Erbtante Cecilie, eine typische Wilmersdorfer Witwe, hat das Zeitliche gesegnet. Doch damit Mara das Erbe antreten kann, soll sie das über sechs Jahrzehnte perfekt gehütete Familiengeheimnis der alten Dame lüften. Mit ihrer besten Freundin Pia macht sie sich auf die Spurensuche und landet im ländlichen Brandenburg. Ein Kneipenwirt im Elvis-Outfit kreuzt ihren Weg und die Sängerin einer Rockabilly-Band liegt am nächsten Morgen tot im Kofferraum eines alten Straßenkreuzers. Doch da gibt es auch noch eine ermordete Prostituierte, einen schmierigen Notar, einen mit Drogen handelnden Psychologen und die Diagnose, Pia ist schwanger. Was bloß hat ein Familiengeheimnis aus der Nazizeit mit all dem zu tun?

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ISBN: 978-9963-724-88-8

Seiten: 218

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Ines Eichelbaum

Ines Eichelbaum
Ich wurde in Leipzig geboren und lebe seit 1983 in Berlin. Hier habe ich zuerst als Diplom-Verwaltungswirtin 16 Jahre im öffentlichen Dienst des Landes Berlin gearbeitet, dann das Handtuch geworfen und bin für zwei Jahre nach Griechenland gegangen. Dort begann ich, Romane und Kurzgeschichten zu schreiben. Nach meiner Rückkehr veröffentlichte ich meinen ersten Kriminalroman „Eene Meene Miste, wie viele rappeln in der Kiste?“ und verschiedene Krimikurzgeschichten. Mit „Spaghetti Bolognese“ gewann ich den österreichischen Wettbewerb „1. deutschsprachiger Hörbuch Krimi Preis 2009“. Im Jahr 2012 bin ich dem Krimigenre für einen kleinen Abstecher in die Welt der Müllentsorgung fremdgegangen und habe in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtreinigung die Lehrgeschichte „Fridolin wird ein Kompostmacher“ geschrieben. Damit sollen Vorschulkinder mehr über Regenwürmer und deren Unverzichtbarkeit für uns Menschen lernen. Doch nun stecke ich schon wieder inmitten spannender, mörderischer Arbeit für meinen nächsten Kriminalroman.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Nach düst’rer Zeit wurd’s plötzlich bunter.
Es kam der Stil, doch auch viel Plunder.

Die Beerdigung von Cäcilie Reuter war vorüber und langsam kroch die Sonne hinter dicken Regenwolken hervor. Josef hatte während eines immensen Wolkenbruches Witwe Reuters Grabrede halten müssen, und das, obwohl er zu Lebzeiten ihr erklärter, jedoch wohlweislich im Verborgenen gebliebener Erzfeind gewesen war.
   Nun stand er mit triefend nasser Soutane neben dem noch offenen Grab. Dabei beobachtete er argwöhnisch Manni und Kalle, die – beide groß, übermäßig mit Muskeln bepackt und dumm wie Brot – begonnen hatten, Erde in das dunkle Loch und auf den schneeweißen Sarg zu schaufeln. Josef, selbst eher klein und kahlköpfig, trug seine Muskelmasse hingegen unter einer dicken Schicht Wohlstandsfett versteckt. Trotz seines katholischen Glaubens hielt er sich für einen recht weltlichen Kirchenmann.
   Ihm war bewusst, dass es sich überhaupt nicht schickte, über Verstorbene schlecht zu denken oder schlecht zu reden. Trotz verzweifelter Bemühungen, dieser ethisch korrekten Vorgabe menschlichen Verhaltens zu folgen, hatte er Cäcilie Reuter aus tiefstem Herzen gehasst. Er hatte sie so abgrundtief gehasst, dass er während seiner wohlwollenden Grabrede unvorstellbar schmerzhaftes Sodbrennen bekommen hatte und er hasste sie, diese alte Natter Cäcilie, noch immer.
   Ganz bestimmt hatte die alte Krähe ihn mit gemeiner Hinterlist in ihrer Verfügung dazu verdonnert, den Beerdigungstanz zu vollführen und die Trauerrede in der Kirche und am Grab für sie zu halten. Er vermutete sogar, dass sie dem armen Petrus im Himmel so zugesetzt hatte, dass der nicht anders konnte, als sintflutartigen Regen genau in dem Moment hereinbrechen zu lassen, als das erste Wort seine Lippen verlassen hatte.
   Cäcilie Reuter, eine geborene Mahlstedt, war zu Lebzeiten eine eiserne Katholikin gewesen und wöchentlich zur Beichte erschienen. Sie hatte im Kirchenchor bis zum Schluss das Regiment geführt und den Witwenzirkel in der Gemeinde mit diktatorischer Strenge geleitet. Jetzt war sie tot. Endlich!
   Josef blickte bei diesem Gedanken schuldbewusst zum Himmel empor. Für die nächste Ewigkeit ruhten nun Cäcilies sterbliche Überreste in der feuchten Erde einer jener monumentalen, uralten Grabanlagen, wie sie zu längst vergangenen Kaisers Zeiten für mehr als nur gutbürgerliche Fabrikbesitzer ein finanziell beinahe ruinöses Muss gewesen waren. Die wirklich wenig bescheidene Grabstätte der Fabrikantenfamilie Mahlstedt war jedenfalls eine solche. Sie befand sich auf einem überaus großzügigen, nur fußhoch eingezäunten Stück Land und für alle Welt sichtbar an der linken Begrenzungsmauer des Friedhofs. Eine monumentale marmorne Grabtafel aus hellem Stein bildete die hintere Begrenzung. Acht griechische Säulen und ein alles überspannender Baldachin aus demselben edlen Gestein empfanden, zwar etwas vereinfacht, aber dennoch imposant, die über Athen thronende Akropolis in für diesen Gottesacker durchaus beängstigenden Ausmaßen nach. Unter dem majestätisch anmutenden Mahlstedtschen Überbau gab es genügend Platz für insgesamt zehn Särge. Diverse Büsche und Sträucher sorgten für einen immergrünen Eindruck. Eine seitlich stehende, gusseiserne und absolut unbequeme Sitzbank lud nur bedingt zum Verweilen bei den längst Verstorbenen ein. Schwere, an der hellen Rückwand befestigte Tafeln aus schwarzem Marmor mit goldener Schrift taten ausführlich kund, wer hier inzwischen seine letzte Ruhe gefunden hatte.
   Auf der linken Seite lagen Cäcilies Eltern, der Fabrikant Ferdinand Mahlstedt und seine Frau Agathe, eine geborene Timmermann. Cäcilies in frühesten Kindertagen verstorbene Brüder Franz Ferdinand und Hubertus Wilhelm sowie die als alte Jungfer erst vor wenigen Jahren zu Grabe getragene Schwester Adele lagen gleich daneben. Rechts ruhte Cäcilies zweite, mitteljung verstorbene Schwester Clementine, weiterhin Cäcilies Ehemann August Wilhelm Reuter und der gemeinsame, aber tot geborene Sohn August Ferdinand. Und nun auch Cäcilie Reuter selbst.
   Josef überflog, zitternd vor Nässe und Kälte, die Aufschriften auf den Marmortafeln. Er kannte sie längst auswendig. Das Familienoberhaupt Ferdinand Mahlstedt war im Ersten Weltkrieg als Kompanieführer und Träger des kaiserlichen eisernen Verdienstkreuzes für eben jenen und das geliebte Vaterland während eines Sturmangriffs den Heldentod gestorben. Sein einziger Schwiegersohn August Wilhelm Reuter war dessen Beispiel tapfer gefolgt und hatte sich Jahre später im Zweiten Weltkrieg an der eisigen Ostfront im Range eines Majors niedermetzeln lassen. Kein Wunder, dass die alte Cäcilie nach Jahrzehnten der familiären Schicksalsschläge und des Witwendaseins und auch noch ohne neues Lebensglück in Aussicht, zu einer bösartigen Krähe mutiert war.
   Josef schickte ein weiteres Stoßgebet gen Himmel, auf dass der Heilige Vater dafür Sorge tragen möge, dass die Letzte der Familie zukünftig nicht als ruheloser Geist herumspuken würde.
   Er blickte etwas geistesabwesend auf seine Armbanduhr und stellte erschrocken fest, dass er sich sputen musste, wollte er sich zum Leichenschmaus nicht allzu sehr verspäten.
   Manni und Kalle hatten derweil einen ordentlichen Hügel Erde auf dem Grab aufgetürmt und waren im Begriff, die nächste Schaufelarbeit wenige Grabreihen weiter hinten in Angriff zu nehmen.
   Josef segnete noch einmal die Grabstätte der Mahlstedts, bekreuzigte sich und verließ den Friedhof.
   Die Trauerfeier fand in einigen Kilometern Entfernung vom Begräbnisort statt und seine Fahrkünste waren nicht die besten. Es dauerte eine Weile, bis er seinen alten Wagen zum Laufen gebracht hatte und die stark befahrenen Straßen entlangschleichen konnte.
   Als er nach einer geschlagenen Stunde endlich im Lokal eintraf, war die Veranstaltung bereits in vollem Gange. Cäcilie Reuter hatte alle Verwandten und Bekannten, Freunde und Feinde, Gönner und Neider dazu verdonnert, ihr Ableben in allerfeinster Umgebung, nämlich in der eines erstklassigen Grunewalder Restaurants, zu begießen. Unzählige schwarz gekleidete Personen standen mit Champagnergläsern in Händen in der Gegend herum und übten sich, dem Anlass entsprechend, in oberflächlichen Kurzgesprächen.
   Emsige Kellnerinnen huschten mit silbernen Tabletts zwischen den Stehenden umher und boten diskret Häppchen und Kanapees an.
   Ein elfengleiches Wesen in langer schwarzer Schürze schwebte unvermittelt heran und hielt Josef einige der feilgebotenen Delikatessen unter die Nase. Er hatte die freie Auswahl zwischen Schnittchen mit Kaviar, Schnittchen mit Lachs, Schnittchen mit geräucherter Forelle, Schnittchen mit Anchovis und Schnittchen mit Krabben. Er hasste Fisch.
   Wie es für ein erstklassiges Restaurant dieser Gegend zu erwarten war, erahnte die Elfe, wo das Problem lag und winkte schnell, aber unauffällig, eine Kollegin heran. Das Tablett, das sie mitbrachte, war schon mehr nach seinem Geschmack. Diesmal waren es dunkle Schnittchen mit Roastbeef, helle Schnittchen mit Schinken und Vollkornschnittchen mit Käse. Beherzt griff er zu und schaufelte sich gleich fünf der kleinen Teilchen auf eine steife Stoffserviette.
   »Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten?«, säuselte ihm unvermittelt ein schleimiger, in unterwürfig gebückter Haltung dastehender Ober ins Ohr.
   »Ein Bier.« Eine Antwort ohne großes Nachdenken. Und ein Fehler.
   Der Ober verzog unschön das Gesicht und bedauerte zutiefst, dass das wohl nicht möglich wäre. Die Verstorbene habe präzise Anweisungen gegeben und so könne er alles haben, nur eben kein Bier.
   Du alte Mistkrähe, dachte Josef missmutig. »Bringen Sie mir, was die anderen hier trinken«, sagte er jedoch freundlich.
   »Champagner. Kommt sofort, Hochwürden.« Der Ober schleimte davon, um nur Sekunden später mit einem winzig kleinen Silbertablett, auf dem ein einzelnes, noch leeres Glas stand, wie ein lautloser Geist wieder aufzutauchen. Mit der Flasche in der rechten Hand jonglierte er die luxuriöse goldfarbene und lustig prickelnde Flüssigkeit in dem Glaskelch auf dem Tablett. Dann reichte er es ihm formvollendet. Josef erkannte die Falle zu spät, griff einfach zu und hatte jetzt ein echtes Problem. In der einen Hand die übertrieben gestärkte Stoffserviette mit den fünf Schnittchen und in der anderen den Champagner. Trinken ging, aber wie sollte das mit dem Essen laufen? Weit und breit war keine Ablagefläche, kein Tisch, kein Nichts zu sehen. Nicht einmal die Fenster hatten Fensterbretter, denn sie reichten bis zum Boden. Himmel!
   »Kann ich Ihnen behilflich sein?«
   Vor Josef war eine junge Frau erschienen und lächelte ihn mit einer beängstigenden Mischung aus Mitgefühl und Schadenfreude an. Seine Irritation schien unübersehbar zu sein.
   »Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Mara Lahnsteiner. Tante Cäcilie war die Patentante meiner Mutter.« Beherzt nahm sie ihm die Serviette inklusive der herzhaften Miniaturstullen aus der Hand. »Wenn Sie erlauben, halte ich Ihr Essen, dann ist es bequemer für Sie.« Ein listiges Zwinkern folgte.
   »Oh, oh … äh«, war vorerst das Einzige, was über seine Lippen kam. Seine Wangen brannten wie Feuer und er spürte, wie sein Antlitz immer mehr wie ein Feuermelder zu leuchten begann.
   »Kein Problem. Tante Cäcilie hatte eine Vorliebe dafür, alles und jeden in eine unangenehme Situation zu bringen. Ihre erklärte Leidenschaft war es, die Leute auf gesellschaftlichem Parkett ins Trudeln zu bringen.« Mara lächelte aufmunternd.
   Aber es half nichts. Josef wusste sich nicht wirklich elegant aus der Situation zu befreien. Er trank den Champagner in einem Zug aus, stellte das Glas auf das Tablett des nächstbesten Kellners inmitten von Fischschnittchen und nahm seine feste Nahrung wieder an sich. Er hatte völlig vergessen, dass er noch nichts zum Frühstück gegessen hatte und die Wirkung des seidig perlenden Getränks somit mächtig unterschätzt. Ein heißes Brennen breitete sich in Windeseile in Speiseröhre und Magen aus. O nein. Er hatte doch vorhin schon Sodbrennen, resümierte er frustriert.
   Vom Genuss des Alkohols wurde ihm schwindlig. Um die Wirkung einzudämmen, griff er zu den Schnittchen in der Stoffserviette, aß die Kanapees allerdings viel zu hastig und verschluckte sich prompt. Eine überaus peinliche und laute Hustenattacke folgte, und die umstehenden Trauergäste richteten ihre neugierigen Gafferblicke auf ihn. Was für ein grauenhafter Tag! Freilich, was konnte er schon erwarten, wenn die Beerdigung von Cäcilie Reuter gleich als erstes Ereignis an diesem Sonnabend auf der Tagesordnung stand.
   Vom peinlichen Husten halbwegs erholt wechselte er anstandshalber noch ein paar Worte mit dem einen oder anderen Gast des Trauermahls und verschwand alsbald in seine heiligen vier Kirchenwände. Er wollte für Cäcilie beten und innigst darum bitten, sie möge ihn fortan in Ruhe lassen.

2
Die Herr’n rasierten ihre Schnäuzer.
Sie fuhren lieber Straßenkreuzer.

Im Gegensatz zu Pfarrer Josef Leutner hatte Mara noch ein langes Tagesprogramm vor sich. Erst am Morgen war sie aus ihrer Wahlheimat in Berlin eingetroffen und nicht ganz pünktlich zum Trauergottesdienst erschienen. Sie hatte in Trauerkleidung fliegen müssen, weil nach ihrer Ankunft keine Zeit mehr zum Umziehen geblieben wäre. Sämtliche griechischen Mitpassagiere hatten sie angstvoll angeblickt, unaufhörlich getuschelt und sich nach jedem Blick in ihre Richtung drei Mal bekreuzigt. Irgendwann war es Mara zu bunt geworden. Sie hatte sich in den Gang des Flugzeugs gestellt und lautstark erklärt, dass sie nur zu einer Beerdigung fliege und nicht etwa den Verstorbenen höchstselbst im Gepäck mitnehme. Geglaubt hatten ihr die Griechen zwar nicht, aber sie hatten wenigsten aufgehört, sie anzustarren, als hätte sie Pest und Cholera gleichzeitig.
   Mara hatte nie eine sonderlich enge Beziehung zu Tante Cäcilie gehabt. Zu Lebzeiten war sie lediglich die Patentante ihrer Mutter Annemarie gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Die gestrenge Cäcilie hatte man lediglich zu allen wichtigen Festen eingeladen, insbesondere, nachdem ihre Schwester Adele, die bis dahin einzig noch lebende direkte Verwandte, vor über zehn Jahren verstorben war. Und so war Tante Cäcilie an Weihnachten, zu Ostern und an den Geburtstagen erschienen. Zu den Namenstagen hatte sie eine Glückwunschkarte und Geld mit der Post geschickt, wie sich das für eine gute Katholikin gehörte. Ansonsten war sie eine dieser typischen Wilmersdorfer Witwen gewesen, alt und zänkisch, besserwisserisch und rechthaberisch, arrogant und hochgradig spießig.
   Bei jedem Aufeinandertreffen hatte Mara Rede und Antwort stehen müssen, warum sie denn noch nicht verheiratet sei und längst zum Fortbestand des Heimatlandes durch mehrere, artig erzogene Kinderlein beitrage. Als abschreckendes Beispiel führte Tante Cäcilie immer ihre verknöcherte Schwester Adele an. Mit Vorliebe beschuldigte sie Mara – gern in größtmöglicher Öffentlichkeit – der Verschwendung des überaus fruchtbaren Schoßes der Mahlstedts. Das war zwar nicht ganz richtig, denn die weibliche Linie der Familie entsprang dem Zweig der Timmermanns, zudem war Mara mit Tante Cäcilie gar nicht blutsverwandt, aber wer fragte schon danach? Mara hatte es sich unter großen Anstrengungen stets verkniffen, darauf hinzuweisen, dass eben dieser Schoß nie sonderlich fruchtbar gewesen war und somit für den Fortbestand des Heimatlandes gewirkt hatte. Doch Tante Cäcilie war Tante Cäcilie. Und jetzt war sie tot.

Unmittelbar nach Cäcilies Dahinscheiden hatte Mara von deren Anwalt einen Brief erhalten, der wohl nicht nur Gutes verhieß. Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach erwartete sie zu einer ersten Unterredung direkt nach Beendigung der Trauerfeierlichkeiten in seiner Kanzlei. Auch das noch! Hoffentlich hatte das alte Mädchen sie nicht testamentarisch dazu verdonnert, bis zum Sankt Nimmerleinstag ihre Gruft zu pflegen.
   Mara hatte Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach nur beim Trauergottesdienst gesehen. Offensichtlich war er danach sofort wieder in seiner Kanzlei verschwunden. Vermutlich saß der bleiche Hagen jetzt steif hinter seinem riesigen, massiven Eichenschreibtisch und verfasste ein Testament nach dem anderen.
   Doppeldoktor Hagen war der auserkorene Liebling von Tante Cäcilie und ihren Freundinnen. Seine Mandantschaft bestand überwiegend aus verknitterten alten Weibern einer längst vergangenen Epoche.
   Mara hatte ihren Eltern von dem Brief und dem angeordneten Treffen erzählt und bei der Gelegenheit erfahren, dass bislang kein Termin für eine Testamentseröffnung bekannt war. Es gab bei Tante Cäcilie vielleicht einiges zu erben, aber Mara wollte sich definitiv nicht um alte Couchen, Schränke, Wäschestücke oder Küchenutensilien kümmern.
   Sie hatte die Wohnung der Verstorbenen lebhaft vor Augen. Es war eine dieser riesigen Berliner Altbauwohnungen mit Stuck an den Decken, einer hochherrschaftlichen Klingelanlage und sogar einem Dienstbotenaufgang. Beeindruckend und gruselig zugleich.

Es war bereits früher Nachmittag, als sich die Trauer-gemeinde endlich aufzulösen begann und sich Mara auf den Weg zu Bleichi machte. Maras Vater, Wolf Lahnsteiner, hatte dem Rechtsverdreher diese und weitere Namensverstümmelungen schon vor Jahren verpasst und bei jeder Neuerfindung hämisch gegrinst. Nur gut, dass Tante Cäcilie davon nie Wind bekommen hatte. Familie Lahnsteiner wäre glatt enterbt worden. Nichtsdestotrotz, Bleichi war tatsächlich ein doppelter Doktor, sehr bleich und zudem von kleiner, spindeldürrer Gestalt. Mit den dünnen, durchsichtigen Fingern eines alternden Klavierspielers nestelte er unablässig an seiner unmodernen Krawatte oder zupfte sich geistesabwesend am Ohrläppchen. Die dunklen Haare waren stets mit Tonnen von Pomade am Kopf festzementiert und verstärkten seine kranke Ausstrahlung um ein Vielfaches.
   Maras Vater chauffierte sie bis vor dessen Haustür, nicht ohne ihr beim Aussteigen ein ironisches »Schönen Gruß an den Mehlzwerg« hinterherzurufen.
   Der absolute Unterwürfigkeit erzwingende Altbau, in dem der bleiche Mehlzwerg anzutreffen war, hatte zwei Weltkriege unbeschadet überstanden und beherbergte neben seiner Kanzlei die Praxen eines Schönheitschirurgen und eines Zahnarztes für die oberen Zehntausend Berlins sowie das Büro eines Landschaftsarchitekten. Letzterer kümmerte sich ausschließlich um die Ordnung und den Stil der Villengärten in Grunewald und Wannsee.
   Mehlzwerg Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach residierte im zweiten Stock. Mara entschied sich gegen den antiken Aufzug und für die breite, geschwungene Treppe.
   Im Kassenschlager Vom Winde verweht hatte Clark Gable alias Rhett Butler am Fuße einer solchen gestanden und die aristokratisch herabschreitende Vivien Leigh alias Scarlett O´Hara fasziniert beobachtet. Das hier war allerdings nicht die berühmte Baumwollfarm Tara in der Nähe von Atlanta zu amerikanischen Bürgerkriegszeiten, sondern Berlin-Wilmersdorf im Deutschland des dritten Jahrtausends.
   Die Tür zur Kanzlei war verschlossen und so musste Mara klingeln. Ein wahres Glockenkonzert ertönte auf der anderen Seite der schweren, doppelflügligen Tür. Es dauerte einen Moment, bis quietschende Dielenbretter verrieten, dass jemand geruhte, ihr zu öffnen.
   Mara kannte zwar Bleichi von der einen oder anderen Veranstaltung zu Lebzeiten Tante Cäcilies, aber in seiner Kanzlei war sie nur ein einziges Mal gewesen. Sie konnte sich nach über einem Jahrzehnt einfach nicht erinnern, was sie hinter der Tür erwartete.
   Eine unauffällige Erscheinung im mittleren Alter öffnete ihr und bat sie, noch einen Augenblick zu warten. Mara kam sich vor, als hätte man sie lebendig in einem überdimensionalen Eichensarg begraben. Alles war mit dunkelbraunem Holz vertäfelt. Die Wandverkleidungen reichten bis unter die hohen Decken und der Geruch nach Bohnerwachs und stinkender Möbelpolitur war ekelerregend.
   Wenige Minuten später wurde sie zum Herrn des Hauses vorgelassen. Das Büro glich dem Empfangsbereich in jedem einzelnen Detail und ließ den alten Hagen noch kleiner, kränklicher und unappetitlicher erscheinen. Der Mehlzwerg erschien ihr wie ein blasses Spiegelbild in einer dünnen Mehlsuppe. Laut etwas sagenhaft anmutender Gerüchte entstammte das Refugium noch aus Zeiten des hochgelobten letzten Kaisers. Und Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach entstammte schließlich einer wahren Anwalts- und Notardynastie. Sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater und sein Ururgroßvater waren allesamt Anwälte und Notare gewesen und hatten in dieser wohl von Anbeginn unverändert eingerichteten, niemals renovierten oder gar modernisierten Kanzlei ihre Dienste versehen. Riesige Ölschinken mit den Portraits sämtlicher männlicher Ahnen schmückten das ballsaalgroße, gruftähnliche Büro.
   Bleichi hockte mickrig auf seinem antiken, mit dunkelgrünem Leder bespannten Holzdrehstuhl und befingerte wie üblich fahrig seine Krawatte. Die Begrüßung war steif, ohne einen Händedruck, und das kleine Männlein kam sofort zur Sache. Aus einer noblen Aktenmappe nahm er ein mehrseitiges Schriftstück und erklärte feierlich, dass dies das Testament von Frau Cäcilie Reuter, geboren am 4. August 1914 als Tochter des Fabrikanten Ferdinand Mahlstedt und dessen Ehefrau Agathe, verstorben am 31. März 2009 sei. Im gleichen Atemzug erklärte er weiter, dass Mara darin als alleinige Erbin bestimmt war.
   Hatte sie sich verhört? Was hatte sie denn mit dem Nachlass von Tante Cäcilie am Hut? Warum hatte ihre Mutter nicht geerbt, schließlich war sie doch Tante Cäcilies Patentochter?
   Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach ließ sich nicht beirren und begann, mit sonorer Stimme den Letzten Willen der Verstorbenen vorzulesen. Mara bekam nur die Hälfte mit, denn ihre Gedanken kreisten ständig um all die plötzlich aufgeworfenen Fragen.
   »Fräulein Lahnsteiner, ist alles in Ordnung?«, erkundigte sich Bleichi, als er geendet hatte, und Mara reichlich dümmlich mit offenem Mund vor sich hinstarrte.
   »Ja, ja.« Der Mehlzwerg hatte sie gerade Fräulein genannt. Himmel, der Typ stammte wirklich noch von Vorvorgestern.
   »Ihre Tante hat Ihnen noch einen Brief hinterlassen. Darin erklärt sie ihre Gründe.« Damit reichte er Mara einen verschlossenen Umschlag aus schwerem, gelblichem Büttenpapier und einen Schlüsselbund.
   »Das sind die Schlüssel zur Wohnung. Sie hat Anweisung gegeben, dass nach ihrem Tod nur noch Sie die Wohnung betreten dürfen.«
   Mara hatte sich immer noch nicht vollends im Griff.
   »Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser? Oder etwas Stärkeres?«
   »Etwas Stärkeres, das heißt, lieber etwas ganz Starkes.«
   Die unauffällige Erscheinung im mittleren Alter, die sie eingelassen hatte, kam mit einem kleinen Tablett herein und servierte geschickt zwei doppelte Cognacs aus einer schweren Kristallkaraffe. Die braune Flüssigkeit glitt Mara die Kehle hinunter und verbreitete ein wohliges Gefühl im Bauch. Normalerweise hasste sie Cognac, aber nach dem Schock galt nur eine Devise: Hauptsache hochprozentig.
   »Wenn Sie irgendwelche Fragen oder Sorgen haben, Fräulein Lahnsteiner, stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung.« Hagen von Bleichenstein-Saalbach versuchte ein Lächeln und entblößte kleine, spitze Mäusezähnchen in unappetitlichem Braun.
   Das war genau das, was Mara auf gar keinen Fall wollte: den trödeligen Nachlass einer alten Frau auflösen, zu der sie im Grunde überhaupt keine Beziehung gehabt hatte. Und warum nannte dieses pomadige Wiesel sie immer Fräulein? Eine Frechheit! Sie war seit vielen Jahren keine achtzehn mehr und in ihrem Alter, also mit Anfang dreißig, hörte sich Fräulein wie die missglückte Umschreibung einer alten Jungfer an. Blödmann!
   Sein Angebot eines zweiten französischen Weinbrands hingegen nahm Mara dankend an, bevor sie sich verabschiedete.
   Zehn Minuten später stand sie leicht angesäuselt wieder auf der Straße und betrachtete zuerst grimmig Tante Cäcilies Brief in ihrer Hand und dann die rasant heraufziehenden schwarzen Wolken am Himmel. Der nächste Regenguss kündigte sich mit Donnergrollen und unfreundlichen Sturmböen an. Es war April in Deutschland!

3
Vorm Eigenheim ein schöner Zaun
und drinnen spross der Gummibaum.

Wolkenbruchartiger Regen hatte den Nachmittag und frühen Abend dominiert und Mara die Heimkehrlaune gründlich verhagelt. Während es in der deutschen Hauptstadt bei lausigen vierzehn Grad Celsius wie aus Kübeln schüttete, herrschten in ihrer neuen Heimat Thessaloniki bereits stramme dreißig Grad und ununterbrochener Sonnenschein.
   Für den Abend hatte sie sich mit Pia verabredet, doch die saß im Augenblick noch in ihrem Büro und wälzte Akten von einer Seite auf die andere.
   Von Langeweile getrieben beschloss Mara, schon einmal in das kleine Restaurant gleich um die Ecke zu gehen, in dem sie später mit ihrer besten Freundin zu Abend essen würde.
   Durchfeuchtet und mit einem riesigen Regenschirm in der Hand, trat sie durch die Tür des Lokals und stellte frustriert fest, dass es auch hier mit spannender Ablenkung Essig war. Nur ein Pärchen hatte sich zum Essen eingefunden und philosophierte mit vollen Mündern über die aktuelle Wirtschaftslage des Landes. Am Tresen saß stumm ein Einsiedler und starrte geistesabwesend in sein Glas. Mara verdrehte genervt die Augen und nahm den Kellner ins Visier. Doch auch der war aus Entertainmentsicht ein Komplettausfall, denn er war einzig mit dem Polieren übergroßer Rotweingläser beschäftigt und schwul, um nicht zu sagen, stockschwul.
   Frierend nahm Mara an einem Fenstertisch Platz und bestellte sich einen hochprozentigen Cocktail zur inneren Erwärmung. Das Zeug wirkte wahre Wunder und nach einer viertel Stunde stand bereits der nächste Drink vor ihr. Eine weitere halbe Stunde später machte Maras Stimmung aufgrund der alkoholischen Wirkung des dritten Mixgetränks schließlich einen sagenhaften Sprung ins Positive.

»Hör auf zu saufen«, herrschte Pia ihre Freundin Mara an, als sie nach einem nicht enden wollenden Arbeitstag im Balduin ankam und Mara beinahe volltrunken antraf.
   »Ich saufe nicht, ich betrinke mich unanständig«, maulte Mara, nicht mehr Herr ihrer Zunge, zurück. »Und außerdem ist das hier erst mein dritter Absinth Cocktail.«
   »Vielleicht der dritte Cocktail«, vermutete Pia, »aber bestimmt nicht der erste Alkohol heute. Was hast du denn eigentlich schon alles in dich reingeschüttet?«
   »Nicht so viel. Ein paar Gläschen Millionärsbrause beim Leichenschmaus von Tante Cäcilie, ein paar Cognacs in Bleichis Holzschrank und vorhin eine Flasche Merlot zum ersten Abendessen.« Mara grinste debil und hatte plötzlich Schluckauf.
   Welchem Abendessen? Zu dem war Pia doch gerade erst erschienen. Doch sie schwieg lieber und verdrehte nur die Augen. Auch wenn es Mara derzeit noch einigermaßen gut zu gehen schien, war das doch in Wirklichkeit nur schöner Schein.
   Nach dem Schock in von Hagenstein-Saalbachs Anwaltsgruft hatte Mara sie im Büro angerufen und sie zu einem Abendessen außer Haus im kleinen, aber feinen Balduin überredet. Sie hatte nicht lange betteln müssen, denn Pias Tag war bis dahin ebenso katastrophal verlaufen, wie Mara es von ihrem verlauten ließ.
   Der Schwangerschaftstest am Morgen war positiv, der mögliche Vater des Kindes nicht ganz so eindeutig zu identifizieren, und ihr bösartiger, fetter, korrupter Chef hatte den ganzen Tag nur herumgeschnauzt.
   Pia ging zum Tresen und bezahlte wortlos die Rechnung ihrer volltrunkenen Freundin. Es war höchste Zeit, zu gehen, denn zum Essen kamen sie jetzt ohnehin nicht mehr.
   Sie hievte Mara schwerfällig vom Stuhl, stolperte mit ihr drei Schritte zurück und stießen mit dem einzelnen an der Bar sitzenden Mann genau in dem Augenblick zusammen, als der sein Whiskeyglas an die Lippen setzte. Der edle Kristallbecher schlug scheppernd an seine oberen Schneidezähne und ein Großteil der goldfarbenen Flüssigkeit schwappte über sein Kinn auf den Tresen. Mit dem schiefen, alkoholbedingt verzögerten Blick eines Gewohnheitstrinkers warf er ihnen ein wütendes Blitzen entgegen und murmelte etwas Unverständliches.
   Pia entgegnete nur ein genervtes »Ja, ja« und schleppte Mara erst auf die Straße und dann in ihr Auto. Zum Glück hatte sie einen Parkplatz direkt vor der Tür gefunden.
   Nur fünf Minuten später in ihrer Wohnung angekommen, fiel Mara auf das Gästebett und regte sich keinen Millimeter mehr. Ein unmittelbar einsetzender, komaähnlicher Zustand verschonte sie glücklicherweise vor dem sonst üblichen Seegang an Land. In Hut und Mantel schlummerte Mara friedlich vor sich hin und die ganze Nacht durch.
   Pia hatte nicht so viel Glück. Sie bekam anstelle ihrer Freundin rasende Kopfschmerzen und grauenhafte Übelkeit und alles zusammen hinderte sie an einer entspannten Nachtruhe. Nachdem sie sich stundenlang im Bett hin- und hergewälzt hatte, sprang sie noch vor sechs Uhr am Morgen wieder auf und eilte ins Büro. Sie hatte das Bedürfnis, es dem männlichen Geschlecht gleichzutun und sich mit Arbeit abzulenken.

Mara wachte kurz vor Mittag in voller Montur, mit verquollenen Augen und verschmierter Wimperntusche auf. Selbstverständlich war ihr speiübel, der Kreislauf lief nur auf Sparflamme und fiese kleine Zwerge hämmerten im Akkord in ihrem Kopf.
   Aspirin, Kaffee mit Zitrone und eine Stulle mit Griebenschmalz und ordentlich Salz dämmten die körperlichen Maleschen später zumindest so weit ein, dass sich der Brechreiz auf ein kontrollierbares und der Kopfdruck auf ein erträgliches Maß reduzierten.
   Wie das Kaninchen vor der Schlange saß Mara am Nachmittag vor Tante Cäcilies Brief. Es half nichts. Sie musste ihn lesen, ob sie wollte oder nicht. Mit einem spitzen Küchenmesser schlitzte sie schließlich den Briefumschlag auf und nahm das handgeschriebene Werk heraus.

Liebe Mara,

wenn Du diesen Brief liest, bin ich bereits bei meinen Liebsten im Himmel. Die Hölle möge mir, so Gott hilft, erspart bleiben. Ich hoffe, alle haben sich strikt an meine Anweisungen bezüglich meiner Beisetzung und der dazugehörigen Feierlichkeiten gehalten. Aber diese Heuchler werden meine Anordnungen schon aus Angst befolgt haben, ich könnte sie aus purer, boshafter Unzufriedenheit als Geist heimsuchen.
   Liebe Mara, Du bist die Einzige unter diesen Geiern, die nie nach meinem Geld geschielt hat. Daher habe ich Dich zu meiner Alleinerbin bestimmt. Es sind keine Millionen, aber es wird reichen, um aus Dir eine sehr gute Partie zu machen. Insofern kannst Du dann endlich einen passenden Mann aus den besten Kreisen finden und mit ihm eine solvente Verbindung eingehen. Damit Dir der eine oder andere entsprechende Herr vorgestellt wird, wende Dich bitte an meine Bekannte aus dem Kirchenchor, Fräulein Hedwig Blankenburg. Sie ist instruiert. Du musst schließlich besser heute als morgen an die Gründung einer Familie denken. Kind! Leider hast Du Dich in letzter Zeit ziemlich rargemacht. Aber das will ich Dir vergeben. Dein Vater hat ganz stolz berichtet, dass Du Dir Deinen Traum von einer Karriere als große Journalistin erfüllt hast. Ich bin ebenfalls sehr stolz auf Dich, mein Kind. Er hat mir auch erzählt, dass Du erfolgreich für die Polizei gearbeitet hast und sie ohne Deine Unterstützung den einen oder anderen kniffeligen Fall nicht so problemlos gelöst hätten.
   Sicher, Deine Mutter hätte den größeren Anspruch auf meinen Nachlass, aber sie ist gut versorgt und hat bei Weitem nicht Deine Fähigkeiten, Licht ins Dunkel zu bringen. In meinem Leben gab und gibt es immer noch einen sehr dunklen Fleck. Ehrlich gesagt, es war wohl mehr als nur ein einzelner. Ich weiß, Du wirst die Schatten meiner Vergangenheit zu meiner Zufriedenheit klären.
   Das ist die einzige Bedingung, die ich an mein Erbe geknüpft habe. Der gute Hagen erwartet Deine Antwort, aber ich weiß, Du lässt mich nicht im Stich.

In Liebe
Tante Cäcilie

Mara las den Brief ein weiteres Mal und wurde nicht schlauer. Was für dunkle Flecken? Hatte Tante Cäcilie mal ein Schäferstündchen mit dem Nachbarsjungen gehabt und haderte nun mit ihren eigenen Moralansprüchen? Oder hatte sie die Blümchen auf dem Grab ihrer Familie nicht immer artig gegossen?
   Mara wurde erst aus ihren frustrierten Gedanken gerissen, als Pia die Wohnungstür aufschloss. Sie kam gerade aus dem Büro und wollte nur noch ins Bett. Es war ihr völlig egal, dass es erst kurz vor drei Uhr am Nachmittag war, sie hatte eine Menge Schlaf nachzuholen und so verkroch sie sich wortkarg und selbstmitleidig unter ihrer Bettdecke.
   Mara machte sich auf den Weg zu Tante Cäcilies ehemaliger Wohnung. Sie hinterließ ihrer schlafenden Freundin eine Nachricht, wo sie zu finden war, und ging zu Fuß zu ihrem an mysteriöse Bedingungen gebundenen Erbe.

Die Wohnungen von Pia und Tante Cäcilie lagen nur gute zehn Minuten Fußmarsch auseinander. Die Sonne schien zur Abwechslung seit einigen Stunden ohne die übliche Regenunterbrechung und es war fast frühsommerlich warm, zumindest für deutsche Verhältnisse.
   Seit Mara in Griechenland lebte, konnte sie sich bei ihren gelegentlichen Besuchen in der alten Heimat nur schwer an das Wetter gewöhnen.
   Der dicke Schlüsselbund in ihrer Handtasche klimperte bei jedem Schritt leise vor sich hin. Was für eine Wohnung würde sie vorfinden? Dunkel erinnerte sich Mara an riesige, hohe Räume, klotzige, dunkle Möbel und schwere, blickdichte Gardinen. Wohnungen von alten Menschen mit alten Dingen darin rochen immer komisch. Im schlimmsten Fall nach Rheumasalbe und Urin, im besten Fall nach abgestandener Luft und alten Keksen in noch älteren Blechdosen. Beide Vorstellungen waren nicht sonderlich verlockend, insbesondere bei dem noch reichlich wabbeligen Gefühl eines Katers in Kopf und Magen.
   Mara hatte ihr Ziel schnell erreicht und stand mit mulmigem Gefühl vor einem wuchtigen Altbau. Er sah nicht viel anders aus als das Haus, in dem Bleichi mit seiner Kanzlei residierte. Wie riesige Galionsfiguren stemmten hier zwei propere, barbusige Damen aus Sandstein das Vordach über der doppelflügligen Haustür in die Höhe. Einer fehlten Teile des Busens, der anderen die rechte Gesichtshälfte. Der Zahn der Zeit nagte an diesem Gemäuer.
   Mara kramte den Schlüsselbund hervor, suchte nach dem passenden Schließwerkzeug und stellte fest, dass selbst das Schloss noch ein Original war. Wie für viele wirklich alte Berliner Häuser üblich, gab es auch hier noch eines jener Schlösser, die nur mit einem sogenannten Durchsteckschlüssel geöffnet werden konnten. Für jeden, der diese Art Schlüssel das erste Mal sah, war er das reinste Kuriosum. Der Schlüssel hatte an beiden Enden einen Bart. Man steckte also den Schlüssel in das Schlüsselloch, schloss die Tür auf, schob den Schlüssel im richtigen Winkel auf die andere Seite hindurch und konnte den Schlüssel drüben nur dann wieder herausziehen, wenn man die Tür wieder abschloss. Clever, die alten Preußen, dachte Mara fasziniert. So konnte die Tür nie offen stehen oder gar unverschlossen bleiben. Für die Sicherheit der Bewohner war also immer gesorgt.
   Tante Cäcilies ehemaliges Wohnhaus verfügte über einen Keller, ein Erdgeschoss, drei Etagen und einen Dachboden. Einen Fahrstuhl gab es nicht, dafür jedoch eine riesige, hochherrschaftliche Treppe mit schmiedeeisernem Geländer und hölzernem Handlauf, der sich, von vielen Händen im Lauf der Jahrzehnte glatt poliert, seidig anfühlte. Wieder schien es, als würde ein imaginärer Rhett Butler auf seine Scarlett O’Hara warten. Teppiche aus dunkelroter Kokosfaser dämmten jedes Schrittgeräusch auf den knarrenden, alten Treppenstufen. Stuckarbeiten zierten das schummrige Treppenhaus und eine alte Tafel aus schwarz lackiertem Holz zeigte an, wer im Vorderhaus in welcher Etage und auf welcher Seite wohnte. Erstaunlicherweise war das Verzeichnis auf dem aktuellen Stand und tat die Namen der momentanen Mieter gut lesbar kund. Die Tafeln für das Hinterhaus und den Seitenflügel hingegen waren verwaist. Das war nicht weiter verwunderlich, denn diese Bauten hatten den letzten Krieg nicht überstanden. Eine Bombe der Alliierten hatte für viel Licht, Luft und Risse in den Wänden gesorgt, und bedauernswerterweise sicher für eine Menge obdachloser Familien.
   Die kleine Tür zum Hof stand offen und Mara erahnte alte Gehwegplatten und einige Mülltonnen in der Ecke. Die reichten bestimmt kaum aus, um Tante Cäcilies Wohnung besenrein zu hinterlassen, überlegte sie und beschloss, noch bevor sie überhaupt wusste, was sie in Cäcilies Reich erwartete, ein Entrümpelungskommando aufzutreiben.
   Mara machte sich zögerlich auf den Weg nach oben. Tante Cäcilies Wohnung befand sich im zweiten Stock und damit auf der ehemaligen Villenetage des Wohnhauses.
   Im Erdgeschoss hatte es in besseren Tagen gewiss mal einen Concierge gegeben, diese Zeiten waren aber längst passé. Jetzt wohnten hier zwei Familien mit Namen Lehmann und Schmidt. Zumindest die erinnerten noch an den echten Berliner Portiersadel.
   Im ersten Obergeschoss wohnten zwei weitere Mietparteien und die linke von beiden hatte beschlossen, den Abfallgestank nicht in der Wohnung zu verbreiten, sondern die ganze Hausgemeinschaft an ihrem Hausmüll teilhaben zu lassen. Mara stellte reflexartig das Atmen ein, als sie die Plastikbeutel sah. Durch die durchsichtige Mülltüte entdeckte sie benutzte Babywindeln, Nudeln mit Tomatensoße und andere unappetitliche Dinge. Ihre überwunden geglaubte Übelkeit stellte sich mit doppelter Lichtgeschwindigkeit wieder ein. Das Namensschild an der Klingel verriet möglichen niederländischen aber verarmten Adel. Familie van Haaren und ihr quengelnder Nachwuchs bewohnten die externe Müllhalde. Ekelhaft!
   Tante Cäcilies Domizil lag über dem der Müllfamilie. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Mara die passenden Schlüssel zu den drei verschiedenen Sicherheitsschlössern an Tante Cäcilies Wohnungstür identifiziert, die richtige Reihenfolge des Aufschließens ausgeklügelt hatte, und endlich eintreten konnte.
   Während der gesamten Aufschließprozedur hatte sie ein stechendes Augenpaar in ihrem Rücken gespürt und sich innerlich schon gewappnet, der neugierigen Person aus der Nachbarwohnung eine Rechtfertigung für ihr Tun entgegenzuwerfen. Doch die Tür der Leipolds blieb verschlossen. Zum Glück!
   Viele Minuten später betrat Mara endlich Tante Cäcilies Refugium. Blitzschnell hatte sie die Tür wieder hinter sich geschlossen und stand erst einmal im Dunkeln. Draußen war helllichter Tag, aber hier drinnen war es finster wie in einem dicht bewachsenen Wald voller Tannen.
   Der Lichtschalter musste irgendwo rechts sein und nach einigen unkoordinierten Wischbewegungen über die Tapete fand Mara die altertümliche Installation eines Drehschalters. Sofort hüllten trübe Glühlampen unter alten Tiffanyschirmchen auf noch älteren Wandlampen den unendlich lang erscheinenden Flur in krankes, gelbes Licht. In der Wohnung waren offensichtlich sämtliche Vorhänge zugezogen worden. Ein riesiger Spiegel im Flur mit überladenem Goldrahmen war mit einem schwarzen Tuch verhängt. Eine eifrige Seele hatte hier gute, katholische Trauerarbeit geleistet. Mara lief ein kalter Schauder über den Rücken, sie wäre am liebsten sofort wieder gegangen. Doch es half nichts.
   Sie öffnete alle Zimmertüren, zog die dunklen Vorhänge der Fenster zurück und lüftete gründlich, um die Grabesstimmung zu bekämpfen. Nur den Spiegel ließ sie verhüllt. In der Wohnung waren überhaupt alle Spiegel mit schwarzen Tüchern bedeckt. Tante Cäcilie hatte in jedem Raum mindestens einen hängen. Wo der Verhüllungskünstler diese Massen an Tuch wohl so kurzfristig aufgetrieben hatte?
   Gedankenversunken stand Mara in der Küche, sah sich um und ließ die eine oder andere verschwommene Jugenderinnerung langsam zurückkommen. Obwohl hier inzwischen ein moderner Gasherd mit Cerankochfeld und Tipptronic stand, hatte sich die ehemalige Hausherrin offensichtlich nicht von ihrem alten Ofen mit Holzfeuerung trennen können. Aus Platzgründen war das auch nicht nötig, denn die Küche war ein wahrer Saal. Die alten Tapeten und der Ölsockel an den Wänden standen im krassen Gegensatz zu den recht modernen Bodenfliesen. Auf den antiquierten Küchenschränken aus Massivholz standen neuwertige, moderne Geräte, darunter eine Kaffeemaschine, Mikrowelle, Wasserkocher und eine elektrische Brotschneidemaschine. Das Spülbecken hingegen bestand aus uraltem Granitstein. Von der Küche aus führte ein kleiner Balkon zum Hof. In vielen kleinen Töpfen auf einem klapprigen Holzregal wuchsen verschiedene Kräuter. Das hier war eindeutig der gemütlichste Raum der Wohnung, denn der Rest der riesigen Altbauwohnung wirkte preußisch steif und war über die Maßen unmodern eingerichtet.
   Alle Böden bestanden aus düsterem Eichenparkett. Die üblichen Laufpfade waren stark ausgetreten und den persischen Teppichen fehlten mehr als nur ein paar Fransen an den Kanten. Die Tapeten an den Wänden hingen schon mehr als eine Ewigkeit, ihre einstmals hellen Muster waren vergilbt und rissig. Schwere, dichte Gardinen verhinderten den Einfall von Sonnenlicht.
   Mara dachte an den Brief ihrer Erbtante. Was hatte sie geschrieben? Es gab da einen dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit? Warum, um alles in der Welt, sollte Mara ihn jetzt nach all der Zeit suchen und ans Tageslicht zerren? So ein Schwachsinn! Tante Cäcilie hatte nicht einen winzigen Hinweis gegeben, wo Mara nach diesem ominösen, dunklen Fleck suchen sollte. Und das alles nur wegen des bisschen vererbten Geldes? Vielleicht sollte sie Bleichi anrufen und ihm sagen, dass sie das Erbe ausschlagen würde.
   Ein schriller Klingelton ließ Mara zusammenfahren. Ihr Herz raste und die Luft blieb ihr weg. Was war das denn für ein grauenhaftes Geräusch? Es schrillte ein zweites Mal. Die Türklingel? Ein drittes Mal! Das Telefon! Sie wusste, es stand in der Bibliothek. Diese wiederum befand sich am anderen Ende des unendlich langen Flurs.
   Sie eilte dem Geräusch entgegen und erreichte es erst nach dem sechsten Klingeln. Eine wahre Höllenmaschine, groß, schwarz und antik, ratterte und schrillte vor sich hin. Das Ding passte perfekt zur Gruftatmosphäre der Wohnung. Mara nahm den Hörer ab.
   »Ja, bitte?«, meldete sie sich eine Spur zu unfreundlich.
   »Hier Rechtsanwaltskanzlei von Bleichenstein-Saalbach. Ich verbinde«, ertönte am anderen Ende eine versiert gelangweilte Frauenstimme.
   Grauenhafte Spinettmusik erklang, doch bevor die Melodie richtig in Schwung kam, war Bleichi persönlich am Apparat.
   »Hier Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach.«
   Ach nee, das hätte sie ja im Leben nicht vermutet. »Guten Tag, hier Fräulein Mara Lahnsteiner.« Sie hasste das Wort Fräulein abgrundtief.
   »Fräulein Lahnsteiner, wie schön«, schmalzte der schmierige Mehlzwerg ungeschickt zurück. »Da ich Sie in der Wohnung Ihrer verstorbenen Tante antreffe, Gott hab sie selig, kann ich wohl davon ausgehen, dass Sie das Erbe antreten werden.« Das war keine Frage, sondern ganz offensichtlich eine Feststellung.
   »Nun ja, …«, versuchte Mara, einzuwenden, doch Rechtsanwalt und Notar Doppeldoktor Mehlzwerg zeigte kein Erbarmen.
   »Schön, schön. Wenn Sie die Freundlichkeit besäßen und morgen noch einmal in meine Kanzlei kämen. Es sind verschiedenste Unterlagen zu unterzeichnen. Ich verbinde Sie mit meiner Sekretärin. Guten Tag.«
   Die Pausenmusik erklang erneut. Zum Glück war in Cäcilies Bibliothek der Spiegel ebenfalls verhangen, sonst hätte Mara ihren eigenen, äußerst dümmlichen Gesichtsausdruck ertragen müssen. Ohne weitere Nachfragen verpasste ihr Sekunden später die angedrohte Sekretärin einen Vorsprachetermin für den nächsten Vormittag.
   Na super. Wollte sie nicht eigentlich das Erbe ausschlagen? Mara hatte immer noch den zentnerschweren Telefonhörer eines längst vergangenen Jahrhunderts in der Hand, als ein neuerlicher schriller Klingelton erklang. Sie zweifelte vorübergehend an ihrem Verstand. Wieso klingelte das Telefon, wenn sie gar nicht aufgelegt hatte? Wieder klingelte es. Und langsam fiel der Groschen. Nun war es doch die Türklingel. Mara legte auf und eilte den Flur entlang, öffnete die Tür und fühlte sich plötzlich wie in einem dieser alten Filme von Dick und Doof. Keiner stand vor der Tür.
   Es klingelte Sturm. Langsam dämmerte es ihr, dass jemand unten vor der Haustür stehen musste. Offensichtlich wirkte der Alkohol vom letzten Abend erstaunlich lange nach. Mara suchte nach einer Art Gegensprechanlage, fand aber selbstverständlich keine. Also sprintete sie in den Salon und riss eines der alten Fenster auf. Holz und Farbe splitterten ihr entgegen. Das musste seit Jahren nicht mehr geöffnet worden sein. Was für ein Tag. Und er wurde kein bisschen besser.
   Das Vordach, von den strammen Sandsteinmädels gehalten, versperrte ihr natürlich die Sicht auf den Besucher. Ihr blieb nichts anderes übrig, als lautstark zu rufen, wer denn da klingele.
   Der Besuch entpuppte sich als ihre beste Freundin. Mara warf Pia den Schlüssel nach unten. Es dauerte und dauerte, bis sie endlich den Dreh mit dem Durchsteckschlüssel raushatte und in der zweiten Etage ankam.
   »Was für ein bescheuerter Schlüssel und was für Schweine, die ihren Müll im Treppenhaus abstellen«, polterte Pia schnaufend los.
   »Freut mich auch, dich zu sehen.« Mara hätte am liebsten aufgeschrien und sich anschließend aus dem Fenster gestürzt, doch Pia hatte noch eine Steigerung auf Lager.
   »Ich bin schwanger«, erklärte sie nüchtern und drängte sich an Mara vorbei in den Wohnungsflur und anschließend in die Küche.
   »Was?«, krähte Mara ihr hinterher und blieb allein an der Tür zurück.
   »Ich habe gerade einen zweiten Test gemacht. Der war auch positiv.« Pia ließ sich unsanft auf einen der Küchenstühle fallen.
   »Wie schön, zu erfahren, dass du bereits den zweiten Test gemacht hast. Ich wusste nicht mal vom ersten. Wer ist es?« Mara war nun ebenfalls in der Küche angekommen.
   »Keine Ahnung.« Pia sank tiefer in ihren Stuhl.
   »Warum überrascht mich das jetzt nicht? Wie viele kommen denn als potenzieller Vater infrage? Mehr als zwei?« Mara wunderte sich heute über nichts mehr, schon gar nicht über ihre flatterhafte Freundin.
   »Nein oder vielleicht doch. Ach, Scheiße noch mal!« Pia kamen die Tränen.
   »Okay, okay! Schon gut. Jetzt bloß nicht heulen. Lösungen gibt es wie Sand am Meer. Kenne ich einen von den Kandidaten? Vergiss die Frage, ich war ja ziemlich lange nicht mehr hier. Ist es ein TroPi?«
   »Ein Was?«
   »Na, ein TroPi, ein Kind trotz Pille«, erklärte Mara.
   »Ich musste Antibiotika schlucken und damit ist es wohl ein TroPi. Mara, ich bin so blöd!«
   »Das kannst du laut sagen.«
   »Ich habe morgen einen Termin bei meiner Frauenärztin. Ich glaube, so langsam sollte ich ein bisschen ruhiger werden. Ich meine, die Sache mit dem anderen Geschlecht.«
   »Warum bin ich davon bloß nicht so richtig überzeugt? Ich würde dich gern zum Arzt begleiten, aber Bleichi hat mir vor einer halben Stunde ordentlich in die Suppe gespuckt. Ich muss morgen früh noch mal zu ihm.« Mara begann, diesen Tag und die noch kommenden zu hassen.
   »Du kannst mitkommen. Mein Termin ist erst gegen dreizehn Uhr und pünktlich muss ich nicht sein. Das Wartezimmer ist trotz Terminvergabe immer brechend voll. Weißt du, was wir machen? Ich komme mit zu Bleichi und du kommst mit zum Arzt. So einfach ist das.«
   Wenn das Leben doch wirklich so einfach wäre.

Pia hatte sich etwas gesammelt und begann nun langsam, ihre Umgebung wahrzunehmen. Sie war Mara in die Bibliothek gefolgt und auf dem Weg dorthin waren ihr die schwarz verhängten Spiegel und die auch sonst recht unheimliche Grundstimmung der Wohnung aufgefallen.
   Mara hatte damit begonnen, sich an dem alten Sekretär zu schaffen zu machen. Es war ein wunderschönes Möbelstück. Das Kirschbaumholz war im Lauf der Jahre gleichmäßig nachgedunkelt und im Inneren ließen viele kleine Türchen und Schubladen Geheimnisvolles vermuten.
   »Solche Raritäten haben doch immer irgendwelche Geheimfächer, in denen Papiere, Briefe, Nachweise versteckt sind«, stellte Pia neugierig fest, endlich abgelenkt von ihrem eigenen Schlamassel.
   Mara leerte unterdessen immer mehr der auf den ersten Blick erkennbaren Fächer und stieß auf bezauberndes, altes Briefpapier mit zartem Blütenschmuck im Biedermeierstil, auf alte Schreibfedern und Tintenfässchen, Löschpapier, Siegelwachs, alles Utensilien einer längst vergangenen Epoche. Ebenso förderte sie alte Briefe und Ansichtskarten zutage, die allerdings nicht ganz so alt waren.
   Unter einem doppelten Boden einer der größeren Schubladen entdeckten sie Briefe aus längst vergangenen und nicht wirklich ruhigen Tagen. Die alte, krakelig verschnörkelte Handschrift auf den zum Teil stark verschmutzten Umschlägen war nur schwer zu lesen. Es waren Briefe von der Front. Das Datum einer Nachricht zeugte von einem Weihnachtsfest im Schützengraben unter Dauerbeschuss, knietief im Schlamm steckend und umgeben von toten Kameraden, weit entfernt von den Lieben zu Hause und den eigenen, sicheren Tod vor Augen. Lesen konnten weder Pia noch Mara die Grüße. Sie waren allesamt in Sütterlin geschrieben, der alten, deutschen Schrift, die zwischen 1915 und 1940 in den Schulen gelehrt wurde.
   Soweit sich Mara erinnern konnte, musste es sich um Nachrichten von August Reuter, dem an der Ostfront gefallenen Ehemann von Tante Cäcilie, handeln. Sie beschloss, die Briefe mitzunehmen und ihrer Mutter zu zeigen. Die hatte zwar die Schule erst weit nach 1940 besucht, war aber mit dieser Schrift im Kreise einer sehr schreiblustigen Familie aufgewachsen. Zudem wollte Mara ihren Vater bitten, einen Blick auf den geheimnisvollen Sekretär zu werfen. Vielleicht wusste oder ahnte er zumindest, wo sich möglicherweise noch das ein oder andere Geheimfach verbarg.
   Mara verstaute die jahrzehntealte Kriegspost in ihrer Tasche und bugsierte Pia unter lautstarkem Protest aus der Wohnung. Es wurde Zeit, dieses kalte Gemäuer einer längst vergangenen Epoche zu verlassen und wieder im Hier und Jetzt zu leben.

4
Drei Tütenlampen an der Wand.
’Ne vierte in der Ecke stand.

Zum Kotzen, dachte Carsten Peters und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Oberlippe. Seit über zwei Stunden saß er sich schon den Hintern im Wartezimmer seines Zahnarztes platt. Er hätte längst auf seiner Dienststelle sein müssen. Banner würde ihn ganz sicher wieder in sein protziges Büro beordern und ihm die Leviten lesen, weil sein, wie er immer gern in aller Öffentlichkeit herausposaunte, arbeitsunwilligster Kriminalhauptkommissar mal wieder nicht am Schreibtisch saß, sondern in der Weltgeschichte herumrannte.
   Warum hatte diese angesoffene Schlampe ihn auch gegen sein Whiskeyglas geschubst? Dass er selbst zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr nüchtern gewesen war, spielte keine Rolle. Im Grunde hatten sowieso immer die anderen Schuld.
   Seine Exfrau war auch so eine Natter. Jetzt ließ sie ihn nur noch die Alimente für seine beiden Jungs zahlen. Für mehr war er nicht gut genug. Dämliche Kuh!
   Sein Schneidezahn meldete sich erneut mit einer fiesen Schmerzattacke und Carstens Laune sank unter null. Eine scheißteure, nagelneue Krone hatte ihn die Aktion am gestrigen Abend gekostet. Wo sollte er permanent so viel Kohle auftreiben? Alles beschissene Blutsauger!
   Die Stimme der Sprechstundenhilfe drang an sein Ohr. Endlich!
   Eine knappe halbe Stunde fuhrwerkte der Dentist in seinem Mund herum, flickte den Kronenverlust provisorisch und stellte bei einer allgemeinen Durchsicht zwei Kariesherde fest, die umgehend behandelt werden mussten. Mit weit geöffnetem Mund brabbelte Carsten etwas Unverständliches und sprang bei der ersten sich bietenden Gelegenheit vom Behandlungsstuhl auf. Carsten hasste Arztbesuche.
   Der Behandlung vorerst entkommen, drückte ihm die Sprechstundenhilfe im Vorbeihasten einen Zettel mit dem nächsten Termin in die Hand, bevor er vollständig aus der Tür war. Zahnärzte im Besonderen konnte er auf den Tod nicht ab.

Anderthalb Stunden später kam Carsten schließlich in seiner Dienststelle an. Banner, sein Chef, der die Karriereleiter bis zum Rang des Leiters der Mordkommission im Schutzbereich Potsdam emporgeschleimt war, tobte erwartungsgemäß wie ein angestochener Kampfstier.
   Der verblödete Arsch war kurz nach der Wende aus dem mickrig kleinen, verschlafenen Saarland gekommen und ließ jetzt im neuen Bundesland Brandenburg seit mehr als einem Jahrzehnt den Oberboss raushängen. Nichts auf der Pfanne, aber die Untergebenen zusammenscheißen, typisch Dr. Wolfgang Amadeus Banner, dachte Carsten jeden Tag. Allein der Name seines Chefs war Programm. Nur melodisch kam der nie rüber.
   Banner explodierte, als Carsten in sein Blickfeld trat. Peggy Lindner, seine neue Partnerin, ging vorsichtshalber gleich hinter ihrem Bildschirm in Deckung. Die war aus dem Osten, auch eine blöde Nuss und nach dem Weggang seines alten Partners keine Verbesserung, sondern ein Abstieg. Das zumindest verkündete er gern bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
   Er mochte Frauen nicht sonderlich, und schon gar nicht in seinem Job. Da mussten echte Kerle ran, nicht irgendwelche dusseligen Weiber. Nur sehr vage erinnerte er sich an seine Ausbildung, aber Nadine Petersilie, diese blöde Tussi, war ihm unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt. Nadine Petersilie. Was für ein bescheuerter Name. Besondere Namen schienen ihn regelrecht zu verfolgen. Die Schießübungen hatten sie stets ihre künstlich verlängerten und exorbitant auffällig gestalteten Fingernägel gekostet. Einmal hatte sie sogar ganz erbärmlich über ihre von der Anstrengung geschwollene Hand gejammert. Ach Gottchen! Am Tag darauf war sie mit einem Verband um die vermeintlich kranke Hand erschienen. In der noch gesunden Hand eine ärztliche Befreiung haltend, hatte sie dem Ausbilder theatralisch erklärt, sie habe nunmehr von dem bösen Schießen eine ganz, ganz furchtbar schlimme Sehnenscheidenentzündung.
   Nadine war mittlerweile verheiratet, hieß seit einigen Jahren Mauerspecht und bearbeitete nur noch einfache Diebstähle. Dafür benötigte sie, allen Göttern sei Dank, wenigstens keine Waffe.
   »Dumme Gans«, rutschte es ihm, wenn auch nur sehr leise, in Gedanken verloren über die geschwollenen Lippen.
   Peggy Lindner, längst wieder hinter ihrem Bildschirm aufgetaucht, warf ihm einen wütenden Blick zu. Und dabei hatte Carsten sie, zumindest dieses eine Mal, gar nicht gemeint. Allerdings verspürte er nicht die geringste Lust, den Ausrutscher irgendwie geradezurücken. Wozu? Peggy war lediglich ein Weib im falschen Beruf. Nicht mal ein Blickfang war sie mit den komisch kurzen, kupferrot gefärbten Haaren und ihrer giraffengleichen Erscheinung. Zum Glück redete sie nicht viel. Ein Pluspunkt für Peggy. Bislang der Einzige.
   Carsten schmiss sich in seinen Bürostuhl und starrte düster vor sich hin. Um die Plastikumrandung seines Bildschirms herum klebten unzählige hellgelbe Zettelchen. Sie verrieten, wer ihn während seiner Abwesenheit versucht hatte, telefonisch zu erreichen. Er entfernte einen nach dem anderen und begutachtete missmutig die hinterlassenen Namen, Telefonnummern und Beweggründe.
   Pagels von der Asservatenkammer wollte eine vollständige Liste der letzen Beschlagnahme, Kardiczki, der Pressefuzzi, fragte nach dem Stand der Ermittlungen im Fall der vor zwei Wochen erstochenen Prostituierten und Carstens Exfrau fragte unzählige Male nach den ausstehenden Alimenten. Seine Mutter wollte ein Lebenszeichen von ihm und so ging das ohne Ende weiter. Sollten sie ihm doch alle mal den Buckel runterrutschen.
   Aus einiger Entfernung hörte er erneut das nervtötende Gebrüll seines Chefs. Jetzt schiss er einen anderen armen Hund zusammen. Banner war ein echter Wichser! Das Telefon läutete und Carsten blickte missmutig auf die Anzeige, doch seine düstere Laune hellte sich auf, als er die Nummer des Anrufers erkannte. Glück gehabt.
   »Hallo Doc«, rief er in den Hörer.
   Rechtsmediziner Dr. med. Christian Scharer am anderen Ende war endlich mal jemand, mit dem er gut auskam. Scharer hatte immer noch die ermordete Prostituierte auf dem Tisch und forschte wie ein Besessener. In diesem Fall nach der übereinstimmenden Mordwaffe. Wie es schien, hatte er endlich etwas gefunden. Vielleicht würde damit auch Kardiczki mal wieder Ruhe geben. Carsten warf mit einem »Danke« den Hörer auf die Gabel und grinste mit immer noch geschwollenen Lippen.
   »Das Brotmesser der Nachbarin war es«, verkündete er.
   »Und jetzt?«, fragte Kriminalkommissarin Peggy Lindner vorsichtig nach.
   »Jetzt finden Sie erst einmal alles über diese Nachbarin heraus, was wir noch nicht wissen. Was macht sie? Welches Motiv für den Mord könnte sie haben? Alles halt! Und dann legen Sie mir eine schöne Mappe mit all den Informationen an und reichen mir den Mist über den Schreibtisch. Sie haben eine halbe Stunde Zeit.« Er grunzte zufrieden über seine eigene Gehässigkeit. »Wenn Sie damit fertig sind, haben wir einen Außentermin und Banner kann mich mal«, schob er bewusst selbstgefällig nach.
   Gut dreißig Minuten später hatte Peggy Lindner ihren Job weisungsgemäß erledigt und schmiss ihm die Mappe zu. Das Aufklatschen auf der Schreibtischplatte schreckte ihn aus seinem Büroschlaf. Seine Untergebene hatte jede Menge Daten und, mithilfe des Internets, einen beachtlichen Stammbaum der Verdächtigen zusammengetragen. Nur am Motiv haperte es.
   Noch während er las, griff er nach seinem Dienstausweis und seiner Blechmarke und rannte los.
   »Was ist mit der Beförderungsfeier von Schmirkel?«, rief Peggy ihm hinterher, doch die Frage überhörte er geflissentlich und stürmte ins Treppenhaus.
   Kriminalkommissarin Lindner wetzte ihm hinterher.
   Dass er an der Beförderungsfeier von Kollege Schmirkel zum Kommissariatsleiter nicht teilnehmen wollte, war von Anfang an klar gewesen. Banner hatte Schmirkel immer protegiert und im gleichen Atemzug Carsten in den Hintern getreten. Er hasste Schmirkel und umgekehrt. Aber wen hasste er eigentlich nicht? Nicht einmal sich selbst konnte er gut leiden. Im Gegenzug hielt Kollegin Lindner ihn vermutlich auch für einen Arsch, was ihn nicht interessierte, ihr aber nicht erlaubte, die Zusammenarbeit mit ihm zu verweigern. Also hetzte sie ihm weiter hinterher und sprang gerade noch rechtzeitig in den Dienstwagen, bevor er das Gaspedal durchtrat, um zur Festnahme der mutmaßlichen Nuttenmörderin zu rasen.

Die knapp dreißig Minuten dauernde Fahrt führte von der nördlichen Innenstadt Potsdams nach Grube. Das verschlafene Kaff gehörte zwar zur Großstadt Potsdam, war aber lediglich ein Dorf. Vor geraumer Zeit, weder Carsten noch seine ihm untergebene Kollegin kannten den genauen Zeitpunkt, hatte man die Siedlungen Bornim, Bornstedt, Sacrow, Eiche und eben auch Grube zusammengeschlossen und zum heutigen Potsdam-Nord erklärt. Genau das war nun ihr Zuständigkeitsbereich.
   Am Ende der ruppigen Fahrt, die eher an eine Rallye querfeldein als an die Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr einer deutschen Großstadt erinnerte, stoppte er den Wagen genau vor dem Haus der dringend Tatverdächtigen. Das Fahrzeug neigte sich bedrohlich zur Beifahrerseite, denn die Fahrbahn war hier draußen gerade so breit geteert worden, dass ein Traktor sie befahren konnte. Links und rechts verlief unbefestigter, sandiger, brandenburgischer Boden.
   Carsten sprang aus dem Wagen und Kollegin Lindner folgte enthusiastisch. Er hatte Glück, denn die Fahrerseite stand noch auf dem Teerbelag. Seine Kollegin hingegen hatte dummerweise versäumt, nach dem Öffnen der Tür auf den Boden zu sehen. Sie stand knöcheltief in einer trüben Pfütze aus Regenwasser und Straßendreck. Carsten konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen, zuckte aber sofort zusammen. Die Wirkung des Schmerzmittels ließ immer mehr nach und seine unbedachte Mundbewegung erzeugte ein wahres Inferno an Leid.
   Obwohl seine Kollegin noch damit beschäftigt war, das Wasser aus ihren ausgetretenen Turnschuhen zu schütten, klingelte er bereits an der Tür. Das Haus der Verdächtigen stand direkt an der Straße. Lediglich ein kleiner, vorgartenähnlicher Grünstreifen vor den Stufen trennte das sehr alte und sehr kleine Gebäude aus den frühen 1920er-Jahren vom Durchgangsverkehr. Die Straße führte aus Potsdam kommend durch Grube hindurch und am Haus vorbei nach Golm. Auch so ein Örtchen mit dem Buchstaben G.
   Die Klingel der Mordverdächtigen war laut und schrill. Allerdings benötigte Carsten weitere fünf Versuche, bis sich im Inneren endlich etwas tat. Schwerfällig öffnete Lieselotte Brahms die schwere Eichentür. Die Frau, offensichtlich unter Schmerzen über ihren Gehstock gebeugt, wirkte mitgenommen. Ihre Frisur hingegen saß perfekt. Das silbrig-blaue Haar war kunstvoll zu einem Dutt aufgetürmt und goldene Ohrringe baumelten fröhlich an ihren faltigen Ohrläppchen. Ihre Kleidung war alt, ließ aber den Glanz vergangener Jahrzehnte und ihre Abstammung durchaus erahnen.
   Wie Peggy Lindners Recherchearbeit zu entnehmen war, stammte Lieselotte Brahms aus gutem Hause. Einer ihrer Verwandten war ein gewisser Arnold Rümann, Korvettenkapitän unter dem alten Kaiser Wilhelm und in zweiter Ehe verheiratet mit einer Alexandra Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Und diese Alexandra Viktoria entstammte Deutschlands Hochadel. In erster Ehe war sie wiederum mit Prinz August Wilhelm von Preußen, von Freunden liebevoll Auwi genannt und seines Zeichens von Hause aus Volltrottel und später Blödmann in SA-Uniform, verheiratet gewesen. Demnach war Lieselotte Brahms Aristokratin durch und durch. Und jetzt sollte die edle Dame festgenommen werden.
   Beim ersten Anblick der alten Frau waren sich Lindner und er allerdings ausnahmsweise einmal völlig einig. Die Prostituierte konnte gar nicht unter der Gewalt der klapprigen Brahms draufgegangen sein. Das war technisch schier unmöglich. Die Alte musste dennoch irgendwie ihre Hände mit im Spiel gehabt haben oder zumindest etwas wissen. Schließlich hatte man ihr Brotmesser, mit dem Blut der Toten daran, in unmittelbarer Nähe der Leiche gefunden.
   Die Kollegen von der Spurensuche, die Peggy Lindner von unterwegs angefordert hatte, trafen ein und begannen unverzüglich damit, jede einzelne Faser im abgewohnten Heim der Verdächtigen umzudrehen.
   Lieselotte Brahms hatte mittlerweile auf der Rückbank des Dienstwagens Platz genommen und war kurze Zeit später auf dem Weg zur Vernehmung.

Mara sah auf die Uhr. Es war halb elf vormittags und es wurde Zeit für den Besuch bei Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach. Sie musste sich allein auf den Weg zum Mehlzwerg machen, denn Pia saß in ihrem Büro fest und konnte sie doch nicht wie verabredet begleiten.
   In der Kanzlei angekommen wurde Mara ohne Wartezeit von der Vorzimmerdame zum Hausherrn durchgereicht. Ihr Eindruck vom Vortag verschlimmerte sich bei ihrem zweiten Besuch der Rechtsanwalts- und Notarkanzlei. Bleichis Kanzlei wirkte auch an diesem Tag beeindruckend und gruselig zugleich. Ebenso machte Bleichi seinem Spitznamen fortwährend alle Ehre. Eine Neuerung zum gestrigen Tag gab es allerdings: Der Weinbrand stand schon bereit und musste dieses Mal nicht erst gebracht werden. Beim Anblick des Getränks befürchtete Mara Schlimmes.
   »Meine Liebe«, rief der Notar und Anwalt, als er Mara erblickte, glitt katzengleich aus seinem Ledersessel und schlich auf sie zu.
   Komplett aus dem Takt geraten wich Mara ein paar Schritte zurück und schielte auf die Schnapskaraffe. War der ehrenwerte Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach etwa angetrunken? Offensichtlich nicht, denn sein Atem roch muffig, aber nicht alkoholisiert. Hatte der sich vielleicht etwas anderes eingeworfen? Mara nahm seine Nasenflügel näher unter die Lupe, konnte aber keine verräterischen weißen Spuren daran ausmachen. Es gab allerdings neben Alkohol und Koks noch bunte Pillen mit den verschiedensten Wirkungen. Oder aber Bleichi war einfach so durchgeknallt. Doch auf die Schnelle ließ sich das Rätsel wohl nicht lösen. Mara wollte auf der Stelle Reißaus nehmen.
   Sie folgte widerstrebend seiner schmierigen Aufforderung, sich zu setzen, und hörte angespannt zu, was der kränklich wirkende Rechtsverdreher zu erzählen hatte. Mehr als ein unzusammenhängendes Blabla war allerdings nicht auszumachen. Schlussendlich drückte er ihr einen Umschlag in die Hand. Mara starrte auf den entgegengenommenen Brief. Er sah genau so aus wie der erste von Tante Cäcilie. Lediglich ihr Name, Mara Lahnsteiner, stand darauf, daneben eine römische Zwei. Verdammt noch mal! Wie viele von diesen elenden Dingern hatte die alte Dame denn geschrieben? Und wo blieb der Cognac? Er blieb leider aus.
   Bevor sie auch nur eine einzige Frage stellen konnte, führte Bleichis Assistentin sie zur Kanzleitür hinaus und ließ sie auf dem Treppenabsatz stehen. Die schwere Tür fiel ins Schloss und das war es.
   Mara ging eine halbe Treppe nach unten und setzte sich verwirrt auf eine unter dem Fenster des Treppenhauses angebrachte antike Sitzgelegenheit zum Ausklappen. Ein seltenes Accessoire, aber in alten Häusern waren solcherlei Klappstühle noch ab und an zu finden. Die Treppen waren steil und lang, die Stockwerke zahlreich und hoch, und selten mit funktionierendem Lift anzutreffen. So entpuppten sich die kleinen Klappsitze als äußerst praktisch, wenn man den Aufstieg unterbrechen und sich erholen musste.
   Mara war die Herkunftsgeschichte der Sitzgelegen-heiten im Moment ziemlich schnuppe. Sie wollte sich einfach irgendwo hinsetzen, aber nicht gerade auf die Treppenstufen. Noch immer schwindlig von Bleichis Geplapper, öffnete sie den Brief. Wie viele würden wohl den ersten beiden folgen? Sicher mindestens einer, denn alle guten Dinge waren ja bekanntlich drei. Vielleicht aber auch nicht, denn von gut konnte man hier wohl eher nicht sprechen.
   Viel stand nicht drin. Das Übliche wie »Mara, Du bist die Einzige« und »Du wirst mir helfen« und so weiter. Lediglich der vorletzte Absatz verhieß Neuigkeiten. Eine alte Freundin, die Mara ganz sicher helfen könne, Licht in die dunklen Flecken auf Cäcilies weißer Weste zu bringen, fand Erwähnung. Mara schüttelte den Kopf. Eine alte Freundin? Hatte Tante Cäcilie etwa vergessen, wie alt sie selbst gewesen war? Wer von ihren Weggefährten sollte denn nach all der Zeit noch am Leben sein? Und vor allen Dingen, wo und wie sollte sie diese alte Dame bitte schön auftreiben? Wenn selbige noch am Leben wäre und Mara sie fände, wie wahrscheinlich wäre es dann, dass sie noch alle Sinne beisammenhätte? Verdammter Mist! Warum konnte Mara nicht einfach alles bleiben lassen, das Erbe ausschlagen und sich vom Acker machen? Sollte Cäcilie Reuter doch sehen, wie sie ihr Gewissen reinwusch und ihre Seele im Himmel beim Aufwiegen der Sünden gegen eine Feder nicht für zu leicht befunden wurde.
   Frustriert starrte sie aus dem Fenster in den Hof. Zwei Krähen stritten sich lautstark um einen Müllsack, der nur zur Hälfte in der Mülltonne steckte. Die andere Hälfte hing bereits heraus und es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis sich der Unrat auf den ordentlich gefegten Hof ergoss.
   Der Hausmeister, der mittlerweile von dem Spektakel Wind bekommen hatte, stürmte mit einem Besen auf die beiden Streithähne zu. Zwei, drei kräftige Flügelschläge reichten diesen schon, um aus der Reichweite des bewaffneten Menschen zu flüchten.
   Einer der Vögel ließ sich auf einer alten Teppichstange nieder, beobachtete die Kehraktion des Mannes und zirpte ihn unablässig aus sicherer Entfernung an. Der zweite hingegen schien Mara am Fenster entdeckt zu haben und setzte sich vor ihrer Nase auf den Fenstersims. Der Vogel glotzte provozierend ins Hausinnere, während Mara zurückglotzte. Ihr schwarzgraues Gegenüber war groß und kräftig und verfügte ganz offensichtlich über ein ebenso überdimensionales Ego. Andererseits konnte es auch sein, dass das gefiederte Vieh hinreichend schlau war und wusste, dass die Fenster nicht ohne Weiteres zu öffnen waren. Ein Sonnenstrahl traf den Vogel und verlieh seinen schwarzen und grauen Federn einen leicht verstaubten Glanz.
   »Krah, krah«, meckerte er durch die Scheibe.
   Mara krahkrahte zurück.
   »Diese Vögel kündigen den Tod an«, erklärte eine Frauenstimme hinter Mara halblaut.
   Mara fuhr, wie vom Sensenmann persönlich erwischt, herum. Kalter Schweiß stand ihr mit einem Mal im Nacken. Der Vogel war aufgrund ihrer plötzlichen Bewegung ebenfalls erschrocken und vom Sims geflohen, nicht ohne eine hässliche Schimpftirade loszulassen.
   Es dauerte einen Augenblick, bevor Mara die Frau klar erkennen konnte. Sie hatte zu lange in den hellen Hof geblickt und der Hausflur war unbeleuchtet. Langsam wurden die Umrisse deutlich und ein vollständiges Bild entstand. Auf dem Treppenabsatz stand eine kleine, runde Person mit Unmengen von Einkaufstaschen, aus denen Porreestangen herausragten. Sie trug ein buntes, unter dem Kinn mit einem Knoten zusammengebundenes Kopftuch, einen abgetragenen dunkelblauen Anorak, einen fürchterlich gemusterten Rock und ausgetretene Schnürschuhe. Sie sah aus, als wäre sie unter Zuhilfenahme eines komplizierten Zaubertricks geradewegs aus einem schlichten, ungarischen Dorf in Bleichis aristokratisches, deutsches Treppenhaus gespült worden. »Was?«, war das Einzige, was Mara nach dem Schrecken über die Lippen kam.
   »Diese Vögel kündigen den Tod an«, wiederholte sie mit leiser Stimme.
   »Dafür kommen die beiden ein bisschen zu spät. Es hat schon einen Toten gegeben«, entgegnete Mara halb ernst und halb belustigt.
   »Glauben Sie mir, diese Vögel kündigen den Tod an!«
   Konnte die eigentlich auch noch was anderes sagen als osteuropäische Weisheiten über Flüche?
   »Sie werden sehen, dass das keine osteuropäischen Weisheiten sind.« Die Frau lächelte und ließ eine Reihe von Goldzähnen aufblitzen.
   Mara geriet bei der freundlichen Antwort etwas aus dem Gleichgewicht. Sicherlich konnte ihr Gegenüber keine Gedanken lesen und hatte die Einwände schon oft von anderer Seite laut ausgesprochen gehört. Trotzdem war die Situation in Bleichis Treppenhaus mehr als nur ein wenig befremdlich.
   »Ihnen einen schönen Tag«, entgegnete Mara und beeilte sich, mit riesigen Schritten die Stufen hinunterhastend, dieses elende Gebäude und Bleichis Umfeld schnellstens zu verlassen.
   Auf dem Bürgersteig angekommen, schepperte plötzlich ihr Handy los und ließ sie erneut wie vom Blitz getroffen zusammenfahren. Auf dem Display erschien Papa. Gott sei Dank!
   »Hi«, nahm Mara den Anruf entgegen.
   »Hallo, meine Kleine. Alles in Butter?«, ertönte Wolf Lahnsteiners besorgte Stimme.
   Immer, wenn die Familie mit Hagen, dem Mehlzwerg von Bleichenstein-Saalbach, zu tun hatte, verhieß das nichts Gutes.
   »Man tut, was man kann«, antwortete Mara etwas schlapp.
   »Wenn dir der alte Sack hinter seinem Schreibtisch Ärger gemacht hat, rede ich mit ihm mal ein Wörtchen von Mann zu Wurm.«
   »Schon gut, Papa. Bis jetzt habe ich alles im Griff. Tante Cäcilie hat mir einen weiteren Brief zukommen lassen. Und ich glaube, das wird nicht der letzte gewesen sein. Sie erwähnt darin eine alte Freundin, die mir bei der ganzen Geschichte weiterhelfen könne.«
   »Hast du einen Namen? In den alten Briefen, die du deiner Mutter zum Übersetzen gegeben hast, stehen Dutzende von Namen. Vielleicht passt ja einer dazu.
   »Hoffen wir mal, dass aus dem Kreis nach all den Jahren überhaupt noch jemand lebend aufzuspüren ist.« Mara nannte den Namen der im Brief erwähnten alten Freundin, verabredete sich mit ihren Eltern für den Abend und machte sich endlich auf den Weg zu Pia.

Pia wartete, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, bereits vor der Praxis ihrer Frauenärztin. Sie trat nervös von einem Fuß auf den anderen, als Mara angeschlendert kam. Die Begrüßung fiel kurz aus und der Weg nach oben erschien Mara endlos lang.
   Die Sprechstundenhilfe hakte in ihrer Terminliste Pias Namen ab und bat sie, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Innerhalb weniger Minuten hatte Pia sämtliche herumliegenden Klatschzeitschriften sowie die anspruchsvolleren Politmagazine durchwühlt und konnte einfach nicht still sitzen bleiben. Sie begann, zootiergleich auf und ab zu streifen. Ihre Nervosität steckte bereits die anderen wartenden Damen an, als ihr Name endlich aufgerufen wurde.
   Mara blieb im Wartezimmer zurück und sorgte nach dem Abgang ihrer Freundin wieder für Ordnung auf dem Tisch mit den Zeitschriften.
   Eine knappe viertel Stunde später stand Pia mit hochrotem Gesicht wieder in der Tür und forderte sie mit einem wütenden Kopfzucken auf, ihr zu folgen. Verdutzt eilte Mara ihr nach.
   Ein Kessel unter Volldampf war momentan ein sprichwörtlicher Scheißdreck gegen Pia. Fluchend, fauchend und wie Rumpelstilzchen auf Speed rannte sie auf dem Gehweg vor der Arztpraxis hin und her. Sie fuchtelte mit den Armen und drohte, jeden Moment wie ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in die Luft zu gehen und die reichlich irritierten Passanten dabei mit in den Abgrund zu reißen.
   Mara hatte ihre Freundin lediglich ein einziges Mal in einem solchen Zustand erlebt. Damals hatte Pias fettleibiger Chef ihr unter starkem Alkoholeinfluss Geld für eine Nacht angeboten.
   Als Pia schließlich die Puste auszugehen schien, stellte sich Mara ihr in den Weg und zwang sie zum Anhalten.
   »Hund!«
   »Pia! Reiß dich zusammen!« Mara griff ihrer Freundin in die rudernden Arme. »Und jetzt ganz ruhig ein- und wieder ausatmen.« Damit Pia den Rhythmus fand, machte Mara es ihr mit überzogener, pantomimischer Körpersprache vor. »Geht es wieder?«
   »Diese bescheuerte Schlampe hat mir glatt an den Kopf geschmissen, ich wäre wie eine läufige Hündin«, krähte Pia. Tränen standen in ihren Augen.
   Mara traute ihren Ohren kaum und fragte vorsichtig nach, ob die Ärztin dies wortwörtlich so gesagt habe. Nach einem Schwall von Tränen erklärte Pia dann endlich, was passiert war.
   »Ich bin nicht schwanger. Also, jedenfalls nicht im buchstäblichen Sinn. Ich bin scheinschwanger.«
   Wieder folgte ein Weinkrampf.
   »Wie denn das?« Mara wollte ihre Freundin trösten und war gleichzeitig über die Maßen neugierig.
   »Hündinnen hätten so etwas, wenn man ihnen zum Beispiel Spielzeug dauerhaft überlässt. Dann denken die irgendwann, das wären ihre Welpen. Der Körper zeigt alle Symptome einer Schwangerschaft. Und bei mir ist es halt ebenso. Deshalb auch die positiven Testergebnisse, das Spannen in der Brust, das Ausbleiben meiner Regel. Dabei habe ich doch gar kein Spielzeug herumliegen.«
   Mara musste unfreiwillig lachen. Sicher besaß sie kein Spielzeug, das man mit einem Welpen verwechseln konnte, aber Spielzeug anderer Art hatte sie zuhauf.
   Durch die Tränen hindurch musste letztendlich sogar Pia lachen. Es klang eher verzweifelt, aber immerhin lachte sie wieder. Kurz darauf war sie in der Lage, Mara zu erzählen, dass sie von ihrer Gynäkologin dazu verdonnert worden war, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn Medikamente konnten nur die körperlichen Auswirkungen eindämmen. Der Verstand und das Unterbewusstsein hatten aber weitere Therapien durchzustehen. Pia sollte sich bereits am nächsten Morgen bei Dr. Eugen Staynzahl, einem ehemaligen Studienkollegen ihrer Frauenärztin, vorstellen.
   »Bei solch einem Namen kann bestimmt nichts schiefgehen«, befand Pia.
   Doch morgen war morgen und heute war heute. Aktuell stand der verabredete Besuch bei Maras Eltern an, Wolf und Annemarie Lahnsteiner. Pia begleitete Mara.

Die Fahrt zu Maras Eltern war kurz und still. Maras Mutter hatte bereits eine Kartoffelsuppe nach alter Familientradition gekocht. Während des Essens besprachen sie die Inhalte der Briefe. Von über der Hälfte der erwähnten Menschen wusste Annemarie Lahnsteiner, dass diese längst nicht mehr unter den Lebenden weilten. Einige Namen hatte sie zum ersten Mal gelesen und konnte dazu keinerlei Auskunft geben. Der alte Hagen von Bleichenstein-Saalbach war offenbar bereits in frühen Jahren in das Leben von Tante Cäcilie getreten, doch war dieser mit Sicherheit nicht von Interesse. Letzten Endes blieb lediglich eine alte Schulfreundin namens Lieselotte Rümann übrig. Sie hatte dasselbe Alter wie die Verstorbene und wäre unter normalen Umständen gewiss längst tot. Falls sie dennoch am Leben sein sollte, stellten sich mehrere Fragen: Wo wohnte sie? War sie bei ausreichendem Verstand? War Rümann ihr Mädchenname oder hatte sie geheiratet und einen anderen Namen angenommen? Wie hieß sie in diesem Fall jetzt?
   Wolf Lahnsteiner rieb sich den vollen Bauch, in dem jetzt drei Teller leckerer Suppe und zwei Wiener Würstchen steckten, und schlug vor, ganz modern nach dem Namen Lieselotte Rümann im Internet zu suchen. Schließlich ließe sich heutzutage alles recherchieren.