»Er stand unter Wulgaru, dem Henkersbaum, und um seinen Hals lag eine Schlinge. Als sie sich langsam zuzog, stellte er sich auf die Zehenspitzen. Noch einmal sogen seine Lungen gierig die feuchte Luft ein. Es war sein letzter Atemzug, das wusste er.« Wie eine Sintflut brechen die Ausläufer eines Zyklons über das Outback-Nest Douberie herein und schneiden die im dünn besiedelten Südwesten Queenslands gelegene Ortschaft von der Umwelt ab. Die Zeit für Hilfe drängt, denn in Douberie treibt ein Kurdaitcha-Mann, ein ritueller Eingeborenen-Henker, sein Unwesen. Drei weiße Einwohner sind ihm bereits zum Opfer gefallen, doch das scheint erst der Anfang zu sein. Kurz nachdem Detective Daryl Simmons in Douberie ankommt, geschieht ein weiterer Mord. Sowohl in der zerrütteten Aborigine-Gemeinschaft am Rande Douberies als auch unter den weißen Einwohnern stößt Daryl auf eine Reihe von Verdächtigen. Als Daryl Douberies düsterem Geheimnis auf die Spur kommt, zwingt ihn dies zu der schwierigsten und gleichzeitig schicksalhaftesten Entscheidung seines Lebens ...

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ISBN: 978-9963-52-954-4

Seiten: 335

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Alex Winter

Alex Winter
Alex Winter, geboren 1960 in Zürich/Schweiz, absolvierte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete zunächst als Dekorationsgestalter, später in verschiedenen Berufen im In- und Ausland. Seit 1980 unternimmt er immer wieder mehrjährige Reisen, die ihn vor allem nach Australien, Neuseeland und in die Südsee führen. Alex Winter lebt heute mit seiner Frau im Zürcher Oberland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Wie er diesen Baum doch hasste!
   Besonders in einer Vollmondnacht wie dieser, in der die glatte schneeweiße Rinde des Geistereukalyptus auf gespenstische Weise von innen zu leuchten schien.
   Der schlangenförmige Stamm mit dem weit nach Osten überhängenden Ast, der aussah wie ein unter der Last unzähliger Gehängter gekrümmter Galgenbaum, jagte ihm einen kalten Schauder über den Rücken.
   Die weißen Bewohner Douberies nannten ihn Henkersbaum, die Eingeborenen Wulgaru, was so viel wie der Holzteufelmann bedeutete. Sie machten einen großen Bogen um den Ghost Gum, was kein Wunder war beim Aberglauben der Schwarzen.
   Mehrere Eingeborene hatten sich bereits an ihm erhängt. Der letzte Vorfall lag einige Jahre zurück. Damals waren gleich zwei halbwüchsige Aborigine-Kinder gemeinsam auf den gekrümmten Ast geklettert und mit einem Strick um den Hals in den Tod gesprungen. Michael konnte sich noch gut daran erinnern, war er doch dabei gewesen, als man sie am nächsten Morgen fand.
   Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man damals diesen unseligen Baum gefällt. Doch als sich er und andere weiße Bewohner Douberies mit Äxten, Sägen und einem Bulldozer ans Werk machen wollten, waren die Eingeborenen wie eine Horde wütender Barbaren dazwischengegangen. Obwohl sie den Ghost Gum für einen bösen Geist hielten, verhinderten sie, dass er gefällt wurde. »Wulgarus Rache wird nicht nur für die fürchterlich sein, die es wagen ihn anzurühren, sondern sie wird uns alle treffen«, hatten sie prophezeit. »Er wird wie ein Rudel ausgehungerter Dingos über euch und uns herfallen und jeden töten.«
   Dies hatte, zum Bedauern der weißen Einwohner von Douberie, weitherum für großes Aufsehen gesorgt. Um die Gemüter zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass wieder Ruhe einkehrte, hatte Michael den Eingeborenen versprochen, der Baum würde stehen bleiben.
   »Aborigines und ihr Aberglaube«, knurrte Michael. Er klaubte eine zerknitterte Zigarettenpackung aus der Brusttasche seines Kollarhemdes, zündete sich einen verbogenen Glimmstängel an und sog genüsslich den Rauch ein.
   Während er den Baum betrachtete, materialisierten sich vor seinem geistigen Auge die Körper der beiden Eingeborenenkinder. Er sah sie am Baum hängen, bewegungslos wie Strohpuppen. Ihre Augen waren trübe und leblos wie zwei graue Hosenknöpfe, und doch schienen sie ihn anklagend anzustarren. Ausgerechnet ihn, Pater Michael McDermott, der sich aufopferungsvoll um sie gekümmert hatte, dem sie Zuwendung, zwei warme Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf zu verdanken gehabt hatten.
   Er seufzte. Diese armen, ungläubigen und verlorenen Seelen. Sie taten ihm leid. Jeder Mensch wusste doch, dass Selbstmord Sünde war und es Gott allein vorbehalten war, über das Ende eines Menschenlebens zu bestimmen. Auch die beiden Eingeborenenkinder hatten das gewusst. Und doch hatten sie sich erhängt und ihn damit zutiefst verletzt und letztendlich auch in Schwierigkeiten gebracht. Und damit nicht genug.
   Kaum war er in Douberie angekommen, hatte er erfahren, dass kurz zuvor zwei weiße Einwohner des Ortes, die er von früher her gut gekannt hatte, am Baum erhängt aufgefunden worden waren. Zufall? Er bezweifelte es. Zumal das eine Opfer eine Beule am Hinterkopf aufgewiesen hatte, die durchaus von einem Betäubungsschlag herrühren konnte, während ein Zeuge beim anderen Erhängten eine schwarz-weiße Geistergestalt beobachtet hatte, die wie ein ritueller Eingeborenenhenker ausgesehen hatte.
   Ein kühler Windstoß streifte Michaels Gesicht und ließ die langen Eukalyptusblätter im Baum leise rascheln. Es klang wie geisterhaftes Geflüster. Michael lief ein eisiger Schauder über den Rücken. Erneut begann die Realität zu verschwimmen und machte Bildern aus seiner Erinnerung Platz.
   Er blickte hinauf zu den Körpern der beiden Aborigine-Kinder, die gemeinsam in den Tod gesprungen waren. Langsam begannen sie, sich im Wind zu drehen. »Genau wie damals«, flüsterte er, kniff die Lider zusammen und bekreuzigte sich. »Aber damals ist nicht heute und ihr seid nicht real, sondern tot und begraben!«
   Als er sich wieder etwas beruhigt hatte, öffnete er die Augen. Der Geistereukalyptus hatte aufgehört zu leuchten und die Vision der erhängten Kinder war verschwunden. Dafür war die Nacht nun plötzlich so schwarz und Furcht einflößend wie die Hölle.
   Michael griff in die Hosentasche. Er kramte eine kleine Pillendose heraus, öffnete sie, schüttelte eine Verapamiltablette in die zittrige Hand und schluckte sie. Er sollte dringend mit dem Rauchen aufhören und abnehmen, sein Arzt hatte es ihm sicher schon ein Dutzend Mal gesagt. Sein Blutdruck war zu hoch, er hatte Herzrhythmusstörungen und durch einige seiner Arterien floss das Blut so zähflüssig wie der Verkehr zur Rushhour über Sydneys Harbour Bridge.
   Nach ein paar tiefen Atemzügen blickte er hinauf zum Himmel. Dort, wo zuvor noch ein fetter Mond zwischen einem Meer aus funkelnden Sternen gestanden hatte, breitete sich nun Finsternis aus.
   Die Welt um Michael schien rasend schnell zu schrumpfen. Er hatte das Gefühl, als läge er eingezwängt in einem Sarg, über dem langsam der Deckel zugezogen wurde.
   Vielleicht hätte er nicht hierher zurückkehren sollen. Nur nach dem Brief, den er vor drei Wochen erhielt, hatte er keine andere Wahl gehabt. Außerdem wollte er nicht, dass man ihn für einen Feigling oder gar einen Verräter hielt. Denn, Gott war sein Zeuge, das war er nicht!
   Ein erneuter Windstoß ließ die Glut seiner Zigarette aufleuchten. Auch das weckte Erinnerungen, diesmal jedoch angenehme. Sie durchströmten jede Faser seines Körpers, wohlig warm wie ein alter, schwerer Single Malt. »Alles wird gut, du bist nicht allein, Gott ist bei dir«, flüsterte er.
   In diesem Moment schnitt ein Blitz wie ein glänzendes Skalpell durch die schwarze Wolkenwand. Michael zuckte zusammen. Er wartete auf das Donnergrollen, doch das blieb aus. Stattdessen zuckten weitere Skalpelle durch die Nacht.
   Er stöhnte. »Das hat gerade noch gefehlt.« Zwar war das Gewitter noch weit entfernt, doch schon vor sechs Tagen hatte es hier, über tausend Kilometer weit im Landesinnern von Queensland, geregnet. Acht Stunden lang, ohne Unterbrechung. Die unzähligen Flüsse, Bäche, Salzseen und Lehmpfannen des Channel Countrys hatten sich gefüllt und das ausgetrocknete Grasland teilweise überflutet. Weite Strecken der zum Teil ungepflasterten Straßen hinauf zum über fünfhundert Kilometer entfernten Barkley Highway im Norden und dem siebenhundert Kilometer im Osten liegenden Longreach waren seither unpassierbar. Wenn jetzt noch mehr Regen fiel, dann drohte auch die Landebahn von Douberie überflutet und die kleine Ortschaft für mehrere Wochen von der Umwelt abgeschnitten zu werden. Eine schreckliche Vorstellung.
   Alles, was er sich im Moment wünschte, war, wieder in sein geordnetes Leben in Toowoomba zurückzukehren. Den Namen Douberie wollte er danach nie wieder hören, die Erinnerungen endgültig aus seinem Gedächtnis verbannen. Doch zunächst musste er sich Klarheit verschaffen. Klarheit darüber, wer ihm diesen höchst beunruhigenden Brief geschrieben hatte.
   Zwei weitere Blitze zuckten vom Himmel, dann noch ein dritter und … Was war das? Ein unscharfes, scheibenförmiges weißes Licht tanzte von Nordwesten auf ihn zu. Michael wich langsam zurück, gleichzeitig bekreuzigte er sich wieder. War das etwa … ein Min Min Licht?
   Er hatte schon von diesen ungewöhnlichen Lichterscheinungen gehört, sie aber immer als Aberglaube der Schwarzen oder Wichtigtuerei von irgendwelchen Spinnern abgetan. Doch nun sah er eine mit eigenen Augen. Das Licht war nicht natürlich, tanzte auf und ab, nur knapp zwei Meter über dem Boden, beschrieb plötzlich einen Bogen und kam direkt auf ihn zu.
   Michael ließ seine Zigarette auf den Boden fallen, drehte sich um und stolperte in Richtung der alten Missionskapelle. Als er die massive Eisenholztür erreichte, sah er, dass der Schlüssel im Schloss steckte und die Tür einen Spaltbreit offen stand. Das war merkwürdig, denn normalerweise war sie immer verschlossen, so auch vor ein paar Minuten, als er an ihr vorbeigegangen war. Er zögerte. War heimlich jemand hinter seinem Rücken in die Missionskapelle geschlüpft? Vielleicht Pater Harper?
   Auf einmal wurde es hell um ihn herum und seine Silhouette warf einen deutlichen Schatten auf die dunkle Tür. Michael riss den Kopf herum. Das Min Min Licht schoss als verschwommene Kugel auf seinen Kopf zu. Er duckte sich erschrocken, sah, wie das Licht im rechten Winkel über ihn hinwegjagte, um dann wieder als hüpfender Lichtball zurückzukehren.
   Michael stieß die schwere Eisenholztür mit beiden Händen auf, stolperte in den dunklen Raum und presste den Rücken gegen die Tür, bis sie ins Schloss fiel. Ein dumpfer Ton hallte durch die Kapelle. Michael atmete erleichtert aus. Das Min Min Licht, diese unheimliche, hell schimmernde Lichtquelle, die sich nicht nur in alle Richtungen bewegen, sondern auch ihre Geschwindigkeit verändern konnte, gab es also wirklich.
   Sein Verstand sagte ihm, dass es dafür eine logische Erklärung geben musste. Aber alle gängigen Theorien schienen ihm im Hinblick auf das eben Erlebte plötzlich wenig überzeugend.
   Draußen zuckten weitere Blitze durch die Nacht. Für Sekundenbruchteile warfen sie ihre Lichtstrahlen durch die Bleiglasfenster in die Kapelle, wo sie als gespenstische Schattengestalten zwischen den Holzbänken herumhuschten. Kein Zweifel, das Unwetter kam immer näher.
   Eine weitere Blitzsalve erleuchtete den Raum taghell. Er sah, dass die Tür zur Sakristei am Ende der Kapelle offen stand. Das beunruhigte ihn noch mehr, denn normalerweise war sie zugesperrt. Sein Herz raste. »Hallo, ist da jemand?«
   Als das Wetterleuchten einen Moment nachließ und den Hauptraum wieder in Dunkelheit hüllte, bemerkte er einen schwachen Lichtschein in der Sakristei. Der Strahl einer Taschenlampe?
   Michael war unschlüssig. Sollte er nachsehen oder doch besser ins Hotel zurückkehren? Keine Taschenlampe, entschied er. Die Lichtquelle flackerte, fast wie … ein Feuer? »Nur das nicht«, flüsterte er besorgt und eilte zum Nebenraum.
   Die Sakristei war durch ein hohes Büchergestell in zwei Bereiche unterteilt. Im einen waren eine kleine Bibliothek sowie die für den Gottesdienst benötigten Utensilien untergebracht, im anderen befand sich sein ehemaliges Büro, das inzwischen zu einem kleinen Museum umfunktioniert worden war.
   Er blieb im Türrahmen stehen. »Ich bin es, Pater Michael. Ist hier jemand?« Keine Antwort. Er sah sich um. Durch die Schlitze des Bücherregals schimmerte Licht. Die weiß gestrichenen Lehmziegelwände reflektierten es zwar nur schwach, doch immerhin reichte das aus, um zu erkennen, dass niemand in diesem Teil der Sakristei war. Michael trat leise ein, dann ging er vorsichtig um das Gestell herum.
   Der wuchtige englische Schreibtisch befand sich noch immer in der Mitte des Büros, so, wie er ihn einst platziert hatte. Auf ihm stand ein antiker, dreiteiliger Kerzenständer, die Quelle des Flackerlichts.
   Er blickte hinüber zum alten Sprossenfenster. Es war halb geöffnet, davor stand einer der ungepolsterten Besucherstühle. Michael ging hin, warf einen Blick hinaus in die Dunkelheit, dann verriegelte er das Fenster. Er hatte sich nicht geirrt. Jemand war heimlich in die Kapelle geschlichen, hatte das alte Schloss zur Sakristei aufgesperrt und die Kerzen angezündet. Dann, als er Michael rufen hörte, war er durch das Fenster geflüchtet. Vielleicht einer der Eingeborenen?
   »Was heißt hier vielleicht«, schnaubte er. In den letzten Jahren hatten sich immer mehr Eingeborene in Douberie angesiedelt, wie ihm die Inhaberin des Hotels, Maggy O’Reilly, bei seiner Ankunft erzählt hatte. Alte Türschlösser wie das zur Sakristei stellten für sie vermutlich kein Hindernis dar.
   Michael drehte sich um. Die dicken Kerzen brannten nun ruhig und friedlich. Sie hüllten den verzierten Eichenschreibtisch in ein goldenes Licht, was ihn wie einen wertvollen Altar erstrahlen ließ.
   Wieder zuckten Bilder aus der Vergangenheit wie Glutfunken durch sein Gehirn. Er sah den Aborigine, der ihm den alten, kunstvoll verzierten Kerzenständer brachte. Gefunden hatte er ihn im über hundert Jahre alten Abfallhügel der ersten Siedler, der sich zwei Kilometer außerhalb von Douberie befand. Michael erinnerte sich daran, wie er ihn dafür angemessen belohnte. Dann folgte ein Zeitsprung zu der Szene, in der er seinen Schreibtisch räumte, um Douberie den Rücken zu kehren. An diesem Tag war auch der Kerzenständer verschwunden, der immer am oberen linken Rand des Tisches gestanden hatte.
   Michael kniff ein paar Mal die Augen zusammen, um die Trugbilder aus seinen Gedanken zu vertreiben.
   Was hatte das alles zu bedeuten? Warum stand der verschwundene Kerzenständer nun plötzlich wieder auf dem Schreibtisch und weshalb standen die beiden mittleren Schubladen zehn Zentimeter weit offen?
   Das eingebaute Geheimfach … Er war sicher, dass niemand von dem Versteck wusste. Er selbst hatte es ja auch nur durch Zufall entdeckt. Eine Maus hatte sich in dem antiken Möbel eingenistet. Um den lästigen Nager zu erwischen, hatte er den ganzen Schreibtisch ausräumen und alle Schubladen herausnehmen müssen. Dabei war ihm aufgefallen, dass die Mittelschubladen kürzer waren als die restlichen. Schnell fand er heraus, wie er die Doppelwand hinter ihnen zur Seite schieben konnte.
   Das Geheimfach war leer gewesen. Sein Vorgänger hatte sicher nichts von seiner Existenz gewusst, sonst hätte er ihm bestimmt davon erzählt.
   Michael war für diese Entdeckung sehr dankbar gewesen. Auch im Leben eines Paters gab es Dinge, die privat waren und von denen niemand etwas zu wissen brauchte.
   Als die Mission geschlossen wurde und er seine neue Stelle in Toowoomba antrat, hatte er weder dem christlichen Verwalter, der seither sechs Mal im Jahr aus Mount Isa kam, um nach dem Rechten zu sehen, noch sonst jemandem in Douberie von dem Geheimfach erzählt. Dieses Versteck war für ihn so etwas wie sein privater Schrein gewesen. Die Vorstellung, dass es nach ihm eine andere Person benutzt hätte, wäre ihm wie eine Entweihung vorgekommen.
   Michael seufzte und setzte sich in den antiken Drehstuhl. Er wusste, dass das Fach leer war, doch er konnte einfach nicht widerstehen. Er musste es öffnen. Der alten Zeiten willen und wegen des prickelnden Gefühls, das immer damit verbunden gewesen war.
   Er öffnete das oberste der sechs Schubfächer auf der rechten Tischseite. Dann zog er die linke Mittelschublade heraus und legte sie auf die Tischplatte. Als Nächstes streckte er den Arm in den Hohlraum und drückte leicht gegen die Rückwand. Dank des geöffneten Schreibtischfachs rechts ließ sich nun die Rückwand auf die rechte Seite schieben.
   Er schloss die Augen, genoss die Erinnerung an früher, wenn er die Hand in das Versteck geschoben hatte, um … »Ahh!«
   Der Schmerz war so entsetzlich, als würde ein Schweißbrenner ein Loch in seinen Handrücken brennen. Michael sprang auf, ohne jedoch rechtzeitig den Arm zurückzuziehen. Sein Handgelenk brach mit einem hässlichen Knacken. Wie ein Stromschlag schoss der Schmerz seinen Arm hinauf bis in sein Gehirn. Ein weiterer Feuerstoß bohrte sich in seinen Handrücken.
   Er ging in die Knie und riss den Arm zurück, gleichzeitig brannte der Schweißbrenner ein weiteres Loch in seine Hand. Er sah, dass etwas an seiner Hand hing und schrie. Bevor er es wegreißen konnte, fiel es vor seine Knie. Im Schatten, den der Schreibtisch auf den Boden warf, konnte er es nicht erkennen, doch es bewegte sich. Eine Ratte?, schoss es ihm durch den Kopf. Im selben Moment schlug das Ding erneut zu, diesmal in seinen Oberschenkel. In panischer Angst stieß sich Michael mit einer Hand von der Tischkante ab, strauchelte halb über den Stuhl und fiel auf den Rücken. Der instinktive Versuch, den Sturz mit beiden Händen aufzufangen, war fatal. Ein Feuerwerk aus Farben, Sternen und grellen Blitzen zuckte durch seinen Kopf, angefacht von nie da gewesenen Schmerzen.
   Michael kippte auf die Seite und sein Kopf schlug dumpf auf dem Holzfußboden auf. »Nicht … ohnmächtig … werden«, flüsterte er heiser.
   Während die Schmerzen langsam ein wenig nachließen, wurde auch sein Blick wieder etwas klarer. Vorsichtig richtete er sich mit seiner unverletzten Hand auf. Er blickte auf sein gebrochenes Handgelenk und entdeckte sechs blutende Löcher. »Allmächtiger Gott, das sind Schlangenbisse!«
   Die Angst drang wie ein heißes Fieber in jede Faser seines Körpers, gleichzeitig wusste er, dass er nicht in Panik geraten durfte. Sein Herz … Er spürte, wie es ungleichmäßig schlug. Nimm ein Verapamil! Nein, besser nicht. Er wusste ja nicht, welche Wirkung es auf das Schlangengift hatte.
   Das Wichtigste war jetzt, möglichst schnell den Arm und das Bein abzubinden, damit so wenig Gift wie möglich in seinen Kreislauf geriet. Doch mit einer gebrochenen Hand ging das nicht. Zum Glück waren es bis zum Hotel nur knapp dreihundert Meter. Wenn man ihn mit dem Flugzeug ins nächste Krankenhaus flog, oder noch besser, der Royal Flying Doctor Service ihn abholte, hatte er eine gute Chance, zu überleben.
   Stöhnend kam er auf die Beine. Wo war die Schlange? War sie noch unter dem Schreibtisch oder bereits weitergekrochen, vielleicht unter das Bücherregal? Keine hastigen Bewegungen, denk an deinen Puls, mahnte er sich zur Ruhe. Er hielt den Arm mit der gebrochenen Hand im rechten Winkel an die Brust gepresst, gleichzeitig versuchte er, mit der anderen Hand den Blutfluss im verletzten Arm zu unterdrücken.
   Merkwürdig, dachte er, als er unsicher in einem respektvollen Bogen um den Tisch und das Bücherregal Richtung Ausgang wankte. Hatte er die Tür vorhin nicht offen stehen lassen?
   Michael drückte mit dem Ellbogen die Klinke hinunter, gleichzeitig stemmte er sich mit der Schulter gegen die Tür.
   Sie ließ sich nicht öffnen. Er ließ den verletzten Arm los und rüttelte am Türgriff. »Aufmachen«, rief er. Seine Stimme klang hysterisch, was seine Angst nur noch schürte. Mit der Faust hämmerte auf das raue Holz. »In Gottes Namen, aufschließen!«
   Nichts geschah. Michael spürte, wie sich Panik in ihm breitmachte, wie sie seinen Verstand und damit die Kontrolle über sein Handeln übernahm.
   Er drehte sich um und stolperte wie ein Betrunkener um das Bücherregal Richtung Fenster. Dabei nahm er im Schatten neben dem Schreibtisch eine Bewegung wahr. Die Schlange! Sie war höchstens einen halben Meter lang, doch es war zu dunkel, um die Art bestimmen zu können. Er machte einen großen Bogen um sie, ließ sie dabei aber nicht aus den Augen.
   Als er das Sprossenfenster erreichte und es öffnen wollte, zuckten draußen nacheinander gleich mehrere Blitze aus dem pechschwarzen Himmel. In ihrem grellen Schein erkannte er die schemenhaften Konturen einer schwarzen, geisterhaften Gestalt, die mit jedem Lichtblitz ein Stück näher auf das Fenster zusprang. Ihr Gesicht war eine schneeweiße Halbmaske mit zwei großen schwarzen Augen. Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Antlitz einer Schleiereule. Der Körper bestand aus jeweils zwei parallel verlaufenden, weiß gepunkteten Linien, die sich unterhalb des Schleiereulengesichts in zwei Bögen bis einen halben Meter über dem Boden erstreckten, wodurch das unheimliche Wesen aussah, als würde es schweben.
   Ein Kurdaitcha-Mann! Wie betäubt wich Michael langsam vom Fenster zurück. Kalter Schweiß brach ihm aus. »Allmächtiger Gott, ich flehe dich an, erbarme dich meiner«, flüsterte er mit zitternder Stimme.
   Ein weiterer Blitz erhellte die Nacht und an der Fensterscheibe materialisierte sich für eine Sekunde die diabolisch grinsende Fratze des rituellen Eingeborenenhenkers.
   »Nein«, schrie Michael, als das Fenster zersplitterte und die Glasscherben wie Glutfunken auf den Holzfußboden prasselten. Er wollte sich umdrehen und davonrennen, doch wohin? Die Tür war verschlossen und in der Dunkelheit lauerte eine Schlange. Er saß in der Falle.
   Ein kleiner Gegenstand flog durch das zerborstene Sprossenfenster und fiel klimpernd vor Michaels Füße. In diesem Augenblick blitzte es wieder. Er starrte zum Fenster, doch die furchterregende Fratze war verschwunden.
   Stöhnend vor Schmerzen bückte er sich und hob den Gegenstand auf. Es war der Schlüssel zur Sakristei. Ruckartig drehte er sich um und torkelte, ohne nach links oder rechts zu blicken, zur Tür.
   Als er aufgeschlossen hatte und durch den Türrahmen in die Kapelle wankte, realisierte er, wie wenig Sinn das alles machte. Kurdaitchas retteten keine Leben, sie löschten sie aus. »Egal«, keuchte er, hastete den Mittelgang hinunter zum Eingangsportal, riss die schwere Eisenholztür auf und wankte nach draußen.
   Fette Regentropfen klatschten ihm ins Gesicht. Er rang nach Luft, versuchte, die brennende Übelkeit, die wie glühende Lava aus seinem Magen hochstieg, hinunterzuschlucken.
   In diesem Moment sprang der Kurdaitcha hinter dem Geistereukalyptus hervor und stellte sich ihm mit erhobenem Speer in den Weg.
   Michaels Herz verkrampfte sich. Stechende Schmerzen breiteten sich wie elektrische Schläge von seiner Brust in alle Richtungen seines Körpers aus. Ihm wurde schwindlig und er begann, alles doppelt zu sehen.
   Ein Herzinfarkt, oder die Wirkung des Schlangengiftes, vielleicht auch beides, wurde er sich gewahr.
   Langsam und nach Atem ringend, sank er am Fuße der steinernen Plattform vor der Kapelle auf die Knie. Als er zum Kurdaitcha-Mann aufblickte, konnten seine Augen ihn schon nicht mehr klar sehen. »Du?«, fragte er mit schwacher Stimme. »Warum … du?«
   Anstelle einer Antwort zuckten drei grelle Blitze vom Himmel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnergrollen und sintflutartig einsetzendem Regen.
   Michaels Kopf sank auf seine Brust, dann kippte er vornüber und fiel über die Stufe des steinernen Vorplatzes auf die nasse dunkelrote Erde.
   Eine Welle aus glühenden Schmerzen brach über ihm zusammen. Wie ein Wurm krümmte und wand er sich auf dem matschigen Boden, in der irren Hoffnung, sich aus der Umklammerung befreien zu können. Je mehr er sich bemühte, umso schneller versiegten seine Kräfte. Mit der Erkenntnis, dass er die Kontrolle über seinen Körper verloren hatte, schob sich auch die unbarmherzige Gewissheit in sein Bewusstsein, dass er sterben würde.
   Ein letztes Mal versuchte er, sich aufzubäumen, doch mehr, als den Kopf zu heben, schaffte er nicht. Der Kurdaitcha-Mann war zwar wie durch Geisterhand verschwunden, dafür umkreiste ihn jetzt wieder das unheimliche, hüpfende Min Min Licht.
   Am Ende seiner Kräfte ergab sich Michael seinem Schicksal, schloss die Augen und sank zurück auf den Boden. Rinnsale mit schmutzigem Regenwasser umspülten ihn, schwemmten Sand und schlammige Erde in seinen halb geöffneten Mund. Er ließ es geschehen. Erde zu Erde …

1

Daryl trat aus dem kleinen backsteinernen Flughafengebäude von Winton, einer Eintausend-Seelen-Gemeinde mitten in der weiten, öden Landschaft Südwest-Queenslands.
   Unter dem Wellblechvordach, das den wenigen Passagieren Schatten vor der sengenden Outbacksonne spenden sollte, blieb er stehen und blickte zum Himmel.
   Wie die klebrig zähe Masse aus einem Betonmischer wälzte sich aus Nordosten eine dunkelgraue Wolkenwand über die flache, baumlose Graslandschaft. Spätestens in einer Dreiviertelstunde war es vorbei mit der Regenpause. Ein verrücktes Jahr, was das Wetter anging. Fast in ganz Australien hatte es überdurchschnittlich viel geregnet und Queensland war davon wieder einmal ganz besonders betroffen.
   Das Channel Country, im Inneren Ostaustraliens gelegen, verdankte seinen Namen den ausgetrockneten Flussläufen unterschiedlicher Größe, die das Land durchquerten. Es umfasste ein Gebiet von über 883.000 Quadratkilometern, der größte Teil gehörte zu Queensland, an den Randgebieten grenzte es an das Northern Territory, South Australia und New South Wales. Es zählte zu den trockensten Gebieten Australiens, in dem im Sommer die ausgelaugte Erde staubig war, das Tussock- und Mitchell-Grasland verdorrt, die Flüsse, Salzseen und Lehmpfannen ausgetrocknet und die Temperatur bis auf fünfzig Grad Celsius stieg.
   Alle paar Jahre, nach besonders starken und ausgiebigen Monsunregenfällen im tropischen Norden, verwandelte sich das Channel Country jedoch in den Monaten Januar und Februar in ein gewaltiges Überschwemmungsgebiet.
   Wenn man den Meteorologen glauben durfte, würde dieses Jahr, zumindest für Queensland, das schlimmste Regenjahr seit 2010 werden. Damals hatte der Wirbelsturm Olga nicht nur an der Küste für große Schäden und gewaltige Überschwemmungen gesorgt, auch das Channel Country hatte ungewöhnlich viel Wasser abbekommen, wodurch viele der abgelegenen Farmen und weit verstreuten Ortschaften für längere Zeit völlig von der Umwelt abgeschnitten worden waren.
   Auch Douberie konnte inzwischen nicht mehr auf dem Landweg erreicht werden. Nicht viel besser sah es mit der Landepiste aus, wie man ihm eben via Funk bestätigt hatte.
   Daryls Bein schmerzte, als er über den Plattenweg durch die eingezäunte Rasenfläche zur geteerten Landebahn humpelte. Ein weiteres untrügliches Zeichen, dass das Wetter umschlug.
   Er war vor über drei Stunden von Broken Hill kommend in Winton gelandet. Hier hätte er in die Turboprop-Maschine der regionalen Fluggesellschaft Regional Express, mit der das Polizei- und Forensik-Team aus Brisbane angereist war, umsteigen sollen, um gemeinsam mit ihnen weiter nach Douberie zu fliegen. Doch wie er eben erfahren hatte, war der Weiterflug gestrichen worden.
   Daryl trat neben eine junge Frau, die mit hängendem Kopf zwischen einem kleinen Rollkoffer mit aufgeschnalltem Arztkoffer und Daryls bescheidener Reisetasche stand. Die Frau war mittelgroß und von zartem Wuchs, ohne zerbrechlich zu wirken. Als sie Daryl bemerkte, blickte sie zu ihm auf und strich sich eine ihrer golden schimmernden Locken aus dem Gesicht.
   »Sie machen ja ein Gesicht, trüber als das Wetter«, sagte Daryl und lächelte.
   »Das werden Sie auch gleich«, erwiderte sie ernst.
   »Lassen Sie mich raten; man hat uns beide aus dem Team geworfen.«
   Sie zog die Brauen hoch und sah ihn mit ihren großen dunklen Augen an – Augen, die schwer zu ergründen waren und in denen immer wieder geheimnisvolle goldene Flecken aufblitzten.
   »Woher wissen Sie das?«
   »Sie, Dr. Foley, sind deutlich jünger als Ihre beiden Kollegen vom Forensikteam. Außerdem ist dies Ihr erster mehrtägiger Außeneinsatz, wie ich aus dem schicken, neuen Rollkoffer neben Ihnen schließe. Während man in Ihnen den Frischling sieht, auf den man am ehesten verzichten kann, halten der Einsatzleiter und seine beiden Kollegen mich für einen Störenfried, den man ihnen ohne zu fragen aufgedrückt hat. Und da das restliche Gepäck und die forensische Ausrüstung nach wie vor da vorn am Rand des Flugfelds auf einem Haufen liegt, während man unseres hierher getragen hat, gehe ich davon aus, dass die Regional-Express-Maschine aufgrund einer teilweise überfluteten Landebahn in Douberie nicht wie geplant weiterfliegen kann.«
   »Wirklich beeindruckend kombiniert«, sagte die Forensikerin. »Allerdings können Sie aus Ihren Beobachtungen unmöglich wissen, dass die Piste in Douberie teilweise gesperrt ist; das hat Ihnen jemand gesteckt.«
   Daryl lachte. »Ich sehe schon, so leicht lassen Sie sich nicht hinters Licht führen.« Einen Moment lang studierte er die weichen Konturen ihres ovalen Gesichts, das von einem schmalen, energischen Kinn dominiert wurde. »Man war vorhin so nett, mich über Funk mit Douberie sprechen zu lassen.« Er blickte an ihr vorbei zu einer kleineren Maschine, die gerade Richtung Gepäckberg rollte. »Aber ich wäre auch so drauf gekommen. Die Cessna 206 Stationair TC, die da heranrollt, benötigt, wenn ich mich recht erinnere, nur gerade mal zweihundertfünfundzwanzig Meter Piste, um landen zu können, die zweimotorige Saab Turboprop dagegen bedeutend mehr. Da die Cessna aber leider nur sechs Plätze hat …«
   »Okay, okay, Sie haben mich überzeugt«, unterbrach sie ihn. »Letztendlich ändert es auch nichts daran, dass wir beide die Nacht hier in Winton verbringen müssen.« Sie wandte sich dem Flugfeld zu und beobachtete, wie die Cessna wenige Meter neben dem Gepäck anhielt. Während der Einsatzleiter – ein großer, schlanker Mann mit grauem Bürstenschnitt namens Bloomfield – auf sie zukam, schnappte sich das restliche Team das Gepäck und die Ausrüstung und trug es zur Cessna.
   »Ich nehme an, Dr. Foley hat Sie schon über unser Problem informiert«, sagte der Detective Inspector, als er sie erreicht hatte.
   Daryl nickte. »Die Cessna hat nur sechs Sitzplätze, da müssen eben zwei Personen zurückstehen.«
   »Schön, dass Sie dafür so viel Verständnis haben, Detective Simmons. Wie Sie wissen, ist dies bereits der dritte – wenn man diesen vermissten Hotelbesitzer mitzählt – vielleicht schon der vierte Todesfall innerhalb kurzer Zeit in Douberie. Und da wir bereits bei der ersten Leiche durch die Kopfverletzung von einem Mord ausgingen, ist es wichtig, dass wir bei dem neuen Opfer so schnell wie möglich mit den Ermittlungen und der forensischen Tatortsicherung beginnen. Das geht natürlich am effektivsten mit einem eingespielten Team.« Er warf der jungen Ärztin einen kurzen Blick zu. »Sie können dann selbstverständlich morgen mit Detective Simmons nachkommen, sofern es das Wetter erlaubt.« Er schenkte ihnen ein abschließendes Nicken. »Wenn Sie mich nun entschuldigen, die Zeit drängt.«
   »Ts«, sagte Dr. Foley, als der Einsatzleiter gegangen war. »Als ob ich ein Welpe wäre und jedem auf die Schuhe pinkeln würde.« Sie drehte sich verärgert um und blickte zu Daryl auf. »Außerdem dürften zwischen dem Eintreten des Todes und dem Auffinden der Leiche des Paters neun bis elf Stunden vergangen sein. In der Zeit hat es wie aus Eimern geregnet, und danach haben mindestens ein halbes Dutzend Leute den Tatort kontaminiert. Da lassen sich vermutlich kaum noch brauchbare Spuren finden.«
   Daryl, der die junge Forensikerin jetzt schon mochte, grinste. »Da haben Sie recht. Dass die Einwohner die Leiche des Paters erst in die Kapelle und später durch den halben Ort zum Kühlraum des Hotels getragen haben, macht die Spurensicherung auch nicht einfacher.«
   »Ja, dieser ehemalige Buschpolizist aus Douberie ist wirklich ein Denkzwerg. Nachdem der Special Constable aus Birdsville den Tatort des letzten Opfers vor ein paar Wochen sicherte, hätte er es eigentlich besser wissen müssen.«
   »Nun, damals hat es auch nicht geregnet und der Cop aus Birdsville war innerhalb von drei Stunden am Tatort. Diesmal dauert es über vierundzwanzig Stunden, bis die Polizei vor Ort ist. Und so lange konnten sie ihn nun wirklich nicht am Baum hängen lassen.«
   »Schon richtig. Aber dieser Ex-Buschcop hätte wenigstens den Tatort absperren, fotografieren und dann die Leiche bis zu unserem Eintreffen in der Kapelle einschließen können. Aber die Leiche gleich mehrmals zu bewegen war, verzeihen Sie, reichlich dämlich.«
   Daryl lachte. Er fand die offene Art der jungen Ärztin ebenso herzerfrischend wie ihre unverblümte Ausdrucksweise. »Sind Sie eigentlich mit sich ebenso gnadenlos ehrlich, streng und kritisch wie mit anderen?«
   »Selbstverständlich«, antwortete sie, ohne zu zögern. »Der Weg zu selbstständigem und logischem Denken und Handeln führt über fortwährende Selbstkritik. Aber keine Angst, ich setze deshalb die Messlatte bei anderen nicht automatisch gleich hoch an.«
   »Wie tröstlich«, scherzte Daryl. »Aber Sie haben natürlich recht. Dieser ehemalige Senior Sergeant Webster scheint entweder eine Menge von dem vergessen zu haben, was er einst in der Polizeiausbildung gelernt hat, oder er ist wirklich nicht der hellste Stern am Himmel.«
   Der Motor der Cessna heulte auf und die kleine Maschine rollte auf die Startbahn.
   »Da erhebt sich das Dreamteam also in die Lüfte und wir dürfen sehen, wie wir von diesem Buschflugplatz nach Winton kommen und wo wir dort bleiben können«, sagte die Forensikerin säuerlich. »Na, wenigstens soll das Pub im Tattersalls Hotel ganz nett sein.«
   »Ich fürchte, diese Erfahrung werden Sie ohne mich machen müssen.«
   Sie sah ihn fragend an. »Wollen Sie etwa die Nacht hier in diesem Zwergenterminal verbringen?«
   »Nein.«
   »Was dann?«
   »Wie vorgesehen nach Douberie fliegen.«
   »Aber wenn die Cessna zurückkommt, ist es doch schon fast dunkel. Der Pilot wird dann bestimmt nicht noch einmal nach Douberie fliegen. Erst recht nicht bei der Waschküche, die da auf uns zukommt.« Mit einer Geste, die das halbe Outback einschloss, drehte sie sich halb im Kreis. »Und eine andere Kleinmaschine sehe ich hier weit und breit auch nicht.«
   Daryl kniff die Augen zusammen und blickte nach Südwesten. »Wollen wir wetten, Doc?«
   Dr. Foley folgte Daryls Blick, schien aber im Gegensatz zu ihm den kleinen Punkt am Himmel nicht zu entdecken. »Sie haben da drin nicht nur über Funk mit Douberie gesprochen, stimmt’s?«
   »Yep.«
   »Und weshalb haben Sie das nicht gegenüber Detective Inspector Bloomfield erwähnt?«
   Daryl zuckte mit den Schultern. »Er hat mich ja auch nicht gefragt, ob ich hierbleiben will.«
   In ihren Augen blitzten einmal mehr goldene Funken auf. »Warum hab ich bloß das Gefühl, dass das nicht der einzige Grund ist?«
   Daryl grinste. »Weil Sie offenbar ziemlich clever sind.«

Der zweisitzige Robinson R22 war ein in erster Linie für den privaten Gebrauch produzierter Helikopter. Er war extrem leicht, wendig und obendrein kostengünstig. Dies war wohl auch der Grund, warum ihn sich der Viehzüchter Mick Fennell zusätzlich zu einer Cessna zugelegt hatte; der zierlich erscheinende Hubschrauber eignete sich hervorragend zum Aufspüren und Zusammentreiben des weit verstreut grasenden Viehs. Jetzt, zur Regenzeit, wurde er aber kaum gebraucht, weshalb Fennell gern bereit gewesen war, ihn einem erfahrenen Hubschrauberpiloten wie Daryl für eine angemessene Gebühr zu vermieten.
   »Wie ein Detective sehen Sie mir ja nicht gerade aus«, meinte der Viehzüchter, als er aus der Maschine geklettert war, Daryl die Hand geschüttelt und eingehend sein Jeans-Holzfällerhemd-Blundstone-Boots-Outfit gemustert hatte. »Mit Ihrem Dreitagebart und Ihrer gesunden Hautfarbe gingen Sie glatt als einer meiner Stockmen durch.«
   Fennell war ein sehniger Mann mit wettergegerbtem Gesicht und einem Händedruck wie eine Schrottpresse. Er war ein typischer Mann des Outbacks, hart, zäh und unbeugsam wie ein Eisenholzbaum, jedoch mit einem Herzen so groß wie der Lake Eyre.
   »Das nehme ich als Kompliment«, entgegnete Daryl und lächelte.
   »Dürfen Sie. In den Adern dieser bleichgesichtigen Anzugträger aus der Großstadt fließt ja normalerweise anstelle von Blut nur lauwarme Limonade. Wenn die mal ’ne Reifenpanne haben, rufen sie gleich den RACQ, weil sie Angst haben, Blasen an den Händen zu bekommen.« Sein Blick wanderte zu Dr. Foley. »Nehmen Sie’s mir nicht übel, Herzchen, aber Ihnen würde etwas Sonne und gesunde Outbackluft auch guttun. Sie sind bleich wie Gips.«
   »Das kommt daher, dass ich nicht glauben kann, mit was ich da mitfliegen soll«, entgegnete die Forensikerin spitz.
   Der Viehzüchter sah Daryl verständnislos an. »Die kleine Lady weiß wohl nicht, dass von keinem anderen Hubschraubertyp jährlich mehr Stück verkauft werden als von diesem Grashüpfer.«
   »Ich hoffe mal, das liegt daran, dass dieser Floh so toll fliegt und nicht, weil er so schnell kaputt geht, dass man sich ständig einen neuen kaufen muss«, konterte die Ärztin.
   Fennell lachte herzlich. »Wenigstens sind Sie nicht auf den Mund gefallen, Kleines, das ist doch schon mal was.«
   »Wollen wir reingehen und das Schriftliche erledigen?«, fragte Daryl. Er unterbrach das Wortduell zwischen den beiden nur ungern, doch die Zeit drängte. Er musste den Hubschrauber noch auftanken, außerdem hatte der Wind in den vergangenen zehn Minuten deutlich aufgefrischt, was für die leichte Maschine schnell einmal zum Problem werden konnte.
   »Beleidigen Sie mich nicht, Detective. Ich bin Queenslander, da ist ein Handschlag noch genauso viel wert wie eine Unterschrift.«

Dr. Rebecca Foley saß auf ihrem Sitz wie die Maus vor der Schlange und starrte mit zusammengepressten Lippen aus der gebogenen Plexiglaskanzel. Sie schien sich alles andere als sicher zu fühlen, was Daryl ihr nicht verdenken konnte.
   Noch ehe er die Tanks aufgefüllt hatte, die Checkliste durchgegangen war und starten konnte, hatte es zu regnen begonnen. Da der Robinson R22 in absoluter Leichtbauweise hergestellt wurde und man auf alles verzichtet hatte, was nicht zwingend zum Betrieb notwendig war, war er nicht gerade für schlechtes Wetter geschaffen. Das Unwetter zog in die gleiche Richtung, in die sie flogen, deshalb steuerte Daryl die Maschine beinahe mit Höchstgeschwindigkeit durch den Regen. Sein Ziel war es, sich so schnell wie möglich vor die Front zu setzen, um dann mit der Treibstoff sparenden Reisegeschwindigkeit von hundertfünfundfünfzig Stundenkilometern weiter nach Douberie zu fliegen.
   Daryl gab der Ärztin ein Zeichen, den Mikrofonbügel ihres Headsets auf Mundhöhe hinunterzuklappen. »Alles okay bei Ihnen?«
   »Sehe ich vielleicht so aus? Wenn ich noch lange so durchgeschüttelt werde, muss ich mich übergeben.«
   »Seien Sie tapfer. Nur noch ein paar Minuten, dann sind wir aus dem Ärgsten raus.«
   »Wollen wir’s hoffen. Trotzdem, wenn ich gewusst hätte, dass ich hier wie ein Schmetterling in einem Zyklon herumgewirbelt werde, hätte ich bis morgen gewartet, um dann mit der Cessna nach Douberie zu fliegen.«
   »Morgen wären Sie nirgendwohin geflogen«, entgegnete Daryl trocken.
   Sie drehte den Kopf in seine Richtung. »Und weshalb nicht?«
   »Das da hinter uns sind die Ausläufer von Erna.«
   »Moment mal. Heißt das etwa, wir fliegen vor einem Zyklon davon? Ich dachte, es hieß, Erna würde viel weiter oben bei Cooktown auf die Küste treffen.«
   Daryl zuckte mit den Schultern. »Wie heißt es doch so schön? Am launischsten sind die Zyklone mit Frauennamen.«
   »Wie witzig. Ich lache, wenn ich das hier überlebt habe. Die Betonung liegt übrigens auf dem Wenn.«
   Daryl lächelte. Für ihn war Hubschrauberfliegen mehr als nur ein Hobby. Es bedeutete ein großes Stück Freiheit, das nicht nur seinen Geist von allen irdischen Fesseln löste, sondern auch seinen Körper. Es war wie ein reinigendes Ritual, das ihm half, seine Gedanken zu ordnen und Kraft zu tanken.
   »Nun«, sagte er amüsiert, »ein Flugzeugpilot würde Ihnen wohl zustimmen und sagen, wenn bei einem Fluggerät die Flügel schneller sind als der Rumpf, handelt es sich um einen Hubschrauber – und somit um Gefahr. Aber ich kann Sie beruhigen, Doc. Dieser Hubschraubertyp ist sehr zuverlässig. Zu Anfang wurde er zwar wegen seiner einfachen Konstruktion weithin verspottet, doch nach den ersten verkauften Maschinen setzte ein regelrechter Kaufboom ein und innerhalb von zwei Jahren wurden über tausend Stück verkauft.«
   »Nett. Nur sagt das noch nichts über den Piloten aus. Soviel ich weiß, sind die meisten Flugzeugabstürze auf menschliches Versagen zurückzuführen.«
   Daryl lachte. »Zugegeben, da ist was dran. Die Chance, dass ich ausgerechnet in den nächsten zweieinhalb Stunden eine Herzattacke bekomme, ist aber eher klein. Viel wahrscheinlicher ist es, dass wir in starke Turbulenzen geraten, die Maschine ins Trudeln kommt und ich die Kontrolle über sie verliere. Oder, dass ich mich mit dem Treibstoff verrechnet habe. Bis Douberie sind es vierhundertvierzig Kilometer, die Reichweite der Robinson beträgt mit den Zusatztanks vierhundertachtzig Kilometer, das allerdings nur bei einer wirtschaftlichen Reisegeschwindigkeit von höchstens hundertachtundsiebzig Kilometern in der Stunde. Da ich die aber überschreiten musste, damit wir uns vor das Unwetter setzen können, könnte es ziemlich knapp werden.« Obschon Daryl aus den Augenwinkeln sah, dass ihn die Forensikerin mit großen Augen und halb offenem Mund anstarrte, blieb er todernst.
   »Gratuliere«, sagte Dr. Foley. »Sie haben es eben geschafft, dass ich das erste Mal seit meiner Kindheit die Hände falte und bete.«
   Daryl zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie denken, das hilft?«
   »Nicht wirklich. Vor allem nicht, wenn ich an diesen Pater McDermott denke.«
   Das Rütteln und Schütteln hatte etwas nachgelassen, gleichzeitig drosselte Daryl das Tempo. »Na, wer sagt’s denn«, meinte er und zwinkerte der Ärztin zu. »Ich denke, jetzt haben wir eine reelle Chance, zu überleben.«
   Dr. Foley kniff die Lippen zusammen. »Sie amüsieren sich schon die ganze Zeit über mich, stimmt’s?«
   »Köstlich sogar, ich geb’s zu. Aber bevor Sie mir jetzt den Ellbogen in die Rippen jagen, ich dadurch das Bewusstsein verliere und wir tatsächlich abstürzen, lassen Sie mich eins sagen. Ich habe schon einige Male Menschen mitgenommen, die noch nie zuvor in einem Hubschrauber gesessen haben und ihre Reaktionen ähnelten sich fast immer. Entweder liebten sie das Gefühl, dicht über Berge und Täler zu rauschen, bewegungslos über Baumwipfeln zu schweben, sich wendig wie ein Falke in enge Canyons zu stürzen, oder sie hassten es und litten Todesqualen. Ich denke, Sie gehören zur ersten Gruppe.«
   »Ach, was Sie nicht sagen. Und wie, bitte, gelangen Sie zu dieser tiefschürfenden Erkenntnis, Dr. Freud?«
   »Mein Instinkt. Sie haben eine schnelle Auffassungsgabe, lassen sich schwer an der Nase rumführen und fällen keine überhasteten Entscheidungen, weshalb Sie eine ungewohnte Situation auch gut einschätzen können.« Daryl schüttelte lächelnd den Kopf und warf der Forensikerin, die ihn weiterhin mit großen Augen anstarrte, einen amüsierten Blick zu. »Sie wären nicht in diesen Hubschrauber gestiegen, wenn Ihre Angst größer als Ihre Neugierde und Ihr Ehrgeiz gewesen wäre.«
   »Moment mal«, platzte Dr. Foley heraus, »soll das heißen, Sie haben mich nur deshalb mitgenommen?«
   »So ungefähr …« Daryl erklärte ihr, dass Fälle wie dieser seine Spezialität waren. Allerdings war er es gewohnt, sie allein zu lösen. Daher war er auch nicht sonderlich begeistert gewesen, als Berater an der Klärung dieses Falles teilzunehmen. Doch dann hatte es der Zufall gewollt, dass sie nicht mit dem restlichen Untersuchungsteam zum Tatort fliegen konnten. »Das war perfektes Timing«, fuhr er fort, »denn als ich über Funk mit Douberie sprach, sagte man mir, man habe eben festgestellt, dass ein Teil der Landepiste unterspült worden sei. Man wollte es noch genauer prüfen, war sich aber ziemlich sicher, dass es zu gefährlich sei, auf ihr zu landen.«
   »Oh, ich verstehe«, sagte Dr. Foley gedehnt. »Sie spekulieren darauf, dass Detective Inspector Bloomfield und meine Kollegen wieder umkehren müssen, während Sie landen und dann auf Ihre bevorzugte Weise ermitteln können.« Sie machte eine kurze Pause, während der sich auf ihrer Stirn eine Reihe eng beieinanderliegender Falten bildeten. »Allerdings verstehe ich nicht, was dabei meine Rolle sein soll. Die gesamte forensische Ausrüstung ist in der Cessna, ich würde also nur sehr eingeschränkt arbeiten können. – Trotz meiner Neugier und meines Ehrgeizes«, fügte sie sarkastisch hinzu.
   »Das ist richtig. Aber das ist besser als keine Untersuchung oder eine, die erst in einigen Tagen erfolgt. Außerdem brauche ich einen Verbündeten, wenn ich inkognito ermitteln will.«
   »So, so. Und Sie dachten, Goldlöckchen spielt da schon mit.«
   Daryl drehte den Kopf wieder in ihre Richtung und knipste sein charmantestes Lächeln an. »Hier baue ich ganz auf Ihre eben erwähnten Charakterzüge. Und natürlich auch auf Ihren wachen Verstand. Wenn Sie diesen Fall zusammen mit mir lösen, macht sich das nicht nur hervorragend in Ihrer Personalakte, es trägt Ihnen auch den Respekt Ihrer Kollegen ein.«
   »Ich mag blond wie Barbie sein, Detective, aber nicht ganz so dumm. Also versuchen Sie nicht, mich um den Finger zu wickeln. Außerdem, viel Zeit verschafft Ihnen das auch nicht. Detective Inspector Bloomfield wird sich ebenfalls einen Hubschrauber besorgen und, sobald das Wetter es zulässt, nachkommen.«
   »Kann er versuchen«, antwortete Daryl mit einem gleichgültigen Schulterzucken. »Doch wie ich mitbekommen habe, wird der Gouverneur von Queensland noch heute den Notstand für weite Teile des Staates ausrufen. Das bedeutet, die Rettungshubschrauber von Polizei, Feuerwehr, Army, Navy und Rettungsdienst werden völlig überlastet sein. Um die Menschen, die nicht in unmittelbarer Lebensgefahr schweben, mit dem Nötigsten zu versorgen, werden deshalb so viele private Hubschrauber wie möglich zusammengezogen. Bloomfield wird es also sehr schwer haben, einen Hubschrauber aufzutreiben. Zumal mit Ihnen und mir bereits in Kürze zwei kompetente Gesetzesvertreter in Douberie eintreffen. Somit können sich der Detective Inspector und Ihre Kollegen dringlicheren Aufgaben widmen – von denen werden jetzt ohnehin mehr auf sie zukommen, als ihnen lieb sein dürfte.«
   Dr. Foley kniff die Augen zusammen und überlegte. »Ihr Plan könnte tatsächlich aufgehen«, antwortete sie nach einer Weile. »Sie sind ein Kenner der Eingeborenen und ein erfahrener Ermittler, deshalb hat man Sie ja auch zu diesem Fall hinzugezogen. Und ich, na ja, bin als forensische Rechtsmedizinerin auch nicht gerade auf den Kopf gefallen. Man wird uns unter den gegebenen Umständen wohl vorerst allein ermitteln lassen.«
   »Meine Rede. Allerdings müssen wir den Einwohnern Douberies eine glaubwürdige Geschichte auftischen, warum wir in einem Floh von Hubschrauber und mit den Ausläufern eines Zyklons im Rücken in ein bald völlig von der Umwelt abgeschnittenes Outbacknest geflogen sind.«
   »Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wissen Sie auch schon, wie.«
   »Ganz genau. Ich dachte, wir erzählen unserem Empfangskomitee, dass für Sie in der Cessna kein Platz mehr war, was ja der Wahrheit entspricht, worauf man mich, einen harmlosen Hubschraubermechaniker, der wegen des Zyklons in Winton gestrandet war, anheuerte, um Sie zu Ihren Kollegen zu fliegen. Dummerweise konnten die dann aber nicht in Douberie landen. Kurz vor unserer Ankunft gab’s Probleme mit dem Motor des Hubschraubers, weshalb wir beide vorläufig in Douberie festsitzen werden.«
   »Verstehe. Ich soll mich also um die Leiche dieses Paters kümmern, nach etwaigen Spuren suchen und gleichzeitig auch noch den neugierigen Cop spielen, während Sie sich im Hintergrund halten und dezent ermitteln.«
   »Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt«, entgegnete Daryl. Er grinste.
   Dr. Foley seufzte. »Na schön. Unter den gegebenen Umständen bleibt mir ja kaum eine andere Wahl, als mitzuspielen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin echt gespannt, wie das mein Chef aufnehmen wird.«
   Anstelle einer Antwort kniff Daryl die Augen zusammen und blickte angestrengt zum milchig blauen Horizont. »Wenn man vom Teufel spricht …« Mithilfe eines Knipsschalters stellte er Doc Foleys Mikrofon ab, sodass sie nur noch mithören, jedoch nichts mehr sagen konnte.
   »Whiskey – Papa – November an den Hubschrauber auf Kurs West«, drang knisternd die Stimme des Piloten der Cessna an ihre Ohren. »Was ist Ihr Ziel?«
   »Douberie«, antwortete Daryl mit verstellter Stimme.
   »Dann beeilen Sie sich mal mit Ihrem Grashüpfer, Erna macht sonst Dingo-Futter aus Ihnen.«
   »Hab ich vor. Was ist euer Ziel?«
   »Eigentlich wollten wir ebenfalls nach Douberie, doch die Piste ist im Eimer. Jetzt wollten wir zurück nach Winton, doch wenn ich das Jüngste Gericht sehe, das an Ihrem Hintern klebt, werden wir wohl besser nach Longreach oder Blackall ausweichen.«
   Daryl sah aus den Augenwinkeln, wie Dr. Foley mit den Händen gestikulierte. Kein Zweifel, sie wollte mit ihrem Vorgesetzten reden, doch Daryl ignorierte sie. »Dann wünsche ich euch mal nicht zu viel Wind unter den Flügeln, over and out.«
   »Was sollte das eben?«, wetterte Dr. Foley, als er die interne Kommunikation wieder eingeschaltet hatte. »Warum lassen Sie mich nicht mit meinen Kollegen sprechen?«
   Daryl warf der Forensikerin einen versöhnlichen Blick zu. »Weil wir uns auf einer offenen Frequenz unterhalten haben, die auch von Douberie mitgehört werden kann.«
   »Aber …«
   »Außerdem habe ich bereits dafür gesorgt«, unterbrach er sie, »dass Ihr Chef und Detective Inspector Bloomfield über unsere kleine List unterrichtet werden, sobald sie mit Winton oder Ihrer Dienststelle in Brisbane Kontakt aufnehmen.«
   »Sie denken wohl immer an alles, was?«
   Daryls Gesichtsausdruck wurde hart. »Man kann leider nie alles vorhersehen«, antwortete er ernster, als er eigentlich wollte.
   »Damit haben Sie natürlich recht. Tut mir leid, wenn das eben ironisch geklungen hat, Detective.«
   »Schon okay.« Doch das war es nicht. Dr. Foleys plötzliche Entschuldigung verriet ihm, dass sie über ihn Bescheid wusste. Das überraschte ihn zwar nicht sonderlich – in Polizeikreisen war er inzwischen ziemlich bekannt – war ihm aber unangenehm.
   Viele hielten ihn für einen Eigenbrötler und Eingeborenenfreund, der es mit dem Gesetz nicht immer sehr genau nahm. Andere hielten ihn und seine Ermittlungsmethoden zwar für unkonventionell, aber erfolgreich. Eines schienen sie jedoch alle gemeinsam zu haben; eine fast schon morbide Faszination an Daryls Vergangenheit.
   Die meiste Zeit seines Lebens hatte Daryl im Outback verbracht. Er liebte die erhabene Schönheit der Wüste, ihre Weite, ihre Ruhe und ihre Unzähmbarkeit, wohingegen er sich in der Stadt eingeengt und unglücklich fühlte.
   Aufgewachsen war er in einer Aborigine Community in Zentralaustralien, wo seine Eltern den kleinen Store und die Tankstelle bewirtschaftet hatten. Als einziger weißer Junge hatte er es dort nicht leicht gehabt, doch sein Interesse für die Kultur der Eingeborenen brachte ihm letztendlich nicht nur den Respekt der anderen Kinder ein, sondern auch die Aufmerksamkeit von Ungjeeburra, einem alten, weisen Pintubi-Aborigine. Er hatte Daryl unter seine Fittiche genommen, ihn durch die Initiationsriten des Stammes geführt, die er heimlich und gegen den Willen seiner Eltern absolviert hatte und somit dafür gesorgt, dass in seiner Brust zwei Herzen schlugen.
   In jungen Jahren war das für ihn kein Problem gewesen. Erst hatte er sich zum National Park Ranger ausbilden lassen, weil er gehofft hatte, damit der Zerstörung und dem Raubbau entgegenwirken zu können, mit denen die Weißen dem empfindlichen Gleichgewicht Australiens immer mehr Schaden zufügten. Doch dann begriff er, dass es noch andere gravierende Probleme gab. Die tiefe Kluft zwischen Weißen und Eingeborenen war wie eine Seuche, die sich immer weiter ausbreitete und auch vor dem Outback und ihren abgelegenen Siedlungen nicht haltmachte. Die Spirale der Hoffnungslosigkeit, Zerrissenheit und dem Fehlen jeglicher Zukunftsperspektiven trieb viele Eingeborene in den Alkohol und in die Drogensucht. Daryl hatte dem nicht länger tatenlos zusehen können und war zur Polizei gegangen, mit dem Ziel, Buschpolizist zu werden.
   Die zwei Herzen in seiner Brust hatten ihm geholfen, Probleme zwischen weißen Viehzüchtern und den Eingeborenen zu lösen oder stammesinterne Streitigkeiten unter den Pintubi, Walbiri, Luritja oder Kukatja zu schlichten. Die Erinnerungen an diese Zeiten gehörten für ihn zu den schönsten, aber auch bittersten in seinem Leben. Vier flüchtige Bankräuber hatten damals seine Verlobte Michelle als Geisel genommen und sie im Verlauf ihrer spektakulären Flucht ermordet, ihre Leiche war aber nie gefunden worden. Zwar hatte er die Männer zur Strecke gebracht, war aber von da an nicht mehr derselbe gewesen.
   Inzwischen waren einige Jahre vergangen, doch erst vor ein paar Monaten, als er einen aufsehenerregenden Fall an der westaustralischen Küste löste, hatte sich sein Herz wieder für einen anderen Menschen geöffnet. Zwar war er noch nicht bereit für eine feste Bindung mit Lauren, doch er stand in regelmäßigem Kontakt mit ihr.
   »Darf ich Sie etwas fragen?«, riss die Forensikerin ihn aus seinen Gedanken.
   »Nur zu.«
   »Ihre Beinverletzung – man erzählt sich, sie stamme von einem Eingeborenenspeer. Stimmt das?«
   »Ja. Es war die Strafe dafür, dass ich bewusst ein Eingeborenengesetz gebrochen hatte. Getan habe ich das übrigens, weil es die einzige Möglichkeit war, den Mordfall aufzuklären, um den es damals ging.«
   »Dann stimmt es also, dass Sie so ziemlich alles tun würden, um einen Fall zu lösen.«
   »Das tut es«, antwortete Daryl wahrheitsgetreu. »Doch das bedeutet nicht, dass ich das auch von Ihnen erwarte.«
   »Okay, das wollte ich nur wissen. Ich habe nämlich keine Lust, auf dem Seziertisch meiner Kollegen zu landen.« Sie lächelte säuerlich. »Die würden nämlich alles dafür geben, mich mal nackt zu sehen.«

2

Sie flogen über eine scheinbar endlose Outbacklandschaft, die überzogen war mit einem Flechtwerk aus Flüssen, Bächen, Lehmpfannen, Salzseen, kleinen verwitterten Hügeln und sanften roten Dünen.
   Vor einer halben Stunde hatten sie den Diamantina River mit seinen vielen adergleichen Seitenarmen überflogen, nun passierten sie den Eyre Creek. Beide Wasserläufe hatten sich bereits in reißende, vom charakteristischen roten Lehm- und Kreideboden blass beigerot gefärbte Fluten verwandelt.
   »Normalerweise verdunsten die geringen Niederschläge in diesem ariden Klima bereits in der Luft«, erläuterte Daryl in der Rolle eines Guides, »oder werden vom Boden aufgenommen, weshalb die zahllosen Wasserläufe oft jahrelang ausgetrocknet sind. Doch gelegentlich, nach starkem Monsun oder wie jetzt nach einem Zyklon, füllen sie sich. Das Wasser fließt dann durch unzählige Kanäle, Hügeleinschnitte, reißende Bäche und Flüsse nach Süden, füllt dabei die Lehmpfannen und Salzseen, überschwemmt weite Teile des Landes und bildet in einigen Gebieten riesige, flache Feuchtgebiete. Dann verwandelt sich die Natur innerhalb kürzester Zeit wie durch Zauberhand in ein grünes, blühendes Naturparadies, in das plötzlich riesige Schwärme von Wasservögeln einfallen.« Daryl warf Dr. Foley, die aus dem Seitenfenster nach unten schaute, einen kurzen Blick zu. »Beeindruckend, nicht?«
   »Ja«, antwortete sie, ohne den Blick abzuwenden. »Ich habe zwar schon davon gelesen und auch schon Bilder gesehen, aber es mit eigenen Augen zu sehen, raubt einem beinahe den Atem. Da unten müssen schon viele Hundert Quadratkilometer unter Wasser stehen.«
   »Und das ist erst der Anfang. Wenn die Meteorologen recht behalten, werden die Auswirkungen von Erna noch verheerender sein als die von Zyklon Olga vor ein paar Jahren. Bereits jetzt führt der Diamantina ungewöhnlich viel Wasser. Zusammen mit dem Georgina und Hamilton River sowie dem Cooper und dem Eyre Creek mit ihren Zuflüssen werden sie wohl in ein paar Wochen ein weiteres Mal in diesem Jahrhundert den Lake Eyre im Süden erreichen und ihn füllen.«
   Dr. Foley seufzte. »Dieses Schauspiel wollte ich schon immer mal sehen. Es muss überwältigend sein, wenn dort bei Sonnenuntergang Hunderttausende Pelikane und andere Wasservögel einfliegen und sich an den Ufern dieses riesigen, meergleichen Sees niederlassen.«
   Daryl musste lächeln. »Sie können ja richtig romantisch sein, Doc.«
   »Klar kann ich das.« Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. »Oder denken Sie, als Forensikerin mit Spezialgebiet Entomologie und Toxikologie würden mich nur fette Maden und exotische Gifte interessieren?«
   »Okay, Sie haben gewonnen«, gab sich Daryl geschlagen.
   »Hab ich erst, wenn wir sicher gelandet sind.« Sie schüttelte den Kopf. »Man stelle sich das mal vor: Wir könnten hier doch tatsächlich mitten in der Wüste abstürzen und dabei ertrinken.«
   »Da gebe ich Ihnen recht«, sagte Daryl mit einem Zwinkern. »Tatsächlich gibt es auf der Welt mehr Flugzeuge unter Wasser als U-Boote in der Luft.«
   Douberie lag auf einer flachen Sandinsel inmitten einer riesigen, schmutzig roten Lagune.
   Am westlichen Ende der kleinen Siedlung stand verstreut eine Ansammlung Fertigbauhäuser aus Spanplatten, wie man sie jahrelang in Aborigine Communitys für die Eingeborenen errichtet hatte, gefolgt von der alten Missionskapelle und drei weiteren, aus derselben Zeit stammenden, wellblechgedeckten Sandsteingebäuden. Etwa zweihundert Meter weiter reihten sich die restlichen Häuser locker zu beiden Seiten einer breiten, löchrigen Asphaltstraße auf, die schon kurz außerhalb der Ortschaft in eine jetzt schlammige Naturstraße überging. Diese endete nach weiteren zweihundert Metern in den Fluten der Lagune. Douberie war somit von der Außenwelt abgeschnitten.
   Vor ein paar Minuten hatte Daryl über Funk ihre Ankunft gemeldet, nun setzte er den Robinson unsanft hinter zwei kleinen Propellermaschinen auf dem äußersten und zugleich höchstgelegenen Ende der teilweise überfluteten Piste auf.
   Kurz vor der Landung hatte er die Treibstoffzufuhr der Robinson leicht heruntergedreht, wodurch der Boxermotor stotternde Geräusche von sich gab. Dies sollte die beiden Männer, die am Pistenrand an einem schlammverkrusteten Toyota Hilux Pick-up lehnten, überzeugen, dass mit der Robinson etwas nicht in Ordnung war.
   »Die erste Hürde hätten wir genommen«, sagte Daryl, während die Rotorblätter der Robinson langsam auspendelten. »Dann mal auf zu Runde zwei.« Er erinnerte die Forensikerin beim Aussteigen daran, den Kopf einzuziehen, danach zerrte er ihr Gepäck hinter den Sitzen hervor und folgte ihr.
   Kurz, bevor sie die beiden Männer erreichten, löste sich einer von ihnen vom Wagen und trat auf sie zu. »Sie müssen Dr. Foley sein«, sagte er mehr als Feststellung denn als Frage. Er streckte ihr eine Hand entgegen. »Mein Name ist Gordon Webster, ehemaliger Senior Sergeant dieser Ecke des Diamantina Shire.«
   Der Ex-Sergeant war ein großer, untersetzter Mann mit schütterem grauem Haar. Mit seinem kurzen Hals, dem runden Kopf, der fliehenden Stirn und den hängenden Wangen ähnelte er einer grimmigen Bulldogge, was durch seine kurzen, abstehenden Arme noch verstärkt wurde.
   Dr. Foley schüttelte ihm kurz die Hand. »Ah ja, dann waren Sie es, der die Leiche des Paters dreimal bewegt hat.« Sie warf Daryl einen schnellen Blick zu, doch dieser tat, als würde er ihre Verärgerung nicht bemerken.
   Webster zuckte mit den Schultern. »Ging nicht anders. Als wir ihn am Morgen fanden, schwirrten schon die Blowflies um ihn rum und ein Rabe saß auf seiner Schulter und pickte ihm gerade ein Auge aus.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihnen sagen, das war ja vielleicht ein Bild. Wie aus einer Edgar Allan Poe-Geschichte.« Er kratzte sich am Hinterkopf. »Wie auch immer. Wir hatten keine andere Wahl, als ihn vom Ast abzuschneiden und ihn in die Kapelle zu bringen.«
   »Das verstehe ich ja, nur hätten Sie erst einige Tatortfotos schießen können.«
   »Schätzchen, ich bin hier eingesprungen, weil sonst kein Cop in der Nähe war. Und mit einer Fotokamera rennt hier in der Gegend mit Ausnahme der gelegentlich durchreisenden Vierradtouristen nun wirklich niemand rum. Außerdem hatte es die ganze Nacht hindurch geregnet, da gab’s weder Fußspuren noch sonst was zu entdecken.«
   »Da hat der Ex-Sarge recht«, meldete sich nun auch der Mann beim Pick-up zu Wort. Er tippte sich mit zwei Fingern an den alten Akubra Kaninchenhaarhut. »Allan Shearer. Mir gehört eine der Rinderfarmen in der Gegend.« Er stieß sich mit der Schulter vom Fahrzeug ab und blickte zu Daryl. »Sieht aus wie Mike Fennells kleine Zikade.«
   »Haargenau«, bestätigte Daryl. Er musterte den Rinderzüchter mit unverhohlener Neugier.
   Shearer war groß und dürr wie ein Zaunpfahl. Er hatte ein schmales Gesicht mit einem markant vorstehenden Kinn, von dem die hellen Bartstoppeln wie die abgeschnittenen Halme auf einem Weizenfeld hervorstachen. Seine klaren blauen Augen bildeten einen starken Kontrast zu seiner Haut, die die Farbe und Struktur von verwittertem Eisenholz hatte.
   »Ich sollte ihn für eine Generalüberholung nach Longreach fliegen«, fuhr Daryl fort. »Als ich in Winton einen Zwischenstopp machte, fragten mich die Cops, ob ich die Forensiklady vorher noch nach Douberie zu ihren Kumpels bringen könne.« Er setzte ein dümmliches Grinsen auf. »Gegen Bezahlung, versteht sich.«
   Shearer wandte sich Dr. Foley zu. »Nur, dass Ihre Kollegen leider nicht hier landen konnten.«
   »Ja, und das ist sehr bedauerlich. Die ganze Ausrüstung war in der Cessna.« Sie warf einen besorgten Blick nach Nordwesten. »Wie es aussieht, werden sie in den nächsten Tagen auch nicht nachkommen können.«
   »Dann macht es wohl nicht viel Sinn, wenn Sie hierbleiben«, sagte der Ex-Sarge. »Besser, Sie fliegen zurück. Nach Winton kommen Sie jetzt zwar nicht mehr, aber Sie könnten in einem Bogen nach Longreach fliegen. Die Leiche des Paters liegt im Kühlraum des Hotels, die läuft Ihnen also nicht davon.«
   Daryl verzog das Gesicht. »Würd ich ja liebend gern tun, aber der Vogel hier«, er streckte den Daumen über die Schulter in Richtung der Robinson, »hat kurz vor der Landung zu stottern begonnen. Bevor ich nicht genau weiß, was dem kleinen Hüpfer fehlt, bleibt er am Boden.«
   Allan Shearer lächelte und entblößte dabei eine makellose Reihe schneeweißer Zähne. »Wenn das so ist, schlage ich vor, wir verziehen uns ins Hotel, ehe es wieder zu regnen beginnt.« Er nickte in Richtung der beiden Propellermaschinen. »Die Piper da hinten gehört übrigens mir. Meine beiden Kinder und ich sitzen wegen der defekten Piste ebenfalls hier fest.«

3

Trotz Vierradantrieb musste der Ex-Sarge sein ganzes fahrerisches Können aufbieten, um den Hilux auf der rutschigen Schlammpiste bis zum Ortseingang zu lenken. Als der Wagen schließlich auf die asphaltierte Straße schlidderte, schleuderten die Reifen mit dumpfem Ton zähe Matschklumpen auf den Fahrzeugunterboden und in die Radkästen.
   Von den elf Gebäuden, die Daryl bis zum Hotel zählte, lagen gut die Hälfte an der Hauptstraße, der Rest auf kurzen, ungepflasterten Seitenwegen dahinter. Mindestens fünf der Gebäude – zwei waren ehemalige Kolonialhäuser, eines ein Lagerschuppen und ein weiteres ein ehemaliger General Store – sahen ziemlich heruntergekommen und teilweise unbewohnt aus. Bei einigen waren die Fenster eingeschlagen oder mit Brettern vernagelt, an anderen blätterte die Farbe in Streifen ab. Der ehemalige General Store sah zwar noch bewohnt aus, doch sein Vordach war in der Mitte eingeknickt und das Schild darüber hing schief. Ohne Zweifel, Douberie hatte schon einmal bessere Zeiten gesehen.
   Der Ex-Sarge hielt nur Zentimeter vor der hüfthohen Sandsteinmauer, die den kleinen Vorplatz mit seinen zwei verwitterten Picknicktischen vom Hoteleingang trennte. Sie stiegen aus und Daryl hievte Dr. Foleys Rollkoffer von der Ladefläche. Dabei fing er ihren ungläubigen Blick auf.
   Das Douberie-Hotel entsprach ganz bestimmt nicht den Vorstellungen der Forensikerin von einem gemütlichen Hotel auf dem Land. Es war schlicht, manche mochten sagen, primitiv, doch für Daryl versprühte es den typischen Outbackspirit vergangener Pioniertage.
   Vor knapp hundertzwanzig Jahren aus Sandsteinquadern erbaut, hatte es in der Vergangenheit einige Faceliftings erhalten, ohne dabei seinen Charakter einzubüßen. Die gut zwanzig Meter breite Front mit der zurückversetzten, von einer Reihe alter Mulgaholz-Pfählen gestützten Veranda und der breiten, massiven Doppeltür war sandfarben gestrichen. Ebenso die beiden kurzen Wellblechanbauten auf den Seiten, die als Lagerschuppen dienten und auf denen angerostete Werbeschilder für VB, XXXX und West End Draught Bier prangten. Abgerundet wurde das Bild von einem im flachen Winkel von vier Seiten zur Mitte hin zulaufenden Dach aus sich überlappenden, grasgrün gestrichenen Wellblechplatten.
   »Ein Outbackhotel wie aus dem Werbeprospekt«, schwärmte Daryl.
   Dr. Foley verzog das Gesicht. »Oder wie eine überdimensionierte Hundehütte.«
   »Warten Sie, bis Sie den Schuppen von innen sehen«, sagte Allan Shearer, »die Bar ist echt gemütlich.«
   »Kann’s kaum erwarten«, antwortete die Forensikerin lakonisch und folgte den Männern.
   Auf halbem Weg ertönte aus dem Innern des Hotels ein lauter Knall. Webster und der Rinderzüchter blieben wie angewurzelt stehen, Dr. Foley sprang erschrocken einen Schritt zurück. Daryl indessen ließ den Rollkoffer los und seine Tasche fallen, schob sich an den beiden Männern vorbei und humpelte entschlossen auf die Tür zu.
   Er hatte sie gerade erreicht, als ein zweiter Schuss fiel. Für einen Moment lag seine Hand auf dem Türgriff, dann drückte er ihn hinunter, stieß die Tür auf und schob sich zur Sicherheit halb hinter den verriegelten Teil der Doppeltür.
   Als Erstes fiel sein Blick auf eine Gruppe Menschen, die dicht beieinander hinter einem Poolbillardtisch in der rechten Ecke der Bar standen und sich an die Theke drängten. In ihren Gesichtern las Daryl entweder Furcht, Sorge oder Wut. In allen, bis auf einem. Es war das ovale Gesicht eines gelbblonden Mädchens mit leuchtend blauen Augen. Sie war dünn, fast schon knochig, ihre Haut sonnengebräunt. Ihr Blick verriet Neugier, außerdem lag in ihm eine seltsame Distanziertheit, als wäre sie eine unsichtbare Zuschauerin der Geschehnisse, der nichts und niemand etwas anhaben konnte.
   »Keinen Schritt weiter«, rief eine raue Frauenstimme.
   Daryl sah nach links. Hinter der Theke stand eine Frau in einem blutroten ärmellosen AFL-Shirt der Gold Coast Suns. In ihren Händen hielt sie eine Pumpgun, deren kurzer 18,5°-Lauf in seine Richtung zeigte. Die Frau sah ihm kurz in die Augen, dann riss sie die Vorderschaftrepetierflinte an die Schulter und schoss.
   Der Knall war ohrenbetäubend. Daryl zuckte zusammen, gleichzeitig spürte er, wie der Türflügel erzitterte, hinter dem er zur Hälfte stand. Holzsplitter verteilten sich neben der offenen Tür wie Mikadostäbchen über dem Riemenboden, umrahmt von einem fächerförmigen Netz aus Blutspritzern.
   Daryls Herz hämmerte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie leichtsinnig er gewesen war. Er blickte zu der Frau mit der Pumpgun, einer Mossberg 500. Sie sah ihm wieder in die Augen, dann richtete sie die Waffe an die Decke, betätigte die Schiebesicherung oberhalb des Verschlussgehäuses und verstaute die Waffe unter dem Tresen.
   Daryl atmete erleichtert aus und trat vorsichtig in den Rahmen der offen stehenden Tür. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Links von ihm, neben dem geschlossenen Türflügel, bewegte sich etwas am Boden. Es war der halb zerfetzte Körper einer großen Schlange. Das Reptil war zweimal getroffen worden und wand sich nun unkontrolliert, entweder im Todeskampf oder lediglich noch durch Muskelkontraktionen.
   »Tut mir leid, aber ich musste nochmals schießen«, hörte er die raue Frauenstimme sagen. »Die erste Kugel hat das Mistding verfehlt, die zweite nicht nah genug am Kopf erwischt. Sie hätte Sie bestimmt beim Reinkommen gebissen.«
   Daryls Blick war weiter auf die Schlange gerichtet. Sie hatte das Maul weit aufgerissen und die Giftzähne waren zu erkennen, doch da ihre Muskulatur und ein Teil ihrer beweglichen Rippen zerfetzt worden waren, konnte sich ihr Körper nicht mehr vorwärtsbewegen.
   Obwohl Daryl dieser Art noch nie persönlich begegnet war, erkannte er sie auf Anhieb. Ihr kräftiger, ohne Abhebungen in den kleinen Kopf übergehender Körper und die nicht mehr als sechs Millimeter messenden Giftzähne wiesen sie als eine Fierce Snake aus, die giftigste Schlange der Welt. Dieses Exemplar war olivgrün, mit einem feinen schwarzen Gittermuster. Sie war die einzige Schlange Australiens, die ihre Farbe ändern konnte. So war sie während der heißen Sommermonate eher hell gefärbt, um die Sonneneinstrahlung besser reflektieren zu können, im Winter dagegen dunkler, um mehr vom Sonnenlicht zu absorbieren.
   Die Schlange bewegte sich jetzt kaum noch, trotzdem machte Daryl einen respektvollen Bogen um sie.
   »Heilige Scheiße, ein Inlandtaipan«, rief der Ex-Sarge, als er eintrat. Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. »Wie kommt denn dieses verdammte Drecksvieh hier rein?«
   Allan Shearer, den der Anblick des Schlangenkadavers offenbar nicht groß beeindruckte, schob sich an ihm vorbei Richtung Tresen.
   Die Anspannung der Barbesucher in der Ecke hatte sich sichtlich gelöst. Fünf von ihnen – eine Frau, drei Männer und das gelbblonde Mädchen – traten neben Daryl, um sich die Schlange näher anzusehen.
   »Nicht die erste Fierce, die ich sehe«, sagte ein stämmiger Typ mit Unterarmen wie Popeye. Seine Stimme hatte einen angenehmen Bariton, weniger erquicklich war der Anblick seines ölverschmierten Overalls und seiner schiefen, nikotingelben Zähne. »Kevin Long«, stellte er sich vor, ohne Daryl anzusehen. »Mir gehört die Garage und die Tankstelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite.«
   »Eigentlich gehört sie mehr der Bank als dir«, korrigierte ihn eine kleine, drahtige Frau mit kurz geschnittenem rostrotem Haar. »Ich bin Florence, die bessere Hälfte dieses Angebers.«
   »Daryl Simmons, Hubschraubermechaniker aus Longreach.«
   Die Frau musterte ihn. Daryl schätzte sie auf Mitte vierzig, womit sie vermutlich in etwa gleich alt war wie ihr Mann.
   »Dachte ich mir schon. Und wo ist denn nun die Leichenbeschauerin, die Sie herfliegen sollten?«
   »Hier«, rief Dr. Foley von der Tür aus, »und ich bin Forensikerin.«
   »Was immer Sie sagen, Schätzchen.« Florence Long verdrehte die Augen. »Als ob das einen Unterschied machen würde«, flüsterte sie, immer noch laut genug, dass Dr. Foley es hören konnte, Daryl zu.
   Ihr Mann knuffte sie mit dem Ellbogen in die Rippen. »Komm, unser Bier wird warm.«
   Daryl sah grinsend hinüber zu Dr. Foley.
   Diese quittierte sein Lächeln mit einem vernichtenden Blick. »Ihre Tasche liegt noch draußen«, sagte sie säuerlich, dann ging sie mit ihrem Koffer im Schlepptau energischen Schrittes Richtung Theke.
   »Ich hoffe, der Regen treibt nicht noch mehr von ihnen in den Ort«, sagte ein Mann mittleren Alters über Daryls Schulter. Er hatte ein breites Gesicht mit weit auseinanderliegenden Augen, die von einer Hornbrille mit dicken Gläsern eingerahmt wurden. Seine Lippen bildeten lediglich einen dünnen, waagerechten Strich. Von Kopf bis Fuß in Grau gekleidet, hätte er sich bloß gegen eine Wellblechwand lehnen müssen, um unsichtbar zu werden.
   »Kannst du gleich vergessen.« Die Antwort kam von einem großen jungen Mann links von Daryl und fiel ziemlich schroff aus.
   Verwaschene, an den Knien vom Reiten leicht ausgebeulte Jeanshosen mit breitem Ledergurt und großer R.M. Williams Longhorn Gürtelschnalle, alte, an den Nähten aufgeraute Jeansjacke, verwaschenes T-Shirt, Rossi Boots und ein breitkrempiger Akubra Cowboyhut, konstatierte Daryl, der Inbegriff eines australischen Stockman.
   »Der Regen treibt sie wie die Ratten und Mäuse auf höheres Terrain, also auch zu uns«, erklärte der Stockman dem Breitgesichtigen weiter. »Ist aber halb so schlimm. Musst nur immer schön unter deine Bettdecke sehen und morgens unters Bett, dann erwischen sie dich vielleicht nicht.« In einer eleganten Bewegung nahm er den Hut ab und strich sich das lange, leicht gewellte blonde Haar nach hinten. Er warf Daryl einen flüchtigen Blick zu, dann setzte er den Hut wieder auf und kehrte mit schleppendem Gang zu seinem Bier zurück.
   »Ich hasse Schlangen«, sagte der Breitgesichtige zu Daryl und streckte ihm die Hand entgegen. »Chris Lacey«, stellte er sich vor. »Ich war bis vor Kurzem Lehrer an der Birdsville State School. Vor ein paar Wochen bin ich nach Douberie umgezogen.« Er sah kurz an Daryl vorbei zur Bar. »Eigentlich sollte ich mit Pater Harper – das ist der so ungeistlich gekleidete Mann im Hawaiihemd, der da hinten an der Theke sitzt – und Elisabeth Coltrane – das ist die Frau, mit der er sich gerade unterhält – alles für die Wiedereröffnung der ehemaligen Mission als Heim für problembehaftete Waisenkinder vorbereiten. Ich habe nebenbei auch eine Ausbildung als Erziehungstherapeut absolviert, müssen Sie wissen. Ich denke, hier mit Jugendlichen zu arbeiten, wird …«
   »Unser Chris ist schlimmer als eine Flutwelle, ersäuft den Mann glatt mit Worten«, übertönte die raue Stimme der Schlangentöterin alle anderen im Raum. »Kannst du dem armen Kerl deine Lebensgeschichte nicht später eintrichtern, wenn er ein paar Bier intus hat und nur noch mit halbem Ohr zuhört?«
   Ein paar lachten und Chris Lacey lief rot an. »Entschuldigen Sie, die Leute hier finden, ich rede oft wie ein Wasserfall.«
   »Ja, und zwar wie die Niagarafälle. Nur die lassen sich im Gegensatz zu dir abstellen. So, und jetzt tu mal was Nützliches, schnapp dir die Schlange und schmeiß sie raus, die Vögel machen dann den Rest.«
   »Ich?«, rief Lacey entsetzt und wich einen großen Schritt zurück. Seine durch die dicken Brillengläser ohnehin schon vergrößerten Augen sahen jetzt aus wie die einer erschreckten Kuh. »Lieber nicht, Maggy. Ich mein, das ist …«
   »Ich mach es«, sagte das gelbblonde Mädchen mit ruhiger Stimme. Bisher hatte sie stumm dagestanden und auf die tote Schlange gestarrt, nun bückte sie sich zu ihr hinunter.
   Daryl tat es ihr gleich und ergriff das Handgelenk ihres halb ausgestreckten Armes.
   Das Mädchen schien zu erstarren. Sie presste die Lippen aufeinander und ihre Hände verkrampften sich zu Fäusten.
   »Fass sie nicht von vorn am Kopf an, sie ist zwar tot …«
   »… aber es könnten immer noch Beißreflexe vorhanden sein, ich weiß.«
   Daryl ließ ihren Arm los.
   »Wie jetzt, die kann noch zubeißen, nachdem sie tot ist?«, fragte Lacey. Er sah verwirrt zwischen Daryl und dem gelbblonden Mädchen hin und her.
   »Kommt gelegentlich vor«, antwortete Daryl trocken. Er sah zu, wie die eine Hand des Mädchens vorsichtig von hinten den Nacken der Schlange packte, während die andere nach dem nur noch an einem schuppigen Hautfetzen hängenden, hinteren Teil griff. Als sie aufstand und den toten Inlandtaipan zur Tür trug, folgte er ihr. »Dann hol ich mal meine Tasche«, rief er der Frau hinter dem Tresen über die Schulter zu. »Zapfen Sie mir doch bitte inzwischen schon mal ein großes Blondes.«

Daryl schätzte das gelbblonde Mädchen auf höchstens siebzehn Jahre. Sie trug amerikanische Cowboystiefel, Röhrenjeans, ein kariertes Holzfällerhemd und war für ihren hellen Hauttyp erstaunlich braun. Außerdem kannte sie sich offenbar mit Schlangen aus, hatte weder Angst vor ihnen noch schien sie ein Problem damit zu haben, dieses zerfetzte Reptil anzufassen. Daryl schloss daraus, dass sie auf einer Outbackfarm lebte und somit vermutlich Allan Shearers Tochter war.
   Während das Mädchen um das Haus bog, holte Daryl seine Tasche, dann folgte er ihr.
   Am Anbau aus Wellblech an der Ecke blieb er stehen. Interessiert beobachtete er, wie sie die Schlange behutsam neben einem alten Holzfass auf den Boden legte und zusammenrollte. Sie drapierte sie, als würde sie noch leben. Einen Augenblick kauerte sie noch neben der Schlange wie ein kleines Mädchen neben einem toten Vogel, dann stand sie auf und drehte sich um. Als sie Daryl gewahr wurde, ballten sich wieder ihre Fäuste und der seltsame, abgeklärte Blick kehrte in ihr Gesicht zurück.
   »Tut mir leid, wenn ich dich vorhin zu grob am Arm gepackt habe«, entschuldigte er sich. »Ich wollte nur sichergehen, dass dir nichts geschieht.«
   »Sie haben mich nicht zu grob angefasst«, antwortete sie mit tonloser Stimme. »Und das war nicht die erste tote Giftschlange, die ich weggeräumt habe.«
   »Du bist Allan Shearers Tochter, richtig?«
   »Ja.«
   »Und der smarte blonde Cowboy mit dem schulterlangen, gewellten Haar, der aussieht wie ein Surfer von der Gold Coast, ist dein Bruder.«
   »Ja.«
   »Verrätst du mir eure Namen?«
   »Becky-Lee und John-Boy.«
   »John-Boy wie bei den Waltons?«, scherzte Daryl.
   Becky-Lee sah ihn mit schiefem Kopf an, sagte aber nichts.
   »Okay, das war lange vor deiner Zeit.« Er lächelte. »Dein Vater sagte, dass ihr hier festsitzt. Wer kümmert sich so lange um die Farm? Deine Mutter?«
   »Nein.«
   »Aber es ist doch hoffentlich jemand dort, der nach dem Rechten schaut.«
   »Ja.«
   Okay, besonders redselig bist du nicht gerade. »Deine Mom ist also weder auf der Farm noch hier; darf ich dich fragen, wo sie ist?«
   »Ich habe keine Mutter mehr.«
   »Oh, das tut mir sehr leid.«
   »Braucht es nicht«, antwortete sie kühl.
   Daryl war konsterniert. »Demnach hast du sie wohl nie kennengelernt.«
   »Schön wär’s. Für mich ist sie gestorben, als sie uns vor Jahren ohne ein Wort verließ.«
   Daryl war ehrlich betroffen. Normalerweise verfügte er aufgrund der vorangegangenen Untersuchungen meist schon über ein gewisses Hintergrundwissen und wusste somit auch über die meisten involvierten Personen Bescheid, doch da er bei diesem Fall nur als Berater hinzugezogen worden war, hatte man ihm lediglich einen gekürzten Untersuchungsbericht zukommen lassen. Allan Shearer und seine Familie waren darin überhaupt nicht erwähnt worden. »Ich muss mich bei dir entschuldigen, Becky-Lee.«
   Das gelbblonde Mädchen kniff die Augen zusammen. Ihr Kopf legte sich wieder zur Seite.
   Daryl hatte das Gefühl, als wäre sie unsicher, ob er es ernst meinte. »Ich habe mich eben wie ein unsensibler Trampel benommen. Außerdem hatte ich nicht das Recht, dich so auszufragen. Es tut mir leid.«
   Langsam rückte ihr Kopf wieder gerade. »Okay«, sagte sie leise.
   Daryl bemerkte, dass sie an ihm vorbeisah. Er drehte sich um.
   Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im Schatten neben der großen Wellblechgarage, stand ein groß gewachsener, spindeldürrer Eingeborener. Er war jung, so viel konnte Daryl erkennen, und er war kein reinrassiger Aborigine. Bis auf eine verwaschene schwarze Sporthose war er nackt. Er stand auf einem Bein, der Fuß des anderen ruhte angewinkelt an der Knieinnenseite seines Standbeins. Die Hände des jungen Mannes ruhten mit den Handflächen nach oben auf dem angewinkelten Oberschenkel.
   Daryl kannte diese Beobachtungshaltung nur zu gut. Sie war früher typisch für die australischen Eingeborenen gewesen, insbesondere für die Stämme Zentralaustraliens.
   »Ein Freund von dir?«, fragte er, ohne sich zu Becky-Lee umzudrehen.
   Sie antwortete nicht.
   Daryl hob die Hand zum Gruß, doch der Eingeborene stand nur weiter da und beobachtete sie. Daryl wollte sich gerade zu Becky-Lee umdrehen, als diese neben ihn trat.
   »Das ist Black Dipstick«, sagte sie.
   Daryl runzelte die Stirn. Der australische Slangausdruck bedeutete so viel wie schwarzer Idiot und Loser. »Kein besonders netter Name.«
   Becky-Lee zuckte mit den Schultern. »So sind die Leute hier eben. Er ist stumm, und wie man sagt, auch geistig zurückgeblieben. Die Leute hier sagen, früher sei er immer nackt herumgelaufen. Irgendwann zwang man ihn dann, Kleider zu tragen. Doch die zog er immer wieder aus, versteckte sie irgendwo, wo man sie nicht fand, und lief wieder ohne herum. Irgendwann wurde es den Leuten hier zu viel und der Senior Sergeant sperrte ihn zwei Tage ein. Er drohte ihm, wenn er weiterhin unbekleidet rumlaufe, werde er ihn wieder einsperren – und zwar für jedes Mal einen Tag länger. Seither trägt er eine kurze Hose, mehr aber auch nicht. Die Leute sagen, hin und wieder hängt er, ohne dass ihn jemand dabei sieht, seine Shorts an den Ast eines Geistereukalyptus vor der Missionskapelle. Dann verschwindet er für Tage oder Wochen im Busch, wobei niemand weiß, wohin er geht.«
   Das hingegen war nun schon fast ein ganzer Roman, konstatierte Daryl zufrieden. »War das zu der Zeit, als Gordon Webster hier noch Sergeant war?«
   »Ja.«
   »Was haben die Eltern des Jungen dazu gesagt?«
   »Wer der Vater ist, weiß man nicht. Und seine Mutter, sie hieß Tatea, starb bei der Geburt. Sie war erst dreizehn. Sonst hatte er keine Verwandte.«
   Daryl konnte sich nicht vorstellen, dass dies stimmte. Die Verwandtschaftsstrukturen unter den Aborigines waren sehr komplex. Zum Beispiel konnten Menschen gleichen Dreamings ebenso als eigene engste Familienmitglieder angesehen werden wie deren Onkel und Tanten. Vorausgesetzt, diese Gruppe war nicht bereits so weit ihrer Wurzeln beraubt, dass ihr sozialer Zusammenhalt zerstört und ihre Verbindung zur Traumzeit gekappt war. Ob das der Fall war, würde er bald feststellen, denn er hatte auf jeden Fall vor, der Eingeborenensiedlung am Rande von Douberie einen Besuch abzustatten. »Wer hat sich dann um ihn gekümmert?«, fragte er nach einer kurzen Pause.
   »Solange die Mission noch offen war, Pater McDermott. Danach niemand mehr.«
   »Ich bleib dabei, kein netter Name, schon gar nicht für jemanden, der es offensichtlich nicht leicht im Leben hat.«
   Der Kopf des gelbblonden Mädchens nahm wieder ihre schiefe Beobachtungshaltung ein. Ihre leuchtend blauen Augen schienen in Daryls Seele eindringen zu wollen. »Wie ich gehört habe«, sagte sie schließlich, »rufen die Eingeborenen ihn Bullen Bullen, was so viel wie der einsame, stille Ort bedeutet.«
   Daryl lächelte. »Das hingegen passt.«
   In diesem Augenblick fielen die ersten fetten Regentropfen aus den dunklen Wolken. Daryl warf einen Blick zum Himmel und verzog das Gesicht. Die tief hängende Wolkenwand sah aus wie ein schwarzes Leichentuch, das langsam über den Ort und seine Menschen gezogen wurde. »Besser, wir gehen wieder rein.«
   Als sie die Tür erreichten, drehte er sich nochmals um. Bullen Bullen war verschwunden.

Daryl holte sich an der Theke sein Bier ab.
   Jetzt, da er der Hotelbesitzerin Maggy O’Reilly gegenüberstand, fiel ihm auf, dass sie mit ihren einundvierzig Jahren nicht nur einen gesunden braunen Teint hatte, sondern auch einen straffen, athletischen Körper, auf den wohl mancher Teenager neidisch gewesen wäre. Ihr Gesicht dagegen trug die Spuren eines harten Lebens. Der strenge Blick ihrer dunkelbraunen Augen, die zu einem schmalen Spalt zusammengepressten Lippen und die vielen, wie Narben wirkenden Falten in ihrem ernsten Antlitz, ließen sie mindestens fünf Jahre älter aussehen, als sie laut Bericht tatsächlich war.
   »Das war ja eben ein lautstarker Empfang«, startete er die Konversation.
   Die Hotelbesitzerin lachte heiser. »Da sehen Sie gleich mal, was passiert, wenn man sich hier nicht benimmt.« Sie streckte Daryl die Hand über den Schanktisch entgegen. »Maggy O’Reilly.«
   »Daryl …«
   »… Simmons, ich weiß. Das hier ist ein Mikrokosmos, Schätzchen, Neuigkeiten verbreiten sich hier schneller als ein Blitz.«
   Daryl grinste. »Wo ist denn der Doc?«, fragte er und warf einen Blick den gut fünf Meter langen Tresen hinauf.
   »Sie wollte erst mal ihr Zimmer sehen.« Maggy schüttelte den Kopf. »Hat wohl Angst, das Bettzeug könnte wanzenverseucht sein.«
   »Oder sie denkt, unterm Bett lauert eine weitere Schlange«, schaltete sich ein Mann, der bisher mit dem Rücken zu Daryl am Tresen gestanden hatte, in das Gespräch ein.
   Der Mann stellte sich als Vincent Blake vor. Wie Daryl erfuhr, war er der ehemalige Besitzer des General Stores. Er war knapp über sechzig, sah aber trotz seiner langen, nach hinten gekämmten grauen Haare nicht älter als fünfzig aus. Blake war ein Mann des Outbacks, kräftig wie ein Herfordbulle, mit kantigem Gesicht und Augen wie nasser Basalt. Obwohl er seinen Laden hatte schließen müssen, harrte er in Douberie aus.
   »Als die Mission vor fünf Jahren dichtmachte, ging’s mit Douberie stetig bergab«, erzählte Blake weiter. »Viele Weiße zogen weg und von denen, die hierblieben, den Abos und den 4x4-Touristen konnte ich dann bald nicht mehr leben.«
   »Das muss hart sein«, erwiderte Daryl. Er kannte das Problem. Die Einwohnerzahl vieler kleiner Outbackortschaften schrumpfte, weil die Menschen in die Städte zogen oder sich Arbeit in den boomenden Minen suchten, die insbesondere in Westaustralien wie Pilze aus dem Boden schossen.
   »Hier draußen wird man hart im Nehmen«, sagte Blake lakonisch. »Ich warte jetzt mal ab, wie sich das mit der geplanten Wiedereröffnung der Mission und dem Waisenheim entwickelt. Könnte gut sein, dass dies wieder einige Leute anlockt. Die Zahl der Eingeborenen ist jedenfalls in den letzten sechzehn Monaten schon mal gestiegen. Vielleicht kann ich meinen Laden bald wieder aufmachen.«
   »Klingt für mich ziemlich vielversprechend.«
   »Na ja, die Frage ist, ob es überhaupt so weit kommt.« Blake rieb sich das unrasierte Kinn. »Sie haben diese Polizeiärztin hergeflogen. Daher nehme ich an, Sie wissen von den Todesfällen in Douberie.«
   Daryl machte ein verwundertes Gesicht. »Mir hat der Doc nur von einem erzählt, dem des ehemaligen Paters.«
   Blake und Maggy tauschten einen vielsagenden Blick.
   »Schön wär’s«, knurrte er. »Das erste Opfer hieß Nathan Fisher. Die Polizei glaubt, dass er erst niedergeschlagen und dann aufgehängt wurde. Nicht einmal eine Woche nach seinem Tod zog seine Frau mit den drei Kindern von hier fort. Keine drei Wochen später erwischte es Carl Shearer. Wieder aufgehängt, am selben Ast.«
   »Shearer?«, stellte sich Daryl weiter unwissend. »Etwa ein Verwandter von Allan Shearer?«
   Blake blickte den Tresen entlang, als wollte er erst sichergehen, dass ihnen niemand zuhörte.
   Maggy lehnte sich unterdessen über den Schanktisch zu Daryl. »Sein Bruder«, antwortete sie leise. »Die Frau im himmelblauen Kleid ist Elisabeth Coltrane-Shearer. Sie ist – ich meine, war seine Frau.«
   »Und das neuste Opfer ist jetzt dieser Pater McDermott«, tuschelte Daryl zurück.
   Blake nickte. »Und dreimal dürfen Sie raten, wo man ihn fand.«
   Jemand verlangte nach einer neuen Runde Bier und Maggy O’Reilly entfernte sich von ihnen.
   »Wollte das nicht vor Maggy erwähnen, aber es ist gut möglich, dass der Pater nicht das dritte, sondern bereits das vierte Opfer ist.«
   »Wie das?« Daryl spielte weiter den Unwissenden.
   »William, Maggys Mann, verschwand vor ein paar Monaten spurlos. Der Special Constable aus Birdsville sowie fast alle von uns haben nach ihm gesucht, jedoch ohne Erfolg. Wie Maggy ein paar Tage später feststellte, war Williams alte Norton Commando 850 aus dem Schuppen hinterm Haus verschwunden. Die Polizei nimmt daher an, dass er sich damit aus dem Staub gemacht hat.«
   »Doch Sie sind anderer Meinung.«
   »Ja. William wurde im Channel Country geboren, genauer gesagt, in Windorah. Als seine Eltern hierherzogen, war er zwölf. Nach ihrem Tod übernahm er das Hotel. Warum sollte so jemand einfach seine Wurzeln kappen und abhauen?«
   »Eine jüngere Frau vielleicht?«, schoss Daryl ins Blaue.
   »Die hatte er ja schon. Maggy ist fünfzehn Jahre jünger als er.«
   Maggy O’Reilly kehrte zu ihnen zurück.
   »Jedenfalls«, gab Blake jetzt dem Gespräch eine andere Richtung, »sind seit den Morden bereits acht Personen von hier weggezogen.«
   »Weil sie Angst haben, zum Opfer zu werden«, stellte Daryl fest.
   In diesem Moment bog links von der Bartheke Dr. Foley aus dem Gang zu den Hotelzimmern. Ihr schulterlanges Haar trug sie nun offen, außerdem hatte sie sich umgezogen, trug eine Trekkinghose mit einem halben Dutzend Taschen und ein weißes T-Shirt mit den Initialen FSS auf der Brust und den Worten Queensland Forensic Pathology darunter. Daryl musste innerlich grinsen. Das T-Shirt des Forensic and Scientific Services war ein subtiler Wink mit dem Zaunpfahl.
   »Mir scheint, ich komme gerade richtig«, sagte sie selbstbewusst und rutschte neben Daryl auf einen Barhocker.
   »Ein Glas Weißwein bitte, am liebsten Chardonnay, wenn Sie das haben«, sagte sie zu der Frau hinter dem Tresen. Dann wandte sie sich Daryl und seinem Gesprächspartner zu. Entweder bemerkte sie nicht, wie still es plötzlich in der Bar geworden war, oder sie ignorierte es einfach.
   »Sie unterhielten sich gerade über die ungeklärten Morde. Bitte, reden Sie doch weiter.«
   Nun versiegten auch die letzten Stimmen. Die Blicke der Anwesenden richteten sich auf die Dreiergruppe am Ende der Theke, wobei Dr. Foley eindeutig im Fokus stand.
   Blake starrte einen Moment auf den T-Shirt-Schriftzug, dann wandte er den Blick ab und nippte an seinem Bier. »Ich habe Mr. Simmons nur über das ins Bild gesetzt, was hier geschehen ist«, brummte er schließlich.
   »Drei Morde und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln«, sagte ein leicht übergewichtiger Mann um die Mitte fünfzig mit teigigem Gesicht und einem wohl nicht nur in diesem Augenblick ernstem Blick, wie die tiefen Falten zwischen seinen Augen belegten. »Wir haben der Polizei schon nach dem ersten Todesfall gesagt, dass die Schwarzen dahinterstecken. Aber haben die auf uns gehört? Nein, natürlich nicht!«
   Doc Foley zog einen Stift und ein kleines Notizbuch aus einer ihrer Oberschenkeltaschen. »Darf ich fragen, wie Sie heißen?«
   Der Mann schluckte. »Wie…so …«, stotterte er verunsichert. »Ich meine … warum wollen Sie das notieren?«
   »Ich möchte nicht nur Ihren Namen wissen, sondern auch den aller Anwesenden. Dies ist keine Schikane, es dient mir nur zur besseren Kommunikation mit Ihnen und der Erstellung meines Berichts.«
   »Ihres Berichts? Ich dachte, Sie sind lediglich wegen der Leiche des Paters hier und nicht für polizeiliche Untersuchungen.«
   Amüsiert beobachtete Daryl, wie der Doc das Kinn vorstreckte und den Mann auffordernd ansah.
   Daryl lehnte sich auf einen Ellbogen gestützt lässig auf den blank polierten Schanktisch nach vorn und musterte den Mann.
   »Ähm, Chester Coltrane, Inspector des Department of Transport and Main Roads, zuständig für diesen Teil des Shire«, antwortete dieser und legte, wohl unbewusst, eine Hand auf den Arm der Frau neben sich.
   »Und Sie sind?«, wandte sich Dr. Foley sogleich an die Frau.
   »Elisabeth Coltrane-Shearer. Chester ist mein Bruder.« In ihren harten graublauen Augen lag ein feindseliger Blick. Sonst hatte Elisabeth Shearer eins dieser unscheinbaren Allerweltsgesichter, an die man sich nur schwer erinnern konnte, selbst wenn man es ein Dutzend Mal gesehen hatte.
   »Das Mädchen neben Ihnen, ist das Ihre Tochter?«, fragte Dr. Foley weiter.
   »Nein, bin ich nicht«, sagte die junge Frau und lehnte sich so weit über die Theke, dass man sie gut sehen konnte. »Und ich kann sehr gut für mich sprechen. Ich heiße Marla, Marla Long.« Sie warf einen schnellen Blick auf das Paar, das links vor ihr stand. »Und das sind meine Eltern, Kevin und Florence.« Marla machte nicht nur einen äußerst selbstbewussten Eindruck, sie war auch ausnehmend hübsch. Ihr langes, wild gelocktes dunkelrot schimmerndes Haar reichte ihr bis über die Schultern. Ihre Augen glänzten wie polierte Bernsteine und ihr schlankes Gesicht, das von einem zarten Schleier kleiner Sommersprossen überzogen war, wurde dominiert von vollen, sinnlichen Lippen. Sie lächelte in ihre Richtung, wobei Daryl das Gefühl hatte, ihr Blick lag mehr auf ihm als auf der Forensikerin.
   »Wie alt bist du, Marla?«, wollte Dr. Foley wissen.
   »In eineinhalb Monaten werde ich achtzehn«, sagte sie mit fester Stimme.
   »Dann bist du wie das Mädchen, das die Schlange rausbrachte, eigentlich zu jung, um in einer Bar rumzuhängen.«
   »Was soll das?«, empörte sich Marlas Vater. »Hier sind drei weiße Einwohner ermordet worden. Glauben Sie, da lässt jemand seine Tochter allein zu Hause?«
   »Richtig«, mischte sich nun der Ex-Sarge ein. »Außerdem ist das ja wohl ein Fall für die Criminal Investigation Branch, wozu Sie ja nicht gehören. Also spielen Sie sich hier nicht so …«
   »Dazu wollte ich eben kommen«, unterbrach Dr. Foley den Ex-Sarge scharf. »Sie kennen die Situation. Die Detectives des Morddezernats mussten umkehren und so wie es ausschaut, werden sie auch nicht so schnell nachkommen können. Es wurde daher beschlossen, dass ich neben meiner eigentlichen Aufgabe auch die Vorermittlungen zum neusten Mord hier in Douberie führe. Sie können sich das gern mit einem Anruf bestätigen lassen.«
   Der Ex-Sarge schnalzte verärgert mit der Zunge. »Die Telefonleitung ist tot.«
   »Dann eben per Funkgerät. So was haben Sie hier draußen doch bestimmt, oder?«
   Der Ex-Sarge ignorierte Dr. Foleys ironische Bemerkung. »Verzeihen Sie, aber dass Sie hier die Ermittlungen leiten, macht nun wirklich keinen Sinn. Es wäre besser gewesen, wenn man mir die vorläufige Untersuchung übertragen hätte. Schließlich habe ich Erfahrung in solchen Dingen, außerdem lebe ich hier und weiß auch bestens über die anderen Morde Bescheid. Zum Beispiel erzählte Carl Shearer, er hätte an dem Abend, bevor man Nathan Fishers Leiche fand, beim Nachhausegehen vom Hotel eine mit weißem Federflaum geschmückte schwarze Gestalt bei der Mission herumschleichen sehen. Als er dann selbst umgebracht wurde, fanden wir drei Emufedern mit Resten von getrocknetem Blut neben seiner Leiche. Man braucht kein Sherlock Holmes zu sein, um dabei auf die Abos zu kommen. Die lieben ja solchen rituellen Hokuspokus.«
   »Wenn ich den Untersuchungsbericht richtig im Kopf habe«, nahm Dr. Foley dem Ex-Sarge gleich wieder den Wind aus den Segeln, »war das zwei Tage nach Leermond. Es war ziemlich dunkel und Carl Shearer über fünfzig Meter von der Gestalt entfernt. Er konnte also nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich tatsächlich um einen Eingeborenen handelte.«
   »Was soll denn das jetzt bedeuten?«, empörte sich Chester Coltrane. »Sie glauben doch nicht, dass einer von uns diese Morde begangen hat? Das ist kompletter Schwachsinn!«
   »Da hat er recht«, sagte Kevin Long. »Wir kennen uns alle schon viele Jahre, ach, was sage ich, Jahrzehnte. Sie kommen aus der Großstadt, bei Ihnen mag das vielleicht anders sein, aber wir hier halten zusammen und unterstützen uns, wann immer es nötig ist. Und sollten wir trotzdem mal Probleme miteinander haben, gibt es zwei Arten, wie wir die lösen. Entweder reden wir darüber oder wir prügeln uns. Aber egal, wie wir unsere Auseinandersetzungen lösen, am Ende versöhnen wir uns bei ein paar Runden Bier.«
   Für seinen kleinen Vortrag erntete Long Kopfnicken sowie den einen oder anderen verbalen Zuspruch.
   »Ja, wer wundert sich da noch, dass die Polizei mit ihren Ermittlungen bisher keinen Schritt weitergekommen ist«, sagte Florence Long.
   Dr. Foley tat Daryl fast schon ein wenig leid. Sie stand jetzt schon regelrecht im Kreuzfeuer der Bewohner Douberies, wobei er sich nicht sicher war, wie viel davon ihrerseits beabsichtigt war und wie viel Unerfahrenheit in Bezug auf Verhörtechniken.
   »Ich nehme Ihre Bedenken zur Kenntnis und Sie können diese selbstverständlich auch gern den zuständigen Ermittlungsbehörden weiterleiten. Doch dies wird nichts daran ändern, dass ich bis zum Eintreffen der CIB die mir aufgetragenen Befragungen und Untersuchungen durchführen werde. Ich denke, dies sollte auch in Ihrem Interesse sein. Und nun möchte ich von jedem von Ihnen erst einmal die Personalien aufnehmen, am besten die Theke aufwärts.«
   Gut aus der Affäre gezogen, dachte Daryl und musste innerlich grinsen.
   Während Doc Foley ihre unfreiwillige Coprolle spielte und die Anwesenden befragte, konnte Daryl diese in aller Ruhe studieren.
   »Wie gut kannten Sie Pater McDermott?«, fragte Dr. Foley, als sie am Ende der Theke und somit bei Pater Desmond Harper angelangt war.
   »Ich hatte schon von ihm gehört, schließlich leitete er viele Jahre die Mission hier. Persönlich begegnet bin ich ihm aber erst hier.«
   »Hat er Ihnen – oder sonst jemandem von Ihnen – erzählt, warum er hierherkam?«
   »Nicht direkt«, antwortete Harper. »Er sagte nur, er hätte hier etwas zu erledigen. Bei der Gelegenheit wollte er sich natürlich auch die Mission ansehen und alte Bekannte treffen.«
   »Sagte er, was er erledigen wollte?«
   »Nein, mit keinem Wort.«
   Daryls Eindruck von dem Pater war zwiespältig. Sein breites Lächeln schien so aufgesetzt wie das eines Politikers bei einer Wahlveranstaltung und seine sportliche Figur mit den muskulösen Armen, dem breiten Hals und der offenbar schon mehr als einmal gebrochenen schiefen Nase, passte eher zum Rausschmeißer eines Nachtclubs als zu einem Geistlichen.
   »Okay«, wandte sich Dr. Foley an Maggy O’Reilly. »Sind das alle weißen Einwohner von Douberie?«
   »Nein, einer fehlt.« Auf ihrer Stirn bildeten sich mehrere Falten. »Wo ist er eigentlich?«
   »Wo ist wer?«, hakte der Doc nach.
   »Andy Porter. Er ist im Ort der Mann für alles. Er arbeitet im Hotel als Koch, hilft in der Garage, wenn Not am Mann ist, außerdem kümmert er sich um den Generator oder …«
   »Verstehe schon«, unterbrach Dr. Foley.
   »Als ich ihn zuletzt sah«, rief der Ex-Sarge dazwischen, »war er drüben beim alten Missionshaus, wo er einen kleinen Wall aufschütten wollte, damit das Wasser nicht bis zum Haus vordringen kann. Danach wollte er noch zur Power Station, um den Generator zu checken und die Dieselvorräte zu überprüfen.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Das war vor mehr als vier Stunden. Eigentlich müsste er längst zurück sein. Ich schau besser mal nach.«
   Ein kurzer Blick zu Dr. Foley bestätigte Daryl, dass ihr die erneute Anspannung unter den Anwesenden nicht entgangen war. Er kippte sein Bier in einem Zug hinunter. »Warten Sie, Webster, ich begleite Sie.«
   »O shit«, rief Maggy, als sie die Tür erreicht hatten.
   Daryl drehte sich um und folgte ihrem Blick zum sich immer langsamer drehenden Deckenventilator in der Mitte der Bar. Maggy wandte sich dem Kühlschrank zu und öffnete ihn. «Kein Licht. Der Strom ist ausgefallen.«
   »Jetzt mache ich mir wirklich Sorgen«, brummte der Ex-Sarge.

Der Himmel sah aus, als stünde das Ende der Welt bevor. Tief und bedrohlich rollten die grauschwarzen Wolken wie eine zähe Schlammlawine auf die kleine Ortschaft zu. Noch fielen nur vereinzelte Regentropfen, doch lange würde es nicht mehr dauern, bis sich die Himmelsschleusen öffneten und über Douberie die Sinnflut hereinbrach.
   »Wo befindet sich die Generatoranlage?«, fragte Daryl, als sie in Websters Pick-up saßen.
   »Bei den letzten Häusern, kurz vor der Missionskapelle, geht links ein Weg ab. Von da sind es noch etwa dreihundert Meter bis zum Pimple, einem kleinen, verwitterten Felsenkliff. Dahinter befindet sich die Power Station.«
   Die ungepflasterte Straße führte auf einem Damm zum Felshügel. Dieser ragte wie eine Insel – oder wenn man bildlich seinem Namensgeber folgen wollte – wie ein roter Pickel aus dem flachen und teilweise bereits überfluteten Tussock Grasland. Gesäumt wurde der Damm von einer Allee von grob geschälten Strommasten aus termitenresistenten White-pine-Kieferstämmen. An der Gablung der um den Felshügel verlaufenden Straße bog Webster nach rechts ab und folgte dem löchrigen, mit schlammbraunen Pfützen übersäten Weg bis zum halb geöffneten Gittertor eines eingezäunten, tennisplatzgroßen Geländes.
   »Da, seine Polaris«, brummte der Ex-Sarge und nickte in Richtung eines Quads, das vor der Schiebetür zum Generatorschuppen stand. »Er muss also noch hier sein.«
   Sie stiegen aus und schlüpften durchs Tor.
   Im Innern der drei Meter hohen und oben mit Stacheldraht gesicherten Umzäunung lagen zwei große Zehntausendliter-Dieseltanks auf brusthohen Betonsockeln. Von ihnen führten Leitungen zu einem nahe gelegenen Wellblechschuppen, dessen Wände unter dem Dach zur besseren Belüftung ringsum mit einem ein Meter breiten, feinmaschigen Gitter umgeben waren.
   »He, Andy«, rief Webster, noch ehe sie die gut einen Meter offen stehende Schiebetür erreicht hatten, »was zum Henker treibst du?«
   Daryl verspürte ein Kribbeln im Nacken – ein untrügliches Zeichen, dass etwas nicht stimmte.
   »Andy?«, rief Webster erneut. Er warf Daryl einen besorgten Blick zu, dann trat er, dicht gefolgt von Daryl, in den Raum.
   Nach ein paar Schritten blieb der Ex-Sarge stehen. Das Innere des Schuppens lag im Halbdunkeln. Da der Generator nicht lief, funktionierten auch die beiden Baulampen an den Wänden nicht.
   Daryl, der einst von Ungjeeburra gelernt hatte, sich rechtzeitig auf plötzlich wechselnde Lichtverhältnisse einzustellen, hatte seine Augen bereits auf dem Weg zur Tür zu schmalen Schlitzen verengt. In dem Moment, als er den Raum betrat, riss er sie weit auf und entdeckte, wofür der Ex-Sarge noch einige Sekunden benötigte.
   Daryl schob sich an Gordon Webster vorbei und humpelte zu einer zwischen Haupt- und Notgenerator liegenden Gestalt.
   »Fuck!«, rief der Ex-Sarge, nachdem er den in einer schwarzen Lache liegenden Körper erkannt hatte.
   »Besser, Sie bleiben zurück«, sagte Daryl bestimmt.
   Der Ex-Sarge blieb unsicher stehen. »Wieso?«
   Daryl, der sich neben den auf dem Rücken liegenden Mann gekniet hatte, sah zu ihm auf. »Ich fürchte, diesem Mann wurde die Kehle durchgeschnitten.«
   »Jesus!« Erst jetzt schien der Ex-Sarge zu begreifen, dass der Körper nicht in einer Öl-, sondern in einer Blutlache lag. Er riss den Kopf hoch und blickte hektisch von einer Ecke des Wellblechschuppens in die andere. Als er sicher war, dass sie die einzigen lebenden Personen in dem Raum waren, kehrte sein Blick zu dem Toten zurück.
   »Am besten holen Sie Dr. Foley her«, sagte Daryl ruhig. »Und bringen Sie auch gleich eine große Plastikplane und eine Rolle starkes Klebeband mit.«
   »Okay. Und was ist mit Ihnen?«
   »Ich warte draußen vor dem Schuppen.«
   Der Ex-Sarge runzelte die Stirn. »Was ist, wenn sich der Mörder noch hier rumtreibt? Er könnte sich leicht draußen hinter einem Felsen versteckt haben.«
   Daryl schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Dieser Felshügel ist wie eine Insel. Bestimmt hat er sich nach der Tat so schnell wie möglich verdrückt. Und sollte ich mich irren, dann müsste er erst durch das Tor kommen, wobei ich dann genug Zeit hätte, mich im Schuppen in Sicherheit zu bringen und ihn von innen zu verriegeln.«
   »Also gut«, schnaubte Gordon Webster widerwillig und machte kehrt.
   Daryl folgt ihm nach draußen. Er wartete, bis der Ex-Sarge abgefahren war, dann schob er, um mehr Licht zu haben, die Schiebetür ganz auf und ging wieder hinein.

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