ihr, was eine Nebelrose ist?«, rief er in die leichte Brise zur ganzen Welt.
   Natürlich wussten sie es nicht. Es hätte ihm so viel bedeutet, wenn sie es gewusst hätten. Enttäuscht nahm er einen Schluck aus der Flasche. Er benötigte ein Glas. Ein wenig Stil sollte doch gewahrt bleiben.
   Gespenster erschienen wieder, Dons und sein eigenes. Sie schienen sich festsetzen zu wollen. Oder lebten sie hier seit damals?
   »Wein«, erklärte der Felix aus der Vergangenheit, »ist nicht, aus der Flasche zu trinken«, und äffte damit Don nach, der gerade die Flasche absetzte. »Wo bleibt denn deine Kultur? Wir sind doch keine Penner.«
   Don murmelte nur etwas Abfälliges über die Qualität des Weins.
   »Du kannst motzen, wie du willst«, sagte der andere Felix wieder, »aber auch dieser Wein hat das verdient.«
   »Ich habe kein Glas hier, und rein gehe ich jetzt auch nicht mehr.« Sehnsüchtig starrte Don einige Augenblicke die Bank vor dem Haus an, als überlegte er, ob sich ein lohnendes Geschäft dahinter verbarg, und setzte sich schließlich. Felix beobachtete, wie sein Vergangenheits-Ich ebenfalls Platz nahm, und erinnerte sich an die Szene von damals. Felix nannte dieses andere Ich Felix-1. Schließlich war Felix-1 vor ihm hier gewesen. Also hatte er das Recht auf die Nummer 1.
   »Warum säufst du jetzt schon?«, fragte Felix-1 seinen Nebenmann.
   »Weiß ich nicht.« Don sah betrübt auf den Blumengarten, der beinahe im Unkraut erstickte. Schon unvorteilhaft, ein Beet anzulegen und nur alle paar Monate hier zu wohnen. Das machte jedes Mal eine Menge Arbeit. Und man konnte sich nicht sehr oft an dem Beet erfreuen. Ein Vergleich mit dem Leben fiel Felix-2 ein, entglitt ihm aber wieder, bevor er ihn zu fassen bekam.
   »Da gehört auch mal wieder Ordnung gemacht«, meinte Don und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. »Ich wollte, ich könnte was schreiben.«
   »Was willst du scheiben?«, witzelte Felix-1. »Über die Auswirkungen der EWWU auf das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht von Hamburg-Altona? Oder gar Lyrik?«
   »Warum der EWWU-Pipifax? Warum nicht Lyrik? Warum sollte das so abwegig sein? Vielleicht reicht es ja auch, wenn ich es einfach nur für mich tue.«
   Don hatte recht. Natürlich. Das war genauso, wie sie alle BWL studierten und deshalb nicht gleich im Aufsichtsrat eines DAX-Unternehmens sitzen mussten, um eine zufriedenstellende Arbeit abzuliefern. Konnte man das überhaupt miteinander vergleichen?
   »Ist es nicht langweilig, nur für sich zu schreiben?«
   »Warum? Du lässt beim Schreiben etwas aus dir heraus, wie gegenüber einem guten Freund.«
   »Wie bei einem Freund, der das nie erfährt, weil du selbst dieser Freund bist. Niemand erfährt das.«
   »Falsch. Die ganze Welt würde erfahren, was ich schreibe. Alles, was du machst, wird von der Welt als ein Bruchteil ihres Daseins aufgenommen. Da ist es egal, ob du vor einem wichtigen Ausschuss redest, ob du zu einer Wahl gehst oder ob du in einer stillen Kammer onanierst. Die Welt kriegt alles mit, nicht jeder Einzelne, aber die Welt, verstehst du?«
   »Du sprichst von der Welt und meinst deine Einbildung. Wenn du stirbst, hast du vielleicht eine Chance, gehört zu werden. Leute werden deinen Nachlass finden, darin lesen und sich dabei denken, was sie wollen. Dann wirst du gehört, aber du hast nichts mehr davon. Du kannst mit den Leuten nicht mehr darüber diskutieren. Du kannst den Zuspruch oder die Ablehnung nicht mehr empfangen, neue Gedanken aufnehmen und dich weiterentwickeln.«
   »Mein Lieber, du irrst.« Ein Schluck aus der Flasche. »Es ist im Grunde das Bedürfnis eines jeden Individuums, sich der Welt in Aufmerksamkeit zu bringen, zu beweisen, dass man gelebt hat. Sich ein Denkmal zu setzen, wenn du es so willst. Das Denkmal muss aber nicht immer ein separates Kapitel in einem Geschichtsbuch sein. Es genügt, der Welt irgendwo einen kleinen Anstrich zu verpassen, der zwar übersehen werden kann, dennoch war er da. Und du weißt es. Du als ein Teil der Welt. Vielleicht wird mein Geschriebenes in meinem Nachlass gefunden und beeinflusst meine Erben. Wenigstens haben sie sich die Zeit zum Lesen genommen und währenddessen nichts anderes angestellt. Vielleicht ist es aber auch nur das verbrauchte Papier …«
   »Jetzt gehst du zu weit. Jeder Atemzug kann die Welt verändern, wenn du so sehr ins Detail gehen willst. Dann brauchst du auch nicht zu schreiben, um der Welt einen Teil deiner selbst abzugeben.« Felix-1 schüttelte bedächtig den Kopf. »Du spinnst. Du hast gewaltigen Nebel in deiner Birne. Und ich will jetzt sofort was von dem Zeug, das du dir eingeworfen hast.«
   »Ich habe weder Nebel im Hirn noch etwas eingeworfen.«
   »Du bist für diesen Quatsch nicht feinfühlig genug. Wer hat dir diese Flausen in den Kopf gesetzt?«
   »Warum kann ich mir das nicht selbst ausgedacht haben?«
   »Weil du in zu wenigen Schnörkeln denkst.«
   Bubi war’s, dachte Felix-1.
   »Bubi war’s«, sagte Don.
   »Ich weiß«, murmelte Felix-2. Natürlich war’s Bubi. Don würde nie von allein auf solche Gedanken kommen. Er war ein praktisch veranlagter Mensch.
   »Du bist schon seltsam«, meinte Felix-1. »Du trägst immer feine Klamotten, aber ein feiner Pinkel bist du nicht. Du magst keine Gefühlsduseleien …«
   »Ich hasse sie.«
   »… und übernimmst Gedankengut ausgerechnet von deiner Schwester, die einen lyrischen Traum auf dieser Welt lebt, auch wenn sie noch so männlich zu sein scheint.«
   »Inkonsequent.«
   »Ja.«
   »Opportunistisch.«
   »Nee.«
   »Heuchlerisch?«
   »Du glaubst wohl, du wärst etwas Besseres, wie?« Felix-1 verstellte die Stimme zu einem nervenden, snobistischen Geleier. »Oh, wir sprechen über den gut angezogenen, inkonsequenten, wichtigtuerischen und bemitleidenswerten Spinner. Er ist ein Rebell und sieht die Welt, wie wir alle sie sehen sollten.«
   »Okay, reden wir von dir. Was macht dein Studium?«
   »Du Arschloch.«
   »Wieso, was hast du plötzlich? Ich habe dich doch nur was gefragt. Das interessiert mich wirklich. Ehrlich. Bitte, bitte, bitte, gib mir eine Antwort. Was macht dein Studium?«
   »Du interessierst dich nicht für mich, sonst hättest du gefragt, was ich mache. Dann hätte ich antworten können: Mein Studium frisst mich auf, blablabla. So aber hast du dich nur für mein Studium interessiert.«
   »Ameisenzähler.«
   »Wieso nicht Erbsenzähler?«
   »Weil Ameisenzähler ein Kompliment ist. Erstens heißt jeder Erbsenzähler Erbsenzähler. Und zweitens hebst du dich von ihnen ab, weil Ameisen zählen schwieriger ist. Schließlich bewegen die sich.«
   »Kümmelspalter.«
   »Wortverdreher.«
   Ein Schluck aus der Flasche und Felix-1 und das Don-Gespenst waren verschwunden. Felix-2 schüttelte sich. Es war zu viel auf einmal gewesen. Er nahm dort Platz, wo gerade eben noch sein anderes Ich gesessen hatte.
   Überrascht stellte er das Hereinbrechen der Dämmerung fest. Sollte er zur Klippe gehen und die Sonne gen Westen verschwinden sehen? Aber nein, sagte sein Verstand. Dazu war es noch zu früh. Es würde auch schön sein, einfach hier zu sitzen und die Ruhe zu genießen. Also lehnte er sich auf der Bank zurück. Aber er spürte, dass es die Ruhe noch nicht geben würde. Er musste sie sich noch verdienen, solange ihn die Gespenster besuchten.
   Don kam wieder, mit Schnitzer, Bubi und Anna im Schlepptau. Sie trällerten und quietschen Only You in den friedlichen Abend, jeder mit seiner eigenen Interpretationsvariante. Felix-2 seufzte und durfte als Delinquent dieser Privataufführung dienen. Er war wieder unmittelbar eingebunden. Felix-1 war bei dieser Szene nicht anwesend. Er war ja nicht dumm.
   »Habt ihr schon das Hasch angebrochen, oder seid ihr einfach besoffen?«
   »Ey!«, quietschte Anna. »Spielst du heute den Miesefelix?« Sie hielt eine Flasche Wodka hoch, die er vorher nicht bemerkt hatte. Sie war fast leer. Anna setzte die Flasche an und entsorgte den Rest. »Das war ein lecker Kartoffelsalat«, rief sie und warf die leere Flasche über die Schulter in den Garten.
   »Eine Polonaise«, rief Don, brummte eine unbekannte, einem Marsch ähnliche Melodie und stolzierte wie ein Pfau. Er winkte ihnen zu und forderte sie auf, sich ihm anzuschließen. Als keiner darauf einging, schnappte er sich Felix und bugsierte ihn hinter sich. Erst dann erweckte er das Interesse der anderen. Anna hielt sich hinter Felix fest. Danach kam Schnitzer und zum Schluss Bubi. So ging die Prozession zuerst einmal den Garten hinauf und hinunter, dann einmal ums Haus, bis Anna, vor und hinter sich einen Mann wissend, rief: »Und jetzt greifen wir unserem Vordermann an den Arsch!« Und schwups kneteten Annas Hände Felix’ Pobacken.
   »Wenn du das machst, Glücklicher, dann wirst du bald vom Glück verlassen sein«, sagte Don über die Schulter.
   »Keine Sorge«, erwiderte Felix. »Ich will meine Hände nicht noch desinfizieren müssen.«
   Die Polonaise löste sich plötzlich auf, als Anna aufschrie und ausscherte. »Den Arsch, du Ferkel!«, schimpfte sie Schnitzer aus. Dann kicherte sie und lief ins Haus. Die anderen folgten ihr.
   Auch Felix ging mit und wunderte sich, dass sein anderes Ich immer noch nicht auftauchte. Dann entsann er sich an das erste Mal, als die Gespenster gekommen waren. Auch dort hatte es nur einen Felix gegeben. Ehrlicherweise war es ihm so auch lieber. Schließlich wollte er Erlösung für sich finden und nicht für sein Gespenst. Dazu wollte er in das, was er hier wider Erwarten geboten bekam, direkt eingebunden werden.
   Jemand hatte den Generator eingeschaltet. Felix hörte leise das Brummen des Motors aus dem Keller, aber nicht mehr lange. Aus den Lautsprechern des CD-Players drangen die Rhythmen von 50er-Jahre-Rock-and-Roll. Seine Freunde sangen mit. Er blieb als Einziger still und beobachtete nur. Und dachte nach. Die anderen waren so ausgelassen. Aber sie waren nicht real. Was, wenn sie sich in dunkle, Leben verschlingende Schatten verwandelten? Was, wenn sie sich in Ekstase sangen und soffen, um ihm anschließend mit ihren Raubtiergebissen die Kehle durchzubeißen? Schließlich war er keiner von ihnen, oder? Oder war er selbst auch schon ein Gespenst? War er bereits übergetreten in das Jenseits?
   Anna kam und kniff ihn in die Seite, während Don ihm freundschaftlich auf die Schulter schlug und ihm eine Flasche Irgendwas vor die Nase hielt.
   »Mmmein Lieber«, lallte Don ihm ins Ohr, »duuu hascht noch nischts gedrungen. Duu bischt ein Schpielverdreber.«
   Ob er nun trank oder nicht, was machte das schon aus? – Nichts. Er war betrunken ein genauso gutes Opfer wie nüchtern.
   Felix griff nach der Flasche und nahm einen kräftigen Schluck. Das Zeug war stark. Es reizte ihn zum Husten und er hätte fast wieder alles ausgespuckt. Gleich noch einen Schluck, denn er hatte eine Menge nachzuholen. Er soff mit, sang mit und rauchte mit, irgend so ein Zeug, dass Anna besorgt hatte. Felix dachte an ihre katholische Erziehung und musste grinsen.
   Irgendwann waren die anderen keine Gespenster mehr. Er war wieder hier, vor einigen Jahren, noch jung und unverbraucht.
   Ab und zu, wenn er sich zu schnell bewegte, vor allem den Kopf, dann schwankte der Raum und ihm war schwindelig. Einmal war es Bubi, die ihn auffing, als er gerade vom Sessel kippte.
   »Du brauchst eine Pause, Felix«, sagte sie.
   Er sah ihr Gesicht nur verschwommen vor seinem. Sie saßen auf dem Fußboden und lehnten sich an den Sessel, von dem er gerade gerutscht war.
   »Wenn du kotzen musst, dann dreh dich um.«
   Felix schüttelte den Kopf und bereute es gleich darauf. »Geht schon«, keuchte er. Dann saß er nur da und versuchte, seinen Atem zu regulieren. Er sah den anderen zu, wie sie tanzten. Bubi blieb neben ihm sitzen.
   »Anna macht meinen Bruder an.«
   Felix verstand mit seinem berauschten Hirn nicht gleich die Bedeutung der Worte.
   Bubi sprach schon weiter, als er es endlich kapierte. »Und der macht mit.«
   »Würde ich auch.«
   »Kann ich mir denken. Und Schnitzer auch, so wie der da rumeiert.«
   »Na ja, sie sieht halt gut aus.«
   »Ja.«
   Felix brauchte wieder einen Moment, bis er Bubis Schweigen deutete. »Eh, das hat nichts mit dir zu tun.«
   »Ja, ich weiß. Meine Verehrer warten alle draußen.«
   »Und meine Tussen habe ich zu Hause gelassen«, meinte Felix leicht verärgert. Glaubte sie denn, sie wäre der einzige Mensch mit Komplexen?
   »Ich kriege sicherlich mal einen Schwulen.«
   »Ich wahrscheinlich auch«, platzte Felix heraus. Sie sahen sich an und lachten schallend.
   Die anderen bemerkten das nicht. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt: Anna mit Don, Don mit Anna, Schnitzer mit Anna. Aber Schnitzer sah seine Felle allmählich davonschwimmen.