So hatte sich die Trickdiebin Sammy den Abend nicht vorgestellt. Mit einem Dutzend geklauter Kreditkarten in der Tasche beobachtet sie unfreiwillig einen Mord. Ihre clevere Idee, ihr Wissen in einen Haufen Geld zu verwandeln, erweist sich als tödlicher Bumerang. Oder soll sie der Polizei wirklich erzählen, dass der Chef der Mordkommission eine Leiche in einem alten Töpferbrennofen verschwinden ließ? Sammy bleibt nur eine Chance: Sie muss den jungen Mordermittler Mario Moretti davon überzeugen, dass ihr ausgerechnet aus den Reihen der Polizei Gefahr droht. Moretti vertraut Sammy seinem ehemaligen Kollegen Jan Stettner an, der sich seine Brötchen inzwischen als Privatdetektiv verdient und mal wieder dringend Geld braucht. Hals über Kopf schlittert Stettner in seinen ersten Fall …

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ISBN: 978-9963-52-727-4

Seiten: 436

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Volker C. Dützer

Volker C. Dützer
Geboren wurde ich am 21. März 1964 in Kirchen, einem kleinen Ort zwischen Siegerland und Westerwald. Das ist natürlich eine ganze Weile her und ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. Es gibt allerdings noch Zeitzeugen, die mir bereits in einem sehr frühen Alter eine überdurchschnittliche Fantasie zuschreiben. Ich schreibe, seit ich einen Stift halten kann, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil, oft kann ich die Geschichten, die sich vor meinem inneren Auge abspielen, gar nicht so schnell festhalten, wie sie plötzlich da sind. Schriftsteller klagen dann und wann über die berüchtigte Schreibblockade. Ich muss die Muse manchmal rauswerfen, damit ich mal zur Ruhe komme (Sie kehrt bisher aber stets zu mir zurück, wofür ich der Muse außerordentlich dankbar bin). Diese geheimnisvollen Schnörkel, die man Buchstaben nennt, auf ein weißes Blatt Papier zu malen, hat mich schon sehr früh fasziniert. Ich ahnte, dass sich dahinter Geschichten und Figuren verbargen, die nur darauf warteten, von mir zum Leben erweckt zu werden. Es dauerte dann aber noch viele Jahre, bis ich mich dazu entschloss, einen Roman zu schreiben. Im Alter von fünfzehn stellte ich fest, dass es sich berauschend gut anfühlt, hinter einem Schlagzeug zu sitzen und auf alles draufzuhauen, was da vor einem steht und hängt. Zwar entstanden damals schon mehrere gruselige Kurzgeschichten und zwei kurze Romane, aber es blieb für lange Zeit dabei. Das Schlagzeug war faszinierender. Vierzehn Jahre spielte ich in verschiedenen Bands und arbeitete schließlich eine Zeitlang als Studiomusiker, bevor mir klar wurde, dass man Drumsticks nicht wie Spaghetti essen kann – sie schmecken auch nicht mit Tomatensoße und Parmesan. Ich verdiente einfach nicht genug, um davon leben zu können. Also kehrte ich in meinen erlernten Beruf als Maschinenbaukonstrukteur zurück. Irgendwann bahnte sich dann doch wieder der Traum vom Schriftsteller seinen Weg. Eines Tages fiel mir beim Entrümpeln infolge eines Umzugs ein Manuskript in die Hände, das ich nicht beendet hatte, und fand, dass es wert war, beendet zu werden. Ich fing wieder Feuer. Eines Tages drückte mir ein befreundeter Buchhändler ein Buch von James N. Frey in die Hand. Ich besitze dieses zerfledderte, mit unzähligen Kommentaren und Kritzeleien vollgestopfte Ding noch immer, denn es hat mir geholfen, zu erkennen, dass Schreiben zum großen Teil ein Handwerk ist und man es lernen kann. Genau so wie man Snaredrum-Rudiments paukt oder wie man übt, freihändig Fahrrad zu fahren (Talent ist übrigens eher hinderlich - glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede). Im September 2008 erschien dann endlich mein erster Roman „Schattenjagd“. Es folgten weitere Veröffentlichungen: „Schattenjagd“ (e-book bei Chichili-Satzweiss 2010 „Das Prometheus-Projekt“ (e-Book bei Chichili-Satzweiss 2011) „Seeleneis“ (e-Book bei Chichili-Satzweiss 2012) „Schwarzer Regen“ (Kurzgeschichte -  2. Platz deutscher e-Book-Preis 2012) „Die Brut“ (e-Book bei Chichili-Satzweis 2013) Im Augenblick schreibe ich wie verrückt und produziere jede Menge Papierstapel mit diesen komischen Schnörkeln drauf. Ich hasse es, in Kategorien und Schubladen gezwängt und eingeordnet zu werden, aber wenn Sie mich schon nach meinem Genre fragen: Thriller, Krimi und ein bisschen Mystery darf es ab und zu auch sein. Lassen Sie sich überraschen, was als Nächstes kommt …

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Dienstag, 20. August

Was für ein riesiger Haufen Geld. Sauber gestapelte Bündel mit bunten Scheinen, Euro, Dollar, sogar Yen waren dabei. Daneben glänzten in Folie eingeschweißte Krügerrand-Goldmünzen, angelaufene Silbertaler und winzige Barren aus einem weiß schimmernden Metall. War das etwa Platin? In den mit Samt ausgelegten Mahagonikästen und Stahlkassetten lockten weitere erlesene Kostbarkeiten: Colliers, Ringe und Rohdiamanten in flauschigen Stoffbeuteln.
   Volltreffer! Mann, das war ein absoluter Volltreffer. Puh! Die Vorstellung, in den knisternden Scheinchen zu wühlen und bis zum Hals im Geld zu baden, war besser, als auf ihrer Kawasaki die Haarnadelkurven im Lahntal entlangzurasen. Sie war entschieden besser als Champagnertröpfchen, die kitzelnd am Gaumen zerplatzten, sogar besser als Sex. Sammy brauchte nur die Hände auszustrecken, um sich die Taschen vollzustopfen. Sie war reich! Reich! So reich, dass für diesen Zustand noch kein Wort erfunden worden war. Wie sie das Kurhotel verlassen konnte, ohne die argwöhnischen Blicke des Personals auf sich zu ziehen, hatte sie bereits ausgekundschaftet. Der Rest war ein Kinderspiel.
   Blieben nur noch zwei Probleme zu lösen: Ihre Hände waren mit einem zähen Klebeband an das Rohrgestell eines Bürodrehstuhls gefesselt und in ihrem Mund steckte ein Knebel, der sie zu ersticken drohte. Wütend starrte sie auf den geöffneten Hoteltresor und die beiden Männer, die sich die Rosinen aus dem Millionenkuchen herauspickten, den Sammy angeschnitten hatte. Methodisch füllten sie einen stabilen Samsonitekoffer bis zum Rand mit gebündelten Banknoten, handlichen Goldbarren und Edelsteinen.
   Der riesenhafte Mann mit dem gespaltenen Kinn gehörte wie sein drahtiger rothaariger Kumpel zur Truppe professioneller Wachmänner, die die Hotelleitung zum Schutz der illustren Gäste angeheuert hatte. Seit zwei Tagen fanden in der Kurstadt die Bad Emser Edelsteintage statt; eine Veranstaltung, die gelangweilte Neureiche mit locker sitzenden Geldbeuteln ebenso anlockte wie Diamantenhändler und hochpotente Interessenten aus ganz Europa. Die Hotellobbys waren überfüllt mit den oberen Zehntausend der Republik und ihren in verschwenderischen Reichtum gehüllten Begleiterinnen. Allerdings suchten auch Diebe, gewitzte Einbrecher und Trickbetrüger die Stadt an der Lahn heim, unter ihnen zwei Männer in anthrazitfarbenen Maßanzügen, deren gefälschte Plastikausweise sie als Angestellte einer Securityfirma auswiesen.
   Wütend zerrte Sammy an ihren Fesseln. Warum nur war sie das hohe Risiko eingegangen? Bisher hatte sie sich mit ihrer speziellen Masche auf Partys, Empfänge und Volksfeste beschränkt. Die Beute, die sie ergaunern konnte, war stets gering genug, um keinen allzu heftigen Lärm zu entfachen; aber trotzdem groß genug, um damit über die Runden zu kommen.
   Der Verlockung, an einem einzigen Abend den Jackpot zu knacken, hatte sie nicht widerstehen können. Aber erst jetzt wurde ihr schmerzlich bewusst, dass dieser Diebeszug eine Nummer zu groß für sie gewesen war.
   Der Mann mit dem gespaltenen Kinn klappte den Koffer zu und redete gestikulierend auf seinen Kumpel ein. Sammy verstand kein Wort, es klang wie Russisch oder Polnisch. In ihrem Bauch breitete sich Panik aus wie ein Hornissenschwarm. Sie glaubte noch immer daran, dass ihr cleverer Plan funktioniert hätte. Dass sie im Tresorraum des Kurhotels der Russenmafia über den Weg lief, war mehr als ein böser Zufall und glich einer schallenden Ohrfeige des Schicksals.
   Der Rothaarige mit der Statur eines Wiesels ließ die Safetür zuschnappen, lief an Sammy vorbei und steckte die Nase durch den Türspalt an der Rückwand des Raumes. Offenbar war sie nicht die Einzige, die sich mit dem Grundriss des Hotels neben dem Spielkasino vertraut gemacht hatte. Sammys Hoffnung, dass die Diebe mit ihrer Beute verschwanden und sie als Bauernopfer zurückließen, erfüllte sich nicht. Mit einem Springmesser zerschnitt der Kleine ihre Fesseln. Sein Kumpel zerrte sie hoch und umwickelte geschickt ihre Handgelenke mit einem zähen Gewebeband. Das Wiesel schnappte sich den Koffer; dann hakten sie Sammy unter und schleiften sie in den Korridor hinter dem Tresorraum. Von dort führte eine Treppe in die Kellerräume. Zielsicher sperrten sie eine Feuerschutztür auf und stießen Sammy in den nach Schimmel und Moder stinkenden Keller. Eine verdreckte Glühbirne tauchte den Raum in trübes Licht und riss verstaubte Aktenschränke aus dem Dunkel.
   Das Wiesel drückte sie auf einen Hocker unter der Glühbirne. Dann wuchteten die Diebe schwitzend eine rostige Eisenplatte von einer Öffnung im Boden. Im Licht der Glühbirne schillerte übel riechendes Wasser an den Wänden eines Schachtes, Steigeisen führten in die Tiefe. Das war also der Abwasserkanal, durch den sie sich hatte aus dem Staub machen wollen. Eine wirklich tolle Idee. Herzlichen Glückwunsch, Sammy! Sie verfluchte ihre Gier und schwor sich, endlich einem ehrlichen Job nachzugehen, wenn sie dieses eine Mal noch davonkam.
   Der Riese riss den Klebestreifen von ihrem Mund und befreite sie von dem Knebel. Hier unten hörte ohnehin niemand ihre Hilferufe.
   Das Wiesel setzte sich auf einen umgedrehten Papierkorb und grinste sie an. »Wir haben dich den ganzen Abend beobachtet. Und wir wissen immer noch nicht, wie du das angestellt hast.«
   Sammy legte den Kopf schief und pustete eine vorwitzige Locke aus der Stirn. »Was denn angestellt?«
   Der Russe riss sie an den Haaren zurück und presste seine Hand um ihre Kehle. »Verarsch uns nicht. Zehn Minuten, nachdem du hast angemacht den Direktor von Hotel, du hast geöffnet Safe.«
   Ihre Gedanken rasten. Sie hatten sie die ganze Zeit beobachtet. Wahrscheinlich verstanden sie nicht genug Deutsch, um hinter ihren Trick zu kommen. Aber Sammy begriff schnell, dass das Wissen, wie man einem potenziellen Opfer in kurzer Zeit die Geheimzahlen seiner Kreditkarten entlockte, für die beiden Verbrecher von allergrößtem Wert war.
   »Ihr habt, was ihr wollt. Haut ab und kümmert euch nicht um mich, ich komme schon klar.«
   Wenn sie die Männer zur Flucht überreden konnte, konnte ihr grandioser Plan immer noch funktionieren. Irgendwann würde jemand vom Personal sie finden, und sie brauchte nur das bedauernswerte Opfer eines Überfalls zu spielen. Sie musste nur mit ihren langen Wimpern klappern und ein paar Tränen aus ihren jadegrünen Augen quetschen. Niemand würde ihre Geschichte anzweifeln.
   »Warum hat Direktor dir verraten Code von Safe?«
   »Ich hab keine Ahnung, wovon du redest.«
   »Wird dir schnell wieder einfallen.« Seine Lippen waren jetzt dicht an ihrem Ohr. »Sag mir, was will kleines blondes Mädchen mit so viel Geld?«
   Sie bog ihren Kopf zur Seite, um seinem nach Knoblauch und Wodka stinkendem Atem zu entgehen. »Der Tresor stand offen, als ich das Zimmer betrat.«
   Das Wiesel lachte meckernd und ließ die Klinge seines Stiletts aufschnappen. »Und ich passe hier auf, dass niemand was klaut. Für jede falsche Antwort verlierst du ab sofort einen Finger. Also überleg dir gut, was du uns als Nächstes erzählst.«
   Sammy geriet in Panik. Auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, erschien ihr plötzlich überaus verlockend. Kellnern, Putzen oder Taxi fahren, das hatte sie sich eigentlich schon immer gewünscht. Lieber Gott, wenn ich mit heiler Haut aus diesem Loch herauskomme, will ich brav sein. Ich verspreche es.
   Der Riese hob sie hoch, als wöge sie nicht mehr als eine Barbiepuppe, zog eine Schublade aus einem Aktenschrank und klemmte blitzschnell ihren Arm ein. Unter seinem dunkelblauen Jackett zeichnete sich ein gewaltiger Bizeps ab. Gegen diese rohe Kraft konnte Sammy nichts ausrichten.
   »Zeig uns Trick. Sei liebes Mädchen. Mit Narben in Gesicht du wirst sehr hässlich aussehen!«
   Auf dem Gang vor dem Keller näherten sich Schritte. Jemand hustete und kam die Treppe herunter. Der Russe drückte ihr seine schwielige Hand auf Mund und Nase und presste sich eng an sie. Sammy würgte angeekelt und wand sich unter seinem Griff.
   Draußen rief jemand einen Namen, eine Stimme antwortete gelangweilt, Flaschen klirrten und die Schritte entfernten sich wieder.
   Der Kleine klappte sein Messer zu. »Wir nehmen sie mit. Ist zu gefährlich hier.« Geschickt kletterte er an den Steigeisen nach unten.
   Sein Kumpel reichte ihm den Geldkoffer, stieß Sammy in das Loch und folgte ihr dann. Der Schacht war knapp zwei Meter tief. Sammy landete im knietiefen, nach Fäulnis und Verwesung stinkenden Flusswasser.
   Der Russe stieß sie in das Tonnengewölbe des Abwasserkanals, der nach etwa zwanzig Metern am Fuß der Stützmauer unterhalb der Straße ins Freie mündete. Die Natriumdampflampen auf der Uferpromenade warfen goldene Reflexe auf das schwarze Wasser der Lahn. Dicht über Sammys Kopf nahm das Nachtleben von Bad Ems seinen Lauf, unbeeindruckt von dem Drama, das sich wenige Meter entfernt abspielte. Spaziergänger flanierten scherzend auf der Promenade entlang, der Autoverkehr rollte zähflüssig am Spielkasino und dem Kurhotel vorbei, jemand hupte, ein Hund kläffte nervtötend. Irgendwo erklang das Lachen einer hellen Frauenstimme, so nah und doch unerreichbar für Sammy.
   Die Männer zerrten sie ein Stück den schmalen Kiesstrand entlang. Das Wiesel hetzte eine Treppe hinauf, verschwand in der Dunkelheit und tauchte kurz darauf winkend wieder auf. Der Russe trieb sie die Steinstufen hinauf. Die Treppe endete gegenüber dem Kasino, vor dessen Eingang sich eine Menschentraube gebildet hatte. Wer gute Geschäfte abgeschlossen hatte, gönnte sich in der warmen Sommernacht den Kitzel des Spiels. Auch Sammy spielte mit. Und sie riskierte den höchstmöglichen Einsatz: ihr Leben.
   Frech nutzten die Entführer den Trubel aus, um Sammy an Bord eines rostigen Hausbootes zu schleppen, das an einem der Landestege lag. Der Russe brach die Tür zur Hauptkabine auf und polterte die Stiege hinab. Sein Kumpel stellte den Koffer ab, beobachtete misstrauisch die hell beleuchtete Uferpromenade und zog Sammy in die tiefen Schatten der Deckaufbauten. Ihre Arme waren noch immer mit dem verfluchten Klebeband auf dem Rücken gefesselt. Hektisch tasteten ihre Finger das Blech ab, bis sie auf eine scharfe Kante stieß. Sie musste sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell. War sie erst unter Deck, gab es keine Rettung mehr.
   Sie drückte sich eng an den Rothaarigen, bis ihre Lippen beinahe sein Kinn berührten. »Ein Koffer randvoll mit Geld … für drei Leute«, flüsterte sie.
   Irritiert drehte er den Kopf.
   Sammy fuhr mit der Zunge über ihre Lippen und blinzelte ihm zu. »Soll ich dir verraten, wie ich den Hoteldirektor um den Finger gewickelt habe? Wir wären bestimmt ein gutes Team. Jemanden wie dich könnte ich gut gebrauchen. Aber drei sind einer zu viel. Was denkst du?«
   In seinem Mundwinkel zuckte ein Nerv.
   »Ich kann dir deine Zukunft vorhersagen.«
   »Halts Maul.« Nervös wanderten seine Blicke über das dunkle Deck und ruhten eine Spur zu lang auf dem Geldkoffer. Im Bauch des Bootes sprang hustend ein Dieselmotor an.
   Fluchend wandte der Dieb sich um und drückte sein Stilett in die v-förmige Mulde zwischen Sammys Schlüsselbeinen. Ein einzelner Blutstropfen rann an ihrem Brustbein hinab.
   »Denk nicht mal daran, abzuhauen. Und wenn du in der Hölle ein Loch gräbst, um dich zu verstecken, wir werden dich finden. Also verrate uns lieber gleich, wie du dem Fettsack die Kombination des Tresors aus dem Kreuz geleiert hast. Falls du es noch nicht begriffen hast, es ist deine einzige Chance, die Nacht zu überleben.«
   Falsch! Ihr kleiner Trick war ihre Lebensversicherung und sie würde ihn erst preisgeben, wenn sie ihre letzte Karte ausgespielt hatte. Andernfalls endete sie todsicher in der nächsten halben Stunde als Fischfutter.
   Er grub seine Finger in Sammys Lockenmähne und stieß ihren Hinterkopf gegen die Schiffswand. Dann hetzte er zum Bug und löste rasch die Taue, mit denen das Boot an der Ufermauer befestigt war.
   Vor ihren Augen tanzten bunte Sterne. So schnell sie konnte, scheuerte sie die Fesseln an ihren Handgelenken über das scharfe Blech.
   Träge drehte sich das Boot in den Fluss und wurde von der Strömung erfasst. Das Wiesel kehrte wachsam zum Heck zurück.
   »Bei der ersten Gelegenheit wird er dich über Bord werfen. Oder glaubst du wirklich, dass er teilen wird?«, sagte Sammy. Das zähe Klebeband zerriss. Ihre Hände waren frei. Sie warf einen hastigen Blick auf die Verriegelung der Deckstür. Zwecklos, das Schloss war verbogen und unbrauchbar.
   »Was treibt er wohl da unten? Du musst dich jetzt entscheiden, er wird jeden Moment wieder auftauchen.«
   »Halt die Klappe. Du wickelst mich nicht ein wie die geilen alten Männer im Kasino!«
   Bevor Sammy antworten und ihre Show abziehen konnte, flog die Tür hinter ihr auf und der Stoppelkopf des Russen erschien in der Luke.
   »Schaff den Koffer runter und mach das Boot …«
   Weiter kam er nicht. Vom Dach des Hausboots sprang ihn fauchend ein Wesen an, das nur einem Albtraum entwichen sein konnte.
   Erschrocken wich Sammy zurück.
   Der Rothaarige kreischte, sein Kumpel stolperte über den Koffer, taumelte und stürzte über die niedrige Reling in den Fluss. Steuerlos drehte sich das Boot in der Strömung.
   Auf dem Kasten an der Heckreling hockte der hässlichste Kater, den Sammy je gesehen hatte. Er riss sein schiefes Maul auf, fauchte wie ein Drache und drohte mit einem mörderisch scharfen Gebiss. Er war fett, bösartig wie ein Dachs und besaß nur ein Auge.
   Aus der Dunkelheit jenseits der Bordwand schrillten die Hilferufe des Russen herauf, der offenbar nicht schwimmen konnte. Sein Partner wagte sich einen Schritt weit auf den an der Heckreling befestigten Rettungsring zu. Der Kater hieb mit seiner Pfote nach ihm und erwischte ihn am Handgelenk. Der Rothaarige geriet in Panik, weil er nicht gleichzeitig seinen Kumpel aus dem Fluss ziehen, Sammy bewachen und das Boot steuern konnte.
   »Wir treiben auf das Wehr zu«, sagte Sammy.
   »Was für ein Scheißwehr? Versuch bloß nicht, mich zu verarschen!«
   Gelangweilt zuckte Sammy mit den Schultern. »Wollts dir nur sagen.«
   Er zog sein Jackett aus und schlug damit nach dem Kater. Ein schwarz-rot-weißer. Er fauchte wütend, preschte zwischen Sammys Beinen hindurch und verschwand durch die offene Tür ins Innere des Bootes. Der alte Kahn zitterte, als sein Kiel den Kiesgrund des Flusses berührte. Der Wasserstand der Lahn war im Verlauf des trockenen heißen Sommers beständig gesunken. Wie ein schlafender Riese wälzte sich das Boot auf die Backbordseite und trieb auf das Wehr nördlich der Insel Silberau zu. Der Rothaarige torkelte und ruderte mit den Armen.
   Mit einem wütenden Schrei stieß Sammy sich von den Aufbauten ab und stürzte sich auf den Koffer. Sie war ausdauernd und schnell. Auch wenn das Gewicht sie behindern sollte, konnte sie sich in der schwachen Strömung lang genug über Wasser halten, um ans Ufer zu gelangen. Sie begrub den Koffer unter sich und wirbelte herum. Zischend zerteilte eine Messerklinge die Luft vor ihrer Nase und eine blonde Locke schwebte wie eine Feder zu Boden. Schützend hielt Sammy den Koffer vor die Brust und keilte wie ein Wildesel mit den Beinen aus. Befriedigt hörte sie den Angreifer aufstöhnen. Er sackte zusammen wie eine Marionette, deren Fäden sie durchtrennt hatte.
   Sammy schob den Koffer vor sich her und kroch auf allen vieren auf die Reling zu. Der Koffer! Ein riesiger Klumpen Geld! Sie konnte es immer noch schaffen. Der rettende Fluss war nur noch Zentimeter entfernt.
   Sie schwang ein Bein über die Reling und suchte mit hektischen Blicken die nachtschwarze Lahn ab. Wie viel Tiefgang besaß so ein Hausboot? War der Fluss bei Niedrigwasser tief genug für einen Sprung vom Deck, oder würde sie sich den Hals brechen? Silbernes Mondlicht spiegelte sich glitzernd auf den Wellen, die schräg gegen den Rumpf anliefen. Geld, Kies, Kohle, mehr als sie je zuvor besessen hatte. Mehr als sie je würde ausgeben können. Wag es einfach, Sammy! Tu es!
   Als sich ihre Hand von der Reling löste, legte sich ein eiserner Reif um ihre Kehle. Der wütende Kerl bemühte sich nach Kräften, sie auf das Boot zurückzuziehen. Das Messer! Wo war das Messer? Hatte er das Stilett verloren, als sie ihn zwischen den Beinen getroffen hatte?
   Sammy spannte die Muskeln an und wartete auf den scharfen Schmerz zwischen ihren Rippen. Sie strampelte in seinem Griff wie eine Wildkatze, krümmte sich und biss ihn in den Unterarm. Angewidert schmeckte sie warmes Blut zwischen ihren Lippen und spuckte Hautfetzen aus. Das Wiesel schrie vor Schmerz auf und lockerte für eine Sekunde seinen Griff. Krachend lief das alte Hausboot auf Grund und legte sich ruckartig auf die Backbordseite.
   Sammy fiel. Das Wasser der Lahn schlug klatschend über ihr zusammen. Luftblasen wirbelten vor ihren Augen, alles drehte sich, es gab kein oben und kein unten. Ihre Finger schlossen sich noch immer krampfhaft um den Griff des Samsonitekoffers. Und wenn sie wie eine Katze im Fluss ersaufen musste, niemals würde sie den verdammten Koffer loslassen. Sammy ruderte mit den Beinen, spürte aber keinen Grund. Die Fahrrinne der Lahn war tiefer als sie vermutet hatte. Außerdem hatte sie das Gewicht des Koffers unterschätzt. Der Schatz, den Sammy gehoben hatte, zog sie unerbittlich nach unten. Noch ahnte sie nicht, dass ihre Gier sie in noch größere Tiefen hinabziehen würde. Tiefer, als sie sich vorstellen konnte.

2
Freitag, 23. August

Irgendwann erwischt es mich. Ich könnte wetten, dass es heute passiert.«
   Victor Sawinski wischte sich mit einem fleckigen
   Taschentuch den Schweiß aus dem Nacken.
   Jan Stettner konnte die Angst seines Partners so deutlich riechen wie den fauligen Gestank, der in der Sommerhitze aus den Kanaldeckeln kroch. Der weiße Ford rollte behäbig durch die verlassenen Vorortstraßen von Bad Ems. Die meisten Bewohner der Kurstadt an der Lahn hatten sich an einen schattigen Ort zurückgezogen oder streckten die Füße in die kühle Strömung des Flusses.
   Ein großes, kaltes Bier wäre nicht schlecht. Oder den Kopf in einen Eimer voll Eiswasser stecken … dann müsste er auch nicht mehr Sawinskis unheilvolles Gequatsche anhören. »Du wirst dich eines Tages selbst ins Bein schießen müssen, um deine Prophezeiungen zu erfüllen. Seit einer Woche erzählst du mir jedes Mal, wenn du in den Streifenwagen steigst, dass du heute todsicher ins Gras beißt. Was ist los mit dir? Streifenkoller?«
   »Die Hitze macht mich fertig.« Sawinski schaltete die Lüftung auf die höchste Stufe, ohne dass es dadurch merklich kühler wurde. »Als ob die Stadt in der Hölle versinkt.«
   Stettner presste verdrossen die Hände um das Lenkrad. Tarp ließ sie in der alten Karre ohne Klimaanlage endlos Streife fahren. Wahrscheinlich saß er zur selben Zeit im klimatisierten Büro eines einflussreichen Gönners und schmierte seine Karriere. Vielleicht hatte Sawinski ja recht und sie waren schon längst in der Hölle gelandet, ohne es zu merken. Und dort drehten sie nun für den Rest der Ewigkeit ihre sinnlosen Runden, zwei Skelette in einem rostigen Geisterford.
   »Ingrid hat vorhin auf meinem Handy angerufen, als du in der Dönerbude warst«, sagte Sawinski.
   »Was wollte sie?« Stettner zog misstrauisch die Brauen zusammen.
   »Weiß ich nicht. Du sollst zurückrufen. Sag mal, warum nennt dich deine Frau eigentlich beim Nachnamen?«
   Stettner zuckte mit den Schultern. »Alle machen das. War schon als Kind so.«
   Sawinski schüttelte den Kopf und schwieg eine Weile. »Ich hänge diesen beschissenen Job an den Nagel«, sagte er schließlich. »Mach was anderes, Kaufhausdetektiv oder Hausmeister, einen harmlosen, normalen Job, bei dem mir kein durchgeknallter Junkie eine Magnum an die Schläfe hält, so wie der Irre vor fünf Nächten.«
   Stettner steuerte den Wagen um einen Verkehrskreisel und begann, ihre Routinerunde erneut abzufahren. Er hatte sich also nicht getäuscht, Sawinski kaute noch immer an dem verpatzten Einsatz bei der Tankstelle. Zugegeben … sie waren fast draufgegangen in jener Nacht. »Wenn du ein Problem hast, sollte ich das wissen.«
   »Probleme!« Sawinski spie das Wort aus wie ein fauliges Stück Fleisch. »Das Problem heißt Rainer Tarp.«
   Stettner brummte zustimmend. »In Koblenz stellen sie eine neue SOKO für Gewaltverbrechen auf die Beine. Ich habe mich um den Posten des Teamleiters beworben.«
   Überrascht fuhr Sawinski herum. »Mann, das hat Tarp auch. Wusstest du das nicht? Er reißt dir den Kopf ab, wenn er davon erfährt.«
   »Nicht, wenn ich das Rennen mache.«
   Das Funkgerät rauschte und knatterte.
   »Wenn man vom Teufel spricht«, sagte Sawinski.
   Tarps spröde Stimme schien sogar über Funk den Gestank von kaltem Zigarettenrauch zu verbreiten.
   »Wo zur Hölle stecken Sie, Stettner?«
   »Ich bin immer wieder erfreut, mit Ihnen zu plaudern, Tarp. Wir fahren uns am Südkreisel die Reifen ab. Womit kann ich Ihr Herz erfreuen?«
   »In zehn Minuten will ich Sie in Gräbersberg bei Billinger haben. Und bringen Sie diese Flasche Sawinski mit!«
   Rasch überschlug Stettner in Gedanken die Strecke. Gräbersberg war ein verschlafenes Nest zwischen den Hügeln nördlich von Bad Ems. Selbst wenn er raste wie ein Selbstmordkandidat, dauerte die Fahrt mindestens zwanzig Minuten. »Warum schicken Sie keine Streife, die näher dran ist als wir?«
   »Sperren Sie Ihre Ohren auf, Stettner. Ich habe keine Lust, ihnen jeden Befehl zu erläutern wie einem Polizeischüler. In Billingers Steinbruch hockt ein Verrückter, der zwei Geiseln in seiner Gewalt hat. Soll Bender vielleicht mit ihm verhandeln? Ich will, dass Sie das übernehmen.«
   »Wir sind unterwegs. Fordern Sie inzwischen in Koblenz ein SEK an.«
   »Erklären Sie mir nicht, wie ich meinen Job zu erledigen habe. Soll ich etwa Ihre Hand halten, weil Sie mit diesem Bauernpack nicht allein fertig werden? Ich gebe Ihnen zehn Minuten.« Das Funkgerät knackte.
   Stettner knallte das Magnetblaulicht auf das Wagendach und trat das Gaspedal durch. Tarp war ein korruptes Arschloch, aber zugleich ein fähiger Polizist. Sicher hatte er einen guten Grund für seine Nervosität.
   »Ich habs dir gesagt. Ich spürs in den Knochen.« Sawinski drückte sich in den Beifahrersitz, auf seiner Oberlippe perlten Schweißtropfen.
   Nachdenklich runzelte Stettner die Stirn. Konnte er sich auf seinen Partner noch verlassen? Er hatte Tarps Beleidigung geschluckt, ohne mit der Wimper zu zucken.
   »Hör schon mit der Unkerei auf.« Er trat das Gaspedal durch, überquerte am Nordende der Stadt den Fluss und trieb den altersschwachen Ford den Berg hinauf. »Wer ist dieser Billinger?«
   Sawinski rief Informationen über sein Smartphone ab. »Tarp meint das Basaltwerk in Gräbersberg. Billinger ist der größte Arbeitgeber im Umkreis. Ohne ihn wäre dieses Nest schon längst eine Geisterstadt.«
   »Hört sich nach einem echten Wohltäter an.«
   »Freu dich nicht zu früh. Billinger ist einer von Tarps speziellen Freunden.«
   Was Sawinski mit einem speziellen Freund meinte, verstand Stettner vierzehn Minuten später. Der Motor des Fords rasselte wie ein Asthmakranker im letzten Stadium, als der Wagen das Ortsschild von Gräbersberg passierte. Billingers Firma lag am westlichen Ende der Ortschaft. Die alten Verwaltungsgebäude aus dunklem Basaltgestein schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Stettner fühlte sich in eine archaische Welt zurückversetzt; als hätte sich der Ford in eine Zeitmaschine verwandelt und sie ins 19. Jahrhundert zurückkatapultiert. Eine Gestalt im blauen Arbeitsdrillich winkte sie aufgeregt durch einen Torweg. Dahinter klaffte die riesige Schüssel des Steinbruchs wie ein toter Fleck in der üppigen Natur.
   Im Schatten eines baufälligen Schuppens parkte Tarps dunkelgrauer BMW. Der ausgezehrte kleine Mann lief nervös auf und ab und rauchte die unvermeidliche Zigarette.
   Als Stettner und Sawinski aus dem Wagen stiegen, trat er hastig die halb gerauchte Kippe aus.
   »Endlich. Kommen Sie mit.«
   Tarp umrundete den Schuppen und deutete auf ein Gewirr aus Förderbändern, monströsen Baggern und Abbaumaschinen. »Er sitzt da oben im obersten Stock der Verladestation. Sehen Sie den quadratischen Turm?«
   Stettner versuchte, sich in dem fremden Terrain zu orientieren. Eine Schienenspur zog sich über die Talsohle und endete unter zwei rostigen Silos. Dahinter ragte ein verschachtelter, turmartiger Bau in die Höhe.
   »Was will er? Hat er Forderungen gestellt?«
   »Er will Billinger. Und wir sollen ihm seinen Boss auf einem Silbertablett servieren.«
   »Wir brauchen ein SEK.« Sawinski wischte sich den Schweiß von der Stirn.
   »Halten Sie die Klappe«, erwiderte Tarp, »ich bestimme, was hier passiert. Ich lasse mich nicht von einem gehörnten Ehemann vorführen.«
   Stettner blickte sich nervös um. Kein Streifenwagen weit und breit, der Parkplatz vor dem Firmengelände war leer und der Steinbruch glühte verlassen in der Sommerhitze. Hatte Tarp den Verstand verloren? Offenbar wusste bisher außer ihnen niemand von der Geiselnahme. »Victor hat recht.« Er rieb sich das unrasierte Kinn. »Das Gelände ist viel zu unübersichtlich. Der Steinbruch gleicht einem Irrgarten.«
   »Seit wann sind Sie denn so ein Hasenfuß, Stettner? Hat Sawinski Sie mit seiner Schwarzseherei angesteckt?«
   Stettners Partner presste die Lippen zusammen und starrte wie hypnotisiert auf die Verladestation.
   »Zu dritt und ohne Schutzwesten da reinzugehen, ist nackter Wahnsinn«, sagte Stettner kopfschüttelnd.
   Tarp grinste. »Wer redet von drei Männern? Zwei Verrückte reichen.«
   Ein Lichtreflex ließ Stettner herumfahren. Hinter einem der Fenster des Verwaltungsgebäudes stand eine massige Gestalt mit leuchtend rotem Stoppelhaar und beobachtete sie durch einen Spalt in der Gardine. Billinger?
   »Wir müssen wissen, was in dem Turm vor sich geht. Wie viel Geiseln hat er wirklich genommen? Was will er? Wie tickt der Mann?«, überlegte Stettner.
   »Er behauptet, zwei Mitarbeiter von Billinger in seiner Gewalt zu haben. Das scheint zu stimmen. Billinger hat die Anwesenheitsliste der betrieblichen Zeiterfassung kontrolliert. Außer einem Vorarbeiter und einem Lehrling haben alle zum Feierabend abgestempelt. Drei Leute sind im Urlaub, einer hat sich krankgemeldet.«
   Stettner schirmte die Augen mit der Hand ab und beobachtete den Steinbruch. Unter dem glasigen, fahlblauen Himmel staute sich die Hitze wie in einem Kessel, der kurz vor der Explosion stand. Er hielt den Atem an und lauschte. Es war totenstill, kein Vogel sang, kein Windhauch regte sich. Auf einem der windschiefen Strommasten hockten drei Raben wie Figuren aus schwarzem Glas und starrten ihn regungslos an.
   »Fordern Sie ein SEK an. Wir können das nicht allein durchziehen.«
   Tarp wiegte bedächtig den Kopf und steckte sich eine neue Zigarette in den Mundwinkel. »Hans-Peter Billinger feiert morgen seinen fünfzigsten Geburtstag. Eine Menge Prominenz aus Bad Ems wird erwartet, darunter wichtige Investoren, die einen Haufen Geld in das marode Basaltwerk stecken wollen. Nichts von dieser hässlichen Geschichte darf nach außen dringen, ist das klar? Der Landrat und sein Gefolge werden sich kaum amüsieren wollen, nachdem die Polizei ein Blutbad veranstaltet hat. Fast jeder in Gräbersberg und den umliegenden Dörfern arbeitet bei Billinger. Wenn der Laden dichtmacht, hat das politische Konsequenzen. Also werden wir hier keinen Staub aufwirbeln, ist das klar? Ich kann Sie nicht ausstehen, Stettner, aber Sie sind nun mal der beste Mann für solche kitzligen Angelegenheiten.«
   Und der Idiot, der den Kopf hinhalten darf, wenn es schief geht. »Was wissen wir über den Täter?«
   »Der Mann heißt Ulrich Dreyer. Er hat bis vergangenen Monat im Steinbruch gearbeitet. Billinger hat ihn rausgeworfen. Angeblich hat er ihn beim Saufen erwischt.«
   »Und wie lautet der wahre Grund für die Kündigung?«
   »Es ist kein Geheimnis, dass Billinger sich systematisch durch die Ehebetten von Gräbersberg vögelt. Ich schätze, sein jüngstes erotisches Abenteuer war ein verhängnisvoller Fehler.«
   »Steck dir die Kippe an, damit du nicht so viel redest, Rainer. Und dann holt diesen Idioten aus der Verladestation. Jede Minute Stillstand kostet mich ein verdammtes Vermögen.«
   Überrascht fuhren Stettner und Sawinski herum.
   Billingers roter Haarkranz leuchtete wie ein glühender Heiligenschein in der tief stehenden Abendsonne. Denselben Mann hatte er vor wenigen Augenblicken hinter dem Fenster beobachtet. Trotz seiner Leibesfülle hatte Billinger sich ihnen lautlos wie eine Raubkatze genähert. Rasch schätzte er den Unternehmer ein. Er litt unter der bleiernen Hitze, sein Gesicht war fleckig und gerötet. Früher mochte er ein gut aussehender Mann gewesen sein, doch ein ausschweifender Lebenswandel hatte seine Züge entstellt. Dafür besaß er nun die Macht eines Gutsherrn. Stettner betrachtete Billinger mit den Augen eines erfahrenen Ermittlers und fühlte ein warnendes Prickeln im Nacken. Dieser Mann wird eines Tages einen Mord begehen, schoss es ihm durch den Kopf.
   »Ist das deine ganze Armee?«, fragte Billinger streitsüchtig.
   »Du willst kein Aufsehen erregen, und daran halte ich mich«, antwortete Tarp hastig. »Stimmt die Geschichte mit Dreyers Frau?«
   »Das geht dich nichts an. Hol diesen Irren aus der Verladestation, oder du stolperst über eine angesägte Sprosse in deiner Karriereleiter.«
   Neugierig verfolgte Stettner den Streit der beiden Männer. Niemals zuvor hatte er Tarp so kleinlaut erlebt.
   »Sie sollten mit Dreyer reden«, sagte Sawinski.
   »Wer hat Sie nach Ihrer Meinung gefragt?«, giftete Tarp.
   »Wie viele Zugänge hat der Turm?«, wandte sich Stettner an Billinger.
   »Der Haupteingang liegt im Erdgeschoss, direkt neben den Gleisen. Es gibt einen zweiten Zugang auf der Westseite. Aber das Treppenhaus ist so marode, dass der Trakt gesperrt ist. Dann wären da noch drei Förderbandtunnel. Aber die sind nur für Wartungsarbeiten zugänglich. Da passt kaum ein erwachsener Mann durch.«
   »Gibt es einen Grundriss der einzelnen Stockwerke?«, fragte Sawinski.
   Billinger lachte kollernd. »An den Anlagen haben Generationen von Ingenieuren und Maurern gearbeitet. Der ganze Steinbruch ist so oft umgebaut und erweitert worden, dass kein Mensch alle Gänge und Räume kennt. Da drin kann man sich wochenlang verstecken, ohne dass es jemand merkt.«
   »Wir brauchen eine Hundertschaft, um das Gelände zu sichern.«
   Tarp trat seine Kippe im sandigen Boden aus. »Halten Sie die Klappe, Stettner.« Er schirmte die Augen mit der Hand ab und starrte auf die in der Sommerhitze flimmernde Grube. »Wer zum Teufel ist das? Hast du nicht gesagt, alle deine Leute wären längst nach Hause gegangen?«
   Stettner wagte sich aus dem Schatten des Schuppens und starrte angestrengt durch die Maschen des Drahtzauns, der die jäh abfallende Steilkante des Steinbruchs sicherte. Eine schlanke Gestalt schlüpfte aus einer Wartungsöffnung des Förderbandtunnels und hetzte gebückt den Schienenstrang entlang. Geschickt nutzte sie die Eisenbahnwaggons als Deckung.
   »Das ist der neue Lehrling.« Billinger steckte die Finger in den Mund und pfiff durchdringend. Die flüchtende Gestalt hielt inne, blickte kurz auf und lief auf die Stahltreppe zu, die von der Talsohle heraufführte. Der Junge war etwa siebzehn Jahre alt. Sein Haar und die blaue Latzhose waren grau vom Steinstaub. Atemlos gelangte er am oberen Ende der Treppe an.
   »Dreyer … er ist oben bei der Steinmühle … hat … Oehlinger gefesselt … und … und …«
   »Wer ist noch dort oben?«, schnitt ihm Tarp das Wort ab.
   Der Junge schüttelte erschöpft den Kopf. »Nur Dreyer … und Oehlinger. Ich hab … den Strick durchgescheuert, mit dem er mich gefesselt hatte, … und dann … konnte ich abhauen, als er … er hat …« Er stützte die Hände auf den Knien ab und übergab sich.
   Stettner blickte zum Turm der Verladestation. Im obersten Stockwerk, direkt unter dem Blechdach, musste es heiß wie in der Vorhölle sein. »Bringen Sie ihn in den Schatten. Und sorgen Sie dafür, dass er ausreichend zu trinken bekommt. Rufen Sie einen Krankenwagen.«
   Billingers Kopf nahm die Farbe einer Aubergine an. »Weiß dein Hilfspolizist überhaupt, mit wem er redet? Ich …«
   »Mach, was er sagt«, sagte Tarp gereizt. »Überlass uns den Rest.«
   Der Junge versuchte es noch einmal. »Dreyer hat …«
   »Ist er bewaffnet?«, unterbrach ihn Tarp.
   »Nein. Aber …«
   »Mehr will ich nicht wissen. Bring den Jungen in Sicherheit.«
   Billinger legte dem Lehrling die Hand auf die Schulter. »Du hast nichts gesehen und nichts gehört, klar?«
   »Sawinski nimmt die Treppe. Sie gehen durch den Förderbandtunnel, Stettner.«
   »Du bleibst hier, Victor. Er kann dich nicht zwingen.«
   »Was soll das, Stettner? Proben Sie den Aufstand? Es wird mir eine Freude sein, Sie zu suspendieren.«
   »Die Aktion ist gefährlicher Leichtsinn. Ich werde nicht meinen Kopf riskieren, weil ihr Gönner Ihnen mit einem Karrierestopp droht.«
   »Es reicht, Stettner.«
   »Ich werde gehen.« Sawinski zog seine Waffe aus dem Schulterholster und hetzte die Treppe hinunter.
   »Victor! Warte!«
   »Na los, Stettner. Passen Sie auf, dass sich Ihr Freund nicht die Eier abschießt.«
   Stettner achtete nicht auf Tarp. Er folgte Sawinski, zog seine Dienstwaffe und näherte sich im Schutz des Güterzuges der Verladestation. Zwischen zwei Waggons holte er Sawinski ein. »Spiel nicht den Helden, Victor. Du brauchst Tarp nichts zu beweisen. Er hat kein Recht, uns einer solchen Gefahr auszusetzen.«
   Sawinski war leichenblass, seine Augen flackerten fiebrig.
   »Ich gehe da jetzt rein, oder ich kann nie wieder eine Uniform anziehen. Ich habe dir nie erzählt, was bei der Tankstelle wirklich passiert ist. Während du im Kassenhaus warst, bin ich im Wagen eingeschlafen. Ich wurde erst wach, als der verdammte Junkie mir die Magnum an die Schläfe hielt. Ich hab geglaubt, es ist aus. Peng! Und der Irre drückt einfach ab. Jede Nacht träume ich von seinen Augen. Der war total durchgeknallt. Wenn ich jetzt kneife, schmeiß ich meinen Job hin. Ich muss da reingehen, verstehst du das?«
   Stettner biss sich auf die Lippe. Für ein solches Geständnis gab es kaum einen unpassenderen Augenblick, aber er würde Sawinski nicht im Stich lassen. Abhalten konnte er ihn von diesem Wahnsinn sowieso nicht. Was hatte Tarp gesagt? Passen Sie auf, dass der Idiot sich nicht die Eier abschießt. Genau das würde er jetzt tun müssen.
   »Ich nehme den Förderbandtunnel. Versuch, Dreyer hinzuhalten. Sag ihm, Billinger sei unterwegs. Aber geh nicht allein zu ihm rein.«
   Sawinski wankte wie ein Grashalm in einem Sommersturm. Er wischte sich die schweißnassen Hände an der Hosennaht ab und spurtete geduckt auf den Eingang zu.
   Stettner suchte die Wartungsklappe, die der Junge benutzt hatte, und zwängte sich in den engen Schacht.

*

Tarp zündete sich eine Zigarette an und beobachtete durch ein Fernglas die staubigen Fenster der Verladestation.
   »Mach dir keine Sorgen wegen der Party morgen. Wir haben alles unter Kontrolle. Niemand wird von dem kleinen Zwischenfall erfahren.«
   Billinger wischte sich den Schweiß von der Stirn.
   »Ich hoffe für dich, du weißt, was du tust.«
   »Sag mal, welche Funktion hatte Dreyer im Betrieb inne?«
   »Er war unser Sprengmeister, wieso? Ist das wichtig?«
   Der Lehrling kehrte aus dem Hauptgebäude zurück und reichte Tarp eine Wasserflasche.
   »Ich muss Ihnen noch was sagen.«
   »Mach, dass du nach Hause kommst«, knurrte Billinger. »Und zu niemandem ein Wort, sonst kannst du dir deine Papiere abholen.«
   Der Junge beachtete ihn nicht. »Dreyer hat alles vermint. Er hockt da oben auf zwölf Kisten TNT. Ein Funke reicht aus, und der ganze Steinbruch geht hoch!«
   Tarp fuhr herum. «Warum hast du das nicht gleich gesagt, du Idiot?«
   »Sie haben mir ja nicht zugehört«, schrie der Junge. »Hier fliegt gleich alles in die Luft!«

*

Der Förderbandtunnel glich einem Schlauch aus Blech, der in steilem Winkel nach oben führte. Neben dem Transportband, das Basaltgestein in die Steinmühle im oberen Stockwerk der Verladestation beförderte, verlief ein schmaler Gitterroststreifen, auf dem Stettner sich nach oben vorarbeitete. Der Wartungsgang war so niedrig, dass er nur gebückt gehen konnte. Zehn Meter vor dem oberen Ende des Tunnels musste er schweißüberströmt eine Pause einlegen.
   Aus dem Maschinenraum über ihm drang eine heisere Stimme zu ihm herunter. Jemand schrie immer wieder Billingers Namen. Dreyer war offenbar stockbetrunken. Er fluchte über Billingers unersättliche Sexgier, nannte ihn ein Schwein und einen Tyrannen, der Gräbersberg seinen dreckigen Fuß in den Nacken stellte. Stettner presste sich flach auf den heißen Gitterrost und robbte lautlos weiter, bis er das Ende des Tunnels erreicht hatte. Bevor er einen Blick riskieren konnte, flog die Tür des Treppenhauses auf.
   Sawinski stürmte mit vorgehaltener Waffe in den Maschinenraum. »Fallen lassen! Auf den Boden runter! Auf den Boden!« Seine Stimme überschlug sich und ging in Dreyers irrem Lachen unter.
   Stettner zog seine Waffe und streckte vorsichtig den Kopf aus dem Tunnel. Sein aufgeheiztes Blut verwandelte sich in Eiswasser. Die Steinmühle bestand aus zwei tonnenschweren Stahlwalzen, die um eine zentrale Achse liefen. An die vordere Walze war ein glatzköpfiger Mann gefesselt. Er war leichenblass und schien kaum bei Bewusstsein.
   Dreyer saß auf einem Stapel Dynamitkisten. In einer Hand hielt er eine Stange TNT, in der anderen ein brennendes Benzinfeuerzeug. Ein Funke reichte aus, um sie alle auf der Stelle zu töten.
   »Fallenlassen! Lassen Sie den Sprengstoff fallen«, schrie Sawinski.
   Dreyer lachte kreischend und bückte sich ruckartig nach der Schnapsflasche, die vor ihm auf dem Boden stand. Sawinski drückte überhastet ab, aber aus der geringen Distanz konnte er nicht daneben schießen. Die Kugel drang in Dreyers Gehirn und tötete ihn augenblicklich. Das Feuerzeug flog in einem eleganten Bogen durch die Luft und landete in einer offenen Dynamitkiste.
   Stettner wirbelte in den Förderbandtunnel zurück. Die Detonation war so gewaltig, dass er sekundenlang keine Luft bekam. Das Holzdach des Turms hob ab wie eine Silvesterrakete, die Verankerungen des Förderbandtunnels rissen aus dem Beton und der Blechtunnel knickte ein wie ein Kartenhaus. Träge neigte sich die Stahlkonstruktion zur Seite und kippte. Stettner rutschte den Gitterroststeg hinunter und stürzte in einen der offenen Güterwaggons. Über ihm brach der Tunnel zusammen. Eine riesige Blechverkleidung krachte donnernd auf den Waggon, verkeilte sich und rettete ihm das Leben. Basaltbrocken, Mauerteile und Stahlträger prasselten auf das dicke Blech.

Irgendwann drang das Geheul eines Martinshorns durch das Pfeifen in seinen Ohren. Stettner kletterte aus dem Waggon und wankte durch ein Trümmerfeld. Die Explosion hatte weniger Schaden angerichtet, als er angenommen hatte. Außer dem Fachwerkturm der Verladestation schien der Steinbruch intakt. Blaulicht fetzte durch die einsetzende Dämmerung, mehrere Polizeifahrzeuge und ein Notarztwagen rasten über die Zufahrt.
   Tarp sprang um den tobenden Billinger herum wie ein grauhaariges Rumpelstilzchen. Der BMW des Kommissars war staubbedeckt und mit Beulen übersät, als wäre er durch einen Hagelschauer gerast.
   Stettner schüttelte den Kopf, um das Pfeifen und Klingeln in seinen Ohren zu vertreiben. Wo war Sawinski? Hatten Dreyer und die Geisel die Explosion überlebt? Das war mehr als unwahrscheinlich.
   Tarp fuhr herum und glotzte ihn an wie den einzigen Überlebenden eines Atombombenangriffs. »Verdammt, Stettner! Sie besitzen mehr Leben als eine Katze.«
   Der Polizist versuchte, zu antworten, hörte aber kaum seine eigene Stimme. Ausgepumpt ließ er sich auf der Motorhaube des BMW nieder.
   Tarp grinste mit der Kippe zwischen den Zähnen, als wäre das alles ein großer Spaß. »Sie sind draußen, Stettner. Endlich. Diese Aktion bricht Ihnen das Genick.«
   »Das war Ihre Aktion! Sie hatten den Oberbefehl. Sie haben Victor auf dem Gewissen!«
   »Ach tatsächlich? Sie waren es doch, der Sawinski zu diesem Selbstmordkommando angestachelt hat. Sie konnten ja das Eintreffen des SEK nicht abwarten. Tja, sieht schlecht für Sie aus. Ich hatte Sie Sawinski als Partner zugeteilt, weil Sie älter und erfahrener sind. Und was tun Sie? Sie lassen zu, dass er sich vor Ihren Augen in die Luft jagt.«
   »Sie verdammter Lügner!«
   »Passen Sie auf, was Sie sagen. Billinger hat bereits zu Protokoll gegeben, dass Sie eigenmächtig und entgegen meiner ausdrücklichen Anweisung die Verladestation gestürmt haben. Wenn ich um Ihre Waffe und den Dienstausweis bitten darf? Und zerkratzen Sie mir nicht den Lack, der andere Trottel hat bereits Schaden genug angerichtet.«
   Was Stettner nun tat, war unvermeidlich. Irgendwann musste es passieren, und der Augenblick war da. Er schnellte vor und ließ seine Faust auf Tarps Nase krachen. Durch die Wucht des Schlages stolperte der Kommissar zurück und fiel in den Staub. Er presste die Hand auf die zerschlagene Nase, um den Blutschwall zu stoppen.
   »Das war’s, Stettner«, sagte Tarp. »Sie hätten mir keinen größeren Gefallen tun können. Sie sind erledigt.«
   Stettner achtete nicht mehr auf ihn. Aus den Augenwinkeln nahm er verschwommen wahr, wie zwei Sanitäter mit einer aufblasbaren Trage auf den Notarztwagen zuliefen. Auf der Bahre schaukelte ein blutiges Bündel, in dem er mit Mühe Sawinski erkennen konnte. Offenbar glomm noch ein schwacher Lebensfunken in ihm. Er wankte zu dem verbeulten weißen Ford und fuhr los, um Sawinskis Frau zu erklären, warum ihr Mann heute nicht nach Hause kommen würde. Anschließend musste er sich einen neuen Job suchen.

3

Hätte Sammy ihre Show vor vierhundert Jahren auf einem Jahrmarkt abgezogen, wäre sie auf dem Scheiterhaufen gelandet. In diesem abgeschiedenen Nest zwischen den schroffen Hügeln des Westerwalds sah ihr noch nicht mal der pensionierte Dorfpolizist auf die Finger. Die Polizeistation in der Ortsmitte existierte seit einem Jahr nicht mehr. Inzwischen bot ein Friseur in dem Backsteingebäude seine Dienste an. Was die Beschaffung und Weitergabe von Informationen anbelangte, so arbeitete er ungemein effizienter als die Polizei.
   Samantha Baring mischte sich aus einem einzigen Grund unter die geladenen Gäste. Sie hatte den verdammten Koffer im Fluss verloren und sie brauchte Geld. Vermutlich hatte die Strömung ihn bereits flussabwärts gespült – wenn das Wiesel die Beute nicht geborgen hatte. Sie musste davon ausgehen, dass sein Kumpel das Bad in der Lahn überlebt hatte und die beiden Diebe ihr wahrscheinlich längst auf den Fersen waren. Sie wussten jetzt, dass Sammys kleiner Trick wertvoller war, als die aufgeweichten Scheine, die dem Rhein entgegentrieben. Sie brauchte Geld, eine Menge Geld, und das möglichst schnell. Die Welt war groß und bunt und der Boden in Bad Ems wurde ihr entschieden zu heiß unter den Füßen.
   Ihr erstes Opfer an diesem Abend war kein großer Fang, eher eine Fingerübung, um sich einzustimmen und die Sinne zu schärfen. Sie warf einen Blick hinauf zu der Villa mit dem überdachten Vorbau aus Basaltsäulen. Hans-Peter Billinger, Chef des einzigen Betriebes von Bedeutung in der Umgebung von Gräbersberg, feierte seinen fünfzigsten Geburtstag. Er bewirtete im Hof großzügig seine Belegschaft, deren Angehörige, und alle Bewohner des Dorfes, die Lust verspürten, mit ihm zu feiern. So gut wie alle Einwohner des Ortes waren gekommen. Im Umkreis lebte niemand, der nicht in irgendeiner Form von Billinger abhängig war. Niemand wagte es, sich seinen Unmut zuzuziehen, zumal sich der ungekrönte König von Gräbersberg heute überaus freigebig zeigte.
   Brot und Spiele, dachte Sammy angewidert. Das Brot verteilte er in Form von Bier und billigen Grillkoteletts an das arbeitende Volk, während die Spiele den lokalen Größen aus Politik und Wirtschaft vorbehalten blieben. Die Tische bogen sich unter der Last von Fleischplatten, Salatschüsseln und Suppenkesseln.
   Hinter dem Cateringstand führte eine Nebeneingangstür zum Wellnessbereich im Kellergeschoss der Villa. Dort in dem großen, beheizten Pool schwammen die wirklich dicken Fische. Angespannt wartete Sammy auf eine Gelegenheit, in die dekadente Welt jenseits der Säulen eintauchen zu können.
   Kurz entschlossen hatte sie den Job als Aushilfskellnerin angenommen. Weniger, um ihr Versprechen einzulösen, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen, sondern weil sie auf diese Weise ausreichend Gelegenheit für neue Diebeszüge erhielt.
   Sie stellte das Tablett mit den leeren Schnapsgläsern ab und griff nach der Hand des Ortsbürgermeisters, dem die sanfte Berührung nach acht Gläsern Bier vermutlich ein unverhofftes Kribbeln durch den Unterleib jagte. Sammy ließ sich neben Jakob Gonsbach auf die Holzbank fallen und achtete darauf, dass ihr Schenkel seine Hüfte streifte. Bevor sie ihn ansprach, spulte sie die Informationen ab, die sie über Gonsbach zusammengetragen hatte. Ende fünfzig, geschieden, zwei erwachsene Kinder, ein Drittes war mit einer Überdosis Heroin in den Venen vom Dach eines Parkhauses gesprungen. Er war Zigarrenraucher, Liebhaber alter Traktoren und jeden Samstagabend sternhagelvoll. Mit gespieltem Interesse studierte sie die tief eingegrabenen Linien in seiner Handfläche.
   »Was wird das? Wollen Sie kontrollieren, ob ich mir vor dem Essen die Finger gewaschen habe?«, fragte er scherzend.
   Sammy ignorierte das Gelächter ringsum.
   »Einer Umfrage zufolge glaubt jeder Zweite an das Übersinnliche – Kartenlegen, Wahrsagen und Horoskope.« Leicht besorgt runzelte sie die Stirn, als hätte sie in seiner Hand ein bedrohliches Schicksal entdeckt. »Es kann nie schaden, wenn man weiß, was auf einen zukommt. Finden Sie nicht auch?«
   »Wir stehen in Gräbersberg fest auf dem Boden der Tatsachen«, antwortete Gonsbach.
   Mehrere Gäste nickten heftig und prosteten ihm mit ihren Bierkrügen zu.
   Sammy pustete eine vorwitzige blonde Locke aus der Stirn. »Wir werden sehen. Meine Großmutter war ein bekanntes Medium.«
   »Iss nich lang her, da ham wir hier noch Hexen verbrannt. Ein paar heiße Kohlen liegen bestimmt noch aufm Grill«, lallte ein Mann, dessen Adamsapfel beim Sprechen wie ein Tennisball auf und ab hüpfte.
   Gelächter auf den Bänken.
   »Mach schon Jakob! Oder hast du Angst, sie findet was raus, das wir nich hören solln?«
   Sie achtete nicht auf die gaffenden Männer und umfasste mit beiden Händen Gonsbachs Rechte. »Konzentrieren Sie sich. Denken Sie sich eine zweistellige gerade Zahl zwischen fünfzig und hundert. Die beiden Ziffern dürfen nicht identisch sein – also keine achtundachtzig.« Sie zwinkerte ihm zu. »Ich wette, ich kann Ihre Wahl vorhersagen.«
   Gonsbach griff mit der freien Hand nach seinem Bierglas. »In Ordnung. Schieß los.«
   Sammy blinzelte, schloss die Augen und streckte Gonsbach ihre halb geöffneten Lippen entgegen. Der zarte Vanilleduft ihres Parfums und ihre verlockende Nähe verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie hob die Lider einen Spalt und studierte blitzschnell die verräterischen Einzelheiten an seiner Haltung, der Kleidung, seine Gesten und kleinste Veränderungen in seinem Mienenspiel. »Achtundsechzig«, sagte sie leise in sein Ohr.
   Gonsbach verschluckte sich an seinem Bier, prustete und riss überrascht die Augen auf. »Das gibt’s doch nicht. Wie hast du das herausgefunden?«
   Sie lächelte zufrieden und zeichnete spielerisch mit dem Finger die Linien in seiner Handfläche nach. »Wollen Sie noch mehr erfahren? Ich sage Ihnen doch, ich kann sehen, was die Zukunft bringt.«
   Aufgeregt wischte sich Gonsbach den Bierschaum von den Lippen und schenkte ihr seine ganze Aufmerksamkeit.
   Sammy verkniff sich ein Grinsen. Es war so leicht, die Leute reinzulegen. Vor allem, wenn man über eine angeborene Intuition verfügte, die im entscheidenden Moment wie ein Laserscanner funktionierte, der die innere Welt ihres Opfers las wie einen Strichcode.
   Der Mann mit dem hüpfenden Adamsapfel schlug sich krachend auf die Schenkel. »Pass bloß auf, Jakob! Die verrät uns noch, in welchem Puff du gestern Nacht wieder rumgehurt hast.«
   Diesmal machte das einsetzende Gelächter Gonsbach sichtlich nervös. Er wirkte verwirrt und ein wenig ängstlich, aber gleichzeitig wissbegierig, ob Sammy tatsächlich etwas über seine Zukunft herausfinden konnte. Kurz, er zappelte wie ein Karpfen an der Angel; nicht so fett wie die Fische in Billingers Pool, aber dennoch eine lohnende Beute.
   Vor Sammys Augen liefen im Zeitraffer die gesammelten Eindrücke ab; die schlecht gebügelte braune Hose, die beiden Knöpfe an seinem kariertem Hemd, die nicht zueinanderpassten, der überraschte Blick, als sie sein Handgelenk berührt hatte, in dem Verlangen und eine versteckte Traurigkeit gelegen hatten. Nun musste sie ihr Wissen nur noch in allgemeingültige Sätze formen, Aussagen, wie sie in den Horoskopen der Tageszeitungen zu finden waren und in denen sich jeder in irgendeiner Form wiederfand.
   »Mach es nicht so spannend«, rief der hüpfende Adamsapfel.
   Sammy lächelte geheimnisvoll und beugte sich vor, bis ihre Nasenspitze beinahe Gonsbachs Wange berührte.
   »Du hast jemanden verloren, der dir nahe stand, sehr nahe«, sagte sie leise, »aber deine Einsamkeit wird bald vergehen. Da gibt es eine Frau, die ein Amt bekleidet wie du, ein wichtiges Amt, das sie ernsthaft und mit Freude ausfüllt. Sie wird deine Zuneigung erwidern, wenn du die richtigen Worte findest. Du wirst sie finden, denn ihr seid Seelenverwandte. Es gibt noch mehr, was ich dir verraten könnte, aber manchmal ist es nicht gut, zu viel über die eigene Zukunft zu wissen. Du weißt nun genug, um deinen Weg zu gehen.«
   Rasch zog sie sich zurück und wartete auf seine Reaktion. Manchmal irrte sie sich in der Einschätzung eines Menschen, aber das kam selten vor. Trotzdem blieb der Augenblick des Wartens ein Nervenkitzel.
   »Was hat sie dir ins Ohr geflüstert, Jakob? Du bist ja ganz rot geworden.«
   Die meisten Männer im Umkreis waren bereits angetrunken und hätten nur allzu gern mit Gonsbach getauscht.
   »Halt die Schnauze, Ferger.« Gonsbach drehte sich zu ihr um. »Geht das auch konkreter?«
   Sie legte den Kopf schief. »Mal sehen. Wie wär’s mit etwas Zahlenmagie?«
   Gonsbach angelte den Bierkrug vom Tisch und trank ihn in einem Zug aus. »Von dir lasse ich mich jederzeit verzaubern.«
   Innerhalb weniger Minuten kannte Sammy seine Lieblingszahlen, sein Geburtsdatum sowie dass seiner geschiedenen Frau. Außerdem eine Reihe vielversprechender Informationen, wie das Datum seines Hochzeitstages, seine Schuhgröße und die Ziffern auf dem Nummernschild seines Wagens. Sie bat ihn, drei vierstellige Zahlenfolgen zu nennen, die er für bedeutsam in seinem Leben hielt. So filterte sie die Zahlen heraus, die aller Wahrscheinlichkeit für Gonsbach die größte Wichtigkeit besaßen. Ohne es zu ahnen, hatte er ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit die Geheimzahlen seiner Kreditkarten und die PIN-Nummer seines Mobiltelefons verraten. Sie besaß ein gut trainiertes Erinnerungsvermögen und legte die Zahlenkombinationen in einem Winkel ihres Gedächtnisses ab wie im Speicher eines Computers. Um die Kreditkarten würde sie sich später kümmern. Sie gehörten zum zweiten Teil ihrer Masche. Im Augenblick wusste sie genug über ihn, um ihm nun von einer Zukunft zu berichten, nach der er sich sehnte. Dabei genoss sie das berauschende Gefühl, ihn mit einem Fingerschnippen dirigieren zu können wie einen folgsamen Hund.
   Das Klirren zerbrechender Biergläser zerstörte die Magie des Augenblicks.
   »Samantha! Ich unterbreche deinen Plausch nur ungern, aber wäre es möglich, dass du zur Abwechslung mal arbeitest?«
   Sammy zwinkerte dem paralysierten Bürgermeister zu. »Tut mir leid. Wir sollten ein anderes Mal weitermachen.« Sie schnappte sich das Tablett mit den leeren Gläsern und eilte zum Cateringstand hinüber.
   Sylvie kehrte bereits die Scherben zusammen. Ihre weiße Schürze war am Rand eingerissen, in ihrem feuerroten Gesicht spiegelten sich Zorn und Empörung.
   Margot, Sammys Chefin, stellte ein neues Tablett mit Champagnergläsern und einer Auswahl an Longdrinks zusammen.
   Sylvie warf einen ängstlichen Blick auf das Tablett. »Ich geh da nicht wieder rein.«
   »Was ist passiert?«, fragte Sammy.
   »Stell dich nicht so an. So viel Trinkgeld an einem Abend kannst du den ganzen Sommer lang nicht mehr kassieren«, schimpfte Margot.
   Sylvie knallte die Schaufel auf den Holztisch. »Ich lass mich nicht begrapschen wie eine Nutte.«
   Vorsichtig nahm Sammy das Tablett mit den Drinks auf. »Ist schon okay. Ich gehe. Mir macht das nichts aus.«
   Bevor Margot sie zum Spülen abkommandieren konnte, war Sammy durch den Nebeneingang in die Villa geschlüpft. Es war kurz vor halb zwölf, nicht mehr weit bis Mitternacht. Während sich der Hof von Billingers Villa allmählich leerte, begann im Kellergeschoss hinter verschlossenen Türen die eigentliche Party.
   Sammy stieß die Milchglastür auf und balancierte das Tablett in den Wellnessbereich. Ihr stockte der Atem. In der Agentur, die das Fest für Billingers Geschäftsfreunde ausrichtete, kursierten wilde Gerüchte, die sie für Aufschneidereien gehalten hatte. Die Wirklichkeit war jedoch weitaus beeindruckender als das Geschwätz der Leute. Das glitzernde Wasser im Pool erstreckte sich über eine Länge von fünfundzwanzig Metern und wurde vom Feuerschein dutzender Fackeln erleuchtet. Auf den seichten Wellen tanzten Rosenblüten und Seerosen. Die Organisatoren hatten den Poolbereich in die Kopie eines römischen Festsaals verwandelt. Entlang des Schwimmbeckens reihten sich Säulenattrappen aneinander. An den Wänden standen Ruheliegen und täuschend echte Nachbildungen römischer Statuen, die ausschließlich erotische Motive darstellten. Der gekachelte Boden war mit exotischen Tierfellen ausgelegt. Durch geschickte Aufteilung hatte man an eine Reihe von Separees geschaffen, die mit roten Seidenvorhängen vom Poolbereich abgetrennt waren. Aus einem dieser Separees trat in diesem Augenblick eine der schönsten Frauen, die Sammy je gesehen hatte. Sie war nur mit einem durchsichtigen Schleier bekleidet, der keinen Platz mehr für Fantasie ließ.
   »Was glotzt du so?«
   Sammy fuhr herum.
   Der Mann mit dem eisgrauen Haar hatte sich unbemerkt angeschlichen. Er war von kleiner, ausgezehrter Statur und paffte nervös eine Zigarette. Sie spürte sofort, dass sie ihn nicht mit ihren Wahrsagertricks beeindrucken konnte.
   »Stell das Tablett ab und mach, dass du rauskommst.«
   Fieberhaft suchte Sammy nach einer Möglichkeit, an Billinger heranzukommen. Aus dem Separee hinter ihr drangen Geräusche, die sie an das Grunzen eines Wildschweins erinnerten. Jemand schrie ängstlich auf. Eine klatschende Ohrfeige ließ die helle Frauenstimme verstummen.
   Bevor Sammy das Tablett abstellen konnte, riss ein untersetzter Mann mit feuerrotem Haar den Vorhang zur Seite. Grob zerrte er ein Mädchen von knapp zwanzig Jahren hinter sich her und stieß es in den Swimmingpool. Sie schluckte Wasser und paddelte ungeschickt auf den Beckenrand zu. Der Dicke torkelte grinsend an den Pool heran und trat nach der Hand des Mädchens, das sich Halt suchend an die rutschigen Kacheln klammerte.
   »Ungeschicktes Luder«, lallte er.
   Sie ging unter und tauchte nach Luft ringend wieder auf. Der Dicke hob seinen Fuß und versuchte torkelnd, den Kopf des Mädchens zu treffen.
   Sammy schaltete blitzschnell.
   »Möchten Sie einen Drink? Pina Colada, Tequila oder einen Manhattan?«
   Erregt drehte er sich um und prallte mit Sammy zusammen. Die Gläser fielen klirrend auf die Bodenfliesen, das Tablett landete im Pool.
   »Was will die hier?«, sagte er und schnaufte.
   »Bedienung«, antwortete der Grauhaarige.
   Achtlos warf er seine Kippe auf den Boden und trat sie mit der Schuhspitze aus. »Hol neue Getränke und stell dich beim nächsten Mal nicht so dämlich an.«
   Sammy achtete nicht auf ihn. Der Dicke musste Billinger sein – er hatte das Kommando, bezahlte die Party und führte sich auf wie ein Schwein, weil er es sich leisten konnte. Wie die meisten männlichen Gäste trug er eine alberne venezianische Maske, die die Augenpartie bedeckte und nur die wulstigen Lippen freiließ. Von seinem Hinterkopf standen die roten Haare ab wie die Stacheln eines Igels.
   »Ich biete mehr Service als abgestandene Drinks«, sagte Sammy herausfordernd.
   Der Grauhaarige streckte die Hand aus und packte sie an der Schulter. »Ich schmeiß sie raus.«
   »Nein, warte.«
   Der Mann, in dem Sammy Billinger vermutete, zog die Lippen in die Breite und zeigte blendend weiße Zähne, die künstlich aufgehellt waren – ein sicheres Zeichen von Geld, viel Geld.
   »Ich bin sicher, die Dame ist eine Bereicherung für unser Fest. Besorg uns was zu trinken.«
   Im Mundwinkel des Grauhaarigen zuckte ein Nerv. Einen Moment lang schien es, als wollte er sich widersetzen, aber dann eilte er wortlos auf den Ausgang zu.
   »Das ist nur unser Wachhund«, erklärte Billinger vergnügt. »Er macht sich gern wichtig.« Grob riss er den Vorhang des Separees zur Seite. »Hau ab, du langweilst mich«, rief er einem Mädchen zu, das sich nackt auf einem Wasserbett rekelte.
   Auch seine Schönheit verschlug Sammy den Atem. Wie konnte sich ein Mann mit einem solchen Spielzeug langweilen? Die Prostituierte streifte einen Bademantel aus blauer Seide über und verschwand wie ein Schatten in der Sonne.
   Billinger begaffte Sammy geil. »Bist nicht so prüde wie deine Kollegin«, stellte er fest.
   «Abwarten.« Sie setzte sich probeweise auf das Wasserbett. Ihr Herz trommelte einen schnellen Wirbel gegen ihre Brust. Das gefährliche Spiel erregte sie und flößte ihr zugleich Angst ein.
   Der Vorhang raschelte. Plötzlich stank es durchdringend nach kaltem Zigarettenrauch. Billinger nahm von dem Grauhaarigen ein Tablett mit Champagnerkelchen entgegen, stellte es auf eine niedrige Marmorsäule und reichte Sammy ein Glas. Seine Hand zitterte leicht. Champagner spritzte über den Rand des Kelches und perlte über seinen Handrücken.
   »Ich hasse diese engen Separees, man bekommt kaum Luft.« Er kicherte wie ein kleiner Junge. »Aber was soll ich machen? Meine Gäste legen Wert auf Privatsphäre.«
   Er trank das Glas in einem Zug aus und stellte es auf das Tablett zurück. »Heute ist dein Glückstag. Du kannst in einer halben Stunde mehr verdienen als mit deinem Kellnerinnenjob in einem ganzen Monat.« Gierig streckte er die Hand nach Sammys Oberschenkel aus. »Das Kapital dazu bringst du mit. Du bist so … lebendig. Nicht so kalt wie die Scheißnutten da draußen.«
   Wie fette, schleimige Schnecken ließ Billinger seine Finger über Sammys nackten Schenkel langsam nach oben kriechen. Er schwitzte, sein Atem ging stoßweise und stank nach Fisch und Alkohol.
   Sammy bezwang die aufsteigende Panik und schob seine Hand zur Seite. »Nicht so hastig. Lass uns erst ein Spiel spielen.«
   Jemand zog den Vorhang zur Seite. Eine üppige Brünette streckte den Kopf in das Separee.
   »Raus«, brüllte Billinger.
   Sammy nutzte die Ablenkung, um von ihm wegzurücken. Die Spannung des Augenblicks war zerstört. Schnaufend drehte er sich nach ihr um und stürzte ein zweites Glas Champagner hinunter.
   Sie strich über seine Lippen und leckte sich den Finger ab. »Ich kann dir deine Zukunft vorhersagen.«
   Er lachte dröhnend. »Mich interessiert eher die Gegenwart.« Er streckte seine behaarte Hand nach ihrem blonden Lockenschopf aus und zog ihren Kopf zu sich heran. Sein Griff war eisenhart und fordernd. Durch die Öffnungen der Maske wirkten seine grauen Augen unnatürlich vergrößert.
   Sammy erschrak. In ihnen lauerte nicht nur Herrschsucht, sondern auch die unstillbare Leidenschaft nach Grausamkeit und der zwanghafte Drang, Menschen zu quälen und ihnen Schmerzen zuzufügen.
   Sie setzte ihren ganzen Charme ein. »Lass es mich versuchen. Das ist mein Preis.«
   Unwillig zuckte er mit dem Mundwinkel. »Na schön.«
   Sammy zog ihre Show ab.
   Billinger wählte die Achtundsechzig und gab ein verblüfftes Grunzen von sich. Seine Neugier war geweckt. Sammy beging mehrere Fehler, weil ihre Gedanken sich bereits mit einem möglichen Fluchtweg beschäftigten. Dennoch hatte er ihr nach zehn Minuten vier Zahlenkombinationen verraten. Was sie tatsächlich wert waren, würde sich später erweisen.
   Er stürzte einen Alligator hinunter, in den reichlich Curacao gemixt war, und knöpfte sich das Hemd auf.
   Es wurde Zeit für Sammy, das Spiel mit dem Feuer zu beenden. Doch bevor sie reagieren konnte, presste er sie auf das Wasserbett. Sie glaubte, zu ersticken, als sich der Hundert-Kilo-Koloss auf sie wälzte. Angewidert spürte sie seine verschwitzten Hände auf ihrer Haut.
   »Schluss mit der Fragerei. Jetzt … zeige … ich dir ein Spiel.«
   Umständlich nestelte er an seiner Hose herum.
   Sie geriet in Panik und versuchte, sich unter ihm hervorzuwinden.
   Billinger krallte seine Finger um ihren Hals und drückte sie auf das gluckernde Wasserbett. Panisch versuchte sie, sich an seinen schwachen Punkt zu erinnern. Er hatte deutlich verraten, wovor er sich fürchtete, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Er zerrte an ihrem Slip und trieb seine Fingernägel tief in ihr Fleisch. Wovor fürchtete sich dieser mächtige und rücksichtslose Mann? Denk nach! Ihr Kopf fühlte sich leer und taub an, vor ihren Augen tanzten bunte Flecken. Sie hatte gewusst, dass es irgendwann schiefgehen würde. Aber noch war der Tag nicht gekommen. Plötzlich sah sie Billingers größte Furcht klar vor sich.
   »Wenn du deine fettigen Finger nicht von mir nimmst, werden sie dich in eine Zelle stecken und die Tür zumauern; in eine verdammt kleine Zelle, so klein, dass du dich nicht umdrehen kannst und ersticken wirst wie ein fetter Wal, den das Meer an den Strand gespült hat!«
   Billinger gab ein ersticktes Kieksen von sich. Die venezianische Maske war verrutscht und entblößte einen Teil seiner Wangen. Er war plötzlich kreidebleich geworden. Kraftlos rutschte er vom Wasserbett und stieß im Fallen das Tablett um. Die Champagnerkelche zerbrachen klirrend.
   »Verfluchte Hexe.«
   Schwankend kam er auf die Beine, riss den Vorhang aus den Halteringen und stürmte nach Luft ringend hinaus.
   Hastig notierte sie auf ihrem Schreibblock die Zahlenkombinationen, die er ihr verraten hatte. Als sie sich umdrehte, erschrak sie. Sie war nicht allein.
   Eins der Callgirls blickte ihr über die Schulter. Sie war etwa so groß wie Sammy und von zierlichem Körperbau. In das glänzende pechschwarze Haar waren Dutzende Rastazöpfe geflochten, über der rechten Braue trug sie einen kleinen goldenen Piercingring. Neugierig blickte sie Sammy mit ihren leicht schräg stehenden Augen an. »Coole Nummer.« Sie warf einen raschen Blick auf den Schreibblock in Sammys Hand. »Kann mir denken, was du damit vorhast.«
   »Was willst du?«
   »Ich hab euch belauscht. Bring mir bei, wie du das anstellst. Ich besorge uns ein paar Typen, die wir ausnehmen können. Davon gibt’s hier jede Menge.« Ihre Lippen bewegten sich lautlos, als sie die Zahlen ablas. »Funktioniert das wirklich?«
   »Ja.«
   »Machs noch mal!«
   »Warum sollte ich?«
   »Weil ich Billinger sonst deinen kleinen Trick verrate.«
   Sammy ließ ihre Blicke durch den Raum wandern. Irgendwie musste sie das Mädchen loswerden.
   »Der da.« Sie deutete mit dem Kinn auf einen untersetzten Mann um die fünfzig, der einen schlecht sitzenden Anzug trug und sich in eine Ecke drängte. Mit lüsternen Blicken begaffte er die halb nackten Prostituierten, die im Pool planschten. Er sah ganz so aus wie jemand, der gern einen Blick in die Zukunft werfen wollte.

4

»Seit einer Stunde starrst du die Villa an wie ein Straßenköter den Vollmond. Hast du Angst, Billinger brennt mit der Portokasse durch? So wie Berg-
   mann?« Schwickert lachte und trank sein Bier in einem Zug aus.
   Außer dem Betriebsmeister kannte Pohlmann niemanden, der einen halben Liter Bier durch die Kehle laufen lassen konnte, ohne einmal schlucken zu müssen.
   »Vielleicht ärgert er sich, weil er das Beste verpasst«, sagte Meinbach. »Aber so ist das. Wir am Ende der Nahrungskette tragen billiges Bier zur Pissrinne, und die da oben«, er deutete mit seinem Glas auf Billingers Villa, »die da oben saufen Champagner aus Damenschuhen.« Zur Bestätigung rülpste er.
   Mit einem neuen Pils in der Hand prostete Schwickert seinen Kollegen zu. »Lieber saufe ich Bier auf Billingers Kosten als Sekt aus den Latschen meiner Alten.«
   Die Umstehenden am Bierrondell brachen in schallendes Gelächter aus.
   Pohlmann wandte sich angewidert ab. Billinger verstand es, den Pöbel ruhigzustellen. Rollte jemand ein Bierfass über den Hof, stellten sie das Denken ein.
   Meinhard tippte ihm auf die Schulter. »Wieso gehörst du nicht zum erlauchten Zirkel, Heiko? Immerhin bist du der zweite Mann im Betrieb.«
   »Iss schlieessslich ver … verheiraded«, lallte Schengler.
   Wütend drehte sich Pohlmann um. »Was glaubt ihr eigentlich, was da drin läuft?«
   Schwickert kicherte und machte eine eindeutige Handbewegung. Die anderen lachten grölend.
   Pohlmann trank sein Bier aus und knallte das Glas auf den Tresen. »Es geht auch um eure Arbeitsplätze, schon vergessen? Nach der Katastrophe im Steinbruch gestern kann es für uns alle überlebenswichtig sein, potenzielle Geldgeber bei Laune zu halten. Seid froh, dass Billinger euch die Arbeit abnimmt.«
   »In seinem Pool würde ich jetzt gern Überstunden schieben«, sagte Schwickert.
   »Schieben ist gut!«
   Die anderen fielen in sein Gelächter mit ein.
   Missmutig schlenderte Pohlmann zu dem großen Schwenkgrill in der Mitte des Hofes hinüber. Arndt Kirchner drehte die restlichen verschrumpelten Bratwürste um. Als er Pohlmann sah, öffnete er mit seinem Feuerzeug eine Bierflasche und bot sie ihm an.
   »Du machst ein Gesicht, als plante Billinger, uns am Montag alle rauszuschmeißen.«
   »Billinger!« Pohlmann nahm die Flasche und blickte hasserfüllt zur Villa hinüber.
   »Was geht da drin ab?«, fragte Kirchner.
   »Was immer läuft. Verbindungen knüpfen und Rädchen im Getriebe schmieren. Er fährt mit allen Schlitten, die ihm quer kommen.«
   »Das hat Bergmann auch gemacht.«
   »Wir haben den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.«
   Kirchners Miene verdüsterte sich. »Halt bloß die Schnauze und hör mit der Sauferei auf. Geh nach Hause und leg dich ins Bett, bevor du zu viel quatschst.« Er runzelte die Stirn. »Wo ist eigentlich Susanne?«
   Pohlmann trank das kalte Bier in großen Schlucken. »Bei ihrem Vater in Bad Ems. Kann sein, dass er die Nacht nicht übersteht.« Noch immer schaute er auf den gelben Lichtschimmer, der aus den Fenstern des Anbaus mit dem Swimmingpool drang. Sie war dort drin. Was trieb Billinger in diesem Moment mit ihr? Er konnte mit ihr tun und lassen, was er wollte. Schließlich war das ihr Job und Billinger hatte dafür bezahlt.
   Seine Gedanken rasten. Er konnte sich unter einem geschäftlichen Vorwand unter die Gäste mischen oder vorgeben, Unterlagen aus seinem Büro holen zu müssen. Aber Billinger würde sein Spiel durchschauen und ihn rausschmeißen. Und es würde ihm Spaß machen, seine Macht zu demonstrieren. Billinger, der König von Gräbersberg.
   Er steckte die leere Flasche in den Kasten zurück. »Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass alle guten Dinge drei sind?«
   »Denk nicht mal dran. Du solltest wirklich besser nach Hause gehen«, antwortete Kirchner stirnrunzelnd.
   Pohlmann ballte die Fäuste und grub seine Fingernägel in die Handflächen, bis ihn der Schmerz zur Besinnung brachte. Kirchner hatte recht. Noch achtundvierzig Stunden, und dieser elende Flecken Gräbersberg konnte seinetwegen in einem Loch im Westerwälder Basaltboden verschwinden. Dann war er weit fort.
   »Bis Montag«, sagte er und wandte sich zum Gehen.
   Auf der Wiese neben dem Hof hatten Helfer am Morgen ein Zelt zum Schutz vor Regen aufgebaut, aber die Vorsicht war unbegründet gewesen. Die Wucht der Gewitter der vergangenen Tage war abgeflaut und der Boden staubig und knochentrocken. Pohlmann befand sich auf halbem Weg zwischen dem Zelt und dem schmiedeeisernen Tor in der Einfassungsmauer, als ihm eine schlanke Gestalt in die Arme lief. »Nadine!«
   Seine sechzehnjährige Tochter wirkte verstört. Ihre Jeans waren mit Grasflecken übersät, ihr T-Shirt an der Seite eingerissen.
   »Was ist passiert?«
   »Ni … nichts. Ich bin im Dunkeln gestolpert. Das ist alles. Ich … geh jetzt nach Hause … ist schon spät.« Sie fuhr sich nervös durch die braunen Haare.
   »Stimmt was nicht?«
   »Nee, alles okay.«
   »Nadine, warte doch. Hast du einen Schlüssel?«
   Sie nickte und beschleunigte ihre Schritte.
   Pohlmann blickte sich misstrauisch um. Er war mit Ärger und Zorn über Billingers Großmannssucht aufgeheizt und suchte nach einem Ventil, um den Druck abzulassen.
   Im Zelt saßen nur noch vier Männer – der harte Kern der schlimmsten Säufer von Gräbersberg. Keiner von ihnen sah aus, als könne er noch ohne fremde Hilfe stehen. Pohlmann wandte sich nach rechts in die Richtung, aus der Nadine gekommen war. Nach wenigen Metern stieß er auf Billinger. Der massige Mann pinkelte im Schein einer Solarleuchte schnaufend gegen die Mauer.
   »Was war hier los?«, fragte Pohlmann.
   Billinger grunzte, zog den Reißverschluss hoch und drehte sich um. Auf seiner Wange glühte ein blutiger Kratzer.
   »Wonach sieht’s denn aus? Kümmere dich um die Abrechnung der Cateringfirma. Und pass auf, dass die Weiber dich nicht bescheißen.«
   Pohlmann trat ihm in den Weg. »Was hast du mit Nadine gemacht? Wenn du ihr ein Haar gekrümmt hast, …«
   Billinger beugte sich schwankend vor. Sein saurer Atem strich über Pohlmanns Gesicht. »Was dann? Merk dir eins, Heiko. Ich nehm’ mir, was mir passt und ihr könnt nichts dagegen tun, gar nichts.« Er drehte sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis. »Ich hab euch alle in der Hand.« Er lachte kollernd, verschluckte sich und spuckte aus. »Ich brauche bloß zuzudrücken, um einen von euch zu zerquetschen, wenns mir gefällt.« Er grinste anzüglich. »Deine Kleine ist ne ganz Wilde. Aus der wird mal was.«
   Pohlmann schnellte vor und stieß Billinger vor die Brust. Der dicke Mann taumelte überrascht zurück und prallte mit dem Rücken gegen die Mauer.
   »Lass deine Finger von dem Mädchen!«
   Billinger tastete nach dem brennenden Kratzer in seinem Gesicht. »Treib’s nicht zu weit, Heiko. Ich lasse euch alle hochgehen.«
   »Du hängst genauso mit drin wie wir.«
   Billinger gewann seine Selbstsicherheit zurück und versetzte Pohlmann seinerseits einen Stoß. »Ich habe mit der alten Geschichte nichts zu tun. Niemand wird mich belangen, hörst du? Niemand! Mach deine Arbeit und halt die Schnauze, sonst schnapp ich mir deine Alte und vögle sie richtig durch. Wie man hört, hat sie es bitter nötig.«
   Pohlmann kochte vor Wut. »Wenn du Nadine noch einmal anrührst, werde ich …«
   »Was dann?« Billinger verpasste ihm eine klatschende Ohrfeige und stieß ihn vor die Brust. »Nichts wirst du tun! Gar nichts! Weil du genauso ein Schlappschwanz bist wie die anderen im Dorf. Du wirst das Maul halten, oder ich schmeiß dich raus.« Er schwankte und stützte sich Halt suchend an der Mauer ab. »Euch alle schmeiß ich raus. Mach den Laden dicht und hau ab nach Thailand. Da unten ficke ich mir dann das Hirn aus dem Kopf … so wie Bergmann.« Er kicherte wie über einen gelungenen Streich.
   »Solche Drohungen können in Gräbersberg böse enden.«
   »Undankbares Pack!« Billinger spie ihm vor die Füße. »Ohne mich gehen in diesem Nest die Lichter aus. Nie hätte ich hierher zurückkommen sollen. Ich bin dein Gejammer leid. Du bist gefeuert. Pack am Montag deinen Kram und lass dich in der Firma nicht mehr blicken.«
   »Du kannst mich nicht entlassen!«
   Billinger tastete sich an der Mauer entlang, bis sein feistes Gesicht von der Dunkelheit verschluckt wurde. Er rülpste und torkelte zur Villa zurück. »Ach, leck mich am Arsch!«
   In Pohlmanns Kopf drehte sich alles. Sein Magen rebellierte. Er wandte sich zur Mauer und übergab sich explosionsartig. Beinahe hätte er alles versaut. Noch achtundvierzig Stunden musste er die Nerven behalten, dann lag das alles hinter ihm. Sollte Billinger ihn doch entlassen, wenn er wollte. Dann war er längst weit fort. Keine Minute länger als nötig würde er in diesem verlogenen Kaff bleiben. Denn dann würde etwas Schreckliches geschehen, etwas Unvorhersehbares, etwas, das Billinger, den Ort, und alle, die darin lebten, in einen Mahlstrom aus Blut hinabreißen würde.

5

Seit ihrer Begegnung mit Billinger war Sammy fahrig und unkonzentriert, dennoch erschlich sie sich drei weitere Geheimnummern von Kreditkarten.
   Jana folgte ihr wie ein unsichtbarer Schatten. Sie arbeitete wie die anderen Mädchen für die Agentur Eyes-wide-shut, die die extravagante Party organisiert hatte. Mit der atemberaubenden Figur und den pechschwarzen Rastazöpfen machte sie jeden Mann auf der Party verrückt.
   Sammy hatte geglaubt, den Trick zu beherrschen, wie man Männer um den Finger wickelt. Aber seit sie Jana bei der Arbeit beobachtete, wurde ihr klar, dass sie noch viel lernen musste.
   »Ich komme nicht dahinter, wie du das anstellst«, raunte ihr Jana ins Ohr, als sich ein führendes Mitglied der Koblenzer Struktur- und Genehmigungsbehörde zufrieden einen Wodka Lemon von einem Tablett schnappte und von einer wundervollen Zukunft träumte.
   »Das kann ich dir nicht in einer halben Stunde beibringen. Dazu braucht man Übung und Geduld.«
   »Wir wären ein gutes Team. Du suchst die Männer aus und ich schleppe sie ab.«
   Sammy beäugte sie misstrauisch.
   Jana sprühte vor Lebenslust und Tatendrang. Stets blickte sie leicht belustigt, als wäre die Welt für sie ein großer Spielplatz.
   Sie bemerkte Sammys Skepsis und lachte. »Du willst allein arbeiten, nicht wahr?«
   »Ja.«
   »Keine Angst, ich nehme dir deine Kundschaft nicht weg. Ich will nur wissen, wie es funktioniert. Das ist mein letzter Job in Deutschland. Übermorgen bin ich weit weg.« Sie breitete die Arme aus und drehte sich spielerisch im Kreis.
   Wären die meisten Gäste nicht bereits zu betrunken oder in einem der Separees beschäftigt gewesen, hätte sich augenblicklich eine Traube aus gaffenden Männern um sie gebildet.
   Sammy schnappte sich einen Drink von einem Tablett. Sie beschloss, dass dies ihr letzter Arbeitstag für lange Zeit sein sollte. Wenn es ihr gelang, die Kreditkarten der Gäste zu stehlen, sollte das Geld reichen, um eine Weile unterzutauchen.
   »Gehst du zurück nach Tschechien?«, fragte sie.
   »Ich hab jemanden kennengelernt.«
   »Lass mich raten. Einen netten deutschen Mann.«
   Verärgert zog Jana die Brauen zusammen. »Er geht mit mir fort.«
   Sammy nickte. »Aber klar doch.«
   »Du verstehst das nicht. Er muss fort von hier. Und ich weiß, dass er verschwinden muss.«
   »Und reich ist er zufällig auch noch, wie?«
   Janas Augen funkelten wie Obsidiansplitter. »Noch nicht. Aber bald.«
   Sie sparte sich eine Antwort. Jana sah hinreißend aus, aber sie war naiv und einfältig. Ihr Geschick im Umgang mit Männern verdankte sie nicht ihrer Intelligenz, sondern einem angeborenen Talent. Ihr war es gleich. Jeder sollte sich nehmen, was er vom Leben haben wollte. Wenn er dabei auf die Nase fiel, war das sein Problem.
   »Wo ist eigentlich die Garderobe? Irgendwo müssen die ganzen geilen Kerle doch ihre Klamotten geparkt haben.«
   Jana zeigte mit dem Zeigefinger zur Decke. »Oben. Neben Billingers Schlafzimmer.«
   Die Milchglastür am Ende des Pools fiel klirrend ins Schloss. Billinger kehrte zurück. Er hatte die alberne venezianische Maske abgesetzt, die dem gekauften Sex in den Separees wohl einen Hauch von Eleganz verleihen sollte. Seine Blicke irrten durch den Raum und hefteten sich auf Jana.
   Selbst Sammy erkannte sofort, was der vierschrötige Mann wollte: Sex. Sex, um sich abzureagieren. Schnellen, harten und brutalen Sex.
   »Hau ab, bevor er dich sieht.«
   Vergeblich sah sich Jana nach dem Bodyguard der Agentur um. Manchmal liefen Sexpartys aus dem Ruder. Gestresste Manager, die in ihren Jobs ständig unter Strom standen, lebten ihre unterdrückten Triebe unter dem Einfluss von Alkohol und Kokain hemmungslos aus. Die Spitzen von Konzernen und Versicherungen hatten die leistungssteigernde Wirkung dieser Orgien erkannt und setzten sie unter dem Deckmantel eines Betriebsausflugs auch noch von der Steuer ab. Aus diesem Grund beschäftigten die Agenturen Bodyguards, die sich diskret unsichtbar machten und nur eingriffen, wenn Kunden die Grenze zu Gewalt und Erniedrigung überschritten.
   Sammy zog sich rasch in den Korridor zurück, der zum Treppenhaus führte. Jana konnte sich selbst am besten helfen. Sie lief die Stufen hinauf ins Erdgeschoss und gelangte nach wenigen Schritten in eine Eingangshalle von gewaltigen Ausmaßen. Der Marmorboden schimmerte knochenbleich und strahlte eine Kälte aus, die Sammy trotz des warmen Sommerabends frösteln ließ.
   Der hintere Teil der Villa beherbergte Billingers Privaträume. Sammy öffnete vorsichtig mehrere Türen, bis sie auf ein Zimmer stieß, das man in eine provisorische Garderobe verwandelt hatte. Dutzende Sakkos und sündhaft teure Maßanzüge hingen an Haken oder waren achtlos über Stuhllehnen geworfen worden.
   Neben dem Raum befand sich ein luxuriöses Bad, in dem Billingers spezielle Gäste Gelegenheit hatten, sich für die Orgie im römischen Stil umzukleiden. Etwa die Hälfte von ihnen hatte von dem Angebot Gebrauch gemacht. Rasch durchsuchte sie die abgelegten Kleidungsstücke nach Kreditkarten und Bargeld und stieß auf pures Gold: mehrere Eurocards, darunter die des Bürgermeisters, zwei Barclay-Goldcards auf die Namen Rainer Tarp und Henning Scheurich und eine American-Express-Goldcard, die Billinger gehörte. Volltreffer! Der Rest war ein Kinderspiel. Mit ein wenig Glück konnte sie die nächsten zwei Jahre Urlaub machen und sich vor allem das Wiesel und seinen russischen Kumpel vom Leib halten.
   Sie steckte die Karten ein. Im Treppenhaus flammte Licht auf, Stimmen näherten sich. Sammy wich von der Tür zurück und suchte nach einem Versteck. Die improvisierte Garderobe war an diesem Abend mit Sicherheit der am meisten besuchte Raum im Erdgeschoss. Sie saß in der Klemme. Hektisch riss sie die Türen einer Schrankwand auf und fand einen leeren Schrank, der Platz genug für sie bot. Lautlos schlüpfte sie in den stockdunklen Verschlag, zog die Tür hinter sich zu und wartete. Ein roter Lichtschein erhellte das Dunkel, dessen Quelle sie nicht entdecken konnte.
   Die Stimmen wurden lauter und entfernten sich wieder. Nicht weit von ihrem Versteck entfernt schlug eine Tür zu. Sie hörte die Stimmen jetzt deutlich. Offenbar befand sich zwischen Garderobe und Schlafzimmer keine solide Mauer, sondern nur das dünne Holz der Schrankrückwand.
   Ihr Herz pochte so heftig gegen ihre Brust, dass sie fürchtete, die Schläge könnten im Zimmer nebenan zu hören sein. Die Dunkelheit und das glühende rote Licht schärften ihre Sinne. Ein dumpfes Poltern, dann noch eins. Eine Frauenstimme lachte hell auf und murmelte schmeichelnde Worte. Der Klang der zweiten Stimme war tief und volltönend. Sammy presste das Ohr an die Rückwand und lauschte. Glas klirrte, ein Gegenstand rollte über den Boden, eine Flasche? Die Frau lachte wieder auf. »Fang mich doch, mein Dickerchen!«
   Die Worte klangen dumpf und verzerrt durch das Holz, aber sie erkannte die Stimme sofort, den belustigten, lockenden Tonfall, den schwachen osteuropäischen Akzent. Die Frau im Zimmer nebenan war Jana.
   Eine Weile blieb alles still, dann stellte sich das rhythmische Quietschen von Bettfedern ein. Leise öffnete Sammy die Schranktür. Es wurde Zeit, zu verschwinden.
   Das Quietschen verstummte.
   Jana lachte, anders diesmal, spöttisch und schadenfroh. Der Mann antwortete mit einem gefährlichen Knurren, das sie an ein gereiztes Raubtier erinnerte.
   »Lass mich machen. Ich werde ihn schon aufwecken.« Das war Janas Stimme. Ein leises Kichern, ein Stöhnen und Klatschen, ein schwerer Gegenstand fiel zu Boden. »Sakra prase«, stöhnte Jana.
   Unschlüssig stand Sammy in der Dunkelheit. Was nebenan geschah, ging sie nichts an. Jana machte ihren Job. Es war ihr Risiko.
   Aus dem Nebenraum drang ein Scharren und Schleifen, ein verzweifeltes Gurgeln. Glas oder Porzellan zerbrach. Sammy hielt den Atem an und lauschte angestrengt.
   »Scheißnutte. Drecksweib«, murmelte die Männerstimme.
   Es geht mich nichts an, es geht mich nichts an, wiederholte sie fieberhaft in ihrem Kopf. Und doch rührte sie sich nicht vom Fleck.
   Einen Augenblick blieb alles still, doch dann setzten die Geräusche wieder ein. Zwei Menschen kämpften miteinander, warfen Möbel und schwere Gegenstände um und rangen miteinander.
   Sie wandte sich um und wollte die Schranktür schließen. Ihr Blick fiel auf die rote LED-Leuchte eines DVD-Rekorders, dessen Aufnahmefunktion eingeschaltet war. Auf dem flachen Gerät stand ein kleiner Bildschirm.
   Was tust du hier? Hau ab! Hau ab, so lang du noch kannst, rief die Stimme in ihrem Kopf.
   Aber Sammy blieb. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Hand den Monitor einschaltete.

6

Victor Sawinski lag regungslos inmitten der piependen und summenden medizinischen Geräte, die seine Lebensfunktionen überwachten. Sein Gesicht schimmerte durchscheinend wie eine Geistererscheinung. Die Ärzte hatten Stettners Freund und Kollegen stabilisiert, antworteten aber auf die Frage nach seinen Chancen nur mit einem Kopfschütteln. Beinahe jeder Knochen in seinem Körper war gebrochen, dazu kamen Lungenquetschungen und schwerste innere Verletzungen. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte.
   Stettner hockte auf einem Stuhl in der Nähe der Tür zur Intensivstation und starrte mit brennenden Augen ins Leere. Er wartete seit vier Stunden hier, obwohl man ihm versichert hatte, es sei sinnlos, auf Sawinskis wundersames Erwachen zu hoffen. Das Krankenhauspersonal ließ ihn vorerst gewähren, aber er rechnete jede Sekunde damit, dass sie ihn rauswerfen würden. Leise öffnete sich die dicke, schallisolierte Tür hinter ihm.
   »Ich will, dass du gehst.«
   Müde blickte er auf. In der Tür stand Monika Sawinski. Sie presste die Lippen zu einem harten Strich zusammen, in ihren Augen wechselten sich Wut und Trauer ab.
   »Es tut mir leid«, sagte Stettner heiser.
   »Du trägst die Schuld für das, was geschehen ist. Du bist der erfahrene Polizist. Warum hast du Victor nicht von diesem Wahnsinn abgehalten?«
   »Glaub mir, ich habe versucht, ihn zu beschützen. Ich …«
   »Geh mir aus den Augen.«
   Wortlos griff er nach seiner verschrammten Lederjacke und verließ die Intensivstation. In der Eingangshalle traf er auf Ingrid. Seine Frau war erst gegen Mittag von einer ihrer dämlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen zurückgekehrt, die nur einem Zweck dienten; den angeschlagenen gesellschaftlichen Ruf ihres Vaters wiederherzustellen, damit er mit seiner Lieblingsbeschäftigung, seinen Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen, fortfahren konnte.
   »Ich habe versucht, dich zu erreichen«, sagte er.
   »Das Hotel hatte Anweisung, mich nicht zu stören. Du weißt, wie wichtig diese Veranstaltung für meinen Vater war.«
   »Ach ja, natürlich. Die Veranstaltung.«
   »Ich erwarte schon lang kein Verständnis mehr von dir für geschäftliche Notwendigkeiten. Aber einen Funken Verantwortungsgefühl könnte der designierte Leiter der neuen SOKO allerdings besitzen. Wie konntest du so dumm sein, gegen Tarps ausdrückliche Anweisung zu handeln?«
   Stettner fuhr herum. »Tarp lügt. Er hat uns befohlen, den Steinbruch zu stürmen.«
   »Wen interessiert das jetzt noch? Ich habe dir oft genug gesagt, dass er in dir einen Konkurrenten sieht. Aber statt auf deine Karriere zu achten, läufst mit dem Sheriffstern auf der Brust herum, um die Welt zu retten.«
   »Besser, als vor notgeilen Bankern mit dem Hintern zu wackeln, und sie um Spendengelder anzubetteln. Hast du Monika gegen mich aufgehetzt?«
   »Das war nicht nötig. Victor hat ihr oft genug erzählt, dass du ihn als Hasenfuß verspottest.«
   Stettner fuhr sich durch die dunklen, verstrubbelten Haare. Seit zwei Tagen hatte er weder einen Kamm noch einen Rasierapparat gesehen.
   »Wir waren ein gutes Team. Victor hatte ein paar Probleme und ich habe versucht, ihn wieder aufzubauen.«
   »Das hast du großartig gemacht, Stettner. Du kannst hervorragend mit Menschen umgehen. Mein Vater hat mich gewarnt.«
   »Ah, so ist das. Hat er wieder gedroht, dich zu enterben?«
   Sie wich zurück, als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen.
   »Du verschließt die Augen vor der Wirklichkeit, Jan. Idealismus ist eine feine Sache. Doch um Idealist zu sein, muss man Geld haben.«
   Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Wand. »Eine saubere Moral.«
   »Gib zu, du hast es versaut.«
   »Ja, ich hätte Victor aufhalten sollen. Ist es das, was du hören willst? Aber er musste da durch, um seine Angst zu überwinden. Es war seine eigene Entscheidung!«
   Ingrid schüttelte den Kopf. »Du hast nichts verstanden. Am Montag erwartet dich der Staatsanwalt. Dein Vater wird dich begleiten.«
   Er schnellte vor, als stünde die Wand unter Strom. »Woher weißt du das? Was hat Heinrich damit zu tun?«
   »Dein Vater ist Rechtsanwalt, schon vergessen? Und ein sehr tüchtiger dazu. Vielleicht kommst du mit seiner Hilfe mit einem blauen Auge davon.«
   Stettner kniff die Augen zusammen. »Was habt ihr da ausgeheckt?«
   »Das wird er dir selbst sagen. Es ist deine letzte Chance.« Sie zögerte einen Augenblick. »Es gibt Entscheidungen, die man mit dem Kopf treffen muss – Liebe hin oder her. Ich will nicht vom Gehalt eines Kaufhausdetektivs leben müssen.«
   »Ich habe verstanden. Das war deutlich genug.«
   Er drehte sich um und verließ das Krankenhaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Er fühlte sich wie der Fahrer eines mit Sprengstoff beladenden Lastwagens, der eine steile Straße hinabrast und gerade feststellt, dass die Bremsen ausgefallen sind.

7

Entsetzt wich Sammy zurück und presste die Hände auf den Mund, um nicht zu schreien. Der Taschenspielertrick, mit denen sie ihre Opfer betrog, erschien ihr plötzlich wie ein harmloser Streich. Die brutale Gewalt im Zimmer nebenan dagegen jagte ihr eine Höllenangst ein. Warum hatte sie die Finger nicht von den Bedienknöpfen des Rekorders lassen können? Wenn Billinger herausfand, dass sie auf der anderen Seite der Trennwand gelauscht hatte, bedeutete das ihren Tod. Was sie gesehen hatte, durfte niemand sehen, der am Leben bleiben wollte. Sie schaltete den Monitor aus, ohne noch einmal hinzusehen. Nebenan war alles still. Wie lang hatte sie sich im Schrank versteckt? Zwei Minuten? Eine halbe Stunde? In ihrem Zeitgefühl klaffte ein Riss, in dem die Erinnerung versickerte wie Tinte in Löschpapier.
   Hastig schlüpfte sie auf den Gang hinaus. Niemand schien ihre Anwesenheit im Obergeschoss bemerkt zu haben. Im selben Moment öffnete sich die Toilettentür auf der anderen Seite des Korridors. Der Grauhaarige, dem sie am Pool begegnet war, starrte sie an.
   »Was haben Sie hier zu suchen?«
   »Ich … ich habe meine Jacke gesucht. Es ist draußen kalt geworden.«
   Er musterte sie durchdringend. Sammy strich sich nervös die Locken aus der Stirn.
   »Ich … habe sie nicht gefunden. Sie wird wohl doch im Cateringstand liegen.« Eilig murmelte sie eine Entschuldigung und wandte sich zum Gehen.
   »Wohin so eilig?« Blitzschnell packte er ihren Unterarm, stieß die Tür zur Garderobe auf und überflog misstrauisch das Durcheinander aus Sakkos, Jacken, Hosen und leichten Sommerhemden. Leise knarrend bewegte sich die Schranktür in der Zugluft.
   Endlich ließ der Druck auf Sammys Handgelenk nach.
   »Hau ab und lass dich nicht mehr im Haus blicken. Kümmere dich um die Gäste im Hof.«
   Sie nickte gehorsam und wandte sich zur Treppe, die zum Pool hinabführte.
   »Nicht da lang! Nimm den Lieferanteneingang am Ende des Flurs!«
   Kopflos drängte sie sich an dem Grauhaarigen vorbei und atmete erleichtert aus, als er hinter der Biegung des Ganges außer Sicht geriet. Am Fuß der Treppe stieß sie mit einer dunkelhaarigen Frau zusammen, die in diesem Moment die Villa betrat und fahrig eine Entschuldigung murmelte.
   Sammy achtete nicht auf sie und stürmte durch den Nebeneingang ins Freie. Unbehelligt erreichte sie den Cateringstand. Auf den Bänken im Zelt saßen nur noch wenige Gäste, Männer aus dem Dorf, die erst aufstehen würden, wenn das letzte Bierfass leer war.
   »Wo bist du so lange gewesen? Wir wollten schon eine Vermisstenmeldung aufgeben.«
   Erschrocken fuhr sie herum. Sylvie beäugte sie mit einer Mischung aus Furcht und Neugier. Sammy schnappte sich die schmutzigen Gläser und tauchte sie ins Spülbecken.
   »Ich hab Billinger bei Laune gehalten. Freut euch auf ein Extratrinkgeld.«
   Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie erleichtert war, sie im Spülwasser verbergen zu können.
   Margot knallte ein Tablett mit leeren Gläsern auf den Holztisch. »Ich kann keine Faulenzer gebrauchen. Hol dir am Montag deine Papiere ab.«
   Sammy zuckte mit den Schultern. Ihr war es gleich. Dieser Abend war der Letzte, an dem sie kellnern würde.
   Gegen zwanzig nach eins zog sie den Reißverschluss ihrer Motorradkombi zu und setzte den Helm auf. Die schrecklichen Bilder verfolgten sie noch immer und brachten sie in regelmäßigen Abständen an den Rand einer kopflosen Panik.
   Es geht mich nichts an, es geht mich nichts an.
   Mit zitternden Fingern steckte sie den Schlüssel ins Zündschloss, startete die Crossmaschine und fegte die abschüssige Straße hinab. Nachdem sie die verwinkelten Kopfsteinpflastergassen des Ortes hinter sich gelassen hatte, drehte sie das Gas auf und raste über einsame Landstraßen nach Bad Ems. Ging sie mit ihrem Wissen zur Polizei, schaufelte sie ihr eigenes Grab. Untersuchungen und endlose Verhöre würden folgen.
   Aus welchem Grund suchten Sie die Garderobe auf, Frau Baring? Was wissen Sie über den Diebstahl von dreizehn Kreditkarten?
   Sie würde sich als Zeugin zur Verfügung halten müssen. Man würde ihr untersagen, die Stadt zu verlassen. Das Wiesel und sein Kumpel würden ihr den Hals umdrehen.
   Wütend drehte sie den Gasgriff auf. Je weiter sie Billingers Villa, Jana und das albtraumhafte Erlebnis im Garderobenschrank hinter sich ließ, desto klarer wurde ihr, dass es nur einen Ausweg gab: abhauen, verschwinden, sich in Luft auflösen. Vielleicht sollte sie der Polizei einen anonymen Hinweis geben, dass in Billingers Villa ein Verbrechen verübt worden war. Jana hatte die Gefahr gekannt, Berufsrisiko eben.
   Nach zwanzig Minuten hatte sie die Ortsgrenzen von Bad Ems erreicht. Sie drosselte das Tempo und fuhr langsam durch die Straßen auf der Suche nach einer Bank. Nahe der Lahn entdeckte sie eine Filiale der Nassauischen Sparkasse. Sie parkte die Enduro auf dem Gehweg und streifte die Handschuhe ab. Mit einer der gestohlenen Kreditkarten verschaffte sie sich Zutritt zum Vorraum der Schalterhalle.
   Auf einem der beiden Stehtische sortierte sie die Karten und ordnete die Namen darauf den Zahlen zu, die sie Billingers Gästen entlockt hatte. Die Chancen, dass die Männer ihr unbewusst die Geheimnummern ihrer Kreditkarten verraten hatten, lagen bei etwa sechzig Prozent. Jeder Besitzer einer Kreditkarte hatte die zugehörige Pin-Nummer irgendwo in seinem Unterbewusstsein gespeichert. Bei Bedarf spuckte das Gehirn die benötigte Zahl aus. Durch geschickte Manipulation lenkte Sammy ihre Opfer in die gewünschte Richtung und entlockte ihnen die Nummern, ohne dass es ihnen bewusst wurde. Das Cold-Reading war eine ebenso einfache wie geniale Methode. Die Polizei konnte die Bestohlenen noch so sehr in die Zange nehmen, sie würden stets leugnen, jemals ihre Geheimnummern preisgegeben zu haben, weil sie sich einfach nicht daran erinnern konnten. Diesen Effekt nutzten Wahrsager, um ihre Kunden mit verblüffenden Vorhersagen zu überraschen. Im Grunde war es so einfach wie ein billiger Kartentrick oder eine Showhypnose.
   Sammy schob die Kreditkarten hin und her. Rasch entschied sie sich intuitiv für mehrere vierstellige Ziffernfolgen. Jede Kreditkarte bedeutete exakt drei Versuche, dann würde der Automat die Karte einziehen.
   Auf der Straße leuchtete ein Scheinwerferpaar auf. Ein dunkelgrauer BMW näherte sich und fuhr vorbei.
   Sie trat an den Geldautomaten, ohne den Motorradhelm abzunehmen oder das abgedunkelte Visier zu öffnen.
   In den nächsten Minuten landete sie fünf Volltreffer. Als Erstes räumte sie das Konto des Bürgermeisters leer. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Banken für die Masse der Kunden eine Grenze von tausend Euro pro Abhebung am Automaten setzten. Gonsbachs Limit betrug erfrischende dreitausend Euro.
   Mit den nächsten beiden Kreditkarten hatte sie noch mehr Glück, denn sie gewährten Zugang zu Geschäftskonten, bei denen das Limit sehr viel höher lag. Sie ergaunerte über fünfzehntausend Euro, nicht schlecht für einen einzigen Abend.
   Mehrmals hatte sie mit dem Gedanken gespielt, mit den gestohlenen Karten Überweisungen von höheren Summen zu tätigen. Unter falschem Namen ein Konto zu eröffnen, war kein unüberwindbares Hindernis. Doch damit hinterließ sie eine eindeutige Spur und setzte sich der Gefahr aus, beim Abheben des Geldes gefasst zu werden. Die Beträge, die sie ergaunerte, waren meist gering genug, um erst nach geraumer Zeit die Konteninhaber zu alarmieren, aber hoch genug, um ihr ein leichtes Leben zu ermöglichen. Um jedoch ihre Flucht zu planen, brauchte sie mehr Geld, sehr viel mehr. Ihre Hoffnung ruhte auf Billinger, dessen Goldcard gerade im Schlitz des Automaten verschwand. Sammy wurde aufgefordert, die Geheimzahl einzugeben. Sie schwitzte unter dem Motorradhelm, ihre Finger zitterten, als sie die vierstellige Nummer eingab.
   Falsche Eingabe
   Sie versuchte es noch einmal, in dem sie die Ziffernfolge umstellte.
   Falsche Eingabe
   Sie hatte noch einen Versuch, der misslang. Der Automat piepte und zog die Karte ein. Sie hätte daran denken sollen. Typen wie Billinger waren gerissen und niemals so einfach gestrickt wie die Leute, die für sie arbeiteten.
   Enttäuscht raffte sie die Kreditkarten zusammen und verstaute sie zusammen mit den Geldscheinen in ihrer Motorradkombi. Die Chancen standen nicht schlecht, dass die Bestohlenen den Diebstahl erst in ein paar Tagen bemerkten. Es war Freitagnacht und das Wochenende stand vor der Tür. Nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden würde sie es mit denselben Kreditkarten in einer anderen Filiale noch einmal versuchen. Immerhin reichte die Beute, um erst einmal aus der Stadt zu verschwinden.
   Sie verließ die Bank und blickte wachsam in alle Richtungen. Niemand schien ihr gefolgt zu sein.
   Die Enduro sprang gehorsam an. Sammy drehte den Gasgriff auf und fuhr los. Nach wenigen Metern fiel ihr Blick auf einen dunklen BMW, der schräg gegenüber der Bankfiliale unter den ausladenden Zweigen einer Kastanie stand. Im Innern flammte das Licht eines Feuerzeugs auf und beleuchtete ein zerfurchtes Gesicht. Ihr Herz schlug so heftig, als wolle es die Lederkombi durchbohren. Der Unbekannte in dem BMW war der grauhaarige Mann, dem sie auf dem Flur vor Billingers Schlafzimmer begegnet war.

8
Montag, 26. August

Stettner stellte seinen Dienstwagen auf dem Parkplatz vor der Polizeiinspektion in Bad Ems ab. Ob er seinen Job bei der Mordkommission aufgab oder nicht, spielte an diesem Morgen keine Rolle. Um die interne Anhörung zu den Vorgängen in Billingers Steinbruch kam er nicht herum. Verdrossen nahm er zur Kenntnis, dass sein Vater auf ihn wartete. Heinrich Stettners lindgrüner Benz stand unmittelbar neben dem Eingang. Obwohl der Wagen über fünfundzwanzig Jahre alt war, glänzte er, als wäre er gestern aus der Fabrik gerollt.
   Die Gegensätze zwischen Heinrich und seinem Sohn hätten kaum größer sein können. Stettner legte keinen Wert auf Statussymbole oder Stil, er traf seine Entscheidungen impulsiv und keinen Augenblick eher, als es nötig war.
   Heinrich Stettner dagegen, erfolgreicher Rechtsanwalt im Ruhestand, war dreiundsechzig Jahre alt, schlank, und hielt sich so exakt gerade, als hätte er ein Lineal verschluckt. Sein silbergraues, noch immer dichtes Haar war streng gescheitelt. Trotz der schwülen Hitze trug er einen anthrazitfarbenen Zweireiher, eine Weste im selben Ton und auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe.
   Als er seinen Sohn kommen sah, kniff er missbilligend die Lippen zusammen. »Du hättest dich wenigstens rasieren können.«
   »Damit ich bei meiner Hinrichtung eine gute Figur abgebe? Immer Haltung zeigen, ich weiß. Erspar mir deine Belehrungen. Warum erscheinst du zu der Anhörung? Ich brauche keinen Anwalt.«
   »Ingrid bat mich, deine Verteidigung zu übernehmen. Sie befürchtet Konsequenzen für deine weitere Karriere. In der Impulsivität bist du Tarp nicht gewachsen. Ich habe dich vor ihm gewarnt. Er ist skrupellos, machtgierig und gerissen.«
   Stettner schnitt eine Grimasse. »Du stehst auf meiner Seite? Heute muss wirklich mein Glückstag sein.«
   »Wir haben keine Zeit für Streitereien. Erzähl mir, was passiert ist.« Er hob warnend den Zeigefinger. »Ich will alles wissen, den ganzen Vorgang.«
   »Du weißt doch längst alles.«
   »Ich will es von dir wissen.«
   Er blickte seinen Vater zweifelnd an. »Wirst du mir glauben?«
   »Jan-Philipp. Du bist dir noch nicht darüber im Klaren, wie tief du in der Klemme steckst. Ich will dir helfen, streiten können wir uns später.«
   »Wenn du mich beim Vornamen nennst, muss tatsächlich ein Erschießungskommando auf mich warten.« Stettner ließ sich in einen der Sessel im Foyer fallen und stützte den Kopf in die Hände.
   Zehn Minuten später hatte sich die ernste Miene seines Vaters weiter verdunkelt. »Du hast Tarp vor Zeugen tätlich angegriffen? Das haben weder er noch der Staatsanwalt erwähnt.«
   »Was kann das bedeuten? Warum sollte Tarp diesen Trumpf nicht ausspielen? Sein größtes Vergnügen besteht darin, auf Leute einzutreten, die bereits angezählt im Dreck liegen. Er wird sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, mich fertigzumachen. Besser, ich komme ihm zuvor.«
   »Du willst alles hinschmeißen? Das wirst du schön bleiben lassen.«
   Stettner lehnte sich seufzend zurück. In seinem Schädel rumorten eine schlaflose Nacht und eine Flasche Rotwein. Wer würde als Nächstes auf ihn einprügeln? Er wusste noch nicht einmal, wo er heute Nacht schlafen sollte. »Was will der Staatsanwalt überhaupt von mir? Ich habe Sawinski nicht in die Luft gesprengt.«
   »Das ist eine offizielle Anhörung. Dir ist doch klar, dass ein internes Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, um den Vorfall zu untersuchen. Es ist ganz normal, dass der Staatsanwalt eingeschaltet wurde.« Er blickte auf die Uhr. »Komm jetzt, es ist Zeit.«
   Der Anhörungsraum lag im ersten Stock. Stettner betrat das Zimmer, in dem es nach Schimmel und vergilbten Akten roch, hinter seinem Vater und wünschte sich plötzlich, er hätte auf ihn gehört und sich wenigstens heute rasiert und dem Anlass entsprechend gekleidet. In seiner zerschlissenen Lederjacke und den verwaschenen Jeans fühlte er sich wie ein Outlaw, dem der Prozess gemacht wurde. Hinter drei Tischen, die man aneinander geschoben hatte, saßen drei Männer. In der Mitte Albert Westhofen, der spindeldürre Staatsanwalt mit dem sauertöpfischen Gesicht, rechts von ihm Rainer Tarp, Leiter der Mordkommission und kommissarischer Chef der Dienststelle, und links von Westhofen ein Mann, der Stettner unbekannt war. Er trug eine grüne Trachtenweste mit Hirschhornknöpfen, seine Wangen waren gerötet und von feinen blauen Adern durchzogen, was auf einen erhöhten Blutdruck und übermäßigen Alkoholkonsum schließen ließ.
   »Bitte nehmen Sie Platz«, sagte Westhofen.
   Er blätterte in seinen Unterlagen und wandte sich an Stettner. »Ich habe Ihren Bericht natürlich gelesen, ebenso ist mir die Schilderung der Ereignisse durch Hauptkommissar Tarp bekannt. Schildern Sie mir den Einsatz mit Ihren eigenen Worten noch einmal.«
   Die Bitte des Staatsanwalts beschwor die Bilder jenes Abends vor zwei Tagen herauf. Stettner hatte kein Detail vergessen. Während er den Hergang beschrieb, kehrte er augenblicklich in den Steinbruch zurück. Doch Westhofen unterbrach ihn immer wieder.
   »Sie behaupten, Hauptkommissar Tarp gab den Befehl zum Erstürmen der Verladestation. War das, bevor der Auszubildende fliehen konnte oder danach? Wussten Sie von der Existenz des Sprengstoffs? Wer war zuerst in dem Maschinenraum, Sawinski oder Sie? Zu welchem Zeitpunkt entschlossen Sie sich für den Weg durch den Fördertunnel?«
   Westhofen schoss seine Fragen mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs ab und brachte Stettner aus dem Konzept. Er verstrickte sich in Widersprüche, blieb nicht bei dem, was er zuerst ausgesagt hatte und korrigierte sich, bis er sich an den korrekten Ablauf nicht mehr klar erinnern konnte. In den vergangenen achtundvierzig Stunden hatte er kaum geschlafen. Er war übermüdet, gereizt und erschöpft. Tarp und der Staatsanwalt schienen seinen Zustand genau zu kennen.
   »Ihnen war bekannt, dass Ihr Kollege Victor Sawinski unter Angstzuständen litt?«
   »Davon weiß ich nichts.«
   »Aber Sie erinnern sich an den Vorfall bei der Tankstelle vor drei Monaten?«
   »Ja.«
   »Sprachen Sie über private Dinge? Sie fuhren immerhin zusammen Streife.«
   »Ja.«
   »Dann hat Sawinski Ihnen also erzählt, was damals wirklich geschah?«
   In Stettners Kopf heulten die Alarmsirenen auf. Woher wusste der Staatsanwalt, was Sawinski ihm kurz vor der Katastrophe anvertraut hatte?«
   »Hat er Sie darüber informiert, dass er nicht mehr in der Verfassung war, seinen Dienst auszuüben?«, bohrte Westhofen nach.
   »So kann man das nicht sagen. Er …«
   »Aber Sie wussten, dass Sawinski Angst hatte?«
   »Jeder, der Streife fährt, hat zuweilen Angst.«
   »Danach habe ich nicht gefragt.« Er blätterte in seinen Unterlagen. »Mir liegen mehrere Zeugenaussagen vor, in denen bestätigt wird, dass Sie Victor Sawinski wegen des Überfalls auf die Tankstelle als Feigling verspottet haben. Sie benutzten den Ausdruck … äh … Streifenkoller.«
   Stettner packte die Stuhllehnen fester und musste sich mit aller Macht beherrschen, nicht aufzuspringen. »Das ist eine Lüge.«
   Ungerührt drückte Tarp auf die Playtaste eines kleinen Kassettenrekorders.
   »Du wirst dich eines Tages selbst ins Bein schießen müssen, um deine Prophezeiungen zu erfüllen. Seit einer Woche erzählst du mir jedes Mal, wenn du in den Streifenwagen steigst, dass du heute todsicher ins Gras beißt. Was ist eigentlich los mit dir? Streifenkoller?«
   Tarp schaltete das Band aus.
   Stettner hätte schwören können, dass der Kommissar ein zufriedenes Lächeln unterdrückte.
   »Woher haben Sie diese Aufnahme?«
   »Das würde mich allerdings auch interessieren«, mischte sich Heinrich Stettner ein. »Mit welchem Recht hören Sie private Gespräche ab?«
   »Mit gar keinem«, antwortete Westhofen. »Die Aufnahme stammt von Victor Sawinski. Offenbar fühlte er sich von seinem Kollegen unter Druck gesetzt und suchte nach einem Mittel, dies zu beweisen.«
   »Hat er sich über meinen Sohn beklagt? Existiert eine Aktennotiz über eine solche Beschwerde?«, fragte Heinrich kalt.
   Tarp spielte nervös mit seinem Kugelschreiber. Offenbar brauchte er dringend eine Zigarette. »Nun, er machte Andeutungen«, er hob entschuldigend die Hände, »Sie haben recht, ich hätte früher reagieren müssen. In Anbetracht der Ereignisse bedaure ich mein Zögern zutiefst. Schließlich war mir bekannt, dass Herr Stettner zu vorschnellen Aktionen neigt.« Er deutete auf den Kassettenrekorder. »Leider erkannte ich das ganze Ausmaß der Misere erst, als wir das Diktiergerät in Sawinskis Jacke fanden. Zu spät, wie sich herausstellte, er kam ja nicht mehr dazu, es mir persönlich zu geben.«
   Wütend sprang Stettner auf. »Sie sind der abgefeimteste Lügner, der mir je begegnet ist. Was wird hier gespielt?«
   »Setzen Sie sich!« Westhofens Stimme schnitt wie ein Messer. »Eines kann ich Ihnen versichern, wir spielen hier nicht.« Er wandte sich Tarp zu. »Sie trifft keine Schuld. Ich weiß, wie sehr seit Fienolts Ausfall die Doppelbelastung an Ihren Kräften zehrt.«
   Sein Vater drückte ihn wieder auf den Stuhl zurück. »Was schlagen Sie vor?«, fragte er.
   »Nun, wir haben verschiedene Vorgehensweisen diskutiert. Es wird auf jeden Fall eine Verhandlung geben. Nach den vorliegenden Zeugenaussagen haben Sie grob fahrlässig gehandelt, Herr Stettner.«
   »Das ist nicht wahr.« Er zeigte auf Tarp. »Dieser Mann hat den Befehl gegeben, den Maschinenraum zu stürmen. Ich wollte mich dem widersetzen, aber Victor musste unbedingt den Helden spielen.«
   »Weil Sie ihn dazu getrieben haben«, sagte Westhofen kalt. »Inwieweit Sie Ihre Dienstpflichten verletzt haben, wird ein Richter klären.«
   »Ich habe getan, was ich für richtig hielt. Sawinski war für sich selbst verantwortlich.« Selbst in seinen Ohren klang das nach einer verzweifelten Ausrede.
   »Sie sind älter und diensterfahrener«, sagte Tarp. »Sawinski wurde Ihnen zugeteilt, damit er von Ihnen lernt.«
   Stettner spannte die Muskeln an. Wenn Tarp noch eine einzige Lüge den anderen hinzufügte, würde er das intrigante Schwein zerkrümeln wie eine vertrocknete Zigarette.
   »Sie sprachen von einer Möglichkeit, eine Verhandlung zu umgehen«, sagte Heinrich Stettner.
   Westhofen nickte. »Sie werden verstehen, dass niemandem an einem Skandal gelegen ist. Wir möchten die Sache auf dem kleinen Dienstweg bereinigen.«
   Zum ersten Mal meldete sich der Mann mit der Trachtenjacke zu Wort.
   »Mein Name ist Anton Grubenbauer. Ich bin Sonderermittler des bayrischen Landeskriminalamtes. Um die organisierte Kriminalität wirksamer bekämpfen zu können, stellen wir im Augenblick mehrere Teams zusammen, die verdeckt arbeiten werden. Ich brauche dazu Mitarbeiter, die in Eigenregie schnelle Entscheidungen treffen können, über Berufserfahrung verfügen, und das nötige Fingerspitzengefühl besitzen. Leute wie Sie, Herr Stettner. Ihre Vergangenheit interessiert mich nicht. Mir gefällt, was ich über Sie gelesen habe. Ich könnte mir vorstellen, dass sie Ihre Fähigkeiten bei uns weit besser einsetzen könnten als hier in Bad Ems. Einzige Bedingung: Sie kommen nach München und nehmen dort eine neue Identität an.« Seine Hand beschrieb einen Kreis. »Und das hier … können Sie vergessen.«
   Stettner schwieg. Die Gedanken überschlugen sich hinter seiner Stirn. Eine erstklassige Falle hatte Tarp ihm da gestellt. Suspendierung und Rauswurf oder die Abschiebung auf einen Posten, auf dem er ihm nicht mehr in die Quere kommen konnte.
   Heinrich Stettner blickte auf seine Armbanduhr. »Lassen Sie uns zehn Minuten Pause machen. Ich denke, wir sollten Ihren Vorschlag kurz beraten.«
   Westhofen nickte. »Natürlich.«
   Stühle scharrten. Tarp zog ein zerknittertes Päckchen Zigaretten aus der Tasche, Westhofen und Grubenbauer verschwanden durch eine Tür an der Rückseite des Raumes. Die schräg gestellten Jalousien zerhackten das grelle Sonnenlicht in Streifen und tauchten das Zimmer in ein sonderbares Spiel aus Licht und Schatten. Stettner nahm jedes Detail in überirdischer Klarheit wahr. Er erwachte erst wieder aus seiner Trance, als sein Vater ihm einen Becher Kaffee in die Hand drückte.
   »Du solltest das Angebot annehmen.«
   »Ich lasse mich nicht kaufen.«
   »Niemand verlangt, dass du dich kaufen lassen sollst. Geh nach München und bleibe dort eine Zeit lang. Wenn Gras über die Sache gewachsen ist, kannst du dich zurückversetzen lassen.«
   »Und Tarp ist der Gewinner. Merkst du nicht, dass er das alles inszeniert hat, um mich aus dem Weg zu räumen?«
   »Du hast ihm den Ball vor die Füße gespielt.«
   »Welche Chancen habe ich in einer Verhandlung?«
   Heinrich schüttelte den Kopf. »Nicht besonders gute. Du hast alles getan, um Westhofen von deinem überschäumenden Temperament zu überzeugen. Dazu kommt die verdächtige Aufnahme.«
   Stettner schüttelte den Kopf. »Victor war immer offen zu mir. Wir waren Freunde. Er hätte mich niemals so hintergangen.«
   »Ich habe dir schon hundertmal gepredigt, dass du zu vertrauensselig bist.«
   »Wir fuhren zusammen Streife. Wir haben uns vertraut, weil wir es mussten, um zu überleben. Ich werde beweisen, dass Tarp dahintersteckt.«
   »Mach dich nicht lächerlich. Mag sein, Tarp hat dir eine Falle gestellt. Aber du bist bereitwillig mit beiden Beinen hineingesprungen. So, wie du immer in alles springst, ohne nachzudenken. Ingrid ist mit der Regelung übrigens einverstanden.«
   Er fuhr herum. »Ah, ihr habt bereits alles entschieden. Gut. Sehr gut. Ihr habt nur eine Kleinigkeit vergessen.«
   »Und die wäre?«
   »Ich habe keine Lust, euer Scheißspiel mitzuspielen.«
   »Ingrid macht sich Sorgen. Sie will verhindern, dass du deine Karriere fortwirfst. Du könntest viel erreichen.«
   »Ja, das kann ich. Ohne euch.« Stettner warf den Pappbecher in den Mülleimer neben dem Kaffeeautomaten. »Sag ihnen, sie können mich mal. Ich kündige.« Er stapfte mit zornigen Schritten auf die Treppe zu.
   »Stettner! Jan … überlege bitte ein einziges Mal, bevor deine Füße loslaufen!«
   Er antwortete nicht, trampelte die Stufen hinunter und fühlte sich plötzlich befreit. Es wurde Zeit, einen tiefen Schnitt zu machen, mochte er noch so schmerzhaft sein. Er hatte keine Ahnung, was danach kam, aber eins wusste er sicher, es würde ein neues Leben sein, eines ohne Lügen und Intrigen.

9

Hans-Peter Billingers Schweiß vermischte sich mit der heißen Seifenlauge im Waschbecken. Zum dritten Mal innerhalb einer Stunde säuberte er seine Hände mit einer groben Bürste, bis seine Finger krebsrot leuchteten. Noch immer glaubte er einen schwachen Blutgeruch wahrzunehmen, durchsetzt mit dem Gestank von Angst und Gewalt. Endlich drehte er den Wasserhahn zu und trocknete seine Hände ab, die aus zahllosen feinen Rissen bluteten. Die Augustsonne stand bereits hoch am Himmel und stach mit ihren grellen Lichtfingern in den Spiegel über dem Waschbecken. Billingers Gesicht war teigig, auf seinen Wangen glühten hektische rote Flecken. Er lockerte den Krawattenknoten und öffnete den obersten Hemdknopf. Die Luft im Büro kam ihm stickig und verbraucht vor. Sein Spiegelbild verschwamm und flimmerte wie eine Fata Morgana. Für einen Moment verwandelte sich der harmlose Spiegel zu einem Tor in die Vergangenheit, hinter dem glitschige, feuchte Stufen in einen lichtlosen Keller führten.
   Entsetzt japste er nach Luft, riss die Fenster auf und sog rasselnd die Morgenluft in seine Lungen. Seit zwei Tagen quälten ihn die Erinnerungen an den Keller. Der schreckliche Ort schlich sich in seine Träume und bahnte sich einen Weg an die Oberfläche seines Bewusstseins, um nun auch am helllichten Tag in seinem Kopf herumzuspuken.
   Es klopfte an der Tür.
   Er fuhr herum. »Nicht jetzt!«, keuchte er mit erstickter Stimme.
   Heiko Pohlmann trat ein und schloss die Tür hinter sich. Er sah aus, als hätte er ein dreitägiges Saufgelage hinter sich.
   »Was zum Teufel machst du noch hier? Du bist gefeuert.«
   Billingers Prokurist warf die Post auf den zerkratzten Eichenholzschreibtisch. »Du wirst mich nicht entlassen.«
   Ärgerlich blickte Billinger auf. Er hatte weder Lust noch Zeit, sich Pohlmanns jämmerliche Versuche anzuhören, seinen Job zu retten. Doch etwas hielt ihn davon ab, ihn aus dem Büro zu werfen. Pohlmanns Augen lagen tief in den Höhlen und flackerten wie zwei Irrlichter. Das bleiche Gesicht und die schwarzen Haare verstärkten das Gefühl, einer wandelnden Leiche gegenüberzustehen. Etwas irritierte ihn an seinem Angestellten, eine unmerkliche Veränderung in seiner Haltung, seinem Wesen. Es musste etwas geschehen sein, von dem er nichts wusste, etwas Entscheidendes, das Pohlmann in ein tödlich verwundetes Tier verwandelt hatte, ein Tier, das aber immer noch gefährlich genug war, um sich an seinem Jäger zu rächen, bevor es verendete.
   »Was willst du?«
   »Du wirst deine Finger von meiner Tochter lassen. Wenn ich dich noch einmal in ihrer Nähe erwische, zeige ich dich an wegen versuchter Vergewaltigung.«
   »Mmh. Die Polizei gräbt manchmal alte Leichen aus. Erstaunlich, was man nach so vielen Jahren im Grab noch herausfinden kann. Tarp hat mir davon erzählt.«
   Mit unsicheren Schritten ging Pohlmann um den Schreibtisch herum und trat zu Billinger ans Fenster. Er hatte noch immer eine Fahne. »Weißt du, was sie im Gefängnis mit Kinderschändern anstellen?«
   Billinger wich kreidebleich zurück. »Hau ab … und … mach deine Arbeit.«
   Pohlmann nickte unmerklich. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Büro.
   Erschüttert wankte Billinger zu seinem Sessel. Was nur war mit Pohlmann geschehen, dass dieser Feigling ihm plötzlich die Stirn bot? Er musste auf ihn aufpassen. Bisher hatte er den Mund gehalten und seine Rolle gespielt, aber unter der Oberfläche brodelte es. Der unscheinbare Mann mit der Stirnglatze erschien ihm auf einmal wie der Prototyp eines Amokläufers. Manchmal fehlte nur ein winziger Anlass, um einen unter Druck stehenden Kessel zur Explosion zu bringen.
   Trotz der Hitze genehmigte er sich einen Wodka und fächerte die Briefumschläge auseinander. Der Alkohol breitete sich warm in seinem Bauch aus und dämpfte die brodelnde Unruhe. Sie hatten alles getan, was nötig war. Tarp war nicht dumm, er wusste, wie man Spuren verwischte.
   Unter der Geschäftspost befand sich ein Päckchen ohne Absender, das mit dem Hinweis privat an ihn adressiert war. Er riss den Klebestreifen auf und stieß auf ein einzelnes Blatt Papier, auf dem in herkömmlicher Computerschrift drei Sätze standen:

ICH WEISS WO JANA IST
ICH WILL 1.000.000 EURO
WARTEN SIE AUF MEINE ANWEISUNGEN

Hektisch kippte er den Inhalt des Päckchens aus. Unter den Schaumstoffflocken, die auf seinen Schreibtisch rieselten, fand er ein billiges Prepaid-Handy und ein angesengtes Knochenfragment. Er wusste genau, zu welchem Skelett dieser Knochen passte. Fünf Minuten später war ihm klar, dass der Erpresser nicht bluffte.

10

»Niemand außer uns weiß von der Sache.« Nachdenklich zupfte Henning Scheurich an seiner fleischigen Unterlippe. »Das ist ausgeschlossen.«
   »Offensichtlich nicht.« Billinger lief nervös hinter den weit geöffneten Fenstern seines Büros auf und ab.
   Scheurich schwenkte einen Tischventilator vor seinem Gesicht und griff nach dem Cognacschwenker auf dem Schreibtisch. »Ist dir in der Nacht jemand gefolgt?«
   »Nein.«
   »Bist du sicher?«
   »Ich habe nicht darauf geachtet, verdammt. Schließlich hatte ich … andere Sorgen«, sagte Billinger wütend. »Wie kommt der Kerl an den Knochen?«
   Scheurich trank glucksend den Branntwein aus. Sein Hals war fleckig und gerötet, die Hitze und der Alkohol waren Gift für seinen Blutdruck. »Seit vorgestern vermisse ich sämtliche Kreditkarten.«
   »Hast du sie sperren lassen?«
   Der Autohändler zuckte mit den Schultern. »Bin noch nicht dazu gekommen. Ohne Geheimzahl nutzen die sowieso niemanden etwas.«
   »Du bist ein leichtsinniger Idiot. Deswegen bist du auch pleite. Ihr Ossis könnt einfach nicht mit Geld umgehen.«
   »Ich bin nicht pleite. Das ist nur ein vorübergehender Engpass. Nach dem Quatsch mit der Abwrackprämie musste jedem Autohändler klar sein, dass die Absätze sinken werden. Ich habe gutes Geld verdient. Außerdem lebe ich seit über dreißig Jahren in diesem Kaff, vergiss das nicht.«
   »Deinen sächsischen Akzent bist du trotzdem nie losgeworden.« Billinger nahm ihm den Cognacschwenker ab. »Streng jetzt dein versoffenes Hirn an. Wer kann von der Sache wissen?«
   »Mhm. Was ist mit Pohlmanns Frau? In ein paar Tagen wird sie die Töpferei wieder eröffnen.«
   »Sie war in jener Nacht in Bad Ems. Das weiß ich genau. Und überhaupt, woher sollte sie wissen, dass …«, er fuhr auf, »ob wir irgendwas übersehen haben? Etwas vergessen, das sie entdeckt hat?«
   Scheurich rülpste. »Nein. Tarps Überheblichkeit ist kaum zu ertragen, aber er macht keine Fehler. Das muss ihm der Neid lassen.«
   »Eine blendende Zukunft, eine einmalige Gelegenheit«, murmelte Billinger abwesend. »So ein dummes Gequatsche.«
   Scheurichs Miene hellte sich auf. »Sag das noch mal!«
   »Was?«
   »Das mit der Zukunft. Sag bloß, sie hat dir auch aus der Hand gelesen?«
   Billinger drehte sich verblüfft um. »Du meinst die blonde Kellnerin mit den Spaghettilocken? Hat sie ihre Show bei dir auch abgezogen?«
   Scheurich kratzte sich im Schritt. »Sie hatte was. Keine Ahnung, wie sie das macht, aber mir war auf einmal, als hätte mich das Miststück verhext. Jetzt fällt mir ein, dass ich sie kurz vor Mitternacht aus dem Nebeneingang im Erdgeschoss kommen sah.«
   »Was hatte sie dort zu suchen?«
   »Ich dachte, du hättest dich mit ihr vergnügt. Sie wirkte irgendwie verstört.«
   Ächzend ließ sich Billinger in seinen Ledersessel fallen und trommelte nervös mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. »Ich hatte dem Cateringservice erlaubt, den Ankleideraum neben dem Schlafzimmer als Garderobe einzurichten. Ob der Teufel wollte, dass sie etwas gehört hat?«
   Scheurich massierte seine Unterlippe. »Oder gesehen.«
   »Scheiße.« Billinger goss sich noch einen Cognac ein. »Traust du ihr das zu? Eine Erpressung?«
   »Der traue ich alles zu. Das ist ein ausgekochtes Luder.«
   »Was machen wir jetzt?«
   »Wir?«
   Er schnellte vor und packte Scheurich am Kragen. »Pass auf, was du sagst, Henning. Mitgefangen, mitgehangen.«
   »Nimm deine Pfoten weg! Ich habe niemanden ermordet.«
   Billinger stieß ihn von sich und sank schnaufend zurück in seinen Sessel. »Wirklich nicht? Als ich nach unten ging, um Tarp zu suchen, lebte sie jedenfalls noch.«
   Scheurich drehte das angekohlte Knochenfragment in seinen Fingern. »Das spielt keine Rolle mehr. Wir haben ein ganz anderes Problem.«
   »Nehmen wir an, es war die Schlampe vom Cateringservice. Warum hat sie ausgerechnet mich erpresst? Du kommst als Täter ebenso infrage«, überlegte Billinger.
   Überrascht blickte Scheurich auf. »Manchmal frage ich mich, wie du es geschafft hast, dir Bergmanns Firma unter den Nagel zu reißen. Das war deine Party, du spielst den Wohltäter, der sein Füllhorn über Gräbersberg ausschüttet. Du stinkst nach Geld!« Er kratzte sich hinter dem Ohr. »Ich frage mich nur, was sie außer einem angesengten Knochen sonst noch in der Hand hat.«
   Billinger sprang auf, als explodiere der Ledersessel unter ihm. Er stürzte aus dem Büro und kehrte nach wenigen Minuten mit hochrotem Kopf zurück.
   »Das Miststück hat die verfluchte DVD! Sie war in der Garderobe und hat den Rekorder entdeckt.«
   Scheurich prustete vor Lachen. »Sag bloß, du hast dich selbst beim Sex mit der Tschechin gefilmt?«
   Billingers Kiefer mahlten wie die Walzen der zerstörten Steinmühle.
   Scheurich bog sich vor Lachen. »Wenn du deine privaten Sexvideos wenigstens mit einem Festplattenrekorder aufzeichnen würdest, wüssten wir, wer der Nutte die Lichter wirklich ausgedreht hat.«
   Billinger streckte seine Hand nach dem Telefon aus. »Ich rufe Tarp an. Er wird uns helfen.«
   »Gute Freunde sind doch ein Segen. Leg auf.«
   »Bist du verrückt? Tarp ist genau der Mann, den wir jetzt brauchen.«
   »Tarp ist ein kettenrauchendes Arschloch.«
   »Wen kümmert das, solang er uns von Nutzen ist?«
   »Im Augenblick ist er von dir abhängig. Willst du ihn wirklich in die Lage versetzen, den Spieß umdrehen zu können?«
   Billinger knallte den Hörer auf die Gabel. Tarp besaß eine Reihe von Tugenden, die er schätzte. Mit der richtigen Unterstützung würde er auf dem Weg, den er eingeschlagen hatte, weit kommen. Er war ehrgeizig, skrupellos und machtbesessen. Dennoch würde er ihn niemals zu seinen Vertrauten zählen. Der grauhaarige Kommissar war ein Kontrollfreak und unerträglich arrogant. Er war fest davon überzeugt, dass Gott ihm ehrfürchtig seinen Thron anbieten würde, sollte er wider Erwarten eines Tages in den Himmel gelangen. Als Marionette an den Schnüren dieses Psychopathen zu hängen, entsetzte ihn beinahe so sehr wie die Vorstellung einer beengten Zelle, in der er auf unabsehbare Zeit gefangen und den Launen seiner Mithäftlinge ausgeliefert sein würde. »Was machen wir dann? Soll ich diesem Biest etwa eine Million in den Rachen werfen?«
   »Wir werden ihr eine Falle stellen. Aber das kostet dich eine Kleinigkeit.«
   »Wie wär’s, wenn du mir erst mal die fünfzigtausend zurückzahlen würdest?«
   »Du bekommst das Geld – mit Zinsen, wie vereinbart. Ich will dir ein Geschäft vorschlagen, bei dem du nur gewinnen kannst. Und dabei soll auch für mich etwas abfallen.«
   Billinger kniff die Augen zusammen. »Was willst du?«
   »Du kannst nicht zur Polizei gehen, dann bist du geliefert. Also wirst du zahlen müssen, und verlierst eine Million Euro. Ich will zehn Prozent Finderlohn, wenn ich das verhindern kann. Es ist ein faires Angebot. Überleg’s dir.«
   Ungeduldig trommelte Billinger einen Wirbel auf die Tischplatte. »Wie können wir sicher sein, dass es bei der ersten Forderung bleibt?«
   »Ich werd’s dir gleich verraten.« Scheurich legte den Knochen auf den Schreibtisch zurück. »Vielleicht stammt das Ding ja von einem Köter oder einer verdammten Kuh und sie will uns nur Angst einjagen.«
   »Ja. Ja, sie blufft nur.« Billinger nickte heftig. »Das hat sie dauernd gemacht! Dieser ganze Hokuspokus mit der Wahrsagerei war ein Bluff!«
   »Aber sie hat die DVD.«
   »Sie macht uns fertig! Die Schlampe zockt uns ab!«
   »Das wird sie nicht«, sagte Scheurich.
   Das Prepaidhandy, das Billinger in dem Paket gefunden hatte, blinkte plötzlich und spuckte eine flötende Melodie aus. Scheurich blickte ihn abwartend an. »Gilt unser Deal?«
   Billinger streckte die Hand nach dem Handy aus. »Meinetwegen. Aber ich nehme dich beim Wort. Bau bloß keinen Mist!«
   »Okay. Lass mich das machen.« Scheurich griff nach dem Handy und meldete sich. Eine Weile hörte er schweigend zu. »Wann?«, fragte er dann. »Ja, ich habe verstanden. Ich werde dort sein. Ja, allein. Keine Polizei.«
   Die Verbindung wurde unterbrochen.
   Billinger zappelte vor Aufregung. »Und? Was will sie?«
   »Was wohl? Dein Geld!«
   Wütend knallte er das Glas in die Bar zurück. »Ich bring das Miststück um!«
   Scheurich nickte zustimmend. »Eine gute Idee. Und jetzt hör mir zu.«

11

Stettner zerrte die widerspenstige Schublade aus ihren Halterungen und kippte den Inhalt über dem Karton auf seinem Schreibtisch aus. Sollte er überhaupt etwas von dem unnützen Kram mitnehmen? Besser, er ließ das Zeug dort, wohin es gehörte: in der Vergangenheit.
   Keuchend stieß Bender die Glastür auf und warf seine Dienstmütze auf einen Stuhl. Sein Gesicht war krebsrot und schweißbedeckt.
   »Die Hitze schafft mich.« In seinem eigentümlichen Schaukelschritt watschelte der dicke Polizist zum Kühlschrank und trank glucksend eine Dose Cola leer. Verlegen beobachtete er Stettner.
   »Ich wollte nur sagen, dass … also wir finden, es ist …«
   Vielleicht sollte er den Rest des Plunders einfach in den Schubladen lassen, überlegte Stettner. »Sag doch einfach, was du meinst, Horst.«
   »Also, was ich sagen wollte … Schade, dass du gehst. Wir wissen alle, dass Tarp ein Arschloch ist.«
   »Danke, das habe ich noch gar nicht bemerkt.« Er klappte den Karton zu und beschloss, ihn in den Müllcontainer im Hof zu werfen. Hinter ihm klickte der Verschluss einer weiteren Coladose.
   »Was wirst du jetzt anfangen?«, fragte Bender.
   »Ich weiß noch nicht. Machs gut, Horst. Pass auf, dass Tarp euch nicht gegeneinander ausspielt. Er liebt das.«
   Bender zerknüllte kopfschüttelnd die leere Coladose. »Mann, du hast Nerven.«
   Mit dem Karton unter dem Arm verließ Stettner die Welt, in der er die vergangenen sechs Jahre zugebracht hatte, ohne sich noch einmal umzudrehen. Plötzlich hatte er es eilig, den Karton in den Container zu schmeißen. Seine Blicke streiften seine ehemaligen Kollegen hinter der Glaswand zu seiner Rechten … der dicke Bender, Stahl und Pfeifer und der sauertöpfische Lauert von der Spurensicherung … sie alle waren nun Vergangenheit.
   In dem quadratischen Glaskasten am Ende des Korridors schwebten dichte Rauchschwaden. Die Sprinkleranlage musste kurz davor stehen, Alarm auszulösen. Tarps sonore Stimme tönte über den Flur.
   »… Disziplin und Fleiß. Das sind die Tugenden, die Sie von Ihren deutschen Kollegen lernen können …«
   Mario Moretti lehnte an seinem Schreibtisch und hörte aufmerksam Tarps Vortrag an. Ein Tischventilator blies den Zigarettenqualm wie eine Nebelbank auf ihn zu.
   Stettner verkniff sich ein Grinsen.
   Neben dem turmhohen Moretti wirkte Tarp wie ein Frettchen mit Lungenkrebs. Er musste den Kopf in den Nacken legen und auf den Schuhspitzen wippen, um Moretti auf Augenhöhe zu begegnen. Stettner kannte den Halbitaliener, der seit sechs Wochen Tarps Assistent war, nur flüchtig. Wie man sich erzählte, hatte Moretti die Stelle aus eigenem Antrieb ergattert. Er musste entweder verrückt oder masochistisch veranlagt sein. Bei dem Gedanken grinste Stettner und fing einen verdutzten Blick des Italieners auf. Tarp bemerkte ihn und stapfte auf die Bürotür zu.
   »Schreiben Sie sich das hinter die Ohren, Moretti. Morgen früh habe ich Ihren Bericht.«
   Als er auf den Gang trat, stieß er beinahe mit dem Kopf an den Karton unter Stettners Arm.
   »Ah, Stettner. Ich hoffe, Sie haben nichts vergessen. Das ist ihr letzter Besuch im Präsidium.«
   »Ich hatte nur versäumt, Ihnen die Schnauze zu polieren.«
   Tarp steckte sich eine Zigarette zwischen die Zähne und reckte angriffslustig das Kinn vor. »Nur zu. Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen ein weiteres Verfahren an den Hals zu hängen.«
   »Was haben Sie eigentlich gegen mich?«
   »Nichts, Stettner, gar nichts. Aber ab und zu muss man mal richtig durchfegen, sonst nistet sich in den Ecken Ungeziefer ein.«
   »Ah, Sie schulen um, Tarp? Kammerjäger ist die richtige Berufswahl. Sie wissen ja bestens, wie eine Kakerlake aussieht. Schließlich rasieren Sie jeden Morgen eine.«
   Er drängte sich an ihm vorbei in Morettis Büro. Tarp lief dunkelrot an.
   »Treiben Sie es nicht zu weit. Es gibt immer noch etwas, das ein Mann verlieren kann. Was haben Sie hier überhaupt noch zu suchen?«
   »Ich verabschiede mich von meinen Kollegen. Hauen Sie schon ab, Tarp. Und spielen Sie ein bisschen im Dreck.«
   Tarps Handy klingelte, der Kommissar griff in seine Jackentasche und wandte sich ab.
   Stettner schlug die Tür hinter sich zu. Der Luftzug wehte Tarp die Kippe aus dem Mund. Stettner war plötzlich neugierig, warum Moretti freiwillig Tarps Tiraden ertrug. Er deutete auf den Schreibtisch des Kommissars. »Warum tun Sie sich das an? Lieber würde ich in der Hölle Kohlen schaufeln als mir mit Tarp ein Büro teilen.«
   Moretti grinste. »Weil ich etwas lernen will. Tarp suchte einen Assistenten. Ich habe gehört, er sei gut. Der zweitbeste Ermittler im Umkreis von hundert Kilometern.«
   »Mag sein. Und warum nehmen Sie nicht Nachhilfe beim Besten?«
   »Der hat gerade seinen Job hingeschmissen. Hören Sie, ich … Wir alle wissen über die Geschichte mit Sawinski Bescheid. Die meisten glauben, dass …«
   »Es interessiert mich nicht, was die meisten glauben.«
   »Ich sag’s Ihnen trotzdem. Alle hoffen, dass Sawinski wieder aufwacht. Er könnte Ihre Version bestätigen.«
   »Es spielt keine Rolle mehr.« Rasch drehte er sich um und blickte auf den Gang hinaus. Tarp war verschwunden.
   »Na, wenn’s mit dem Teamwork nicht mehr klappt, könnten Sie mir ja ein paar Tipps geben, wie ich mit Tarp besser klarkomme«, sagte Moretti und lächelte.
   »Mhm, warum nicht?«
   »Wie kann ich mich revanchieren?«
   »Ich suche eine Bleibe. Sie kennen nicht zufällig ein trockenes Plätzchen, wo ich ein paar Nächte unterkriechen kann?«
   Moretti überlegte und plötzlich hellte sich sein langes Pferdegesicht auf. »Ich wüsste was … auf jeden Fall billig, und trocken … na ja, solang Sie nicht leicht seekrank werden, sollten Sie zufrieden sein. Aber der Besitzer kommt erst heute Abend aus dem Urlaub zurück.« Moretti streckte ihm die Hand hin. »Ich heiße übrigens Mario.«
   Stettner ergriff Morettis Pranke und ließ sich kräftig durchschütteln. »Stettner reicht vollkommen. Das sagen alle.« Er kritzelte seine Telefonnummer auf einen Zettel. »Rufen Sie mich an, wenn die Bude frei ist.«

Den Rest des Tages verbrachte er mit der Suche nach einem neuen Job. Aber er stellte schnell fest, dass er nicht die geringste Lust verspürte, seine neu gewonnene Freiheit gegen eine Beschäftigung als Nachtwächter, Türsteher in einer Dorfdisco oder als Bodyguard für eine Securityfirma einzutauschen. Es dämmerte bereits, als er aus einem Taxi stieg und sich auf die Suche nach Morettis Traumwohnung machte. Die Sonne war hinter einem Gespinst aus milchigen Wolken verschwunden, das sich wie ein riesiges Gitternetz über den Himmel zog und die schwüle Hitze des Tages in dem engen Flusstal einsperrte wie unter einer unsichtbaren Glocke.
   Am Ufer der Lahn lagen Schiffe und Boote aller Formen und Größen vertäut; winzige Jollen und blendend weiße Jachten mit funkelnden Chromleisten, Ausflugsschiffe und Ruderboote, und dazwischen Hausboote, die mit ihren klobigen Aufbauten wirkten, als hätte ein ungeschickter Zimmermann sie aus einem groben Stück Holz geschnitzt. Stettner setzte sich auf eine Mauer und starrte in das dunkle Wasser der Lahn. Alle Entscheidungen, die er in den vergangenen zwei Tagen getroffen hatte, fühlten sich gut und richtig an, gleich, welche tiefen Einschnitte in sein Leben sie bedeuteten. Doch nun fehlte eine Perspektive, ein Fingerzeig des Schicksals, was er mit seinem Leben anfangen wollte. In diesem für ihn so wichtigen Augenblick der Selbsterkenntnis blitzte ein einzelner Sonnenstrahl durch die faserige Wolkendecke und brach sich auf dem Rumpf eines alten Hausbootes. Elektrisiert erhob er sich und ging wie ferngesteuert auf das rostige alte Ding zu. Er erlebte einen jener seltenen und bedeutsamen Momente im Leben, die man niemals wieder vergisst.
   Das alte Boot maß etwa fünfundzwanzig Meter in der Länge und war grün und weiß gestrichen. Die verblichene Farbe blätterte in großen Flocken vom Rumpf ab, doch Stettner beachtete den erbärmlichen Zustand nicht. Etwas an dem alten Kahn zog ihn unwiderstehlich an. Beinahe zärtlich strich er über die Reling, die mit so vielen Schichten Farbe bepinselt worden war, wie das alte Boot Jahre auf dem Buckel hatte. Der Bug wies mehrere frische Kratzer auf, daneben prangten die zerkratzten Buchstaben S T Y X.
   Styx, der Höllenfluss. Der Name passte zu dem Verlauf, den sein Leben genommen hatte. Vielleicht war er ein zynischer Wink des Schicksals.
   Stettner hielt den Atem an, als er in einem der Fenster ein von der Sommersonne verblichenes Schild mit einer Telefonnummer und den magischen Worten Zu verkaufen entdeckte. Er sehnte sich nach diesem Boot, wie er nie zuvor etwas in seinem Leben begehrt hatte. Das Schiff lag nur aus einem Grund hier: Es hatte auf ihn gewartet. Rasch notierte er sich die Telefonnummer. Erst dann fiel sein Blick auf den Kaufpreis, der in ungelenken Ziffern unter der Nummer stand. Sein Mut sank, denn er wusste, dass er das erforderliche Geld niemals aufbringen konnte. Keine Bank der Welt würde einer verkrachten Existenz wie ihm einen Kredit gewähren, um diesen alten Pott zu kaufen. Dennoch war er sich sicher, dass das Boot ihm gehören würde. Irgendwie. Irgendwann.

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