In einem Wohnblock werden ständig Briefkästen zerstört. Privatermittler Damjanov soll die Täter dingfest machen. Dabei wird ihm fast der Schädel eingeschlagen – nichts im Vergleich zu dem Briefträger, den ein Sprengsatz zerfetzt. Zufall oder Absicht? Damjanov schliddert in einen Sumpf von Rechtsradikalen und Geheimdienstmachenschaften. Das Leben seiner Freundin wird bedroht. Gleichzeitig will ihn eine gewalttätige, fremde Schönheit unbedingt kennenlernen und ein Polizeisprecher mit bemerkenswerter Vergangenheit bietet ihm ein Bündnis an. Bei einem gemeinsamen Einbruch entdeckt er Abgründiges, das ihn auf die richtige Fährte setzt. Nur, will er den Täter jetzt noch entlarven? Seine Entscheidung führt in tödlicher Weise zu einem Ergebnis, das er nicht beabsichtigt hatte ...

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ISBN: 978-9963-52-361-0

Seiten: 281

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Tobias Damjanov

Tobias Damjanov
Tobias Damjanov, Jahrgang 1951, stammt aus Franken, lebt in Bochum und hat einen Sohn. Er war in friedenspolitischen und wissenschaftskritischen Nichtregierungsorganisationen, als Dozent am II. Bildungsweg sowie als Journalist tätig. Seine Romane um den gleichnamigen Privatermittler tragen bewusst autobiografische Züge und spielen in nahegelegener Zukunft. Gemischt mit skurrilem Humor, erinnern sie in Stil und Handlung an die „série noire“ und sind zudem mit der Welt der Geheimdienste verknüpft. Mit „Tödliche Wiederbelebung“ debütierte der Autor im bookshouse-Verlag.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Hamburg, im April 2017

Briefkästen als Mordinstrument? Nach einer Delle auf meinem Schädel und einer Pressekonferenz werde ich zum Einbrecher, woraufhin jemand eines unnatürlichen Todes stirbt.



Tag 1

Eine dreibeinige Katze, schwarz und braun getüpfelt und ohne Schwanz, schleicht unter den Tischen und Stühlen herum. Ich sitze in einem Straßencafé am Bergedorfer Markt, suche in der Bergedorfer Zeitung nach Artikeln von Anne und nippe an einem doppelten Espresso. Beruf ist erst wieder Montag.
   Rechts bewegt sich die Katze an mir vorbei. Auf einem silbern glänzenden Roller mit vier Stahlrädchen saust von links ein noch nicht schulpflichtiger Junge heran. »Du schwanzlose Missgeburt, ich mach dich fertig«, kräht er mit weiblich hoher Stimme.
   Ich rücke mit dem Stuhl zurück, als hätte ich im letzten Schluck Espresso Gift entdeckt und wollte auf den Boden spucken.
   Der Junge gibt »Ouch!« oder so etwas von sich, kann mir aber ausweichen. Leider.
   »Das war Absicht!« Noch eine weiblich hohe Stimme, die jedoch nicht kräht, sondern schrillt und offensichtlich von einer Frau stammt, die so breit wie hoch ist, keinen Roller fährt, aber wie der Junge von links kommt.
   »Hab ich’s mir doch gedacht«, sage ich und lasse meine Zeitung sinken. »Ist das Ihr kleines Arschloch? Ich lasse mich nicht so beleidigen, auch von einem Kind nicht.« Bin auf die Antwort gespannt. Wie das mit Erwartungen so ist, stattdessen höre ich in meinem Rücken ein Geräusch, das in höherer Phonzahl Markenzeichen eines Verkehrsunfalls wäre, und den Schrei eines Kindes.
   Ich drehe mich um. Der silbrig glänzende Roller liegt auf den Betonplatten, direkt vor einem dieser motorisierten Hightechrollstühle, deren Fahrstrecken vorprogrammiert werden können und die für Fußgängerzonen zugelassen sind. Unter der Plexiglaskuppel, Behinderte dürfen sich auch bei schlechtem Wetter in der Öffentlichkeit sehen lassen, trifft mein Blick auf ein, hm, menschliches Gesicht.
   »Ach, das tut mir jetzt aber leid.«
   Womit zweifelsfrei der Junge gemeint ist, der neben dem Rollstuhl auf dem Boden kniet. Er blutet am Kopf und weint.
   Ach wie herzerweichend.
   »Dass man Sie mal wieder trifft!«
   Diese Stimme habe ich, im Unterschied zu denen der vorangegangenen Minuten, schon ungezählte Male hören müssen. Allerdings ist das länger her. Ich sehe auf. Richtig. Wie gehabt, der wandelnde Mumiensarkophag, Inhalt männlich, dem an die obere Spitze durch einen schielenden Tierpfleger Haarbüschel von einem Eisbärenschädel angeklebt wurden. Ein paar Zentimeter tiefer setzte ein angehender Schönheitschirurg bei seinen Übungen am Modell zwei grau-blaue Augen ein. Er brachte es fertig, dass sie dem Betrachter, im aktuellen Falle mir, ein Lächeln vermitteln.
   Das, was da rechts neben mir steht, schert sich nicht um vor Selbstmitleid blutende Kinder, die behinderte Katzen eliminieren wollen, sondern redet weiter. »Hab Sie schon von Weitem an Ihrer blauen Cordjacke und den lichten Haaren erkannt. Wir werden ja alle nicht jünger.«
   Sicher, sicher. Laberhansl. Kann ich auch. »Ach, der Herr Mattenkötter. Wir haben uns ja Ewigkeiten nicht mehr gesehen, was?«
   Mattenkötter ist Hausverwalter eines Wohnkomplexes schräg gegenüber vom Lohbrügger Markt, ebenfalls Bergedorf, etwas weiter weg von meinem aktuellen Sitzplatz. Ich habe früher dort gewohnt. Meine Erinnerungen an Herrn Mattenkötter sind bunt, quirlig, ambivalent.
   »Setzen Sie sich doch«, sage ich. »Ich lade Sie zum Kaffee ein. Oder, wenn Sie was anderes wollen?«
   »So ’n Wetterchen hat man ja hier nicht alle Tage. Was machen Sie denn in Bergedorf? Ich meine, außer Zeitung lesen und Kaffee trinken.« Er lächelt weiter. Redelüstern.
   Natürlich hat er bereits Platz genommen. Wie damals wundere ich mich, dass über seinem Bauch die Mumienverschalung, sein Hemd, nicht aufplatzt. Ich winke der Bedienung zu. Sie sieht mich an wie eine Sizilianerin, die zwar volljährig ist, aber noch nie mit einem Mann  … Ich sollte mit Anne nicht so häufig ins Bett gehen und vor allem mehr Zitronen essen.
   Mattenkötter war immer schon zu Schwätzchen aufgelegt. Verquatschte Zeit im Hauseingang, im Keller, auf dem Weg vor dem Hauseingang. Er und ich allein im Aufzug ist mir erspart geblieben, weil ich Erdgeschoss wohnte. Das sind die eher angenehmen Seiten des Verwalterlebens. Ich weiß also, womit ich zu rechnen habe, als ich mich, blah-schwätz, auf ihn einlasse. »Und wie? Alles noch beim Alten?« Ich habe heute sonst nichts zu tun und den verkrafte ich allemal.
   Zwischen seinen Augen und dem Tierhaarimplantat setzt sich Geschnitztes, vermutlich altägyptischer Ursprung, im Zickzack in Bewegung. »Na ja, wie man’s nimmt. Musste kürzlich dem Hausmeister kündigen. Das war vielleicht eine Niete, sag ich Ihnen. Der hat überhaupt nichts geregelt gekriegt. Und Sie, wo wohnen Sie jetzt?«
   Mit seinem Personal hat Mattenkötter nicht zum ersten Mal Schwierigkeiten.
   »Immer noch in Bergedorf, mehr oder weniger gleich hier um die Ecke. Ernst-Mantius-Straße, direkt gegenüber dem Gericht. Hübsche und vor allem große Altbauwohnung. Und ein bisschen weniger Leute als bei Ihnen im Beckerkamp.«
   Mattenkötter lacht auf.
   Was ist daran lustig?
   »Also, der RWB sind’s ja immer noch zu wenig. Wie zu Ihren Zeiten stehen immer noch rund, na, nicht dass ich lüge, fünfzehn Prozent der Wohnungen leer. Unglaublich, was? Aber wer will schon in diesen Singlebunker ziehen? Die meisten Wohnungen sind viel zu klein geschnitten für heutige Ansprüche. Wissen Sie ja selbst noch.«
   Gewiss. Den jahrelangen Aufenthalt in dieser Zelle werde ich nie vergessen. Als Singlebunker war das, was wie ein waagrecht hingerotztes Hochhaus der sechziger Jahre aussieht, schon bekannt, als ich dort nicht ganz freiwillig einzog. Vorletzte Heimstatt für Geschiedene und Witwer und solche, die es werden wollten. Wer nicht alleinstehend einzog, wurde es über kurz oder lang. Ehepaare mit Kindern waren so häufig wie Eisverkäufer auf dem Friedhof. »Was soll’s, Herr Mattenkötter. Hauptsache, Sie haben einen sicheren Job.«
   Unser Small Talk verläuft sich für den Moment. Wohin?
   Mattenkötter sagt es mir. »Sicherer Job ist heutzutage bestimmt wichtig, aber momentan wünsch ich mir, ich würde woanders arbeiten.«
   »Der Hausmeister?«
   »Ach was, das ist zwar ärgerlich, aber ich lass mich von so einer Lusche nicht unterkriegen. Nein, wir haben einen Verrückten oder sogar mehrere, die in der Nummer vierzehn die Briefkästen aufbrechen. Nicht etwa einzelne, sondern jedes Mal alle. Vielleicht sind’s jugendliche Suffköppe. Immer an Wochenenden. Ist jetzt drei Mal hintereinander passiert. Ganz ehrlich, zweiundsiebzig Briefkästen aufzureißen – da gehört schon Einiges dazu, wenn Sie mich fragen.«
   Ausgefallen. Der Tatbestand wie meine Frage. »Was sagt denn die Polizei dazu?«
   »Was die Polizei dazu sagt?«
   Haben wir hier ein Echo?
   »Nix sagt sie. Zuckt mit den Achseln. Ich hab gleich nach dem zweiten Mal gefragt, ich denk ja mit, ob sie nicht fürs nächste Wochenende einen Beamten abstellen könnten. Weiter bin ich nicht gekommen. Abstellen, fragte der mich, als hätte ich verlangt, dass er seine Hose runterlässt. Wissen Sie, wie unsere Überstunden und unsere unbesetzten Planstellen aussehen? Richtig vorwurfsvoll, als ob ich was dafürkönnte. Und das war’s.«
   »Schon an Videoüberwachung gedacht? Oder an Zwangstherapie für alle Bewohner?«
   »Zwangstherapie ist gut.« Mattenkötter grinst wie ein Maulwurf, der mit seiner Buddelei in den Behandlungsräumen eines Augenarztes gelandet ist. Mit zwei Fingern streicht er über sein Doppelkinn, auch so ’ne Geschmacksverirrung des Schönheitschirurgen, als wenn es dadurch weniger doppelt werden könnte.
   Der Kaffee ist serviert und Mattenkötter, der an der Tasse nippen will, kichert in sie hinein. Das hat er früher immer getan, fällt mir wieder ein.
   »Zwangstherapie ist wirklich gut, wenn ich’s mir recht überlege. Da könnte man gleich eine Reihe von Mietern aus den anderen Blocks mit einbeziehen. Mich bald ebenfalls. Aber allen Ernstes, das mit dem Video ist mir natürlich auch eingefallen. Ich habe letzte Woche eine Kamera installieren lassen. Heute Morgen waren die Briefkästen in Ordnung und natürlich nichts Passendes auf dem Film zu sehen. Warten wir’s ab. Bisher ist es immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert.«
   Aha. In diesem Moment geschieht es, obwohl es Samstag und Beruf erst Montag ist. Ich beginne zu wittern. Um den Berufsgeruch zu verdecken, gebe ich meinen Kommentar gegen den Wind ab. »Wenn die Polizei niemanden abstellen kann, gäbe es noch die Möglichkeit, eine Detektei zu beauftragen.« Mein Sohn würde dazu sagen: Schleim nich!
   Mattenkötter blickt mich an, als hätte ich gerade den Ottomotor erfunden. Dabei heißt Mattenkötter Hans-Georg mit Vornamen.
   Unzusammenhängendes dieser Art sehe ich nach dem Genuss von etwas zu viel Wein am Vorabend.
   »Einen Privatdetektiv? Gibt’s so etwas noch?«
   Junge, wo lebst du? Meine Werbemaßnahmen haben sich soeben als nicht existent erwiesen. »Aber sicher.«
   »Hm«, sagt Mattenkötter zu der Kaffeetasse. »Kennen Sie vielleicht einen?«
   Ah, er beschnüffelt den ausgelegten Köder. Na ja, wozu hat er diese pyramidale Nase? »Ö ja, mindestens einen«, antworte ich und zögere eine Sekunde. »Aber den kenne ich wirklich gut.«
   Come on!
   Mattenkötter überlegt sichtlich. »Könnten Sie mir bei Gelegenheit die Adresse besorgen?«
   Na also. Ich hebe meinen Hintern an, um an meine Geldbörse zu kommen, und ziehe eine nicht mehr ganz druckfrische Visitenkarte heraus. Laut eines früheren Kultmoderators von Radio Hamburg soll der Begriff Visitenkarte von einer Frage abstammen. Visiten die aus? Was auf meine Karte leider zutrifft.
   Mattenkötter nimmt sie trotzdem und liest. Er sieht auf. »Ich dachte, Sie wären Journalist.«
   »Ermittlungen sind letztlich interessanter und bieten die Chance auf bessere Bezahlung, jedenfalls in einigen Fällen. Immer nur zu schreiben war mir auf Dauer zu eintönig. Hab umgesattelt. Warten Sie, ich schreib Ihnen noch meine private Nummer drauf.«
   »Wenn ich’s mir recht überlege, ist das keine schlechte Idee. Sollte es an dem Wochenende weitergehen, was ich natürlich nicht hoffe.«
   Du hoffst das nicht, klar.
   Aber ich.
   Er starrt. Ist der Job eines Private Eye so ausgefallen wie der einer Päpstin?
   Der Hausverwalter steht plötzlich auf. »Herr Damjanov, ich muss wieder. Samstagseinkäufe für die Familie. Möchte meine liebe Frau entlasten, wissen Sie? Die letzte Zeit musste ich ja Hausmeister spielen. Ich ruf Sie auf jeden Fall an, okay?« Er sucht im Stehen nach Geld. »Sie und Privatdetektiv«, murmelt er.
   Ich betreibe Kundenpflege. »Das war doch meine Einladung, Herr Mattenkötter.«
   »Oh, danke. Und noch ein schönes Wochenende.« In seinem schlaksigen Gang, die Arme rudern leicht, steuert er am Sachsentor entlang Richtung Johann-Adolf-Hasse-Platz. Also nach Hause.
   Ich sehe ihm nach und bestelle meinen dritten Espresso. Schreibe in Stichworten auf, was Mattenkötter über die Briefkastenüberfälle erzählt hat.
   Das Wild ist eingezäunt. Ich grüble. Der oder die Briefkastenkiller haben bisher nur an Wochenenden und nur in einem der vier Blocks der Wohnanlage zugeschlagen. Nicht gerade von enthüllender Aussagekraft. Gegen eine Aktion von Betrunkenen spricht, dass sie sich laut Mattenkötter alle zweiundsiebzig Kästen vorgenommen hatten. Alkoholisierte würden kaum so systematisch vorgehen können. Bedeutet es etwas, dass diese Zerstörungsakte an drei Wochenenden stattfanden? Na, mal sehen. Was hat Mattenkötter mit RWB gemeint? Die Eignergesellschaft, eine Verwaltungs-GmbH? Komme nicht auf die Auflösung des Kürzels.
   Drei Espressos reichen. Ich schlendere ohne weitere Zwischenfälle zu meiner Wohnung, wofür ich fünf Minuten benötige. Zu Hause packe ich meine Einkäufe auf den Küchentisch und die Notizen in meine Aktenmappe. Erst Montag wieder.
   Verstaue meine Einkäufe in Regale, Vorratskammer und Kühlschrank. Freue mich auf Anne. Kurve mit eingeschaltetem Staubsauger – wo kommt ständig dieser gottverdammte Staub her? – durch Küche, Flur, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Gästezimmer, Badezimmer. Freue mich auf Anne. Erlöse ein kleines Steak von seiner tiefgekühlten Warterei und eine Pfanne aus dem Küchenschrank. Während beide über einer der Kochplatten aufeinander heiß werden, freue ich mich auf Anne, wobei ich ein Salatköpfchen zerfetze. Um ihren Schmerz zu stillen, wende ich die amputierten Blätter unter laufendem Wasser. Schütte kleine Mengen verschiedener Flüssigkeiten zusammen. Nein, Pfefferminzsoße ist nicht dabei. So weit geht meine Englandliebe nicht. Freue mich auf das Steak, heute Mal nur knapp nach noch blutig. Zur Auffrischung meines Kurzzeitgedächtnisses, silberglänzendes Rollerchen und so. Wir werden ja alle nicht jünger.
   Nachdem ich gegessen habe, freue ich  … Nein. Langsam wird es Zeit. Wo bleibt sie? Jetzt reicht’s. Apropos, wo hab ich die Bergedorfer hingelegt? Anne wollte gestern doch den Dings, wie hieß der noch, vom Bauausschuss interviewen. Wegen was eigentlich?
   Ich finde die Zeitung und breite sie vor mir auf dem Küchentisch aus. Versuche zu lesen. Denke an den Wein gestern Abend. Irgendwie rückt mein Kopf immer näher in Richtung des bedruckten Papiers. Ob’s ohne Brille besser geht? Freue mich auf Anne. Die kommt erst in paar Stunden. Dazu meint meine Stirn, sie würde sich gern auf meinen rechten Unterarm legen …

Tag 2

Ich wache auf, weil mein Telefon klingelt. Anne? Lag sie nicht gerade noch neben mir? Aber ich sehe sie genau so wenig wie mein Telefon, das immer noch klingelt.
   Ich bin mit den klassischen Telefonapparaten aufgewachsen. Der Hörer war untrennbar mit dem Apparat verbunden. Das ständige Suchen nach heutigen Geräten könnte einer der Gründe sein, warum ich mir bisher, für einen Privatdetektiv sicher untypisch, kein Handy angeschafft habe. Zumindest ein schnurloses Telefon habe ich in meiner Wohnung – und wieder Erinnerungsschwierigkeiten, wo ich, oder war es Anne, den Hörer abgelegt habe. Zwar piepst es, aber ich brauche einige Zeit, bis ich entdecke, dass er im Badezimmer auf der Waschmaschine liegt.
   Ich spreche in den Hörer, woraufhin mir der Hörer sagt: »Mattenkötter! Ich hoffe, ich störe Sie nicht?«
   Selbstständig arbeitende Detektive müssen sich über Unheil freuen. Jedenfalls in gewissen Zusammenhängen. »Sagen Sie bloß, Ihre Briefkastenfetischisten haben wieder zugeschlagen?«
   »Briefkastenfetischisten, genau. Also, Herr Damjanov, ich fass es nicht. Da ist jemand ganz ausgekocht. Betrunkene sind das keine. Ich hab mir eben das Videoband angesehen von heute Nacht. Um exakt vier Uhr achtunddreißig wird das Bild dunkel. Wie ich das gesehen habe, bin ich gleich in den Hauseingang. Wieder alle Briefkastentürchen aufgebogen. Und jetzt kommt’s: Ein schwarzes Tuch, Herr Damjanov! Vor dem Videoobjektiv mit stark haftendem Paketklebeband sauber über der Linse befestigt.«
   Das sieht nicht nach Spaßvögeln aus, sondern nach etwas mit Hintergrund, vorbereitet, zielgerichtet. Das Ziel war mit Sicherheit nicht nur, die Briefkästen zu demolieren. Vielleicht ein Racheakt. Alte Momentaufnahmen durchwuseln mein Gehirn. Ja, da sind sie wieder. Die drei Emm. Ein Mieter, den Mattenkötter bis rauf auf’s Matterhorn genervt hat. »Also, auch wenn ich noch keinen Auftrag habe  …«, taste ich mich an meine Beute heran.
   »Keinen Auftrag? Oh, Herr Damjanov, den haben Sie jetzt mit Sicherheit.«
   Jaaa …woll!
   »Die Formalitäten mit der RWB regle ich gleich morgen«, ergänzt Mattenkötter, der Hausverwalter von zweihundert und ich weiß nicht wie viel Wohnungen. »Die Polizei habe ich natürlich benachrichtigt. Wie gehabt. Wissen Sie, was die mir am Telefon geantwortet haben?«
   Fühlt er sich verletzt, von den amtlichen Hütern der Sicherheit ignoriert, hintergangen, vermutet er Steuergeldverschwendung? Biertischgedöns, das nach meinen früheren Erfahrungen zwar zu Mattenkötter passen könnte, aber in Anbetracht der Lage wie üblich rumlabern? Mal sehen, das heißt zuhören.
   »Die meinten doch glatt, vielleicht schafft das unsere Mittagsschicht«, erzählt er weiter, da ich nicht weiß, was ihm die Polizisten am Telefon gesagt haben und folglich nicht antworten kann. Ich hasse das. »Ja, glaub ich’s denn?«
   Die Polizei, mein Freund und Auftragsbeschaffer. »Ich bin in, sagen wir, einer halben Stunde bei Ihnen.«
   Nicht zum ersten Mal amüsiere ich mich darüber, dass Verbrechen beschwingt. Gäbe es keine Verbrechen oder das, was manche meiner Klienten dafür halten, hätte ich keine Arbeit. Nie wieder arbeitslos, nicht wieder.
   Sollte ich feststellen, dass ich von meiner Detektei nicht leben kann, werde ich die Fronten wechseln, denn der Erlös aus meinen Gedichtbändchen bringt mir allenfalls ein nettes Abendessen ein – eines pro Auflage, bei der Imbissbude nebenan.
   Gegen zehn bin ich im Beckerkamp. Dort arbeitet Mattenkötter nicht nur, aber ich muss nicht bei seiner Privatwohnung klingeln, da er dabei ist, im Flur die zerstörten Briefkästen abzumontieren. In dieser Kleidung? Mattenkötter hat nämlich seine Amtstracht angelegt: Graue Stoffhose mit scharfen Bügelfalten, ein fein kariertes helles Oberhemd, dazu eine dunkle Fliege mit Punkten, deren Farbe denen der Linien seines Hemdes entspricht, und, etwas altmodisch, einen zweireihigen Blazer, ebenfalls grau. So lief er in leichten Variationen auch früher zu den Bürostunden herum.
   Ich ärgere mich, dass Mattenkötters Tun das ursprüngliche Aussehen der Schadenslage verändert hat. Trotzdem fotografiere ich, während Mattenkötter erklärt, wenn er selbst die Briefkästen abbaue, spare das Geld bei der Neumontage, und da er zurzeit keinen Hausmeister habe  …
   Die Videokamera, die über der Eingangstür von der Decke in den Flur glotzt, ist ein Witz, und zwar ein ganz schlechter. Zum einen kann sie jeder sehen. Es ist in dem schmalen, geraden, kurzen Hausflur unmöglich, eine Kamera zu verstecken, die den Raum unmittelbar vor den Briefkästen erfassen soll. Zum zweiten benötigt ein Täter oder eine Täterin, falls die Person nicht eine Körpergröße unter einen Meter vierzig hat oder armlos ist, nicht einmal einen Stuhl, um an die Kamera heranzureichen. Eine Alternative wären Minikameras im Innern aller zweiundsiebzig Briefkästen. Ich teile das Mattenkötter mit.
   »In allen Briefkästen? Ihren Humor möcht ich haben. Nein, ich nehme das Thema ernst. Ich werde so etwas der RWB nicht vorschlagen, denn Sie können sich ausmalen, dass man aus einem Briefkasten heraus höchstens Hände und Brust des Täters sieht.«
   Nicht gut überlegt von mir. »Was auf Dauer langweilig wird. Wenn das mit der Auftragserteilung klar ist, brauche ich von Ihnen eine haargenaue Aufstellung, wann Sie was beobachtet beziehungsweise festgestellt haben, was die Polizei damit macht oder eben nicht, was die Videokamera zeigt, und  …« Ich stocke. Sisyphusarbeit. Es führt kein Weg daran vorbei. » … Informationen über alle Mietparteien.«
   Nach dieser Ansage zeigt mir Mattenkötter, dass er ein vollständiges und gesundes Gebiss hat. Ein einziger Backenzahn, von mir gesehen links, ist überkront. Belegte Zunge. Magenprobleme? Ob er noch die Mandeln hat, kann ich nicht mehr ausmachen, weil sich Mattenkötter schnell erholt. »Informationen über alle Mietparteien, so. Herr Damjanov, das sind allein in der Nummer vierzehn einundsechzig an der Zahl. Wer in den anderen drei Blöcken wohnt, kann von innen zum Hauseingang der Vierzehn. Sie erinnern sich sicher, dass wir einen durchgehenden Flur für alle Blocks haben. Mir ist übrigens gleich beim ersten Mal aufgefallen, dass auch diejenigen Briefkästen aufgebrochen wurden, die zu nicht bewohnten Wohnungen gehören. Die erkennt man ja an den fehlenden Namensschildchen. Von daher kann es nur ein Verrückter sein, der es nicht darauf angelegt hat, etwas aus den Briefkästen zu stehlen.«
   Klingt einleuchtend. Ist aber mit Sicherheit nicht so simpel, wie es sich anhört. Racheakt, nicht wahr? Ich muss mit Mattenkötter erst wärmer werden, bevor ich das zum Thema mache. Nachdem ich einen unterzeichneten Auftrag in Händen halte.
   Bestimmte Fragen dulden keinen Aufschub, nicht zuletzt, damit ich in aller Bescheidenheit meine allumfassende Sachkompetenz, mein unübertroffenes kriminalistisches Gespür, kurz meine unerreichbare Professionalität  … »Herr Mattenkötter, noch mal kurz zurück. Was ist mit dem schwarzen Tuch?«
   Der Hausverwalter zwinkert. Mehrmals. »Wie, was ist mit dem schwarzen Tuch? Welches schwarze Tuch denn?«
   Wenn er jetzt schon wieder meinen letzten Satz wiederholt  … Ich ordne an, dass meine Gesichtszüge polizeiliche Unerbittlichkeit annehmen. »Beweismittel. Das Tuch, das vor der Videokamera hing. Sie sagten, es sei schwarz. Wo ist es?«
   »Im Müll natürlich. Das ist ein Beweismittel? O Gott!«
   Ich wollte ihn anwärmen, nicht einschüchtern. Mir gefällt nicht, dass er das Tuch weggeworfen hat. »Na ja, wahrscheinlich hat der Täter ohnehin Handschuhe getragen. Mit bloßen Händen würde ich jedenfalls nicht so viele Briefkästen aufreißen. Also weiter im Text. Zumindest das mit den einundsechzig Mietparteien in der Vierzehn dürfte unvermeidlich werden. Ich bin davon nicht begeistert. Sonntagmorgen um kurz nach vier kommt man hier nicht rein, indem man irgendwo klingelt und Post ruft, oder?«
   Ein Racheakt könnte auch von ehemaligen Mietern verübt worden sein, insbesondere solchen, die ihren Auszug weder selbst noch freiwillig organisierten und die meinten, die Zwangsräumung ihrer Wohnung sei Mattenkötters Verdienst. Habe direkt neben meinem Apartment erlebt, wie Polizisten einen Umzug dieser Art begleiten mussten. Kein Wunder, dass sie Mattenkötter gegenüber etwas, sagen wir, zurückhaltend sind. Davon abgesehen, wie lässt sich feststellen, ob jemand seinen Schlüssel kopiert und weitergegeben hat? Die Wohnanlage befindet sich nämlich auf einem etwas älteren Stand. Von daher Schlüssel und keine Tastaturen für Zahlencodes.
   Mattenkötter verzieht sein Gesicht. »Das mit der Post eher nich. Und was die Mieter angeht, meine Sekretärin macht in letzter Zeit sowieso einen gelangweilten Eindruck.«
   Wenn er den Hausmeister genauso überfordert hat  …
   »Wenn sie die Täterin ist, wird sie spätestens nach dieser Arbeitsaufgabe ihre Attentate aufgeben. Ist bisher aus den aufgebrochenen Briefkästen etwas entwendet worden?«
   »Etwas entwendet? Nein, vermutlich nicht. Ich habe schon nach dem ersten Mal einen Aushang gemacht. Beschwerden wegen der zerstörten Briefkästen gab es natürlich von fast allen Mietern. Das mit dem Reparieren geht nicht sofort, hat bisher immer ein oder zwei Tage gedauert. Niemand hat Diebstähle gemeldet, jedenfalls nicht bei mir. Man weiß ja vorher in der Regel nicht, was man von der Post bekommt. Ich habe nachgefragt, und die meisten haben die Post, die sie erwartet haben, auch erhalten. Rechnungen und so. Mann, ist das undurchsichtig. Und natürlich verflucht teuer. Ich kann nicht nach jedem Wochenende die Handwerker kommen lassen. Wissen Sie, was das kostet? Früher oder später kriege ich deswegen mit der RWB Ärger. Und einige der Apartments sind privat gekauft. Wie diese Eigentümer reagieren, weiß ich überhaupt nicht.«
   Bin mit den Handwerkertarifen nicht auf dem Laufenden, werde mich aber hüten, nachzufragen. Am Ende sind die niedriger als meine. Wenn das der Fall ist, müssen Mattenkötter und seine RWB das nicht vor der Auftragsvergabe an mich wissen.
   Und davor sage oder mache ich jetzt nichts mehr.
   Wir vereinbaren, dass ich am nächsten Morgen zur Unterzeichnung des Auftrages wiederkomme. Dabei frage ich Mattenkötter nach der Kürzelauflösung und erfahre, dass RWB für Regionaler Wohnungsbau steht.
   Ich höre Kirchenglocken läuten, als ich mich auf den Nachhauseweg mache. Nein, nur weil Sonntag ist. Eine Eignergesellschaft als Vertragspartner wäre nicht nur etwas Neues; es sollte mit einem solchen zahlungskräftigen Kunden keine Diskussionen über meine Honorarvorstellungen geben.
   Zurück in meiner Wohnung protokolliere ich das Kundengespräch, penibel wie immer. Ob es am Sonntag und der frühen Morgenstunde lag, weiß ich nicht, aber ich hatte vergessen, mein Aufnahmegerät mitzunehmen, das ich sonst bei Zusammenkünften dieser Art bei mir habe.
   Sehe mich um, laufe durch meine Wohnung. Die Fenster müssten geputzt werden. Wie kommt ständig dieser gottverdammte Dreck auf die Scheiben? Wenn ich danach noch nicht genügend abgeschaltet habe, könnte ich meinen Keller etwas aufräumen. Lasse mir Zeit, gehe meine Hausarbeit gemächlich an. Zwischendurch Zigaretten, die eine oder andere Tasse Kaffee. Mir gehen Abschnitte meines Lebens durch den Sinn; manchmal verweile ich traurig, manchmal springe ich.
   Es ist fast schon fünf, als ich aus dem Keller zurückkomme. Dusche und bereite Abendessen für Anne und mich vor. Sie hat sich für neunzehn Uhr angekündigt.
   Dann ruft sie an. Größerer Verkehrsunfall. Unwahrscheinlich, dass sie mich heute noch besuchen werde, weil das noch in die Montagsausgabe müsse. Sie entschuldigt sich nicht mit einem Wort. Finde ich in Ordnung, weil das, was sie verhindert, ihr Job ist. Trotzdem bin ich nicht begeistert, als ich allein zu Abend esse.
   Nach dem Abwasch – jemand, der kein Handy und übrigens auch kein Auto hat, hat natürlich keine Geschirrspülmaschine – schalte ich den Fernseher ein. So etwas besitze ich immerhin. Was da auf circa fünfzig Kanälen angeboten wird, ist Wüste ohne Sand. Ich gehe zu Bett.
   Die Sache mit dem schwarzen Tuch gefällt mir immer noch nicht. Wenn da Fingerabdrücke drauf waren? Oder wenn Mattenkötter das Tuch erfunden hat? Andererseits, so helle scheint der Sarkophag auf zwei Beinen mit der Funktion eines Hausverwalters nicht zu sein, sonst hätte ihm beim Stichwort Beweismittel auffallen müssen, dass ich nicht nach dem Verbleib der zerstörten Briefkästen gefragt habe. Was mich gleichzeitig nicht so helle erscheinen lässt.
   Was ich noch darüber denke, weiß ich nicht, weil ich einschlafe.

Tag 3

Bevor ich in mein Büro fahre, suche ich wie abgesprochen Mattenkötter auf. Die Hausverwaltung ist in einer der Erdgeschosswohnungen im Beckerkamp vierzehn untergebracht. Zwei ächzende Schreibtische, zwei summende Rechner, verschlossene Büroschränke und offene Regale, die mit altmodischen Aktenordnern überfüllt sind, Topfpflanzen, die vor dem Fenster vor sich hin trocknen. Das Ganze in einem Wort: anheimelnd.
   Mattenkötter ist allein. Erinnere mich, dass früher seine Sekretärin immer erst gegen zehn Uhr eintraf, dafür aber bis mindestens um sechs arbeiten musste.
   Trotz der frühen Morgenstunde, es ist kurz nach acht, hat sich der Hausverwalter bereits mit der RWB verständigt. Er grinst mich beim Guten-Morgen-Händeschütteln nicht an. »Sie haben einen Auftrag.«
   So soll ab jetzt jeder Tag beginnen.
   Ein Drucker säuselt und zischt. Ah ja, RWB-eigene Formulare. Verdammt, da muss ich den ganzen Scheiß ja prüfen. Dass die RWB von sich aus Honorar, Tagesspesen und so weiter festsetzt, kommt nicht infrage. Fremdgesteuerte Vorgaben, von wegen.
   Als Mattenkötter mir die Papiere reichen will, winke ich ab. »Das läuft bei uns Privatermittlern etwas anders. Würden Sie das hier bitte einscannen und der RWB zumailen?« Dazu ziehe ich meinen eigenen Vertragsentwurf, bereits unterschrieben, aus meiner Cordjacke.
   »Mein Brötchengeber wollte ohnehin, dass ich eine Detektei einschalte«, sagt Mattenkötter, während er meine Papiere in den Scanner schiebt.
   Was soll die Bemerkung?
   Wann wollte die RWB das?
   Ankündigung, man könne sich einen anderen suchen? Vielleicht hätte ich doch  …
   In der Tat läuft es etwas anders. Ich komme gerade noch dazu, den Rest meiner Zigarette, die ich ohne zu fragen geraucht habe, in der verharschten Blumenerde einer der Pflanzen auf dem abgeranzten Fensterbrett auszudrücken, da meldet sich nicht etwa das Telefon – »Für Ihr Honorar könnten wir ja glatt drei Ermittler beauftragen.« – sondern Mattenkötters Rechner mit der Ansage: »You’ve got mail!«
   »Muss ich Sie jetzt beglückwünschen?«, fragt Mattenkötter, der die E-Mail sofort gelesen hat.
   Sein Gesichtsausdruck erinnert mich umgehend an meinen Mathelehrer, als der mir, Highlight meiner Gymnasiastenlaufbahn, zähneknirschend meine Bestnote (eine Vier plus, wer’s unbedingt wissen will) geben musste.
   Passt dem Herrn Hausverwalter meine professionelle Unterstützung nicht? Ich finde keine Erklärung für seine Reaktion.
   Auf den Ausdrucken glänzt, formschön geschwungen und gut lesbar, über dem Strich, unter dem Für den Auftraggeber steht, der Schriftzug Dr. Reinhilde Kalkhoven, Geschäftsführerin. Dazu der Abdruck eines Stempels mit den Initialen RWB.
   Kurzer Blick: keinerlei handschriftliche Änderungen in dem Vertragswerk. Das gibt Geld. Also jetzt Nägel mit Köpfen.
   »Herr Mattenkötter, wann können wir die Mieterliste durchgehen? Fügen Sie in die Aufstellung ein, wer wann einen Hausschlüssel als verloren gemeldet hat und wer in letzter Zeit ausgezogen ist, zum Beispiel unter nicht ganz normalen Umständen.«
   Mattenkötter notiert das und gibt dazu Geräusche einer sterbenden Waschmaschine von sich. Dann überlegt er mithilfe seines Terminkalender-Minicomputers. »Vor Dienstagnachmittag kann ich unmöglich«, teilt Mattenkötter dem Gerät mit. »Alles voll wegen der Hausmeisterbewerbungen. Morgen also um, tja  … sechzehn Uhr?«
   Ich nicke. »Noch etwas: Lassen Sie vorläufig die Videokamera da, wo sie ist. Und lassen Sie sie so laufen, wie Sie es bisher geplant haben. Bis morgen dann.«
   Wir verabschieden uns.
   Was ich Mattenkötter nicht gesagt habe: Ich habe bereits den Plan, die Nächte des kommenden Wochenendes in der Nähe des Hauseingangs Nummer vierzehn zu verbringen. Zwar nehme ich nicht an, dass Mattenkötter selbst etwas mit diesen Briefkastenzerstörungen zu tun hat, aber der Herr Verwalter ist mit Sicherheit nicht nur mir gegenüber geschwätzig.
   Vom Beckerkamp zum S-Bahnhof benötige ich weniger als zehn Minuten. Die eiligen Schritte hätte ich mir an diesem Morgen jedoch ersparen können. Es fährt keine S-Bahn. Wie eine Lautsprecherstimme alle paar Minuten wie abgebrochene Eiszapfen fallen lässt, blockiere »eine betriebsfremde Person« die Gleise. Schienenersatzbusse – immer wird diese Formulierung für Fälle dieser Art verwendet, obwohl die Busse nie Schienen ersetzen – würden zur Überbrückung eingesetzt.
   Natürlich weiß jeder, der regelmäßig S- und U-Bahn benutzt, was es mit betriebsfremden Personen auf sich hat. Wenn es anders besser passt, ist er plötzlich der mündige Bürger, der sich in gewissen Tageszeitungen seitenlang in Wort und Bild über alle Details einer Selbsttötung informieren soll. Gut, wenn sich Verlogenheit nicht entlarven ließe, hätte ich nicht den Job, den ich jetzt habe.
   Besteige einen der regulären Busse zur U-Bahn-Station Mümmelmannsberg und fahre von dort zum Hauptbahnhof.
   Als ich viel später als vorgesehen in meinem Büro im Nagelsweg angekommen bin, rufe ich als Erstes Anne an.
   »Bergedorfer Zeitung, Anne Meinhardt.«
   »Sie haben aber einen langen Vornamen.«
   »Ach, du bist’s. Ich hab jetzt keine Zeit für Privates.«
   »Okay, es ist auch nicht privat. Ich habe nämlich einen dienstlichen Wunsch.«
   Anne lacht ihr dunkles, ewig raues Lachen, bei dem mir immer so blümerant wird. »Tarnung ist alles, was, Tobias?«
   »Sicher, sicher. Es geht um eine Briefkasten-Zerstöraktion am Beckerkamp. Der dortige Hausverwalter hat mir davon erzählt. Seit einigen Wochen findet es jemand offenbar originell, Briefkästen en masse zu demolieren, ohne etwas daraus zu stehlen. Momentaner Stand ist, dass ich das aufklären soll. Und deswegen möchte ich dich fragen, ob du bei euch in der Redaktion oder in eurem Archiv herumfragen kannst, ob es so etwas in Bergedorf in jüngerer Zeit schon mal gab. Ich meine natürlich die Briefkästen und nicht uns beide. Damit der Unterschied zwischen privat und dienstlich klar bleibt.«
   »Mach ich, Lieber. Ich küsse dich. Bis heute Abend.«
   Ich kann Anne nicht mehr fragen, ob sie zwischen ihren beiden letzten Sätzen einen Punkt gesetzt hat oder nicht, da sie schon aus der Leitung verschwunden ist. Ein fehlender Punkt zwischen ihren letzten Sätzen würde sie viel zu lange von der Arbeit abhalten. Mir gefällt, dass sie nicht fragte, warum ich ihr nicht schon gestern von den Briefkästen erzählt habe.
   Die nächste Zeit verbringe ich damit, den Abschlussbericht eines völlig verfahrenen Auftrags zu formulieren, bei dem es um eine Unterschlagung ging, die keine war. Habe ich so ermittelt, hätte aber das Gegenteil nachweisen sollen. Derjenige, den mein Klient voreilig verklagt hat, obwohl ich ihn davor gewarnt habe, hat den Prozess gewonnen. Kunde hatte also nicht nur meine Dienste, sondern auch Gerichtskosten zu bezahlen. Außerdem erwartet ihn ein zweites Gerichtsverfahren wegen Verleumdung, übler Nachrede oder so. Ich wundere mich zwar nicht, dass der Klient mir die Schuld an allem gibt, aber ich gehöre nicht zu jenen Ermittlern, die nur gewünschte Ergebnisse abliefern. Es werden also mindestens unangenehme Gespräche auf mich zukommen. Das erschreckt mich nicht. Wirklich ärgerlich ist, dass es dauern dürfte, bis mein Honorar auf meinem Konto landet. Bin auf jeden Cent angewiesen.
   Sehr lange denke ich darüber nicht nach. Nutzt ja nix, wie die Hamburger sagen. Zum einen habe ich eine Unterschrift unter einem Auftrag, und zum anderen wollen Anne und ich am Abend eine Verjüngungskur einlegen. Besuch eines Reggaekonzertes in einer der nicht so riesigen Musikhallen auf St. Pauli, bei dem wir, wie wir voraussehen, bestimmt die ältesten Teilnehmer sein dürften, ich mit meinen paarundsechzig sowieso. China Reggae. Bob Marley, Boy George – der ist schon vor Jahrzehnten als Geisha aufgetreten – und traditionelle chinesische Opernmusik. Eine Mischung dieser Art. Musste Anne heftigst überreden. Von der Vorgruppe weiß sie nichts. Ich umso mehr.
   Wende mich wieder meinen Routinearbeiten zu. Rechnungsvordrucke ausfüllen, Rechnungsvordrucke nicht ausfüllen, Bettelbriefe um weiteren Aufschub abfaseln. Lege eine neue Fallakte an, wobei ich einen Augenblick zögere. Lächerlich, aber wie soll ich sie benennen? Ich bevorzuge kurze Bezeichnungen, weil ich mit Computern in einer Zeit vertraut wurde, als Dateinamen noch nicht länger als acht Zeichen sein durften. Entscheide mich für »MMM«. Wie in dem Gedanken »Ein Mieter, den Mattenkötter bis rauf auf’s Matterhorn genervt hat.«
   Was, wenn es ganz anders ist, umgekehrt zum Beispiel? Mattenkötter, der einen Mieter bis aufs Matterhorn nerven will, wissend, dass der, warum auch immer, auf seine regelmäßige Post angewiesen ist. Die lässt Mattenkötter auf diese Weise verschwinden, zerstört aber zur Tarnung alle anderen Briefkästen in dem entsprechenden Hausaufgang. Gleich drei Mal?
   Absurd. Aufkeimende Hilflosigkeit. Auf die reagiere ich bevorzugt mit Albernheiten. Meine drei kritischen A’s. Hier ergänzt um Nummer vier: außerdem. Außerdem wurden die Briefkästen, bisher jedenfalls, nur an Wochenenden massakriert – und wenn ich mich recht entsinne, verfügt der Herr Verwalter über viel wirkungsvollere Einfälle, um Mieter rauszuekeln. Das Tuch weggeworfen? Er hat einfach nicht nachgedacht.
   Die Post von heute bringt aktuelle Ausgaben von Fachmagazinen, die ich abonniert habe. Es ist nicht mehr so, dass man irgendwo etwas wie eine Zeitung bestellt, die dann geliefert wird wie früher. Man muss auch den dazugehörigen Postdienst abonniert haben. Netter profitabler Einfall, als das staatliche Monopol der Post im Rahmen irgendwelcher EU-Profitstrukturen abgeschafft wurde. Ich zahle mich dumm und dämlich, das heißt, im Schnitt zwanzig Euro für eine Fachpublikation monatlich, um mich auf dem Laufenden zu halten. Die Kosten für die verschiedenen postalischen Zulieferer, sehr raffiniert, kann ich nicht von der Steuer absetzen. Sicher, sicher. Der Staat, dessen Bürger ich laut Pass bin, muss ja irgendwie zu Einnahmen kommen. Warum soll ich dafür bezahlen, dass ich dafür arbeite, dass dieser Staat nichts für mich tut, außer von mir Geld abzugreifen, das ich und nicht er erarbeite? Weil ohne Zusatztarif inzwischen sonntags Post ausgeliefert wird.
   Stoppe diese Gedankengänge. Ich bin, das ist die Hauptsache. Ich rauche und trinke Kaffee und überlege, wie ich neue Kunden gewinnen kann. In den letzten zwei Geschäftsmonaten habe ich ein dickes Minus eingefahren. Noch zwei Monate dieser Art und ich  … Nein, darüber nachzudenken, statt zu handeln, wird das befürchtete Ergebnis herbeiführen. Stattdessen stürze ich mich auf die ausgelieferten Magazine und Kataloge wie ein Kind, das mit Sabber im Mundwinkel und zu hohem Blutdruck die neuesten Lego-Produkte beäugt, im Entwurf bereits greinend, um den schwächeren Elternteil um sein Fingerchen zu winkeln. Nicht wickeln. Es geht um Winkelzüge.
   Wegen der Briefkästen im Beckerkamp achte ich heute besonders auf die Sparte der Kameraüberwachungen. Suche und blättere. Ich stoße auf Kameras, die, im Boden versenkt und mit einem Spezialglas versehen, wie ein Chamäleon die Farbe der sie umgebenden Bodenbeschaffenheit annehmen können. Wenn sich die in die Wand gegenüber den Briefkästen einsetzen ließen? Dann Kameras, die um die Ecke schielen. Was nützen im Beckerkamp überhaupt Kameraaufnahmen, wenn niemand die gefilmte Person kennt? Muss die Briefkastenmarder in flagranti erwischen. Freunde mich mit dem Gedanken direkter Observierung immer mehr an, finde die Idee aber bei längerem Nachdenken mühevoll und langweilig. Außerdem bin ich hungrig. Ich sehne mich nach dem heutigen Abend. Von wegen, saubere Trennung zwischen Arbeit und Privatleben.
   Wenige Meter von meinem Bürogebäude entfernt hat vor zwei Wochen ein asiatischer Stehimbiss eröffnet. Den suche ich auf.
   Die Inhaber oder Pächter sehen jung aus, was die Ungewöhnlichkeit erklären mag, dass in dem kleinen Raum, in dem ich etwas mit Reis, Sojasprossen und Hühnerfleisch verzehre, könnte auch Ratte süßsauer sein, Werbeplakate für jenes Konzert aushängen, dass ich heute Abend mit Anne besuchen will. Kann meinen Blick von dem Aufdruck des Special Guests nicht abwenden. Eine gewisse Band wird also nicht bloß als Vorgruppe angekündigt. Träumerei, was gewesen wäre, wäre ich als Musiker so weit gekommen wie er.
   Mit Träumen ist ganz schnell Ende, als ich in mein Büro zurückkehre. Obwohl es noch Zeit hätte, habe ich mir schon vor Wochen vorgenommen, meine Steuererklärung für das vergangene Jahr abzufassen. Will das selbst tun, um keinen Steuerberater zu bezahlen.
   Danach fahre ich nach Hause. Das Konzert beginnt um einundzwanzig Uhr und nach diesem Tribut an einen Staat, den ich mir nicht aussuchen durfte, fühle ich mich nicht nur körperlich schmutzig.

Anne holt mich gegen halb neun ab. Mir gefallen ihre dunkelbraunen Augen, nicht wie die eines Rehs, sondern die einer Gepardin, falls die dunkelbraune Augen haben. Sie schminkt sich nicht und hat aschblondes Haar auf dem Kopf, bei dem mir immer Wahnsinnsmähne einfällt. Sie trägt keinerlei Schmuck, ist etwas über vierzig Jahre alt, und was ich sonst noch an ihr schätze, geht niemanden etwas an. Ach ja, exzellente Journalistin, soweit mir eine solche Beurteilung zusteht. Typisch Anne: Trotz ihres sicherlich anstrengenden Arbeitstages ist sie in einer Stimmung, die es mir schwer macht, mit ihr zum Konzert zu fahren. Ich habe jedoch einen ganz bestimmten Grund, auf ihre Avancen nicht einzugehen, und verkünde, es würde auf sie eine Überraschung warten. Anne lässt sich nicht ausbremsen: Was denn überraschender sein könne als das zwischen uns.
   »Es geht ja nicht um eine Frau«, sage ich ihr. Ich bin nicht bereit, vorab mehr zu verraten.
   Anne steht dicht vor mir. So dicht, dass ich Vanille und Kokosnuss rieche. »Um einen Mann?«, knabbert sie in mein Ohr.
   »Ja, und zwar einer, der mir besonders nahe steht.« Ich bin mir nicht sicher, wie ernst sie es meint, als sie mich an den Schultern packt und so weit weghält, dass wir uns in die Augen sehen können. Meine Knie werden weich, aber nur die.
   »Bist du bi?«
   Fast verplappere ich mich. »Doch nicht während eines Konzertes.«
   Sie macht mit einer Hand eine Bewegung, die mich auf die Lippen, meine wohlgemerkt, beißen lässt. Beides übrigens zärtlich, wen’s interessiert.
   »Du wirst den Konzertbesuch nicht bereuen«, flehe ich.
   »Aber du vielleicht«, gibt sie zurück. Allerdings nicht verärgert oder frustriert.
   Ich habe sogar das Gefühl, dass es ihr gefällt, wenn ich mich widersetze.

Das senatsgesponserte Etablissement, in das wir uns begeben, trägt den Namen down, was insofern seine Berechtigung hat, als es sich bei der Örtlichkeit um einen jener Untergrundbunker handelt, die vor einigen Jahren in zehn bis zwölf Metern Tiefe für jugendliche Freizeitgestaltung (nicht meine Bezeichnung, sondern die des Senats) angelegt wurden. Warum mit der Tradition des Vergrabens von jugendlicher Freizeitgestaltung brechen. Als Nächstes sind wahrscheinlich Senioren- und Behindertenheime dran – zur Freude der Baukonjunktur zwanzig Meter unter dem Ohlsdorfer Friedhof. Zur Senkung der Transportkosten. Hightechrollstühle mit Plexiglaskuppeln sind ’ne andere Produktschiene.
   Anne und ich befinden uns um kurz nach halb zehn inmitten von rund dreitausend mehr oder weniger unter achtzehn Jahre alten Menschen, worauf sich Anne zu der Anmaßung versteigt, dass ich auf Minderjährige stünde.
   Zu meinem Vorteil fängt die Band meines Sohnes schon um zehn an, zu spielen. Ich halte den Atem an. Sie spielen, soweit ich das als Amateur beurteilen und den Vater außen vor lassen kann, fantastisch.
    »Das gefällt mir«, brüllt Anne mir beim zweiten Song ins Ohr. »Der Typ an der Sologitarre, der so irre singen kann. Der sieht toll aus! Irgendwie sieht er dir ähnlich, find ich.« Dann lacht sie, wenig überraschend, nicht hörbar.
   Oh, danke. Bei passender Gelegenheit werde ich Vasko das übermitteln. Jetzt Anne. Soll ich? Klar, wann sonst.
   »Sehe ich auch so«, brülle ich zurück. »Das ist der Mann, der mir nahe steht. Vasko, mein Sohn.«
   Anne reagiert nicht. Als der Song zu Ende geht, drückt sie meine Hand.
   Drücke wortlos zurück. Nächstes Lied. Ich sehe und höre nur meinen Sohn. Seine Stimme ist die Löwin, die ihre Jungen verteidigt, das Eichhörnchen, das der geliebten Artgenossin die Nacht ihres Lebens ankündigt. Er ist irgendwo in dieser Welt, nicht in diesem Bunker. Seine Finger küssen die Saiten, quälen sie. Stille, Hören. Im Endakkord des letzten Songs, für alle Ewigkeit hinausgezogen von einem einzelnen, liegen gelassenen Ton seiner Gitarre, habe ich sekundenlang das Gefühl, er sieht mich.
   Es folgt eine fast einstündige Pause, in der mich Anne mit Fragen zu meinem Sohn überschüttet. Wie er zur Musik gekommen ist, wie er mich annehmen konnte, nachdem ich mich von seiner Mutter getrennt hatte, er bei ihr lebte, sie mich aber nur verteufelte.

Tag 4

Anne ist eine Frau, die mir gefällt. Wir hatten bereits jede Menge Spaß miteinander. Dass sie meinen Sohn zum Anlass nimmt, um mit mir in ein existenzielles Gespräch über mein Leben einzutreten, zehn Meter unter der Erde und das kurz nach Mitternacht, ist definitiv etwas Neues in unserer Beziehung.
   Was wird daraus?
   Die Hauptgruppe gefällt mir zwar, weil für mich fast nichts über Reggae geht, aber meinen Sohn auf der Bühne erlebt zu haben, überlagert alles. Ob es Anne vielleicht ähnlich geht, frage ich sie nicht. Auf jeden Fall kann sie mit der asiatischen Truppe nichts anfangen. »Wenn ich so etwas hören will, ist es einfacher, einer Katze auf den Schwanz zu treten«, ist eine ihrer harmloseren Anmerkungen. Aber sie macht aus ihrem Missfallen keine Affäre. Ganz dem Abend entsprechend gehen wir danach Chinesisch essen. Sperrstunde war graue Vorzeit.

Ich finde mühsam aus dem Bett. Anne und ich haben uns noch lange unterhalten. Unser Frühstück ist dementsprechend so kurz wie fröhlich. Wie sagte eine meiner Großmütter immer? Vögel, die morgens singen, holt abends die Katze. Vielleicht war es ihr nie vergönnt, solche Nächte zu erleben.
   Anne fährt mich die wenigen Meter zum S-Bahnhof. Ich komme in meinem Büro gerade noch vor jenem enttäuschten Kunden an, mit dem ich fast den ganzen Morgen ein unerquickliches und teilweise lautstarkes Gespräch führe. Selbst wenn ich ihn pfänden lassen würde, bei ihm sei nichts zu holen. Belegt er mit einer Reihe von Unterlagen. Als ich auf den Papieren all die großen Zahlen mit jeweils einem Minus davor sehe, habe ich ihn in Verdacht, dass er seine Misswirtschaft auf einen Mitarbeiter abwälzen wollte in der Hoffnung, vielleicht so wieder zu etwas Geld zu kommen. Ich sage nichts. Nutzt ja nix, einmal mehr.
   Frustriert dehne ich meine Mittagspause aus. Die meiste Zeit schlendere ich durch die Straßen St. Georgs und versuche, vom Vormittag Abstand zu gewinnen. Mit einem Mitarbeiter hätte ich jetzt darüber sprechen können. Und? Wäre ein schlecht kaschiertes Ausweinen.
   Wenn ich davon ausgehe, dass es sich in dem Briefkastenfall bei der Täterschaft weder um Betrunkene oder anderweitig unter Drogen Stehende noch um nüchtern psychisch Irre handelt, ist die Frage des Motivs schwer einzugrenzen, zumal bisher kein Diebstahl gemeldet wurde. Na gut, von Mattenkötter mir nicht mitgeteilt wurde. Letzteres ist fast genauso schwer, wie die Motivfrage zu erfassen. Wenn zum Beispiel der Täter weiß, was mit der Post kommen soll, nicht aber der Empfänger, wie kann da jemand etwas als gestohlen melden? Was kann mit diesen Zerstörungsaktionen beabsichtigt sein? Überlegungen dieser Art stimmen mich nicht ausgesprochen hoffnungsvoll, als ich zu Mattenkötter fahre.
   Im Hauseingang der Nummer vierzehn bemerke ich, dass alle Briefkästen repariert sind. Ein ums Überleben kämpfendes Handwerksunternehmen, das sich selbst Aufträge organisiert? Sollte mich erkundigen, was so eine Reparatur kostet. Mein Auftrag ist ja unterschrieben.
   Der Verwalter wirkt wie ein alternder Bademeister ohne Schwimmbecken, und seine Fliege sitzt nicht korrekt. »Wir haben die Liste fertig.«
   »War’s so schlimm?«
   »War hauptsächlich die Arbeit meiner Sekretärin. Die hab ich schon nach Hause geschickt. Muss nicht jeder hören, was wir im Einzelnen zu bequatschen haben, oder? Nein, die Sache mit dem Hausmeister macht mir im Augenblick viel mehr Kopfschmerzen. Wird zu einer richtigen Sch … Entschuldigen Sie. Also, er hat Anzeige gegen mich erstattet. Wegen Mobbings! Außerdem klagt er gegen die Kündigung. Und ich hab keinen Nachfolger. Die bisherigen Kandidaten könnse inner Pfeife rauchen. Bis jetzt achtzehn Vorstellungsgespräche und kein Einziger darunter, der jemals als Hausmeister gearbeitet hat. Behaupten kann man’s ja mal, oder? Was die Leute in ihre Bewerbungen reinschreiben. Also, ich weiß wirklich nicht.«
   Ich weiß es nicht. Mich stört das Hausmeisterthema.
   »Ist Ihr Exhausmeister ein möglicher Kandidat bei unserer Suche nach dem Briefkastenkiller?«
   »Der? Das wäre dem doch viel zu viel Arbeit gewesen. Und sich nachts um vier außerhalb des Bettes bewegen? Sie denken an Rache oder so was? Könnse vergessen. Die fristlose Kündigung habe ich ausgesprochen, da waren schon zwei Mal die Briefkästen aufgebrochen worden. Das würde doch nicht passen, was?«
   Spontan gebe ich ihm recht, sage das aber nicht.
   »Na ja, auf jeden Fall sollten wir das nicht völlig ausschließen. Zu Ihrer Liste. Ich nehme an, dass Sie aus Datenschutzgründen Ihr persönliches Detailwissen zu den einzelnen Mietern nicht aufgeschrieben haben, richtig?«
   Suggestivfrage. Morgens um zwei oder so chinesisch tafeln und dann noch der Reiswein. Bin wohl nicht in Form.
   Mattenkötter sieht mich mit Augenlidern an, die aussehen, als wären verweste Eicheln von einem Blitz getroffen worden. Sie bewegen sich auch so.
   »Wissen? Was weiß ich schon über alle diese Verrückten. Der eine beschwert sich, dass nachts immer der Hund seines Nachbarn bellt. Dabei hat der Nachbar gar keinen Hund, denn die Wohnung daneben steht leer. Oder diese Frau im zweiten Stock, deren Badewannenabfluss ständig verstopft ist. Sie hat krankheitsbedingten Haarausfall. Bemitleidenswert, dabei weiß sie das mit dem Haarausfall selbst. Sie ist krebskrank. Das mit den Haaren hat was mit Chemotherapie zu tun. Was soll ich denn mit solchen Leuten machen? Tschuldigense, ich verquassle mich. Nein, ich will davon nichts schriftlich fixieren. Wir müssen das mündlich durchgehen. Berufe stehen nur mit drauf, soweit sie in den Mietverträgen angegeben sind. Und sollte das alles später mal eine Rolle spielen: Dieses Gespräch hat nie stattgefunden.« Mattenkötter grinst wie eine Teekanne mit Sprung. »Hab ich gestern in einer dieser Fernsehwiederholungen gehört«, fügt er hinzu. »Klingt mir ziemlich passend.«
   »Ungeheuer«, lüge ich. Kunde. Möchte nicht wissen, was da wiederholt wurde. Ich habe so eine Ahnung, warum Mattenkötter gern Sätze wiederholt, die er zum Beispiel von mir gerade gehört hat.
   Mir wird klar, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, was der Hausverwalter für ein Mensch ist. Er ist groß, dick, zu Dienstzeiten übertrieben gut gekleidet, hat manchmal Ausraster, wie damals, als jemand meiner Wohnung Übles wollte – das ist schon alles, was ich ihm zuordne. Ach so, häufig steht er einfach da wie ein an die Wand gelehnter Sarkophag, den Schliemanns Urenkel versehentlich ans Tageslicht gezerrt haben.
   Hätte mein Ledertäschchen, in dem sich ein kleines Aufnahmegerät befindet, schon zu Beginn des Gespräches auf den Tisch legen sollen. Tue ich jetzt. Mit einem leichten Druck des Handballens schalte ich das Gerät ein. Obwohl mir das altmodische Täschchen gar nicht gefällt, benutze ich es, weil es ein Geschenk meines ersten Kunden ist.
   Mattenkötter merkt nichts von der Einleitung meiner Mithöraktion. Er nimmt Papiere vom Tisch auf und legt sie vor mich hin. »Die Ausdrucke«, sagt er, ohne mich anzusehen. »Beckerkamp Nummer vierzehn. Die Nummerierung aller Apartments in den vier Häusern läuft von den Hausnummern zwölf bis achtzehn durch, das heißt, dass wir es bei der Nummer vierzehn mit den Apartments Nummer dreiundsiebzig bis hundertvierundvierzig zu tun haben. Auf der Liste die erste Spalte links. Belegt sind hier zweiundsechzig Wohnungen, wobei davon noch dieses Büro abgezogen werden muss. Also einundsechzig. Die Namen der Mieter finden Sie in der nächsten Spalte, anschließend Datum des Einzugs. Auffällig ist vielleicht, dass seit dem ersten Januar letzten Jahres in der Vierzehn niemand mehr aus- oder eingezogen ist. Also seit über einem Jahr keinerlei Mieterbewegung.«
   Wahrscheinlich sehe ich jetzt frustriert aus. Eher unbewusst habe ich nämlich darauf gesetzt, eine Mieterbewegung, wie Mattenkötter das nennt, in einen zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der unsachgemäßen Briefkastenöffnungen stellen zu können. Soweit Fehlanzeige. »Untervermietungen?«, quetsche ich aus dem Mundwinkel, während ich versuche, mir über den gedruckten Datenwust einen ersten Überblick zu verschaffen.
   »Untervermietungen? Hä? Das wäre nach den hier verwendeten Mietverträgen illegal. Abgesehen davon sind fast alle Wohnungen für Untervermietungen zu klein. Und die Ausländer, die in der Vierzehn wohnen, die haben vielleicht mal Verwandte zu Besuch, für eine oder zwei Wochen. Ich hab ja nichts gegen Ausländer  …«
   Auch das noch. Wenn jemand schon sagt, er habe nichts gegen Ausländer. Unterdrücke Seufzer oder andere Gefühlskundgebungen, von Andeutungen politischer Kommentierungen ganz zu schweigen.
   »Los geht’s, Mattenkötter. Sie sagen mir, was Ihnen  … Nein, wir machen das so. In einem ersten Durchgang nennen Sie die gröbsten Auffälligkeiten. Danach gehen wir den Rest der Liste durch und Sie sagen mir, was Ihnen zu der jeweiligen Mieterpartei noch einfällt. Ist das okay?«
   »Ja, wird wohl das Beste sein. Sie sind ja der Experte.« Mattenkötters Begeisterung hält sich in Grenzen. Dann überlegt er, was ich daraus schließe, dass er mit den Fingern sein Doppelkinn befummelt wie ein onanierendes Zweizehen-Faultier.
   Ich warte. Mir geht dabei Kunde anwärmen durch den Kopf und ich strecke einen Fühler aus. »Herr Mattenkötter, Ihnen ist das peinlich oder unangenehm, weil das für Sie aussieht, als würden Sie Mieter anschwärzen oder so, stimmt’s?« Hätte ich schon früher drauf kommen können. Aber das schwarze Tuch. Hat nicht nur die Kamera verhangen, sondern auch mein ach so geniales Einfühlungsvermögen.
   Mattenkötters Mund ähnelt dem Maul eines Haifischs, der, desorientiert durch zerstörte Briefkästen, in mehrere Paletten verfaulter Zitrusfrüchte gebissen hat. »Anschwärzen oder so stimmt. Ich komm mir vor wie ’n Naziblockwart.«
   Jetzt knirscht er auch noch. Womit, ist mir nicht klar. Ist nicht wichtig. Was hinter seiner Antwort steht, ist ein wirkliches Problem. Auch, wenn es mir spontan gut gefällt, dass Mattenkötter Naziblockwarte nicht leiden kann. Oder will er etwas verschweigen? Kann natürlich auch sein, dass der Fernsehfilm von gestern Abend etwas mit Zweitem Weltkrieg, Nazifaschismus oder Ähnlichem zu tun hatte.
   »Anderer Vorschlag«, sage ich. »Sie nennen mir die wichtigsten Vorfälle in Nummer vierzehn, ohne zunächst Namen oder Wohnungsnummern zu nennen.«
   Mattenkötter atmet ein. Bingo.
   Er sieht zum Fenster. »Ja, Namen oder Wohnungsnummern. Also. Erstens Ruhestörung bei – ähm, also das war mehrmals an Wochenenden mit Polizeieinsatz. Vor genau einem halben Jahr. Ein Ehepaar, von dem ein Teil dann ausgezogen ist. Der Mann lebt seitdem allein. Formal unproblematisch, weil er der Mieter ist. Dann eine Festnahme – nicht von demselben Mann, sondern in  … Na, das soll ich ja noch nicht sagen. Der Mieter war wegen einer bestimmten Geschichte verurteilt worden und hat  … Ach, so genau weiß ich das gar nicht. Also entweder nicht gezahlt oder war irgendwelchen Auflagen nicht nachgekommen. Der war drei Monate im Knast und kam Anfang dieses Jahres zurück. Seine Miete wurde während seines Gefängnisaufenthaltes bezahlt. Ja, dann hätten wir, schrecklich, aber wahr, ein totes Baby. Sogenannter plötzlicher Kindstod. Gibt’s ja immer noch, wie das bei dem heutigen Stand der Medizin nicht vermieden werden kann, ist mir schleierhaft, ich weiß wirklich nicht, ob das dazugehört? Hm? Ja, Ende letzten Jahres hatten wir einen Kellereinbruch. Nur war das gar keiner. Also, schon ein Einbruch, aber der Mieter hatte einfach den Schlüssel zu seinem Vorhängeschloss nicht mehr gefunden, musste dringend an Was-weiß-ich ran, was sich in seiner Kellerbox befand  …«
   Schlüssel zu seinem Vorhängeschloss nicht mehr finden können? Jetzt echoisiere ich in Gedanken schon so, wie Mattenkötter häufig antwortet. Hier gibt’s im Keller noch so was wie Vorhängeschlösser?
   »Sekunde mal. Sagen Sie mir gerade, dass jemand seinen eigenen Kellerraum aufbricht und sich anschließend dafür selbst anzeigt? Versuchter Versicherungsbetrug?«
   Mattenkötter schnalzt, warum auch immer. Natürlich wie ein aufspringendes Vorhängeschloss, wobei seine Augenbrauen und Lider die Bewegung nachvollziehen. »Versuchter Versicherungsbetrug glaub ich nich. Weil, nicht der Mieter hat Anzeige erstattet, sondern mein superschlauer Hausmeister. Der, den ich jetzt gefeuert habe. Der hatte nichts Besseres zu tun, als in den Kelleretagen rumzugeistern. Weiß der Teufel, was er da unten getrieben hat. War ziemlich ärgerlich, diese Einbruchsgeschichte, weil ja jemand für die Kosten des Polizeieinsatzes aufkommen sollte. Ist am Hausmeister hängen geblieben, weil der die Polizei gerufen hat, als hätte er einen Raubmord entdeckt.«
   Mattenkötter scheint mit seiner früheren Bemerkung gar nicht so übertrieben zu haben, dass hier nur Verrückte  …
   »Wann war das?«
   »Wann das war? Vor fast genau zwei Monaten, am zwölften Februar.«
   »Ansonsten?«
   »Bitte? Ach so. Von zwei Mietern weiß ich, dass sie arbeitslos wurden, nachdem sie hier einzogen; von drei oder vier vermute ich es, wobei ich annehme, dass sie es schon waren, als sie sich eingemietet haben, und mir was vorgelogen haben, vielleicht Unterschriften gefälscht. Sie wissen ja, dass wir Auskünfte über das Einkommen verlangen, wenn jemand hier wohnen will. Die RWB will hier nun mal keine Arbeitslosen als Mieter.«
   Und ob ich das weiß. Was, Umkehrung, seinerseits Mattenkötter nicht weiß, ist, dass auch ich arbeitslos war, als ich damals einzog. Das hat mit diesem Fall nichts zu tun.
   »War das alles an problematischen Fällen seit Anfang letzten Jahres?«, frage ich, da Mattenkötter nichts sagt.
   Er lehnt sich zurück und sieht mich an. »Ob das alles war? Herr Damjanov, was hatten Sie erwartet? Ein Gangstersilo?«
   Tja.
   Er hat von Verrückten gesprochen. Ich besitze kein Wissen darüber, ob diese Häufung von Auffälligkeiten im Vergleich zur Gesamtzahl der Mietparteien nun etwas Verrücktes ist oder Hausstandard. »Es geht nicht um meine Erwartungen als Privatermittler, sondern um Fakten, Herr Mattenkötter. Exakter gesagt um das, was Sie an Fakten wissen. Von den geschilderten Fällen brauche ich Namen und nähere Angaben. Jetzt.«
   Mattenkötter fummelt beidhändig an seiner Schleife herum. Er streicht über seinen Blazer, richtet die Knöpfe, als ob die sich in den letzten Minuten selbstständig verschoben hätten. Er blickt auf die Papiere. »Nehmen wir den verlassenen Ehemann als Ersten. Name: Szymanski. Hat als Beruf Baggerführer angegeben, aber der gehört zu denen, die ich in Verdacht habe, inzwischen arbeitslos zu sein. Dürfte mit seiner Trennung zusammenhängen.«
   Finde Szymanski auf der Liste unter Apartmentnummer hundertdrei. Vorname: Manfred. Nächste Spalte. Die Wohnung hat er seit fünf Jahren. »Zu Szymanski sonst noch etwas?«, hake ich nach. »Wissen Sie zum Beispiel, wo seine Ehefrau abgeblieben ist?«
   »Natürlich könnte die noch einen Schlüssel haben. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen  …« Mattenkötters Gesichtsausdruck fügt ein Muss-das-denn-sein? hinzu.
   Wie schon zuvor mache ich mir meine Notizen. Das ist zwar wegen des mitlaufenden Aufnahmegerätes nicht nötig, aber wenn ich sage, dass das Gespräch aufgenommen wird, werden die meisten Leute irgendwie verklemmt, wenn sie reden sollen. Von denen abgesehen, die sich einen Mitschnitt verbitten.
   Während ich schreibe, geht mir Naziblockwart durch den Kopf. Ob sich die Gestapoleute und später die bundesdeutschen Terroristenjäger so gefühlt haben, wenn sie ihre sogenannten Ermittlungen durchführten? Dann müssen sie sich verdammt mies gefühlt haben. Was ich inständig hoffe, sozusagen post-historisch. Mir geht es deswegen nicht besser. »Okay, hab ich. Wer ist der, der ins Gefängnis musste?«
   »Der ins Gefängnis musste? Ach so, Martin Müller. Soweit ich weiß, arbeitet er in einem Supermarkt als Lagerarbeiter. Hat er mir ganz frank und frei erzählt. Apartment achtundneunzig. Moment, jetzt erinnere ich mich. Ist einer dieser Riesenfachmärkte im Gewerbegebiet Haidland in Reinbek. Außer der Gefängnisgeschichte hab ich absolut nichts über den. Ist alleinstehend, so wie ich das sehe. Das ist alles. Der plötzliche Kindstod, der war bei den  … Mann, wie war denn der Name gleich wieder? Pra … Pro … Prisudski?«
   Sehe auf der Liste nach. »Prydulski? Wohnung hundertachtunddreißig?«
   »Wohnung hundertachtunddreißig, genau. Beamter. Haben drei Kinder. Der hatte vor ein paar Wochen einen Autounfall. Gott, das ist ja wohl wirklich nicht wichtig, wenn Sie mich fragen.«
   Früher wäre ein Beamtenstatus die Garantie für eine angemessene Wohnung gewesen. Aber heute? Als Beamter drei Kinder und dann um die fünfundsechzig Quadratmeter Wohnfläche, wie ich der Aufstellung entnehme. Was ist aus diesem sogenannten Sozialstaat geworden? Vor Kurzem hat ein bekannter Comedy-Mensch überhaupt nicht seinen vorstrukturierten Lacherfolg mit dem Spruch erzielt, heutzutage müssten sogar Beamte arbeiten. Die Sendung war sowieso Scheiße. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das etwas mit den Briefkästen zu tun hat. Offen gesagt, Herr Mattenkötter, mir geht das auch auf die Nerven, dieses Durchleuchten. Ich weiß, dass ich Sie in eine ausgesprochen unangenehme Lage versetze. Was sollen wir sonst machen?« Blöde, völlig überflüssige Frage, die ich nur gestellt habe, um  … was?
   Mattenkötter dreht sich zu einem der Büroschränke in seinem Rücken und zieht eine Schiebetür auf. »Vielleicht was trinken?« Er stellt eine fast volle Flasche Southern Comfort auf den Bürotisch und holt aus dem gleichen Schrank zwei Gläser.
   »Das macht die Sache als solche zwar nicht besser, aber vielleicht macht es uns beiden für den Moment weniger aus.« Hätte kaum etwas Stumpfsinnigeres sagen können. Aber der Kunde.
   »Der mit dem Selbsteinbruch der Kellerbox heißt Emil Schlichting«, fährt Mattenkötter nach dem ersten Schluck fort. »Wohnt in der Neunundneunzig und ist Montagearbeiter. Alleinstehend. Die Neunundneunzig ist eine dieser Miniwohnungen. Mehr weiß ich von dem nicht. Der ist ja kaum da.«
   Wir trinken zurückhaltend, während wir weiter Name für Name durchgehen. Obwohl technisch überflüssig, schreibe ich fast jedes Wort von Mattenkötter mit. Je weiter wir die Liste durchackern, desto klarer wird mir, dass diese Recherche zu nichts führen wird. Natürlich werde ich die Details überprüfen, zum Beispiel, ob einer der Mieter irgendwo unter einer weiteren Adresse gemeldet ist. Wobei ich mich jetzt schon frage, was das für einen Erkenntniswert haben soll. Wäre ich bei der Polizei, hätte ich zwangsläufig als Erstes nachgesehen, wer vorbestraft ist und vor allem, weswegen. An Informationen dieser Art kann ich auf, nennen wir es, Umwegen herankommen. Bisher sehe ich noch keine Anhaltspunkte.
   Es geht auf neunzehn Uhr zu, als Mattenkötter und ich die Liste abgearbeitet haben.
   »Jetzt mal andersrum. Haben Sie hier in der Vierzehn jemanden von den Mietern verärgert? Ich meine nicht eine Lappalie, sondern so richtig mit Anbrüllen statt Grüßen, Austausch gehaltvoller Briefe, wiederholt geäußerte Hinweise auf Rechts- oder andere Anwälte? Etwas in dieser Art, womöglich über Monate?«
   Come on!
   Mattenkötter führt sich eine erkleckliche Menge Whiskey zu. Mund auf, schütten, schlucken, hinlänglich bekannt, ich mach’s nicht anders. Als er sein Glas absetzt, kichert er. Kurze harte Stöße. Seine Augen sehen mit einem Mal aus wie in chlorhaltiges Wasser getunkt. Schönheitschirurgen, ich sag’s ja. »Streit habe ich immer nur mit der Schwester meiner Frau, und die wohnt zum Glück nich hier, die Schwester, meine ich. Ansonsten nur paar Unstimmigkeiten wegen nicht bezahlter Miete, Nebenkostenabrechnungen, ein, zwei Mal Sauerei auffem Flur. Alles nich von Dauer.«
   Mein Fehler. Hätte das fragen sollen, als er noch nüchtern war. Vielleicht nicht ganz so lässig werden, hm?
   Zwangsräumung als Krisenherd erübrigt sich, weil die letzte Mieterbewegung im Januar 2016 erfolgte und kein Aus-, sondern ein Einzug war. Es gibt ja noch drei andere Wohnblöcke.
   »Danke für den Whiskey«, sage ich. »Machen wir uns nichts vor. Dünn, ganz dünn. Damit meine ich nicht Ihre Arbeit, sondern die Fakten. Ich sehe schon, dass wir auch Mieter in den anderen drei Häusern  …«
   »Damjanov! Sie machen mich wahnsinnig. Das bringt doch nichts.«
   »Ja, Herr Mattenkötter, das wird eine Ochsentour. Eine weitere Möglichkeit ist, die Schlösser für alle Eingangstüren auszutauschen.«
   »Schlösser austauschen?« Der Erstklässler, der den Schulbetrieb nicht begreift und fragt: Strafarbeit? Er benötigt erneut einen längeren Whiskey schluckenden Moment. »Allen Ernstes! Rechnen Sie mal aus, was das kosten würde. Und was im Vergleich eine wiederholte Auftragsvergabe kostet, die Briefkästen reparieren zu lassen.«
   »Mit einer Austauschaktion könnten wir ausschließen, dass ehemalige Mieter oder Leute, die sich Schlüssel nachmachen ließen, weiterhin Zugang haben. Wenn dann wieder etwas passiert, kann es nur jemand aus dem Haus sein  …«
   » … oder jemand, der blitzschnell wieder Nachschlüssel besorgt hat. Nee, Herr Damjanov, das hilft uns nicht weiter. Was ich mir überlegt hatte, sich nachts auf die Lauer legen an den Wochenenden. Ist das drin in Ihrem Vertrag oder halten Sie nichts davon?«
   »Wird mein nächster Schritt sein«, sage ich gezwungenermaßen, weil, wenn auch er diese Idee hat, es sinnlos ist, meine zu verschweigen. »Entscheidend dabei ist, dass nur Sie und ich davon wissen.«
   Na?
   Mattenkötter nickt. Dann denkt er ein ganzes volles Whiskeyglas lang. Bis es leer ist. »Damjanov, wenn Ihnen dabei etwas passiert, bin ich dran, weil ich der Einzige wäre, der davon wusste? Wir müssten das doch irgendwo hinterlegen – ähm, das ist  … nein, ich meine  … Also, Sie müssten doch eine Art Sicherung  … Na, Sie wissen das vielleicht besser als ich. Ich meine nur, dass jemand für Ihre Sicherheit  … Verstehen Sie?«
   Überheblichkeit ist für einen allein arbeitenden Ermittler ungünstig. Offensichtlich habe ich Mattenkötter unterschätzt.
   »Ein wichtiger Gedanke, Mattenkötter. Sie wären zum Beispiel aus dem Schneider, wenn Sie als meine direkte Kontaktstelle fungieren, während ich in der Nacht den Hauseingang beobachte.«
   Mal sehn.
   Habe mich ein weiteres Mal in ihm geirrt, und zwar gründlich. Er zeigt sich nämlich begeistert. Hellauf. Nicht, weil ich ihn gelobt habe. Seine Augen sagen: Kind auf dem Jahrmarktskarussell. Das Abenteuerhafte, das Detektivspielen.
   »Ja, genau.« Mattenkötter klingt wie ein Junge, der endlich in die angehimmelte Nachbarsbande aufgenommen wird. »Wir stehen in ständigem Funkkontakt. Wir postieren noch vier Leute in unmittelbarer Nähe des Hauseingangs, zwei draußen, zwei drinnen, die ich dann auf Ihren Befehl hin  …«
   Auf Ihren Befehl hin? Befinde ich mich in der Vorbereitungsphase zu einer militärischen Operation? Oder hat sich Mattenkötter nur in der Begrifflichkeit vergriffen und möchte Sherlock Holmes nachspielen? Wenn dem so sein sollte, werden wir, geschätzter Watson, genau das nicht tun.
   Kunden nicht maßregeln. Kippe Schweröl auf meine Stimmbänder, bevor ich antworte. »Außer der Polizei  … ja, ich weiß von Ihren Erfahrungen, aber trotzdem. Also, außer der hat niemand das Recht, einzugreifen. Ich kann und will nur beobachten. Wir machen hier keine Bürgerwehr auf. Da bin ich meine Lizenz los. Und das sind nur die formaljuristischen Gründe. Vier weitere Leute? Überlegen Sie mal. Je mehr Leute davon wissen, umso eher besteht die Möglichkeit, dass sich die geplanten Aktivitäten rumsprechen. Geht in Windeseile. Schlagen Sie sich stattdessen allein die Nacht um die Ohren, um abzuwarten, ob ich mich melde. Die Frage ist ja nicht nur, wer die Briefkästen demoliert, sondern vor allem, warum. Wir wissen darüber nichts. Wir wissen nicht, ob es sich um einen oder um mehrere Täter handelt. Wie viele Briefkästen? Wenn das eine Gruppe ist, kämen wir womöglich in eine noch bedrohlichere Lage, würden wir eingreifen. Schießerei mit vier Toten am Beckerkamp! So eine Schlagzeile wollen wir ja wohl nicht von innen auf unserem Sargdeckel lesen, was?«
   »Sie werden schon recht haben, wenn ich’s genau überlege. Sie sind der Profi. Sagen wir doch, Sie melden sich bei mir, falls Sie meine Dienste in Anspruch nehmen wollen, und sagen mir dann, wann, wo und mit wie vielen Leuten. Ansonsten ist alles Ihre Sache.«
   Vorausgesetzt, du hältst dich an deine Ansagen.
   »Das ist gut, oder?«, ergänzt Mattenkötter. Er will nichts über Uhrzeiten oder andere Details wissen.
   Vorläufig streiche ich ihn als Verdächtigen. »Sind Sie am kommenden Wochenende im Haus?«
   »Am kommenden Wochenende? Im Haus? Äh ja, natürlich.«
   »Ich werde Sie spätestens Freitagabend anrufen und Ihnen alles Weitere mitteilen. Muss mir genau durch den Kopf gehen lassen, wie ich die Sache am dümmsten anlege.«
   »Am dümmsten?« Mattenkötter kichert wieder. Der Whiskey.
   »Intelligenz ist nicht alles im Leben.«
   Wir tauschen noch ein paar ähnlich gelagerte Tiefgründigkeiten aus. Dann bedanke ich mich für den Whiskey – erneut, weil offensichtlich ebenfalls angetrunken – und verabschiede mich. »Sie können mich selbstverständlich jederzeit anrufen.«
   Vor dem Hauseingang sehe ich mir die unmittelbare Umgebung an. Von jedem der vier Blockausgänge führt ein wenige Meter langer Zugang zum Hauptweg, der parallel zur Häuserfront entlang des gesamten Wohnkomplexes verläuft. Zwischen diesem Hauptweg und der Häuserfront befinden sich Grasstreifen, zum Teil von winzigen Terrassenstücken unterbrochen, die voneinander durch rund eineinhalb Meter hohe Palisandersichtblenden getrennt sind. An einigen Stellen gibt es statt dieser Sichtblenden ungefähr gleich hohe Büsche. Auch zu beiden Seiten des Hauseingangs für die Nummer vierzehn. Volles Blätterwerk – wir haben April. Wenn ich noch die nächtliche Dunkelheit mit einkalkuliere, sehen diese Büsche nach einem erstklassigen Versteck direkt neben dem Hauseingang aus. Ein Infrarot-Nachtsichtgerät und so etwas wie ein alter Melkschemel oder Jägersitz wären für diesen Zweck Spitze.
   Die Überwachungsplanung beschäftigt mich immer noch, als ich eine viertel Stunde später zu Hause ankomme. An der Innenseite meiner Wohnungstür hängt ein Zettel. »Zehn Uhr Sudhof?« Anne. Sie hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Nachdem wir uns in dieser Kneipe, nur eine Minute Fußweg von meiner Wohnung entfernt, kennengelernt haben, treffen wir uns dort häufiger.
   Ich amüsiere mich. Bin ich im Büro, muss ich regelmäßig Routinearbeiten erledigen. Komme ich nach Hause, muss ich regelmäßig  … Ich veranstalte eine Besichtigungstour mit meinem uralten Staubsauger – wo kommt ständig dieser gottverdammte Staub her? –, als ob er nicht schon längst alle Räume dieser Wohnung kennen würde. Ihm gut zuredend, tröste ich ihn über die Langeweile und seine Atemschwierigkeiten hinweg. Dann sehe ich zu, dass die Küche nicht auf den Gedanken kommt, sich Ungeziefer einzuladen. Was noch? Ach ja, die Betten sollte ich frisch beziehen. Zuletzt, ich kann mich ja zurücknehmen, bin ich selbst dran. Detektive duschen doch ständig.
   Mir fällt etwas ein, auch wenn der Zeitpunkt dafür ungünstig sein dürfte, weil sich mein Sohn wahrscheinlich gerade auf den Auftritt in Barcelona vorbereitet. Trotzdem rufe ich sein Handy an.
   »Ja?«, meldet er sich. Wie üblich ungemein wortreich.
   »Euer Auftritt im Down hat mir gefallen«, sage ich.
   »Ich fand’s nicht so gut.«
   Perfektionist. Darüber sind wir schon aneinandergeraten.
   »Schön, dass du da warst«, fügt er hinzu. »Ich wusste das.«
   Wie seit seiner Geburt.
   »Hast du mich sehen können?«
   Vasko lacht. »Bei dem Licht? Da siehst du niemanden von der Bühne aus. Ich habe es gemerkt. Was macht deine Arbeit?«
   »Hab glücklicherweise einen neuen Fall. Allerdings sehr seltsam. Irgendjemand zerstört massenweise Briefkästen in dem Bunker, in dem ich früher gewohnt habe.«
   »Wenn das häufiger geschieht, gewöhnt man sich doch dran. Wo ist da der Witz?«
   Ich bin überrascht. Deswegen sage ich nichts.
   »Bin schon auf der Bühne. Letzte Proben. See you!« Er legt auf.
   Mein Sohn macht häufiger Bemerkungen wie eben die mit der Gewöhnung. Trotzdem bleibe ich an diesem Satz hängen. Wenn das häufiger geschieht, gewöhnt man sich doch dran. Kann das der Ansatz zu einem Motiv sein? Aber was folgt aus einem solchen Gewöhnungseffekt? Wozu könnte er dienen?
   Bis zu meiner Verabredung mit Anne bleibt noch Zeit. Checke eine Reihe von Fernsehprogrammen, ob sich irgendetwas zur Überbrückung anzusehen lohnt. Ausnahmsweise befindet sich unter den angebotenen Spielfilmwiederholungen Das Fenster zum Hof, in dem ein Fotograf, durch ein gebrochenes Bein an seine Wohnung gefesselt, zufällig im gegenüberliegenden Haus einen Mord entdeckt. Gehört zu meinen Lieblingsfilmen, und weil ich ihn seit ich-weiß-nicht-wann nicht mehr gesehen habe, komme ich fast zu spät zu meinem Rendezvous.
   Im Sudhof fällt mir Anne um den Hals. Fröhlich wie eine Ampel, die immer auf Grün steht. Solange ich sie kenne, habe ich sie noch nie gestresst erlebt oder über ihre Arbeit meckern hören, obwohl sie, wie ich mehr ahne als weiß, ein buntes Leben hinter sich hat, inklusive privater Katastrophen und eines beruflichen Abstiegs aus der Redaktion der Frankfurter Rundschau. Ich habe sie nie nach Details gefragt. Sie wird darüber reden, wenn sie es möchte.
   Wir setzen uns an einen Vierertisch, sehen uns an, halten Händchen, bestellen Wein. Wie alt bin ich jetzt?
   Ich fühle mich wohl. Fast alles ist hier aus Holz, was sich von jenen Etablissements abhebt, die aussehen wie Abfallprodukte der Plastikindustrie. Wenn es jetzt noch bestimmte politische Plakate und Pinnwände mit Wohnungs- und Kleinwagenangeboten gäbe, könnte der Sudhof glatt für eine Studentenkneipe aus meiner Universitätszeit durchgehen. Diesen Eindruck habe offenbar nicht nur ich, denn der größte Teil des Publikums hat die Nuckelflasche schon vor weit über dreißig Jahren an Mami zurückgegeben. Was nichts über Entwicklung aussagt, weil sich hier aus anderen Fläschchen nuckeln lässt.
   »Weißt du, ich glaube, die spinnen im Bauausschuss nun völlig«, erzählt Anne von ihrem unserem Treffen unmittelbar vorangegangenen Pressetermin. Es folgt die Vorversion eines Artikels über die CDU und die Bergedorfer Freien Wähler, eine geplante U-Bahn-Linie nach Bergedorf, und was Anne davon hält.
   Mir ist nicht danach, das Thema auf meine Arbeit zu lenken. Es ist typisch für Anne, dass sie danach fragt, nachdem sie von ihren Berufserlebnissen gesprochen hat. Berichte ihr von der Untersuchung der Mieterliste. Bevor ich dazu komme, über meine Planungen zu reden, fügt Anne ein, sie habe weder im Archiv noch von den Kollegen in der Redaktion etwas erfahren können, das zu meinem Fall passt.
   Ich erzähle, was ich als Nächstes vorhabe.
   »Nimm auf jeden Fall mein Mobiltelefon mit. Dann hast du schon einen Teil deiner Rückendeckung. Ich komm darauf zurück, wenn ich im Gegenzug eine Chance sehe, dich für meinen Job einzuspannen, okay?« Sie grinst. »Du siehst jetzt doch nicht deine Autonomie gefährdet?«
   »Was hat das, bitte, mit meiner Anatomie zu tun? Irgendein Wortspiel mit Anne, Tom und Iieh?«
   »Wie hast du dir diese Albernheit in dein Alter retten können?«
   Für die wenigen Monate, die Anne und ich uns näher kennen, weiß sie über meine empfindlicheren Punkte schon ganz gut Bescheid. Was in diesem Zusammenhang nichts Körperliches betrifft.
   Ihre Autonomieanspielung ist offenbar die Einleitung zu einem anderen Thema. »Bisschen tricky, wenn ich das ausgerechnet jetzt sage. Ich möchte dir nämlich noch etwas Grundsätzlicheres mitteilen. Wahrscheinlich werde ich Deutschlandkorrespondentin vom Guardian. Und dann ist Tschüss, Bergedorfer Zeitung angesagt.«
   The Guardian ist die immer noch in London ansässige Tageszeitung mit immer noch großem Renommee. Meiner Einschätzung nach weitaus linksliberaler als die Frankfurter Rundschau.
   »Mensch, Anne!«
   »Ach du! Hast du denn kein bisschen Angst, dass ich dann kaum noch da bin?«
   »Anne, ich habe Angst, dass du dann kaum noch da bist.« Mir ist nicht danach, Anne näher zu befragen.

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