»Daryl presste seinen Rücken an die Rost zerfressene Schiffswand. Mit unheimlichem Pfeifen und Dröhnen schossen die Wellen durch die aufgerissene Stahlwand in das Wrack und schnappten wie blutgierige Haie nach seinen Füßen. Ein paar Minuten noch, dann würden sie ihn verschlingen …«
Nicht zum ersten Mal klettert der behinderte Aborigine-Junge Robb Tomkins auf das Wrack der Shanghai Queen, um zu angeln. Was Robb an diesem Morgen an den Haken bekommt, ist jedoch kein kapitaler Fisch, sondern die grausam entstellte Leiche eines einheimischen Fischers. Getarnt als passionierter Freizeitangler reist Detective Daryl Simmons in das kleine westaustralische Fischernest Shelly Beach. Doch nicht nur seine exzentrischen Bewohner geben ihm Rätsel auf, auch der charismatische Aborigine Koolkuna und dessen Clan, die den Ort als ihr Stammesland zurückfordern, scheinen etwas zu verbergen. Je näher Daryl der Lösung des Falles kommt, umso tiefer gerät er zwischen die Fronten – und in tödliche Gefahr …

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ISBN: 978-9963-52-403-7

Seiten: 427

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Alex Winter

Alex Winter
Alex Winter, geboren 1960 in Zürich/Schweiz, absolvierte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete zunächst als Dekorationsgestalter, später in verschiedenen Berufen im In- und Ausland. Seit 1980 unternimmt er immer wieder mehrjährige Reisen, die ihn vor allem nach Australien, Neuseeland und in die Südsee führen. Alex Winter lebt heute mit seiner Frau im Zürcher Oberland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Robb stieg über verbogene Metallstreben in den schief liegenden Heckteil des Schiffswracks.
   Vorbei an gewaltigen Dieselmotoren, Turbinen, Kesseln und Rohrleitungen, die teilweise aus ihren Verankerungen gerissen und zusammen mit dem aufgeschlitzten Schiffsboden des Frachters zu großen, unförmigen Metallklumpen zerquetscht worden waren, gelangte er zu einer schiefen Metalltreppe, die zu den oberen Decks führte.
   Er stieg vier Etagen hoch, dann folgte er einem zum Heck hin abschüssigen Gang. Dieser war von einer Schicht Salzkristallen überzogen, die im Schein seiner Taschenlampe wie Millionen winziger Diamanten glitzerten. Sie waren durch die Gischt entstanden, die bei bewegter See wie ein Sprühregen durch Risse und Löcher tief ins Schiffsinnere vordrang.
   Den zu beiden Seiten des Ganges liegenden Mannschaftsunterkünften, Arbeits- und Aufenthaltsräumen schenkte Robb keine Beachtung mehr – er hatte sie bereits vor drei Tagen untersucht.
   Am Heck, nur wenige Meter vor Ende des Ganges, konnte Robb einen hellen Lichtschimmer erkennen. Er humpelte darauf zu und stand plötzlich vor einem Spalt im Schiffsrumpf. Der Riss zog sich von der Steuerbordseite quer durch den Gang und weiter durch die mittschiffs liegende Bordwand. Durch die Lücke in der Wand fiel das Sonnenlicht auf den knapp einen Meter breiten Einschnitt. Vorsichtig trat Robb an den Rand der Spalte, die wie eine Fallgrube senkrecht durch das ganze Wrack verlief.
   Zehn Meter unter ihm brodelte der Ozean, als würde er kochen. Die Wellen drückten mit dumpfem Grollen drei Meter durch den Spalt im Schiffsboden nach oben, wo sie wie ein ausbrechender Geysir ihr Wasser verspritzten.
   Wenn Robb seine Hand an die Bordwand legte, konnte er die unbändige Kraft des Ozeans spüren, der unaufhörlich an dem Metallkoloss zerrte, um ihn wieder den Klippen zu entreißen und endgültig zu verschlingen. Der Spalt war in den letzten zwei Monaten durch eben diese Kräfte entstanden. Er würde den hinteren Teil des Wracks über kurz oder lang ein weiteres Mal auseinanderreißen und das Heck im Meer versinken lassen. Im Moment schien dieser Teil des Schiffes allerdings noch sicher zu sein, auch wenn draußen auf den Klippen drei Hinweisschilder eindringlich vor dem Betreten des Wracks warnten. Nur, er war zwölf, und da lockte das Verbotene eben erst recht.
   Mit seinem lahmen linken Bein war ein Sprung von einem Meter für ihn eine kleine Herausforderung, zumal die Shanghai Queen in einem 20º-Winkel auf den Klippen lag, was bedeutete, dass er auf dem Rückweg auch noch gangaufwärts springen musste. Das war wegen des feuchten, vom Salz leicht rutschigen Bodens nicht einfach. Aber er war mutig und traute sich beide Sprünge zu.
   Er würde wie immer vorsichtig sein, sich jeden Schritt genau überlegen und nur so lange hierher zum Angeln kommen, wie das Wrack sicher war.
   Robb warf erst seine Angelrute, dann den Plastikeimer mit den Ködern und der Angelausrüstung auf die andere Seite der Spalte. »Okay, nun gibt es kein Zurück mehr«, sagte er laut, um sich Mut zu machen.
   Er trat nahe an den Abgrund, konzentrierte sich und spannte seine Muskeln. Dann stieß er sich mit dem gesunden Bein ab und sprang.
   Er landete auf der anderen Seite, gut dreißig Zentimeter von der Spalte entfernt, rutschte aber auf dem feuchten Metallboden aus. Gerade noch konnte er sich mit den Händen an den salzverkrusteten Seitenwänden des Ganges abstützen und so einen Sturz verhindern.
   »Shit, das hätte ins Auge gehen können.« Er atmete erleichtert aus und hob seine Ausrüstung auf. Dann humpelte er weiter den Gang hinab bis zu einer schmalen Treppe, die ein Deck höher zur Brücke führte. Als er oben angekommen war, ging er nach rechts und wieder geradeaus, bis er zu einer offen stehenden Tür kam. Nun befand er sich auf dem Außendeck am Heck der Shanghai Queen.
   Das Meer befand sich drei Meter unter ihm. Da das Wrack aber schief auf den Felsen lag, schwappten die Wellen mitunter bis hinauf zu seinem Deck und überspülten es zur Hälfte.
   Robb wusste, dass er auf King Waves achten musste, Riesenwellen, die ohne Vorankündigung plötzlich auf die Küste prallen konnten und die schon vielen Klippen-Fischern das Leben gekostet hatten. Robb blieb deshalb auf der höher liegenden Steuerbordseite, von wo er sich nötigenfalls auch ins Innere des Wracks retten konnte.
   Das Wrack war in den vergangenen zwei Monaten für viele Meerestiere zu einem neuen Zuhause geworden. Vor allem kleinere Fische fanden in dem künstlichen Riff Schutz. Doch wo kleine Fische waren, traf man bekanntlich auch auf größere, die sie jagten. Somit war dieser Ort ein idealer Angelplatz, der gute Beute versprach.
   Er befestigte einen Mullet als Köder am Haken und startete einen ersten Angelversuch. Er sah zu, wie der Köder durch das Bleigewicht langsam tiefer sank und von der Strömung und den Wellen langsam unter das Wrack abgetrieben wurde. Die ersten kleinen Fische zupften bereits an dem Mullet. Mit leichten, zuckenden Bewegungen der Angel versuchte Robb, die kleinen Fische daran zu hindern den Köder abzureißen, gleichzeitig sollten sie die Muskelzuckungen eines sterbenden Fisches simulieren, mit denen er größere Raubfische anzulocken hoffte. Sekunden später spürte er einen kurzen, kräftigen Ruck an der Leine.
   »Das ging aber schnell«, rief er aufgeregt und zog ein wenig an der Angelrute, um den »Interessenten« zu reizen. In diesem Moment schnappte der Fisch endgültig zu und der Kampf zwischen Robb und seinem Opfer begann.
   Die Angelrute bog sich zunächst immer wieder bedenklich durch, sodass er dem Tier Leine lassen musste, damit diese nicht riss. Er wusste, der Fisch würde versuchen, sich in den engen Winkeln und Höhlungen des Schiffswracks in Sicherheit zu bringen. Doch Robb hatte eine Menge Erfahrung und die nötige Geduld, um seine Beute müde zu machen. Er gab dem Tier nur so viel Leine wie unbedingt nötig, holte diese wieder für einige Sekunden bis zum Risslimit ein, um sie dann erneut etwas zu lockern. Vier Minuten später hatte er seine Beute unter dem Wrack hervor und bis an die Wasseroberfläche gebracht.
   »Wow«, rief er begeistert. Am Haken hing eine mächtige Indische Fadenmakrele. Robb schätzte sie auf mindestens achtzig Zentimeter mit einem Gewicht von ca. sechs Kilo. Seine Mutter würde begeistert sein, ebenso Tante Naomi und ihr Mann Ingitja. Robb durfte nur nicht erzählen, wo genau er sie gefangen hatte.
   Er zog den für seine Kampfkraft bekannten Fisch nahe an das Wrack. Dann tastete er sich vorsichtig ein paar Meter das Außendeck abwärts zum überfluteten Teil. Hier war die Reling auf einer Länge von drei Metern abgerissen, sodass er den Fisch problemlos mit einer ankommenden Welle auf das Deck befördern konnte. Anschließend fixierte er die Makrele mit einem Fuß und stieß ihr einen großen, zugespitzten Schraubenzieher ins Gehirn. Ike-Jime, die japanische Art einen Fisch innerhalb einer Sekunde zu töten, gehörte, wie ihm sein Vater beigebracht hatte, zum Respekt, den er der Natur und ihren schuppigen Geschöpfen entgegenzubringen hatte.
   Stolz nahm er seine Beute vom Haken und trug sie hinauf zum Durchgang ins Schiff. Dort legte er sie hinter die Tür, deren Angeln bereits so verrostet waren, dass sie sich nicht mehr bewegen ließ. Danach befestigte er einen neuen Köder am Haken und warf die Angel erneut aus.
   Diesmal musste er einige Minuten warten, ehe er einen Widerstand an der Leine spürte. Doch das Gefühl war anders, als wenn ein Fisch am Haken zappeln würde. Erst glaubte er, sein Angelhaken wäre irgendwo hängen geblieben, doch dann merkte er, dass sich die Leine, wenn auch nur langsam, einholen ließ.
   Allmählich nahm er eine große dunkelgrüne Silhouette in der bewegten See wahr. Sie trieb träge wie eine Seekuh knapp unter der Wasseroberfläche. Als er sie bis zwei Meter an das Schiffswrack herangezogen hatte, sah er, dass es sich um einen knapp zwei Meter langen und gut fünfzig Zentimeter breiten Gegenstand handelte, der in eine mit Nylonschnur umwickelte Kunststoffplane eingeschlagen war.
   An seinem einen Ende schaute ein zerfetzter Stiefel heraus, aus dem die teilweise abgenagten Zehen eines aufgedunsenen menschlichen Fußes ragten …

2

Daryl steuerte seinen alten, verbeulten Landcruiser auf einer staubigen Piste einen kleinen Hügel hinauf, der in Wirklichkeit nichts anderes war als eine große, kilometerlange Sanddüne.
   Seit er vom North West Coastal Highway abgebogen war, fuhr er durch eine weite, flache Landschaft, die lediglich mit niedrigen Büschen bewachsen war. Der karge, meist sandige Boden taugte hier weder zur Landwirtschaft noch zur Viehzucht. Trotzdem war die Gegend voller Leben. Kängurus, Emus und eine Vielzahl von Reptilien lebten hier weitgehend ungestört.
   Auf dem breiten, dicht bewachsenen Dünenkamm oberhalb des Paar-Seelen-Dorfes Shelly Beach hielt er an, stieg aus und trat neben den Wagen. Dann schloss er die Augen.
   Vom Meer her wehte eine angenehme, kühle Brise, es roch ganz leicht nach Algen und Salz. Das Rauschen der Brandung klang gleichmäßig und friedlich. Während seine Sinne diese Eindrücke aufnahmen, musste er an seinen Aborigine-Ziehvater Ungjeeburra denken. Dieser hatte ihn gelehrt, wann immer er in eine fremde Gegend kam, einen Augenblick innezuhalten und den »Geist« dieses Ortes in sich aufzunehmen.
   Als er seine Augen wieder öffnete, schweifte sein Blick über die Treacherous Bay. Die Bucht war an die zehn Kilometer lang. Sie hatte fast ausnahmslos eine felsige Küste, die mitunter bis auf zwanzig Meter anstieg. An ihr entlang zogen sich Dünenhügel, die durch ihren Buschbewuchs fast nicht als solche zu erkennen waren. Shelly Beach selbst lag am Fuß des Hügels an einem der zwei Strände der Bucht. Dieser hier war knapp einen Kilometer lang, von Strandgras bewachsen und immer wieder von Felsen unterbrochen. An einem etwa dreißig Meter langen hölzernen Jetty waren zwei Fischerboote, ein kleines Motorboot und ein Zodiac-Schlauchboot vertäut. Am Strand lagen zwei weitere kleinere Boote und auf einem Bootsanhänger ein Sport-Fisherman mit Laufbrücke, den gerade jemand mit einem verrosteten Traktor zu Wasser ließ.
   Während er sich gegen den Kotflügel seines Wagens lehnte und über die kilometerlange dunkelblaue Bucht blickte, schweiften seine Gedanken ein weiteres Mal ab, diesmal zu seinem Vorgesetzten, Chief Inspector Garratt.
   Diesem hatte er es zu verdanken, dass er nach einem Fall in Zentralaustralien, bei dem er schwer am Bein verletzt worden war, nicht in den Innendienst versetzt wurde. Seine Verletzung war so schlimm, dass er für den Rest seines Lebens hinken würde – und das disqualifizierte ihn für den normalen Polizeidienst. Sein Vorgesetzter hatte gewusst, dass dies für Daryl ein Kündigungsgrund gewesen wäre. Chief Garratt hatte deshalb mit dem obersten Polizeibeamten in Westaustralien, Police Commissioner O’Callaghan, Kontakt aufgenommen. Er hatte ihm einen Vorschlag gemacht, in den dieser schließlich einwilligte, nachdem Daryl während seines »Genesungsurlaubs« einen Fall auf Bitten der südaustralischen Polizei gelöst hatte.
   Daryl unterstand weiterhin seinem Chief. Doch das war es auch schon. In Zukunft würde er nur noch auf unaufgeklärte Fälle angesetzt werden, die sich im Outback ereignet hatten oder in die Aborigines verwickelt waren. Außerdem konnte zukünftig auch die Polizei anderer Staaten die »Sondereinheit Garratt« direkt um Hilfe bei solchen Fällen bitten. Dies kam Daryl und seinen unkonventionellen Fahndungsmethoden sehr entgegen. Er war glücklich mit dieser Lösung, auch wenn sie ihn unter einen gewissen Erfolgsdruck setzte.
   Bei seinem neuesten Fall hatte ein zwölfjähriger Aborigine-Junge namens Robb Tomkins beim Angeln von einem Schiffswrack anstelle eines kapitalen Fisches eine Leiche am Haken.
   Bei dem Toten handelte es sich um Ron Fagg, einen seit mehreren Wochen vermissten Fischer. Doch der in eine Plastikplane eingewickelte Mann war keines natürlichen Todes gestorben. Sein Schädel war eingeschlagen worden. Nach der langen Zeit im Wasser war die Leiche in sehr schlechtem Zustand gewesen und eine Identifizierung nur durch eine Zahnanalyse, die Kleidung des Opfers und den Umstand, dass der Mann aus dem kleinen Fischerort Shelly Beach stammte, möglich gewesen. Dass Ron Faggs Mörder ebenfalls in dem kleinen Ort zu finden war, schien naheliegend, zumal sich – bis auf zwei Sporttaucher – zum Zeitpunkt von Ron Faggs Verschwinden keine Fremden in Shelly Beach aufgehalten hatten.
   Die Taucher, ein französisches Pärchen namens Noel und Natalie Russo, hatten sich in dem kleinen Caravan Park eingerichtet, der von Robb Tomkins Mutter Lauren und deren Schwester Naomi geführt wurde. Die Franzosen waren bereits seit fast drei Monaten hier, was Daryl verwunderte. Schließlich bestand der kleine Ort lediglich aus einem Dutzend einfacher Holz- und Wellblechhäuser ohne Stromanschluss, die zwischen felsiger Küste und öder, unfruchtbarer Landschaft lagen.
   Shelly Beach war somit alles andere als eine Touristenattraktion. Es lag so abseits, dass seine Bewohner nur alle zwei Wochen einmal von einem Truck mit Lebensmitteln versorgt wurden. Und so lebten die wenigen Einwohner mehr schlecht als recht vom Fisch- und Lobsterfang. Letzterer dauerte noch zweieinhalb Monate und war die lukrativste Zeit für die Fischer. Daryl hoffte, dass er ebenfalls noch in den Genuss des einen oder anderen Krustentiers kommen würde.
   Nachdem er sich vom Hügel einen ersten Überblick über den kleinen Ort verschafft hatte, stieg er wieder ein und fuhr den Hang hinab.
   Zu beiden Seiten des ungeteerten Weges lagen je vier einfache Häuser, ganz unten beim Strand zwei weitere. Sie waren ohne Ausnahme alle aus Wellblech und Holzplatten gezimmert und teilweise mit einem einfachen offenen Anbau als Garage und einem Geräteschuppen ausgestattet. Außerdem stand neben jedem Haus ein großer Kunststoffregentank, der es mit Wasser versorgte. Da es in dem kleinen Ort keinen Stromanschluss gab, mussten sich seine Bewohner mit Dieselgeneratoren und Gasflaschen zum Kochen behelfen.
   Daryl bog am Anfang des »Dorfes« nach links ab und folgte einer handgemalten Tafel mit der Aufschrift Caravan Park. Nach dreihundert Metern erreichte er zwei weitere Häuser. Diese waren komplett aus azurblau gestrichenen Sperrholzplatten errichtet und mit flachen Wellblechdächern gedeckt. Zwischen den beiden Häusern befand sich ein großer offener Blechunterstand, unter dem ein Bootsanhänger mit einem Aluminiumboot mit Außenbordmotor sowie zwei Fahrzeuge standen – ein rostiger Nissan Hiace Kleintransporter und ein alter beigefarbener Toyota Landcruiser HZJ45, wie Daryl einen fuhr. Etwa zwanzig Meter entfernt den Sandhügel hinauf standen ein großer Dieseltank und ein Generator, der die beiden Häuser und den Caravan Park mit Strom versorgte.
   Daryl hielt vor dem Haus mit der Tafel Office und stieg aus. Sein erster Blick fiel auf einen eingezäunten, sandigen »Garten«. In ihm standen verschieden große Blechkessel und halbierte Dieselfässer, die als Pflanzenkübel herhalten mussten und mit Palmen, Kakteen und blühenden Plumerias, deren betörenden Duft Daryl schon von Weitem wahrnahm, bepflanzt waren. Zwei von der Sonne gebleichte Walrippen und einige Kunststoffbojen in diversen Farben markierten den Weg durch den eigenwilligen Garten.
   Daryl klopfte an die Fliegengittertür und rief: »Hallo, jemand da?«
   »Komme gleich!«, antwortete eine freundlich klingende, weibliche Stimme.
   Daryl trat zurück und kurz darauf öffnete eine große, schlanke Frau mit einem für eine Eingeborene ungewöhnlich fein geschnittenen Gesicht die Gittertür.
   »Hi, ich bin Lauren. Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie.
   Laurens Anblick versetzte Daryl einen Stich ins Herz. Ihr schmales Gesicht mit den vollen Lippen, ihr graziler Hals, die schlanken Hände sowie das lange, bläulich schimmernde Haar, in dem eine weißgelbe Plumeriablüte steckte, erinnerten ihn an seine ermordete Verlobte Michelle. Genau wie Michelle war Lauren keine reinrassige Eingeborene, ihre Hautfarbe war aber ebenso dunkel.
   »Ich … möchte gern einen Campsite«, antwortete Daryl, als er sich wieder gefasst hatte. Er warf einen kurzen Blick hinüber zu dem von einem roten Holzzaun umgebenen Campingplatz. »Viel ist ja im Moment nicht los«, sagte er, begleitet von einem ungezwungenen Lächeln.
   Lauren musterte ihn unverhohlen, was Daryl einen erneuten Stich versetzte und ihn verunsicherte. Alles in Ordnung, versuchte er, sich zu beruhigen. In seinem alten, rot-schwarz karierten Holzfällerhemd, den verwaschenen Jeans und abgetragenen Blundstone Boots, mit dem Dreitagebart und dem kantigen, vom Wind und der Outbacksonne dunkelbraun gefärbten Gesicht würde ihn niemand für einen Detective der Kriminalpolizei von Perth halten. Und doch … Irgendwie fühlte er sich durchschaut.
   »Das ist es selten«, gab Lauren schließlich offen zu. »Ändert sich hoffentlich, wenn wir nächsten Frühling Strom bekommen.« Sie blickte ihm tief in die Augen. »Wie lange gedenken Sie denn, zu bleiben?«
   »Ich habe mir da noch keinen Zeitrahmen gesetzt«, entgegnete Daryl wahrheitsgetreu. Dann setzte er zu einer erfundenen Geschichte an: »Hab eine ganze Weile auf einer Farm im Süden gearbeitet, jetzt will ich erst mal meinen Hunger nach Meer stillen und angeln, bis ich keine Fische mehr sehen kann.«
   Lauren Tomkins warf einen Blick zu Daryls Wagen. »Ohne Boot bleiben Ihnen dafür aber nur die Klippen.«
   »Ist ein Anfang. Und vielleicht vermietet mir ja jemand ein Boot?«
   Lauren lächelte. »Sie spielen auf unser Aluminiumboot an.«
   »Ertappt.«
   »Nun, das muss ich erst noch besprechen.«
   »Mit Ihrem Mann?«, fragte Daryl, obwohl er die Antwort schon kannte.
   »Nein. Mit meiner Schwester Naomi. Das Boot gehört ihr und ihrem Mann. Naomi und ich leiten den Caravan Park.«
   »Dann ist Ihr Mann also Fischer?«, bohrte Daryl weiter.
   Laurens Gesichtsausdruck wurde ernst. »Mein Mann ist tot. Er starb vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall.«
   »Das tut mir leid. Bitte entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht ausfragen.« Daryl hatte in den Akten des Falles über alle in Shelly Beach lebenden Personen eine kurze Biografie gelesen. Er hatte es sich aber zur Gewohnheit gemacht, sich aufgrund einer solchen zunächst noch kein allzu genaues Bild eines Menschen zu machen. Erst wenn man persönlich mit jemandem sprach und ihn näher kennenlernte, bekam man eine ungefähre Ahnung, wer er wirklich war.
   Lauren Tomkins schien eine starke Frau zu sein, die ihren Mann zwar vermisste, über seinen Verlust aber hinweggekommen war und die trotz dieses Schicksalsschlages noch immer Freude am Leben empfand. Dies mochte mit daran liegen, dass ihr Sohn Robb bei dem Unfall ebenfalls im Wagen gesessen, aber glücklicherweise überlebt hatte. Dass die Ärzte zunächst davon ausgegangen waren, Robbs linkes Bein amputieren zu müssen, es aber schließlich doch noch retten konnten, musste für sie eine große Erleichterung gewesen sein.
   Lauren sah Daryl mit einem ruhigen, abwägenden Blick an. »Ich glaube, Sie wollten mich sehr wohl ausfragen. Aber ich nehme es Ihnen nicht übel – solange Sie nicht versuchen, mit mir anzubändeln.«
   »Das war deutlich«, antwortete Daryl und setzte ein verlegenes Lächeln auf. Lauren hatte seine Verunsicherung von vorhin also gespürt.
   »Seien Sie nicht eingeschnappt. Aber ich habe gelernt, dass es besser ist, von Anfang an für klare Fronten zu sorgen. Die meisten Leute, die hierher kommen, sind Freizeitangler auf Urlaub. Und die glauben, eine alleinstehende Frau sei so was wie Freiwild.«
   »Ich versichere Ihnen, mich zu benehmen«, meinte Daryl ernst.
   »Dann freue ich mich, dass Sie hier sind. Wo werden Sie schlafen, im Zelt?«
   »Das hatte ich vor.«
   »Nun, um diese Jahreszeit kann es gelegentlich recht kühl und stürmisch sein, mitunter regnet es auch. Wenn Sie wollen, können Sie den Wohnwagen mieten, der am Ende des Campingplatzes steht. Er ist an den Stromgenerator angeschlossen. Strom gibt’s von halb sieben Uhr morgens bis zweiundzwanzig Uhr dreißig. Allerdings müssten Sie draußen auf dem Gasbarbecue unterm Vorzelt kochen, der Herd drinnen ist kaputt.«
   Daryl fragte nach dem Preis der Unterkunft und war damit einverstanden. Dann erkundigte er sich nach den anderen Campinggästen.
   »Ein französisches Paar, Noel und Natalie Russo. Sie sind Sporttaucher, mit einer Passion für seltene Muscheln und Krustentiere, von denen es, wie sie sagten, in der Bucht offenbar eine Menge gibt. Jedenfalls scheint es ihnen in Shelly Beach gut zu gefallen, sie sind schon eine ganze Weile hier. Allerdings sind sie ziemlich kontaktscheu.«
   »Ah, so«, kommentierte Daryl die Information. »Nun, ich werd mich trotzdem mal vorstellen.«
   Lauren erklärte Daryl noch, dass das Warmwasser für den kleinen Sanitärblock, der am Anfang des Campingplatzes stand, mit einem Gasheizelement betrieben wurde und somit rund um die Uhr warmes Wasser lieferte. Zudem berichtete sie, dass es im letzten Haus unten am Strand einen kleinen Laden gab, der von einem ehemaligen Fischer namens Garry Grimmes geführt wurde. Außer einer Auswahl des Allernötigsten verkaufte er auch Diesel und Angelausrüstung sowie Köder.
   Daryl bedankte sich, bezahlte für zwei Wochen im Voraus und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen.
   Seine Unterkunft hatte ohne Zweifel schon bessere Tage gesehen. Die weiße Außenfarbe des Wohnwagens sah aus, als wäre sie sandgestrahlt. Die dunkelgrünen Seitenstreifen hatten ebenfalls viel an Farbe verloren, waren fleckig und bröckelten teilweise ab. Und auch die Aluminiumzierleisten waren matt und an mehreren Stellen oxidiert.
   Das Innere des Wohnwagens stand in Alter und Zustand seinem Äußeren in nichts nach. Die mit dunklem Holzimitat überzogenen Schränke, der auf einem wackligen Messingfuß aufgeschraubte furnierte Tisch, der angerostete, stöhnende Kühlschrank und das auf grauen Metallpfosten ruhende Bett mit seiner durchgelegenen Matratze machten einen wenig anheimelnden Eindruck. Allerdings war alles sauber, die Vorhänge und Sitzbezüge neu. Daryl kam zu dem Schluss, dass Lauren Tomkins und ihre Schwester wenig Geld besaßen. Doch sie gaben sich Mühe, alles möglichst sauber und ordentlich zu halten.
   Daryl trug seine Sachen in den Wohnwagen. Dabei warf er einen unauffälligen Seitenblick zu dem zwei Plätze entfernt stehenden Wohnmobil der Russos. Der Kleinbus, ein Nissan Civilian, stand mit dem seitlich montierten Vorzelt in seine Richtung. Daneben parkte ein Yamaha Quad neben einem leeren Bootsanhänger. Die Tür des Wohnmobils war geschlossen, doch durch die mit Fliegengittern versehenen Seitenfenster sah er, dass sich die Russos im Fahrzeug befanden.
   Nachdem er seine Sachen im Wohnwagen verstaut hatte, ging er zwischen den Blecheimern, die als Pflanzentröge dienten und die einzelnen Campsites voneinander trennten, zu den Sporttauchern hinüber. Er klopfte an die Tür und wartete.
   Noel Russo war ein großer, hagerer Mann Anfang vierzig. Sein Gesicht wirkte grob und unfertig, als wäre es unsachgemäß aus einem Lehmklotz geformt worden. Seine großen Augen schienen in den Höhlen nicht recht Platz zu haben und standen hervor, was seinem Gesicht das Aussehen eines erschreckten Tintenfisches verlieh. Er hatte die Tür nur halb geöffnet und musterte Daryl argwöhnisch.
   »Tag, mein Name ist Daryl Simmons. Ich habe den Wohnwagen da drüben gemietet. Werde mir in den nächsten zwei, drei Wochen die Zeit mit Angeln vertreiben.«
   Noel Russo zögerte, stieß dann die Tür ganz auf und stellte sich in fast akzentfreiem Englisch vor. Als seine Frau hinter ihn trat, machte er einen Schritt zur Seite. »Und das ist meine Frau Natalie.«
   Die Französin hatte große rehbraune Augen, eine fein geschnittene Nase und einen sinnlichen Mund. Ihr Haar war schwarz und sie trug einen Pagenschnitt mit frechen Fransen, der ihr schmales, hübsches Gesicht besonders gut zur Geltung brachte. Außerdem hatte sie lange, makellose Beine, die in knappen Shorts endeten.
   »’Allo«, begrüßte sie Daryl mit starkem französischem Akzent. Sie lächelte und streckte ihm ihre schlanke Hand entgegen. »Wir sind Sporttauch’er und erkunden seit einer Weile die Bucht.«
   »Habe ich schon gehört«, entgegnete Daryl und war überrascht vom kräftigen Händedruck der zierlichen Frau. »Die Treacherous Bay muss ja für Taucher eine Menge zu bieten haben.«
   »Tatsäch’lisch gibt es ’ir einige tré interessante Tauchplätze«, meinte Natalie. »Und es ’at viele Fische, Muscheln und Krustentier’e, besonders entlang der Riff’e. Tauchen Sie auch?«
   Daryl schüttelte den Kopf. »Ich hab’s mal versucht und auch einen Tauchschein gemacht, aber insgesamt fühle ich mich dabei alles andere als wie ein Fisch im Wasser.«
   »O, schad’e, da verpassen Sie etwas.«
   Daryl hätte schwören können, dass er eben ein paar Punkte in der Gunst von Natalie Russo verloren hatte.
   Er warf einen kurzen Blick zu Noel Russo. Dieser tippte ungeduldig mit den Fingern an den Türrahmen. Dies und die Tatsache, dass die beiden nicht aus dem Wohnmobil ausgestiegen waren, um sich mit ihm zu unterhalten, deuteten darauf hin, dass sie an keinem näheren Kontakt interessiert waren. Zwar versuchte Natalie Russo, das mit Höflichkeit und ihrem Charme zu überdecken, doch auch sie wartete offenbar nur darauf, dass sich Daryl endlich verzog.
   »Gut möglich«, meinte Daryl denn auch beiläufig. Er tippte sich mit dem Finger an den Rand seiner Baseballmütze und sagte: »Also dann, wollte mich nur kurz vorstellen. Man sieht sich.«
   Nicht unbedingt die feine französische Art, dachte er auf dem Weg zu seinem Wohnwagen. Er konnte es nicht beschwören, aber sein Gefühl sagte ihm, dass die beiden etwas zu verbergen hatten.
   Nachdem er ausgepackt und die Lebensmittel im Kühlschrank verstaut hatte, trat er mit einer Flasche Bier und einem Teller, auf dem ein großes T-Bone-Steak lag, nach draußen und stellte den Gasgrill an. Ein flüchtiger Blick hinüber zum Camper der Russos bestätigte seine Vermutung – die Tür war geschlossen, die Vorhänge zugezogen.

3

In der Nacht hatte es geregnet. Als Daryl beim ersten Morgengrauen aufstand, lagen dichte, nebelartige Wolkenschwaden über der weiten Bucht. Die Luft war noch kühl, sie roch nach feuchten Algen.
   Als er frisch geduscht vom kleinen Toilettenblock zurückkam, rissen die Wolkenschwaden gerade auf und begannen, sich wie Eiswürfel in warmem Wasser aufzulösen.
   Draußen bereitete sich Daryl ein Frühstück aus Eiern und Speck zu. Als er es an dem Campingtisch unter dem Vorzelt verspeiste, schien die Sonne bereits wieder an einem leuchtend blauen Himmel.
   Daryl war guter Dinge und freute sich auf einen entspannten Tag, an dem er etwas die Umgebung erkunden und bei Gelegenheit das eine oder andere Schwätzchen mit den Bewohnern von Shelly Beach halten wollte.
   Nach dem Abwasch machte er sich auf den Weg hinunter zum »Dorf«. Er passierte gerade Lauren Tomkins Haus, als aus dem Nachbargebäude ein Aborigine trat. Er war fast einen Kopf größer als Daryl, besaß breite Schultern und den kräftigen Nacken eines Angusbullen. Er hatte ein rundes Gesicht mit breiten Augenwülsten über der Stirn, eine große, flache Nase und zu feinen Schlitzen zusammengekniffene Augen. Einzig der deutliche Bauchansatz milderte ein wenig sein Furcht einflößendes Aussehen.
   Der Aborigine kam mit großen Schritten auf Daryl zu. »Sie sind also der Neue«, begrüßte er ihn in einem leicht vorwurfsvollen Tonfall.
   »Daryl Simmons. Und Sie sind …?«
   »Ingitja. Uns gehört das Land hier.« Der Eingeborene machte eine ausladende Handbewegung. »Dies ist alles Stammesland der Nhanta. Und Shelly Beach steht auf einem heiligen Platz unseres Stammes.«
   Daryl war konsterniert. Der Aborigine war klar auf eine Konfrontation aus. Er gehörte zu den Eingeborenen, die keine Weißen mochten, ja sie sogar hassten, weil sie der Meinung waren, dass diese ihnen nicht nur ihr Land gestohlen, sondern sie auch versklavt und ihre jahrtausendealte Kultur zerstört hatten. Zu einem großen Teil mochte das stimmen. Doch letztendlich waren diese radikalen Eingeborenen in ihrem Denken so stur und kompromisslos wie die weißen Rassisten. Sie waren nicht bereit für ein Umdenken, einen Neuanfang und dachten buchstäblich nur schwarz-weiß.
   »Das Stammesland der Nhanta erstreckt sich die Küste entlang zwischen Geraldton bis ungefähr hundert Kilometer nördlich von Kalbarri«, sagte Daryl, als rezitierte er aus einem Schulbuch. »Im Norden grenzt es an das Land der Malkana, im Süden an das der Amangu und etwa fünfzig Kilometer landeinwärts an das der Watjarri. Soviel ich weiß, unterscheidet sich die Sprache der Nhanta von der anderer Aborigine-Stämme und wird nur noch von wenigen Eingeborenen gesprochen. Wie ist das bei Ihnen?«
   Ingitja schaffte es nicht, seine Verblüffung zu verbergen. Die schmalen Schlitze seiner Augen öffneten sich einen Spaltbreit, und auch ohne dass er sich bewegte, schien er von Daryl zurückzuweichen.
   »Das … stimmt.« Der Aborigine schien plötzlich nach Worten zu suchen. »Ich spreche noch Nhanta. Woher …«
   »… ich darüber so gut Bescheid weiß?«, half Daryl aus.
   Ingitja nickte.
   »Ich interessiere mich für die vielschichtige Kultur der Aborigines. Ihr Wissen über die Natur und ihr Verständnis für deren Abläufe sowie ihre Mythen finde ich nicht nur faszinierend, sondern auch inspirierend. Leider fehlt vielen Weißen dafür das Verständnis. Dies liegt wohl daran, dass sich die Denkweise Ihres Volkes doch sehr von der des meinen unterscheidet.«
   Daryl hätte dem Ganzen noch die Krone aufsetzen können, indem er gesagt hätte, dass er in einer Aborigine Community in Zentralaustralien aufgewachsen war, wo er gegen den Willen seiner Eltern die Initiationsriten der Pintubi absolviert hatte. Doch damit hielt er lieber noch hinter dem Berg. Für Ingitja war Daryl jetzt schon jemand, mit dem er nicht umzugehen wusste. Er wollte den Eingeborenen nicht völlig aus der Fassung bringen.
   In diesem Moment öffnete sich hinter Ingitja die Tür. Eine Aborigine trat heraus und kam barfuß mit schnellen Schritten auf sie zu. Sie trug ein luftiges, grüngelb geblümtes Sommerkleid, das ihre schlanke, grazile Figur bestens betonte. Ihre Ähnlichkeit mit Lauren Tomkins war verblüffend, nur eine kleine Narbe unter dem linken Auge sowie ihr knapp schulterlanges Haar unterschieden sie von ihr.
   »Hallo, ich bin Naomi, Laurens Schwester«, stellte sie sich vor und schob sich hastig zwischen ihren hünenhaften Mann und Daryl. Hätte er nicht den Polizeibericht gelesen, es wäre ihm schwergefallen zu sagen, welche der beiden Schwestern die Ältere war. So aber wusste er, dass Naomi fünfunddreißig und ihre Schwester vier Jahre älter war. Ingitjas genaues Alter war hingegen unbekannt. Seine Eltern hatten seine Geburt nicht gemeldet, was noch vor vierzig Jahren keine Seltenheit war. So hatte man sein Alter im Untersuchungsbericht auf »um die vierzig« angegeben.
   »Lauren sagte mir, Sie möchten ein Boot mieten«, fuhr die Aborigine in freundlichem Plauderton fort.
   »Das ist richtig. Ich mag es, von den Klippen zu angeln, doch gelegentlich wäre es schön, bei gutem Wetter hinauszufahren und sein Glück da zu versuchen.«
   »Ich denke, das lässt sich machen.« Sie schaute über die Schulter zu ihrem Mann. »Ist doch so, oder?«, fragte sie Ingitja in drängendem Tonfall.
   »Hm. Wenn er genügend bezahlt …«, brummte dieser.
   »Fünfzig Dollar für einen halben, achtzig für einen ganzen Tag, plus Benzin«, wandte sich Naomi wieder an Daryl.
   »Abgemacht«, meinte er und streckte Naomi die Hand entgegen.
   Die Aborigine ergriff sie, ohne zu zögern. »Gut, dann bringen wir das Boot heute Nachmittag runter zum Jetty. Geben Sie einfach am Abend zuvor Bescheid, wenn Sie es benutzen wollen.«
   »Geht klar.«
   »Sonst noch etwas?«, wandte sich Naomi wieder ihrem Mann zu. Dieser schüttelte den Kopf und drängte sich an ihnen vorbei. Über die Schulter hinweg rief er: »Bin den ganzen Tag im Camp. Wenn du das Boot heute runterbringen willst, musst du das mit Lauren oder ihm hier machen.« Er ging geradewegs zur offenen Garage und stieg in seinen Landcruiser.
   Naomi setzte ein betretenes Lächeln auf. »Ich hoffe, mein Mann hat Sie nicht verärgert.«
   »Warum sollte er?«, wollte Daryl wissen.
   »Nun ja … Mitunter äußert er seine Ansichten auf nicht gerade zimperliche Art.«
   Daryl beobachtete, wie Ingitja davonbrauste, dann wandte er sich wieder Naomi zu. »Sie brauchen sich nicht für Ihren Mann zu entschuldigen. Er ist stolz auf sein Volk, und das ist sein gutes Recht. Ich habe ihm gesagt, dass ich persönlich eine hohe Achtung vor der Kultur der australischen Ureinwohner habe.«
   Naomi sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. »Tatsächlich?«
   Daryl schmunzelte. »Das klang wenig überzeugt.«
   Die Aborigine biss sich ertappt auf die Unterlippe. »Das war nicht böse gemeint. Es ist nur so …«
   Daryl hob die Hand. »Ich weiß schon, es gibt viele Weiße, für die ist ihr Interesse an der Kultur der australischen Ureinwohner einfach nur schick und trendy. Oft hat sie geradezu etwas Gönnerhaftes. In meinem Fall hat es allerdings einen anderen Hintergrund.«
   Daryl erzählte von der Aborigine Community in Zentralaustralien, in der er aufgewachsen war, davon, dass seine Eltern dort eine Tankstelle mit Store geführt hatten. Ehe er in Kalgoorlie das College besuchte, war er der einzige weiße Junge gewesen, der in der Community zur Schule ging. Dass sein schier unerschöpfliches Interesse am Wissen der Pintubi-Aborigines schließlich dazu geführt hatte, dass ihn Ungjeeburra, einer der Stammesältesten, unter seine Fittiche nahm und er kurz vor dem College sogar – wenn auch gegen das Wissen und Einverständnis seiner Eltern – die Initiationsriten der Pintubi absolviert hatte, verschwieg er aber wohlweislich. Es hätte Naomi, ihren Mann und Lauren nur misstrauisch gemacht.
   Als Daryl geendet hatte, bedachte ihn Naomi mit einem wissenden Lächeln. »Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht war, allein als weißer Junge unter lauter Aborigine-Kindern zu leben.«
   »Zu Anfang war es das wirklich nicht«, bestätigte Daryl. »Ich wurde gehänselt und Raufereien waren fast an der Tagesordnung. Doch dies legte sich mit der Zeit. Der Grund dafür war, dass ich mich für die Sitten und Gebräuche sowie das breite Naturwissen des Stammes zu interessieren begann. Ich war geradezu fasziniert davon. Je mehr ich mich damit beschäftigte, umso mehr stieg die Achtung und Akzeptanz der anderen Kinder und Erwachsenen mir gegenüber.«
   »Dann sind Sie ein recht außergewöhnlicher Mann.«
   »Nicht im Geringsten.«
   »Sie sind zu bescheiden.«
   »Und Sie machen mich verlegen.«
   Naomi lachte. »Das kann ich mir schwer vorstellen. Aber gut, belassen wir es dabei. Was haben Sie denn heute vor?«
   »Ein bisschen die Gegend erkunden. Im Internet habe ich gelesen, dass es hier irgendwo an der Küste ein Schiffswrack geben soll.«
   Naomi nickte. »Die Shanghai Queen, ein Frachter. Sie finden ihn gut zweieinhalb Kilometer westlich von Shelly Beach. Die Abbruchfirma hat einen Track dorthin angelegt. Er verläuft etwa drei Kilometer zurück auf der Straße Richtung Highway. Der Weg ist mit einem Verbotsschild markiert. Ingitja hat es aufgestellt. Er möchte, dass der Weg möglichst schnell wieder zuwächst. Aber ich denke, auf ein Fahrzeug mehr kommt es nicht an.«
   »Nun, ich hatte eigentlich nicht vor, mit dem Wagen dorthin zu gelangen.«
   »Oh, umso besser. Ich dachte nur, falls das mit Ihrem Bein ein Problem gewesen wäre. In dem Fall folgen Sie einfach dem Küstenpfad. Aber seien Sie vorsichtig. Das Wrack ist gefährlich.«
   Daryl bedankte sich und versprach ihr, am Nachmittag wieder vorbeizuschauen, damit sie das Aluminiumboot zum Jetty bringen konnten. Dann machte er sich auf den Weg.
   Er ging bis zur Straße, die hinab zum Meer führte. Gemütlich folgte er ihr, betrachtete dabei die Häuser zu beiden Seiten des Weges und versuchte, sich zu erinnern, wer laut Untersuchungsbericht in welchem wohnte.
   Das erste Haus auf der linken Seite stand seit Längerem leer. Seine Fenster waren kreuz und quer mit Brettern vernagelt, das Vordach über dem Doppelparkplatz war eingeknickt und auf dem sandigen Vorplatz reckte ein drei Meter hoher, abgestorbener Casuarina-Baum anklagend seine kahlen Äste gegen den Himmel.
   Das Haus gegenüber auf der rechten Straßenseite war in etwas besserem Zustand, wenngleich auch von ihm überall die Farbe abblätterte. Hinter den dicken, verschnörkelten Vorhängen nahm Daryl eine Bewegung wahr. Jemand beobachtete ihn. Wie er wusste, wohnte in dem Haus ein älteres Fischerehepaar im Ruhestand. Ihre Namen lauteten Ned und Rosanna Kelly. Die beiden waren Mitte sechzig, und dass sie etwas mit dem Mord an Ron Fagg zu tun hatten, schien auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich. Zwar besaßen sie ein kleines Fischerboot, mit dem sie die Leiche hätten raus auf See bringen und dort über Bord werfen können. Dies hätte den beiden aber doch einiges abverlangt, denn Ron Fagg war wie seine Brüder ein Hüne von fast zwei Metern gewesen, der über hundertdreißig Kilo wog. Doch völlig von der Liste der Verdächtigen konnte er das Paar natürlich nicht streichen.
   Daryl ging weiter. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich nun auch an einem zweiten Fenster des Hauses die Gardinen bewegten. Die Kellys waren wirklich ausgesprochen neugierig. Er würde bei Gelegenheit auf ein Schwätzchen bei ihnen vorbeischauen, um sich ein besseres Bild von ihnen zu machen. Vielleicht erfuhr er ja etwas, was ihm weiterhalf.
   Auf das Haus der Kellys folgte das von Clint und Buddy Fagg, den Brüdern des ermordeten Ron Fagg. Es war das ungepflegteste des kleinen Ortes. Auf dem Vorplatz des gut zehn Meter von der Straße versetzt stehenden Holz- und Wellblechbaus lag allerlei Metall- und Plastikmüll herum. Von der Verandatür und den Fenstern hingen zudem Fliegengitterstofffetzen herunter. Sie flatterten in der Morgenbrise wie Netze, in denen Fische zappelten.
   Unter dem hoffnungslos schief gedeckten Doppelparkplatz, der sich mit letzter Kraft am Haus festzuklammern schien, stand der Wagen des ermordeten Bruders, ein gepflegter, getunter Ford Falcon Panel Van. Clint Faggs eigenes Fahrzeug, ein, wie er aus dem Polizeibericht wusste, klappriger Holden VZ Ute Thunder, parkte unten am Jetty. Die Brüder legten die knapp zweihundertfünfzig Meter zum kleinen Hafen anscheinend lieber mit dem Auto als zu Fuß zurück. Da kein Fischerboot mehr am Landungssteg lag, waren sie offenbar bereits beim Lobsterfang, so wie die Coles, die anderen Berufsfischer in Shelly Beach.
   Daryls Blick schweifte hinüber auf die linke Straßenseite zu einem hellblau gestrichenen Haus. Es unterschied sich in Stil und Einfachheit nicht von den anderen, wirkte aber durch seinen frischen Anstrich fröhlicher und sympathischer als die übrigen. Zwei große Blumentöpfe mit drei Meter hohen Bangalow Palmen standen links und rechts eines verbogenen Metallgatters Spalier. Zu beiden Seiten des Hauseinganges verbanden Drähte das Haus mit den Palmen. An ihnen hingen mehrere hölzerne Mobiles. Vor dem Gebäude grenzte ein rostiger Drahtzaun eine Fläche von gut vierzig Quadratmetern ein, in der über ein Dutzend Holzskulpturen standen.
   Daryl humpelte hinüber, um sie sich näher anzusehen. Wie er feststellte, handelte es sich dabei ausnahmslos um Driftholz, das auf verschiedenste Art bearbeitet worden war. In einige der Skulpturen waren Gesichter geschnitzt worden, die so geschickt mit den Strukturen des Holzes harmonierten, dass man sie erst wie Suchbilder nach längerem Betrachten erkannte. Andere hatte man so bearbeitet, dass sie als Kerzenständer oder dekorative Ausstellungsgegenstände für Schmuck oder Ähnliches dienen konnten. Auch die Mobiles waren aus Schwemmholzteilen hergestellt, die zum Teil poliert worden waren, um ihre spezielle Struktur und Maserung hervorzuheben.
   Während Daryl die Skulpturen aus der Distanz studierte, ging die Tür auf und eine schlanke Frau mit rotem auftoupiertem Haar trat nach draußen.
   »Hallo«, begrüßte sie Daryl mit lauter Stimme. Sie hatte ein schmales Gesicht mit einem ungewöhnlich spitzen Kinn und große leuchtend blaue Augen, die stetig herumwanderten, als wären sie auf der Suche nach etwas. »Sie sind gestern angekommen, stimmt’s?«, fragte sie.
   »Neuigkeiten verbreiten sich hier offenbar schnell«, antwortete Daryl.
   »Bei der Einwohnerzahl …«, entgegnete sie mit einer ausladenden Handbewegung, die die ganze Bucht mit einschloss. Sie trat an das Tor und öffnete es. »Megan Keating«, stellte sie sich vor und streckte Daryl die Hand entgegen.
   »Daryl Simmons.«
   Laut den Akten war Megan Keating einundvierzig Jahre alt, Mutter eines vierzehnjährigen Sohnes, der bei seinem Vater in Geraldton lebte. Jetzt, während der Herbstferien, wohnte er jedoch bei seiner Mutter.
   Ihren Lebensunterhalt verdiente sich die aufstrebende Künstlerin mit Driftholzskulpturen, die sich inzwischen in den Kunstszenen Melbournes, Sydneys und sogar dem neuseeländischen Auckland großer Beliebtheit erfreuten.
   »Gefallen sie Ihnen?«, fragte sie, während ihre Augen weiter wie Pingpongbälle in ihren Höhlen herumsprangen.
   »Ich bin kein Kunstexperte, aber ja. Besonders die Gesichter. Je nach Licht und Schatten verschmelzen sie mit den Strukturen des Holzes, verstecken sich in ihm oder materialisieren sich aus ihm heraus, als möchten sie uns etwas erzählen.«
   Megan klatschte begeistert in die Hände. »Wundervoll gesagt, Daryl – ich darf Sie doch Daryl nennen?«
   Er grinste. »Keine Einwände – Megan.«
   »Wundervoll, gaaanz wundervoll!« Sie hob den Zeigefinger und ließ ihn wie ihre Augen wild vor Daryls Nase herumtanzen. »Von wegen, Sie verstünden nichts von Kunst! Sie haben es erkannt, Driftholz ist so voller Leben, es hütet viele Geheimnisse, erzählt uns aber auch Geschichten von seinem früheren und seinem jetzigen Dasein. Einst Teil eines Baumes, der lange Zeit unbeweglich und starr dastand und Zeuge vieler Geschehnisse wurde, die er wie einen großen Schatz hütete, ereilt ihn wie alle Lebewesen irgendwann der Tod. Der Baum zerfällt oder wird durch Menschenhand auseinandergerissen. Einige dieser Bäume haben aber Glück, sie gelangen ganz oder teilweise auf abenteuerlichen Wegen ins Meer, durchlaufen eine Metamorphose und werden irgendwann als Driftwood an die Küste gespült, wo wir, wenn es das Schicksal will, aufeinandertreffen. Dann ist es meine Berufung, es zu neuem Leben zu erwecken, indem ich ihm ein Gesicht, eine Seele gebe.«
   ›Exzentrische Künstlerin mit wenig Bezug zur Realität‹, hatte unter anderem in dem Untersuchungsbericht über Megan Keating gestanden. Bingo, dachte Daryl.
   »Ist es nicht schwierig, als Künstlerin so weit abseits von der nächsten größeren Stadt zu leben?«, versuchte Daryl, das Thema vom Seelenleben des Driftholzes wegzulenken.
   »Oh, nein, nein, nein! Ich liebe diesen Ort. Hier und hundert Kilometer die Küste auf und ab finden wir uns, das Driftwood und ich. Ich bringe es hierher, wo wir in einem kreativen Akt verschmelzen. Alle zwei Monate fahre ich dann nach Perth und treffe mich mit meiner Galeristin, die meine neuesten Werke sogar über die Landesgrenzen hinaus verkauft.«
   In Daryl regte sich der Fluchtinstinkt. Trotzdem wollte er noch eine Frage stellen. »Was sagen denn die Menschen in Shelly Beach dazu, dass mitten unter ihnen eine erfolgreiche Künstlerin lebt?«
   »Ach«, meinte sie und winkte theatralisch ab, »das sind leider alles Kunstbanausen ohne viel Sinn für Ästhetik. Offen gestanden kümmere ich mich nicht um sie. Sie leben ihr Leben, ich das meine, wenn Sie verstehen, worauf ich hinauswill.«
   Daryl nickte, auch wenn er stattdessen lieber den Kopf geschüttelt hätte. »Dann haben Sie gar keinen Kontakt zu den Menschen hier?«
   Ihre hektischen Augen jagten kurz durch die Botanik, dann beugte sie sich, als könnten sie belauscht werden, zu Daryl vor. »Im Vertrauen, hier leben nur Proleten.« Ihr Hals schnellte wie der einer erschreckten Schildkröte zurück. »Was meinen Sie – war das eben hässlich von mir?« Sie runzelte kurz die Stirn. »Vielleicht … Ach, egal. Es gibt jedenfalls nicht viel, worüber ich mit ihnen reden könnte. Außer über das Wetter vielleicht. Aber das ist mit der Zeit auch ziemlich öde, nicht wahr? Bei Mr. Grimmes unten am Jetty kaufe ich meine Vorräte ein. Er versorgt mich dann immer mit dem neuesten Tratsch, was offen gestanden manchmal echt enervierend ist. Das war’s schon. Meine Augen sind eben Augen der Kunst, sie nehmen unwichtige Dinge kaum wahr.«
   Daryl hatte genug gehört. Er wusste nicht genau, auf welchem Planeten Megan Keating lebte, Erde hieß er aber mit Sicherheit nicht. Dass die Künstlerin ihm irgendetwas Interessantes über die Menschen in Shelly Beach erzählen konnte, hielt er für unwahrscheinlich. Selbst wenn sie etwas gesehen oder gehört hatte – es war von ihr längst irgendwo in der hintersten Ecke ihres verschachtelten Dachstübchens abgelegt und vergessen worden.
   »Nun, es war interessant, Sie kennengelernt zu haben, Megan«, trat Daryl den Rückzug an. »Wir sehen uns bestimmt wieder. Ich werde voraussichtlich noch eine Weile hierbleiben.«
   »Das hoffe ich doch, mein Guter. Meine Tür steht für Sie jedenfalls immer offen, ja?«
   In diesem Moment trat hinter Megan ein pickelgesichtiger Junge aus der Tür. Auf seinem Kopf saß ein Rattennest aus wild zerzausten, fettigroten Haaren, in dem verkehrt eine knallgrüne Baseballkappe klebte. Der Junge machte ein Gesicht, als würde er vor Langeweile gleich tot umfallen. Die Hände in den Taschen seiner tief hängenden Hip-Hop Jeans kam er cool herangeschlurft.
   »Buster, mein Schatz, wohin des Weges?«, fragte ihn seine Mutter.
   »’N bisschen mit den Jungs rumhängen.« Ohne ein Wort des Grußes trottete der Junge an Daryl vorbei durchs Tor, Richtung Jetty.
   Megan schüttelte den Kopf. »Armer Junge. Ein typisches Opfer unserer Konsumgesellschaft und der desaströsen Erziehung seines Vaters.«
   Daryl verkniff sich die Bemerkung, dass die Pubertät und seine weltfremde Mutter dem Jungen sicher nicht minder zusetzten. Stattdessen hob er lächelnd die Hand, machte innerlich aufatmend kehrt und ging. Insgeheim hoffte er, Megan Keating in Zukunft möglichst aus dem Weg gehen zu können.
   Vorbei an zwei weiteren verwitterten Häusern – in dem einen hatte Ron Fagg gewohnt, das andere gehörte drei Hobbyfischern aus Geraldton, die jeweils die Wochenenden und ihre Urlaube in Shelly Beach verbrachten – spazierte Daryl weiter die Straße hinunter.
   Das letzte Haus links stand ebenfalls leer. Es hatte einem Fischer gehört, der kurz vor Rons Tod nach Carnarvon gezogen war. Das rechts wurde von Larry und Lindsay Cole sowie ihrem fünfzehnjährigen Sohn Kirby bewohnt.
   Die Coles besaßen das größte Fischerboot in Shelly Beach. Außerdem hatte Ron Fagg auf ihrem Boot gearbeitet. Kein Wunder also, dass sich die Ermittlungen zunächst auf sie konzentriert hatten. Nachgewiesen werden konnte ihnen aber nichts.
   Die Coles hatten ausgesagt, dass Ron Fagg am Abend vor seinem Verschwinden sturzbetrunken gewesen war. Dies war mindestens einmal im Monat vorgekommen. Normalerweise war er dann am nächsten Morgen außerstande gewesen mit zum Fischfang hinauszufahren, weshalb sie gar nicht erst versuchten, ihn aus den Federn zu holen. Clint und Buddy Fagg bestätigten dies, des Weiteren sagten sie aus, dass sie gesehen hatten, wie Larry und Lindsay Cole am Morgen ohne ihren Bruder zu ihrem Boot gingen. Die Coles behaupteten im Gegenzug, sie hätten, als sie aus der Bucht fuhren, Clint und Buddy an Bord ihres Schiffes steigen sehen, und zwar ebenfalls allein. Beide gaben übereinstimmend zu Protokoll, sie seien sicher gewesen, Ron Fagg würde zu Hause sein und seinen Rausch ausschlafen. Als er aber auch am nächsten Morgen nicht zur Arbeit auf dem Boot der Coles erschien, schauten diese bei ihm nach. Doch Ron war verschwunden.
   Dies ließ ein Zeitfenster von rund achtunddreißig Stunden offen – also vom Abend, an dem sich Ron Fagg betrunken hatte bis zum übernächsten Morgen – in dem dieser getötet und draußen auf See über Bord geworfen worden war. Da die Leiche lange im Wasser gelegen hatte, hatte der Coroner keinen genauen Todeszeitpunkt festlegen können. Dies machte so gut wie jeden in Shelly Beach zum Verdächtigen. Da aber keiner der Anwohner irgendwelche Verdächtigungen oder gar Anschuldigungen gegen einen anderen erhoben hatte, war die Polizei mit ihren Ermittlungen in eine Sackgasse geraten. Für Daryl sah es so aus, als hätten die Bewohner von Shelly Beach im Stillen den Pakt der drei Affen geschlossen. Sie hatten nichts gesehen, nichts gehört und sie hatten auch nichts zu sagen.
   Daryl hatte schon einmal während eines Falles eine solche ›Mauer des Schweigens‹ erlebt. Er wusste, wie schwer es werden würde, sie zu durchbrechen.
   Das Haus der Coles war ohne jeden Schmuck, wie ihm ein Blick nach rechts bestätigte. Keine Pflanzen im sandigen »Vorgarten«, nur allerlei Gerümpel. Ein rostzerfressener Holden Rodeo und ein fast neuer Range Rover Discovery standen unter einem offenen, bedenklich durchhängenden Garagendach. Während Daryl die letzten Meter hinunter zum kleinen Hafen ging, sah er Buster, der zusammen mit zwei anderen Jungs am Jetty vorbei auf den Küstenpfad Richtung Wrack zusteuerte. Die drei warfen verstohlene Blicke in seine Richtung. Sie beeilten sich, damit sich ihr Weg nicht mit dem von Daryl kreuzte.
   Knapp hundert Meter rechts vom Jetty endete die ungeteerte Straße in einem großen Wendeplatz, der von weiß gestrichenen Baumstämmen eingefasst war. In der Mitte des Platzes standen ein zigarrenförmiger 6000-Liter-Dieseltank mit Zapfvorrichtung sowie ein halbes Dutzend Benzinfässer, auf die eine Handpumpe aufgeschraubt werden konnte, in einem Stahlgitterkäfig. Die Treibstoffversorgung in Shelly Beach war somit gesichert.
   Vorbei an einer großen, neuen Wellblechgarage, neben der ein Yamaha Quad, ein alter Holden Astra sowie ein fast neuer Ford Transit Lieferwagen parkten und einem verbeulten Kleinlaster, auf dessen Ladefläche ein 500-Liter-Dieseltank mit einem langen Schlauch befestigt war – mit ihm wurden vermutlich die Fischerboote am Jetty betankt – ging Daryl zum Eingang eines an die Garage anschließenden Wellblechgebäudes.
   Das gut zwanzig Meter lange cremefarbene Haus war gleichzeitig Store und Zuhause von Garry Grimmes. Der ehemalige Fischer hatte vor zwei Jahren, als seine Frau starb, sein Fischerboot verkauft und das Geld in den kleinen Laden, die Dieseltanks und die Garage investiert. Letztere war zu einem zweiteiligen Lagerhaus umgebaut worden. In einem Teil befand sich ein Kühlhaus, in dem der Fischfang der Coles und Fagg-Brüder zwischengelagert wurde, während im anderen zwei Salzwasserbecken standen, in denen die Lobster lebend auf den Händler aus Geraldton warteten.
   Daryl betrat den Laden durch die Fliegengittertür, worauf eine Klingel über dem Eingang ertönte. Er blieb stehen und sah sich um. Die Wände links und rechts des an die vierzig Quadratmeter großen Raumes waren voller Regale, die bis fast zur Decke reichten. Sie waren ausschließlich mit Fischereizubehör bestückt. Lobsterfangkörbe, Rollen mit verschieden dicken Nylonschnüren, Angelhaken, Bleigewichte, künstliche Köder, Filetiermesser, Angelruten, Fischernetze, Schwimmer und vieles mehr bildeten ein farbiges Sammelsurium. Dazwischen standen drei Reihen mit angerosteten Metallgestellen. In ihnen lagerten Haushaltutensilien, Konservendosen, Pasta- und Reispackungen sowie andere schwer verderbliche Lebensmittel. Direkt neben dem Eingang ratterten zwei große Tiefkühltruhen vor sich hin. Die eine war mit ›Meat‹, die andere mit ›Bait‹ beschriftet.
   Der kleine Store war somit um einiges besser bestückt, als es Daryl aufgrund von Lauren Tomkins Beschreibung erwartet hatte. Zusammen mit dem großen Lagerhaus und dem Treibstoffdepot schien Daryl das alles ziemlich überdimensional für den kleinen Ort.
   Hinter dem langen Verkaufstresen am Ende des Ladens wurde ein Schnurvorhang aus Holzperlen beiseitegeschoben, und ein drahtiger Mann betrat den Raum.
   Daryl ging lächelnd auf ihn zu. »Sie müssen Mr. Grimmes sein«, sagte er und streckte seinem Gegenüber die Hand entgegen. »Mein Name ist Daryl Simmons. Ich bin gestern angekommen und bleibe ein paar Wochen.«
   Der ehemalige Fischer musterte Daryl erst aus zusammengekniffenen grauen Augen, dann ergriff er seine Hand und schüttelte sie mit eisernem Griff. »Schön zu hören. Ich freue mich über jede Kundschaft.«
   Grimmes war etwas kleiner als Daryl. Laut Polizeibericht zählte er neunundvierzig Jahre, doch er sah mindestens zehn Jahre älter aus. Das Salzwasser und die unbarmherzige Sonne, denen er jahrelang auf See ausgesetzt gewesen war, hatten sein Gesicht wie einen Stockfisch ausgetrocknet.
   »Ehrlich gesagt bin ich überrascht, wie groß Ihr Angebot ist. Sie könnten problemlos ein Fünfzigseelendorf versorgen.«
   »Jaaa«, meinte Grimmes und ließ seinen Blick durch den Laden schweifen. »Geplant war das alles als lohnende Investition in die Zukunft.« Er schnaubte verärgert. »Was es auch wäre, gäbe es da nicht die verdammten Abos, allen voran diesen Ingitja …«
   »Der Mann von Naomi Mulgarnup – ich habe ihn heute Morgen kennengelernt«, entgegnete Daryl.
   »Dann werden Sie ja auch bemerkt haben, dass er nicht ganz dicht ist.«
   »Wie genau meinen Sie das?«
   »Er hasst die Weißen und ist davon besessen, uns von hier zu vertreiben.«
   Daryl stellte sich unwissend. »Wie will er das denn anstellen?«
   »Ganz einfach. Er und so ein alter, weißbärtiger Stammesältester namens Koolkuna beanspruchen die Treacherous Bay inklusive eines Gebiets von fünf Kilometern ins Inland und drei Kilometern hinaus auf See als ihr altes Stammesland. Sie haben über ein Dutzend ihrer Clan- und Stammesleute mobilisiert, die von Carnarvon bis Geraldton verstreut lebten, und zusammen mit ihnen nur wenige Kilometer entfernt von hier ein Camp errichtet. Vor ein paar Monaten zogen sie dann vor Gericht. Shelly Beach soll eine Aborigine Community werden. Das bedeutet, wir müssten die Koffer packen – und ich würde alles verlieren.« Er schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Im Moment sieht es ganz danach aus, als kämen sie damit durch.«
   »Haben Sie sich einen Anwalt genommen?«
   Garry Grimmes nickte. »Ich, die Coles, die Fagg-Brüder, Ned und Rosanna Kelly, sogar unsere drei Hobbyfischer aus Geraldton haben sich beteiligt – nur nicht Megan Keating.«
   »Warum sie nicht?«
   »Hab ich sie auch gefragt. Sie sagte, die Eingeborenen seien so wie sie Freidenker, mit einer tiefen Verbundenheit zur Natur und sie glaube deshalb, dass sie auch weiter hier leben könne, selbst wenn die Abos vor Gericht recht bekommen.« Er schnaubte verächtlich. »Verzeihen Sie, aber die Frau hat einen an der Waffel.«
   »Wie schätzen Sie die Chancen der Eingeborenen ein?«
   »Unser Anwalt, und er ist nebenbei gesagt einer der besten in Sachen Landrechte, meint, es wird ein sehr schwieriger Prozess werden. Dieser Stammesälteste, Koolkuna, konnte offenbar glaubwürdig darlegen, dass sein Clan tatsächlich früher in diesem Gebiet lebte«, ereiferte sich Grimmes. »Anscheinend reichen ein paar Muschelabfallhügel und Kritzeleien an Felsüberhängen und kleinen Höhlen entlang der Küste, um dieses Land zugesprochen zu bekommen.«
   Daryl wusste, dass das nicht ganz so einfach war. Die Traumzeiterzählungen und das Wissen der Eingeborenen über die Flora und Fauna des Gebietes, das sie beanspruchten, spielte ebenfalls eine gewichtige Rolle. Oft ließen sich in den staatlichen oder regionalen Archiven auch alte Aufzeichnungen über die Eingeborenen finden. Inzwischen wurden sogar Genanalysen und andere wissenschaftliche Tests hinzugezogen, mit denen erstaunlich exakt ermittelt werden konnte, welche Aborigine-Stämme woher kamen und in welcher Region sie gelebt hatten. Doch er verstand auch die Seite der weißen Menschen in Shelly Beach.
   Sie gehörten einer Generation an, die sich längst nicht mehr für das verantwortlich fühlte, was den Eingeborenen einst angetan worden war. Dass man sie von dem Ort vertreiben wollte, an dem sie lebten und sich eine Existenz aufgebaut hatten, war für sie unverständlich, ungerecht und daher unakzeptabel.
   »Aber wenn Shelly Beach zur Community wird, würde Ingitja doch auch seiner Frau und ihrer Schwester schaden«, wandte Daryl ein.
   Grimmes zuckte mit den Schultern. »Ich glaube nicht, dass ihn das groß kümmert. Um ehrlich zu sein, persönlich habe ich nichts gegen Lauren und Naomi. Sie führen den Campingplatz besser als manche Weiße. Während der Urlaubszeit bringt er mir eine Menge gut zahlender Kunden. Und mit dem Stromanschluss, den Shelly Beach nächstes Frühjahr erhält, würde er bestimmt bald zur Goldgrube werden. Danach wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sich hier weitere Menschen niederlassen.«
   »Eine ziemlich verfahrene Situation. Und die Eingeborenen lassen kein bisschen mit sich reden?«
   »Nein. Aber sie werden sich noch wundern.« In der Stimme des ehemaligen Fischers klang ein drohender Unterton mit. »Wir werden uns mit allen Mitteln wehren.«
   »Nun, ich hoffe, es kommt doch noch zu einer für alle Beteiligten akzeptablen Lösung.«
   »Hm«, brummte Grimmes. »Kann ich Ihnen sonst noch mit etwas helfen?«
   »Nicht im Moment. Ich sehe mich heute erst mal ein wenig in der Gegend um. Morgen komme ich dann vorbei und hole, was ich noch zum Angeln brauche.«
   »Haben Sie ein Boot?«
   Daryl verneinte. »Aber ich kann das von Naomi und Ingitja mieten.«
   »Gut für Sie. Sonst hätte ich Ihnen meine SEA RAY 180 Sport vermietet. Ich benutze sie ohnehin zu wenig. Sollten Sie mal ein Boot mit einem etwas stärkeren Motor fahren wollen, fragen Sie ungeniert. Die SEA RAY hat einen 3-Liter-Mercruiser Außenborder.«
   »Werd’s mir merken.« Daryl tippte sich an die Baseballmütze und schickte sich an, den Laden zu verlassen. Nach ein paar Schritten rief Grimmes: »Sie sind nicht zufällig ein Cop, oder?«
   Daryl lief es eiskalt den Rücken hinunter. Er wandte sich um. »Wie kommen Sie denn auf die Idee?«
   »Ach, nur so. Und Abstinenzler sind Sie auch nicht?«
   »Würde mir nicht im Traum einfallen.«
   »Gut. Da Sie ein Weilchen hierzubleiben gedenken, weihe ich Sie in ein kleines Geheimnis ein.«
   Daryl entspannte sich wieder.
   »Wenn Sie heute Abend Lust auf ein Bier haben, kommen Sie vorbei. Gehen Sie links ums Haus. Dort, neben der Tür zum ehemaligen Kühlraum, befindet sich eine Klingel. Drücken Sie sie dreimal kurz hintereinander, dann nach einer kleinen Pause noch einmal.«
   Daryl grinste. »Sie haben offenbar an alles gedacht.«
   Der ehemalige Fischer zuckte mit den Schultern. »Sie wissen ja, ein Leben ohne Bier ist möglich, aber nicht lebenswert.«

Daryl schlenderte über den großen Wendeplatz Richtung Jetty. An der betonierten Rampe neben dem Landungssteg waren gerade drei Männer damit beschäftigt, eine schneeweiße TROPHY 2359 HARD TOP, ein Sportfischerboot, das auf einem Bootsanhänger lag, zu Wasser zu lassen. Einer der Männer stand neben der Rampe. Er gab seinem Kollegen, der hinter dem Steuer eines Toyota Hilux saß, Zeichen, den Bootsanhänger noch weiter die Rampe hinunter ins Wasser rollen zu lassen. Der dritte Mann befand sich bereits auf dem Schiff. Er winkte Daryl freundlich zu und dieser erwiderte den Gruß.
   Im Untersuchungsbericht stand, dass die TROPHY Burt Hines, Jeff Coltrane und Doug Newman gehörte, den drei Hobbyanglern aus Geraldton, die ihre Freizeit in Shelly Beach verbrachten.
   Daryl blieb kurz stehen und bewunderte das gut acht Meter lange Boot. Im vorderen Teil hatte es eine großzügige, rundum geschlossene Kabine, dahinter ein offenes Deck mit viel Platz sowie zwei verschraubten Anglerstühlen am Heck. Es schien noch recht neu zu sein, und Daryl war sicher, dass die drei dafür eine schöne Stange Geld hatten hinblättern müssen.
   Daryl kramte in seinem Gedächtnis nach den Aussagen der Männer. Soweit er sich erinnerte, waren sie nicht besonders hilfreich gewesen. Das war nicht weiter verwunderlich. Ron Fagg war an einem Dienstag verschwunden, Hines, Coltrane und Newman hielten sich, mit Ausnahme der Urlaubszeit, aber jeweils nur von Freitag bis Sonntag in Shelly Beach auf. Dennoch fand er, dass es nicht schaden konnte, sich mit ihnen zu unterhalten, insbesondere mit Doug Newman. Dieser hatte nämlich laut Untersuchungsbericht eine Woche vor Ron Faggs Verschwinden eine handgreifliche Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Rosanna Kelly war Zeugin dieses Streits gewesen. Zwar hatte sie nicht verstanden, worum es ging, eins hatte sie jedoch gleich bemerkt; die beiden Streithähne waren ziemlich betrunken gewesen.
   Bei der polizeilichen Befragung hatte Doug Newman den Streit offen zugegeben. Als Grund hatte er Rons Aufforderung angegeben, mit seinen Freunden nicht mehr in der Nähe der Lobsterbojen zu angeln, was sich Doug aber nicht vorschreiben lassen wollte. ›Der Alkohol war schuld‹, hatte Newman zu Protokoll gegeben, ›und am nächsten Tag haben wir uns schon wieder vertragen‹.
   Daryl setzte seinen Weg fort. Vorbei an dem hölzernen Jetty ging er den Strand entlang bis zu dessen westlichem Ende. Dort kletterte er die stufenförmigen Felsen hinauf auf die flachen cremefarbenen Klippen. An mehreren Stellen hatten Wind, Regen, Gischt und Sonne aus ihnen bizarre Skulpturen geformt. Die teilweise ausgehöhlten, zernagten oder abgeschliffenen Felsen waren brüchig, und dort, wo sie ins Meer abfielen, bildeten sie mitunter überhängende Balkone. Die meiste Zeit folgte Daryl den Klippen deshalb gut fünf Meter landeinwärts. Gelegentlich siegte aber die Neugier über die Vorsicht und er trat ganz nahe an die Felsüberhänge.
   Nur wenige sanfte Wellen, auf deren Kämmen kleine Schaumkronen wie Surfer dahinglitten, bewegten das an diesem Morgen erstaunlich ruhige Meer. Trotzdem konnte sich Daryl gut vorstellen, wie die Klippen bei stürmischer See unter der Gewalt der anbrausenden Wellen erzitterten, wenn der Ozean seine Wassermassen gegen die senkrechten Felswände krachen ließ oder in seine Spalten und Aushöhlungen presste.
   Heute war das Meer jedoch so zahm und friedlich wie eine satte, dösende Robbe am Strand. Wenn er über den Rand der Klippe schaute, konnte er im klaren Wasser sogar die Umrisse von verschieden großen Fischen erkennen. Er bereute es daher ein wenig, sein Angelzeug nicht schon heute mitgenommen zu haben. Und da war noch etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte: Aus der Tiefe des Ozeans nahe der Küste drang ein geheimnisvolles Leuchten, das aussah, als blicke er durch ein Teleskop auf die weit entfernten Lichter einer fremden Welt. Wovon dieses seltsame Phänomen herrührte, wusste er nicht. Er nahm jedoch an, dass es mit der Beschaffenheit des Meeresbodens zu tun hatte, der Strömung und dem Winkel, in dem die Sonnenstrahlen durch das Wasser auf den Grund stießen.
   Daryl liebte das Outback, es war sein Zuhause. Doch während er vor einigen Monaten einen spektakulären Mordfall an der Südküste Westaustraliens aufgeklärt hatte, entdeckte er eine neue Seite an sich – seine Freude am Meer und seine Begeisterung fürs Angeln. Daher konnte er es kaum abwarten, sich am nächsten Tag genau dieser Beschäftigung zu widmen. Heute wollte er einen geeigneten Platz dafür auskundschaften. Den eigentlichen Grund, warum er hier war, vergaß er darüber nicht. Allerdings fand er, dass sich beide Dinge perfekt miteinander verbinden ließen.
   Als er sich schließlich von dem Lichtspiel am Meeresgrund losriss und über die weite Bucht blickte, sah er ein Fischerboot, das sich im Westen langsam der Küste näherte. Er kramte das Fernglas aus der Seitentasche seines Rucksacks und richtete es auf das Schiff.
   »Das MILLMAN Lobster-Boot der Fagg-Brüder«, sagte er zu sich selbst. Eigentlich kannte er sich mit Schiffstypen, insbesondere solchen für den kommerziellen Fischfang, nicht aus. Dafür gab es aber zum Glück den Untersuchungsbericht.
   Die Untamable Lady, so der ungewöhnliche Name des Lobster-Bootes, hatte schon bessere Tage gesehen. Die hellblaue Farbe des vierzehneinhalb Meter langen Aluminium-Rumpfs war größtenteils abgeblättert, ebenso wie die der einst weiß gestrichenen Steuerkabine. Viele Dellen und Kratzer zierten den Schiffsrumpf, doch die MILLMAN war solide gebaut und würde bestimmt noch viele Jahre ihren Dienst tun, sofern die Motoren ordentlich gewartet wurden.
   Auf dem langen Hinterdeck sah Daryl einen der Fagg-Brüder. Dieser machte sich gerade am Ladebaum zu schaffen, über den ein Fischernetz ins Meer abgerollt werden konnte. Die Untamable Lady war somit wie das Schiff der Coles – die Mary-Ann II – sowohl für den Lobsterfang als auch für den normalen Fischfang ausgerüstet.
   Daryl beobachtete das Lobster-Boot noch eine Weile, dann verstaute er das Fernglas wieder im Rucksack und ging weiter.
   Schließlich erreichte er eine Stelle, an der die felsige Küste einige Meter anstieg. Er kletterte die flachen wie schlecht aufeinandergestapelte Pfannkuchen aufgeschichteten Felsen hinauf bis zu einem kleinen Plateau. Unterhalb von ihm, gut achtzig Meter entfernt, lagen die verformten Überreste der Shanghai Queen.
   Der Frachter sah aus, als wäre er von einer gewaltigen Kreissäge in zwei Hälften geteilt worden. Vor ihm auf den Klippen lagen abgerissene Eisenfetzen bis zur Größe von Personenwagen herum. Sie waren scheinbar mühelos aus dem Frachter herausgerissen worden, wie zerknüllte Blätter aus einem Notizbuch. Daryl fiel es schwer, sich vorzustellen, welche Kräfte am Werk gewesen waren, um den riesigen stählernen Koloss so zuzurichten, zumal es erst zwei Monate her war, dass der Zyklon den chinesischen Frachter an den Klippen der Treacherous Bay zerschellen ließ.
   Inzwischen hatte die Shanghai Queen nichts Königliches mehr an sich. Von ihrem einst azurblau und weiß angestrichenen Rumpf schälte sich die Farbe in Fetzen ab. An ihrer Stelle nagte der Rost an dem stählernen Schiffskörper. Einige der dicken Stahlplatten, die einst den großen Frachter zusammengehalten hatten, waren verbogen oder zerrissen worden, als bestünden sie aus Wellpappe. Surrealistische Skulpturen aus abgetrennten und verformten Stahlfetzen lagen auf den Klippen. Manche von ihnen waren mehrere Meter lang und ihre verdrehten, zusammengestauchten oder gewellten Formen ließen erahnen, welchen ungeheuren Naturgewalten sie ausgesetzt gewesen waren.
   Das hundertvierundsiebzig Meter lange und sechsundzwanzig Meter breite Schiff lag zerbrochen in zwei Teile auf den zerklüfteten Klippen. Sein Bug war zu einem Drittel auf den Felsen aufgelaufen, der Rest fiel bis zum abgerissenen Achterschiff schräg ins Meer ab, wo die anbrandenden Wellen wie hungrige Haie an ihm zerrten.
   Das Heck des Frachters hatte der Zyklon vom Rest des Schiffes abgerissen und ebenfalls gegen die Klippen gedrückt. Während der obere Teil der Schiffsaufbauten gut acht Meter über die Felsen gestoßen worden war, war der untere Teil des stählernen Rumpfs wie eine Sardinenbüchse aufgerollt worden und hatte sich unter den Schiffboden gedrückt.
   Vom Land aus bot sich dem Betrachter mit dem Blick auf den Querschnitt des Frachters somit ein ungewöhnliches Bild. Der Stauraum sah aus wie das zu einem letzten entsetzten Schrei aufgerissene Maul eines riesigen, gestrandeten Seeungeheuers. Über ihm, zehn Meter zurückversetzt, ragten die rostgefleckten weißen Heckaufbauten mit der Kommandobrücke auf, deren salzverkrustete Fenster im Sonnenlicht silbern flimmerten.
   Nachdem der Frachter gestrandet war, hatte eine Abwrackfirma alles abtransportiert, was noch irgendwie brauchbar gewesen war. Zu diesem Zweck hatten sie ein großes Loch in die letzte Stahlwand geschnitten, die den Frachtraum von den Mannschafts- und Arbeitsdecks sowie dem Maschinenraum des Achterschiffes trennte. Inzwischen waren die Arbeiten aber abgeschlossen und an der einsamen, felsigen Küste war wieder Ruhe eingekehrt.
   Daryl riss sich vom Anblick des zerrissenen Frachters los und stieg die zum Wrack hin sandige Hügelflanke hinunter.
   Nach zwei Dritteln des Weges – er konnte nun teilweise um den auf den Felsen liegenden Bugteil blicken – sah er die drei Jugendlichen, die er zuvor in Shelly Beach beobachtet hatte, sowie einen weiteren Burschen. Sie standen nahe dem Ufer, halb mit dem Rücken zu ihm. Buster und einer seiner Freunde hielten den vierten Jungen fest, von dem Daryl aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe und des schulterlangen schwarzen Haars annahm, dass es sich um Robb Tomkins handelte, und versuchten, ihn zu Boden zu drücken. Ihnen gegenüber, nur ein paar Schritte von den Klippen entfernt, stand der Dritte der kleinen Gang. Dieser war mindestens einen halben Kopf größer und kräftiger als die anderen. Er trug tarnfarbene Shorts, ein verwaschenes AC/DC-T-Shirt und schien der Anführer zu sein. In einer Hand hielt er eine Angelrute, mit deren Ende er vor Robbs Nase herumfuchtelte.
   »He, was ist hier los?«, rief Daryl und beschleunigte seine Schritte.
   Niemand reagierte. Offenbar übertönte ihn die Brandung. Buster und sein Kumpan hatten Robb bereits unsanft auf die Knie gezwungen, als Daryl noch einmal rief. Diesmal reagierten alle fast gleichzeitig. Ihre Köpfe drehten sich verwundert um, und während Buster und sein Freund ihn mit einem besorgten Blick musterten, glaubte Daryl in Robbs Miene anstelle der erwarteten Erleichterung, Neugierde zu entdecken.
   Als Daryl den Anführer ansah, brachte ihn das kurz aus dem Konzept. Der Junge hatte ein breites, fast schon grobschlächtiges Gesicht mit einer flachen, krummen Nase, die einem Boxer hätte gehören können. Zusammen mit den kleinen, eng anliegenden fast runden Ohren, dem schmalen, nach unten gezogenen Mund und dem kurz geschorenen blonden Haar machte dieser einen wenig vertrauenswürdigen Eindruck. Er sah Daryl aus furchtlosen milchigblauen Augen an – und begann, hämisch zu grinsen.
   Mit der Spitze der Angelrute tippte er Robb an den Kopf. Als sich dieser zu ihm umdrehte, sagte er so laut, dass es auch Daryl hören konnte: »He, Robby, da kommt dein großes humpelndes Double.«
   Daryl, der die Hügelflanke hinter sich gelassen hatte, ging nun ohne große Eile weiter auf die Gruppe zu. An Buster und seinen Kumpel gewandt – einen kräftigen rotblonden Burschen mit ebenso vielen Pickeln wie Sommersprossen im Gesicht – sagte er: »Lasst ihn los.«
   »He, Mann, wir haben nur etwas Spaß«, rief Bürstenschnitt anstelle seiner Freunde. »Kein Grund, sich gleich wie ein Bulle aufzuführen.«
   »Mit dir rede ich nicht, Großmaul.« Er sah wieder die beiden Jungen an. »Wird’s bald.«
   Verunsichert durch Daryls energischen Blick und seinen ruhigen, aber scharfen Tonfall, begannen sie, unruhig zwischen Daryl und ihrem Anführer hin- und herzusehen.
   »Besser Sie halten sich raus, sonst kugelt sich der kleine Nigger noch den Arm aus«, meinte der Rothaarige nicht mehr so selbstsicher.
   »Okay, wie ihr wollt …«, sagte Daryl. Als er nur noch fünf Meter von der Gruppe entfernt war, zog der Igelkopf verächtlich die Nase hoch, drehte sich halb um und warf die Angelrute über die Klippen.
   »Nein«, rief Robb, stemmte sich hoch und versuchte, sich aus dem Griff seiner Gegner zu winden.
   Nun verließ die beiden der Mut. Sie packten den Aborigine-Jungen, rissen ihn hoch und stießen ihn in Daryls Richtung.
   Robb stolperte und fiel unsanft auf den felsigen Boden. Er stöhnte, hielt sich einen Augenblick den blutigen Ellbogen, dann rappelte er sich auf. Er wollte gerade auf seine nun dicht beisammenstehenden Peiniger losstürmen, da packte ihn Daryl an den Schultern und hielt ihn fest.
   »Lass es bleiben, das bringt nichts«, versuchte er, den Aborigine-Jungen zu beruhigen.
   »Aber dieses Arschloch hat meine Angel ins Meer geworfen«, empörte sich Robb. »Ich habe über ein Jahr dafür gespart!«
   »Er wird sie ersetzen.«
   »Ach, echt?«, rief der Anführer spöttisch.
   »Du magst ja eine große Klappe haben, aber viel Hirn hast du offenbar nicht. Shelly Beach ist nicht Perth – was glaubst du, wie schnell ich deinen Eltern einen Besuch abgestattet habe?«
   »Und wenn schon«, meinte der Junge verächtlich. »Wir drei werden alle das Gleiche sagen, nämlich, dass dieser kleine schwarze Hosenscheißer mich angegriffen hat, als wir ihn davon abhalten wollten, in das Wrack zu klettern.«
   »Ja, genau«, pflichtete ihm Buster bei. An der Seite seines Freundes fühlte er sich plötzlich wieder stark. »Das Betreten ist nämlich verboten.«
   Robb wand sich in Daryls Umklammerung. »Das ist eine Lüge! Ich hab euch nicht angegriffen, ihr seid auf mich losgegangen!«
   »Beweis das mal«, erwiderte der Anführer hämisch.
   In diesem Moment gelang es Robb, sich loszureißen. Doch ehe er losstürmen konnte, bekam Daryl seinen Unterarm zu fassen und zog ihn zurück.
   »Ihr drei macht euch jetzt besser vom Acker«, sagte Daryl.
   »Sonst was?«, erwiderte der Igelkopf spöttisch. »Wollen Sie uns eine Abreibung verpassen?« Er zuckte demonstrativ langsam mit den Schultern. »Versuchen können Sie’s ja. Aber wenn Sie nicht Jackie Chan sind, werden Sie bestimmt den Kürzeren ziehen.«
   »Das nehme ich doch glatt in Kauf«, erwiderte Daryl.
   Der Anführer rollte abschätzig mit den Augen, doch ganz wohl schien ihm nicht mehr zu sein. Schließlich legte er die Arme um die Schultern seiner beiden Kumpane. »Kommt Jungs, gehen wir. Es wird langsam langweilig mit diesen Krüppeln.«
   »Wer ist hier ein Krüppel?«, rief Robb außer sich.
   Daryl musste ihn wieder mit beiden Händen festhalten. Er war beeindruckt vom Mut des Jungen, auch wenn er wusste, dass ein solcher Angriff dumm von ihm gewesen wäre. Wahrscheinlich hätte er schon gegen den viel größeren und kräftigeren Anführer mächtig Prügel bezogen, gegen alle drei sowieso.
   »Du bist Robb, richtig?«, versuchte Daryl, ihn von der davonschlurfenden Dreiergang abzulenken.
   Der Aborigine drehte sich ein Stück weit zu ihm um. »Ja.«
   Daryl konnte nun erstmals in Ruhe das Gesicht des Jungen studieren. Es machte einen ehrlichen, offenen Eindruck, wenngleich die tiefen Zornesfalten auf seiner Stirn noch nicht verschwunden waren. Daryl war überzeugt, dass der Junge kein reinrassiger Aborigine war. Zwar wies sein Gesicht die typischen rundlichen Formen eines Eingeborenen auf und seine Hautfarbe war ebenso dunkel. Seine Nase war jedoch viel schmaler als bei reinrassigen Aborigines. Am ungewöhnlichsten aber waren seine hellen bernsteinfarbenen Augen. Er hatte noch nie einen Aborigine mit einer solchen Augenfarbe gesehen.
   »Freut mich, dich kennenzulernen. Mein Name ist Daryl Simmons. Ich habe den Wohnwagen auf eurem Campingplatz gemietet.« Der Junge entspannte sich etwas, woraufhin Daryl ihn losließ. »Das sind ja drei ganz fiese Typen«, sagte er und wies mit dem Kinn in Richtung der Davonziehenden. »Buster habe ich schon kurz kennengelernt, als ich mit seiner Mutter plauderte. Wer sind die beiden anderen?«
   »Timmy Newman und Kirby Cole. Timmy kommt jeweils an den Wochenenden und in den Ferien mit seinem Vater und dessen Freunden nach Shelly Beach. Kirbys Eltern gehört das große Fischerboot.«
   Robbs Blick schweifte über die Schulter zu der Gruppe, die immer wieder lachte und zu ihnen herübersah. Dabei machten sich die drei einen Spaß daraus, Robbs und Daryls Humpeln zu imitieren. Robb ballte wieder seine Fäuste.
   »Einfach nicht beachten«, riet Daryl. »Das ist nämlich genau das, was sie wollen.«
   »Aber sie verhöhnen mich!« Verlegen wandte er sich wieder Daryl zu. »Ich meine, Sie und mich.«
   Daryl schmunzelte. »Klar tun sie das.«
   Der Aborigine-Junge sah Daryl neugierig an. »Und das stört Sie nicht?«
   »Sagen wir’s mal so: Ich bemitleide sie mehr, als dass sie mich ärgern. Die drei sind nur stark in der Gruppe. Jeder für sich ist schwach und unsicher.«
   Robb überlegte kurz. »Das mag auf Buster und Timmy Newman zutreffen. Aber Kirby Cole ist anders.«
   »Kirby ist der mit dem Bürstenschnitt und den Ohren wie kleine Rollmöpse?«
   Robb musste lachen. »Ja, genau der.«
   »Ich würde sagen, er ist ein zorniger, unglücklicher Junge. Ich habe seine Eltern noch nicht kennengelernt, könnte mir aber vorstellen, dass sie ihn nicht gerade mit Samthandschuhen anfassen. Das würde zumindest erklären, warum er seine Wut an Schwächeren auslässt.«
   »Ich bin kein Schwächling!«, protestierte Robb energisch.
   »Habe ich auch nicht behauptet.«
   »Und warum haben Sie mich dann daran gehindert, ihm eine reinzuhauen?«
   »Ein guter Freund von mir – er heißt Ungjeeburra und ist ein alter, weiser Aborigine – sagte einmal zu mir: ›Der Starke ist nicht automatisch mutig – jedoch der Schwache, der seinen Verstand einsetzt. Denn der geistige Mut übertrifft letztendlich die körperliche Kraft.‹«
   Robb runzelte die Stirn. »Ich hätte keine Angst gehabt, mich mit Kirby zu prügeln«, sagte er, nachdem er einen Moment darüber nachgedacht hatte. »Doch das hätte mir letztendlich nichts gebracht. Gegen alle drei wäre ich von vornherein chancenlos gewesen.«
   Daryl nickte anerkennend. »Du hast es verstanden. Mut besteht nicht darin, dass man die Gefahr blind ignoriert, sondern dass man sie sehend überwindet. Du bist cleverer als die drei zusammen. Wenn du dir dessen bewusst bist, findest du auch einen Weg, um mit ihnen fertigzuwerden.«
   »Mein Onkel Ingitja meint, mitunter müsse man bereit sein, mit allen Mitteln – und Konsequenzen – zu kämpfen. Tue man es nicht, hätte man ohnehin schon verloren.«
   »Nun, damit hat er nicht unrecht. Man kann allerdings auf verschiedene Weise kämpfen. Rein körperliche Auseinandersetzungen führen in den seltensten Fällen zu einer befriedigenden Lösung. Das ist zumindest meine Erfahrung.«
   »Hm …«, machte der Aborigine-Junge und runzelte die Stirn. »Vermutlich haben Sie recht. Trotzdem hätte ich Kirby nur zu gern eins auf die Nase gegeben.«
   Daryl schmunzelte. »Okay, bei der Nase …«
   Robb schien sich endgültig beruhigt zu haben, denn er grinste über das ganze Gesicht. »Ja, er hat wohl schon ein paar Mal eins draufgekriegt. Tut ihm vielleicht nicht mal mehr weh.«
   »Dein Ellbogen aber schon, oder?«
   »Na ja …« Robb hob seinen Arm und betrachtete den aufgeschürften Ellbogen, von dem das Blut bis hinunter zum Handgelenk gelaufen war.
   Daryl warf einen kurzen Blick über die Schulter. »Da hinten, am Rand des sandigen Abhangs, wächst Bain.«
   »Bain?«, wiederholte Robb verständnislos.
   »Das ist der Aborigine-Name für Coastal Pigface.«
   »Ach so … Und was ist damit?«
   »Komm, ich zeig’s dir.«
   Sie humpelten hinüber zur Flanke des Hügels. Daryl blieb vor einem der kahlen, sukkulenten Zwergsträucher stehen und kniete sich hin. Die kriechenden Sprossenachsen breiteten sich über einen Meter aus und bildeten so eine Art grünroter Matte. Die meisten der etwa vier Zentimeter großen, leuchtend pinkfarbenen Blüten waren bereits verblüht, ihre Blätter abgefallen.
   »Wenn die Pflanze die Blütenblätter verloren hat«, erklärte er, »schwillt die fruchtige Basis der Blume an und verfärbt sich purpurrot. Dann ist sie reif.« Er knipste zwei ab und streckte eine davon Robb entgegen.
   Dieser sah ihn verständnislos an.
   »Das saftige Zentrum enthält Samen in einem weißen Fruchtfleisch. Die kann man essen.« Daryl machte es dem Jungen vor und dieser folgte wissbegierig seinem Beispiel. Als er sich die Samen in den Mund geschoben hatte, begann er vorsichtig, zu kauen – und zog Sekunden später begeistert die Brauen hoch. »Die schmecken ja richtig lecker! Wie …«
   »Zucchini?«, half Daryl aus.
   »Ja, genau! Wow, wusste nicht, dass man die essen kann.«
   »Nun, die Aborigines kennen über zweitausendfünfhundert essbare Pflanzen.« Daryl lächelte. »Und viele von ihnen kann man gleich auf verschiedene Weise nutzen, so wie diese hier. Siehst du die am Stängel sitzenden dickfleischigen Blätter?« Er zupfte ein paar der leicht gebogenen, gut zehn Zentimeter langen und im Querschnitt dreieckigen Blätter ab und stand wieder auf. Dann zerdrückte er sie zwischen seinen Händen. »Hier«, sagte er, als er einen saftigen Brei zubereitet hatte. »Das ist Buschmedizin. Streich sie dir auf deine Wunde. Es kühlt, desinfiziert und lindert die Schmerzen. Hilft übrigens auch gegen Verbrühungen und Insektenstiche.«
   Robb rieb sich die Paste bereitwillig ein. Dabei sah er immer wieder neugierig zu Daryl auf. »Woher wissen Sie das alles?«, fragte er schließlich.
   Wie schon seiner Tante erzählte Daryl Robb von seiner Jugend in der Aborigine Community und von Ungjeeburra, der ihm alles über Pflanzen, Tiere, ihren Platz und ihre Bedeutung in der Natur sowie für die Aborigines beigebracht hatte.
   »Wow, das klingt spannend«, meinte Robb, als Daryl geendet hatte. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn. »Ich meine das von Ihrem Freund Ungjeeburra. Ihre Schulerlebnisse weniger.«
   »Wie ist das denn bei dir?«
   »Ach, es geht so. Lange waren ich und ein anderer Junge die Einzigen in der Schule mit indigenen Wurzeln. Immer wieder hat man uns beleidigt oder angepöbelt. Doch dann zogen mehrere Eingeborenenfamilien in ein Camp hier in der Nähe, und plötzlich waren wir sechs Eingeborene in der Schule. Da hörten die Hänseleien allmählich auf.« Robb sah Daryl in die Augen. »Aber Sie, allein als Weißer unter lauter Aborigines, das muss echt heftig gewesen sein.«
   »Es war einer dieser Kämpfe, von denen wir vorhin gesprochen haben. Letztendlich habe ich bestanden, was ich aber nicht meinen Fäusten verdanke.« Er zwinkerte. »Auch wenn ich die doch das eine oder andere Mal eingesetzt habe.«
   Robb überlegte einen Moment. »Dieser Ungjeeburra, von dem Sie erzählt haben, erinnert mich an meinen Großvater. Er weiß auch auf alle Fragen eine Antwort. Und er versucht, den Jungen sein Wissen weiterzugeben.«
   »Auch dir?«
   Robb biss sich auf die Unterlippe. »Nun ja, er versucht es.«
   »Interessiert es dich nicht?«, bohrte Daryl weiter.
   Robb schüttelte traurig den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Doch meine Mutter will es nicht. Sie sagt, wir leben nun einmal in der Welt der Weißen. Was ich in der Schule lerne, sei wichtiger und würde mich im Leben weiter bringen, als das, was mir Großvater vermitteln möchte.«
   Daryl nickte nachdenklich. »Und wie siehst du das?«
   »Ich würde gern mehr Zeit mit Koolkuna – so heißt mein Großvater – verbringen. Er hat schon mehrmals versucht, mit meiner Mutter zu reden. Aber sie hat immer abgewehrt. Tante Naomi meint, das läge an Ingitjas und Großvaters Plan, die Weißen aus Shelly Beach zu vertreiben, um dort eine Aborigine Community zu gründen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das nicht der einzige Grund ist.«
   »Wieso?«
   »Na ja … Ich habe Mom, Naomi und Ingitja schon ein paar Mal nach der Traumzeitgeschichte unseres Clans gefragt, aber sie sind mir immer ausgewichen. Als wäre da ein Geheimnis, das ich nicht wissen darf. Ich habe einfach so ein Gefühl …« Robb hob langsam die Hand und presste sie als geballte Faust auf Herzhöhe an die Brust. »Ich kann es nicht beschreiben, aber es ist da, hier drin, ganz stark.« Er wandte sich wie in Zeitlupe um und blickte zum Meer. »Sie finden das jetzt bestimmt lächerlich.«
   »Nicht im Geringsten. Die Welt der Weißen ist alles andere als perfekt. Sie lehrt uns zum Beispiel, möglichst wenig zu fühlen, um uns zu schützen, was ein großer Fehler ist, denn dadurch stumpfen wir ab und verlieren unser Gespür für das, was um uns herum geschieht. Früher waren Instinkt und Gefühle wichtig für unser Überleben. Durch sie erkannten wir rechtzeitig Probleme und Gefahren, wodurch wir versuchen konnten, diese zu lösen oder zu vermeiden. Gleichzeitig halfen sie uns, menschlich zu sein und zum Wohl der Gruppe zu handeln. Heute spielt das für viele Menschen aber nur noch eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Für sie stehen das eigene Wohl und der eigene Vorteil im Vordergrund.« Daryl lächelte und legte Robb die Hand auf die Schulter. »Was ich damit sagen will: Was man dir in der Schule beibringt, mag dir helfen, in der Welt der Weißen zu überleben. Aber es reicht nicht, um sie zu verstehen und glücklich in ihr zu sein.«
   Robb nickte. »Das hat mir Großvater auch erklärt. ›Die Welt der Kupa ist eine Welt, in der nicht zählt, was man tut, sondern was man hat‹, hat er gesagt. ›Ich, Koolkuna, habe nie viele materielle Dinge besessen. Und doch bin ich reicher als die meisten Kupas dieser Welt. Denn ich habe gelernt zu sehen, zu verstehen und richtig zu handeln.‹«
   »Dein Großvater scheint wirklich ein kluger Mensch zu sein. Ich würde ihn gern kennenlernen. Ingitja erwähnte heute Morgen etwas von einem Camp, in das er gehen wollte. Ist es das, in dem dein Großvater lebt?«
   Robb nickte. »Das Camp – sie nennen es Kaldowinyeri, Das Träumen – liegt gut fünf Kilometer südlich von hier an der Küste. Wenn Sie wollen, bring ich Sie morgen hin.«
   »Das wäre toll, doch nicht gleich morgen. Da möchte ich erst einmal angeln.«
   »Ja, okay.« Die Enttäuschung war dem Aborigine-Jungen deutlich anzusehen.
   »Allerdings, wenn du Zeit hast … Ich könnte ein paar Tipps von einem erfahrenen Angler wie dir brauchen, wo ich am besten mein Glück versuche.«
   »Na klar«, rief Robb freudestrahlend. »Wann wollen Sie denn los?«
   »Gleich nach dem Frühstück – um halb acht. Ist das okay für dich?«
   Robb nickte eifrig.
   »Ach, eines noch: Meine Freunde nennen mich Daryl.«

Nachdem sie Robbs Angelzubehör zusammengelesen hatten, begaben sie sich zu der Stelle, an der Kirby Cole Robbs Fischerrute über die Klippen geworfen hatte. Ihre Hoffnung, die Rute wäre mit einer Welle wieder gegen die Felsen geschleudert worden und hätte sich in den spitzen Klippen verfangen, erfüllte sich nicht.
   Robb sagte kein Wort. Seine Miene war völlig ausdruckslos. Doch Daryl ahnte, wie er sich fühlte. Er hatte lange auf die Angelrute gespart und nun lag sie auf dem Meeresgrund. Wenn Daryl Robb ansah, war das, als blicke er in einen Spiegel. Der Junge erinnerte ihn stark an sich selbst, als er in seinem Alter war. Er wollte akzeptiert werden. Deshalb versuchte er, stark zu sein und unverwundbar zu erscheinen. Er glaubte, sich so am besten gegen die Verachtung und die Vorurteile zur Wehr setzen zu können, die ihn in Wirklichkeit zutiefst trafen.
   Bei Daryl war es die Tatsache gewesen, dass er als einziger weißer Junge unter lauter Eingeborenen aufwuchs und er eigentlich gern so wie sie gewesen wäre. Bei Robb war es seine Behinderung und seine Hautfarbe. Daryl wusste, wie schwer es war, dagegen erfolgreich anzugehen. Besonders für einen sensiblen Jungen wie Robb.
   Zwar gab dies Daryl die Möglichkeit, mit Kirbys Eltern zu reden, doch er hätte sich gewünscht, einen weniger ernsten Grund dafür zu haben. Als er sagte, was er vorhatte, winkte Robb ab. Er wollte die Angelegenheit selbst regeln. Daryl musste innerlich schmunzeln. Er nahm nicht an, dass Robb bei den Coles, Megan Keating oder Doug Newman vorsprechen würde. Aber er wollte auch nicht, dass dies jemand anderes für ihn tat. Ohne Zweifel besaß Robb Tomkins den Stolz eines waschechten Aborigines. Daryl versuchte deshalb auch gar nicht erst, etwas Tröstendes zu ihm zu sagen. Stattdessen legte er ihm nur kurz verständnisvoll die Hand auf die Schulter. »Komm, gehen wir.«
   Nach ein paar Metern blieb Daryl plötzlich stehen. Er drehte sich um und sah über die Bucht zum Horizont. Es war eine unbewusste Reaktion, deren Grund er erst jetzt erkannte. Etwas hatte sich verändert. Daryl hob den Kopf, schnüffelte ein paar Mal in der Luft.
   Die Temperatur war um zwei oder drei Grad gefallen, konstatierte er. Ebenso der Luftdruck. Zwar war der Himmel noch immer ein wolkenloses azurblaues Abbild des Meeres, aber eine immer stärker werdende Brise trug den Geruch von Ozon und Regen mit sich an die Küste, unter den sich zwischendurch ein schwerer, süßer Algengeruch mischte. Er hatte den herben, salzigen Meeresgeruch verdrängt, der bis vor Kurzem noch die Luft erfüllt hatte.
   Von Ungjeeburra hatte Daryl gelernt, Gerüche jederzeit – auch unbewusst – wahrzunehmen, ebenso wie akustische und optische Eindrücke. Sie alle waren Teil eines Ganzen, hatten ihren Sinn, ihre Bedeutung und ihren festen Platz im Kreislauf der Natur. Wer sie und ihr Zusammenspiel verstand und richtig deuten konnte, dem fielen auch ihre Veränderungen auf. Oder vereinfacht gesagt: Jede Ursache hatte seine Wirkung. Die Kunst der Aborigines, auch unter schwierigsten und unwirtlichsten Bedingungen zu überleben, bestand darin, diese Wechselwirkungen zu erkennen und ihr Leben ihnen anzupassen. Und auch wenn sich Daryl vor allem der Geruch von feuchtem, rostigem Eisen und den ätherischen Ölen von Mulga-, Sandel- oder Eukalyptusholz, die vor einem Gewitter in der Wüste oft zutage traten, tief in seine Wahrnehmung eingebrannt hatte, spürte er auch die Veränderungen der Natur in einer ihm weniger bekannten Umgebung.
   »Was ist los?«, fragte Robb, nachdem er Daryl eine Weile beobachtet hatte.
   »Ich glaube, es zieht ein Unwetter auf.«
   Der Junge warf einen kurzen Blick zum makellosen Horizont, dann verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. »Na klar. Ich kann schon die ersten Regentropfen auf der Haut spüren.«
   Daryl lächelte. »Wollen wir wetten?«
   Robb runzelte die Stirn. »Ich habe gerade meine neue Angel verloren und auch sonst keinen Cent in der Tasche. An was hattest du denn gedacht?«
   »Wenn ich gewinne, zeigst du mir deinen besten Angelplatz.«
   »Und wenn ich gewinne?«
   »Kriegst du eine nigelnagelneue Fischerrute.«
   Auf dem Gesicht des Aborigine-Jungen breitete sich ein zufriedenes Grinsen aus. »Abgemacht!« Er hielt Daryl die flache Hand hin und der schlug ein.
   Als sie sich auf den Rückweg machten, lenkte Daryl das Gespräch auf das Wrack der Shanghai Queen. Robb erzählte begeistert von den Tagen der Havarie. So hätte der Frachter am künstlichen Pier der Dampier Salt & Gypsum Limited, das an der nördlichen Spitze der Treacherous Bay lag, mit Salz beladen werden sollen. Doch wegen des aufziehenden Zyklons konnte er dort nicht anlegen und ankerte draußen in der Bucht. Dabei rissen die Ankerketten, das Ruder wurde beschädigt und die Shanghai Queen driftete ab. In der Folge wurden Robb und einige der anderen Bewohner aus Shelly Beach Zeugen, wie der Sturm das Schiff auf die Klippen warf, wo es auseinandergezogen, gestaucht, verkrümmt und schließlich auseinandergerissen wurde, als bestünde sein Rumpf aus weichem Käse.
   Detailliert berichtete Robb über die Bergungsarbeiten und darüber, wie sich in den folgenden Wochen und Monaten der Rost durch die Farbe des Frachters fraß wie Termiten durch ein Stück Holz, wie immer mehr Teile zerfielen und wie sich das Wrack dadurch stetig veränderte.
   Daryl war begeistert von der Beobachtungsgabe des Jungen, davon, wie er die Veränderungen wahrnahm und wie er diese beschrieb. Er war überzeugt davon, dass es ein Fehler von Lauren Tomkins war, ihrem Sohn den Umgang mit seinem Großvater zu verbieten. In Robb schlugen zwei Herzen, genau wie in ihm. Vielleicht schlugen sie sogar noch stärker. Schließlich floss in Robbs Adern noch immer das Blut seiner Aborigine-Ahnen. Er war ein Suchender, genau wie Daryl. Er suchte nach Antworten, die er in der Welt der Weißen nicht finden würde.
   Daryl nahm sich vor, mit Lauren darüber zu reden. Er fand, dass Robb ganz einfach ein Recht darauf hatte, mehr über seine Aborigine-Wurzeln zu erfahren.
   Zurück in Shelly Beach verabschiedete sich Daryl von Robb und begab sich zu seinem Wohnwagen. Es war erst kurz nach zwölf Uhr. Er beschloss, eine Kleinigkeit zu essen und dann Naomi Mulgarnup aufzusuchen.
   Der Bootsanhänger mit dem Aluminiumboot stand noch immer vor dem Haus. Er hatte ihr versprochen, ihn mit ihr zum Jetty zu bringen. Bei der Gelegenheit konnte er vielleicht auch etwas mehr über Ingitjas und Koolkunas »Übernahmepläne« von Shelly Beach erfahren.

Daryl saß draußen unter dem Vorzelt am Tisch und schob sich gerade genüsslich den letzten Happen eines Brötchens mit John West Chili-Thunfisch in den Mund, als er aus den Augenwinkeln Lauren Tomkins sah. Sie kam mit großen Schritten und ernstem Gesicht über den staubigen Weg auf ihn zu.
   Da Daryl keine Serviette zur Hand hatte, wischte er sich rasch den Mund am Hemdsärmel ab und erhob sich langsam.
   Als die Aborigine nur noch ein paar Schritte entfernt war, begrüßte er sie mit einem lockeren »Hi Lauren.«
   Lauren nickte und blieb stehen. Auf ihrer Stirn standen Sorgenfalten. »Danke, dass Sie Robb verarztet haben.«
   »Kein Problem.« Daryl bot ihr mit einer Handbewegung an, Platz zu nehmen, doch Lauren lehnte ab.
   »Ich will Sie nicht lange stören. Robb ist ganz begeistert von Ihnen. Ich musste ihm doch tatsächlich mit Hausarrest drohen, ehe er bereit war, Ihren Buschmedizin-Wickel gegen einen richtigen Verband zu wechseln.«
   »Nun, Sie hätten ihn ruhig noch bis heute Abend drauflassen können. Sie wären überrascht gewesen, wie sich die Wunde bis dahin erholt hätte.«
   »Schon möglich«, sagte Lauren wenig überzeugend.
   Daryl lächelte. »Sie halten nicht viel von Eingeborenenmedizin, hab ich recht?«
   Laurens Backenknochen mahlten. »Eigentlich bin ich nicht hergekommen, um mit Ihnen über Sinn oder Nutzen von Aborigine-Medizin zu diskutieren.«
   »Sondern?«
   »Um mich zu bedanken, dass Sie sich um Robb gekümmert haben. Und …« Sie zögerte einen Moment, als wüsste sie nicht recht, wie sie fortfahren sollte. »Weil ich Sie fragen wollte, ob Sie mitbekommen haben, wie sich Robb verletzt hat.«
   Scheinbar überrascht zog Daryl die Brauen hoch. »Hat er Ihnen das denn nicht gesagt?«
   »Nun ja … schon.«
   »Aber?«
   Lauren Tomkins fühlte sich sichtbar in die Defensive gedrängt. »Nichts aber! Ich habe Ihnen lediglich eine Frage gestellt«, reagierte sie mit dem für ihre Rasse typischen Temperament, das ihn einmal mehr an Michelle erinnerte. »Aber offenbar weigern Sie sich, mir zu antworten. Ich weiß wirklich nicht, …«
   Daryl hob beschwichtigend beide Hände, gleichzeitig knipste er sein entwaffnendes Lächeln an. Er wusste, dass sich dabei um seine Augen- und Mundwinkel eine Reihe von feinen Fältchen bildeten, die sonst nicht sichtbar waren. Zusammen mit seinen grünblau schimmernden Augen hatten sie, wie er schon einige Male festgestellt hatte, auf viele Menschen eine beruhigende Wirkung.
   »Ich hatte nicht vor Sie anzugreifen, Lauren.«
   Die Aborigine räusperte sich. »Okay.«
   »Robb ist hingefallen, dabei hat er sich den Ellbogen aufgeschlagen«, erklärte Daryl vorsichtig. Er war ziemlich sicher, dass der Junge seiner Mutter nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Das Betreten des Wracks war verboten. Robb hatte trotzdem von dort geangelt, wobei er Ron Faggs Leiche entdeckt hatte. Danach hatte er bestimmt mächtig Ärger mit seiner Mutter bekommen und ihr versprechen müssen, dies nie wieder zu tun. Doch Robb hatte sich nicht daran gehalten. Als er an diesem Morgen wieder in das Wrack klettern wollte, waren ihm Kirby und seine beiden Kumpane in die Quere gekommen. Die Geschichte, die die drei zum Besten geben würden, wenn Robb behauptete, von ihnen misshandelt worden zu sein, würde ihn schlecht aussehen lassen. Robb wusste, dass er das Vertrauen seiner Mutter missbraucht hatte, deshalb wollte er die Sache nicht an die große Glocke hängen, auch wenn er dabei seine Fischerrute eingebüßt hatte. Zumindest hätte Daryl an Robbs Stelle so reagiert.
   Lauren musterte Daryl schweigend. Der durchdringende Blick ihrer schwarz glänzenden Augen brachte Daryl ins Schwitzen. Schließlich sagte sie mit einem zweifelnden Unterton: »Das hat mir Robb auch erzählt. Dabei sei ihm dummerweise seine Rute über die Klippen gefallen.«
   »Ganz recht«, bestätigte Daryl, ohne mit der Wimper zu zucken. Zum Glück konnte Lauren die Schweißperlen in seinem Nacken nicht sehen. »Ist wirklich dumm gelaufen.«
   »Hm …«, brummte die Aborigine. Sie drehte sich um, ging zwei Schritte und hielt dann kurz inne. Langsam wandte sie sich wieder um und sah Daryl fest in die Augen. »Sie und Robb – ich werde das Gefühl nicht los, dass ihr mir nicht die Wahrheit sagt.«
   Daryl setzte wieder sein unschuldiges Lächeln auf, und Lauren seufzte.
   »Sie brauchen gar nicht ein Gesicht wie ein frisch geborenes Lämmchen zu machen. Das bestätigt nur meine Vermutung.« Langsam verschwand der ernste Ausdruck aus ihrem Antlitz. Er machte einem Blick Platz, den Daryl nur zu gut kannte. Michelle hatte ihn oft so angeschaut, wenn er etwas angestellt und es mit einer Lüge oder Halbwahrheit zu vertuschen versucht hatte. In ihm lag eine Mischung aus Vorwurf, Warnung, aber auch Verständnis und Wärme.
   »Passen Sie bloß auf, Daryl. Wenn ich herauskriege, dass Sie und Robb unter einer Decke stecken und mich belügen, werden Sie mich kennenlernen.«
   Daryl verkniff sich zu sagen, dass er sich darauf schon freute. Es ging nichts über einen reinigenden Zyklon, der über einen hinwegfegte, wenn eine Aborigine-Frau die Fronten klären wollte. So aber sagte er nur grinsend: »Geht klar.«
   Er sah Lauren Tomkins noch einen Augenblick nach, wie sie mit energischen Schritten davonstapfte, dann brachte er sein Geschirr in den Wohnwagen und schnappte sich seine Fleecejacke.

Auf dem Weg zu Naomi Mulgarnup sah Daryl hinunter zur Treacherous Bay. Er war zufrieden. Seine Instinkte funktionierten auch hier am Meer einwandfrei.
   Eine aschgraue Wolkenwand rollte wie eine gewaltige Flutwelle langsam auf die Küste zu. Die Temperatur war inzwischen um mindestens fünf Grad gefallen. Der Wind hatte stark zugelegt und die See geriet immer mehr in Bewegung. Auf den unruhigen, wild durcheinandertänzelnden Wellen bildeten sich überall perlweiße Schaumkronen.
   Eben steuerte die Mary-Ann II, das Fischerboot der Coles, von Norden her auf das Jetty zu. Dass die Coles so früh am Nachmittag nach Shelly Beach zurückkehrten, bedeutete wohl nichts Gutes.
   Daryl klopfte an die Verandatür und wartete, bis Naomi erschien. Sie begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln.
   »Eigentlich wollte ich wie versprochen helfen, das Aluminiumboot runter zum Jetty zu bringen. Aber wenn ich mir die Wolkenwand anschaue, die da auf uns zukommt, verschieben wir das wohl besser.«
   »Ach, kein Problem«, sagte die Aborigine. »Laut Wetterbericht soll’s zwar ganz schön stürmisch werden und die ganze Nacht kräftig regnen, aber wir haben eine gute Abdeckung für das Boot. Außerdem sind alle Pfähle des Jettys mit neuen Gummipuffern ausgestattet.«
   »Na dann, machen wir uns an die Arbeit, ehe wir klitschnass werden.«
   Naomi holte den Schlüssel des alten Nissan Hiace und fuhr ihn dann vorsichtig rückwärts an den Bootsanhänger, während Daryl sie einwies. Als er die Anhängerkupplung an dem rostigen Kleintransporter befestigt hatte, stieg er vorn auf den Beifahrersitz.
   »Robb erzählte mir von seinem Großvater und dem Eingeborenencamp«, sagte Daryl im Plauderton, während Naomi den Wagen langsam den holprigen Weg hinunter zum Jetty fuhr. »Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber Robb scheint ziemlich traurig zu sein, dass er seinen Großvater nicht sehen darf.«
   Naomi warf Daryl einen kurzen, neugierigen Blick zu, sagte aber nichts.
   »Nun ja«, fuhr Daryl deshalb fort, »da fragte ich mich, ob nicht vielleicht Sie oder Ihr Mann ihn gelegentlich mitnehmen könnten, wenn Sie in das Kaldowinyeri-Camp fahren.«
   Ein feines Lächeln umspielte nun den Mund der Aborigine. »Ich war drüben bei meiner Schwester, als Robb nach Hause kam. Sie beide verstehen sich offenbar sehr gut. Könnte es sein, dass er Sie dazu angestiftet hat?«
   »Glauben Sie das wirklich? Ich kenne Robb sicher nicht so gut wie Sie, aber eins ist mir klar, er würde nie jemanden darum bitten, dafür ist er zu stolz.«
   Naomi hielt den Kopf schief. »Da haben Sie wohl recht. Aber warum interessieren Sie sich eigentlich so für den Jungen? Ich meine, bei Robb ist es verständlich, dass er begeistert von Ihnen ist. Aber bei Ihnen …?«
   »Robb zu mögen, fällt nicht schwer. Er ist ein aufgeweckter Junge.« Daryl zwinkerte ihr zu. »Außerdem hoffe ich, durch ihn die besten Angelplätze kennenzulernen.«
   »Das ist alles?«
   »Was denken Sie denn? Glauben Sie etwa, dass ich …«
   »Auf kleine Jungs stehen?«, unterbrach ihn Naomi. Sie lachte. »Nein, so sehen Sie für mich nun wirklich nicht aus.«
   »Puh, da bin ich aber beruhigt.«
   »Tun Sie bloß nicht so, als seien Sie schon wieder verlegen geworden.«
   »Aber das bin ich«, protestierte Daryl.
   »Das glaube ich Ihnen nicht.«
   »Ach, und wieso?«
   »Weil ein weißer Mann, der unter Aborigines aufgewachsen ist, der offensichtlich eine Menge von ihnen gelernt hat und sich obendrein für einen behinderten Eingeborenenjungen einsetzt, ein besonderer Mensch ist. Einer mit Charakter und Selbstvertrauen. Der wird nicht so leicht verlegen.«
   »Danke für die Blumen. Doch das alles macht noch lange keinen besonderen Menschen aus mir. Auf Ihren Vater, Koolkuna, scheint das schon eher zuzutreffen. Ich verstehe daher nicht recht, warum Ihre Schwester Robb den Umgang mit ihm verbietet.«
   Die Aborigine zögerte mit einer Antwort. »Dafür müssten Sie unsere Familiengeschichte kennen«, sagte sie schließlich.
   »Und die geht mich nichts an, schon kapiert.«
   »Sie geben aber schnell auf«, entgegnete Naomi mit einem spitzbübischen Schmunzeln.
   »Ehrlich gesagt, war das kein Aufgeben, nur Taktik«, konterte Daryl. »Ich wollte erst herausfinden, wie Sie reagieren, bevor ich einen weiteren Vorstoß wage.«
   »Ah, so ist das. Nun, ich habe schon bemerkt, dass Sie es ganz gut beherrschen, Menschen zum Reden zu bringen.«
   »Und, verbuchen Sie das auf der Seite mit meinen Pluspunkten?«
   Die Aborigine wiegte den Kopf hin und her. »Ich weiß noch nicht so recht.«
   Inzwischen hatten sie das Jetty erreicht. Naomi wendete und fuhr langsam rückwärts die Betonrampe hinunter, bis der Anhänger zur Hälfte im Wasser lag. Dann zog sie die Handbremse an, stellte den Motor ab und drehte sich zu Daryl herum. »Lassen Sie mir einen Moment Zeit, um zu überlegen, ob ich sie Ihnen erzählen will.«
   Daryl nickte. Er stieg aus, legte Schuhe und Socken ab, warf sie ins Boot und krempelte die Hosenbeine hoch. Dann ging er zum Bootsanhänger, löste die Befestigungsriemen an beiden Seiten und ließ das Aluminiumboot mit der Kurbel vom Anhänger gleiten, bis es vom Wasser getragen wurde.
   Naomi wartete, bis er ins Boot stieg und den Karabinerhaken des Kurbelseils ausklickte. »Fahren Sie rüber zum zweiten Pfeiler auf der rechten Jetty-Seite«, rief sie. »Dort gibt es eine Leiter, die bis runter zum Wasser reicht. Ich fahr inzwischen den Anhänger raus und komm anschließend zu Ihnen rüber.«
   Daryl hob den Daumen als Zeichen, dass er verstanden hatte. Dann tauchte er die Schraube des Yamaha Außenborders ins Wasser, pumpte Treibstoff vor, betätigte die Luftklappe und riss an der Startleine. Der Motor heulte augenblicklich auf. Daryl legte den Rückwärtsgang ein und drehte das Ruder, um das Boot zu wenden.
   Fast übermütig hüpfte das Aluminiumboot über die gut dreißig Zentimeter hohen, wild durcheinanderwirbelnden Wellen, während Daryl es in flottem Tempo Richtung Jetty steuerte. Als er den Landungssteg erreicht hatte, befestigte er das Boot zwischen zwei Pfeilern, zog die Schutzplane darüber und kletterte die glitschige Aluminiumleiter auf das Jetty hinauf.
   Naomi Mulgarnup wartete schon auf ihn. »Und, zufrieden?«, fragte sie.
   »Wenn Sie das Boot und den Außenborder meinen, dann ja.«
   »Sie lassen nicht locker, was?«
   Daryl zuckte mit den Schultern. »Erst, wenn Sie mir endgültig eine Abfuhr erteilt haben – was ich Ihnen selbstverständlich nicht übel nehmen würde.«
   »Da ist sie wieder, diese charmant-listige Art, einen zum Reden zu bringen.« Sie setzte sich in Bewegung, und Daryl folgte ihr. »Also gut«, sagte sie nach ein paar Metern und sah Daryl dabei kurz an. »Unser Vater lebt schon sein ganzes Leben an dieser Küste, im ehemaligen Stammesland der Nhanta. Er weigerte sich immer strikt, von hier wegzugehen. Als sein Clan in den Siebzigerjahren umgesiedelt wurde, verschwand er erst eine Weile im Busch, kehrte dann aber wieder hierher zurück.«
   »Sie sprechen von seinem Clan und von seinem Stammesland – fühlen Sie sich denn kein bisschen als Nhanta?«, fragte Daryl interessiert.
   »Wissen Sie, diese Frage habe ich mir lange Zeit selbst gestellt. Heute denke ich, ich stamme von ihnen ab, doch ich darf mich nicht so nennen. Als die Nhanta umgesiedelt wurden, waren wir noch sehr klein. Wir kamen mit unserer Mutter nach Geraldton, dort wuchsen wir auf und gingen zur Schule, während unser Vater es vorzog, im Busch zu leben. Zwar erzählte unsere Mutter immer wieder sehr liebevoll von ihm und dem Volk der Nhanta, doch …« Die Aborigine brach ab und blieb stehen. Ihr Blick schien plötzlich ins Leere zu gehen.
   »Ich glaube ich weiß, was Sie sagen wollen«, meinte Daryl mitfühlend. »Da war einerseits Ihre Mutter, die versuchte, Ihnen so viel wie möglich über Ihre Herkunft zu erzählen. Auf der anderen Seite war da aber auch der weiße Einfluss, insbesondere in der Schule. Dort versuchte man, Ihnen die weiße Denkweise einzutrichtern und gleichzeitig auch die letzten Wurzeln Ihrer indigenen Herkunft zu kappen. Die gängige Vorgehensweise zu dieser Zeit – was die Sache nicht besser macht.«
   Naomi nickte kaum merklich. Sie sah Daryl kurz mit traurigem Blick an und ging weiter. »Die Zeit der Gestohlenen Generationen war zwar offiziell vorbei, aber der Druck der Regierung auf die Eingeborenen, sich in Städten oder deren Nähe anzusiedeln und so zu leben wie sie – ohne ihnen jedoch wirklich eine Chance zu geben oder ihnen einen Teil ihrer ursprünglichen Lebensweise zuzugestehen – bestand noch immer. Natürlich bekamen Lauren und ich das nicht bewusst mit. So kam es auch, dass das, was uns unsere Mutter über ihren ehemaligen Clan, die Arnmanu, erzählte, für uns wenig Bedeutung hatte.«
   »Verständlich«, warf Daryl ein. »Ich bin sicher, Ihre Mutter hat getan, was sie konnte. Doch ohne den direkten Bezug zum Stammesland ist das so, als würde man einem Blinden die Farbenpracht der Wildblumen nach dem großen Regen beschreiben wollen.«
   »So, so. Poet sind Sie also auch noch«, zog sie ihn auf. Dann wurde sie wieder ernst. »Aber Sie haben natürlich recht. Wir lauschten unserer Mutter interessiert, doch alles, was sie uns lehrte, blieb abstrakt.«
   »Kam sie denn nie mit Ihnen hierher, in ihr ehemaliges Stammesland?«
   »Doch, einmal. Zusammen mit zwei alten Eingeborenenfrauen und einer weiteren Mutter mit ihrer Tochter. Wir gingen auf einen Walkabout und besuchten dabei auch einige der heiligen Plätze des Clans. Höhepunkt war der »Platz des Werdens«, an dem früher die Frauen-Initiationsriten abgehalten wurden. Es war eine sehr eindrückliche Erfahrung, an die ich mich noch heute sehr lebhaft erinnern kann. Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie eine Ahnung bekam, was uns Mutter immer beibringen wollte. Ich spürte eine schwer zu beschreibende Verbindung zu diesem Ort, und ich denke, Lauren ging es genauso. Doch dann wurde unsere Mutter krank. Sie starb fast zur gleichen Zeit wie die alten Nhanta-Frauen, mit denen wir auf Walkabout waren.« Sie seufzte. »Ich denke, die Bande zu unserer Eingeborenen-Vergangenheit waren einfach zu schwach, um mehr als eine Erinnerung an diesen einen Walkabout und die Geschichten zu sein, die uns unsere Mutter erzählte.«
   »Das ist traurig«, sagte Daryl ehrlich berührt.
   »Vielleicht – ich weiß es nicht. Wir leben nun dieses Leben und wir sind nicht unglücklich.«
   »Macht es Ihnen nichts aus, dass Ihr Vater und Ihr Mann dafür kämpfen, Shelly Beach zu einer Aborigine Community zu machen?«
   Naomi blieb erneut stehen. Sie sah ihn von der Seite an. »Bis vor knapp zwei Jahren hatten wir unseren Vater nicht mehr gesehen. Dann, aus heiterem Himmel, tauchte er bei uns in Geraldton auf. Lauren hatte kurz zuvor ihren Mann bei einem Autounfall verloren, den Robb zum Glück, wenn auch schwer verletzt, überlebte. Er legte uns einen Kaufvertrag für die zwei Häuser und das Land, auf dem sich der Campingplatz befindet, auf den Tisch. »Das ist alles ziemlich heruntergekommen, aber ich bin sicher, ihr könnt etwas daraus machen«, waren seine Worte.
   »Woher hatte er denn das Geld?«, wollte Daryl wissen.
   »Das haben wir ihn auch gefragt. Er sagte, es sei nicht gestohlen. Es habe dem Arnmanu-Clan gehört. Mehr wollte er dazu nicht sagen.« Als eine Windbö ihr Haar wie eine schwarze Gewitterwolke um ihr Gesicht wirbelte, strich sie es beiseite und ging weiter.
   »Natürlich haben wir ihn gefragt, warum er ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren, bei uns aufgetaucht ist. Und wissen Sie, was er antwortete?«
   Daryl wusste es. Er wusste es, seit er Robb über seinen Großvater hatte reden hören. Bei Ungjeeburra und Daryl war es ganz ähnlich gewesen. Ungjeeburra …
   Daryls Gedanken schweiften ab in die Vergangenheit, zurück in die Pintubi Community, in der er seine Jugend verbracht hatte. Ungjeeburra hatte damals noch nicht zu den Ältesten des Stammes gehört, dennoch war er der Wächter der Tjurungas gewesen, hölzerner Kultobjekte, die für die Pintubi und ihr verwandtes Volk, die Walbiri, ihr größter Stammesschatz waren. Sie galten als die Körper verstorbener Totemvorfahren, die sich in die Kultobjekte verwandelt hatten. Die Tjurungas waren mit geheimnisvollen Zeichen versehen, die sowohl mythologische Landkarten waren als auch die Geschichte und die Gesetze des Stammes erzählten und dem Leben der Clanmitglieder eine Orientierung geben sollten. Die Tafeln waren heilig und wurden nur den jungen Männern gezeigt, die die Initiation erfolgreich abgeschlossen hatten – für Frauen waren sie tabu.
   Jeder in der Community wusste, dass Ungjeeburra, wenn er für Wochen oder gar Monate in der Wüste verschwand, auf den Traumpfaden seiner Ahnen wanderte, ihre heiligen Plätze aufsuchte und seine Verbindung zu ihnen und zur Natur auffrischte. Wenn er zurückkehrte, wirkte er körperlich und geistig immer gesünder und stärker, als er aufgebrochen war, was Daryl stets ungeheuer beeindruckte.
   Nach diesen Walkabouts kümmerte sich Ungjeeburra immer sehr intensiv um die Kinder. Er erzählte ihnen von der Wüste, von den Pflanzen, Tieren, dem ›Haus der kleinen Welten‹, wie er den Mikrokosmos nannte, der die Dinge in der Natur am Laufen hielt. Ganz selten wählte er dann eines der männlichen Kinder aus, um es unter seine Fittiche zu nehmen. Er begleitete es bis zu seiner Initiation, weil, wie alle wussten, er in ihm etwas Besonderes sah.
   Dass ausgerechnet ein weißer Junge wie Daryl einer dieser wenigen sein sollte, war für ihn eine große Überraschung gewesen. Und es hatte ihn ungeheuer stolz gemacht.
   Schon bevor sich Ungjeeburra seiner annahm, hatte Daryl viel Zeit allein im Busch verbracht. Er hatte die Natur beobachtet und sich Gedanken über die Zusammenhänge in ihr gemacht. Er hatte sich für die Geschichten und die Lebensweise der Eingeborenen interessiert, und er hatte intensiv von alledem geträumt.
   Es waren Träume, die so real gewesen waren, dass er oft verwirrt aufgewacht war, weil er nicht wusste, wo er sich gerade befand. Später hatte ihm Ungjeeburra erklärt, dass sie in diesen Momenten in gedanklicher Verbindung miteinander gestanden hatten. »Jeder Mensch hat sein Totem«, hatte ihm der Aborigine erklärt. »Wir sind mit ihm verwandt, seine Geschichte ist ein Teil von uns. Genauso gibt es Menschen, deren Seele mit der unseren verbunden ist. Und wenn wir offen und bereit dazu sind, können sie sich auch gegenseitig spüren.«
   Natürlich hatte Daryl das zunächst für unmöglich gehalten. Doch mit der Zeit hatte er für manche Ereignisse einfach keine andere Erklärung gefunden. Dann, vor einigen Monaten, als er bei einem Fall in der Wüste fast umgekommen wäre, war Ungjeeburra plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte ihn gerettet.
   »Du hast mich gerufen«, hatte er Daryl geantwortet, als dieser ihn gefragt hatte, wie es möglich sei, dass er ihn überhaupt gesucht und auch noch mitten in der unendlichen Weite der Wüste gefunden hatte. »Ich habe es dir schon einmal gesagt: In dir stecken mehr Fähigkeiten und mehr Wissen, als du dir selbst zugestehst. Aber dein weißer Verstand unterdrückt sie. Er ist der Käfig deines Verstandes und deiner zweigeteilten Seele.«
   Heute war Daryl überzeugt, dass Gedanken keine Barrieren kannten. Sie konnten Distanzen überwinden und mit denen eines anderen Menschen verschmelzen. Das größte Hindernis dabei war das eigene Bewusstsein. Es leistete den größten Widerstand zu glauben, dass es zwischen Himmel und Erde mehr Dinge gab, als der eigene Verstand akzeptieren konnte.
   Auch zwischen Robb und Koolkuna bestand eine solche Verbindung. Deshalb hatte der alte Aborigine seine Töchter zurück in ihr ehemaliges Stammesgebiet geholt. Er wollte Robb in seiner Nähe haben, denn der Junge war etwas Besonderes, er war auserwählt, von Koolkuna in das Wissen seiner Vorfahren eingeweiht zu werden.
   Dies alles hätte er gern Naomi und ihrer Schwester gesagt – aber das war nicht möglich. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. »Ich kann’s mir denken«, antwortete er nach einer langen Pause, in der Naomi ihn neugierig von der Seite betrachtet hatte. »Koolkuna ist alt, er wollte Sie beide und seinen Enkel in seiner Nähe haben.«
   Die Aborigine nickte. Es hatte zu regnen begonnen und die Tropfen auf ihrer dunklen Haut glitzerten wie silberner Glimmer.
   »Da kümmert er sich zwei Drittel unseres Lebens nicht um uns und plötzlich möchte er, dass wir ein Teil von seinem sind.«
   »Was ist so schlimm daran? Ist das nicht besser, als seinen Vater nie gekannt zu haben?«, gab Daryl zu bedenken. »Und vergessen Sie nicht: Ohne ihn würden Sie weder an diesem schönen Fleckchen Erde leben noch den Campingplatz besitzen.«
   »Das mag sein. Nur, wenn er die Menschen aus Shelly Beach vertreibt und das hier eine Aborigine Community wird, ist das vermutlich das Aus für unseren Campingplatz.«
   Sie hatten das Ende des Jetty erreicht und gingen nun auf Naomis Hiace zu.
   »Ich gebe zu, das ist ein Problem. Es gibt zwar immer mehr Communitys, die nebenbei einen Campingplatz betreiben, aber diese werden von Weißen viel weniger besucht als andere.«
   »Genau. Das ist auch der Grund, weshalb meine Schwester nicht gut auf Koolkuna zu sprechen ist und nicht will, dass Robb viel Zeit mit ihm verbringt.«
   »Dafür kann Robb doch nichts.«
   »Schon richtig. Aber darüber müssen Sie mit Lauren sprechen. Ich persönlich komme mit Koolkuna zurecht. Auch wenn ich seine Pläne, was Shelly Beach betrifft, nicht unterstütze, so denke ich, dass es trotzdem irgendwie weitergehen wird, sollte er vor Gericht recht bekommen.«
   Die Aborigine ging eilig um den Wagen herum und stieg ein. Daryl trat neben die Tür und lehnte sich mit den Ellbogen auf den Rahmen des heruntergekurbelten Seitenfensters.
   »Ihr Mann scheint von der Idee jedenfalls ziemlich begeistert zu sein.«
   »Das stimmt. Für Ingitja ist Koolkunas Vorhaben sogar ein Segen.«
   »Warum?«
   Sie sah Daryl mit durchdringendem Blick an. »Weil Ingitja einer Generation angehört, die ganz besonders unter dem Unterschied zwischen unseren Kulturen zu leiden hatte. Da waren seine Eltern – ihrer Wurzeln beraubt, von Sozialhilfe abhängig, ohne Perspektiven und dem Alkohol verfallen, hatten sie ihn misshandelt und vernachlässigt. Und da war eine weiße Gesellschaft, die das kein bisschen kümmerte und ihm auch keine Perspektiven bot. Kein Wunder also, dass er selbst zum Trinker wurde, mit dem Gesetz in Konflikt kam und mehrere Jahre hinter Gittern verbrachte. Erst durch Koolkuna fasste er wieder Fuß, fand Zugang zu seinem ehemaligen Stammesland, seinem Clan, seiner Geschichte und somit zu sich selbst. Als ich Ingitja vor drei Jahren kennenlernte, begriff ich erst, welches Glück Lauren und ich doch im Grunde gehabt hatten. Unsere Mutter hatte sich um uns gekümmert, hat uns von unserer Vergangenheit mitgegeben, was sie konnte. Andere wie Ingitja hatten dieses Glück nicht. Doch er hat es geschafft, sich aus der Sucht zu befreien, die Leere in sich mit einer sinnvollen Aufgabe und einem Ziel zu füllen und einen Weg in ein glücklicheres Leben zu finden. Das hat mich beeindruckt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Mitunter nimmt er es damit vielleicht zu ernst und verhält sich Fremden gegenüber, insbesondere Weißen, zu ablehnend. Doch ich liebe ihn und bin stolz auf ihn. Und daher werde ich ihm bei dem, was er tut, auch nicht im Wege stehen.«
   Daryl nickte. »Ich verstehe. Und ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und dafür, dass Sie so offen und ehrlich zu mir waren.«
   Ein Lächeln huschte über Naomis Gesicht. »Schon okay. Wie bereits gesagt: Ich denke, Sie sind ein besonderer Mensch. Und daher vertraue ich Ihnen.« Sie lehnte sich nach vorn und warf einen Blick zum pechschwarzen Himmel. »Was ist nun, steigen Sie ein oder warten Sie lieber, bis der Regen Sie ins Meer spült?«

Zurück in seinem Wohnwagen, legte sich Daryl auf das Bett und lauschte, wie der Regen seine monotone Melodie auf dem Blechdach spielte.
   Er hatte heute eine Menge erlebt, und der Tag war noch nicht mal zu Ende. Wenn er über das bisher Geschehene reflektierte, musste er sagen, dass er sehr zufrieden war. Er hatte bereits einige Menschen aus Shelly Beach kennengelernt und teilweise sogar einen Einblick in ihr Leben erhalten, was mehr war, als er nach der kurzen Zeit erwartet hätte.
   Gleichzeitig wusste er, dass es hier für ihn noch mehr zu tun gab, als einen Mordfall zu lösen. Er musste Robb helfen, daran führte für ihn kein Weg vorbei. Er hoffte nur, dass ihn das nicht zu sehr von seinem eigentlichen Auftrag abhielt.
   Während er seinen Gedanken freien Lauf ließ, döste er langsam ein.

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