Gleich in seinem ersten Fall stellt sich Privatermittler Damjanov die Frage, ob sein Klient Schellinghaus ein Wirrkopf ist. Denn Schellinghaus behauptet, er sei ein „Schläfer“ des DDR-Geheimdienstes und als solcher fast dreißig Jahre nach Auflösung der DDR aktiviert worden. Damjanov nimmt die Herausforderung an und gerät in ein undurchsichtiges Chaos: Soll die DDR etwa wiederbelebt werden – per Regierungsumsturz in Venezuela als Brückenkopf? Hat der neu gegründete Deutsche Sicherheitsdienst seine Finger im Spiel? Geht es um die verschollenen DDR-Milliarden, die Schellinghaus als Marionette einflussreicher Strippenzieher wiederbeschaffen soll? Die Ereignisse überschlagen sich. Schellinghaus ist plötzlich nicht mehr erreichbar, zwei ungebetene, aber bewaffnete Gäste tauchen in seinem Büro auf und die Russin Sahira Sacharov möchte nach ihrem vermissten Ehegatten suchen lassen. Wie all das zusammenhängt, versucht Damjanov in Barcelona herauszufinden. Für die entscheidende Information sorgt dabei ein Toter …

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ISBN: 978-9963-52-163-0

Seiten: 303

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Tobias Damjanov

Tobias Damjanov
Tobias Damjanov, Jahrgang 1951, stammt aus Franken, lebt in Bochum und hat einen Sohn. Er war in friedenspolitischen und wissenschaftskritischen Nichtregierungsorganisationen, als Dozent am II. Bildungsweg sowie als Journalist tätig. Seine Romane um den gleichnamigen Privatermittler tragen bewusst autobiografische Züge und spielen in nahegelegener Zukunft. Gemischt mit skurrilem Humor, erinnern sie in Stil und Handlung an die „série noire“ und sind zudem mit der Welt der Geheimdienste verknüpft. Mit „Tödliche Wiederbelebung“ debütierte der Autor im bookshouse-Verlag.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Hamburg, im September 2016

Der Mann spinnt. Hat einen an der Waffel, nicht alle Latten am Zaun, gehört auf die Couch. Aber zu spät. Er hat mich.

Tag 1

»Ich präjudiziere, dass Ihre Verschwiegenheit per se obligatorisch ist«, sagt der Mann vor meinem Schreibtisch.
   Was?
   Ich nicke trotzdem, lehne mich im Schreibtischsessel zurück und verschränke die Hände vor der Brust.
   Er hat sich mir als ›Martin Schellinghaus‹ vorgestellt. Sein Gesicht ist ohne Furchen und rasiert, gerade Nase, randlose, getönte Brille, die Haare braun, locker liegend. Seine Finger berühren die Tischkante. Ein Klavierspieler, der sich auf den Tasten austoben will? Die Nägel sind ohne Schmutzrand und kurz geschnitten. Mein Blick wandert über sein Jackett, die Weste, die Seidenkrawatte. Ich kann seine Augenfarbe nicht erkennen.
   »Ich möchte Sie mit eiligen privaten Ermittlungen betrauen.«
   Ich rücke einen Notizblock zurecht und nehme einen Stift zur Hand. Diesen Job übe ich erst seit siebzig Minuten aus.
   Martin Schellinghaus ruckelt in seinem Stuhl. Seine Brille bewegt sich, weil sich seine Nasenflügel bewegen. »Also …«
   Mehr höre ich nicht.
   Suchen seine Finger die schwarzen und weißen Tasten? Geduld. Menschen, die zu mir kommen, haben ein Problem. Wenigstens.
   »Ich bin 1987 … nein, äh, ich habe aus dem Blickwinkel meines heutigen Dafürhaltens 1987 einen kapitalen Fehler begangen. Ich war seinerzeit als führendes Mitglied des Jungsozialisten-Vorstandes ›Westliches Westfalen‹ Teilnehmer einer Delegation, die die DDR aufsuchte.«
   Während er spricht, blickt Martin Schellinghaus – heißt er wirklich so? – entweder auf seine Hände, als würde er die noch nicht gut genug kennen, oder irgendwo an mir vorbei.
   Kinder sind damals wohl kaum in einen der mächtigsten Juso-Vorstände der Bundesrepublik gewählt worden. Also ist er keinesfalls jünger als vierzig.
   Der Geruch in meiner Nase stammt aus meinen Achselhöhlen. Duschgel und Deospray, die Versagerzwillinge des Tages.
   »Am letzten Tag dieses Delegationsaufenthaltes wurde ich separiert und von mehreren Herren angesprochen, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiter des IPW, Institut für Politik und Wirtschaft, vorstellten, was mich nicht überraschte, da wir dort wissenschaftspolitische Gespräche geführt hatten. Zu meinem damaligen politischen Hintergrund komme ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, dass ich, wiewohl eingetragener Sozialdemokrat, überzeugter linker Sozialist mit Orientierung auf die Politik Herrn Gorbatschows war. Details dazu kann ich wie auch zu dem eben angeführten Gespräch mit den IPW-Repräsentanten später vertiefen, falls notwendig.«
   Aha.
   Hat er sich in der Adresse geirrt? Kann nicht sein, denn als er mich zwei Minuten nach neun vier Stockwerke tiefer über die Gegensprechanlage anrief, nannte er meine Berufsbezeichnung.
   »Möchten Sie auch einen Kaffee?« Ich stehe auf, weil ich einen will. Von meinem Schreibtisch aus gesehen links befinden sich ein Kühlschrank und ein Spülbecken mit Arbeitsplatte, auf der eine zwanzig Jahre alte Kaffeemaschine steht.
   »Ja, gern«, antwortet er.
   Ich fahre herum, beruhige mich aber sofort. Er wird heute Morgen noch keinen Kaffee getrunken haben.
   Die Kaffeemaschine hat ihre Asthmaanfälle. Ich setze mich wieder.
   »Diesem Gespräch folgten weitere und aus all dem erwuchs, nun, äh, dass ich mich anwerben ließ. Gemeinhin ist meine so definierte Funktion als ›Schläfer‹ im Wortgebrauch.«
   Er fühlt sich sündig. Er hat etwas getan, was ich Macht meiner Berufung bereinigen soll. Jetzt muss ich so locker wie seine Haare sein.
   Die Kaffeemaschine röchelt final. Ich stehe wieder auf und schenke ein.
   »Aber es ging nicht um meine seinerzeit aktuelle Juso-Funktionärstätigkeit. Meinen Kontraparts war offenbar bekannt, dass ich nicht plante, nach dem Studienabschluss, der sich damalig mit diesen Ereignissen zeitlich überschnitt, in einem agententypischen Bereich eine Tätigkeit aufzunehmen, sondern als Informatiker schwerpunkthaft wissenschaftlich in der Wirtschaft einem Beruf nachzugehen. Danke, weder Milch noch Zucker.« Er nippt von der Kaffeetasse, die ich ihm hingestellt habe.
   Da und dort auf seinen Wangen und seinem Hals sehe ich blässliche Rötungen. Nicht großflächig, aber da. So schlecht kann mein Kaffee nicht sein.
   »Ich wurde einer Sonderbehörde unterstellt, die zwar, wie ich Grund hatte und habe anzunehmen, mit dem damaligen Ministerium für Staatssicherheit der DDR, üblicherweise als MfS akronymisiert, in einer bestimmten Weise kooperiert haben dürfte, aber ganz offensichtlich wissenschaftlich orientiert war. Der besondere Reiz: Wie mir meine Gesprächspartner glaubhaft versicherten, war dieses Amt dominiert von Gorbatschow-Anhängern.«
   Der Mensch vor mir leidet entweder darunter, vergangene Realität und eigene Fantasien nicht auseinanderhalten zu können, oder ich habe von der DDR der letzten Jahre vor ihrem Zusammenbruch keine Ahnung. Eine Sonderbehörde mit Gorbatschow-Anhängern und dem IPW in Verbindung mit dem MfS? Äußerst unwahrscheinlich.
   Das IPW ist mir bekannt. Ich kann deren damalige Positionen beurteilen. Als ihrem wissenschaftlichen Aushängeschild gestattete die Staats- und Parteiführung dem IPW ideologische Freizügigkeiten, in Grenzen, versteht sich. Das Ministerium für Staatssicherheit war da eher das Gegenteil.
   Was erzählt mir also dieser Mensch? Und was, bitte, hat das mit meinem Beruf zu tun?
   Sein Name. Ich zweifle erneut. Nicht ungewöhnlich, dass mir gegenüber jemand inkognito auftritt, theoretisch. Praxis habe ich ja noch keine.
   »Herr Damjanov, Sie sind mir von Quellen empfohlen worden, die auch einmal mit Friedensbewegung und diesen DDR-freundlichen Strömungen in der ehemaligen BRD in Verbindung standen und …« Er unterbricht sich, sein Blick wandert die Zimmerdecke entlang.
   Ich wandere allein im Watt. Ich habe keine Uhr bei mir und sehe die Flut kommen.
   Sein letzter Satz. Sirenen heulen. Ist ›Martin Schellinghaus‹ an jemanden geraten, der mein Vorleben kennt, oder hat er gezielt Erkundigungen über mich eingezogen? Wer weiß von meiner Vergangenheit, der auch von meinem neuen Beruf weiß?
   »Nach über einem Jahr Anleitungstätigkeiten wurde mir meine Aufgabe eröffnet. Ich solle meine berufliche Laufbahn so wie geplant fortschreiben und warten, bis ich angefordert würde. Dies könne Jahre dauern. Bis zu einem solchen Zeitpunkt würde es keinerlei Kontakte mehr geben. Die Anweisungen beinhalteten weiterhin, dass mir keinerlei Möglichkeiten offeriert wurden, von mir aus Kontakt aufzunehmen.«
   Ich kann nichts von dem nachvollziehen, was ich in den letzten Minuten gehört habe. Wie soll ich ihm Absolution erteilen? Ich ertappe mich bei dem lästerlichen Gedanken, ihn auf der Stelle hinauszukomplimentieren.
   Aber jemanden aus dem Beichtstuhl verweisen, ohne dass er einen Auftrag unterzeichnet hat? Was ist dein Vergehen, ›Martin Schellinghaus‹, oder wie immer du heißt? »Worauf sollten Sie warten? Was sollten Sie tun?«
   Er neigt den Kopf und betrachtet seine auf der Tischkante angelegten Finger. Tut kein Pianist mitten im Konzert. »Ich weiß es nicht. Unsere Geschäftsgrundlage basierte darauf, dass ich davon Kenntnis erhalten sollte, sobald ich angefordert werden würde.«
   Hölle. Er lässt sich als Agent ausbilden und weiß noch nicht einmal, wofür? Kann nicht wahr sein. Als Nächstes wird er mir erklären, dass er jetzt angefordert wurde. Welches Jahr des Herrn schreiben wir? Die Geister, die ich rief … Von wem war das gleich noch mal?
   »Und damit bin ich bei dem Grund, Sie aufzusuchen: Ich habe am vergangenen Samstag diese Aufforderung erhalten.« Durch den Körper von ›Martin Schellinghaus‹ geht ein Zittern. Er fasst nach der Kaffeetasse. Schwarze Brühe schwappt heraus. Wenn er nicht nur seinen Anzug getroffen hat, macht das nichts. Mein Teppichboden war ein Sonderangebot. Die Untertasse klirrt beim Zurückstellen.
   Ich glaube nicht, dass ich eine Tasse in diesem Augenblick anders zu meinen Lippen führen könnte. Mir stellt sich die Frage, ob ich schon bisher in einer Traumwelt gelebt habe, oder ob sie mich gerade erst überfällt.
   Ich beuge mich über meinen Schreibtisch, Ellenbogen aufgestützt, Kinn vorgeschoben. Angestrengt und ruhig – keine günstige Ausgangslage. »Einen Moment bitte, Herr Schellinghaus.« Ich lege meine Stimme tief wie ein Auto nach dem Tuning. »Die DDR gibt es seit bald dreißig Jahren nicht mehr. Da erlaubt sich wohl jemand einen üblen Scherz mit Ihnen.«
   Warum erzählst du mir eine solche Scheiße? Rauswerfen. Stattdessen Diplomatie. Zwang. Verbiegen. Ich hasse es. Nicht von dienstlicher Bedeutung. Niemand verlangt, dass ich die Fälle meiner Bittsteller nicht hassen darf. Es geht um Geld, um Verdienen, um Arbeit, so unwichtig und anspruchsvoll wie die eines Müllmanns.
   Absolution? Damit kann sich die Kirche beschäftigen.
   Aber seine Beichte: Erst ein kleiner Hort von Gorbatschow-Anhängern, die 1987 mit der DDR-Staatssicherheit verbunden gewesen sein sollen, als hätten sich Fuchs und Hase einen Bau geteilt. Dann will sich dieser Herr als Agent angeworben haben lassen, ohne bis heute zu wissen, wofür. Und jetzt soll er also mobilisiert worden sein? Von wem denn bitte? Rufe aus der Gruft? Blühender Unsinn.
   Blühender Unsinn? Genau. Ich soll entlarven, denjenigen finden, der ›Martin Schellinghaus‹ mit seiner Vergangenheit konfrontiert hat. Beispielsweise, um ihn zu erpressen.
   Er hat sich vorgebeugt. Sein Gesicht ist keine zwanzig Zentimeter von meinem entfernt. Er hat heute Morgen kein Rasierwasser verwendet. Ich kann seinen Atem riechen, erkenne als Anfänger aber nicht die Marke der Zahncreme.
   »Ich kann diese von Ihnen ventilierte Möglichkeit eines deplatzierten Scherzes nicht völlig ausschließen«, sagt er, »stelle aber anheim, dass seinerzeit ein sehr ausgeklügelter Mechanismus installiert worden war, durch den Ungeplantes vermieden werden sollte.«
   Ich muss mir mal Notizen machen, sonst fällt das auf. Ich schmiere, damit er es nicht eventuell lesen kann, die Worte ›Klient wirkt engagiert, überzeugt, Zweifel ausschließend‹ auf das Papier. Ist seine Sachlichkeit mit einer angeknacksten Psyche auf einen Nenner zu bringen? Ausgeklügelter Mechanismus?
   Ich höre auf zu schreiben. »Fahren Sie bitte fort.«
   »Dass sich jemand einen Scherz erlaubt, dass aus Versehen aktiviert wird, dass ein Einzelner dies tun kann. Natürlich wurde auch ein Kontrollmechanismus, ich vermute sogar mehrere, installiert. Kurz: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist an der Ernsthaftigkeit der an mich ergangenen Aufforderung und eo ipso ihrer Authentizität kein Zweifel zu hegen.«
   Umrandung und getönte Gläser. Er sieht mir inzwischen ununterbrochen in die Augen. Ich sehe eine Eule vor mir. Ist die Eule kurz- oder weitsichtig? Ist das wichtig?
   Ich bin unfähig, diese Geschichte zu fassen. So kommen sich Computer vor, wenn sie eine Datei als nicht kompatibel erkennen. Wenn ich ihm jetzt die Tür weise, habe ich keinen Kunden. Wenn ich keinen Kunden habe, habe ich heute nichts zu tun. Nicht Sinn meines Jobs. Am liebsten wäre mir ein Tag Bedenkzeit. Aber eilige Ermittlungen.
   Ich kritzle Unleserliches. ›Martin Schellinghaus‹ könnte nicht nur sprachlich erheblich aus dem Rahmen dessen fallen, was als Normalität angesehen wird. Oder er könnte vor etwas fliehen wollen, aber normal sein. Was mir hier unglaublich vorkommt, ist mein Problem. Ich klammere. Kunden kann man sich nicht aussuchen, sofern man nicht in einer gehobenen Branche tätig ist und einen elitären Ruf hat. Beides trifft auf mich nicht zu. Strebe ich das an?
   Ich muss mich mal wieder äußern. »Wie haben Sie denn von der Aufforderung erfahren?«
   »Seit meiner oben referierten Verpflichtung hatte ich an jedem Wochenende die Frankfurter Rundschau zu erwerben und zu lesen. Für den Kasus meiner Aktivierung besagte meine Unterweisung en dètail, dass in einer Samstagsausgabe eine Annonce erscheine, deren Text und Chiffre, beides von Bedeutung, ich seitdem ohne Hilfsmittel memorieren kann. Die Bestätigung konstituiert sich, wenn am darauf folgenden Sonntag, also gestern, in der Bild am Sonntag eine weitere Annonce mit einem völlig anderen Text erscheint. Beide Annoncen enthalten nur für mich verständliche, aufeinander bezogene Hinweise. Am darauf folgenden Wochenende, also am kommenden Samstag, muss ich zu vorgegebenen Zeitperioden, die codiert in den Annoncen enthalten sind, bestimmte Strecken des öffentlichen Nahverkehrs in Hamburg befahren. Es versteht sich vor dem Geschilderten, dass ich Ihnen dies überhaupt nicht berichten dürfte.«
   Langer Text für eine Eule bei Tageslicht. Und so bunt. Ich dachte immer, ich hätte zu viele Geheimdienstromane von John le Carré gelesen. Vielleicht könnte ich mit Martin Schellinghaus ein Autorenpaar für den neuen deutschen Agententhriller bilden. Wenn wir vorher nicht weggeschlossen werden.
   Ich sehe von meinem Notizblock auf. Sein Gesicht ist blasser geworden, die roten Flecken ausgeweitet und seine Hände, die er dieses Mal wie ein zum Rapport bestellter Schüler auf die Kante meines Schreibtischs gelegt hat, vibrieren. »Und dann?«, will ich wissen. Was soll ich sonst fragen? Ob er Science-Fiction liebt, wann er am kommenden Sonnabend in welchen U- und S-Bahnen sitzen soll oder wie oft er schon Aufforderungen dieser Art meint, erhalten zu haben?
   Er blickt mich wieder nicht an, als er antwortet. »Ich werde während meiner Nutzungen des Nahverkehrs in irgendeiner, mir bestimmt absichtlich nicht dargelegten, Weise kontaktiert und soll so weitere Informationen erhalten. Zusätzlich weiß ich nur, dass ich für die anschließende Arbeitswoche einen Kurzurlaub beantragen muss. Ich soll gegenüber meinem Arbeitgeber familiäre Gründe oder Vergleichbares geltend machen.« Er unternimmt mit seiner Kaffeetasse einen erneuten, dieses Mal erfolgreichen Versuch.
   »Ach ja?« Sand in meinem Mund. Unter dem Schreibtisch schlagen die Knie aneinander. Bestimmte innere Körperteile fordern meine Beine auf, mich in näherer Zukunft – zwei Sekunden oder so – zur Toilette zu befördern. Das Weitere würden sie dort dann selbst erledigen. »Was soll meine Aufgabe sein?«
   Er lehnt sich zurück. Seine Hände baumeln zu beiden Seiten meines Klientensessels hinab. Eule mit hängenden Flügeln.
   »Zunächst möchte ich Sie an dieser Stelle meiner Darstellung eindringlich darum ersuchen, das Gesagte ernst zu nehmen.«
   Wo ist mein Pokerface? Mein Stift jagt über das Papier.
   »Äh, es liegt nicht in meiner Absicht, Sie mit vermeidbarer Dramatisierung zu konfrontieren, doch ist die Angelegenheit für mich bedrohlich. Befolge ich nicht die Anweisungen, so die damalige völlig unmissverständliche Inaussichtstellung, werde ich ausgeschaltet.«
   Verfolgungswahn. Das fehlte. Seine Ausdrucksweise reicht wohl nicht: jetzt auch noch Lebensgefahr. Wie entgegenkommend, dass er mich dabei nicht mit einer vermeidbaren Dramatisierung konfrontieren will. Fällt aber trotzdem irgendwie hinten runter.
   Er will eine Antwort. Von mir. Von mir, nicht von einem Psychotherapeuten, den er hätte aufsuchen sollen. Ich flehe meine bilderlosen Wände an. Keine Antwort. Wenn ich nur an das Fenster gehen könnte. Die Betonbauten, roter Klinker, mit den vielen gleichmäßigen Fenstern und den unsichtbaren Gittern dahinter. Der Anblick würde mich in die Realität zurückholen.
   Rund drei Jahrzehnte nach dem Dahinscheiden der DDR sollen Anleiter von Martin Schellinghaus auferstanden sein? Leben die Verantwortlichen überhaupt noch? Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Kubas und der Wiedervereinigung Koreas kann ich mir kein einziges Land vorstellen, das im Geheimen so etwas wie einen Exilapparat der DDR beherbergen oder gar finanzieren würde. Wozu auch? Wo wäre eine gemeinsame politisch-ideologische Basis? Wozu eine jetzige Mobilisierung? Weit und breit kein Krisenherd in Sicht, der sich in das ehemalige Kapitalismus-gegen-Kommunismus-Schema einfügt. Was nicht heißt, dass es keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr gäbe, an denen »der Kapitalismus« interessiert ist. Aber dass dabei frühere Agentenführer der DDR eine Rolle … Nein, das übersteigt meine Kenntnisse und meine Fantasie.
   Martin Schellinghaus sieht mich an. Sein rechtes Augenlid zuckt. Die Tönung seiner Brille ist nicht so intensiv, als dass sie das verbergen könnte. Seine Ohren erscheinen mir heftig durchblutet.
   Minuten vergehen oder nur Sekunden. Was mache ich mit diesem ›Martin Schellinghaus‹? Er sitzt mir gegenüber und wartet.
   »Sehen Sie, Herr Damjanov«, sagt er, ohne sich zu bewegen. »Ich habe seit Sonntag alle Eventualitäten evaluiert, ob es sich bei den Initiatoren der Benachrichtigung um jemand anderen als um meine früheren Auftraggeber handeln könnte, aber ich habe bisher hierfür keine Signifikanzen feststellen können. Wofür ich Sie engagieren will, ist Folgendes …«
   Kunde droht mit Auftrag.
   »… Sie sollen bis kommenden Freitag recherchieren, wer dahintersteckt. Sind es meine ursprünglichen Auftraggeber oder nicht? Ich erwarte nicht einmal Namen, sondern nur Verifikation. Ich biete Ihnen einen Tagesspesensatz Ihrer Wahl, selbstverständlich Vergütung aller auftragsrelevanten Auslagen, ein Erfolgshonorar von zehntausend Euro und als erfolgsunabhängige Anzahlung eintausend Euro. Wenn Sie einwilligen, kommunizieren wir direkt über zwei nicht registrierte Mobiltelefone, die abhörsicher sind. Eigenentwicklung.«
   Er hat aus seinem Jackett eine flache Plastikkassette von der Art herausgenommen, die seit einiger Zeit die früheren Papierumschläge ersetzt, und legt sie auf den Schreibtisch. Er schiebt sie in meine Richtung. Klingt wie abgebrochene Fingernägel, die über eine Schiefertafel schaben.
   »Rufen Sie mich nie über ein normales Telefon an. Ich bin sicher, abgehört zu werden.«
   Was hat er zuletzt gesagt? Wie viele Tage habe ich? Genau. Ich weiß, was ich nicht habe: den Schimmer einer Ahnung, wie ich das anpacken soll.
   Nur nichts anmerken lassen. Ich will. Ich will der gigacoole Ermittler sein. Philip Marlowe steht hinter mir oder so. Ich rühre meine Kaffeetasse nicht an. »Was, wenn ich nichts erreiche?« Scheiß-Knie.
   »Dann kommt das Erfolgshonorar nicht zur Auszahlung.«
   Mein Schweiß hat den Hosenbund erreicht. Ab morgen habe ich Hemden und Unterwäsche zum Wechseln im Büro.
   »In Anbetracht der konstellierten Dringlichkeit«, strapaziert mich ›Martin Schellinghaus‹, »würde ich mich glücklich schätzen, wenn Sie Ihre Entscheidung in situ träfen.«
   Wo bitte? Und heißt das nicht konstatiert? Nein, Konstellation meint er. Da dachte ich, ich hätte die Lateinfolterer meiner Gymnasialzeit für immer hinter mir gelassen. Erneuter Schweißausbruch. Martin Schellinghaus wird es bald riechen.
   Er teilt mir dazu nichts mit. »Der Kassette können Sie neben meinem Curriculum Vitae einen Textentwurf zur vertraglichen Fixierung entnehmen.«
   Ich öffne die Kassette und finde neben zwei zentimetergroßen Geräten – die Mobiltelefone? – eine weitere kleinere Kassette, aus der ich einige Papiere entnehme, darunter einen Vertragstext von einer halben Seite. Sofort überfliege ich das Schriftstück. Im Unterschied zur Ausdrucksweise meines Klienten ist es in handelsüblichem, nun ja, Juristendeutsch abgefasst. Am Inhalt habe ich nichts auszusetzen.
   Wenn mir irgendjemand in den zwei Jahren meiner Berufsvorbereitung etwas geschildert hätte, was auch nur annähernd mit den letzten dreißig Minuten vergleichbar gewesen wäre, hätte ich gesagt: Behalt deine Probleme bei dir.
   Und jetzt?
   Wir unterzeichnen. Und jetzt behalte ich das Problem.
   »Temporär eignen sich meine Wangen trichterförmige Vertiefungen an.« Ist es das, was Martin Schellinghaus zu seinen Grübchen sagen würde? Seine Augen werden zu breiten Schlitzen. An seiner Stirn tritt, von der bebrillten Nasenwurzel schräg nach links zum Haaransatz, eine Ader hervor.
   Charmant, charmant. Beruhigt mich aber nicht.
   »Noch einige Erläuterungen zu unserer Kommunikation.« Er fasst nach einem der Telefönchen. Würde er jetzt eine Faust machen, niemand könnte sehen, dass er etwas in seiner Hand hält. »Sie können mit einem Druck auf das rote Symbol jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen. Unter Berücksichtigung der verbleibenden Zeit lege ich hohen Wert auf ständigen Informationsaustausch. Für den Empfang drücken Sie bitte das grüne Symbol. Führen Sie das Gerät immer mit sich.«
   Ich sehe beide Symbole. Keine sonstigen Tasten, kein Display. Keine Buchsen oder Metallplättchen, die zum Aufladen dienen könnten.
   Martin Schellinghaus steckt eines der Geräte ein und steht auf. »Ich muss meine Konsultation terminieren. Meine geschäftlichen Dispositionen …« Die Eule fixiert meine Augen. »Ich danke Ihnen für die Annahme meines Auftrages.« Er reicht mir nicht die Hand. Schon beim Betreten des Büros hat er dies nicht getan.
   Angenehm. Ich mag keine Körperkontakte zu Fremden.
   Als er die Tür geschlossen hat, setze ich mich zurück. Weg. Alles stehen und liegen lassen. Meer mit schlagenden Wellen, schiefe, fröhliche Palmen, Luft, die nicht so wie die in meinem Büro riecht, oder …
   Klappt nicht. Ich schalte das Aufnahmegerät aus, das sich, für Kunden nicht sichtbar, unterhalb meines Schreibtisches befindet, entschließe mich aber, es nicht sofort abzuhören. Aus meinen Zeiten als Journalist weiß ich, dass sich so etwas besser erst setzt.
   Ich stehe auf und öffne das Bürofenster. Verkehrslärm schwappt in meine Ohren. Die Straße glotzt zu mir herauf wie ein verfaultes Handtuch. Die Bürobauten gegenüber: So viele Stockwerke und so eng aneinandergedrängt, dass die Sonne nie den Boden erreicht. Vor zehn Jahren gab es hier noch Lücken zwischen den Häusern. Keine Ahnung, wozu. Heute habe ich selbst bei ruhigem Wetter das Gefühl, es sei windig und kalt wie in einem Tunnel ohne Ende. Wie zu meiner Schulzeit, als Franz Kafka und Thomas Bernhard zu meinen Lieblingsautoren gehörten.
   Ich schließe das Fenster, nehme an meinem Schreibtisch Platz, schalte den Rechner ein, lege meine erste Falldatei an und hacke aus dem Gedächtnis mein Gespräch mit ›Martin Schellinghaus‹ in die Tastatur.
   Wie ich es gelernt habe, formuliere ich im zweiten Schritt meine Einschätzungen. Kunde steht unter Druck, tritt aber bestimmt, beherrscht auf. Wirkt trotz seiner Geschichte nicht geheimnisvoll oder verschwörerisch …
   Zögere, unterbreche, stecke mir eine Zigarette an. Kaffee? Während ich neuen zubereite, mein inzwischen kalter stellt sich als ungenießbar heraus, überlege ich. Hat ›Martin Schellinghaus‹ nicht nur einen sprachlichen, sondern auch einen psychischen Defekt? Hat er schon andere Detekteien mit seinem Anliegen beglückt? Die ihn sofort an die Luft gesetzt haben, woraufhin er zu mir kam, weil ich Berufsanfänger bin. Passt zeitlich nicht. Wenn er erst am zurückliegenden Wochenende die Idee hatte, sich an einen Privatdetektiv zu wenden, war es ihm kaum möglich, vorher mit anderen Berufskollegen zu verhandeln. Außerdem hat er mit seiner Bemerkung zu Quellen einen anderen Beweggrund angedeutet. Was weiß er über mich?
   Ich zünde eine weitere Zigarette an, bevor ich das aufschreibe. Noch was? Die anderen Papiere. Ich lese seinen Lebenslauf.
   Schellinghaus, Martin, geb. 13. September 1962 in Bielefeld … Der Mann wird in wenigen Tagen vierundfünfzig Jahre alt. Dafür sieht er jung aus.
   Als Beruf des Vaters hat er Gymnasiallehrer angegeben; auch seine Mutter war Lehrerin, aber für Berufsschulen. Ob seine Eltern noch leben, geht aus dem Lebenslauf ebenso wenig hervor, wie ob er verheiratet ist oder Kinder hat. Schellinghaus hat im Anschluss an sein Abitur – Durchschnitt 1,06 – Zivildienst geleistet wie ich und dann, im Unterschied zu mir, bis 1987 Informatik und Politik studiert. Beide Fächer hat er jeweils mit Diplom abgeschlossen. Beide Male Gesamtnote eins. Eine Muster-Eule. Schon zwei Jahre später hat er in Informatik mit summa cum laude promoviert. Donnerkeil, was für eine berufliche Ausgangslage. Seit 1990, also nahtlos im Anschluss zu seiner Promotion, ist er bei einer bekannten und angesehenen Softwarefirma in Hamburg tätig; seit dreieinhalb Jahren als deren leitender Direktor für die Abteilung »Neue Informationstechnologien«. Traumhafter Werdegang, verglichen mit meinem.
   Da bleibe ich hängen. Einmal angenommen, er hätte diese, ja, es ist eine Elitelaufbahn, tatsächlich seit seinem Studium so vorgeplant. Seiner Aussage nach waren seine DDR-Anleiter darüber genauestens informiert. Wenn das stimmt, kann ich mir Gründe vorstellen, einen Langzeitschläfer in einem solchen Konzern zu verstecken. Informationstechnologie ist eines der Wunderkinder, die Mutter Fortschritt mit Vater Kapitalismus gezeugt hat. Sie haben dem Sprössling sogar eigene Lehrstühle gekauft.
   Schellinghaus als führender Kopf im Bereich der Entwicklung von Informationstechnologien, okay. Information ist auch das Geschäft von Geheimdiensten, klar. Schellinghaus hat mir seine Geschichte erzählt. Aber aus Sicht des Geheimdienstes, der an ihm dran sein soll, liest sich die Geschichte vielleicht anders.
   Auf einen Fall im Geheimdienstmilieu bin ich nicht vorbereitet. Was, verdammt, soll ich tun?
   Ich brauche die Hilfe von Experten.
   Stehe auf und wandere von einer Wand zur anderen. Hat Wandern was mit Wand zu tun? Grübel.
   Experten. Kenne ich Geheimdienst-Experten? Kenne ich jemanden, der Geheimdienst-Experten kennt? Auf dem Boden neben dem Klientensessel ist ein kleiner dunkler Fleck.
   Ich stelle mich vor das Fenster, öffne es aber nicht. Ich sehe auch nichts. Stehe nur da.
   Meine Kaffeepause geht zu Ende. Ich entscheide mich für drei Personen. Eine heißt Mitterbohm. Politikwissenschaftler, der sich als kritischer Friedensforscher verstand und immer Verbindungen zur Friedensbewegung gesucht hat. Ich erinnere mich nicht an seinen Vornamen. Er gehörte zu jenen, die sich vehement dafür aussprachen, dass wissenschaftliche Tätigkeit auch immer einen »in der Gesellschaft verankerten sozialen Träger« benötige, um Forschungsergebnisse real umzusetzen. Manchmal sah das elitär aus, als ob »die Friedensbewegung«, und die sollte der soziale Träger für Friedensforschung sein, nur die Erkenntnisse der Forschung anwenden müsse. Wegen der unterschiedlichen Verständnis- und Aktionsebenen war das Ergebnis vorhersehbar.
   Wie ich auf diesen Zusammenhang stoße? Seit meiner Abiturientenzeit war ich in Organisationen der Friedensbewegung tätig. Hat zu meiner materiellen Lage beigetragen, die, ergänzt um zwei Ehescheidungen, mich geradezu zum Privatdetektiv prädestinierte. Oder zum Tellerwäscher. Ich hasse Geschirrspülen.
   Ich weiß nicht, ob Mitterbohm noch lebt. Ich erinnere mich, dass er Leiter eines Forschungsinstitutes für Friedenspolitik an der Münchner Sophie-Scholl-Universität war. Vor rund zwanzig Jahren stand er als Geheimdienstkritiker eine Weile im Licht der Öffentlichkeit, jenes Licht, das Fernsehinterviews und Talkshows auf einen werfen, bevor die Strahler wegen zu häufigen Gebrauchs durchbrennen und alles wieder in das Dunkel vor der medialen Geburt zurücksinkt.
   Ich sehe Mitterbohm auf dem TV-Bildschirm. Kerzengerade auf einem Fernsehstuhl sitzend, Kinn vorgereckt, Blick von oben herab, Ausdrücke, die nach Wissenschaft klingen, der erhobene Zeigefinger seiner Augen stiert in jede Kamera, die mit einem roten Lämpchen signalisiert: Hier bin ich. Sieh in mich. Neid, hatte ich mich damals zurechtgewiesen. Neidisch nicht auf sein Wissen, sondern darauf, wie er sich verkaufen konnte.
   Die zweite Person heißt Randolf Gantenberg. Rammi, wie ihn alle nennen, kenne ich aus meiner Journalistenzeit. Er ist Redakteur bei der Bergedorfer Zeitung, einem Hamburger Stadtteil-Blatt. Unser Berührungspunkt war Reinbek, Nachbarstädtchen von Hamburg-Bergedorf, über das die Bergedorfer auch regelmäßig berichtete. Ich gehe nicht davon aus, dass Rammi von Geheimdiensten und Ähnlichem eine spezielle Ahnung hat. Im Unterschied zu mir kennt er aber viele Leute. Ich war bei keiner Tageszeitung angestellt und überdies »nur« Freier.
   Der Dritte ist Werner Küdahl. Der letzte Präsident des Friedensrates der DDR. Ich habe ihn Anfang der achtziger Jahre kennengelernt. Wenn ich ihn finden will, könnte ich einen Friedhof aufsuchen müssen. Lebt er noch, ist er um die neunzig. Bei seinen offiziellen Auftritten erschien er mir immer wie der klassische DDR-Funktionär, der er sicherlich auch war. Aber die persönlichen Gespräche: Honecker ist nicht volksnah. Mielke hat seinen Zenit überschritten. Gorbatschow? Wir sollten nachdenken, bevor wir verkünden. Bis zur sogenannten Wiedervereinigung hat uns eine unausgesprochene Freundschaft verbunden. Kurz darauf habe ich ihn aus den Augen verloren, weil er sein umgetauschtes Vermögen für ausgiebige Auslandsreisen einsetzte und sich bald, wie ich hörte, hauptsächlich in Spanien aufhielt. Ich empfinde es als peinlich, ihn nach so vielen Jahren anzusprechen, nur um mir seine Vergangenheit zunutze zu machen.
   Ich bin mir sicher, dass Werner Leute kennt, die beim IPW tätig waren. Als Präsident des Friedensrates hat er immer großen Wert auf die Zusammenarbeit mit dem IPW gelegt, was, wenn ich jetzt an die westdeutsche Friedensforschung von damals denke, einem Spiegelbild zu der Vorstellung eines »sozialen Trägers« gleicht. Werner hat bestimmt gewusst, dass es beim IPW kritische Köpfe gab. Folglich ist er, wenn er noch lebt, der wichtigste Direktkontakt, den ich herstellen kann. Ich habe keinerlei Vorstellung, wie er heute die politische Vergangenheit sieht. Könnte sein, dass er so verbittert ist, dass er davon nichts mehr wissen will. Oder, dass er ohne Verbitterung, und das würde eher zu ihm passen, über Früheres zwar noch reden würde, aber alle ehemaligen Dienstkontakte ad acta gelegt hat.
   Wenn wie jetzt das Bürofenster geschlossen ist, höre ich nur besonders laute Außengeräusche wie die Sirenen von Polizei- und Krankenwagen oder das splittrige Krachen von Auffahrunfällen. Findet das da draußen wirklich statt oder ist es nur meine Einbildung, meine Erinnerung? Schellinghaus: Wo ist der Unterschied zwischen Erinnerung und Einbildung? Ja, der Philosophie-Teil meines Studiums hat mir gut gefallen. Bin jetzt aber Ermittler.
   Das Private Eye als Jäger und Sammler. Ich gehe alte Adressendateien durch. Von Werner finde ich eine Straße mit Hausnummer in Jena ohne Telefonanschluss. Ein Anruf bei der Auskunft macht mich nicht schlauer. Aber er könnte noch leben, vielleicht in Spanien. Wenn er gestorben ist, hoffentlich beim Paella-Essen: Sein Rotweinglas fliegt vom Tisch, weil sein Kopf mitten auf den Teller klatscht. Schluss.
   Ich setze ein Telegramm auf. Viel lieber würde ich mit Werner reden, noch einmal, wie bei einem dieser blasierten Parteiempfänge, sich ein bisschen unangepasst geben, um in Nebensätzen, hinter Witzchen versteckt, das auszutauschen, was wir denken. Worauf wir gehofft haben. Alles den Bach runtergegangen.
   Stattdessen schreibe ich, ich bin jetzt Privatermittler, ich brauche deine Hilfe, es geht um dies und das und jenes. Hast du E-Mail, kommunizieren wir verschlüsselt, Werner, altes Haus. Ja, du vermutest richtig, dass der Fall, um den es geht, etwas kompliziert ist, was die operative Strecke angeht.
   Operative Strecke ist DDR-Vokabular. Wird ihm Verschwiegenheit, Geheimhaltung signalisieren.
   Verschicke das Telegramm per E-Mail. Ich weiß nicht, ob die alte Verfahrensweise noch gebräuchlich ist, Telegramme bei einem Postdienste-Betreiber aufzugeben. E-Mail-Telegramme werden zu der Posteinrichtung weitergeleitet, die der Adresse des Empfängers am nächsten liegt und von dort sofort ausgeliefert. Teuer, aber mit der Garantie, dass die Nachricht den Empfänger innerhalb einer Stunde erreicht.
   Kein neuer Kaffee, keine Betrachtungen der Bürowände, das Fenster bleibt zu. Mitterbohm heißt Jeremias mit Vornamen. Ich lese eine Adresse von 1998 und so alt ist vermutlich auch die Rufnummer daneben. Ich wähle sie an.
   Er meldet sich.
   Ich stelle mich vor und erläutere, dass ich ihn als Geheimdienstexperten in Erinnerung hätte.
   Mitterbohm unterbricht mich. »Sie hießen früher Thomas mit Nachnamen, nicht wahr?«
   Mein ehebedingter Namenswechsel stammt von 1985. Geheimdienstexperte, joo.
   »Ich kann mich noch an Sie erinnern.« Mitterbohm wartet meine Bestätigung nicht ab. »Sie waren ja über Jahre in der Friedensbewegung kein Unbekannter. Außerdem waren wir sogar einmal in dem gleichen Verein. INES, die Internationalen Naturwissenschaftler für globale Verantwortung. Erinnern Sie sich?«
   Bei irgendeiner INES-Konferenz habe ich mich mit Mitterbohm länger unterhalten, fällt mir ein. Ich weiß weder das Konferenzthema noch den Gegenstand unserer Unterhaltung. Aber er hat eine Vorstellung von mir.
   »Lassen Sie mich ohne weitere Umschweife auf mein Thema kommen«, gebe ich zur Antwort. Vielleicht etwas gewagt. Ich schildere Details meines Auftrags. Ich rechne damit, dass er die Geschichte absurd findet. Gleich wird er mit mehr oder weniger höhnischem Lachen das Telefonat abbrechen.
   »Sehr interessant. Aus dem Stand kann ich dazu nichts sagen. Wir sollten uns darüber unbedingt persönlich unterhalten, meine ich. Als was sind Sie denn jetzt tätig?«
   Habe ich tatsächlich vergessen, meinen neuen Job zu erwähnen? Hole das umgehend nach. »Wegen des persönlichen Gesprächs: Ich erkundige mich nach einem Flug und rufe Sie dann zurück«, füge ich hinzu.
   Mitterbohm will mir sogar zum Münchner Flughafen entgegenkommen. Erspart mir Hin- und Rückfahrt in die Münchner Innenstadt, auch wenn ich gern einmal mit einem Transrapid gefahren wäre. Wir beenden unser Gespräch und ich probiere erstmals das Schellinghaus-Handy aus. Die streichholzschachtelgroße Erfindung liegt schwer und kalt in meiner Hand.
   Als ich das rote Knöpfchen drücke, meldet sich Schellinghaus sofort. »Ich muss noch heute nach München fliegen. Bezahlen Sie das?« Ich bin es nicht gewohnt, mal eben schätzungsweise fünfhundert Euro auszugeben.
   »Haben Sie unseren Vertragstext nicht parat?«, fragt Schellinghaus. »Rufen Sie die Reiseagentur an, die für mich tätig ist. Dort meldet sich Frau Sabine Ballhaus. Bei ihr lassen Sie über mein Privatkonto buchen.«
   Gerade als ich Schellinghaus nach der Telefonnummer der Ballhaus fragen will, nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, wie etwas auf der mir zugewandten Gehäuseseite des Gerätes aufflimmert. Ich halte das Telefon von mir weg. Auf das Gehäuse malt sich eine Telefonnummer.
   Zehn Minuten später habe ich die Buchung für einen Flug nach München am Nachmittag sowie meinen Mitterbohm-Rückruf erledigt. Es läuft, joo.
   Ich bleibe am Telefon, um Rammi zu erreichen. Das versuche ich eine Stunde lang. Entweder ist besetzt oder niemand nimmt mein Gespräch an. Haben die in der Redaktion nicht mal Warteschleifen?
   Als ich zum soundsovielten Mal einen Rammi-Anruf abbrechen muss, meldet mir mein Computer den Eingang einer E-Mail-Nachricht von Werner Küdahl, die ich auf der Stelle öffne.

»Mein Lieber,

ich bin noch am Leben und das bestens. Hatte bei all dem Hin und Her Deine Adresse verloren, sonst hätte ich mich schon längst bei Dir gemeldet, um Dich nach Spanien einzuladen. Morgen fliege ich wieder. Zum Ende des Jahres werde ich mich für immer aus diesem Deutschland verabschieden, um die wenige Lebenszeit, die mir noch bleibt, mit Sonne, Rotwein, Paella und schönen Frauen zu verbringen. Wenn Du Dich beeilst, antworte ich aber sofort auf Deine Nachricht. In Spanien will ich keinen Computer haben, sondern nur noch leben. Ich gebe Dir verschlüsselt meine neue Adresse an, damit Du mich dort besuchen oder wenigstens anrufen kannst.

Ich grüße Dich herzlich, alter junger Kämpfer.

Werner«

1. September 1983. Internationaler Antikriegstag. Berlin, Hauptstadt der DDR. Ich sitze in der zweiten Reihe eines Saales. Hinter mir Hunderte von Menschen. Werner steht am Rednerpult. Seine Krawatte, Windsorknoten, sieht aus, als hätte er sich gerade mal eine Serviette in den Kragen stopfen wollen. Er liest eine Rede vor. Blickt nicht ein einziges Mal vom Manuskript hoch. Hinter ihm ein Podium, von Rednerinnen und Rednern besetzt, die der DDR-Friedensrat zu diesem Ereignis eingeladen hat. Die Eiskunstläuferin Katarina Witt, damals siebzehn, glaube ich, saß zwischen Repräsentanten, die ihre Eltern und Großeltern hätten sein können. Ich wunderte mich, dass sie zu ihrem blauen FDJ-Hemd eine eng anliegende pinkfarbene Cordhose tragen durfte. Leider wurden wir beim anschließenden Empfang einander nicht vorgestellt.
   Ich schreibe an Werner, nenne nach angestrengten Überlegungen absichtlich den Namen Schellinghaus, und sende meine Antwort verschlüsselt ab.
   Wieder versuche ich, Rammi zu erreichen.
   Dieses Mal habe ich ihn beim zweiten Anlauf am Hörer. »Na, Tobi, altes Haus, schon den Ersten verhaften lassen?«
   Er weiß von meinem neuen Beruf. »Pass mal auf, ich habe hier ein ganz ernstes Ding.«
   »Jetzt hör aber auf. Will ich vielleicht wissen, wie es um dein Geschlechtsteil bestellt ist? Und findest du die Bezeichnung Ding nicht etwas sehr unpersönlich?«
   Als wenn er betäubende Flüssigkeiten oder fröhlich machende Kräuter zu sich genommen hat. Wäre mir neu, dass er das während seiner Arbeitszeit zelebriert.
   »Es ist rein beruflich«, erwidere ich. »Ich habe an meinem ersten Arbeitstag meinen ersten Klienten. Und der stellt mich vor ein Problem, das nichts mit meinem hochverehrten Untermieter zu tun hat. Kurz, ich brauche deine Hilfe.«
   Stille.
   »Sorry, war nicht so gemeint. Sag an«, fordert Rammi.
   Was, wenn Schellinghaus dabei beobachtet worden ist, als er mich aufsuchte? Ich bin sicher, abgehört zu werden. Was war mit mir?
   »Nicht am Telefon«, sage ich. »Können wir uns morgen treffen?«
   »Das darf ja wohl nicht wahr sein. Jetzt schon? Ich hab dir gleich gesagt, dass Private Eye nix is für dich.«
   Rascheln. Rammi kann sich nicht dazu durchringen, einen elektronischen Terminkalender zu benutzen. Eine unserer Gemeinsamkeiten.
   »Puh, eingedeckt bis … Am Abend wieder einer dieser Ausschüsse in Reinbek, und bis dahin alles dicht …«
   »Ich lad dich zum Griechen am Täby-Platz ein. So gegen zehn müsstet ihr doch durch sein im Ausschuss, oder?«
   Rammi liebt Essen über alles. Und ich, ich habe ihn noch nie eingeladen. Er wird dieses Angebot nicht abschlagen, es sei denn, er hat sich zwischenzeitlich einem fundamentalen Persönlichkeitswechsel unterzogen. Bei Journalisten und Redakteuren in der Regel nur zu beobachten, wenn der Zeitungsbesitzer wechselt, und die davon Betroffenen weder in Vorruhestand gehen wollen noch im Lotto gewonnen haben.
   »Hey, hey, hey, was ist das denn?«, fragt Rammi. »Dir geht’s blendend, wie? Nicht zufällig für einen armen ausgebeuteten Schreiberling noch eine Assistentenstelle in deiner Agentur frei, hä?«
   Früher wäre es einem leitenden Redakteur kaum eingefallen, nach Dienstschluss noch journalistische Tätigkeiten auszuüben. Bei einer kleinen Zeitung wie der Bergedorfer gibt es diese Abgrenzung nicht mehr. Die andere Seite der Medaille: Rammi leidet nicht unter Geldnot.
   »Welch neue Bescheidenheit. Glaubst du, ich schwimme im Geld?«
   »Hauptsache, du zahlst morgen das Essen. Zehn Uhr. Bis denne.«
   Ich sehe auf die Uhr. Bis zum Abflug nach München bleiben mir drei Stunden.
   Mittagszeit. Ich habe zwei hart gekochte Eier und eine Scheibe Schwarzbrot gefrühstückt, wie üblich. Mein Hunger verliert gegen meine Aufregung durch technischen K. o. Noch vor Eröffnung der ersten Runde. Büro für heute zu und ab nach Hause.
   Für den Weg benötige ich fünfundvierzig Minuten. Mein Ziel ist ein Massensilo und dort ein Einzimmerapartment, das noch kleiner als mein Büro ist. Kaninchen wohnen weitläufiger. Dafür habe ich in einer abgeteilten Ecke eine Liege. Und im zwei Meter langen Gang hinter der Wohnungstür befindet sich eine Nische, in der auf einem Kühlschrank zwei Kochplatten vor sich hindösen. Die kleinere funktioniert sogar, wenn ich sie behutsam wecke. Neben der Terrassentür, die sich noch nie öffnen ließ, steht ein Fernsehgerät am Boden. Nette Gefängniszelle. Der Gesamtbau sieht, wen’s interessiert, aus wie ein umgekipptes Hochhaus mit vier Eingängen und Ich-weiß-nicht-wie-Viel hundert Wohnungen.
   Für den Fall einer Übernachtung packe ich eine Tasche. Ich checke den mit meinem Büro vernetzten Computer, ob eine Antwort von Werner eingetroffen ist. Nicht der Fall. Zurück am Bahnhof erreiche ich per S-Bahn zwanzig Minuten später wieder die Hamburger Innenstadt. Es regnet. Ich suche in der Mönckebergstraße das Reisebüro von Schellinghaus auf, um mein Flugticket abzuholen. Zum Flughafen. Seit ein paar Jahren gibt es eine durchgehende S-Bahn-Verbindung. Hamburg ist ja Weltstadt. Deswegen haben sie für den Bau dieser S-Bahn auch mehrere Jahrzehnte benötigt. Immerhin hat Hamburg einen Flughafen.
   Terminal für Inlandsflüge. Jede Menge Geschäftsleute, erkennbar an Aktentaschen, würgenden Krawatten, hellbraunen Anzügen und schwarzen Schuhen oder umgekehrt. Sie rauchen ihre Filterzigaretten nicht, sondern saugen sie ab. Das frühere Rauchverbot für öffentliche Gebäude hatte zu steuerlichen Einnahmeverlusten geführt. Ständig meldet sich irgendwo ein Handy.
   Obwohl in Hamburg die Sommerferien seit zwei Wochen beendet sind, toben Kinder in Kompaniestärke durch die Gänge, stolpern über Koffer und Reisetaschen ihrer und anderer Eltern. Deren Brüllerei stampft die Rieselmusik und mögliche Ansagen von Fluggesellschaften tief unter die Bodenplatten, auf denen die zurechtgewiesenen Sprösslinge ständig ausrutschen, weil die Platten auf rollende Gepäckstücke ausgerichtet sind und nicht auf Lebenslust von Heranwachsenden. Deutschland, ein Kindermärchen. Kinder bis zum zwölften Lebensjahr in Begleitung ihrer Eltern können umsonst fliegen. Ich warte darauf, dass schwangere Ehepaare eine Prämie fürs Fliegen erhalten. Oder über achtzigjährige Fluggäste als Bonus ihr Begräbnis bezahlt bekommen.
   Zehn Minuten nach dem Start verteilen Stewardessen Plastikschälchen und Plastikbecher. Ob sie ununterbrochen grinsen, weil sie deren Inhalte genauer kennen oder weil dem Schönheitschirurgen ein irreparabler Operationsfehler unterlaufen ist – wer will das schon wissen. Ich rühre den sogenannten Nordseekrabben-Cocktail, der sich angeblich unter der weißlichen Spachtelmasse aufhält, nicht an und ich trinke auch nichts aus dem Becher, weil ich Flugzeugtoiletten nicht ausstehen kann.
   Ich lese eine Tageszeitung, die ich mir beim Einsteigen genommen habe. Alte Gewohnheit.
   Irgendwann bemerke ich, dass ich den letzten Artikel zum fünften Mal lese. Entweder bin ich unbewusst bei meinem Fall oder …

Als ich aufwache, betrachte ich Deutschland von oben. Nicht überheblich, nur so. Ich sehe braune, graue, gelbe Muster, eckige und lang gezogene Bänder. Autobahnen oder Flüsse. In der Luft vorbeihuschende weiße Tupfer. »Vom Leben gezeichnet ist wie von Sitte gemalt.« Alter DDR-Witz. Versteht heute keiner mehr. Sitte war in der DDR ein bekannter Maler. Die Zeit vergeht im Flug.
   München, Franz Josef Strauß-Flughafen. Kurz nach siebzehn Uhr treffe ich Mitterbohm an einem der Ankunftsterminals. Ich erkenne ihn sofort wieder. Das immer vorwurfsvoll wirkende Gesicht, länglich wie ein gezoomtes schmales Ei, die massige viereckige schwarze Hornbrille. Nur die Haare auf seinem Kopf sind noch weniger und weiß geworden; sein immer noch dicker Kinnbart ist jetzt eisgrau. An seinen ein Meter und neunzig Körpergröße hat sich nichts geändert.
   Ich will keine Zeit verlieren und sage das. Mitterbohm führt mich ins nächstgelegene Flughafenrestaurant. Fast-Food-Abfüllstation. Mit weißblauen Rauten, wohin ich sehe. Unerträglich; ich bin Franke. Ich höre bayrische Blasmusik von der Decke, während meine Nase an der Mischung aus abgestandenem Weißbier und zigmal benutztem Bratenfett verzweifelt. In Unterfranken hätte es wenigstens nach Sauerkraut aus Gochsheim und Wein aus Boxbeuteln gerochen. Ich bin in Schweinfurt am Main aufgewachsen.
   Nachdem ich mich brav für seine Gesprächsbereitschaft bedankt habe, erläutere ich Mitterbohm fast alle Details, die ihm nach unserem Telefonat noch fehlen. Von meinem Kontakt zu Werner Küdahl erwähne ich nichts.
   Mitterbohm sitzt vor mir, die Ellenbogen auf den Resopaltisch gestützt, sein zweifellos gewichtiger Schädel in Händen ruhend, die so aussehen, als hätte er vor seiner akademischen Laufbahn das eine oder andere Jahrzehnt als Schlachter gearbeitet. Seine Brille ist um zwei, drei Zentimeter nach unten verrutscht, sodass ich nur einen Teil seiner Augen sehe, wenn ich ihn anblicke.
   »Nach meinen Kenntnissen hat es tatsächlich ein solches Sonderamt gegeben, aber ich höre heute zum ersten Mal davon, dass dort auch operative Maßnahmen ergriffen worden sein sollen«, sagte er, als ich meine Berichterstattung beendet habe. »Die diesbezügliche Quellenlage ist, äh ja, beschissen. Das Einzige, was ich an Haltbarem dazu habe, ist: Die damalige Gauck-Behörde – Sie erinnern sich, ja? Die Ermittlungsbehörde zu den Tätigkeiten und vor allem den Akten der DDR-Staatssicherheit – hatte in ihren Archiven nicht ein einziges Blatt über Einsatzplanungen, weil der größte Teil des operativen Materials des MfS rechtzeitig vernichtet oder beiseitegeschafft worden war. Und das, was dennoch übrig blieb, ist auf merkwürdigen Wegen in die Hände der Amerikaner gelangt. Angeblich haben die das bis heute nicht vollständig an die Deutschen rausgerückt. Jedenfalls soweit ich weiß.«
   Er meint bestimmt US-Amerikaner. Ich hab schon lange meine eigene Sichtweise.
   Mitterbohm hört auf zu reden und blickt über meine Schulter. Ich will mich gerade umdrehen, da steht an unserem Tisch ein Kellner, der mir das bestellte Glas Mineralwasser derartig auf den Tisch knallt, dass der Inhalt herausschwappt.
   »Danke auch. Trinkgeld können Sie sich in das ranzige Bratöl in Ihren Haaren schmieren«, sage ich aufsehend.
   »Scho recht.«
   Einen wirklich nur ganz kurzen Moment lang erwäge ich, ihm schnell und unauffällig die Beine wegzutreten, sage mir aber, dass ich eine größere Wirkung erziele, wenn ich warte, bis er, ordentlich mit Speisetellern beladen, das nächste Mal meinen Platz passiert.
   Einer von Mitterbohms mächtigen Fleischerfingern reibt hinter seinem rechten Ohr. Er sieht mich an, als erwarte er eine Erklärung.
   »Und?«, frage ich.
   »Äh, ja. Um 2003, 2004 tauchte in der Öffentlichkeit noch einmal eine kurzlebige Diskussion dazu auf. Wegen der ›Rosenholz‹-Kartei.«
   Er hört wieder auf, zu reden und schiebt seine Brille zurecht. Wir sehen uns in die Augen. Du willst wissen, ob mir das etwas sagt?
   Ich nicke. Ich denke, also bin ich. Hieß das so?
   »Diese Kartei soll Informationen über schätzungsweise zweihunderttausend BRD- und DDR-Bürger enthalten haben, von denen ein Viertel namentlich erwähnt worden sein sollen«, fährt Mitterbohm fort. »Es wurde übrigens nie bekannt, was aus der Auswertung dieser Kartei geworden ist, die sich angeblich die CIA schon 1990, also ein Jahr nach dem DDR-Zusammenbruch, unter den Nagel gerissen hat. Bei den erfassten Personen ging es aber um klassische Spionage, hauptsächlich von Ost nach West.«
   »Obbala.«
   Ich falle fast vom Stuhl und sehe mich um. Zwei fette kalkweiße unbehaarte schweinische Schenkel. Eine speckige Lederhose, in der ein Zentnerarsch steckt, hat mich gerammt.
   Ich sehe genauer hin. Ein Lederhosenlatz, weiße Haare, die zu einem halben Meter langen Bart gehören dürften, abgebrochene Zähne, die mit Weiß gar nichts zu tun haben, dann wieder weiße Haare, dieses Mal quer. Rot geäderte Haut. Ich rieche. Der Mund hat vorgestern Meerrettich gegessen, seitdem nicht verdaut, sondern gerade …
   »Nicht«, sagt Mitterbohm. Er sagt es nicht, er fleht. Warum?
   Jener Kellner, der sich den Inhalt irgendeiner Pfanne übers Haupt gegossen hat und Mineralwasser auf Tische knallt, ist zwischen mich und den Alm-Öhi getreten. Habe nicht registriert, dass ich aufgestanden bin. Der Kellner zieht am Bart. Muss echt sein, weil der am Gesicht bleibt. Ich kann der Unterhaltung nicht folgen. Tiefstes Münchnerisch. Klatschen, ein paar Schreie, vorbei.
   Was war das jetzt? Ich setze mich wieder. Wieso bin ich aufgestanden? Warum bin ich hier? Ich erinnere mich.
   »Klassische Spionage?«, sage ich zu Mitterbohm. »Ist das denn keine klassische Spionage, in was Schellinghaus da verwickelt war oder ist oder behauptet zu sein?«
   Mitterbohm sitzt mir nicht mehr gegenüber. Er thront, die Hände über dem beneidenswert flachen Bauch verschränkt. »Äh ja, unter klassischer Spionage versteht man verdeckte Ausforschungen, im Netz oder allein, und nicht sogenannte ›Schläfer‹ oder Tiefenagenten, die, wie wohl Ihr Mandant, nein, in Ihrem Fach heißt das ja Klient, nur unter ganz bestimmten Bedingungen und dann in der Regel nur ein einziges Mal zum Einsatz kommen. Er dürfte demnach nichts mit der ›Rosenholz‹-Kartei zu tun haben, in ihr nicht erfasst worden sein. Ich habe andererseits einige verlässliche Anhaltspunkte dafür, dass jemand aus diesem Gauck-Amt den nicht vernichteten Rest desjenigen Materials, das nichts mit der ominösen ›Rosenholz‹-Kartei zu tun hatte, sondern mit geheimdienstlichen Perspektivplanungen, den Amis rübergeschoben hat. Wenn sich irgendwo etwas zum Einsatz von Schläfern finden ließe, dann in diesem Kontext. Vielleicht könnte das für Ihre Sache von Bedeutung sein, wenn man einmal spekuliert, dass sich unter besagtem Rest irgendwelche Hinweise auf diese operativen Maßnahmen befunden haben. Erschwerend kommt aber hinzu, dass damals in den Ausschüssen des Deutschen Bundestages, beispielsweise dem Stasi-Untersuchungsausschuss, merkwürdigerweise – ich allerdings halte es eher für bezeichnend – Erkenntnisse westlicher Geheimdienste über ihre östlichen Gegenspieler abgeblockt wurden. Was das bedeutet?«
   Ich meine, er habe die Frage an mich gerichtet. Aber Mitterbohm hat sich nur unterbrochen, um etwas Undefinierbares aus seinem Bart zu fischen, das er dann wegschnipst. Anheimelnd. Immerhin hat er nicht in seiner Nase gebohrt und …
   »Ich halte nichts vom Spekulieren«, sagt Mitterbohm, als ich gerade mit ›Keine Ahnung‹ antworten will. Er hat seinen Kopf in den Nacken gelegt und redet zur Decke.
   »Um auf Ihr Anliegen einzugehen: Nach meinen Forschungen ist Fakt, dass bei fast allen großen deutschen Zeitungen, also damals westdeutschen, immer Leute gearbeitet haben, die im Sold westlicher Geheimdienste standen. Zwar sind das nicht unbedingt Schläfer, aber es können welche dabei sein. Ich habe ja damals diese Liste über führende westdeutsche Journalisten eruiert und veröffentlichen lassen, die Kontakte zu westlichen Geheimdiensten pflegten. Aber ich will mich nicht mit alten Kamellen brüsten. Auf jeden Fall ist es natürlich wahrscheinlich, dass es auch Journalisten gab, die im Westen auf ähnliche Weise für östliche Dienste arbeiteten und die immer noch bei diesen Zeitungen sein könnten. Von daher halte ich es nicht für abwegig, dass auch besagte Annoncen-Botschaften über Zeitungen laufen. Denn dazu braucht es natürlich jemand, der dort mitspielt. Jemand, der Annoncen aufgibt, kann sich im Normalfall ja nicht die Chiffre wählen. Und nach Ihrem Bericht hat ja selbst die Chiffre eine codierte Bedeutung. Das, was mir am meisten beunruhigend erscheint, ist meine Schlussfolgerung. Wozu das alles heute? An Ihrer Stelle würde ich genau da ansetzen. Einen Scherz schließe ich übrigens aus; ebenso, dass irgendwelche Geheimdienste, wenn aber, dann natürlich vor allem der deutsche, der ganzen Geschichte habhaft geworden sind und jetzt über eine vorgetäuschte Aktivierung der Schläfer diese dingfest machen wollen. Das wäre noch das Wahrscheinlichste, falls sich alle anderen Varianten als unzutreffend erweisen, aber da muss man doch erst recht fragen: Wieso heute? Unter rein juristischen Kriterien ist das heute kalter Kaffee, zum großen Teil, wenn nicht sogar komplett, verjährt. Ich sage Ihnen noch etwas: Ich habe keinerlei Hinweise, dass in jüngster Zeit irgendwelche neuen unbekannten Materialien aufgetaucht oder neu gesichtet worden wären, die eine Möglichkeit böten, die Verjährung zu umgehen oder etwas Ähnliches. Im Gegenteil. Ich verfolge ja nach wie vor diese Thematik und kann von daher sagen: Wer damals von einem östlichen Geheimdienst bezahlt wurde, spielt für die westlichen heute absolut keine Rolle mehr. Das war vielleicht bis 1995 noch irgendwie interessant, aber doch jetzt nicht mehr. Vergessen Sie schließlich nicht das geheime Amnestiegesetz von 2003. Das schließt die Variante, dass jemand Ihren Klienten jetzt noch bloßstellen will, völlig aus.«
   Alliiertenbombardement. Redebeschuss durch die eigenen Truppen. Wieder unterbricht er sich, aber zum Glück nur, um von seinem Mineralwasser zu trinken.
   Nach diesem Informationsschwall rasen meine Gedanken. Meine Gedanken?
   »Das allerdings könnte ein Argument dafür sein, dass die Schläfer gerade jetzt aktiviert werden, wo nämlich kein Mensch mehr damit rechnet«, fährt Mitterbohm fort. »Ich sage ›die‹, weil Ihr Klient vermutlich nicht der Einzige ist. Ist nicht meine persönliche Vermutung, sondern das legt die generelle Vorgehensweise der DDR-Dienste von damals nahe. Aber wieder: Wozu? Was sollen die Schläfer tun? Das einzige einigermaßen linkslastig regierte Land von Bedeutung ist China, aber genauso könnten Sie Indien oder Brasilien und einem, ich sage mal, Dutzend weiterer Länder unterstellen, DDR-Schläfer in Deutschland aktivieren zu wollen. China mag ja immer noch ein Interesse an westlicher Informationstechnologie haben, hat es aber nach meiner Einschätzung überhaupt nicht nötig, auf solche skurrilen Methoden zurückzugreifen. Können Sie mir folgen?«
   Wohin denn? Außer Details wie einem geheimen Amnestiegesetz, von dem ich noch nie gehört habe – seit wann gibt es nach 1945 geheime Gesetze in Deutschland? –, erhalte ich für meinen Fall bis auf die Bestätigung der Existenz eines Sonderamtes nichts Konkretes.
   »Ich befürchte, nein«, sage ich.
   Mitterbohm lacht auf, lehnt sich zurück, kippelt mit seinem Plastikstuhl, fummelt in seinem Bart herum. Hoffentlich findet er nichts mehr. Er rückt seine Brille höher. »Hatten Sie erwartet, mit mir den Kritikerpapst anzutreffen, der Ihnen mal eben die Geheimprotokolle der Kuriensitzungen verliest?«
   Nein, an so etwas habe ich nicht gedacht. Pflichtschuldig quetsche ich mir ein Grinsen ins Gesicht. Es tut nicht einmal besonders weh.
   »Bis Freitag?«, fragt Mitterbohm. »Mit Ihrem Einverständnis werde ich einige Kontakte knüpfen, natürlich ohne Sie und Ihren Fall namentlich zu erwähnen. Falls sich daraus etwas Verwertbares ergibt, melde ich mich bei Ihnen. Und noch etwas: Seien Sie vorsichtig. Das sieht nach einer heißen Strecke aus.«
   Ich registriere das Wort Strecke. DDR-Deutsch. Entwickelt sich mein erster Fall nebenbei zu einem Linguistik-Problem? Und wenn ja, wo finde ich den auftragsbezogenen Erkenntniswert?
   Nichts als ungelöste Fragen.
   Mitterbohm neigt sich nach vorn. Der Resopaltisch knarzt. »Aber wie haben Sie eigentlich diesen Spartenwechsel vollzogen? Es ist doch etwas ungewöhnlich, möchte ich mal sagen, dass jemand mit einer derartigen Bandbreite an Erfahrungen aus der früheren Friedensbewegung beruflich dann so aus der Art schlägt wie Sie.«
   Ach du meine Güte. Ich habe nicht die geringste Lust, darauf einzugehen. Aber da ich auf Mitterbohm nicht verzichten kann, darf ich ihn nicht vor den Kopf stoßen. Ich entscheide mich, ihn mit einer, wie ich hoffe, undurchschaubaren Mischung aus Seichtigkeit und dunklen Andeutungen über persönliche Probleme abzuspeisen. Als Gewürz ein wenig gespieltes Selbstmitleid.
   »Herr Mitterbohm, die Kurzfassung eines bis dato verkorksten Lebens lautet an diesem Punkt: materielle Ausweglosigkeit. Jahrelang arbeitslos, kaputte Beziehungen, Scheidungen und die alten Geldgeber aus dem Spektrum kritischer Nichtregierungsorganisationen im Niedergang. Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen. Bin ja schon leicht über die Sechzig. Da ist ein Soziologiediplom reichlich dürftig, wenn es um die Frage geht, welchen Beruf man denn erlernt hat.«
   In scharfem Gegensatz zu meiner inneren Auffassung lache ich dazu, als gehe mich das alles entweder nichts an oder als würde ich meine Darstellung wie ein Masochist empfinden.
   Mitterbohm rückt nach hinten, als hätte er gerade eruiert, dass ich ein Aussätziger bin.
   »Äh ja, das tut mir leid. Das konnte ich nicht ahnen«, gibt er von sich.
   Metzger. Mitleid ist genau das, was mir fehlt. Ich fühle die Versuchung, ihn in Bedrängnis zu bringen. Zum Beispiel durch die Frage: ›Haben Sie denn durch Ihr gesellschaftskritisches Engagement einen erwähnenswerten Sprung in Ihrem Leben nach vorn gemacht?‹
   Ich unterlasse es. Nicht das erste Mal erlebe ich eine solche Situation. Auch meinen Anflug von Ärger verberge ich. »Ach, mir geht es unter dem Strich doch besser als vielen anderen gescheiterten Existenzen aus der früheren Friedensbewegung, die, objektiv betrachtet, zum Teil sogar noch vorteilhaftere Ausgangsbedingungen hatten als ich.«
   Objektiv betrachtet? So etwas gibt es nicht. Schwammiges, dümmliches Gesabbel, Tobias.
   »Da haben Sie sicher recht«, antwortet Mitterbohm. »Mir fällt da sofort Werner Randeisen ein. Erinnern Sie sich? Jämmerlich, wie er damals erst nach Wochen tot in seinem Büro gefunden wurde.«
   Das reicht. Natürlich erinnere ich mich an Randeisen. Bis zu seinem Tod war er der führende Mann im Ausschuss für Zusammenarbeit, Abrüstung und Frieden. Nicht DDR, sondern BRD. Nicht der Einzige, der meinen Weg kreuzte und durch Alkohol, politische Frustration, Vereinsamung – weiß ich, was es sonst noch an Gründen gab – verendet war wie ein angeschossenes Tier tief in einem abgeschiedenen Wald. Ich bin, Verletzungen hin oder her, aus diesem Wald rausmarschiert – halb bewusstlos herausgeschleppt wäre ehrlicher – und habe von vorn angefangen. Etwas anderes kümmert mich posthum nicht. Wenn ich darüber sprechen will, dann bestimmt nicht mit Mitterbohm und genauso wenig im Zusammenhang mit meinem neuen Job. Aber diesen Diskurs habe ich mir selbst eingebrockt.
   Ich will hier raus. Demonstrativ halte ich die Armbanduhr in meine Blickrichtung. Ich bin Manns genug zu sagen, was ich will. Dazu benötige ich keine Taschenspielertricks. Allerdings bin ich mir sicher, dass Mitterbohm mich nur so versteht.
   Er könnte meine Geste übersehen haben. Gegenwärtig blickt er wieder zur Decke. Jedem das Seine. Jetzt stützt er seine Ellenbogen auf den Resopaltisch, sein zweifellos gewichtiger Schädel …
   »Ich sollte mich um meinen Rückflug kümmern.« Ich setze darauf, dass Mitterbohm meinen Gesichtsausdruck so interpretiert, wie ich mir vorstelle. Dass ich nämlich den Gesprächsverlauf, von dem er glaubt, ihn gesteuert zu haben, nicht ertragen kann.
   »Äh ja, natürlich«, gibt er von sich. Er winkt Bratfett-im-Haar zu sich. »Zahlen.«
   »Zsamma?«
   Erstens gebürtiger Franke, zweitens internationaler Flughafen. Meine Realität. Ich kann mich gerade noch beherrschen.
   »Drücken Sie sich gefälligst verständlich aus. Noch ist Deutsch Amtssprache«, sagt Mitterbohm.
   Ich weiß nicht, ob Mitterbohm auch Franke ist oder nur Sprachpurist. Er hält einen Geldschein so in der Hand, als wollte er dem Kellner mitteilen: Den kriegst du erst, wenn du mir gehorchst.
   »Scho recht«, kommt es von diesem.
   Mitterbohm bezahlt mein Wasser mit. Ja, ich bin arm. Ja, ich ärgere mich.
   Beim Hinausgehen, zum Glück fasst er mich nicht am Arm, meint Mitterbohm mit gesenkter Stimme, wir müssten einige technische Details vereinbaren. Zum Beispiel nicht zu festgelegten Zeiten anrufen und am Telefon keine Namen nennen. Ist doch übertrieben. Aber er ist der Experte, oder?
   Ich mache den Höflichen, verabschiede mich mit Danke und dem ganzen Kram, widerlich, und marschiere Richtung Flugschalter. Ich lege mein Ticket vor und fange Sekunden später an zu rennen. Der nächste Flug nach Hamburg startet in wenigen Minuten.

Ich nehme Platz. Links neben mir der Gang, rechts eine alte Dame und daneben ein kleiner Junge.
   »Schau, Walter, jetzt muss der Flieger erst seine Startbahn finden«, sagt sie zu ihm. »Das erfährt der Pilot von dem sogenannten Tower.«
   »Das ist Englisch und heißt Turm, stimmt’s? Den haben wir vorhin gesehen«, unterbricht der Junge.
   »Hast du dir gut gemerkt. Dort sitzen Leute mit Computern, die zeigen, wo gerade welche Flugzeuge stehen, starten wollen oder zur Landung kommen.«
   Ich fantasiere, dass die alte Dame die Großmutter von Walter ist. Oder seine Privatlehrerin, denn sie erklärt ohne Punkt und Komma und ohne Adjektive. Aktuell die Startbahnbefeuerung. Das wird den Jungen weit in seinem Leben voranbringen.
   Während die Maschine zum Abheben rast, hole ich Notizbuch und Stift hervor. Als der Flieger in der Luft ist, beginne ich zu schreiben. Schon nach vier, fünf Sätzen geht mir auf, dass ich mit meinen Zweifeln an Schellinghaus’ Geisteszustand womöglich falschlag. Das Problem von Schellinghaus ist nicht sein Geisteszustand, sondern der einer Reihe von Leuten, die sich vor Jahrzehnten ein spezifisches Verständnis von Sozialismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten.
   »Walter, hast du das Ruckeln bemerkt?«, dringt es von rechts an mein Ohr. »Der Pilot hat das Fahrgestell eingezogen, damit die Maschine weniger Luftwiderstand hat. Nach dem Start kommt es darauf an, dass …«
   Ich schalte mein Gehör ab. Kindheit. Meine Kindheit. Die Kindheit des Sozialismus. Wer hat versagt? Schuldzuschreibungen. Warum gibt es die DDR nicht mehr? Fühlt sich Schellinghaus schuldig, weil er sich damals auf diese Sache eingelassen hat? Warum hat er sich darauf eingelassen? Weg des geringsten Widerstandes? Du bist ein böser Junge. Die Eltern haben den Mist gebaut, aber als Kind hältst du dich für schuldig. Was würde Werner – Küdahl. Randeisen ist tot – mir antworten?
   Ich sehe an meinen Nachbarn vorbei durch das Bullauge. Schwarz. Wunderbar. Ich liebe Nachtflüge. Walter ist eingeschlafen, die alte Dame sitzt und schweigt.
   Ich schreibe weiter. Denke daran, dass Mitterbohm an einem einzigen Tag schon der Dritte war, der mich daran erinnert hat, womit ich die letzten dreißig Jahre vor der Jahrtausendwende verbracht und dass ich dabei Spuren hinterlassen habe, die mir nicht mehr bewusst waren.
   Während das Flugzeug in zehntausend Metern Höhe dahinjagt, sehe ich Bilder von großen Friedensdemonstrationen. Unter Tausenden von Menschen habe ich einen gesucht, der mir wichtiger war als Sprechchöre oder Prominentenansprachen. Erinnerungen an endlose Debatten in Hinterräumen von Kneipen oder in kirchlichen Sitzungssälen, an internationale Konferenzen, bei denen ich nicht mehr als einen Flughafen, ein Hotel und ein Kongressgebäude kennenlernte. Meine Arbeitsbesuche beim DDR-Friedensrat: »Brauner oder Weißer?« Die Standardfrage in der Ostberliner Invalidenstraße. Ohne Alkohol lief keine Zusammenkunft ab. Werner Küdahl war nie anwesend. Er repräsentierte; das Tagesgeschäft erledigten Generalsekretär und Abteilungsleiter. Aber bei den anschließenden Essen tauchte er meist auf. Werner verfügte über einen unerschöpflichen Schatz von Anekdoten und Anekdötchen: »Warum besitzt Genosse Honecker keinen Jagdhund? Erichs hohe Stimmmodulation liegt außerhalb des Hörbereichs für Hunde. So werden auch die Missverständnisse im ZK erklärlich.« ZK-Mitglieder mit Hunden zu vergleichen war schon was. Politik verwischte in zahlreichen Gläsern.
   Was ist übrig? Der Kunde eines Privatermittlers, wegen irgendwelcher Querverbindungen auf mich gestoßen. Ist das alles, was mir von damals bleibt? Und wenn schon. Mein Grabstein wird nicht danach fragen.
   Ich notiere Mitterbohms Aussagen, seine Kommentare. Was lässt sich daraus bis Freitag machen? Was kann ich daraus machen? Wozu jetzt eine Aktivierung? Gute Frage. Nächste Frage? Blöde Frage. Ich tappe völlig im Dunkeln. Freude über den ersten Fall, Angst, gleich am Anfang zu versagen, und, komme, was da wolle, mein Arbeitswille. Auf diese Mischung hat mich in den Kursen niemand vorbereitet.
   Hätte ich nur eine Ahnung, wozu Schellinghaus als ›geweckter‹ Agent eingesetzt werden soll. Ich kann spekulieren, dass jemand in seiner Stellung … Führt zu nichts. Ich weiß zu wenig. Welche Kenntnisse oder Fähigkeiten hat er denn, die einen Geheimdienst interessieren könnten, einen ehemaligen Geheimdienst.
   Aber wenn er das nicht einmal selbst weiß? Oder hat er mir etwas verschwiegen, weil es ihm nur darum geht, seine Vergangenheit abzustreifen? Das hätte er doch auf andere Weise und vor allem viel früher tun können. Wozu in aller Welt benötigt er einen Privatermittler und dann noch einen Anfänger wie mich? Mitterbohm hat sich nicht dazu geäußert, wie realistisch die Lebensbedrohung ist, von der Schellinghaus gesprochen hat. Weil ich dämlicher Anfänger vergessen habe, ihn das zu fragen.
   Mein Telefon-Baby piepst. Ich drücke die grüne Taste.
   »Schon etwas Entscheidendes an Erkenntnissen gewonnen?«, fragt Schellinghaus.
   »Kann ich so nicht sagen«, gebe ich zurück. Ich werfe einen Blick zu meiner Nachbarin. Sieht aus, als würde sie mit offenen Augen schlafen. Mir fällt etwas ein.
   »Herr Schellinghaus, der Ansatzpunkt muss vermutlich sein: Wozu Sie jetzt aufwecken?«
   »Richtig. Ich konsultiere Sie morgen früh wieder«, antwortet er.
   Als die Maschine in den Sinkflug wechselt, weckt die Dame Walter. Warum müssen Kinder morgens um acht in die Schule gehen? Damit sie, noch bewusstlos im Halbschlaf, sich nicht gegen Indoktrinationen wehren können. Die Informationen mögen wichtig sein. Aber der Weg der Vermittlung. Wer das durchschaut, kann zum Rebell werden. Wie ist das mit Schellinghaus? Er hat eine Bilderbuchkarriere, einen gutbürgerlichen Beruf, aber ein verdammt linkes Geheimnis.
   Ich weiß nicht, ob Walter wirklich wach ist. »Der Pilot fährt jetzt schon das Fahrwerk aus, damit er rechtzeitig das Flugzeug für die Landung stabilisieren kann. Der Luftwiderstand ändert sich ja, wenn die Räder draußen sind. Und da …«, werde auch ich nicht von der Ansprache der Dame verschont.
   Rechtzeitig: Wieso hat Schellinghaus all die Jahre abgewartet? Hat er all die Jahre abgewartet? Was hat er getan, falls er etwas getan hat? Ich bin nicht Walter, der Erklärungen erhält, ob er will oder nicht.

Zwei Stunden später bin ich zu Hause. Stimmt so nicht. Ich bin in der Wohnung, in der ich regelmäßig übernachte, esse und dusche. Ich grüble über meinem Auftrag. Sonst habe ich nichts zu grübeln. Ich kann ins Badezimmer gehen, wenn ich von dem einen Raum die Nase voll habe. Aber das hat nicht mal ein Fenster.
   Ich setze mich und nehme mir Papier. Wer genau waren seine damaligen Gesprächspartner? Ihre Namen waren bestimmt Decknamen. Erinnert er sich an Aussehen, Alter, Verhalten, besondere Gerüche?
   Ich will von Schellinghaus die genaue Beschreibung des Codeschlüssels. Eine Erklärung, warum seiner Meinung nach niemand anderes davon wissen kann. Mitterbohms Anmerkung zu geheimdienstlichen Perspektivplanungen: Kann Schellinghaus davon wissen? Hat er einkalkuliert, dass außer seinen DDR-Vaterfiguren auch noch andere eingeweiht sind? Schellinghaus muss doch mehr Details kennen, Details, die ihn betreffen, wie beispielsweise zu seiner Agenten-Ausbildung und -Anleitung.
   Ich entwerfe wohl gerade ein Verhör von Schellinghaus. Sehe ein, dass das nicht meine Aufgabe ist. So führt das Drama in die falsche Richtung. Wenn Schellinghaus mich belügen will, kann er das tun, ohne dass ich in der Lage bin, das aufzudecken, falls ihm nicht ganz grobe Fehler unterlaufen. Und danach sieht mir Schellinghaus nicht aus. Wenn er es aber mit seinem Auftrag Ernst meint, gibt er mir die Details, ohne dass ich ihn einer Inquisition unterziehe. Es sei denn, sein Auftrag an mich hat eine Alibifunktion. Aber dieser Gedanke ist nur der Versuch, mir nicht eingestehen zu wollen, dass ich mein Scheitern befürchte. Nichts ist so, wie es ist.
   Ich muss Grenzen ziehen, sonst laufe ich Gefahr, dass sich mein nächstes Gespräch mit Schellinghaus im Uferlosen verliert. Ich habe gerade eine über verschiedene Seminare und Kurse zusammengewürfelte Ausbildung zum Privatermittler hinter mir und nicht eine für geheimdienstliche Verhörtechniken. Was ist das Wesentliche.
   Heute Morgen hat Schellinghaus die Möglichkeit verworfen, jemand anderes als diese Sondereinheit, er nannte es Sonderbehörde, Mitterbohm sprach von einem Sonderamt, habe sich des doppelten Zeitungscodes bedienen können. Er hat am Sonntag die Bestätigung in der Bild am Sonntag entdeckt. Seine Behauptung. Am folgenden Tag erscheint er bei mir. Ist die dazwischenliegende Zeitspanne nicht zu kurz, um Alternativen zu prüfen, es könnte jemand anderes gewesen sein als die ursprünglichen Anwerber? Wie hat er geprüft? Durch schieres Nachdenken oder hat er mit noch jemand anderem gesprochen, sich erkundigt, Recherchen betrieben?
   Die ›Quellen‹, die Schellinghaus auf mich aufmerksam machten: Falls er sich die Bild am Sonntag nicht in der Nacht von Samstag auf Sonntag gekauft hat, haben ihm also innerhalb von höchstens vierundzwanzig Stunden diese ›Quellen‹ empfohlen, sich an mich zu wenden. Zeitlich unwahrscheinlich, es sei denn, Schellinghaus hat schon vorher gewusst, dass und wann die Codes veröffentlicht werden. Dann hätte er sich, er würde bestimmt ›prophylaktisch‹ sagen, vorbeugend darum kümmern können, welchen Privatermittler er beauftragen will, wenn es so weit ist.
   Das Dahinscheiden der DDR war sicher der Einschnitt. Danach hat er nicht mehr damit gerechnet, ›geweckt‹ zu werden. Aus meiner Sicht normal. Als er dann, automatisch, weil darauf abgerichtet, nach Jahrzehnten seine Codes entdeckt, weiß er sich nicht anders zu helfen, als sich an einen Privaten zu wenden. Logisch oder psychologisch?
   Ich unterbreche meine … Was mache ich eigentlich? Analysieren, spekulieren, mich verlieren oder was?
   Ich esse zwei Tomaten, ein Stück durchgereiften Ziegenkäses und zwei Scheiben Vollkornbrot.
   Worin genau besteht die berufliche Tätigkeit von Schellinghaus? Konnten seine DDR-Auftraggeber wirklich seine heutige berufliche Stellung so weit voraussehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch seine Karriere über Jahrzehnte so exakt festlegen kann, wie Schellinghaus das behauptet hat. Dennoch, alles läuft auf diese Möglichkeit hinaus, denn sie ist für die Platzierung eines ›Schläfers‹ das Entscheidende. Seine Initiatoren müssen ihn bestens gekannt haben. Hatten sie etwas gegen ihn in der Hand? So ködert man doch Agenten, die nicht von sich aus den Finger hochstrecken und betteln: Ich möchte gern in eure Dienste treten. Oder hat Schellinghaus genau dies getan, mir aber verschwiegen?
   Muss ich in Erfahrung bringen, wie Schellinghaus zu seiner Schläfertätigkeit gekommen ist, ob er gezwungen wurde? Ich soll nur herausfinden, ob es seine alten Geheimdienst-Kumpels sind, die sich gemeldet haben, oder nicht.
   Das Gespräch mit Rammi. Er muss mir Kontakte verschaffen zu kompetenten, intimen Kennern der damaligen DDR. Am besten wissen sie auch über verdeckte Tätigkeiten Bescheid. Und reagieren vor dem kommenden Freitag positiv.
   Du suchst eine eierlegende Wollmilchsau, höhnt der gesündere Teil meiner Selbsteinschätzung. Was soll eine solche Person, falls Rammi mir so jemanden benennen könnte, dazu veranlassen, auf mein Anliegen einzugehen? Ich kann weder mit Geld locken noch mit Bedeutung meiner Person. Rammi wird sich krumm und bucklig lachen, während er auf meine Kosten seinen fetten Bauch noch fetter werden lässt.
   Ich bin übermüdet. Ich mache gerade den abstrusen Versuch, ungelegte Eier auszubrüten, um bei dem genannten Fabeltier zu bleiben. Alles hängt davon ab, ob Rammi mir überhaupt irgendwelche Hinweise geben kann.
   Nein, nicht alles hängt von Rammi ab. Meine Güte, bin ich durcheinander. Sollte zu Bett gehen. Vorher noch E-Mails abfragen.
   Außer den unvermeidlichen, nicht wegzufilternden Werbemeldungen auf dem Niveau ›Wir machen Sie unsterblich. Für nur € 499.121,– tauschen wir alle gefährdeten Organe aus. Keine Wartezeiten. Lebenslange Garantie.‹, – lebenslang ist besonders amüsant, wenn man schon bei den höchst risikoreichen Operationen verstirbt – finde ich eine Nachricht von Werner Küdahl vor.
   »Mein Lieber. Danke für Dein Vertrauen«, lese ich nach dem Entschlüsseln. »Ich habe Zweifel, ob ich Dir wirklich behilflich sein kann, denn seit meiner Abdankung als Präsident habe ich mich aus politischen Dingen völlig herausgehalten. Aber mein Gedächtnis funktioniert immer noch. Folgendes halte ich für wert, Dir mitzuteilen:

1) Allgemein. Zu parteiinternen Strömungen in den letzten Jahren vor 1989 …«
   Seine Gewissenhaftigkeit. Wie ein Diskussionspapier. Werner war fast so lange Präsident des Friedensrates, wie jetzt die DDR nicht mehr existiert. Und natürlich interessiert ihn die neue deutsche Rechtschreibung nicht.
   »… der westlichen Öffentlichkeit verborgen blieb, dass sich nach Gorbatschows Wahl zum Generalsekretär der KPdSU innerhalb der Parteien in der DDR unorganisierte Strömungen herausbildeten, die sich an seiner Reformpolitik orientierten. Ich selbst wurde mehrfach angesprochen, an sogenannten informellen Diskussionszirkeln teilzunehmen – was ich aufgrund meines Amtes und aus Feigheit nicht getan habe. Es dürfte Dich interessieren, dass dies bereits 1986, also ein Jahr nach Gorbis Inthronisation, geschah. Mir wurde zugetragen, dass es in diesen Gesprächen um die Frage ging, wie sich der neue Kurs unserer sowjetischen Verbündeten auch in der DDR praktisch und ideologisch aufnehmen ließe. Schätze, es ist überflüssig, Dich an dieser Stelle zu erinnern, dass die offizielle Parteilinie der SED damals alles andere als begeistert davon war, wie sich der Große Bruder plötzlich gebärdete. Ich schweife ab. Die exakte personelle Zusammensetzung dieser Runden kann ich nur vermuten; ich weiß jedoch, dass dort auch Mitglieder unseres Friedensrates anwesend waren. Ein operatives Vorgehen wurde meiner Einschätzung nach dort mit Sicherheit bestimmt nie erörtert; schließlich dürfte man gewusst haben, dass das MfS immer mit von der Partie war.
   Wie Du weißt, habe ich die Kontakte zum IPW immer besonders gepflegt. Teile, bestimmte Personen, des IPW haben sich bisweilen in ihrer Kritik an Staats- und Parteiführung der DDR so weit vorgewagt, dass sie unter Beobachtung standen. Du verstehst sicher, was ich mit dieser Begrifflichkeit meine. Ich kann nicht ausschließen, dass es IPW-Mitarbeiter gab, die mit Ideen geliebäugelt haben, die jenem angeblichen Sonderamt nahegekommen sind. Von einer solchen Einrichtung ist mir jedoch noch nicht einmal gerüchteweise etwas bekannt geworden – und ich kann Dir versichern, dass meine Ohren groß genug waren und sind, um jede Menge von Gerüchten aufzunehmen. Selbst wenn das IPW maßgeblich an der Gründung eines solchen Amtes beteiligt gewesen sein soll, halte ich es für höchst unwahrscheinlich, dass Teile des IPW operative Einsatzpläne für Maulwürfe oder Schläfer im kapitalistischen Westen entwickelt und operativ getragen haben sollen. Das waren ausschließlich Aufgaben der Hauptabteilung Aufklärung des MfS. Wenn sich das IPW an etwas strikt hielt, dann war es seine rein wissenschaftliche Ausrichtung. Gewisse Formen der Kooperation mit dem MfS hat es gegeben, aber nur im wissenschaftlichen Rahmen.
   Gestatte mir an dieser Stelle, meine Meinung zu Deiner Angelegenheit zum Besten zu geben. Ich sehe zwei Möglichkeiten: Entweder hat ›jemand‹ sich gegenüber Deinem Klienten als IPW-Vertreter ausgegeben, um an Deinen Klienten heranzukommen, wobei das zum Beispiel jene MfS-Vertreter gewesen sein können, die das IPW besonders gut kannten. Oder IPW-Vertreter haben sich selbstständig gemacht und mit ihnen anpassungsfähig erscheinenden MfS-Vertretern – die dann für die notwendige Geheimhaltung gesorgt haben dürften – verdeckt in der Tat jene Sondereinheit oder -gruppe ins Leben gerufen. Es gab nach Gorbis Amtsantritt eine Zeitlang in derjenigen IPW-Abteilung, die sich mit der Entwicklung der sozialistischen Bruderländer befasste, eine hochrangige Arbeitsgruppe, die zu den ideologischen Perspektiven des sozialistischen Staatenblocks arbeitete. Nachdem einige interne Arbeitspapiere für unsere damaligen Verhältnisse äußerst radikal ausgefallen waren, wurde die Arbeitsgruppe von der zuständigen Abteilung des ZK der SED aufgelöst. Ich war übrigens Mitglied dieser IPW-Arbeitsgruppe, weil der Friedensgedanke bei diesem Thema natürlich eine große Rolle spielte. Ich erwähne das, weil mir die Variante, Mitarbeiter des IPW könnten sich verselbständigt haben, am wahrscheinlichsten erscheint, und es ebenso wahrscheinlich ist, dass, wenn es zur Gründung einer solchen Sondergruppe gekommen sein soll, bestimmte Mitglieder jener IPW-Arbeitsgruppe daran mitgewirkt haben könnten. Das schlussfolgere ich aus damals vorgetragenen Standpunkten.«
   Muss das gleich noch mal lesen, aber draußen auf dem Gang brüllt jemand, dieser gottverdammte Aufzug würde ja immer noch nicht funktionieren. Pause. Denke über zwei Aussagen nach. Die eine ist Werners Selbstbezichtigung, er sei damals feige gewesen. Unnötig, das zuzugeben, aber aufrichtig. Macht insgesamt seine Nachricht glaubwürdiger. Betrifft vor allem mein Zweitens, nämlich seine Darlegung, was hinsichtlich jener Sondereinheit – Sondergruppe, Sonderamt: Wie hätten wir’s eigentlich gern? – wohl am wahrscheinlichsten gewesen sein dürfte. Werner hat zwar angedeutet, wie er das einschätzt, aber seine Erläuterungen und der Zusammenhang zu jener IPW-Arbeitsgruppe und zu gewissen Kooperationsformen des IPW mit dem MfS sind deutlich genug formuliert. Auch was er nicht geschrieben hat – zum Beispiel ›Ich weiß, dass es eine solche Sondereinheit nicht gab‹ – und wie verklausuliert er eine klare Stellungnahme umgeht, untermauert meinen Eindruck, dass Werner mir letztlich andeuten will: Geh einmal davon aus, dass eine Sondereinheit dieser Art gegründet worden sein kann.
   Vielleicht vorschnell. Blicke wieder auf den Bildschirm und wundere mich, wo 2) geblieben ist.

3) Zu Deiner Frage nach Ansprechpartnern
   Ich habe lange nachgedacht, weil es mir generell unangenehm ist, Namen in dem von Dir gesetzten Zusammenhang zu nennen. Wenn Dein damaliger DDR-Kollege beim Weltfriedensrat in Helsinki nicht schon gestorben wäre – weißt Du das eigentlich? –, hätte ich Dich an ihn verwiesen. Der hatte da weniger Hemmungen.
   Aber zur Sache …«
   Für einen Moment werde ich durch vorbeizuckende Blaulichter abgelenkt. Ich habe die Fensterrollos noch nicht auf Zu gestellt. Ich kann nicht weiterlesen. Ja, Werner, ich weiß, dass jener cholerische Thüringer, mit dem ich in Helsinki zusammenarbeitete, schon längst tot ist. Abends rasen hier fast im Halbstunden-Rhythmus Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr die Straße lang. Wie er wohl gestorben ist?
   Die Gewohnheit. Meine Augen und Ohren beruhigen sich schnell. Aber sie werden immer empfindlicher. Ich lese weiter.
   »… Ich will mich nicht rausstehlen, sonst hätte ich Dir nicht antworten brauchen. Den folgenden damaligen IPW-Mitarbeitern wird es nicht schaden, wenn ich Dir ihre Namen nenne:
   – Die wichtigste Person scheint mir Dr. Bernd Michaelis zu sein. Er war nicht nur der Leiter der erwähnten IPW-Arbeitsgruppe, sondern auch verantwortlich für die inkriminierten Studien, die zur Auflösung der Gruppe führten. Um Michaelis’ Position zu beschreiben, reicht m. E. der Hinweis aus, dass ihm Gorbatschows Reformwillen schon 1986 nicht weit genug ging (sic!). Er verließ das IPW 1988. Wie es hieß, auf eigenen Wunsch, aber ich bin mir sicher, dass ihm nach dem Desaster mit der Arbeitsgruppe dieser Schritt vom ZK nahegelegt worden war. Aus dieser Periode weiß ich nur, dass er dann kurz vor Zerschlagung der DDR ›rübergemacht‹ hat. Erst war er bei der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt/Main, dann wohl eine Weile ohne feste Anstellung, bis er bei Dir in Hamburg beim Institut für Frieden und Sicherheit gelandet ist. Ab da Sendeschluß – ich habe das alles nicht weiter verfolgt –, aber er könnte immer noch dort sein.
   – Ein weiteres in Frage kommendes Mitglied der besagten Arbeitsgruppe ist Prof. Wolf von Sethe, von dem ich nur weiß, dass er nach dem Zusammenbruch der DDR und der Auflösung des IPW bei der Dresdner Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik untergekommen ist. Bedenke, dass mein Wissensstand fünfundzwanzig Jahre alt ist. Du kannst von Sethe ohne weiteres kontaktieren, nur steht zu befürchten, dass er gar nicht mehr am Leben ist, denn er laborierte schon damals an einem schweren Nierenleiden. Er ist nur wenige Jahre jünger als ich. Wenn er noch lebt, dann vermutlich im Ruhestand in seiner Heimat auf Rügen.
   – Die dritte und letzte Person, die ich Dir nennen möchte, heißt Erwin Sinter. Er ist zweifelsohne die schillerndste Person unter den hier Genannten, undurchsichtig, pflegte aber gleichzeitig durch reichlich unkonventionelle Ansichten zu überraschen, wenn er mal zu viel vom Weißen erwischt hatte. Sinter war MfS-Kontaktmann für das IPW und hat in dieser Eigenschaft Schlimmeres vom IPW, genauer von einzelnen Repräsentanten des Instituts, abgewendet. Dieses Wissen kann ich verbürgen. Ich kann Dir jedoch nichts zu Sinters Motivation sagen. Für einen MfS-Mann auf jeden Fall äußerst ungewöhnlich. Wahrscheinlich nutzt Dir der Name ohnehin nichts, weil ich keine Ahnung habe, wohin es ihn nach 1989 verschlagen hat. Ich habe gehört, er sei zu Euren Geheimdiensten gegangen. Sinter ist etwa in Deinem Alter, also vermutlich noch am Leben. Natürlich habe ich keine Adresse von ihm. Er sah hager aus, war hochgewachsen, Kettenraucher und sehr still – in nüchternem Zustand, er trank ganz gern. Sinter hatte innerhalb des MfS meiner Meinung nach eine sehr starke Position; man sagte ihm nach, dass er sich wöchentlich mit Mielke unter vier Augen traf. Neben Michaelis solltest Du versuchen, unbedingt ihn ausfindig zu machen.

4) VORSICHT
   Wenn irgendetwas an der Geschichte Deines Klienten dran ist, erlaube ich mir, Dir zu empfehlen, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Mit Geheimdiensten ist nie zu spaßen. Gewisse Maßnahmen hast Du schon selbst ergriffen, z. B. zum Thema nur per verschlüsselter E-Mail-Nachricht zu operieren.
   Dazu gehört auch, sieh es mir nach: Ich möchte damit nicht weiter befasst werden. Über private Kontakte mit Dir werde ich mich immer freuen.
   Dein Werner«
   Es folgt die Adresse einer Ortschaft in der Nähe von Alicante, Spanien sowie eine spanische Festnetz- und eine mobile Rufnummer.
   Punkt Vier beunruhigt mich. Ich stelle das Radio an. Natürlich könnte ich von Schellinghaus’ Auftrag zurücktreten. Aus Feigheit? Für mich steht erheblich Geld auf dem Spiel, auch so etwas wie Renommee. Mit Sicherheit aber mein Selbstbewusstsein. Gerade angefangen und schon aufgeben? Es würde mich lähmen, strich ich bereits jetzt die Segel.
   Schluss für heute. Ein Buch zum Abschalten. Es trifft Jean-Paul Sartres ›Das Spiel ist aus‹. Nach den ersten Seiten wird mir bewusst, dass ich diesen Roman nicht zufällig ausgewählt haben kann. Die Vermischung von Realität und Totenwelt, Sartres Erleben des politischen Widerstands. Spiegelt es mich und Schellinghaus wider?
   Als ich auf Seite achtzehn meiner uralten Taschenbuchausgabe angekommen bin, fallen mir ständig die Augen zu. Ich lege Sartre beiseite.