Als Julia Kern vor ihrem gewalttätigen Freund von München ins ländliche Ostfriesland flüchtet, fühlt sie sich zunächst wie im Paradies. Die Landschaft ist idyllisch, die Menschen zurückhaltend, aber liebenswürdig. Mithilfe einer Erbschaft kann Julia das leer stehende Armenhaus einer kleinen Gemeinde kaufen, doch schnell bekommt das schöne Bild ihrer neuen Heimat Risse. Als Julia in ihrem Garten einen menschlichen Knochen entdeckt, ahnt sie, dass sich in dem Armenhaus ein düsteres Geheimnis verbirgt. Sie findet ein Tagebuch und stößt auf Verbrechen der Zwanzigerjahre, die bis in die Gegenwart strahlen. Plötzlich taucht ein grausamer Tierschlächter im Dorf auf, und Julia gerät in höchste Gefahr. Fühlt sich der Täter als Erbe von Tjark Hanno, der vor vielen Jahren nur die „Blutbestie“ genannt wurde? Julia wird entführt und findet sich halb nackt und gefesselt in einer Folterkammer wieder. Das Lösen des Rätsels tritt in den Hintergrund, denn nun setzt Julia alles daran, ihrem unausweichlichen Schicksal zu entkommen.

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ISBN: 978-9963-52-993-3

Seiten: 215

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Martin Barkawitz

Martin Barkawitz
Martin Barkawitz wurde in den Sechzigerjahren in Hamburg geboren und arbeitet nach Berufsausbildung und Studium seit 1997 hauptberuflich als Autor. Er veröffentlicht bei verschiedenen Verlagen und unter zahlreichen Pseudonymen vorzugsweise Krimis, Thriller, Abenteuerromane, Western, Horror, Steampunk, Science Fiction und Romantik.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Erstes Kapitel

Julias Hände hörten nicht auf zu zittern. Ihr Blut schmeckte heute anders als sonst. In den vergangenen drei Monaten, die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, hatte sie nicht nur in dieser Hinsicht viele Erfahrungen sammeln dürfen. Sie hatte körperliche und seelische Zustände kennengelernt, die sie bisher nur aus der Lektüre von Psychothrillern kannte.
   Julia stand vom Fußboden auf und wankte auf unsicheren Beinen ins Bad. Sie begriff inzwischen nur allzu gut, warum so viele Menschen, vor allem Frauen, die Lektüre von harten Krimis bevorzugten. Es musste ein schönes Gefühl sein, den Roman auf das Nachtschränkchen zu legen und die Augen schließen zu können. Sich unter die Bettdecke zu kuscheln, mit den schaurigen Erinnerungen an die gelesenen Grausamkeiten. Angstlust nannte man das wohl; und dabei die beruhigende Sicherheit zu haben, dass der Psychopath zwischen den Buchseiten bleiben würde.
   Bei ihr war das anders. Sie teilte seit Monaten ihr Bett mit einem Mann, der seine Wutausbrüche absolut nicht unter Kontrolle hatte. Sie musste keine blutrünstigen Schmöker lesen, um tödliche Furcht zu spüren.
   Julia presste ihre Lippen aufeinander. Sie wollte nicht an Pascal denken. Sie war froh, dass sie momentan von ihm nichts Böses zu erwarten hatte.
   Der Prügelheld schlief laut schnarchend in seinem Lieblingssessel. Der Kopf war zur Seite gesackt. Eine Flasche Wodka konnte selbst einen Mann fällen, der so groß und stark war wie ein US Marine.
   Sie warf einen scheuen Blick in seine Richtung. Allein der Anblick seines massiven Körpers sorgte dafür, dass sich das Zittern in ihren Fingern verstärkte. Es war erst wenige Stunden her, dass er sie nach allen Regeln der Kunst verprügelt hatte.
   Es war nicht so, dass Pascal sie unüberlegt fertigmachte. Trotz seiner Trunkenheit verstand er sich meisterhaft darauf, ihr Schmerzen zuzufügen, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. In dieser Hinsicht war ihr Freund so perfekt wie ein Verhörspezialist in einer Diktatur. Meistens waren es nicht seine Schläge und Tritte, die sie fürchtete, sondern seine verbalen Entgleisungen. Pascals Worte konnten wie scharfe Messer verletzen.
   Julia betrachtete ihr Gesicht im Spiegel des Badezimmers. Es sah grau und eingefallen aus. Sie fühlte sich mindestens zehn Jahre älter. Dreiunddreißig, Single, erfolgreiche selbstständige Webdesignerin — und seit einigen Monaten mit dem größten Fehler ihres Lebens liiert. Wieder einmal fragte sie sich, wie sie sich von Pascal trennen sollte, ohne dabei ihr Leben zu verlieren. Er hatte mehrmals unmissverständlich klargemacht, dass es für ihn nur eine Art gab, die Beziehung zu beenden – mit einer scharfen Klinge.
   Julia dachte keinen Moment daran, dass dies eine leere Drohung sein könnte. Dafür war zu viel zwischen ihnen geschehen. Sollte sie ihn doch anzeigen? Daran hatte sie schon mehrmals gedacht, aber eine echte Lösung war das nicht. Die deutsche Justiz war in ihren Augen zu zahnlos, um mit einem Monster wie Pascal Menninger fertig zu werden. Am besten wäre es, wenn sie einen Auftragskiller anheuern würde, der den Kerl für immer beseitigte.
   Diese Vorstellung zauberte ein bitteres Grinsen auf ihr Gesicht. Nein, so etwas würde sie nicht tun, obwohl sie neuerdings die Mittel dazu hatte. Wie durch ein Wunder war es ihr gelungen, eine kleine Erbschaft vor Pascal zu verheimlichen. Sie musste nur das Geld von ihrem Konto abheben und einen Brutalo anheuern, der Pascal für alle seine Grausamkeiten an ihr büßen lassen würde. Doch Julias humanistische Erziehung und ihr grundsätzlich friedlicher Charakter ließen sie von dieser Lösung Abstand nehmen.
   Nein, ein Auftragsmord kam nicht infrage. Stattdessen konnte sie mithilfe des Geldes fliehen.
   Ihr Peiniger würde erfahrungsgemäß noch mehrere Stunden schlafen, bis er wieder einsatzbereit war. Sie hatte die Nase endgültig voll von diesem Kerl. Sie wollte ihn nicht mehr sehen, und sie wollte auf keinen Fall noch einmal von ihm gefickt werden.
   Ficken, das war der einzig passende Begriff, um den Geschlechtsverkehr mit Pascal passend zu benennen. Anfangs hatte sie es noch schmeichelhaft gefunden, dass er sie so stark begehrte. Aber dann war ihr immer klarer geworden, dass er kein Nein akzeptierte. Er nahm sie, wann er wollte, und er wollte sehr oft. Pascal verfügte über eine große Fantasie und bevorzugte auch beim Sex die harte Tour. Allein die Vorstellung, dass er wieder auf ihr liegen und in sie eindringen könnte, ließ ihren Magen zusammenkrampfen. Sie unterdrückte einen Würgereiz und putzte sich die Zähne. Inzwischen war der Tremor in ihren Händen etwas zurückgegangen. Aber sie wusste nicht, ob sie jemals wieder zur Ruhe kommen würde. Ihr Gehirn arbeitete wie eine gut geölte Problemlösungsmaschine.
   Ob sie ein paar Sachen zusammenpacken sollte? Nein, das war zu riskant. Wenn er merkte, dass Reisetasche und Kleidung fehlten, würde er sofort Lunte riechen. Julia musste Zeit gewinnen und Pascal über ihre Absichten im Unklaren lassen. Es würde keinen Abschiedsbrief oder einen schriftlichen Erklärungsversuch geben. Die Wohnung lief auf seinen Namen. Sie hatte den großen Fehler begangen, zu ihrem Freund zu ziehen und ihr Apartment aufzulösen. Dadurch gab es nun auch keinen Mietvertrag, den sie kündigen musste.
   Sie verließ das Bad, wobei ihr Herz klopfte wie nach einem Ultrasprint.
   Pascal schlief zum Glück immer noch den Schlaf des Ungerechten.
   Julia nahm ihre Handtasche. Mehr würde sie für ihr neues Leben nicht mitnehmen können. Aber ohne Heather würde sie nicht abhauen. Julia beglückwünschte sich, dass sie die Labrador-Hündin am Vorabend bei ihrer Freundin Evelyn zurückgelassen hatte. Sie hatte die Gewalteruption von Pascal bereits vorausgeahnt und verhindern wollen, dass er sich an ihrer geliebten Labrador-Lady vergriff.
   Sie nahm ihr Smartphone aus der Handtasche und platzierte es gut sichtbar auf dem Wohnzimmertisch, mit dessen Kante ihr Kinn am vorigen Abend Bekanntschaft gemacht hatte. Wenn Pascal das Mobiltelefon sah, würde er vermuten, dass sie gleich zurückkäme.
   Sie zog leise die Wohnungstür hinter sich zu und rannte die Treppe hinunter. Ihre Knie waren weich wie Pudding, ihr Herz raste, sie sah mehrfach über die Schulter nach hinten, glaubte, Pascal wie einen düsteren Racheengel auf dem Treppenabsatz erscheinen zu sehen. Aber das war zum Glück eine Illusion.

Julia rannte durch Schwabing, als würde sie von Dämonen gehetzt. Sie hatte diesen quirligen Münchner Stadtteil immer geliebt, aber sie konnte nicht hierbleiben. Pascal kannte sich in der Stadt bestens aus. Er würde sie im Handumdrehen finden. Julia wollte sich nicht vorstellen, was er dann mit ihr anstellte.

Sie verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit. Irgendwann stand sie vor dem Haus, in dem Evelyn wohnte. Sie atmete tief durch. Auch ihrer Freundin gegenüber durfte sie kein Wort über ihre Fluchtpläne verlieren. Evelyn war ein großer Fan von Pascal.
   Julia durfte nicht mit offenen Karten spielen. Ihre Chancen waren umso größer, je weniger Menschen von ihrem Vorhaben erfuhren.
   Sie klingelte. Wenig später drückte Evelyn auf den Summer. Ihre Freundin empfing sie in einem indisch anmutenden Nachtgewand. Offenbar hatte sie noch geschlafen, was Julia nicht verwunderte. Evelyn nannte sich Künstlerin, ging aber keiner nennenswerten Beschäftigung nach. Julia konnte sich nicht erinnern, dass ihre Freundin jemals gearbeitet hatte. Aber da ihre Eltern vermögend waren, schien das kein existenzielles Problem für sie zu sein.
   Evelyn gähnte demonstrativ, nachdem sie Julia mit zwei Küsschen auf die Wangen empfangen hatte. »Tschau, Bella. Was führt dich denn zu nachtschlafender Zeit hierher?«
   »Ich hatte Sehnsucht nach Heather, wundert dich das?«
   Wie zur Bestätigung sprang die Labrador-Hündin freudig an Julia hoch. Die ungestümen Liebesbekundungen waren Balsam für ihre geschundene Seele. Immerhin schaffte sie es sogar, ihre Freundin scheinbar optimistisch anzugrinsen, obwohl ihr Oberkiefer von Pascals Schlägen immer noch schmerzte.
   Evelyn lachte gekünstelt. »Nein, ich kann dich schon verstehen. Heather ist ja soooo ein Schatz! Sie war brav, während du mit deinem Liebsten die Nacht in trauter Zweisamkeit verbracht hast. Wie war es denn so?« Sie zwinkerte zweideutig.
   »Unbeschreiblich«, sagte Julia wahrheitsgemäß. »Heather muss dringend Gassi gehen. Und ich habe gleich einen Termin bei einem Kunden. Danke fürs Hundehüten. Wir sehen uns später, okay?«
   »Auf jeden Fall.«
   Evelyn verabschiedete sich, während sie verstohlen gähnte. Julia bedauerte diesen endgültigen Abschied. Doch ihr Verstand sagte ihr, dass sie diesen Verlust als Kollateralschaden betrachten musste.
   Julia fühlte sich seltsam befreit, als sie Evelyns Wohnhaus verließ. Sie fuhr mit der U-Bahn Richtung Hauptbahnhof. Sie hatte noch kein Ziel, aber eines wusste sie: Sie musste so weit wie möglich von München weg. Der Ort spielte keine Rolle, als Webdesignerin konnte sie überall auf der Welt arbeiten. Sie mochte Straßburg und war auch schon oft dort gewesen. Aber das wusste Pascal.
   Zu ihrer Mutter konnte sie nicht gehen, Henriette Kern hatte Pascal kritiklos angehimmelt. Wenn es nach ihrer Mama gegangen wäre, hätte sie diesen charmanten Brutalo längst heiraten müssen. Ihre Mutter würde niemals verstehen, dass sie mit Pascal nichts mehr zu tun haben wollte.
   Und ihr Vater? Julia kannte ihn nicht, sie war ein uneheliches Kind. Ihr Erzeuger hatte nie Unterhalt für sie gezahlt. Sie durfte ihrer Mutter nicht verraten, wohin sie ging, sonst würde im Handumdrehen Pascal auf ihrer Matte stehen.

Unschlüssig betrat sie mit Heather an der Leine ein Internet-Café in Bahnhofsnähe. Es roch nach Schweiß und billigen Zigaretten. Die Menschen um sie herum kamen offenbar aus aller Herren Länder. Die meisten von ihnen hatten wohl eine viel längere Flucht hinter sich, als es ihr bevorstand. Dieser Gedanke gab ihr Zuversicht. Die Leute hatten es unter vermutlich sehr dramatischen Umständen geschafft, bis nach München zu gelangen. Da musste es ihr gelingen, sich in irgendeiner Ecke Deutschlands ein neues Leben aufzubauen.
   Julia setzte sich an einen der PCs und rief die Homepage eines bundesweit tätigen Immobilienportals auf. Sie wurde von dem Überangebot im ersten Moment fast erschlagen. Viele Objekte kamen jedoch für sie nicht infrage. Eine Eigentumswohnung für eine Million Euro oder mehr konnte sie sich nicht leisten. Ihre Erbschaft war sehr viel geringer. Ob sie dafür überhaupt eine halbwegs akzeptable Bleibe finden würde?
   Julia blickte auf Heather hinab, die sich brav neben ihr auf den schmierigen Steinfußboden gelegt hatte. »Wir könnten gemeinsam in eine Hundehütte ziehen, wie wäre das? Hauptsache, wir sind Pascal los.«
   Heather legte die Ohren an, während Julia ein kalter Schauder über den Rücken lief. Allein die Erwähnung von Pascals Namen provozierte diese Reaktion. Unwillkürlich sah sie zum Eingang. Sie kam sich vor wie eine abergläubische Frau aus dem Mittelalter, die glaubte, den Gottseibeiuns heraufzubeschwören, indem sie ihn erwähnte. Doch zum Glück kam nicht Pascal zur Tür hinein, sondern ein ihr völlig unbekannter Mann mit asiatischen Gesichtszügen.
   Julia setzte ihre Internetrecherche fort. Sie würde noch den Verstand verlieren, wenn sie länger als unbedingt nötig in München blieb. Es war zwar unwahrscheinlich, dass Pascal sie ausgerechnet in diesem Internet-Café aufspürte, doch sie hatte ihren Exfreund innerlich derart dämonisiert, dass sie ihm buchstäblich alles zutraute.
   Sie surfte zwischen zahlreichen Angeboten herum und war verblüfft, wie viele Orte es in Deutschland gab, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Itterbeck, Menkin, Brüssow, Bad Colberg, diese Namen sagten ihr nichts.
   In einer Gemeinde namens Groß Midlum stand ein ehemaliges, leer stehendes Armenhaus zum Verkauf. Offenbar befand es sich im kommunalen Besitz. Der Preis war mehr als attraktiv. Julia vergrößerte das Foto des Hauses. Es sah ein wenig baufällig aus, aber das traf auf viele Gebäude zu, die sie auf der Makler-Homepage in Augenschein genommen hatte. Für den Preis, den sie zahlen wollte, konnte man offenbar kein Märchenschloss erwarten.
   Das schlichte Backsteinhaus faszinierte sie auf unerklärliche Art. Sie sah sich bereits durch die drei Räume streifen, aus denen das Gebäude laut Maklerinfo bestand. Sie wollte sich dieses Armenhaus unbedingt ansehen.
   Eine rasche Internetrecherche zeigte ihr, dass Groß Midlum zum Landkreis Aurich gehörte und weniger als achthundert Einwohner zählte. Sie musste nach Ostfriesland. Dort war sie noch nie gewesen. In dieser Region würde Pascal sie gewiss nicht vermuten. Allein diese Tatsache sprach schon für Groß Midlum. Einen größeren Gegensatz zu München konnte sich Julia kaum vorstellen.
   Sie notierte die Telefonnummer des Immobilienmaklers und wechselte schnell in eine der stickigen Telefonkabinen des Internet-Cafés. Aufgeregt wählte sie den Büroanschluss. Irgendwo in Ostfriesland klingelte ein Telefon.
   »Moin«, sagte eine raue Männerstimme.
   Julia runzelte die Stirn. Moin? Es war schon nach Mittag. Ob der Makler gerade aufgestanden war so wie Evelyn? Hatte er so wenig zu tun? Das war eher kein gutes Zeichen.
   »Mein Name ist Julia Kern. Es geht um das Armenhaus von Groß Midlum.«
   »Jo.«
   Julias Befremden wuchs. Führte man so in Ostfriesland ein erfolgreiches Verkaufsgespräch? »Ich würde das Haus gern besichtigen. Ist das möglich?«
   »Jo.«
   »Kann ich das Haus kurzfristig beziehen, falls es zu einem Kaufabschluss kommt?«
   »Jo.«
   »Sind Sie morgen früh in Groß Midlum? Ist die auf Ihrer Homepage angegebene Adresse korrekt?«
   »Jo.«
   »Na dann – bis morgen.«
   Aber der Makler hatte schon aufgelegt. Irritiert blickte Julia den Telefonhörer in ihrer Hand an. War dieser Ostfriese mit dem falschen Fuß aufgestanden oder hatte sie es einfach mit einem besonders maulfaulen Kerl zu tun gehabt?
   Sie war jedoch froh, den ersten Schritt in ihr neues Leben getan zu haben. Ob Pascal wohl inzwischen aus seinem Wodka-Koma erwacht war? Diese Vorstellung ließ ihre innere Unruhe erneut aufflammen.
   Sie bezahlte für Internet und Telefon, dann eilte sie zum Hauptbahnhof. In jedem großen breitschultrigen Kerl glaubte sie, ihren Exfreund zu erkennen. Ihr Rücken war schweißnass, die Bluse klebte an der Haut. Julia kämpfte gegen ihre Panik und zwang sich zu rationalem Handeln.
   Die nächste größere Stadt in der Nähe ihres Ziels war Emden. Die Fahrt würde mit ICE und Regionalexpress über acht Stunden dauern, aber das spielte keine Rolle. Nur für Heather würde die lange Zeit ohne nennenswerte Bewegung eine Tortur werden. Doch die Hündin schien genau zu spüren, dass ihre menschliche Gefährtin soeben in ein besseres Leben aufbrechen wollte.
   Julia löste eine einfache Fahrkarte, sie wollte München für immer hinter sich lassen.

Die Fahrt verlief ereignislos. Julia verbrachte sie größtenteils in einem Dämmerzustand. Einmal schlief sie tief und fest ein. Als sie aufwachte, war ihr Gesicht nass von Tränen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, im Schlaf geweint zu haben.
   Einige Mitreisende sahen sie befremdet an.
   Sie war erleichtert, dass ihr Traum nur noch fetzenhaft durch ihr Bewusstsein spukte. Als kleines Mädchen hatte sie sich vor einer finsteren Gestalt gefürchtet, die womöglich unter ihrem Bett lauerte. Mit dreiunddreißig hatte sie so eine Kreatur in ihr Bett gelassen. Pascal war der personifizierte Albtraum. Falls sich das Schicksal mit ihr einen kruden Scherz erlauben wollte — sie konnte darüber jedenfalls nicht lachen.

Gegen zweiundzwanzig Uhr lief der Zug mit Verspätung in den Hauptbahnhof von Emden ein.
   Heather war froh, endlich wieder nach draußen zu kommen und sprang übermütig um Julia herum. Falls die Hündin durch die lange Bahnfahrt erschöpft war, merkte man es ihr jedenfalls nicht an. Julia irrte mit ihr durch die City der Seehafenstadt und fand schließlich ein Hotel, das keinen allzu teuren Eindruck machte.
   Sie betrat die kleine Lobby und ging zum Tresen.
   Falls der Portier bemerkte, dass sie kein Gepäck hatte, nahm er daran offensichtlich keinen Anstoß. Dafür beugte er sich über den Empfangstresen und warf Heather einen undefinierbaren Blick zu.
   Julias Herz krampfte sich zusammen. Sie hatte nicht daran gedacht, dass es schwierig war, in Hundebegleitung ein Hotelzimmer zu finden. »Ich habe eine Hündin«, sagte Julia mit fester Stimme. »Ist das ein Problem?«

»Nicht in unserem Haus. Ich lasse Ihnen eine Decke für den Hund aufs Zimmer bringen. Einige unserer Stammgäste reisen mit Haustieren.«
   Erleichtert nahm Julia den Zimmerschlüssel entgegen und ging auf ihr Zimmer.
   Wenig später brachte ein Page einen Hundekorb und eine flauschige Decke. Julia bedankte sich und gab ihm ein Trinkgeld.
   Heather inspizierte sofort ihr neues Nachtlager und schien zufrieden zu sein.
   Von ihrem Fenster aus hatte Julia einen Panoramablick auf das Wasser des Dollart. In der Ferne sah sie die Positionslaternen der Schiffe blinken, die sich gemächlich Richtung offenes Meer entfernten. Sie wurde von einer unbestimmten Schwermut ergriffen, ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle. Wenn sie ehrlich war, fürchtete sie sich vor der Zukunft. Doch das, was vor ihr liegen würde, konnte auf keinen Fall schlimmer sein als die Vergangenheit. Oder?
   Ihr Kopf tat weh vom Grübeln. Zur Beruhigung trank sie einen Whisky aus der Minibar. Da sie den Tag über kaum etwas gegessen hatte, entfaltete der Alkohol seine Wirkung so schnell und effektiv wie ein Fausthieb in die Magengrube, damit kannte sie sich schließlich aus. Julia fiel ins Bett, schloss die Augen und wurde von tintenschwarzer Dunkelheit umhüllt.

Julia hatte tief und fest geschlafen. Nach der Dusche mit dem Mini-Portion-Hotel-Duschgel fühlte sie sich schon besser. Allerdings gefiel es ihr nicht, wieder in ihre muffige Reisekleidung steigen zu müssen. Sie beschloss, vor ihrer Abfahrt nach Groß Midlum wenigstens das Nötigste an Wäsche, Hygieneartikeln und Hundefutter zu kaufen.
   Nach dem Frühstück startete sie zu einer schnellen Shoppingtour durch die Emder Fußgängerzone. Sie ertappte sich dabei, immer wieder an Pascal zu denken. Was er jetzt wohl tun würde? Ob er schon ahnte, dass sie ihn verlassen hatte? Allein die Vorstellung seiner Wutausbrüche jagte ihr eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Ob er seine Wohnung bereits zu Kleinholz zerlegt hatte? Vielleicht entfachte er auch ein Rachefeuer mit ihren Kleidern und persönlichen Gegenständen.
   Letzteres war eher unwahrscheinlich. Er brachte sich selbst nie in Gefahr, was bei einem Feuer zweifellos geschehen konnte. Er legte sich vorzugsweise mit Frauen oder mit Männern an, die wesentlich schwächer waren als er. Julias Magen krampfte sich zusammen. Sie fragte sich ernsthaft, ob sie diesen Dreckskerl jemals aus ihrem Kopf kriegen würde.
   Julia presste die Lippen aufeinander und eilte mit Heather und ihrem Gepäck zum nächsten Taxistand.
   Sie hatte in einer Zoohandlung zwei Futterschüsseln und Trockenfutter für die Hündin gekauft, das sie ihr in einem kleinen Park mit Wasser aus einem Springbrunnen gereicht hatte. Ihre übrigen Neuerwerbungen hatte sie in die ebenfalls erstandene Reisetasche gepackt. Dazu gehörte auch ein Smartphone, ein etwas älteres Modell mit günstigem Standardvertrag.
   »Moin«, wurde sie von dem Taxifahrer begrüßt. Er nahm ihr das Gepäck ab und verstaute es ihm Kofferraum.
   Heather sprang voraus in den Wagen, Julia warf sich neben sie in die Polster und nannte dem Fahrer die Adresse in Groß Midlum.
   Er nickte und startete den Motor.
   Hinter der Stadtgrenze wurde das Land weit, flach und grün.
   Der Taxifahrer beschleunigte den Mercedes. Julia fühlte sich fremd in dieser Landschaft, doch das war gut so. Sie hatte ihr altes Leben hinter sich gelassen und tauchte nun in eine völlig andere Welt ein. Vielleicht halfen ihr ja die neuen Eindrücke, über ihre dunkle Vergangenheit hinwegzukommen.
   Der Taxifahrer setzte den Blinker und bog neben einem größeren Gebäude ab.
   Sie deutete auf das Haus. »War das früher ein Bahnhof?« Der Mann am Lenkrad nickte. »Sie sind eine gute Beobachterin. Es gab mal eine Kleinbahn, die zwischen Emden und Greetsiel verkehrte. In dem ehemaligen Dorfbahnhof ist heute die Midlumer Scheune, eine Kneipe, in der es manchmal auch Livemusik gibt.«
   Julia drehte sich um, denn inzwischen war das Taxi an der Schenke vorbeigefahren. Wenig später hielt der Fahrer neben einem Kinderspielplatz. Julia stieg aus, bedankte sich und zahlte.
   Ein hochgewachsener Mann mit flachsblondem Haar lehnte an einem Volvo-Kombi. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und erweckte den Eindruck, im Stehen zu schlafen.
   Das musste der Makler sein, der bei dem Telefonat so bemerkenswert wenige Worte verloren hatte. Obwohl er noch größer als Pascal Menninger war, wirkte er zumindest nicht bedrohlich auf sie. Sie ging mit Heather an der Leine auf ihn zu. »Sind Sie Herr Okkinga?«
   »Jo.«
   Der Makler war offenbar genauso einsilbig wie am Telefon. Immerhin streckte er ihr seine große Hand entgegen, die eher zu einem Bauarbeiter, als zu einem Büromenschen gepasst hätte. Julia drückte kurz seine schwielige Hand. Obwohl Okkinga harmlos wirkte, wollte sie ihn so wenig wie möglich anfassen. Sie hatte Männerhände in schmerzlicher Erinnerung.
   Der Mann unterschied sich erheblich von seinen Berufskollegen, die sie in München kennengelernt hatten. Während dort die Immobilienmakler ihre Klienten üblicherweise in Grund und Boden texteten, ging der Ostfriese mit dem beschaulichen Ernst eines Mönchs zu Werke. Offenbar schien er ohnehin die Zeichensprache zu bevorzugen. Jedenfalls ging er auf das Armenhaus zu und deutete mit einer knappen Kopfbewegung an, dass sie ihm folgen möge.

Julia erkannte das Haus sofort wieder, obwohl das Foto im Internet von der Gartenseite aus aufgenommen worden war. Das alte Gemäuer war niedrig, aber immerhin schien das Dach intakt zu sein. Sie empfand die Stille als belastend und versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen.
   »Das Haus scheint ziemlich alt zu sein. Wann wurde es denn gebaut?«
   »1876.«
   Immerhin schienen auch Zahlen zu Okkingas Vokabular zu gehören. Aber das durfte sie von einem Immobilienmakler wohl auch erwarten. »Steht das Haus schon lange leer?«
   »Jo.« Okkinga knickte in der Hüfte ein, nachdem er die Tür aufgeschlossen hatte. Gebückt trat er in das Gebäude.
   Julia erblickte als Erstes einen alten gusseisernen Herd. Ein solches Küchengerät hatte sie bisher nur in einem Museumsdorf gesehen. Außerdem gab es einige Stühle und einen wacklig aussehenden Tisch. Das passte Julia gut, sie besaß ja keine eigenen Möbel. Sie sah sich um, während Okkinga wie ein lebensgroßer Zinnsoldat in der Ecke stand, als ob ihn das Ganze überhaupt nichts anginge.
   Die drei kleinen Zimmer unterschieden sich kaum voneinander. Hier mussten früher mehrere Menschen zusammengelebt haben. Jedenfalls gab es in jedem Raum eine eigene Feuerstelle. »Wo haben die Leute damals eigentlich geschlafen, Herr Okkinga?«
   Der Makler hob erstaunt seine buschigen Augenbrauen, als ob seine Klientin nach einer Selbstverständlichkeit gefragt hätte. »In den Butzenbetten natürlich.« Er öffnete einen Schrank.
   Sie erinnerte sich dunkel, irgendwann einmal etwas über diese Schrankbetten gelesen zu haben. In kalten, feuchten Nächten war es im Inneren eines verschlossenen Kastens vermutlich sehr anheimelnd. Andererseits war diese Art der Nachtruhe gewiss nichts für Menschen mit Platzangst. Julia stand mitten im Raum und drehte sich langsam um die eigene Achse. Sie blickte durch das Fenster auf Heather, die im weitläufigen Garten herumtobte und sich bereits mit der neuen Umgebung angefreundet zu haben schien. Auf einem Nachbargrundstück ertönte das begrüßende Bellen eines anderen Hundes. Die gute Grundstimmung ihrer vierbeinigen Gefährtin gab für ihre Entscheidung schließlich den Ausschlag. »Ich kaufe das Armenhaus, Herr Okkinga.«
   Dieser nickte. »Na gut.«
   Falls er sich über den gelungenen Abschluss freute, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Julia seufzte innerlich und fragte sich, ob wohl alle Menschen um sie herum so reserviert wie dieser hochgewachsene flachsblonde Mann sein würden.

Zweites Kapitel

Julia war froh, sich sofort in eine neue Aufgabe stürzen zu können. Je stärker sie sich mit ihrem neuen Domizil beschäftigte, desto weniger würde sie an ihren Exfreund denken. Jedenfalls hoffte sie das.
   Der Makler hatte versprochen, alle notwendigen Kaufformalitäten in die Wege zu leiten.
   Sie streifte durch den verwilderten Garten. Hier war offenbar seit langer Zeit nichts mehr gemacht worden. Die Nachbarhäuser links und rechts sahen adrett und gepflegt aus. Sie schämte sich beinahe, weil das Armenhaus so unansehnlich war. Doch schließlich gehörte es ihr erst seit einigen Minuten. Sie nahm sich vor, ein richtiges Schmuckstück aus dem Gemäuer zu machen.
   Heather schien etwas entdeckt zu haben. Die Hündin buddelte schnüffelnd und knurrend an einer Ecke des Grundstücks etwas aus.
   »Lass das, Süße. Aus! Du wirst dir nur wehtun.« Julia ging zu ihr und sah einen weißlichen Gegenstand aus dem aufgewühlten Boden ragen. Es war ein Knochen. Julia bückte sich stirnrunzelnd.
   Heather wedelte mit dem Schwanz und blickte Julia Beifall heischend an. Offenbar war sie sehr stolz darauf, etwas Wichtiges gefunden zu haben.
   Julia zog den Knochen aus dem Boden und befreite ihn von der restlichen Erde. Es war ein Stück Gebein. Ob die früheren Bewohner des Armenhauses ihre Speisereste einfach in den Garten geworfen hatten? Auf dem Land gab es überall Komposthaufen. Es war also nichts Ungewöhnliches, auf abgenagte Hühnerknochen zu stoßen. Aber dieser Knochen stammte eindeutig nicht von einem solchen Vogel, dafür war er zu groß. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass er zu dem Körper einer Gans oder Ente gehört hatte.
   In der Schule war sie immer gut in Biologie gewesen. Eine unangenehme Beklemmung erfasste sie. Heather hatte einen menschlichen Unterarmknochen ausgebuddelt.
   »Du spinnst doch, Julia«, sagte sie im nächsten Moment laut zu sich selbst. »Pascal, dieser Mistkerl, hat tatsächlich deinen Verstand weichgeklopft.«
   »Moin! Ist jemand zu Hause?«, ertönte plötzlich eine Frauenstimme.
   Julia zuckte zusammen. Sie hatte nicht damit gerechnet, so schnell Besuch zu bekommen. Schnell schob sie den Knochenfund in ihre Jackentasche, bevor sie um das Haus nach vorn eilte.
   Eine Radfahrerin war von ihrem Drahtesel abgestiegen. Sie schätzte die Frau auf Mitte fünfzig. Die Einheimische trug Jeans und einen Anorak, ihr langes graues Haar war zu einem Zopf geflochten.
   Durch ihre randlose Brille sah sie Julia lächelnd an. »Ich bin Tatje Plum, die Pfarrerin der Gemeinde. Vorhin traf ich Herrn Okkinga, als er hier gewartet hat. Er sagte mir, dass sich jemand für das Armenhaus interessierte, dass wir vielleicht schon bald neue Mitbürger haben würden.«
   Pfarrerin? Julia stutzte einen Moment. Aber dann wurde ihr klar, dass sie sich nicht mehr im katholischen Bayern befand.
   Jedenfalls schienen nicht alle Ostfriesen so wortkarg zu sein wie Makler Okkinga. Julia stellte sich vor. »Es wird nur eine neue Mitbürgerin geben, nämlich mich. Und das ist meine Heather«, fügte sie hinzu.
   Die Labrador-Hündin sprang schon an der Besucherin hoch. Tatje Plum streichelte das Tier.
   »Mein Mann und ich mögen Hunde gern. Es freut mich, dass Herr Okkinga trotz der dummen Gerüchte endlich eine Käuferin für das Armenhaus gefunden hat. Es gehörte früher der Kirchengemeinde, ist aber schon seit einigen Jahren im Besitz der Kommune. Ich wohne dort oben, im Gemeindehaus.«
   Sie deutete auf die imposante Dorfkirche, die sich auf einem Hügel oberhalb des Armenhauses befand. Daneben hatte man ein weitaus bescheideneres Gebäude errichtet, in dem die Geistliche offenbar lebte.
   »Was für Gerüchte, Frau Plum?«
   »Hat man Ihnen nichts gesagt?«
   »Herr Okkinga ist nicht gerade eine Plaudertasche.«
   Die Pfarrerin lachte. »Das stimmt wohl, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Außerdem ist Herr Okkinga ein sehr nüchterner Mensch, der nichts auf wilde Fantasiegeschichten gibt. — Angeblich soll es in dem alten Armenhaus nicht geheuer sein. Aber solche und ähnliche Räuberpistolen kursieren über vielen Gebäuden in Hinte und der Krummhörn.«
   »Wo?«
   »Wir gehören zur Gemeinde Hinte, und der Landstrich zwischen Emden und Greetsiel heißt Krummhörn.« Die Pfarrerin deutete auf einen Weg, nur einen Steinwurf vom Armenhaus entfernt. »Sehen Sie diesen Pfad? Dort verliefen früher die Gleise von Jan Klein, wie die Schmalspurbahn im Volksmund genannt wurde. Man hat den Zugbetrieb 1963 eingestellt. Diese Bahn fuhr quer durch die Krummhörn.«
   Julia kam es so vor, als ob die Frau schnell das Thema wechseln wollte. Aber jetzt war sie erst recht neugierig geworden. Sollte ihre Spontanentscheidung ein fataler Fehlkauf gewesen sein? »Dann haben diese Spukgeschichten also keine Grundlage?«
   Die Geistliche schien es zu bereuen, überhaupt damit angefangen zu haben. »Ich bin eine Frau der Kirche, und in meinem Glauben ist für blutrünstige Horrormärchen kein Platz. Ich bin mehrfach in dem Haus gewesen und habe nichts Ungewöhnliches bemerkt. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn Sie einmal zu uns in den Gottesdienst kämen.«
   Dieses Angebot überraschte Julia, obwohl es aus dem Mund einer Pfarrerin gewiss nicht ungewöhnlich war. Sie zögerte. Daraufhin lächelte Tatje Plum noch charmanter als zuvor. »Ich höre an Ihrem Akzent, dass Sie nicht aus Ostfriesland stammen. Sie waren noch nie in einer reformierten Kirche, nicht wahr?«
   »Nein, ich bin eigentlich katholisch.«
   Tatje Plum legte ihr eine Hand auf den Unterarm.
   Julia bemerkte einen goldenen Ehering an ihrem Finger.
   »Wie gesagt, Sie sind willkommen. Vielleicht möchten Sie ja auch einmal meinen Mann und mich zum Tee besuchen? Wir freuen uns jedenfalls über ein neues Gesicht in der Gemeinde. Es ist schön hier, es wird Ihnen gefallen. Leider ziehen viele junge Leute fort, um anderswo Arbeit zu suchen. Ich muss dann wieder. Also, bis später!« Mit diesen Worten schwang sich Tatje Plum auf ihr Fahrrad, klingelte kurz und trat in die Pedale.
   Julia sah ihr verwirrt nach. Unwillkürlich spielte sie mit dem Knochen in ihrer Jackentasche. Ob er wirklich von einem Menschen stammte? Sie zog das Objekt hervor und nahm es genauer in Augenschein. Sie war keine Biologin oder Gerichtsmedizinerin. Aber auf sie wirkte der Knochen ziemlich alt, er konnte hundert Jahre oder länger in dem Garten gelegen haben. Vielleicht stammte er ja von einem Rind oder einem Pferd oder einem anderen großen Lebewesen. Sie war hier schließlich auf dem flachen Land, wo sich Tierhaltung viel einfacher gestaltete als in der Großstadt.
   Heather jedenfalls schien begeistert davon zu sein, dass sie so viel Auslauf hatte. Sie sprang hin und her und bellte auffordernd.
   Julia wusste, was das zu bedeuten hatte. Die Hündin wollte die Umgebung erkunden. Eigentlich hatte Julia alle Hände voll zu tun. Es gab tausend Dinge, die erledigt werden mussten — von der Anmeldung von Strom- und Wasseranschluss bis zur Beschaffung von Bettzeug für die Nacht. Andererseits konnte es nicht schaden, sich zunächst ein wenig umzusehen. Allzu groß schien ihr neuer Heimatort ohnehin nicht zu sein.
   Eine Leine war nicht notwendig. In Groß Midlum hielt sich der Autoverkehr in Grenzen.
   Heather trottete brav neben ihrem Frauchen her. Julia blickte sich neugierig um. Die Backsteinhäuser an der Dorfstraße waren klein und sahen gemütlich aus. Die ungewohnte Umgebung kam Julia sehr fremd, aber nicht bedrohlich vor.
   Ein älteres Paar lief auf der anderen Straßenseite.
   »Moin!«, riefen die beiden im Chor zu ihr herüber. Wenig später wurde sie von einem Radfahrer ebenfalls auf einheimische Art begrüßt. Bei ihrer dritten Begegnung mit einem ihrer neuen Nachbarn sagte Julia nun ebenfalls »Moin«, obwohl sie sich dabei seltsam vorkam, als ob sie sich verstellen würde. Doch andererseits war sie entschlossen, sich den hiesigen Lebensgewohnheiten anzupassen. Schließlich wollte sie hier auf unabsehbare Zeit leben.
   Julia beschloss, ihr neues Zuhause aus etwas weiterer Entfernung zu betrachten und bog vom Groß Midlumer Ring in die Kirchlohne ein und erklomm den Hügel, auf dem sich das Gotteshaus inmitten des Friedhofs erhob. Von dort aus hatte sie zwischen den Bäumen hindurch einen schönen Blick auf das Armenhaus. Ihr Garten war ziemlich groß. Vermutlich hatten die Mittellosen dort in früheren Jahrhunderten ihr Gemüse angebaut.
   Sie nahm sich vor, noch mehr über die Geschichte ihres neuen Zuhauses in Erfahrung zu bringen. Vielleicht würde sie dann auch besser verstehen, weshalb in ihrem Garten Menschenknochen vergraben waren. Vielleicht bildete sie sich das aber doch nur ein. Sie war keine Psychologin. Trotzdem war ihr klar, dass ihr Nervenkostüm durch Pascals nachhaltigen Terror und seine ständigen Demütigungen stark angegriffen sein musste. Vermutlich hatte sie intuitiv die richtige Entscheidung getroffen. In dieser kleinen und sehr idyllisch wirkenden Welt konnten ihre seelischen Wunden heilen.
   Heather schien es ebenfalls zu genießen, sich viel freier als in der Stadt bewegen zu können. Sie düste aufgeregt hin und her, blieb stehen, wedelte mit dem Schwanz und sah sie herausfordernd an.
   Julia griff schmunzelnd zu einem abgebrochenen kleinen Ast und warf ihn ein Stück.
   Heather stürzte begeistert hinterher und apportierte im Handumdrehen das Stöckchen.
   Da erblickte Julia am anderen Ende des Friedhofs einige schwarz gekleidete Gestalten. Es kam ihr plötzlich pietätlos vor, auf dem Gottesacker mit ihrer Hündin zu spielen. Sie eilte davon und wollte in einem großen Bogen zum Armenhaus zurückkehren.
   Doch Heather war jetzt erst richtig auf den Geschmack gekommen, was das Herumtoben anging. Sie sprang kläffend an Julia hoch, drehte sich spielerisch um die eigene Achse.
   Doch Julia hatte den Ast auf dem Friedhof zurückgelassen.
   Plötzlich erschien ein Kaninchen auf der Bildfläche.
   Heather war nicht mehr zu halten. Ihr Jagdtrieb brach durch. Sie sauste hinter dem Langohr her.
   »Heather! Nein!« Julias Herz krampfte sich vor Panik zusammen. Hier in der Dorfstraße herrschte im Moment überhaupt kein Autoverkehr. Dafür war unten auf der Landesstraße umso mehr los. Genau dorthin jagten das Kaninchen und Heather.
   Julia rannte los. Sie machte sich bittere Vorwürfe, weil sie ihre Hündin nicht angeleint hatte. Normalerweise war Heather sehr lieb und gehorchte aufs Wort. Aber der Anblick des Kaninchens hatte bei ihr offenbar alle Sicherungen durchbrennen lassen.
   Das Kaninchen peste über die viel befahrene Durchgangsstraße, kam wie durch ein Wunder mit heiler Haut davon. Heather hingegen sprang auf die Fahrbahn und blieb aus irgendeinem Grund abrupt stehen. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung des Sportwagens, der sich ihr näherte.

Der Fahrer des roten Lamborghini war zum Glück unglaublich reaktionsschnell. Er stieg in die Eisen, hupte und brachte seinen Flitzer knapp einen Meter vor Heather zum Stehen. Die Hündin war gänzlich unbeeindruckt. Der nachfolgende Verkehr überholte den Luxusschlitten, während der Fahrer wutschnaubend ausstieg.
   In diesem Moment hatte auch Julia ihre Hündin erreicht und drückte sie zitternd an sich. In ihren Augen glänzten Tränen und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Trotzdem wurde sie von einem ungeheuren Gefühl der Erleichterung durchflossen. Heather hätte tot sein können, darüber machte sie sich keine Illusionen.
   Sie wollte sich lieber nicht ausmalen, wie ihr Leben dann ausgesehen hätte. »Das darfst du nie wieder tun!«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Nie wieder, Heather!«
   Der Lamborghini-Fahrer hatte sich drohend vor ihnen aufgebaut. »Seien Sie froh, dass ich heute meinen humanen Tag habe! Normalerweise hätte ich Ihren Drecksköter platt fahren sollen. Aber dann hätte ich mir vielleicht eine Beule im Kühler eingefangen. Und Sie sehen mir nicht so aus, als ob Sie die Rechnung bezahlen könnten.«
   Julia blickte unwillkürlich an sich hinunter. Es stimmte, sie hatte sich bei ihrem Einkauf in Emden nicht gerade mit den teuersten Designerfummeln ausgestattet. Schließlich lebte sie jetzt in einem Dorf, und da waren Jeans, Boots und eine regenfeste Windjacke zweifellos praktischer als die Klamotten, die von Modepüppchen auf der Münchner Maximilianstraße zur Schau gestellt wurden. Aber andererseits wirkte sie nicht gerade wie eine Bettlerin oder Obdachlose. Wahrscheinlich wollte der Kerl sie mit seinen Worten einfach nur verletzen. Sie blickte zu ihm hoch, er war fast einen Kopf größer als sie.
   In seiner teuren Lederjacke und den engen Jeans verströmte er eine Aura von Gefahr. Sie hatte sich inzwischen angewöhnt, Männer in zwei Kategorien einzuteilen: diejenigen, die eine Frau niemals schlagen würden und die, die diesbezüglich keine Hemmungen hatten. Dieser Lamborghini-Fahrer gehörte für sie eindeutig zur zweiten Sorte.
   Dennoch schaffte sie es, freundlich zu bleiben. »Hören Sie, es tut mir leid, dass meine Hündin vor Ihr Auto gesprungen ist. Es wird nicht wieder vorkommen. Aber es ist ja nichts passiert.«
   »Danken Sie Ihrem Schicksal dafür. Ich kann es nicht ausstehen, wenn mir jemand Schwierigkeiten macht. Dann sehe ich rot. Wer sich mit Rolf Witte anlegt, hat garantiert nichts zu lachen.«
   »Ich heiße Julia Kern und bin heute erst nach Groß Midlum gezogen. Ich kenne mich hier noch nicht so gut aus, also entschuldigen Sie bitte nochmals …«
   Julia verachtete sich selbst dafür, dass sie vor dem Schnösel so zu Kreuze kroch. Aber sie musste sich eingestehen, dass die Furcht sie schon wieder fest im Griff hatte. Witte erinnerte sie auf sehr unangenehme Weise an Pascal. Wenigstens starrte dieser sie nicht lüstern an.
   Er kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Neu zugezogen? Haben Sie etwa dieses schäbige Armenhaus gekauft?«
   Julia nickte verwirrt. »Woher wissen Sie das?«
   »In diesem Nest kann man die zum Verkauf stehenden Objekte an einer Hand abzählen. Und Sie sehen mir nicht so aus, als ob Sie sich etwas Besseres leisten könnten als diese Bruchbude. Aber vielleicht ist das ja auch nur Tarnung, he? Zahlt vielleicht der Staat für Sie?«
   Was dachte der Kerl? Glaubte er, sie würde von der Fürsorge leben? Und falls das so wäre, was ging ihn das an? Das hätte sie ihm am liebsten an den Kopf geworfen, traute sich aber nicht und schwieg.
   Witte schien ohnehin das Interesse an einem Gespräch verloren zu haben. Er richtete seinen Zeigefinger wie eine Waffe auf sie. »Wie auch immer, gehen Sie mir aus dem Weg, Julia Kern. Ich merke genau, wenn mir jemand ans Bein pinkeln will.«
   Er ließ sie einfach stehen, stieg in seinen Wagen und legte einen filmreifen Kavalierstart hin.
   Heather schien zu spüren, dass Julia wegen ihr gewaltigen Ärger bekommen hatte. Die Hündin schmiegte ihren Kopf gegen Julias Hüfte.
   Aber Julia war viel zu geschockt, um darauf zu reagieren. Es kam ihr vor, als hätte ihre unmittelbare Vergangenheit sie bereits eingeholt.
   Dieser Rolf Witte schien zu glauben, dass er sich ihr gegenüber wie die Axt im Wald benehmen konnte. Zog sie diese Art von Männern magnetisch an? Stand Opfer sozusagen auf ihrer Stirn geschrieben?
   Sie verharrte immer noch dort, wo die Dorfstraße in die Landesstraße Richtung Emden mündete. Plötzlich hielt ein Fahrrad neben ihr.
   »Moin. Du siehst so aus, als hättest du einen Geist gesehen.« Die Stimme gehörte einer jungen blonden Frau mit Kurzhaarfrisur, die eine Postuniform trug und im Sattel eines Postrades saß und mit den Beinen auf dem Boden das Gleichgewicht hielt. Sie zwinkerte Julia freundlich zu.
   »Es geht schon, danke. Ich bin bloß etwas durcheinander.«
   »Du bist durcheinander? Und ich bin Aafke Ostendorp«, scherzte die Frau. »Du hast gerade mit Rolf Witte geschnackt, nicht wahr? Ich habe euch von dort hinten gesehen, als ich ein paar Sendungen zugestellt habe. Der Kerl ist ein Ekelpaket. Je weniger du mit ihm zu tun hast, desto besser für dich.«
   Aafkes direkte Art gefiel ihr, und sie fühlte sich schon etwas besser. »Ich bin Julia Kern. Du kennst Rolf Witte?«
   »Der schmierige Zuhälter ist in der Krummhörn bekannt wie ein bunter Hund. Er hat eine ehemalige Molkerei gekauft und darin ein Bordell eingerichtet. Der Laden heißt Wittes Place und liegt dort hinten an der Straße nach Emden. Der Puff befindet sich außerhalb der Gemeindegrenzen, deshalb kann man nichts dagegen unternehmen.« Aafke deutete in die Richtung, wo ein Stück hinter dem Ortsschild ein klobiger Bau mit scheußlicher Neonreklame zu erkennen war.
   Julia mochte die junge Frau auf Anhieb. Deshalb duzte sie Aafke ebenfalls, als ob sie sich schon seit ewigen Zeiten kennen würden. »Weißt du, ich habe heute das ehemalige Armenhaus gekauft. Dann habe ich die Pfarrerin getroffen, und wenig später hätte Witte beinahe meine Hündin überfahren. Das ist übrigens Heather.«
   Aafke beugte sich vor und kraulte dem Tier den Kopf, was Heather sichtlich genoss. »Das Armenhaus ist nicht übel, wenn es etwas renoviert wird. Ich bin froh, dass du dich von den alten Schauergeschichten nicht hast abschrecken lassen. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass du gut hierher passt.«
   Eigentlich hätte sich Julia darüber freuen sollen, dass Aafke ihr so offen Sympathie entgegenbrachte. Besonders nach der unangenehmen Begegnung mit Rolf Witte konnte sie etwas menschliche Zuwendung dringend gebrauchen. Trotzdem hatten deren Worte sie aufhorchen lassen. Die Pfarrerin hatte sich in ähnlicher Weise geäußert. Julia wollte endlich wissen, woran sie war. »Was für Schauergeschichten meinst du denn? Ich wüsste ganz gern darüber Bescheid, wenn ich hier einziehe.«
   Aafke machte eine unbestimmte Handbewegung und lächelte wehmütig. »Ach, ik schall vertellen vun Tieden, de langst vergahn sünd?«
   Sie musste Julias verständnislosen Blick bemerkt haben.
   »Sorry, du verstehst kein Platt, oder? Ich verfalle leicht ins Plattdütsch, das bin ich so gewohnt.«
   Julia sah ihr Gegenüber immer noch fragend an. Sie spürte, dass es Aafke nicht leicht fiel, zur Sache zu kommen.
   »Es gab in Groß Midlum vor fast hundert Jahren eine Sippe, um die sich die wildesten Gerüchte rankten. Das waren die Hannos. Ursprünglich war Tjark Hanno ein einfacher Landarbeiter, der sich bei den Großbauern verdingte. Doch dann erlitt er einen Unfall und konnte nicht mehr arbeiten. Sein linkes Bein blieb steif. Und dann geschah etwas mit ihm.«
   Aafke sprach immer zögerlicher, obwohl sie auf Julia einen fröhlichen und auch forschen Eindruck gemacht hatte. Aber sie redete offensichtlich nicht gern über diesen Tjark Hanno. »Was ist passiert?«

»Der Mann wurde seltsam und verschroben, heißt es. Die Leute fürchteten sich vor ihm. Meine Omi hat mir erzählt, dass man sie als Kind noch mit seinem Namen erschreckt hat. Wenn du nicht brav bist, dann holt dich Tjark Hanno! Dabei war er scheinbar nur ein armer Invalide, der mit seiner Familie ins Armenhaus ziehen musste. Es müssen sechs bis acht Personen gewesen sein, aus denen die Hanno-Sippe bestand. Ein paar Kinder starben früh, wie das damals leider üblich war. Doch auch dabei soll es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.«
   »Wieso?«, wollte Julia wissen, nachdem Aafke erneut stockte. Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken.
   »Es hieß, Tjark Hanno hätte die Säuglinge dem Teufel geopfert. Aber das sind einfach nur böswillige Gerüchte gewesen, wenn du mich fragst. Die Leute aus Groß Midlum waren damals in den Zwanzigerjahren einfach neidisch auf Tjark Hanno.«
   »Neidisch? Aber er war doch arbeitsunfähig und musste im Armenhaus leben. Wie kann man auf so einen Menschen neidisch sein?«
   Aafke lachte, als ob Julia unfreiwillig einen Scherz gemacht hätte. »Ja, dieser Meinung bin ich auch. Aber es gab ja noch viel mehr Geschichten über Tjark Hanno. Man sagte ihm nach, dass er viele Menschen in der Hand hatte, aus was für Gründen auch immer. Er soll ein erbarmungsloser Erpresser gewesen sein. Es war die Zeit der großen Inflation, das Geld hatte sowieso keinen Wert mehr. Aber Tjark Hanno brauchte kein Geld, denn die Bauern lieferten ihm Schinken und Würste und Torf zum Heizen, Tabak, Tee und Schnaps und was man sonst noch so zum Leben brauchte.«
   »Warum taten sie das? Aus Mildtätigkeit?«
   »Ganz gewiss nicht. Es lebten ja insgesamt drei Familien im Armenhaus. Neben den Hannos gab es dort noch die Reeses und die Wolters. Die hatten wirklich nicht viel zu beißen, hat man sich erzählt. Aber die Hannos schwelgten im Luxus, vor ihnen fürchteten sich alle. Auch der Pfarrer, sogar die Landgendarmen.«
   »Weshalb nur?«
    »Man nannte die Hannos auch die Mördersippe. Aber wenn du mich fragst, dann ist daran kein Wort wahr. Tjark Hanno sah wohl etwas unheimlich aus. Da haben sich die Leute dann viele schlimme Dinge über ihn aus den Fingern gesogen. Ich glaube nicht, dass man mit einem oder mehreren Morden so einfach davonkommt. Außerdem hat man niemals eine Leiche gefunden, soweit ich weiß.«
   Julia dachte an den Knochen. Beinahe hätte sie ihn herausgezogen und Aafke gezeigt. Im letzten Moment hielt sie sich zurück. Was sollte das bringen? Wenn der Knochen nicht von einem Menschen stammte, würde sie sich blamieren, und als hysterische Ziege abgestempelt werden.
   Aber wenn sich nun doch die Überreste eines Ermordeten in ihrem Garten befanden? Das wäre noch schlimmer, denn dann konnte sie ihre Anonymität vergessen. Die Polizei würde viele Fragen stellen. Garantiert kämen die Medien und machten Fotos und TV-Berichte über das Armenhaus. Wenn sie Pech hatte, würde Pascal auf diese Weise ihren Aufenthaltsort erfahren und seinen Psychoterror fortsetzen können.
   Selbst wenn dieser Tjark Hanno in den Zwanzigerjahren einen Menschen umgebracht haben sollte, konnte man davon ausgehen, dass der Mörder längst nicht mehr lebte.
   Es war, als ob Aafke Julias Gedanken gelesen hätte. »Tjark Hanno starb im Hungerwinter 1944 an einer Lungenentzündung. Er liegt auf dem Friedhof von Groß Midlum begraben. Jetzt ist aber Schluss mit den Schauermärchen, Julia. Ich hoffe doch, dass du dich schnell bei uns einlebst. Vielleicht können wir ja mal zusammen einen Tee oder ein Bier in der Midlumer Scheune trinken. Das ist unsere Dorfkneipe.«
   »Ja, das würde ich sehr gern tun.« Julia lächelte. Die Aussicht, in Aafke eine neue Freundin finden zu können, ließ sie die Gerüchte aus ferner Vergangenheit schnell verdrängen. Falls sich im Armenhaus wirklich üble Dinge abgespielt haben sollten, lagen diese schon fast neunzig Jahre zurück.
   Sie wollten sich gerade voneinander verabschieden, als ein Mann auf sie zukam. Er wirkte auf den ersten Blick wie das genaue Gegenteil von Rolf Witte, was Julia sehr entspannend fand. Er kam zu Fuß die leicht abschüssige Dorfstraße herunter. Der Fremde war zwar genauso groß wie der unsympathische Bordellbesitzer, wirkte aber etwas ungelenk und schlaksig. Obwohl ein frischer Küstenwind wehte, trug er zu seiner zerschlissenen Jeans nur ein Flanellhemd. Der Anblick seiner sehnigen, braun gebrannten Unterarme zeugte davon, dass er trotz seiner schlanken Figur alles andere als ein Schwächling war. Er sah sie aus blauen Augen neugierig an.
   Sie mochte eigentlich keine Männer mit blonden Naturlocken. Aber Julia beschloss sofort, für diesen Ostfriesen eine Ausnahme zu machen. Er nickte ihr und Aafke freundlich zu, wobei ein scheues Lächeln auf seinem Gesicht erschien.
    »Moin, Herr Doktor!«, rief Julias neue Bekannte fröhlich. »Musst du wieder den Kopf auslüften?«
   »Ich bin doch noch gar kein Doktor, Aafke«, sagte der Mann und streckte Julia seine große Rechte entgegen. »Moin, ich bin Jan Henning.«
   »Sie sind Mediziner?«, fragte Julia, nachdem sie ebenfalls ihren Namen genannt und seine Hand gedrückt hatte. Sie fühlte sich warm und vertrauenerweckend an.
   Jan schüttelte den Kopf. »Ich schreibe meine Doktorarbeit in Biologie. Eigentlich studiere ich an der Oldenburger Uni. Aber ich habe mich in die Abgeschiedenheit von Groß Midlum zurückgezogen, um in Ruhe arbeiten zu können. In einer Stadt hat man einfach zu viele Ablenkungen.«
   »Willst du damit vielleicht sagen, in Groß Midlum sei nichts los?«, fragte Aafke und lachte.
   Bevor Jan darauf antworten konnte, stieg sie auf ihr Fahrrad. »Ich muss weiter, die Arbeit ruft. Wir sehen uns, Leute!«
   Gleich darauf war Julia mit dem Mann allein. Doch im Gegensatz zu Rolf Witte war ihr dieser neue Kontakt nicht unangenehm. Immerhin schien Heather sofort Gefallen an Jan Henning zu finden. Sie schnüffelte neugierig an seinen Händen und wedelte mit dem Schwanz.
   »Da haben Sie eine neue Freundin gefunden«, sagte Julia scherzhaft und deutete auf ihre Hündin. Sie war erstaunt, wie locker sie mit Jan umgehen konnte. Doch der Doktorand hatte etwas an sich, das sie spontan Vertrauen fassen ließ.
   »Ich mag Vierbeiner, vielleicht schaffe ich mir selbst mal einen Hund an. Aber manchmal vergesse ich die Welt um mich herum, wenn ich an meiner Arbeit schreibe. Das wäre nicht gut für ein Tier.«
   »Heather sorgt schon dafür, dass sie nicht zu kurz kommt. Nicht wahr, Süße?« Die Hündin sprang freudig zwischen Julia und Jan hin und her.
   »Wollen wir uns nicht duzen? Natürlich nur, wenn es Ihnen recht ist, Frau Kern.«
   Julia grinste. »Gern, meinen Vornamen kennst du ja schon.«
   »Und du hast das Armenhaus gekauft, Julia?«
   Sie seufzte. »Darüber scheint ja schon ganz Groß Midlum Bescheid zu wissen.«
   Jan nickte. »Es passiert nicht oft, dass jemand hierher zieht. Ich habe vor einigen Monaten ein Ferienhaus gemietet, das am Ende vom Ahornweg steht. Als ich neu hier war, fanden die Einheimischen es merkwürdig, dass ich immer nur zu Hause über meinen Büchern hocke. Aber inzwischen haben sie sich an mich gewöhnt und nennen mich sogar Herr Doktor. Das ist okay, solang sie mich nicht nachts zu medizinischen Notfällen rufen.« Er lächelte, was ihm ausgezeichnet stand.
   Sie begriff, dass die Ostfriesen gar keine solchen Sturköpfe waren, wie es immer hieß. Man musste sich nur richtig auf sie einlassen. Und dazu war sie mehr als je zuvor bereit. »Ich würde mich gern länger mit dir unterhalten, Jan. Aber ich habe heute noch unheimlich viel zu tun. Es sind noch sehr viele Dinge zu erledigen …«
   Der Blondschopf blinzelte ihr zu. »Natürlich, das verstehe ich. Wir laufen uns garantiert bald wieder über den Weg. Und falls du in deinem Armenhaus Hilfe brauchst, dann sage mir einfach Bescheid. Du weißt ja jetzt, wo du mich findest.« Jan tätschelte noch kurz Heathers Flanke, dann ging er mit langen Schritten davon.
   Julia sah ihm nach. Ihr fiel auf, dass er sie nicht nach ihrer Handynummer gefragt hatte. Vielleicht besaß er kein Mobiltelefon. Das erschien ihr beinahe unglaublich. Aber wenn er wirklich die Ruhe suchte, war das gewiss genau das Richtige für ihn. Sie war in diesem Moment jedoch froh, sich wieder ein Smartphone zugelegt zu haben. Sie holte es hervor und bestellte in Emden ein Taxi. »Bitte schicken Sie mir einen Kombi, in dem ich ein Fahrrad transportieren kann«, bat sie die Frau in der Taxizentrale. Offenbar gab es in dem Dorf kein Fahrradgeschäft, jedenfalls hatte sie keines gesehen. Sie wollte sich ebenfalls einen Drahtesel zulegen, das war hier offenbar das übliche Fortbewegungsmittel. Falls sie wirklich mal ein Auto brauchte, konnte sie sich ja in Emden eines mieten. Sie hatte auch in München wegen der katastrophalen Parksituation keinen Wagen besessen. Aber in Ostfriesland gab es keine U-Bahn, also musste sie sich etwas anderes einfallen lassen.

Wenig später traf das Taxi beim Armenhaus ein. Während der Fahrt dachte Julia über ihre neuen Bekanntschaften nach. Außer dem widerwärtigen Rolf Witte fand sie eigentlich alle nett. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Aafke eine Freundin für sie wurde, was sie bei der Pfarrerin trotz ihres Entgegenkommens nicht annahm. Julia war kein religiöser Mensch, deshalb stand sie allem Kirchlichen instinktiv distanziert gegenüber.
   Und Jan? Er war ein Eigenbrötler, wirkte aber offen und aufrichtig. Wenn er ihr tatsächlich beim Renovieren des Hauses unter die Arme greifen wollte, war das eine unkomplizierte Art, ihn näher kennenzulernen. Sie musste schmunzeln, als ihre Gedanken in eine bestimmte Richtung gingen. Doch für solche Empfindungen war es noch zu früh. Sie wusste aus Erfahrung, dass es dauerte, bis sie Gefühle für einen Mann entwickelte – besonders nach den Monaten mit Pascal.
   Mit ihren Einkäufen konnte Julia sich hervorragend ablenken. Sie erstand nicht nur ein schönes grünes Holland-Damenrad, sondern auch noch allerlei Krimskrams für ihren Hausstand. Außerdem leitete sie die Strom- und Wasserversorgung des Armenhauses in die Wege. Angeblich sollten die Versorgungseinrichtungen schon am nächsten Morgen funktionieren.

Das Taxi war voll beladen, als es Julia einige Stunden später nach Groß Midlum zurückbrachte. Sie fühlte sich beinahe schon heimisch, als der Wagen an der Midlumer Scheune vorbeifuhr. Heather schien nach der Autofahrt ebenfalls froh zu sein, wieder durch den großen verwilderten Garten springen zu können.
   Es dämmerte bereits. Aber nachdem sie ihre Anschaffungen im Haus verstaut hatte, beschloss sie, noch eine kleine Radtour zu unternehmen. Sie wollte schließlich ihren neuen Drahtesel gleich ausprobieren. Sie schwang sich in den Sattel, wandte sich nach links und radelte den Groß Midlumer Ring hinunter. Sie war schon seit Jahren nicht mehr Rad gefahren. Es fühlte sich gut an. Ab sofort würde sie viel Fahrpraxis erwerben können, da sie die Umgebung genau erkunden wollte.

Heather lief fröhlich kläffend neben ihr her.
   Doch an der Einmündung zur Straße Am Bahndamm bremste sie abrupt.
   Heather spürte scheinbar ebenfalls, dass etwas nicht stimmte. Sie knurrte und wollte losspringen.
   Julia erwischte sie gerade noch am Halsband. Sie wollte nicht, dass die Hündin an dem Kaninchen schnüffelte, das von jemandem am Wegesrand gekreuzigt worden war.

Drittes Kapitel

Julias Magen drehte sich um, mühsam unterdrückte sie ein Würgen. Sie war nicht in der Lage, ihren Blick von dem malträtierten Körper des kleinen Tieres abzuwenden.
   Wer immer sich an dem wehrlosen Wesen vergriffen hatte, musste ein völlig durchgeknallter Psycho sein. Auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut, ihr wurde eiskalt, obwohl sich die Außentemperatur wahrscheinlich nicht verändert hatte. Sie wusste nicht, wie lang sie am Straßenrand verharrt und das gekreuzigte Kaninchen angestarrt hatte. Auf jeden Fall waren seit einiger Zeit kein Fahrzeug und auch kein Passant, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, mehr vorbeigekommen. O ja, Groß Midlum war wirklich ein sehr ruhiger Ort.
   Das tote Tier musste fortgeschafft werden. Wenn ein Kind es erblickte, konnte es den Schock seines Lebens bekommen. Einen Moment überlegte sie, ob sie den kleinen Leichnam nicht selbst mitnehmen und im Garten des Armenhauses verscharren sollte. Aber das war keine gute Idee. Wenn ein Einheimischer sie mit dem toten Kaninchen sah, käme er womöglich auf die Idee, dass sie das Tier ans Kreuz geschlagen hätte. Sie wollte hier auf gar keinen Fall ihren Einstand als geistesgestörte Tierquälerin geben.
   Am besten suchte sie sich einen Verbündeten. Aber wen? Rolf Witte schloss sie sofort aus. Er war so ungefähr der letzte Mensch, den sie um Hilfe bitten wollte. Und Jan? Der kam schon eher infrage. Aber sie wusste nicht genau, wo sich sein Haus befand. Ahornweg, das sagte ihr nichts. Aafkes Adresse wusste sie nicht. Blieb Tatje Plum, die Pfarrerin!
   Durch ihren Beruf hatte diese gewiss öfter mit Leid und Tod zu tun.
   Kurz entschlossen wendete Julia ihr Fahrrad und trat kräftig in die Pedale, um bergauf zur Kirche zu fahren. Heather lief aufgeregt kläffend neben dem Zweirad her. Sie spürte wohl, dass etwas Aufregendes geschehen war.
   Inzwischen tauchte das graublaue Licht der Abenddämmerung den Horizont in eine Atmosphäre der Unwirklichkeit. Das weite Land jenseits des Ortsrandes schien sich in der Unendlichkeit zu verlieren. Julia fror. Das lag gewiss nicht nur an der frischen Brise von der Nordsee her.
   Immerhin brannte im Pfarrhaus Licht. Sie stieg vom Rad, packte Heather am Halsband und lief an den steinumrandeten Azaleenbeeten des Gartens vorbei zum Eingang und klopfte. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Wenige Momente später wurde ihr geöffnet.
   Ein großer hagerer Mann stand vor ihr und blickte sie mit seinen tief liegenden blauen Augen fragend an. Er wirkte in seinem Tweedanzug und mit dem imposanten Schnurrbart im Gesicht wie die Karikatur eines typischen Engländers.
   Julia hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Pfarrerin ihr öffnen würde. Sie war perplex und schwieg verdattert. Doch nun ergriff der Mann das Wort. »Sie wünschen, junge Dame?« Er sprach mit einem leichten britischen Akzent, doch sein Deutsch war einwandfrei.
    »Ich, äh, ich bin Julia Kern. Die Pfarrerin hat …«
   Sie verstummte. Irgendwie bekam sie die Überleitung zu dem gekreuzigten Kaninchen sprachlich nicht hin.
   Doch ihr Gegenüber schien zu spüren, wie verwirrt sie war. Er drehte sich halb um. »Darling, kommst du bitte?«, rief er dabei über die Schulter. »Ich glaube, unsere Besucherin möchte zu dir!«
   Wenige Augenblicke später erschien Tatje Plum an der Tür. Sie hatte eine Serviette in der Hand.
   Im Hintergrund sah Julia einen großen Kachelofen im alt-ostfriesischen Stil und einen gedeckten Tisch mit der obligatorischen Teekanne. Offenbar hatte sie die beiden beim Abendessen gestört. Doch das war jetzt das geringste Problem.
   Die Geistliche lächelte. »Darf ich Ihnen meinen Mann Harris vorstellen? Was können wir für Sie tun?«
   Julias Gesichtsausdruck spiegelte offenbar ihre innere Erschütterung wider. Jedenfalls wurde die Pfarrerin ernst, noch bevor Julia zu sprechen begonnen hatte. Auch Harris Plum sah sie forschend an. Also brachte sie stockend und stammelnd vor, was geschehen war.
   Tatje Plum schlug sich die flache Hand vor den Mund und riss die Augen auf.
   Julia fand es beruhigend, dass nicht nur sie unter dem grausigen Fund litt. Nur Harris Plum blieb äußerlich ein Muster an Selbstbeherrschung.
   »Es ist wieder geschehen«, flüsterte die Pfarrerin.
   »Noch steht nicht fest, ob es eine Verbindung zu … anderen Ereignissen gibt«, sagte ihr Mann steif. »Ich möchte mir selbst ein Bild machen.«
   Er drehte sich zur Garderobe und setzte einen grünen Filzhut auf.
   »Mein Mann war vor seiner Pensionierung Inspektor bei Scotland Yard«, raunte Tatje.

»Wie in einem Sherlock-Holmes-Roman?«, platzte Julia heraus.
   Harris Plum hatte ihre Worte offenbar gehört. Er hob eine seiner buschigen Augenbrauen. »Nicht ganz, Frau Kern. In den Krimis von Sir Arthur Conan Doyle und seinen Nachfolgern werden meine Kollegen und ich als eine Bande von unfähigen und eitlen Wichtigtuern dargestellt. Ich darf aber von mir behaupten, dass ich während meiner aktiven Laufbahn so manchen Kriminalfall erfolgreich abgeschlossen und den Schuldigen vor die Schranken von Old Bailey gebracht habe.«
   »Das ist ein Gerichtsgebäude in London«, fügte Tatje Plum erklärend hinzu. Es klang, als hätte sie diese Erläuterung schon sehr oft nachgeschoben. Vermutlich wussten viele Leute in Ostfriesland nicht, was oder wer Old Bailey war. Außer vielleicht Fans von englischen Kriminalromanen. Doch das war Julia gleichgültig. Es spielte für sie auch keine Rolle, ob sie den ehemaligen Polizisten mit ihrer Bemerkung verärgert hatte. Für sie war jetzt nur wichtig, dass sie mit dem Fund des gekreuzigten Kaninchens nicht mehr allein war.
   Das Ehepaar holte ihre Räder aus der Garage.
   Julia und Heather übernahmen die Führung.
   Doch an der Einmündung zur Straße An der Kleinbahn wartete auf Julia der nächste Schock.
   Das gekreuzigte Langohr war verschwunden!
   Für einen Moment zweifelte Julia ernsthaft an ihrem Geisteszustand. War die grausige Szenerie am Ende nur ein Produkt ihrer überspannten Einbildungskraft gewesen? Verlor sie etwa den Verstand?
   Doch bevor sie weiter an sich zweifeln konnte, hatte Harris Plum seine Taschenlampe hervorgeholt. Die Straßenbeleuchtung war mehr als dürftig.
   Der Lichtstrahl wanderte wie ein riesiger Geisterfinger über den Wegesrand. Sie empfand ein seltsames Gefühl der Genugtuung, als im Taschenlampenkegel Blutflecken sichtbar wurden. Nun würden die beiden sie wenigstens nicht für eine Geisteskranke halten. Doch davon wurde das zu Tode gequälte Tier nicht wieder lebendig.
   Während Tatje Plum abwartend am Straßenrand stehen blieb, war ihr Mann von seinem Rad gestiegen und hatte sich neben den Blutresten niedergekauert. Er zerrieb einige blutgetränkte Grashalme zwischen seinen Fingern.
   »Bedauerlicherweise hat es vor ein paar Stunden einen starken Regenschauer gegeben, was hier in Ostfriesland öfter vorkommt, Frau Kern. Daher sind die Spuren völlig unbrauchbar. Immerhin lässt sich sagen, dass es ziemlich viel Blut gegeben haben muss. Andernfalls hätte der Regen alle Rückstände beseitigt. Außerdem behaupte ich, dass die Kreuzigung vor Ort stattgefunden hat. Sonst hätte es wiederum nicht so viel Blut gegeben. Konnten Sie an dem Tier weitere Verletzungen entdecken, Frau Kern?«
   Julia zuckte zusammen. Sie fühlte sich in gewisser Weise ertappt. Sie musste sich eingestehen, dass sie nicht auf Einzelheiten geachtet hatte. Eine peinliche Pause entstand, weil sie nicht wusste, wie sie die Frage beantworten sollte.
   »Harris«, sagte Tatje Plum mit tadelndem Unterton, »glaubst du nicht, dass der Anblick des gemarterten Tieres für die junge Frau entsetzlich genug war? Du kannst nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch deinen geschulten Kriminalerblick hat.«

»Nein, natürlich nicht. Entschuldige, meine Liebe«, murmelte Harris Plum geistesabwesend.
   Julia fand nicht, dass er sich besonders zerknirscht anhörte.
   Er konzentrierte sich weiterhin auf die Stelle, wo das Kaninchen sein Leben ausgehaucht hatte. »Hier wurde das Kreuz in den Boden gerammt. Ich gehe von einem einzigen Täter aus. Er hat Fußspuren hinterlassen. Bedauerlicherweise sind sie durch den Regen so verwaschen, dass ich die Schuhgröße nicht mehr eindeutig zuordnen kann. Wenn ich ein Spurensicherungsteam zur Verfügung hätte, würde die Sache schon anders aussehen. Aber so …« Er beendete den Satz nicht, sondern beugte sich wieder über das Erdreich am Wegesrand.
   »Sollten wir nicht vielleicht die Polizei rufen?«, schlug Julia schüchtern vor.
   »Das könnten wir tun, aber ich verspreche mir nicht besonders viel davon«, sagte die Pfarrerin. »In Groß Midlum gibt es keine Polizeiwache, die nächste befindet sich in Pewsum. Aber dort ist niemand mehr, weil es bereits nach 17 Uhr ist. Also müssten wir einen Streifenwagen aus Norden anfordern. Es kann ziemlich lange dauern, bis er hier ist.«
   »Wir sind zwar näher an Emden, aber Groß Midlum gehört zur Polizeiinspektion Norden«, ergänzte Harris. »Ich fürchte, wir würden die uniformierten Kollegen nur verärgern, wenn wir eine Tierquälerei anzeigen, dabei nicht einmal ein verletztes oder totes Tier vorweisen können. Doch ich will gern privat die Ermittlungen aufnehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Täter nicht zum letzten Mal zugeschlagen hat.«
   Plums düstere Prophezeiung irritierte und erschreckte Julia zutiefst.
   Die Pfarrerin schüttelte unwillig den Kopf. »Ich verstehe nicht, weshalb du gleich von weiteren Untaten ausgehen musst, Harris.«
   »Weil Psychopathen nicht einfach ihre Grausamkeiten einstellen, Tatje. Das würde meiner Berufserfahrung als Kriminalbeamter widersprechen.«
   Julia dachte an ihren Exfreund. Harris Plum hatte vermutlich recht. Auch Pascal Menninger war ein Psychopath – und er würde niemals damit aufhören, sie zu suchen. Diese Aussicht hatte etwas Ernüchterndes an sich. Sie musste in diesem Moment ziemlich verzweifelt gewirkt haben.
   Jedenfalls legte ihr die Pfarrerin beruhigend einen Arm um die Schultern. »Versuchen Sie bitte, diesen Zwischenfall zu vergessen. Mein Mann übertreibt. Groß Midlum ist ein sehr friedliches Fleckchen Erde. Hier passiert so gut wie nie etwas Schlimmes.«
   »Das war aber nicht immer so«, widersprach Harris Plum.
   Entweder gehörte er zu der Art von Männern, die ihrer Frau gegenüber immer das letzte Wort haben müssen oder er fühlte sich in seiner Berufsehre als Expolizist gekränkt. Auf jeden Fall setzte er ein Gesicht auf, als würde er vor New-Scotland-Yard-Nachwuchskräften dozieren. »In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war dieses Dorf alles andere als ein sicherer Ort. Vor allem das Armenhaus soll ein Hort des Verbrechens gewesen sein.«
   »Hör sofort auf, Harris!«
    »Ich gebe nur das wieder, was wir von einigen Honoratioren erfahren haben, Darling. Darf ich dich an die Morde erinnern, die dieser sogenannten Blutbestie zugeschrieben wurden?«
   »Blutbestie!«, wiederholte die Pfarrerin missbilligend. »Das sind doch nur Schauergeschichten von alten Leuten, die sich früher in den langen dunklen Winternächten fürchterlich gelangweilt haben müssen. Heutzutage sehen sich die Menschen im Fernsehen sonntags den Tatort an. Wenn sie das schon vor neunzig Jahren getan hätten, würde kein Mensch von einer Blutbestie sprechen.«
   »Frau Plum, Sie sagten vorhin, es sei wieder geschehen«, sagte Julia, bevor Harris etwas entgegnen konnte. »Was haben Sie damit gemeint?«
   »Es soll schon in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in Groß Midlum einige Gräueltaten an Haus- und Wildtieren gegeben haben. Und auch an Menschen, obwohl es für diese Schauergeschichten nicht den geringsten Beweis gibt.«
   Julia merkte der Pfarrerin an, dass sie diese Informationen nur sehr unwillig preisgegeben hatte.
   »Nur weil man keine Leiche gefunden hat, heißt das noch lange nicht, dass damals keine Morde stattgefunden haben, Darling«, bemerkte der pensionierte Polizist. »Immerhin ist der Name des Unholds überliefert, der seinerzeit das Dorf terrorisiert haben soll. Manche seiner Zeitgenossen nannten ihn die Blutbestie. Aber sein richtiger Name war Tjark Hanno.«
   Tjark Hanno. Das war doch der Name des alten Invaliden, von dem Julia schon gehört hatte. Aber er soll 1944 gestorben sein. Dann konnte er wohl kaum in der Gegenwart ein wehrloses Wildkaninchen kreuzigen, außer als irgendeine Art von Wiedergänger. Doch sie glaubte nicht an Geister oder übersinnliche Phänomene.
   Heather schmiegte sich an Julias Bein und erinnerte Julia daran, dass sie sich nicht von ihren Ängsten und Beklemmungen lähmen lassen durfte. Sie hatte schließlich die Verantwortung für ein Lebewesen. »Ich werde versuchen, diese Kaninchengeschichte so schnell wie möglich zu vergessen«, sagte sie mit einem unechten Lächeln auf den Lippen. »Es ist schon spät; es tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe. Es war ein langer Tag, ich möchte mich hinlegen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«
    »Das war keine Belästigung, Frau Kern. Sie können uns jederzeit wieder aufsuchen, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben oder Ihnen einfach nur nach einer Tasse Tee in Gesellschaft zumute ist.«
   »Und ich verspreche Ihnen, dass ich den Kaninchenkiller finden werde!«, kündigte der ehemalige Scotland-Yard-Beamte an.
   Julia nickte und wandte sich dann ab. Sie schob ihr Fahrrad Richtung Armenhaus. Es waren ja nur ein paar Meter bis dorthin.
   Heather trottete brav neben ihr her und gähnte laut und herzhaft.

Julia schloss die alte Holztür auf. Als sie den Bakelit-Schalter an der Wand drehte, flammte eine Leuchtquelle auf. Zwar war es nur eine nackte 25-Watt-Birne, die von der niedrigen Decke herabbaumelte, doch mehr konnte sie zu diesem Zeitpunkt auch nicht erwarten.
   Ihr neues Zuhause war noch reichlich ungemütlich, doch für die erste Nacht würde es reichen. Sie hatte sich überlegt, ob sie sich in Emden ein neues Bett zulegen sollte. Doch stattdessen hatte sie sich dazu entschlossen, in einem von den eingebauten Schrankbetten zu nächtigen.
   Sie öffnete die Türflügel des Butzenbettes. Staub wallte auf. Eine Matratze gab es hier nicht mehr, aber Julia hatte eine gekauft. Nachdem sie die Bretter gesäubert hatte, legte sie ihre Matratze darauf. Diese bog sich an einer Seite nach oben, weil das Bett offensichtlich zu kurz war. Aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Rasch bezog sie Matratze, Federbett und Kopfkissen. Sie fühlte, wie die Müdigkeit immer mehr von ihr Besitz ergriff.
   Selbst Heathers unermüdliche Energie verpuffte allmählich. Sie machte sich mit dem Korb vertraut, der ab sofort ihr Nachtlager werden sollte.
   Im trüben Licht der Glühbirne stellte Julia fest, dass es unter den Brettern eine Art Stauraum gab, der mit allerlei Gerümpel gefüllt war. Es roch zwar muffig, doch es sah nicht so aus, als ob dort irgendwelche ekelhaften Überreste gelagert worden wären. Sie nahm sich vor, das Zeug am nächsten Tag wegzuwerfen.
   Sie schüttete für Heather Trockenfutter in einen Napf und wollte sich schon bettfertig machen, als ihr unter dem Bett zwischen einem verrosteten Kochtopf und Maschendrahtresten eine Schulheftecke auffiel. Vorsichtig zog sie an der Kladde, die in steifen Karton gebunden war. Ungläubig kniff Julia die Augen zusammen. Die Tintenschrift war etwas verwaschen, aber man konnte die Worte deutlich lesen.
   Auf dem Titel prangte in steiler Mädchenschrift Tagebuch der Elisabeth Steen, 1923.
   Sollte sie hier die Aufzeichnungen einer ehemaligen Armenhaus-Bewohnerin gefunden haben?
   Ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. Nachdem sie ihren neuen Pyjama angezogen hatte, stieg sie in ihr Schrankbett und machte es sich auf der Matratze bequem. Als Nachttischlampe diente ihr einstweilen die Taschenlampenfunktion ihres Smartphones.
   Julia schlug die erste Seite des Tagebuchs auf.

8. Oktober 1923
   Ich fuhr zum ersten Mal in meinem Leben mit der Bahn. Frau Hajunga hatte mir für 600 Millionen Mark eine Fahrkarte gekauft. Ich war erschrocken und sagte, dass das doch viel Geld wäre.
   Aber Frau Hajunga — sie ist unsere Nachbarin — lachte nur bitter und meinte, die Drecksscheine wären doch nichts mehr wert. Und nächste Woche würde man für 600 Millionen Mark vielleicht noch nicht einmal mehr eine Schachtel Zündhölzer bekommen.
   Das verstehe ich nicht. Aber es gibt viele Dinge, die ich nicht begreife. Vor allem weiß ich nicht, warum Gott mich so straft. Dieses Jahr war sehr schlimm für mich. Erst kam ein Telegramm. Darin stand, dass Papa nicht mehr wiederkehrt. Die »Konstanza«, auf der mein Vater angeheuert hatte, ist vor den Neufundlandbänken mit Mann und Maus untergegangen. Das ist so gemein. Erst hat Papa den Weltkrieg überlebt, und nun musste er als Vollmatrose sterben. Das sei Seemannsschicksal, wie Mama immer sagte.
   Doch vor einigen Wochen waren auch Mama und meine jüngeren Geschwister von uns gegangen. Die spanische Grippe hatte in Emden wie wild gewütet und viele Menschen auf den Friedhof gebracht. Ich habe wie durch ein Wunder überlebt, obwohl ich dünn und blass wie das Papier meines Tagebuchs bin.
   Nun soll ich bei Tante Rena leben, was die Schwester meiner Mutter ist.
   »Du hast großes Glück, weil du nicht ins Waisenhaus musst«, hatte Frau Hajunga auf dem Bahnhof zum Abschied gesagt. Aber ich weiß nicht, ob das Schicksal es wirklich gut mit mir meint. Alles, was ich besitze, trage ich nun in einem kleinen Pappkoffer bei mir. Mama und Enno, Joke und Geeske liegen in Armengräbern auf dem Friedhof an der Petkumer Straße.
   Ich bin so müde, dass ich noch nicht einmal weinen kann. Lang dauerte die Fahrt von Emden nach Groß Midlum nicht. Jemand im Waggon sagte, die Bahn würde Jan Klein genannt. Das sollte wohl lustig sein, aber ich glaube nicht, dass ich jemals wieder lachen kann.
   Tante Rena kenne ich nicht. Papa hatte verboten, dass Mama sich mit ihrer Schwester traf. Den Grund habe ich nie erfahren. Über Tante Rena und Onkel Tjark durfte man bei uns nicht sprechen, sonst gab es etwas hinter die Löffel.
   Auf dem Bahnhof von Groß Midlum stieg ich aus und sah mich suchend um. Eine Frau in ostfriesischer Tracht kam auf mich zu. Die althergebrachte Kleidung sah man in Emden nicht mehr so oft. Viele Leute gingen in geflickten Lumpen, weil es nach dem Krieg immer noch nicht besser geworden war mit dem Leben. Ob es jemals wieder gut sein wird?
   »Du musst Elisabeth sein. Ich bin deine Tante Rena.«
   Die Frau gab mir eine kalte und harte Hand. Ich blickte ihr ins Gesicht. Sie sah aus, wie Mama aussah, wenn sie wütend wurde. Doch Tante Renas Miene blieb den ganzen Tag lang so. Ihr Antlitz glich auch ein wenig einer Totenmaske, die wir uns in der Schule einmal ansehen mussten.
   »Moin, Tante Rena«, begrüßte ich sie schüchtern.
   »Du bist ein richtiges Klappergestell, Elisabeth. Aber wir werden dich schon aufpäppeln, damit du tüchtig arbeiten kannst. Bist du mit der Schule fertig?«
   »Ja, ich bin schon vierzehn.«
   Tante Rena zuckte gleichgültig mit den Schultern.
   »Und wenn du zwölf wärst, würde es auch keinen Unterschied machen. Onkel Tjark hält nichts von der Schule.«
   »Aber müssen denn die Kinder in Groß Midlum nicht zur Schule gehen?«
   »Unsere Kinder nicht.«
   Das verstand ich nicht, aber ich mochte nicht nachfragen. Ich hatte große Angst davor, dass Tante Rena mich wieder wegschicken könnte. Ich hatte doch außer ihr und ihrer Familie keinen Menschen mehr auf der Welt.
   Also trottete ich brav hinter ihr her. Wir gingen zu Fuß. Es war vom Bahnhof aus nicht weit bis zu dem kleinen flachen Haus, in dem meine Verwandten lebten. Ich bin in einem Gebäude aufgewachsen, das Papa immer eine »Mietskaserne« nannte. Da haben wir im dritten Stockwerk gelebt, in einer Zweizimmerwohnung – Papa und Mama und wir vier Geschwister.
   »Wir wohnen im Armenhaus von Groß Midlum«, sagte Tante Rena beiläufig. »Da sind noch zwei weitere Familien untergebracht.«
   Ich erschrak, denn über Armenhäuser hatte ich in der Schule schon die übelsten Dinge gehört. Dort lebte das Gesindel, hieß es, das arbeitsscheue Pack. Auf jeden Fall mussten in den Armenhäusern diejenigen ihr Dasein fristen, denen es noch schlechter ging als den Arbeitern auf den Werften und den heimgekehrten Soldaten in ihren zerlumpten Uniformen.
   Doch wieso war Tante Rena dann so wohlgenährt?
   Ihr zorniges Gesicht war rosa und rund, unter ihrem Kleid wölbten sich ein mächtiger Bauch und ein großer Busen. Aber fragen mochte ich nicht, denn freche Kinder haben es nicht leicht im Leben.
   Es war, als ob meine Verwandte meine Gedanken gelesen hätte.
   »Ich werde dich jetzt Onkel Tjark vorstellen. Er ist das Familienoberhaupt. Sein Wort ist Gesetz, hast du verstanden? Onkel Tjark widerspricht man nicht.«
   Ich nickte und fühlte, wie das Blut aus meinem Kopf wich. Meine Knie waren weich wie Wackelpudding.
   Wir betraten das Armenhaus vom Garten her, der in Richtung Kirche angelegt war. Das Gotteshaus thronte oben auf der Warft. Es war, als ob die Kirche das Armenhaus ständig beobachten wollte.
   Tante Rena führte mich in einen Raum rechts von der Tür. Da gab es zwei Fenster und zwei Butzenbetten. Es war sehr warm, an Feuerung schien im Armenhaus kein Mangel zu herrschen. In Emden waren im vorigen Winter viele Menschen erfroren, weil sie ihre Wohnungen nicht heizen konnten.
   Neben der Feuerstelle hockte ein Mann in einem Lehnstuhl.
   Er schlürfte Tee mit Sahne und Kluntjes, paffte außerdem eine Zigarette. Ich verstand nicht viel von Tabak, aber die Aufschrift auf der Packung war ausländisch. Da fiel mir wieder ein, dass die Jungen aus meinem Viertel öfter von Schmuggelzigaretten geredet hatten und wie viel Geld man damit verdienen konnte.
   Unter der Weste des Mannes wölbte sich ein rundes Bäuchlein. Mit seiner großen Nase kam er mir vor wie ein dicker Trapper Geierschnabel. Von dieser Figur hatte ich in einem Buch von Karl May gelesen, das der Bruder meiner Freundin geschenkt bekommen hatte. Die Nase war jedenfalls groß, scharfkantig und rot.
   Das linke Bein hielt er steif ausgestreckt. Neben ihm stand ein Krückstock gegen die Wand gelehnt.
   Er starrte mich an, als ob er mit seinen Blicken meine Kleider ausziehen könnte. Mir wurde richtig schlecht.
   »Du bist also meine Nichte«, sagte er mit einer leisen Stimme, die nichts Sanftes an sich hatte.
   Ich nickte stumm, während mir der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Es reichte völlig aus, mit diesem Mann in einem Zimmer zu sein. Dabei lächelte er mir sogar zu. Aber die Schlange, wegen der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden waren, war ja zunächst auch freundlich gewesen.
   »Du redest nicht viel, das gefällt mir. Mädchen und Frauen sollten keine Widerworte geben. Aber das wirst du sowieso nicht tun, oder?«
   Ich schüttelte so heftig den Kopf, dass meine langen Zöpfe hin und her flogen.
   »Du redest mich mit Onkel Tjark an, Elisabeth. Das ist übrigens ein scheußlicher Name, überhaupt nicht friesisch. Gefällt dir dein Name?«
   Eigentlich mochte ich ihn, aber ich verneinte abermals. Ich hatte gehofft, mich dadurch bei Onkel Tjark einschmeicheln zu können. Aber das war ein Irrtum gewesen. Er kam plötzlich aus dem Lehnstuhl hoch und verpasste mir eine fürchterliche Ohrfeige. Ich schrie erschrocken auf.
   »Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich anlügt«, blaffte er. »Es ist schon schlimm genug, dass du Elisabeth heißt. Aber du magst diesen Namen, nicht wahr?«
   Diesmal nickte ich. Ob ich damit auch etwas falsch machte? Aber Onkel Tjark ließ sich wieder in seinen Lehnstuhl fallen und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. »Du kannst nichts für deinen Namen, Kleine. Dieser Blödmann wird ihn ausgesucht haben, dein Vater. Er stammt aus dem Oldenburgischen, nicht wahr? Es ist gut, dass er tot ist.«
   Onkel Tjark sprach den letzten Satz langsam und provozierend aus und starrte mir dabei in den Augen. Ob er mich herausfordern wollte? Jedenfalls hätte ich es niemals gewagt, mich mit ihm anzulegen. Ich hatte doch niemanden auf der Welt.

Julia musste eine Pause machen, weil ihre Augen feucht wurden. Sie zweifelte nicht einen Moment, ein authentisches Dokument aus ferner Vergangenheit vor sich zu haben. Dafür sprachen sowohl die verblasste Tinte als auch die Rechtschreibfehler.
   Julia konnte die Verlassenheit, von der das Mädchen erfüllt wurde, gut nachvollziehen. Sie hatte ja zum Glück noch Heather. Aber eigentlich war Julia in einer vergleichbaren Situation wie Elisabeth vor gut neunzig Jahren. Allerdings gab es einen himmelweiten Unterschied: Julia war vor einem Tyrannen geflohen, während Elisabeth einem Despoten in die Arme gelaufen war und sogar mit ihm unter einem Dach hatte leben müssen.
   Julia wollte unbedingt wissen, was als Nächstes geschehen war.

Ich schwieg weiterhin, als ob ich die Sprache verloren hatte. Das schien Onkel Tjark zu gefallen. Jedenfalls quälte er mich nicht länger mit Bemerkungen über meinen toten Vater, den ich sehr geliebt hatte.
   Onkel Tjark befahl, dass ich gemeinsam mit seinen Kindern in der linken Butze schlafen sollte. Er selbst schlief mit Tante Rena in der rechten. Er hatte vier Kinder. Hilko, Femke, Hauke und Görd. Sie waren alle blond und sahen ihrem Vater mehr oder weniger ähnlich. Hilko war der Älteste, ich schätzte ihn auf sechzehn. Er starrte mich irgendwie lauernd an. Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich ab sofort in einem Bett mit ihm nächtigen musste. Aber was sollte ich dagegen tun? Es gab ja keinen anderen Ort auf der Welt, wohin ich hätte gehen können.
   Als ich meine Habseligkeiten in den Butzenkeller räumte, entdeckte Onkel Tjark mein Tagebuch. Ich fürchtete schon, er würde es mir wegnehmen. Aber stattdessen schien er es lustig zu finden, dass ich etwas über mein Leben schrieb.
   »Du führst also ein Tagebuch, Elisabeth?«
   »Ja, Onkel Tjark.«
   »Darin notierst du alles, was du so erlebst?«
   Ich nickte. Mein Verwandter zündete sich eine neue Zigarette an und lachte, als ob ich einen Scherz gemacht hätte.
   »Wir Hannos haben es nicht so mit dem Schreiben. Aber es gefällt mir, dass die Nachwelt vielleicht erfährt, was wir hier in Groß Midlum so getrieben haben. Ich erlaube dir, dein Tagebuch weiterzuführen. Hier geschehen genug Dinge, es gibt reichlich Ereignisse, über die du schreiben kannst.«
   Was Onkel Tjark damit meinte, sollte mir noch am selben Tag klar werden. Wir aßen zu Mittag grade unsere Bohnensuppe, da klopfte es und ein Mann betrat den Raum. Er war so groß, dass er sich bücken musste, um unter dem Türsturz durchzukommen. Onkel Tjark sah unwillig von seinem Teller auf.
   »Was willst du, Reese?« Bevor der Besucher antworten konnte, wandte sich der Onkel an mich. »Das ist Enno Reese, Elisabeth. Er bewohnt mit seiner Sippe ein anderes Zimmer im Armenhaus. Und in dem dritten Gelass hausen die Wolters.«
   Enno Reese nickte unterwürfig. Er hatte offenbar Angst vor Tjark Hanno, obwohl er viel größer und stärker war als mein Onkel.
   »Wir haben keine Feuerung mehr, und mein kleiner Tammo hat immer noch so einen schlimmen Husten …«
   »Und was geht mich das an?« Onkel Tjark knurrte.
   »Ich dachte mir, dass wir vielleicht Torf von dir bekommen könnten …«
   In unserer Armenhaus-Stube war es gemütlich warm. Der Herbst hatte 1923 früh Einzug gehalten, und in der elterlichen Wohnung in Emden hatte ich sehr gefroren. Daher konnte ich mir vorstellen, wie es der Familie Reese ergehen musste, zumal sie auch noch ein krankes Kind hatten.
   »Du willst also Feuerung von mir?«, vergewisserte sich mein Onkel. Plötzlich grinste er breit. »Na gut, aber deine Frau soll mich darum bitten.«
   Enno Reeses Blick flackerte. »Nein, nicht meine Frau!«
   Tjark Hanno zündete sich eine Zigarette an. »Dann gibt es auch keinen Torf.«
   Der Nachbar senkte den Kopf und schlich grußlos hinaus wie ein geprügelter Hund.
   Tante Rena trug dieselbe undurchdringliche Miene zur Schau wie stets seit meiner Ankunft, und auch von den vier Kindern tat keines auch nur einen Mucks. Sie löffelten alle brav ihre Bohnensuppe, als ob nichts geschehen wäre.
   Doch die Sache war noch nicht zu Ende. Es dauerte nur wenige Minuten, bis es erneut an der Tür klopfte. Eine junge Frau trat ein, verlegen zu Boden blickend. Sie sah recht hübsch aus, war allerdings blass und abgehärmt.
   Onkel Tjark grinste breit, und sein Blick taxierte die Besucherin vom Kopf bis zu den Füßen. Dann wandte er sich an Tante Rena. »Raus mit dir. Und nimm die Brut mit.«
   Seine Ehefrau stand auf, auch die Kinder rutschten sofort von der Sitzbank. Ich folgte ihrem Beispiel, denn ich fühlte mich ebenfalls angesprochen. Als wir nach draußen gingen, zog Onkel Tjark die Vorhänge zu.
   »Du kannst uns beim Unkrautjäten helfen«, sagte Tante Rena zu mir. »Hast du so etwas schon einmal gemacht?«
   Ich nickte, denn ein Nachbar in Emden hatte einen Schrebergarten. Hilko ging seiner Wege, er schien etwas anderes vorzuhaben. Meine Tante hielt ihn nicht auf. Die kleineren Geschwister und ich begannen in dem großen Garten zu arbeiten, der sich fast bis zum Rand des Friedhofs erstreckte.
   Aus dem Armenhaus drang ein heiseres Keuchen, das offenbar von Onkel Tjark stammte. Und Frau Reese stieß spitze Schreie aus, die irgendwann in ein Schluchzen übergingen. Ich wusste nicht, was er mit ihr machte.
   Etwas Gutes war es gewiss nicht.

Julia wachte aus wirren Träumen auf. Sie musste irgendwann über den Tagebuchaufzeichnungen eingenickt sein. Tageslicht fiel durch die Ritzen zwischen den Türbrettern des Schrankbettes.
   Sie öffnete ihre Butze und sah sich blinzelnd um. Heather stand mitten im Zimmer und wedelte unternehmungslustig mit dem Schwanz.
   Julia erhob sich gähnend von ihrem Nachtlager und schlurfte in das stark renovierungsbedürftige Bad. Instinktiv hatte sie nicht in der Butze von Tjark Hanno geschlafen. So ein Widerling!
   Julia hatte sich bis vor Kurzem nicht vorstellen können, dass ihr jemand noch unsympathischer sein könnte als ihr Ex. Aber dieser Tjark schien noch übler gewesen zu sein. Doch er war immerhin schon lange tot.
   Sie zweifelte nicht daran, dass Elisabeth Steen ihrem Tagebuch die Wahrheit anvertraut hatte. Obwohl sie sich von der Lektüre teilweise abgestoßen fühlte, war ihre Neugier geweckt. Sie nahm sich vor, später weiterzulesen. Ob es in den Aufzeichnungen auch um die Morde gehen würde, die Tjark Hanno den Spitznamen Blutbestie eingebracht hatten?
   Sie hatte unruhig geschlafen, aber nach der Katzenwäsche und einem starken Kaffee besserte sich Julias Laune. Sie löffelte ihr Müsli und überlegte, womit sie an diesem Tag zuerst anfangen sollte. Sie musste einiges unternehmen, um das Armenhaus in einen wohnlicheren Zustand zu versetzen. Doch zu allererst musste sie mit Heather Gassi gehen.
   Jetzt, am frühen Morgen, herrschte in Groß Midlum sogar ein recht starker Autoverkehr. Julia vermutete, dass viele Einwohner in Emden arbeiteten. Sie leinte Heather an und schlenderte mit ihr gedankenverloren an der Kirchlohne vorbei Richtung Landesstraße.
   Sie wechselte die Straßenseite, doch dann blieb sie abrupt stehen. Auf dem Spielplatz gab es eine Gartenbank, die vermutlich für Mütter gedacht war, die ihren tobenden Nachwuchs im Auge behalten wollten. Von der Bank aus hatte man einen freien Blick auf das Armenhaus.
   Julia bemerkte die Fußabdrücke vor der Bank. Sie stammten von einem Mann, der Stiefel mit Profilsohle trug. Jedenfalls konnte sie sich keine Frau vorstellen, die diese Schuhgröße hatte. Offenbar waren die Stiefel tief in den weichen Boden gesunken. Ob das daran lag, dass jemand lange dort gehockt und ihr Haus angestarrt hatte?
   Sie schimpfte innerlich mit sich. Diese Abdrücke mussten überhaupt nichts bedeuten. Ob sie auf dem besten Weg war, hysterisch zu werden? Sie durfte sich nicht verrückt machen. Vielleicht war es besser, Elisabeths Tagebuch einfach wegzuwerfen und die düstere Vergangenheit ruhen zu lassen.
   Doch als Julia die Einmündung zur Landesstraße erreichte, hörte sie den gellenden Schrei einer Frau.

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