Das Leben machte einen dicken Strich durch alle Rechnungen von Privatdetektiv Friedhelm Sünder. Sein Geschäft lief schlecht und er widmete sich nur noch dem Suff, seinem Selbstmitleid und der Angst vor seiner Angst. Bis sein bester Freund ermordet wird. Sünder, der die Tat nicht verhindern konnte, rappelt sich auf, um den Mörder zu finden. Doch auf dieser Suche bleibt es nicht nur bei einer Leiche und schon bald sieht sich Sünder Gegnern gegenüber, deren Machenschaften mit vielen Leichen gepflastert sind.

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ISBN: 978-9963-53-612-2

Seiten: 241

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Hartmut W. H. Köhler

Hartmut W. H. Köhler
Hartmut W. H. Köhler wurde 1966 in Hildesheim geboren und ist in der niedersächsischen Kleinstadt Sarstedt aufgewachsen. Er lebt und arbeitet in Hamburg. Seit 2005 konnte er einige Kurzgeschichten veröffentlichen, und bei bookshouse erschienen sein Kroatien-Krimi „Die Antonia-Akte“ sowie die beiden Kriminalromane „Die Welt will betrogen sein“ und „Das Bankett der Witwenmacher“, in denen der Hamburger Privatdetektiv Sünder ermittelt. Ein dritter Sünder-Roman ist in Arbeit. 

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

PrologFreitag, 19. April 1968
Hamburg, Neustadt
Vormittags

»Und hier unten noch einmal unterschreiben, bitte.«
   »Wie immer.«
   Herr Freiberger nickte und schob mir einen Überweisungsträger und seinen Füllfederhalter über den Tisch. Freiberger war mein Berater bei der Bank und machte auch meine Steuererklärungen. Ein Service, den das private Geldinstitut seinen Kleinunternehmern bot. Es war wieder Zahltag für den Steuerabschlag, und deshalb saß ich vor Freiberger und unterschrieb den Zahlschein.
   Wir hatten es uns in einem Besprechungsraum bequem gemacht. Der Raum war mit einer halbhohen Holzwand und einem Glasaufsatz, der bis zur Decke reichte, vom Schalterraum abgetrennt.
   »Wie laufen denn die Geschäfte in der Detektivbranche?«
   Ich wusste, dass Freiberger nur auf mein Konto zu gucken brauchte oder dies auch schon getan hatte, um zu erfahren, dass es momentan nicht so blendend aussah. Meine Reserven waren fast aufgebraucht, doch ich machte die Konversation mit. »Seitdem ich mich mehr auf die Aufträge aus der Industrie konzentriere, läuft es besser.«
   »Was sind das für Aufträge?«
   »Werkspionage, Diebstähle, Unterschlagungen und so weiter. Das ist lukrativer, als untreue Ehemänner zu beschatten. Aber die Firmen zahlen immer erst spät«, meinte ich fast entschuldigend. »Das ist das Manko an der Sache.«
   Mein Bankberater nickte, lächelte professionell und legte die unterzeichnete Überweisung in einen Ablagekorb. »Und wer jagt die bösen Ehebrecher, wenn Sie dazu keine Zeit mehr haben?«
   »Es gibt genug Detektive in Hamburg, die sich damit befassen. Ich vermisse die Nächte im kalten Auto mit lauwarmem Tee nicht.«
   Freiberger lachte. »Das kann ich mir vorstellen.« Er sah für Sekunden auf seine manikürten Hände und dann wieder mich an. »Ich will mal ehrlich sein, Herr Sünder. Mir macht Ihre momentan verfügbare Barschaft Sorgen.«
   »Bitte?« Ich tat, als wüsste ich nicht, worauf er hinauswollte.
   »Ihr Konto. Seit Wochen haben wir keine Eingänge darauf verzeichnet, und Ihre Ausgaben fressen langsam Ihr Guthaben auf.« Er hob die rechte Hand. »Ihre Barabhebungen haben sich dagegen verdoppelt, und zum Zweiten«, zählte er mit den Fingern ab, »glaube ich, dass Sie sich mit der Anschaffung Ihres neuen Autos übernommen haben. Die Raten für Ihren Wagen sind einfach zu hoch, wenn dagegen keine Einnahmen stehen.«
   Ich hatte mir am Vorabend ein paar Drinks gegönnt, und jetzt meldete sich der Kater mit einem leichten Dröhnen hinter der Stirn. Oder war es nur eine Reaktion auf die unangenehme Wende in diesem Gespräch? Mein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, dass mein Gegenüber recht hatte? »Der Wagen ist gebraucht gekauft«, antwortete ich fast entschuldigend.
   »Aber trotzdem noch teuer, wenn ich das mal sagen darf. Bei Mercedes zahlt man eben den Namen und den Stern mit.«
   Ich erhob mich und brachte mich in eine Verteidigungsposition. »Bin ich schon pleite?«
   »Noch nicht«, meinte Freiberger, der sichtlich erstaunt war, dass ich so plötzlich aufstand.
   »Dann sprechen wir, wenn es so weit ist.«
   Freiberger wollte etwas erwidern, doch plötzlich wurde er aschfahl, und seine Augen sahen an mir vorbei. »Mein Gott!«
   Ich sah über meine Schulter, nachdem ich die plötzliche Blässe des Bankangestellten bemerkt und seine Blickrichtung entdeckt hatte.
   Der Grund wurde mir sofort klar.
   Im Schalterraum stand ein Mann mit einem Schlapphut auf dem Kopf, einem Tuch über Mund und Nase und mit einem Karabiner in der rechten Hand. An der alten Waffe waren Schulterstütze und Lauf abgesägt worden. Die Knarre war zwar nicht ganz so gefährlich wie eine abgesägte Schrotflinte, aber auf die Geiseln wirkte sie sicher ebenso bedrohlich.
   Ein Schlapphut.
   Ich weiß nicht, warum, aber Männer mit Schlapphüten mochte ich noch nie. Sie hatten etwas Ich-weiß-nicht-was an sich.
   »Ist das – äh – ein, ein Überfall?«, stammelte Freiberger, während ich mich langsam umdrehte, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen.
   Ich sah mir die Szene genau an. Der Bankräuber stand zwischen dem Eingang und dem mittleren der drei Bankschalter. Vor ihm knieten vier Kunden auf dem Boden, und hinter den Schaltern standen ebenso viele Bankangestellte mit erhobenen Händen.
   Jetzt warf der Gauner einen leeren Wanderrucksack in Richtung der Schalter.
   »Können Sie nichts tun?« Freiberger zitterte am ganzen Körper und starrte mich an. »Sie sind doch Detektiv.«
   Ich überlegte schon.
   Der Besprechungsraum, in dem wir uns befanden, lag rechts von den Schaltern. Von mir aus gesehen gab es keine Möglichkeit, in das Geschehen eingreifen zu können, ohne in das Schussfeld des Gangsters zu gelangen. Auch gab es keine Chance, den Räuber abzulenken.
   Ich untersuchte unseren Raum mit ein paar Blicken. Das Fenster zum Hinterhof war vergittert. Da würde ich nicht hinauskommen.
   Es gab kein Telefon, aber neben dem Besprechungstisch noch eine Tür.
   »Wohin führt die?«
   »Zum Klo. Die Räume haben eigene Klos.«
   »Welch ein Luxus«, kommentierte ich. »Ducken Sie sich. Und bleiben Sie unten.«
   Wir gingen beide auf die Knie, und ich krabbelte auf allen vieren zu der Toilettentür, während sich Freiberger unter den großen Tisch verdrückte.
   Ich öffnete die Tür nur langsam und auch nur einen Spalt. Ich wollte vermeiden, dass der Bankräuber uns entdeckte, weil er eine schnelle Bewegung der Tür aus den Augenwinkeln bemerkte.
   Ich drückte mich durch den Türspalt, spürte Fliesen unter meinen Händen und stand auf.
   Ich hatte nicht auf das Handwaschbecken geachtet und schlug mir heftig den Kopf an. Schmerz jagte mir durch Stirn und Schädeldecke, und sofort bemerkte ich das Blut, das mir aus einer Platzwunde die Schläfe hinunterlief. Ich schnappte mir das Handtuch, das neben dem Waschbecken hing, und presste es auf die Stelle, an der ich die Verletzung spürte. Dann besah ich mir das Ganze im Spiegel. Es war nur eine kleine Platzwunde, aber sie blutete wie eine große. Ich presste das Handtuch weiter auf die Wunde.
   Über dem Klo gab es ein Oberlicht. Ich maß es mit den Augen aus und entschied, dass es klappen könnte, mich dort durchzudrücken, wenn ich die Schultern hindurchbekäme. Ich stellte mich auf den Toilettendeckel und fragte mich, warum dieses Fenster nicht mit Gittern versehen war, doch dann entdeckte ich des Rätsels Lösung. Die Mauer des Nachbarhauses war keine fünfzig Zentimeter entfernt. Das Fenster ging in eine dunkle Hinterhofsackgasse und war vielleicht von außen überhaupt nicht zu entdecken.
   Das Oberlicht war auf Kipp gestellt, hatte aber keinen Griff, sondern nur einen Einsatz für einen Vierkantschlüssel.
   Ich stieg von der Kloschüssel hinunter, zog die Tür zu und kletterte auf die Keramik zurück. Ich streckte meine Hände aus und versuchte, die Haltemechanik des Fensters zu lösen, doch es klappte nicht, also blieb mir nur, Gewalt anzuwenden. Ich packte die Oberkante des Rahmens mit beiden Händen, ignorierte, dass mir das Blut von der Stirn ins rechte Auge lief, und hängte mich mit meinem ganzen Gewicht an das Fenster. Erst wollte es keinen einzigen Millimeter nachgeben, doch dann knackte es, und kurz darauf kapitulierte die Mechanik, begleitet von einem Krachen, vollends.
   Ich konnte gerade noch sicher auf der Toilettenschüssel landen und das Fenster fangen, bevor es auf den Boden fiel.
   Langsam stellte ich es hinter dem Klo ab, wusch mir das Blut aus dem Gesicht und spähte zur Tür hinaus.
   Der Bankräuber hatte den Krach, den ich verursacht hatte, nicht gehört. Er fuchtelte mit dem Karabiner und schrie den Mann an, den ich als den Kassierer der Filiale kannte.
   »Freiberger«, sagte ich leise. »Kommen Sie her. Ich brauche Sie.«
   »Kann er uns sehen?« Die Stimme des bis vorhin noch sicher auftretenden Bankangestellten zitterte und überschlug sich fast. Er geriet in Panik und ich hoffte, dass er nicht noch in die Hosen machte.
   »Nein, nicht, wenn Sie kriechen. Kommen Sie jetzt!«
   Freiberger kroch langsamer als eine Schildkröte. Den letzten halben Meter zog ich ihn am Kragen seines Jacketts schneller in den Toilettenraum. Als er sich aufgerappelt hatte und neben mir zwischen Waschbecken und Klo stand, zeigte ich auf das Loch, wo gerade noch das Oberlicht gewesen war.
   »Sie müssen mir eine Räuberleiter machen, sonst schaffe ich es nicht da oben durch. Sie kennen doch eine Räuberleiter?«
   Er nickte und faltete schon die Hände.
   »Warten Sie. Ich muss mit dem Rücken zur Wand da hoch, dann mit Armen und Kopf durch das Loch und schließlich mit den Schultern. Sie müssen also richtig stemmen. Nicht nur halten. Sie müssen stemmen und mich hochdrücken, bis ich auch mit dem Hintern durch bin. Klar?«
   Er sah mich an, musterte mich und setzte einen fragenden Blick auf. »Sie wiegen doch mindestens …«
   »Ja, ich bin zu schwer für meine Größe«, gab ich zu. »Und Sie haben morgen vielleicht einen Muskelkater und Rückenschmerzen, aber andererseits wartet da draußen ein Bankräuber, den ich stoppen will.«
   »Ja.«
   »Dann klettern Sie mal auf die Schüssel. An den Rand, damit ich auch kurz Platz finde.« Ich zog meine Lederjacke aus, denn die war ebenso nagelneu wie meine Wildlederschuhe, aber die Schuhe behielt ich an. Die Jacke wollte ich aber nicht am geborstenen Fensterrahmen verschrammen.
   Dann kletterte ich zu Freiberger auf seinen keramischen Hochsitz.
   Wir standen uns so nah gegenüber wie ein Pärchen beim Engtanz, doch ich stieg eilig in seine Räuberleiter. Mit beiden Händen griff ich nach dem oberen Holzrahmen des nicht mehr vorhandenen Fensters, zog den Kopf in die Öffnung und gab Freiberger den knappen Befehl, zu stemmen.
   Ich bemerkte, dass mein Hemd riss und spürte, wie sich Holzsplitter in meine Haut drückten. Es drückte und zwickte an den Schultern und ich musste mich wirklich anstrengen, um durch die Öffnung zu kommen.
   Der Bankier gab sich Mühe. Er zitterte zwar – das spürte ich an meinen wackelnden Beinen – aber er strengte sich an und hielt durch.
   Ich zwängte mich weiter, in der umgedrehten Haltung eines Turmspringers beim Kopfsprung, durch den Rahmen. Nur wollte ich nach oben, hinaus an die Luft, und nicht nach unten, ins Wasser hinein. Und es gelang mir trotz der Schmerzen, die ich spürte.
   Endlich saß ich mit dem Hintern auf dem Rahmen, schnappte nach Atem und schenkte Freiberger einen ausgestreckten Daumen.
   Ich zog meine Füße nach, fand an der gegenüberliegenden Hauswand Halt, indem ich meine Schultern gegen sie presste, und ließ mich die zwei Meter nach unten in den dunklen Schlund des Hinterhofs fallen.
   Sicher gelandet, musterte ich meinen Zustand. Mein Hemd war an einigen Stellen zerrissen, meine Schultern bluteten aus einigen Schrammen, aber meine Hose hatte kaum etwas abbekommen. Mit meinen neuen Schuhen stand ich allerdings mitten in einem großen Haufen von Hundescheiße. Irgendjemand benutzte diese verborgene Ecke des Hinterhofes scheinbar als Klo für seinen Fiffi.
   Ich fluchte und versuchte, schlurfend die Kacke von den Schuhen zu bekommen.
   Auf der Straße hatte noch niemand das Vorgehen in der Bank bemerkt, aber ich hörte in weiter Entfernung schon mehrere Martinshörner und hoffte, dass die Streifenwagen hierhereilten, weil einer der Bankangestellten Alarm ausgelöst hatte.
   Passanten beäugten mich und meine zerrissene Gestalt und wichen mir aus. Einen schönen Anblick gab ich sicher nicht ab. Und die Kacke unter meinem Schuh stank.
   Irgendwo knatterte ein Moped. Sicher wieder so ein Halbstarker, der, paffend auf dem Sattel sitzend, mit einem Kumpel über die Beatschallplatten palaverte, ohne den Motor abzustellen.
   Ich drückte mich an der Hauswand entlang, bis ich durch die Glastür der Bank in den Schalterraum sehen konnte.
   Ich hatte mich genau rechtzeitig postiert.
   Der Schlapphut mit dem Karabiner kam rückwärts auf die Tür zu. In seiner linken Hand hielt er den prall gefüllten Rucksack.
   Ich stellte mir vor, dass auch mein Geld in der Beute steckte und überlegte, wie ich den Mann aufhalten könnte. Ich ging langsam zurück auf den Hinterhof, denn dort hatte ich ein altes Fahrrad gesehen. Es war nicht angeschlossen und hatte beide Reifen platt, aber es reichte für meinen schnell gefassten Plan.
   Ich nahm es mir, schob es auf die Straße, setzte mich auf den alten Sattel und wartete, bis der Bankräuber auf dem Gehweg auftauchte.
   Ich stieß mich ab, trat in die Pedale, und als der Gangster sich umdrehte, um seine Flucht zu begehen, fuhr ich direkt in ihn hinein.
   Der Lenker des Rades erwischte seinen Arm, meine ausgestreckte Faust sein linkes Auge und mein Fuß die Hand, die den Karabiner hielt.
   Es ging alles ganz schnell, und wir stürzten gemeinsam zu Boden. Ich machte einen unfreiwilligen Purzelbaum, und der Schlapphütige bekam das Fahrrad ab. Doch ebenso schnell, wie ich mich wieder auf die Beine brachte, wurde er den Drahtesel los.
   »Bleiben Sie stehen!«, brüllte ich und streckte meine linke Hand aus. Mit der Rechten griff ich an meine Hüfte, um vorzutäuschen, dass ich eine Waffe am Gürtel trug und diese ziehen würde. Doch ich hatte vergessen, dass ich meine Jacke nicht anhatte, denn die war in der Bank. Der Bluff verpuffte.
   Der Kerl lachte schräg, warf mir den abgesägten Karabiner entgegen und rannte auf ein Moped zu, das mit im Leerlauf knatterndem Motor aufgebockt in der Nähe stand. Der Motor, den ich vorher schon gehört hatte. Das Zweirad hatte die ganze Zeit dort mit laufender Maschine gestanden, aufgebockt als Fluchtfahrzeug.
   Der Karabiner landete vor meinen Füßen, und ich entdeckte, dass er schussuntauglich war. Er hatte keinen Abzug mehr.
   Die Martinshörner wurden lauter, und der Räuber rannte schneller.
   Ich musste den Kerl, der uns alle mit der Knarre veräppelt hatte, stoppen, denn er flüchtete auch mit meinen Penunzen.
   Das Fahrrad war keine Alternative mehr, also suchte ich nach einem anderen Mittel. Doch es gab keines. Es lagen weder Knüppel noch lose Pflastersteine herum, also blieb mir nur eines: ein Spurt.
   Ich setzte gerade dazu an, als der erste Streifenwagen, ein Käfer, mit quietschenden Reifen um die Ecke bog.
   Und er kam direkt auf mich zu.
   Ich sah das panische Gesicht und die weit aufgerissenen Augen des lenkenden Polizisten, als ich mich instinktiv zur Seite warf. Der Schlag, der mich an der Wade erwischte, gab mir einen schmerzhaften Schubs in die falsche Richtung. Er ließ mich wie einen eiernden Brummkreisel über den Fußweg rutschen.
   Doch der Peterwagen stoppte nicht sofort. Er touchierte das Moped des schlapphütigen Bankräubers und den Ganoven selbst. Der Kerl wurde vom runden Kotflügel des VWs förmlich von den Beinen geboxt, und das Moped landete auf der grünen Motorhaube des Käfers.
   Weitere Streifenwagen trafen ein. Gleich vier Polizisten stürmten aus den Autos und nahmen den fassungslosen, aber nur leicht verletzten Gangster fest. Natürlich theatralisch mit vorgehaltenen Waffen, wie im Kino.
   Ich saß noch zehn Minuten am Boden, bevor mich ein Sanitäter aus einem der zwei herangeeilten Krankenwagen entdeckte.
   »Sie sehen schlecht aus.«
   Ich nickte wortlos und betrachte meine unzähligen Kratzer, meine zerfetzte Kleidung und die versauten Wildlederschuhe. »Wenn Sie mich nicht entdeckt hätten, dann wäre ich hier sicher langsam gestorben. Haben Sie etwas zu trinken dabei? Nen’ Schnaps?«
   Er schüttelte den Kopf, und ich hatte wieder einmal das Pech auf meiner Seite. Pleite, von der Polizei angefahren und kein Schnaps, um den ganzen Ärger hinunterzuspülen.
   Ich holte meine Jacke aus der Bank. Niemand achtete auf mich. Alle standen bei den Polizisten und gaben ihre Aussagen ab.
   Es war also wie immer. Ich blieb unbeachtet, und selbst der Schlapphütige hatte im Peterwagen nun mehr Aufmerksamkeit als ich.
   Wer war denn hier der Held?
   Mich mit meinem Schicksal abfindend trottete ich langsam wieder an die frische Luft, zog meine Jacke an und schwor mir, dass die nächste Kneipe die meinige sein würde.
   Und ich fragte mich, warum ich mich immer in so eine Scheiße bugsieren musste. Und damit meinte ich nicht den Hundehaufen vom Hinterhof.

K 1
Freitag, 3. Mai 1968
Hamburg
Später Abend

»Meine Patienten entspannen sich am besten, wenn sie während des Gespräches die Augen schließen.«
   Doktor Caspar Wahrfellner saß vor einer Rosenhecke auf einer weiß lackierten Holzbank. Er hatte ein Bein übergeschlagen, und auf dem Oberschenkel ruhte ein schwarzes Klemmbrett, dessen Metallbügel Wahrfellners Notizen festhielt.
   Am Morgen hatte es noch leicht geregnet, doch zum Mittag war die Sonne herausgekommen. Jetzt zogen wieder leichte Wolken auf und unterbrachen manchmal den wärmenden Sonnenschein. Wir saßen im Garten des Hauses in Sasel. Kaffee und von Frau Wahrfellner selbst gebackener Bienenstich standen auf dem Tisch. Ich hätte lieber einen Mohrenkopf gehabt. Die Mandeln auf dem Bienenstich habe ich noch nie gemocht.
   »Sie können sich auch gern auf der Hollywoodschaukel ausstrecken, Herr Sünder.«
   »Ihre Ersatzcouch?«
   Der promovierte Psychiater grinste. »Eine Lederchaiselongue, wie ich sie im Sprechzimmer habe, würde sich im Garten nicht gut machen.«
   Eine Fliege hatte den Kuchen entdeckt, landete, und man sah deutlich, wie sich ihr Rüssel emsig bewegte.
   Ich sah mich um. Wahrfellners Garten war nicht groß, aber malerisch gelegen. Von der Terrasse, auf der wir saßen, erkannte man den Alsterlauf. Hier oben in Sasel war die Alster noch ein kleines Flüsschen, aber trotzdem ein Ausflugspunkt, auf dem sich im Sommer Ruderboote tummelten.
   »Wollen Sie es sich gemütlich machen?« Wahrfellner bot mir ein Kissen an, das neben ihm gelegen hatte.
   »Erst mal nicht.«
   »Wie Sie möchten.« Der Psychiater rauchte schon seine vierte filterlose Zigarette.
   Ich erkannte braungelbe Flecken an dem Zeigefinger seiner rechten Hand. Er war Kettenraucher.
   Ich steckte mir eine Stuyvesant an.
   Es war meine dritte Sitzung mit dem Seelendoktor, den Fred Wartmann mir empfohlen hatte, und ich war immer noch nervös wie beim ersten Treffen. Wahrfellner und Fred schienen sich gut zu kennen, denn der Doktor empfing und behandelte mich kostenlos.
   Wahrfellner war ein schmal gebauter Mann Mitte vierzig, mit einer weit ausgeprägten Halbglatze und einer bescheiden wirkenden Brille auf der Nase. Eine Sehhilfe, wie sie Gandhi schon getragen hatte. Runde Gläser und ein dünnes Drahtgestell.
   Er saß da, hatte die Augen geschlossen und sein Gesicht in Richtung Sonne ausgestreckt. Schließlich kam wieder Leben in ihn. Er öffnete die Augen, schraubte die Kappe seines Füllfederhalters ab und schrieb das aktuelle Datum auf das oberste Blatt seines Klemmbretts. »Wir sprachen das letzte Mal von diesem Fall Egner. Also, wie er verlief und zu Ende ging. Und Sie erwähnten diesen Killer. Wie nannten Sie ihn gleich?«
   Ich drückte meine Zigarette umständlich im Aschenbecher aus. »Apache. Seinen wirklichen Namen kenne ich nicht.«
   »Warum gaben Sie ihm diesen Namen?«
   »Weil er so aussah wie ein Apache in einem Western, den ich mal gesehen habe.«
   »Oder weil er so agierte wie ein Indianer auf dem Kriegspfad? Aus dem Hinterhalt angreifend? Immer bereit, wieder spurlos zu verschwinden?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Nein, den Namen hatte ich ihm schon verpasst, als ich noch nicht einmal wusste, dass er ein Killer ist. Als ich ihn das erste Mal traf. Oder er mich. Er sah aus wie der Schauspieler Jeff Chandler damals. Der spielte den Cochise in dem Film.«
   Wahrfellner machte sich Notizen. »Cochise war ja eine ziemlich heroische Figur in der Geschichte. Haben Sie deshalb diesen Namen gewählt? Weil dieser Mann irgendetwas ausstrahlte, was Sie beeindruckt hat?«
   Ich dachte über den Augenblick nach, als ich den Apachen das erste Mal getroffen hatte. Damals bei Hanne im Lokal. Ich versuchte mir die Szene so gut es ging in Erinnerung zu rufen. »Nein«, antwortete ich. »Nur, weil er so aussah.«
   Ein weiterer Satz fand seinen Weg auf das Papier.
   »Ich möchte, dass wir über den Abend sprechen, als dieser Mann Sie in ihren vier Wänden überwältigt hat.« Der Doktor beugte sich vor, nahm seine Kaffeetasse und nippte daran. »Ist das in Ordnung?«
   »Ich möchte dieses Kapitel eigentlich vergessen und nicht darüber sprechen.«
   »Sie können es nicht vergessen, Herr Sünder. Sie können es nur verdrängen. Zur Seite packen.« Wahrfellner vollführte mit dem Füllfederhalter einen Bogen in der Luft. »Stellen Sie sich vor, Sie ständen vor einer Kommode mit vielen Schubladen. Eine der Schubladen, ungefähr in der Mitte, steht offen. Sie packen Ihre schlechte Erfahrung mit dem Apachen dort hinein und treten mit aller Kraft gegen die Lade, damit sie sich schließt und vielleicht sogar verkeilt oder verzieht. Sie hoffen, dass sie für immer verschlossen bleibt, sich nicht mehr öffnen lässt. Zunächst bleibt sie geschlossen, denn Sie, Herr Sünder, wissen ja, was sich darin verbirgt, und Sie werden deshalb das Schubfach garantiert nicht öffnen. Und immer mal wieder werden Sie an diese Schublade denken und hoffen, dass sie geschlossen bleibt. Aber dann sind Sie irgendwann auf Reisen oder arbeiten. Ihre Freundin ist zu Hause oder eine Haushälterin oder ein Freund. Man sucht etwas und vermutet, dass es sich in den Schubladen der Kommode befinden könnte. Also öffnet man ein Schubfach nach dem anderen und irgendwann auch die Lade, die nie wieder geöffnet werden sollte.« Er sah mich an. »Verstehen Sie? Irgendwann wird dieses Thema wieder auftauchen. Und wahrscheinlich werden Sie das nicht verhindern können. Aber wenn Sie das Problem besprechen, es im Gespräch mit mir analysieren, dann können Sie vielleicht damit umgehen, wenn es auftaucht.«
   Ich ließ mir seine bildhafte Erklärung durch den Kopf gehen. »Dann, meinetwegen«, meinte ich schließlich und streckte mich auf der Hollywoodschaukel aus.
   Wahrfellner hatte einen Frosch im Hals und hustete sich frei. »Entschuldigung. Beginnen wir. Ich möchte zunächst nicht wissen, wie der Abend, an dem dieser Mann bei Ihnen eingedrungen ist, ablief. Mich würde vorher eher interessieren, wie Sie sich gefühlt haben, nachdem die Gefahr vorbei war. Was war Ihr erster Gedanke?«
   »Wann? Nachdem ich gefesselt wurde? Nachdem ich gefesselt auf der Straße gelandet war und das Auto noch rechtzeitig bremsen konnte, ehe es mich überfahren konnte? Oder nachdem ich im Krankenhaus aufgewacht bin?«
   »Wo waren Sie in diesen Situationen am klarsten?«
   »Im Krankenhaus.«
    Wahrfellner trank von seinem Kaffee und steckte sich die achte Zigarette an. »Dann fangen wir dort an. Was dachten Sie, als Sie auf dem Krankenlager wach oder wieder klar wurden?«
   Ich hatte keinen Kaffee vor mir stehen. Eine Bierflasche mit einem Bügelverschluss stand auf dem Tisch. Ich öffnete sie und hob sie mit der rechten Hand an. Ich zitterte, und der Bügelverschluss klapperte an dem Flaschenhals.
   »Trinken Sie ruhig«, meinte der Psychiater. »Das kann Sie entspannen.«
   Ich legte meine Linke um die Flasche. Das Zittern hörte auf.
   Wahrfellner nickte. »Zurück zu dem ersten Gedanken. Was fühlten Sie?«
   »Ich hatte Angst«, meinte ich nach einem tiefen Schluck aus der Flasche.
   »Wovor?«
   »Vor dem Ende meines Lebens.«
   »Können Sie mir das genauer erklären?«
   Ich schloss die Augen, nickte und spielte mit der Zigarette in meiner Hand. »Zunächst hatte der Apache in meiner Wohnung mit einer Waffe auf mich gezielt. Da hatte ich schon Angst, dass er mich töten würde. Dann lag ich dort auf der Straße, und das Auto kam auf mich zu.«
   »Und Sie standen, für sich, das zweite Mal auf der Schwelle von hier ins Jenseits?«
   »Ja.« Ich öffnete die Augen kurz, zündete die Kippe an und schloss die Augen wieder. »Zweimal in wenigen Minuten wurde mir ganz deutlich klargemacht, dass mein Leben von einer Sekunde auf die andere beendet sein könnte.« Ich stockte. »Ich meine – äh – nicht, dass ich gesehen habe, wie mein Leben an mir vorbeizog. Das nicht. Nein, in diesem Moment, als ich in der Aufnahme lag, dachte ich eher daran, was noch vor mir liegt. Und was ich hätte verpassen können, wenn ich von dem Mann getötet worden wäre.« Ich schüttelte den Kopf. »Das hört sich so bescheuert an.«
   »Und diese Angst haben Sie immer noch?«
   Ich richtete mich auf und öffnete die Augen. Die Hollywoodschaukel wackelte. »Ja.«
   »Wollen Sie dieses Gefühl, diese Angst, für sich noch einmal mit anderen Worten beschreiben?« Er tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Brust. »So von Ihrem Innersten heraus?«
   »Soll mir das helfen?«
   »Es kann Ihnen helfen.«
   »Na gut«, meinte ich und schloss die Lider wieder. »Wenn ich darüber nachdenke, dann war erschreckend, dass mir von jetzt auf gleich alle Sinne genommen werden könnten. Sehen, schmecken, fühlen, riechen. Nie wieder eine schöne Frau berühren oder mit ihr schlafen, nie wieder ein gutes Essen oder ein Bier genießen, nie wieder meine Freunde treffen oder an der Elbe entlangspazieren. Ich würde keinen Dieselgeruch der Schiffe mehr in der Nase haben. Das Geschrei der Möwen am Hafen könnte mir nicht mehr auf den Geist gehen. Das alles zusammengefasst, vielleicht auch viel mehr, ging mir durch den Kopf und erschreckte mich. Nein, es machte mir Angst. Mir war plötzlich klar, dass das Leben endlich ist.« Ich schnippte mit dem Fingern. »Bumm und weg! Alles weg! Und was kommt danach?«
   »Aber war es nicht so, dass der Mann, also dieser Killer, nicht den Auftrag hatte, Sie zu töten?«
   »Aber er hätte es tun können!« Ich hörte, dass Wahrfellner etwas sagen wollte, hörte ihn Luft holen, als ich einen Knall vernahm. Ein Geräusch, als würde ein Luftballon in einem Partykeller platzen.
   Ich riss erschrocken die Augen auf.
   Wahrfellners Kopf lag auf der Tischplatte. Seine Stirn hatte den Kuchen platt gedrückt. Die Augen des Psychiaters waren offen und starrten an mir vorbei. Auf dem Tisch breitete sich eine Blutlache aus.
   Ich hob den Kopf.
   Hinter Wahrfellner und der weißen Bank teilte sich der Rosenstrauch.
   Ein Mann trat heraus.
   Mit einer schallgedämpften Automatik in der Hand kam der Apache auf mich zu. Das hagere Gesicht grinste mich an, das Mündungsloch des Schalldämpfers richtete sich auf mein linkes Auge. »Hallo Herr Sünder. Vor mir schützen oder verstecken konnten Sie sich nie. Und dieses Mal habe ich sogar den Auftrag, Sie zu töten.«
   Der Schalldämpfer drückte auf mein Augenlid. Mit dem rechten Auge sah ich, wie sich der Zeigefinger des Apachen ganz langsam krümmte.
   Dann drückte er ab.
   Alles wurde schwarz, und mein Körper zuckte.
   Doch ich war nicht tot.
   Die Kugel war nicht in mein linkes Auge eingedrungen, doch öffnen konnte ich nur das rechte. Und als ich es tat, entdeckte ich über mir ein dichtes Dach aus Blättern.
   Mein Rücken schmerzte und fühlte sich nass an.
   Wahrfellner saß nicht mehr vor mir, und ich saß nicht mehr auf der Hollywoodschaukel. Und der Apache zielte nicht mehr auf mich. Es gab auch keinen Rosenstrauch.
   »Had äiner de Schuschublade zumacht? Zugemalt? Der Apadsch is weg!« Ich hatte die Sätze im Kopf, verstand meine Worte aber nicht.
   Mit den Händen suchte ich neben mir nach Halt, doch meine Finger gruben sich immer wieder in feuchte Erde ein. Halt fand ich keinen.
   »Mann, Sünder.«
   Ich blickte mit meinem einen Auge auf einen Mann, dessen Kleidung an einen Polizisten erinnerte. Und er hatte auch eine Schirmmütze auf dem Kopf.
   Eine Hand streckte sich mir entgegen. »Komm hoch!«
   Ich erkannte jetzt auch die Stimme. Zumindest glaubte ich, dass ich sie kannte.
   »Du bist voll wie zwei Haubitzen!« Der Mann schüttelte den Kopf, aber ich erkannte ihn immer noch nicht. »Und du bist verletzt. Wir bringen dich ins Krankenhaus.«
   »Hasst Zichgaräde?«
   Der Mann reichte mir einen Glimmstängel und ein Feuerzeug. Ich nahm beides, aber ich verbrannte mir die Finger. »Scheiße!«
   »Ja«, bestätigte die bekannte Stimme und drückte mich in einen Wagen. »Mann, Sünder, kommst du noch mal klar?«

K 2
Freitag, 3. Mai 1968
Hafenkrankenhaus
Später Abend

»Du hast vielleicht Nerven, Friedhelm!« Efimia Schonau warf ihren Mantel über das Fußende der Krankenhauspritsche, auf der ich lag, und verschränkte ihre Arme vor der Brust. In ihren Augen blitzte es. So sauer hatte ich sie noch nie erlebt.
   Ich wollte den Kopf heben, doch die frisch genähte Platzwunde an meiner Stirn pochte sofort los, und die Schwellung meiner linken Braue meldete sich mit kleinen, aber heftigen Stichen. Das Auge bekam ich immer noch nicht auf. Meine Finger an der rechten Hand kribbelten, und ich fragte mich, warum. Ich hatte Verletzungen am Kopf und nicht an irgendwelchen Nerven meines Armes.
   Nebenan, auf einer zweiten Behandlungsliege des Hafenkrankenhauses, lag ein schnauzbärtiger Besoffener und setzte plötzlich zu dem Lied La Paloma an. Unheimlich laut und lallend. Sein Gesicht strahlte.
   »Halt die Klappe«, rief ich und spürte sofort einen heftigen Kopfschmerz. In meinem Schädel drehte sich einiges, und meine Zunge hatte den Geschmack, als hätte eine Katze darauf gepinkelt. Ich kämpfte gegen einen krampfartigen Brechreiz an.
   »Dein Saufkollege? Oder der, der dir diese Schmarre da verpasst hat?« Efimia sah angeekelt zu meinem Nachbarn.
   Die hübsche Griechin passte nicht hierher. Sie trug ein Kostüm, das den Klamotten aus der Carnaby Street alle Ehre machte, und ihr Gesicht wirkte wie das einer bildschönen und perfekten Puppe. Seit unserer letzten Begegnung schien sie noch hübscher geworden zu sein.
   »Danke, dass du gekommen bist.« Ich seufzte und folgte Efimias Blick. Der schnauzbärtige Nachbar sah mich mit glasigen Augen an, lachte blöd und sabberte aus den Mundwinkeln. »Den kenne ich nicht.«
   »Könnte aber ein Freund von dir sein. Ihr seht euch so ähnlich.« Efimia kam näher an meine Liege und schnüffelte. »Seine Klamotten sind ebenso dreckig wie deine. Und der Kerl stinkt auch so wie du. Warum hast du mich anrufen lassen? Du hast doch eine Freundin.«
   Als ich mich auf die Seite drehte, knarrte die Pritsche unter mir. Ich streckte meine rechte Hand aus und wollte Efimia berühren, doch sie wich mir aus. »Mir fiel vorhin nur deine Nummer ein. Fara ist bis morgen auf Tournee. Jetzt in Bremen.«
   »Fara. Aha. Und du bist so besoffen, dass dir deine anderen Freunde nicht mehr einfallen?«
   Ich runzelte die Stirn. »Wir sind doch gute Freunde.«
   Efimia schüttelte den Kopf und trat noch einen Schritt zurück. »Wir hatten letzten Sommer eine wechselhafte Zeit und eine kurze Affäre, Friedhelm. Mehr nicht. Und seit damals haben wir uns nicht mehr gesehen.« Sie ging zum Fußende der Krankenliege und lehnte sich an die gekachelte Wand. »Erinnerst du dich? Du hast dich danach nicht mehr gemeldet. Warum nicht und warum jetzt?«
   »Ich, äh, ich …« Mir war immer noch etwas durcheinander im Kopf, und mir wurde auch schon wieder übel.
   »Weil er nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist und was er tut.« Fred Wartmann stand plötzlich in dem gekachelten Raum und reichte Efimia die Hand. »Weil er auf dem Kiez schon einen neuen Spitznamen hat. Sünder, der saufende Gespensterjäger. Oder der Detektiv ohne Eier.«
   »Verschwinde, Schreiberling!«, knurrte ich, drehte mich wieder auf den Rücken und starrte die Zimmerdecke an. Eine Motte hatte sich dort niedergelassen. Ich hasste Motten, weil sie immer so staubten, wenn man nach ihnen schlug. »Dich hat keiner angerufen. Du säufst doch selbst wie ein Loch, du falscher Samariter!«
   »Klar hast du mich nicht gerufen. Du brauchst ja auch niemanden, der dir die Wahrheit sagt.« Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie er sich Efimia zuwandte. »Danke, dass Sie mich informiert haben. Sie können gern gehen. Ich werde mich um ihn kümmern.«
   »Das will ich nicht«, protestierte ich, doch meine Worte gingen unter.
   »Was meinten Sie mit Gespensterjäger?«
   Fred räusperte sich. »Nun, unser Friedhelm sucht seit Monaten seine größte Angst. Er sucht diesen Mann, den er den Apachen nennt.«
   Efimia sah mich alarmiert an. »Du suchst nach diesem Killer?«
   »Ich …«
   »Ah, eine kleine Verbesserung«, meinte Fred und hob seinen Zeigefinger wie ein Schullehrer. »Er sucht den Killer nicht mehr so richtig, denn er sieht ihn mittlerweile überall. Vor einigen Wochen hat er einen harmlosen Angestellten der Finanzbehörde krankenhausreif geschlagen, weil dieser zum Fasching eine grau- und langhaarige Perücke trug und somit aussah wie der Apache. Ende Februar hat er eine Wohnung in Barmbek gestürmt, weil er vermutete, dass dort der Apache Unterschlupf gefunden hatte. Und zwischendurch sucht er sich im Dröhnkopp oft Gegner, denen er nicht mehr gewachsen ist.« Fred drehte den Kopf in meine Richtung. »Vielleicht auch heute wieder, Friedhelm? Hast du wieder aufs Maul bekommen?«
   Ich reagierte nicht auf diese Provokation. Fred war mir immer ein guter Freund gewesen, aber in letzter Zeit war er nur noch ein Arsch.
   Mein Nachbar versuchte sich jetzt an einer Version von Merci, Chérie. Und so, wie es roch, hatte er dazu einen fahren gelassen.
   »Du sollst die Fresse halten«, krächzte ich ihn an.
   »Was ist passiert?« Efimia verschränkte die Arme vor der Brust, sah mich eindringlich an.
   Fred antwortete an meiner Stelle. »So, wie ich es einschätze, ist er mal wieder besoffen gegen eine Mauer gerannt oder einfach auf die Nase gefallen.« Was er sagte, klang abwertend. »Oder hat wieder Streit angefangen. Seit Wochen die gleiche Leier. Saufen und streiten. Und wenn man ihn sich so ansieht, mit seinem Vollbart und den zotteligen Haaren, könnte man meinen, dass sein Verfall schon sehr weit fortgeschritten ist. In seinem Wahn hat er sogar sein Büro und seine Wohnung aufgegeben, lebt jetzt wieder zur Untermiete und führt seine Geschäfte, wenn es die noch gibt, von einer Kneipe aus. Er befördert sich gerade in die Gosse durch diesen Blödsinn mit dem Apachen.«
   »Ich bin anwesend, Herr Superjournalist«, protestierte ich und wünschte mir einen Gegenstand zum Schmeißen.
   »Nicht ganz anwesend«, meinte Fred. »Und du solltest lieber die Klappe halten. Einen Grund zur Beschwerde hast du nämlich nicht. Zwei Polizisten, die dich Gott sei Dank kannten, haben dich vor dem Altonaer Rathaus aus einem Gebüsch aufgelesen. Du kannst froh sein, dass sie dich nicht in Gewahrsam genommen haben, so breit, wie du warst oder noch bist.«
   »Bin ich etwa breit?« Ich streckte meine Arme weit aus. »Ich könnte auf einem Schwebebalken balancieren.«
   Mein Nebenmann wechselte von Merci, Chérie zu Mama von Heintje. Ich wollte nicht mehr brüllen und ließ ihn gewähren.
   »Das zeigt, dass du scheinbar gut im Training bist.« Fred grinste böse. »Steh doch mal auf. Mal sehen, ob du wirklich stehen kannst.«
   Drei Krankenschwestern liefen an der Tür vorbei, und die letzte von ihnen sah sehr attraktiv aus. Sie war aber zu schnell vorbei, um einen genaueren Blick auf sie werfen zu können.
   Fred nahm Efimias Mantel vom Fußende meiner Pritsche. »Kommen Sie, Frau Schonau. Ich erkläre Ihnen genauer, was hier los ist. Was mit diesem Kerl los ist.«
   »Warte! Was willst du ihr erklären?«
   Fred drehte sich zu mir um. »Dass dir dieser Apache die Courage, die Selbstsicherheit geklaut hat und du schon zitterst, wenn du nur an ihn denkst? Oder zitterst du, weil du deine Angst mit Alkohol betäuben musst?«
   Ich richtete mich auf und bereute das auf der Stelle, weil zwischen meinen Schläfen sofort ein Galopprennen begann und die Hufe der Pferde extra beschlagen waren. »Du verblödeter Reporter! Hat dir jemals ein Killer seine Knarre ins Gesicht gehalten? Hast du jemals vor der Situation gestanden, abgeknallt zu werden?« Ich deutete mit zwei ausgestreckten Fingern eine Pistole an, die an meiner Schläfe lag. »Bumm! Kopfschuss! Alles weg! Nein! Davon hast du keine Ahnung, du verdammter Schreibtischfurzer. Du schreibst nur über so was! Und dabei hast du sicher schon Angst und Schiss in der Hose. Und du willst über mich urteilen? Pah!«
   Fred antwortete mir nicht. Er sah Efimia an. »Das ist es, was ich meinte. Im Griff hat er sich nicht mehr.«
   Er und Efimia verließen den Behandlungsraum, und noch ehe ich darauf reagieren oder dagegen protestieren konnte, trat ein junger Arzt mit einer unmöglichen Frisur in den Raum. Seine dunkelblonden Haare reichten ihm bis zu den Schultern und die Spitzen seines Oberlippenbartes bis zu seinem schmalen Kinn. Er sah aus, als hätte ihn gerade eine Berliner Kommune ausgespuckt.
   »Friedhelm hat Angst vor diesem Schatten, diesem Apachen, und sucht ihn«, hörte ich Fred noch erklären, während sich der Arzt setzte, nach meinem Puls tastete und Fred und Efimia auf dem Flur verschwanden.
   »Können Sie meine beiden Freunde zurückholen?«
   »Wir kümmern uns erst mal um Sie.« Dr. Juri Zemkow stand auf dem Schild am Kittel. Ein Russe im Hafenkrankenhaus. Untypisch war das nicht in Hamburg. »Ihre Kopfwunde ist nicht gerade als geringfügig zu bezeichnen, und wir vermuten, dass Sie eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen haben und neben der geprellten Braue auch eine Verletzung des Augapfels.«
   »Ich habe mal geboxt«, kommentierte ich und hörte mich selbst lallen. »Damals habe ich mehr abbekommen.«
   »Wann war das?«
   »Was?«
   »Wann haben Sie das letzte Mal im Ring gestanden?«
   »Vor vielen Jahren. Das letzte Mal in Schneeverdingen auf dem Rummel.«
   Doktor Zemkow nickte und lächelte süffisant. Mit zwei Fingern schob er mein linkes Augenlid auseinander, und sein Gesicht kam näher. Er hatte irgendetwas mit Knoblauch gegessen. Das konnte ich jetzt riechen.
   »Dachte ich mir. Damals hatten Sie sicher eine bessere Konstitution. Momentan sehen Sie, mal abgesehen von den Gesichtsverletzungen, nicht wie ein trainierter Boxer aus.«
   »Bitte?« Ich holte tief Luft. »Hören Sie. Nur weil Sie in St. Petersburg studiert haben und Ihr Urgroßvater mal in Ostpreußen Pferde gezüchtet hat, können Sie nicht frech werden.«
   »Regen Sie sich nicht auf. Es ist nur mein Eindruck Ihrer momentanen körperlichen Verfassung. Aus medizinischer Sicht.« Er legte sich sein Stethoskop um den Hals. »Zudem heißt Petersburg heute Leningrad und ich habe in Kazan studiert. Mein Vater war deutscher Kommunist und ist 1935 emigriert. Mein Großvater hieß von Jannsberg und hatte eine kleine Brauerei bei München. Soweit meine Herkunft. Und wer sind Sie?«
   Jetzt richtete ich mich abrupt auf, und der Kopfschmerz, der sofort wieder das Pferderennen nachstellte, war mir egal. Dieser Arzt gefiel mir nicht. »Geben Sie mir meine Sachen.« Mir wurde wieder übel.
   »Was wollen Sie damit?«
   »Ich gehe.«
   »Dazu würde ich nicht raten«, meinte Doktor Zemkow. »Ihre Kopfverletzungen lassen das nicht zu.«
   »Meine Verletzungen oder meine allgemeine momentane körperliche Verfassung?«
   »Nehmen Sie meine Worte nicht persönlich, Herr Sünder.«
   »Meine Sachen, bitte!«
   »Wie Sie wollen. Ich kann Sie nicht aufhalten, aber dann müssen Sie vorn eine Selbstentlassung unterschreiben.«
   Ich winkte ab.
   Doktor Zemkow deutete auf einen Drahtkorb, der unter der Pritsche angebracht war und verließ dann, den Kopf schüttelnd, das Behandlungszimmer.
   Ich nahm meine Sachen aus dem Korb, zog mich an und fragte eine grimmig aussehende und sicher ewig jungfräulich bleibende Krankenschwester nach dem Ausgang. Die Unterschriftenabgabe verdrängte ich.
   Als ich vor das Haus trat, standen Efimia und Fred rechts auf dem Gehweg. Ich ging nach links und stolperte einige Meter weiter, bis ich auf die Seewartenstraße kam.
   Dreimal musste ich stehen bleiben, weil mir die Wunde schmerzte und mir gleichzeitig Galle in den Hals aufstieg. Irgendwann bog ich ab.
   Die Straße kam mir bekannt vor, auch wenn ich sie mit nur einem Auge verschwommen wahrnahm. Es musste die Balduinstraße sein, also war es nicht mehr weit bis zur Davidstraße und zu meinem Zuhause.
   Die frische Luft tat mir überhaupt nicht gut. Der Alkoholkonsum schlug wieder durch, wirkte nach und rächte sich.
   Ich tastete mich an den Hauswänden entlang, als hätte ich in tiefster Nacht noch eine Sonnenbrille auf, während im Hafen zwei Nebelhörner ein Konzert gaben. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, denn der Boden unter mir schien uneben zu sein oder zu schwanken. Als es überhaupt nicht mehr ging und sich der Gehweg wie eine Kirmesschiffsschaukel bewegte, blieb ich einfach an einer Mauer stehen und lehnte mich unbeholfen an.
   Kurz war ich weggetreten, schlief im Stehen, als mich eine Hand berührte, um sich dann sachte auf meinen Arm zu legen.
   »Kann ich Ihnen helfen, junger Mann?«
   Meine Knie wurden in diesem Moment zu Gummi und knickten ein, doch ich wurde aufgefangen. Zwei Hände griffen unter meine Achseln und ein Kopf mit duftendem Haar und eine schmale Schulter drückten sich an meine Brust und mich dadurch an die Mauer zurück.
   »Fara?« Ich glaubte, das Parfüm zu erkennen, schüttelte dann den Kopf. »Nee, du bist in Bremen.«
   »Da war ich vorgestern. Und seit gestern suche ich nach dir.«
   Ich verstand nichts, grinste, nickte heftig, drehte den Kopf zur Seite und kotzte an die Hauswand.

K 3
Samstag, 25. Mai 1968
Sankt Pauli
Morgens

Das Klingeln des Telefons riss mich aus dem Schlaf. Vielmehr aus einem Traum, der mich durch eine Landschaft aus wunderschönen Ruinen alter Häuser und weiten, von Blumen übersäten Wiesen geführt hatte. Aufeinandergeschichtete Steine bildeten niedrige Mauern, die die Wiesen trennten und gleichzeitig harmonisch rahmten.
   Dieses Mal hatte ich nicht vom Apachen geträumt. Vielleicht war ich ihn endlich los. Vielleicht.
   Vorsichtig löste ich meinen Arm von Faras Körper, schob die Decke langsam zur Seite und suchte nach meinen Pantoffeln. Ich fand sie nicht, aber neben dem Bett entdeckte ich einen Eimer, der danach aussah, als hätte ich in der Nacht hineingekotzt. Erinnern konnte ich mich nicht daran.
   Am Fußende des Betts stand ein Stuhl, auf dem eine karierte Decke lag. Ich warf mir die Decke über die Schultern, nahm den Eimer mit und folgte dem immer noch anhaltenden Klingeln bis in den Flur, wo das Telefon an der Wand hing.
   »Sünder.«
   »Hallo Friedhelm. Fred.«
   Den Eimer stellte ich auf dem Boden ab und spuckte hinein. Ich hatte einen Belag im Mund, der einem moosigen Waldboden alle Ehre machte. »Welche Beleidigung willst du mir heute entgegenwerfen, Herr Reporter?«
   Seit dem Aufeinandertreffen im Hafenkrankenhaus waren drei Wochen ins Land gezogen, aber ich war immer noch sauer auf Fred.
   »Sachte, sachte.« Fred schien nicht von zu Hause anzurufen, denn ich hörte im Hintergrund Verkehrsgeräusche und Stimmen. »Ich bin nicht verantwortlich, wenn du auf Wahrheiten unverträglich reagierst.«
   »Und mit Wahrheiten kennst du dich als Journalist ja hinlänglich aus.«
   Ich hörte Fred am anderen Ende der Leitung zornig schnaufen. »Es ist mir mittlerweile schon fast scheißegal, was du von mir denkst, Friedhelm. Ich rufe auch nur an, weil ich einen Auftrag für dich habe.«
   Es gab eine Pause, denn ich legte den Hörer weg, suchte in der nahen Küche nach Zigaretten, fand sie und zündete mir eine an.
   »Friedhelm?«
   »Bin noch dran«, brummte ich.
   »Wenn du Arbeit haben willst, dann komm heute Nachmittag zum Alsterpavillon. Um fünf.«
   »Da kann ich nicht.«
   Fred hängte einfach auf, und ich sah den Hörer noch zwei Augenblicke lang an. Blöder Hund.
   Auf der einen Seite war mir ein neuer Auftrag willkommen, denn geschäftlich steckte ich seit Monaten in einer Flaute. Auf der anderen Seite aber wollte ich von Fred keine Almosen annehmen. Er wusste, dass meine Detektei momentan schlecht lief. Letzten Sommer, im Anschluss an den Egner-Fall, der im Nachhinein auch in der Presse hohe Wellen geschlagen und mich kurzzeitig bekannt gemacht hatte, schienen mir die Aufträge nur so ins Haus zu flattern, doch dann ebbte es ebenso schnell wieder ab. Fast so schnell, wie die Artikel in den Zeitungen durchgelesen waren. Danach gab es für mich nur ab und an ein paar Scheidungsfälle und einige Sachen aus der Industrie, aus dem Hafen. Und selbst diese wurden immer weniger.
   Mein Zimmer war das kleinste in der Mini-Kommune. Die anderen zwei Zimmer bewohnten Oleg, ein Wirtschaftsstudent aus Prag, und Cheryl, eine schwarze amerikanische Chorsängerin. Beide waren oft unterwegs, und manchmal sahen wir uns mehrere Tage nicht. Cheryl verdiente sich nebenbei etwas Geld, indem sie nicht sang, sondern reichen Männern als abendliche Begleitung zur Verfügung stand, ohne dabei zu viel zu geben. Dank ihrer wahnsinnigen Figur und ihrer angeborenen Exotik war sie ein Hingucker und sehr begehrt. Oleg hingegen kellnerte oft in den Urlaubsorten an der Nordsee.
   Ich nutzte mein Zimmer zeitweilig auch als Büro. Der andere Teil meines Büros war mein Auto. Als Postadresse für die Detektei fungierte aber die Kneipe Peerstall in der Nähe des Michels. Das Peerstall hatte sich zu meinem zweiten Zuhause entwickelt, nachdem meine alte und liebe Freundin Hanne ihre Kneipe aufgegeben hatte und mit ihrer ältesten Tochter aufs Land gezogen war. Dettmar Hellermann, der Wirt des Peerstalls, war ein langjähriger Freund, der sich sofort angeboten hatte, mir zu helfen.
   Mein berufliches Leben gestaltete sich also derzeit wie eine dramatische Runde im Spiel Mensch ärgere dich nicht: Du bist raus! Zurück zum Anfang! Neue Würfel!
   Ich schlenderte in unsere Kommunenküche und setzte Wasser für den Kaffee auf. In meinem Fach des Kühlschrankes, das mittlere, fand ich drei Flaschen Bier, ein kaltes Schnitzel, vier Scheiben Schinken, drei Eier und ein Stück Hartkäse. Ich nahm mir vor, im Peerstall anzurufen, um zu fragen, ob jemand Zeit und Lust habe, im Laufe des Tages für mich einkaufen zu gehen.
   Eine Minute später stellte ich die einzige Pfanne des Haushaltes auf den Herd und schlug die drei Eier hinein.
   Das fertige Frühstück mit Rühreiern, gebratenem Schinken und zwei Kaffeetassen balancierte ich auf einem Tablett in mein Zimmer.
   Fara hatte sich gerade im Bett aufgesetzt und offenbarte mir ihre nackten Brüste, denn die Decke war ihr hinuntergerutscht. Grüne Augen, noch verschlafen, aber verführerisch, blickten mich an. Ich sah ihr erst in die Augen, dann auf die Brüste.
   »Warmes Frühstück mit mir als Nachspeise?«
   »Nachspeise oder Vorspeise?«
   »Bei der Vorspeisen-Variante werden die Eier kalt«, meinte ich.
   Fara kicherte und streckte einen Arm aus. Sie winkte mit der Hand. »Das meinst du.«
   Zwei Stunden, einen kalten Kaffee, eine Portion ebenso kalter Rühreier und eine lauwarme Dusche später, stellte ich meinen Citroën-Kastenwagen halb auf dem Bürgersteig an den Colonnaden ab.
   Der Citroën war als Leihgabe eines zahlungsschwachen Klienten bei mir gelandet und hatte an den Türen die Werbelackierung Eine Tür, einen neuen Tisch … nur von Tischlermeister Heiner Wisch.
   Der Wagen, den die Franzosen liebevoll Schweinenase nannten, hatte einige Macken. Mindestens zehn tiefe Kratzer, ein abgeklebtes Loch im Dach, zwei Beulen an den vorderen Kotflügeln und eben die Werbelackierung des Holzfachbetriebes. Ich mochte den Wagen trotzdem – er hatte Charme - und die Werbung konnte bei Observationen als Tarnung dienen. Wenn es denn mal wieder Ermittlungen mit Observationen gab. Und ich nannte ihn Schwein.
   Mittlerweile gehörte der Wagen mir, was ein Glück war, da ich meinen Mercedes hatte verkaufen müssen, und der Tischler saß im Bau. Ich hatte seine Frau der Untreue überführt und er hatte beide zu vergiften versucht. Liebhaber und Frau.
   Ich legte einen vorgefertigten Zettel auf das Armaturenbrett: Handwerker im Noteinsatz.
   Mit nachlässigen Bewegungen richtete ich meine schwarze Strickkrawatte im Spiegelbild der Seitenscheibe und strich meinen dunkelgrauen Anzug glatt. Krawatte und Anzug trug ich nicht gern, denn sie waren für mich ein Symbol für Spießer und Beerdigungen, aber sie waren auch die Uniform für meinen zusätzlichen Broterwerb, den ich in diesen lauen Zeiten dringend benötigte.
   Die Colonnaden zeigten sich schon gut belebt. Ich sah die Straße entlang. Pärchen, einige mehr, andere weniger gut betucht und gelaunt, schlenderten von Laden zu Laden, und vor einem Feinkostgeschäft pafften zwei Männer ihre dicken Zigarren. Sie diskutierten die Qualität von kubanischem Tabak und nippten an einem leicht golden schimmernden Weißwein. Sicher ein Tropfen aus der Kategorie »fast unbezahlbar«.
   Solche Diskussionen wollte ich mal führen können.
   Einer der Männer war mehr als korpulent, trug einen kurz gestutzten Oberlippen-Koteletten-Bart, der dem ersten Kaiser Wilhelm alle Ehre gemacht hätte, und sprach mit englischem Dialekt. Trotz seiner Körperfülle wirkte er lebhaft, keineswegs unbeweglich, und überaus präsent. Sein Gegenüber war bart- und auch fast haarlos. Als ich an ihnen vorbeiging, wurde der Bärtige mit dem Namen William angesprochen. Sofort schaltete sich meine Fantasie ein und ich stellte mir den backenbärtigen William als englischen Gentleman vor, der in den frühen und noch nebligen Morgenstunden auf der Terrasse seines Landhauses in Cornwall oder Leeds stand, über sein gepflegtes Anwesen blickte, sich über den Bart strich, dabei seine Zigarre rauchte. »Das ist alles mein«, grummelte er vergnügt. Anschließend würde er sich auf der Terrasse ein britisches Frühstück servieren lassen.
   Gegenüber meinem Parkplatz brachte eine Gruppe emsiger Leute unter den Bögen des Arkadenganges zwei Kameras und mehrere tragbare Scheinwerfer in Position. Andere Helfer stellten Klappstühle auf. Auf einem der Stühle erkannte ich den Schriftzug Regisseur J. Roland. Sicherlich drehte man wieder eine Folge von Stahlnetz oder irgendeinen anderen Hamburg-Rotlicht-Krimi. Vielleicht mit einem Hauch scheinbarer sexueller und gesellschaftlicher Aufklärung. »Ich befreite die Hure auf Sankt Pauli« oder »Das Bordell der armen Mädchen«, »Showdown im Striplokal«. Diese billigen Filme, die nicht einen einzigen Quadratmeter Leben auf der Reeperbahn wahrheitsgemäß wiedergaben, waren gerade sehr populär.
   Ich unterdrückte den Impuls, mich trotzdem und sofort als Nebendarsteller bei den Filmschaffenden zu bewerben, und machte mich auf den Weg in Richtung Jungfernstieg. Als ich das renommierte Alsterhaus durch den Diensteingang betrat, hatte ich noch William, den Gentleman, im Kopf, aber auch die Dreharbeiten. Was würde ich dafür geben, die freie Zeit zu haben, dort einen Wein zu genießen und den Filmschaffenden zuzusehen?
   Ich trat im Alsterhaus meinen Dienst in der Herrenbekleidung an, beobachtete die Kunden und hielt mich bei den Anzügen auf. Ich war nicht gern Kaufhausdetektiv, doch dieser Nebenverdienst sicherte mir die Reserven für meinen kleinen Lebensstandard, auch wenn er mir viel Zeit raubte, die ich in mein eigenes Geschäft hätte stecken können - oder in die Beobachtung eines Jürgen-Roland-Drehs auf den Colonnaden.
   Eine junge Verkäuferin kam zu mir. Sie hieß Monika, und ich kannte sie als immer freundliches und frohes Gemüt.
   »Guten Morgen Herr Sünder.«
   »Guten Morgen? Es ist ein Uhr durch.«
   »Oh, ich dachte, dass ein Detektiv immer spät aufsteht, weil er bis tief in die Nacht ermittelt.«
   »In Groschenromanen und Filmen.« Ich lächelte mein nettestes Lächeln und hielt Abstand, denn am Vorabend waren einige Biere geflossen und ich wollte die junge Verkäuferin nicht mit meinem schlechten Atem belästigen. »Aber bei mir trifft das wohl auch manchmal zu.«
   Monika lächelte unsicher. »Aber richtig wach sind sie doch jetzt schon, oder?«
   Ich schenkte ihr einen fragenden Blick.
   »Mir ist ein junger Mann aufgefallen, der schon seit einer Stunde hier auf den Etagen herumschleicht.«
   »Wie sieht er aus?« Ich war schon einen Schritt von ihr weggetreten und sah mich dienstbeflissen um. »Kann ich ihn schnell erkennen?«
   »Groß, rote Windjacke und blonde Haare.«
   Ich seufzte. Innerlich fluchte ich. Diese kurze Beschreibung gefiel mir nicht, denn ein Mann mit diesen Merkmalen hatte mir im letzten Sommer erhebliche Schwierigkeiten und Schmerzen bereitet. Diesen Mann, Konrad Wenzeling, genannt Konni, sah ich im Geiste vor mir. Und dieses Bild war nicht nach meinem Geschmack. Ich hatte damals zwar gewonnen, aber doch etliche Blessuren davongetragen. »Ich kümmere mich darum«, versprach ich trotzdem und ließ Monika bei den Anzügen stehen.
   Fünf Minuten schlenderte ich herum, dann sah ich den Mann in roter Jacke und erwischte ihn sogar in flagranti.
   Er stand vor einer Ausstellungswand mit Krawatten und sah sich einen der Binder genauer an.
   Der Kerl war dunkelblond, fast braunhaarig und nicht größer als ich. Und ich war wahrlich kein Riese. Sein Gesicht war schmal, sein Körper augenscheinlich sportlich trainiert. Ich schätzte, dass er Fußball spielte.
   Die Finger seiner rechten Hand strichen prüfend über den Stoff der Krawatte, dann langte seine linke Hand zu einem anderen, erheblich teureren Schlips. Er schien sich unschlüssig und bat einen Verkäufer heran.
   Der Trick fing an.
   Ich zog mich hinter einen Kleiderständer zurück, denn ich ahnte, was nun kam. Ein wenig Erfahrung in diesem Job hatte ich schon.
   Der Verkäufer nahm die zuerst gewählte Krawatte aus der Präsentation und führte sie so sorgsam in seinen Händen vor, als hielte er eine Giftschlange. Ich hörte, wie er die Verarbeitung lobte und den guten Sitz prognostizierte, während der Mann in der roten Windjacke einen Arm nach der teuren Krawatte ausstreckte.
   Dann ging alles ganz schnell. Die teure Krawatte verschwand in der Gesäßtasche des Rotjackigen, und er sah demonstrativ auf seine Uhr. Der Verkäufer wurde augenblicklich vertröstet und stehen gelassen. Der Rotbejackte steuerte die Treppe ins Erdgeschoss an.
   Ich eilte ihm nach und wollte ihn erwischen, bevor er den Ausgang Jungfernstieg erreichte. Dort wäre es ein Leichtes für ihn, in der Menschenmenge der Promenade zu verschwinden.
   Er nahm immer zwei Treppenstufen auf einmal und fast wäre er mir entwischt, wenn ihm nicht ein älterer Herr im Weg gestanden hätte. Die beiden prallten zusammen, und der Ladendieb stolperte. Er landete direkt in einem Verkaufsständer.
   Jetzt konnte ich ihn überholen und positionierte mich am Ausgang, bereit, ihn dort zu schnappen.
   »Bleiben Sie bitte stehen«, bat ich, als er in meiner Höhe war und stellte mich in den Weg.
   Er erschrak deutlich und ich konnte in seinem Gesicht entdecken, dass er genau wusste, wer und was ich war.
   Sofort setzte er zu einem Spurt an, und ehe ich reagieren konnte, war er an mir vorbei, stieß ein junges Paar zur Seite und war aus dem Kaufhaus heraus.
   Ich fluchte laut.
   Er war schnell, das war mir klar. Aber er war sogar verdammt schnell, das musste ich ihm lassen. Doch mich packte der Ehrgeiz. Obwohl ich nicht gerade trainiert war, wollte ich ihn nicht so einfach laufen lassen und versuchte, alle meine Reserven zu aktivieren.
   Er kam keine fünfzig Meter weit, dann musste er einem Straßenfeger ausweichen. Der Besen des Stadtbediensteten erwischte ihn am Fuß. Sein Pech und meine Chance. Er strauchelte. Ich sprang, machte einen weiten Satz nach vorn und konnte seinen rechten Arm schnappen. Mit dem Schwung, der mich trug, riss ich den Kerl mit mir zu Boden.
   Und ich hatte Dusel.
   Er landete sehr unsanft unter mir, und es begann eine kleine Rangelei, bei der ich sein Knie hart in die Seite bekam. Er probierte dafür meinen Ellenbogen aus.
   Der Kniestoß presste mir die Luft aus den Lungen, ich bekam aber Oberhand, und es dauerte nicht lange, dann saß ich auf dem Kerl, hatte seine Arme im Polizeigriff und zog ihn auf die Beine. Meine Rippe tat weh, als ich endlich Atem holen konnte.
   »Was soll das?«
   Passanten waren stehen geblieben und sahen tuschelnd zu, wie ich den Kerl abmarschbereit machte, indem ich ihm seine Arme noch höher zu den Schultern drückte.
   Er schrie kurz auf. Ich ließ ein wenig nach.
   Ich schob ihn vor mir her zum Nebeneingang des Kaufhauses, denn dort befand sich ein kleines Büro für die Kaufhausdetektive, was aber mehr ein Abstellraum, ein Kabuff, war. Ohne Fenster und nur mit einem Tisch, einem Regal und zwei Stühlen möbliert.
   Als wir ankamen, drückte ich den immer noch protestierenden Ladendieb auf den Stuhl, der weiter von der Tür weg war.
   »Die Taschen leeren. Jacke, Hose, alles.«
   »Ich habe nichts getan.« Er verzog angewidert das Gesicht und starrte mich keck an.
   »Dann kann ich ja die Polizei verständigen.«
   »Nur zu. Solange kann ich mir draußen die Beine vertreten.« Er wollte aufstehen, doch ich stieß ihn auf den Stuhl zurück.
   »Ziemlich vorlaut für jemanden, der gerade eine teure Krawatte geklaut hat.«
   »Ich habe nichts gestohlen.«
   »Die Krawatte steckt in der hinteren Hosentasche. Ich habe gesehen, wie du sie dort eingesteckt hast.«
   »Ich habe nichts geklaut. Ich trage auch gar keine Krawatten. Was soll ich also mit so einem Lappen?«
   Es klopfte an der Tür und Herr Thomsen, der stellvertretende Geschäftsführer des Kaufhauses kam herein.
   »Auf frischer Tat ertappt?«
   Ich nickte. »Herrenoberbekleidung. Er hat eine Krawatte in seine Hose gesteckt.«
   »Ich habe nichts mitgenommen«, kam es ein drittes Mal über die Lippen des Diebes, und er sah Thomsen dabei mit einem unschuldigen Gesicht an, das einem Konfirmanden alle Ehre gemacht hätte. »Ihr Detektiv sollte sich eine Brille zulegen oder weniger saufen. Der stinkt ja wie eine Hafenkneipe.«
   »Bevor ich die Polizei rufen lasse«, meinte Thomsen, »möchte ich Ihnen die Möglichkeit geben, zu beweisen, was Sie sagen. Würden sie bitte alle Ihre Taschen leeren?«
   »Wenn es weiter nichts ist.« Der Kerl warf mir einen langen Blick zu und grinste mir ins Gesicht.
   Ich merkte, dass er mich verarschen wollte, wusste aber nicht, wie, und war gespannt, was jetzt geschah.
   Ich versuchte ihn zu irritieren. »Wie ist Ihr Name?«
   »Ingo«, kam es schnell.
   Zu schnell für meinen Geschmack. Nervosität lässt normalerweise zögern. Er zögerte nicht, war also nicht nervös.
   Er stand langsam auf und zog seine Jacke aus. Aus ihr kramte er eine Schachtel Zigaretten, einen Streichholzbrief und einen einsamen Bartschlüssel hervor. Aus seiner Hemdtasche förderte er einen Kamm zutage. Schließlich kehrte er seine vorderen Hosentaschen von innen nach außen. Sie waren leer. Dann drehte er sich um und griff sich in die Gesäßtaschen, aber seine Hände kamen leer wieder zum Vorschein.
   »Sehen Sie? Nichts.« Er sah über die Schulter und hatte eine Unschuldsmiene aufgesetzt.
   Die Taschen waren nicht ausgebeult. Eine Krawatte hatte er da bestimmt nicht mehr versteckt.
   »Herr Sünder?« In Thomsens Gesicht stand ein großes Fragezeichen.
   In meinem Gesicht standen aber alle Fragezeichen der jemals gedruckten Weltliteratur. »Ich habe keine zwei Meter von ihm weg gestanden, als er die Krawatte eingesteckt hat.«
   »Wie wir sehen, ist sie aber gerade nicht mehr aufgetaucht.« Thomsen steckte beide Hände in seine Sakkotaschen und wippte auf den Zehenspitzen. Er sah den Ladendieb an. »Wir müssen Sie wohl gehen lassen, junger Mann. Ich glaube natürlich meinem Mitarbeiter, aber wie es scheint, können wir Ihnen einen Diebstahl nicht beweisen.«
   »Er soll die Hosen runterlassen«, forderte ich.
   Thomsen sah mich mit ungläubigem Blick an.
   »Wie ist es mit einer Entschuldigung?« Dieser Ingo griente bei dieser Frage über das ganze Gesicht.
   »Sie sollten besser gehen«, sagte Thomsen. »Und ich spreche Ihnen hiermit noch ein Hausverbot aus.«
   Der Kerl nahm seine Jacke und drückte sich an mir und Thomsen vorbei.
   »Herr Sünder?« Thomsens Stimme klang fordernd.
   Ich setzte mich, wischte mir mit beiden Händen übers Gesicht und schüttelte den Kopf. »Er hat die Krawatte eingesteckt. Er muss sie irgendwie losgeworden sein. Vielleicht hat er mich zu früh entdeckt und war gewarnt.«
   Thomsen schloss die Tür. Sein Gesicht war ernst. »Sie sind in der letzten Zeit nicht gerade in einer guten Verfassung, Herr Sünder. Vielleicht sollten Sie sich ein paar Tage Ruhe gönnen.«
   »Ich bin in Ordnung. Danke.«
   »Das ist vielleicht Ihr Gefühl.« Thomsen kehrte jetzt sichtlich den Vorgesetzten raus. Er veränderte Stimme und seine Haltung. »Ich, äh, das Haus kann es sich nicht leisten, wenn unsere Mitarbeiter aufgrund persönlicher Probleme ihre Arbeit nicht richtig ausüben können. Stellen Sie sich in zwei Wochen noch einmal bei mir vor. Wenn es Ihnen dann besser geht, und wir noch Bedarf für einen Detektiv haben, können Sie wieder anfangen. Sie müssen heute natürlich nicht mehr weitermachen. Guten Tag.«
   »Persönliche Probleme?«
   Thomsen wedelte mit der Hand in der Luft herum. »Ja, denn sie stinken nach Alkohol. Nach viel Alkohol. Und nicht nur heute.«
   Er ging und ließ mich in dem Kabuff stehen.
   Ich ging auch. Die Tür des Nebeneinganges schlug ich hinter mir zu, als wäre sie der Eingang zur Hölle.
   In mir kochte es. Thomsen hatte mich gerade als Kaufhausdetektiv gefeuert. Als besseren Wachmann. Einen Posten, den ich nicht mal mit dem Beruf des Detektivs vergleichen wollte, denn richtige detektivische Arbeit war es nicht. Aber ich hatte den Job nicht erfüllt. Auf Thomsen war ich nicht sauer, sondern auf mich. Und jetzt fiel mir ein, dass ich Thomsen noch nicht einmal gebeten hatte, den Fluchtweg des Diebes noch einmal abzugehen, um das Versteck der geklauten Krawatte zu finden.
   Ich war noch in meinen Gedanken, als ich meinen Wagen erreichte. Ich öffnete die Tür und wollte gerade einsteigen, als ich plötzlich einen heftigen Rempler in die Seite bekam. Der Stoß warf mich auf den Fahrersitz und etwas flog an mir vorbei in den Wagen.
   »Na, alter Mann? Unsicher auf den Beinen? Räum mal deine Karre auf«, hörte ich, als ich mich aufgerappelt hatte und wieder auf der Straße stand.
   Der Rotbejackte ging schnell weiter. Ich wollte ihm erst folgen, doch dann blieb ich einfach stehen und sah ihm nach.
   Der Kerl hatte beide Hände in den Taschen seiner Jacke. Als er genügend Abstand zwischen sich und mir gewonnen hatte, zog er beide Hände heraus und zeigte mir mit ausgestrecktem rechten Mittel- und Zeigefinger ein stilisiertes V. In der linken Hand schwenkte er die geklaute Krawatte. »Schmuddelkarre!«, rief er über die Schulter. Er schwenkte den Krawattenarm wie ein siegreicher Soldat, der gerade eine gegnerische Standarte erobert hatte, und sprang dann auf den Sozius eines langsam fahrenden Mopeds auf.
   Ich sah in den Citroën und entdeckte im Fußraum vor dem Beifahrersitz ein dünnes Bündel aus alten Zeitungen, verschnürt mit Bindfäden.
   Ich stieg in das Schwein, warf das Bündel nach hinten in den Laderaum auf meine provisorisch ausgelegte Notbettstatt, eine Matratze.
   Verloren und verarscht, Sünder!, kam mir in den Sinn. Und wie immer auf ganzer Linie.
   Das alte Lenkrad des Citroëns musste meine Schläge jetzt aushalten. Es war aber robust genug. Französische Wertarbeit.

K 4
Sonntag, 26. Mai 1968
Bramfeld
Abends

Es regnete kleine Hunde.
   Mein Schwein parkte am Straßenrand der Bramfelder Chaussee. Ich stellte einen alten Sonnenschirm als Regenschutz auf und stieg erst einmal wieder ein. Öffentlich beschäftigte Arbeiter machten bekanntlich oft Pause. Vor einigen Wochen hatte ich mit schwarzer Farbe »Im Auftrag der Stadtwerke« auf den orangefarbenen Schirm geschrieben, und nun sollte er mir das erste Mal als Tarnung dienen.
   Ich wartete eine Weile darauf, dass der Regen nachließ, rauchte und dachte über die Ereignisse des Vortages nach. Die Verarsche dieses jungen Mannes steckte mir noch tief im Ego fest. Später am Abend wäre ich am liebsten noch einmal durch die Stadt gezogen, um den Kerl ausfindig zu machen und mir noch einmal vorzuknöpfen. Privat. Aber der Anruf für einen neuen Auftrag kam dazwischen.
   Ich nahm den Auftrag natürlich an, denn viel Auswahl an Beschäftigung hatte ich momentan nicht.
   Als ein Pfeifenraucher am Wagen vorbeiging, kam mir Fred in den Sinn. Er hatte sich nicht noch einmal gemeldet. Vielleicht war er sauer auf mich, so wie ich sauer auf diesen Rotjackigen war.
   Egal. Fred würde schon irgendwann wieder durchklingeln. Ich musste mich um meinen Auftrag kümmern, und um meine Tarnung zu erhalten, musste ich wieder aussteigen, auch wenn es noch leicht nieselte.
   Ich mochte diese labbrigen Arbeitshandschuhe nicht, die man an jeder Ecke für ein paar Mark bekam. Ich fand, dass man mit ihnen nicht richtig zupacken konnte und trug deshalb meine extradünnen Lederhandschuhe, während ich die Brechstange ansetzte und so tat, als wollte ich einen Kanaldeckel anheben.
   Zwanzig Meter weiter stand der Mercedes von Ortwin Harbrodt, dem Besitzer einer kleinen Handelskette für Agrarmittel aus Winsen. Seine Frau hatte mich auf ihn angesetzt. Harbrodt hatte vier Niederlassungen rund um Hamburg und war, wie mir seine Frau berichtet hatte, aufstrebender Regionalpolitiker. Er beschäftigte dreiundzwanzig Angestellte. Acht davon waren Frauen, und Harbrodt, so vermutete seine Gattin, schlief mit zwei dieser Damen. Und immer mittwochs, also hatte sie mich an einem Dienstagabend für den Mittwoch beauftragt, war er deshalb in Hamburg. Siebzig Mark hatte sie mir als Honorar zugestanden und Spesen gab es nicht extra.
   Ich hatte eigentlich keine Lust auf diese typischen Scheidungssachen, aber ich brauchte die siebzig Mark.
   Herbi, ein junger Mann, der ab und zu mal für mich arbeitete, hatte sich am frühen Morgen mit seinem Krad an Harbrodts Benz gehängt und ihn den ganzen lieben Tag über in Harburg, Wandsbek und bis nach Bramfeld verfolgt. Am späten Nachmittag hatte ich ihn abgelöst und zehn Mark waren von meinem Portemonnaie in seins gewechselt.
   Seit zwei Stunden, so hatte Herbi berichtet, stand der Wagen des Agrarhändlers schon vor einem Zweifamilienhaus.
   Der Kanal war offen, unten blubberte das Abwasser und ich sah auf die Uhr. Es war halb sechs. Bisher hatte ich weder Harbrodt noch eine andere Person in, am oder vor dem Haus gesehen.
   Die Abendsonne kam durch und trocknete Gehweg und Straße.
   Ich vermutete, dass der Agrarhändler in dem Haus eine der besagten Seitensprünge traf, legte die Brechstange in den Wagen und schlenderte über den Bürgersteig. Auf dem Kopf hatte ich eine alte Feldmütze der Bundeswehr. Dazu trug ich eine weite Zimmermannshose, die vielleicht nicht gerade zu einem Straßenbauarbeiter passte, einen dunklen Rollkragenpullover und eine blaue verschlissene Arbeitsjacke.
   Im Souterrain des Hauses gab es einen kleinen Laden. Ich ging hinein, kaufte mir eine Flasche Bier, ein Brötchen und eine Bockwurst, dann setzte ich mich draußen auf die Bank, die unter der kleinen Markise des Ladens stand.
   Der Inhaber kam mir nach und lehnte sich an den Rahmen der Ladentür. Ich schätzte ihn auf Mitte Fünfzig. Ihm fehlte die linke Hand. Sicherlich ein Kriegsveteran. Über dem Stumpf trug er nur eine abgewetzte Lederkappe. »Ihr Wagen? Die Tante-Ju auf Rädern?«, wollte er wissen.
   Irgendwie kam mir der Mann bekannt vor. Ich wusste aber nicht, woher.
   Ich schüttelte den Kopf, kaute, nachdem ich einen Schluck aus der Bierflasche genommen hatte. »Nee, der gehört meinem Cousin«, antwortete ich mit einer Lüge. Dann blickte ich auf das Ladenschild über der Tür. Krögers Feinkost und Kolonialwaren, stand dort. »Ich habe ihn mir für den Notdienst geborgt.«
   »Schon wieder ein Siel verstopft?«
   »Scheint so«, meinte ich. »Die Stadtwerke haben angerufen. Ich soll mal gucken.«
   Kröger nickte und beäugte mich etwas genauer. »Sie sehen nicht aus wie ein Kanalmuckel. Ham die vom Senat keine eigenen Leute mehr?«
   »So irrt man sich. Wegen dem Aussehen, meine ich. Aber Sie haben recht, Herr – äh - Kröger. Eigentlich bin ich Tischler, wie mein Cousin, aber ich bin auf Baustellen groß geworden und habe mir einiges angeeignet. Mauern, Fliesen legen, Kanäle prüfen, Hausanschlüsse graben und, man glaubt es kaum, sogar Zimmermannsarbeiten.«
   »Sagen Sie Fritze.« Kröger lachte brummig und bot mir eine Zigarette an.
   Ich hatte die Wurst und das Brötchen verdrückt und rauchte mit ihm.
   Wir schwiegen ein paar Minuten. Fritze Kröger beobachtete den Verkehr auf der Chaussee, und ich tat es ihm gleich, wobei mein Blick aber auch auf dem Hauseingang lag. Ein Cabriolet mit drei jungen Burschen musste an der nahen Ampel halten. Sie hörten laut Radio. Rock ‚n‘ Roll. Kein Beat. Ich hörte ein altes Stück von Bill Haley heraus.
   »Immer diese Hottentottenmusik«, stöhnte der Ladenbesitzer. »Hören Sie so was auch?«
   »Nein, nur meine Verlobte. Ich höre lieber deutsche Schlager. Kann man besser zu tanzen.«
   »Genau. Besser is’ das«, lobte der Ladenbesitzer und beobachtete weiter das Geschehen auf der Straße.
   Ich dachte immer noch darüber nach, woher ich ihn kannte.
   Irgendwann deutete ich auf den Mercedes von Harbrodt.
   »’n schöner Wagen, oder?«
   »Gehört so einem Fatzken. Der besucht immer den alten Wertstein im Zweiten.«
   Ich rückte auf der Bank weiter in die Mitte, weil es von der Markise tropfte. Es hatte sich schon eine kleine Pfütze gebildet. »Wertstein? Hört sich an wie ein jüdischer Name, oder?«
   Kröger nickte. »Ja, er war Arzt. Und er war im KZ Bergen, bis die Briten das Lager befreiten.«
   »Im KZ? Na, dann wird der Mann mit dem Mercedes bestimmt ein Angehöriger von ihm sein.«
   »Der? Nee, bestimmt nicht.« Fritze Kröger tippte sich mit dem Zeigefinger an die Nase. »Das rieche ich. Der is’ einer von denen, die auch noch zum Ende des Reiches den Arm für den Führer hochgerissen haben. Und er schreit Wertstein oft an.«
   Ich rechnete im Kopf nach. Harbrodt war älter als der Ladenbesitzer Kröger. Ich wusste, dass der Agrarhändler Baujahr 1905 war. »Sie meinen …«
   »… dass der da oben garantiert keinen Familienbesuch macht. Mehr meine ich nicht. Und ich halte mich auch raus. Der Wertstein mag niemanden. Er will auch von niemandem etwas, deshalb wundern mich auch die Besuche dieses Fatzkes, aber ich halte mich raus.«
   Ich verstand und deutete auf den Stumpf am Ende von Krögers linkem Arm. »Auch eine Erinnerung an Hitlerdeutschland?« Meine leere Bierflasche stellte ich auf der Bank ab und stand auf.
   »Ich war Feldgendarm, also Kettenhund, unter Rommel in Afrika und unter Kesselring 1943 in Italien. Bin dann Anfang September in Gefangenschaft gekommen, nachdem mir eine eigene Granate die Hand zum Popeln weggerissen hatte.« Er winkte mit dem Stumpf. »Egal, alte Geschichten. Ich mache jetzt dicht.« Er sah auf seine Uhr. »Is’ jetzt sechse durch, und meine Olsch wartet sicher mit dem Essen.« Er nahm meine Flasche und brachte sie in den Laden. Dann kam er zurück und setzte eine lange Kurbel an die Markise an. »Ach.« Kröger sah mich noch einmal an. »Wenn du dem Mercedes-Fatzken heute noch aufs Maul haust, dann gib ihm einen Uppercut von mir mit. Ich konnte diese Kerle mit dem Doppelblitz am Revers schon damals nicht riechen.«
   Ich sah Kröger überrascht an, und er grinste.
   »Den Handwerker nimmt dir keiner ab mit den Latschen.«
   Ich warf einen Blick hinunter auf meine braunen Wildlederschuhe und verfluchte meine Unachtsamkeit. Die Arbeitsschuhe standen im Schwein.
   ,Jetzt wusste ich, woher ich ihn kannte.
   »Sie sind Fritz, die Kobra aus der Nordheide«, staunte ich den Mann an. »Sie haben 1933 gegen Schmeling geboxt.«
   Fritze Kröger schüttelte den Kopf. »Nee, nicht gegen Schmeling. Er hat das gar nicht zugelassen. Er hat mich geboxt, und zwar quer durch den Ring.« Er hob den Stumpf. »Is’ vorbei. Alte Zeit. Und jetzt ist Feierabend.« Damit verschwand er im Laden und versperrte die Tür.
   Ich schlenderte zurück zum Citroën und ärgerte mich darüber, dass ich den Boxer nicht früher erkannt hatte. Als ich selbst anfing zu boxen, war er ein großes Vorbild für mich gewesen. Und ich ärgerte mich auch, dass er meine Tarnung durchschaut hatte.
   Den Sonnenschirm baute ich ab, packte alles ein und startete dann den Motor des Schweins. Ich parkte ihn zweihundert Meter weiter auf einem Parkplatz, von dem aus ich den Mercedes noch sehen konnte.
   An der Straße stand eine Telefonzelle. Ich wählte Faras Nummer.
   »Hallo?« Fara hörte sich etwas genervt an. »Friedhelm? Wo bist du?«
   »In der Stadt unterwegs. Ein Auftrag. Eine Observierung.«
   Ich hörte so etwas wie einen kurzen unterdrückten Fluch. Dann ein zuckersüßes Wispern, das aber nicht so süß gemeint war.
   »Wolltest du mich nicht zum Flughafen bringen? Ich fliege doch heute nach München.«
   Ich schlug mir imaginär die Hand vor die Stirn, als ich auf meine Uhr sah und das Datum entdeckte. Fara hatte morgen einen Vorsprechtermin in der bayrischen Hauptstadt. Man plante eine Krimi-Fernsehserie um einen Keller-Kommissar oder Kommissar Keller - genau wusste ich es nicht - und Fara hatte das Angebot bekommen, die hübsche jugoslawische Vorzimmerdame zu spielen. Adriano Deltgen, Faras langjähriger Agent, der angeblich über mehrere Ecken mit dem bekannten Schauspieler René Deltgen verwand war, hatte ihr dieses Angebot an Land gezogen. Adriano. Ich war ihm noch nie begegnet, wusste aber, dass Fara mit ihm schlief. Sie nannte ihn AD, und AD war der Friedhelm Sünder für ihre Münchener Aufenthalte. Sie wusste, dass ich es wusste, und ich wusste, dass sie wusste, dass ich es wusste. Wir nahmen es beide hin, auch wenn es mich ein bisschen störte. Und dieses Bisschen war ein bisschen untertrieben.
   »Du musst dir ein Taxi nehmen«, meinte ich und hörte, wie Fara sehr tief Luft einzog. Sie war sauer. »Ich komme hier nicht weg.«
   Fara schimpfte. Ich hörte die Tirade nur leise, denn sie hatte ihre Hand auf den Hörer gedrückt. Aber ich hörte es.
   »Fara?«
   Harbrodt kam aus dem Haus und ging schnurstracks auf den Benz zu. Den Wagenschlüssel hatte er schon in der Hand.
   »Fara? Nimm ein Taxi. Ich muss auflegen!« Ich hängte den Hörer hastig ein, versuchte so schnell wie möglich, aber unauffällig, die Telefonzelle zu verlassen und mein Wellblechschwein zu erreichen.
   Als ich den 42-PS-Motor startete, rauschte Harbrodts Mercedes schon an mir vorbei.
   Ich fuhr vom Parkplatz, nahm einem VW-Käfer die Vorfahrt und erntete wildes Gehupe, doch ich blieb am Benz dran.
   Der Agrarmittelhändler fuhr die Chaussee bis nach Sasel hoch, holte dort einen kleinen Blumenstrauß bei einem Floristen ab und fuhr in Richtung Barmbek zurück.
   Ich hoffte, dass er mich nicht bemerken würde und ließ mich ein wenig zurückfallen.
   Es wurde langsam dunkel.
   Erst an der Kreuzung Krausestraße bog der Mercedes in Richtung Dulsberg ab und stoppte einige Minuten später neben der Einfahrt zu einem Parkplatz in Eilbek. Harbrodt löschte die Lichter des Wagens, aber den Motor ließ er laufen. Das erkannte ich am qualmenden Auspuff.
   Ich überholte und parkte meinen Citroën hundert Meter vor dem Mercedes unter einer Pappel und zwischen zwei Laternen. Ich stieg aus und lehnte mich auf der Beifahrerseite an die Motorhaube meines Wagens. Ich versuchte, mir ein Bild der Umgebung und der Situation zu machen.
   Der Parkplatz schien noch nicht fertiggestellt zu sein. Er war umzäunt, und ich entdeckte einige Bauwagen, zwei Berge Kies, zwei Bagger und einen Radlader.
   Harbrodt stieg aus, stellte sich in den Schein einer Straßenlaterne und zündete sich eine Zigarette an. Dabei wedelte er übertrieben mit der Hand, mit der er das Streichholz hielt. Keine zwei Minuten später tauchte ein Mann aus dem Halbdunkel des Parkplatzes auf, drängte sich durch den Zaun und redete mit Harbrodt. Der Agrarmittelhändler und anstrebende Regionalpolitiker holte seine Brieftasche hervor und reichte dem Unbekannten einen Schein. Oder zwei. Ich konnte es nicht genau erkennen. Der Mann vom Parkplatz drehte sich um, steckte sich zwei Finger in den Mund und pfiff zweimal, dann tauchte eine neue, schlanke und eindeutig weibliche Gestalt auf dem Parkplatz auf.
   Der Unbekannte, den ich nicht genau erkennen konnte, sah in meine Richtung und trat in die Mitte des Gehwegs, um besser sehen zu können.
   Ich stieß mich vom Wagen ab, ging ein paar holperige Schritte in Richtung des Parkplatzes, taumelte dabei stark, tat dann so, als würde ich mich übergeben müssen und verschwand in einem Gebüsch. Ich imitierte laute Würge- und Spuckgeräusche und bewegte mich dann durch das Gebüsch, das zu einem kleinen Park gehörte. Ich kam so näher an Harbrodt und seinen nervösen Geschäftspartner heran.
   Die weibliche Person stand schon vor dem Zaun, als ich wieder deutlicher sehen konnte.
   Und was ich sah, raubte mir für Sekunden den Atem.
   Die weibliche Person war ein junges Mädchen in altmodischen Kleidern. Alles sah danach aus, als hätte sich Harbrodt gerade ein Kind als ein Vergnügen für die Nacht gekauft.
   Das Mädchen war nicht groß, vielleicht einen Meter sechzig oder fünfundsechzig, reichte Harbrodt gerade bis zur Brust, trug blonde Zöpfe und ein dünnes graues Kopftuch. Und, als sie sich leicht drehte, sah ich, dass auf ihrer linken Brust ein gelber Stern prangte.
   Jetzt wurde mir wirklich schlecht. Ich schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Galle brannte in meiner Kehle, und ich wünschte mir einen dreifachen Aquavit, um diese Scheiße, die ich gerade entdeckt hatte, hinunterzuspülen.
   Ich suchte auf dem Boden zu meinen Füßen nach einem Holzprügel, einem Ast oder Ähnlichem, aber ich fand nur Laub und Ästchen.
   Harbrodt öffnete die hintere Tür auf der Beifahrerseite des Benz, gab dem Mädchen den Blumenstrauß und bat sie mit einer übertriebenen Handbewegung, einzusteigen. Das Mädchen kletterte in den Fond, und Harbrodt sprintete sofort um den Wagen herum, drückte sich hinter das Lenkrad und fuhr ohne Licht los. Erst zwanzig Meter weiter schaltete er die Scheinwerfer des Benz wieder ein.
   Ich hatte keine Chance, eine direkte Verfolgung aufzunehmen. Und das machte mich wütend.
   Der Mercedes war schon außer Sichtweite, kurz nachdem ich aus dem Gebüsch heraus war.
   Ich stand auf dem Bürgersteig und sah die Rücklichter verschwinden, als ich bemerkte, dass jemand von hinten auf mich zukam.
   Das konnte nur Harbrodts Geschäftspartner sein. Der Kinder-Zuhälter. Ich war nicht mehr wütend – ich kochte.
   Ich horchte auf die Schritte des Mannes, wog ab, wie nah sie waren, und wirbelte herum, als ich mir gewiss war, dass der Kerl meiner Reichweite nicht mehr ausweichen konnte.
   Ich hatte den Mann von Weitem gesehen, schätzte jetzt kurz seine Größe ab und war mir sofort sicher, dass ich nur eine Chance hatte.
   Ich schlug zu, noch ehe er etwas sagen konnte.
   Als mein Kinnhaken wie ein umgekehrter Dampfhammer emporschoss, hatte der Lude den Mund offen stehen. Das hörte ich, denn seine Zähne krachten aufeinander, begleitet von einem unappetitlichen Geräusch, als meine Faust seinen Unterkiefer traf.
   Zunächst sah es so aus, als würde er von den Füßen gehoben und abheben, doch dann stolperte er rückwärts auf den Bauzaun zu und blieb dort mit ausgebreiteten Armen hängen, als wäre er der neue Jesusdarsteller eines bayrischen Passionsspiels. Sein Kinn hing ihm auf der Brust, und er spuckte Blut und weiße Partikel, die wohl zu seinen Zähnen gehörten.
    »Du Schwein!« Ich war rasend und wartete nicht darauf, dass sich dieser Dreckskerl von dem Schlag erholen konnte. Ich trat ihm mit aller Kraft erst gegen den rechten und dann gegen den linken Unterschenkel. Er schrie nicht, sackte nur auf die Knie, während er weiter Blut sabberte.
   »Wo fährt der Perverse mit dem Mädchen hin?«
   Der Zuhälter gab keinen Ton von sich, sah mich jetzt aber mit weit aufgerissenen und ungläubig gaffenden Augen an.
   Ich holte zu einem Schwinger aus. Meine Faust zerquetschte die Knorpel seines linken Ohres. In Boxerkreisen nannte man solche malträtierten Ohren, die sich nach vielen Schlägen verformten, Blumenkohlohren. Und ich wusste, dass jeder Schlag auf ein geprelltes, gequetschtes Ohr höllische Schmerzen verursachte.
   Ich packte den Kerl am Revers, hievte ihn auf die Beine und schubste ihn in Richtung meines Citroëns. Dort verfrachtete ich ihn durch einen harten Schubs auf die Ladefläche, nachdem seine Stirn kurz Berührung mit der Wellblech-Heckklappe bekommen hatte.
   Ich stieg nach ihm ein, schloss die Türen und hockte mich hin.
   In meinem Kopf tickte eine Uhr, denn ich ahnte, dass ich nicht viel Zeit hatte. Harbrodt hatte sein Opfer.
   »Hör zu«, zischte ich den Zuhälter an. »Hier drin sieht uns keiner. Und da du die nächste Zeit sicher von keinem Brötchen abbeißen kannst, wird es auch egal sein, ob dein Magen dann noch funktioniert. Und er wird nicht funktionieren, das verspreche ich dir, wenn du mir nicht sagst, wohin diese perverse Sau mit dem Mädchen gefahren ist. Ich werde dir deine Magengeschwüre von außen zusammentreten, wenn ich nicht zu hören bekomme, was ich hören will.«
   Mit meiner Hacke zielte ich auf seinen Solarplexus.
   »Pension Rudolph.« Er blubberte blutige Spucke. »Barmbek. Bahnhof.«
   »Die Absteige, in der Wermut arbeitet?«
   »Ja.«
   Ich verpasste ihm noch einen Schwinger, der ihn für einige Zeit ausschaltete, und legte ihn so auf meiner Matratze ab, dass er nicht an seiner eigenen Spucke oder dem Blut erstickte, auch wenn er mir dadurch die Matratze versaute.
   Ich fuhr los und holte alles aus meinem Schwein heraus.
   Fünfzehn Minuten später war ich vor Ort. Die Nase meines Wagens berührte fast die Stützen des Baldachins vor dem Eingang der schäbigen Pension, die eine bekannte Stundenabsteige abseits des Rotlichts war.
   Ich zupfte mir den Rollkragen bis über die Nase, schob meine Mütze tiefer ins Gesicht und stellte den Kragen meiner Jacke auf. Dann holte ich meinen Schlagstock unter dem Fahrersitz hervor.
   Der Zuhälter im Heck schlief noch tief und fest, also stieg ich aus, stürmte in den kleinen Empfangsraum des Hotels und stürzte sofort auf den Tresen zu, hinter dem tatsächlich Horst Wermut Hintzen saß.
   Hintzen blieb in seinem Sessel sitzen, hob sofort seine Arme in die Höhe und riss die Augen weit auf. »Hey!«, war der einzige Protest des rotnasigen Hoteliersgehilfen. Diese Wermutnase hatte ihm den Spitznamen eingebracht, als er noch Koberer auf der Reeperbahn war und noch kein Dauerportier in einer Stundenabsteige.
   »Wo ist der Kerl mit dem Mädchen? Dem Judenmädchen?« Ich fegte mit dem Prügel alles hinunter, was auf dem Rezeptionstresen stand oder lag.
   »Drei! Nummer drei.«
   Wermut war schon immer ein feiger Kerl gewesen.
   Die neun Zimmer verteilten sich auf drei obere Etagen. Die Zimmer eins bis drei lagen im ersten Stock.
   »Wo hast du deine Knarre?«
   Wermut schüttelte den Kopf. »Ich habe keine …«
   »Blödsinn! Wo?«
   Er nahm einen Arm hinunter und zeigte mit zitternder Hand auf eine Schublade.
   Ich fand eine angerostete Luger Parabellum. Vertrauenerweckend war die ungepflegte Waffe nicht, und ich nahm an, dass ein Schuss daraus mit einem Rohrkrepierer enden würde.
   Ich nahm die Waffe trotzdem und verpasste Wermut damit einen Schlag auf die Stirn. Der rotnasige Schmuddelportier sackte in seinem Sessel zusammen.
   Ich rannte die Treppe hinauf, an Zimmer eins und zwei vorbei und rammte meinen Körper mit der linken Schulter voran durch die Tür mit der Nummer drei. Das Schloss flog durch die Gegend, Holz splitterte, und die Tür krachte lautstark an eine Wand.
   Eine heftige Welle aus Schmerz bestrafte mich für diese Aktion und jagte durch meine Schulter meine komplette linke Körperhälfte hinab. Ich riss mich zusammen.
   Meine Zähne knirschten, als ich den Schmerz verdrängte und gleichzeitig die Situation im Zimmer aufnahm.
   Harbrodt stand breitbeinig und so nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, auf der Matratze am Fußende des Bettes. Er hatte einen Schlabberhintern und Haare auf den Schultern.
   Die Kleider mit dem Judenstern lagen neben dem Bett.
   Im Bett, unter einer hauchdünnen Bettdecke, lag das Mädchen.
   Ich packte Harbrodt an den Haaren, zerrte ihn von dem Bett fort und schubste ihn an die Wand neben der Tür. Die Parabellum bohrte ich ihm hart zwischen die Schulterblätter. Der Stahl drückte sich tief in seine Haut.
   »Hände an die Wand und die Beine auseinander, du perverse Sau!«
   »Wer …«
   »Halt dein ekelhaftes Maul!« Ich sah über die Schulter zu dem Mädchen, dessen Gesicht sehr grell geschminkt war. »Keine Angst, ich helfe dir!«
   Sie blickte mich erstaunt an. Erstaunt, und irgendwie nicht begeistert, gerade von einem perversen Kinderficker befreit worden zu sein.
   Sie schob sich langsam unter der Decke hervor und aus dem Bett heraus. Ich sah weg.
   Harbrodt bewegte sich im selben Moment.
   »Du sollst stillhalten!«, brüllte ich ihn an. »Ich kann dir deine abartig gesteuerten Tentakel auch durch die Arschritze hindurch und bis hoch an die Schultern ziehen.« In mir kochte noch mehr als vorher, seitdem ich diesen perversen Kerl nackt vor dem Bett entdeckt hatte. Ich griff zwischen seinen Oberschenkel hindurch und war froh, dass ich die Lederhandschuhe noch trug. Die Knarre noch in seinen Rücken gedrückt, hielt ich seine Eier in der anderen Hand und zog daran.
   Er brüllte laut auf.
   »Hör auf zu kreischen«, befahl ich ihm. »Sonst reiße ich dir die Dinger ab.«
   Harbrodt schluckte seinen Schmerz hinunter und versuchte zu nicken, was aber nicht ging, da seine Stirn ja die Wand knutschte.
   »Ich werde dich gleich, so nackt, wie du bist, in mein Auto verfrachten und dann geht’s auf die nächste Polizeiwache. Deinen Zuhälter-Kumpel habe ich schon eingesackt.«
   »Wer sind Sie?«
   Ich lachte kurz. »Das kann ich dir sagen. Deine Frau wollte dich in flagranti ertappen. Sie vermutete, dass du zwei deiner Bürotanten bumst. Dass du fremdgehst, kann ich ihr beweisen. Dass du pervers bist, wird ihr die Polizei in den nächsten Tagen erklären.«
   »Scheiße, scheiße, scheiße! Ich biete Ihnen hundert Mark!«
   Ich ließ seine Eier los und packte ihn hart im Nacken.
   Er stöhnte, als ich ihn zur Zimmertür schubste.
   »Ich hole dich gleich ab, Mädchen. Warte hier.«
   Nur fünf Minuten später war ich zurück.
   Harbrodt und sein Zuhälter saßen, mit dem Telefonkabel der Hotelrezeption verschnürt, im Schwein und Wermut hatte sich ganz schnell einen neuen Gute-Nacht-Schlag eingefangen. Er konnte sich darauf freuen, später mit zwei Beulen am Kopf aufzuwachen.
   Wieder im Zimmer angekommen, entdeckte ich das Mädchen auf einem Stuhl stehend. Sie hantierte an einer kleinen Kiste herum, die auf dem Kleiderschrank befestigt war.
   Und das Mädchen war kein Mädchen mehr.
   Sie war nackt, so nackt, wie ich sie vor Minuten noch unter der Bettdecke vermutet hatte. Aber sie war nicht so nackt, wie man sich ein junges Mädchen nackt vorstellte.
   Vor mir stand eine erwachsene Frau mit kleinen, aber reifen Brüsten, weiblichen Hüften, und sie war bestimmt schon Mitte zwanzig. Das einzige Kleidungsstück, das sie noch trug, war ein blauer halb durchsichtiger Slip mit Spitzenbündchen. Halb durchsichtig war momentan im Trend. Die grelle Schminke war bis auf ein paar Schlieren verschwunden, und ich blickte in ein schmales Gesicht mit dünnen Lippen, einer leicht schräg gewachsenen Nase und einer Unmenge von Sommersprossen.
   »Viola Penz«, erkannte ich jetzt.
   Die junge Frau versuchte sich seit Jahren als Aufdeckungs-Reporterin. Sie fiel aber immer wieder auf die Nase. Ich war verdutzt, sie hier zu sehen. »Was machst du da?«, kam mir als einziger Satz über die Lippen.
   Ich fing mir einen wütenden Blick ein, der durchaus einen spanischen Kampfstier gefällt hätte. Die blonden Zöpfe umrahmten ein zorniges Gesicht, das nicht mehr kindlich wirkte. »Sünder, du Blödmann, du hast mir meine Story versaut!«
   Viola hielt plötzlich eine Kamera in der Hand. Der Fotoapparat war in dem Kästchen auf dem Schrank versteckt gewesen. »Ich habe kein Bild bekommen. Wegen dir!«
   Ich trat einen Schritt vor, packte das Handgelenk mit der Kamera, drehte den Arm mit einer heftigen Bewegung um und fing die Kamera mit der freien Hand auf. Dann schob ich die Frau von mir weg, zog meine Waffe und positionierte mich wieder an der Tür. Mit der Kamera in der Linken und der Parabellum in der Rechten zielte ich auf die junge Frau. »Was soll diese Verkleidungsarie, Viola?«
   Ich war immer noch verwirrt, winkte aber locker mit der angerosteten Waffe und hoffte, dadurch sicherer zu wirken.
   Viola schlüpfte in Rock und Bluse und schob mit einer Fußbewegung die Jacke mit dem aufgenähten gelben Stern und das Kopftuch unter das Bett. Dann streckte sie eine Hand aus. »Meine Kamera!«
   »Was wolltest du damit aufnehmen?«
   »Bist du noch Detektiv? Ja? Dann bist du ein Stümper!« Sie ging zu Harbrodts Kleidung und suchte in dessen Jacken nach Zigaretten. Sie fand eine Packung Ernte und steckte sich eine Kippe an. »Ich wollte gerade einen ehemaligen KZ-Wärter dabei fotografieren, wie er ein angebliches Judenmädchen fickt. Den ganzen Tag hat ein Kollege von mir dazu gebraucht, den Draht und den Knopf zu verlegen, damit ich vom Bett aus Fotos schießen kann. Wir haben diesen Bastard schon seit Langem im Visier. Und heute war es so weit. Bevor du Idiot es versaut hast.« Sie ging zum Fenster und warf die angerauchte Zigarette hinaus. Dann bückte sie sich und nahm eine kleine schwarze Reisetasche auf, die zwischen Schrank und Wand gestanden hatte. »Dieses SS-Schwein nannte man in Bergen-Belsen und Neuengamme Zahnfritze. Er zog jeden goldenen Zahn, den er finden konnte und bumste jedes junge Mädchen, das ihm vor die Flinte lief. Am liebsten jüdische. Politische oder lesbische waren ihm aber auch recht und billig. Hauptsache jung und jünger.«
   »Und was wolltest du mit den Fotos?«
   »Den Zeitungen anbieten oder dem israelischen Konsulat? Oder dem Mossad? Was bist du für ein Idiot?«
   Ich hörte ihr zu, verkniff mir aber jeden Kommentar. Stattdessen zeigte ich mit meiner Waffe auf sie. »Bist du fertig zur Abreise? Wir gehen raus zum Wagen und liefern die beiden Kerle bei der Polizei ab.«
   Viola ignorierte meine Aufforderung und sah mich wütend an. »Weißt du Idiot eigentlich, dass ich mindestens fünftausend Mark für die Bilder bekommen hätte?«
   Einmal Blödmann und dreimal Idiot. Jetzt reichte es mir und ich wurde schnippisch. »Du hast aber keine Bilder, Süße.«
   Sie hob wütend ihre Hände und ballte sie zu Fäusten. »Drecksack.«
   »Jetzt aber raus!«, blaffte ich und winkte mit der Knarre. »Was ist in der Tasche?«
   »Frische Unterwäsche. Willst du reingucken?«
   Ich verzichtete und ließ sie vorgehen.
   Als wir endlich im Citroën saßen, deutete Viola nach hinten in den Laderaum. »Was willst du mit den beiden machen?«
   »Die fahren heute noch ins Zuchthaus ein. Wir bringen sie direkt zur Polizei.«
   Viola schüttelte den Kopf. »O nein. Da gibt es eine bessere Idee. Wenn ich etwas vorschlagen darf …?«
   Ich hatte die Parabellum zwischen den Sitzen abgelegt. Jetzt hatte Viola sie in der Hand und zielte damit auf meine rechte Niere.
   Wir fuhren zunächst in Richtung Stadtpark.
   »Du fährst jetzt schön zurück zu dem Parkplatz in Eilbek. Und versuch nicht, mich zu verarschen. Ich kenne mich in Hamburg bekanntlich aus.« Viola lehnte sich mit den Schultern an die Beifahrertür und zielte weiter auf meine rechte Körperhälfte.
   Ich wog kurz meine Chancen ab, aber der Abstand zwischen Fahrer und Beifahrer war zu groß, als dass ich sicher hätte hinübergreifen können, um die junge Möchtegern-Reporterin zu überwältigen und aus meinem Wagen zu werfen. Und die Parabellum konnte, wenn es ganz dumm lief, durchaus auch noch funktionieren.
   »Warum sollen diese beiden Perversen denn nicht direkt bei der Polente einfahren?«
   »Weil du dann, oder wir, Ärger mit Szameit bekommen würden, und das will ich vermeiden.« Sie deutete nach hinten, als sie meinen fragenden Seitenblick sah. »Der Mini-Zuhälter dahinten gehört nämlich zu Szameit, einem der neuen Bosse in der Stadt. Und Szameit hat mir dieses kleine Spektakel erlaubt.«
   »Neue Bosse? Konkurrenz würden die beiden Kiezkönige Schulze und Möhrs nie zulassen. Und in den Stadtteilen haben andere das Sagen, die aber mit den Kiezgrößen zusammenarbeiten.«
   Viola kicherte. »Du bist ja genauso blauäugig wie die beiden Herren, die du eben als Könige bezeichnet hast. Die zwei und ihre Schergen sind so mit Geldzählen beschäftigt, dass sie es noch gar nicht bemerkt haben, welcher neue Wind schon längst in Hamburgs Quartieren weht.«
   »Und dieser Szameit ist so ein neues Windei – äh – so ein Windmacher?«
   »Ja, ich habe das ermittelt. Andras Szameit stammt aus Ungarn und ist 1960 erst in Hannover aufgetaucht und letztes Jahr hier in Hamburg. Jetzt kontrolliert er Teile von Barmbek, Wandsbek und Eilbek.«
   »Und du hast das ermittelt und jetzt so viel Angst vor diesem …« Ein Peterwagen kam uns entgegen. Ich wollte erst hupen, doch Viola erriet meinen kleinen Plan.
   »Vergiss es, sonst kannst du ab morgen nicht mehr verdauen, Sünderlein!«
   Im Dunkeln grinste ich bitter, nickte und erinnerte mich, dass ich dem Kinder-Zuhälter vorhin eine ähnliche Drohung entgegengeschleudert hatte.
   Die nächsten Minuten schwiegen wir, und Viola achtete penibel auf unsere Strecke und jede Lenkbewegung, die ich machte.
   Aus den Augenwinkeln betrachtete ich die junge Frau, die sich seit Jahren bemühte, einen Platz im Zirkel der Hamburger Journalisten zu finden. Ich war ihr nur ein paar Mal begegnet, und Fred hatte mir schon einige Possen erzählt.
   Viola Penz war 1964 von Frankfurt nach Hamburg gezogen und hatte sich bei zwei Tageszeitungen als Reporterin beworben, ohne Referenzen oder Zeugnisse zu haben. Ein Volontariat lehnte sie ab und bot Recherchematerial und Artikel als Beweise ihrer journalistischen Befähigung an, erntete aber nur Absagen. Auch bei weiteren Redaktionen. Danach hatte sie sich mit verdeckten Ermittlungen versucht, also verkleidet und versteckt im Milieu oder in Firmen, um Skandale aufzudecken. Ein paar Skandälchen konnte sie offenlegen, aber selbst das brachte ihr keine Akzeptanz in den Kreisen der Hamburger Reporterschaft. Heimliche Recherchen schätzte man nicht in der hanseatischen Zeitungswelt.
   »Was willst du in Eilbek?«, wollte ich von ihr wissen. »Den anderen Zuhältern von diesem Szameit neue Nazi-Kunden abschnacken?«
   »Blödsinn!«, meinte sie.
   Ein paar Minuten später kamen wir an dem Parkplatz an.
   »Nicht anhalten, und fahr die nächste links rein«, flüsterte Viola. »Gleich um die Ecke stehen vier Bäume auf der rechten Seite. Licht aus und dort halten. Und du behältst beide Hände oben auf dem Lenkrad.« Sie setzte sich so, dass sie durch meine Seitenscheibe hindurch auf den Parkplatz blicken konnte.
   Die Gänge zwischen den grob gezimmerten Baubuden, vor denen die schweren Maschinen standen, waren hell erleuchtet, und ich konnte ein paar Männer herumlaufen sehen.
   »Pass auf«, meinte Viola. »Deine Aktion vorhin in der Pension als Ein-Mann-Rollkommando war schon nicht von schlechten Eltern, aber so ein Auftreten imponiert Szameit nicht, wenn er sauer auf dich ist. Du hast dich in sein Geschäft eingemischt, und darauf reagiert er sehr empfindlich, glaube ich. Wenn wir also gleich zu ihm gehen, solltest du lieber keine große Kla…«
   Ich hob meine rechte Hand vom Lenker. »Ich werde garantiert nicht zu diesem angeblichen neuen Boss kriechen und …«
   Viola stoppte mich. »Erstens: Du hast meinen Plan verdorben. Zweitens: Dein Fang dahinten, der Zuhälter, hat dich gesehen, und er sieht dich immer noch und mich auch, denn er ist wach. Und wenn du ihn nicht persönlich zu Szameit zurückbringst, um dich für deinen Fehler zu entschuldigen, wird man dich suchen. Und finden.«
   »Fehler? Mal abgesehen davon, dass du verkleidet warst, hat dieser Mini-Zuhälter in meinen Augen ein Kind an einen abartigen Freier verschachert. Und dass unser Nazi Harbrodt abartig und pervers ist, ist wohl nicht zu bestreiten. Deshalb wolltest du ihn ja in diese Falle locken. Und jetzt machst du hier auf ängstliche Jungfer und willst Abbitte tun? Wohin ist die ach so harte Reporterin verschwunden?«
   »Ich habe mir nur Harbrodt schnappen wollen. Ich plante nicht, mich mit dem Anführer einer kriminellen Bande anzulegen.«
   »Wenn er das ist. Ich habe noch nie von ihm gehört, und ich wette, dass sich Möhrs kaputtlachen wird, wenn ich ihm deine Geschichte erzähle.« Ich nahm die zweite Hand vom Lenkrad und steckte mir eine Zigarette an. Die Parabellum in Violas Hand ignorierte ich tapfer. Wenn mir mein Glück hold war, würde das Ding in der Hand dieser verwirrten Frau krepieren. »Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder, du gehst mit dem Mini-Luden allein zu diesem Szameit und ich bringe Harbrodt zur Polente, oder du kommst mit mir und wir liefern beide bei den Bullen ab.«
   »Wer von uns beiden hat die Knarre?«, erinnerte Viola.
   Genüsslich blies ich meinen Rauch aus. Ich musste jetzt auf dicke Hose machen und dabei bleiben. Eine andere Möglichkeit sah ich nicht. »Hast du dir die Waffe mal genauer angesehen? Die ist doch schon vor Verdun eingesetzt und bestimmt seitdem nicht mehr benutzt oder eingeölt worden. Ich hatte vorhin schon Angst vor dem Ding. Aber bitte … drück doch probehalber ab.«
   Ich wartete nicht auf die Antwort, stand auf und krabbelte nach hinten in den Laderaum des Citroëns.
   Weil der Lude mich aus seinem blutverschmierten Gesicht heraus blöd angrinste, bekam er aus Versehen meinen Schuh mitten in die Visage, und mein Zigarettenstummel landete in seinen Haaren. Ich grunzte boshaft, er vor Schmerzen.
   »Jackett-Kronen sind momentan günstig!«, erklärte ich ihm.
   Harbrodt zitterte, was kein Wunder war, denn er lehnte im Adamskostüm neben dem Luden an der kalten Wellblechwand.
   Ich drehte mich um und linste zu Viola. »Was ist? Was ist deine Wahl?«
   »Wenn du Möhrs von Szameit erzählst, dann wird es bald einen Unterweltkrieg in Hamburg geben. Und du wirst sicher einer der Ersten sein, den sich Szameit dann vorknöpft. Verräter mag der sicher nicht.«
   »Das hört sich an«, stellte ich fest, »als wärst du selbst dieser Boss oder gar seine Gespielin.« Ich öffnete die hinteren Türen meines Citroën-Schweins. »Entscheide dich.«
   Sie stand auf, warf die Waffe quer durch den Wagen, um mich damit zu treffen, doch ich wich aus. Die Parabellum flog an mir vorbei und landete auf der Straße. Es gab einen lauten Knall, als sich ein Schuss löste, und das Stück einer Griffschale sauste durch den Citroën. Ich war froh, dass es nicht die Kugel war.
   Der Rohrkrepierer hatte auf dem Asphalt stattgefunden und bestimmt einige Anwohner geweckt. Und garantiert auch die Leute vom Parkplatz.
   »Verdammt, Sünder! Du bist echt ein Idiot!« Viola schnappte sich ihre Tasche, hastete an mir vorbei, fluchte, sprang aus dem Wagen und war innerhalb von Sekunden in der Dunkelheit verschwunden.
   Ich fluchte auch, schmiss mich hinter das Lenkrad und startete die 42 PS meiner Wellblechkarosse. Von null auf achtzig dauerte länger, aber da war ich schon in der nächsten Seitenstraße verschwunden, wo ich in der Einfahrt eines Grundstückes eine große und tief hängende Trauerweide entdeckte. Ich setzte das Schwein rückwärts darunter, schaltete das Licht aus und verpasste meinen Gefangenen zwei Kopfnüsse, die sie in längere Schweigeminuten schickten.
   Mit meinem Knüppel in der Hand wartete ich in einem Busch auf Verfolger.

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