Ein rasantes Roadmovie schwarz auf weiß, eine turbulente Liebesgeschichte und zugleich ein nervenaufreibender Krimi: Der Marovka Blues ist eine Todesmelodie. Leo Platschke ist ein ziemlich chaotischer Lebenskünstler. Er will mithilfe einer fragwürdigen Ehevermittlung in Prag die Frau fürs Leben finden. Doch wen er dort vor allem findet, ist die Russenmafia. Und die ist plötzlich aus unerfindlichen Gründen hinter seinem Leben her ... Schuld an dem Schlamassel ist offenbar die kratzbürstige Besitzerin des Eheinstituts, aber Leo kommt einfach nicht von ihr los. Eine halsbrecherische Jagd beginnt, von Prag über Frankfurt bis zum Showdown im beschaulichen Freiburg. Für den armen Leo heißt es nur noch: Augen zu und durch. Er muss die schmerzhafte Erfahrung machen, dass das Leben nicht halb so lustig ist, wie er immer gedacht hat – und gerade deshalb darf er den Humor nicht verlieren, denn sonst verliert er am Ende noch seinen Kopf ...

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ISBN: 978-9963-52-463-1

Seiten: 307

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Oliver Becker

Oliver Becker
Der aus Blumberg im Schwarzwald stammende Oliver Becker lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main. Er schreibt Romane der unterschiedlichsten Genres – ob pralles Historienabenteuer, Kriminalroman, Komödie oder auch sozialkritische Tragödie. Für Becker liegt der Reiz des Schreibens gerade darin, immer wieder Neuland zu betreten. Oder wie er es sagt: „Das Einzige, worauf ich mich festlegen lasse: dass ich mich nicht festlegen lasse.“ Zu seinen bekanntesten Büchern zählen die Romane um die „Krähentochter“, eine Trilogie, die im Schwarzwald während des 30jährigen Krieges spielt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Welche von denen würde es wohl sein? Leo legte die Fotos sorgfältig in einer Reihe vor sich hin. Da war zunächst Darinka, eine etwas füllige junge Frau, die bemüht entspannt in die Kamera blickte. Sie wurde als häuslich beschrieben, als liebenswert, verträumt, anschmiegsam. Als Nächstes blickte ihn Vera an, gebildet, sportlich, computerbegeistert. Er nahm das Foto und prüfte das schmale Gesicht, das von einer dünnen Goldrandbrille dominiert wurde. Mit der weißen Rückseite nach oben legte er es wieder auf den Tisch.
   »Computerbegeistert«, murmelte er. »Ach du dickes Ei.«
   Schließlich Anna: Naturliebhaberin, Schmetterlingssammlerin, bastelt sehr gern. Sommersprossengesicht, kurzer, praktischer Haarschnitt, Jeans mit einer aufgenähten Sonnenblume auf der Tasche. Er verglich noch einmal Anna und Darinka und drehte dann Anna um. Nein, das dürre Gretchen soll lieber allein den Schmetterlingen hinterher jagen.
   Leo erhob sich und betrachtete sich im Wohnzimmerspiegel. Bauch rein, Brust raus. Schade, aber die Schultern konnte man einfach nicht breiter aussehen lassen. Leicht in den Hüften wiegend tänzelte er vor dem Spiegel herum und zwinkerte seinem eigenen Gesicht zu. Wie Richard Gere damals in ‚Atemlos‘. Wenn sich Leo auch eingestand, noch etwas an seinem Tanzstil feilen zu müssen. Er drehte sich in einem plötzlichen flinken Wirbel herum, blickte über die Schulter nach hinten und wackelte mit den Pobacken. Haltet euch fest, Mädels, hier kommt er, der Richard Gere von Frankfurt-Bornheim.
   Schließlich wandte er sich wieder dem Tisch zu und griff mit gewohnter Lässigkeit nach der Whiskyflasche. Während er sich nachschenkte, fiel ihm ein, dass er unbedingt noch Haargel einkaufen musste, die Tube war ja schon wieder fast leer.

Abends saß er ziemlich allein am Tresen seiner Stammkneipe, dem Lüsterweibsche, und sah immer noch Darinka vor sich. Liebenswert, verträumt, anschmiegsam. Nicht zu vergessen: häuslich.
   Henny, die Wirtin, stellte gerade den dritten Apfelwein vor ihn hin. »Was ist los, Leo? Warum so still?«
   »Ach, die Zeit, Henny. Sie rennt und rennt. Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrtausends, wir stecken mittendrin im Jahr 2002. Einfach verrückt, findest du nicht?«
   »Du bist aber ganz der Alte, was?«
   Er schwieg und schenkte ihr sein unwiderstehlichstes Hollywood-Lächeln.
   »Und sonst so, Leo? Irgendwas am Laufen?«
   »Irgendwas läuft immer, weißt du doch. Mir geht’s gut. Geschäfte, Geschäfte.«
   »Geschäfte? Sieh mal zu, dass du dich nicht überarbeitest.«
   »Du kannst mich ja dann pflegen.«
   »Hättest du wohl gern.«
   Er trank einen Schluck. »Warst du schon mal in Prag, Henny?«
   »Prag?« Sie lachte. »Seit zwanzig Jahren bin ich nicht mehr aus Bornheim rausgekommen. Ich würde nicht mal den Weg zur Zeil noch finden.«
   »Ich bin bald in Prag.«
   »Du?«
   »Ein Kurzurlaub. Sozusagen.«
   »Ich dachte, du machst das ganze Jahr lang Urlaub.«
   Henny ging zum anderen Ende des Tresens, und Leo dachte schon wieder an Darinka. Liebenswert, verträumt, anschmiegsam.
   Ach ja. Die Welt war schön.
   »Leo, apropos Geschäfte.« Henny war wieder bei ihm. »Wann willst du denn mal deinen Deckel bezahlen? Kann ja nicht ewig warten.«
   »Musst du auch nicht, Henny. Nächste Woche mach ich das klar.«
   »Nächste Woche? Das kenn ich mittlerweile.« Sie zog eine Schnute.
   Immer diese Kleinigkeiten. Ein paar Äppelwoi, ein paar Bier. Wirklich kein Grund, einen Aufstand zu machen, fand er. Henny war für seinen Charme auch schon mal empfänglicher gewesen. Er bezahlte die drei Gläser von diesem Abend und verließ das Lüsterweibsche. War sowieso nicht viel los.
   Am nächsten Tag telefonierte er noch einmal mit dieser Frau Schultze. Er erfuhr, dass sie schon so gut wie auf dem Weg nach Prag war und ihn dort erwarten würde. »Alles klar, Frau Schultze«, rief Leo in den Hörer und zeigte sein bestes Grinsen, als stünde sie ihm gegenüber. »Morgen um zwölf geht mein Flieger. Morgen bin ich bei Ihnen. Sagen Sie den Mädels schon mal Bescheid. Vor allem Darinka natürlich.«
   »Die Damen«, sie betonte das Wort deutlich, »freuen sich bereits auf Sie, Herr Platschke.«
   »Dann kann ja nix mehr schief gehen.«
   »Bis morgen in Prag, Herr Platschke.«
   Er legte auf und schüttelte grinsend seinen Kopf. Wie sie immer seinen Namen aussprach, als würde man Platschke mit drei A schreiben.

*

Einen Tag später stand Leo am Smetana-Ufer der Moldau. Für Karlsbrücke und Hradschin hatte er keinen Blick übrig. Er war wütend. Frau Schultze hatte den Termin um 14:30 Uhr platzen lassen und ihm noch nicht einmal eine annehmbare Entschuldigung dafür geliefert. Er wurde nicht gern vertröstet, schon gar nicht um geschlagene vier Stunden, schon gar nicht, wenn es darum ging, eine Frau kennenzulernen — oder sogar mehrere. Zu allem Überfluss hatte er auch noch die neue Tube Haargel zu Hause im Badezimmer vergessen. Wie sollte er in dieser chaotischen Stadt Wet Style, Typ Latin Lover finden?
   So viel hatte er über Prag gehört, speziell über das Nachtleben … aber hier und jetzt konnte er absolut nichts sehen, was einen Aufenthalt irgendwie verheißungsvoll erscheinen ließ. Frau Schultzes Anruf in seinem kümmerlich kleinen Hotelzimmer hatte ihm endgültig die Laune verdorben. Er wollte doch nur Darinka treffen, seine Darinka, und nicht sinnlos an diesem braunen Fluss dahertrotten.
   Mit trüben Gedanken, etlichen Zigaretten und einem tristen Schaufensterbummel gelang es ihm, die vier Stunden niederzuringen. Pünktlich um halb neun saß er an einem kleinen kniehohen Tisch im Hotelfoyer, das ihn irgendwie an ein vergangenes Jahrhundert erinnerte – schummriges Licht, Staub, altmodische Tischdecken, dunkelblauer verschlissener Teppichboden. Er war nervös, was so gut wie nie vorkam, und ein wenig ärgerte ihn seine Unruhe. Er stand auf, ging zur Hotelbar und bestellte sich noch einen doppelten Marovka auf Eis. Obwohl er erst ein paar Stunden in diesem Land war, hatte ihn sein untrügliches Näschen zu diesem Kräuterschnaps geführt. Der erste Schluck zwar wie Bronchialmedizin, aber so ab dem zweiten, dritten entwickelte das Tröpfchen einen gewissen Charme.
   Eine alte Kuckucksuhr schlug Viertel vor neun, als Leos Marovkaglas wieder leer war. Er steckte sich noch eine Zigarette an und lief mit lässig-lockerem Schritt zu einem Spiegel. Seine Haare kämmte er noch einmal nach hinten – zu dumm, die Sache mit der vergessenen Tube Latin Lover-Haargel – und tänzelte dabei von einem Fuß auf den anderen. Die leicht irritierten Blicke einiger weiterer Hotelgäste ignorierte er und achtete allein auf den Mann, der ihm in dem großen Spiegel gegenüberstand. Neue Nadelstreifenhose, ein ebenfalls neues feinkariertes Jackett, ein burgunderfarbenes Seidenhemd – alles in allem eine propere Erscheinung, wie er fand. Wenn er auch über die Farbkombination besser noch die eine oder andere Minute lang nachgedacht hätte.
   Wo bleiben sie denn nur, verdammt noch mal?
   Frau Schultze hatte gesagt, Darinka würde gleich mit ins Hotel kommen. Sie würde sie beide einander vorstellen, sich dann dezent zurückziehen, damit er und die junge Dame sich näherkommen könnten, sie könne da ein nettes Café gleich um die Ecke empfehlen. Jaja, hatte er geantwortet, das sei ihm recht, wenn es nur endlich mit dem Treffen klappen würde.
   Jetzt war es neun, nein, sogar schon nach neun. Warum konnten Frauen niemals pünktlich sein? Er erwog, seiner trockenen Kehle noch einen doppelten Marovka zu gönnen.
   Um halb zehn war er nicht mehr verärgert – er war sauer. Um Viertel vor zehn war er stinksauer. Er wollte gerade nach draußen gehen und sich in ein Taxi schwingen, um sich zu irgendeinem verdammten Stripschuppen kutschieren zu lassen, als er sie ins Foyer kommen sah.
   Frau Schultze. Allein. Ohne Darinka.
   Sie entdeckte ihn sofort und kam mit forschen Schritten auf ihn zu.
   »Herr Plaaatschke, es tut mir sooo leid, glauben Sie mir.«
   Er wollte etwas erwidern und seiner Wut Luft machen. Frau Schultze ergriff jedoch seinen Arm, führte ihn zu einem kleinen Zweiertisch und redete ohne Unterlass weitere Entschuldigungen und Tutmirleids auf ihn ein.
   Er war so wütend, dass er gar nicht wusste, wo er bei seinen Beschwerden überhaupt anfangen sollte. Er starrte sie weiterhin an und ließ ohne Gegenwehr ihre vagen Ausreden auf sich einprasseln. Sie war einen halben Kopf größer als er, diese Frau Schultze, schlank, beinahe ein wenig zu schlank für seinen Geschmack, nicht zu vergleichen mit der kuschligen Darinka. Darinka hatte dem Foto nach genau an den Stellen etwas, wo Frauen seiner Meinung nach auch etwas haben sollten.
   »Tja, so ist das nun mal, Herr Platschke, tut mir leid, sehr, sehr leid.« Ihr »sehr« hing hart und abgehackt mit ganz scharfem R in der Luft. Wenn er nicht gerade vor Wut kochte, mochte er ihn ja sogar, diesen osteuropäischen Akzent.
   »Ich weiß, dass Sie jetzt böse sind, Herr Platschke, und dass Sie jetzt auch meine Leistung sehen wollen, nachdem Sie Ihr Geld überwiesen haben. Machen Sie sich keine Sorgen – was ist schon ein Tag mehr?«
   »Ein Tag mehr«, wiederholte er, irgendwie tonlos, wie ein Patient, den man mit Tabletten ruhiggestellt hatte.
   Er merkte, wie ihr Blick unauffällig über seine Kleidung glitt, konnte aber das kurze Aufflackern ihrer Augen weder zweifelsfrei als Anerkennung noch als Spott entschlüsseln. »Fein sehen Sie aus, Herr Platschke, und morgen werden Sie Darinka treffen. Sie freut sich schon so sehr auf Sie, aber ja. Das kriegen wir schon hin.«
   »Ach ja? Kriegen wir?«
   Doch Frau Schultze war schon wieder aufgestanden, stöckelte bereits auf ihren dünnen Beinen in Richtung Ausgang.
   »He«, rief er ihr hinterher, doch sie drehte sich nur kurz um.
   »Also, dann bis morgen«, oder so etwas sagte sie und war verschwunden. Vorhang zu, Ende der Vorstellung.
   Und das zu ihm. Ihm, Leo Platschke, der zu Hause in Bornheim jede haben konnte, wenn er wollte. Mehrere Hotelgäste an einem anderen Tisch beobachteten ihn. Sie dachten wohl, er war soeben von der guten Frau Schultze versetzt worden – was er ja in gewissem Sinne auch war – und wirkten recht amüsiert. Er schickte ein paar giftige Blicke zu ihnen hinüber und zündete sich eine weitere Zigarette an, ganz cool, wie Clint Eastwood in Dirty Harry, Teil III. Er stand auf und ging zum Fahrstuhl. Das Prager Nachtleben konnte ihm jetzt auch gestohlen bleiben. Er war müde, angetrunken und immer noch stinksauer.
   
   Am Morgen darauf erwachte Leo mit bitterem Marovkageschmack auf der Zunge und einem ziemlichen Brummschädel. Er hatte das Frühstück verschlafen und ihm war klar, dass er schon wieder einige Stunden totschlagen musste, bis er Frau Schultze abermals treffen würde, damit sie ihm endlich – endlich – Darinka vorstellen konnte. Denn Frau Schultze hatte sich und ihren drallen Schützling erneut erst für 14:30 Uhr angekündigt. Das hieß: warten. Diese ewige Warterei.
   Er nahm eine Dusche, kämmte sich eine halbe Stunde lang das Haar zurück und fand sich dann in der Hotelbar zu einem einsamen Kaffee ein. Heute hatte er auf seine neuen Klamotten verzichtet, obwohl es ihm speziell das burgunderrote Seidenhemd angetan hatte. Über einfachen Jeans trug er ein T-Shirt und ein offenes, kurzärmliges Hemd mit Karomuster. Er hatte vergessen, sich zu rasieren, aber das kümmerte ihn jetzt auch nicht mehr. Der Barkeeper, es war derselbe wie am Vorabend, deutete auf die Marovkaflasche, aber hart gegen sich selbst lehnte Leo ab.
   Kurz darauf brach er gelangweilt zu einem weiteren Spaziergang entlang der Moldau auf, um dann pünktlich um Viertel nach zwei zurück im Foyer zu sein.
   Wenn sie wieder zu spät kommt, fahr ich nach Hause, sagte er sich betont grimmig.
   Es wurde halb drei, zwanzig vor drei, zehn vor drei. Um Punkt drei stand Leo an der Bar und wollte sich den ersten Marovka des Tages bestellen – und in dem Moment betrat Frau Schultze das Foyer. Allein. Schon wieder.
   Sie winkte ihm zu und er wartete, bis sie bei ihm war.
   »Darinka?«, fragte er nur.
   »Es tut mir leid, Herr Platschke, aber«, sie wedelte mit ihrem Handy vor seiner Nase herum, »ich habe eben mit ihr telefoniert. Sie erwartet uns schon. Kommen Sie, Herr Platschke.«
   Er starrte sie nur an. »Wo?«
   »Bitte?«
   »Wo wartet sie?«
   »Oh, es wird Ihnen gefallen.« Sie lächelte. »In einem kleinen romantischen Café. Kommen Sie, ich fahre Sie hin.«
   Da anscheinend etwa achtundneunzig Prozent aller Autos, die man in dieser Stadt sah, Skodas waren, überraschte es Leo dann auch nicht im geringsten, dass Frau Schultze ihn zu einem roten Skoda Fabia führte. Sie kämpften sich durch den wuseligen Nachmittagsverkehr, überquerten die Moldau und fuhren dann in Richtung Hradschin. Leo hielt schon die meisten Frankfurter und Offenbacher Autofahrer für gemeingefährlich, aber verglichen mit den Pragern verhielten sie sich eigentlich schon wieder manierlich. Mindestens fünfmal innerhalb von zehn Minuten hatte Leo das Gefühl, sie wären nur knapp einem Totalschaden entgangen.
   Leo bekam feuchte Handflächen – was nicht allein an Frau Schultzes Fahrstil lag. Endlich war es so weit. Einen Abend hatte er verschwendet, aber heute … heute war sein Tag. Am liebsten hätte er Darinka gleich mit nach Frankfurt genommen. Doch das war wohl utopisch. Jetzt kam es zunächst einmal darauf an, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das würde er schon hinkriegen, schließlich war er nicht umsonst Frankfurt-Bornheims Antwort auf die Herzensbrecher Hollywoods.
   Während Frau Schultze ihren Fabia in eine winzige Parklücke bugsierte, kämmte er zur Sicherheit noch mal sein Haar. Sie gingen auf ein Café mit großer Terrasse zu. Es war warm, gut zwanzig Grad, Sonnenschein. Auf der Terrasse hatten sich ziemlich viele Leute eingefunden, darunter etliche Touristen, wie man an den Rucksäcken und den umgehängten Kameras erkannte.
   Das ist also Frau Schultzes Vorstellung von romantisch. Frau Schultze blickte sich kurz um und ging dann zielstrebig auf einen der hintersten Tische zu. Leo folgte ihr mit einem Schritt Abstand, nervös und neugierig zugleich. Jetzt war er da, der Moment. Wie automatisch stellte sich sein charmantester Verführerblick ein. Darinka, mein Schatz, ich gehöre dir.
   Frau Schultze blieb bei einer Frau stehen, die allein an einem Tisch saß, mit dem Rücken zu ihnen. Die Frau erhob sich und drehte sich lächelnd um.
   »Das ist er«, sagte Frau Schultze, mit der Hand auf Leo deutend. »Der Besuch aus Deutschland.«
   Leos Blick, der in der Bornheimer Damenwelt schon beinahe als legendär galt, entgleiste ihm in Sekundenschnelle. Sein Mund stand plötzlich offen und immer wieder wanderten seine Augen von der Frau zu Frau Schultze und zurück.
   »Aber«, brachte er endlich hervor, »das ist nicht Darinka.«
   »Natürlich nicht«, entgegnete Frau Schultze mit ihrem strahlendsten Lächeln und einer Offenheit, die entwaffnender nicht hätte sein können. »Das ist Vera. Sie kennen Sie doch. Von dem Foto und der netten Beschreibung.«
   »Ähm …«, sagte Leo, dessen eingebauter Richard Gere sich endgültig verabschiedet hatte.
   »Wenn Sie beide wüssten«, fuhr Frau Schultze unbeirrt fort, »wie ich mich auf diesen Moment immer freue. Na los, Herr Platschke, geben Sie Vera die Hand.«
   »Ähm …«, sagte Leo erneut und streckte lahm die Hand aus.
   Frau Schultze legte Veras Hand in seine und lächelte sie noch einmal beide an. »Vera, das ist Leo. Leo, das ist Vera.« Sie zwinkerte ihnen ermutigend – oder was immer das sein sollte – zu. »Jetzt lasse ich Sie beide allein, damit Sie sich ein wenig beschnuppern können. Ich bin ganz sicher, Sie werden sich sooo gut verstehen.« Sie winkte wie ein kleines Mädchen – und hatte sich schon ein paar Meter von ihnen entfernt.
   »Frau Schultze«, rief Leo noch, aber irgendwie gelang es ihm einfach nicht so recht, sich zu fangen. »Hey, Frau Schultze, ich …«
   Sie war weg und Leos Blick trat seinen unvermeidlichen Weg an, wanderte in die Augen jener Vera, die ihm da gegenüberstand. Leo bekam mindestens fünfzehn unangenehme Sekunden lang den Mund nicht auf.
   »Wollen wir uns nicht setzen?«, fragte Vera schließlich mit diesem typisch osteuropäischen Zungenschlag.
   Eigentlich nicht. Leo setzte sich natürlich doch hin. Was sollte er auch sonst tun?
   »Wissen Sie was?«, sagte Vera. »Ich bin doch ein wenig aufgeregt. Das ist das erste Mal, dass ich … Sie verstehen schon.«
   Computerbegeistert, hämmerte es irgendwo hinter Leos Stirn.
   »Ich habe mir einen Kaffee bestellt.« Die gute Vera redete weiter. »Möchten Sie nicht auch einen? Die Bedienung ist gerade in unserer Nähe.«
   Computerbegeistert, gebildet, sportlich. Jetzt erinnerte er sich genauer.
   Sie lächelte, etwas verunsichert. »Tja …«
   Einer dieser doppelten Marovkas wäre ihm wirklich lieber. Wurde er hier eigentlich nur auf die Schippe genommen? Dieser Frau Schultze würde er doch zu gern mal die Meinung sagen. Zu dumm, dass sie ihm vorher so leicht hatte entwischen können.
   »Jetzt ist sie wieder drin«, sagte Vera, immer noch etwas verkniffen lächelnd. Sie meinte natürlich die Bedienung. »Wir können auch gern einen Spaziergang machen, falls Ihnen das lieber ist.«
   Es wurde wohl Zeit, dass er auch mal etwas sagte. Schließlich konnte Vera ja nichts dafür, dass Frau Schultze – weshalb auch immer – ihre Zusagen nicht einhielt und ihn damit zum Narren machte. »Einen Spaziergang?« Er hatte keine Ahnung, worauf er weniger Lust hatte: mit dieser Frau spazieren zu gehen oder noch eine Weile mit ihr hier zu sitzen und Kaffee zu schlürfen.
   »Ja, warum nicht. Das lockert auf, Herr Platschke. Wie gesagt, Sie sind nicht der Einzige, für den so etwas ganz neu ist.« Sie lächelte ihn schon wieder an, wollte ihm damit offensichtlich ein wenig Mut machen, und nahm dann ihre dünne Goldrandbrille ab, um sie in einem Etui verschwinden zu lassen. Ohne die Brille wirkte ihr Gesicht gleich noch schmaler, und unwillkürlich schlichen sich schon wieder die drallen Formen Darinkas vor Leos inneres Auge.
   Schließlich brachen sie doch zu einem Spaziergang auf. Vera ließ etwas Geld auf dem Tisch liegen für den Kaffee, von dem sie keinen Schluck getrunken hatte. Sie bemühte sich weiterhin darum, etwas Smalltalk in Gang zu bringen, aber Leo, der in Bornheim ganze Apfelweinkneipen an die Wand redete, blieb einsilbig.
   Vom Hradschin aus blickten sie auf die Goldene Stadt mit ihren unzähligen Türmen barocker Kirchen, die all die anderen Dächer überragten. Sie blieben an der Burgmauer stehen, mit einem förmlichen Abstand zueinander, wie Leute, die zufällig auf den gleichen Bus warteten, und Vera deutete in die Ferne. »Dort hinten, zwischen den Baumwipfeln, sehen Sie das Belvedere, Herr Platschke? Das hat Ferdinand I. für seine Frau Anna errichten lassen.«

»Aha«, murmelte Leo.
   Sie sah ihm in die Augen. »Was würden Sie für Ihre Traumfrau errichten?«
   »Sie sprechen sehr gut deutsch«, sagte Leo. Das passte zwar nicht im Mindesten auf ihre Frage, aber wenigstens war ihm überhaupt mal etwas eingefallen.
   »Danke«, sagte sie und schien ziemlich ernüchtert davon, wie rasch ihr Ausflug ins Romantische gestoppt worden war. »Außerdem spreche ich noch englisch, französisch, italienisch und russisch. Tschechisch natürlich ebenfalls.«
   »Da kann man ja leicht mal durcheinanderkommen.« Leo versuchte, sein bestes Grinsen zustande zu bringen, war sich aber im Klaren darüber, dass es gründlich misslang.
   »Sprechen Sie auch noch andere Sprachen, Herr Platschke?«
   »Ja«, sagte er. »Hessisch.«
   Jetzt lachte sie ein wenig. »Das müssen Sie mir unbedingt beibringen.«
   »Wenn Sie meinen.«
   »Sagen Sie doch mal ein hessisches Wort.«
   »Aschebescheh.«
   Erneut lachte sie.
   Weil sie nicht recht wussten, was sie anfangen sollten, schlenderten sie zurück zum Café. Sie bekamen sogar denselben Tisch und bestellten. Cappuccino für Vera, ein großes Pilsner und einen Marovka auf Eis für Leo. Irgendwann klingelte Veras Handy, und sie schien nicht unerfreut darüber zu sein. Sie sprach Tschechisch, eine ganze Weile lang, und währenddessen kehrte Leos Wut auf Frau Schultze wieder zurück. Es war wirklich unglaublich, wie sie ihn behandelte. Wer war hier König Kunde – er oder sie?
   Vera beendete ihr Gespräch, entschuldigte sich aber gleich, dass sie noch kurz jemanden anrufen müsse. Mit ihrem Handy dicht am Ohr stand sie auf und trat beiseite, ganz an den Rand der Terrasse. Offensichtlich wollte sie ihn nicht weiter mit ihrer rollenden Muttersprache belästigen, aber es war ihm sowieso völlig egal, was sie tat.
   Als sie ihm den Rücken zukehrte, fiel sein Blick auf ihre Handtasche, die offen über der Stuhllehne hing. Er entdeckte darin ein kleines Adressbuch, in dem sie eben noch die Telefonnummer nachgeschlagen hatte. Rasch sah er zu ihr hinüber und griff nach dem Buch. Er wurde schnell fündig. Unter S, wo auch sonst, stand der Name L. Schultze. Mit Handynummer und einer Adresse. Kurz entschlossen riss er die Seite heraus und steckte sie in die Hosentasche. Er stand auf und gönnte Veras schmalem Rücken einen letzen Blick. Im Eilschritt verließ er die Terrasse. Als er dabei der Bedienung begegnete, deutete er nur auf Vera. Sie hatte sicher nichts dagegen, seine Rechnung zu übernehmen.
   Er war etwa zehn Minuten gelaufen, als er auf das stieß, was er suchte: ein Taxi. Natürlich ein Skoda. Der Fahrer, ein dicker, unrasierter Typ mit Säufernase, sah sich kurz die Adresse an, die Leo ihm auf der herausgerissenen Seite zeigte, und dann ging es los. Es wurde wirklich Zeit, dass er sich diese Dame höchstpersönlich vorknöpfte, so viel stand fest.
   Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen. Ständig bog der finster dreinblickende Mann am Steuer in enge Seitengassen ein, nur, um sich dann wieder aufs Neue in den dichten Verkehr auf den Hauptstraßen einzuschleusen. Leo hatte das dumpfe Gefühl, dass die Strecke großzügig ausgedehnt wurde, um ihn auszunehmen, wusste aber nicht, wie er sich dagegen hätte wehren können. Der Fahrer schien nur das zu verstehen, was er verstehen wollte, und irgendwann ärgerte sich Leo über ihn genauso wie zuvor über Frau Schultze. Als das Taxi an einer roten Ampel hielt, packte er den Kerl am Kragen der speckigen Jeansjacke. »Hör zu, Kumpel«, knurrte er. »Wenn du mich nicht in zehn Minuten dort abgesetzt hast, wo ich hinwill, dann bist du ein verflucht toter Mann, ich schwör’s dir.«
   Genau zehn Minuten später bremste das Taxi vor einer ziemlich trostlosen Wohnblockreihe. An den Wäscheleinen vor den Fenstern wehten Handtücher und Unterhosen im leichten Sommerwind. Grau war der Farbton, der hier alles fest im Griff hatte.
   Leo blätterte dem Taxifahrer Schein um Schein auf die Hand und wollte gar nicht wissen, um wie viel Geld er gerade geleimt wurde. Er stieg aus und blickte sich um. Er hatte keinen blassen Schimmer, wo er war.
   Nach ein paar Minuten fand er den Eingang mit der richtigen Nummer. Auf einem Klingelschild las er den Na-men: Schultze.
   »Ich rate dir, zu Hause zu sein, Madame Schultze«, murmelte Leo. »Sonst werd ich erst richtig sauer, das garantier ich dir.«
   In dem Moment, als er gerade Sturm klingeln wollte, sprang die Tür auf, und eine Handvoll Kinder raste laut johlend an ihm vorbei. Er nahm die Einladung an und ging in das muffig riechende Treppenhaus. Von oben hörte er Gepolter. Im ersten Stock kam ihm eine alte Frau entgegen. Sie stierte ihn voller Argwohn an, warf ihm ein paar tschechische Bösartigkeiten an den Kopf und trippelte weiter.
   Der Krach wurde noch lauter. Im zweiten Stock rannten erneut ein paar Kinder an ihm vorbei. Als er den dritten Stock erreichte, sah er, dass eine der Wohnungstüren offenstand. Von dort kam der Lärm. Er las den Namen des Türschilds: Schultze. Nun doch etwas zögerlich betrat Leo die Wohnung. Der kleine Flur war dunkel, ein kurzer schwarzer Schlauch, aber er sah sofort das Chaos, das hier herrschte. Eine Garderobe war umgekippt worden und versperrte den Weg. Überall verstreut lagen Schuhe und Jacken und ein paar Regenschirme herum. Leo trat über die Garderobe hinweg und tippte mit einem Finger eine angelehnte Tür vorsichtig auf, die in die Wohnung hineinführte.
   Im nächsten Augenblick knallte ein Schuss. Glas, wohl eine Fensterscheibe, zersprang, fast gleichzeitig ertönte ein Schrei – der Schrei einer Frau. Leo stand jetzt in der Küche, in der das gleiche Durcheinander herrschte wie im Flur: umgestürzte Möbel, Topfpflanzen und Krimskrams, Scherben von Geschirr, überall herumliegende Taschenbücher.
   Am anderen Ende des Raumes, vor dem zersplitterten Fenster, befand sich Frau Schultze. Sie kauerte in kümmerlicher Haltung vor einem Heizkörper, und ihr Gesicht war verzerrt vor Angst. Ein Mann stand mit dem Rücken zu Leo und legte gerade mit einer Pistole an. Er zielte auf Frau Schultze und sagte irgendetwas auf Tschechisch. Obwohl Leo die Sprache nicht verstand, klang es für ihn wie ein Abschiedswort.
   Er handelte sofort. Rein intuitiv, ohne nachzudenken.
   Mit aller Kraft rammte er seine Schulter in den Rücken des Fremden. Der Schuss löste sich dennoch, die Kugel verpuffte aber zischend im Polster eines umgekippt daliegenden Sessels. Der Mann ließ sich nicht lange irritieren, war schon wieder auf den Beinen und zwei schwarze, an Kohlestücke erinnernde, beinahe leblos wirkende Augen starrten in Leos Gesicht. Die Mündung der Pistole wanderte nach oben, nahm Leos Richtung auf, doch erneut reagierte er blitzschnell. Er trat zu. Mit ganzer Kraft. Und traf die anvisierte Stelle zwischen den Beinen des anderen, der sich augenblicklich krümmte. Ein Schlag, dessen Wucht Leo überraschte und den vielleicht sogar Rocky gut hätte gebrauchen können, brachte den Mann zu Fall. Er prallte mit dem Hinterkopf ziemlich heftig gegen die Ecke des Türrahmens, dessen Weiß mit Rot gesprenkelt wurde, und blieb regungslos liegen.
   Nicht einmal einen Sekundenbruchteil später war Frau Schultze neben Leo. Sie starrten auf den am Boden liegenden Mann.
   »Sie haben ihn kaltgemacht, Herr Platschke.«
   Der ruhige Ton, mit dem sie das sagte, brachte Leo fast genauso stark aus der Fassung wie der Gedanke, dass sie auch noch recht haben könnte.
   »Los, kommen Sie«, sagte sie nun, schubste ihn dabei leicht an und hastete schon voraus in Richtung Wohnungstür.
   »Los«, rief sie erneut, diesmal schärfer. Erst jetzt folgte er ihr. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Frau Schultze mit eiligen Schritten die Wohnung. Im Treppenhaus, zwischen drittem und zweitem Stock, holte Leo sie ein.
   »Moment mal!« Mit einem Griff an ihre Schulter brachte Leo sie zum Stehen. »Wir können doch nicht einfach abhauen. Sagen Sie mir erst einmal, was …«
   »Keine Zeit.« Sie deutete nach oben.
   Der Mann mit den schwarzen Augen war nicht tot. Im Gegenteil, er wirkte beunruhigend gut erholt. Er stand oben, starrte ihnen hinterher und legte schon wieder auf sie an.
   Sie rannten los und die Kugel jagte an ihnen vorbei, verlor sich schließlich surrend und von einer Wand zur nächsten peitschend irgendwo im Treppenhaus.
   Als sie die Straße erreichten, hatten sie sich kein einziges Mal mehr umgedreht. Frau Schultze zeigte auf ihren Skoda, den Leo zuvor überhaupt nicht bemerkt hatte, und als sie losfuhren, streifte eine weitere Kugel mit diesem entnervenden Surren die Fahrertür. Eine letzte Kugel zertrümmerte die Rückscheibe und verfing sich in der Kopfstütze des Beifahrers – ein paar Zentimeter von Leos Hinterkopf entfernt.
   Frau Schultze fuhr mit kreischenden Reifen los, als hätte auch sie schon den einen oder anderen Actionfilm gesehen, und Leo wurde förmlich in den Beifahrersitz gequetscht.
   »Dieser Mistkerl.« Aus dem Augenwinkel sah Frau Schultze in den Rückspiegel.
   Leo drehte sich um und blickte aus dem Scherbenkranz, der vom Rückfenster übrig geblieben war. Ein Sportwagen folgte ihnen, ein Mazda, und Leo kam es vor, als wäre das der erste Nicht-Skoda, der ihm in Prag begegnete. Das Gesicht des Fahrers konnte er nicht erkennen, aber das war wohl auch kaum nötig.
   Sie hatten einen Vorsprung, der Mazda holte jedoch bereits auf. Frau Schultzes Skoda düste um die Kurven und schien zu fliegen.
   »Heiliger Strohsack«, brüllte es aus Leo heraus, als sie beinahe frontal mit einem Bus kollidiert wären. Mit der Beifahrerseite streiften sie in vollem Tempo eine Straßenlaterne, doch Frau Schultze gelang es, den Skoda halbwegs in der Spur zu halten. Der Mazda war noch ein Stück dichter hinter ihnen.
   Frau Schultze überholte einen weiteren dieser unendlich vielen Skodas und wäre fast auf einen entgegenkommenden geprallt.
   Ich sterbe in einer Stadt, in der es nur gottverdammte Skodas gibt. Leo kniff für ein paar Sekunden die Augen zu. Das war jedoch noch schwerer auszuhalten und so versuchte er, der Gefahr, in die er so unvorbereitet hineingerutscht war, wieder ins Auge zu sehen.
   Erneut führte Frau Schultze ein traumatisierendes Überholmanöver durch und sie kamen auf eine dreispurige Straße, die auch ohne sie schon ziemlich verstopft war. Frau Schultze drückte die Hupe, immer und immer wieder. Die anderen Autos machten ihnen tatsächlich Platz und ließen sie einfach durch.
   Als Leo erneut über seine Schulter nach hinten spähte, sah er, wie der Mazda es ihnen gleichtat und sich ebenfalls mit hohem Tempo geradezu in die drei Reihen von langsam dahinfahrenden Autos katapultierte. Was passierte, war unvermeidlich. Der Mazda fuhr auf einen kleinen Skoda, was sonst, auf, schoss dann wie auf einer Startrampe in die Luft und überschlug sich. Er landete schließlich am Rand der Straße auf dem Dach, ohne noch mit weiteren Autos in Berührung gekommen zu sein.
   »Ach du liebes Lieschen«, stöhnte Leo.
   Frau Schultze blinzelte kurz in den Rückspiegel. »Sind wir ihn los?«
   »Das sind wir.«
   »Dann kann ich ja mal ein bisschen vom Gas runtergehen.«
   »Keine Einwände«, sagte Leo und merkte erst jetzt, dass sich seine rechte Hand so sehr in den Griff der Beifahrertür gekrallt hatte, dass seine Fingerknöchel schmerzten. Außerdem verspürte er eine heftige Übelkeit – wenn er das auch niemals vor Frau Schultze zugegeben hätte. Er dachte an den Marovka und das Bier, die er sich auf Veras Kosten gegönnt hatte, und beides wäre ihm fast hochgekommen.
   Frau Schultze fuhr unbeirrt weiter durch triste Straßen. Ihre Miene spiegelte nicht im Geringsten die Aufregungen von gerade eben wider. Im Gegenteil, sie wirkte überaus ruhig, gefasst.
   »Wer war das?«, fragte Leo, nachdem sich das flaue Gefühl in seinem Magen etwas verflüchtigt hatte.
   »Wer war was?«
   Leo starrte sie an. »Na, wer schon? Der Typ, der uns fast eine Kugel in den Kopf gejagt hat und jetzt wahrscheinlich mit gebrochenem Genick durch die Gegend laufen muss.«
   »Ich weiß nicht«, antwortete Frau Schultze. »Ein Einbrecher.«
   Wieder starrte er sie an. »Hey! Nehmen Sie mich verdammt noch mal nicht auf den Arm, okay? Ein Einbrecher! Ein Einbrecher, der uns durch halb Prag hinterher rast!«
   »Sie unterschätzen Prag, Herr Platschke. Das war noch lang nicht halb Prag.«
   »Sehr witzig.« Er kramte in seinen Taschen nach den Zigaretten.
   »Es wäre mir lieber, Herr Platschke, Sie würden nicht in meinem Auto rauchen. Ich muss von dem Rauch immer niesen.«
   »Ihretwegen wäre ich beinahe erschossen worden, und Sie erzählen irgendwas vom Niesen.« Wütend schob er sich die Zigarette zwischen die Lippen und suchte dann eine halbe Ewigkeit in seinen Taschen nach dem Feuerzeug.
   »Was haben Sie überhaupt bei mir zu Hause gewollt, Herr Platschke? Ich war sehr überrascht.«
   Die Zigarette fiel ihm aus dem Mund. »Sie? Sie waren überrascht? Das ist echt komisch. Wirklich saukomisch.« Er fingerte auf der Fußmatte nach der Zigarette. »Hören Sie zu: Vergessen Sie’s. Vergessen Sie einfach, dass Sie mir Darinka überhaupt nicht vorgestellt haben, vergessen Sie, dass ich Ihnen das Leben gerettet habe, vergessen Sie unser unsinniges Geschäft.«
   Sie sagte nichts.
   Er zündete sich endlich die Zigarette an. »Ich jedenfalls vergesse es. Alles. Ich will auch wirklich nicht wissen, wer dieser Verrückte in Ihrer Wohnung war, und schon gar nicht will ich wissen, was Sie mit ihm zu schaffen haben.«
   »Sie ahnen nicht, wie vernünftig das ist, Herr Platschke.«
   »Sparen Sie sich Ihre Kommentare. Bringen Sie mich einfach in mein Hotel. Ich will nur noch weg hier. Das ist alles, was ich will.«
   »Wir sind schon auf dem Weg zu Ihrem Hotel, keine Sorge.«
   »Keine Sorge.« Er äffte ihren Akzent mit dem rollenden R nach. »Wie könnte ich mir auch in Ihrer Nähe Sorgen machen, Frau Schultze?«, fragte er so sarkastisch wie möglich.
   Weder die Gebäude noch die Straßen kamen ihm irgendwie bekannt vor und er hatte nicht die leiseste Ahnung, ob sie sich mittlerweile schon wieder in der Nähe seines Hotels befanden. Danach fragen wollte er allerdings auch nicht.
   »Wir sind gleich da«, sagte Frau Schultze, als sie kurz an einer Kreuzung halten mussten.
   »Ich bin nicht von gestern, Frau Schultze, ich weiß genau, wo wir sind.«
   »Wann geht Ihr Rückflug?«
   »Morgen Abend. Gestern hätte ich Darinka kennenlernen sollen. Dann hätte ich heute und morgen Zeit gehabt … Nun ja, sie noch ein wenig besser kennenzulernen. Das hatten Sie mir jedenfalls zugesagt, Frau Schultze, und dafür habe ich Ihnen auch einiges bezahlt. Ich werde in Frankfurt gleich mit meinem Anwalt sprechen, darauf können Sie sich verlassen.«
   »Hören Sie mir jetzt genau zu, Herr Platschke«, sagte sie und betonte jedes Wort. Er merkte, dass sie ihm keine einzige Sekunde lang zugehört hatte. »Ich rate Ihnen, sofort Ihre Sachen zusammenzupacken. Gleich anschließend nehmen Sie sich ein Taxi zum Flughafen. Dort lassen Sie sich ein Ticket für die erste Maschine nach Deutschland ausstellen. Verstehen Sie? Sofort. Vergessen Sie den Rückflug morgen.«
   »Kann es sein, dass Sie übergeschnappt sind?«
   Sie nieste kurz, dann gleich noch einmal.
   »Zigarette aus, Herr Platschke. Ich habe Ihnen doch erklärt, dass ich den Rauch …«
   »Jaja, schon gut.« Er schnitt ihr das Wort ab und schnippte die Zigarette aus dem Fenster.
   »Ich meine es ernst, Herr Platschke. Denken Sie nicht darüber nach, tun Sie einfach, was ich Ihnen gesagt habe.« Während sie sprach, sah sie ihn nicht an. »Verlieren Sie keine Zeit, Herr Platschke. Ich meine es wirklich ernst. Sehr ernst.«
   »Ich glaube, mit Ihnen ist etwas sehr ernst nicht in Ordnung. Das ist noch harmlos ausgedrückt. Keine Angst – ich habe wirklich keine Lust, auch nur eine Stunde länger hier in Prag zu bleiben. Ich will nur noch nach Hause.«
   »Umso besser.«
   Wann er zurückflog, ging sie nun absolut gar nichts an. Das sollte sie gefälligst ihm überlassen. Was hatte er nur für eine Niete gezogen … Ausgerechnet er musste an eine komplett Verrückte geraten.

Endlich. Sie waren am Ziel. Frau Schultze stoppte ihren Fabia vor dem Kaiserhof und ließ den Motor laufen.
   »Auf romantische Abschiedsszenen verzichten wir besser«, brummte Leo. Er öffnete die Tür und wollte aussteigen, als Frau Schultze plötzlich wieder mit kreischenden Reifen losfuhr.
   »Hey«, brüllte er und konnte die Tür im letzten Moment zuziehen, bevor sie eine Passantin auf dem Gehweg gerammt hätte.
   Er warf den Kopf zurück und entdeckte zwei Männer, die dem Auto ein paar Schritte hinterherrannten, dann stehenblieben und mit einer Hand in die Innentaschen ihrer Jacken griffen. Die Gesten waren eindeutig. Leo wusste, was die beiden gleich ziehen würden und verfolgte ihre Bewegungen nicht einmal bis zum Schluss.
   Wie betäubt starrte er nach vorn. In welchen Film war er denn hier um Himmels willen hineingestolpert?
   Mit einem Seitenblick stellte er fest, dass Frau Schultze sich schon wieder voll und ganz auf ihren halsbrecherischen Fahrstil konzentrierte. Der Fabia fegte davon, spritziger, als Leo es diesem Wagen jemals zugetraut hätte, und diesmal pfiffen die Kugeln seitlich am Auto vorbei. Frau Schultze raste um die nächste Kurve und beschleunigte von Neuem.
   »Damit hatte ich nicht gerechnet«, sagte sie, erneut mit dieser erstaunlichen Ruhe. »Dass die so schnell in Ihrem Hotel sein würden, also damit war wirklich nicht zu rechnen.«
   Leo war vollkommen sprachlos. Er war bedient, restlos bedient.
   Schon wieder – oder immer noch – jagten sie in diesem Fabia durch diese sonderbare Stadt, die offensichtlich nichts, aber auch rein gar nichts für ihn übrig hatte. Es war einfach unfassbar.
   Frau Schultze bog immer wieder nach rechts und links ab und behielt dabei den Rückspiegel im Blick. »Wenigstens konnte uns diesmal niemand folgen«, sagte sie nach ein paar Minuten.
   »Was machen wir jetzt?«
   »Eine wirklich gute Frage, Herr Platschke.«
   »Das Beste wird wohl sein, Sie setzen mich in der Nähe des Hotels ab und ich gehe dann allein hin.«
   »Das wird wohl eher das Schlechteste sein. Jedenfalls für Sie. Sie könnten sich auch gleich selbst eine Kugel in den Kopf schießen.«
   Sogar das sprach sie in aller Ruhe aus.
   Wieder konnte er nichts anderes tun, als sie anzustarren.
   »Hören Sie zu …«, sagte er nach einer Pause.
   »Nein, nicht jetzt, Herr Platschke. Ich muss nachdenken. Stören Sie mich nicht.«
   »Stören? Das ist ja wohl …« Ihm blieb endgültig die Luft weg. Unglaublich. Das alles war mehr als unglaublich. In taumelnden Gedanken verloren, zog er seine Zigarettenschachtel aus der Tasche.
   »Herr Platschke. Nicht rauchen. Ich hab’s Ihnen doch gesagt«, ertönte ihre Stimme.
   Hinter ihnen lag irgendwo der Hradschin, viel mehr hätte Leo kaum über ihre Position sagen können. Sie schienen sich immer weiter vom Zentrum zu entfernen. Da Frau Schultze weiterhin stur geradeaus blickte, ohne ihn zu beachten, war es wohl an ihm, etwas zu äußern. Nur was? Was würde Bruce Willis jetzt sagen?
   »Hören Sie zu«, begann Leo. Diesmal unterbrach sie ihn zwar nicht, aber andererseits wusste er auch nicht, was er eigentlich loswerden wollte. Also war er wieder still.
   Sie fuhren weiter. Häuserblock folgte auf Häuserblock, einer trostloser als der nächste. Die anderen Skodas auf den Straßen sahen immer armseliger aus.
   »Sie wollen mich also nicht zurück zum Hotel fahren?«, fragte er schließlich und stellte fest, wie überraschend unsicher seine Stimme auf einmal klang.
   »Nein«, antwortete sie. »Ich traue mich nicht einmal, Sie zum Flughafen zu bringen. Wahrscheinlich sind sie dort auch schon.«
   »Wer sind diese ‚sie‘?«
   »Glauben Sie mir, Herr Platschke, das wollen Sie gar nicht wissen.«
   »Stopp«, sagte er.
   »Wie bitte?«
   »Halten Sie an.«
   »Warum sollte ich anhalten?«
   »Ich steige aus.«
   »Sind Sie verrückt?«
   Er öffnete ein Stück weit die Beifahrertür. »Lassen Sie mich aussteigen oder ich springe raus.«
   Sie bremste ab und brachte den Fabia am Fahrbahnrand zum Stehen. Leo stieg aus und knallte die Tür zu.
   »Herr Platschke!« Sie rief ihm hinterher. »Seien Sie nicht albern. Kommen Sie zurück.«
   Daran dachte er gar nicht. Er ging einfach weiter, zumindest froh, endlich wieder eine Zigarette rauchen zu können, ohne dass sich jemand über den Qualm beschwerte. Er hatte gerade zum zweiten Mal genüsslich gezogen, als der Fabia an ihm vorbeifuhr, um an der nächsten Kreuzung abzubiegen und damit aus seinem Blickfeld zu verschwinden.
   Er ging weiter und kam sich so verloren vor wie nie zuvor in seinem Leben. Das Geräusch der Schüsse surrte noch in seinen Ohren. Musste das auch ausgerechnet ihm passieren, der sonst immer alles im Griff hatte, vor dem die älteren Männer der Berger Straße immer höflich den Hut zogen?
   Es war nichts zu sehen außer diesen beiden Reihen immer gleicher Wohnblocks, zwischen denen er herging, und dem schmalen Streifen blauen Himmels darüber. Keine Menschenseele weit und breit, es war, als liefe er durch eine Geisterstadt. Kein Wunder, dass Bruce-Willis-Filme nie in Prag spielten. Leo wechselte die Straßenseite, ohne eigentlich zu wissen, weshalb, und zündete sich eine weitere Zigarette an. Die Schachtel war beinahe leer – na klar.
   An der nächsten Kreuzung bog er ab, ging einfach in eine andere Richtung, wieder ohne ersichtlichen Grund. Auf einmal tauchten zwischen zwei Wohnblocks ein paar Gestalten auf. Sie kamen auf ihn zu. Es waren Jugendliche, fünf Jungs, die er auf achtzehn oder neunzehn schätzte. Schräg abrasiertes Haar, Kampfjacken im Tarnlook und darunter abgewetzte, billige Sportklamotten, etliche Piercings. Jeder von ihnen starrte ihm in die Augen. Ihre Mienen freundlich zu nennen, wäre ein eher schlechter Witz gewesen. Sie gaben ihm keinen Millimeter Platz. Er wich ihnen aus und merkte dabei, wie ihre abschätzenden Blicke über seine Kleidung glitten. Einer sagte etwas auf Tschechisch zu ihm. Die übrigen lachten, zogen ein paar freche Grimassen.
   Er war erleichtert, als er endlich an ihnen vorbei war, und blickte sich noch einmal um. Sie drehten sich ebenfalls nach ihm um. Etwas in ihren Augen ließ sie älter wirken, als sie waren. Älter und bedrohlicher.
   Leo ging ein wenig schneller. An der nächsten Kreuzung schlug er wieder eine andere Richtung ein. Es spielte ja doch keine Rolle. Hier gab es nichts, rein gar nichts, weder Bus- noch U-Bahn-Stationen noch Taxistände noch sonst etwas. Er war auf verlorenem Posten. Es konnte womöglich Stunden dauern, bis er zurück im Hotel wäre, er wusste ja nicht einmal, wie er dorthin gelangen sollte.
   Hinter sich hörte er etwas. Er drehte sich kurz um, und zu seiner Verblüffung waren plötzlich wieder diese fünf jungen Kerle aufgetaucht. Sie gingen jetzt in seine Richtung, hinter ihm her. Wenn auch zum Glück noch in einiger Entfernung. Die Sache gefällt mir ganz und gar nicht. Irgendwo in seiner Magengrube machte sich ein mulmiges Gefühl breit.
   Er spähte erneut über die Schulter. Sie waren ein Stück näher zu ihm aufgerückt. Ihre Blicke lagen auf ihm, als wollten sie ihn durchbohren. Er merkte, dass er unbewusst noch ein wenig schneller ging. Worauf auch sie schneller gingen. Er hörte bereits ihre Sohlen auf dem Asphalt so deutlich, als wären sie nur noch zwei oder drei Schritte von ihm entfernt.
   Sich davon mit einem weiteren Schulterblick zu überzeugen, hielt er für unnötig. Mehr als unnötig.
   Er rannte los. Ganz plötzlich. So schnell er konnte.
   Er hörte, wie sie ebenfalls rannten. Einer rief etwas, und wieder lachte der Rest. Er stürmte über eine Kreuzung hinweg, eine weitere dieser düsteren Straßen entlang, und er wusste, dass es höchstens noch ein paar Sekunden dauern konnte, bis dieses wildgewordene Slumgemüse ihn erwischen würde. Die nächste Kreuzung kam, und auf einmal tauchte ein Auto auf, raste auf ihn zu – es wollte ihm offensichtlich den Weg abschneiden. Wahrscheinlich ein paar Kumpane, schoss es durch Leos Kopf, der von der Anstrengung fast zu platzen schien.
   Mit quietschenden Reifen kam das Auto vor ihm zum Stehen. Leo konnte gerade noch verhindern, dass er mit voller Wucht auf den Kotflügel prallte.
   Das Auto war rot. Ein roter Skoda Fabia. Endlich erkannte Leo, wer hinter dem Steuer saß.
   »Schnell«, rief ihm Frau Schultze durch das offene Beifahrerfenster zu. »Rein mit Ihnen!«
   Kaum dass er saß, die Tür hatte er noch nicht einmal schließen können, gab sie bereits wieder Gas und jagte davon. Bei einem Blick durch das zerschossene Rückfenster sah Leo, dass seine fünf Verfolger stehen geblieben waren, die Mittelfinger zeigten und dank Frau Schultzes üblichem Tempo rasch kleiner wurden.
   Er ließ sich in den Sitz sinken, atmete durch, ganz tief, und stellte erst jetzt fest, dass der Schweiß in wahren Fluten an seinem Körper hinab strömte.
   »Verfluchtes beschissenes Prag«, murmelte er.
   »Kindisch«, war Frau Schultzes prompte Reaktion.
   »Was?«
   Sie schüttelte ihren Kopf. »Sehen Sie jetzt, wie kindisch es von Ihnen war, ausgerechnet hier auszusteigen. Ich muss schon sagen, Herr Platschke.« Sie wirkte beleidigt, als könnte er irgendetwas für diesen Schlamassel. Es wurde ja immer besser.
   »Kindisch?« Seine Stimme überschlug sich. »Kindisch?«
   »Brüllen Sie bitte nicht in meinem Auto herum, Herr Platschke.« Sie rollte mit den Augen. »Davon kriege ich bloß Kopfschmerzen.«
   »Sie meinen, ich sollte das irgendwie bedauern, oder was?«
   »Regen Sie sich nicht auf, Herr Platschke. Verlassen Sie mein Auto erst, wenn ich es Ihnen sage. Hier auszusteigen und herumzuspazieren ist keine gute Idee. Sie hatten Glück, dass ich Sie überhaupt wiedergefunden habe.«
   »Glück? Glück? Ja klar. Ich bin ein echter Glückspilz. O ja, ich kann mein Glück wahrlich kaum fassen.«
   »Ich sagte doch: Regen Sie sich nicht auf, Herr Platschke.«
   »Warum auch. Erst versucht ein Killer, mich abzuservieren, und dann wollen mich diese cracksüchtigen Nachwuchszombies auf offener Straße überfallen. Mehr Glück ist wirklich kaum vorstellbar.«
   »Im Grunde können einem diese Jungen nur leidtun.«
   »Diese Jungen, wie Sie sie nennen, haben mir auch rich-tig leidgetan, als sie mir auf den Fersen waren, glauben Sie mir.«
   »Kein Grund, schon wieder so laut zu werden, Herr Platschke. Ich muss jetzt erst mal überlegen, wie es weitergehen soll.«
   »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei.«
   Er zog die Schachtel mit den letzten beiden Zigaretten hervor, ließ sie aber gleich wieder resigniert in die Tasche gleiten. Eine neuerliche Diskussion über das Rauchverbot in Frau Schultzes Fabia war wirklich das Letzte, wonach er sich jetzt sehnte.
   Ratlos starrte er nach draußen. Die Sonne ging bereits unter. Durch das offene Heckfenster strömte auf einmal kühle Luft ins Wageninnere. Wie gern hätte er es sich in diesem Moment am Tresen im Lüsterweibsche bequem gemacht und ein wenig mit der guten alten Henny geplaudert.
   Ganz leise schlich ein Seufzer über Leos Lippen. »Irgendwie ist irgendwo irgendwas schief gelaufen. Ach du liebes Lieschen.«
   Nach einiger Zeit erreichten sie wieder belebtere Straßen und der Fabia tauchte unter in dieser endlosen Skodaflut, wurde regelrecht verschluckt. Leo merkte, wie Frau Schultzes Seitenblicke ihn hin und wieder streiften.
   »Was glotzen Sie mich so an?«
   »Keine Bange, Herr Platschke. Ich bringe Sie schon raus hier.« Zum ersten Mal hörte sich ihre Stimme nicht mehr ganz so angriffslustig an.
   »Was meinen Sie mit hier? Prag?«
   »Nein. Raus aus diesem Land. Das wollten Sie doch.«
   »Nach Hause?« Mittlerweile klang er richtig heiser.
   »Richtig. Nach Frankfurt.«
   »Wann?«
   »Wir sind schon auf dem Weg.«
   »Was? In dieser Obstkiste, die Sie als Auto bezeichnen, fahren wir nach Frankfurt? Jetzt?«
   »Ich habe Ihnen doch gesagt, Herr Platschke, den Flughafen können Sie abschreiben.«
   »Was ist mit meinen Sachen? Die sind noch im Hotel.« Entnervt hob er seine Hände. »Meine Tasche. Meine Sachen, alles. Mein neues Hemd.«
   »Etwa das Hemd, das Sie gestern anhatten? Scheußliche Farbe, wenn Sie mich fragen.«
   Er fragte aber nicht. Das Haar hing ihm wirr in die Stirn und sein Blick brütete stumpf im Nirgendwo. Alles, was er tat, war bloß noch darauf zu warten, dass er endlich aus diesem katastrophalen Albtraum aufwachte, und zwar daheim in seinem Bett in Bornheim.

Kapitel 2

Er stand von dem eleganten schwarzen Ledersofa auf und ging unbeholfen wie auf Stelzen zu dem Bücherregal, aus dessen geschlossenem Mittelteil er per Knopfdruck eine Hausbar herausfahren ließ. Im Gegensatz zu dem fast leeren Regal war die Bar prächtig ausgestattet. Konzentriert, wie bei allem, was er tat, schenkte er sich einen weiteren Dimple ein und gab noch etwas Eis hinzu. Er durchquerte das Wohnzimmer, das größer war, als die meisten kompletten Wohnungen in diesem Stadtteil, und trat ans Fenster. Wieder hatte jeder einzelne Schritt geschmerzt. Mit der freien Hand befühlte er ganz vorsichtig die lädierte Stelle zwischen seinen Beinen.
   Peinlich.
   Nicht nur, dass es ihn genau dort erwischt hatte. Peinlich war vor allem, dass ihn diese so plötzlich aufgetauchte Witzfigur erwischt hatte. Bislang wussten sie noch nicht, wer der Kerl überhaupt war. Andererseits hatte er auch nicht so ausgesehen, als würde er ein großes Problem darstellen oder auch nur ein kleines.
   Schlimmer als die Hodenprellung, das geschwollene Jochbein und selbst die kleine Platzwunde am Hinterkopf war ohnehin sein steifer Hals – ein Resultat des Überschlags, der ihn den Mazda gekostet hatte. Er war kaum in der Lage, seinen Kopf auch nur ein paar Zentimeter nach rechts oder links zu bewegen. Wenn auch sein Ruf eine Schramme abbekommen würde, weil er sich von zwei derartigen Amateuren hatte düpieren lassen, so konnte er doch von Glück sagen, dass ihm nicht mehr passiert war bei diesem Unfall. Er hätte jetzt genauso gut in irgendeinem Krankenhaus auf der Intensivstation liegen können. Oder in einer Kunststoffkiste.
   Er massierte sich behutsam den geschundenen Nacken, nippte an dem Whisky und ließ seinen Blick über die Lichter Prags streifen. Es war gerade dunkel geworden, aber die Reste des Tages lagen noch als ferner heller Schleier am Horizont.
   Eine kalte Dusche würde ihn wieder richtig wach machen. Als er nach Hause gekommen, eher gehumpelt, war, hatte er zwei Kopfwehtabletten geschluckt und sich ein wenig hingelegt. Er war sofort eingeschlafen, und jetzt fühlte er sich immer noch irgendwie benommen. Seine Kopf- und Nackenschmerzen pochten nach wie vor munter vor sich hin. Die Wunde am Hinterkopf hatte ziemlich heftig geblutet. Es wäre wohl besser gewesen, sie nähen zu lassen.
   Das Seltsame war, dass er geträumt hatte. Jahrelang – jedenfalls kam es ihm so vor – hatte er keinen einzigen Traum mehr gehabt. Jetzt war er im Schlaf plötzlich wieder der kleine Junge gewesen, der in den U-Bahn-Schächten Moskaus Jahre in Dunkelheit verbracht hatte. Nicht nur in dieser realen Dunkelheit, sondern auch in der, die sich damals in seinem Kopf ausgebreitet hatte.
   Diese Zeit war wie ausgelöscht gewesen, als hätte sie es nie gegeben, doch mit diesem Traum war sie auf einmal aufgetaucht wie ein lange verschollenes Schiffswrack. Er war wieder zwölf Jahre alt gewesen und die älteren Jungen hatten ihn verprügelt und ihn um seine klägliche Diebesbeute erleichtert. Eigenartig, wie stark und unmittelbar alles gewirkt hatte. War es jedoch nicht viel überraschender, wie erfolgreich es ihm in den vergangenen Jahren gelungen war, diese Vergangenheit zu ignorieren? Wieso kam sie jetzt zurück zu ihm?

Nach der Dusche fühlte er sich tatsächlich besser. Er rasierte sich und ging zum Kleiderschrank. Aus den knapp fünfzig Anzügen wählte er einen nachtschwarzen aus Seide. Dazu ein grau meliertes Poloshirt und leichte, bequeme Lederslipper.
   Bei den Waffen entschied er sich für seine neue Glock, eine ungarische 9-mm-Pistole. Die erste Pistole, die er in seinem Leben besessen hatte, vor vielen Jahren, war vom gleichen Modell gewesen. Als er kürzlich auf diese hier gestoßen war, hatte er sie sofort gekauft. Fünfhundert Euro, quasi ein Schnäppchen. Bevor er sie in den Bund der Seidenhose schob, betrachtete er sie ein paar Sekunden lang. Warum hatte er sie unbedingt haben müssen? Schon wieder ein kleiner unbewusster Ausflug in die Vergangenheit?

Er ließ sich von einem Taxi zu Viktors Werkstatt fahren. Viktor bot ihm einen BMW Z3 an, aber er lehnte ab. Zu auffällig für seinen Geschmack. Also griff er nach dem Schlüssel, der zu einem Mazda gehörte. Er war mit dem letzten nicht unzufrieden gewesen, auch wenn der ihm kein Glück gebracht hatte. An Glück und Pech glaubte er ohnehin nicht.
   Viktor hatte bereits von seinen Missgeschicken ein paar Stunden zuvor gehört, das war aus dessen Bemerkungen leicht herauszuhören. Das bedeutete, dass inzwischen so gut wie jeder davon wusste. Er konnte sich nicht noch mehr solcher albernen Pannen leisten, denn immerhin war sein Ruf makellos, bisher jedenfalls. Wenn Honsa und Pavel die Frau und ihren mickrigen Begleiter wenigstens später vor dem Hotel erwischt hätten, würde seinem Versagen weniger Aufmerksamkeit geschenkt werden.
   Doch trotz allem machte er sich keine Sorgen. Es war an der Frau, sich Sorgen zu machen.
   Er fuhr ein paar Runden durch die Innenstadt, um sich an den Wagen zu gewöhnen, und ließ dabei geduldig die Zeit verstreichen, bis es fast schon Mitternacht war. Dann parkte er im Hinterhof des Club 22.
   Es war noch nicht viel los hier in dieser Nacht, kaum Publikum. Prüfend und konzentriert, als würde er den Kauf eines Autos abwägen, betrachtete er die Körper der Stripteasetänzerinnen, während er langsam den Weg zu dem langen, L-förmigen Tresen zurücklegte. Er wechselte ein paar Bemerkungen mit dem Mädchen dahinter, das ihm sagte, dass er sich bereits in einem der hinteren Zimmer befinden und auf ihn warten würde. Er, damit war der Georgier gemeint.
   Er ging nach hinten, wo ihn einer der Wachposten, die sich dort plötzlich aus der schummrigen Dunkelheit des Nachtklubs herausschälten, in Empfang nahm. Er kannte den Mann. Sein Name war Petrov.
   »Fuck off«, sagte Petrov mit einem Grinsen. »Wen haben wir denn da? Lange nicht gesehen, was?«
   »Ja. Lange nicht gesehen.«
   Er konnte es nicht leiden, wenn Leute, die eigentlich nicht Englisch sprachen, mit englischsprachigen Flüchen um sich warfen. Momentan war es offenbar ziemlich stark in Mode. Er konnte nur durch den gelegentlichen Umgang mit dem Computer ein wenig Englisch. Dark hieß dunkel, das wusste er genau, und zwar deshalb, weil sein Name so ähnlich klang: Darko. Es war nicht sein richtiger Name, aber es war der Name, an den er sich gewöhnt hatte, der ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Dark. Dunkel. Das passte zu ihm.
   »Come on, Darko.« Petrov zwinkerte ihm zu. Freundschaftlich oder provozierend, das war schwer zu sagen. »Nur hereinspaziert. Du wirst erwartet.«
   Eine halbe Minute später saß er dem Georgier gegenüber. Diesem Menschen, der für all die normalen Leute da draußen wohl nicht mehr viel mit einem Menschen gemein haben mochte.
   Richtig hieß er Alexander Tskitishwilli und er war ein Perfektionist. Vor ein paar Jahren hatte es geheißen, es würde ein neuer Mann aus Moskau kommen, um mit denen, die innerhalb der Organisation für die eigene Tasche arbeiteten, gründlich aufzuräumen. Gründlich war ein Wort, das von dem Georgier hätte erfunden sein können. Einen Monat, neunzehn Kopfschüsse, hundert abgeschnittene Finger und Zehen sowie kaum zu zählende Knochenbrüche später hatte er für Ruhe gesorgt, nachdem es jahrelang ständig Kleinkriege und Scharmützel unter einzelnen Gruppierungen gegeben hatte. Seitdem gehörte ihm Prag.
   Der Georgier war knapp einen Meter siebzig groß – besser gesagt klein – und hatte karottenrotes, auf den immer millimetergleichen Stand kurz geschorenes Haar. Seine Haut war bleich, beinahe durchscheinend, und seine Augen wirkten farblos, starr, wie gefroren. Er konnte kaum mehr als fünfundsechzig Kilo wiegen, aber selbst hart gesottenste Profis wurden unruhig, wenn sie nur in einem Zimmer mit ihm waren. Seine Macht ergab sich nicht aus seiner Körpergröße, sie wurde durch seine Ausstrahlung, durch seine erschreckende Reputation deutlich. Ebenso durch die Männer, die er um sich geschart hatte: Sie waren die Besten.
   Zwei von ihnen standen auch jetzt hinter ihm, in diesem kaum beleuchteten, fensterlosen Raum, während er in einem Sessel saß, der fünfmal so viel wert war wie das komplette Monatsgehalt eines durchschnittlichen Prager Angestellten.
   Darko saß ebenfalls in einem solchen Sessel, dem Georgier gegenüber. Aus dem Bar- und Stripbereich drangen leise schwülstige Musikfetzen zu ihnen.
   »Du weißt, Darko, dass ich kein ungeduldiger Mensch bin. Wenn man wirklich etwas will, muss es auch wert sein, darauf zu warten.«
   Darko schwieg. Selbst eine derart harmlose Gesprächseröffnung hatte schon manchen Mann in Schweißausbrüche versetzt, aber er blieb völlig ruhig. Er hatte keine Angst. Er kannte dieses Gefühl überhaupt nicht, schien es irgendwann einfach verloren zu haben, als er nichts hatte, um was es zu fürchten gelohnt hätte.
   »Du weißt auch«, sagte der Georgier mit seiner metallisch klingenden Stimme, »dass ich dank meiner Geduld mit unangenehmen Situationen immer fertig werde. Wenn es wirklich Probleme gibt, Schwierigkeiten, einen Streit, einen kleinen Krieg, was auch immer – dann sollte man nie überstürzt handeln. Vor allem dann, wenn es Rückschläge gibt, darf man niemals den Kopf verlieren. Man muss geduldig und in aller Ruhe auf den richtigen Moment warten. Die Contenance bewahren. Kennst du den Ausdruck?«
   Darko äußerte erneut kein Wort, doch mit einer Antwort war auch nicht gerechnet worden.
   »Ich muss zugeben, jedenfalls hier, im engsten Freundeskreis, dass ich gelegentlich – bitte, verrat’s nicht weiter, Darko, es würde meinem guten Ruf schaden – dass ich gelegentlich eben doch absolut die Geduld verliere. Weißt du, wann? Wenn Kleinigkeiten nicht klappen. Dinge eben, die es absolut nicht wert sind, darauf zu warten. Die es nicht wert sind, Zeit und Aufmerksamkeit dafür zu opfern. Du weißt, was ich meine. Zum Beispiel, wenn man einschlafen will und ständig ein Wasserhahn tropft oder wenn man endlich, nach stundenlanger Suche, einen Zigarettenautomaten gefunden hat, und das verdammte Ding dann nicht funktioniert. Zum Verrücktwerden, nicht wahr? Zum Aus-der-Haut-Fahren. Auch ein schöner Ausdruck. Wenn man für die winzigen Probleme zu viel Zeit verschwendet, haben die großen zu viel Zeit, noch größer zu werden.«
   Sein lippenloser Mund verzog sich zu einem schmalen Grinsen, während seine kalten Augen nach wie vor zu Darko blickten.
   »Ich will dir nicht deine kostbare Zeit stehlen, Darko. Es war einfach mal wieder fällig, sich zu sehen, stimmt’s?«
   Abrupt stand der Georgier auf und verließ, seine beiden stummen Begleiter im Schlepptau, ohne ein weiteres Wort den Raum.
   Während der ganzen Zeit hatte Darko keinen Ton von sich gegeben. Als er sich jetzt langsam erhob, kam Petrov herein. Er reichte Darko eine Straßenkarte.
   »Die markierten Punkte sind die Stellen, wo sie zuletzt gesehen wurden.«
   »Alles klar.«
   »Haben irgendeine komische Richtung eingeschlagen.«
   »Ich gehe jetzt.«
   »Farewell, Darko.«
   Arschloch!

Er machte sich nicht sofort an die Verfolgung. Vor dem Café Chantal, das ein paar Minuten vom Wenzelsplatz entfernt lag, parkte er den Wagen. Auch im Café war kaum etwas los, nicht überraschend für die späte Uhrzeit. In aller Ruhe trank Darko zwei Espresso. Dabei studierte er unauffällig an einem winzigen Zweiertischchen sitzend die Straßenkarte. Die wenigen, mit rotem Filzstift eingekringelten Punkte waren keine große Hilfe, deuteten aber zumindest daraufhin, auf welchen Straßen sie die Stadt verlassen hatten.
   In der Tat, eine seltsame Richtung, für die sie sich entschieden hatten.
   Mit seinem Handy rief Darko noch ein paar weitere Kontaktleute an, doch dabei sprang nichts heraus. Keiner von denen hatte irgendwelche neuen brauchbaren Informationen. Er bezahlte, gab ein Trinkgeld, weder zu hoch noch zu niedrig, und machte sich auf den Weg zu dem Mazda.
   Es wurde Zeit, die Kleinigkeit, wie der Georgier es genannt hatte, zu erledigen.

Kapitel 3

Der Schlag gegen den Kopf, der ihn weckte, war so hart, dass er fast wieder ohnmächtig geworden wäre. Erschrocken und völlig verwirrt fuhr er zusammen. Er sah kaum etwas und rätselte, wo er sich überhaupt befand. Allerdings nur kurz.
   »Nichts passiert, alles in bester Ordnung.«
   Der Klang dieser spöttischen Stimme führte Leo mit ernüchternder Unmittelbarkeit wieder die Lage vor Augen, in die er da so urplötzlich hineingeschlittert war.
   »Was war denn?«, fragte er und hatte gewisse Mühe, in dem heiseren Krächzen die eigene Stimme zu erkennen.
   »Überhaupt nichts. Ich musste plötzlich einem Kaninchen ausweichen«, antwortete Frau Schultze, »und dabei sind Sie mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe geprallt.«
   Das war also der Schlag gewesen.
   »Bin wohl eingenickt.« Er fuhr sich durchs verstrubbelte Haar.
   »Eingenickt?« Sie lachte ein wenig. »So tief, wie Sie geschlafen haben, dachte ich, Dornröschen sitzt hier neben mir. Sie können ja ganz schön schnarchen.«
   Automatisch griff er nach den Zigaretten.
   »Herr Platschke.«
   Er machte sich erst gar nicht die Mühe zu protestieren. Wortlos ließ er die Zigarette zurück ins ramponierte Päckchen gleiten und platzierte es auf der Ablage über dem Handschuhfach. Er fühlte sich einfach zu zerschlagen, um zu streiten.
   Es war Nacht. Draußen war kaum etwas zu erkennen. Es gab nicht einmal Straßenlaternen. Frau Schultze fuhr fünfzig, sechzig, im Höchstfall mal siebzig. Eine höhere Geschwindigkeit wäre wahrscheinlich auch gleichbedeutend mit Selbstmord gewesen. Offenbar befanden sie sich auf einer Landstraße, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Den Hasen hatten sie ja schon getroffen.
   Leo warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett. Halb drei morgens. »Wo sind wir?«, fragte er, obwohl er schon vorher wusste, dass es nichts brachte.
   »Am besten, Sie ruhen sich noch ein bisschen aus, Herr Platschke. Nachher können wir ja vielleicht mal eine Pause machen.«
   »Sind wir auf dem Weg nach Deutschland? Nach Frankfurt?«
   »Was dachten Sie denn, Herr Platschke?« Ihre Stimme klang ganz unbekümmert.
   »Wollen Sie mich schon wieder verarschen?« Argwöhnisch funkelte er sie von der Seite an.
   »Herr Platschke.« Sie betonte es mit einer gewissen Entschiedenheit. »Auf dem Weg, den ich gewählt habe, ist es sicherer als auf der Autobahn. Vertrauen Sie mir.«
   »Ihnen? Vertrauen? Ein guter Witz, wirklich.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn wir in dem Schneckentempo weiterfahren, feiern wir noch silberne Hochzeit in Ihrer schönen Heimat.«
   »Nun malen Sie aber den Teufel an die Wand.«
   Zufrieden mit ihrer Ironie zeigte sie ein Lächeln, das er sogar in dem schlechten Licht erkannte, das der Fabia seinen Fahrgästen gönnte.
   Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie kalt es inzwischen geworden war. Die zerstörte Heckscheibe stellte sich nachts als echtes Problem heraus. Er fröstelte in seinem T-Shirt und dem dünnen Sommerhemd darüber und rieb seine Handflächen gegeneinander.
   »Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären in einer Wüste und würden sterben vor Hitze. Dann kommt es Ihnen nicht ganz so kalt vor.«
   »Noch so ein Ratschlag«, brummte Leo bei einem kurzen Blick auf die gefütterte Lederjacke, die sie trug, »und ich werde ziemlich wüst.«
   Weiter ging es in diesem Zeitlupentempo. Die Straße wurde schlechter, holpriger. Kein Auto kam ihnen entgegen, keines überholte sie. Sie durchquerten einen Wald und in den engen Kurven musste Frau Schultze meistens sogar bis auf dreißig heruntergehen.
   »Auch wenn Sie mir keine Antwort geben werden«, sagte Leo nach einer Weile, »frage ich Sie trotzdem noch mal. Wer war der nette Kerl in Ihrer Wohnung? Und seine beiden Kollegen vor dem Hotel? Was wollten die von Ihnen? Haben Sie denen auch ein Treffen mit Darinka versprochen?«
   »In seltenen Fällen mag ich Ihren Humor, Herr Platschke.«
   Sekunden verstrichen, eine halbe Minute.
   »Eine Antwort, Frau Schultze.«
   »Kennen Sie den Film mit Marlon Brando?«
   Es war wirklich kaum zu glauben. »Ich kenne jeden gottverdammten Film mit Marlon Brando, okay? Er wird immer der Größte bleiben, okay? Lassen Sie uns doch einfach ein anderes Mal über unsere Lieblingsfilme diskutieren. Okay?«
   »Ich spreche von dem Film, in dem er Don Pietro Corleone spielt.«
   »Sie meinen Don Vito Corleone, Frau Schultze.« Er atmete tief durch. »Eine Antwort, Frau Schultze.«
   »Das ist meine Antwort.«
   »Was? Der Pate?«
   »Ja.«
   »Sprechen Sie in Ihrer chronischen Verwirrtheit von der Mafia, oder was wollen Sie eigentlich sagen?«
   »Treffer.«
   »Klar, Don Vito Corleone ist hinter Frau Schultze her. Wer auch sonst?«
   »Falsch. Nicht Don Vito. Die Russenmafia.«
   »Natürlich. Die Russenmafia will die Leiterin eines Eheanbahnungsinstituts kaltmachen. Auf Eheanbahnungsinstitutsleiterinnen sind die ganz besonders scharf. Wer wüsste das nicht?«
   »Sie wollten die Antwort. Jetzt haben Sie sie. Ich muss mich aufs Fahren konzentrieren.«
   Leo sagte nichts darauf. Wozu auch. Das alles war absolut lächerlich. Aus einem plötzlichen Impuls heraus öffnete er das Handschuhfach. Wie er erhofft hatte: eine Straßenkarte. Er nahm sie und faltete sie umständlich auseinander. »Gibt es in dieser Kirmesschaukel echt kein besseres Licht?«
   Statt einer Antwort kurbelte Frau Schultze mit ihrer linken Hand ihr Fenster herunter.
   »He, hier kommt auch so genug Frischluft herein.« Leo protestierte.
   Im nächsten Augenblick griff sie mit ihrer Rechten nach der Straßenkarte, riss sie Leo geschickt aus den Händen – und warf sie aus dem Fenster nach draußen in die Dunkelheit.
   »Wahnsinnig«, sagte Leo, während sein Blick völlig entgeistert von der davon wehenden Karte zu der Frau wanderte, die nach wie vor ungerührt und konzentriert auf die Straße sah. »Sie sind wirklich total wahnsinnig. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar.«
   »Ich kenne den Weg, Herr Platschke. Glauben Sie mir, je weniger Sie wissen, desto besser ist das für Ihre Gesundheit.«
   Darauf gab es nichts zu antworten. Was sollte man um Himmels willen dieser Verrückten auch antworten? Leo jedenfalls wusste es nicht.
   Eine weitere Stunde verstrich. Sie schwiegen. Frau Schultze blieb konstant auf siebzig. Gelegentlich fuhren sie nun durch kleine Dörfer, die wie tot in der eintönigen Landschaft lagen. Eine weitere Stunde schlich sich davon, von nichts anderem begleitet als von dem monotonen Gurgeln des Motors. Leo sank immer wieder kurzzeitig in den Schlaf.
   Als sich am Horizont ein Fetzen Helligkeit hervorwagte, bot Leo an, sich jetzt auch mal hinters Steuer zu klemmen. Doch Frau Schultze lehnte ab. Später vielleicht, sie sei noch topfit, langes Fahren tue ihr gut. »Es entspannt mich«, sagte sie, ohne zu ihm herüberzusehen.
   Leo drehte an den Knöpfen des Radios. Außer einem verzerrten Rauschen kam nichts dabei heraus.
   »Kaputt«, sagte Frau Schultze.
   »Na klar«, sagte Leo.
   Frau Schultze wühlte in dem Fach an der Innenseite der Fahrertür. Eine Kassette kam zum Vorschein. »Der Rekorder funktioniert.« Sie schob die Kassette hinein und drückte eine Taste.
   Die Töne, die sofort den Fabia füllten, waren schauderhaft. Selbst das Rauschen dieser Radioruine zuvor hatte kaum schlimmer geklungen.
   »Ach du liebes Lieschen«, sagte Leo.
   »Gefällt es Ihnen nicht, Herr Platschke? Das ist tschechische Popmusik.«
   »Klingt wie Donald Duck auf LSD.«
   Wortlos drückte Frau Schultze die Stopptaste.
   Es wurde endgültig hell. Weitere Dörfer tauchten auf. Leo machte sich erst gar nicht die Mühe, die zungenbrechenden Namen auf den Ortsschildern zu lesen.
   »Wir sind seit circa siebentausend Stunden unterwegs, und ich habe noch auf keinem einzigen Schild einen Hinweis auf die deutsche Grenze entdeckt. Können Sie mir das irgendwie erklären?«
   »Nebenstraßen, Landstraßen, Schleichwege. Das ist meine Erklärung. Die sollte Ihnen genügen.« Sie sagte es mit einem unzweifelhaft aggressiven Unterton und er fragte sich, wann zuletzt eine Frau so mit ihm umgesprungen war. Falls überhaupt jemals.
   »Jetzt könnte ich doch wirklich auch mal fahren.«
   »Glauben Sie mir, ich bin topfit.«
   »Ich muss pinkeln«, sagte er dann, »und endlich mal eine verdammte Zigarette rauchen.«
   »Später.«
   Das Gute an der ganzen Geschichte war, dass ihn keiner seiner Bekannten aus Bornheim so sehen konnte. Doch damit hörten die positiven Aspekte auch leider schon auf.
   Auf einmal bog Frau Schultze von der Landstraße auf einen schmalen Feldweg ab. Sie steuerte auf ein kleines Kiefernwaldstück zu.
   »Was soll denn das jetzt?«, fragte Leo. »Wollen Sie mich vergewaltigen?«
   Sie verzichtete auf eine Antwort und ließ sich, Leo und den Fabia einfach inmitten der dunklen Bäume verschwinden. Im Wald parkte sie den Wagen im Schutz eines großen Stapels gefällter Baumstämme.
   »Wären Sie bitte so freundlich, mir zu erklären«, er wandte sich mit gereizter – sehr gereizter – Stimme an sie, »was Sie vorhaben?«
   »Schlafen.«
   »Was?«
   »Ich bin todmüde, Herr Platschke. Seien Sie so lieb und lassen Sie mich ein Stündchen schlafen.«
   Sie ließ die Lehne nach hinten sinken und machte es sich so bequem, wie es das enge Auto zuließ.
   »Sie haben doch eben gesagt, Sie sind topfit«, sagte er vorwurfsvoll.
   Sie verdrehte die Augen. »Ich weiß, was ich gesagt ha-be. Jetzt bin ich aber müde.«
   »Ich kann weiterfahren, verflucht, ich bin kein Kleinkind.«
   »Sie kennen sich hier nicht aus. Außerdem ist es mir lieber so.«
   »Aha.«
   Jetzt zog sie den Zündschlüssel aus dem Schloss und schob ihn sich unter ihren Rock, höchstwahrscheinlich auch unter den Slip, oder was immer sie da auch tragen mochte.
   Er starrte sie an. Perplex – wieder einmal. »Glauben Sie, ich habe Angst, den Schlüssel da rauszuholen?«
   »Keine Ahnung«, antwortete sie, wobei sie schon die Augen zufallen ließ. »Ich würd’s Ihnen auf jeden Fall nicht raten.«
   »He, hören Sie mal!«
   »Wollten Sie nicht pinkeln?« Ohne die Augen zu öffnen, schnitt sie ihm das Wort ab.
   Mit einem wütenden Brummen riss er die Tür auf und stellte sich an den nächsten Baum. Als er wieder neben ihr saß, schlief sie bereits ziemlich fest. Er ließ die Beifahrertür offen stehen und steckte sich endlich – endlich – eine Zigarette an. Was für ein angenehmes Gefühl. Die erste seit Tagen, wie es ihm vorkam. Er konnte nicht widerstehen und schob sich, gleich nachdem er die erste zu Ende geraucht hatte, die zweite Zigarette zwischen die Lippen. Tief, ganz tief inhalierte er. Das war seine Letzte. Keine Glimmstängel, kein Latin-Lover-Haargel. Er war wirklich und endgültig total verratzt. Während er rauchte, fiel sein Blick immer wieder auf die Frau, die ihm das Ganze eingebrockt hatte. Zum ersten Mal betrachtete er sie in aller Ruhe, forschender. Sie hatte den Kopf zurückgelegt, den Mund im Schlaf leicht geöffnet. Die Nase sprang schmal und vielleicht einen Tick zu lang aus ihrem Gesicht mit den hohen slawischen Wangenknochen hervor. Ihr blondes Haar war zu einem Pagenschnitt frisiert, der bis zu den Schultern reichte – nicht gerade Leos bevorzugte Frisur bei Frauen. Sein Blick wanderte über ihren kleinen, aber offensichtlich festen Busen und ihren flachen Bauch bis zu dem eleganten anthrazitfarbenen Rock, der ein ganzes Stück weit nach oben gerutscht war und ihre Beine freigab, die von seidig schimmernden Strumpfhosen umhüllt wurden. Nicht schlecht diese Beinchen, gestand er sich widerwillig ein. Wenn auch etwas zu dünn. Allerdings gab es ja genug Typen, die genau darauf standen. Leo hätte jetzt jedenfalls viel lieber Darinkas Beine unter die Lupe genommen. Mit den Gedanken ganz bei seiner Darinka schlief er von Neuem ein.
   Doch plötzlich schien ihm, als hätte er etwas gehört. Etwas, das ihm irgendwie nicht gefiel. Leo drehte den Kopf und sah …
   Einen Mann. Der mit langsamen Schritten auf den Fabia zukam.
   Leo blinzelte gegen das Licht der Sonne, die auf einmal mit ziemlicher Kraft durch die Wipfel der Bäume auf sie herab schien. Der Mann war nun ganz nahe, höchstens noch einen Meter vom Beifahrerfenster entfernt. Endlich erkannte Leo ihn. Die hochgewachsene, kräftige Gestalt, das markante Gesicht mit den unheilvollen schwarzen Augen. Leo war wie gelähmt. Er wollte etwas tun, irgendetwas, wollte schreien, fliehen, kämpfen, alles auf einmal, doch er konnte nur dasitzen, starr wie eine Puppe, und dem Killer in die Augen sehen.
   Der griff jetzt mit einer Hand in seinen Jackenaufschlag und zog eine Pistole. Leo starrte in die Mündung und …
   Wachte endlich auf. Mit einem panischen Aufschrei auf den Lippen. Der Fabia fuhr längst wieder auf einer dieser immer gleichen Landstraßen.
   »Schlecht geträumt, Herr Platschke?«, kam die unvermeidliche Stimme von links.
   »Nein, nein«, plapperte er unsinnigerweise. »Überhaupt nicht. Ich war nur ein wenig …« Er klappte einfach den Mund zu, weil er nicht wusste, was er sagen sollte, und spürte, wie seine Wangen sich mit einem peinlichen Rotschimmer überzogen.
   Die Fahrt ging unaufhaltsam weiter. Inzwischen versuchte Leo nun doch, etwas konzentrierter auf die Hinweisschilder am Fahrbahnrand zu achten und sich die Namen darauf besser einzuprägen. Doch es war ein ziemlich erfolgloser Versuch. Die einzige Konstante, die er ausmachen konnte, war die Stadt Sokolov.
   »Wie lange haben wir geschlafen?«, fragte Leo nach einiger Zeit. Seine Uhr war stehen geblieben, und er bekam sie nicht wieder in Gang. Das passte ja ausgezeichnet zu allem anderen.
   »Viel zu lange«, antwortete Frau Schultze. »Nicht nur Sie. Ich auch. Wir haben schon nach zwölf Uhr mittags.«
   Zwölf Uhr mittags, wiederholte Leo in Gedanken. Ein echter Hollywoodklassiker. Obwohl der Film uralt war, gefiel er Leo. Er lief jedes Jahr um die Osterzeit und Leo verpasste ihn für gewöhnlich nicht. Klar, Gary Cooper. Der war nie in eine derart bescheuerte Lage geraten, der hatte immer gewusst, was zu tun war. Würde sich Gary Cooper wie ein kleiner Junge von Frau Schultze durch diesen von Gott und aller Welt offenbar völlig vergessenen Landstrich kutschieren lassen? Auch noch in einem Skoda Fabia? Leo ersparte sich lieber die Antwort darauf.
   Einige Kilometer vor Sokolov schlug Frau Schultze plötzlich wieder eine andere Richtung ein. Sie bog nach links ab, in eine Landstraße, die noch verlassener wirkte als die, auf denen sie bisher dahergeschlichen waren. »Sie haben Glück, Herr Platschke, Sie kommen jetzt in eine Gegend«, sagte Frau Schultze so ernst, als wäre es tatsächlich nicht ironisch gemeint, »in die sonst nie irgendwelche Touristen vordringen.«
   »Worum sie auch zu beneiden sind«, sagte Leo. »Wir beide haben ja schon festgestellt, dass unsere Vorstellungen von Glück absolut gegensätzlich sind.«
   Die Straße fiel nun leicht ab und mündete in die Hauptstraße eines winzigen Dorfes, auf dessen Ortsschild Leo den Namen Okrylla las.
   Die paar Häuser, die Okrylla ausmachten, lagen in einem kleinen Talkessel und stellten den Gipfel der bisherigen Trostlosigkeit dar. Der einzige Hinweis darauf, dass sie sich in das einundzwanzigste Jahrhundert herübergerettet hatten, waren die Satellitenschüsseln, von denen jedes Gebäude eine vorweisen konnte. Ansonsten schien hier die Zeit irgendwann vor fünfzig Jahren einfach stehen geblieben zu sein.
   Es passte ins Bild, dass eine Kuh auf der Straße gemütlich verweilte und es mehrere Minuten dauerte und unentwegtes Hupen brauchte, bis das stoisch kauende Tier einen Meter zur Seite rückte, damit sie endlich vorbeifahren konnten.
   Ein kleiner Laden, ein vorsintflutlich wirkendes Gasthaus, ein paar Gestalten, in deren alten, verhutzelten Wangen es genauso mahlte wie eben noch die Kiefer der Kuh. Mehr hatte Okrylla offensichtlich nicht zu bieten. Frau Schultze bog in eine Seitengasse ein, die gerade breit genug war für ein Fahrzeug. Weitere verwinkelte Gassen, die zwischen alte, niemals renovierte Häuschen führten. Hier und da ein baufälliger Bauernhof mit kleinen Stallungen. Überall die Empfangsschüsseln, die das einfallende Sonnenlicht reflektierten und irgendwie den sonderbaren Eindruck erweckten, als handele es sich bei ihnen um kleine Roboterwesen von einem fernen Planeten, die Okrylla erobert hätten.
   »Was wollen wir hier?«, fragte Leo. »Fernsehen?«
   Noch eine Kurve, noch eine Seitengasse, und schließlich steuerte Frau Schultze ihren Fabia in einen überraschend großflächigen Hinterhof. Sie parkte neben drei Autos, allesamt Skodas – was auch sonst. Jedes für sich im Übrigen ein derart ramponierter und hundertfach geflickter Blechhaufen, dass der Begriff Auto nur eine hoffnungslose Schmeichelei war.
   »Das ist also der geheimnisvolle Ort, an dem die Skodas dieser Welt beerdigt werden.« Leo ließ ziemlich ratlos seinen Blick über den Hof wandern.
   »Am besten, Sie verzichten hier auf hochnäsige Westlerwitze, Herr Platschke.«
   Ohne ein weiteres Wort stieg Frau Schultze aus. Leo starrte ihr nach, wie sie auf das zum Hof gehörende Haus zustöckelte. Sie blieb stehen und winkte ihm ungeduldig. »Worauf warten Sie? Auf einen Pagen?«
   »Nein, darauf, dass mich doch noch jemand erschießt. Damit ich das alles endlich hinter mir habe.« Vor sich hin meckernd stieg er schließlich aus und folgte ihr.
   Sie gingen durch die Hintertür des Hauses, die nur angelehnt war, und erst jetzt registrierte Leo den Lärm, der von irgendwo hier drinnen kommen musste.
   Frau Schultze öffnete eine Tür – und der Lärm schwoll noch weiter an. Sie betraten einen großen Raum, der voller Leute war. Das Erste, was Leo sah, war ein riesiges Akkordeon, das von einem großen Mann getragen und gespielt wurde. Der Mann hatte einen buschigen, nach oben gezwirbelten Schnurrbart, und in dem Moment, als er Frau Schultze erblickte, strahlten seine Augen. Sofort sang er ein neues Lied und ließ seine dicken Finger noch flinker über das Instrument hüpfen. Das Zimmer war wirklich vollgepackt mit Menschen, die überall auf Stühlen, Sesseln, Hockern oder Beistelltischchen oder einfach einer Fensterbank saßen oder kauerten. Sie klatschten im Takt und sangen und ließen Schreie ab, die entfernt an ein Jodeln erinnerten. Ach du liebes Lieschen. Was war denn das? Die tschechische Version des Musikantenstadls? Der Reihe nach sprangen die Leute auf, um Frau Schultze zu begrüßen. Sie umarmten sie, küssten ihre Wangen, manche von ihnen auch gleich ihre kirschrot schimmernden Lippen. Frau Schultze schien das Ganze zu genießen. Mit einem Mal wirkte sie völlig entspannt. Sie lachte, tätschelte Schultern und knuffte in speckige Rippen.
   Währenddessen stand Leo immer noch im Türrahmen und fragte sich, ob es einen Ort gab, an dem er noch mehr fehl am Platze sein konnte als hier. Einige der Fremden deuteten schließlich auf ihn. Als Frau Schultze sich zu ihm umdrehte, schien es, als brauche sie eine halbe Ewigkeit, bis sie sich endlich erinnern konnte, wer er überhaupt war. Sie machte eine vage Geste in seine Richtung und warf den neugierigen Ohren ein paar tschechische Brocken hin, die hier und da ein schwer zu deutendes Grinsen hervorriefen.
   Leo wusste wirklich nicht, was er davon nun wieder halten sollte. Zeit, um darüber oder über seine allgemeine verworrene Lage nachzudenken, blieb ohnehin nicht. Die Tschechen, in deren Schoß er so unvermutet gelandet war, nahmen ihn ohne Zögern in Beschlag. Er konnte aus den Augenwinkeln gerade noch sehen, wie Frau Schultze mit einer Frau, unter deren zerschlissenem Kopftuch graue Strähnen hervorlugten, in ein anderes Zimmer verschwand. Unterdessen hatte man ihm einen dreibeinigen Hocker unter das Hinterteil gedrückt und etliche Augenpaare ergründeten ihn sorgfältig.
   So ähnlich wird sich der erste Außerirdische bei seiner Ankunft in Okrylla fühlen.
   Unsicher ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. Ein kleiner Tisch fiel ihm auf. Dort standen Marovka und andere Schnapsflaschen. Der erste tröstliche Anblick seit … seit wann eigentlich?
   Seine Gastgeber schienen ihn irgendwie zu verstehen, lachten und im nächsten Moment hielt er ein großes Bierglas und ein Wasserglas voller Wodka in den Händen.
   »Na denn, Prost«, sagte Leo und hielt zunächst einmal das Bier hoch, ohne jemandem zuzuprosten.
   »Na zdraví«, schallte es ihm vielstimmig entgegen.
   Jetzt nippte er an dem Wodka, und der schien sich durch seine Innereien zu brennen. Leo hatte das Gefühl, die glasklare, wohl selbstgebrannte Flüssigkeit würde sich jede Sekunde durch seinen Bauchnabel wieder nach draußen fräsen. Er hustete und erneut lachten alle. Der Mann mit dem Akkordeon spielte noch schneller und – falls das überhaupt möglich war – noch lauter. Er sang zu seiner Musik, unterstützt von einem lauten, freiwilligen Backgroundchor.
   Kaum eine halbe Stunde später fühlte sich Leo so gleichmütig wie seit Langem nicht mehr. Das Bier war süffig, der Wodka zwar gewöhnungsbedürftig, aber wahrlich nicht schlecht, und der Marovka schmeckte genau wie im Hotel Kaiserhof. Mit weit ausholenden Gesten und seinem Mienenspiel verstand Leo es inzwischen bestens, seine neuen Freunde zu unterhalten, für die offenbar jede Grimasse, die er schnitt, bestes Entertainment war. Seine Zunge hatte sich gelöst, er erzählte und erzählte – es war fast wie im Lüsterweibsche –, obwohl die Leute hier kein bisschen Deutsch zu verstehen schienen. Was machte das schon?
   Frau Schultze war nicht wieder aufgetaucht, doch er dachte nicht an sie, wollte gar nicht an sie denken und sich dadurch seine auf einmal so prächtige Stimmung vermiesen lassen. Sollte die Gute doch bleiben, wo der berühmte Pfeffer wächst.
   Einen absoluten Stimmungshöhepunkt erklomm Leo, als dann auch noch ein gut gefüllter Teller nach dem anderen durch eine Durchreiche ins Zimmer wanderte. Schweinebraten mit dicker Soße, dazu Knödel. Sonst nichts, kein unnötiges Gemüse, kein langweiliger Salat – eine Mahlzeit, bei der man sich aufs Wesentliche beschränkt hatte. Das war ganz nach Leos Geschmack.
   »Knedlíky«, riefen ein paar Leute. Als Leo seinen Teller auf den Knien ausbalancierte, stieg ihm ein herzhafter Duft in die Nase, der ihm erst klarmachte, dass er am Verhungern war.
   Er hatte das Gefühl, noch nie etwas gegessen zu haben, was ihm derart gut geschmeckt hatte. Er stopfte schließlich vier Portionen in sich hinein, wobei er allerdings nicht der Einzige war. Sofern er sich die Zeit nahm, mal kurz in die Runde zu spähen, sah er, dass die anderen mit dem gleichen Appetit aßen wie er. Als er wirklich nicht einmal mehr einen Krümel geschafft hätte, wurde ihm sofort der nächste Wodka gereicht.
   »Na zdraví.« Leo seufzte mit einem Grinsen. Er spürte, wie seine Wangen glühten.
   Der Akkordeonspieler hatte sich nur für das Essen eine Pause gegönnt und legte schon wieder von Neuem los. Einige stimmten in sein Lied ein, andere redeten gestenreich auf Leo ein. Er kam kaum nach, jedem von ihnen persönlich zuzunicken und zuzuzwinkern, als könne er jedes Wort dieser Sprache im Schlaf verstehen.
   Alkohol und tschechische Hausmannskost forderten ihren Tribut, und zwar ziemlich schnell. Leo fühlte sich aufgeputscht und schlaff zugleich. Die Akkordeonklänge surrten um ihn herum wie Fliegen, die man zu fangen versuchte, aber einfach nie erwischte. Plötzlich war da ein undefinierbares Brummen, ein unangenehm tiefes Dröhnen, und erst nach einer Weile wurde ihm bewusst, dass es von einem Punkt irgendwo zwischen seinen Ohren kam. Schon wieder war sein Wasserglas voll mit Wodka.
   Auf einmal saß jemand ganz dicht neben ihm auf einem ziemlich ausgeleierten Campingklappstuhl. Ein Mädchen, eher eine junge Frau. Ihr Haar war dunkel, genau wie ihre Augen. Leo hatte gar nicht mitbekommen, wie sie sich so dicht bei ihm niedergelassen hatte. Er grinste sie an, wie sonst keiner aus Frankfurt-Bornheim grinsen konnte. Sie war nicht so straff geformt wie dieser Fluch namens Schultze. Das nicht, dafür war sie in der Mitte schon ein wenig zu weit auseinandergegangen, aber dagegen war ja auch nichts einzuwenden. Schließlich hatte Leo noch nie etwas gegen drallere Figuren einzuwenden gehabt. Sie erinnerte ihn an jemanden. Nur an wen?
   Sie sagte etwas und lächelte.
   »Hä?«
   Mit dem Daumen deutete sie auf ihre üppige Brust, wo sich sein trüber Blick sofort einnistete. »I-va-na. I-va-na«, betonte sie immer wieder. Immer noch lächelte sie. »Ivana.«
   »Schöner Name«, sagte Leo, der endlich kapiert hatte, was sie meinte. Jetzt wusste er auch, an wen ihn ihr etwas breites, slawisches Gesicht und ihre weichen Rundungen erinnerten. »Darf ich dich Darinka nennen?«, nuschelte er.
   Sie lächelte weiterhin unverdrossen und nickte, obwohl sie ihn wahrscheinlich gar nicht verstanden hatte.
   »Da-rin-ka«, sagte Leo. »Na zdraví.«
   »Na zdraví.« Ihre Lippen schimmerten feucht.
   Es wurde getanzt und Leo musste natürlich mitmachen. Seine schwankenden Versuche mit Ivana beziehungsweise Darinka hatten neue Heiterkeitsausbrüche zur Folge, aber das machte ihm nichts aus. Einmal stolperte er über einen großen Hund, einen Bernhardiner, der plötzlich zwischen seinen Beinen aufgetaucht war, und landete unter weiterem Gejohle auf dem Hosenboden. Der Hund wirkte erschrocken, bellte ihn kurz an und machte sich zum Glück gleich wieder davon.
   Immerhin sorgte die Tanzerei dafür, dass sich dieses Gefühl der Trägheit nach all dem fetten Bratenfleisch verflüchtigte. Leo kam zwar gehörig ins Schwitzen, aber zum ersten Mal in diesem Land lebte er so richtig auf.
   Wieder auf dem Hocker ließ er einen Spruch nach dem anderen los, und seine Zuhörer lachten jedes Mal herzhaft auf. Auch Ivana, die noch ein Stück näher an ihn herangerückt war. Leo kam immer mehr auf Touren. Irgendwer fragte ihn etwas, schien sich offenbar nach seinem Beruf zu erkundigen, wie Leo den Gesten entnahm.
   »Darüber kann ich wirklich nicht sprechen, Leute«, sagte er und legte den Zeigefinger für einen kurzen Moment effektvoll an die Lippen. »Das ist topsecret. Wenn ihr wisst, was ich meine. Nur so viel: Ich arbeite als verdeckter Ermittler. Tja, und im Zuge einiger deutsch-tschechischer Nachforschungen bin ich hier in eurem prächtigen kleinen Land unterwegs. Undercover. Wenn ihr wisst, was ich meine.«
   Er redete beschwingt weiter in diesem Stil, und das Seltsame war, dass sie ihm anscheinend immer interessierter zuhörten. Der Rest des Abends schien sich dann allerdings in Nebelschwaden aufzulösen. Das Einzige, woran sich Leo wirklich erinnern konnte, war die Bank. Eine kleine Holzbank, die draußen, in irgendeinem Winkel dieses Hofs, gestanden haben musste. Genau, und darauf hatten er und Darinka gesessen und er hatte sie geküsst. Und wie er sie geküsst hatte. Hollywoodreif. Oder? Na klar, was denn sonst? Seine Darinka, sozusagen seine Ersatz-Darinka.
   Tja, und jetzt. Jetzt saß er schon wieder in diesem verdammten Fabia. Frau Schultze malträtierte schon wieder das Gaspedal. Er war in der Sekunde aufgewacht, als sie gerade das Ortsschild Okryllas hinter sich gelassen hatten – diesmal in entgegengesetzter Richtung.
   »Guten Morgen, Herr Platschke.«
   Er rülpste.
   Wie angenehm war es doch gestern Abend gewesen, ein paar Stunden lang diese Stimme nicht hören zu müssen.
   »Guten Morgen«, sagte sie erneut.
   »Was meinen Sie mit ‚guten‘?«
   »Ich wäre gern etwas früher gefahren, aber Sie waren ja nicht so leicht aufzutreiben.«
   »Was?«
   »Sie wurden entführt, hat man mir erzählt. Von Ivana. Übrigens meine Cousine. Oder haben Sie sie etwa entführt?«
   »Hä?«
   »Ich meine natürlich: Darinka.« Sie betonte den Namen genüsslich.
   Er schüttelte den Kopf, um wenigstens ein bisschen klarer denken zu können. »Wie bin ich eigentlich … äh, ich meine …«
   »Schon klar. Sie erinnern sich an nichts mehr.«
   Er fuhr sich mit der Hand durch sein struppig gewordenes Haar. Ein Königreich für eine Dusche. »Verflucht, ich kann mich exakt an jede Einzelheit erinnern. Darink…, äh, dieses hübsche Mädchen und ich … nun ja, ich will es mal so sagen, wir haben einiges für die Beziehungen zwischen Ost und West getan. Wirklich. Ich erinnere mich an jede verdammte Einzelheit.«
   »Auch daran, dass Sie eingeschlafen sind?«
   »Was?«
   »Auf der Bank. Ich habe heute Morgen kurz mit Ivana gesprochen. Sie sagte, Sie seien auf einmal einfach zusammengeklappt. Hätten noch ein bisschen gebrabbelt, so wie ein Baby, und im nächsten Moment hätten Sie mindestens so laut geschnarcht wie Ludo.« Frau Schultze lachte. »Ludo ist der alte Bernhardiner. Sie wissen schon. Der, über den Sie so elegant gestolpert sind.«
   Leo sank etwas tiefer in den Beifahrersessel. Er fühlte sich grauenhaft. In seinem Kopf war offenbar ein Presslufthammer am Werk.
   »Weil nichts mehr mit Ihnen anzufangen war, hat Ivana Sie dann in mein Auto verfrachtet.«
   »Lassen Sie mich einfach in Ruhe, okay?«
   »Gönnen Sie mir doch den Spaß.«
   »Ich soll Ihnen etwas gönnen? Gönnen Sie zur Abwechslung lieber mal mir etwas. Zum Beispiel einen Flug nach Frankfurt.«
   »Keine Sorge. Wir sind jetzt endgültig auf dem Weg nach Frankfurt. Ich habe nur noch etwas holen müssen. Ich hoffe, Ihre Nachforschungen leiden nicht darunter.«
   Leo konnte ihrem Gerede kaum folgen. »Meine was?«, fragte er lahm.
   »Sie haben doch gestern den Leuten erzählt, Sie seien ein … wie war das? Ach ja: ein verdeckter Ermittler. Undercover. Alles topsecret, versteht sich, aber man hat es mir trotzdem verraten. Sie sind doch nicht sauer, oder?«
   Leo drückte sich noch einen Zentimeter tiefer in den Sessel. »Die haben mich doch gar nicht verstehen können. Ich meine …«
   »Ach, Herr Platschke. Die meisten Tschechen können Deutsch. Sie sprechen es nur nicht gern. Aber die Vorstellung von Ihnen als Spezialagent Platschke, der verdeckt ermittelt, ist schon ganz besonders wunderbar, das muss ich zugeben.«
   Kaltmachen, ich sollte sie einfach kaltmachen. Schön langsam und qualvoll kaltmachen.
   »Ich fühle mich wie durchgekaut und ausgespuckt«, sagte er nach einer Weile, obwohl er eigentlich überhaupt nichts mehr hatte sagen wollen, am liebsten, bis sie in Frankfurt eintreffen würden.
   »So sehen Sie auch aus, Herr Platschke.«
   In einem Nachbardorf Okryllas hielt Frau Schultze, um ihren Fabia aufzutanken. Leo blieb sitzen. Er war froh, keinen Schritt machen zu müssen. Während sie mit dem Tankstellenbesitzer ein paar Worte wechselte und bezahlte, nutzte er die Gelegenheit, um sich eine Zigarette anzustecken – er hatte sich am Abend zuvor ein Päckchen von einem seiner trinkfesten Gastgeber stibitzt.
   Kaum hatte Leo zwei, drei beruhigende Züge in seine Lunge wandern lassen, stand der Tankstellenbesitzer neben dem Auto – mit ziemlich wütender Miene. Er schrie auf Leo ein und fuchtelte wild mit den Fäusten in der Luft herum.
   »Keep cool«, murmelte Leo, allerdings doch irgendwie verunsichert.
   Jetzt war auch Frau Schultze wieder da. Sie funkelte ihn wütend an. »Herr Platschke! Sind Sie verrückt? Das ist eine Tankstelle. Hier herrscht Rauchverbot. Absolutes Rauchverbot.«
   Säuerlich grinsend drückte Leo die Zigarette auf dem Armaturenbrett aus. Ich sollte sie einfach kaltmachen.
   Frau Schultze stieg ein und wischte die Kippe und die Aschereste mit einem Papiertaschentuch fort. »Ich hasse Raucher«, sagte sie.
   »Ich hasse Nichtraucher.«
   Sie fuhren los. Im Rückspiegel sah Leo, wie der Mann von der Tankstelle ihnen finster hinterherstarrte.
   Das nächste Dorf tauchte auf. Leo vermied es, sich lange mit dem Namen auf dem Ortsschild aufzuhalten. Sein Magen fühlte sich leer an, wie ausgehöhlt, und als ihm der Schweinebraten und die Knödel einfielen, verspürte er ein plötzliches Hungergefühl.
   »Halten Sie mal«, sagte er und deutete auf ein kleines Geschäft, eine Art Tante-Emma-Laden. »Ich muss was essen.«
   »Im Handschuhfach sind ein paar Brote.«
   Innerhalb einer knappen Minute ließ er ein Sandwich von der Größe eines Autoreifens verschwinden. Als er nach dem nächsten griff, klapste ihm Frau Schultze auf die Hand, als wäre er ein kleiner Junge. »Wir sind noch eine ganze Weile unterwegs, Herr Platschke. Versuchen Sie, sich etwas zu beherrschen.«
   Kaltmachen, pochte es in Leos Kopf.
   Dunkle Regenwolken kamen auf, schoben sich rasch zu einer riesigen Decke zusammen und Sekunden später prasselten die ersten Tropfen auf das Dach des Fabias. Frau Schultze musste die Scheinwerfer einschalten.
   Es wurde noch ungemütlicher. Wind pfiff in Böen durch die natürlich immer noch nicht reparierte Heckscheibe. Leo erschauerte. Er war müde, ihm war kalt, und die Sehnsucht nach einer Portion Handkäs mit Musik und danach einer simplen Zigarette war beinahe übermenschlich.
   Ohne sich umzudrehen, griff Frau Schultze mit der rechten Hand nach hinten, zog ein Stoffbündel hervor und warf es Leo in den Schoß.
   Er faltete es umständlich auseinander. »Was soll denn das sein?«
   »Eine Jacke. Für Sie.«
   Unschlüssig betrachtete Leo dieses formlose Etwas, das ziemlich ausgeleiert war und zwei unterschiedlich lange Ärmel aufwies. Eine Jacke aus Wollstoff. In Pink.
   »Sieht aus, als hätte der Hund vier Wochen darin geschlafen«, sagte er.
   »Seien Sie froh, dass ich überhaupt etwas für Sie auftreiben konnte. Wir waren schließlich nicht bei Familie Rockefeller zu Gast.«
   Diese schnippische Art ging ihm wirklich auf die Nerven. Wenn es nicht so kühl geworden wäre, hätte er diesen grauenhaften Fetzen einfach aus dem Fenster geworfen, aber so … Mit leichtem Zähneknirschen schlüpfte er erst in den rechten, dann den linken Ärmel.
   »Damit sehe ich aus wie ein Volltrottel.«
   »Sie wollen wohl, dass ich widerspreche, Herr Platschke?«
   »Das tun Sie doch sonst so gern.«
   »Diesmal verzichte ich.«
   Er schnupperte am Stoff. Stall? Kuhmist? Der Bernhardiner oder etwas noch Schlimmeres?
   Egal, sagte sich Leo, einfach nicht drüber nachdenken. Besser, als weiterhin zu schlottern.
   Der Regen wurde noch stärker, die Sicht noch schlechter. Fast war es, als würden sie bei Nacht fahren. Leo vergrub sich in seine neue Jacke und starrte ins Nichts.
   Genauso schnell, wie er heraufgezogen war, ließ der Regen wieder nach. Nur noch vereinzeltes Tröpfeln, die Wolkendecke riss auf und die Sonne kam durch. Sie fuhren auf einmal unter blauem Himmel dahin.
   »War’n typischer Sommerregen«, sagte Leo.
   »Sie brauchen sich wirklich nicht bemühen, mit mir Konversation zu betreiben, Herr Platschke.«
   »Mein Gott, Sie kriegen wohl alles mit voller Absicht in den falschen Hals, oder? Sie verstehen wirklich jedes Wort als persönlichen Angriff, stimmt’s? Ist doch so, oder?«
   »Hört sich eher so an, als würden Sie jetzt über sich sprechen.«
   Leo winkte bloß ab. Für diese Frau war jede Antwort zu schade. Zeitverschwendung. Abhaken. Nur noch nach Hause. Das war alles, woran er denken wollte.
   Aus dem Nichts dieser eintönigen Landschaft quälten sich nun hier und da doch ein paar weitere Autos hervor. Der Verkehr, wenn man es überhaupt so nennen konnte, nahm etwas zu. In einem entgegenkommenden Wagen fiel Leo eine Frau auf, deren Gesicht ihn einen kurzen Moment lang an Darinka erinnerte. Voller Selbstmitleid sah er dem Auto hinterher, wobei sein Blick zwangsläufig in den Fond von Frau Schultzes Fabia wanderte – und dort an einem Augenpaar hängenblieb, das ihn anstarrte.
   Leo erschrak so sehr, dass er aus dem Sitz hochfuhr und mit dem Kopf gegen das Wagendach prallte. »Ach du liebes Lieschen«, stammelte er, den Blick weiterhin mit einer reichlichen Portion Verblüffung auf den Rücksitz gerichtet.
   Diese beiden Augen fixierten ihn, als wollten sie ihn festnageln. Sie saßen in einem kleinen, schmalen Gesicht, das von einem Schopf dünner blonder Haare umrahmt wurde. Etwas im Ausdruck dieser bleichen, trotzig wirkenden Miene kam ihm irgendwie vertraut vor, doch er war viel zu verdattert, um sie so schnell einordnen zu können.
   Jetzt sah er zu Frau Schultze, die sich – wie offenbar immer – ungerührt auf ihre Rolle als Chauffeuse konzentrierte.
   »Wir haben offenbar Besuch bekommen«, sagte Leo.
   Er wartete auf eine Reaktion, wenigstens mal einen Blick ins Hintere des Fabias, aber – nichts. Frau Schultze schien ihn gar nicht wahrzunehmen.
   »Hey«, rief er. »Wären Sie so nett und würden Sie einfach mal kurz ihren starrsinnigen Dickschädel drehen und sich davon überzeugen, dass wir einen verdammten blinden Passagier oder was weiß ich haben?«
   »Wir haben nur einen blinden Passagier und der sind Sie«, kam ihre unterkühlte Antwort.
   Wieder blickte Leo zu dem etwa neun- oder zehnjährigen Wesen auf der Rückbank. Die Kleine starrte ihn noch immer an – mit diesem sonderbaren Trotz, als würde er sie irgendwie belästigen. Sie sagte keinen Ton, ihre Lippen waren ein kurzer dünner Strich.
   Leo wandte sich erneut Frau Schultze zu. »Seit wann ist sie schon im Wagen? Seit wir an der Tankstelle gehalten haben oder was?«
   »Quatsch. Seit wir losgefahren sind. Seit wann sonst? Ich hätte Sie Ihnen selbstverständlich formell vorgestellt, aber Sie haben ja geschlafen.«
   »Das heißt, sie war schon die ganze Zeit im Auto? Seit wir …? Ich hab sie nicht bemerkt?«
   »Genau das heißt es.«
   »Sie ist also das Etwas, das Sie holen mussten?«
   Sie sparte mal wieder mit einer Antwort.
   »Wer ist …« Leo unterbrach sich. »Nein, ich glaube, ich will gar nicht wissen, wer sie ist.«
   »Macht nichts. Sie wollte auch nicht wissen, wer Sie sind.«
   Schweigen. Leo blickte aus dem Seitenfenster.
   »Also gut«, sagte er nach ein paar Minuten. »Wer ist sie?«
   »Meine Tochter.«
   Leo sah sich wieder nach dem Mädchen um. Als wäre inzwischen höchstens eine halbe Sekunde verstrichen, glotzte sie ihm unverändert in die Augen. Schließlich senkte er den Blick. »Sie ähnelt Ihnen, das kann man nicht leugnen.«
   »Das haben schon viele festgestellt.«
   »Spricht sie deutsch?«
   »Fragen Sie sie doch, sie ist kein Säugling.«
   Leo drehte den Kopf und versuchte, einen möglichst liebenswürdigen Eindruck zu machen. Was offensichtlich misslang – der Gesichtsausdruck der Kleinen blieb abweisend, wie gehabt. »Verstehst du mich?«, fragte er trotzdem. »Ich meine, sprichst du deutsch?«
   Dieses Kind stierte ihn einfach nur an. Beinahe zornig, meinte er jetzt sogar.
   Frau Schultze sagte etwas zu dem Mädchen. Auf Tschechisch. Die Kleine antwortete kurz und bündig und sah dann sofort zur Seite aus dem Fenster.
   »Was hat sie gesagt?«
   »Sie hat gesagt, sie findet Sie sehr unsympathisch, Sie hätten eine Rasur dringend nötig, und ich sollte Ihnen auf gar keinen Fall vertrauen.«
   »Das alles hat sie mit diesen eineinhalb Silben gesagt? Wollen Sie mich verkohlen?«
   »Tschechisch kann eine sehr effiziente Sprache sein, Herr Platschke.«
   Nein, es hatte wirklich keinen Sinn. Aus dieser Frau schlau zu werden, war schlicht unmöglich. Was auch immer sie für ein Spiel treiben mochte, er hoffte inständig, nicht mehr allzu lange mitspielen zu müssen.
   Frau Schultze hatte unterdessen eine neue Kassette in den Rekorder geschoben – eine Aktion, die Leo fast genauso in Schrecken versetzte wie der kleine Geist auf dem Rücksitz. »O nein«, sagte er, »verschonen Sie mich mit dem Mist. Was zu viel ist, ist zu viel.«
   »Hören Sie erst mal ein wenig zu, Herr Platschke.«
   Diesmal war es keine tschechische Popmusik – zum Glück. Eine Querflöte ertönte.
   »Das ist Klassik«, sagte Leo. »Auch nicht gerade mein Geschmack.«
   »Die Moldau. Von Smetana.«
   »War der nicht mal Gitarrist bei den Stones?«
   Sie lächelte, wenn auch nur ein kleines bisschen. »Lassen Sie die Musik auf sich wirken, Herr Platschke. Es gibt nichts Beruhigenderes.«
   »Och, mir würde da schon so einiges einfallen.«
   Frau Schultze hatte aber nicht unrecht. Die sanften Klänge aus dem Kassettenrekorder veränderten tatsächlich die Stimmung in dem Auto. Zumindest kam es Leo so vor. Auf einmal war es, als würden sie nur einen kleinen Ausflug unternehmen, eine Fahrt ins Blaue, um für kurze Zeit dem Alltag ein Schnippchen zu schlagen. Es tat Leo einfach gut, sich in dieser albernen Illusion treiben zu lassen.
   »Hören Sie die Querflöte, Herr Platschke? Sie hüpft auf und ab wie die Wellen der Moldau. Jetzt kommt eine zweite dazu. Die Querflöten stehen für die beiden Quellen des Flusses. Die erste Flöte ist ernster, die zweite quirliger, lustiger.«
   »Dann sind Sie die erste Flöte, und ich bin die zweite.«
   »Och, Herr Platschke, machen Sie keine Witze. Denken Sie an nichts. Lauschen Sie nur.«
   »Mit einer Zigarette würde ich noch viel lieber lauschen.«
   »Jetzt die Streicher: eine Melodie, die wie eine Welle auf dem Wasser nach oben steigt und wieder nach unten fällt. Geben Sie zu, dass es Ihnen gefällt. Ich merke es Ihnen doch an.«
   »Zumindest gefällt es mir besser als der Qualm da.«
   Sie hatte die Rauchwolken wohl im selben Moment gesehen. »Scheiße. Das darf nicht wahr sein.« Frau Schultze schlug mit der Hand aufs Lenkrad. »Das darf nicht wahr sein, diese blöde Karre.«
   »Fahren Sie an die Seite. Wer weiß, ob das Ding nicht gleich in die Luft geht und unsere Körperteile quer über ganz Osteuropa verteilt.«
   »Sie müssen natürlich gleich wieder alles dramatisieren.«
   »Rechts ran, verflucht.«
   Der Qualm wurde immer dicker, sie konnten kaum noch die Straße vor sich sehen, und endlich stoppte Frau Schultze ihren Fabia am Fahrbahnrand.
   »Ausmachen«, sagte Leo.
   Sie drehte den Schlüssel und der Motor gab noch ein beängstigend endgültig klingendes Brummen von sich, bevor er ausging. Das musikalische Plätschern der Moldau erstarb ebenfalls. Immer noch quoll schwarzer Qualm aus der Motorhaube.
   »Diese blöde Karre«, wiederholte Frau Schultze – ziemlich resigniert.
   Das Mädchen, Leo hatte es beinahe schon wieder vergessen, sagte etwas auf Tschechisch und Frau Schultze erwiderte ein paar matte Silben. »Ich hoffe«, sagte sie dann zu Leo, »Sie verstehen etwas von Autos, Herr Platschke.«
   »Werden wir bestimmt irgendwie hinkriegen«, murmelte er.
   In diesem Augenblick klingelte Frau Schultzes Handy. Sie sprach mit dem Anrufer – auf Tschechisch. Das Gespräch schien ewig zu dauern. Als sie auflegte, wirkte sie plötzlich ganz bleich. Von der Gelassenheit, die sie selbst mit dem schießwütigen Verfolger im Rücken gezeigt hatte, war nicht viel übrig geblieben. Sie saß einfach da und glotzte vor sich hin.
   »Was ist denn los mit Ihnen? War das Ihr Liebhaber? Hat er Ihnen gesagt, er will Sie verlassen und mit Kylie Minogue zusammenziehen?«
   »Herr Platschke, er war in Okrylla.«
   »Ihr Liebhaber?«
   »Nein. Er.«
   »Wer ‚er‘?«
   »Sie wissen, wen ich meine.«
   Leo öffnete die Beifahrertür und zündete sich eine Zigarette an. Frau Schultze protestierte nicht. Nach wie vor stiegen von dem Fabia Qualmwolken auf.
   »Warum nur mache ich alles im Leben falsch?«
   Ihre Stimme klang ganz anders als sonst. Das Kaltschnäuzige, Abgebrühte, es war einfach nicht mehr da. Leo musterte sie von der Seite, doch sie nahm ihn nicht wahr. Weder ihn noch sonst etwas. Ihre blauen Augen wirkten auf einmal völlig farblos. Er langte über ihre Schenkel hinweg zu dem Hebel für die Motorhaube. Nach einem leichten Ruckeln sprang die Haube auf. Noch mehr Qualm. Es roch verbrannt – es stank verbrannt.
   »Sehen wir uns das Baby doch mal an«, sagte Leo.

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