Als Daryl an die Uferböschung trat, fuhr ihm ein eisiger Schauder über den Rücken. Der Pigeon Pool strahlte etwas Unheimliches, fast Bedrohliches aus. Seine dunkle, olivgrüne Oberfläche lag absolut glatt vor ihm. Kein Sonnenstrahl schien hindurchzudringen.
Auf einer abgelegenen Rinderfarm im Westen Australiens verschwindet ein Pilot spurlos. Seine Kleider, die man am Ufer eines düsteren Teichs nahe der Farm entdeckt, sind der einzige Hinweis. Ist er ertrunken? Wurde er Opfer des großen, einäugigen Krokodils, das in dem Billabong Gewässer lebt? Oder war es Mord?
Detective Daryl Simmons steht vor einem Rätsel. Nur mithilfe des besonderen Wissens, das er einem Aborigine-Lehrmeister verdankt, kann er schließlich Licht in das Dunkel dieses Falles bringen ...

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-724-40-6
Kindle: 978-9963-724-42-0
pdf: 978-9963-724-39-0

Zeichen: 382.794

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-724-38-3

Seiten: 288

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Alex Winter

Alex Winter
Alex Winter, geboren 1960 in Zürich/Schweiz, absolvierte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete zunächst als Dekorationsgestalter, später in verschiedenen Berufen im In- und Ausland. Seit 1980 unternimmt er immer wieder mehrjährige Reisen, die ihn vor allem nach Australien, Neuseeland und in die Südsee führen. Alex Winter lebt heute mit seiner Frau im Zürcher Oberland.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

1


Chief Inspector Garratt blätterte in einer Akte, als Daryl an die offen stehende Bürotür klopfte.
   Der Chief sah auf, seine Augen verengten sich. »Kommen Sie rein, Detective Simmons, und schließen Sie die Tür«, sagte er mürrisch.
   Daryl musste ein Grinsen unterdrücken.
   Sein Vorgesetzter war ein großer, breiter Mann mit einem Kopf so rund und glänzend wie eine Bowlingkugel. Viele in der Abteilung fürchteten sich vor ihm. Wenn er schlecht gelaunt war – was häufiger vorkam –, konnte er sehr unangenehm werden. Sein Gesicht nahm dann innerhalb von Sekunden eine dunkelrote Farbe an, weshalb man ihn hinter vorgehaltener Hand auch »Die Killertomate« nannte. Wen er sich zur Brust nahm, der verließ sein Büro einige Zentimeter kleiner und erholte sich nur langsam von der Standpauke. Daryl hatte das schon viele Male beobachten können. Erstaunlicherweise hatte der Chief Inspector sich bei ihm aber immer zusammengenommen.
   Daryl zog sich einen Stuhl heran.
   »Wer hat Ihnen erlaubt, sich zu setzen?«
   »Entschuldigen Sie, Sir.«
   »Entschuldigen wollen Sie sich?«, polterte Garratt los. »Wissen Sie, wofür Sie sich entschuldigen sollten?« Er kramte einen Briefbogen unter seinem Aktenberg hervor und wedelte damit in der Luft herum.
   »Dafür! Was soll dieser Wisch, Simmons?«
   »Ich nehme an, es handelt sich um meine Kündigung, Sir.«
   »Verdammt richtig, Dr. Watson! Was fällt Ihnen eigentlich ein, Ihren Abschied von der Polizei einzureichen, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen?«
   »Das ist …«
   »Ich bin noch nicht fertig.«
   Garratt versuchte, sich aufzurichten, doch sein massiger Körper schien zwischen den Armlehnen seines Stuhls eingeklemmt zu sein. »Oh, ich weiß schon. Sie sind sauer, weil man Ihrem Gesuch nach Rückversetzung ins Outback und in den normalen Polizeidienst nicht zugestimmt hat, stimmt’s?«
   »Zum Teil.«
   Der Chief Inspector ließ das Papier auf die Schreibunterlage fallen und seufzte. Eine Zeitlang musterte er Daryl wortlos, wobei sein Blick fast schon neidvoll über Daryls schlanken, durchtrainierten Körper glitt.
   »Vermutlich wissen Sie«, fuhr Garratt merklich ruhiger fort, »dass Sie Ihre Versetzung zur Kriminalpolizei mir verdanken. Ich habe Ihre Karriere als Buschpolizist verfolgt und war sehr beeindruckt von Ihren Leistungen. Damit meine ich nicht nur die Art, wie Sie den schrecklichen Mord an Ihrer Verlobten aufgeklärt haben, auch wenn man ihre Leiche nie gefunden hat. Auch sonst haben Sie bewiesen, was in Ihnen steckt. Ich war – nein, ich bin überzeugt, dass Sie einen hervorragenden Kriminalbeamten abgeben – wenn Sie sich an die Spielregeln halten.«
   Daryl wollte etwas sagen, doch Garratt hob die Hand.
   »Einen Augenblick, Detective. Ich weiß, dass Menschen, die im Outback aufwachsen, vieles anders sehen als wir Städter. Sie entwickeln schon als Kinder ein ausgeprägtes Gefühl für ihre Mitmenschen, und meist haben sie auch einen besseren Riecher für Situationen, in denen etwas nicht stimmt. Weiß der Teufel, woran das liegt. Sie, Simmons, können aber noch mehr. Sie sind clever, haben Biss und Geduld. Und was am wichtigsten ist: Sie haben ein Gespür für Mord. Kurz gesagt, Sie haben mehr auf dem Kasten als die meisten da draußen. Werfen Sie das nicht einfach weg.« Er lehnte sich so weit zurück, bis sein Stuhl bedrohlich zu ächzen begann. »Sie sind dran, Detective.«
   Daryl überlegte einen Moment, was er seinem Vorgesetzten antworten sollte. Er mochte den Chief. Aber mit anderen Menschen über seine Gefühle zu reden, fiel ihm schwer. Schließlich fasste er sich ein Herz. »Nach Michelles Tod war ich froh, eine Zeit lang von allem wegzukommen. Die Versetzung nach Perth, der Fahnderlehrgang, das hat mir alles sehr geholfen. Aber als ich ein halbes Jahr später in die Mordkommission kam, merkte ich rasch, dass ich nicht hierher gehöre. Verstehen Sie mich nicht falsch, Chief. Ich habe in den letzten zwei Jahren eine Menge gelernt. Aber ich bin kein Stadtcop. Ich fühle mich hier eingeengt. Das bedeutet, dass ich meinen Job nicht so machen kann, wie ich das eigentlich sollte.«
   »Und Sie glauben, mit Ihrer Kündigung lösen Sie das Problem?«
   »Sie wissen, dass ich gern Polizist bin. Aber unter diesen Umständen …«
   »Schon gut«, unterbrach ihn Garratt. Für einen Augenblick huschte ein verständnisvolles Lächeln über sein Gesicht. »Ich weiß schon, was Sie meinen. Trotzdem sollten Sie das Ganze nochmals überdenken.« Er griff nach Papier und Bleistift und kritzelte eine Notiz. Als er Daryl das Blatt über den Tisch hinweg zuschob, sah er ihm fest in die Augen. »Ich stelle Sie für drei, nein, sagen wir vier Wochen, vom Dienst frei. Machen Sie Urlaub und denken Sie in Ruhe über alles nach.«
   Daryl kniff die Augen zusammen. Er betrachtete das Blatt und die Adresse, die sein Vorgesetzter aufgeschrieben hatte. »Und was ist damit?«
   »Martin Barrow, ein Freund. Er hat eine Rinderstation in den Kimberleys. Ich hab ihm von Ihnen erzählt und gesagt, dass Sie ihn besuchen kommen.« Er lächelte maliziös. »Sie mögen doch den wilden Norden?«
   Daryl wusste nicht, ob er verärgert oder amüsiert sein sollte. Schließlich nickte er zögernd.
   »Schön.« Der Chief Inspector widmete sich wieder seinen Akten. Mit einer Handbewegung gab er Daryl zu verstehen, dass er das Gespräch als beendet betrachtete.
   Daryl stand auf und wandte sich grinsend um.
   »Ach, fast hätte ich’s vergessen«, rief Garratt, als Daryl die Tür erreichte. »Sie haben doch eine Hubschrauber-Fluglizenz, nicht wahr?«
   »Ja.«
   »Ausgezeichnet. Martins Vorarbeiter und Pilot ist verschwunden. Interessante Geschichte. Lassen Sie sich von Rachel die Akte geben. Und nun raus hier, ich habe zu tun.«

Daryl verließ das Polizeihauptquartier in Perth und machte sich auf den Weg nach Hause, um für seine Reise in die Kimberleys zu packen.
   Mit Garratt über seine Gefühle zu sprechen, hatte ihm gutgetan, wenngleich er ihm längst nicht alles gesagt hatte, was ihn bedrückte.
   Daryl vermisste die Ruhe und Weite des Outbacks, vor allem aber die Menschen, die dort lebten. Sie besaßen ein großes Herz, waren direkt und ehrlich. Ganz anders als in der Stadt. Hier dachten die Menschen in erster Linie an sich, hatten nie Zeit und ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Und noch etwas trieb ihn zurück ins Outback, wann immer er ein paar Tage freihatte. Irgendwo dort draußen war seine Verlobte Michelle gestorben, und dort fühlte er sich ihr am Nächsten. Nur achtzehn Monate hatten sie sich gekannt. Es war die intensivste und glücklichste Zeit seines bisherigen Lebens gewesen. Dann hatte das Schicksal zugeschlagen. Er vermisste Michelle noch immer sehr. Das lag wohl auch daran, dass er nie richtig hatte Abschied nehmen können. Er hatte ihren Entführer und Mörder gejagt und schließlich überführt, Michelles Leiche wurde jedoch nie gefunden. Vermutlich war auch das einer der Gründe, weshalb es ihn zurück in den Busch zog.
   Daryl verließ die Hay Street und schlenderte durch den Queens Garden. Seine Gedanken wanderten zurück zu seinem Vorgesetzten, und er musste lachen. Die Killertomate hatte ihn ganz schön reingelegt. Bevor er das Revier verlassen hatte, hatte er die Akte durchgesehen. Ein unter mysteriösen Umständen verschwundener Vorarbeiter, ein geheimnisvolles einäugiges Krokodil und einige sich merkwürdig verhaltende Stockmen. Dieser Urlaub könnte interessant werden, das sagte ihm sein Gefühl.

2


Die Cessna 206 war in Derby, dem Verwaltungszentrum des Kimberley-Gebietes, gestartet. Ihr Ziel war die 370 Kilometer entfernte Drysdale River Station. Dort sollte einer von Martin Barrows Männern Daryl mit dem Geländewagen abholen und zur Farm bringen, die 130 Kilometer weiter im Nordosten lag.
   Die meiste Zeit folgte die einmotorige Maschine der Gibb River Road, einer holprigen Piste, die sich durch eines der spektakulärsten, gleichzeitig aber auch unwirtlichsten und einsamsten Gebiete Australiens schlängelte. Unter ihnen zogen die King Leopold Ranges vorbei, deren gefaltete Sandsteinschichten in der Morgensonne rotgolden aufleuchteten. Im Nordosten konnte man schon den Mount Ord sehen, dessen abgeflachter, bröckeliger Gipfel den höchsten Punkt der Kimberleys bildete. Das ganze Land war mit einem Flechtwerk aus kurzen und langen Flusssystemen durchzogen, die es auch in den Trockenmonaten mit dem für die Rinderzucht so wichtigen Wasser versorgten. Während der Monsunzeit überflutete der Regen dagegen regelmäßig große Gebiete der Region. Die sonst friedlich dahinfließenden Wasserläufe schwollen zu reißenden Strömen an, und mancherorts stürzten wild brodelnde Wasserfälle von spektakulären Hochplateaus. Die ohnehin abgelegenen Farmen wurden dann oft für Wochen von der Umwelt abgeschnitten.
   In diesem Gebiet lebten nur wenige Menschen. Die meisten von ihnen arbeiteten auf den weit auseinanderliegenden Viehstationen, oder waren in Kalumburu, einer Aborigine-Mission im äußersten Norden, zu Hause.
   Viehzucht hatte hier eine lange Tradition. Auf riesigen Farmen wurden Rinder gezüchtet. Das ganze Jahr über überließ man die Tiere auf den großen Weideflächen sich selbst, bis zu dem Tag, an dem die Stockmen, die australischen Cowboys, sie mit Pferden, Geländewagen und Hubschraubern zusammentrieben.
   Daryl war in einer Aborigine Community in Zentralaustralien aufgewachsen, wo seine Eltern einen Laden und eine Tankstelle führten. Schon als kleiner Junge hatte er reiten gelernt. Er liebte Pferde und konnte es kaum erwarten, sich wieder in den Sattel zu schwingen. Noch mehr freute er sich aber aufs Fliegen.
   In Perth hatte er dazu nicht oft Gelegenheit gehabt. Zudem war Hubschrauberfliegen ein ziemlich teures Hobby. Um seine Lizenz zu behalten, musste er regelmäßig Flugstunden absolvieren. Es kam ihm deshalb sehr gelegen, dass auf der Mount-Keating-Station dringend ein Helikopterpilot gebraucht wurde. Zwar hatte er keine Erfahrung im Zusammentreiben von Rindern, aber er hoffte, dass das nicht allzu schwierig sein würde.

Der Mann, der Daryl abholte, lehnte lässig am Rammschutz seines Geländewagens. Er war etwas älter, groß und spindeldürr.
   Als sich Daryl vom Piloten verabschiedet hatte und durch den aufgewirbelten Staub, der über der Buschpiste lag, auf den Mann zuging, setzte dieser ein breites Lächeln auf.
   »Sie sind bestimmt der Neue. Simmons, richtig?«
   »Richtig. Aber nennen Sie mich Daryl, okay?«
   Das Lächeln wurde noch breiter. Der Mann stieß sich vom Fahrzeug ab und streckte ihm die Hand entgegen. »Freut mich, Daryl. Ich bin Poison-Joe.«
   Poison-Joe hatte nicht nur die größten Hände, die Daryl je gesehen hatte, er konnte damit auch wie mit einem Schraubstock zupacken.
   »Tut mir leid, dass Sie nicht gleich bei uns auf der Mount-Keating-Station landen konnten. Die letzte Regenzeit hat der Piste arg zugesetzt, und wir hatten noch keine Zeit, sie instand zu setzen.«
   Daryl hatte das Gefühl, seine Finger würden gleich zu Staub zerfallen. Er setzte ein gequältes Lächeln auf. »Kein Problem. Bei einer Fahrt durch den Busch lässt’s sich viel besser plaudern als im Flugzeug.«
   Während sie auf dem holprigen und staubigen Weg Richtung Norden fuhren, passierten sie eine ziemlich eintönige Landschaft. Meterhohes Speergras, dahinter lichter Wald aus Silbereichen, stattlichen Blutholzbäumen, verschiedenen Eukalyptusarten und vereinzelten Kimberley-Palmen, zogen wie eine immer gleiche Filmkulisse an ihnen vorbei. Die einzige Abwechslung bot die Durchquerung einiger Flussläufe, die jetzt, zu Beginn der Trockenzeit, kaum mehr knietief Wasser führten.
   Während sie sich zwanglos unterhielten, beobachtete Daryl den Mann neben sich. Poison-Joe hatte helle, rot geränderte Augen und ein schmales Gesicht, das von einem struppigen, ingwerfarbenen Bart eingerahmt wurde. Seine Haut war von Sonne und Wind gegerbt wie brüchiges Leder, wodurch sein Alter schwer zu schätzen war. Doch Daryl kannte sich mit den Menschen im Outback aus und war sich ziemlich sicher, dass er nicht älter als sechzig war, auch wenn manch anderer ihn wahrscheinlich für älter halten würde. Auch Daryl konnte man auf den ersten Blick auf vierzig Jahre schätzen, obwohl er die Dreißig gerade erst überschritten hatte. Wie Poison-Joe hatte er die meiste Zeit seines Lebens im Freien verbracht, sodass seine Haut fast so braun wie die eines Mischlings war und sein Gesicht, besonders um die Augen, einige markante Fältchen aufwies.
   Poison-Joe erzählte, dass er viele Jahre im Südwesten gelebt hatte, wo er erst als Dingo-, dann als Kaninchenjäger sein Geld verdiente. Dieser Zeit verdankte er auch seinen Spitznamen.
   »Sie haben mit Giftködern gearbeitet?«, fragte Daryl interessiert.
   »Nicht bei den Wildhunden. Denen habe ich mit Fallen und meiner alten, treuen Betty nachgestellt.«
   »Ihrem Hund?«
   »Ne, Betty, meiner einschüssigen Winchester, Kaliber 44.«
   »Eine robuste und zuverlässige Waffe.« Daryl schmunzelte.
   »Allerdings. Heutzutage benutzen die Leute aber lieber ein modernes Jagdgewehr mit Zielfernrohr.« Er seufzte. »Bin eben noch von der alten Schule. Fand es immer spannender, wenn die Tiere auch eine Chance haben.«
   »Und wie war das bei den Kaninchen?«
   »Oh, die waren wirklich eine Plage, kann ich Ihnen sagen. Selbst in den Siebzigern haben sie noch ganze Landstriche kahl gefressen. Die saßen so dicht beieinander, mit einer einzigen Schrotladung konnte man bis zu dreißig Stück auf einmal erledigen. Blieben aber immer noch ein paar Millionen, die weiter herumhoppelten. Hab erlebt, wie Schafzüchter regelrecht wahnsinnig wurden und mit Gewehren und Schrotflinten auf die Tiere losgingen. So lange, bis sie keine Munition mehr hatten und ihre Hände von den glühenden Waffen mit Blasen übersät waren. In ihrer Verzweiflung machten sie mit Schaufeln und Mistgabeln weiter, bis sie erschöpft zwischen den toten und zappelnden Leibern zusammenbrachen. Genutzt hat’s ihnen wenig. Letztendlich konnten die meisten nur zusehen, wie die kleinen Biester sie in den Ruin trieben.« Er machte eine kurze Pause, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, mit Munition konnte man nichts gegen sie ausrichten. Giftköder waren damals die einzige Möglichkeit.«
   »Wie lange haben Sie das gemacht?«
   »Weiß nicht mehr genau. Ist schon ’ne Weile her.«
   »Und danach?« Daryl sah Poison-Joe zwar nur von der Seite, doch er hätte schwören können, dass er bei dieser Frage zusammenzuckte.
   »Dies und jenes«, antwortete der alte Mann vorsichtig. »Auf Mount Keating arbeite ich nun schon fast neun Jahre. Gehör sozusagen zum Inventar.«
   Ein paar Minuten schwiegen sie.
   »Stimmt es, dass der Vorarbeiter von Mount Keating von einem Krokodil aufgefressen wurde?«
   »Wo haben Sie denn das aufgeschnappt?«
   »In Derby. Ist das Stadtgespräch.«
   Der bärtige Mann gewann auf einen Schlag seine Gesprächigkeit zurück. »Ziemlich mysteriöse Geschichte, wenn Sie mich fragen.« Er warf Daryl einen vielsagenden Blick zu.
   Daryl erfuhr zunächst nichts Neues. Wie schon in der Akte über Vorarbeiter Floyd Buttler gestanden hatte, war dieser von Martin Barrow, seinem Boss, zum Drysdale River Homestead geschickt worden, um Ersatzteile für den Hubschrauber abzuholen, mit dem in den kommenden Wochen die Rinder zusammengetrieben werden sollten. Als er nach zwei Tagen noch immer nicht zurückgekehrt war, hatte Barrow zwei Eingeborene beauftragt, nach ihm zu suchen. Doch alles, was sie fanden, waren Buttlers Wagen und seine Kleider. Es sah so aus, als hätte der Vorarbeiter am Pigeon Pool, einem Billabong, der regelmäßig zur Regenzeit vom nahen Carson River gespeist wurde, haltgemacht, um sich zu erfrischen. Als die Polizei aus Broome kam, um sein Verschwinden zu untersuchen, fand sie am Ufer weder Spuren eines Kampfes noch konnten sie feststellen, ob tatsächlich ein Leistenkrokodil im Pigeon Pool lebte.
   »Daher entschloss sich der Boss, einen Krokodilfänger aus Broome kommen zu lassen«, fuhr Poison-Joe fort. »Der sollte das Tierchen einfangen, falls es sich überhaupt noch im Pool befand. Dann hätte man den Billabong nach Floyds Überresten absuchen können. Doch die Schwarzen haben dem Boss einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie behaupteten, das Vieh sei heilig, und drohten, die Farm auf der Stelle zu verlassen. Barrow blieb nichts anderes übrig als die ganze Aktion abzublasen. Schließlich stand die wichtigste Zeit des Jahres bevor.«
   Davon hatte im Polizeibericht nichts gestanden. »Haben Sie das Krokodil selbst schon mal gesehen?«
   »Ja, fünf, sechs Mal. Ist aber schon ’ne Weile her. Ein richtiges Monster, kann ich Ihnen sagen. Hat nur ein Auge. Die Abos behaupten, dass es schon über einhundertfünfzig Jahre alt ist. Aber das ist natürlich Unsinn. Jedenfalls hat es, soviel ich weiß, seit fast einem Jahr niemand mehr zu Gesicht bekommen. Was nicht bedeutet, dass es nicht mehr da ist.«
   »Und was glauben Sie?«
   Poison-Joe wiegte unschlüssig den Kopf hin und her. »Schwer zu sagen. Leistenkrokodile sind verdammt schlaue Biester. Vielleicht ist’s noch da, vielleicht auch nicht. Jedenfalls kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Buttler so dämlich war, im Billabong zu schwimmen. Er kannte die Gefahr. Andererseits, er war ein ziemlich sturer Hund und ein Draufgänger. Wenn er wirklich geglaubt hat, dass da kein Croc war, dann ist ihm durchaus zuzutrauen, ausgerechnet dort ein Bad zu nehmen.«

Am frühen Nachmittag verließen sie die Straße nach Kalumburu und bogen auf einen rauen Weg ab, der immer wieder durch tiefe Auswaschungen und über nackten Fels führte. Nach einer halben Stunde lenkte Poison-Joe den Wagen auf einen kaum erkennbaren Seitenweg, der einen steilen Hügel hinaufführte, und schaltete den Vierradantrieb zu.
   »Wird jetzt ein bisschen holprig, ist aber eine gute Abkürzung«, meinte er, warf Daryl einen raschen Blick zu und konzentrierte sich auf die Strecke.
   Während sich der Geländewagen ächzend und klappernd den Hang hinaufkämpfte und sie kräftig durchschüttelte, dachte Daryl über das nach, was ihm der alte Farmarbeiter erzählt hatte. Die eingeborenen Stockmen hatten also erfolgreich verhindert, dass der Pigeon Pool nach Floyd Buttlers Leiche abgesucht worden war. Das war eine interessante Information – und ein erster Punkt, dem er nachzugehen gedachte.
   Er kannte die Aborigines so gut wie nur wenige Weiße, wusste, wie sie dachten und fühlten. Daryl hatte die Initiationsriten des Pintubi-Stammes durchlaufen und war als vollwertiges Mitglied in ihre Gemeinschaft aufgenommen worden. Seine Bande zu der Aborigine-Familie, dessen Mitglied er damals geworden war, waren sogar noch stärker als die zu seiner eigenen Familie. Wann immer er längere Zeit im Busch unterwegs war, spürte er, wie stark sein Denken und Handeln von dem bestimmt wurde, was er als kleiner Junge von ihnen gelernt hatte. Er war weiß, doch er hatte das Gefühl, als schlügen in ihm zwei Herzen.
   Vielleicht war der Billabong tatsächlich heilig. Darüber hätte der Besitzer der Station, Martin Barrow, aber eigentlich schon vorher Bescheid wissen müssen. Es konnte allerdings auch sein, dass die Eingeborenen die Suche nach Floyd Buttlers Leiche nur deshalb unterbunden hatten, weil sie mehr über das Schicksal des Vermissten wussten, als sie zugaben, was nicht unbedingt heißen musste, dass sie etwas mit der Sache zu tun hatten. Aborigines neigten dazu, sich aus allen Dingen herauszuhalten, die sie ihrer Meinung nach nichts angingen. Das konnte so weit gehen, dass sie einen Unfall oder gar einen Mord, den sie zufällig beobachteten, nicht meldeten. Und wäre einer der ihren in eine solche Angelegenheit verstrickt oder hätte auch nur etwas gesehen, was er aus irgendeinem Grund lieber nicht weitererzählen wollte, so würden die anderen ihn schützen.
   Daryls Ansicht nach waren die Weißen für diese Charaktereigenschaft der Eingeborenen verantwortlich. Beinahe zweihundertfünfzig Jahre Unterdrückung hatten ihre Spuren bei den Ureinwohnern hinterlassen. Die Aborigines misstrauten den Weißen, und das oft aus gutem Grund.
   Als sie nach einer weiteren halben Stunde einen steinigen, von mächtigen roten Flusseukalypten gesäumten Seitenarm des Carson Rivers durchquerten, kamen einige Farmgebäude in Sicht, und Daryl konzentrierte sich auf die ersten optischen Eindrücke.
   Die Station bestand aus einem etwas abseits gelegenen, stattlichen Wohnhaus, mehreren niedrigen Wellblechbaracken, die hufeisenförmig um einen riesigen Flaschenhalsbaum angeordnet waren, sowie drei großen Schuppen, deren Tore allesamt offen standen und den Blick auf allerlei Gerätschaften freigaben. Äußerlich unterschied sich die Mount-Keating-Station somit nicht von anderen Outback Farmen.
   Poison-Joe hielt vor den niedrigen Baracken. »Da wären wir«, wandte er sich an Daryl und fuhr erklärend und gestikulierend fort: »Das hier sind die Unterkünfte für die Arbeiter. In der ersten Hütte sind noch Betten frei. Suchen Sie sich einfach eins aus. Das da drüben ist das Duschhaus und das dort der Aufenthaltsraum. Zum Haupthaus geht es den Weg lang. Wenn Sie ausgepackt haben, möchte der Boss Sie gern sehen. Gehen Sie einfach rüber. Ich muss vor dem Abendessen noch zu den Koppeln, um nachzusehen, wie weit die Jungs mit dem Ausmustern der Reitpferde sind.« Poison-Joe klopfte Daryl freundschaftlich auf die Schulter. »Also, bis später.«
   Daryl stieg aus und sah zu, wie Poison-Joe in eine Staubwolke gehüllt davonbrauste. Auf den ersten Blick machte der alte Farmarbeiter einen sympathischen und ehrlichen Eindruck, doch Daryl hatte gelernt, dass Augen und Ohren manchmal täuschten. Was ein Mensch nach außen zu sein schien, war oft nur Fassade. Bei der Frage nach seinem früheren Leben war Poison-Joe zusammengezuckt. Dies musste nichts bedeuten, konnte aber auch ein wichtiger Hinweis sein.
   Daryl blieb noch einen Augenblick vor den Baracken stehen, um den Ort auf sich wirken zu lassen. In der Nachmittagssonne glänzte der dicke Boabstamm, der den Platz beherrschte, als wäre er mit Silberfarbe übergossen worden. Bis auf eine Handvoll Blätter hatten die seltsam verdrehten Äste all ihr Laub abgeworfen. Dies war – zusammen mit dem Wind, der vor zwei Wochen von Nordwest auf Südost gedreht hatte – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Trockenzeit begann. Anstelle feuchtwarmer Tropenluft wehte nun sieben Monate lang nur noch trockener Wüstenwind in die Kimberleys, wo er für kalte Nächte und heiße, strahlend blaue Tage sorgte.
   Der ideale Zeitpunkt für den Viehauftrieb. Die Tiere hatten in den vergangenen Wochen und Monaten genügend Fett angesetzt, um auf den Märkten Höchstpreise zu erzielen. Außerdem würde das Land unter der sengenden Sonne nun langsam verdorren und nicht mehr genug Nahrung für so viele Tiere bieten. Erst wenn die Winde wieder drehten, sich die ersten Monsunwolken zusammenballten und Wärmegewitter den Busch entzündeten, würden die Affenbrotbäume ihre Knospen öffnen, und es würde erneut eine Zeit des Überflusses für Pflanzen und Tiere beginnen.
   Daryl brachte sein Gepäck in die Unterkunft, die fünf Männern als Schlafraum diente. Das Quartier war einfach, aber sauber. Es bestätigte seinen ersten Eindruck von der Station, die offensichtlich gut geführt wurde. Nachdem er ausgepackt hatte, machte er sich auf den Weg zum Hauptgebäude.
   Das Wohnhaus lag gut hundertfünfzig Meter von den übrigen Farmgebäuden entfernt am Ufer des Carson Rivers. Es war im Kolonialstil erbaut und ringsum mit einer breiten, gedeckten Veranda versehen. Auf drei Seiten wurde es von einer künstlich bewässerten, saftig grünen Rasenfläche umschlossen, die wiederum durch einen brusthohen Zaun eingefasst war. Der rückwärtige Hausteil reichte bis zum felsigen, zehn Meter senkrecht abfallenden Flussufer. Nah am Haus standen drei stattliche Eisenholz- und ein mindestens zwanzig Meter hoher Blutholzbaum. Zusammen bildeten sie einen dichten Blätterbaldachin, der das Haus fast ganz überdeckte, wodurch es in der Landschaft kaum auffiel.
   Daryl stieg die Stufen zum Eingang hinauf und klopfte.
   Ein siebzehn-, vielleicht achtzehnjähriges Mischlingsmädchen öffnete die Tür. Die junge Frau war ausgesprochen hübsch und hatte, wie viele australische Mischlinge, die schmale Nase vom weißen, die breiten, vollen Lippen vom schwarzen Elternteil geerbt. Groß und schlank stand sie vor ihm, mit glatter, ebenholzfarbener Haut und langem schwarzem Haar, das selbst im Schatten seinen seidigen Glanz behielt.
   »Hallo, mein Name ist Daryl Simmons.« Er lächelte entwaffnend und streckte ihr die Hand entgegen.
   Einen Augenblick zögerte sie. Dann schüttelte sie ihm die Hand und erwiderte die Begrüßung. »Ich bin Meena«, sagte sie leise. Ihre großen dunklen Augen betrachteten ihn argwöhnisch.
   »Ich bin der neue fliegende Stockman, Mr. Barrow erwartet mich.«
   »O ja, richtig. Er erwähnte, dass Sie heute ankommen. Ich werde ihm sagen, dass Sie da sind.«
   Bevor Daryl noch etwas erwidern konnte, machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte davon.
   Die Erleichterung in der Stimme des Mädchens war Daryl nicht entgangen. Es bestand kein Zweifel. Die Sache wurde immer interessanter.

Martin Barrow war ein gut aussehender, stattlicher Mann um die sechzig und wie Daryl eher von mittlerer Größe. Schwarze, an den Schläfen ergraute Haare umrahmten sein schmales Gesicht. Er führte Daryl durch das einfach eingerichtete Wohnzimmer auf die rückwärtige Veranda. »Bitte nehmen Sie Platz, Detective. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind.«
   Daryl nahm in einem bequemen Korbsessel Platz, von dem er einen fantastischen Blick auf die ruhigen, olivgrünen Fluten des Carson Rivers sowie auf die an der gegenüberliegenden Uferseite aufragende, locker bewaldete Hügelkette hatte.
   »Zunächst möchte ich Sie bitten, mich nicht mit Detective anzusprechen«, eröffnete er das Gespräch. »Es würde meine Arbeit erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen, wenn jemand erfährt, weshalb ich hier bin.«
   »Natürlich, das leuchtet ein.«
   »Behandeln Sie mich nach außen wie einen Ihrer Leute. Allerdings brauche ich den nötigen Spielraum, damit ich meine Ermittlungen anstellen kann.«
   Barrow nickte. »Kein Problem. Ehrlich gesagt war ich nicht sicher, ob Sie der Sache überhaupt nachgehen würden.«
   Daryl zog fragend die Brauen hoch. »Ich dachte, Chief Garratt hätte das so mit Ihnen besprochen?«
   »Nicht direkt. Paul sagte lediglich, dass es in Perth irgendwelche Probleme gäbe und Sie froh seien, wenn Sie ein paar Wochen von allem wegkämen. Außerdem seien Sie ein ganz ordentlicher Hubschrauberpilot und würden bestimmt gern für Buttler einspringen. Bei der Gelegenheit könnten Sie sich ja auch gleich ein wenig umsehen und ermitteln, ob an Buttlers Verschwinden etwas nicht stimmt.«
   Daryl musste lachen. »Entschuldigen Sie«, meinte er, als er sich wieder unter Kontrolle hatte. »Es ist nur so, dass ich meinem Boss in Perth auf den Leim gegangen bin.«
   »Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz …«
   »Nicht so wichtig«, winkte Daryl ab. »Tatsache ist, dass ich schon jetzt mehr als neugierig bin. Einiges an Buttlers Verschwinden erscheint mir merkwürdig. Und es ist nicht nur mein Instinkt, der mir das sagt.«
   »Ganz meine Meinung«, stimmte ihm der Viehzüchter zu. »Wie wollen Sie also vorgehen?«
   Daryl erklärte, dass er zunächst alle Personen, die am Tag von Buttlers Verschwinden in der Nähe des Billabongs gewesen waren, unauffällig unter die Lupe nehmen wollte. Die Suche nach der Leiche – oder besser nach dem, was noch von ihr übrig war – musste wegen der Drohung der Eingeborenen ohnehin warten.
   Die Frage, ob der Vorarbeiter einen Unfall gehabt hatte, Selbstmord beging oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, interessierte ihn brennend.
   Sicher, ohne Floyds Körper war das schwer festzustellen. Und je länger es dauerte, bis man den Billabong gründlich nach ihm absuchte, umso kleiner war die Chance, überhaupt noch etwas von ihm zu finden, geschweige denn seine Todesursache feststellen zu können. Allerdings war es auch nicht ausgeschlossen, dass Buttler seinen Tod – aus welchen Gründen auch immer – inszeniert hatte und, statt im Magen des einäugigen Krokodils zu liegen, sich gerade an einem Strand in Surfers Paradise vergnügte.
   »Wissen Sie, ob Buttler davon ausging, das Krokodil sei nicht mehr im Pigeon Pool?«
   »Ich bin mir nicht sicher. Aber eigentlich kann ich es mir nicht recht vorstellen. Sehen Sie, der Billabong wird zur Regenzeit ein bis zwei Mal vom Carson überflutet. In dieser Zeit können Fische und natürlich auch Krokodile in den Pool hinein-, aber auch hinausgelangen. Der Pigeon ist fast fünfhundert Meter lang und an einigen Stellen durch umgestürzte Baumstämme wie eine Biberburg verbarrikadiert. Außerdem breitet sich im hinteren Teil ein Seerosenteppich aus. Für ein Croc ideale Versteckmöglichkeiten.«
   »Poison-Joe meinte, das Tier sei seit Monaten von niemandem mehr gesehen worden.«
   »Richtig. Aber die Eingeborenen behaupten steif und fest, dass es noch da ist.«
   »Was macht sie so sicher?«
   »Du lieber Himmel, das wüsste ich auch gern. Sie sagen, dass sie seine Anwesenheit spüren. Sie kennen ja die Schwarzen.«
   Das Unverständnis, das in Martin Barrows Worten mitschwang, überraschte Daryl nicht. Was in einem Aborigine vorging, war für einen Weißen oft nur schwer nachzuvollziehen. Erst recht, wenn alte Stammesgesetze der Eingeborenen oder ihr Glaube mit im Spiel waren. Bei ihm war das anders. Der Teil von Daryl, der wie ein Aborigine dachte und fühlte, konnte sich durchaus vorstellen, dass der Pigeon Pool und das einäugige Krokodil zu den Dreamings eines Stammes gehörten und damit für die Stammesangehörigen heilig waren. Jeder Clan hatte seine eigenen Dreamings. Sie waren die Gründer des Stammes, die Erschaffer seines Stammesgebietes und zugleich die Urmodelle aller Tier- und Pflanzenarten, die es dort gab. Ein Dreaming war nicht nur ein Wesen aus der Traumzeit, es war gleichzeitig auch der Lebensraum, der es umgab.
   Unabhängig davon also, ob das einäugige Krokodil noch im Pigeon Pool lebte, konnte der Ort für die Eingeborenen durchaus eine wichtige religiöse Bedeutung haben. Ob dies allerdings der wahre Grund war, weshalb die eingeborenen Stockmen gegen eine Durchsuchung des Billabongs waren, würde sich noch zeigen.
   »Wussten Sie eigentlich, dass der Billabong für die Eingeborenen heilig ist?«
   »Nein, davon hatte ich keinen Schimmer.« Barrow sah Daryl ernst an. »Ich war wirklich überrascht. Da lebe ich nun schon über fünfunddreißig Jahre hier, aber die Eingeborenen schaffen es dennoch immer wieder, mich zu überraschen.«
   Oder Sie zu täuschen, dachte Daryl. »Wissen Sie, ob die Aborigines, die für Sie arbeiten, alle demselben Stamm angehören?«
   »Dafür habe ich mich ehrlich gesagt nie groß interessiert. Die Männer kommen miteinander aus, das ist das Wichtigste. Glauben Sie, dass das für Ihre Ermittlungen von Bedeutung ist?«
   »Wir werden sehen. Wie viele Menschen arbeiten eigentlich auf Mount Keating?«
   »Da sind Agnes Sharp, die Köchin und ihre Hilfe Meena, die Sie eben kennengelernt haben. Zehn Männer arbeiten das ganze Jahr über hier. Zusätzliche zehn benötige ich jeweils während der Monate des Auftriebs. Im Augenblick sind’s aber lediglich achtzehn. Sie mitgerechnet. Die Sache mit Buttler hat einige der Aborigines, die sonst jedes Jahr aus Kalumburu herunterkommen, abgeschreckt.«
   »Wie viele Ihrer Leute sind Schwarze?«
   »Alle bis auf Agnes, ihren Neffen Bruce Pierson, Poison-Joe, den jungen Ray Hill und mich.« Er sah Daryl forschend an. »Wieso fragen Sie?«
   »Nur so.« Daryl war auf seinem Flug nach Derby extra in Broome zwischengelandet, um sich auf der Polizeistation den ausführlichen Untersuchungsbericht anzusehen und mit dem Beamten zu sprechen, der den Fall bearbeitet hatte. Dabei war ihm aufgefallen, dass die eingeborenen Viehtreiber sich auffällig wenig für das Verschwinden ihres Vormanns interessiert hatten. Wie gesagt, dies konnte bedeuten, dass sie überzeugt waren, was auch immer Buttler zugestoßen war, ginge sie nichts an. Möglicherweise mochten sie ihn auch einfach nicht besonders. Oder aber sie wussten etwas über sein Schicksal. Daryl tippte auf das Letzte. Doch das war lediglich eine Vermutung. »Was für ein Mensch war Buttler eigentlich?«
   Der Rinderzüchter überlegte einen Moment. »Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber ich bin mir nicht sicher. Nicht mehr. Als er vor drei Jahren hierherkam, hatte ich einen sehr positiven Eindruck von ihm. Er arbeitete gut, war ruhig, zuverlässig und sich für keine Arbeit zu schade. Außerdem schien er einen guten Draht zu den Schwarzen zu haben. Deshalb habe ich ihn auch zum Vorarbeiter gemacht, als sein Vorgänger kündigte. Wie mir Agnes Sharp Wochen später sagte, hat sich Poison-Joe darüber ziemlich geärgert, weil er viel länger hier arbeitet als Buttler. Damals schien es mir aber einfach sinnvoller, einem Jüngeren die Verantwortung zu übertragen.«
   »Hat sich das Verhältnis zwischen Joe und Buttler dadurch verschlechtert?«
   »Sagen wir, die zwei waren bestimmt keine Busenfreunde. Die Arbeit hat aber soweit ich weiß nicht darunter gelitten.« Barrow griff nach seiner Pfeife, die gestopft auf dem Tisch bereitlag, und zündete sie an. »Vor einigen Wochen gab’s dann den ersten Ärger. Zunächst prügelte sich Floyd Buttler mit Ray Hill. Zwei Wochen später mit Bill Murgura, einem Aborigine, der seit ein paar Jahren während des Viehauftriebs auf der Station arbeitet. Und erst kürzlich gerieten Ray und Bruce aneinander.«
   Erwartungsvoll rutschte Daryl auf seinem Sessel nach vorn. »Und worum ging’s bei den Streitigkeiten?«
   »Tut mir leid, aber da müssen Sie sie schon selbst fragen. Ich habe mir zwar alle vier vorgeknöpft, aber keiner wollte mit der Sprache herausrücken. So wie sich Hill und Murgura verhielten, glaube ich, dass es Floyd war, der die Schlägereien anfing. Wieso sich Ray und Bruce in die Haare bekommen haben, ist mir allerdings ein Rätsel. Die beiden kamen von Anfang an gut miteinander aus.«
   »Aus dem Polizeibericht weiß ich, dass Mrs. Sharps Neffe nicht ganz freiwillig hier ist.«
   »Das ist richtig. Bruce Pierson verbüßte wegen Drogendelikten eine einjährige Strafe in einer Jugendhaftanstalt in Perth. Nachdem er vor sechs Monaten entlassen wurde, bat seine Mutter ihre Schwester um Hilfe, weil sie Angst hatte, Bruce könnte erneut auf die schiefe Bahn geraten. Als mich Mrs. Sharp fragte, ob ich dem Jungen einen Job geben könnte, war ich erst skeptisch. Doch Agnes versprach, den Jungen im Auge zu behalten und ihn hart ranzunehmen, sodass er nicht auf dumme Gedanken kommen würde. Ich muss sagen, das ist ihr gelungen. Bruce hat sich überraschend schnell eingelebt und inzwischen macht er seine Arbeit recht gut.«
   Bevor Daryl seine Unterredung mit dem Rinderzüchter beendete, bat er ihn noch, Ray Hill unter einem Vorwand zurück zur Station zu beordern. Dann machte er sich mit der Umgebung vertraut.
   Er sah sich das Aufenthaltsgebäude der Stockmen an, das Duschhaus und die Wellblechbaracken, in denen die Geräte, Werkzeuge, Ersatzteile und die vielen anderen Dinge aufbewahrt wurden, die für den reibungslosen Betrieb einer abgelegenen Farm unabdingbar waren. Dabei fiel ihm auf, wie aufgeräumt, fast sauber hier alles war. Zwar gab es auch auf der Mount-Keating-Station alte, ausgeschlachtete Fahrzeuge, ausgediente Geräte sowie einige Benzinfässer, die hinter Gebäuden oder etwas abseits unter Bäumen langsam vor sich hin rosteten, alles in allem bemühte man sich aber offensichtlich darum, die Station in so ordentlichem Zustand wie möglich zu halten.
   Martin Barrow war offenbar ein Mann, der alles sehr genau nahm und großen Wert auf Ordnung und auf einen reibungslosen Arbeitsbetrieb legte. Das legte die Vermutung nahe, dass dieser auch im Umgang mit seinen Angestellten ein fairer und korrekter Mann war. Überhaupt war der Rinderzüchter Daryl recht sympathisch, auch wenn dessen Hauptaugenmerk natürlich seiner Farm galt und er sich vermutlich kaum mehr als andere weiße Farmer mit den Gedanken und Gefühlen seiner schwarzen Stockmen auseinandersetzte.