Im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg sind Kinder ein schickes Accessoire, Friseure nennen sich Artdirektoren, und die Bewohner finden sich mit Pilotenbrillen und ausgelatschten Schuhen hip. Der Arzt Ullrich Hallauf ist einer von ihnen und er ist tot. Der grantige LKA-Ermittler Paul Klinker wird aus seinem Urlaub nach Berlin zitiert, doch bevor er aufbrechen kann, rettet er einer schwer verletzten Frau zufällig das Leben. Hat sie ihm deshalb das Säckchen mit dem Schmuckstück in die Hand gedrückt? Bei seinen Ermittlungen im Fall „Hallauf“ dringt Paul mit seiner zickigen Kollegin Florentine Lanz in die geheimnisvolle Web 2.0-Welt und des Internet-Datings ein. Wer steckt hinter „VenusBerlin“? Und was für ein mysteriöser Gegenstand steckte in Hallaufs Hals? Gleichzeitig plagt Paul seine Vergangenheit, die er vehement mit Alkohol zu verdrängen versucht. Wird er mit der Schuld, die er auf sich geladen hat, jemals fertig werden? Ein weiterer Mord im Zeichen der Venus schockiert Berlin.

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ISBN: 978-9963-52-319-1

Seiten: 289

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Ute Kissling

Ute Kissling
Ute Kissling ist Autorin, Redakteurin, Historikerin und bekennende Badenerin. Studium, Job und eine ordentliche Portion Neugierde trieben sie von Heidelberg über Hamburg nach Berlin, dann nach Togo und Ghana wieder zurück in die Hauptstadt. Dort und am Stettiner Haff lebt und schreibt sie. Derzeit arbeitet sie an ihrer Reihe um den badischen LKA-Ermittler Paul Klinker und seine Berliner Kollegin Florentine Lanz.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Ihre Schritte hämmerten auf dem Asphalt. Jeder Schritt wie ein Schlag ins Genick, auf den Kopf, auf die Schultern.
   Sie musste weg. Schnell. Schneller.
   Das Klettergerüst auf dem Spielplatz wirkte wie das Skelett eines ausgebrannten Schiffes.
   Ihre Beine schmerzten. Weiter.
   Durch das Dunkel im Mauerpark. Steine knirschten unter ihren Schuhen. In ihrem Kopf hallten Schimpfworte nach.
   Drecksack. Seine Hände, wie sie nach ihr griffen.
   Perverses Schwein. An ihrem T-Shirt rissen. Ihre Schultern packten. Sein Mund auf ihre Lippen gepresst.
   Arschloch.
   Sie keuchte, verlangsamte ihr Tempo. Im hellgelben Licht der Laternen lag vor ihr die Bernauer Straße. Sie blieb stehen und sah sich um. Hinter ihr nichts, nur Schwärze. Schweiß rann über ihr Gesicht, vermischte sich mit ihren Tränen. Und dem Blut, das sie bemerkte, als sie sich mit dem Ärmel ihrer Jeansjacke die Stirn abwischte.
   Blut. Einatmen. Niemand durfte sie so sehen. Ausatmen.
   Sie musste die Nerven behalten, ruhig bleiben.
   Sie knöpfte die Jacke auf und zog sie aus. Wischte sich damit ab. Rot. Verdammt. Sie bückte sich und griff nach einer Bierflasche, die auf der Wiese lag. Goss den Rest der stinkenden Flüssigkeit in ihre hohle Hand, warf die Flasche weg, und spritzte sich das Bier ins Gesicht. Abwischen. Den Hals auch. Gründlich. Hinter den Ohren, die Haare. Das Blut musste weg. Das Bier klebte an ihren Wangen. Sie schrubbte mit der Jacke darüber, bis die Haut brannte. Sie sah an sich hinab. Das T-Shirt war sauber. Ein Wunder, dass das Blut nicht durch die Jacke gedrungen war. Die Hose war fleckig. Das Blut auf dem Stoff war dunkel und nicht als solches zu erkennen. Gut. Sie knüllte die Jacke zu einem Klumpen zusammen und steckte sie sich unter den Arm.
   Das Glas ihrer Armbanduhr war zersprungen, aber der Sekundenzeiger bewegte sich noch. Kurz nach halb zwei. Sie sehnte sich nach ihrem Bett, wollte sich in die Decke einkuscheln, die Augen schließen, nichts denken.
   Mit gesenktem Kopf trat sie auf die Bernauer Straße. Ein lachendes Paar kam ihr entgegen. Das Mädchen neckte ihren Begleiter mit einem Knuff in die Hüfte. Sie drehte den Kopf zur Seite, als sie an den beiden vorbeilief. Das Mädchen lachte viel zu laut.

*

Er zuckte zusammen, als die Wanduhr zu schlagen begann. Schon vier Uhr am Morgen.
   Die Schlacht, die er auf dem Tisch in der guten Stube aufgebaut hatte, würde für die angelsächsischen Soldaten schlecht ausgehen. In akkuraten Reihen standen Dutzende von ihnen auf der grünen Anhöhe aus Filz, die Gewehre hatten sie im Anschlag. Gedeckt wurden sie durch Bauern, die drohend ihre Schaufeln in die Höhe hielten. Den Franzosen hatte er mehr Geschütze gegeben, als sie jemals brauchen konnten. Zudem konnten sie sich hinter mehreren Bauernhäusern in Position bringen. Die Reiter in ihren blau-roten Uniformen ritten im Trab. Er kramte noch einmal im Karton, der auf dem Stuhl stand, aber außer zusammengeknülltem Seidenpapier war nichts zu finden. Alle Zinnsoldaten waren in den Kampf gezogen.
   Er gähnte und streckte seinen Rücken. Wieder hatte er die ganze Nacht kein Auge zugetan.
   Schlafen konnte er schon lange nicht mehr richtig. Seit dem Vorfall. Seit dem unglückseligen Geschehen, das ihn schließlich hierher geführt hatte. Mit einer heftigen Bewegung wischte er die Zinnsoldaten vom Tisch. Nun hatte er ein Häuschen am Summter See, einen Hund und ein Hausboot am Landwehrkanal in Berlin. Und einen nicht enden wollenden Kummer im Herzen. Er schüttelte den Kopf und starrte aus dem Fenster in die Morgendämmerung. Sein Garten war nach dem Regen in der Nacht ein dampfendes Grau. War es hier so viel besser als in Heidelberg?
   Er ging in die Wohnstube.
   Jessi lag auf dem Sofa, den Kopf auf ihre Pfoten geschmiegt.
   »Komm, Spatzl, wir gehen raus.«
   Jessi wedelte so energisch mit dem Schwanz, dass ihr Hinterteil hin und her wackelte. Er nahm im Flur die Hundeleine vom Haken, zog sich seine Regenjacke über und stieg in die Gummistiefel.
   Als er nach draußen trat, atmete er die Morgenluft in vollen Zügen ein. Carpe diem, dachte er und zog die Haustür hinter sich zu. Es roch nach Jasmin. Im vergangenen Jahr hatte er einen Busch neben die Haustür gepflanzt. Der süßliche Geruch erinnerte ihn an die Weihnachtsplätzchen seiner Mutter. Mit Jessi an der Seite stapfte er los, die Gummistiefel quietschten bei jedem Schritt. Auf der Straße bogen sie nach links ab in Richtung des Sees.
   Das Haus seiner Nachbarin, von der er nicht einmal wusste, wie sie hieß, machte einen verlassenen Eindruck. Ein Fensterladen klapperte gegen die Hauswand. Ein verhuschtes Weib war das, ließ sich kaum blicken. Sobald sie ihn im Garten entdeckte, verschwand sie in ihrem Haus. Ihm war es gleich, so hatte er wenigstens seine Ruhe.
   Sie erreichten den Waldweg, der um den Summter See herumführte. Seine Gummistiefel versanken tief im aufgeweichten Boden. Er sog den Geruch von Erde und feuchten Blättern ein. Jessi sprang um ihn herum und stupste ihn schließlich mit der Schnauze in die Hüfte.
   »Na, lauf schon los!«
   Die Hündin sauste davon.
   Mit schrillem Gezwitscher warnten die Vögel vor dem Eindringling. Sie steckte ihre Schnauze in ein Gebüsch und verschwand mit einem Satz darin.
   Er genoss es, allein zu sein.
   Die Strahlen der aufgehenden Sonne suchten sich ihren Weg durch die hohen Baumkronen und ließen den See in einem glitzernden Blau schimmern.
   Aus der Ferne hörte er ein lang gezogenes Jaulen. Jessi. Er beschleunigte seine Schritte, achtete nicht mehr auf den Weg und eilte zu dem Strauch, an dem er sie zuletzt gesehen hatte.
   Nichts. Wieder das Jaulen.
   Es kam aus dem Gebüsch zum See hin. Er pfiff und trat ein paar Schritte näher heran, um durch das Laub zu spähen, konnte aber nichts erkennen. Feuchte Blätter streiften sein Gesicht. »Jessi, hierher!«
   Ein Japser kam als Antwort. Er rief noch einmal, doch sie reagierte nicht mehr. Widerwillig kroch er ins Unterholz. Nasse Äste schlugen ihm ins Gesicht und gegen seinen Oberkörper. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Er richtete sich auf und versuchte, etwas zu erkennen.
   Jessi stand mit allen vieren im See und schnupperte.
   Neben ihr lag etwas. Ein Mensch. Er konnte nur den Rücken im Schilf sehen. Die Beine waren bis zu den Schenkeln ins Wasser getaucht. Er fing am ganzen Körper an zu zittern, ohne zu verstehen. Er hatte doch schon viele Tote gesehen, an vielen verschiedenen Orten. Und jetzt dieses unbeherrschbare Zittern. Das hier war etwas anderes. Es brach so unvermittelt über ihn herein. Hier war er der Privatmensch Paul Klinker auf einem Spaziergang mit seinem Hund und sehnte sich nach Ruhe. Wenn er sonst an den Fundort einer Leiche kam, herrschte Ordnung – auf eine gewisse Weise. Absperrbänder markierten die Stelle, Kollegen sicherten die Umgebung ab, ein Gerichtsmediziner untersuchte den Toten. Routine.
   »Himmelherrschaftszeiten!« Er versuchte, sich einen Weg durch das Gestrüpp hinunter zum Ufer zu bahnen. Ihm wurde schwindlig. Unsicher griff er nach einem Ast zu seiner Linken, suchte Halt. Der Zweig brach und riss schnalzend eine Wunde in seine Wange. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn. Er fluchte, als er mit einem Schritt nach vorn im Morast landete. Endlich war er bei dem Hund, der sich an seine Beine schmiegte. Er sah von Jessi zu der Frau. Ihre Haare lagen in Strähnen auf ihrem Rücken. Der dunkle Haaransatz am Scheitel war blutverkrustet.
   Er kniete nieder und legte eine Hand auf ihre Hüfte. Ihr grüner Pullover war nach oben gerutscht, sodass er einen Streifen ihres Rückens sehen konnte. Mit der anderen Hand griff er nach ihrer Schulter und rollte sie behutsam auf die Seite. Ihr Gesicht war angeschwollen. Die Augen verquollen, die Wangen blau verfärbt, die Lippen blutig und aufgeplatzt. An ihrem Hals erkannte er Würgemale.
   Plötzlich verzog sie das Gesicht und fing an zu röcheln. Blutiger Schleim lief aus ihrem Mund. Sie spuckte, hustete, öffnete mühsam die Augen. Ein gequälter Blick traf ihn. Dann verlor sie wieder das Bewusstsein.
   »Hallo, Sie«, rief er und hörte selbst, wie albern das klang. Als ob er eine Bedienung im Restaurant riefe, um eine Bestellung aufzugeben. Er berührte sie vorsichtig an der Schulter. Sie reagierte nicht. Sie brauchte Hilfe, einen Arzt. Er richtete sich so schnell auf, dass er fast das Gleichgewicht verlor. In den Hosentaschen wühlte er nach seinem Handy, aber er hatte es nicht mitgenommen. Er beugte sich über die Frau und griff unter ihre Achseln. Vorsichtig zog er sie aus dem Wasser. Mit flatternden Händen entledigte er sich seiner Jacke und legte sie ihr über den Oberkörper.
   »Jessi, du bleibst hier und passt auf. Ich hole Hilfe. Platz«, befahl er der Hündin, die sich neben der Frau niederließ. Er kroch zurück ins Unterholz. Als er den Weg erreicht hatte, rannte er los, verfiel aber nach wenigen Metern in einen mäßigen Trab. Ego sum qui sum, hämmerte es in seinem Kopf. Ich bin der, der ich bin. Ego sum qui sum. Immer wieder ohne Sinn im Takt seiner Schritte. Ego … Er keuchte.
   Fast wäre er an seinem Haus vorbeigelaufen. Im letzten Moment stoppte er vor seinem Grundstück und ruckelte am Riegel des Tors, bis er sich endlich zurückschieben ließ.
   Er rannte über den Steinplattenweg, schloss die Haustür auf und stürmte in den Flur. Der Dreck unter seinen Gummistiefeln knirschte auf den hellen Fliesen, als er die Küche betrat. Sein Handy lag auf dem Küchentisch. Er wählte mit zittrigen Fingern die 112.
   Nur ein schwaches Tuten drang an sein Ohr. Weil er zweifelte, ob der Empfang für ein Gespräch ausreichen würde, kontrollierte er auf dem Display die Signalstärke. In diesem Moment meldete sich der Mitarbeiter der Rettungsleitstelle. Er hörte ein entferntes Schnarren und hob das Handy rasch wieder an.
   »Äh, ja, wer ist jetzt da?« Er bekam kaum Luft.
   Sein telefonisches Gegenüber reagierte ungehalten. »Soll dit ’n Scherz sein, oda wat? Sie haben die Polizei anjerufen.«
   Er kämpfte mit seiner Schnappatmung. »Da hat’s ein Unglück gegeben. Eine Frau am See braucht Hilfe, das pressiert.« O Himmelherrschaftszeiten, die Worte flossen aus seinem Mund, ohne dass er sie hätte kontrollieren können. Plötzlich hörte er die Stimme seiner Mutter, als stünde sie neben ihm: »Olwaniggl, du bist so ein Olwaniggl, wie er im Buche steht.«
   Er war ein ungeschickter Tölpel, der nicht mal einen Notruf absetzen konnte. Seine Gedanken kehrten zu der Frau im Schilf zurück, der Qual in ihren Augen.
   »Also, Meister, nu reden ’se ma Klartext. Ick verstehe kein Wort. Wer sind Sie? Was ist passiert?«
   Paul holte tief Luft, vertrieb die Stimme seiner Mutter aus dem Kopf und erklärte in bemühtem Hochdeutsch die Situation. Er bat um einen Krankenwagen. Sofort! Für die Schwerverletzte. Außerdem forderte er Polizeibeamte und die Spurensicherung. Das volle Programm, da es sich hier offensichtlich um ein schweres Verbrechen handele und nicht um einen Unfall. Er könne das erkennen, schließlich sei er vom Fach. Jawohl!
   Der Mann von der Rettungsstelle erkundigte sich in einem ausgesprochen höflichen Tonfall, ob Klinker einen im Tee habe. Als er dies verneinte, riet er ihm, Ruhe zu bewahren und auf die Ankunft der Rettungskräfte zu warten. Paul versprach es, legte auf, rannte in die Wohnstube, um sich eine Wolldecke unter den Arm zu stopfen, und machte sich auf dem schnellsten Weg zurück zum See.

Jessi sprang auf, als er aus dem Unterholz zu ihnen trat. Die Frau lag auf der Seite, die Knie an ihren Bauch gedrückt. Sie zitterte, obwohl es sicher über zwanzig Grad waren. Er breitete die Decke über ihr aus.
   »Der Krankenwagen ist gleich da.«
   Wieder blickte sie ihn mit diesem gequälten Ausdruck in den Augen an. Sie stöhnte, wollte etwas sagen, stammelte. Er ging in die Hocke, seine Gummistiefel versanken im Schlamm. Er beugte sich über sie. »Ich verstehe Sie nicht.«
   »Keine … bitte … keine Polizei«, flüsterte sie.
   »Ich fürchte, das lässt sich nicht vermeiden.«
   Sie schloss die Augen.
   »Schsch, alles wird gut.« Er strich ihr vorsichtig über das blutverkrustete Haar. Er musste sie wachhalten, bis der Krankenwagen da war. »Wie heißen Sie?«
   »Ma…anne«, die Laute kamen ihr schwer über die Lippen.
   »Anne?«
   Sie öffnete die Augen und verzog das Gesicht.
   »Majanne.« Ihre Stimme brach.
   Ihm fielen die blau leuchtenden Iris ihrer Augen auf. Goldene Pünktchen glitzerten darin.
   »Marianne, der Krankenwagen ist gleich da.«
   Ihre Finger krallten sich in seinen Unterarm. »Hören … hören Sie zu, nehmen Sie das.« Ihr Blick wanderte zu ihrer anderen Hand, die zur Faust geballt auf dem Boden lag und sich nun öffnete. Ein graues Säckchen kam zum Vorschein. »Bitte nehmen Sie, es ist … wichtig … für mein Leben.«
   Ihr flehender Blick ließ ihn gehorchen. Er nahm ihr den Beutel aus der Hand. Er fühlte sich glatt und kühl an.
   »Aber was soll ich damit?«
   Sie hatte die Augen geschlossen und reagierte nicht mehr.
   In diesem Moment hörte er das Motorengeräusch eines Autos. Er sprang auf, steckte den Beutel in seine Jackentasche und kroch durch das Gestrüpp den Rettungskräften entgegen.

Eine Stunde später saß Paul an seinem Wohnzimmertisch. Jessi lag zusammengerollt zu seinen Füßen. Er stellte die Soldaten in Grüppchen auf. Angelsächsische zu französischen, die Bauern neben die Geschütze. Schluss mit Krieg.
   Summt war sein Refugium, seine Oase, die Frieden bot, doch nun war das Grauen bis hierher vorgedrungen. Am liebsten hätte er eine gute Flasche Wein geöffnet und in großen Schlucken die Kehle hinunterlaufen lassen, aber Summt war alkoholfreie Zone. Er stand auf, um sich einen Kaffee zu kochen, als ihm das Säckchen einfiel.

Kapitel 2

Sie wachte um 6.59 Uhr auf, eine Minute, bevor der Wecker anspringen sollte, und beglückwünschte sich zu ihrer inneren Uhr, die sie vor dem unsanften Erwachen bewahrt hatte. Sie rollte sich auf die Seite und sah aus dem Fenster. Die Sonne strahlte am sommerblauen Himmel.
   Ruhe hatte sich in ihr ausgebreitet. Anders als in der Nacht, als sie nach Hause gelaufen war und ein Gefühl des Triumphs sie beschlichen hatte. Auf der Danziger Straße hatte sie plötzlich laut lachen müssen. Sie fühlte sich stark. Das kam wie ein Orgasmus in einer, zwei, drei Wellen, die sie nach Hause trugen. Ihre Kleider hatte sie ausgezogen und in eine Plastiktüte gestopft. Hinten im Schrank hinter den Jacken, Mänteln, Hosen, Schuhen hatte sie sie versteckt, ins Dunkle geschoben. Lange hatte sie die silberne Kette betrachtet, den Anhänger mit dem eingeprägten Skorpion durch ihre Hände gleiten lassen, gegen das Licht der Stehlampe gehalten, das Glitzern genossen. Es war schwer, sich davon zu trennen, aber schließlich hatte sie das Schmuckstück in die Schreibtischschublade gelegt, neben die Armbanduhr. Sie wusste, die Sachen mussten weg. An einen sicheren Ort, wo sie niemand finden würde. Aber das würde sie später erledigen. Der Typ hatte gekriegt, was er verdient hatte. Sie hatte es ihm so richtig schön besorgt. Sie streckte ihre Hand aus und nahm ihren MP3-Player vom Nachttisch, steckte sich die Stöpsel ins Ohr. Volle Lautstärke. Franz Ferdinand. Sie wirbelte mit den Armen in der Luft zum Takt der Musik, fühlte sich gut. Nach einer Viertelstunde hatte sie genug. Sie stellte die Musik ab, stand auf und ging ins Bad, um zu duschen und sich für die Arbeit fertig zu machen. Die anderen schliefen alle noch.

*

Er stand an der Garderobe im Flur und zog das Säckchen aus seiner Jackentasche. Es fühlte sich glatt und kühl an. Das dunkelgraue Leder war oben mit einem gelben Bändchen zugebunden. Er wollte gerade die Schleife lösen, als sein Handy klingelte. Mit einem Seufzer griff er wieder in die Jackentasche. Auf dem Display erkannte er die Nummer des Büros.
   »Klinker, entschuldige, ich bin es, Rosi. Ich weiß, du hast Urlaub, aber es ist sonst keiner da. Haberlandt hat eine Sommergrippe. Lessing ist auf Sardinien. Wir haben eine Leiche, kannst du kommen?«
   Er begann, diesen Tag zu hassen. Er hatte Unkraut jäten und im Liegestuhl dösen wollen.
   »Wo?« Er fühlte einen harten Gegenstand in dem Säckchen.
   Nachdem er sich von Rosi hatte sagen lassen, wo er hinkommen sollte, steckte er sein Handy ein und löste das Bändchen. Neugierig bestaunte er die funkelnde Brosche in seiner Hand. Was die wohl wert war? So recht wusste er nicht, was er damit anfangen sollte. Weil er sie nicht einfach so herumliegen lassen wollte, steckte er sie zurück in das Säckchen und in seine Jackentasche. Dort war der kleine Schatz vorerst am besten aufgehoben.
   Wenig später stand er im Bad und blickte in sein Gesicht. Die Falten auf der Stirn, die sich immer tiefer eingruben, die Tränensäcke unter den Augen, seine Nase, die mit zunehmendem Alter immer größer zu werden schien.
   Mit der geballten Faust schlug er gegen den Spiegel, der der Wucht des Schlages einen Moment standhielt und doch zerbrach. Es klirrte, als die Scherben ins Waschbecken und auf die Fliesen fielen. In einer Scherbe, die noch im Rahmen hing, konnte er jetzt nur noch sein rechtes Auge sehen. Die Farbe von Zartbitterschokolade. Sonja hatte das früher gesagt.
   Damals, als alles noch gut gewesen war.
   Er ließ kaltes Wasser über den blutenden Handballen laufen.

*

Einen legalen Parkplatz im Prenzlauer Berg zu ergattern, war so wahrscheinlich wie ein Sandkorn am Nordpol zu entdecken. Im Auto herrschten gefühlte sechzig Grad. Deswegen hielt er sich nicht lange auf und parkte seinen Kombi an der Max-Schmeling-Halle mitten auf dem Gehweg. Eine Frau kräuselte ihre gepiercten Lippen und wich mit ihrem unhandlichen Kinderwagen Modell »Siebzigerjahre Riesenräder« auf die Fahrbahn aus. Er tat, als ob er sie nicht sehen würde. Jessi ließ er auf der Beifahrerseite heraus. Die Hündin hopste aus dem Auto. Schlaff hing ihre Zunge aus dem Maul. Seine Jacke ließ er auf dem Rücksitz liegen.
   Ein Toter im Birkenwäldchen des Mauerparks, hatte Rosi gesagt. Er hielt die Hand über die Augen, um die Sonne abzuwehren, die ihn blendete. In der Ferne sah er einen Menschenauflauf am Spielplatz. Dort musste es sein. Das Gras, über das er lief, war verdorrt. Seltsam, dachte er, er ging über eine ehemalige Grenze. War er jetzt in Ost- oder in Westberlin?
   Vor dem Birkenwäldchen hatten die Kollegen eine Absperrung errichtet. Er zeigte einem Polizisten seinen LKA-Ausweis und schlüpfte unter dem rot-weißen Band durch. Die zarten Bäumchen spendeten Schatten, sodass ihn für einen Moment eine angenehme Kühle umfing.
   »He, Sie da, sind Sie verrückt geworden, hier mit einem Hund herumzutrampeln?« Volle Stimme, gezupfte Augenbrauen, millimetergenau geschnittener Pony: Zicke, konstatierte er.
   »Der Hund ist ausgebildet und weiß, wie er sich zu verhalten hat. Darf ich Sie um Ihren Namen bitten? Ich bin der Einsatzleiter, Klinker, LKA.«
   Die gezupften Augenbrauen sanken nach unten.
   »Entschuldigen Sie bitte, ich wusste ja nicht … Lanz. Ich bin Florentine Lanz, die Urlaubsvertretung.« Sie pustete sich den Pony aus der Stirn und streckte ihm eine Hand hin, die er kurz schüttelte.
   »Jessi, Platz!« Die Hündin legte sich zu seinen Füßen nieder. »Gut, Frau Lanz. Sagen Sie mir, was wir bis jetzt haben. Wer hat den Toten gefunden?«
   »Ein Taubenzüchter, der einen seiner Vögel suchte. Er hat mit seinem Handy die Kollegen angerufen.«
   »Ein Taubenzüchter? Hier mitten in der Stadt?« Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.
   Lanz schien dagegen mit der Sommerhitze kein Problem zu haben. Ihre taillierte Bluse steckte akkurat im Rock. »Ja, er hat seine Laube hier hinter dem Wäldchen. Er hat die Tauben bei Morgengrauen zu einem Erkundungsflug losgeschickt. Alle kamen zurück bis auf Missing Baby. Er sagt, sie hat sich schon öfter verirrt. Deswegen hat er sich auf die Suche nach ihr gemacht.«
   »Missing Baby, schöner Name für eine verschollene Taube. Hat er sie denn gefunden?«
   »Nein«, sagte Lanz, »dafür aber den Toten. Er liegt dort hinten. Sie können ihn sich ansehen.«
   »Ist die Spurensicherung schon fertig?«
   »Ja. Da ist etwas …«, sie zögerte, »Ungewöhnliches.« Lanz zog ihre Sonnenbrille aus den Haaren und setzte sie auf. »Ach, am besten sehen Sie es sich selbst an.« Sie marschierte los.
   Während Paul hinter ihr herlief, wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Das einzig Erfreuliche an diesem Morgen war der runde Hintern von Florentine Lanz. Er steckte in einem engen Minirock und wackelte bei jedem Schritt hin und her.
   Der Tote lag zwischen zwei Bäumen auf der sandigen Erde, die von seinem Blut durchtränkt war. Auch seine Kleidung war über und über mit Blut bespritzt. Arme und Beine hatte er weit von sich gespreizt. Sein schwarzes Haar lag in Strähnen um sein sonnengegerbtes Gesicht. Die Augen waren halb geöffnet. Aus seiner Nase war ein Rinnsal Blut gelaufen, das dunkelrot auf Mund und Kinn geronnen war. Am Hals vermischte es sich mit dem Blut, das aus der klaffenden Wunde ausgetreten war.
   Paul trat näher heran und beugte sich hinunter. Im Hals des Toten steckte etwas. Es funkelte im Sonnenlicht. Paul ging auf die Knie. Ein Metallstück steckte in der Wunde. Ein Zylinder ragte hinaus. Überrascht stand er auf. »Was ist das?«
   »Das wissen wir noch nicht«, erwiderte Lanz. Ihre Augen waren hinter den Gläsern ihrer Sonnenbrille verborgen. »Der Gerichtsmediziner vermutet, der Täter hat damit die Halsschlagader getroffen. Daher das viele Blut. Es scheint wie eine Fontäne gespritzt zu haben.«
   Paul spürte, wie ihm flau wurde. Die Hitze setzte ihm zu. Er drehte sich von der Leiche weg. Media in vita in morte sumus. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Er atmete tief ein und sog den Sommermorgen in sich auf, der nach Gras und verbranntem Holz roch. Einen Moment lang hatte er nicht zugehört.
   »… kann laut Gerichtsmediziner noch nicht lange tot sein. Die Totenstarre hat sich noch nicht vollständig ausgebreitet.«
   Er wandte sich wieder der Leiche zu. Wie der Tote so dalag, mit vom Körper abgespreizten Armen und Beinen, hatte er etwas von einem gefällten Baum. Als ob er einfach umgekippt wäre. »Wissen wir schon, wer er ist?«
   »Ullrich Hallauf. 38 Jahre, wohnt in der Rykestraße.«
   Paul betrachtete Florentine Lanz. Schnell war sie, auch wenn sie eine Zicke mit Pony war.
   »Wir haben seinen Ausweis gefunden. Er steckte in seiner Geldbörse in der Jeansjacke. Die Kollegen haben ihn schon überprüft. Verheiratet, eine Tochter. Keine Vorstrafen.«
   »Wir haben sein Portemonnaie. Also vermutlich kein Raubmord. Was treibt einen Mann mitten in der Nacht in dieses Wäldchen?«
   Auf Lanz’ Nasenwurzel grub sich eine Falte ein. »Herr Klinker, das können wir nicht wissen. Üblicherweise halten sich im Mauerpark junge Leute auf. Sie trinken Bier, rauchen, machen Musik. So etwas in der Art. Allerdings dürfte es in der Nacht hier hinten ruhiger zugehen.«
   Ein asphaltierter Weg führte durch das Wäldchen. Zugang hatte man nur vom Mauerpark oder aus der entgegengesetzten Richtung. »Wo geht es dort drüben hin?«
   »Dort liegt die Laube des Taubenzüchters und dahinter führt eine Brücke in den Wedding. Dort, wo der Kinderbauernhof ist, kennen Sie den?«
   Er schüttelte den Kopf. »Was ist mit dem Taubenzüchter? Kann ich mit ihm sprechen?«
   »Als die Kollegen kamen, saß er weinend neben der Leiche. Er ist in ein Krankenhaus gebracht worden. Vermutlich ein schwerer Schock.«
   »Gut, fahren wir erst mal in die Rykestraße und sehen uns da um. Wo ist das?«
   »Sie kennen sich hier aber nicht gut aus, was?«, erwiderte Lanz und stolzierte durch den Sand davon.
   Er beeilte sich, hinterherzukommen. »Ich bin lieber im Westen der Stadt. Der Prenzlauer Berg ist mir zu anstrengend.«
   »Sind Sie Schwabe? Hört man an Ihrem Dialekt«, setzte Lanz nach. Sie klang belustigt.
   »Keineswegs«, erwiderte er, »ich komme aus Baden. Wir haben mit Schwaben nichts am Hut. Und Sie? Ossi?«
   »Genau. Mit Leib und Seele.« Sie beschleunigte ihre Schritte und starrte stur geradeaus. Sie schlüpfte unter dem Absperrband hindurch und lief weiter.
   Paul unterdrückte ein Keuchen, als er ihr folgte. Wie konnte man mit solchen Absätzen so schnell gehen? Jessi hatte sich ihnen angeschlossen und trottete mit hängendem Kopf hinterher.
   Die Frau mit den gepiercten Lippen saß auf den Stufen vor der Max-Schmeling-Halle. Sie schaukelte ihren Kinderwagen und grinste ihn an. Paul wunderte sich, lächelte aber zurück und hielt nach seinem Auto Ausschau. Er hatte doch hier geparkt?
   Seine Verwunderung schlug in Ärger um. Massiven Ärger.
   An der Stelle, an der er sein Auto abgestellt hatte, starrte er auf einen leeren Gehweg. Er drehte sich zu der gepiercten Frau um, die ihm zuwinkte.
   »Hamse abgeschleppt. Wird bestimmt teuer«, rief sie.
   Er meinte, die Schadenfreude in ihrem durchlöcherten Gesicht zu erkennen.
   »Herzlichen Glückwunsch, Frau Denunziantin«, brüllte er zurück.
   Lanz zuckte neben ihm zusammen. Die Gepiercte streckte ihnen den Mittelfinger entgegen.
   Er winkte ab. »Können wir mit Ihrem Auto fahren?«
   »Mit dem Hund, das wird schwierig«, antwortete Lanz. »Warum haben Sie denn im Halteverbot geparkt? War doch logisch, dass Sie hier abgeschleppt werden.«
   »Jessi schmutzt nicht. Wo stehen Sie?«
   Sie deutete die Straße entlang. »Dort vorn.« Ihre Lippen waren schmal geworden.
   Er folgte ihr. Er musste Rosi nachher anrufen, damit sie sich um sein Auto kümmerte. Vielleicht konnte sie mit Verweis auf einen Polizeieinsatz die Strafgebühren herunterhandeln. Rosi war in dieser Hinsicht ein Genie.
   Lanz blieb neben einem eckigen Mercedes stehen und drehte sich um. »Da wären wir.«
   So einen Wagen hatte er ihr nicht zugetraut. Vielleicht war sie doch annehmbarer, als sie auf den ersten Blick wirkte. Wer so ein Auto fuhr, konnte nicht verkehrt sein. Er freute sich auf die Fahrt mit dem Oldtimer. Es klackte, als Lanz die Fernbedienung für die Türöffnung drückte. Sie trat einen Schritt hinter den Mercedes und öffnete die Beifahrertür eines Kleinstwagen, der quer eingeparkt war. »Ist ein bisschen eng, aber es wird schon gehen.« Sie beugte sich in das Auto und kramte Papiere zusammen, die sie in die Ritze zwischen beiden Sitzen stopfte. Mehrere Flaschen drückte sie unter den Beifahrersitz. Es klirrte bedenklich.
   Er tätschelte Jessi den Kopf. Was war er doch für ein Dabbes, zu glauben, dass diese Frau einen Oldtimer fuhr.
   Mit der fünfunddreißig Kilo schweren Jessi auf dem Schoß, den Beinen im Altpapier und seinem schmerzenden Kopf, den er beim Einsteigen nicht weit genug eingezogen hatte, betrachtete Paul wehmütig den Mercedes, bevor er sich in das Schicksal eines Kleinstwagenbeifahrers ergab. Von Zeit zu Zeit warf Lanz ihm einen Blick zu, doch er blickte über Jessis Rücken hinweg durch die Windschutzscheibe. Es gelang ihm nicht, die Hitze, die der Hundekörper ausstrahlte, zu ignorieren. Die Hose klebte an seinen Beinen. Die Wunde an seiner Hand pochte. Er hatte sie notdürftig mit einem Pflaster verklebt und hoffte, sie würde nicht anfangen zu bluten. Er seufzte. Diesen Tag hatte er sich wirklich anders vorgestellt.

In der Rykestraße pilgerten Eltern mit ihren Kindern in Gruppen auf dem Gehweg in die Schule. Ranzen in bunten Farben wippten auf den viel zu kleinen Rücken. Ein Wagen der Müllabfuhr versperrte den Autos die Fahrbahn.
   Lanz fluchte und schlug auf ihr Lenkrad. »Schöner Mist. Verdammt.« Sie legte den Rückwärtsgang ein und fuhr schnurgerade die Straße hinunter, ohne sich einmal umzudrehen. Ihr reichte der Blick in den Rückspiegel.
   Paul wurde schlecht. Frauen am Steuer waren einfach furchtbar, Berliner Frauen aber waren furchterregend. Sie bogen rückwärts in die Sredzkistraße.
   Lanz bremste, sodass Paul ein Stück auf seinem Sitz nach hinten rutschte, was sich aber sogleich relativierte, denn Lanz drückte das Gaspedal durch, um vorwärts weiterzufahren. Sie nahm die nächste Abzweigung links und noch mal links, bis sie wieder in der Rykestraße waren. Pauls Kopf schlug gegen die Decke des Autos, weil Lanz mit Schwung die Bordsteinkante hochfuhr und mit den Vorderrädern auf dem Bordstein parkte.
   »Na bitte, geht doch«, sagte sie und reckte noch einmal den Hals, um in den Spiegel zu schauen. Sie zupfte sich ihren Pony zurecht und blickte Paul anschließend an. »Sie sind so blass. Geht es Ihnen nicht gut?«

Kristiane Hallauf hatte ihre Wohnungstür nur einen Spalt geöffnet. Sie trug ihr rotbraunes Haar kurz geschnitten, was ihre pausbäckigen Wangen hervorhob. Ihr Blick huschte von Lanz zu Paul. »Sind Sie von der Hausverwaltung? Wir parken den Kinderwagen nur ausnahmsweise unten im Hausflur.«
   Paul stockte. Bevor Florentine Lanz ihr gewagtes Einparkmanöver hingelegt hatte, hatte er sich ein paar Sätze zurechtgelegt, mit denen er der Frau des Toten schonend beibringen konnte, dass ihr Mann nicht mehr lebte. Nun wusste er nicht mehr, wie er anfangen sollte. Lanz stand stumm neben ihm.
   Er fasste sich ein Herz. »Frau Hallauf, wir sind von der Polizei. Wir würden gern einen Moment mit Ihnen sprechen. Dürften wir hineinkommen?«
   Hallaufs Wangen wurden bleich. »Geht es um meinen Mann? Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Ich weiß nicht, wo er ist.«
   Florentine Lanz trat einen Schritt vor. »Wir würden das gern drinnen mit Ihnen besprechen, wäre das möglich?«
   Kristiane Hallauf trat zögernd zur Seite und ließ sie ein.
   In der Wohnung war es angenehm kühl. Sie gingen den Flur entlang in einen Raum, den Paul größer einschätzte als sein gesamtes Häuschen in Summt. Nicht schlecht. Die silbernen Tapeten waren allerdings nicht sein Geschmack. Der Clou an den Wänden waren schräg anmontierte Bücherregale. Nervös würde ihn so was machen.
   Kristiane Hallauf stand davor und wirkte in Jeans und weißem T-Shirt fast wie ein Kind, das sich in der durchgestylten Wohnung verirrt hatte. Ihre Unterlippe zuckte. »Ist ihm etwas zugestoßen? Ein Unfall?«
   »Frau Hallauf, können wir uns setzen?«, fragte Lanz.
   Sie wies auf eine vanillefarbene Couch, die vor der Fensterfront stand, und ließ sich auf einem bunt bemalten Bauernschemel nieder, die Knie aneinandergedrückt.
   Paul wusste nicht recht, wohin mit seinen Händen, schließlich faltete er sie und legte sie auf seinen Bauch. »Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann tot ist. Vermutlich handelt es sich um ein Tötungsdelikt.« Kurz und schmerzhaft. Jetzt war es heraus.
   Kristiane Hallaufs Reaktion war so überraschend, dass Paul wie festgenagelt sitzen blieb.
   Sie verdrehte die Augen. Ohne einen Laut fiel sie vornüber auf den Marmorboden und blieb liegen.
   Florentine Lanz sprang auf. Mit einem Satz war sie bei ihr. »Frau Hallauf«, rief sie. »Frau Hallauf!« Sie drehte sie zur Seite und tätschelte ihr die Wange, fühlte ihren Puls.
   Paul war endlich aufgesprungen und kniete sich neben Lanz. »Medicina soror philosophiae. Die Heilkunst ist die Schwester der Philosophie«, repetierte er lautlos. Was für ein Quatsch.
   Florentine Lanz drehte ihm den Kopf zu. »Wasser, wir brauchen kaltes Wasser. Machen Sie schon. Sie ist ohnmächtig.«
   Paul stand mit steifen Bewegungen auf und lief zurück in den Flur. Öffnete eine Tür – ein ungemachtes Bett – schloss sie wieder. Die nächste führte in ein Kinderzimmer. Rosa. Im Gitterbettchen lag ein Kind, das schlief. Es nuckelte an seinem Schnuller. Er zog die Tür sachte zu. Herrschaftszeiten noch mal, wo war bloß das verdammte Bad? Abstellkammer. Penible Ordnung in den Regalen, Putzmittel nach Größen sortiert. Ein Zimmer, das er nicht sofort einordnen konnte, noch ein ungemachtes Bett. Die nächste Tür führte in einen Büroraum. Auf dem Schreibtisch stand ein aufgeklappter Laptop. Er verfluchte die verdammten Yuppies vom Prenzlauer Berg, die sich Zehnzimmerwohnungen leisten konnten. Endlich hatte er das Bad gefunden. Es hatte die Ausmaße seiner Wohnstube in Summt. Er griff nach einem Handtuch, das in einem Regal neben dem Waschbecken lag, und ließ kaltes Wasser darüber laufen.
   Als er ins Wohnzimmer eintrat, lag Kristiane Hallauf auf der Couch. Unter den Füßen ein Kissen, unter dem Kopf den Schoß von Florentine Lanz. Meine Güte, wo war er hier bloß hingeraten?
   »Legen Sie es ihr auf die Stirn«, befahl Lanz.
   Kristiane Hallaufs Augen waren halb geöffnet, aber starr.
   »Wir sollten einen Rettungswagen rufen«, schlug er vor.
   Zu seiner Überraschung antwortete Hallauf. »Es geht schon wieder«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Ich brauche keinen Arzt.« Langsam richtete sie sich auf und setzte die Füße auf den Marmorboden. Das Handtuch rutschte auf die Couch und hinterließ einen Wasserfleck, der sich kreisförmig auf dem hellen Leder ausbreitete. Sie legte den Kopf in die Hände. Ihre Haare waren zerzaust, sie schluchzte.
   Florentine Lanz rückte auf der Couch etwas näher an sie heran und legte einen Arm um ihre Schultern. »Es tut uns leid«, sagte sie. »Beruhigen Sie sich, bitte.«
   Ihm war die Szene nicht geheuer. Er hatte die Dinge gern unter Kontrolle, und über das, was hier passierte, hatte er sie definitiv verloren. Er setzte sich auf den Bauernschemel. Die Art von Florentine Lanz war ihm unangenehm. Sie war mit einem Mal so betulich, viel zu nah an der Frau des Toten dran. Sie wussten nichts über die Hallauf. Im Grunde war sie eine Verdächtige ersten Ranges, waren doch die meisten Morde Beziehungstaten. Ehepartner standen auf der Liste der möglichen Täter weit oben. Frau Hallauf würde sich in nächster Zeit einige Fragen gefallen lassen müssen. Sein Gefühl sagte ihm, dass es ein paar überraschende Antworten geben würde. Etwas war da an ihr, was ihn misstrauisch machte, ohne dass er hätte sagen können, was genau es war. Vielleicht die Art, wie sie ihnen die Tür geöffnet hatte. Sie erinnerte ihn an ein Eichhörnchen. Stets flink, stets auf der Hut. Kristiane Hallauf passte nicht in das avantgardistische Ambiente dieser Wohnung. Was hatte sie hierher gebracht?
   Er beschloss, ihr ein paar Minuten Zeit zu geben, damit sie sich beruhigen konnte. Das Trösten beherrschte Lanz wohl besser. Er blickte aus dem Fenster. Gegenüber stand einer Trutzburg gleich ein breiter Turm.
   »Bitte sagen Sie mir, was passiert ist.«
   Paul drehte sich zu Kristiane Hallauf, die wieder etwas Farbe im Gesicht hatte. Sie blickte ihm fest in die Augen.
   »Frau Hallauf, sollen wir einen Arzt rufen? Wir möchten Sie nicht überfordern«, antwortete Paul. Er ging zurück zur Couch und setzte sich auf den Bauernschemel.
   Florentine Lanz nickte zustimmend.
   Hallauf zupfte an ihrem T-Shirt herum. »Nein, bitte«, erwiderte sie, »ich will wissen, was passiert ist. Ich muss es wissen, bitte.«
   Er nickte. »Ihr Mann wurde am frühen Morgen im Mauerpark gefunden. Vermutlich ein Gewaltverbrechen.« Er machte eine Pause, Hallauf senkte den Kopf. »Zu den Details darf ich Ihnen im Moment nicht mehr sagen.«
   Sie nickte, zupfte immer noch an ihrem T-Shirt, und nickte wieder.
   »Frau Hallauf, fühlen Sie sich in der Lage, uns ein paar Fragen zu beantworten?«, fragte Lanz. Sie musterte Kristiane Hallauf. »Ich weiß, es ist eine schwierige Situation für Sie.«
   Paul unterdrückte nur mühsam ein genervtes Stöhnen. Man konnte es auch übertreiben.
   »Aber mit Ihrer Aussage können Sie uns vielleicht helfen«, sagte Lanz.
   Wieder nickte Kristiane Hallauf. Ein Eichhörnchen im silbernen Käfig.
   »Was hat Ihr Mann beruflich gemacht?«
   Kristiane Hallauf zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. »Er ist Arzt an der Charité. Er ist Urologe, nein, er war Urologe.« Ihre Augen hatten einen leeren Ausdruck angenommen. »Wir haben uns dort kennengelernt. Ich bin Hebamme.«
   Lanz hatte einen Block gezückt, in den sie mit einem spitzen Bleistift Notizen machte. Paul irritierte das kratzende Geräusch. Er verzichtete stets darauf, mitzuschreiben. Seine Aufzeichnungen machte er immer erst nach einem Gespräch: Training für sein Hirn.
   »Wissen Sie, was Ihr Mann gestern Abend vorhatte?«
   »Nein«, antwortete Hallauf. »Ich war nicht da. Ich bin erst heute Nacht aus Hannover zurückgekommen, wo ich an einem Kongress teilnahm. Wir haben am Nachmittag noch miteinander telefoniert. Er klang vergnügt, hatte gute Laune. Er wollte zu Hause bleiben. Das hat er zumindest gesagt.«
   »Waren Sie nicht überrascht, dass er nicht da war, als Sie nach Hause kamen?«, fragte Paul.
   »Doch, das war ich. Das Bett war leer. Gemacht und leer. Aber ich habe mir gedacht, er ist sicher in die Klinik gerufen worden. Ein Notfall. So etwas kommt vor.« Kristiane Hallauf kämpfte mit den Tränen. »Ich habe nicht mal versucht, ihn auf dem Handy anzurufen. Hätte ich doch nur. Was wollte er bloß im Mauerpark?« Die Tränen liefen die Wangen hinunter. Sie schien es nicht zu bemerken.
   Lanz wühlte in ihrer Handtasche herum, zog ein Päckchen Papiertaschentücher heraus und reichte es ihr. Kristiane Hallauf schnäuzte sich und zerknüllte das Taschentuch in ihrer Hand.
   Es gab etwas an der Geschichte von Kristiane Hallauf, das nicht passte. Paul wartete, bis sie sich gefasst hatte, bevor er die nächste Frage stellte. »Wer hat auf Ihr Baby aufgepasst, wenn Ihr Mann nicht da war?«
   Bei der Erwähnung des Kindes huschte ein Lächeln über Kristiane Hallaufs Gesicht. »Wir haben ein Au-pair-Mädchen. Roxana, sie kommt aus Spanien. Sie war die ganze Nacht da.«
   »Wo ist sie jetzt?«, fragte er.
   »Im Deutschunterricht. Sie besucht einen Kurs in einer Sprachschule in der Kastanienallee.«
   Im Geiste machte sich Paul einen Haken hinter den Namen Roxana. Mit ihr würden sie auch noch sprechen müssen. »Hatte Ihr Mann in letzter Zeit Probleme? War er verändert?«
   »Nein, er war wie immer. Er hat zu viel gearbeitet, war kaum zu Hause. Aber er war fröhlich. Seine Arbeit hat ihm viel bedeutet. Und Paulina.« Kristiane Hallauf tupfte sich mit dem zerknüllten Taschentuch die Tränen aus den Augen. Es wirkte wie einstudiert.
   Paul registrierte, dass die Sitzfläche des Bauernschemels auf Dauer ganz schön hart war. »Frau Hallauf, wir müssen Sie bitten, Ihren Mann zu identifizieren. Sehen Sie sich dazu in der Lage? Morgen?«
   Sie hielt mit dem Betupfen ihrer Augen inne. »Ja«, sagte sie, ohne zu zögern.
   Es blieb eine Weile still im Raum, bevor Florentine Lanz das Wort ergriff. »Gibt es jemanden, den Sie anrufen können? Der kommen kann, damit Sie jetzt nicht allein sind?«
   »Ich habe eine Nachbarin, Ariane. Sie müsste eigentlich da sein. Aber ich weiß nicht. Ich will niemanden stören.«
   Sie begleiteten Kristiane Hallauf, die bei ihrer Nachbarin klingelte.
   Die ebenso schlanke wie blonde Frau in den Dreißigern erntete einen abfälligen Blick von Florentine Lanz, als sie ihre Mähne kokett schüttelte, während sie Paul zublinzelte.
   Als sie auf die Straße traten, gähnte Paul so herzhaft, dass seine Kieferknochen knackten. Seine Erleichterung, diesen Teil seiner Arbeit, den er am meisten verabscheute, überstanden zu haben, wich der Müdigkeit. Jessi empfing sie mit einem Bellen. Sie ließ ihren Kopf aus dem offenen Seitenfenster des Kleinstwagens hängen und hechelte.

Schweigend fuhren sie auf der Danziger Straße zur Charité.
   Paul spürte, wie ihm dieser Tag an die Substanz ging. Heute Morgen hatte er noch friedlich an seinem Küchentisch in Summt gesessen, sich einen Urlaubstag voller Ruhe ausgemalt. Stattdessen hatte er eine Schwerverletzte gefunden und eine Leiche im Mauerpark begutachtet. Es war heiß, er hatte Hunger und Durst. Und er war müde und ausgelaugt. Sein Handy läutete in der Hosentasche. Er schob Jessi auf seinem Schoß ein Stückchen nach vorn und fummelte nach dem Telefon. Er stöhnte, als er auf dem Display des Gerätes sah, wer ihn anrief.»Bub, ich bin’s, deine Mudda. Wie geht’s dir?«
   Er drehte sich ruckartig auf seinem Sitz zum Fenster hin und versuchte, so leise wie möglich zu sprechen. Jessi jaulte auf.
   »Hallo Mutter, gut geht es mir, alles im Lot. Und bei dir?«
   »Was redst denn du so geschwollen daher? Bist du jetzt unter die feinen Leut gegangen?«
   »Mudda, ich kann hier nicht reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich bin bei der Arbeit.«
   »Du bist ein Rieweniggl, wie er im Buche steht. Wann kommst du mal nach Heidelberg? Die Leut in Hendesse fragen nach dir.«
   »Alla, Mudda, ich meld mich.« Paul drückte das Gespräch weg. Er spürte ein Ziehen in der Magengegend. Er wollte nicht an Heidelberg denken, nicht an seine Mutter, nicht an Sonja, auch nicht an seine Kinder, und schon gar nicht an Heidelberg und an den Vorfall. Er kraulte Jessi das Ohr und strengte sich an, den langen Seitenblick, den Florentine Lanz ihm zuwarf, zu übersehen. Nemo iudex in causa sua. Keiner kann Richter in eigener Sache sein. Lateinische Sprichwörter waren wirklich nützlich.

Vor dem Hochhaus der Charité saß ein Mann in einem hellblauen Kittel auf einer Bank. Seine Gesichtszüge wirkten verhärmt. Neben ihm stand ein Gestell, an dem eine Flasche hing, deren Schlauch zu seiner dürren Ellenbeuge führte. Der Mann rauchte, als ginge es um sein Leben. Wie Erwin, Pauls Kumpel in Heidelberg, der auch wie ein Schlot rauchte. Eine Zigarette nach der anderen brannte zwischen seinen gelb verfärbten Fingern ab. Sein Husten war erbärmlich, und Paul fürchtete, dass er es sein würde, der einmal an Erwins Grab stehen würde und nicht umgekehrt. Wieder war da das Ziehen in der Magengrube. Er nahm sich vor, ihn bei nächster Gelegenheit anzurufen. Vielleicht hatte er aufgehört zu rauchen?
   Professor Reinald Gorenflies war ein Vertreter seiner Zunft, der alle Vorurteile bestätigte, die Paul gegen Ärzte hegte. Seine Lesebrille trug er sicher, um über den Rand der Gläser hinwegschauen zu können. Das verlieh ihm Autorität und Gelehrtheit, gewürzt mit einer sanften Prise Arroganz. Ein Habitus, den nur Männer mit Hochschulstudium jenseits der fünfzig an den Tag legen konnten, die schon viel zu lange daran gewöhnt waren, Untergebene zu haben. »Dr. Hallauf ist tot, sagen Sie? Das kann ich nicht glauben.«
   »Wir dürfen Ihnen leider nicht mehr sagen«, sagte Paul, »wir möchten uns ein Bild von Herrn Hallauf machen, von seiner Arbeit, seinem Umfeld.«
   »Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen dabei behilflich sein kann, aber wenn es dazu dient, einen Mörder zu überführen, bin ich selbstverständlich bereit, Sie nach Kräften zu unterstützen. Möchten Sie Kaffee?« Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte Professor Gorenflies auf ein Knöpfchen seiner beeindruckenden Telefonanlage. »Margot, bringen Sie uns Kaffee, bitte. Danke.« Er wandte sich Paul und Florentine Lanz zu. »Ich habe Dr. Hallauf vor drei Jahren eingestellt. Er brachte ausgezeichnete, wirklich exzellente Zeugnisse mit. Ich kann Ihnen die Personalakte geben.« Wieder drückte er ein Knöpfchen der Telefonanlage. »Ich benötige die Personalakte von Dr. Hallauf, Urologie, sofort. Danke.«
   Es klopfte.
   »Herein, herein«, rief Gorenflies.
   Eine blonde Frau eilte in gelben Crocs ins Zimmer. Sie trug ein silbernes Tablett mit Tassen und einer Kaffeekanne, das sie auf dem Schreibtisch abstellte.
   »Nicht hier, Margot«, wies Gorenflies sie an. Er nickte zur Sitzecke neben dem Fenster hin.
   Margot nahm das Tablett auf und trug es zu einem tiefen Tischchen aus Mahagoni, das vor der Couch stand. Ihre Mundwinkel zuckten.
   Lanz und Paul hatten sich bei ihr ausgewiesen, bevor sie zu Gorenflies vorgelassen worden waren. Allerdings hatten sie nicht gesagt, warum sie hier waren. Paul fragte sich, wie viel Margot als Vorzimmerdame wohl von ihrem Gespräch belauschen konnte? Wenn sie denn lauschte. Sie verließ den Raum und schloss geräuschlos die Tür.
   Gorenflies wandte sich Lanz zu. »Das ist kein leichter Beruf, den Sie sich da ausgesucht haben. Ich bewundere Frauen, die eine solche Arbeit machen. Das schafft nicht jede, nicht wahr?« Er zwinkerte ihr über den Rand seiner Lesebrille zu. Florentine verzog keine Miene. Gorenflies stand auf. »Machen wir es uns doch bequem. Der Anlass unseres Gesprächs ist unerfreulich genug, nicht wahr?« Gorenflies war um den Schreibtisch herum zur Couch gegangen und ließ sich auf dem Sitzmöbel nieder. Er nahm Tassen und Untertassen vom Tablett und stellte sie auf den Tisch, richtete die Henkel der Tassen fein säuberlich nach rechts aus, so, wie sich das gehörte.
   Paul hoffte, dass Gorenflies Florentine Lanz nicht dazu auffordern würde, den Kaffee einzuschenken, denn ihr Gesicht verhieß nichts Gutes. Auf ihrer Stirn hatte sich eine tiefe Falte eingegraben. Energisch schob sie ihren Stuhl nach hinten, als sie aufstand. Sie gingen hinüber zur Sitzecke und setzten sich zu Gorenflies, der das Kaffee-Einschenken glücklicherweise selbst übernahm. Lanz zückte Bleistift und Notizblock.
   Paul nahm sich vor, das Gespräch mit Gorenflies möglichst zügig hinter sich zu bringen. »Wie gut kannten Sie Herrn Hallauf?«
   »Er war einer meiner Ärzte. Er hatte Potenzial und gute Chancen, Karriere zu machen.«
   »Hatte er Kollegen in der Klinik, mit denen er engeren Kontakt pflegte?«
   Gorenflies schüttelte den Kopf. »Das dürfen Sie mich nicht fragen. Ich kümmere mich nicht darum, ob meine Ärzte Freundschaften pflegen. Hallauf hat eine Frau und eine Tochter. Das ist alles, was ich privat von ihm weiß.«
   »Hat er sich in der letzten Zeit in irgendeiner Weise auffällig verhalten? Gab es außergewöhnliche Vorkommnisse?«
   »Auch das muss ich verneinen, Herr Kommissar. Hallauf hat seine Arbeit wie immer zuverlässig und sorgfältig verrichtet. Er war, wie ich schon berichtete, ein ausgezeichneter Arzt. Gut, es gab da dieses kleine Malheur, aber das wurde rasch bereinigt.«
   »Was für ein Malheur?«
   »Nun, da es dazu keinen Vermerk in der Personalakte gegeben hat, weiß ich nicht, ob ich verpflichtet und befugt bin, Ihnen davon zu erzählen.« Gorenflies trank einen Schluck Kaffee und blickte ihn über seine Lesebrille hinweg an.
   »Professor Gorenflies, wir ermitteln in einem Mordfall. Jedes Detail ist wichtig.«
   »Favete linguis! ist eine Weisheit, an die ich mich Zeit meines Lebens gehalten habe, Herr Kommissar. Ich schweige, wenn es besser ist, zu schweigen.«
   Florentine Lanz beugte sich auf ihrem Sessel nach vorn. Sie tippte mehrfach mit dem Bleistift auf ihren Notizblock, bevor sie den Kopf hob. Ihr Gesicht war rot angelaufen. »Sie glauben wohl, Sie können uns mit Ihrem Professorengetue beeindrucken, Herr Gorenflies. Da täuschen Sie sich. Jetzt reden Sie.«
   Einen Moment lang war es still im Raum. Paul hielt die Luft an. Was hatte Lanz da gesagt? Dann lachte Professor Gorenflies. Mit so weit geöffnetem Mund, dass Paul seine Goldkronen sehen konnte.
   So schlagartig, wie Gorenflies angefangen hatte zu lachen, hörte er auf. Er setzte seine Lesebrille ab und sah Lanz in die Augen. »Junge Dame, Sie sind ein Heißsporn. Zügeln Sie Ihr Temperament. Seien Sie froh, dass ich Humor habe.«
   Florentine Lanz hatte die linke Faust geballt. Paul verstand nicht, warum sie sich so aufregte. So wichtig war dieser Professor nicht. Warum ließ sie sich dermaßen aus der Reserve locken? Er musste eingreifen.
   »Dass Sie Horaz mit Favete linguis! – Hütet eure Zungen – zitieren, finde ich richtig von Ihnen. Nur zu oft erzählen Leute uns bei unseren Ermittlungen Dinge, die sich nachträglich als unwahr oder erfunden herausstellen. Das ist ärgerlich. Ich bin mir sicher, Professor Gorenflies, dass Sie ein zuverlässiger Zeuge sind, der uns mit seiner Aussage helfen kann, den Mörder von Herrn Hallauf zu finden. Und nur darum geht es uns.« Paul setzte ein möglichst gewinnendes Lächeln auf, um seinen Ärger zu verbergen, sowohl über die arrogante Art des Professors als auch über das peinliche Benehmen seiner Kollegin.
   Gorenflies lehnte sich zurück und hob die Hände. »Also gut«, sagte er, »wenn Sie mich so nett bitten, sollen Sie auch eine Antwort bekommen. Wobei ich der Meinung bin, dass die Sache sicher nichts mit der Ermordung von Dr. Hallauf zu tun hat.«
   Lanz grummelte etwas. Paul warf ihr einen wütenden Seitenblick zu, der sie verstummen ließ. »Sie sprachen von einem Malheur, Herr Professor. Was meinten Sie damit?«
   »Hallauf hatte vor etwa zwei Monaten eine Spätschicht auf der Station übernommen. Gegen halb elf abends klagte ein Patient bei einer Schwester über starke Schmerzen im Unterbauch. Sie versuchte, Hallauf zu erreichen, aber er ging weder ans Telefon noch an sein Diensthandy. Später stellte sich heraus, dass er in einem der Ärztezimmer am Computer gesessen hatte. Er hatte wohl Berichte getippt und darüber sein Handy und alles andere vergessen. Die Schwester war klug genug, einen Bereitschaftsarzt von einer anderen Station zu rufen, der den Patienten versorgte. Er hatte unerwartete innere Blutungen. Es ging plötzlich um Leben und Tod.«
   Paul fragte sich, was das bedeutete. Hallauf war während einer Bereitschaft nicht erreichbar gewesen. Das war doch wohl ein schweres Dienstvergehen? »Hat Hallauf für diesen Fehler eine Abmahnung bekommen?«
   Gorenflies schüttelte den Kopf. »Nein, wie ich schon sagte, es gab keinen Eintrag in die Personalakte. Wir haben in der Chefarztrunde den Fall diskutiert, und ich habe mich für Hallauf eingesetzt. Er war ein ausgesprochen zuverlässiger Mann. Jeder macht mal einen Fehler, nicht wahr, Frau Kommissarin?« Er blickte Florentine an.
   Bevor sie antworten konnte, klopfte es an der Tür.
   Margot reichte Gorenflies die Personalakte von Ullrich Hallauf. Paul mochte sich täuschen, aber er hatte den Eindruck, dass sie geweint hatte, denn ihre Augen waren gerötet. Sie verließ das Zimmer.
   »Gut, meine lieben Kommissare, wenn Sie keine Fragen mehr haben, würde ich mich gern meinem Tagesgeschäft widmen«, sagte Gorenflies und stand auf.
   »Nur eine einzige noch«, erwiderte Paul. »Was ist aus dem Patienten geworden?«
   Gorenflies ließ seine Brille in der Hand baumeln. »Er hat überlebt, zunächst. Die Blutungen wurden bei einer Not-OP gestillt. Allerdings starb er drei Wochen später. Herzinfarkt. Unsere Arbeit ist eben nicht immer von Erfolg gekrönt.« Der Professor legte seine Stirn in Falten. »Wie bei Ihnen.«
   Paul wartete, bis sie das Klinikgebäude verlassen hatten und auf der Straße standen. »Sind Sie noch bei Trost?«, begann er. »Was fällt Ihnen ein, so mit einem Zeugen zu reden?«
   Florentine Lanz’ Gesicht wurde puterrot. »Was fällt Ihnen ein, so mit mir zu sprechen? Stehen Sie etwa auf der Seite dieses arroganten Machoarschlochs? Muss ich mir alles gefallen lassen, nur weil ich eine Frau bin, ja?« Sie stampfte mit dem Fuß auf. Ihre Stimme war laut geworden und drohte, im nächsten Moment zu kippen. Der Mann im hellblauen Kittel saß noch immer qualmend auf der Bank und beobachtete sie.
   »Darum geht es doch gar nicht. Sie müssen sich im Griff behalten, wenn Sie provoziert werden.«
   »Im Griff behalten? Wenn so ein hochgestochener Typ meint, er kann sich über mich lustig machen, weil ich eine Frau bin? Sie können mich mal mit Ihrem geschwollenen Lateingerede.« Lanz wirbelte herum und marschierte zu ihrem Auto, ohne weiter auf ihn zu achten. Sie stieg ein, donnerte die Tür zu und fuhr mit quietschenden Reifen los. Bremste. Die Beifahrertür öffnete sich. Jessi sprang heraus und lief auf ihn zu. Florentine Lanz fuhr davon.
   Ihm rauchte der Kopf. Meine Güte, was war das nur für eine Frau? Er konnte unmöglich mit ihr zusammenarbeiten. Jessi drückte ihre Schnauze gegen sein Bein. Er beugte sich hinunter und tätschelte ihr den Kopf. Als er sich wieder aufrichtete, betrachtete ihn der Mann von der Bank aus. »Frauen sind ’ne schwierige Spezies, wa?«
   Paul nickte ihm zu. »Gute Besserung.«
   »Danke, Kollege. Wenn ’se mich fragen, schießen Sie die Gute in den Wind. Zu anstrengend.« Er deutete auf ein Päckchen, das neben ihm auf der Bank lag. »Auch eine?«
   Paul schüttelte den Kopf. »Ich bin Nichtraucher. Ist das gut, in Ihrem Zustand zu rauchen?«
   »In meinem Zustand ist alles erlaubt.«
   Paul gefiel die Antwort nicht und er hatte wenig Lust, nachzufragen, was sie genau zu bedeuten hatte. Im selben Moment fiel ihm ein, dass sie Hallaufs Patientenakte auf dem Tisch hatten liegen lassen. Mist. Er sah zuerst Jessi an, dann den Kranken. »Sagen Sie, kann ich meinen Hund kurz bei Ihnen lassen? Ich muss noch mal rein.«
   »Machen ’Se. Ick hab alle Zeit der Welt.«
   Was Paul bezweifelte.
   Margot saß an ihrem Vorzimmerschreibtisch und sortierte die Post. Die blonden Haare hatte sie zu einem lockeren Zopf zusammengebunden. Sie sah auf und strahlte ihn mit ihren grün umrandeten Augen an. »Ich habe mir schon gedacht, dass Sie wiederkommen. Die Akte ist hier.« Sie gab ihm den dünnen Ordner. Ihre Hand zitterte, als er danach griff.
   »Danke.« Paul war erleichtert, dass er nicht noch einmal zu Professor Gorenflies hineinmusste.
   »Ist er wirklich tot?«, fragte Margot.
   »Woher wissen Sie …?«
   »Eine gute Sekretärin ist immer auf dem Laufenden.«
   Paul schwieg. Er spürte, dass sie ihm etwas sagen wollte, aber nicht wusste, wie sie anfangen sollte. »Kannten Sie ihn?«
   »Ja.« Ihre Antwort kam zögerlich. »Egal, was Ihnen der Professor erzählt hat, Ullrich war ein guter Mensch.«
   »Frau … äh …« Paul fiel auf, dass er nicht wusste, wie sie mit Nachnamen hieß. »Margot, wie gut kannten Sie Herrn Hallauf?«
   Sie brach in Tränen aus. »Ich heiße Monika, nicht Margot. Der Professor kann sich nicht mal meinen Namen merken.«

Kapitel 3

Sie hatte ihre aggressive Hose angezogen und lief seit knapp zwei Stunden, wie ein Blick auf das Display ihres Handys ergab, quer durch die Stadt. Ihre Armbanduhr lag noch immer in der Schreibtischschublade. Sie würde sie zur Reparatur bringen, sobald sie Geld hatte.
   Schwere Gewitterwolken waren am Himmel aufgezogen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Sturm losbrach. Der Wind fuhr durch ihre Haare und zerstrubbelte ihre Frisur.
   Ihre aggressive Hose nannte sie so, weil sie aus stumpfem, großporigem Leder war. So hart, dass es bei jedem Schritt in den Kniekehlen drückte. Sie liebte es so. Keiner konnte ihr etwas anhaben. Nicht mal ihre Mutter.
   Als Kind hatte sie sich oft gewünscht, adoptiert zu sein. Festzustellen, dass ihre Mutter nicht ihre richtige Mutter war. Und die andere zu finden, die wahre einzige. Eine Frau, die anders war. Weich und rund mit einem großen Busen, an den sie sich hätte schmiegen können. Nicht hart und knochig. Seit Jahrzehnten lebte ihre Mutter im Fitnesswahn. Hometrainer. Salat ohne Dressing. Inzwischen mutmaßte sie, dass diese Frau auch vor Botoxspritzen nicht mehr haltmachte. Sie verabscheute ihre Unehrlichkeit. Ihre zwanghafte Jugendneurose. Fand sie lächerlich. Früher war sie schlank gewesen, heute nur noch hager.
   Die ersten Regentropfen platschten herunter. Es fühlte sich angenehm kühl auf ihrer heißen Haut an. Sie verrieb das Wasser auf ihren Armen. Mit der Hand, mit der sie … Sie unterbrach den Gedanken, wollte ihn nicht zu Ende denken. Nicht jetzt. Ein Gewitter würde der Stadt guttun. Sie bog in die Straße ein, in der Mutter wohnte. In ihrer Hosentasche spürte sie die Kette, den Anhänger kühl in ihrer Hand. Sie hatte einen Plan. Quer durch die Stadt war sie gelaufen, um hierherzukommen. Nach Charlottenburg. Wer wohnte schon in Charlottenburg? In den Achtzigerjahren waren die Mieten hier in schwindelerregende Höhen gestiegen, was sie als Kind natürlich nicht interessiert hatte. Aber sie erinnerte sich noch gut an die Streitereien zwischen ihren Eltern.
   Vater: »Findest du nicht, dass die Wohnung etwas teuer für uns ist?«
   Mutter: »Wo willst du denn sonst wohnen? Im Wedding? Bei deinesgleichen?«
   Vater: »Nein, davon war doch gar nicht die Rede. Aber vielleicht könnten wir in Wilmersdorf oder Spandau eine günstigere Wohnung finden? Mit Garten, wo die Kinder spielen können.«
   Mutter: »Und ich grabe in der Kittelschürze die Beete um oder wie? Das hättest du wohl gern. Es ist nicht meine Schuld, dass du kaum Geld nach Hause bringst. Dass wir alles von meinem Gehalt bezahlen müssen. Und das ist wahrlich nicht wenig, aber für dich offenbar immer noch nicht genug.«
   Stille. Seufzen von Vater.
   Vater: »Du hast recht. Ich könnte noch mehr Überstunden machen.«
   Mutter: »Das ist auch das Mindeste, was ich erwarten kann.«
   Sie hatte nie begreifen können, was die beiden zusammengeführt und was sie bis zu Vaters Tod zusammengehalten hatte. Vaters Tod. So plötzlich und unerwartet, wie es immer in den Anzeigen hieß. Dieser Tod aber war rätselhaft gewesen. Es gab so vieles, was sie nicht verstand. Erst viel später war ihr gedämmert, dass sie der Grund für diese Ehe oder zumindest für die Heirat gewesen sein musste. Mutter war zwanzig Jahre alt gewesen, als sie schwanger geworden war. Die Emanzipation der Frauen war Ende der Siebzigerjahre längst Fakt, aber Mutter war Perfektionistin. Ein uneheliches Kind? Als Studentin? Unmöglich. Es wurde geheiratet. Und Vater war glücklich. Er vergötterte ihre Mutter. In ihrer Nähe bekam er immer diesen weichen Blick, der sie schon als Kind so wütend gemacht hatte. Rasend wütend. Warum liebte er diese Frau, wo sie ihn doch so offensichtlich verachtete? Was war er nur für ein Mann? Warum haute er nicht endlich mal auf den Tisch, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten?
   Mutter quälte ihn. All die Jahre. Im Grunde führte sie sich auf wie ein Mann. Kam und ging, wie es ihr gefiel, hatte vermutlich zahlreiche Affären. Trank. Arbeitete wie eine Besessene. Aber sie kehrte immer zurück. Warum verließ sie ihn nicht? An ihrer Tochter hatte es sicher nicht gelegen. Nie hatte Mutter ihr abends einen Gutenachtkuss gegeben. Nie war sie mit ihr auf den Spielplatz gegangen. Vater war derjenige, der die Schulaufgaben am Abend kontrolliert hatte, der die Brotbox für den nächsten Tag gefüllt hatte. Vater hatte sie in den Arm genommen und sie getröstet, wenn sie hingefallen war. Hatte ihr erklärt, warum die Sonne scheint, warum es regnet, warum nachts die Sterne funkeln.
   Sie hatte ihn geliebt. Und gehasst. Für seine Schwäche.
   Als sie zehn Jahre alt war, hatte Mutter ihr bei einem ihrer seltenen Gespräche mitgeteilt, dass sie schwanger sei. War doch egal, hatte sie sich eingeredet. Es würde sich nichts ändern. Mutter war sowieso nie da. Aber sie hatte sich getäuscht. Die kleine Schwester wurde acht Wochen zu früh geboren. Mutter blieb zu Hause und kümmerte sich um das Bündel Mensch. Tag und Nacht trug sie das wimmernde Baby in ein Tuch gewickelt auf dem Arm herum.
   »Jetzt geh doch mal aus dem Weg«, hatte Mutter sie angeherrscht, wenn sie der Kleinen über den Kopf streicheln wollte. In ihrem Bauch waren Kieselsteine herumgekullert, so schwer, dass sie kaum noch Luft bekam. Nachts in ihrem Bett hatte sie sich gewünscht, dass die Sterne am Himmel explodierten und der Feuerregen auf ihre Mutter niederging.
   Sie stand vor der Haustür. Drückte auf den Klingelknopf. Zog den Kopf ein, um nicht so viele Regentropfen abzubekommen. Es goss jetzt in Strömen. Durch die Sprechanlage rauschte ein »Ja, bitte.«
   »Ich bin es«, antwortete sie.
   »Du bist zu früh.«
   »Ja.«
   Sie trug ihre aggressive Hose. Keiner konnte ihr etwas anhaben.

*

Paul saß in der S-Bahn nach Mühlenbeck, froh, dass er dem heftigen Gewitter, das über Berlin niederging, entkommen konnte. Die Regentropfen klatschten gegen die Scheiben, der Wind zerzauste das Laub der Bäume, fast wie im Herbst. Als Monika, die Sekretärin, zu weinen angefangen hatte, hatte sein Handy geläutet. Es war der Kollege gewesen, der den Fall der schwer verletzten Frau vom Summter See betreute. Er hatte ihn darum gebeten, nein, ihn eher aufgefordert, heute noch nach Mühlenbeck zu kommen, damit er seine Aussage zu Protokoll gab. Er hatte unwirsch geklungen, und Paul hatte ein seltsames Gefühl beschlichen. Aber vielleicht war es so, wenn man auf einmal auf der anderen Seite des Schreibtisches saß. Jedenfalls würde er sich beeilen müssen, damit er rechtzeitig zum Termin mit Kristiane Hallauf in der Pathologie zurück war. Sein Auto stand noch immer am Volkspark Friedrichshain unweit einer Tankstelle, wie Rosi herausgefunden hatte. Der Abschleppspaß sollte ihn hundertfünfundsechzig Euro kosten. Aber da würde er beziehungsweise Rosi in seinem Auftrag erst mal Einspruch einlegen. Ärgerlich war auch, dass sich seine Jacke mit dem Hausschlüssel noch im Auto befand. Deswegen hatte er heute Nacht auf dem Hausboot am Landwehrkanal übernachtet, wo der Schlüssel im Briefkasten vor dem umzäunten Liegeplatz deponiert war. Ein Polizist hatte eben keine Angst vor Einbrechern. Die nahmen auch nicht den Schlüssel, sondern ihr Werkzeug. Alter Witz auf der Polizeischule, über den er nie hatte lachen können, aber müssen, um der Gruppengemeinschaft gerecht zu werden. Es hatte muffig in der Kajüte gerochen, weil er lange nicht dort gewesen war, und trotz der Hitze war die Bettwäsche klamm gewesen. Es roch und fühlte sich so an, als ob das Kanalwasser in das Boot gestiegen war. Er hatte eine Flasche Wein in sich hineingeschüttet und war in die feuchte Koje gekrochen. Nun war er genauso müde wie am Vortag. Seine Gedanken schweiften ab zu Monika, die ihm gestanden hatte, dass sie ein Verhältnis mit Hallauf gehabt hatte. Ihre Mundwinkel zuckten, als sie Paul davon erzählte. Hallauf hatte die Affäre allerdings beendet, als seine Tochter geboren worden war. »Er war ein ehrenhafter Mann«, sagte Monika und wischte sich die Tränen ab. Bei seiner Familie habe er bleiben wollen. Und noch dazu so gut aussehend. Und dabei so charmant. Für einen Moment hatte Monika ihre Trauer vergessen und sich in eine schwärmerische junge Frau verwandelt, deren Augen leuchteten. Paul tat sie leid. In seinen Augen war Hallauf ein Windhund gewesen, wenn er seine Frau mit oder ohne Kind betrogen hatte. Sonja hatte ihm immer gedroht, ihm eins mit dem Besen überzuziehen, sollte sie ihn jemals mit einer anderen Frau erwischen. Es war nicht nötig gewesen. Trotzdem war ihre Ehe gescheitert, aber das war eine andere Geschichte. Darüber wollte er jetzt nicht nachdenken.
   Ein Mann nahm ihm gegenüber Platz. Seine dünnen Beine steckten in eng anliegenden Jeans und das schmuddlig weiße T-Shirt, das er trug, hatte ein ausgeleiertes Bündchen am Hals. Die weißen Kopfhörer waren so groß, dass sie seine Ohren verdeckten.
   Hallauf hatte seine Ehefrau also betrogen. Zwar war die Affäre bereits geraume Zeit beendet, aber dennoch rückte Monika das im Kreis der Verdächtigen nach vorn. Nun ja, einen Kreis der Verdächtigen gab es noch gar nicht, überlegte er. Kristiane Hallauf hätte vielleicht ein Motiv, wenn sie von der Affäre gewusst hätte. Aber das war alles viel zu vage. Monika hatte auch keinen eifersüchtigen Ehemann aufzubieten, der den Geliebten hätte ermorden können. Sie machte einen einsamen Eindruck. Und sie selbst als Mörderin? Paul verwarf den Gedanken. Abgesehen davon, dass sie ihm ihre Affäre nicht hätte beichten müssen, was natürlich wiederum ein geschickter Schachzug sein könnte, traute er einer Frau einen derart brutalen Mord nicht zu. Die Vorgehensweise deutete auf einen spontanen und mit großer Körperkraft ausgeführten Mord hin. Sie würden Monikas Alibi dennoch überprüfen. Ein Name mehr auf seiner Liste. Er war noch nicht dazu gekommen, alles aufzuschreiben.
   Seine Gedanken schweiften zu Florentine Lanz. Die Frau war ein echtes Ärgernis. Als er gestern nach seinem Gespräch mit Monika ins Büro gekommen war, hatte Madame am Schreibtisch seines Kollegen Lessing gesessen und Akten sortiert, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Die Zusammenarbeit mit ihr, wenn man von einer solchen überhaupt noch sprechen konnte, war eine Katastrophe. Er hatte beschlossen, nur noch die notwendigsten Dinge mit ihr zu bereden, und sich ansonsten von ihr fernzuhalten. Er konnte gut auch allein ermitteln. Im Grunde brauchte er keinen Partner.
   Die S-Bahn erreichte quietschend die Station Mühlenbeck-Mönchsmühle. Er stieg als Einziger aus. Der Himmel war mit schweren Wolken zugedeckt, die Feuchtigkeit der Luft legte sich sofort auf seinen Körper. Paul schüttelte seinen müden Kopf. Das war doch schlimmer als in den Tropen. Er passte seine Gehgeschwindigkeit den atmosphärischen Gegebenheiten an.

Die Polizeiwache war im Rathaus untergebracht. Paul spürte einen Stich, als er das Büro seines Kollegen betrat. Es verströmte mit seinem Aktengeruch die gleiche staubige Atmosphäre, die ihm aus dem Polizeipräsidium in Heidelberg so vertraut war. Sogar der helle Schreibtisch schien dasselbe Modell zu sein. Der Kollege stellte sich als Konrad Krabbe vor. Er bat um Verständnis, dass er zunächst ein Dokument am Computer anlegen müsse, damit er die relevanten Angaben direkt eingeben könne. Anschließend starrte er minutenlang auf seinen Bildschirm, ohne einmal die Tastatur zu bedienen. Paul sah auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Spätestens um zwölf musste er sich auf den Rückweg machen, damit er es rechtzeitig zum Termin mit Frau Hallauf schaffte. Er wollte unbedingt bei der Identifizierung und dem anschließenden Gespräch dabei sein. Er hatte eine Menge Fragen an sie. Er trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch, was ihm einen missbilligenden Blick Krabbes eintrug. »Jut«, sagte dieser und wandte sich endlich Paul zu, »denn fangen wir mal an. Sie haben den Einsatzkräften vor Ort gestern Morgen gesagt, dass Sie mit Ihrem Hund spazieren waren, als Sie die Frau im Schilf gefunden haben. Ist das richtig?«
   »Ja, so war es«, sagte er. »Mein Hund war auf einmal verschwunden. Ich hörte ihn jaulen und bin ihm ins Schilf hinterhergekrochen.«
   »Der Hund hat also die Frau gefunden und nicht Sie?« Krabbe hatte ein joviales Schmunzeln in sein rot gebräuntes Gesicht gezaubert. Er war sicher ein Einheimischer, tief verwurzelt mit der brandenburgischen Landschaft und ihren Gepflogenheiten. So wie er in Heidelberg.
   Eine unbezwingbare Sehnsucht kroch in seinem Bauch empor. Nach seinem alten Büro, den Kollegen. Auch nach denen, die ihn zum Schluss mit diesem argwöhnischen Blick angesehen hatten, sich nicht mehr getraut hatten, mit ihm zu sprechen.
   »Herr Klinker, haben Sie meine Frage gehört?«
   Paul riss sich zusammen. »Wie gesagt, der Hund war zuerst bei ihr. Er hat mich mit seinem Jaulen an die Stelle gelockt.«
   »Und dann?«
   »Ich bin zurück nach Hause gelaufen und habe die Polizei angerufen.«
   »Sie haben die Frau dort liegen lassen?«
   »Was sollte ich tun? Ich konnte sie mir schlecht auf den Rücken binden und nach Hause schleppen.«
   »Bitte beantworten Sie einfach meine Frage. Sie haben sie dort allein gelassen, ja?«
   »Ich habe sie vorsichtig aus dem Wasser gezogen. Sie war schwer verletzt. Und danach bin ich nach Hause gelaufen, um Hilfe zu rufen.«
   Krabbe tippte etwas in seinen Computer und wandte sich ihm wieder zu. »Wie kommt es, dass Sie so früh auf den Beinen waren? Es war noch nicht mal fünf Uhr.«
   »Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ist es verboten, in der Früh mit dem Hund spazieren zu gehen?«
   Krabbes Miene war eisern geworden. »Was ist mit Ihrer Hand passiert? Haben Sie sich verletzt?«
   Paul musterte seinen Handballen, an dem er noch immer das Pflaster trug. Es sah schmuddelig an den Rändern aus. Er hatte sich seit gestern nicht mehr um die Wunde gekümmert, sie fast vergessen. »Ein Gartenunfall«, sagte er. »Ich bin mit der Heckenschere abgerutscht, nicht weiter schlimm.«
   Krabbe runzelte die Stirn. »Tatsächlich. Soso. Sagen Sie mal, haben Sie in der Nacht Alkohol getrunken? Waren Sie betrunken?«
   Paul setzte sich aufrecht hin. »Was unterstellen Sie mir? Und welche Rolle spielt es, wenn es so gewesen wäre? Ich habe eine Frau im Schilf gefunden, die dringend Hilfe brauchte. Ich habe Hilfe geholt. Jetzt sitze ich hier und beantworte Ihre unverschämten Fragen. Was zum Teufel wollen Sie von mir?« Das Blut rauschte in seinen Ohren, so plötzlich war die Wut aufgewallt. Er versuchte, sich zu beruhigen, was ihm nicht gelang.
   Krabbe hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Sie haben die 112 angerufen. Und gelallt, sagt der Kollege.«
   »Ich habe nicht …«, protestierte Paul.
   »Lassen Sie mich bitte aussprechen. Nach Ansicht meines Kollegen aus der Notrufzentrale haben Sie mit belegter Zunge gesprochen, so wie jemand, der zu viel getrunken hat. Sie machten einen verwirrten Eindruck.« Krabbes Stimme war bei den letzten Worten schneidend geworden. »Hatten Sie getrunken in jener Nacht?«
   Paul schwieg. Er hatte keine Lust, diesem Krabbe von seiner Gemütslage zu erzählen, als er die Frau im Schilf gefunden hatte. Von seiner Aufregung, von seiner Angst, etwas falsch zu machen. Von dem Gefühl, auf einmal nicht mehr der souveräne LKA-Beamte zu sein, der routiniert eine Leiche begutachtete. Er fühlte sich von Krabbe in die Ecke gedrängt.
   Warum ging er ihn dermaßen an? Hatte die Frau keine Aussage gemacht? Bezeugt, dass er sich um sie gekümmert hatte? Die Ungeheuerlichkeit dieser Fragen ging ihm im selben Moment auf, als er sie sich stellte. Die Frau hatte nicht ausgesagt? War sie …?
   »Wie geht es der Frau? Wie schwer sind ihre Verletzungen?«
   Krabbe wich seinem Blick aus. »Darüber darf ich keine Auskünfte erteilen. Das wissen Sie als Polizeibeamter doch genau.«
   »Ich dachte, wir sprechen hier unter Kollegen. Ich habe der Frau geholfen. Statt mich zu informieren, behandeln Sie mich wie einen Beschuldigten.«
   Krabbe hatte die Hände auf den Tisch gelegt und betrachtete eingehend seine Finger. »Kollege hin oder her, darauf kann ich bei meinen Ermittlungen keine Rücksicht nehmen. Diese Frau ist brutal misshandelt worden. Das haben Sie selbst gesehen. Sie sind der Einzige, von dem wir wissen, dass er mit ihr zu tun hatte. Sie haben die Polizei gerufen. In einem zweifelhaften Zustand. Ich verfolge Spuren, Ansätze. Sie kennen das doch.«
   »Und deswegen gehen Sie davon aus, dass ich sie im volltrunkenen Zustand erst zusammengeschlagen habe, um hinterher die Polizei zu rufen? Sie sind doch nicht ganz bei Trost.« Paul tippte sich an die Stirn.
   Krabbe lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn. »Passen Sie auf, Herr Klinker. Seien Sie vorsichtig. Nichts von dem, was Sie hier vortragen, habe ich gesagt. Ich vernehme Sie als Zeugen. Sie benehmen sich in meinen Augen seltsam, geradezu ungehörig. Ich werde jetzt das Protokoll zu Ihrer Aussage schreiben. Das können Sie unterzeichnen, und danach sehen wir weiter. Warten Sie bitte draußen.« Er machte eine Handbewegung, mit der er zur Tür deutete.
   Paul war fassungslos. Die Arroganz und Dummheit dieses ungehobelten Mannes, den er als Kollegen angesehen hatte, war nicht zu fassen. Er sprang von seinem Stuhl auf und beugte sich über den Schreibtisch. Er konnte Krabbes Atem in seinem Gesicht spüren. »Nichts werde ich unterschreiben. Wenden Sie sich in Zukunft an meinen Anwalt, wenn Sie noch Fragen haben.« Er richtete sich auf und stürmte zur Tür.
   »Das wird noch ein Nachspiel für Sie haben«, rief Krabbe ihm hinterher.
   Mit Hochgenuss knallte Paul die Tür zu. Der konnte ihn mal gern haben. Provinzbulle, der.
   Paul zuckte zusammen, als er nach draußen trat. Heftige Windböen fegten durch die Straße. Blitze erhellten den wolkenverhangenen Himmel, Donner grollte in kurzen Abständen. Binnen Sekunden war sein Hemd durchnässt. Er blieb eine Weile stehen und ließ es geschehen. Der Regen war warm und beruhigte sein Gemüt. Die Wut ließ langsam nach. Er ging in Richtung S-Bahnhof los. Er hatte sich provozieren lassen, darüber ärgerte er sich im Nachhinein. Wie ein Depp hatte er sich verhalten, war Krabbe auf den Leim gegangen. Dass er sich immer wieder zu solchen Ausbrüchen hinreißen ließ. Er war doch eigentlich alt genug, um sein Temperament zu zügeln. Nicht mal auf seine lateinischen Sprichwörter, die ihm sonst so halfen, hatte er sich besinnen können. Gestern noch hatte er Florentine Lanz wegen ihrer unbeherrschten Art bei ihrem Gespräch mit Professor Gorenflies zurechtgewiesen. Er war kein bisschen besser als sie. Paul marschierte durch den Regen. Ein Zornesniggel war er, wie er im Buche stand. Himmelherrschaftszeiten.
   Seine Kleider hingen ihm wie nasse Lappen am Körper. Er fror. Als er am S-Bahnhof ankam, stand die Bahn bereits auf dem Gleis. Heilfroh, dass er nicht noch warten musste, sprang er hinein und setzte sich auf einen Fensterplatz.
   »Sie machen allet nass hier«, schimpfte eine runzlige Frau mit perfekt ondulierten Haaren in Weißblond. »Passen ’Se doch auf.«
   Er hatte bereits eine passende Antwort auf den Lippen, als sie ihm eine Zeitung reichte.
   »Nehm ’Se die, da könn’ ’Se sich draufsetzen.«
   »Danke«, sagte er und legte das Papier unter. Die Bahn ruckelte los. Er sah auf die Uhr. Es war viertel vor zwölf. Wenigstens würde er rechtzeitig zurück in Berlin sein. Das Wasser lief ihm aus den Haaren in den Nacken. Er lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. Er musste etwas unternehmen wegen der Frau vom Summter See. Was war mit ihr passiert? Er wusste nicht einmal, in welches Krankenhaus sie eingeliefert worden war. Diesem Landbullen würde er es zeigen. Paul fummelte sein Handy aus der Hosentasche, das halbwegs trocken geblieben war, und wählte die vertraute Nummer für Problemlösungen in allen Lebenslagen. »Rosi, ich brauche deine Hilfe.«