Mord oder Totschlag? Unfall oder Berechnung?
Als Hauptkommissar Konrad von Kamm zu einem Tatort südlich von München gerufen wird, bietet sich ihm ein skurriler Anblick: Norman Zauner, der Betreiber des Reitstalls Ertl-Hof, wurde von einem Küchenregal erschlagen. Schnell stellt sich heraus, dass eine Reihe von Frauen Grund gehabt hätte, die fahrlässig angebrachte Regalkonstruktion zu manipulieren. Trotz Konrads Verdacht ist es ihm nicht möglich, die Staatsanwaltschaft zu überzeugen, dass es sich nicht nur um einen saublöden Unfall, sondern um einen Mord handelt. Konrad ermittelt auf eigene Faust weiter. Kann er den kuriosen Fall mithilfe seines Onkels lösen?
»Sachsentöter – Kommissar von Kamms 2. Fall« ist ein typischer, im Stil von englischen Krimis geschriebener Roman über unerwiderte Liebe, Eifersucht und falsche Gefühle.

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ISBN: 978-9963-52-863-9

Seiten: 247

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Antonia Günder-Freytag

Antonia Günder-Freytag
Antonia Günder-Freytag, 1970 geboren, lebt mit ihrer Familie in München. Nach ihrem Debüt als Fantasy-Autorin zog es sie zu den klassischen Kriminalromanen. Inspiriert von Agatha Christie schreibt sie an einer Krimireihe um Kommissar Konrad von Kamm, der bereits seinen fünften Fall in München auflöst. Da ihr Motto „Nichts ist tödlicher als die Routine“ lautet, arbeitet sie im Moment neben ihren Krimis an einem Thriller und einem Mittelalterepos.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Montag, 26. August 2013
Schönstraße, Konrad von Kamms Wohnung, 14.45 Uhr

Konrad fühlte sich beschissen. Er warf einen Blick in den Garderobenspiegel, versuchte seine buschigen Augenbrauen zu bändigen und gab es schlussendlich auf. Er gefiel sich nicht. »Du bist ein alter Depp, da helfen auch die neuen Klamotten nichts.« Er schnitt seinem Spiegelbild eine Grimasse, sah auf die Uhr und verließ fluchend die Wohnung.
   »Wie blöd bist du eigentlich? Seit Weihnachten wartest du auf den Tag und jetzt bist du noch nicht einmal pünktlich.« Ab dem er auf die Straße getreten war, verbot er sich jegliches Selbstgespräch und rannte los. Die neue Hose, zu der er sich hatte überreden lassen, zwickte ihn unangenehm. Konrad gab dem Drang, zurückzuzwicken, nicht nach und bereute die Entscheidung, seine alte gemütliche Bundfaltenhose gegen diese jugendliche, enge Chino zu tauschen. Die Augustsonne stach durch den gewittrigen Himmel und Konrad begann, unter seiner Tweedmütze zu schwitzen.
   Nach zwanzig Minuten Marsch stand er vor der Haustür, die er schon so manche Nacht angestarrt hatte. Er klingelte bei Dombrowski und straffte die Schultern.
   In seinen Träumen öffnete ihm Sabine und ließ ihn in die Wohnung, die sie mit diesem Fitnesscoach teilte; ließ ihn zurück in ihr Leben.
   Die Realität sah anders aus: Sabine öffnete ihm wortlos und winkte ihn Richtung Kellertreppe. Sie trug, seinem Geschmack nach, ein zu enges Stoff sparendes Sporttrikot, das keine Fragen offen ließ. Er folgte ihrem wippenden, blonden Pferdeschwanz und befürchtete einen Augenblick, dass sie im Keller wohnte. Unten angekommen packte sie ein Sportfahrrad und machte ihn mit strahlendem Lächeln, das ihn eine Menge gekostet hatte, auf ein altes Damenrad aufmerksam. Ohne ein Wort der Erklärung schleppte sie ihr Fahrrad die Kellertreppe hinauf und ließ ihn ratlos stehen.

Dienstag, 27. August 2013
Ettstraße, 9.00 Uhr

»Wie kommst du denn daher?« Ralf Utzschneider betrachtete Konrad, als dieser am nächsten Morgen ihr gemeinsames Büro betrat.
   Konrad ärgerte sich augenblicklich. So sehr er die Vertrautheit zwischen ihnen genoss, genauso ging sie ihm auf die Nerven. Seinem Kollegen entging einfach nie etwas. Eine sehr praktische Angelegenheit, wenn es um einen aufzuklärenden Mordfall ging, bisweilen lästig, wenn es sich um Privatangelegenheiten handelte.
   »Lass gut sein, Utzi.« Konrad versuchte, das Thema abzuwürgen, wusste aber bereits, dass er auf verlorenem Posten stand.
   »Man wird ja wohl noch fragen dürfen, wie es dem Kollegen geht, wenn er am Vortag ein Date hatte und am nächsten Tag ins Büro gehumpelt kommt. Es hat doch keine Schlägerei gegeben?«
   Konrad sah den sensationshungrigen Blick und seufzte. »Nein, es hat keine Schlägerei gegeben. Ich muss dich enttäuschen.«
   »Und warum kommst du dann so daher?«
   Konrad hängte seinen Regenmantel auf, bemerkte Utzschneiders Jeansjacke und grinste. Auf dem Weg zum Präsidium waren ihm die dunklen Wolken nicht entgangen. Einmal im Jahr bis auf die Knochen nass zu werden, reichte ihm. Das eine Mal war gestern gewesen. Gestern mit Sabine.
   »Jetzt erzähl halt. Wie ist es gelaufen?«
   »Anstrengend. Wir sind geradelt.«
   »Geradelt?« Utzschneider fiel nach vorn über und stemmte sich an seinem Schreibtisch ab. »Du?«
   »Ja, ich.«
   »Mit welchem Rad?«
   »Utzi, bitte. Es reicht doch, wenn du siehst, wies mir heute geht. Du musst nicht noch weiter in meinen Wunden bohren.«
   »Du hast doch gar kein Radl, oder? Seid ihr in das Gewitter gekommen?«
   Konrad setzte sich unter Schmerzen und berichtete vom wohl schrecklichsten Nachmittag seines Lebens.
   Es klopfte. Patricia Eggerstein machte auf sich aufmerksam. Wie lange sie allerdings schon seinen Ausführungen gefolgt war, sah Konrad ihrem Blick nicht an. Er ärgerte sich über die Störung. Utzschneider würde ihn nun den restlichen Tag mit Kleinigkeiten, die ihm noch zu der Schilderung fehlten, nerven. Konrad hätte das Thema gern abgehakt.
   Ob er seine Ehe endgültig abhaken konnte, wusste er nicht. Die erhoffte Klärung sowie die ersehnte Aussprache waren bei der Radtour zum und durch den Englischen Garten nicht möglich gewesen.
   »Was gibts?« Utzschneider strahlte Patricia an, die zugegebenerweise wieder einmal unverschämt gut aussah.
   »Arbeit für uns. Die Kollegen haben um Verstärkung gebeten. Die Spusi und Dr. Ostphal sind schon vor Ort.«
   Konrad klatschte in die Hände. »Dann ist der Fall schon halb geklärt.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Wollen du und Lommel rüberfahren?«
   Patricia verzog das Gesicht. »Wenn es dir nichts ausmacht, Chef, bleibe ich lieber hier. Ich bin allergisch.«
   »Gegen Tote?«
   »Nein, gegen Pferde.«
   »Dann werden Ralf und ich uns die Sache mal ansehen. Weiß man schon Genaueres?« Konrad stand mühsam auf und humpelte zum Garderobenständer.
   »Der Besitzer des Reitstalls Ertl-Hof wurde mit massiven, anscheinend tödlichen Kopfverletzungen aufgefunden. Ob es sich um einen Unfall oder ein Tötungsdelikt handelt, können die angeforderten Kollegen nicht mit Bestimmtheit sagen.«
   Utzschneider sah Patricia verständnislos an, die abwehrend die Arme hob. »Ich weiß auch nicht mehr, so wurde mir die Sachlage mitgeteilt.«
   Konrad griff nach seinem Mantel.
   »Aspirin würde helfen.«
   »Was?«
   »Bei Muskelkater hilft Aspirin. Altes Sportlergeheimnis.« Patricia zwinkerte Konrad zu und verließ den Raum.

Reitstall Ertl-Hof, 10.30 Uhr

»Scheiße.«
   Konrad drehte sich zu Utzschneider und sah gerade noch, wie dieser seinen roten Turnschuh aus einer Pfütze zog. Konrad schloss die Augen und erlaubte sich einen Moment, den altvertrauten Geruch von Pferden, Heu und Mist zu genießen. Dann erst richtete er sein Augenmerk auf die Ansammlung von Fahrzeugen. Der überfüllte Parkplatz und der zugestellte Innenhof ließen ihn von einer Menschenmenge ausgehen, die ihm auf keinen Fall recht war. Mit einem Rundumblick verschaffte er sich einen Eindruck über die Örtlichkeit.
   Der Reitstall bestand aus mehreren Gebäuden, die sich zu einer Art Vierseitenhof zusammenschlossen. Zur Rechten lag eine verlassene Reithalle. Abgesehen von Meier, der bereits anfing herumzuschnüffeln, war auch der benachbarte Sandplatz verwaist. Gegenüber befanden sich zwei größere Gebäude, in denen Konrad die Stallungen vermutete. Vor der Tür versammelten sich einige Menschen. Konrad musterte sie mit schnellem Blick. Ein Beamter nahm anscheinend gerade die Personalien der Erwachsenen auf, dazu lief eine Horde Kinder im Hof herum.
   »Was machen die denn schon alle hier?«
   »Ferien. Wenn es kein Unfall war, wird diese Ermittlung bestimmt interessant«, antwortete Utzschneider, selbst Vater dreier Kinder.
   Konrad seufzte. Aus Erfahrung wusste er, dass viele Zeugen nicht unbedingt hilfreich waren. Ganz im Gegenteil: Viele widersprüchliche Aussagen und unzählige Spuren waren die Folge. Konrad folgte Utzschneider zu einem Wohnhaus, das die schmalere Seite des Hofes einnahm. Ein Krankenwagen stand vor dem Gebäude. Konrad drehte erstaunt den Kopf zur geöffneten Tür des Wagens, in der eine voluminöse Frau saß und aufjaulte. Konrad wusste bis dato nicht, dass Menschen diese Art Ton überhaupt von sich geben konnten. Was er bei näherer Betrachtung sah, mochte er nicht. Ob es an ihren streichholzkurzen roten Haaren, ihrer Figur oder an der hektischen Art des Rauchens lag? Vielleicht war es auch eher ihr weinerlicher Gesichtsausdruck, der ihm jetzt schon auf die Nerven ging. Die Rothaarige, der auf den ersten Blick nichts fehlte, wurde von einer elfengleichen, langhaarigen Blondine umsorgt, die leise auf sie einsprach und genauso wie er zusammenzuckte, als die Rothaarige erneut aufjaulte. Die Blonde, die in ihren Reitstiefeln und ihrer Reithose eine umwerfende Figur zeigte, ging vor der Rothaarigen in die Hocke und tätschelte deren feisten Oberschenkel. Konrad riss sich von der Szene los und wandte sich an Utzschneider, der bereits auf ihn wartete.
   »Lass es ein Unfall sein, lieber Gott«, flehte Utzschneider gespielt und zeigte Richtung Menschenmenge, als Dr. Stefan Ostphal aus der Tür trat. Konrad begrüßte den Gutachter der Rechtsmedizin mit wirklicher Freude. Wenn schon der Schauplatz ein Chaos vermuten ließ, erweckte wenigstens Stefan den Anschein, alles im Griff zu haben.
   »Das ist ja wohl der schlimmste Ort, an dem ich je war«, begrüßte Stefan die beiden Kriminalpolizisten und machte Konrads Hoffnung damit zunichte.
   »Wie meinst du das, Stefan? Klär uns mal bitte auf.«
   »Dafür habe ich keine Zeit.« Stefan öffnete die Beifahrertür seines BMWs, holte einen Koffer hervor und ließ Utzschneider und Konrad stehen.
   »Würde uns jetzt bitte mal einer sagen, um was es hier geht?« Utzschneider war laut geworden und wollte Stefan folgen, als ihm ein Beamter in den Weg trat.
   »Sie dürfen hier nicht rein. Bitte gehen Sie zu den anderen.«
   Utzschneider und Konrad zogen synchron ihre Ausweise. »Also, was haben wir bisher?«, fragte Konrad den Beamten, der sich als Thomas Lange vorstellte.
   »Bei dem Toten handelt es sich um Norman Zauner. Er ist Betreiber der Reitschule.« Thomas Lange zeigte über die Schulter zu den beiden Frauen am Krankenwagen »Frau Paulina Körbers Anruf ging um neun Uhr zwanzig bei uns ein. Zuvor hatte sie einen Notruf abgesetzt. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen.«
   »Und die andere, wer ist das?«, fragte Utzschneider.
   »Das ist Lucia Sommer. Sie ist die Reitlehrerin und hat den Toten gefunden.«
   »Todesursache?« Konrad nahm sein Notizheft und begann, die Namen aufzuschreiben.
   »Massive Kopfverletzung. Kein schöner Anblick.«
   Konrad sah zu der blonden Reiterin, die sich immer noch rührend um die Rothaarige kümmerte. Sie hatte den Toten gefunden und im Gegensatz zu der hysterischen Rothaarigen, schien sie völlig ruhig zu sein. Kein Wunder, dass sie Reitunterricht gab. Mit dieser Ruhe und Übersicht würde er ihr auch vertrauen.
   »Hat man die Tatwaffe sicherstellen können?«
   Thomas Lange nickte. »Ja. Die Ursache der Kopfverletzung war ein herabgestürztes Regal.«
   »Klingt nach einem Unfall«, murmelte Utzschneider.
   Vor Konrads geistigem Auge entstanden ein paar Comicskizzen, die mit der Ernsthaftigkeit des Falls nichts gemein hatten. Er schüttelte den Kopf, um die Bilder zu vertreiben.
   Offenbar verstand Utzschneider sein Kopfschütteln falsch. »Naja, die Kollegen und die Spurensicherung werden einen Grund haben, uns anzufordern.«
   »Haben sie«, sagte Thomas Lange. »Der Tote hat noch eine Verletzung am Kopf, die ihm post mortem zugefügt wurde.«
   »Das will ich mir jetzt selbst ansehen.« Konrad zog ein Paar Überschuhe aus seiner Tasche, als Stefan erneut aus der Tür trat.
   »Die kannst du dir sparen, Konrad.« Stefan machte auf Konrad einen entnervten Eindruck. »Der Tatort ist ein Katastrophengebiet. Der Leiter der Spusi ist Manfred Höll. Kennt ihr ihn?«
   »Nur kurz mal begegnet.«
   »Der Höll wird euch schon sagen, was er davon hält. Kommt erst mal rein.«
   Konrad und Utzschneider folgten dem Rechtsmediziner schweigend und blieben wie auf Kommando auf der Türschwelle stehen. Konrad atmete tief durch. Der erste Eindruck war niederschmetternd.
   »Ein Reiterstüberl, jetzt verstehe ich das Katastrophengebiet«, sagte Utzschneider.
   Stefan brummte irgendetwas und winkte sie weiter.
   Die Mitte des Zimmers wurde von einem Tisch eingenommen, an dem mindestens zwölf Personen Platz fanden. Die Tischfläche war nicht sonderlich sauber und vollgestellt mit Flaschen und aufgeschlagenen Aktenordnern. Ohne die Lampen, die über dem Tisch brannten, wäre der Raum sehr dunkel gewesen. Zwar bestand die Stirnseite des Raumes aus einer doppeltürigen Glasfront, war aber von außen fast vollkommen zugewachsen und von innen vollgestellt.
   Rechts neben der Eingangstür befand sich eine Garderobe, an der etliche Jacken und Reithelme hingen. Darunter standen Reit- und Gummistiefel in verschiedenen Größen.
   »Ja. Ein Gemeinschaftsraum oder auch Reiterstübchen.« Stefan nickte. »Das macht die Sachlage nicht einfacher. Zudem ist es auch das Wohnzimmer der Familie Zauner. Ich entnehme das Hölls Worten, der mit seinen Leuten im ganzen Haus unterwegs ist.«
   Konrad stand immer noch an der Tür, bemerkte halb volle Hundeschüsseln und stöhnte. »Hunde?«
   »Drei. Dazu Katzen, Fische und noch ein paar Kaninchen.« Stefan zeigte auf die Fensterfront.
   Konrad war der muffige Geruch im Raum bereits aufgefallen. Er rührte also nicht nur von den feuchten Reiterjacken und dreckigen Stiefeln, sondern auch von den Tieren, die sich hier im Raum aufhielten.
   »Ihr könnt euch vorstellen, wie begeistert die Spurensicherung ist.«
   Zur Antwort grunzte eine der weiß eingepackten Personen, die bei Utzschneiders und Konrads Eintreffen nur genickt hatte. »Zudem ist es hier nicht unbedingt das, was man sauber nennt.«
   Konrad begutachtete den Boden und verstand sofort, was gemeint war. Keiner der Reiter machte sich offenbar die Mühe, die Stiefel auszuziehen, wenn er das Haus betrat.
   Konrad blickte nach links. Von seinem Standpunkt aus sah er immer noch keinen Toten. Was er aber sah, ließ ihn Schlimmes vermuten. Links neben dem Tisch befand sich eine Küchenzeile, die aus mehreren Kühlschränken, einem Ofen, einer Spüle und Unterschränken bestand. Zusammengehalten wurde diese bunte Ansammlung von einer Küchenarbeitsplatte, die nur zwei Aussparungen für Herd und Spüle aufwies. Sicher Marke Eigenbau. Konrad trat näher. Statt Hängeschränken baumelten Stahlseile von der Decke. Er blickte auf die rechte Seite des Esstischs, an der ebenfalls Regale auf diese Art angebracht waren. Trophäen, Bücher, Zeitschriften, Nippes und eine Menge Staub und Schmutz sammelten sich auf den intakten Regalen an. »War das Küchenregal ebenfalls so befestigt?«
   »Da bin ich mir fast sicher.«
   Konrad blickte zur Tür, die wahrscheinlich zum restlichen Haus führte, und erkannte den Mann, den ihm Stefan schon angekündigt hatte: Manfred Höll, der Leiter der Spurensicherung.
   »Ich habe noch nie eine solch dilettantische Arbeit gesehen.« Er trat auf Utzschneider und Konrad zu und schüttelte beiden die Hand. »Manfred Höll. Wir können uns gern duzen. Und, um das Wortspiel gleich vorwegzunehmen: Dieser Tatort ist die Hölle. Tierhaare, Fußspuren und Fingerabdrücke in allen Größen. Muss ich noch mehr sagen?«
   Konrad schüttelte den Kopf. Er hatte genug Erfahrung damit, wie gut die Spurensicherung arbeitete, und wie gut sie alte von neuen Spuren unterscheiden konnte. Er wollte seinem Kollegen nicht seine Klage vermiesen. Jedem sein Lamento, war seine Devise.
   Utzschneider war vor ihm um den Tisch gegangen und sog hörbar die Luft ein.
   »Hübscher Anblick, was?« Stefan blickte grimmig. »So etwas ist mir auch noch nicht untergekommen.«
   Konrad beobachtete Utzschneider, der wie ein Storch im Salat, durch irgendetwas watete, und wurde neugierig. Er näherte sich dem Tisch, um über ihn hinweg auf den Fußboden der anderen Seite blicken zu können. Was er sah, ließ ihn die Luft anhalten. Der Tote lag bäuchlings inmitten von Scherben, Tellern und Pokalen. Halb begraben von einem Brett.
   An seinem Hinterkopf prangte eine faustgroße Wunde. Konrad brauchte einen Moment, bis er verstand, was er sah.
   »Wie kann denn so etwas passieren?« Utzschneider ging in die Hocke und betrachtete den Toten genauer.
   »Ich stelle mir das so vor.« Manfred stellte sich neben Utzschneider. »Das Regal löste sich aus seiner Befestigung und durch den Schwung der zur Seite rutschenden Gegenstände muss der Regalboden mit voller Wucht gegen den Kopf des Toten geknallt sein.«
   »Und warum ist der ganze Boden hinter dem Tisch voller Blut?« Utzschneider sah verwirrt aus.
   »Das können wir noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch Stefan und der Notfallarzt haben bestätigt, dass der Tote vor dem tödlichen Schlag durch das Regalbrett bereits eine Platzwunde davongetragen hatte. Ich nehme an, dass der Tote zunächst mit der Platzwunde zur Spüle gelaufen ist, oder nach etwas gesucht hat, das seine Blutung stillen würde. Dabei hat sich sein Blut in der Küche verteilt. Was meine Vermutung bestätigt, ist das blutgetränkte Küchentuch, das wir hier sichergestellt haben.« Manfred zeigte auf das Geschirrtuch, das von der Spurensicherung bereits markiert worden war und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort. »Diese zwei Wunden und das frische Blut auf dem Fußboden veranlassten den Notarzt und die angeforderten Kollegen, uns und euch einzuschalten.«
   Konrad nickte. Zu viel Blut in der Küche für einen auf der Stelle eingetroffenen Tod.
   Utzschneider kam aus der Hocke hoch und kratzte sich am Hinterkopf. Zwar trug er nicht, wie den gesamten Winter, seinen blauen Parker, aber von seiner Schiffermütze, die ihm das verwegene Aussehen eines Binnenschiffers verlieh, hatte er sich trotz der Temperaturen nicht getrennt.
   Konrad war mittlerweile fast sicher, dass es sich um einen Unfall handelte. Utzschneiders Ausführung, der er mit halbem Ohr folgte, deckte sich mit seiner Vorstellung des Tatverlaufs.
   »Dieser Zauner stößt sich aus irgendeinem Grund den Kopf am Regalbrett. Er blutet stark und läuft durch die Küche, um Küchenkrepp zu suchen. Das erklärt die Blutspur. Wahrscheinlich war das Krepp nicht an seinem Platz, das ist es bei mir daheim auch nie. Jedenfalls hat er es nicht gefunden, drückt ein Küchentuch auf die Platzwunde, da löst sich die ganze Regalkonstruktion, die durch den vorhergehenden Schlag ins Wanken geraten ist, rutscht ihm entgegen und spaltet ihm den Schädel.« Utzschneider sah sich mit triumphierendem Blick um, doch niemand außer Konrad nickte.
   »Dachten wir zunächst auch«, sagte Manfred. »Euer uniformierter Kollege hat uns auf etwas aufmerksam gemacht, das mir nicht gleich aufgefallen ist. Schaut mal.«
   Manfred lenkte die beiden Kriminalpolizisten zu einer Fotowand. Neben gerahmten Fotos, die hauptsächlich Pferde zeigten, erkannte Konrad mit einem Blick, dass es auch etliche Aufnahmen vom geselligen Zusammensein in dieser Küche gab. Rotgesichtige, alkoholisierte Menschen grüßten in die Kamera, Kinder grinsten bis über beide Ohren, Hunde legten die Köpfe schief, Pferde warfen sich in Pose, Turniergewinner hielten Pokale in die Kamera. Konrad studierte die Fotos und kam nicht so schnell auf den Hinweis, den Manfred gemeint hatte.
   »Seht ihr?«, fragte Manfred.
   »Die Mikrowelle steht auf dem Regal«, murmelte Utzschneider und sah von einem Foto zur Küchenzeile hinter sich.
   »Eben. Und jetzt steht sie auf der Arbeitsfläche. Das hat den Kollegen alarmiert.«
   Konrad bemerkte zweierlei, und keines davon hatte mit dem Fall zu tun: Er bekam Kopfweh, und er verstand Bahnhof. Dies zuzugeben stand unter seiner Würde. Jedenfalls, dass er nicht verstand, was die anderen meinten. Man würde es ihm schon noch erklären. Wenn es ein Mord war, sogar hundertfach. »Also müssen wir auf die Auswertung der Spuren warten.«
   »Sieht so aus. Ich hoffe, ich kann etwas Näheres dazu herausfinden, womit sich der Tote die erste Wunde am Kopf geholt hat. Ihr bekommt meinen Bericht«, sagte Stefan, der den Abtransport der Leiche beaufsichtigte.
   Konrad nickte und blickte zu Manfred.
   »Bei uns wird es dauern. Wir haben die Fingerabdrücke auf der Mikrowelle sichergestellt und überhaupt so viele Fingerabdrücke, wie es Sinn macht. Wir haben jedenfalls alles fotografiert. Jeden Winkel, wie wir ihn vorgefunden haben. Wir packen jetzt zusammen. Auch das Brett und alles, was sich darauf befunden hat. Dann wird sich zeigen, ob die Mikrowelle auf ihrem Platz stand, oder nicht. Ich schicke euch die Auswertung.«
   Konrad nickte und schüttelte Manfred die Hand. Dann wandte er sich, so schnell er konnte, der Tür zu. Er musste aus diesem Raum. Die Unordnung, die Fliegen, die ihm jetzt erst auffielen, und die ihm penetrant auf die Nerven gingen, und der Geruch traten auf einen Schlag so beherrschend in den Vordergrund, dass er glaubte, sein Kopf würde ihm zerspringen. »Ich sag den anderen Bescheid«, erklärte er Utzschneider und verließ fluchtartig den Raum.
   Vor der Tür zündete er sich eine Zigarette an. Nikotin trug zwar nicht wirklich zur Bekämpfung von Kopfschmerzen bei, doch wenigstens konnte er ein Übel damit abschalten. Der Krankenwagen war zwischenzeitlich abgefahren. Konrad trat ein Stück weit ums Haus, weil er nicht wollte, dass ihn die anderen beim Rauchen erwischten. Utzschneider hatte wohl etwas spitz bekommen, doch Konrad weigerte sich zuzugeben, dass er wieder mit seinem Laster angefangen hatte. Er war der Meinung, wenn er es nicht offiziell machen würde, könnte er es schneller wieder aufgeben. Tief inhalierte er und sah sich dabei um. Ein Trampelpfad führte um das Haus, das auf dieser Seite, Konrad orientierte sich kurz, auf der Westseite, keine Fenster hatte. Er folgte dem Pfad und blickte um die Ecke auf eine Terrasse, die, wie die Küche, nicht wirklich gepflegt, aber stark frequentiert zu sein schien. Neben bunt zusammengewürfelten Tischen und Stühlen bemerkte er Plastikkisten mit merkwürdigem Inhalt. Gerade so, als hätte der Besitzer mit ihnen auf den Flohmarkt gewollt und es sich dann doch anders überlegt. Allerdings war der abgeblasene Aufbruch zum Flohmarkt offenbar schon ein paar Jahre her, wenn man das Laub, das sich ebenfalls in den Kisten befand, berücksichtigte. Konrad betrachtete die Glyzinien, die er schon von innen bewundert hatte, und inhalierte tief. Das Schönste an diesem heruntergekommenen Haus waren die Ranken, die sich um den Freisitz woben, und deren blau hängende Blüten dem abbröckelnden Putz einen gewissen Charme verliehen. Hier hatte wohl schon lange keiner mehr Geld hineingesteckt. Er trat die Zigarette aus. Der Blick, den die Terrasse bot, war unspektakulär. Man sah direkt in ein Gestrüpp, das zu dem Waldrand gehörte, der fast bis zur Terrasse reichte. Wie konnte man sich in einem solchen Chaos nur wohlfühlen? Konrad schüttelte es und er hoffte erneut, dass es sich um einen Unfall handelte, bevor er seinen kurzen Rückweg ums Haus antrat.
   Utzschneider redete bereits mit den zwei Frauen, die sich in Ermangelung eines Sitzplatzes zwischenzeitlich auf ein paar bunt bemalte Sprungstangen gesetzt hatten. Utzschneider stellte Konrad vor und nickte der Rothaarigen zu, fortzufahren.
   »Ich hab zunächst gedacht, er wäre gar nicht da. Mir ist erst auf den zweiten Blick aufgefallen, dass etwas mit dem Regal nicht stimmt. Ich habe dann über den Tisch geschaut, um zu sehen, ob viel zu Bruch gegangen ist. Da habe ich ihn liegen sehen.« Sie schluchzte abermals in der Lautstärke auf, die Konrad schon zur Begrüßung entgegengeschallt war, und wischte sich mit einem zerfledderten Papiertaschentuch über die Augen.
   Konrad fiel auf, dass ihre Hand dabei zitterte. Überhaupt schien sie kurz davor, einen Nervenzusammenbruch zu bekommen.
   »Haben Sie jemanden, der Sie heimfährt?«, fragte Utzschneider so mitfühlend, dass Konrad ihm einen erstaunten Blick zuwarf.
   »Sie wohnt hier«, sagte die Blonde.
   »Warum?« Konrad warf der blonden Reiterin einen bewundernden Blick zu. Er bewunderte nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre liebenswürdige Art, wie sie der Rothaarigen immer noch die Hand hielt. Mit so einer Reitlehrerin würde er das Reiten wieder aufnehmen.
   Vor vierundzwanzig Jahren hatte er die Reiterei aus vielerlei Gründen aufgegeben und sich vorgemacht, dass er jederzeit zu den Pferden zurück könnte. Er hatte den Weg nie wieder gefunden. Er seufzte. Wieder etwas, das er zu Sabines Gunsten aufgegeben hatte. Sie hatte das nie honoriert.
   »Frau Sommer wohnt, wie alle Angestellten, am Hof.« Die Stimme der Blonden war angenehm leise. Konrad verstand zunächst nicht, was sie meinte. »Lucia ist unsere Reitlehrerin.«
   Konrad klappte die Kinnlade herunter: Die Rothaarige war die Reitlehrerin und die Blonde in Reitstiefeln Paulina Körber?
   Namen sind Schall und Rauch. Das hatte schon Wolfgang von Goethe festgestellt.
   »Und dann?«, fragte Utzschneider.
   Die Rothaarige zündete sich eine Zigarette an und ging Konrad augenblicklich noch mehr auf die Nerven. Er blickte auf den Boden und sah, dass Lucia Sommer mittlerweile offenbar fast eine ganze Schachtel geraucht hatte, wenn sie nicht zufällig genau dort saß, wo jemand seinen Aschenbecher ausgeleert hatte.
   Paulina Körber übernahm die Antwort. »Nachdem Lucia nicht wiederkam, habe ich mich gewundert, wo sie bleibt und bin nachsehen gegangen. Ich habe sie völlig erstarrt im Stüberl angetroffen. Ich habe sie ein paar Mal ansprechen müssen, bis sie reagierte. Als ich gesehen habe, was passiert ist, habe ich sofort den Notarzt angerufen.«
   »Und die Polizei. Warum die Polizei?«, fragte Utzschneider.
   »Nun.« Paulina Körbers Wangen verfärbten sich dunkelrot und sie sah zu Boden. »Mir kam die Situation so merkwürdig vor. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich die Polizei anrufen müsste.« Sie malte mit ihrer Fußspitze einen Kringel in den Sand.
   Konrad wurde das Gefühl nicht los, dass sie noch etwas hinzuzufügen hatte, was sie im Moment nicht sagen wollte, beließ es aber dabei.
   »Haben Sie Herrn Zauner heute Morgen schon gesehen? Also, ich meine, bevor …«, fragte Utzschneider.
   »Nein«, antworteten beide Frauen wie aus einer Kehle.
   »Das wäre es dann erst einmal von unserer Seite.« Konrad nickte den Frauen zu.
   Erst, wenn die Berichte eintrafen und bestätigten, dass es sich wirklich um Mord handelte, würde er wieder Fragen haben. Für ihn sah es im Moment nach einem Unfall aus. Nach einem äußerst seltenen und ziemlich skurrilen Unfall, aber nicht nach Mord. Er drehte sich zu der Gruppe um, die immer noch vor dem Stallgebäude stand und wartete. »Sind das Reitschüler?«
   Paulina Körber nickte. »Reitkurs. Die Kinder hätten jetzt eigentlich ihre erste Stunde. Lucia wollte nur noch etwas mit Zauner klären, dann wäre es losgegangen. Die Pferde sind schon alle gesattelt. Naja, mittlerweile werden sie wieder abgesattelt sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lucia unter diesen Umständen Unterricht geben kann.« Sie tätschelte abermals Lucia Sommers dicken Schenkel. »Dabei hatten sich die Kinder schon so gefreut.«
   »Das kann ich verstehen. Was wollten Sie denn mit Zauner klären?«, fragte Konrad.
   »Ach, wegen der Hindernisse auf dem Platz.« Konrad sah zum Reitplatz, auf dem ein Parcours aufgebaut war, und wusste nicht, was er von Lucia Sommers Aussage halten sollte. »Zauner hatte mir gestern versprochen, die Hindernisse abzubauen, damit ich mit den Kindern an die frische Luft kann. Wie man sieht, hat er es nicht gemacht.«
   Konrad fiel auf, dass Paulina Körber bei diesen Worten betreten zu Boden sah. »Wir hätten sie alle gemeinsam wegschaffen können«, murmelte die Blonde und verstummte.
   Da die Personalien der beiden Frauen bereits von Thomas Lange aufgenommen worden waren, wandten sich Utzschneider und Konrad der Menschenmenge zu.
   Paulina Körber und Lucia Sommer folgten ihnen mit Abstand. Es wäre Konrad lieber gewesen, wenn sie noch einen Augenblick auf den Sprungstangen sitzen geblieben wären, da sich augenblicklich alle um die Reitlehrerin sammelten und durcheinander auf sie einsprachen. Paulina Körber hob die Arme. »Moment, Moment. Wir werden euch gleich erzählen, was passiert ist, aber zuvor denke ich, dass die Herren von der Kriminalpolizei vielleicht noch ein paar Fragen an euch haben.«
   Damit drehte sich Paulina zu Konrad und schenkte ihm ein Lächeln, das ihn in Versuchung brachte, hinter sich zu blicken. Konrad war fasziniert von der Selbstsicherheit und der Freundlichkeit des Mädchens. Für ihn gehörte sie noch zu den Mädchen, auch wenn sie bestimmt schon über zwanzig Jahre alt war. Konrad wandte sich an die erwachsenen Reiter, die sich zwischen die Kinder gemischt hatten. »Unsere Kollegen haben ja Ihre Personalien und Aussagen bereits aufgenommen. Wenn wir weitere Fragen an Sie haben, dann melden wir uns. Eine Frage hätte ich allerdings doch noch: War Herr Zauner verheiratet? Hatte er Angehörige?«
   »Seine Frau ist heute auf einem Turnier«, sagte jemand in der Menschenmenge.
   »Wie immer«, murmelte eine andere Person.
   »Ich habe schon versucht, sie zu verständigen, es war allerdings nur die Mailbox zu erreichen«, bemerkte Paulina, die anscheinend an alles dachte.
   Konrad wollte gerade zu einer weiteren Frage ansetzen, als der Klang eines Hufschlages alle Köpfe herumfahren ließ. Im nächsten Augenblick raste ein gesattelter herrenloser Schimmel auf den Hof.
   »Das ist Picasso!« Paulina reagierte als Erste und versuchte, das aufgeregte Tier einzufangen. Nach und nach lösten sich auch ein paar andere Gestalten aus ihrer Erstarrung und halfen ihr dabei. Ein Stallknecht, der durch den Lärm vor die Tür des Hauptstalles gelockt worden war, nahm sich des Schimmels an und führte ihn weg. Ein weiterer Stallknecht sprang ins Auto.
   »Das Pferd gehört Romy Adler. Sie reitet jeden Morgen allein aus«, sagte Paulina schwer atmend. »Hoffentlich ist ihr nichts passiert.« Sie gab dem Fahrer ein Zeichen anzuhalten und sprang ebenfalls in den BMW, der Staub aufwirbelnd vom Hof raste. Konrad sah perplex hinter dem Wagen her.
   »Geht es an Reitställen immer so zu?«, fragte Utzschneider leise.
   Konrad schüttelte den Kopf. Er hatte seine Zeit am Reitstall ruhiger und friedlicher in Erinnerung. Konrad drehte sich zum uniformierten Kollegen um. »Habt ihr auch die Personalien von den Stallknechten?«
   Thomas Lange nickte. »Klar. Die sprechen allerdings kaum ein deutsches Wort. Der, der gerade abgefahren ist, heißt Andrash, der, der sich um das Pferd gekümmert hat, Adam. Beide Ungarn.«
   Konrad atmete tief durch. »Von unserer Seite gibt es im Moment nichts mehr zu tun. Wer übernimmt denn hier jetzt das Kommando, bis Frau Zauner zu erreichen ist?«
   Utzschneider und er sahen zu Lucia Sommer, die immer noch nicht den Eindruck machte, als ob sie heute das Kommando übernehmen könnte. Sie konnten die Reitkinder, die von ihren Eltern im sicheren Glauben, gut aufgehoben zu sein, nicht einfach allein stehen lassen. Gerade wollte Konrad den Vorschlag machen, dass alle Kinder daheim anriefen, um sich abholen zu lassen, als ein weiteres Auto auf den Hof fuhr.
   »Was ist denn hier los?«, begrüßte eine sonore Stimme die Menschenmenge. Ein attraktiver weißhaariger Herrenreiter entstieg einem cremeweißen Mercedes Benz und sah sich indigniert um. »Kinderreiten und Polizei?« Er stutzte beim Anblick von Utzschneider und Konrad und schloss seinen Wagen. »Darf ich erfahren, was der Anlass für den Aufruhr ist?«
   »Dürfen wir Ihren Namen erfahren?«, fragte Utzschneider.
   »Franz von Wies. Und mit wem habe ich das Vergnügen?«
   Konrad fiel fast die Kinnlade herunter, aber er behielt sich soweit im Griff, dass er sich nichts anmerken ließ. Schlimm genug, dass er ihn nicht gleich erkannt hatte. Da schickte er ihm Weihnachten stets eine Karte und wäre auf offener Straße glatt an seinem Onkel vorbeigelaufen. Aus einem Grund, den er selbst nicht hätte benennen können, drehte er sich im nächsten Augenblick um und schlenderte Richtung Stalltür. »Ich sehe mich mal im Stall um«, teilte er Utzschneider mit und verschwand im Gebäude.
   Der typisch würzige Geruch, der über dem gesamten Areal lag, verstärkte sich in dem Augenblick, als er über die Schwelle getreten war. Konrad atmete tief durch und trat tiefer in die Welt der Pferde. Es war etwas düster im Eingang, und Konrads Augen brauchten einen Augenblick, um sich vom Tageslicht umzugewöhnen. Als er seine Augen wieder öffnete, erblickte er zwei Reihen Boxen, die tadellos wirkten. Im Moment befanden sich ungefähr zehn Pferde im Stall. Offenbar waren das die Schulpferde. Leise ging er durch die Reihen. Neben jeder Boxentür, an der das Namensschild nicht fehlte, hing ein Sattel und ein Trensenhalter sowie ein Plan, was das jeweilige Tier zu fressen bekam. Konrad staunte, wie aufgeräumt und sauber alles war. Er dachte an das Reiterstübchen und wunderte sich, dass es Menschen gab, die bei ihren Tieren mehr Sorge darauf verwendeten, dass diese ordentlich lebten, als bei sich selbst. Er hätte jedenfalls lieber aus einem Futtertrog gegessen als vom Küchentisch des Stübchens. Konrad schob den Gedanken an das Reiterstübchen zur Seite und betrachtete die Pferde.
   »Sind Sie von der Polizei?« Die Stimme kam von hinten, und er zuckte zusammen. Er drehte sich um und erkannte im Gegenlicht eine Männergestalt mit Cowboyhut und krummen Beinen. Der Mann war nicht sonderlich groß, aber gedrungen.
   Konrad trat einen Schritt nach vorn, um sein Gegenüber besser sehen zu können. »Kriminalpolizei.«
   »War es Mord?«
   »Das wissen wir noch nicht. Und Sie sind?«
   »Lothar Wenzel.« Der Mann streckte Konrad die schwielige Hand hin und drückte sie. Er hatte einen erschreckend festen Händedruck. »Ich bin hier sozusagen das Mädchen für alles.«
   »Wohnen Sie hier?«
   »Ja. Wie die Stallknechte und die Reitlehrerin.«
   Bei der Erwähnung der Reitlehrerin grinste er zweideutig. »Vier Zimmer, eine Dusche. Aber die Sommer ist wahrlich keine, von der man träumen würde.«
   Konrad betrachtete den Cowboy genauer. Er kannte diese Art Mann. Wirkten schnell aufgeschlossen, waren aber ganz das Gegenteil. »Könnten Sie sich denn vorstellen, dass es Mord war?«
   »An Norman? Immer.« Das Grinsen wurde noch breiter.
   »Scheint Sie nicht sonderlich zu berühren, der Tod Ihres Chefs.«
   »Er war nicht mein Chef. Nein, es berührt mich nicht wirklich. Gebe ich zu.«
   Konrad wartete darauf, dass sein Gegenüber ausspuckte, was er netterweise bleiben ließ. Konrad betrachtete den Boden und war sich sicher, dass hier noch nie jemand ausgespuckt hatte, und dass man diesen Boden mindestens einmal wöchentlich schrubbte. »Und wer käme als Täter bei Ihnen infrage?« Konrad amüsierte sich gegen seinen Willen. Der Typ war so skurril, dass er das gesamte Gespräch nicht wirklich ernst nehmen konnte. Allerdings warnte ihn etwas, das Gespräch nicht allzu locker zu nehmen.
   »Ich tippe eher auf Täterin. Norman war ein Weiberheld, und die Frauen standen Schlange. Er hat dauernd eine mit der anderen betrogen. Würde mich also nicht wundern, wenn ihm einer Rattengift in den Kaffee getan hätte.«
   Konrad bemerkte, dass die Todesursache anscheinend noch nicht zu allen Stallbewohnern durchgedrungen war.
   »Auch wenn man ihm angeblich den Schädel eingeschlagen hat. Das wiederum würde mehr zu einem gehörnten Ehemann passen.« Der Schalk blitzte in Lothar Wenzels Augen auf.
   »Und Frau Zauner? Was sagt die dazu?«
   Lothar Wenzel grinste noch breiter und offenbarte ein paar fehlende Backenzähne. »Was sollte die schon sagen? Wer im Porzellanladen sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen.«
   Konrad runzelte irritiert die Stirn und entwirrte die zwei Sprichwörter. »Also geht auch sie fremd?«
   »Sagen wir so: Das liegt im Auge des Betrachters. Ich habe gehört, das Regalbrett ist runtergekommen?«
   Konrad nickte.
   »Ich habe schon immer gesagt, dass da eines Tages etwas passiert. Ich habe noch nie so eine dilettantische Arbeit gesehen. Norman, habe ich gesagt, eines Tages kommt das ganze Ding runter und begräbt wen. Ich hatte damals eher die Kinder im Blick. Die krabbeln ja ständig rum und zerren an den Tellern oder sonst etwas. Ich habe eher die Sorge gehabt, dass so einem Fratz die Chose auf den Kopf fällt. Dass es jetzt ausgerechnet Norman selbst passiert ist. Naja, das kommt davon, wenn man diese Ungarn machen lässt. Die haben doch von nichts eine Ahnung. Unsereins hat so etwas noch gelernt. Von der Pieke auf. Aber heutzutage meint ja jeder, der ein Pferd ausmisten kann, er wäre ein Pferdewirt und jeder, der einen Schraubenzieher in der Hand halten kann, er wäre ein Handwerker.« Lothar Wenzel rückte seinen Hut zurecht, rüttelte an einer der Boxentüren und zeigte nach oben. »Sehen Sie das?«
   Konrad verstand nichts, blickte aber nach oben.
   »Da hat wieder einer dieser Schlaumeier, als er die Gitterstäbe gestrichen hat, die Schrauben gelöst, damit er die gesamte Tür streichen konnte. Dann hat er die Tür wieder eingehängt, aber die Schrauben hat er nie wieder festgezogen. Wenn jetzt ein Pferd gegen die Tür tritt, oder ein Reiter sie unsanft zu sich zieht, statt sie nach links zu schieben, dann fällt die Tür einfach aus der Schiene. Das ist es, was ich meine. Die Schlampigkeit und das Unwissen dieser Hilfsarbeiter. Husch, husch muss es gehen. Schnell, schnell. Aber keine Sorgfalt mehr. Genauso war es mit dem Regal. Haben Sie jemals ein so aufgemachtes Board gesehen? Wenn jemandem die Boxentür auf den Kopf fällt, dann können Sie auch von Mord ausgehen, oder eben von Idioten, die am Werk waren.«
   Lothar hatte einen roten Kopf bekommen, doch Konrad verstand ihn. Wie oft hatte er selbst geflucht, weil ein Handwerker, der ihm reichlich Geld abnahm, schlechte Arbeit leistete. Es gab sie wirklich kaum noch, die gelernten Handwerker mit Verstand. »Sie könnten recht haben.« Konrad blickte noch einmal nach oben. »Und wer kümmert sich jetzt um die Boxentür?«
   »Das mache ich schon. Dafür bin ich ja da. Das Faktotum, ohne das nichts geht.« Lothar schnaufte noch einmal tief durch. »Wenn Sie keine Fragen mehr haben, ich muss los.«
   Konrad hatte keine Fragen mehr. Ganz im Gegenteil wurde ihm langsam klar, was seine Kollegen gemeint hatten, als sie die veränderte Position der Mikrowelle bemerkt hatten. Ihm rauschte der Kopf. Wenn es nach Lothars Ausführung ging, hätten zwar genug Leute ein Motiv, Norman Zauner zu töten, aber Schlamperei wäre die Todesursache gewesen.

Gasthaus Hubertus, 12.10 Uhr

Konrad war sich bewusst, dass es keinen weiteren Grund mehr gab, sich innerhalb des Stallgebäudes aufzuhalten. Er hoffte, dass sein Onkel anderweitig beschäftigt war, und begab sich zurück zu der Reiterschar, die sich mittlerweile sichtbar gelichtet hatte. Anscheinend waren die meisten Kinder bereits abgeholt worden. Konrad sah sich nach Utzschneider um, den er bei einer kleinen Gruppe entdeckte, die sich um eine Frau versammelte, deren Gesicht Konrad nicht erkennen konnte. Er trat neugierig näher und fühlte sich bei der Szene, die sich vor seinen Augen abspielte, an eine Kreuzigungsszene erinnert. Zwei Frauen hielten die im Zentrum Stehende, die die Arme zum Himmel rang und lautes Wehklagen von sich gab.
   Konrad hatte bei Lucia Sommers Tönen gedacht, dass es keine Steigerung mehr gäbe, und sich getäuscht. Die Untröstliche, wie Konrad die junge Frau im Stillen titulierte, stieß fortwährend das gleiche Wort aus, allerdings in den unterschiedlichsten Tonlagen. Konrad erinnerte sich nicht daran, jemals das Wort Nein in dieser Art vorgetragen bekommen zu haben.
   Utzschneider drehte sich zu ihm um und rollte mit den Augen. »Beeindruckend, oder? Das ist Romy Adler. Die Reiterin von dem Pferd, was hier vorhin angaloppiert kam.«
   »Ist sie verletzt?« Konrad betrachtete die schmutzige Reitkleidung und die verdreckten Reitstiefel der Frau.
   »Nein. Sie stieg noch vollkommen normal aus dem Auto. Vielleicht ist sie ein wenig gehumpelt und war etwas blass um die Nase. Erst, als ihr einer gesagt hat, dass der Zauner tot ist, hat sie den Zusammenbruch bekommen.«
   »Wirklich eine beeindruckende Reaktion. War sie mit Zauner enger befreundet?«
   »Elegant ausgedrückt, Konrad. Soweit ich das mitbekommen habe, ist sie eine abgelegte Geliebte. Also hinter vorgehaltener Hand und ohne Gewähr. Man munkelt, du weißt schon.«
   O ja, Konrad wusste allzu gut, wie die Stallpresse lief. Ein Gerücht hielt sich manchmal Monate, selbst wenn nichts Wahres dran war. Es konnte sich in Sekunden ausbreiten. In diesem Fall war ein Reitstall mit einem Polizeirevier vergleichbar. »Wer hat das gemunkelt?«
   »Die Sommer. Die hat sich soweit beruhigt. Sie ist mit den restlichen Kindern zur Ponywiese gegangen.« Utzschneider zeigte in Richtung Halle. »Hinter der Halle beginnen die Koppeln.«
   Konrad betrachtete die Gruppe abermals und entschied, dass es für ihn nichts mehr zu tun gab. Sie mussten auf die Ehefrau des Toten warten, und das würde, laut Telefonat, noch ein paar Stunden dauern. Frau Zauner war mit ihren Pferden in Regensburg.
   »Wo warst du eigentlich so lange?«
   »Erzähle ich dir gleich. Wie wär es, gehen wir essen, bis die Dame des Hofes eintrifft?«
   Utzschneider blickte auf die Uhr. »Es gibt hier in der Nähe einen ganz hervorragenden Wirt. Kennst du den …«
   »Hubertus. Genau den wollte ich vorschlagen. Also, wenn wir schon mal da sind …«
   »… wäre es ein Sakrileg, nicht dort einzukehren.«
   Utzschneider gab Thomas Lange Bescheid und bekam im Gegenzug das Versprechen, dass er sich bei ihm melden würde, wenn Frau Zauner am Hof einträfe.
   Konrad lud Meier ins Auto ein und freute sich auf das erste richtige Essen seit gestern früh. Ihm hing der Magen bis zu den Kniekehlen.

Zehn Minuten später bogen sie in den Parkplatz des Lokals ein und bekamen einen der letzten Parkplätze.
   »Wir haben Dienstag, es ist kurz nach zwölf Uhr und der Laden ist schon wieder gerammelt voll. Wie macht der das nur?«
   »Qualität und Fleiß«, vermutete Konrad und gab Utzschneider recht. Zu welcher Zeit man auch kam, es war gut besucht, das Lokal »Zum Hubertus«. Aber man bekam auch wirklich das beste Fleisch, und die Weißwürste waren legendär.
   Minuten später hatten sie einen Platz gefunden, wenn es auch nur ein Tisch in der Mitte des Raumes war, und orderten zwei Weißbiere bei der Bedienung. Sie bestellten gleich die Weißwürste mit und lehnten sich gemütlich zurück.
   »Was hältst du jetzt von dem Ganzen?«, fragte Utzschneider. Konrad war klar, dass sie nicht nur wegen des Mittagessens hier waren, sondern auch, um die Lage am Ertl-Hof zu besprechen.
   »Mord oder Unfall? Schwer zu sagen. Ich denke mal, wir müssen die Ergebnisse abwarten. Dabei muss ich schon sagen, dass ich dem Umstand, dass die Mikrowelle auf der Küchenanrichte stand, schon Aufmerksamkeit zolle. Wenn jemand die Möglichkeit am Schopf gepackt hat, dass der Zauner gerade günstig stand, und die Mikrowelle mit einem Ruck vom Regal genommen hat, war der Ausgang vorherzusehen. Wenn auch riskant.«
   »Der Regalboden hätte jederzeit auch anders fallen können. Dass er so einen Schwung drauf bekommt, dass er gleich den Schädel spaltet, war auch nicht unbedingt vorhersehbar.«
   Konrad wiegte seinen Kopf hin und her. »Vielleicht ist so etwas ja schon einmal passiert. Vielleicht hat mal jemand die Mikrowelle vom Regal genommen, und das Ganze kam ins Rutschen. Derjenige, der Zauner um die Ecke bringen wollte, war bei diesem Anlass anwesend und hat es sich gemerkt.«
   Utzschneider runzelte die Stirn. »Das halte ich wirklich für an den Haaren herbeigezogen. Glaube ich nicht. Viel eher war es so, wie Manfred es gesagt hat. Der Zauner schlägt sich mit einer solchen Wucht den Kopf an, dass er eine Platzwunde hat. Er macht sich auf die Suche nach etwas, was die Blutung stillt und bemerkt dabei nicht, dass das Regal durch die Wucht des Zusammenstoßes aus dem Gleichgewicht geraten ist. Er steht neben dem Regal und drückt sich gerade das Küchentuch auf den Kopf, als die gesamte Konstruktion in sich zusammenbricht und ihn unter sich begräbt.« Utzschneider trank einen großen Schluck Weißbier, nachdem er Konrad zugeprostet hatte.
   Konrad beschlich das Gefühl, dass für Utzschneider bereits alles abgehakt war. Er trank ebenfalls einen Schluck, wenn auch einen weitaus kleineren, und verzog sein Gesicht. »Möglich. Wir werden die Untersuchungsergebnisse abwarten müssen. Allerdings möchte ich, dass wir trotz allem die Augen und Ohren offen halten. Wenn es doch ein Mord war, werden wir froh sein über alles, was wir noch an Ort und Stelle erfahren haben.«
   »Apropos, hast du was bei deinem kleinen Alleingang erfahren? Und warum bist du eigentlich vorhin so schnell abgehauen?«
   Konrad nahm sich eine Brezen und brach sich ein Stück ab. Ein Weißbier auf nüchternen Magen hatte er noch nie gut vertragen. »Dieser Franz von Wies ist mein Onkel. Ich bin einem Zusammentreffen bewusst aus dem Weg gegangen.«
   »Und warum das? Familienzwist?«
   »Nein.« Konrad wunderte sich, dass Utzschneider so wenig Fantasie besaß. »Es ist doch, in Anbetracht, dass es ein Mord sein könnte, viel besser, wenn niemand etwas von dieser Beziehung zwischen mir und meinem Onkel weiß. Er könnte dann eventuell für uns tätig werden, ohne dass jemand einen Verdacht hegt.«
   Utzschneider fiel buchstäblich die Kinnlade herunter. »Sag mal Konrad, ich glaube wirklich, du liest zu viele von deinen Krimicomics. Du willst deinen Onkel als verdeckten Ermittler einsetzen?«
   »War so eine Idee.« Konrad zuckte mit den Achseln und war froh, dass im gleichen Augenblick die Weißwürste serviert wurden.
   »Ich dachte doch, dass ich den Namen schon einmal gehört habe.« Utzschneider fischte sich eine Wurst aus dem Kessel. »Die irre Alte in der Möhlstraße hat dich mal nach der Familie von Wies gefragt, oder?«
   Konrad dachte einen Augenblick an die Toten in der Möhlstraße und gestand sich ein, dass ihm der Fall immer noch Kopfzerbrechen bereitete. Er konnte mit Fug und Recht behaupten, dass sie ein Geständnis hatten, aber ein komisches Gefühl war geblieben. Konrad wandte sich lieber seinem Essen zu. Er hoffte, genau wie Stefan, Manfred und Utzschneider, dass sich der aktuelle Todesfall als ein Unfall herausstellen würde, aber irgendwie glaubte er nicht recht daran. Und leider lag er mit seinen Einschätzungen selten falsch.
   »Und, hast du noch etwas Interessantes im Stall gefunden?« Utzschneider zuzelte geräuschvoll an seiner Weißwurst. Konrad aß mit Messer und Gabel. Er bemerkte wohl den spöttischen Blick, als er ein Stück Wurst aufgabelte, ignorierte ihn tunlichst und zuckte mit den Achseln.
   »Ich bin dem selbst ernannten Faktotum des Stalls in die Arme gelaufen. Lothar Wenzel. Ein komischer Typ. Marke Cowboy. Hielt wohl nicht allzu viel von Zauner. Seiner Meinung nach könnte es sich sehr wohl um einen Mord handeln.«
   Utzschneider hob sichtlich interessiert die Augenbraue. »Dieser Wenzel war der Meinung, entweder eine verschmähte Geliebte oder ein gehörnter Ehemann …«
   »Dann ist an dem Gerücht mit Romy Adler vielleicht was Wahres dran. Aber sie fällt ja schon einmal aus. Sie war auf ihrem allmorgendlichen Ausritt. Der eine Stallknecht, ich glaube, das war dieser Andrash, hat mir bestätigt, dass sie jeden Morgen um die gleiche Zeit ausreitet. Bei jedem Wetter. Das hat er extra betont. Fast, als ob er stolz auf sie wäre. Er scheint überhaupt eine hohe Meinung von ihr zu haben. Darum ist er ja auch wahrscheinlich so schnell in den Wagen gesprungen, als ihr Pferd allein auf den Hof gerannt kam.«
   Konrad wischte mit seiner Restbrezen den süßen Senf vom Tellerrand. »Hat dir auch jemand gesteckt, wie lange das Verhältnis zwischen der Adler und Zauner aus ist? Und warum?«
   »Die Sommer hat mir das nur so eben zugeraunt, dann ist sie mit den Kindern vom Hof. Und nicht zu früh. Frau Adlers Nervenzusammenbruch eignete sich wirklich nicht für Kinderaugen.« Utzschneider beendete seinen Satz im Brustton der Überzeugung.
   Konrad nickte. Für Kinder war dieser Morgen am Ertl-Hof bereits mehr, als so kleine Geister verarbeiten konnten. Er hoffte, dass Lucia Sommer genug Courage zeigte, ihnen einen schönen und abwechslungsreichen Mittag und Nachmittag zu gestalten. Genug Ablenkung, um von den morgendlichen Aufregungen Abstand zu gewinnen. »Wenn wir von Mord ausgingen, wer käme denn überhaupt als Verdächtiger infrage und – die Frage noch einmal andersherum gestellt: Wer war überhaupt am Hof und hatte eine Möglichkeit?«

Reitstall Ertl-Hof, 13.30 Uhr

Vivienne Zauner war eine imposante Person. Sie maß gut und gern einen Meter fünfundsiebzig und war dabei von auffallend schlanker Gestalt. Sie trug ihre dunklen Haare in einem modischen Kurzhaarschnitt und wirkte, obwohl all diese Attribute eine andere Frau vielleicht maskulin gemacht hätten, sehr weiblich.
   Nach einem flüchtigen Händedruck sah sie Konrad direkt in die Augen. »Sagen Sie mir ehrlich, was Sie denken. Meinen Sie, es war Mord?«
   Konrad zuckte mit den Achseln. »Nach vorläufigen Untersuchungen kann es sich ebenfalls um einen Unfall handeln. Ich möchte Ihnen zunächst einmal mein Beileid aussprechen.« Vivienne antworte mit keiner Silbe, sondern sah auf den Boden. Im Hintergrund lud ein Stallknecht, wenn Konrad sich nicht täuschte, war es in diesem Fall Adam, die beiden Pferde aus dem Hänger. Ihm wurde dabei von einer jungen Frau geholfen, die genau wie Vivienne in Turnierkleidung gekleidet war. Konrad ließ sich einen Augenblick von dem Gerumpel, das das Ausladen begleitete, ablenken, dann wandte er sich erneut der Witwe zu. »Gibt es vielleicht einen Ort, an dem wir uns in Ruhe unterhalten können?«
   Vivienne zeigte auf ein Häuschen, das dem ihren auf den letzten Stein glich und auf der gegenüberliegenden Seite des Vierseitenhofs lag. Allerdings war der Zustand dieses Häuschens von außen weitaus besser, als von dem, in dem man den Toten aufgefunden hatte. Konrad schloss, dass es sich um das Gesindehaus handeln müsste, und verwette im Stillen seine Tweedkappe, dass Lothar Wenzel für den ordentlichen Eindruck zuständig war.
   Im Gegensatz zu dem Wohnhaus der Familie Zauner bröckelte kein Putz von der Wand, und die Fensterläden waren gestrichen. Konrad folgte Vivienne und sah sich nach Utzschneider um, der sich auf die Suche nach Lucia Sommer gemacht hatte. Utzschneider hoffte, nähere Auskünfte zu dem Verhältnis von Romy Adler und Norman Zauner zu bekommen.
   Konrad konnte keine Spur von Utzschneider entdecken und zog abermals den Kopf ein, um Vivienne in das kleine Häuschen zu folgen.
   Die Raumaufteilung schien identisch mit dem anderen Haus. Konrad betrat einen großen Raum, in dessen Mitte ein Tisch stand, der, flankiert von Regalen, den Mittelpunkt des Raumes ausmachte. Allerdings machte der gesamte Raum einen freundlicheren Eindruck, was nicht nur allein an dem Licht lag, das durch die großen Terrassenfenster einfiel. Der Raum roch gut, war sauber und aufgeräumt. Konrad ließ sich auf einen ihm angebotenen Stuhl fallen.
   »Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
   »Gern.« Konrad spürte sein Mittagstief nahen und sah Vivienne dankbar zu, wie sie eine große Kanne Kaffee aufsetzte. »Wer wohnt hier?« Konrad wusste von Lothar Wenzel bereits, wer das Haus bewohnte, hoffte allerdings mit einer einfachen Frage die Befangenheit zu lösen, die er verspürte. Selbst nach dreiundzwanzig Jahren war es ihm immer noch unangenehm, sich mit Hinterbliebenen zu unterhalten, auch wenn sie so gefasst auftraten, wie Vivienne es tat.
   »Das Personal und …«
   »Kann ich auch einen Kaffee haben?« Die junge Frau, die Konrad vorhin beim Ausladen der Pferde gesehen hatte, trat in den Raum. Sie wandte sich an Konrad. »Verzeihen Sie, dass ich hier so hineinplatze. Ich bin auch gleich wieder weg. Nur einen Kaffee.« Sie lächelte entschuldigend und ließ sich auf einen freien Stuhl fallen.
   »Sie sind?«, fragte Konrad leicht indigniert.
   »Nicky Schober.«
   »Sie ist meine Freundin und Turnierhilfe«, erklärte Vivienne mit ruhiger Stimme. Konrad sah von einer Frau zur anderen und hätte schwören können, dass die beiden Schwestern waren. »Sind Sie …?«
   »Nein, wir sind keine Schwestern«, sagte Nicky Schober. »Das denken viele. Wir sind gute Freundinnen, das ist alles.«
   »Und Sie wollten heute auf ein Turnier in Regensburg?« Konrad wusste nicht, was er von der Situation halten sollte. Die beiden Frauen verband ein spürbarer Zusammenhalt, den er sich nicht erklären konnte. Die Ruhe gepaart mit der Gelassenheit, die beide Frauen trotz des Geschehens vom Morgen ausstrahlten, machte ihn nervös. Er dachte an Lothar Wenzels Ausspruch, dass derjenige nicht mit Steinen schmeißen sollte, der im Porzellanladen saß, und musste gegen seinen Willen lächeln. Plötzlich kam ihm ein neuer Gedanke, der ihm das Lächeln aus dem Gesicht wischte. Was wäre, wenn diese zwei Frauen ein Verhältnis hätten? Wenn sie ein Liebespaar wären? Konrad runzelte die Stirn und fragte sich einen Moment, ob das, wenn er mit seiner Meinung richtig lag, irgendetwas an dem Fall ändern würde. Im Moment kam er auf nichts, da beide Frauen vorgaben, auf dem Turnier gewesen zu sein. Er machte sich einen Vermerk bei seinen geistigen Notizen, dass diese Alibis dringend überprüft werden mussten, wenn ein Unfall ausgeschlossen wurde.
   »Ja, das heißt, eigentlich dann doch nicht«, antwortete Nicky. Konrad sah sie fragend an. »Wir waren gerade angekommen und wollten eben zur Meldestelle gehen, als wir Paulinas, ich meine Paulina Körbers Anruf bekamen. Wir haben auf der Stelle umgedreht.«
   »Leider. Ich hatte mir große Chancen ausgerechnet.« Vivienne stellte Konrad eine Tasse Kaffee hin. »Wir haben nur noch die Pferde getränkt, dann sind wir losgefahren. Golden und Star verstehen sicher die Welt nicht mehr.«
   Konrad machte sich bewusst, dass es sich bei Golden und Star um die Pferde handelte, die er gerade gesehen hatte. »Gibt es außer ihren Pferden Zeugen dafür, dass Sie in Regensburg waren?«
   Vivienne blickte Konrad lange an. »Nein. Hätte uns der Anruf ein wenig später erreicht, wären wir gemeldet gewesen. Wir lagen gut in der Zeit. Es war noch eine halbe Stunde bis Meldeschluss. Wenn wir geahnt hätten, dass wir ein Alibi brauchen, hätten wir uns lieber offiziell gemeldet. So haben wir uns das Startgeld gespart, und das ist mir auch nicht unrecht. Reicht schon das Benzingeld, das wir unnötigerweise in die Luft geblasen haben.«
   »Vivie.« Nicky schien über den Ausbruch ihrer Freundin wenig entzückt. »Er ist ja nicht mit der Absicht gestorben, dich zu ärgern.«
   »Könnte man allerdings meinen. Gerade an dem Tag, an dem das Turnier stattfindet, für das ich das ganze Jahr trainiert habe. Wenn es ein Selbstmord wäre, wüsste ich, dass er mit Absicht gerade heute gestorben ist.« Vivienne hielt abrupt die Luft an, als ob sie sich jetzt erst bewusst wurde, was sie gesagt hatte, ließ sich ebenfalls auf einen Stuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht.
   Konrad sah an der muskulösen feingliedrigen Hand keinen Ehering und dachte sich seinen Teil. »Selbstmord können wir ausschließen«, murmelte er unnötigerweise, um überhaupt etwas zu sagen.
   »Was ist denn jetzt überhaupt passiert?« Nicky stand auf und schenkte sich und ihrer Freundin einen Kaffee ein.
   Vivienne nahm die Hände von ihrem Gesicht, und Konrad bewunderte das unbewegliche Antlitz, in dessen Augen keine Träne stand. »Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Leider können wir auch Mord nicht ausschließen und müssen deswegen alle Beteiligten befragen. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er durch Einwirkung des Regalbretts zu Tode kam.«
   »Durch Einwirkung des Regalbretts.« Nicky verzog ihr Gesicht.
   »Es hat ihm sicher den Schädel gespalten, so wie Lothar es ihm schon immer vorhergesagt hat«, erklärte Vivienne mit ruhiger Stimme.
   Konrad war von ihrer Kaltschnäuzigkeit fasziniert. »Es scheint Ihnen nicht allzu viel auszumachen, wenn ich das richtig beurteile.«
   »Ja, Herr Kommissar, Sie beurteilen es richtig. Es ist mir herzlich egal. Norman war ein Arschloch, verzeihen Sie die drastische Ausdrucksweise, aber es ist die einzige Bezeichnung, dir mir zu ihm einfällt. Es betrübt mich kein bisschen, dass er tot ist. Ganz im Gegenteil, es steigert meine Lebensqualität um einhundert Prozent.«
   Konrad trank einen Schluck Kaffee und buchte das eben Gehörte ein. Selten hatte er in seiner Laufbahn solch gnadenlose Ehrlichkeit erlebt.
   »Ich wollte mich von ihm scheiden lassen. Ich hätte mich so oder so von ihm getrennt.«
   »Wollte er die Scheidung ebenfalls?«
   »Ich denke doch. Schließlich war er es, der sich jeden Monat eine neue Geliebte nahm und auf seine Freiheitsrechte als Mann pochte.«
   Konrad merkte auf. Viviennes Stimme hatte einen bitteren Klang bekommen, was ihr wohl selbst auffiel, denn sie trank einen Schluck Kaffee und verstummte. »Dann hat er aus seinen«, Konrad suchte nach einer freundlichen Umschreibung, »aus seinen außerehelichen Beziehungen keinen Hehl gemacht?«
   »Nie.« Vivienne blickte zu Nicky, die bestätigend nickte.
   »Er hat einen nie im Zweifel darüber gelassen, wer gerade dran ist«, bestätigte Nicky. »Ganz im Gegenteil. Es musste jedem klar sein, auch wenn es einem egal war. So war er einfach. Er hat ohne Rücksicht auf Verluste gelebt. Und er hat damit nicht nur Viv wehgetan.«
   »Früher. Ganz am Anfang.« Vivienne lächelte. »Sehen Sie, irgendwann muss man als Partner einsehen, dass der andere nicht für die Treue geboren ist. Man kann um ihn kämpfen, aber man muss auch verstehen, wann der Kampf vorbei ist. Ich habe das schon lange aufgegeben. Norman war so. Das war es ja auch, was seinen Reiz ausmachte. Ich glaube, jede Frau ist auf ihn geflogen, weil er ihr das Gefühl gab, bei ihr würde er bleiben. Bei ihr und keiner anderen. Keine vor ihr hatte die Macht, ihn zu halten. Nur sie.« Vivienne seufzte. »Ich habe so viele Frauen kommen und gehen sehen, ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Zuerst war ich verletzt und habe ihm Vorhaltungen gemacht. Schlussendlich habe ich kapituliert. Wir haben das gemeinsame Geschäft und Gott sei Dank keine Kinder, die unter ihren Eltern leiden könnten. Ich bin meine Turniere geritten und er hat gemacht, was er wollte. So war das, und nichts weiter. Es ist also vollkommen unnötig, dass Sie unser Alibi überprüfen. Wir sind um acht Uhr in der Früh vom Hof und waren die ganze Zeit auf der Autobahn.«
   Nicky nickte bekräftigend.
   Konrad erhob sich und bedankte sich für den Kaffee. Als er vor die Haustür trat, stieß er auf Lothar, der die Blumen goss. Konrad zog seine Augenbraue hoch, da er ihm keinen Augenblick abnahm, dass die Blumen wirklich durstig gewesen waren. Eher tippte er auf Lothars Wissensdurst. Es hatte die ganze Nacht geregnet, und Konrad hätte seinen Mantel darauf gesetzt, dass alle Blumentöpfe feucht genug gewesen waren. »Interessant, nicht?«, begrüßte er Lothar, um ihn wissen zu lassen, dass er nicht dumm war.
   »Aber nichts wirklich Neues«, antwortete der Cowboy sichtlich ungerührt und goss die Fleißigen Lieschen, die eher wie begossene Pudel wirkten.
   Konrad war von der Kaltschnäuzigkeit verblüfft. »Und was wäre etwas Neues?«
   »Wenn sie zugeben würde, warum sie immer noch nicht geschieden ist. Manchmal versteigt sie sich sogar zu der Ausrede, dass er, ich meine Norman, die Scheidung nicht wollte, weil er sie zu sehr liebt.« Lothar schmunzelte, schüttete die Gießkanne aus und verschwand ohne ein weiteres Wort hinter dem Haus.
   Konrad sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Sollte sich dieser Fall als ein Mord herausstellen, würde er Lothar auf den Zahn fühlen müssen.

Konrad von Kamms Wohnung, 20.05 Uhr

Konrad saß an seinem Küchentisch und zeichnete. Wie er es schon von vornherein geahnt hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen und musste eine Zeichnung von dem heutigen Vorfall anfertigen. Dass diese Zeichnung nicht unbedingt zu denen gehören würde, mit denen er sich bei Verlagen vorstellen wollte, war ihm klar. Auf der anderen Seite war es eine Möglichkeit, mit dem Erlebten des Tages fertig zu werden. Von anderen Kollegen wusste er, dass sie sich nach besonders makabren Todesarten und Leichenanblicken regelmäßig zulaufen ließen. Ihn holte der Anblick einer Leiche auch regelmäßig zum Feierabend ein, doch er hatte sich angewöhnt, sich mit einer Zeichnung gegen das Grausen zu behelfen. Gerade, als er seinen Rotstift auspacken wollte, um der Zeichnung die nötige Dramatik zu verleihen, läutete das Telefon.
   »Konrad. Wie schön, du bist noch wach.« Konrad sah erstaunt auf die Uhr. Es war gerade einmal kurz nach acht und keine Schlafenszeit für einen Erwachsenen. »Ich muss dringend mit dir sprechen. Ich wäre ja schon früher auf dich zugekommen, aber du warst nicht mehr aufzutreiben.«
   Konrad fragte sich, wer um Himmels willen so vertraulich auf ihn einsprach. Er hatte keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte. »Um was geht es denn?«
   »Um den Mord an Zauner selbstverständlich. Um was denn sonst?«
   Konrad hatte einen Geistesblitz. »Onkel Franz?«
   »Ja, wer denn sonst? Und nenn mich nicht Onkel, das macht mich alt.«
   Konrad grinste, da er wusste, dass sein Onkel stramm auf die achtzig zuging. »Es ist noch gar nicht erwiesen, dass es Mord war, Franz.«
   »Du kannst mir glauben, es war Mord. Ich bin mir ganz sicher. Das ist ja auch der Grund, warum ich dich sprechen muss. Darum und aus einem weiteren Grund. Wann können wir uns treffen?«
   »Geht das nicht auch telefonisch?«
   »Reitest du noch?«
   »Nein.«
   »Schade. Sicherlich wegen dieser Person.«
   Konrad hörte den Vorwurf seines Onkels und schnaufte lautstark. »Jetzt fang bloß nicht wieder mit dieser Leier an. Ich bin jetzt seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet. Sabine kann nicht an allem die Schuld tragen.«
   »Aber sicherlich daran, dass du so unsportlich geworden bist.«
   »Woher willst du das denn wissen?« Konrad gab sich jegliche Mühe, nicht sauer zu werden, merkte aber, wie es ihm immer schwererfiel.
   »Erstens habe ich regelmäßigen Kontakt zu deiner Mutter, die, wie du weißt, kein Blatt vor den Mund nimmt. Zweitens habe ich dich heute in den Stall verschwinden sehen und muss sagen, mit einem Gang, der einem jungen Mann nicht unbedingt zu Gesichte steht. Eher einer angeschossenen Ente.«
   Konrad sog den Atem ein und zählte langsam bis zehn. Er würde sich nicht provozieren lassen. Ganz und gar nicht. Sein Onkel hatte es schon immer darauf angelegt, und er hatte keine Lust darauf, wie ein Hund, dem man auf den Schwanz trat, in die Luft zu gehen. »Bist du dann fertig? Ich habe Muskelkater vom Sport, wenn es dich interessiert. Darum laufe ich heute ein wenig merkwürdig.«
   »So, so, Muskelkater. Den bekommt man im Allgemeinen, wenn man nicht genug Sport macht. Aber wie dem auch sei. Ich würde mich freuen, wenn ich dich morgen am Stall begrüßen dürfte. Sagen wir, abends um halb sechs? Wenn du reiten magst, bringst du deine Reitkleidung mit. Wenn nicht, dann nicht. Aber was ich dir zu sagen habe, ist bestimmt interessant für euch.«
   »Auch wenn es kein Mord war?« Konrad wusste bereits, dass dieser Kommentar nicht ernst genommen werden würde.
   »Es war Mord, da kannst du deine Mütze drauf verwetten.« Ohne eine weitere Verabschiedung legt Franz auf und ließ Konrad nachdenklich in seiner Küche zurück. Sollte er es wagen und sich wieder auf einen Pferderücken schwingen?
   Der Gedanke daran war reizvoll, aber auch aufregend. Es war solange her, dass er geritten war. Genauso lange, wie seine Ehe bestand. Er legte seine Malutensilien zur Seite. Heute würde er keine Ruhe mehr finden. Er war bereits zu unruhig. Bedächtig ging er zu seinem wohlsortierten Barschrank und wählte einen zehn Jahre alten Scotch. Einen, so versprach er sich, und genoss, wie die samtige Flüssigkeit durch seine Kehle rann. Er wandte sich zum Fenster, blickte in den schwindenden Tag und fasste einen Vorsatz. Er würde Sport machen. Welchen auch immer. Er war faul und unsportlich geworden. Vielleicht würde Sabine dann wieder zu ihm zurückkommen. Vielleicht hatte Utzschneider ja recht, dass er ein neues Image brauchte. Dass er mit seiner Malerei und seinem Modegeschmack zu antiquiert war.
   Joggen und Fitnessklub schloss er aus. Sich an irgendwelche Geräte in einer miefigen Umgebung zu hängen, verabscheute er, hatte er schon während seiner Grundausbildung verabscheut. Blieben Fahrradfahren, Bergsteigen, Schwimmen oder Rudern. Konrad riss sich vom trostlosen Blick in den Hinterhof los und schenkte sich noch einen klitzekleinen Scotch ein. Keine der angedachten Sportarten riefen bei ihm Begeisterung hervor. Ganz im Gegenteil. Er kippt den Scotch und wechselte ins Schlafzimmer.
   Ganz hinten im Schlafzimmerschrank bewahrte er eine Kiste auf, in der er alle Sachen, die er vor seiner Ehe besessen hatte, verstaut hatte. Konrad räumte die sorgsam gefalteten T-Shirts aufs Ehebett, bevor er die Kiste aus dem Schrank zog.
   Voller Vorfreude öffnete er sie und erstarrte: Die Kiste war leer. Bis auf den Grund ausgeleert.
   Konrad ließ sich ohne Rücksicht auf die gebügelten T-Shirts auf das Ehebett fallen und glaubte für einen Augenblick, er bekäme einen Herzinfarkt, so schlecht wurde es ihm.

Mittwoch, 28. August 2013
Ettstraße, 8.00 Uhr

Konrad gab sich große Mühe, sein Privatleben auszublenden. Er hatte Kopfweh und ihm war schlecht. Auf der Fahrt ins Präsidium hatte er sich selbst einen dummen Hund geschimpft und sich geschworen, sich nichts anmerken zu lassen. Mit hocherhobenem Kopf und, wie er hoffte, unauffällig marschierte er ins Büro.
   »Na, kleines Gelage abgehalten?«, fragte Utzschneider, kaum dass er sein Sakko aufgehängt hatte. Konrad fragte sich zum wiederholten Male, wie es seinem Kollegen möglich war, seine aktuelle Befindlichkeit zu erraten. Es war ihm nicht nur unangenehm, sondern direkt gehend unheimlich. Konrad bevorzugte, nicht zu antworten und vertiefte sich sogleich in die Notizen, die auf seinem Tisch lagen.
   »Die Spusi und die Gerichtsmedizin haben bereits erste Ergebnisse. Um halb neun ist Besprechung.«
   »Ich weiß, ich hab schon alle verständigt.« Utzschneider ließ sich kein X für ein U vormachen. »Also, schieß schon los, was gab es zu feiern?«
   Konrad kapitulierte. Eigentlich war er Utzschneider dankbar, dass es ihn interessierte. »Nichts. Ganz im Gegenteil. Es war eher eine Beerdigung.«
   »Wer ist gestorben?« Utzschneider ließ Konrad nicht aus den Augen.
   »Meine Ehe und der Glaube daran, dass sie je gut war. Dass mich Sabine je geliebt hat oder je verstanden hat, was ich für sie aufgegeben habe.« Utzschneider nickte und schwieg. »War ja nicht nur mein Psychologiestudium, das ich wegen ihr an den Nagel gehängt habe, oder meine familiären Verbindungen. Vielleicht war es auch noch so eine Kleinigkeit wie mein gesamtes Privatleben. Meine Hobbys und meine Interessen. Also eigentlich alles.« Konrad ließ seine Schultern hängen.
   »Und was war der Anlass, dass du das endlich begriffen hast?«
   »Sie hat meine Sachen weggeschmissen.« In Konrads Stimme war jetzt noch die Empörung zu vernehmen, die er gestern Abend verspürt hatte, als er in die leere Kiste gestarrt hatte. Die Fassungslosigkeit, dass seine Sabine es fertiggebracht hatte, seine gesamte Vergangenheit auszulöschen, ohne ihn zu fragen.
   »Daniéle wollte auch schon mal meine Mütze wegschmeißen. Ich habe sie gerade noch aus der Altkleidersammlung retten können. Sie wäre abgetragen und speckig, meinte sie.« Utzschneider schnaufte. »Schlimm?«
   »Ach, weißt du, Utzi, es geht ja gar nicht um die Sachen, sondern eher um den mangelnden Respekt. Selbstverständlich waren Sachen dabei, die ich nicht ersetzen kann. Aber das wäre noch nicht einmal das Schlimmste. Ich habe seit Jahren nicht mehr in die Kiste gesehen. Das ist es nicht. Es ist nur …«
   »Versteh schon. Lieblos.«
   »Das trifft es. Aber lass uns das Thema wechseln, sonst wird mir gleich wieder schlecht.«
   Utzschneider sah auf die Uhr. »Was meinst du, war es Mord?«
   Konrad grinste. Wenn er eines an seinem Kollegen und Freund schätzte, war es die unglaubliche Geschwindigkeit, auf andere Themen zu kommen.
   »Ja.«
   »Wie, ja? Du meinst, es war Mord?« Utzschneider sah Konrad erstaunt über den Tisch hinweg an. »Das meinst du doch jetzt nicht ernst, oder? Meiner Meinung nach war das ein saublöder Unfall, sonst nichts.«
   »So sollte es aussehen. Wie ein saublöder, schon immer befürchteter Unfall. Ich glaube das nicht. An diesem Reitstall stimmt was nicht. Ich habe da so ein komisches Gefühl.«
   »Du und deine Gefühle. Aber mal ehrlich, du hast dich doch mit der Ehefrau des Verunglückten unterhalten.« Utzschneider grinste frech.
   »Mit der Frau des Verstorbenen. Ja, habe ich.«
   »Hat dir diese Unterhaltung denn irgendwelche Anhaltspunkte geliefert, dass der Tod ein unnatürlicher gewesen sein könnte? Ich dachte, sie wäre auf einem Turnier gewesen?«
   »Nicht bewiesen.« Konrad streckte sich ausgiebig. »Die ganze Gesellschaft gestern kam mir irgendwie merkwürdig vor. Keiner, außer dieser«, Konrad zückte sein Notizheft, »dieser Romy Adler und der Reitlehrerin schien von dem Tod berührt zu sein. Die Ehefrau und ihre Freundin waren so ruhig, dass es schon unnatürlich wirkte, dieses Stall-Faktotum, Lothar Wenzel, macht keinen Hehl daraus, dass er nicht traurig ist. Die Reitlehrerin bekommt einen Nervenzusammenbruch, und diese«, Konrad zog abermals sein Notizbuch zurate, »Paulina Körber hat sich auch merkwürdig verhalten, ganz so, als ob sie noch etwas zu sagen gehabt hätte.«
   Utzschneider grinste wieder. »Hatte sie auch. Ich habe mich gestern noch mit ihr unterhalten. Sie ist der Meinung, dass die Reitlehrerin dem Zauner den Schädel eingeschlagen hat.«
   Jetzt war es an Konrad, erstaunt zu sein. »Wieso das denn? Die Sommer hat den Toten entdeckt, oder?«
   »Die Körber hat mir allerdings erzählt, dass die Sommer schon seit langer Zeit wütend auf den Zauner war und wutentbrannt zum Wohnhaus gestapft wäre.«
   »Gab es einen aktuellen Anlass?«
   »Ja, den Reitkurs und die Hindernisse auf dem Sandplatz.«
   Konrad ahnte, was gemeint war. »Komm, wir holen uns noch einen Kaffee und gehen schon mal rüber. Ich bin gespannt, was die Spusi und die Gerichtsmedizin zu sagen haben. Um was wollen wir wetten, dass es Mord war?«
   »Wenn du dir so sicher bist, wette ich nicht mit dir. Du hattest bisher immer den richtigen Riecher. Allerdings …« Utzschneider blieb auf dem Flur stehen und legte den Kopf schräg. »Pass auf. Ich wette mit dir, dass es kein Mord war. Wenn ich gewinne, machst du einen Tag Sport mit mir, egal welchen. Wenn du gewinnst, mache ich mit dir jeden Sport mit, welchen du auch immer aussuchst.« Utzschneider grinste hämisch.
   Konrad verstand sofort. Utzschneider war es egal, wer gewann. So oder so musste er einen Tag Sport machen. Da kam ihm ein Gedanke. Konrad lächelte und schlug in die ihm hingehaltene Hand ein. »Abgemacht.«

»Wir haben sozusagen gepuzzelt.« Manfred zeigte mit einem Laserpointer auf das Bild, das der Beamer an die Wand warf. »Wir haben jeden Gegenstand, den wir auf dem Boden aufgesammelt haben, der Stelle des Regalbretts zugeordnet, wo er vorher stand. Dass der Haushalt Zauner nicht regelmäßig geputzt wird, um es freundlich auszudrücken, kam uns bei dieser Arbeit entgegen. Die Abdrücke im Staub, der sich gemischt mit den Küchenfetten auf dem Regalbrett gehalten hat, haben unsere Arbeit erleichtert. Das Ergebnis von unserer Seite: Die Mikrowelle stand bis zum Schluss auf dem Regal. Was noch interessant ist: An der Mikrowelle selbst sind eine Menge verschiedene Fingerabdrücke, was, wenn man bedenkt, dass sie in einem offen zugänglichen Reiterstübchen stand, nicht weiter verwunderlich ist. Auffallend allein ist, dass sie an den Seiten, also dort, wo man sie nehmen müsste, um sie zu heben, nur verschmierte, nicht brauchbare Fingerabdrücke aufweist. Ganz so, als hätte sie jemand abgewischt.« Manfred blickte noch einmal auf seine Notizen und wartete auf Fragen.
   »Es wäre also möglich, dass jemand die Mikrowelle vom Regal gehoben hat und sich aufgrund des verschobenen Gleichgewichts der Regalboden von diesen Eisenschnüren gelöst hat?« Patricia machte sich Notizen und sah, während sie sprach, noch nicht einmal auf.
   Manfred nickte mit Absicht. Erst, als Patricia stirnrunzelnd aufsah, ließ sich der Chef der Spurensicherung herab, ihr zu antworten. »Genauso ist es. Die Art und Weise, wie die Regalbretter befestigt sind, ist grob fahrlässig. Man hat für jedes Regalbrett zwei Drahtseile genommen, solche, womit man auch Vorhänge aufhängen kann, und hat die Bretter einfach in die Schlaufen gelegt. Sieht vielleicht, wenn man freundlich sein will, innovativ aus, ist aber, wie man sieht, höchst gefährlich. Die Stabilität der Konstruktion hängt stark davon ab, wie gut die Gewichtung auf dem Brett verteilt ist.«
   »Wie bei einer Wippe«, sagte Lommel und tippte sich an die Stirn. »Wer kommt denn auf so eine schwachsinnige Konstruktion?«
   »Anscheinend sollte an den Regalen auch noch weitergearbeitet werden. Wir haben Befestigungsmaterial gefunden, Schrauben und Klemmen, und gehen davon aus, dass die Regalböden mit den Seilen fest verbunden werden sollten.« Manfred zuckte mit den Achseln. »Man ist wohl nicht mehr dazu gekommen, diese anzubringen. Für den Toten ist diese Vorsichtsmaßnahme jetzt zu spät. Noch Fragen?«
   »Irgendwelche Briefe mit Morddrohungen, offene Rechnungen? Sonst irgendetwas, was auf einen Mord hinweist?« Utzschneider streckte sich in seinem Stuhl und sah in die Runde. »Bisher bleibe ich dabei: Es war ein saudummer Unfall. Jemand hat irgendwann die Mikrowelle vom Regal genommen. Zauner schlägt sich später und davon völlig unabhängig den Kopf an dem Regal an. Dadurch kommt die ganze Konstruktion langsam und unbemerkt ins Rutschen. Leider zuletzt mit voller Wucht, als er direkt neben dem Regal steht. Das Regalbrett trifft ihn.«
   »Stellt sich also die Frage: Wer hat die Mikrowelle vom Regal auf die Küchenarbeitsfläche gestellt, und warum?« Konrad sah in die Runde.
   »Zauner hat sich nicht den Kopf am Regal gestoßen«, widersprach Stefan und stand auf. Er deutete auf die Fotos, die mittels Magneten an der Schautafel festgemacht waren. »Wir haben bei ihm zweierlei Kopfverletzungen ausmachen können. Eine, die von dem Regalbrett verursacht wurde. Diese war so heftig, dass sie seinen Schädel eingeschlagen hat und das darunterliegende Gehirn verletzt hat. Auch wenn man es meinen sollte, war das allerdings nicht die Todesursache. Die Todesursache ist ein gebrochenes Genick.«
   »Und die zweite Verletzung? Woher stammt die?«, fragte Patricia, die sich wieder ihren Notizen zugewandt hatte.
   »Von einem scharfkantigen metallischen Gegenstand. Soweit ich es mitbekommen habe, haben Manfred und seine Leute leider nichts gefunden, das als Tatwerkzeug benutzt wurde. Dass sich Zauner den Kopf am Regal stieß, das daraufhin ins Rutschen kam, schließe ich aus. Wenn er sich am Regal gestoßen hätte, sähe die Platzwunde anders aus. Vor allem wäre sie an einer anderen Stelle. Man stößt sich nicht den Hinterkopf. Die Stirn, die Mitte des Schädels, aber nicht den Hinterkopf. Meiner Meinung nach sieht es eher nach einem Schlag aus, den Zauner von hinten erhalten hat.«
   »Ist es denn möglich, dass Zauner gar nicht bei Bewusstsein war, als das Regal auf ihn hereinbrach?«, fragte Lommel.
   »Nein. Nach Auswertung der Spuren würde ich sagen, dass Zauner, nachdem er die Verletzung am Hinterkopf erlitten hatte, eine Weile hin und her gelaufen ist. Er saß, als er den Schlag abbekommen hat. Ein Stuhl am Esstisch weist typische Spuren auf. Fußabdrücke in den Blutflecken beweisen ebenfalls, dass das Opfer noch nach dem Schlag herumgelaufen ist.«
   »Gut, gehen wir davon aus.« Utzschneider rutschte auf seinem Stuhl herum. »Er bekommt einen Schlag von hinten, der nicht tödlich war. Er steht auf und sucht sich etwas, um die Blutung zu stillen. Dabei läuft er neben der Küchenzeile auf und ab.«
   »Schlussendlich hat er ein Handtuch genommen«, sagte Manfred. »Küchenrollen oder Papiertaschentücher haben wir ebenfalls nicht gefunden.«
   »Er drückt sich also das Geschirrhandtuch auf die blutende Stelle und was passiert jetzt? Der Mörder, der mit seinem ersten Schlag keinen Erfolg hatte, hebt die Mikrowelle vom Regal und hofft, dass der zweite Schlag tödlich sein wird? Er legt es einfach darauf an? In der Hoffnung, dass es nach einem Unfall aussieht? Ich finde das merkwürdig.« Utzschneider schüttelte den Kopf.
   »Die Frage ist, ob die Tat geplant war oder nicht«, warf Konrad ein. »Wer auch immer die Mikrowelle vom Regal nahm, war er sich dessen bewusst, dass er damit das Regal ins Rutschen bringen würde?«
   »Nicht unbedingt«, antwortete Patricia mit dem Blick in ihren Aufzeichnungen. »Vielleicht wollte derjenige ganz etwas anderes. Vielleicht erinnerte er sich daran, dass ihm zuletzt eine Rolle Küchenpapier hinter die Mikrowelle gerollt war, und wollte sie für Zauner bergen? Es muss nicht unbedingt eine Mordabsicht hinter dieser Tat stecken.«
   »Und warum sind dann die Seiten der Mikrowelle abgewischt?«, fragte Lommel. »Derjenige, der die Mikrowelle vom Brett gehoben hat, hätte einen tragischen Unfall melden können. Es muss ihm oder ihr klar gewesen sein, dass Ermittlungen folgen würden. Dass er oder sie sogar unter Mordverdacht geraten könnte.«
   »Aber nur, wenn er oder sie ein Motiv hätte«, widersprach Patricia.
   Konrad lächelte still in sich hinein. Die Diskussion machte ihm Freude. Eigentlich sprachen seine Kollegen das aus, was er gedacht hatte. Er war gespannt, auf welche Schlussfolgerung sie kommen würden, und lehnte sich in seinem Stuhl vor.
   »Wir müssen den Vormittag von Zauner konstruieren, erst dann können wir sagen, wie es gewesen sein kann«, sagte Utzschneider.
   Konrad sah zu Manfred und Stefan und nickte ihnen bestätigend zu. Sie brauchten ihre kostbare Zeit nicht für die Gedankenspiele opfern, die jetzt folgen würden. »Ich möchte zunächst Stefan und Manfred verabschieden«, unterbrach er Utzschneider, der bereits Luft geholt hatte. »Wenn es neue Ergebnisse gibt …«
   »… schicke ich sie euch schnellstmöglich zu«, versprach Stefan und packte seine Sachen zusammen.
   »Ich werde mich jetzt noch einmal am Tatort umsehen. Gibt es noch etwas, auf das ich besonderes Augenmerk legen soll?«, fragte Manfred.
   »Ich würde mich über einen scharfkantigen metallischen Gegenstand freuen, der mit Blut behaftet ist, und über den Terminkalender des Toten«, sagte Konrad.
   Manfred zog seinen Datenstick vom Beamer. »Wir werden sehen, was wir finden können. Versprechen kann ich nichts. Gestern ist mir nichts in der Art aufgefallen, sonst hätte ich es bereits sichergestellt. Aber wir sehen uns auf dem gesamten Gelände um. Im Haus des Toten war kein Gegenstand, der auf die Tatwaffe hindeutet.«
   »Vielleicht im Stall?«, fragte Lommel.
   »Haben wir schon unter die Lupe genommen«, antwortete Manfred mit beleidigter Miene. »Reine Routine.«
   Lommel zog den Kopf ein und schrieb irgendetwas in seinen Block.
   Konrad war sich sicher, dass es nichts Wichtiges war, sondern eher zur Ablenkung diente. »Na dann. Danke euch beiden.«
   Die beiden Angesprochenen grüßten und verließen gemeinsam den Raum. Konrad seufzte hörbar auf, als sie draußen waren. So sehr er sich freute, mit diesen fähigen Männern zusammenzuarbeiten, entspannte er sich doch erst, als er mit seinem Team allein war. »Kurze Pause.« Er stand auf, um ein Fenster zu öffnen. Sein weiteres Vorgehen musste er sich gut überlegen und hoffte, dass es von seinem Team akzeptiert wurde.

Zehn Minuten später hatten alle erneut ihre Plätze eingenommen und warteten auf Konrad, der sich noch einen Kaffee geholt hatte, obwohl er eigentlich schon wusste, dass er ihm nicht bekommen würde.
   »Also«, sagte Konrad, stellte seinen Kaffeebecher ab und baute sich neben einem einfachen Clipboard auf. »Es stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl, wenn nicht drei: Es war Mord. Es war ein saublöder Unfall oder es war ein saublöder Unfall durch Fremdeinwirkung, und derjenige traut sich nicht, sich zu melden. Was meint ihr? Patricia?«
   »Ich tippe auf Mord. Soviel Zufall gibt es meiner Meinung nach nicht. Das Opfer bekommt einen Schlag auf den Kopf. Er wird sich den Schlag schwerlich selbst zugefügt haben. Dass er sich den Kopf gestoßen hat, scheidet ja nach den Untersuchungen aus. Genau an dem Tag, an dem ihm jemand eine stark blutende Platzwunde am Hinterkopf zufügt, löst sich die Konstruktion des Regals und erschlägt ihn. Weil jemand zufällig an diesem Tag die Mikrowelle vom Regal nimmt? Das sind mir einfach drei Zufälle zu viel, und damit plädiere ich auf Mord. Meiner Meinung nach sollten wir uns baldigst dran machen herauszufinden, wer der Nutznießer oder die Nutznießerin an Zauners Tod ist.« Patricia trank einen Schluck von ihrem grünen Tee, den sie immer in einer Thermoskanne mit sich herumschleppte und sah von einem zum anderen.
   »Ich stimme mit Patricia überein. Ich hatte ja noch keine Zeit, mich in die bisherigen Ergebnisse einzuarbeiten, aber von allem, was ich gehört habe, bin ich fast sicher, dass es Mord ist«, sagte Lommel.
   Konrad grinste Utzschneider an. »Und was ist mit dir? Immer noch der Meinung, dass es sich um einen saublöden Unfall handelt?«
   »Eigentlich wäre mir das am liebsten«, gab Utzschneider unumwunden zu. »Aus verschiedenen Gründen.« Er grinste. »Aber ich muss gestehen, dass es wirklich zu viele Zufälle sind, um diesen Fall auf sich beruhen zu lassen.«
   »Und du Konrad, was denkst du?«, fragte Patricia.
   »Ich möchte bei der zweiten Möglichkeit bleiben. Es war ein saublöder Unfall.« Drei ungläubige Augenpaare starrten ihn an. Konrad hob beschwichtigend die Hände. »Offiziell. Ich habe vergessen zu sagen, dass ich es gern offiziell als einen saublöden Unfall ansehen möchte. Wenn ihr einverstanden seid, bis übermorgen.«
   Das Gemurmel, das ihm jetzt entgegenschlug, erstaunte ihn ebenso wenig, wie die Blicke zuvor. Wieder hob er die Hände.
   »Ich habe gestern nicht eine Person in Norman Zauners Umfeld erlebt, die wirklich betrübt oder erschüttert auf seinen Tod reagiert hätte. Wenn man von Romy Adler und Lucia Sommer absieht. Ich persönlich bin der Meinung, dass es Mord war. Ich habe ein paar Unterhaltungen geführt, die meine Meinung bestätigen. Jedem an dem Stall war klar, dass die Regalkonstruktion gefährlich war. Ohne Ausnahme. Es hing ja sogar ein Warnschild an der Wand. Wer immer die Mikrowelle vom Regal nahm, wollte, dass es aus dem Gleichgewicht kommt. Ich möchte euch lediglich bitten, auf eventuelle Nachfragen auch vonseiten der Presse ausweichend zu reagieren. Sagt, ihr wartet noch auf die Auswertung der Spurensicherung und der Rechtsmedizin, wenn man euch fragt. Ich könnte mir vorstellen, dass wir mehr erfahren, wenn sich der Täter in Sicherheit wiegt und annimmt, dass wir von einem tragischen Unfall ausgehen.« Konrad sah in die Runde und erkannte an den Gesichtern, dass niemand etwas gegen seinen Vorschlag einzuwenden hatte. Er war zufrieden. »Ich werde noch einen Kollegen anfordern. Ansonsten das Übliche. Lommel, guck, was du im Netz über diesen Stall, Norman Zauner und seine Frau herausfinden kannst. Patricia, häng du dich mal an diese Romy Adler. Mit der stimmt etwas nicht. Nächste Besprechung«, Konrad sah auf die Uhr, »um halb zwei. In Ordnung?« Nachdem keiner widersprach, schrieb er den neuen Termin auf das Clipboard und leerte seinen kalten Kaffee ins Waschbecken.
   »Und was mache ich?«, fragte Utzschneider, nachdem bereits alle den Raum verlassen hatten.
   »Du könntest dich um das Alibi der Ehefrau kümmern. Das Turnier war gestern in Regensburg, den Namen des Stalls weiß ich nicht. Wird nicht so schwer sein.«
   Utzschneider sah Konrad erstaunt an. »Und was machst du? Doch nicht schon wieder Alleingänge, wie üblich?«
   »Ich sammle Informationen, wie ihr alle. Du kannst dich mit Patricia koordinieren, was Frau Zauner angeht, und vergiss Nicky Schober nicht.«
   »Wer ist das denn?«
   »Die Turnierbegleitung.«
   Utzschneiders Gesicht überlief ein Strahlen, das Konrad sofort einordnen konnte. Er hatte geahnt, dass Utzschneider die Erscheinung der dunkelhaarigen Schönheit nicht entgangen war. Sie war genau sein Typ.

Katis Reitsportladen, 12.00 Uhr

Nachdem Konrad Sebastian Huber, einen ehemaligen Streifenpolizisten, der seine Prüfung zum Kommissar geschafft hatte, für sein Team gewinnen konnte, stand er auf und warf Meier einen fragenden Blick zu.
   Meier streckte sich, gähnte ausgiebig und trottete hinter ihm her. Konrad grinste. Er wusste, dass Meier nichts so sehr hasste wie Regenwetter. Und es regnete. Eigentlich war es eine Untertreibung, von Regen zu sprechen, es schüttete.
   Konrad ließ Meier in sein Auto einsteigen und schnallte sich an. Bereits der Gedanke an den Zielpunkt seiner Fahrt machte ihn nervös. Er rügte sich in Gedanken einen feigen Hund und gab Gas.
   Als er gestern Abend in die leere Kiste gestarrt hatte, war ihm dieser Gedanke gekommen. Ein Gedanke, der mit jedem Scotch mehr zu einer fixen Idee wurde. Allerdings war ihm gestern Abend alles ganz einfach erschienen. Eigentlich war ja auch nichts dabei, nach fast dreißig Jahren seine große erste Liebe zu besuchen. Besuchen war zu viel gesagt, verbesserte sich Konrad sofort. Sie aufzusuchen und um Hilfe zu bitten.

Eine Viertelstunde später parkte er seinen Wagen vor einem einfach aussehenden Haus, das sich innerhalb der letzten dreißig Jahre kein bisschen verändert hatte. Konrad blieb noch einen Augenblick im Wagen sitzen und besah sich die Fassade des Einfamilienhauses, die untypischerweise durch eine Schaufensterfront unterbrochen wurde. Zwei Schaufenster, die nicht beleuchtet waren. Konrad blickte auf die Uhr und runzelte die Stirn. Hätte er vorher anrufen sollen? Hatte Katis Reitsportladen nicht geöffnet? Konrad nahm sich ein Herz und stieg aus. Meier wollte im Auto warten. Konrad war das recht, denn ein nasser Meier war noch schlimmer als ein schlecht gelaunter, trockener Meier.
   Konrad rannte um seine Kühlerhaube auf das kleine Vordach zu und hechtete gegen die geschlossene Tür.
   Er besah die Auslagen, die ihm einerseits modern, auf der anderen Seite leicht angestaubt vorkamen, und bemerkte den Zettel, der zwischen etlichen Kleinanzeigen hing. Bitte klingeln. Komme sofort.
   Konrad war erleichtert und klingelte. Dann wartete er gespannt. Wenige Augenblicke später kam, den Blumenbeeten ausweichend, ein Regenschirm auf ihn zu. Konrad trat zur Seite, um dem tropfenden Schirmrand auszuweichen und versuchte, einen Blick auf die Person dahinter zu werfen. Vergeblich. Kaum war der Schirm zu, bekam er schon nur noch den Rücken zu sehen und Schlüsselrasseln zu hören. Dann war die Tür auf, das Licht ging an und Kati, wenn es denn Kati war, verschwand in den Raum nach links, um weitere Lichtschalter zu betätigen.
   »Eine Beleuchtung, wie um Mitternacht«, sagte sie. »Grüß Gott erst einmal.«
   Konrad war im Eingang stehen geblieben. Mehr blieb ihm zunächst auch nicht übrig, da er nicht gewusst hätte, wohin er sich wenden sollte. Nach und nach konnte er mehr von dem kleinen Laden erhaschen und war hin und her gerissen zwischen Entsetzen und Faszination.
   Der höchstens fünfzig Quadratmeter umfassende Laden war bis zur letzten Ecke vollgestopft mit Reitutensilien. In den Regalen türmten sich die verschiedensten Bürsten zur Fellpflege, daneben waren Sprays aufgebaut. Mähnenwunder und Schweifglanz las er. Konrad wunderte sich. Zu seiner Zeit hatte man den Schweif einfach gewaschen, dann hatte er auch geglänzt. Konrad erfasste mit einem Blick Hunderte von Halftern, Trensen, Sätteln, Satteldecken, Pferdedecken, Reitgerten, Fachliteratur, Lederzeug, das er nicht zuordnen konnte und Nippes, den die Welt nicht brauchte. Sicher war das Inventar in jedem Reitsportladen sehr ähnlich, aber bestimmt stand es in anderen Läden nicht so dicht gedrängt.
   Konrad blickte nach links und gab den Gedanken, sich zunächst erst einmal allein nach einer Reithose umzusehen, auf. Der linke Raum war der Bekleidung für Reiter vorbehalten und war so vollgestopft, dass Konrad nur zwei Schritte hineinwagte, ohne Sorge zu tragen, etwas umzuschmeißen. Reithosen stapelten sich auf dem Fußboden und auf den Kleiderstangen, an denen außer Reithosen auch Reitjacken hingen. An der hinteren Wand machte er ein Regal aus, in dem sich Reithelme türmten. Gleich neben dem Türeinlass stand eine Schütte, in der Reithandschuhe im Sonderangebot angepriesen wurden.
   »Wie kann ich dir helfen, Konrad?«
   Konrad fuhr herum und blickte in das sanfte Lächeln, das ihn schon vor so vielen Jahren angezogen hatte. »Du erkennst mich?«
   »Ich bin alt geworden, nicht blind.« Katis Lächeln verwandelte sich in ein spitzbübisches Grinsen, das ihren Worten Lüge strafte.
   Alt war sie nicht geworden. Konrad lächelte ganz entspannt zurück. Welche Vorstellungen hatte er sich von diesem Augenblick gemacht, und wie einfach und natürlich war es. »Ich bräuchte eine Reithose.« Konrad gab sich einen Ruck. »Und alt bist du nicht geworden.«
   »Konrad, du weißt, wie alt ich bin. Honig ums Maul schmieren hat bei mir noch nie gezogen, wenn ich dich daran erinnern dürfte.«
   »Aber auch noch nie geschadet.« Konrad wunderte sich, wie schnell Kati, die eigentlich Katja hieß, und er zu dem gleichen leichten Tonfall gefunden hatten, mit dem sie sich vor dreißig Jahren gegenseitig aufgezogen hatten. Damals waren sie gerade mal volljährig geworden und hatten beide hochfliegende Pläne. Pläne, von denen offenbar nicht einer in Erfüllung gegangen war. Er verzog das Gesicht.
   »Eine Reithose. Immer noch Größe vierundfünfzig?« Konrad freute sich, bejahen zu können. Kati stieg behände über ein paar Stapel, verschwand einen Augenblick später aus seinem Sichtfeld, nur um kurz darauf mit drei verschiedenen Reithosen wieder aufzutauchen. »Braun, blau, schwarz. Hast du irgendeinen besonderen Wunsch?«
   Konrad musterte die Hosen, die Kati in der Hand hielt, und hob abwehrend die Hände. »Keine von denen. Hast du nicht noch solche …« Er suchte nach dem richtigen Ausdruck, den er schon gestern Abend im Internet verzweifelt gesucht hatte.
   Gestern Abend hatte er sich die Reitsportläden im Netz angesehen und zu seinem Missfallen festgestellt, dass es die Art Reithosen, die er schon immer präferiert hatte, nicht mehr gab. »Diese am Oberschenkel ausgestellten Reithosen. Du weißt schon, die die Engländer damals getragen haben. Vor hundert Jahren.«
   Katis Mund war, während Konrad die Reithosen beschrieben hatte, immer mehr in die Breite gegangen. So weit, bis sie schließlich in einer lachenden Explosion endete. »Das meinst du jetzt aber nicht ernst. Breeches. Du meinst Breeches. So etwas trägt heutzutage kein Mensch mehr. Das ist völlig out.«
   »Ist mir doch egal«, maulte Konrad und hörte sich dabei wie ein Dreijähriger an. Da er das merkte, straffte er seine Schultern und räusperte sich. »Ob diese Hosen modern sind oder nicht, ist zweitrangig. Ich kann mich einfach mit diesen engen Strumpfhosen nicht anfreunden.« Konrad wies in die Richtung der Reithosen, die Kati mittlerweile zur Seite gelegt hatte. »Hast du keine mehr von denen, oder weißt du nur nicht, wo die stecken?«
   Kati musterte ihn mit einem gespielt beleidigten Blick. »Ich weiß immer ganz genau, wo was ist. Das hier«, sie machte eine allumfassende Handbewegung, »sieht nur für einen Uneingeweihten nach Chaos aus. Da ist ein System dahinter. Selbstverständlich habe ich solche Hosen noch. Die Frage ist nur, ob du sie wirklich tragen willst.« Konrad nickte.
   »Wegen deiner dünnen Beine.« Kati hatte bereits den Raum verlassen. Offenbar in einen Keller. Konrad wollte sich das Lager des Ladens gar nicht erst vorstellen. Er atmete tief durch und sah an sich hinunter. Kati hatte recht. Es lag an seinen dünnen Oberschenkeln, dass er sich nicht in einer üblichen, eng geschnittenen Reithose vorstellen konnte. Die ausgestellten Beine der Breeches hatten diesen Makel immer gut kaschiert. Konrad probierte aus Spaß ein paar Reithandschuhe an, stellte überrascht fest, dass er auf Anhieb die richtige Größe gefunden hatte, und legte das Paar auf den Kassentisch. Er atmete noch einmal tief durch und merkte, wie ihm der Geruch von Leder, der typische Geruch von Pferdeutensilien, gefehlt hatte. Er schloss die Augen und ließ sich von diesem Gefühl treiben, bis er durch ein Räuspern in die Gegenwart zurückgeholt wurde.
   »Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken«, sagte Kati mit spöttischer Stimme. Konrad öffnete ganz langsam die Augen. Für einen Augenblick war es, als würde er morgens wach werden und Kati läge neben ihm. Genauso, wie es vor vielen Jahren gewesen war. »Vertraust du mir?«
   Konrad riss die Augen endgültig auf. »Inwiefern?«
   Kati wedelte mit ein paar Reithosen. »Die hier stehen dir sicher. Probiere die doch mal.«
   Konrad beäugte die Hosen misstrauisch. »Sind das Jodhpur?«
   »Ja, die sind gerade geschnitten. Keine Strumpfhosen, versprochen. Ganz normal, wie eine Jeans, nur bequemer. Du wirst gar keine andere mehr tragen wollen.«
   »Eine Umkleide?« Konrad sah sich suchend um, entdeckte einen Vorhang und fragte sich gerade, wie er es über die Reithosenstapel bis dorthin schaffen würde, als Kati ihn aus seiner Überlegung riss.
   »Zieh dich einfach da um, wo du stehst. Ich guck dir sicher nichts ab, außerdem kann ich dich gar nicht ganz sehen.«
   Konrad war es unangenehm, tat aber, was sie ihm gesagt hatte. Er fragte sich, ob andere Kunden auch auf diese ungewöhnliche Behandlung eingingen, und stieg aus seinen Hosen.
   Die Jodhpur saß wie angegossen. Konrad entdeckte einen Spiegel und musste seiner ersten großen Liebe eingestehen, dass sie, was ihren Laden anbetraf, alles im Griff zu haben schien. »Und wie geht es dir sonst so?« Er probierte die nächste Hose. Eigentlich hatte er sich schon für die erste entschieden, aber er wollte noch einen Grund haben, länger zu bleiben.
   »Soweit gut. Ich kümmere mich um meinen Vater und habe diesen Laden. Also nichts wirklich Spannendes. Aber ich kann mich nicht beklagen. Und du?«
   »Keine Beschwerden.«
   »Bist du immer noch bei der Polizei?«
   »Kriminalpolizei.«
   »Der Fall am Ertl-Hof?«
   »Ja, an dem bin ich dran. Ich gebe es auch gleich zu, ein weiterer Grund, dich zu besuchen.«
   »So weit ist es schon mit uns gekommen.« Kati hob theatralisch die Arme zur Decke. »Erst muss einer umgebracht werden, damit du mich mal besuchst.«
   »Das ist noch gar nicht sicher.«
   »Was? Dass du mich besuchst?«
   »Dass es Mord war.«
   »Ich bin mir sicher.« Kati schlug die Handflächen zusammen. »Der hat schon immer die Finger in dubiosen Geschichten drin gehabt. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde er sogar einmal mit der Drogenmafia in Verbindung gebracht. Das war aber vor seiner Zeit in München. Dann dieses ewige Fremdgehen. Konrad, du kannst mir glauben: Es war Mord.«
   Konrad grinste. Kati war genau die richtige Schaltstelle der Reitställe, um alles zu wissen, was getratscht wurde.
   »Wieso weißt du schon wieder, was der Zauner vor seiner Zeit in München gemacht hat?«
   »Weil der damals ein hervorragender Springreiter war. Ist für die DDR gestartet.«
   »Darf ich dich heute Abend zum Essen einladen? Dann hast ein wenig Zeit zum Überlegen.«
   Kati lächelte. »Du alter Schwerenöter. Eigentlich müsste ich dir einen Korb geben. Sich jahrelang nicht blicken zu lassen, und dann wegen eines Falls aufzukreuzen. Aber meinetwegen. Allerdings wird das mit dem Ausführen nichts. Wenn es dir recht ist, koche ich. Ich kann meinen Vater nicht so spontan allein lassen.« Kati sah Konrad bittend an, und ihm wurde im selben Augenblick klar, wie oft dieser Satz eventuelle Beziehungen schon im Vorfeld zerstört haben musste.
   »Gern, ich freu mich. Sagen wir halb neun, oder ist dir das zu spät?«
   »Halb neun ist prima, und jetzt nimm schon die Hose, die du zuerst anhattest. Ist ja sonst nicht deine Art, mehrere zu probieren.« Kati ging an ihm, der noch in der Unterhose dastand, vorbei zur Kasse. »Ich mach dir einen Freundschaftspreis, der alten Zeiten wegen.«

Ettstraße, 13.30 Uhr

Konrad war schon etwas früher in den für seine Soko reservierten Raum gegangen und hatte zunächst mit Sorge an die Tür geblickt, ob sich schon jemand die Mühe gemacht hatte, einen Namen für den Fall, wenn es denn ein Fall wäre, zu finden.
   Beim letzten Mal war irgendjemand der Name »Soko Weihnachtsmann« eingefallen, und Konrad befürchtete Namensgebungen wie »Brett vorm Kopf«.
   Vorsorglich, und weil es seine Aufgabe als Leiter der Sondereinheit war, schrieb er »Soko Ertl-Hof« auf ein Blatt und hängte dieses draußen an die Tür.
   Um Viertel vor zwei waren endlich alle soweit versammelt, und Konrad sah von einem zum anderen, um abzuschätzen, ob einer von ihnen so wirkte, als ob er eine wichtige Mitteilung zu machen hätte. Leider war dem nicht so, außer seine Kollegen hätten sich innerhalb der letzten zwei Stunden soweit unter Kontrolle bekommen, dass er ihnen ihre Gemütsregungen nicht mehr vom Gesicht ablesen konnte. Wenn es nämlich eines gab, worauf Konrad wirklich stolz war, dann war es seine Gabe, in Gesichtern zu lesen. »Also? Hat jemand etwas herausgefunden, das uns in diesem Fall weiterhilft? Motive? Erbschaften?«
   Lommel räusperte sich, und Konrad dankte ihm im Stillen. Auf Lommel und seine Computerrecherchen war Verlass. »Ich habe mir wie abgemacht alles angesehen, was ich über diese Zauner herausfinden konnte. Alles im allem nichts Besonderes. Keinerlei Einträge. Im Internet gibt es dafür umso mehr. Sie wie er, sind, respektive waren, sehr erfolgreich im Turniersport. Diverse Einträge auf Fachsportseiten. Ansonsten keine Vorstrafen. Nichts.«
   Konrad stutzte. »Keine Einträge wegen Drogendelikten?«
   Lommel schüttelte den Kopf. »Keinerlei Einträge. Warum?«
   Konrad winkte ab und wandte sich Utzschneider zu, der mit den Achseln zuckte. »Diese Nicky Schober, eigentlich Nicolette Schober, konnte mir nicht mehr erzählen, als sie es schon gestern hat. Sie ist mit Frau Zauner gegen acht Uhr früh nach Regensburg gefahren. Frau Zauner saß am Steuer. Bevor sie losgefahren sind, hat es anscheinend noch einen riesigen Krach mit Norman Zauner gegeben. Aber er hat, laut Frau Schobers Aussage, noch gelebt, als sie gestartet sind. Sie ist nämlich selbst in das Stüberl gegangen, um Frau Zauner abzuholen. Mit ihrem Eintreten hat sie den Streit unterbrochen. Frau Zauner hat sich dann völlig sauer ans Steuer gesetzt und ist losgefahren, wie eine Gesengte. Frau Schober hatte bereits damit gedroht auszusteigen, wenn sie sich nicht beruhigte. Das hat sie dann wohl.«
   »Sicher?« Konrad machte sich eine Notiz. »Hat Frau Schober mitbekommen, um was es bei dem Streit ging?«
   »Nicht direkt. Aber sie hat ausgesagt, dass sich das Paar täglich gestritten hätte, und es wäre immer um die Scheidung gegangen. Darum hätte sie schon gar nicht mehr darauf geachtet.« Utzschneider zuckte mit den Achseln.
   »Damit wäre das Alibi unserer Ehefrau wasserdicht, oder?« Konrad machte einen Vermerk am Clipboard.
   »Wenn Frau Schober nicht von ihrer Aussage zurücktritt, ja.«
   »Wer hat sich mit Romy Adler befasst?«
   Patricia hob die Hand. »Die ist völlig durch den Wind.« Sie ordnete ihre Unterlagen. »Ich bin froh, wenn ich überhaupt irgendetwas Brauchbares habe. Aber für uns könnte sie interessant sein.«
   »Warum?« Konrad schrieb »Romy Adler« unter »Vivienne Zauner« und drehte sich wieder zu Patricia.
   »Frau Adlers Aussage nach sei an allem nur Charlotte Sandorf schuld. Das ist anscheinend Zauners aktuelle Geliebte. Sie hätte Norman Zauner auf dem Gewissen. Sie, also die Adler, hätte ihn immer geliebt, und nur diese Hexe, also die Sandorf, wäre an allem schuld.« Patricia zuckte entschuldigend mit den Achseln. »Mehr habe ich nicht verstehen können. Die Adler ist auf diese Aussage hin derartig in Tränen ausgebrochen, dass ich kein weiteres Wort verstanden habe. Es liegen keine Einträge über sie vor, und im Internet konnte ich auch nichts finden.«
   Konrad verzog sein Gesicht und machte ein Fragezeichen hinter »Romy Adler«.
   »Eins noch«, sagte Patricia. »Bevor sie wegen dieser Sandorf in Rage geriet, hat sie mir noch mitgeteilt, dass sie in Scheidung mit ihrem Mann, einem Dr. Markus Adler, lebt und halbtags bei einer Apotheke als Fachangestellte arbeitet.«
   Konrad machte einen Vermerk. »Dann werden wir diese Charlotte Sandorf wohl mal herbestellen müssen, gleich zusammen mit der Ehefrau des Toten.«
   »Und die Sommer gleich dazu.« Utzschneider verschränkte die Arme hinter dem Kopf und wirkte sehr zufrieden.
   »Die Reitlehrerin?«
   »Genau die. Wenn ich Paulina Körber glauben darf, hatte sie einen gewaltigen Zorn auf den Zauner. Hat auch noch nie einen Hehl daraus gemacht. Vielleicht hat sie aus Versehen die Mikrowelle vom Regal genommen, gesehen, was für ein Unheil sie angerichtet hat und deswegen alle Fingerabdrücke weggewischt. Vielleicht war es wirklich nur ein dummer Unfall?«
   Konrad ignorierte Utzschneiders Grimassen und wandte sich Patricia zu. »Übernimmst du die Anrufe an die Sommer, die Zauner und die Sandorf? Hat jemand mit Lothar Wenzel gesprochen?«
   »Ich habe versucht, deinen Cowboy ans Telefon zu bekommen, aber das ist anscheinend unmöglich. Bei der Nummer, die uns die Reitlehrerin gegeben hat und die zu dem Personalhaus gehört, geht nie einer ran, und bei der anderen geht zwar jemand hin, aber der- oder diejenige kann dann niemanden finden.«
   Konrad hatte sich so etwas schon gedacht. »Macht nichts, um den kümmere ich mich heute Nachmittag. Ich fahre sowieso zum Ertl-Hof, da kann ich ihm gleich mal auf den Zahn fühlen. Ich bin mir sicher, dass der mehr weiß, als alle Beteiligten zusammen.« Utzschneider sah Konrad fragend an, doch dieser hatte keine Lust, ihm sein Vorhaben auf die Nase zu binden. »Hat die Spurensicherung oder die Gerichtsmedizin noch irgendwas für uns?«
   »Stefan will sich nachher noch einmal melden. Er hat weitere Auswertungen. Nichts Dramatisches, aber immerhin neue Ergebnisse.«
   Konrad nickte. »Ich würde gern einen Ablauf des Morgens am Ertl-Hof skizzieren. Dazu einen Plan, wo sich wer wann aufhielt.« Bevor er noch einen Widerspruch einholen würde, drehte sich Konrad zum Clipboard und fing an, eine Skizze vom Reitstall zu zeichnen. Patricia, die diese Handlungsweise von ihrem Chef bereits kannte, stand ebenfalls auf und schrieb mit sauberer Handschrift auf die Tafel daneben: »8.00 Uhr Abfahrt Vivienne Zauner und Nicky Schober. Opfer noch am Leben.«

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